1. Die Gründung
|322| Einige Wochen nach Lassalles Tode, am 28. September 1864,
wurde in London, auf einem großen Meeting in St. Martins Hall, die
Internationale Arbeiterassoziation gegründet.
Sie
war nicht das Werk eines einzelnen, kein »kleiner Körper mit einem
großen Kopfe«, keine heimatlose Verschwörerbande; sie war weder das
nichtige Schattenbild noch das ungeheure Schrecknis, wie in holdem
Wechsel die von bösem Gewissen gepeitschte Phantasie de
kapitalistischen Herolde behauptete. Sie war vielmehr eine
Durchgangsform des proletarischen Emanzipationskampfes, und ihr
geschichtliches Wesen bedingte sowohl, daß sie notwendig, als auch daß
sie vergänglich war.
Die
kapitalistische Produktionsweise als der Widerspruch in sich selbst,
erzeugt die modernen Staaten und zerstört sie zugleich. Sie treibt die
nationalen Gegensätze auf die Spitze, aber sie schafft auch alle
Nationen nach ihrem Bilde um. Auf ihrem Boden ist dieser Gegensatz
unlöslich, und an ihm scheiterte immer jene Verbrüderung der Völker,
von der die bürgerliche Revolution soviel zu singen und zu sagen wußte.
Indem die große Industrie Freiheit und Frieden zwischen den Nationen
predigte, machte sie aus diesem Erdball ein Kriegslager, wie es keine
frühere Periode der Geschichte gesehen hat.
Jedoch
mit der kapitalistischen Produktionsweise fällt auch ihr innerer
Widerspruch. Wohl kann sich der proletarische Emanzipationskampf nur
auf nationalem Boden entwickeln; da sich der kapitalistische
Produktionsprozeß innerhalb nationaler Schranken vollzieht, so steht
jedes Proletariat zunächst seiner Bourgeoisie gegenüber. Aber das
Proletariat unterliegt nicht dem unerbittlichen Konkurrenzkampf, der
allen internationalen Freiheits- und Friedensträumen der Bourgeoisie
ein so jähe und rasches Ende bereitet. Sobald die Arbeiter erkennen -
und diese Erkenntnis fällt schon mit dem ersten Erwachen ihres
Klassenbewußtseins zusammen -, daß sie die Konkurrenz in ihren eigenen
Reihen aufheben |323|* müssen, um der Übermacht des Kapitals
überhaupt einen wirksamen Widerstand entgegenzusetzen, so ist nur noch
ein Schritt zu der tieferen Erkenntnis, daß auch die Konkurrenz
zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder aufhören müsse,
vielmehr ihr gemeinsames Zusammenwirken notwendig sei, um die
internationale Herrschaft der Bourgeoisie zu brechen.
Demgemäß machte sich in der modernen Arbeiterbewegung die
internationale Tendenz schon sehr früh geltend. Was der Verstand der
Bourgeoisie, der durch ihr Profitinteresse verbarrikadiert ist, nur
als unpatriotische Gesinnung, als einen Mangel an Bildung und Verstand
aufzufassen vermochte, das war nichts anderes als eine Lebensbedingung
des proletarischen Emanzipationskampfes. Allein wenn dieser Kampf auch
den Zwiespalt zwischen nationaler und internationaler Tendenz, worin
die Bourgeoisie sich ewig windet, lösen kann und muß, so gebietet er
hier sowenig wie sonst irgendwo über eine Zauberrute, die seinen und
steilen Aufstieg in eine ebene und glatte Bahn wandeln kann. Die
moderne Arbeiterklasse kämpft unter Bedingungen, die ihr von der
geschichtlichen Entwicklung gestellt sind, die nicht in einem
gewaltigen Ansturm überrannt, sondern nur dadurch überwunden werden
können, daß sie verstanden werden im Sinne des Hegelschen Worts:
Verstehen heißt überwinden.
Erschwert wurde dies Verständnis in hohem Grade dadurch, daß die
Anfänge der europäischen Arbeiterbewegung, in denen sich alsbald ihre
internationale Richtung aussprach, mannigfach zusammenfielen und sich
durchkreuzten mit der Gründung großer Nationalstaaten, eben durch die
kapitalistische Produktionsweise. Wenige Wochen, nachdem das
»Kommunistische Manifest« die vereinigte Aktion des Proletariats in
allen zivilisierten Ländern als eine unerläßliche Voraussetzung seiner
Emanzipation verkündet hatte, brach die Revolution von 1848 aus, die
in England und Frankreich zwar schon Bourgeoisie und Proletariat als
feindliche Mächte gegeneinander stellte, aber in Deutschland und
Italien erst nationale Unabhängigkeitskämpfe entfachte. Allerdings hat
damals das Proletariat, soweit es sich schon handelnd betätigte,
vollkommen richtig erkannt, daß diese Unabhängigkeitskämpfe, wenn auch
keineswegs sein letztes Ziel, so doch eine Station auf dem Wege zu
diesem Ziele waren; es hat den nationalen Bewegungen in Deutschland
und Italien die tapfersten Kämpfer gestellt, und nirgends sind diese
Bewegungen besser beraten gewesen als in der »Neuen Rheinischen
Zeitung«, die von den Verfassern des »Kommunistischen Manifestes«
herausgegeben wurde. Aber der nationale Kampf drängte naturgemäß den
|324| internationalen Gedanken zurück, zumal als sich die
Bourgeoisie in Deutschland und Italien unter reaktionäre Bajonette zu
flüchten begann. In Italien organisierten sich Hilfsvereine der
Arbeiter unter dem nichts weniger als sozialistischen, aber wenigstens
republikanischen Banner Mazzinis, und in dem entwickelteren
Deutschland, dessen Arbeitern schon seit den Tagen Weitlings die
internationalen Zusammenhänge ihrer Sache nicht fremd waren, kam es
eben um der nationalen Frage willen zu einem zehnjährigen
Bruderkriege.
Anders
lagen die Dinge in Frankreich und England, wo die nationale Einheit
längst gesichert war, als die proletarische Bewegung begann. Hier war
schon in vormärzlicher Zeit der internationale Gedanke sehr lebendig:
Paris galt als Hauptstadt der europäischen Revolution, und London war
die Metropole des Weltmarkts. Jedoch trat er auch hier mehr oder
minder zurück nach den proletarischen Niederlagen.
Der
furchtbare Aderlaß der Junischlacht lähmte die französische
Arbeiterklasse, und der eiserne Druck des bonapartistischen
Despotismus hinderte ihre gewerkschaftliche wie ihre politische
Organisation. Sie fiel in das vormärzliche Sektenwesen zurück, aus
dessen Wirrwarr zwei Richtungen deutlicher hervortraten, in denen sich
gewissermaßen das revolutionäre und das sozialistische Element schied.
Die eine Richtung knüpfte an Blanqui an, der kein eigentlich
sozialistisches Programm hatte, sondern die politische Gewalt durch
den kühnen Handstreich einer entschlossenen Minderheit erobern wollte.
Die andere Richtung - und sie war die ungleich stärkere - stand unter
dem geistigen Einfluß Proudhons, der mit seinen Tauschbanken zur
Herstellung eines unentgeltlichen Kredits und ähnlichen doktrinären
Experimenten von der politischen Bewegung ablenkte; von dieser
Bewegung hatte Marx schon im »Achtzehnten Brumaire« gesagt, daß sie
darauf verzichte, die alte Welt mit ihren eignen großen Gesamtmitteln
umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der Gesellschaft, auf
Privatweise, innerhalb ihrer beschränkten Existenzbedingungen ihre
Erlösung zu vollbringen suche.
Eine
in manchen Beziehung ähnliche Entwicklung vollzog sich nach dem
Scheitern des Chartismus in der englischen Arbeiterklasse. Der große
Utopist Owen lebte zwar noch in hohen Jahren, aber seine Schule
versandete in religiösem Freidenkertum. Daneben entstand der
Christliche Sozialismus der Kingsley und Maurice, der - sowenig er mit
seinen kontinentalen Zerrbildern in einen Topf geworfen werden durfte
- mit seinen Bildungs- und Genossenschaftsbestrebungen doch auch von
dem politischen Kampf nichts wissen wollte. Aber selbst die
gewerkschaftlichen Verbände der Trade Unions, die England vor
Frankreich voraushatte |325|*, verharrten in politischer
Gleichgültigkeit und beschränkten sich auf die Befriedigung ihrer
nächstliegenden Bedürfnisse, die ihnen durch die fieberhafte
Industrietätigkeit der fünfziger Jahre und durch die englische
Vorherrschaft auf dem Weltmarkt erleichtert wurde.
Trotz
alledem war aber auf englischem Boden die internationale
Arbeiterbewegung erst sehr allmählich eingeschlafen. Ihre letzten
Spuren lassen sich bis in das Ende der fünfziger Jahre verfolgen. Die
Fraternal Democrats hatten ihr Dasein bis in die Tage des Krimkrieges
fortgeschleppt, und auch nach ihrem völligen Einschlafen war ein
Internationales Komitee und danach eine Internationale Assoziation
entstanden, um die sich namentlich Ernest Jones bemüht hatte. Große
Bedeutung hatten sie freilich nicht gewonnen, aber sie zeigten doch,
daß der internationale Gedanke nie völlig erloschen war, sondern in
schwachen Funken fortlebte, die durch kräftigere Windstöße leicht
wieder zu hellen Flammen angefacht werden konnten.
Als
solche Windstöße wirkten nacheinander die Handelskrise von 1857, der
Krieg von 1859 und namentlich der Bürgerkrieg, der seit 1860 zwischen
den Nord- und den Südstaaten der nordamerikanischen Union entbrannt
war. Hatte die Handelskrise von 1857 der bonapartistischen
Herrlichkeit in Frankreich den ersten nachhaltigen Stoß gegeben, so
war der Versuch, diesen Stoß durch ein glückliches Abenteuer der
auswärtigen Politik zu parieren, keineswegs gelungen. Die Kugel, die
der Dezembermann ins Rollen gebracht hatte, war ihm längst aus den
Händen geglitten. Die italienische Einheitsbewegung wuchs ihm über den
Kopf, und die französische Bourgeoisie ließ sich mit dem mageren
Lorbeer der Schlachten von Magenta und Solferino nicht abspeisen. Um
ihren wachsenden Übermut zu dämpfen, lag der Gedanke nahe, der
Arbeiterklasse einen größeren Spielraum zu gewähren; die
Existenzmöglichkeit des zweiten Kaiserreichs bestand ja recht
eigentlich in der gelungenen Lösung der Aufgabe, Bourgeoisie und
Proletariat gegenseitig in Schach zu halten.
Natürlich dachte Bonaparte nicht an politische Zugeständnisse, wohl
aber an gewerkschaftliche. Proudhon, der in den französischen
Arbeiterkreisen den verhältnismäßig größten Einfluß hatte, war ein
Gegner des Kaiserreichs, obgleich manche seiner paradoxen Einfälle den
Anschein des Gegenteils erwecken mochten, aber er war auch ein Gegner
der Streiks. Hier aber schien die französischen Arbeiter der Schuh am
meisten zu drücken. Trotz der Abmahnungen Proudhons und der strengen
Koalitionsverbote wurden von 1853 bis 1866 nicht weniger als 3.909
Arbeiter wegen Beteiligung an 749 Koalitionen strafrechtlich
verurteilt. |326| Der nachgemachte Cäsar begann damit, die
Verurteilten zu begnadigen. Dann unterstützte er die Entsendung von
französischen Arbeitern auf die Londoner Weltausstellung von 1862, und
zwar, wie sich nicht bestreiten läßt, in viel gründlicherer Weise, als
der deutsche Nationalverein denselben sinnreichen Gedanken zu gleicher
Zeit verwirklichte. Die Delegierten sollten von ihren gewerblichen
Fachgenossen gewählt werden; es wurden in Paris 50 Wahlbüros für 150
Fächer gebildet, die im ganzen 200 Vertreter nach London sandten; die
Kosten bestritt - neben einer freiwilligen Subskription - die
kaiserliche und die städtische Kasse mit je 20.000 Franken. Bei ihrer
Rückkehr durften die Delegierten ausführliche Berichte, die meist
schon weit über das fachliche Gebiet hinausgriffen, durch den Druck
verbreiten. Unter den damaligen Verhältnissen war es eine Haupt- und
Staatsaktion, die dem ahnungsvollen Engel von Pariser Polizeipräfekten
den Stoßseufzer entlockte, ehe sich der Kaiser auf solche Scherze
einließe, sollte er lieber gleich die Koalitionsverbote aufheben.
