1. Der italienische
Krieg
|272| Die Krise von 1857 war nicht in die proletarische Revolution
ausgelaufen, die Marx und Engels von ihr erhofft hatten. Aber sie
entbehrte deshalb nicht der revolutionären Wirkungen, mochten sich
diese auch nur in der Form dynastischer Umwälzungen vollziehen. Ein
Königreich Italien entstand und danach ein deutsches Kaiserreich,
während das französische Kaiserreich spurlos in der Versenkung
verschwand.
Diese
Wandlung der Dinge erklärte sich aus der doppelten Tatsache, daß die
Bourgeoisie niemals selbst ihre revolutionären Schlachten schlägt,
aber daß sie seit der Revolution von 1848 ein Haar darin gefunden
hatte, sie durch das Proletariat schlagen zu lassen. In dieser
Revolution und namentlich in den Pariser Junikämpfen, hatten die
Arbeiter der althergebrachten Gewohnheit entsagt, bloß als
Kanonenfutter der Bourgeoisie zu dienen, und mindestens einen Anteil
an den Früchten des Sieges beansprucht, den sie mit ihrem Blut und
ihren Knochen erfochten hatten.
So war
die Bourgeoisie schon in den Revolutionsjahren auf den schlauen
Gedanken verfallen, sich von einer anderen Macht, als dem mißtrauisch
und unzuverlässig gewordenen Proletariat, die Kastanien aus dem Feuer
holen zu lassen: zumal in Deutschland und in Italien, das heißt in
denjenigen Ländern, in denen selbst nur erst der nationale Staat zu
schaffen war, dessen die kapitalistischen Produktivkräfte für ihre
wirksame Entfaltung bedürfen. Es lag nahe, einem Teilfürsten die
Herrschaft über das ganze Land anzubieten, wenn er als Gegengabe der
Bourgeoisie freien Spielraum für ihre Ausbeutungs- und
Ausbreitungsbedürfnisse verschaffte. Allerdings mußte die Bourgeoisie
dabei ihre politischen Ideale in den Rauchfang schreiben und sich an
der Befriedigung ihrer nackten Profitinteressen genügen lassen, denn
indem sie die Hilfe des Fürstentums anrief, unterwarf sie sich selbst
seiner Herrschaft. Es waren denn auch die reaktionärsten Teilstaaten,
mit denen die Bourgeoisie schon in den Revolutionsjahren zu liebäugeln
versucht hatte: |273| in Italien das Königreich Sardinien,
jener »militär-jesuitische« Teilstaat, wo nach dem Fluche des
deutschen Dichters »Söldner und Pfaffen zumal saugten am Marke des
Volks«, in Deutschland das Königreich Preußen, das unter dem dumpfen
Druck des ostelbischen Junkertums stand. Zunächst kam man aber weder
dort noch hier zum Ziele. Der König Karl Albert von Sardinien machte
sich zwar zum »Schwerte Italiens«, allein auf dem Schlachtfelde
unterlag er dem österreichischen Heere und starb als landflüchtiger
Mann in der Fremde. In Preußen aber wies der vierte Friedrich Wilhelm
die deutsche Kaiserkrone, die ihm die deutsche Bourgeoisie auf dem
Präsentierteller anbot, als einen imaginären Reif zurück, der aus
Dreck und Letten gebacken sei, und versuchte lieber einen unsauberen
Leichenraub an der Revolution, was ihm dann freilich auch, nicht
einmal durch das österreichische Schwert, sondern durch die
österreichische Geißel, in Olmütz gründlich versalzen wurde.
Dieselbe industrielle Prosperität, an der sich die Revolution von 1848
erschöpft hatte, war nun aber ein mächtiger Hebel geworden, die
Bourgeoisie in Deutschland und in Italien zu fördern und ihr die
nationale Einheit zu einer immer dringlicheren Notwendigkeit zu
machen. Als dann die Krise von 1857 an die Vergänglichkeit aller
kapitalistischen Herrlichkeit erinnerte, kam die Kugel ins Rollen.
Zunächst in Italien, was sich jedoch nicht daraus erklärt, daß hier
die kapitalistische Entwicklung weiter vorgeschritten gewesen wäre als
in Deutschland. Vielmehr im Gegenteil! In Italien war die große
Industrie noch gar nicht vorhanden, und der Gegensatz zwischen
Bourgeoisie und Proletariat noch nicht so schroff ausgeprägt, um
gegenseitiges Mißtrauen zu erwecken. Nicht minder schwer fiel in die
Waagschale, daß die Zersplitterung Italiens auf einer Fremdherrschaft
beruhte, deren Abschüttelung ein gemeinsames Ziel aller Klassen war.
Österreich herrschte unmittelbar in der Lombardei und Venetien,
mittelbar auch über Mittelitalien, dessen kleine Höfe den Befehlen der
Wiener Hofburg gehorchten. Der Kampf gegen diese Fremdherrschaft hatte
seit den zwanziger Jahren schon ununterbrochen gewährt und zu den
grausamsten Unterdrückungsmaßregeln geführt, die die erbitterte Rache
der Unterdrückten hervorriefen; der italienische Dolch war die
unvermeidliche Folge des österreichischen Stocks.
Aber
alle Attentate, Aufstände und Verschwörungen kamen nicht auf gegen die
habsburgische Übermacht, und an ihr waren auch in den
Revolutionsjahren die italienischen Erhebungen gescheitert. Die
Verheißung, daß Italien sich selbständig machen werde (Italia fara da
se), hatte sich als eine Illusion erwiesen. Italien bedurfte der
auswärtigen |274| Hilfe, um sich von der österreichischen
Fremdherrschaft zu befreien, und richtete sein Augenmerk auf die
französische Schwesternation. Freilich bildete die Zersplitterung
Italiens wie Deutschlands einen alten Grundsatz der französischen
Politik, aber der Abenteurer, der zur Zeit auf dem französischen
Throne saß, war ein Mann, der mit sich handeln ließ. Das zweite
Kaiserreich wurde zur Posse, wenn es sich in den Grenzen hielt, die
das Ausland nach dem Sturze des ersten Kaiserreichs dem französischen
Gebiete gezogen hatte. Es bedurfte der Eroberungen, die der falsche
Bonaparte nicht auf den Wegen des echten Bonaparte machen konnte. Er
mußte sich daran genügen lassen, seinem angeblichen Oheim das
sogenannte »Nationalitätsprinzip« abzumausen und sich als Messias der
unterdrückten Nationen aufzuspielen, unter der Voraussetzung, daß
seine guten Dienste mit reichlichen Trinkgeldern an Land und Leuten
bezahlt werden würden.
Dabei
durfte er, seiner ganzen Lage nach, keine großen Sprünge machen. Er
konnte keinen europäischen, geschweige denn einen revolutionären Krieg
führen, sondern höchstens mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung
Europas auf den allgemeinen Sündenbock losschlagen, wie es im Anfang
der fünfziger Jahre Rußland gewesen und an ihrem Ende Österreich war.
Dessen Schandwirtschaft in Italien war zu einem europäischen Skandal
ausgeartet, und mit den alten Genossen der Heiligen Allianz war das
Haus Habsburg tödlich verfeindet, mit Preußen wegen Olmütz und mit
Rußland wegen des Krimkriegs: namentlich der russischen Hilfe war
Bonaparte bei einem Angriff auf Österreich sicher.
Dazu
drängten die inneren Zustände Frankreichs zur Auffrischung des
bonapartistischen Prestiges durch eine auswärtige Aktion. Die
Handelskrise von 1857 hatte die französische Industrie gelähmt, und
durch die Manöver der Regierung, den akuten Ausbruch der Krise zu
hindern, war das Übel chronisch geworden, so daß sich die Stockung des
französischen Handels jahrelang hinzog. Dadurch wurden Bourgeoisie wie
Proletariat gleichermaßen rebellisch, und auch die bäuerliche Klasse,
die eigentliche Stütze des Staatsstreichs, begann zu murren; der tiefe
Fall der Getreidepreise von 1857 bis 1859 entriß ihr die Klage, daß
der französische Ackerbau bei den niedrigen Preisen und den hohen, auf
ihm ruhenden Lasten unmöglich werde.
In
dieser Lage wurde Bonaparte eifrig umworben von Cavour, dem leitenden
Minister des Königreichs Sardinien, der die Überlieferungen Karl
Alberts wieder aufgenommen hatte, aber sie mit ungleich größerem
Geschick zu vertreten wußte. Jedoch beschränkt auf die ohnmächtigen
Mittel der Diplomatie, kam er nur langsam vom Flecke, zumal da der
|275| brütend unentschlossene Charakter Bonapartes einen schnellen
Entschluß erschwerte. Dagegen verstand es die italienische
Aktionspartei, diesen Völkerbefreier schnell auf die Beine zu bringen.
Am 14. Januar 1858 warfen Orsini und seine Mitverschworenen in Paris
ihre Handgranaten auf den kaiserlichen Wagen, der von 76
Bombensplittern durchsiebt wurde. Die Insassen blieben zwar
unverletzt, und nach Art solcher Leute antwortete der Dezembermann auf
den Todesschrecken mit der Errichtung eines Schreckensregiments.
Dadurch offenbarte er aber nur, daß seine Herrschaft nach
siebenjähriger Dauer immer nur erst auf tönernen Füßen stand, und ein
Brief, den Orsini aus dem Gefängnis an ihn richtete, jagte ihm neue
Angst in die morschen Gebeine. Es hieß darin: »Vergessen Sie nicht,
daß die Ruhe Europas und die Ihrige so lange nur eine Chimäre sein
wird, solange Italien nicht unabhängig sein wird.« Noch deutlicher
soll Orsini in einem zweiten Briefe geworden sein. Bonaparte war auf
den Irrfahrten seines abenteuerlichen Lebens auch einmal unter die
italienischen Verschwörer geraten und wußte wohl, daß mit deren Rache
nicht zu spaßen sei.
So
ließ er im Sommer 1858 Cavour in das Bad Plombieres kommen und
verabredete mit ihm den Krieg gegen Österreich. Sardinien sollte die
Lombardei und Venetien erhalten und sich zu einem oberitalienischen
Königreich abrunden, wofür es Savoyen und Nizza an Frankreich
abzutreten hatte. Es war ein diplomatischer Schacher, der mit der
Freiheit und Unabhängigkeit Italiens im Grunde wenig zu tun hatte.
Über Mittel- und Süditalien wurde gar nichts abgemacht, wenn auch
beide Teile ihre Hintergedanken hatten. Bonaparte konnte die
Überlieferungen der französischen Politik nicht soweit preisgeben, um
ein einiges Italien zu fördern; er wünschte - schon mit Rücksicht auf
die Erhaltung der päpstlichen Herrschaft - einen Bund der
italienischen Dynastien, die sich gegenseitig lahmlegen und dadurch
dem französischen Einfluß das Übergewicht sichern sollten, wobei er
noch mit dem Gedanken spielte, seinem Vetter Jerôme ein
mittelitalienisches Königreich zu schaffen. Cavour dagegen rechnete
auf die nationale Bewegung, die ihm ermöglichen würde, alle
dynastisch-partikularistischen Bestrebungen niederzuhalten, wenn erst
einmal Oberitalien in eine größere Macht zusammengefaßt sei.
Am
Neujahrstage des Jahres 1859 enthüllte Bonaparte durch eine Ansprache
an den österreichischen Botschafter in Paris seine Pläne, und wenige
Tage später erklärte der König von Sardinien, daß er gegen den
Schmerzensschrei Italiens nicht taub sei. Die drohenden Worte wurden
in Wien verstanden, und der Krieg trieb schnell voran, wobei die
österreichische Regierung ungeschickt genug war, sich in die Rolle des
Angreifers |276|* drängen zu lassen. Halb bankrott wie sie war,
befand sie sich, von Frankreich angegriffen und von Rußland bedroht,
in einer schwierigen Lage, aus der sie durch die laue Freundschaft der
englischen Torys nicht befreit werden konnte. Wohl aber suchte sie den
Deutschen Bund für sich zu gewinnen, der zwar vertragsmäßig nicht
verpflichtet war, für die außerdeutschen Besitzungen eines
Bundesstaats einzutreten, aber der durch das militärisch-politische
Schlagwort geködert werden sollte, daß am Po der Rhein verteidigt
werden müsse, mit anderen Worten, daß die Aufrechterhaltung der
österreichischen Fremdherrschaft in Oberitalien ein nationales
Lebensinteresse Deutschlands sei.
In
Deutschland hatte ebenfalls seit der Krise von 1857 und ihren
Wirkungen eine nationale Bewegung eingesetzt, die sich jedoch nicht zu
ihrem Vorteil von der italienischen unterschied. Ihr fehlte der
Stachel der Fremdherrschaft, und der deutschen Bourgeoisie steckte von
1848 eine heillose Angst vor dem Proletariat in den Knochen, das ihr
damals doch noch recht wenig gefährlich geworden war. Allein die
Pariser Junischlacht hatte sie belehrt. War bis 1848 die französische
Entwicklung ihr Ideal gewesen, so schwor sie seitdem aufs Vorbild
Englands, wo sich Bourgeoisie und Proletariat so hübsch gemütlich zu
vertragen schienen. Die Vermählung des preußischen Thronfolgers mit
einer englischen Prinzessin erregte schon ihr höchstes Entzücken, und
als nun gar im Herbst 1858 der geistig erkrankte König die Regierung
seinem Bruder übergeben mußte und dieser ein schwach liberales
Ministerium einberief, aus nichts weniger als liberalen Gründen, brach
jener »Krönungsochsenjubel« der Bourgeoisie aus, den Lassalle nicht
bitter genug verspotten konnte. Diese würdige Klasse verleugnete ihre
eigenen Helden von 1848, um den Prinzregenten nicht zu reizen, und sie
drängte nicht etwa vorwärts, als das neue Ministerium so gut wie alles
beim alten ließ, sondern gab vielmehr die famose Parole aus: Nur nicht
drängeln!, aus reiner Angst, daß die Ungnade des neuen Herrn die »Neue
Ära«, die nur von seinen Gnaden existierte, wie ein Schattenspiel an
der Wand verschwinden lassen könne.
