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Vorwort
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Dies Buch hat seine kleine Geschichte. Als es sich darum handelte, den
Briefwechsel zwischen Marx und Engels herauszugeben, machte Frau Laura
Lafargue ihre Zustimmung, soweit sie notwendig war, davon abhängig,
daß ich als ihr Vertrauensmann an der Redaktion teilnähme; in einer,
aus Draveil vom 10. November 1910 datierten Vollmacht beauftragte sie
mich, die Bemerkungen, Erläuterungen und Streichungen vorzunehmen, die
ich für unerläßlich hielte.
Von
dieser Vollmacht habe ich jedoch keinen praktischen Gebrauch gemacht.
Zwischen den Herausgebern oder vielmehr dem Herausgeber Bernstein -
denn Bebel gab nur den Namen dazu her - und mir ergaben sich keine
wesentlichen Meinungsverschiedenheiten, und ihm ohne zwingenden oder
mindestens dringenden Grund ins Handwerk zu pfuschen, hatte ich, im
Sinne meiner Auftraggeberin, keinen Anlaß, kein Recht und
selbstverständlich auch keine Neigung.
Dagegen rundete sich mir in der langen Arbeit an diesem Briefwechsel
das Bild ab, das ich aus jahrzehntelangen Studien von Karl Marx
gewonnen hatte, und so erwuchs mir unwillkürlich der Wunsch, diesem
Bilde einen biographischen Rahmen zu geben, zumal da ich wußte, daß
Frau Lafargue daran ihre große Freude haben würde. Ich hatte mir ihre
Freundschaft und ihr Vertrauen erworben, nicht etwa weil sie mich
unter den Schülern ihres Vaters für den gelehrtesten oder
scharfsinnigsten, sondern nur für denjenigen hielt, der in sein
menschliches Wesen am tiefsten eingedrungen sei und es am treffendsten
darzustellen wisse. Brieflich wie mündlich hat sie mir oft versichert,
wie so manche halbverklungene Erinnerung aus ihrem elterlichen Hause
durch die Schilderung in meiner Parteigeschichte und namentlich in
meiner Nachlaßausgabe ihr wieder frisch und lebendig, wie mancher, von
ihren Eltern oft gehörter Name ihr erst durch mich aus einem bloßen
Schatten zu einer greifbaren Gestalt geworden sei.
Leider
starb die edle Frau, lange ehe der Briefwechsel ihres Vaters mit
|4| Engels herausgegeben werden konnte. Wenige Stunden, ehe sie in
den Freitod ging, sandte sie mir noch ein herzliches Wort des Grußes.
Sie hatte den großen Sinn ihres Vaters geerbt, und ich danke es ihr
noch im Grabe, daß sie mir manchen Schatz aus seinem Nachlaß zur
Herausgabe anvertraut hat, ohne auch nur den leisesten Versuch, mein
kritisches Urteil darüber zu beeinflussen. So erhielt ich von ihr die
Briefe Lassalles an ihren Vater, obgleich sie aus meiner
Parteigeschichte wußte, wie entschieden und wie oft ich das Recht
Lassalles gegen ihren Vater vertreten hatte. Nicht ein Äderchen von
dem Wesen dieser großherzigen Frau verrieten dagegen zwei Zionswächter
des Marxismus, die, als ich nunmehr zur Ausführung meines
biographischen Vorhabens schritt, in das Horn der sittlichen
Entrüstung stießen, weil ich in der »Neuen Zeit« einige Bemerkungen
über Lassalles und Bakunins Beziehungen zu Marx geäußert hatte, ohne
dabei den gebührenden Kotau vor der offiziellen Parteilegende zu
machen. Zuerst zieh mich K. Kautsky der »Marxfeindschaft« im
allgemeinen und eines angeblich an Frau Lafargue begangenen
Vertrauensbruchs« im besonderen, und als ich gleichwohl auf meiner
Absicht beharrte, die Biographie von Marx zu schreiben, opferte er von
dem bekanntlich sehr kostbaren Raum der »Neuen Zeit« nicht weniger als
einige sechzig Seiten einem Pamphlet, worin mich N. Rjasanow - unter
einer Flut von Beschuldigungen, deren Gewissenlosigkeit etwa auf
gleicher Höhe mit ihrer Sinnlosigkeit stand - des schnödesten Verrats
an Marx überführen wollte. Ich habe diesen Leuten das letzte Wort
gegönnt, aus einer Empfindung heraus, die ich aus Gründen der
Höflichkeit nicht beim richtigen Namen nennen will, schulde aber mir
selbst festzustellen, daß ich ihrem Gesinnungsterrorismus nicht um
Haaresbreite nachgegeben, sondern auf den nachfolgenden Blättern die
Beziehungen Lassalles und Bakunins zu Marx, unter gänzlicher
Mißachtung der Parteilegende, nach den Geboten der geschichtlichen
Wahrheit dargestellt habe. Natürlich habe ich dabei wieder von jeder
Polemik abgesehen, jedoch in den Anmerkungen einige Hauptanklagen der
Kautsky und Rjasanow gegen mich ein wenig niedriger gehängt, zu Nutz
und Frommen jüngerer Arbeiter auf diesem Gebiet, denen das Gefühl
absoluter Wurstigkeit gegen die Anfälle des Marxpfaffentums nicht früh
genug eingeimpft werden kann. Wäre Marx in der Tat der langweilige
Musterknabe gewesen, den die Marxpfaffen in ihm bewundern, so hätte es
mich nie gereizt, seine Biographie zu schreiben. Meine Bewunderung wie
meine Kritik - und zu einer guten Biographie gehört die eine wie die
andere in gleichem |5| Maße - gilt dem großen
Menschen, der nichts häufiger und nichts lieber von sich bekannte, als
daß ihm nichts Menschliches fremd sei. Ihn in seiner mächtig-rauhen
Größe nachzuschaffen, war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.