In der
Tat bekundeten die Arbeiter ihrem eigennützigen Gönner nicht den Dank,
den er beanspruchte, sondern nur den Dank, den er verdiente. Bei den
Wahlen von 1863 wurden in Paris für die Kandidaten der Regierung nur
82.000, für die Kandidaten der Opposition aber 153.000 Stimmen
abgegeben, während bei den Wahlen von 1857 die Regierung noch 111.000,
die Opposition aber erst 96.000 Wähler gemustert hatte. Man nahm
allgemein an, daß die Abwandlung nur zum geringeren Teile durch die
Abschwenkung der Bourgeoisie, hauptsächlich aber durch die veränderte
Stellung der Arbeiterklasse zu erklären sei, die gerade jetzt, wo der
falsche Bonaparte mit ihrem Interesse kokettierte, ihre Unabhängigkeit
bekunden wollte, wenn sie zunächst auch nur unter der Fahne des
bürgerlichen Radikalismus marschierte. Diese Annahme wurde bestätigt,
als für einige Nachwahlen, die 1864 in Paris stattfanden, sechzig
Arbeiter den Ziseleur Tolain als ihren Kandidaten aufstellten und ein
Manifest erließen, worin sie das Wiedererwachen des Sozialismus
ankündigten. Freilich hätten, hieß es darin, die Sozialisten aus den
Erfahrungen der Vergangenheit gelernt. Im Jahre 1848 seien die
Arbeiter noch nicht zu einem klaren Programm gelangt; mehr aus
Instinkt als Überlegung hätten sie dieser oder jener sozialen Theorie
gehuldigt. Nun hielten sie sich fern von utopischen Übertreibungen und
suchten nach sozialen Reformen. An solchen Reformen forderte Tolain
Preß- und Vereinsfreiheit, Aufhebung der Koalitionsverbote,
obligatorischen und unentgeltlichen Unterricht sowie Abschaffung des
Kultusbudgets.
|327| Jedoch brachte es Tolain nur auf einige
hundert Stimmen. Proudhon war wohl mit dem Inhalt des Manifestes
einverstanden, aber er verwarf die Wahlbeteiligung, da ihm die Abgabe
weißer Zettel ein schärferer Protest gegen das Kaiserreich zu sein
schien; den Blanquisten war das Manifest zu gemäßigt, und die
Bourgeoisie in ihrer liberalen und radikalen Schattierung, mit
einzelnen Ausnahmen, fiel mit Hohn und Spott über das selbständige
Auftreten der Arbeiter her, obgleich das Wahlprogramm Tolains ihnen
noch gar keinen Anlaß zur Beunruhigung bot. Es war eine ganz ähnliche
Erscheinung, wie sie sich gleichzeitig in Deutschland zeigte.
Hierdurch ermutigt, wagte Bonaparte wieder einen Schritt vorwärts; im
Mai 1864 wurde durch ein Gesetz zwar noch nicht das Verbot der
Fachvereine aufgehoben, was erst vier Jahre später geschah; wohl aber
wurden die Paragraphen des Code pénal beseitigt, die Koalitionen der
Arbeiter für Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen untersagten.
In
England waren zwar schon seit dem Jahre 1825 die Koalitionsverbote
aufgehoben, aber die Existenz der Trade Unions war deshalb noch
keineswegs weder rechtlich noch tatsächlich gesichert, und der Masse
ihrer Mitglieder fehlte das politische Wahlrecht, das ihnen ermöglicht
hätte, die gesetzlichen Hindernisse zu beseitigen, die ihnen den Kampf
um eine höhere Lebenshaltung erschwerten. Das Aufkommen des
kontinentalen Kapitalismus, das eine Unzahl von Existenzen
entwurzelte, züchtete ihnen eine gefährliche Schmutzkonkurrenz heran:
bei jedem Anlauf zur Erhöhung der Arbeitslöhne oder zur Verkürzung der
Arbeitszeit drohten die Kapitalisten mit der Einfuhr französischer,
belgischer, deutscher oder anderer ausländischer Arbeiter. Aufrüttelnd
wirkte dann besonders der amerikanische Bürgerkrieg. Er rief eine
Baumwollenkrisis hervor, die über die Arbeiter der englischen
Textilindustrie das größte Elend brachte.
So
wurden die Trade Unions aus ihrem beschaulichen Dasein erweckt. Es
entstand ein Neuer Unionismus, der namentlich durch einige erfahrene
Beamte der größten Trade Unions vertreten wurde: Allan von den
Maschinenbauern, Applegarth von den Zimmerern, Lucraft von den
Schreinern, Cremer von den Maurern, Odger von den Schuhmachern und
andere. Diese Männer erkannten die Notwendigkeit des politischen
Kampfes auch für die Gewerkschaften. Sie richteten ihr Augenmerk auf
eine Wahlreform; sie waren die treibenden Kräfte bei einem
Monstermeeting, das unter dem Vorsitze des radikalen Politikers Bright
in St. James Hall stattfand und stürmischen Protest gegen den Plan
Palmerstons erhob, zugunsten der südlichen Sklavenstaaten in der
amerikanischen |328|* Bürgerkrieg einzugreifen, und als
Garibaldi im Frühling 1864 einen Besuch in London abstattete,
bereiteten sie ihm einen festlichen Empfang.
Das
politische Wiedererwachen der englischen und der französischen
Arbeiterklasse rief den internationalen Gedanken wieder wach. Schon
bei der Weltausstellung von 1862 fand ein »Verbrüderungsfest« zwischen
den französischen Delegierten und englischen Arbeitern statt. Enger
geknüpft wurde das Band durch den polnischen Aufstand von 1863. Die
polnische Sache war unter den revolutionären Elementen der
westeuropäischen Kulturvölker von jeher äußerst populär; die
Unterdrückung und Zerstückelung Polens machte die drei Ostmächte zu
einer reaktionären Macht, die Wiederherstellung Polens war ein Stoß
ins Herz der russischen Hegemonie über Europa. Schon von den Fraternal
Democrats waren die Gedenktage der polnischen Revolution von 1830
regelmäßig gefeiert worden; unter begeisterten Kundgebungen für die
polnische Nation, doch auch immer schon in dem Sinne, daß die
Wiederherstellung eines freien und demokratischen Polens eine
notwendige Vorbedingung der proletarischen Emanzipation sei. So auch
1863. Auf den Londoner Polenmeetings, zu denen französische Arbeiter
ihre Vertreter gesandt hatten, klang die soziale Note scharf hervor,
und sie war auch der Grundton einer Adresse, die ein Ausschuß
englischer Arbeiter unter dem Vorsitz Odgers an die französischen
Arbeiter richtete, um ihnen für ihre Teilnahme an den Polenmeetings zu
danken. Die Adresse betonte namentlich, daß die Schmutzkonkurrenz, die
das englische Kapital durch die Einfuhr ausländischer Arbeiter dem
englischen Proletariat mache, nur möglich sei, weil es an einer
systematischen Verbindung zwischen den arbeitenden Klassen aller
Länder fehle.
Sie
wurde von Professor Beesly, einem um die Arbeitersache vielfach
verdienten Gelehrten, der an der Londoner Universität Geschichte
vortrug, ins Französische übersetzt und rief eine lebhafte Bewegung in
den Pariser Werkstätten hervor, die in dem Entschluß gipfelte, die
Antwort durch eine Deputation persönlich nach London zu schicken. Zu
deren Empfang berief der englische Ausschuß für den 28. September 1864
nach St. Martins Hall ein Meeting, das unter dem Vorsitz Beeslys tagte
und bis zum Ersticken überfüllt war. Tolain verlas die französische
Antwortadresse, die vom polnischen Aufstande anhob: »Wiederum ist
Polen vom Blute seiner Kinder erstickt worden, und wir sind machtlose
Zuschauer geblieben«, um dann zu fordern, daß die Stimme des Volkes in
allen großen politischen und sozialen Fragen gehört werden müsse. Die
despotische Macht des Kapitals müsse gebrochen werden. Durch die
|329| Teilung der Arbeit sei der Mensch zum mechanischen Werkzeug
geworden, und der Freihandel ohne Solidarität der Arbeiter müsse eine
industrielle Leibeigenschaft herbeiführen, die unbarmherziger und
verhängnisvoller sei, als die in den Tagen der großen Revolution
zerbrochene Leibeigenschaft. Die Arbeiter aller Länder müßten sich
vereinigen, um einem verhängnisvollen System eine unüberwindliche
Schranke entgegenzusetzen.
Nach
einer lebhaften Debatte, in der Eccarius für die Deutschen sprach,
beschloß das Meeting auf den Antrag des Trade-Unionisten Wheeler, ein
Komitee niederzusetzen mit der Vollmacht, seine Zahl zu vermehren und
die Statuten für eine internationale Vereinigung zu entwerfen, die
vorläufig gelten sollten, bis im nächsten Jahre ein internationaler
Kongreß in Belgien endgültig darüber entschiede. Das Komitee wurde
gewählt: es bestand aus zahlreichen Trade-Unionisten und ausländischen
Vertretern der Arbeitersache, darunter für die Deutschen - ihn nennt
der Zeitungsbericht an letzter Stelle - Karl Marx.
2.
»Inauguraladresse« und »Statuten«
Marx
hatte bis dahin keinen tätigen Anteil an der Bewegung genommen. Er war
von dem Franzosen Le Lubez aufgefordert worden, sich für die deutschen
Arbeiter zu beteiligen und namentlich einen deutschen Arbeiter als
Sprecher zu stellen. Er schlug Eccarius vor, während er selbst dem
Meeting nur als stumme Figur auf der Plattform beiwohnte.
Marx
dachte von seiner wissenschaftlichen Arbeit hoch genug, um sie aller
Vereinsspielerei voranzustellen, die von vornherein aussichtslos
erschien, aber er schob sie gern zurück, wo nützliche Arbeit für das
Proletariat zu verrichten war. Diesmal erkannte er, daß »wirkliche
Mächte« im Spiel waren. Er schrieb an Weydemeyer und ähnlich an andere
Freunde: »Das neulich errichtete Internationale Arbeiterkomitee ist
nicht ohne Bedeutung. Seine englischen Mitglieder bestehen meist aus
den Chefs der hiesigen Trade Unions, also den wirklichen
Arbeiterkönigen von London, denselben Leuten, die dem Garibaldi den
Riesenempfang bereiteten und die durch das Monstremeeting in St. James
Hall (unter Brights Vorsitz) Palmerston verhinderten, den Krieg an die
Vereinigten Staaten zu erklären, wie er auf dem Punkte stand es zu
tun. Von seiten der Franzosen sind die Mitglieder unbedeutend, aber
sie |330| sind die direkten Organe der leitenden Arbeiter in
Paris. Ebenso besteht Verbindung mit den italienischen Vereinen, die
kürzlich ihren Kongreß in Neapel hielten. Obgleich ich jahrelang
systematisch alle Teilnahme an allen ›Organisationen‹ ablehnte, so
akzeptierte ich diesmal, weil es sich um eine Geschichte handelt, wo
es möglich ist, bedeutend zu wirken.« Marx erkannte, daß »offenbar ein
Wiederaufleben der arbeitenden Klassen stattfände«, und ihnen die
neuen Wege zu bahnen, hielt er für seine oberste Pflicht.