Mit
dem Heraufziehen des Kriegsgewitters begannen nun in Deutschland die
Wogen höher zu schlagen. Die Art wie Cavour die italienische Einheit
betrieb, hatte für die deutsche Bourgeoisie viel Verlockendes, denn
sie hatte die Rolle, die Sardinien übernahm, längst dem preußischen
Staate zugedacht. Jedoch der Angriff des französischen Erbfeindes auf
die Vormacht des Deutschen Bundes rief Besorgnisse und Erinnerungen
wach, die sie wieder kopfscheu machten. Nahm dieser falsche Bonaparte
nicht die Überlieferungen des echten auf? Sollten die Tage |277|
von Austerlitz und Jena wiederkehren, sollten die Ketten der
Fremdherrschaft abermals in Deutschland rasseln? Die österreichischen
Soldfedern wurden nicht müde, diese Schreckgespenster an die Wand zu
malen und das paradiesische Zukunftsbild einer »mitteleuropäischen
Großmacht« zu entwerfen, die, unter dem vorwiegenden Einfluß
Österreichs, den Deutschen Bund, Ungarn, die slawisch-rumänischen
Donauländer, Elsaß-Lothringen, Holland und der Himmel weiß was noch
umfassen sollte. Gegenüber dieser Propaganda ließ natürlich auch
Bonaparte seine Tintenkulis los, die darauf schwören mußten, daß der
arglosen Seele ihres Soldzahlers nichts fremder sei als ein Gelüste
nach den Rheinufern, und daß er mit dem Kriege gegen Österreich nur
die erhabensten Zwecke der Zivilisation verfolgte.
In
solchem Wirrwarr der Meinungen fand sich der Spießbürger schwer
zurecht, doch begann er allmählich den habsburgischen Lockungen ein
geneigteres Ohr zu schenken als den bonapartistischen. Sie kamen
seinem Bierbankpatriotismus schmeichelnd entgegen, während ein allzu
robuster Glaube dazu gehörte, an den zivilisatorischen Beruf des
Dezembermanns zu glauben. Indessen war die Sachlage doch so
verwickelt, daß wirkliche und noch dazu revolutionäre Politiker, die
in allen grundsätzlichen Fragen vollkommen übereinstimmten, sich nicht
einigen konnten über die praktische Politik, die Deutschland gegenüber
dem italienischen Kriege zu befolgen habe.
2. Der Streit mit
Lassalle
Im
Einverständnis mit Marx trat Engels zunächst auf den Plan mit seiner
Flugschrift »Po und Rhein«[1],
für die ihm Lassalle in Franz Duncker einen Verleger verschaffte.
Zweck der Abhandlung war die Zerstörung der habsburgischen Parole,
wonach der Rhein am Po verteidigt werden mußte. Engels wies nach, daß
Deutschland kein Stück von Italien zu seiner Verteidigung brauche, und
daß Frankreich, wenn bloß militärische Gründe gelten sollten,
allerdings noch viel stärkere Ansprüche auf den Rhein habe, als
Deutschland auf den Po. Wenn aber Engels die österreichische
Herrschaft in Oberitalien militärisch als für Deutschland entbehrlich
erklärte, so verwarf er sie politisch als für Deutschland überaus
schädlich, da diesem die unerhörte Mißhandlung der italienischen
Patrioten durch den österreichischen Stock den Haß und die fanatische
Feindschaft von ganz Italien zuzöge.
|278| Allein, so meinte Engels, die Frage um
den Besitz der Lombardei sei eine Frage zwischen Italien und
Deutschland, nicht aber zwischen Louis-Napoleon und Österreich.
Gegenüber einem Dritten wie Bonaparte, der sich um seiner eigenen, in
anderer Beziehung antideutschen Interessen willen einmische handle es
sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur gezwungen
abtrete, einer militärischen Position, die man nur räume, wenn man sie
nicht mehr halten könne. Gegenüber der bonapartistischen Drohungen
habe also das habsburgische Stichwort seine volle Berechtigung. Wenn
der Po für Louis-Napoleon der Vorwand sei, so müsse der Rhein unter
allen Umständen sein Endziel sein. Nur die Eroberung der Rheingrenze
könne die Herrschaft des Staatsstreichs in Frankreich dauernd sichern.
Es sei der Fall des alten Sprichworts: man schlage den Sack und meine
den Esel. Finde Italien sich veranlaßt, den Sack vorzustellen, so habe
Deutschland doch diesmal keine Lust, den Esel abzugeben. Wenn es sich
am letzten Ende um der Besitz des linken Rheinufers handle, so könne
Deutschland in keiner Weise daran denken, den Po und damit eine seiner
stärksten, ja geradezu seine stärkste Position ohne Schwertstreich
aufzugeben. Am Vorabend des Krieges, wie im Kriege selbst, besetze man
jede benutzbare Stellung, von der aus man den Feind bedrohen und ihm
schaden könne, ohne moralische Reflexionen darüber anzustellen, ob
dies mit der ewigen Gerechtigkeit und dem Nationalitätsprinzip
vereinbar sei. Man wehre sich eben seiner Haut.
Marx
war mit diesen Ausführungen vollkommen einverstanden. Als er das
Manuskript der Flugschrift gelesen hatte, schrieb er dem Verfasser:
»Außerordentlich tüchtig; auch das Politische famos behandelt, was
verdammt schwer war. Das Pamphlet wird einen großen Erfolg haben.«
Dagegen erklärte Lassalle, daß er diese Auffassung überhaupt nicht
begreife. Er veröffentlichte gleich darauf, ebenfalls im Verlage Franz
Dunckers, unter dem Titel »Der italienische Krieg und die Aufgabe
Preußens«, eine Flugschrift, die von ganz anderen Voraussetzungen
ausging und demgemäß zu ganz anderen Ergebnissen gelangte, von Marx
aber als ein »ungeheurer Fehlschluß« betrachtet wurde.
Lassalle sah in der nationalen Bewegung Deutschlands, die unter den
Anzeichen des drohenden Krieges entstand, nur »absolute
Franzosenfresserei, Franzosenhaß (Napoleon nur Vorwand, die
revolutionäre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund)«;
ein deutsch-französischer Volkskrieg, worin sich die beiden großen
Kulturvölker des Festlandes um nationaler Trugbilder willen
zerfleischten, ein populärer |279| Krieg gegen Frankreich, der
keine nationale Lebensfrage hinter sich hätte, sondern seine geistige
Nahrung aus krankhaft überreiztem Nationalgefühl, aus verstiegenem
Patriotismus und kindischer Franzosenfresserei söge, war in den Augen
Lassalles die furchtbarste Gefahr für die europäische Kultur, für alle
nationalen wie revolutionären Interessen, der weitaus ungeheuerste und
unabsehbarste Sieg, den das reaktionäre Prinzip seit dem März 1848
erfochten habe. Einem solchen Kriege sich mit aller Gewalt
entgegenzuwerfen, hielt Lassalle für eine Lebensaufgabe der
Demokratie.
Eingehend legte er dar, daß der italienische Krieg keine ernstliche
Bedrohung Deutschlands sei. An dem Gelingen der italienischen
Einheitsbewegung habe die deutsche Nation das dringendste Interesse,
und eine gute Sache werde dadurch noch nicht schlecht, daß ein
schlechter Mann sie in die Hand nehme. Wolle Bonaparte sich durch den
italienischen Krieg einige Pfennige Popularität erschleichen, so
verweigere man ihm diese Pfennige und mache so die Leistung, zu der er
sich aus persönlichen Zwecken entschließe, unnütz für diese Zwecke.
Aber wie könne man deshalb kämpfen gegen das, was man bisher wollte
und wünschte? Auf der einen Seite habe man einen schlechten Mann mit
einer guten Sache. Auf der anderen Seite eine schlechte Sache und -
»Nun ja, der Mann?« Lassalle erinnerte an die Ermordung Blums, an
Olmütz, Holstein, Bronzell, an all die Frevel, womit sich nicht der
bonapartistische, sondern der habsburgische Despotismus an Deutschland
versündigt hatte. Eine Schwächung Österreichs zu hindern, habe das
deutsche Volk um so geringeres Interesse, als vielmehr die gänzliche
Zerschlagung Österreichs die erste Vorbedingung der deutschen Einheit
sei. An dem Tage, wo Italien und Ungarn selbständig würden, seien die
zwölf Millionen Deutsch-Österreicher dem deutschen Volke
wiedergegeben, erst dann könnten sie sich als Deutsche fühlen, erst
dann sei ein einiges Deutschland möglich.
Aus
der ganzen historischen Lage Bonapartes entwickelte Lassalle, daß
dieser beschränkte, in Europa so allgemein überschätzte Mensch gar
nicht an Eroberungen denken könne, nicht einmal in Italien, geschweige
denn in Deutschland. Würde er aber wirklich in phantastischen
Eroberungsplänen schwelgen, weshalb läge dann für die Deutschen eine
Ursache vor, sich so unanständig zu fürchten? Lassalle verhöhnte die
wackeren Patrioten, die in den Tagen von Jena das normale Maß der
nationalen Kraft erblickten und aus lauter Furcht tollkühn würden, die
aus Angst vor einem höchst unwahrscheinlichen Angriff Frankreichs zum
Angriff gegen Frankreich trieben. Es liege auf der Hand, daß
Deutschland |280|* in der Abwehr eines französischen Angriffs
ganz andere Kräfte entfalten könne und werde, als in einem
Invasionskriege, der zudem die französische Nation um Bonaparte
scharen und dessen Thron nur befestigen müsse.
Krieg
gegen Frankreich forderte Lassalle für den Fall, daß Bonaparte die den
Österreichern abgejagte Beute für sich behalten oder auch nur seinem
Vetter einen mittelitalienischen Thron errichten wolle. Trete keiner
dieser Fälle ein und die preußische Regierung wolle dennoch in einen
völkerverhetzenden Krieg mit Frankreich treiben, so müsse sich die
Demokratie dem widersetzen. Aber auch die bloße Neutralität genüge
nicht. Die geschichtliche Aufgabe, die Preußen im Interesse der
deutschen Nation zu lösen habe, bestehe vielmehr darin, sein Heer
gegen Dänemark zu senden mit der Proklamation: »Ändert Napoleon die
europäische Karte nach dem Prinzip der Nationalitäten im Süden, so tun
wir dasselbe im Norden. Befreit Napoleon Italien, so nehmen wir
Schleswig-Holstein.« Fahre Preußen fort, zu zaudern und nichts zu tun,
so werde nur aber und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in
Deutschland einer nationalen Tat nicht mehr fähig sei.
Um
dieses Programms willen ist Lassalle sozusagen als nationaler Prophet
gefeiert worden, der die spätere Politik Bismarcks vorhergesagt habe.
Jedoch hatte der dynastische Eroberungskrieg, den Bismarck im Jahre
1864 um Schleswig-Holstein führte, mit dem revolutionären Volkskriege,
den Lassalle im Jahre 1859 um Schleswig-Holstein geführt wissen
wollte, gar nichts zu tun oder ähnelte ihm höchstens wie ein Kamel dem
Pferde. Lassalle wußte recht gut, daß der Prinzregent die Aufgabe
nicht erfüllen werde, die er ihm stellte, allein deshalb war es doch
sein gutes Recht, einen Vorschlag zu machen, der den nationalen
Interessen entsprach, auch wenn dieser Vorschlag sofort in einen
Vorwurf gegen die Regierung umschlug; es war sein gutes Recht, die
aufgeregten Massen von einem falschen Wege abzurufen, indem er ihnen
den richtigen Weg zeigte.
Allein
außer dem, was er in seiner Schrift sagte, hatte Lassalle seine
»unterirdischen Argumente«, die er in seinen Briefen an Marx und
Engels aussprach. Er wußte, daß der Prinzregent drauf und dran war, in
dem italienischen Kriege für Österreich einzutreten, und er hatte
insofern auch nichts dagegen einzuwenden, als er annahm, daß der Krieg
schlecht geführt werden würde, so daß sich aus seinen unvermeidlichen
Wechselfällen revolutionäres Kapital schlagen ließe. Aber diese
Möglichkeit war nur dann gegeben, wenn der Krieg des Prinzregenten von
vornherein der nationalen Bewegung als ein dynastischer Kabinettskrieg
|281|* erschien, der durch nationale Interessen in keiner Weise
geboten wäre. Ein unpopulärer Krieg gegen Frankreich war nach
Lassalles Auffassung ein »immenses Glück« für die Revolution, während
er von einem populären Krieg unter dynastischer Leitung alle die
konterrevolutionären Folgen voraussah, die er in seiner Schrift so
beredt auseinandersetzte.
Danach
mußte ihm aber die Taktik, die Engels in seiner Schrift empfohlen
hatte, mehr oder weniger unverständlich sein. So glänzend der Nachweis
war, daß Deutschland zu seiner militärischen Machtstellung des Po
nicht bedürfe, so anfechtbar erschien die Schlußfolgerung, daß im
Kriegsfall zunächst der Po gehalten werden müsse und also die deutsche
Nation verpflichtet sei, Österreich gegen den französischen Angriff zu
unterstützen. Denn es lag auf der Hand, daß die erfolgreiche Abwehr
des bonapartistischen Angriffs durch Österreich nur
konterrevolutionäre Folgen haben konnte. Siegte Österreich, gestützt
auf seinen oberitalienischen Besitz und unterstützt durch den
Deutschen Bund, so konnte es niemand daran hindern, auch ferner an
seiner Herrschaft über Oberitalien festzuhalten, die Engels doch so
scharf verurteilte; so wäre die habsburgische Hegemonie über
Deutschland befestigt und die elende Bundestagswirtschaft galvanisiert
worden, und selbst wenn Österreich den französischen Usurpator
gestürzt hätte, so würde es an dessen Stelle das altbourbonische
Regiment gesetzt haben, womit weder dem deutschen, noch dem
französischen, und am allerwenigsten dem revolutionären Interesse
gedient gewesen wäre.