Das
Ziel bestimmte dann auch schon den Weg zum Ziele. Alle
Geschichtsschreibung ist zugleich Kunst und Wissenschaft, und zumal
die biographische Darstellung. Ich weiß im Augenblick nicht, welcher
trockene Hecht den famosen Gedanken geboren hat, daß ästhetische
Gesichtspunkte in den Hallen der historischen Wissenschaft nichts zu
suchen hätten. Aber ich muß, vielleicht zu meiner Schande, offen
gestehen, daß ich die bürgerliche Gesellschaft nicht so gründlich
hasse wie jene strengeren Denker, die, um dem guten Voltaire eins
auszuwischen, die langweilige Schreibweise für die einzig erlaubte
erklären. Marx selbst war in diesem Punkte auch des Verdachts
verdächtig: mit seinen alten Griechen rechnete er Klio zu den neun
Musen. In der Tat, die Musen schmäht nur, wer von ihnen verschmäht
worden ist.
Wenn
ich danach die Zustimmung des Lesers zu der von mir gewählten Form
voraussetzen darf, so muß ich um so mehr einige Nachsicht für den
Inhalt erbitten. Ich stand hier von vornherein einer unerbittlichen
Notwendigkeit gegenüber: der Notwendigkeit, den Band nicht zu sehr
anschwellen zu lassen, wenn er, selbst für vorgeschrittene Arbeiter,
noch erreichbar und verständlich bleiben sollte; ohnehin hat er schon
das Anderthalbfache des ursprünglich geplanten Umfangs erreicht. Wie
oft mußte ich mich mit einem Worte begnügen, wo ich lieber eine Zeile,
mit einer Zeile, wo ich lieber eine Seite, mit einer Seite, wo ich
lieber einen Bogen geschrieben hätte! Besonders hat unter diesem
äußeren Zwange die Analyse der wissenschaftlichen Schriften von Marx
gelitten. Um darüber von vornherein keinen Zweifel zu lassen, habe ich
den, bei der Biographie eines großen Schriftstellers herkömmlichen
Untertitel: Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, um die
zweite Hälfte gekürzt.
Sicherlich beruht die unvergleichliche Größe von Marx nicht zuletzt
darin, daß in ihm der Mann des Gedankens und der Mann der Tat
unzertrennlich verbunden waren, daß sie sich gegenseitig ergänzten und
unterstützten. Aber es ist doch nicht minder sicher, daß der Kämpfer
in ihm allemal den Vortritt nahm vor dem Denker. Sie dachten darin
alle gleich, unsere großen Bahnbrecher, wie Lassalle es einmal
ausgedrückt hat: wie gerne wolle er ungeschrieben lassen, was er
wisse, wenn nur endlich einmal die Stunde praktischen Handelns
schlüge. Und wie recht sie damit hatten, haben wir schaudernd in
unseren Zeitläuften |6| erlebt, wo ernste Forscher, die drei
oder sogar vier Jahrzehnte über jedem Komma in Marxens Werken gebrütet
hatten, sich in einer geschichtlichen Stunde, wo sie einmal wie Marx
handeln konnten und sollten, sich doch nur wie trillernde Wetterhähne
um sich selbst zu drehen wußten.
Verhehlen will ich deshalb aber doch nicht, daß ich mich nicht vor
anderen berufen gefühlt hätte, alle Grenzen des ungeheuren
Wissensgebiets zu umschreiten, das Marx beherrscht hat. Schon für die
Aufgabe, im engen Rahmen meiner Darstellung ein durchsichtig klares
Bild vom zweiten und dritten Bande des »Kapitals« zu geben, habe ich
die Hilfe meiner Freundin Rosa Luxemburg angerufen. Die Leser werden
es ihr ebenso danken wie ich selbst, daß sie meinem Wunsche
bereitwillig entsprochen hat; der dritte Abschnitt des zwölften
Kapitels ist von ihr verfaßt worden.
Es
macht mich glücklich, dieser Schrift ein Schmuckstück ihrer Feder
einzuverleiben, wie es mich nicht minder glücklich macht, daß unsere
gemeinsame Freundin Clara Zetkin-Zundel mir gestattet hat, mein
Schifflein unter ihrem Wimpel auf die hohe See zu senden. Die
Freundschaft dieser Frauen ist mir ein unschätzbarer Trost gewesen, in
einer Zeit, in deren Stürmen so viele »mannhafte und unentwegte
Vorkämpfer« des Sozialismus davongewirbelt sind wie dürre Blätter im
Herbstwind.
Steglitz-Berlin, im März 1918
Franz
Mehring
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