Dabei
fügte es sich glücklich, daß ihm die geistige Leitung durch äußere
Umstände von selbst zufiel. Das gewählte Komitee ergänzte sich durch
Hinzuziehung neuer Kräfte; es bestand aus etwa 50 Mitgliedern, zur
Hälfte englischen Arbeitern. Danach war am stärksten Deutschland durch
etwa 10 Mitglieder vertreten, die wie Marx, Eccarius, Leßner, Lochner,
Pfänder schon dem Bunde der Kommunisten angehört hatten. Frankreich
hatte 9, Italien 6, Polen und die Schweiz je 2 Vertreter. Nach seiner
Konstituierung setzte das Komitee ein Unterkomitee nieder, das
Programm und Statuten entwerfen sollte.
In
dieses Unterkomitee wurde auch Marx gewählt, doch war er durch
Krankheit oder wegen zu später Benachrichtigung wiederholt verhindert,
den Beratungen beizuwohnen. Derweil hatten sich der Major Wolf, der
Privatsekretär Mazzinis, der Engländer Weston und der Franzose Le
Lubez vergebens mit der Lösung der Aufgabe befaßt, die dem
Unterkomitee gestellt war. So populär Mazzini damals unter den
englischen Arbeitern war, so verstand er sich doch viel zuwenig auf
die moderne Arbeiterbewegung, um mit seinem Entwurf geschulten
Trade-Unionisten zu imponieren. Der proletarische Klassenkampf war ihm
unverständlich und deshalb verhaßt. Sein Programm verstieg sich
höchstens zu einiger sozialistischer Phraseologie, über die das
Proletariat im Anfange der sechziger Jahre längst hinaus war. Ebenso
waren seine Statuten aus dem Geiste einer vergangenen Zeit geboren; in
der streng zentralistischen Weise politischer
Verschwörungsgesellschaften abgefaßt, verstießen sie wie gegen die
Lebensbedingungen der Trade Unions im besonderen, so im allgemeinen
gegen Lebensbedingungen eines internationalen Arbeiterbundes, der
keine neue Bewegung schaffen, sondern nur die in verschiedenen Ländern
schon vorhandene, aber verzettelte Klasssenbewegung des Proletariats
verbinden sollte. Ebensowenig kamen die Entwürfe, die Le Lubez und
Weston vorlegten, über ein allgemeines Phrasengeklingel hinaus.
So war
die Sache gründlich verfahren, als Marx sie in die Hand nahm. Er war
entschlossen, daß wo möglich »not one single line [Mehring |331|
übersetzt: nicht eine einzige Zeile] von dem Zeug stehnbleiben
sollte«, und um sich ganz davon zu emanzipieren, entwarf er - was auf
dem Meeting in St. Martins Hall nicht vorgesehen war - eine Adresse an
die arbeitenden Klassen, eine Art Rückblick auf ihre Schicksale seit
1848, um danach die Statuten um so klarer und kürzer zu fassen. Das
Unterkomitee nahm seine Vorschläge sofort an, nur daß es in die
Einleitung der Statuten einige Phrasen von »Recht, Pflicht, Wahrheit,
Moral und Gerechtigkeit« einschaltete, die Marx jedoch, wie er an
Engels schrieb, so unterzubringen wußte, daß sie keinen Schaden
anrichten konnten. Dann nahm auch das Generalkomitee »Adresse« wie
»Statuten« einstimmig und mit großer Begeisterung an.
Von
der »Inauguraladresse« hat Beesly später einmal gesagt, sie sei
wahrscheinlich die gewaltigste und schlagendste Darlegung der
Arbeitersache gegen die Mittelklasse, die je in ein Dutzend kleiner
Seiten zusammengepreßt worden sei. Die »Adresse« begann damit, die
große Tatsache festzustellen, daß sich die Not der Arbeiterklasse in
den Jahren von 1848 bis 1864 nicht gemindert habe, obgleich gerade
dieser Zeitraum in den Jahrbüchern der Geschichte beispiellos dastehe
durch die Entwicklung seiner Industrie und das Wachstum seines
Handels. Sie führte den Beweis dadurch, daß sie urkundlich
gegenüberstellte einerseits die fürchterliche Statistik der amtlichen
Blaubücher über das Elend des englischen Proletariats, andererseits
die Ziffern, die der Schatzkanzler Gladstone in seinen Budgetreden
beigebracht hatte für die berauschende, aber ganz und gar auf die
besitzenden Klassen beschränkte Vermehrung von Macht und Reichtum, die
in jenem Zeitraum vor sich gegangen sei. Die »Adresse« deckte diesen
schreienden Gegensatz an den englischen Zuständen auf, weil England an
der Spitze der europäischen Industrie und des europäischen Handels
stehe, aber sie fügte hinzu, daß er mit anderer Lokalfärbung und auf
etwas kleinerer Stufenleiter in allen Ländern des Festlandes bestehe,
wo die große Industrie sich entwickle.
Überall beschränke sich die berauschende Vermehrung von Macht und
Reichtum auf die besitzenden Klassen, es sei denn, daß eine kleine
Anzahl von Arbeitern, wie in England, einen etwas erhöhten, aber durch
die allgemeine Preissteigerung wieder ausgeglichenen Arbeitslohn
erhalten hätte. »Überall sank die große Masse der arbeitenden Klassen
in immer tieferes Elend, mindestens in demselben Maße, wie die oberen
Klassen auf der sozialen Leiter stiegen. In allen Ländern Europas
steht es jetzt als Wahrheit fest, unleugbar für jeden unbefangenen
Forscher, und nur bestritten von denen, die ein Interesse |332|
daran haben, anderen trügerische Hoffnungen zu erwecken, daß weder die
Vervollkommnung der Maschinen noch die Verwertung der Wissenschaft für
den Ackerbau oder die Industrie, weder die Hilfsmittel und Kunstgriffe
des Verkehrs noch neue Kolonien oder Auswanderung, weder die Eroberung
neuer Märkte noch der Freihandel oder alle diese Dinge
zusammengenommen das Elend der gewerbtätigen Massen zu beseitigen
vermögen, daß vielmehr auf der falschen Grundlage des Bestehenden jede
frische Entwicklung der schöpferischen Kraft der Arbeit nur dahin
zielt, die sozialen Gegensätze zu vertiefen und den sozialen Konflikt
zu verschärfen. Hungertod erhob sich in der Hauptstadt des britischen
Königreichs beinahe auf den Rang einer sozialen Institution während
dieser berauschenden Periode ökonomischen Fortschritts. Dieser
Zeitraum ist in den Jahrbüchern der Geschichte gekennzeichnet durch
die beschleunigte Wiederkehr, den erweiterten Umfang und die tödlichen
Wirkungen der sozialen Pest, die man Handels- und Industriekrisen
nennt.«[1]
Die
»Adresse« warf dann einen Blick auf die Niederlage der
Arbeiterbewegung in den fünfziger Jahren und fand, daß diese Zeit auch
ihre entschädigenden Charakterzüge habe. Besonders zwei große
Tatsachen wurden hervorgehoben. Zuerst der gesetzliche Zehnstundentag
mit seinen für das englische Proletariat so heilsamen Folgen. Der
Kampf für die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit war ein
direkter Eingriff in den großen Kampf zwischen der blinden Regel der
Gesetze über Angebot und Nachfrage, die die politische Ökonomie der
Bourgeoisie ausmachen, und der durch soziale Fürsorge geregelten
Produktion, die die Arbeiterklasse vertritt. »Und deshalb war die
Zehnstundenbill nicht nur ein großer praktischer Erfolg, sondern auch
der Sieg eines Prinzips; zum ersten Male erlag die politische Ökonomie
der Bourgeoisie der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse.«[2]
Einen
noch größeren Sieg erfocht die politische Ökonomie des Proletariats
durch die Kooperativbewegung, die auf dem Prinzip der Kooperation
beruhenden, durch wenige unverzagte, wenn auch ununterstützte Hände
ins Leben gerufenen Fabriken. Der Wert dieser großen sozialen Versuche
könne nicht hoch genug angeschlagen werden. »Durch die Tat, statt der
Gründe, haben sie bewiesen, daß Produktion in großem Maßstab und in
Übereinstimmung mit den Geboten modernster Wissenschaft stattfinden
kann ohne die Existenz einer Klasse von Unternehmern, die einer Klasse
von Arbeitern zu tun gibt, daß die Arbeitsmittel, um Früchte zu
tragen, nicht als Werkzeuge ausbeutender Herrschaft über die
Arbeitenden selbst monopolisiert zu werden brauchen, |333| daß
Lohnarbeit wie Sklavenarbeit wie Leibeigenschaft nur eine
untergeordnete und vorübergehende Form ist, die, dem Untergange
geweiht, verschwinden muß vor der genossenschaftlichen Arbeit, die
ihre schwere Aufgabe mit williger Hand, leichtem Sinn und fröhlichem
Herzen erfüllt.«[3]
Gleichwohl vermag Kooperativarbeit, auf gelegentliche Versuche
beschränkt, das kapitalistische Monopol nicht zu brechen. »Vielleicht
haben gerade aus diesem Grunde Aristokraten von anscheinend edler
Denkungsart, menschenfreundliche Schönredner der Bourgeoisie und
selbst geschäftskluge Nationalökonomen ganz urplötzlich mit
widerlichen Komplimenten eben dem Kooperativarbeitssystem gehuldigt,
das sie vergebens im Keime zu ersticken versucht, als die Utopie des
Träumers verhöhnt oder als Verrücktheit des Sozialisten gebrandmarkt
hatten.«[4] Erst die
Entwicklung der Kooperativarbeit zu nationalen Dimensionen könne die
Massen retten. Dagegen würden die Herren des Grundbesitzes und des
Kapitals stets ihre politischen Vorrechte aufbieten, um ihre
ökonomischen Monopole zu verewigen. Deshalb sei es die große Pflicht
der arbeitenden Klassen, politische Macht zu erobern.
Diese
Pflicht schienen die Arbeiter begriffen zu haben, wie ihr
gleichzeitiges Wiederaufleben in England, Frankreich, Deutschland und
Italien, ihr gleichzeitiges Streben nach einer politischen
Reorganisation der Arbeiterpartei bewiese. »Ein Element des Erfolges
besitzen sie - Zahlen. Aber Zahlen wiegen nur schwer in der Waage,
wenn sie durch ein Bündnis vereinigt und einem bewußten Ziel
entgegengeführt werden.«[5]
Die Erfahrung der Vergangenheit lehre, daß Mißachtung der
Brüderlichkeit, die zwischen den Arbeitern der verschiedenen Länder
bestehen und sie anspornen sollte, in allen Kämpfen für ihre
Emanzipation fest beieinander zu stehen, sich durch eine allgemeine
Vereitelung ihrer zusammenhanglosen Anstrengungen räche. Diese
Erwägung habe das Meeting in St. Martins Hall zur Gründung der
Internationalen Arbeiterassoziation veranlaßt.
Und
noch eine Überzeugung habe dies Meeting beherrscht. Erheische die
Emanzipation der arbeitenden Klassen ihren brüderlichen Beistand, wie
könnten sie dieses große Ziel erreichen mit einer auswärtigen Politik
der Regierungen, die frevelhafte Pläne verfolge, mit nationalen
Vorurteilen spiele und in Raubzügen Blut und Gut des Volkes vergeude?