Um die
Auffassung, die Engels und Marx vertraten, richtig zu verstehen, muß
man berücksichtigen, daß auch sie ihre »unterirdischen Argumente«
hatten, so gut wie Lassalle, und beide aus dem gleichen Grunde, den
Engels in einem Briefe an Marx angab: »Direkt politisch und polemisch
in Deutschland selbst im Sinn unsrer Partei auftreten, ist rein
unmöglich.« Nur liegen die »unterirdischen Argumente« der Londoner
Freunde nicht so offen da, da zwar Lassalles Briefe an sie, aber nicht
ihre Briefe an ihn, erhalten sind. Sie lassen sich jedoch erkennen,
wenn man einen Gesamtblick auf ihre damalige publizistische Tätigkeit
wirft. In der zweiten Flugschrift: »Savoyen, Nizza und der Rhein«[2],
die Engels ein Jahr später herausgab, um die Annexion Savoyens und
Nizzas durch Bonaparte zu bekämpfen, gab er deutlich die
Voraussetzungen an, von denen er bei der ersten Flugschrift
ausgegangen war. Es waren ihrer wesentlich zwei oder im Grunde drei.
Zunächst glaubten Marx und Engels, die nationale Bewegung in
Deutschland sei von echtem Schrot und Korn; sie sei »naturwüchsig,
|282| instinktiv, unmittelbar« entstanden und könne die
widerstrebenden Regierungen mit sich fortreißen. Die österreichische
Fremdherrschaft in Italien und die italienische
Unabhängigkeitsbewegung sei ihr zunächst gleichgültig gewesen; der
Volksinstinkt habe den Kampf gegen Louis-Napoleon, gegen die
Überlieferungen des ersten französischen Kaiserreichs verlangt, und er
habe Recht gehabt.
Dann
aber nahmen Marx und Engels an, daß Deutschland durch das
französisch-russische Bündnis ernstlich bedroht sei. Marx führte in
der »New-York Daily Tribune« aus, daß die finanziellen und inneren
politischen Zustände des zweiten Kaiserreichs auf einem kritischen
Punkte angelangt seien, wo nur noch ein auswärtiger Krieg die
Herrschaft des Staatsstreichs in Frankreich und damit die
Gegenrevolution in Europa verlängern könne. Er befürchtete, daß die
bonapartistische Befreiung Italiens nur ein Vorwand sei, Frankreich
unterjocht zu halten, Italien dem Staatsstreich zu unterwerfen, die
»natürlichen Grenzen« Frankreichs nach Deutschland zu verlegen,
Österreich in ein russisches Instrument zu verwandeln, und die Völker
in einen Krieg der legitimer und der illegitimen Gegenrevolution
hineinzuzwingen. Engels aber sah, wie er in seiner zweiten Flugschrift
ausführte, in dem Eintreten des Deutschen Bundes für Österreich den
entscheidenden Augenblick, wo Rußland auf dem Schlachtfelde erscheinen
werde, um für Frankreich das linke Rheinufer zu erobern und selbst
freie Hand in der Türkei zu bekommen.
Endlich nahmen Marx und Engels an, daß die deutschen Regierungen und
besonders die Berliner »Superklugheit«, die dem Baseler Frieden
zugejubelt habe, der das linke Rheinufer an Frankreich abtrat, die in
stillen die Hände gerieben habe, als die Österreicher bei Ulm und
Austerlitz geschlagen wurden, Österreich im Stiche lassen würden. Nach
ihrer Meinung mußten die deutschen Regierungen durch die nationale
Bewegung vorangetrieben werden, und was sie dann erwarteten, sprach
Engels in einem Briefe an Lassalle mit einem Satze aus, den dieser in
seiner Antwort wörtlich wiederholte: »Es lebe der Krieg, wenn
Franzosen und Russen zugleich uns angreifen, wenn wir dem Ertrinken
nahe sind, dann in dieser verzweifeltsten Situation müssen sich alle
Parteien von der jetzt herrschenden bis zu Zitz und Blum abnutzen und
die Nation, um sich zu retten, sich endlich an die energischste Partei
wenden.« Wozu Lassalle bemerkte, das sei sehr richtig, und er töte
sich in Berlin ab zu beweisen, daß die preußische Regierung, wenn sie
den Krieg mache, der Revolution in die Hände arbeite, aber freilich
nur unter der Bedingung, daß der Krieg der Regierung vom Volk als
konterrevolutionärer |283|* Heiliger-Allianz-Krieg verabscheut
werde. Jedenfalls aber, wenn es kam, wie Engels meinte, so war die
deutsche Bundeswirtschaft, die österreichische Fremdherrschaft in
Oberitalien und der französische Staatsstreich gleichermaßen
geliefert, und erst in diesem Zusammenhange wird die von ihm
vorgeschlagene Taktik völlig verständlich.
Aus
alledem ergibt sich, daß irgendwelche grundsätzliche
Meinungsverschiedenheiten zwischen den streitenden Teilen nicht
bestanden, sondern nur »gegensätzliche Urteile über tatsächliche
Voraussetzungen«, wie Marx ein Jahr später sagte. Weder in ihrer
nationalen noch in ihrer revolutionären Gesinnung unterschieden sie
sich irgendwie. Ihnen allen war die Emanzipation des Proletariats das
oberste Ziel, und eine unentbehrliche Voraussetzung für dieses Ziel
die Bildung großer Nationalstaaten. Als Deutschen lag ihnen die
deutsche Einheit am nächsten, und deren unentbehrliche Voraussetzung
war die Beseitigung der dynastischen Vielherrschaft. Deshalb hatten
sie, eben um ihrer nationalen Gesinnung willen, für die deutschen
Regierungen gar nichts übrig und wünschten deren Niederlage; der
glorreiche Gedanke, daß im Fall eines zwischen den Regierungen
entbrannten Krieges die Arbeiterklasse auf jede eigene Politik
verzichten und ihr Schicksal unbesehen in die Hände der herrschenden
Klassen zu befehlen habe, ist ihnen niemals auch nur von fern
aufgedämmert. Ihre nationale Gesinnung war viel zu wurzelecht, um
durch dynastische Schlagworte betört zu werden.
Schwierig wurde die Lage nur dadurch, daß sich das Erbe der
Revolutionsjahre in dynastischen Umwälzungen zu liquidieren begann. In
dieser Mischung revolutionärer und reaktionärer Ziele die richtige
Scheidung zu finden, war keine Frage der Grundsätze, sondern eine
Frage der Tatsachen. Eine praktische Probe ist weder auf das eine noch
das andere Exempel gemacht worden, aber gerade die Entwicklung, die
das verhinderte, zeigte deutlich genug, daß Lassalle die
»tatsächlichen Voraussetzungen« im wesentlichen richtiger beurteilt
hatte als Engels und Marx. An diesen rächte es sich nun doch, daß sie
die deutschen Zustände einigermaßen aus den Augen verloren hatten und,
wenn nicht die Eroberungsgelüste, so doch die Eroberungsmöglichkeiten
des Zarismus einigermaßen überschätzten. Lassalle mochte übertreiben,
wenn er die nationale Bewegung schlechthin auf den Franzosenhaß von
Anno dazumal zurückführte, aber daß sie nichts weniger als
revolutionär war, zeigte das Kindlein, mit dem sie endlich niederkam:
die Mißgeburt des deutschen Nationalvereins.
Auch
die russische Gefahr mochte Lassalle unterschätzen; er behandelte sie
in seiner Schrift nur ganz nebensächlich. Allein daß sie noch in
|284| weitem Felde stand, zeigte sich, als der Prinzregent von
Preußen genau so, wie Lassalle vorausgesagt hatte, das preußische Heer
mobilisierte und beim Deutschen Bunde die Mobilisierung der mittel-
und kleinstaatlichen Truppenteile beantragte. Diese militärische
Kundgebung genügte, um sowohl den Dezembermann wie den Zaren sehr
friedlich zu stimmen. Unter der heftigen Ermunterung eines russischen
Generaladjutanten, der sofort im französischen Hauptquartier erschien,
bot Bonaparte dem besiegten Kaiser von Österreich den Frieden an, mit
halbem Verzicht selbst auf sein öffentliches Programm; er begnügte
sich mit der Lombardei, und Venetien blieb unter habsburgischem
Zepter. Auf eigene Faust konnte er keinen europäischen Krieg führen,
und Rußland war lahmgelegt durch die Gärung in Polen, die
Schwierigkeiten der Leibeigenenemanzipation und die noch lange nicht
überwundenen Nackenschläge des Krimkrieges.
Mit
dem Frieden von Villafranca war der Streit über die revolutionäre
Taktik gegenüber dem italienischen Kriege erledigt, doch kam Lassalle
in seinen Briefen an Marx und Engels wiederholt darauf zurück, immer
dabei beharrend, daß seine Ansicht richtig gewesen und durch den
tatsächlichen Verlauf der Dinge bestätigt worden sei. Da die Antworten
fehlen, auch Marx und Engels ihre Ansichten nicht, wie sie planten, in
einem öffentlichen Manifest kundgegeben haben, so fehlt die
Möglichkeit, Gründe und Gegengründe gegeneinander abzuwägen. Auf den
tatsächlichen Verlauf der italienischen Einheitsbewegung, die
Beseitigung der mittelitalienischen Dynastien durch die Erhebung ihrer
mißhandelten »Untertanen«, die Eroberung Siziliens und Neapels durch
Garibaldis Freischaren und den dicken Strich, den alles das durch die
bonapartistischen Pläne machte, durfte Lassalle sich mit Recht
berufen, wenn es auch am letzten Ende dabei blieb, daß die savoyische
Dynastie den Rahm von der Milch schöpfte.
Leider
wurde der Streit mit Lassalle einigermaßen verschärft durch die
Unüberwindlichkeit des Mißtrauens, das Marx gegen ihn hegte. Nicht als
ob Marx nicht gewünscht hätte, den »Mann mit Haut und Haaren« zu
gewinnen! Er nannte ihn einen »energischen Kerl«, der mit der
Bourgeoispartei nicht kramen könne; er meinte selbst, Lassalles
»Heraklit«, obgleich ungeschlacht geschrieben, sei besser als irgend
etwas, womit die Demokraten renommieren könnten. Aber so offen ihm
Lassalle Herz und Hand entgegentrug, so glaubte Marx doch immer
diplomatisieren zu müssen, eines »klugen Managements« zu bedürfen, um
Lassalle bei der Stange zu halten, und der erste beste Zwischenfall
genügte, um seinen Argwohn von neuem zu erwecken.
|285| Als Friedländer sein Angebot an Marx, für
die »Wiener Presse« zu schreiben, und diesmal ohne alle Bedingungen,
durch Lassalle wiederholen, aber die Sache dann einschlafen ließ,
vermutete Marx, daß Lassalle ihm diese Aussicht vereitelt habe, und
als sich die Drucklegung seiner »Politischen Ökonomie« vom Anfang
Februar bis Ende Mai verschleppte, sah er darin einen »Streich«
Lassalles, den er ihm nicht vergessen würde. Tatsächlich war die
Verzögerung durch den saumseligen Verleger verschuldet worden, der
sich immerhin noch damit entschuldigen konnte, daß er den
Flugschriften von Engels und Lassalle um ihrer auf an den Tag
berechneten Wirkung willen den Vortritt hätte gewähren müssen.
3. Neue
Emigrantenkämpfe
Der
zwiespältige Charakter des italienischen Krieges rief in der
Emigration alte Gegensätze und neuen Wirrwarr hervor.
Während die italienischen und französischen Flüchtlinge die
Verquickung der italienischen Einheitsbewegung mit dem französischen
Staatsstreich bekämpften, war ein großer Teil der deutschen
Flüchtlinge bereit, die Torheiten zu wiederholen, deren erste Auflage
ihnen eine zehnjährige Verbannung eingetragen hatte. Von den
Gesichtspunkten Lassalles waren sie dabei weit entfernt; sie
schwärmten vielmehr für die Neue Ära von der Gnade des Prinzregenten,
von der auch sie einen Strahl zu erhaschen hofften; sie barsten vor
»Amnestiewütigkeit«, wie Freiligrath spottete, und waren zu jeder
patriotischen Tat erbötig, wenn die »Königliche Hoheit« Deutschland
mit dem Schwerte in Eins schmieden wollte, wie es Kinkel schon vor dem
Kriegsgericht in Rastatt verheißen hatte.
Kinkel
machte sich denn auch jetzt wieder zur Posaune dieser Richtung und gab
seit dem 1. Januar 1859 den »Hermann« heraus, eine Wochenschrift,
deren vorsintflutlicher Titel schon verriet, wes Geistes Kind sie sei.
Sie wurde das richtige Organ der, um noch einmal Freiligrath zu
zitieren, »Heimwehbläserei«, die nicht eilig genug in dem »liberalen
Unteroffiziersschwindel« untertauchen konnte. Aber deshalb kam die
Wochenschrift um so schneller auf und schlug alsbald »Die Neue Zeit«
tot, ein kleines Arbeiterblatt, das Edgar Bauer im Auftrage des
Arbeiterbildungsvereins herausgab. »Die Neue Zeit« lebte wesentlich
vom Kredit des Druckers und war deshalb geliefert, als Kinkel diesem
den profitableren und solideren Druckauftrag des »Hermann« anbot. |286|
Der Streich fand jedoch selbst in der bürgerlichen Emigration nicht
ungeteilten Beifall: sogar der Freihändler Faucher bildete ein
Finanzkomitee, um »Die Neue Zeit« fortzusetzen, was denn auch geschah,
indem sie sich in »Das Volk« umtaufte. Die Redaktion übernahm Elard
Biscamp, ein kurhessischer Flüchtling, der von der Provinz aus an der
»Neuen Zeit« mitgearbeitet hatte und jetzt seine Lehrerstelle aufgab,
um seine Arbeitskraft dem wiedergeborenen Blatte zu widmen.
Gemeinsam mit Liebknecht suchte Biscamp alsbald Marx auf, um dessen
Mitarbeit zu gewinnen. Marx stand seit dem Krache von 1850 in keiner
Verbindung mit dem Arbeiterbildungsverein. Er war sogar unzufrieden,
als Liebknecht für seine Person diese Verbindung wieder anknüpfte,
obgleich Liebknechts Ansicht, daß eine Arbeiterpartei ohne Arbeiter
schließlich ein Widerspruch in sich selbst sei, viel für sich hatte.
Immerhin war es begreiflich genug, daß Marx über all die bösen
Erinnerungen nicht so schnell hinwegkommen konnte und eine Deputation
des Vereins durch die Erklärung »verblüffte«, er und Engels hätten
ihre Bestellung als Vertreter der proletarischen Partei von niemand
als sich selbst, und sie sei beglaubigt durch den allgemeinen und
ausschließlichen Haß, den alle Parteien der alten Welt ihnen widmeten.