Nicht die Weisheit der herrschenden Klassen, sondern der heldenmütige
Widerstand des Proletariats gegen ihre verbrecherische Torheit habe
den Westen Europas vor einem infamen Kreuzzug für die Verewigung und
Fortpflanzung der Sklaverei auf dem jenseitigen Ufer des Atlantischen
Ozeans bewahrt. Der schamlose Beifall, die nur scheinbare |334|
Sympathie oder die blöde Gleichgültigkeit, womit die höheren Klassen
zugesehen hätten, wie Rußland die Bergfeste des Kaukasus erbeutete und
das heldenmütige Polen ermordete, wiesen die arbeitenden Klassen auf
ihre Pflicht, in die Geheimnisse der internationalen Politik
einzudringen, die diplomatischen Streiche ihrer Regierungen zu
überwachen, ihnen mit allen Mitteln entgegenwirken, wenn möglich; wenn
es aber unmöglich sei, ihnen zuvorzukommen, sich in gleichzeitigen
Demonstrationen zu vereinigen, und die einfachen Gesetze von Moral und
Recht, die die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, als die
obersten Gesetze für den Verkehr der Nationen geltend zu machen. Der
Kampf für eine solche auswärtige Politik sei eingeschlossen in den
allgemeinen Kampf für die Emanzipation der Arbeiterklasse. Die
»Adresse« schloß wie einst das »Kommunistische Manifest«: Proletarier
aller Länder, vereinigt euch!
Die
»Statuten« begannen mit Erwägungsgründen
[6], die sich in folgende Sätze
zusammenfassen lassen: Die Emanzipation der Arbeiterklasse muß durch
die Arbeiter selbst erobert werden; der Kampf für sie ist kein Kampf
für neue Klassenvorrechte, sondern für die Vernichtung aller
Klassenherrschaft. Der ökonomischen Unterwerfung des Arbeiters unter
den Aneigner der Arbeitsmittel, das heißt der Lebensquellen, liegt die
Knechtschaft in allen ihren Formen zugrunde: dem sozialen Elend, der
geistigen Verkümmerung und der politischen Abhängigkeit. Die
ökonomische Emanzipation der Arbeiterklasse ist daher das große Ziel,
dem jede politische Bewegung als Mittel dienen muß. Alle nach diesem
Ziele strebenden Versuche sind bisher gescheitert aus Mangel an
Einigkeit zwischen den verschiedenen Arbeitsgruppen jedes Landes und
zwischen den Arbeiterklassen der verschiedenen Länder. Die
Emanzipation der Arbeiter ist weder eine lokale noch eine nationale,
sondern eine gesellschaftliche Aufgabe; sie umfaßt alle Länder, in
denen die moderne Gesellschaft besteht; sie kann nur vollbracht werden
durch das planmäßige Zusammenwirken dieser Länder. An diese klaren und
scharfen Sätze waren dann jene moralischen Gemeinplätze über
Gerechtigkeit und Wahrheit, Pflichten und Rechte gehängt, die Marx nur
mit Widerstreben in seinem Text aufnahm.
Die
Organisation des Bundes gipfelte in einem Generalrat, der
zusammengesetzt sein sollte aus Arbeitern der verschiedenen, in der
Assoziation vertretenen Länder. Bis zum ersten Kongreß übernahm das in
St. Martins Hall gewählte Komitee die Befugnisse des Generalrats. Sie
bestanden darin, die internationale Vermittlung zwischen den
Arbeiterorganisationen der verschiedenen Länder zu übernehmen, die
Arbeiter |335| jedes Landes fortdauernd über die Bewegungen
ihrer Klasse in anderen Ländern zu unterrichten, statistische
Untersuchungen über die Lage der arbeitenden Klassen anzustellen,
Fragen von allgemeinem Interesse in allen Arbeitergesellschaften
beraten zu lassen, im Falle internationaler Streitigkeiten eine
gleichmäßige und gleichzeitige Aktion der verbundenen Organisationen
zu veranlassen, periodische Berichte zu veröffentlichen und ähnlichen
Aufgaben. Der Generalrat wurde vom Kongreß gewählt, der jährlich
einmal zusammentrat. Der Kongreß bestimmte den Sitz des Generalrats
sowie Ort und Zeit des nächsten Kongresses. Doch war der Generalrat
befugt, die Zahl seiner Mitglieder zu vervollständigen und im Notfalle
den Ort des Kongresses zu wechseln, nicht aber die Zeit seines
Zusammentritts hinauszuschieben. Die Arbeitergesellschaften der
einzelnen Länder, die sich der Internationalen anschlossen, behielten
ihre gesonderte Organisation unangetastet bei. Keiner unabhängigen
Lokalgesellschaft war verwehrt, unmittelbar mit dem Generalrat zu
verkehren, doch wurde es als eine für die wirksame Tätigkeit des
Generalrats notwendige Vorbedingung bezeichnet, daß die gesonderten
Arbeitergesellschaften der einzelnen Länder sich soweit möglich zu
nationalen, in Zentralorganen vertretenen Körperschaften vereinigten.
So
falsch es ist zu sagen, daß die Internationale die Erfindung eines
»großen Kopfes« gewesen sei, so war es gleichwohl ihr Glück, daß sie
bei ihrem Entstehen einen großen Kopf fand, der ihr lange Irrwege
ersparte, indem er ihr den richtigen Weg wies. Mehr tat Marx nicht und
mehr wollte er auch nicht tun. Die unvergleichliche Meisterschaft der
»Adresse« wie der »Statuten« bestand eben darin, daß sie durchweg an
die augenblickliche Lage der Dinge anknüpften und gleichwohl, wie
Liebknecht einmal treffend sagte, die letzten Konsequenzen des
Kommunismus enthielten, nicht minder als das »Kommunistische
Manifest«.
Von
diesem unterschieden sie sich nicht nur durch die Form; »es bedarf
Zeit«, schrieb Marx an Engels, »bis die wiedererwachte Bewegung die
alte Kühnheit der Sprache wieder erlaubt. Nötig fortiter in re,
suaviter in modo [Mehring übersetzt: stark in der Sache, mild in der
Form].« Sie hatte überhaupt eine andere Aufgabe. Es kam nunmehr darauf
an, die gesamte streitbare Arbeiterschaft Europas und Amerikas zu
einem großen Heereskörper zu verschmelzen, ein Programm aufzustellen,
das nach einem Worte von Engels, den englischen Trade Unions, den
französischen, belgischen, italienischen, spanischen Proudhonisten,
den deutschen Lassalleanern die Türe nicht verschloß. Für den
schließlichen Sieg des wissenschaftlichen Sozialismus, wie er im
»Kommunistischen Manifest« |336|* aufgestellt war, verließ sich
Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung der
Arbeiterklasse, wie sie aus ihrer vereinigten Aktion hervorgehen mußte.
Früh
genug wurde seine Erwartung auf eine harte Probe gestellt; kaum hatte
er die Werbearbeit für die Internationale begonnen, als er in einen
schweren Zusammenstoß mit derjenigen europäischen Arbeiterklasse
geriet, der die Grundsätze der Internationalen am ehesten
einleuchteten.
3. Die
Absage an Schweitzer
Es ist
eine alte aber weder schöne noch wahre Überlieferung, daß die
deutschen Lassalleaner den Eintritt in die Internationale verweigert
und sich überhaupt feindlich zu ihr gestellt hätten.
Zunächst ist nicht abzusehen, welchen Grund sie dazu gehabt haben
sollten. Ihre straffe Organisation, auf die sie allerdings hohen Wert
legten, wurde durch die »Statuten« der Internationalen nicht im
entferntesten angetastet, und die »Inauguraladresse« konnten sie von A
bis Z unterschreiben; mit besonderer Genugtuung sogar den Abschnitt
über die Kooperativarbeit, die nur durch ihre Ausdehnung zu nationalen
Dimensionen und ihre Förderung durch Staatsmittel die Massen retten
könne.
In der
Tat haben sich die deutschen Lassalleaner von vornherein durchaus
freundlich zur Internationalen gestellt, obgleich sie zur Zeit ihrer
Entstehung genug mit sich selbst zu tun hatten. Nach dem Tode
Lassalles und auf dessen testamentarische Empfehlungen war Bernhard
Becker zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
gewählt worden, erwies sich jedoch so unfähig, daß ein heilloser
Wirrwarr entstand. Was den Verein noch zusammenhielt, war das
Vereinsorgan, der »Social-Demokrat«, der seit Ende des Jahres 1864
unter der geistigen Leistung J. B. von Schweitzers erschien. Dieser
ebenso energische wie fähige Mann hatte sich aufs eifrigste um die
Mitarbeit von Marx und Engels beworben, hatte Liebknecht, wozu ihn
niemand zwang, in die Redaktion aufgenommen und gleich in der zweiten
und dritten Nummer seines Blattes die »Inauguraladresse« abgedruckt.
Nun
hatte allerdings Moses Heß, der aus Paris für das Blatt
korrespondierte, die Unabhängigkeit Tolains verdächtigt, indem er ihn
einen Freund des Palais Royal nannte, wo Jerôme Bonaparte den roten
Demagogen spielte, aber Schweitzer hatte den Brief erst nach
ausdrücklicher |337|* Genehmigung Liebknechts veröffentlicht.
Als sich Marx darüber beschwerte, ging Schweitzer noch weiter und
ordnete an, daß Liebknecht alles selbst zu redigieren habe, was sich
auf die Internationale bezöge; ja am 15. Februar 1865 schrieb er an
Marx, er werde eine Resolution vorschlagen, worin der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein sein volles Einverständnis mit den Grundsätzen
der Internationalen erklären und die Beschickung ihrer Kongresse
versprechen solle, auf seinen formellen Anschluß aber lediglich aus
Rücksicht auf die deutschen Bundesgesetze verzichten werde, die die
Verbindung verschiedener Vereine verboten. Auf dieses Angebot hat
Schweitzer keine Antwort mehr erhalten; vielmehr sagten sich Marx und
Engels durch eine öffentliche Erklärung von der Mitarbeit für den »Social-Demokraten«
los.
Daraus
geht schon zur Genüge hervor, daß der peinliche Bruch in keiner Weise
mit Zwistigkeiten wegen der Internationalen zu tun hatte. Was ihn
veranlaßte, sagten Marx und Engels ganz offen in ihrer Erklärung. Sie
hätten keinen Augenblick die schwierige Stellung des »Social-Demokraten«
verkannt und keine für den Meridian von Berlin unpassenden Ansprüche
erhoben. Aber sie hätten wiederholt gefordert, daß dem Ministerium und
der feudal-absolutistischen Partei gegenüber eine wenigstens ebenso
kühne Sprache geführt werde wie gegenüber den Fortschrittlern. Die von
dem »Social-Demokraten« befolgte Taktik schlösse ihre weitere
Betätigung an dem Blatte aus. Was sie einst in der
»Deutschen-Brüsseler-Zeitung« über den königlich preußischen
Regierungssozialismus und die Stellung der Arbeiterpartei zu solchem
Blendwerk entwickelt hätten, in einer Antwort an den »Rheinischen
Beobachter«, der eine »Allianz« des »Proletariats« mit der »Regierung«
gegen die »liberale Bourgeoisie« vorgeschlagen habe, das
unterschrieben sie auch jetzt Wort für Wort.
Mit
einer solchen »Allianz« oder einem »preußischen Regierungssozialismus«
hatte die Taktik des »Social-Demokraten« nichts zu tun. Nachdem sich
die Hoffnung Lassalles, die deutsche Arbeiterklasse in einem mächtigen
Anlauf aufzurütteln, als trügerisch erwiesen hatte, war der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein mit seinen paar tausend Mitgliedern
eingeklemmt zwischen zwei Gegnern, deren jeder stark genug war, ihn zu
erdrücken. So wie die Dinge damals lagen, hatte die junge
Arbeiterpartei von dem stumpfsinnigen Haß der Bourgeoisie gar nichts,
von dem verschlagenen Diplomaten Bismarck aber wenigstens so viel zu
erwarten, daß er seine großpreußische Politik nicht ohne gewisse
Zugeständnisse an die Volksmassen durchführen konnte. Weder über den
Wert noch über den Zweck solcher Zugeständnisse hat sich Schweitzer
|338| je einer Einbildung hingegeben, aber zu einer Zeit, wo der
deutschen Arbeiterklasse die gesetzlichen Vorbedingungen ihrer
Organisation so gut wie ganz fehlten, wo sie ein wirksames Wahlrecht
überhaupt nicht besaß und Preß-, Vereins- und Versammlungsfreiheit der
bürokratischen Willkür preisgegeben waren, war ein Vorwärtskommen
nicht so möglich, daß der »Social-Demokrat« auf beide Gegner gleich
heftig einschlug, sondern nur so, daß er einen gegen den andern
ausspielte. Unerläßliche Vorbedingung einer solchen Politik war nur,
daß die Unabhängigkeit der jungen Arbeiterpartei nach allen Seiten
gewahrt und das Bewußtsein dieser Unabhängigkeit in den Arbeitermassen
immer wach erhalten wurde.
Das
aber hat Schweitzer mit gleichem Bemühen wie Erfolg getan, und man
wird in dem « Social-Demokraten« vergebens auch nur nach einer Silbe
suchen, die nach einer »Allianz« mit der Regierung gegen die
Fortschrittspartei geschmeckt hätte. Verfolgt man die damalige
öffentliche Tätigkeit Schweitzers im Zusammenhange mit der allgemeinen
politischen Entwicklung, so wird man auf manche Fehler stoßen, wie
Schweitzer übrigens selbst zugegeben hat, aber im wesentlichen auf
eine kluge und konsequente Politik, die durchaus nur auf die
Interessen der Arbeiterklasse abzielte und unmöglich von Bismarck oder
welchem Reaktionär sonst immer diktiert sein konnte.
Vor
Marx und Engels hatte Schweitzer, wenn auch sonst nichts, so doch die
genaue Kenntnis der preußischen Zustände voraus. Sie sahen diese
Zustände immer nur erst durch eine gefärbte Brille, und Liebknecht
versagte in der aufklärenden und vermittelnden Tätigkeit, die ihm nach
Lage der Dinge zugefallen wäre. Er war im Jahre 1862 nach Deutschland
zurückgekehrt, auf den Ruf des roten Republikaners Braß, der ebenfalls
aus dem Exil heimgekehrt war, um die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung«
zu begründen. Kaum aber war Liebknecht in die Redaktion eingetreten,
als sich herausstellte, daß Braß das Blatt an das Ministerium Bismarck
verkauft hatte. Liebknecht schied sofort aus; allein diese erste
Erfahrung auf deutschem Boden war dennoch ein sehr unglücklicher
Zufall für ihn. Nicht etwa nur in dem äußerlichen Sinne, daß er nun
wieder auf der Straße lag wie in den langen Jahren des Exils. Darum
kümmerte er sich am wenigsten: die Interessen seiner Sache standen ihm
immer über den Interessen seiner Person. Aber sein Erlebnis mit Braß
hinderte seine unbefangene Orientierung über die neuen Zustände, die
er in Deutschland vorfand.
Liebknecht war wesentlich noch der alte Achtundvierziger, als er auf
deutschen Boden zurückkehrte. Der alte Achtundvierziger im Sinne der
|339| »Neuen Rheinischen Zeitung«, in der die sozialistische
Theorie und selbst der proletarische Klassenkampf noch sehr
zurücktraten hinter dem revolutionären Kampf der Nation gegen die
Herrschaft rückständiger Klassen. Die sozialistische Theorie, so gut
er ihre Grundgedanken verstand, ist in ihrem gelehrten Gerüste niemals
die Sache Liebknechts gewesen; was er in den Jahren des Exils von Marx
gelernt hatte, war besonders die Neigung, die weiten Gefilde der
internationalen Politik nach revolutionären Keimen abzuleuchten. Dabei
kam für Marx und Engels, die als geborene Rheinländer allzu
verächtlich über alles ostelbische Wesen dachten, der preußische Staat
schon sehr zu kurz, und nun vollends für Liebknecht, der, ein
geborener Süddeutscher, in den Bewegungsjahren nur auf badischem und
schweizerischem Boden, den Ursitzen der Kantönlipolitik, tätig gewesen
war. Preußen war ihm immer noch der vormärzliche Vasallenstaat des
Zarentums, der sich mit den verächtlichen Mitteln der Korruption gegen
den geschichtlichen Fortschritt sträube und vor allem über den Haufen
gerannt werden müsse, ehe an moderne Klassenkämpfe in Deutschland zu
denken sei. Liebknecht erkannte nicht, wie sehr die ökonomische
Entwicklung der fünfziger Jahre auch den preußischen Staat umgewandelt
und Zustände in ihm geschaffen hatte, unter deren Einwirkung die
Loslösung der Arbeiterklasse von der bürgerlichen Demokratie eine
geschichtliche Notwendigkeit geworden war.
So war
ein dauerndes Einvernehmen zwischen Liebknecht und Schweitzer
unmöglich, und in Liebknechts Augen schlug es dem Fasse den Boden aus,
als Schweitzer fünf Artikel über das Ministerium Bismarck
veröffentlichte, die an sich zwar eine meisterhafte Parallele zwischen
der großpreußischen und der proletarisch-revolutionären Politik in der
deutschen Einheitsfrage zogen, aber an dem »Fehler« litten, die
gefährliche Wucht der großpreußischen Politik so beredt zu schildern,
daß diese fast verherrlicht zu werden schien. Dagegen beging Marx den
»Fehler«, in einem Schreiben vom 13. Februar an Schweitzer
auszuführen, daß von der preußischen Regierung wohl allerlei frivole
Spielereien mit Produktivgenossenschaften, aber keine Aufhebung der
Koalitionsverbote zu erwarten sei, die den Bürokratismus und die
Polizeiherrschaft durchbräche. Marx vergaß dabei nur zu sehr, was er
einst so beredt gegen Proudhon ausgeführt hatte, daß die Regierungen
nicht die wirtschaftlichen Verhältnisse kommandieren, sondern die
wirtschaftlichen Verhältnisse umgekehrt die Regierungen. Wenige Jahre
noch, und das Ministerium Bismarck mußte, gern oder ungern, die
Koalitionsverbote aufheben. In seiner Antwort vom 15. Februar -
demselben |340| Briefe, worin Schweitzer den Anschluß des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an die Internationale zu
befördern versprach und nochmals betonte, Liebknecht habe alles, was
sich auf die Internationale bezöge, selbständig zu redigieren -
bemerkte Schweitzer, er werde jede theoretische Aufklärung, die ihm
Marx gewähre, gern entgegennehmen, aber um die praktischen Fragen
momentaner Taktik richtig zu entscheiden, müsse man im Mittelpunkte
der Bewegung stehen und die Verhältnisse genau kennen. Daraufhin
vollzogen Marx und Engels den Bruch.
Völlig
erklärt werden diese Irrungen und Wirrungen doch nur durch das
verhängnisvolle Treiben der Gräfin Hatzfeldt. Die alte Freundin
Lassalles hat sich damals aufs schwerste versündigt an dem Andenken
des Mannes, der einst ihr Leben vor dem Tode der Infamie geschützt
hatte. Sie wollte aus der Schöpfung Lassalles eine autoritätsgläubige
Sekte machen, die auf die Worte des Meisters schwor, nicht einmal so,
wie dieser sie gesprochen hatte, sondern wie die Gräfin Hatzfeldt sie
auslegte. Den Unfug, den sie trieb, ersieht man aus einem Briefe, den
Engels am 10. März an Weydemeyer richtete. Es heißt darin nach einigen
Worten über die Gründung des »Social-Demokraten«: »Nun aber entstand
in dem Blättchen einerseits ein unerträglicher Lassalle-Kultus,
während wir inzwischen positiv erfuhren (die alte Hatzfeldt erzählte
es dem Liebknecht und forderte ihn auf, in diesem Sinne zu wirken),
daß Lassalle viel tiefer mit Bismarck drin war, als wir je
gewußt hatten. Es existierte eine förmliche Allianz zwischen beiden,
die so weit gekommen war, daß Lassalle nach Schleswig-Holstein gehn
sollte und da für die Annexation der Herzogtümer an Preußen auftreten,
während Bism[arck] weniger bestimmte Zusagen wegen Einführung einer
Art allgemeinen Stimmrechts und bestimmtere wegen Koalitionsrecht und
sozialer Konzessionen, Staatsunterstützung für Arbeiterassoziationen
usw. gemacht hatte. Gedeckt war der dumme Lassalle dem
Bism[arck] gegenüber durch gar nichts, au contraire [von
Mehring übersetzt: im Gegenteil], er wäre sans façon [von Mehring
übersetzt: ohne Umstände] ins Loch geworfen worden, sobald er unbequem
wurde. Die Herren vom ›Social-Demokrat‹ wußten das und fuhren
trotz alledem mit dem Kultus Lassalles heftiger und heftiger fort.
Dazu aber kam, daß die Kerle sich durch Drohungen von seiten
Wageners (von der ›Kreuzzeitung‹) einschüchtern ließen, Bismarck die
Cour zu schneiden, mit ihm zu kokettieren, etc., etc. ... Wir ließen
inliegende Erklärung drucken und traten ab, wobei auch Liebknecht
abtrat.« Es ist schwer verständlich, daß Marx und Engels und
Liebknecht, die alle Lassalle gekannt hatten |341| und alle den
»Social-Demokrat« lasen, an die Märchen der Gräfin Hatzfeldt glaubten,
aber wenn sie einmal daran glaubten, so war es nur zu verständlich,
wenn sie sich von der Bewegung abwandten, die Lassalle eingeleitet
hatte.
Eine
praktische Wirkung auf diese Bewegung hatte ihre Absage jedoch nicht.
Selbst alte Mitglieder des Kommunistenverbandes wie Röser, der einst
vor den Kölner Assisen so beredt die Grundsätze des »Kommunistischen
Manifestes« verfochten hatte, erklärten sich für die Taktik
Schweitzers.
4. Die erste
Konferenz in London
Wenn
so die Lassalleaner von vornherein aus dem neuen Bunde ausschieden, so
ging auch die Werbearbeit unter den englischen Gewerkschaften und den
französischen Proudhonisten zunächst nur langsam vor sich.
Es war
doch erst ein kleiner Kreis von Gewerkschaftsführern, der die
Notwendigkeit des politischen Kampfes begriffen hatte, und auch er sah
in der Internationalen mehr nur ein Mittel für seine
gewerkschaftlichen Zwecke. Aber wenn diese Männer wenigstens ein
großes Maß praktischer Erfahrung in allen Organisationsfragen besaßen,
so fehlte es den französischen Proudhonisten hierin nicht weniger als
an einer klaren Einsicht in das geschichtliche Wesen der
Arbeiterbewegung. Es war eben eine gewaltige Aufgabe, die sich der
neue Bund gestellt hatte, und sie zu lösen, bedurfte es eines
gewaltigen Fleißes wie einer gewaltigen Kraft.
Marx
hat beides aufgeboten, den Fleiß wie die Kraft, obgleich er damals
immer wieder von schmerzhaften Krankheiten geplagt wurde und darauf
brannte, sein wissenschaftliches Hauptwerk zu einem gewissen Abschluß
zu bringen. Er seufzte wohl einmal: »Das Schlimme bei solcher
Agitation ist, daß man sehr bothered [Mehring übersetzt: gestört]
wird, sobald man sich dran beteiligt« oder er meinte, die
Internationale, und was drum und dran hänge, laste »wie ein Inkubus«
auf ihm, und er wäre froh, sie abschütteln zu können. Aber das ginge
nun einmal nicht; wer A gesagt habe, müsse auch B sagen, und im Grunde
wäre Marx nicht er selbst gewesen, wenn ihn das Tragen dieser Last
nicht doch froher und glücklicher gemacht hätte, als ihn ihr
Abschütteln irgend hätte machen können.