Auch
der Aufforderung, am »Volk« mitzuarbeiten, stand Marx zunächst sehr
zurückhaltend gegenüber. Er billigte zwar sehr, daß dem Treiben
Kinkels nicht freie Bahn gelassen werden sollte und erklärte sich auch
damit einverstanden, daß Liebknecht die redaktionelle Tätigkeit
Biscamps unterstützen wollte. Aber er selbst mochte sich direkt weder
an einem kleinen Blatte, noch überhaupt nur an einem Parteiblatt
beteiligen, das nicht von Engels und ihm redigiert würde. Nur soviel
versprach er, für die Verbreitung des Blattes tätig zu sein, ihm von
Zeit zu Zeit gedruckte Tribune-Artikel zur Benutzung zu überlassen und
ihm auch sonst mündliche Notizen und Winke über dies und jenes zu
geben. An Engels schrieb er, er betrachte »Das Volk« als ein
Bummelblättchen, wie es zu ihrer Zeit der Pariser »Vorwärts!« und die
»Deutsche-Brüsseler-Zeitung« gewesen seien. Es könne aber ein
Augenblick kommen, wo es entscheidend wichtig sei, daß sie über ein
Londoner Blatt verfügten. Biscamp verdiene um so mehr Unterstützung,
als er unentgeltlich arbeite.
Indessen war Marx eine viel zu unbändige Kampfnatur, um sich nicht für
das »Bummelblättchen« ins Zeug zu legen, als es dem Treiben Kinkels
unbequem zu werden begann. Er verwandte viel Kraft und Zeit daran, es
über Wasser zu halten, weniger durch seine Mitarbeit, die sich nach
seiner Angabe auf eine Anzahl kleinerer Notizen beschränkt zu |287|
haben scheint, als durch seine Bemühungen, die materiellen
Existenzbedingungen des - übrigens in großem Format vierseitig
erscheinenden - Organs so weit sicherzustellen, daß es wenigstens von
der Hand in den Mund leben konnte. Wer von den wenigen Parteifreunden
ein Scherflein spenden konnte, wurde angespannt, in erster Reihe
Engels, der auch fleißig mit der Feder mitarbeitete, militärische
Artikel über den italienischen Krieg schrieb und namentlich eine
wertvolle Abhandlung über das eben erschienene wissenschaftliche Werk
seines Freundes beisteuerte, von der jedoch der dritte und letzte
Artikel nicht mehr erschienen ist. Denn Ende August hatte das Blatt
ausgeatmet und das praktische Ergebnis seiner Bemühungen war für Marx,
daß der Drucker, ein gewisser Fidelio Hollinger, ihn für die noch
fälligen Druckkosten haftbar machte. Es war eine grundlose Forderung,
aber »da die Kinkelbande nur auf die Geschichte wartete, um öffentlich
Skandal zu machen und das ganze Personal, was um die Zeitung
herumhing, für Schaustellung vor Gericht unpassend war« so kaufte sich
Marx mit etwa 5 Pfund los.
Ungleich größere Opfer und Sorgen sollte ihm eine andere Erbschaft
kosten, die ihm »Das Volk« hinterließ. Am 1. April 1859 hatte Karl
Vogt aus Genf an Londoner Flüchtlinge, darunter Freiligrath, ein
politisches Programm über die Haltung der deutschen Demokratie in dem
italienischen Kriege gesandt, mit der Aufforderung, im Sinne dieses
Programms an einer neuen schweizerischen Wochenschrift mitzuarbeiten.
Vogt, ein Schwestersohn der Gebrüder Follen, die in der
Burschenschaftsbewegung eine namhafte Rolle gespielt hatten, war in
der Frankfurter Nationalversammlung neben Robert Blum der Führer der
Linken gewesen und im letzten Augenblick des sterbenden Parlaments zu
einem der fünf Reichsregenten ernannt worden. Er lebte jetzt als
Professor der Geologie in Genf, das er gemeinsam mit Fazy, dem Führer
der Genfer Radikalen, im schweizerischen Ständerat vertrat. In
Deutschland hielt er sein Andenken lebendig durch eine eifrige
Agitation für einen beschränkt-naturwissenschaftlichen Materialismus,
der sofort in die Irre taumelte, wenn er aufs historische Gebiet
geriet. Obendrein vertrat Vogt ihn, wie Ruge nicht unzutreffend
meinte, mit »ungezogener Jungenhaftigkeit«, er suchte durch zynische
Schlagworte die Philister zu kitzeln, und als ihm das namentlich mit
dem Satze gelang: »Die Gedanken stehen in demselben Verhältnis zu dem
Gehirn, wie die Galle zur Leber oder der Urin zu den Nieren«, lehnte
selbst sein engster Gesinnungsgenosse Ludwig Büchner diese Sorte von
Volksaufklärung ab.
Freiligrath erbat nun von Marx ein Urteil über das politische Programm
|288|*, das ihm Vogt vorgelegt hatte, und erhielt die
lakonische Antwort: Kannegießerei. Etwas ausführlicher schrieb darüber
Marx an Engels: Deutschland gibt seine außerdeutschen Besitzungen auf.
Unterstützt nicht Östreich. Der französische Despotismus ist
vorübergehend, der österreichische bleibend. Man erlaubt beiden
Despoten zu verbluten. (Sogar gewisse Hinneigung zu Bona[parte]
sichtbar.) Deutschland bewaffnete Neutralität. An revolutionäre
Bewegung in Deutschland ist, wie Vogt ›aus bester Quelle weiß‹, nicht
zu denken, solange wir leben. Folglich, sobald Östreich ruiniert durch
Bona[parte], beginnt von selbst eine reichsregentschaftlich gemäßigt
liberalnationale Entwicklung in dem Vaterland, und Vogt wird
vielleicht noch preußischer Hofnarr.« Der Argwohn, den Marx schon in
diesen Zeilen andeutete, wurde ihm zur Gewißheit, als Vogt zwar noch
nicht die geplante Wochenschrift, aber Studien zur gegenwärtigen Lage
Europas herausgab, eine Schrift, deren geistiger Zusammenhang mit den
bonapartistischen Schlagworten nicht mehr zu verkennen war.
Außer
an Freiligrath hatte sich Vogt auch an Karl Blind gewandt, einen
badischen Flüchtling, der mit Marx seit den Revolutionsjahren
befreundet gewesen war und noch einen Beitrag in die »Neue Rheinische
Revue« gestiftet hatte, aber doch nicht zu seinen engsten
Gesinnungsgenossen gehörte. Blind zählte vielmehr zu jenen »ernschten«
Republikanern, denen der »Kanton Badisch« immer noch der Nabel der
Welt war. Namentlich Engels hatte seinen lustigen Spott mit diesen
»Staatsmännern«, deren Gesinnung sich bei all ihrer düsteren
Erhabenheit gewöhnlich in einer unermeßlichen Ehrfurcht vor dem
eigenen Ich auflöste. Blind trat nun an Marx mit Enthüllungen über
Vogts landesverräterische Umtriebe heran, für die er Beweise zu haben
behauptete. Vogt erhalte bonapartistische Subvention für seine
Agitation; er habe einen süddeutschen Schriftsteller mit 30.000 Gulden
bestechen wollen; auch in London seien Bestechungsversuche
vorgefallen; schon im Sommer 1858 sei in Genf, in einer Zusammenkunft
zwischen dem Prinzen Jerôme Napoleon, Fazy und Konsorten, der
italienische Krieg beraten und der russische Großfürst Konstantin als
künftiger König von Ungarn bezeichnet worden.
Diese
Mitteilungen erwähnte Marx gesprächsweise, als Biscamp ihn besuchte,
um seine Mitarbeit für »Das Volk« zu gewinnen, indem er hinzufügte, es
sei süddeutsche Manier, das Kolorit hoch aufzutragen. Ohne Marx zu
fragen, benutzte Biscamp einige von Blinds Angaben, um in einem
witzelnden Artikel des »Volks« den »Reichsregenten als Reichsverräter«
zu denunzieren und ein Exemplar dieser Nummer an |289| Vogt zu
senden. Vogt antwortete im »Bieler Handelscourier« mit einer »Warnung«
der Arbeiter vor jener »Clique von Flüchtlingen«, die ehedem in der
schweizerischen Emigration unter dem Namen der »Bürstenheimer« oder
der »Schwefelbande« bekannt gewesen wären und sich nunmehr in London
unter ihrem Chef Marx gesammelt hätten, um sich mit dem Anspinnen von
Verschwörungen unter den deutschen Arbeitern zu beschäftigen, von
Verschwörungen, die von Anfang an den geheimen Polizeien des
Festlandes bekannt wären und die Arbeiter ins Unglück stürzten. Marx
ließ sich dies »Sauartikelchen« nicht weiter anfechten und begnügte
sich damit, es im »Volk« niedriger hängenzulassen.
Als er
sich dann aber Anfang Juni nach Manchester begab, um unter den
dortigen Parteifreunden für das »Volk« zu sammeln, fand Liebknecht in
der Druckerei der Zeitung den Korrekturbogen eines anonymen, gegen
Vogt gerichteten Flugblattes vor, das die Enthüllungen Blinds enthielt
und, wie der Setzer Vögele bezeugte, von Blind in einem eigenhändigen
Manuskript zum Druck übergeben worden war, wie denn auch die
Korrekturen des Bogens Blinds Handschrift trugen. Von Hollinger selbst
erhielt Liebknecht ein paar Tage darauf einen Abzug und sandte ihn der
»Allgemeinen Zeitung« in Augsburg ein, für die er seit einigen Jahren
korrespondierte. Er fügte hinzu, das Flugblatt habe einen der
ehrbarsten deutschen Flüchtlinge zum Verfasser, und die darin
vorgebrachten Tatsachen könnten sämtlich bewiesen werden.
Als
das Flugblatt in der »Allgemeinen Zeitung« erschienen war, klagte Vogt
wegen Verleumdung. Die Redaktion verlangte nun zu ihrer Verteidigung
die verheißenen Beweise von Liebknecht, und dieser wandte sich an
Blind. Aber Blind lehnte ab, sich in die Angelegenheiten einer ihm
fremden Zeitung zu mischen, und bestritt überhaupt seine
Verfasserschaft, wenn er auch zugeben mußte, den tatsächlichen Inhalt
an Marx mitgeteilt und zum Teil auch in der »Free Press«, einem Organ
Urquharts, veröffentlicht zu haben. Marx ging die Sache zunächst gar
nichts an, und Liebknecht selbst war vollkommen darauf gefaßt, von ihm
verleugnet zu werden. Gleichwohl glaubte Marx, sein Bestes tun zu
sollen, um Vogt zu entlarven, der ihn bei den Haaren in die Sache
gezogen hatte. Allein auch seine Versuche, Blind zum Geständnis zu
bringen, scheiterten an dessen Hartnäckigkeit, und Marx mußte sich mit
dem schriftlichem Zeugnis des Setzers Vögele begnügen, wonach das
Manuskript des in der ihm bekannten Handschrift Blinds geschrieben und
in Hollingers Druckerei gesetzt wie gedruckt worden sei. Für die
Schuld Vogts war damit freilich noch nichts bewiesen.
Ehe es
indessen zur gerichtlichen Verhandlung in Augsburg kam, |290|
führte das Schillerfest, der hundertste Geburtstag des Dichters am 10.
November 1859, zu neuem Streit in der Londoner Emigration. Man weiß,
wie dieser Tag von den Deutschen in der Heimat und in der Fremde
gefeiert wurde, um mit Lassalle zu sprechen, als ein Zeugnis für die
»geistige Einheit« des deutschen Volkes und als »ein fröhliches
Unterpfand seiner nationalen Auferstehung«. Auch in London wurde eine
Feier geplant. Sie sollte im Kristallpalast stattfinden, und ihre
Überschüsse waren bestimmt, eine Schilleranstalt zu gründen, mit einer
Bibliothek und jährlichen Vorträgen, die immer an Schillers Geburtstag
beginnen sollten. Leider aber wußte sich die Fraktion Kinkel der
Vorbereitungen zu dem Feste zu bemächtigen und in gehässig-kleinlichem
Sinne für sich auszubeuten. Während sie einen Beamten der preußischen
Gesandtschaft, der sich in den Tagen des Kölner Kommunistenprozesses
einen sehr üblen Namen gemacht hatte, zur Teilnahme aufforderte,
suchte sie die proletarischen Elemente der Flüchtlingsschaft
abzuschrecken; ein gewisser Bettziech, der sich als Schriftsteller
Beta nannte und den literarischen Handlanger Kinkels spielte, machte
in der »Gartenlaube« die geschmackloseste Reklame für seinen Herrn und
Meister, während er in ebenso geschmackloser Weise die Mitglieder des
Arbeiterbildungsvereins verhöhnte, die sich an dem Schillerfest zu
beteiligen beabsichtigten.
Unter
diesen Umständen empfanden es Marx und Engels peinlich, daß
Freiligrath sich herbeiließ, bei der Feier im Kristallpalast neben
oder nach dem Festredner Kinkel als Festdichter aufzutreten. Marx
warnte den alten Freund vor jeder Beteiligung an der
»Kinkeldemonstration«. Freiligrath gab nun auch zu, daß die Sache ihr
Bedenkliches habe und möglicherweise irgendwelchen persönlichen
Eitelkeiten dienen solle, aber er meinte, als deutscher Poet könne er
sich füglich nicht ganz fernhalten. Das spreche doch für sich selbst.
Bei der Schillerfeier komme es doch zuletzt nicht auf die Nebenzwecke
einer Fraktion an, wenn sie überhaupt welche habe. In den
Vorbereitungen des Festes machte er dann freilich »merkwürdige
Erfahrungen« und glaubte (trotz seiner eingewurzelten Narrheit,
Menschen und Dinge von der besseren Seite aufzufassen), daß Marx mit
seiner Warnung recht haben möge. Aber er blieb dabei, durch seine
Anwesenheit und das eine Zeichen seiner Beteiligung trüge er mehr zur
Durchkreuzung gewisser Absichten bei, als wenn er sich fernhielte.
Damit
war Marx jedoch nicht einverstanden und noch weniger Engels, der sich
in sehr zornigen Worten über Freiligraths Poeteneitelkeit und
Literatenzudringlichkeit, verbunden mit Pantoffelkriecherei« |291|*
ausließ. Das hieß den Bogen überspannen. Die damalige Schillerfeier
war in der Tat etwas anderes als einer der üblichen Festrummel, womit
der deutsche Spießer die Denker und Dichter zu feiern pflegt, die wie
die Kraniche über seine Schlafmütze geflogen sind. Sie fand auch in
der äußersten Linken ihren Widerhall.