Es
stellte sich alsbald heraus, daß er das eigentliche »Haupt« der
|342| ganzen Bewegung war. Nicht als ob er sich irgendwie
vorgedrängt hätte; er hatte eine grenzenlose Verachtung für alle
wohlfeile Popularität, und von der Demokratenmanier, öffentlich sich
wichtig zu machen und nichts zu tun, wollte er sich dadurch
unterscheiden, daß er hinter den Kulissen arbeitete und öffentlich
verschwände. Aber keiner von allen, die in dem kleinen Bunde tätig
waren, besaß auch nur entfernt die seltenen Eigenschaften, die für
seine so umfassende Agitation notwendig waren: den klaren und tiefen
Einblick in die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung, die Energie,
das Notwendige zu wollen, und die Geduld, sich mit dem Möglichen zu
bescheiden, die langmütige Nachsicht mit dem ehrlichen Irrtum und die
herrische Unerbittlichkeit gegen verstockte Unwissenheit. Auf ungleich
weiterem Gebiete, als einst in dem revolutionären Köln, konnte Marx
jetzt seine unvergleichliche Tätigkeit üben, die Menschen zu
beherrschen, indem er sie lehrte und leitete.
»Enorm
viel Zeit« kosteten ihm von vornherein die persönlichen Häkeleien und
Streitigkeiten, die von den Anfängen solcher Bewegungen unzertrennlich
zu sein pflegen; die italienischen und namentlich die französischen
Mitglieder machten viel unnütze Schwierigkeiten. In Paris bestand seit
den Revolutionsjahren eine tiefe Abneigung zwischen »Kopf- und
Handarbeitern«; die Proletarier konnten den nur allzu häufigen Verrat
der Literaten nicht vergessen, und die Literaten verketzerten jede
Arbeiterbewegung, die nichts von ihnen wissen wollte. Aber auch
innerhalb der Arbeiterklasse selbst wucherte unter dem Druck des
bonapartistischen Militärdespotismus der Verdacht bonapartistischer
Mogeleien, zumal da jedes Mittel der Verständigung durch Vereine oder
Zeitungen fehlte. Das Brodeln dieser »Franzosensuppe« hat dem
Generalrat manchen kostbaren Abend und manche weitläufige Resolution
gekostet.
Erfreulicher und fruchtbarer für Marx waren die Arbeiten, womit er an
den englischen Zweig der Internationalen anknüpfte. Wie die englischen
Arbeiter das Eintreten der englischen Regierung für die rebellischen
Südstaaten der Union bekämpft hatten, so war es ihr gutes Recht,
Abraham Lincoln zu seiner Wiederwahl als Präsidenten zu
beglückwünschen. Marx entwarf die Adresse an den »einfachen Sohn der
Arbeiterklasse, dem die Aufgabe zugefallen sei, sein Land durch de
erhabenen Kampf für die Befreiung einer geknechteten Rasse zu führen«
[7]; solange die weißen
Arbeiter der Union nicht begriffen hätten, daß die Sklaverei ihre
Republik schände, solange sie sich vor dem Neger, der verkauft wurde,
ohne um seine Einwilligung gefragt zu werden, mit dem hohen Vorrecht
des weißen Arbeiters gebrüstet hätten, sich |343| selbst
verkaufen und den Herrn auswählen zu dürfen, solange seien sie unfähig
gewesen, die wahre Freiheit zu erlangen oder den Emanzipationskampf
ihrer europäischen Brüder zu unterstützen. Aber diese Schranke habe
das rote Blutmeer des Bürgerkrieges hinweggeschwemmt. Die Adresse war
mit offenbarer Lust und Liebe zur Sache entworfen, obgleich Marx, der
wie Lessing von den eigenen Arbeiten in wegwerfendem Tone zu sprechen
liebte, an Engels schrieb, er habe das Zeug aufzusetzen gehabt (was
viel schwerer sei als eine inhaltliche Arbeit), damit sich die
Phraseologie, auf die sich solche Schreiberei beschränke, wenigstens
von der demokratischen Vulgärphraseologie unterscheide. Lincoln
empfand den Unterschied sehr wohl; er antwortete in sehr freundlichem
und herzlichem Tone, zur Verwunderung der Londoner Presse, denn
Glückwunschadressen von bürgerlich-demokratischer Seite fertigte der »old
man« mit ein paar formellen Komplimenten ab.
»Inhaltlich« war dann freilich noch viel wichtiger eine Abhandlung
über »Lohn, Preis und Profit« [8],
die Marx am 26. Juni 1865 im Generalrat der Internationalen vortrug,
um die von einzelnen Mitgliedern vertretene Ansicht zu widerlegen, daß
ein allgemeines Steigen des Lohnes den Arbeitern nichts nutzen könne
und deshalb die Trade Unions schädlich wirkten. Diese Ansicht ging von
dem Irrtum aus, daß der Arbeitslohn den Wert der Waren bestimme, und
daß, wenn die Kapitalisten heute 5 Schilling Lohn statt 4 zahlten, sie
morgen, infolge der gestiegenen Nachfrage, ihre Waren für 5 Schilling
statt 4 verkaufen würden. Marx meinte, so fad das nun sei und sich nur
an die äußerlichste Oberfläche der Erscheinung halte, so sei es doch
nicht leicht, alle die ökonomischen Fragen, die damit zusammenhingen,
Ignoranten auseinanderzusetzen; ein Kurs in politischer Ökonomie lasse
sich nicht in eine Stunde zusammendrängen. Indessen gelang es ihm
vortrefflich, und die Trade Unions dankten ihm einen wesentlichen
Dienst.
Vor
allem war es aber die aufspringende Bewegung um die englische
Wahlreform, der die Internationale ihre ersten namhaften Erfolge
verdankte. Schon am 1. Mai 1865 meldete Marx an Engels: »Die Reform
League ist unser Werk. In dem engeren Ausschuß der Zwölf (je sechs
Mann von der Mittel- und der Arbeiterklasse) sind alle Arbeiter
Mitlieder unseres Generalrats (darunter Eccarius). Alle mittleren
Bürgerversuche, die Arbeiter irrezuführen, haben wir vereitelt ...
Gelingt diese Reelektrisierung der politischen Bewegung der englischen
Arbeiterklasse, so hat unsere Assoziation, ohne irgendwelches Aufheben
zu machen, schon mehr für die europäische Arbeiterklasse geleistet,
als auf irgendeinem anderen Wege möglich gewesen wäre. Und es ist alle
Aussicht |344|* auf Erfolg vorhanden.« Darauf antwortete Engels
am 3. Mai: »Die Internationale Assoziation hat sich wirklich in der
kurzen Zeit und mit dem wenigen Spektakel ein kolossales Terrain
erobert. Es ist aber gut, daß sie jetzt in England beschäftigt wird,
statt sich ewig mit den französischen Klüngeleien beschäftigen zu
müssen. Da hast Du doch etwas für Deinen Zeitverlust.« Es sollte sich
freilich bald herausstellen, daß auch dieser Erfolg seine Kehrseite
hatte.
Alles
in allem hielt Marx die Lage noch nicht reif genug für einen
öffentlichen Kongreß, wie er für das Jahr 1865 in Brüssel vorgesehen
war. Er fürchtete von ihm nicht mit Unrecht ein babylonisches
Sprachgewirr. Mit vieler Mühe gelang es ihm, namentlich gegen den
Widerstand der Franzosen, den öffentlichen Kongreß in eine
geschlossene vorläufige Konferenz in London umzuwandeln, zu der nur
Vertreter der leitenden Komitees kommen sollten, um den künftigen
Kongreß vorzubereiten. Als Gründe führte Marx an die Notwendigkeit
einer solchen vorherigen Verständigung, die Wahlbewegung in England
und die in Frankreich beginnenden Streiks, endlich ein eben in Belgien
erlassenes Fremdengesetz, das die Abhaltung eines Kongresses in
Brüssel unmöglich mache.
Diese
Konferenz tagte vom 25. bis 29. September 1865. Vom Generalrat waren
neben dem Präsidenten Odger, dem Generalsekretär Cremer und einigen
anderen englischen Mitgliedern abgesandt Marx und seine beiden
Hauptgehilfen in Sachen der Internationalen, Eccarius und Jung, ein
schweizerischer Uhrmacher, der in London ansässig war und gleich gut
deutsch, englisch und französisch sprach. Aus Frankreich waren Tolain,
Fribourg, Limousin gekommen, die alle der Internationalen abtrünnig
werden sollten, daneben Schily, Marxens alter Freund schon von 1848
her, und Varlin, der spätere Held und Märtyrer der Pariser Kommune.
Aus der Schweiz der Buchbinder Dupleix für die romanischen und Johann
Philipp Becker, der ehemalige Bürstenbinder und nunmehrige
unermüdliche Agitator, für die deutschen Arbeiter. Aus Belgien César
de Paepe, der sich als Setzerlehrling auf das Studium der Medizin
geworfen und es bis zum Arzt gebracht hatte.
Die
Konferenz beschäftigte sich zunächst mit den Finanzen des Bundes. Es
ergab sich, daß für das erste Jahr nicht mehr als etwa 33 Pfund
aufgebracht worden waren. Über einen regelmäßigen Mitgliederbeitrag
einigte man sich noch nicht, man beschloß, zum Zwecke der Propaganda
und für die Kosten des Kongresses 150 Pfund aufzubringen, und zwar von
England 80, Frankreich 40, von Deutschland, Belgien und der Schweiz je
10 Pfund. Lebendig geworden ist das Budget freilich nicht, |345|
denn »der Nerv der Dinge« ist niemals der Nerv der Internationalen
gewesen. Noch nach Jahren meinte Marx mit grimmigem Humor, die
Finanzen des Generalrats seien stets wachsende, negative Größen, und
nach Jahrzehnten schrieb Engels, statt der vielberufenen »Millionen
der Internationalen« habe der Generalrat meist nur über Schulden
verfügt; wohl nie sei mit so wenig Geld so viel geleistet worden.
Über
die Lage in England berichtete der Generalsekretär Cremer. Man halte
auf dem Festlande die Trade Unions für sehr reich, die eine Sache, die
ja auch die ihrige sei, unterstützen könnten, aber sie seien an
kleinliche Statuten gebunden, die sie in engen Grenzen hielten. Mit
Ausnahme einiger weniger Männer wüßten sie auch nichts von Politik,
deren Verständnis man ihnen schwer beibringen könne. Immerhin zeige
sich ein gewisser Fortschritt. Vor wenigen Jahren würde man Abgesandte
der Internationalen gar nicht erst angehört haben; heute nehme man sie
freundlich auf, höre sie an und billige ihre Grundsätze. Es sei der
erste Fall, daß eine Vereinigung, die irgend etwas mit Politik zu tun
habe, sich bei den Trade Unions so habe einführen können.
Aus
Frankreich berichteten Fribourg und Tolain, daß die Internationale
eine günstige Aufnahme gefunden habe; außer in Paris seien Mitglieder
in Rouen, Nantes, Elbeuf, Caen und andern Orten angeworben und eine
ansehnliche Zahl von Mitgliedskarten zum Jahresbetrage von 1,25
Franken verkauft worden, doch sei der Erlös für die Einrichtung eines
Pariser Zentralbüros und die Reisekosten der Delegierten
draufgegangen. Der Generalrat wurde auf den Verkauf der 400
Mitgliedskarten vertröstet, die noch nicht abgesetzt worden seien. Die
französischen Delegierten klagten über die Verschiebung des Kongresses
als ein großes Hindernis der Entwicklung, auch über die Verängstigung
der Arbeiter durch das bonapartistische Polizeiregiment; man begegne
fortwährend dem Einwande: Zeigt, daß ihr handeln könnt, und wir wollen
uns anschließen.
Recht
günstig lauteten die Berichte, die Becker und Dupleix aus der Schweiz
erstatteten, obgleich hier die Agitation erst vor sechs Monaten
begonnen hatte. In Genf zählte man 400, in Lausanne 150 Mitglieder und
ebenso viele in Vevey. Der monatliche Mitgliederbeitrag betrüge 50
Pence, doch würden die Mitglieder auch das Doppelte zahlen; sie seien
ganz und gar von der Notwendigkeit durchdrungen, für den Generalrat zu
steuern. Geld brächten die Delegierten freilich auch noch nicht mit,
sondern nur den Trost, daß sie einen netten Überschuß mitgebracht
haben würden, wenn ihre Reisekosten nicht gewesen wären.
|346| In Belgien bestand die Agitation erst
einen Monat. Doch berichtete de Paepe, es seien bereits 60 Mitglieder
geworben worden, die sich verpflichtet hätten, jährlich mindestens 3
Franken zu zahlen, wovon dem Generalrat der dritte Teil abgeführt
werden sollte.
Was
den Kongreß anbetraf, so beantragte Marx im Namen des Generalrats, ihn
im September oder Oktober 1866 in Genf abzuhalten. Der Ort wurde
einstimmig genehmigt, doch der Zeitpunkt auf lebhaftes Andringen der
Franzosen bis auf die letzte Woche des Mai vorgeschoben. Die Franzosen
verlangten auch, daß wer eine Mitgliedskarte aufweisen könne, Sitz und
Stimme auf dem Kongreß beanspruchen dürfe; sie meinten, das sei eine
Prinzipienfrage für sie, so sei das allgemeine Stimmrecht zu
verstehen. Nur nach heißer Debatte war die Vertretung durch Delegierte
durchzusetzen, die namentlich Cremer und Eccarius befürworteten.
Die
Tagesordnung des Kongresses war vom Generalrat sehr reichlich
vorgesehen: genossenschaftliche Arbeit; Verkürzung der Arbeitszeit;
Frauen- und Kinderarbeit; Vergangenheit und Zukunft der
Gewerkschaften: Einfluß der stehenden Heere auf die Interessen der
arbeitenden Klassen usw. Alles wurde einstimmig angenommen; nur zwei
Punkte riefen Meinungsverschiedenheiten hervor.
Der
eine dieser Punkte wurde nicht vom Generalrat vorgeschlagen, sondern
von den Franzosen. Sie verlangten als besonderen Gegenstand der
Tagesordnung: religiöse Ideen und ihr Einfluß auf die soziale,
politische und geistige Bewegung. Wie sie daraufkamen und wie Marx
sich dazu stellte, ergibt sich vielleicht am kürzesten aus einigen
Sätzen seines Nachrufs auf Proudhon, den er wenige Monate früher im »Social-Demokrat«
Schweitzers veröffentlicht hatte, beiläufig seinem einzigen Beitrage
für dies Blatt: »Seine Angriffe gegen Religion, Kirche usw. besitzen
jedoch ein großes lokales Verdienst zu einer Zeit, wo die
französischen Sozialisten es passend hielten, dem bürgerlichen
Voltairianismus des 18. und der deutschen Gottlosigkeit des 19.
Jahrhunderts durch Religiosität überlegen zu sein. Wenn Peter der
Große die russische Barbarei durch Barbarei niederschlug, so tat
Proudhon sein Bestes, das französische Phrasenwesen durch die Phrase
niederzuwerfen.«[9] Auch
englische Delegierte warnten vor diesem »Apfel der Zwietracht«, doch
setzten die Franzosen ihren Antrag mit 18 gegen 13 Stimmen durch.
Der
andere Punkt der Tagesordnung, um den gestritten wurde, war vom
Generalrat vorgeschlagen und betraf eine Frage der europäischen
Politik, die für Marx besonders wichtig war, nämlich »die
Notwendigkeit, den fortschreitenden Einfluß Rußlands in Europa zu
hemmen, |347| indem man gemäß dem Selbstbestimmungsrechte der
Nationen ein unabhängiges Polen auf demokratischer und sozialistischer
Basis wiederherstelle«. Davon wollten namentlich die Franzosen wieder
nichts wissen; weshalb politische Fragen mit sozialen vermischen,
weshalb in die Ferne schweifen, wo so viele Unterdrückung vor der
eigenen Tür zu bekämpfen, weshalb den Einfluß der russischen Regierung
hemmen, da der Einfluß der preußischen, österreichischen,
französischen und englischen Regierung nicht weniger verhängnisvoll
sei? Besonders entschieden sprach auch der belgische Delegierte in
diesem Sinne. César de Paepe meinte, die Wiederherstellung Polens
könne nur drei Klassen nützen: dem hohen Adel, dem niederen Adel und
der Geistlichkeit.
Hier
ist nun der Einfluß Proudhons ganz greifbar. Proudhon hatte sich
wiederholt gegen die Wiederherstellung Polens ausgesprochen, zuletzt
noch zur Zeit des polnischen Aufstandes von 1863, worin er, wie Marx
in seinem Nachrufe sagte, zu Ehren des Zaren kretinhaften Zynismus
trieb. Umgekehrt hatte derselbe Aufstand die alten Sympathien, die
Marx und Engels in den Revolutionsjahren für die polnische Sache
bekundet hatten, wieder aufgefrischt: sie wollten ein gemeinsames
Manifest daran knüpfen, aus dem freilich nichts geworden ist.
Ihre
Sympathie für Polen war keineswegs kritiklos; am 21. April 1863
schrieb Engels an Marx: »Ich muß sagen, für die Polacken von 1772 sich
zu begeistern, dazu gehört ein Büffel. Im größten Teil von Europa fiel
doch damals der Adel mit Anstand, teilweise mit esprit [Mehring
übersetzt: Witz], so sehr auch seine allgemeine Maxime war, daß der
Materialismus in dem bestehe, was man esse, trinke, beschlafe, im
Spiel gewinne oder für Schuftereien bezahlt erhalte, aber so dumm in
der Methode, sich an die Russen zu verkaufen wie die Polacken, war
doch sonst kein Adel.« Allein solange an eine Revolution in Rußland
selbst noch nicht gedacht werden konnte, bot die Wiederherstellung
Polens die einzige Möglichkeit, den zarischen Einfluß auf die
europäische Kultur zurückzuschrauben, und dementsprechend sah Marx in
der grausamen Unterdrückung des polnischen Aufstandes und dem
gleichzeitigen Vordringen des zarischen Despotismus im Kaukasus die
wichtigsten europäischen Ereignisse seit dem Jahre 1815. Auf sie hatte
er in dem Abschnitt der »Inauguraladresse«, der sich mit der
auswärtigen Politik des Proletariats beschäftigte, den stärksten
Nachdruck gelegt, und über den Widerstand, den dieser Punkt der
Tagesordnung bei Tolain, Fribourg und andern fand, hat er sich noch
lange nachher bitter geäußert. Zunächst freilich gelang es ihm, diesen
Widerstand mit Hilfe der englischen Delegierten zu brechen; die
polnische Frage blieb auf der Tagesordnung.
|348| Die Konferenz tagte morgens in
geschlossenen Sitzungen, denen Jung, und abends in halböffentlichen
Versammlungen, denen Odger vorsaß. In diesen Versammlungen wurden die
Fragen, soweit sie in den geschlossenen Sitzungen geklärt worden
waren, in weiteren Arbeiterkreisen besprochen. Die Pariser Delegierten
veröffentlichten einen Bericht über die Konferenz und das für den
Kongreß aufgestellte Programm, das in der Pariser Presse einen
lebhaften Widerhall fand. Mit augenscheinlicher Befriedigung notierte
Marx: »Unsre Pariser sind etwas verblüfft, daß der Paragraph über
Rußland und Polen, den sie nicht haben wollten, grade am
meisten Sensation macht.« Und auf den »enthusiastischen Kommentar«,
den dieser Paragraph im besonderen wie das Kongreßprogramm im
allgemeinen durch Henri Martin, den bekannten französischen Historiker
fand, hat sich Marx noch nach einem Dutzend von Jahren gern berufen.
5. Der deutsche Krieg
Für
ihn persönlich hatte die Hingebung, die er der Internationalen
widmete, die unerfreuliche Folge, daß die dadurch herbeigeführte
Stockung seiner Erwerbsarbeit wieder alle Nöte heraufbeschwor.
Schon
am 31. Juli mußte er an Engels schreiben, daß er seit zwei Monaten
rein aufs Pfandhaus lebe. »Ich versichere Dir, ich hätte mir lieber
den Daumen abhauen lassen, als diesen Brief an Dieb zu schreiben. Es
ist wahrhaft niederschmetternd, sein halbes Leben abhängig zu bleiben.
Der einzige Gedanke, der mich dabei aufrechthält, ist der, daß wir
zwei ein Kompaniegeschäft treiben, wo ich meine Zeit für den
theoretischen und Parteiteil des business gebe. Ich wohne allerdings
zu teuer für meine Verhältnisse, und außerdem haben wir dies Jahr
besser gelebt als sonst. Aber es ist das einzige Mittel, damit die
Kinder, abgesehn von dem vielen, was sie erlitten hatten und wofür sie
wenigstens kurze Zeit entschädigt wurden, Beziehungen und Verhältnisse
eingehn können, die ihnen eine Zukunft sichern können. Ich glaube, Du
selbst wirst der Ansicht sein, daß, selbst bloß kaufmännisch
betrachtet, eine reine Proletariereinrichtung hier unpassend wäre, die
ganz gut ginge, wenn meine Frau und ich alleine oder wenn die Mädchen
Jungen wären«. Engels half sofort, doch für ein paar Jahre begann nun
noch einmal die Not mit den gemeinen Sorgen des Lebens.