Als
sich Marx bei Lassalle über Freiligrath beschwerte, antwortete
Lassalle: »Es mag sein, daß Freiligrath besser getan hätte, dem Feste
nicht beizuwohnen. Aber die Kantate zu dichten, hat er jedenfalls gut
getan. Sie war von allem, was zu dieser Gelegenheit erschien, bei
weitem das Schönste« In Zürich dichtete Herwegh das Festlied, und in
Paris hielt Schily die Festrede. In London beteiligte sich auch der
Arbeiterbildungsverein an der Feier im Kristallpalast, nachdem er am
vorhergehenden Tage durch eine Robert-Blum-Feier, bei der Liebknecht
sprach, sein politisches Gewissen salviert hatte. Ja, in Manchester
betrieb Siebel, ein junger Poet aus dem Wuppertal, in erster Reihe die
Feier, ohne daß Engels, der mit ihm entfernt verwandt war, daran
besonderen Anstoß nahm. Er schrieb zwar an Marx, er habe mit der
ganzen Sache nichts zu tun, jedoch Siebel mache den Epilog, »natürlich
ordinäre Deklamation, aber in anständiger Form«; »außerdem dirigiert
dieser Bummler die Aufführung von ›Wallensteins Lager‹; ich war
zweimal in der Probe, wenn die Kerle frech sind, kann es passabel
werden«. Später ist Engels selbst Vorsitzender der Schilleranstalt
geworden, die bei diesem Anlaß in Manchester gegründet wurde, und
Wilhelm Wolff hat dieselbe Anstalt in seinem Testament mit einem
namhaften Legat bedacht.
In
denselben Tagen nun, wo die gereizte Stimmung zwischen Freiligrath und
Marx entstand, verhandelte das Bezirksgericht in Augsburg die Klage
Vogts gegen die »Allgemeine Zeitung«. Vogt wurde kostenpflichtig
abgewiesen, aber die juristische Niederlage gestaltete sich für ihn zu
einem moralischen Triumph. Die angeklagten Redakteure vermochten nicht
den geringsten Beweis für Vogts Bestechlichkeit beizubringen und
ergingen sich, wie Marx allzu milde urteilte, in einem »politisch
geschmacklosen Kauderwelsch«, das die schärfste Verurteilung nicht
etwa nur vom politischen, sondern auch vom moralischen Standpunkt aus
verdiente. Sie trumpften mit dem Satz auf, daß die persönliche Ehre
eines politischen Gegners vogelfrei sei; wie könnten bayrische Richter
einem Manne sein Recht geben, der die bayrische Regierung heftig
angegriffen habe und wegen seiner revolutionären Umtriebe im Auslande
leben müsse! Die ganze sozialistisch-demokratische Partei
Deutschlands, die vor elf Jahren die Morgenträume ihrer Freiheit durch
den Mord der |292| Generale Latour, Gagern und Auerswald und
des Fürsten Lichnowskl eingeweiht habe, würde einen wahren Jubel
aufschlagen, wenn die verklagten Redakteure verurteilt würden. Glücke
der Versuch Vogts, so entstehe die tröstliche Aussicht, daß auch
Klapka, Kossuth, Pulszki, Teleki, Mazzini vor dem Augsburger
Bezirksgericht als Kläger erscheinen würden.
Trotz
ihrer gemeinen Pfiffigkeit oder vielmehr gerade wegen ihrer imponierte
diese Verteidigung den Richtern. Ihr juristisches Gewissen reichte
zwar noch so weit, um die Verklagten nicht freizusprechen, die mit
ihren Beweisen so ganz und gar ausgefallen waren, aber es reichte
nicht weit genug, um einem Manne, der bei der bayrischen Regierung wie
bei der bayrischen Bevölkerung äußerst verhaßt war, sein Recht zu
geben. So ergriffen sie begierig den rettenden Gedanken, den ihnen der
Staatsanwalt unter den Fuß gab: aus formalen Gründen verwiesen sie die
Sache an das Schwurgericht, wo Vogt seiner Verurteilung um so sicherer
sein konnte, als hier kein Beweis der Wahrheit zulässig war und die
Geschworenen keine Gründe für ihr Urteil anzugeben brauchten.
Wenn
sich Vogt auf dies ungleiche Spiel nicht einließ, so ließ sich ihm
daraus kein Vorwurf machen. Im Gegenteil konnte er sich im Glanze des
doppelten Märtyrers sonnen: er war nicht nur ins Blaue hinein
verdächtigt, sondern ihm war auch sein Recht verweigert worden.
Mancherlei Nebenumstände kamen hinzu, seinen Triumph zu erhöhen. Es
machte einen sehr fatalen Eindruck, als seine Prozeßgegner einen Brief
Biscamps vorzeigten, worin dieser erste öffentliche Ankläger Vogts,
unter dem Eingeständnis, keine wirklichen Beweise zu haben, einige
vage Vermutungen äußerte, die er mit der Frage krönte, ob ihn die
»Allgemeine Zeitung« nach dem Eingehen des »Volks« nicht als zweiten
Londoner Korrespondenten neben Liebknecht anstellen wolle. Auch die
Redaktion der »Allgemeinen Zeitung« setzte noch nach Beendigung des
Prozesses ihr Gefasel fort, Vogt sei ja von seinesgleichen gerichtet
worden, von Marx und von Freiligrath; von alter Zeit her sei bekannt,
daß Marx ein schärferer und konsequenterer Denker sei als Vogt und
Freiligrath diesem an politischer Sittlichkeit überlegen sei.
Bereits in einer schriftlichen Verteidigung, die der Redakteur Kolb
dem Gericht eingereicht hatte, war Freiligrath als Mitarbeiter des
»Volks« und Ankläger Vogts genannt worden; Kolb hatte eine briefliche,
nicht ganz klare Äußerung Liebknechts in diesem Sinne mißverstanden.
Sobald der Bericht der »Allgemeinen Zeitung« über den Prozeß in London
eingetroffen war, sandte ihr Freiligrath eine kurze Erklärung des
Inhalts, daß er niemals Mitarbeiter des »Volks« gewesen und sein Name
ohne sein Wissen und Willen unter die Ankläger Vogts |293|
aufgenommen worden sei. Aus dieser Erklärung hat man unliebsame
Schlußfolgerungen insoweit gezogen, als Vogt zu den Intimen Fazys
gehörte, von dem Freiligraths Stellung an der Schweizer Bank abhing,
aber diese Schlußfolgerungen wären erst dann berechtigt gewesen, wenn
Freiligrath irgendwie verpflichtet gewesen wäre, gegen Vogt
aufzutreten. Davon konnte gar keine Rede sein. Freiligrath hatte sich
um die ganze Sache bis dahin durchaus nicht bekümmert, und er konnte
sich mit allem Fug verbitten, daß Kolb sich hinter seinen Namen
verstecken wollte, sobald der Karren schief ging. Freilich konnte man
aus der lakonisch trockenen Form Freiligraths auch eine mittelbare
Absage an Marx herauslesen; Marx selbst vermißte an der Erklärung eine
noch so leise Andeutung, die ihr den Schein benommen hätte, als sei
sie ein persönlicher Bruch mit ihm oder eine öffentliche Lossagung von
der Partei. Und dieser Mangel mochte sich wohl aus einer gewissen
Mißstimmung Freiligraths erklären: ihm wollte Marx von Parteiwegen
verbieten, ein harmloses Gedicht zu Ehren Schillers zu
veröffentlichen, aber er sollte sofort zum Einspringen bereit sein,
wenn Marx einen Streit begonnen hatte, zu dem ihn niemand zwang.
Der
böse Schein wurde noch dadurch verstärkt, daß gleichzeitig Blind eine
Erklärung in der »Allgemeinen Zeitung« veröffentlichte, worin er zwar
Vogts Politik »unbedingt verurteilte«, aber die Behauptung, daß er das
gegen Vogt gerichtete Flugblatt verfaßt habe, für eine platte
Unwahrheit erklärte. Er fügte zwei Zeugnisse bei, eins, worin Fidelio
Hollinger die Behauptung des Setzers Vögele, als sei das Flugblatt in
seiner Druckerei gedruckt und von Blind verfaßt worden, eine
»böswillige Erdichtung« nannte, und ein anderes, worin der Setzer
Wiehe dies Zeugnis Hollingers als richtig bestätigte.
Zudem
häufte ein unglücklicher Zufall den Zündstoff, der sich zwischen
Freiligrath und Marx zu sammeln begann. Eben jetzt erschien in der
»Gartenlaube« ein Aufsatz Betas, worin der literarische Troßbube
Kinkels in bombastischem Stil den Dichter Freiligrath verherrlichte,
um mit einer pöbelhaften Schimpferei über Marx zu schließen. Dieser
unglückselige Virtuose giftspritzenden Hasses habe Freiligrath um
Stimme, um Freiheit, um Charakter gebracht; der Dichter habe nicht oft
mehr gesungen, seitdem Marx ihn angehaucht habe.
Alle
diese Dinge schienen jedoch nach einigen brieflichen Häkeleien
zwischen Freiligrath und Marx mit dem bewegten Jahre 1859 ins Meer der
Vergessenheit zu sinken. Aber mit dem neuen Jahre tauchten sie wieder
auf, denn der biedere Vogt wollte durchaus das alte Sprichwort
erhärten, daß der Esel aufs Eis geht, wenn ihm zu wohl wird.
4. Zwischenspiele
|294| Um die Jahreswende veröffentlichte Vogt
eine Schrift unter dem Titel »Mein Prozeß gegen die Allgemeine
Zeitung«. Sie enthielt den stenographischen Bericht über die
Verhandlung vor dem Augsburger Bezirksgericht und eine Sammlung der
Erklärungen oder sonstigen Urkunden, die bei dem Streit ans Licht
gekommen waren, beides ganz vollständig und wortgetreu.
Dazwischen aber befand sich eine noch ausführlichere Wiedergabe des
alten Klatsches über die »Schwefelbande«, den Vogt schon im »Bieler
Handelscourier« niedergelegt hatte. Insbesondere wurde Marx als Haupt
einer Erpresserbande geschildert, die davon lebe, »Leute im
Vaterlande« so zu kompromittieren, daß sie das Schweigen der Bande
durch Geld erkaufen müßten. »Nicht einer«, hieß es wörtlich, »Hunderte
von Briefen sind von diesen Menschen nach Deutschland geschrieben
worden, welche die unverhüllte Losung enthielten, daß man die
Beteiligung an diesem oder jenem Akte der Revolution denunzieren
werde, wenn nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Summe
an eine bezeichnete Adresse gelange.« Es war die ärgste, aber weitaus
nicht die einzige Verleumdung, die Vogt gegen Marx schleuderte. Wie
durch und durch verlogen aber die ganze Darstellung sein mochte, so
war sie doch mit allerlei halbwahren Tatsachen aus der Geschichte der
Emigration so gemischt, daß sie eine genaue Kenntnis aller
Einzelheiten voraussetzte, um nicht auf den ersten Blick zu verblüffen
und diese Kenntnis war am wenigsten bei dem deutschen Philister
vorauszusetzen.
Die
Schrift machte denn auch ein beträchtliches Aufsehen und wurde
namentlich von der liberalen Presse in Deutschland mit lautem Jubel
begrüßt. Die »Nationalzeitung« brachte zwei lange Leitartikel daraus,
die, als sie Ende Januar in London eintrafen, auch im Hause von Marx
großen Aufruhr erregten und namentlich seine Frau tief erschütterten.
Da die Schrift selbst in London nicht zu haben war, so eilte Marx zu
Freiligrath mit der Anfrage, ob dieser nicht von seinem »Freunde« Vogt
ein Exemplar erhalten habe. Freiligrath antwortete verletzt, weder sei
Vogt sein »Freund«, noch besitze er ein Exemplar der Schrift.
Über
die Notwendigkeit einer Antwort war sich Marx von vornherein klar,
sowenig er sonst geneigt sein mochte, auf noch so massenhafte
Schimpfereien zu antworten; er meinte, die Presse besäße das Recht,
Schriftsteller, Politiker, Komödianten und andere öffentliche
Charakter zu beleidigen. Noch ehe die Schrift Vogts in London eintraf,
entschloß |295| Marx, die »National-Zeitung« gerichtlich zu
belangen. Sie beschuldigte ihn einer Reihe krimineller und
infamierender Handlungen, und zwar vor einem Publikum, das, aus
Parteivorurteilen ohnehin geneigt, die größte Ungeheuerlichkeit zu
glauben, bei seiner elfjährigen Abwesenheit aus Deutschland, ohne den
geringsten Anhaltspunkt zu seiner persönlichen Beurteilung war. Er
schuldete es nicht nur politischen Rücksichten, sondern auch seiner
Frau und seinen Kindern, die ehrenrührigen Anklagen der
»National-Zeitung« einer gerichtlichen Prüfung zu unterwerfen, wobei
er sich eine literarische Antwort auf Vogt vorbehielt.
Zunächst rechnete Marx mit Blind ab, von dem er immer noch annahm, daß
Blind Beweise gegen Vogt in der Tasche habe und nur aus
Gevatterschaftsrücksichten, wie sie am letzten Ende ein vulgärer
Demokrat dem andern vulgären Demokraten schulde, nicht damit
herausrücken wolle. Anscheinend hat Marx darin geirrt, und Engels war
auf richtigerem Wege, wenn er annahm, Blind habe sich aus alberner
Wichtigtuerei die Einzelheiten über Vogts Bestechungsversuche aus den
Fingern gesogen und sich, sobald die Sache brenzlich wurde, aufs
Ableugnen gelegt, wobei er immer tiefer in den Sumpf geriet. Am 4.
Februar erließ Marx in englischer Sprache ein an den Redakteur der
»Free Press« gerichtetes Rundschreiben, worin er öffentlich die
Erklärung Blinds, Wiehes und Hollingers, wonach das anonyme Flugblatt
nicht in Hollingers Geschäftslokal gedruckt worden sei, eine infame
Lüge, und obgenannten Karl Blind somit einen infamen Lügner nannte,
der sich, wenn er sich durch diese Beschuldigung beschwert fühle, bei
einem englischen Gerichtshofe sein Recht holen könne. Davor hütete
sich Blind wohlweislich und versuchte sich aus der Affäre zu ziehen,
indem er ein langes Inserat in der »Allgemeinen Zeitung« erließ, worin
er sich scharf gegen Vogt aussprach und ihn durch die Blume der
Bestechlichkeit zieh, aber die Verfasserschaft des Flugblattes nach
wie vor ableugnete.
Damit
gab sich Marx keineswegs zufrieden. Es gelang ihm, den Setzer Wiehe
vor das Polizeigericht zu stellen und zu einem Affidavit zu
veranlassen (einer Erklärung an Eides Statt, die, wenn falsch, alle
gesetzlichen Folgen des Meineids nach sich zog), worin Wiehe nunmehr
bestätigte, daß er selbst den Satz des Flugblattes in Hollingers
Druckerei für den Wiederabdruck im »Volk« umbrochen, auch auf dem
Korrekturbogen mehrere Druckfehler in Blinds Handschrift verbessert
gesehen habe, und daß ihm sein früheres entgegengesetztes Zeugnis
durch Hollinger und Blind abgelockt worden sei, von Hollinger durch
Geldversprechungen, von Blind durch Zusicherung künftigen Dankes.
Damit |296| war Blind dem englischen Gerichtsbann verfallen,
und Ernest Jones erklärte sich bereit, sofort auf Wiehes Affidavit hin
einen Verhaftsbefehl gegen Blind zu erwirken, fügte jedoch hinzu, wenn
die Sache einmal angezeigt sei, könne sie als kriminelle Aktion nicht
rückgängig gemacht werden, und er selbst würde sich als Advokat
strafbar machen, wenn er dann noch irgendeinen Ausgleich versuchen
wollte.
Soweit
wollte es Marx, aus Rücksicht auf Blinds Familie, nicht kommen lassen.
Er sandte das Affidavit Wiehes an Louis Blanc, der mit Blind
befreundet war, mit einem Brief, worin er sagte, nicht um Blinds
willen, der es reichlich verdient hätte, sondern um Blinds Familie
willen würde er bedauern, wenn er gezwungen werden sollte, eine
Kriminaluntersuchung gegen Blind einzuleiten. Das wirkte. Am 15.
Februar 1860 erschien im »Daily Telegraph«, der inzwischen die
Schmähungen der »National-Zeitung« wiederholt hatte, eine Notiz, worin
sich ein gewisser Schaible, ein Hausfreund Blinds, als Verfasser des
Flugblatts nannte. Dabei ließ es Marx bewenden, so durchsichtig das
Manöver war; er war jetzt frei von jeder Verantwortung für den Inhalt
des Flugblatts.
Ehe er
gegen Vogt selbst vorging, suchte er sich mit Freiligrath auszusöhnen,
dem er sowohl das Rundschreiben gegen Blind, wie das Affidavit Wiehes
zugesandt hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Er wandte sich zum
letzten Male an ihn, um ihm darzulegen, welche Wichtigkeit der Fall
Vogt für die geschichtliche Rechtfertigung der Partei und ihre spätere
Stellung in Deutschland gewonnen habe. Er bemühte sich, die
Beschwerden zu widerlegen, die Freiligrath etwa gegen ihn haben könne;
»worin ich irgendwo gegen Dich gefehlt habe, so bin ich jeden
Augenblick bereit, meine Fehler einzugestehn. Nihil humani a me
alienum puto [Mehring übersetzt: Nichts Menschliches halte ich mir
fremd]«. Er begreife wohl, daß für Freiligrath in dessen jetziger
Stellung die Affäre nur widerwärtig sein könne, aber Freiligrath werde
einsehen, daß es unmöglich sei, ihn ganz aus dem Spiele zu lassen.
»Wenn wir beide das Bewußtsein haben, daß wir, jeder in seiner Weise,
mit Hintansetzung aller Privatinteressen und aus den reinsten Motiven,
jahrelang das Banner für die ›classe la plus laborieuse et la plus
misérable‹ hoch über den Philisterköpfen schwangen, so würde ich es
für eine kleinliche Sünde gegen die Geschichte halten, sollten wir uns
wegen Lappalien - alle in Mißverständnisse auflösbar - entzweien.« Der
Brief schloß mit der Versicherung der aufrichtigsten Freundschaft.
Freiligrath schlug in die dargebotene Hand ein, aber doch nicht so
herzlich, wie der »herzlose« Marx sie geboten hatte. Er wollte der
classe |297| la plus laborieuse et la plus misérable treu
bleiben, wie er ihr stets treu geblieben sei, und ebenso seinem
persönlichen Verhältnis zu Marx als einem Freunde und
Gesinnungsgenossen. Aber, so fügte er hinzu: »Der Partei habe ich
diese sieben Jahre hindurch (seit Aufhörung des Kommunistenbundes)
fern gestanden, ihre Versammlungen sind von mir unbesucht, ihre
Beschlüsse und Handlungen sind mir fremd geblieben. Faktisch also war
mein Verhältnis zur Partei längst gelöst, wir haben uns gegenseitig
darüber nie getäuscht, es war das eine Art stillschweigender
Vereinbarung zwischen uns. Und ich kann nur sagen, daß ich mich wohl
dabei befunden habe. Meiner, und der Natur jedes Poeten, tut die
Freiheit not. Auch die Partei ist ein Käfig, und es singt sich, selbst
für die Partei, besser draus als drin. Ich bin Dichter des
Proletariats und der Revolution gewesen, bevor ich Mitglied des Bundes
und Mitglied der Redaktion der ›Neuen Rheinischen Zeitung‹ war. So
will ich denn auch ferner auf eigenen Füßen stehen, will nur mir
selbst gehören und will selbst über mich disponieren.« Darin kam
Freiligraths alte Abneigung gegen den Kleinkram der politischen
Agitation zu lebhaftem Ausdruck; sie ließ ihn selbst Dinge sehen, die
niemals gewesen waren; die Versammlungen, die er nicht besucht haben,
die Beschlüsse und Reden, denen er immer fremd geblieben sein wollte,
hatten niemals stattgefunden.
Darauf
wies Marx in seiner Antwort hin und nachdem er abermals alle noch
möglichen Mißverständnisse aufgelöst hatte, schrieb er, an ein
Lieblingswort Freililgraths anknüpfend: »›Trotz alledem und alledem‹
wird Philister über mir für uns stets ein beßrer Wahlspruch
sein, als Unter dem Philister. Ich habe offen meine Ansicht
gesagt, die Du hoffentlich im wesentlichen teilst. Ich habe ferner das
Mißverständnis zu beseitigen gesucht, als ob ich unter ›Partei‹ einen
seit acht Jahren verstorbnen ›Bund‹ oder eine seit zwölf Jahren
aufgelöste Zeitungsredaktion verstehe. Unter Partei verstand ich die
Partei im großen historischen Sinn.« Es war ein so treffendes wie
versöhnendes Wort, denn im großen historischen Sinne gehören beide
Männer zusammen - trotz alledem und alledem. Das Wort ehrte Marx um so
mehr, als er nach den bubenhaften Angriffen, die Vogt gegen ihn
gerichtet hatte, wohl beanspruchen konnte, daß Freiligrath nunmehr
öffentlich jeden Schein der Gemeinsamkeit mit Vogt zerstören würde.
Jedoch Freiligrath begnügte sich damit, den freundschaftlichen Verkehr
mit Marx wiederaufzunehmen; sonst beharrte er in seiner Zurückhaltung,
die ihm Marx gerade dadurch erleichterte, daß er fortan nach
Möglichkeit vermied, Freiligraths Namen in die Sache zu ziehen.
|298| Anders verlief eine Auseinandersetzung,
in die Marx mit Lassalle wegen des Falles Vogt geriet. Marx hatte
zuletzt im November des Vorjahres an Lassalle wegen ihrer
italienischen Streitfrage geschrieben, und zwar, wie er selbst sagte,
»bohnengrob«, so daß er sich das Schweigen Lassalles auf diesen Brief
aus verletzter Empfindlichkeit erklärte. Nach den Angriffen der
»National-Zeitung« wünschte Marx begreiflicherweise eine Verbindung in
Berlin zu haben und bat Engels die Sache mit Lassalle wieder
einzurenken, der doch, verglichen mit anderen, immer noch eine
»Pferdekraft« sei. Das bezog sich darauf, daß ein preußischer Assessor
Fischel sich bei Marx als Urquhartit eingeführt und zu allen guten
Diensten in der deutschen Presse erboten hatte. Lassalle, dem Fischel
Grüße von Marx überbracht hatte, wollte freilich von dem »unfähigen
und unwissenden Subjekte« nichts wissen, und wie immer sich dieser
bald darauf tödlich verunglückte Mann in London gebart haben mochte,
so gehörte er in Deutschland jedenfalls zur literarischen Leibgarde
des Herzogs von Coburg, die mit Recht den übelsten Ruf genoß.
Ehe
jedoch Engels sein Gewerbe bei Lassalle anbringen konnte, schrieb
dieser selbst an Marx, erklärte sein längeres Schweigen aus Mangel an
Zeit und forderte lebhaft, daß in der »höchst fatalen Geschichte« mit
Vogt etwas geschehe, da sie große Wirkung in der Öffentlichkeit mache;
bei denen, die Marx kennten, werde diesem die Schilderung Vogts nicht
schaden, wohl aber bei allem, die ihn nicht kennten, denn sie sei
künstlich genug mit halben Tatsachen belegt, um jedem unscharfen Auge
alles als ganze Wahrheit erscheinen zu lassen. Im besonderen hob
Lassalle zwei Punkte hervor. Einmal sei Marx selbst nicht ohne Schuld,
da er einen so erbärmlichen Lügner, als der sich Blind wenigstens
nachträglich herausgestellt habe, die schwersten Beschuldigungen gegen
Vogt aufs Wort geglaubt habe; besitze Marx sonst keine Beweise, so
müsse er seine Verteidigung damit beginnen, die Anklage auf
Bestechlichkeit gegen Vogt zurückzunehmen. Lassalle erkannte an, es
gehöre eine wirklich starke Selbstüberwindung dazu, jemandem, von dem
man so maßlos und ungerecht angegriffen worden sei, gerecht zu werden,
aber Marx müsse diesen Beweis von gutem Glauben geben, wenn er seine
Verteidigung nicht von vornherein unwirksam machen wolle. Dann aber
nahm Lassalle den stärksten Anstoß an Liebknecht Tätigkeit für ein so
reaktionäres Blatt, wie die »Allgemeine Zeitung« sei; das werde im
Publikum einen Sturm von Verwunderung und Unwillen gegen die Partei
erregen.
Marx
besaß noch nicht die Schrift Vogts, als er diesen Brief erhielt,
|299| und konnte deshalb die Sache noch nicht richtig übersehen.
Aber es war begreiflich, daß ihn die Zumutung wenig erbaute, mit einer
Ehrenerklärung für Vogt zu beginnen, für dessen bonapartistische
Umtriebe er noch andere Zeugnisse hatte als Blinds Klatschereien. Auch
dem scharfen Urteil über Liebknechts Tätigkeit für die »Allgemeine
Zeitung« konnte er nicht beistimmen. Er war am wenigsten ein Freund
dieses Blattes, mit dem er zur Zeit der beiden Rheinischen Zeitungen
in heftigster Fehde gelegen hatte, aber kontrerevolutionär, wie die
Augsburgerin sonst sein mochte, so ließ sie auf dem Gebiete der
auswärtigen Politik die verschiedensten Standpunkte gelten. In dieser
Beziehung nahm sie von jeher eine Ausnahmestellung in der deutschen
Presse ein.
Marx
antwortete also verdrießlich, die »Allgemeine Zeitung« sei in seinen
Augen so gut wie die »Volks-Zeitung«; er werde die »National-Zeitung«
verklagen und gegen Vogt schreiben, aber in der Vorrede erklären, er
frage den Teufel nach dem Urteil des deutschen Publikums. Diese
unwilligen Worte legte nun wieder Lassalle zu sehr auf die Waagschale;
er verwahrte sich dagegen, daß ein vulgärdemokratisches Blatt, wie die
»Volks-Zeitung« mit dem »verrufensten Schandblatt Deutschlands« in
einem Atem genannt würde. In der Hauptsache aber warnte er vor der
gerichtlichen Prozedur gegen die »National-Zeitung«, wenigstens
solange bis die literarische Widerlegung Vogts da wäre, und sprach
schließlich die Hoffnung aus, daß Marx aus diesem Briefe keinen
verletzenden Eindruck, sondern nur den Eindruck »redlicher, herzlicher
Freundschaft« empfangen würde.
Darin
irrte Lassalle. Marx schrieb über den Brief in den stärksten
Ausdrücken an Engels, und gegen Lassalle spielte er selbst die
»offiziellen Anklagen« aus, die Levy seiner Zeit gegen Lassalle nach
London gebracht hatte. Es geschah freilich in der Form, daß Marx
seinen Mangel an vorzeitigem Mißtrauen dadurch beweisen wollte. Er
wollte zeigen, daß er sich durch diese »offiziellen Anklagen« und
ähnliches Gerede an Lassalle nicht habe irre machen lassen. Aber bei
dem Kaliber der Denunziationen konnte Lassalle in ihrer Nichtbeachtung
kein besonderes Verdienst entdecken, und er rächte sich in einer
seiner würdigen Weise, indem er eine so schöne wie überzeugende
Schilderung der Aufopferung und Treue entwarf, die er in den Tagen der
wüstesten Reaktion den rheinischen Arbeitern erwiesen hatte.
Lassalle war von Marx anders behandelt worden als Freiligrath, aber so
handelte er auch anders als dieser. Er riet nach seinem besten Wissen
und Gewissen, aber er half nicht weniger mit der Tat, weil sein Rat
mißachtet wurde.
5. »Herr Vogt«
|300| Alsbald bewährte sich die Warnung
Lassalles vor der Anrufung der preußischen Gerichte. Durch die
Vermittelung Fischels hatte Marx den Justizrat Weber beauftragt, seine
Klage gegen die »National-Zeitung« bei dem dortigen Stadtgericht
einzureichen, erreichte aber nicht einmal so viel, wie Vogt vor dem
Augsburger Bezirksgerichte erreicht hatte, nämlich daß seine Klage
überhaupt verhandelt wurde.
Das
Stadtgericht erklärte, die Klage sei wegen »mangelnden Tatbestandes«
abzuweisen, da die beleidigenden Äußerungen nicht von der
»National-Zeitung« selbst gemacht worden wären, sondern nur in »bloßen
Zitaten anderer Personen« beständen. Diesen platten Blödsinn wies nun
allerdings das Kammergericht zurück, aber nur um ihn durch den höheren
Blödsinn zu übertrumpfen, es sei überhaupt keine Beleidigung für Marx,
wenn er als das »zügelnde und überlegene« Haupt einer Erpresser- und
Falschmünzerbande dargestellt werde. In dieser famosen Auslegung
vermochte das Obertribunal einen »Rechtsirrtum« nicht zu entdecken,
und so war Marx mit seiner Klage bei allen Instanzen abgeblitzt.
Es
blieb ihm noch die literarische Widerlegung Vogts, die ihn fast das
ganze Jahr beschäftigte. Um all den Klatsch und Kram zu widerlegen,
den Vogt aufgewühlt hatte, war ein weitläufiger Briefwechsel nötig,
der sich über drei Weltteile erstreckte; erst am 17. November 1860
konnte Marx die Schrift abschließen, die er einfach »Herr Vogt«
betitelte. Es ist die einzige seiner selbständigen Schriften, die
bisher noch in keinem Neudruck erschienen
[3] ist und nur noch in wenigen
Exemplaren vorhanden sein mag, was sich daraus erklärt, daß sie - an
sich schon umfangreich: zwölf Bogen engen Drucks, so daß Marx selbst
meinte, in gewöhnlichem Druck würde sie den doppelten Umfang haben -
heute noch obendrein eines weitläufigen Kommentars bedürfte, um in
allen Anspielungen und Beziehungen verstanden zu werden.
Das
lohnt sich aber nicht durchweg. Viele der Emigrantengeschichten, auf
die Marx eingehen mußte, weil der Angreifer ihn dazu zwang, sind heute
mit Recht verschollen, und man wird schwer ein Gefühl des Unbehagens
los, wenn man diesen Mann sich verteidigen hören muß gegen
verleumderische Angriffe, die nicht einmal den Saum seiner Schuhsohlen
beflecken konnten. Daneben bietet die Schrift dann freilich auch
wieder für literarische Feinschmecker einen seltenen Genuß. Gleich auf
der ersten Seite schlägt Marx das Thema an, das er mit dem Witz eines
Shakespeare durchzuführen weiß, von »Karl Vogts Urtyp, dem
unsterblichen |301|* Sir John Falstaff, der in seiner
zoologischen Wiedergeburt keinesfalls an Stoff eingebüßt«[4]
habe. Doch weiß er sich vor jeder Eintönigkeit zu hüten; seine
gewaltige Belesenheit in alter und neuer Literatur lieferte ihm Pfeil
auf Pfeil, um sie mit tödlicher Sicherheit auf den dreisten Verleumder
abzuschnellen.
Die
»Schwefelbande« entpuppte sich als eine kleine Gesellschaft lustiger
Studenten, die nach dem Scheitern des badisch-pfälzischen Aufstandes
im Winter von 1849 auf 1850 durch ihren Galgenhumor die Genfer Schönen
bezaubert und die Genfer Spießer erschreckt hatte, aber seit zehn
Jahren zerstoben war. Von ihrem harmlosen Treiben entwarf einer aus
ihrer Mitte, der nun als wohlbestallter Kaufmann in der City von
London lebte, Sigismund Borkheim, ein heiteres Bild, das Marx gleich
im ersten Kapitel seiner Schrift ausstellte. Er gewann in Borkheim
einen treuen Freund, wie er überhaupt die Genugtuung hatte, daß ihm
viele Mitglieder der Emigration nicht nur in England, sondern auch in
Frankreich und der Schweiz, mochten sie ihm sonst fernstehen oder
selbst ganz unbekannt sein, ihre Hilfe gewährten, so namentlich auch
Johann Philipp Becker, der kampferprobte Veteran der schweizerischen
Arbeiterbewegung.
Doch
es ist unmöglich, hier im einzelnen aufzuzählen, wie Marx die Ränke
und Schwänke Vogts aufdeckte, so daß von ihnen auch nicht das
armseligste Bröcklein übrigblieb. Wichtiger war ohnehin der
vernichtende Gegenstoß, den er führte, indem er nachwies, daß Vogts
Propaganda gleichermaßen in ihrer Perfidie wie in ihrer Unwissenheit
ein Echo der Stichworte war, die der falsche Bonaparte ausgegeben
hatte. In den Tuilerienpapieren, die nach dem Sturze des zweiten
Kaiserreichs von der Regierung der nationalen Verteidigung
herausgegeben worden sind, hat sich denn auch die Quittung über den
Sündenlohn von 40.000 Franken gefunden, die Vogt im August 1859 aus
den geheimen Fonds des Dezembermannes erhalten hatte: vermutlich durch
Vermittelung ungarischer Revolutionäre, wenn man anders die für Vogt
mildeste Auslegung gelten lassen will. Er war besonders mit Klapka
befreundet und hatte nicht begriffen, daß die deutsche Demokratie
anders zu Bonaparte stand als die ungarische. Dieser mochte erlaubt
sein, was für jene ein schmählicher Verrat war.
Wie es
aber immer um Vogts Antriebe stehen mochte, und selbst wenn er kein
bares Geld aus den Tuilerien empfangen hätte, so hat Marx in der
schlüssigsten und unwiderleglichsten Weise den Beweis geführt, daß
Vogts Propaganda ganz auf die bonapartistischen Stichworte eingestellt
war. Diese Kapitel sind mit den blendenden Schlaglichtern, die sie auf
|302| die damaligen europäischen Zustände werfen, die
wertvollsten Abschnitte der Schrift, die heute noch reiche Belehrung
gewähren; Lothar Bucher, der damals eher feindliche als freundliche
Beziehungen zu Marx hatte, nannte sie bei ihrem Erscheinen ein
Kompendium der Zeitgeschichte. Lassalle aber bekannte in seiner
ehrlichen und offenen Weise, indem er die Schrift »als ein in jeder
Beziehung meisterhaftes Ding« begrüßte, er finde es jetzt ganz
gerechtfertigt und in der Ordnung, daß Marx von Vogts Bestechlichkeit
überzeugt sei. Marx habe den »inneren Beweis mit einer immensen
Evidenz« geführt. Engels stellte die Schrift sogar über den
»Achtzehnten Brumaire«; sie sei einfacher im Stil und wenn nötig,
ebenso effektvoll, überhaupt die beste polemische Arbeit, die Marx
geschrieben habe. Die historisch bedeutsamste seiner Polemiken ist sie
jedenfalls nicht geworden; sie ist mehr und mehr im Schatten
verschwunden, während der »Achtzehnte Brumaire« und nun gar die
Streitschrift gegen Proudhon mehr und mehr ins Licht getreten sind.
Zum Teil liegt das an dem Stoff, denn schließlich war der Fall Vogt
doch nur eine verhältnismäßig unbedeutende Episode, zum Teil aber auch
an Marx selbst, an seiner großen Art und auch an seinen kleinen
Schwächen.
Es war
ihm nicht gegeben, auf die niedrige Stufe der Polemik herabzusteigen,
auf der man den Philister überzeugt, obgleich es sich in diesen Falle
gerade doch auch darum handelte, die Vorurteile der Spießbürge auf den
Kopf zu schlagen. Überzeugt hat die Schrift nur, wie es Frau Marx in
einem Brief etwas naiv, aber um so treffender ausdrückte, »alle
bedeutenden Leute«, das heißt mit anderen Worten, alle Leute, die gar
nicht erst überzeugt zu werden brauchten, daß Marx nicht der Kujon
sei, den Vogt aus ihm machen wollte, aber die Geschmack und Verstand
genug besaßen, die literarischen Vorzüge der Schrift zu genießen;
»selbe der alte Feind Ruge nannte sie eine gute Schnurre«, meinte Frau
Marx. Aber für die vaterländischen Biedermänner war die Schrift viel
zu hoch, und in ihre Kreise ist sie kaum gedrungen; noch in den Tagen
des Sozialistengesetzes haben so anspruchsvolle Schriftsteller, wie
Bamberger und Treitschke, die »Schwefelbande« Vogts gegen die deutsche
Sozialdemokratie aufmarschieren lassen.
Dazu
kam dann das ausgesuchte Pech, das Marx in allen geschäftliche
Angelegenheiten, und wenigstens in diesem Falle nicht ohne eigene
Schuld, hatte. Engels drängte darauf, die Schrift in Deutschland
drucken und verlegen zu lassen, was unter den damaligen
Preßverhältnissen schon möglich war, und Lassalle riet ebenfalls dazu.
Dieser allerdings nur wegen der geringeren Kosten, während Engels noch
triftigere Gründe ins Feld zu führen wußte: »Wir haben die Erfahrung
mit der |303| Emigrationsliteratur nun schon hundertmal
gemacht, immer dieselbe Effektlosigkeit, stets Geld und Arbeit in den
Dreck geworfen, und den Arger dazu ... Was kann uns eine Antwort an
Vogt nützen, die niemand zu sehen bekommt?« Marx aber bestand darauf,
die Schrift einem jungen deutschen Verleger in London zu geben, auf
Teilung von Gewinn und Verlust, und mit einem Vorschuß von 25 Pfund
für die Druckkosten, zu dem Borkheim 12 und Lassalle 8 Pfund
beisteuerten. Die neue Firma stand jedoch auf so schwachen Füßen, daß
sie nicht nur den Vertrieb der Schrift nach Deutschland ungenügend
besorgte, sondern sich alsbald selbst auflöste, und Marx hat nicht nur
von seinem Vorschuß keinen Heller wiedergesehen, sondern auf eine
gerichtliche Klage, die ein Sozius des Verlegers gegen ihn anstrengte,
fast ebensoviel nachzahlen müssen, da er versäumt hatte, einen
schriftlichen Vertrag abzufassen, und nun für die gesamten Unkosten
des Unternehmens haftbar gemacht wurde.
Als
der Streit mit Vogt begann, schrieb ihm sein Freund Imandt: »Ich
möchte nicht dazu verurteilt sein, darüber zu schreiben, und ich werde
mich höchlichst wundern, wenn es Dir möglich sein wird, in eine solche
Sauce Deine Hand zu stecken.« Ähnliche Abmahnungen wurden von
russischen und ungarischen Emigranten an Marx gerichtet. Heute wäre
man versucht zu wünschen, daß er auf diese Stimmen gehört hätte. Der
Teufelskrakeel hat ihm einige neue Freunde geworben und ihn namentlich
wieder mit dem Londoner Arbeiterbildungsverein, der sofort mit aller
Wucht für ihn eintrat, in freundliche Beziehungen gebracht. Aber das
große Werk seines Lebens hat er eher gehemmt als gefördert, trotz oder
vielmehr wegen der kostbaren Opfer an Kraft und Zeit, die er ohne
rechten Gewinn verschlang, und auch im eigenen Hause hat er ihm
schweres Ungemach geschaffen.
6. Häusliches und
Persönliches
Härter
als Marx selbst war seine Frau, die mit ihrer ganzen Seele an ihm
hing, durch »den schrecklichen Ärger mit dem infamen Angriff« Vogts
getroffen worden. Er kostete ihr viele schlaflose Nächte, und wie
tapfer sie immer aushielt und das umfangreiche Manuskript für den
Druck abschrieb, so brach sie doch zusammen, als sie kaum den letzten
Federzug getan hatte. Der herbeigerufene Arzt erklärte, sie sei in den
Pocken erkrankt und die Kinder müßten sofort das Haus verlassen.
|304| Es kamen furchtbare Tage. Die Kinder
wurden von Liebknechts aufgenommen und Marx selbst übernahm mit
Lenchen Demuth die Pflege seiner Frau. Sie litt Unsägliches an
brennenden Schmerzen, an Schlaflosigkeit, an Todesangst um ihren Mann,
der nicht von ihrem Bette wich, an dem Verlust aller äußeren Sinne,
während ihr Bewußtsein stets klar blieb. Nach einer Woche erst trat
die rettende Krisis ein. Dank dem Umstande, daß Frau Marx zweimal
geimpft worden war. Und schließlich erklärte der Arzt die schreckliche
Krankheit noch für ein Glück. Die nervöse Überreizung, in der Frau
Marx seit vielen Monaten gelebt hatte, war die Ursache gewesen, daß
sie das Gift in einem Laden oder Omnibus oder sonstwo aufgenommen
hatte, aber ohne diese Krankheit hätte ihr Nervenzustand zu einem noch
gefährlicheren Nervenfieber oder ähnlichem geführt.
Kaum
begann sie zu genesen, als Marx selbst durch übergroße Angst, Sorge
und Quälereien aller Art aufs Krankenlager geworfen wurde. Zum ersten
Male trat sein chronisches Leberleiden in akuter Form auf. Auch hier
sah der Arzt die Ursache in der ewigen Aufregung. Während Marx für die
mühsame Arbeit an »Herrn Vogt« nicht einen Heller einnahm, setzte die
»New-York Daily Tribune« ihn wieder einmal auf Halbsold, und die
Gläubiger stürmten das Haus. Nach seiner Genesung entschloß sich Marx,
wie seine Frau an Frau Weydemeyer schrieb, »einen Raubzug nach
Holland, ins Land der Väter, des Tabaks und des Käses zu machen«; er
wolle sehen, ob er seinem Onkel einige Spezies ablocken könne.
Dieser
Brief ist vom 11. März 1861 datiert, und wie er von sonnigem Humor
durchleuchtet ist, legt er beredtes Zeugnis ab für die »Schwungkraft
der Natur«, die Jenny Marx in ihrer Art nicht weniger besaß als ihr
Gatte. Weydemeyers, denen im amerikanischen Exil auch ihr Päckchen an
Sorgen beschieden gewesen war, hatten sich nach langen Jahren des
Schweigens wieder gemeldet, und Frau Marx schüttete »der tapferen,
treuen Leidensgefährtin, Kämpferin und Dulderin« sofort ihr ganzes
Herz aus. Was sie in allem Elend und Jammer aufrecht erhielt, »der
Glanzpunkt unseres Daseins, die Lichtseite unseres Lebens«, war die
Freude an ihren Kindern. Die siebzehnjährige Jenny ähnelte mehr dem
Vater, »mit den dunkeln, glänzenden, reichen Haaren und den ebenso
dunkeln, glänzenden, sanften Augen und dem dunkeln Kreolenteint, der
aber echt englische blühende Tinten angenommen hat«. Die
fünfzehnjährige Laura war mehr das Ebenbild der Mutter, »mit dem
wellenförmigen, sich kräuselnden, kastanienbraunen Haar und den
grünlich schillernden Augen, die wie ewige Freudenfeuer flackern«.
»Ein wahrhaft |305|* blühendes Kolorit zeichnet beide
Schwestern aus, die wirklich beide so wenig eitel sind, daß ich mich
oft im stillen über sie wundere um so mehr, als ich von ihrer Frau
Mama aus ihren jüngeren Jahren, als sie noch im Flügelkleide war,
nichts gleiches berichten kann.«
Aber
soviel Freude die beiden älteren Töchter den Eltern machten, so war
»der Abgott und Verzug des ganzen Hauses« doch das jüngste Töchterchen
Eleanor oder Tussy, wie ihr Kosename lautete. »Das Kind wurde gerade
geboren, als mein armer lieber Edgar von uns schied, und alle Liebe
zum Brüderchen, alle Zärtlichkeit für ihn wurde nun auf das kleine
Schwesterchen übertragen, das die älteren Mädchen mit fast
mütterlicher Sorgfalt gehegt und gepflegt haben. Es gibt aber auch
wohl kaum ein lieblicheres Kind, bildhübsch und launigen Humors.
Besonders zeichnet sich das Kind durch sein allerliebstes Sprechen und
Erzählen aus. Das hat es von seinen Brüdern Grimm gelernt, die Tag und
Nacht seine Begleiter sind. Wir alle lesen uns stumm und dumm an den
Märchen, aber wehe uns, wenn im Rumpelstilzchen oder im König
Drosselbart oder im Schneewittchen auch nur eine Silbe ausgelassen
wird. Durch diese Märchen hat das Kind neben dem Englischen, das in
der Luft liegt, auch das Deutsche gelernt, das es mit besonderer
Regelrichtigkeit und Pünktlichkeit spricht. Das Kind ist Karls wahrer
Liebling und lacht und schwatzt ihm manche Sorge weg.« Dann wird auch
des treuen Hausgeistes Lenchen gedacht. »Fragen Sie Ihren lieben Mann
nach ihr; er wird Ihnen sagen, welch einen Schatz ich an ihr habe. Sie
ist seit sechzehn Jahren durch Sturm und Wetter mit uns gesegelt.« Der
köstliche Brief schließt mit einem Bericht über die Freunde, die, wo
sie sich ihrem Karl nicht ganz bewährt haben, nach echter Frauenart
strenger beurteilt werden als von ihm selbst. »Ich liebe halbe
Maßnahmen nicht«; so hat Frau Jenny mit dem weiblichen Teil der
Familie Freiligrath ganz gebrochen.
Derweil war der »Raubzug« in Holland beim Onkel Philips leidlich
geglückt. Von da ging Marx nach Berlin, um einen Plan zu verfolgen,
den Lassalle wiederholt angeregt hatte, die Gründung eines eigenen
Parteiorgans, dessen Notwendigkeit sich in der Krise des Jahres 1859
besonders fühlbar gemacht hatte und dessen Möglichkeit durch die
Amnestie geschaffen worden war, die der nunmehrige König Wilhelm im
Januar 1861 bei seiner Thronbesteigung erlassen hatte. Sie war schäbig
genug, voller Falltüren und Hintertreppen, aber sie gestattete den
ehemaligen Redakteuren der »Neuen Rheinischen Zeitung« immerhin die
Heimkehr nach Deutschland.
In
Berlin wurde Marx von Lassalle »mit großer Freundschaft« aufgenommen,
allein der »Platz« blieb ihm »persönlich widrig«. Keine |306|
hohe Politik, sondern nur Zank mit der Polizei und der Gegensatz
zwischen Militär und Zivil. »Der Ton, der in Berlin herrscht, ist
frech und frivol. Die Kammern sind verachtet.« Selbst im Vergleich mit
der Vereinbarern von 1848, die sicher auch keine Titanen gewesen
seien, sah Marx in dem preußischen Abgeordnetenhaus mit seinen Simsons
und Vinckes »ein sonderbares Mixtum von Beamten- und Schulstube«; die
einzigen wenigstens anständig aussehenden Figuren in diesem
Pygmäenstall seien Waldeck auf der einen Seite, auf der anderen
Wagener und Don Quichotte von Blankenburg. Immerhin aber glaubte Marx
einen allgemeinen Aufklärungsduft und in einem großen Teil des
Publikums große Unzufriedenheit mit der bürgerlichen Presse zu spüren;
Leute von jedem Range betrachteten eine Katastrophe als unvermeidlich.
Bei den im Herbst bevorstehenden Wahlen würden die ehemaligen
Vereinbarer, die der König als rote Republikaner fürchte, unbedingt
gewählt werden, und über die neuen Militärvorlagen könne es zum
Klappen kommen. So hielt Marx diesen Zeitungsplan Lassalles an und für
sich für erwägenswert.
Aber
doch nicht in der Ausführung, wie sie Lassalle plante. Lassalle wollte
neben Marx Chefredakteur sein und als dritten Chefredakteur auch
Engels zulassen, unter der Bedingung, daß Marx und Engels nicht mehr
Stimmen haben dürften als er, da er sonst jedesmal überstimmt werden
würde. Vermutlich hat Lassalle diesen abenteuerlichen Plan, der die
geplante Zeitung von vornherein zum totgeborenen Kinde gemacht hätte,
nur im Laufe eines flüchtigen Gespräches hingeworfen, indessen kommt
es darauf um so weniger an, als Marx überhaupt nicht geneigt war, ihm
einen irgend bestimmenden Einfluß einzuräumen. Geblendet durch das
Ansehen, das er in gewissen Gelehrtenkreisen durch seinen »Heraklit«
und in einem andern Kreise von Schmarotzern durch guten Wein und Küche
habe, wisse Lassalle - so urteilte Marx - natürlich nicht, daß er im
großen Publikum verrufen sei. »Außerdem seine Rechthaberei; sein
Stecken im ›spekulativen Begriff‹ (der Bursche träumt sogar von einer
neuen hegelschen Philosophie auf der 2ten Potenz, die er schreiben
will), seine Infektion mit altem französischem Liberalismus, seine
breitspurige Feder, Zudringlichkeit, Taktlosigkeit usw. Lassalle
könnte als einer der Redakteure, unter strenger Disziplin, Dienste
leisten. Sonst nur blamieren.« So berichtete Marx an Engels über die
Verhandlungen mit Lassalle, mit dem Hinzufügen, er habe, um den
Gastfreund nicht zu kränken, seinen endgültigen Beschluß verschoben,
bis er mit Engels und Wilhelm Wolff beraten habe. Engels hatte
ähnliche Bedenken wie Marx und winkte ab.
|307| Im übrigen war der ganze Plan ein
spanisches Luftschloß, wie ihn Lassalle einmal vorahnend genannt
hatte. Zu den Tücken der preußischen Amnestie gehörte auch, daß sie
den Flüchtlingen der Revolutionsjahre, soweit sie ihnen die straflose
Heimkehr unter halbwegs annehmbaren Bedingungen gewährte, doch
keineswegs das Heimatsrecht wiedergab, das sie nach den preußischen
Gesetzen durch mehr als zehnjährigen Aufenthalt im Auslande verloren
hatten. Wer von ihnen heute heimkehrte, konnte morgen wieder durch die
üble Laune irgendeines Polizeipaschas über die Grenze gejagt werden.
Für Marx kam noch hinzu, daß er schon mehrere Jahre vor der
Revolution, allerdings unter dem Druck preußischer Polizeiplackereien,
aber doch durch ausdrücklichen Antrag, seine Entlassung aus dem
preußischen Staatsverbande genommen hatte. Als sein bevollmächtigter
Vertreter setzte nun Lassalle Himmel und Hölle in Bewegung, um ihm das
preußische Staatsbürgerrecht zu erwerben; er machte zu diesem Zweck
dem Berliner Polizeipräsidenten von Zedlitz wie dem Grafen Schwerin,
dem Minister des Innern, einer Hauptsäule der Neuen Ära, die schönsten
Tänze, aber vergebens! Zedlitz erklärte, es läge kein anderer Grund
gegen die Naturalisation von Marx vor, als dessen »republikanische
oder mindestens nicht royalistische Gesinnung«, und Schwerin
antwortete auf Lassalles nachdrückliche Vorstellungen, er möge doch
nicht dieselbe »Gesinnungsinquisition und Verfolgung wegen politischen
Gesinnungen« treiben, die er an seinen Vorgängern Manteuffel und
Westphalen so scharf getadelt habe, mit dem trockenen Bescheide, es
seien »zur Zeit wenigstens durchaus keine besonderen Gründe vorhanden,
die für die Erteilung der Naturalisation an den p. Marx sprechen
könnten«. Ein Staatswesen wie das preußische, konnte den p. Marx
allerdings nicht ertragen; darin hatten diese obskuren Minister schon
recht, der Graf Schwerin wie seine Vorgänger Kühlwetter und Manteuffel.
Von
Berlin unternahm Marx noch einen Abstecher in die Rheinlande, besuchte
alte Freunde in Köln und seine betagte Mutter in Trier, die ihrer
Auflösung entgegenging; in den ersten Tagen des Mai war er wieder in
London. Er hoffte jetzt, dem gehetzten Leben der Familie ein Ende zu
machen und sein Buch zu vollenden. In Berlin war ihm die wiederholt
gescheiterte Anknüpfung mit der »Wiener Presse« gelungen, die ihm den
Leitartikel mit einem Pfund und die Korrespondenz mit der Hälfte zu
honorieren versprach; auch die Verbindung mit der »New-York Daily
Tribune« schien sich wieder zu beleben. Sie druckte wiederholt seine
Artikel mit ausdrücklichen Hinweisen auf ihre Vortrefflichkeit ab;
»sonderbare Manier dieser Yankees«, meinte Marx, »ihren eignen
|308| correspondents testimonia zu erteilen«. Auch die »Wiener
Presse« machte »großes Wesen von seinen Beiträgen«. Aber die alten
Schulden waren nie ganz abgetragen worden, und der Ausfall aller
Einnahmen in den Tagen der Krankheit und der deutschen Reise half »den
alten Dreck wieder aufschwemmen«; den Neujahrsgruß an Engels kleidete
Marx in den Fluch, für sein Teil wünsche er das neue Jahr zum Teufel,
wenn es dem alten Jahre gleichen sollte.
Das
Jahr 1862 glich seinem Vorgänger nicht nur, sondern übertraf ihn noch
an Schrecknissen. Die »Wiener Presse« erwies sich trotz aller Reklame,
die sie mit Marx trieb, womöglich noch ruppiger als das amerikanische
Blatt. Bereits im März schrieb Marx an Engels: »Es ist mir
gleichgültig, daß sie die besten Artikel nicht drucken
(obgleich ich immer so schreibe, daß sie drucken können). Aber
pekuniär geht das nicht, daß sie auf 4-5 Artikel einen drucken und nur
einen zahlen. Das setzt mich tief unter die penny-a-liner [Mehring
übersetzt: Zeilenreißer].« Mit der »New-York Daily Tribune« hörte im
Laufe des Jahres überhaupt jede Verbindung auf, aus Gründen, die sich
im einzelnen nicht mehr feststellen lassen, im allgemeinen aber auf
den amerikanischen Sezessionskrieg zurückzuführen sind.
Obgleich ihn dieser Krieg so in das größte Pech brachte, begrüßte Marx
ihn mit der lebhaftesten Sympathie. »Man muß sich nicht darüber
täuschen«, schrieb er einige Jahre später in der Vorrede seines
wissenschaftlichen Hauptwerks; »wie der amerikanische
Unabhängigkeitskrieg des 18. Jahrhunderts die Sturmglocke für die
europäische Mittelklasse läutete, so der amerikanische Bürgerkrieg d.
19. Jahrh. für die europäische Arbeiterklasse.«[5]
In seinem Briefwechsel mit Engels verfolgte er den Verlauf des Krieges
mit eingehendem Interesse. Über die militärischen Einzelheiten ließ er
sich, da er sich nur als Laien in der Kriegswissenschaft betrachtete,
gern von Engels belehren, und was Engels darüber zu sagen hatte, ist
noch heute von hohem, nicht nur historischem, sondern auch politischem
Interesse; so leuchtete er der Militär- und Milizfrage bis auf den
Grund mit dem tiefen Worte: Erst eine kommunistisch eingerichtete und
erzogene Gesellschaft kann sich dem Milizsystem sehr nähern,
und auch da noch asymptotisch [Mehring übersetzt: ohne es zu
erreichen].« Aber in anderem Sinne, wie es der Dichter gemeint hat,
bewährte sich hier das Wort, daß sich in der Beschränkung erst der
Meister zeige.
Die
Meisterschaft, die Engels im militärischen Urteil besaß, schränkte
seinen allgemeinen Gesichtskreis ein. Die elende Kriegführung der
Nordstaaten ließ ihn mitunter an ihre Niederlage glauben. »Was mich
|309| bei den Yankees an allem Erfolg irremacht«, schrieb er im
Mai 1862, »ist nicht die militärische Sachlage an und für sich. Sie
ist es nur als Resultat der Schlaffheit und Stumpfheit, die sich im
ganzen Norden zeigt. Wo ist die revolutionäre Energie irgendwo im
Volk? Sie lassen sich durchhauen und sind ordentlich stolz auf die
Keile, die sie kriegen. Wo ist im ganzen Norden auch nur ein einziges
Symptom, daß es den Leuten Ernst ist mit irgend etwas? Mir ist so was
noch nicht vorgekommen, in Deutschland in der schlimmsten Zeit nicht.
Die Yankees scheinen sich im Gegenteil am meisten schon darauf zu
freuen, daß sie ihre Staatsgläubiger prellen werden.« So meinte er im
Juli, es sei für den Norden alles aus, und im September, die Kerle im
Süden, die wenigstens wüßten, was sie wollten, kämen ihm der schlappe |