Einige
Monate darauf eröffnete sich für Marx eine neue Erwerbsquelle durch
ein ebenso sonderbares wie unerwartetes Angebot, das er |349|
durch einen Brief Lothar Buchers vom 5. Oktober 1865 erhielt. Beide
Männer hatten in den Jahren, wo Bucher als Flüchtling in London lebte,
keine Beziehungen zueinander gehabt, am wenigsten freundliche; auch
nachdem Bucher eine selbständige Stellung innerhalb des allgemeinen
Emigrantenknäuels einzunehmen begonnen und sich an Urquhart
angeschlossen hatte als dessen begeisterter Anhänger, blieb Marx gegen
ihn sehr kritisch gestimmt. Dagegen äußerte sich Bucher über die
Streitschrift, die Marx gegen Vogt gerichtet hatte, sehr günstig zu
Borkheim und wollte sie in der »Allgemeinen Zeitung« besprechen, was
jedoch unterblieben ist, sei es, daß Bucher sie nicht geschrieben oder
das Augsburger Blatt sie abgelehnt hat. Bucher war dann nach Erlaß der
preußischen Amnestie heimgekehrt und hatte sich in Berlin mit Lassalle
befreundet; mit diesem kam er 1862 zur Weltausstellung nach London,
und nun war er auch durch Lassalle mit Marx persönlich bekannt
geworden, der in ihm »ein ganz feines, wenn auch verzwicktes Männchen«
fand, dem er nicht zutraute, mit Lassalles »auswärtiger Politik«
einverstanden zu sein. Nach Lassalles Tode hatte sich Bucher in die
Dienste der preußischen Regierung begeben und danach hatte Marx ihn
und Rodbertus in einem Brief an Engels mit dem Kraftwort erledigt:
Lumpenpack, all das Gesindel aus Berlin, Mark und Pommern!«
Nun
schrieb Bucher an Marx: »Zuerst business! Der ›Staats-Anzeiger‹
wünscht monatlich einen Bericht über die Bewegung des Geldmarkts (und
natürlich auch des Warenmarkts, soweit beides nicht zu trennen). Ich
wurde gefragt, ob ich jemanden empfehlen könnte, und erwiderte,
niemand würde das besser machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht
worden, mich an Sie zu wenden. Es werden Ihnen in betreff der Größe
des Artikels keine Grenzen gesetzt, je gründlicher und umfassender,
desto besser. In betreff des Inhalts versteht es sich, daß Sie nur
Ihrer wissenschaftlichen Überzeugung folgen; jedoch würde die
Rücksicht auf den Leserkreis (haute finance), nicht auf die Redaktion,
es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für den
Sachverständigen durchscheinen lassen und Polemik vermeiden.« Es
folgten noch ein paar geschäftliche Bemerkungen, eine Erinnerung an
einen gemeinsamen Ausflug mit Lassalle, dessen Ende ihm noch immer ein
»psychologisches Rätsel« sei und die Mitteilung, daß er, wie Marx
wisse, zu seiner ersten Liebe, den Akten, zurückgekehrt sei. »Ich war
immer mit Lassalle darüber verschiedener Meinung, daß er sich die
Entwicklung so schnell dachte. Der Fortschritt wird sich noch oft
häuten, ehe er stirbt; wer also während seines Lebens noch innerhalb
des Staates wirken will, der muß sich ralliieren um die Regierung.«
Der Brief schloß, nach einer Empfehlung |350|* an Frau Marx und
Grüßen an die jungen Damen, besonders die ganz kleine, mit der
üblichen Floskel: Hochachtungsvoll und ergebenst.
Marx
antwortete ablehnend, doch fehlen nähere Angaben darüber, was er
schrieb und wie er über den Brief Buchers dachte. Gleich nach dessen
Empfang reiste er nach Manchester, wo er die Sache mit Engels
besprochen haben wird; in ihrem Briefwechsel wird sie nicht erwähnt,
und auch sonst hat sie Marx in den Briefen an seine Freunde, soweit
sie bisher bekannt geworden sind, nur einmal flüchtig gestreift. Wohl
aber hat er den Brief Buchers vierzehn Jahre später, als nach den
Attentaten Hödels und Nobilings die tobende Sozialistenhetze in Berlin
losbrach, in das Lager der Hetzer geschleudert, wo er mit der
zerstörenden Kraft einer Bombe explodiert ist. Bucher war damals
Sekretär des Berliner Kongresses und hatte nach der Versicherung
seines offiziösen Biographen den Entwurf des ersten
Sozialistengesetzes verfaßt, das nach dem Attentate Hödels dem
Reichstage vorgelegt, aber von diesem noch abgelehnt wurde.
Seitdem ist viel darüber geschrieben worden, ob Bismarck durch den
Brief Buchers versucht habe, Marx zu kaufen. Es ist richtig, daß
Bismarck im Herbst 1865, als der Vertrag von Gastein den drohenden
Bruch mit Österreich nur notdürftig verkittet hatte, sicher geneigt
war, nach seinem eigenen Jägervergleich »alle Hunde loszulassen, die
bellen wollen«. Er war freilich viel zu eingefleischter ostelbischer
Junker, um etwa in der Weise eines Disraeli oder auch nur eines
Bonaparte mit der Arbeiterfrage zu liebäugeln; es ist bekannt, wie
drollige Vorstellungen er sich von Lassalle machte, mit dem er doch
mehrfach persönlich verkehrt hatte. Nun hatte er in seiner nächsten
Umgebung zwei Personen, die in diesem delikaten Punkte besser Bescheid
wußten, eben Lothar Bucher und Hermann Wagener, und Wagener hat sich
damals auch eifrig bemüht, die deutsche Arbeiterbewegung zu ködern,
und soweit es auf die Gräfin Hatzfeld ankam, hat er sie auch geködert.
Aber Wagener war als geistiger Leiter der Junkerpartei und alter
Freund Bismarcks schon aus vormärzlicher Zeit ungleich unabhängiger
gestellt als Bucher, der ganz auf Bismarcks Wohlwollen angewiesen
blieb, da ihn die Bürokratie als unberufenen Eindringling mit scheelen
Blicken betrachtete, wie auch der König von wegen 1848 nichts von ihm
wissen wollte. Ohnehin war Bucher ein schwacher Charakter, ein »Fisch
ohne Gräten«, wie sein Freund Rodbertus ihn zu nennen pflegte.
Hat
also Marx durch den Brief Buchers gekauft werden sollen, so ist es
sicherlich nicht ohne Vorwissen Bismarcks geschehen. Es fragt sich
nur, ob ein solcher Kaufversuch vorgelegen hat. Die Art, wie Marx den
Brief Buchers gegen die Sozialistenhetze von 1878 verwertete, war ein
|351| ebenso erlaubter wie geschickter Schachzug, aber damit
ist noch nicht einmal beweisen, daß Marx den Brief Buchers von Anfang
an als Bestechungsversuch aufgefaßt hat, geschweige denn, daß er ein
solcher Versuch gewesen ist. Bucher wußte sehr gut, daß Marx, seit
seiner Absage an Schweitzer, bei den Lassalleanern einstweilen sehr
schlecht angeschrieben war, und zudem war ein Monatsbericht über den
internationalen Geld- und Warenmarkt in der langweiligsten aller
deutschen Zeitungen kaum das geeignete Mittel, die allgemeine
Mißstimmung gegen Bismarcks Politik zu beschwichtigen oder gar die
Arbeiter für diese Politik zu gewinnen. So hat Buchers Versicherung,
er habe den alten Exilsgenossen dem Kurator des »Staats-Anzeigers«
ohne alle politischen Hintergedanken empfohlen, viel für sich, etwa
mit der Einschränkung, daß sich der Kurator einen fortschrittlichen
Manchestermann von vornherein verbeten haben mag. Nachdem Bucher bei
Marx abgeblitzt war, wandte er sich an Dühring, der sich auf die Sache
einließ, aber sie bald aufgab, da der Kurator keineswegs die Achtung
vor der »wissenschaftlichen Überzeugung« bewies, die ihm Bucher
nachgerühmt hatte.
Schlimmer noch, als die wirtschaftliche Bedrängnis, in die Marx durch
seine aufreibende Tätigkeit für die Internationale und sein
wissenschaftliches Werk geriet, war die wachsende Erschütterung seiner
Gesundheit. Am 10. Februar 1866 schrieb ihm Engels: »Du mußt wirklich
endlich etwas Vernünftiges tun, um aus diesem Karbunkelkram
herauszukommen ... Laß das Nachtsarbeiten einige Zeit sein und führe
eine etwas regelmäßigere Lebensweise.« Darauf antwortete Marx am 13.
Februar: »Gestern lag ich wieder brach, da ein bösartiger Hund von
Karbunkel an linker Lende ausgebrochen. Hätte ich Geld genug, das
heißt mehr >- 0, für meine Familie, und wäre mein Buch fertig, so wäre
es mir völlig gleichgültig, ob ich heute oder morgen auf den
Schindanger geworfen würde, alias verreckte. Unter besagten Umständen
geht es aber noch nicht.« Und eine Woche darauf erhielt Engels die
Schreckensbotschaft: »Diesmal ging es um die Haut. Meine Familie wußte
nicht, wie serieux [Mehring übersetzt: ernst] der cas [Mehring
übersetzt: Fall] war. Wenn sich das Zeug noch drei- bis viermal in
derselben Form wiederholt, bin ich ein Mann des Todes. Ich bin
wundervoll abgefallen und noch verdammt schwach, nicht im Kopf,
sondern in Lende und Bein. Die Ärzte haben ganz recht, daß
übertriebne Nachtarbeit die Hauptursache dieses Rückfalls. Aber
ich kann den Herren nicht die Ursachen mitteilen - was auch ganz
zwecklos wäre -, die mich zu dieser Extravaganz zwingen.«
Nunmehr erzwang aber Engels, daß Marx sich einige Wochen Erholung
gönnte und nach Margate an die See ging.
|352| Hier fand Marx bald seine frohe Laune
wieder. In einem lustigen Briefe an seine Tochter Laura schrieb er:
»Ich bin recht froh, daß ich in einem Privathause Wohnung genommen
habe und nicht in einem Gasthaus, wo man unweigerlich mit
Lokalpolitik, Familienskandal und Nachbarklatsch geplagt wird. Und
dennoch kann ich nicht singen mit dem Müller von Dee: Ich kümmere mich
um niemand, und niemand fragt nach mir. Denn da ist immer noch meine
Wirtin, die taub wie ein Zaunpfahl ist, und ihre Tochter, die von
chronischer Heiserkeit geplagt wird. Es sind aber sehr nette Leute,
aufmerksam und nicht zudringlich. - Ich selbst habe mich in einen
wandernden Spazierstock verwandelt, renne den größten Teil des Tages
umher, schnappe Luft, gehe um zehn Uhr zu Bette, lese nichts, schreibe
noch weniger, und arbeite mich überhaupt in jenen Seelenzustand des
Nichts hinein, den der Buddhaismus als den Gipfelpunkt menschlicher
Glückseligkeit betrachtet.« Und am Schluß die neckende Bemerkung, die
wohl schon auf kommende Dinge deutete: »Dieser verdammte Schlingel
Lafargue quält mich mit seinem Proudhonismus und wird wohl nicht eher
ruhen, bis ich ihm seinen Kreolenschädel gründlich verkeilt habe.«
In
eben diesen Tagen, wo Marx in Margate weilte, entluden sich die ersten
Blitze des Kriegsgewitters, das über Deutschland heraufgezogen war. Am
8. April hatte Bismarck mit Italien ein Angriffsbündnis gegen
Österreich abgeschlossen, und am Tage darauf richtete er den Antrag an
den Bundestag, ein deutsches Parlament auf Grund des allgemeinen
Stimmrechts einzuberufen, um eine Bundesreform zu beraten, über die
sich die deutschen Regierungen zu einigen hätten. Die Stellung, die
Marx und Engels zu diesen Vorgängen einnahmen, zeigte nun doch, daß
sie den deutschen Zuständen sehr entfremdet waren. Sie schwankten in
ihrem Urteil. Am 10. April schrieb Engels über Bismarcks Antrag wegen
eines deutschen Parlaments: »Welch ein Rindvieh muß der Kerl sein zu
glauben, das hülfe ihm auch nur ein Atom! ... Wenn es wirklich zum
Klappen kommt, so hängt zum ersten Mal in der Geschichte die
Entwicklung ab von der Haltung Berlins. Schlagen die Berliner zur
rechten Zeit los, so kann die Sache gut werden - aber wer kann sich
auf die verlassen?«
Drei
Tage später schrieb er wieder, mit einer merkwürdig klaren Voraussicht
der Dinge: »Wie es den Anschein hat, wird der deutsche Bürger nach
einigem Sträuben darauf [von Mehring eingefügt: nämlich das allgemeine
Stimmrecht] eingehn, denn der Bonapartismus ist doch die wahre
Religion der modernen Bourgeoisie. Es wird mir immer klarer, daß die
Bourgeoisie nicht das Zeug hat, selbst direkt zu herrschen, und
|353| daß daher, wo nicht eine Oligarchie wie hier in England es
übernehmen kann, Staat und Gesellschaft gegen gute Bezahlung im
Interesse der Bourgeoisie zu leiten, eine bonapartistische
Halbdiktatur die normale Form ist; die großen materiellen Interessen
der Bourgeoisie führt sie durch, selbst gegen die Bourgeoisie, läßt
ihr aber keinen Teil an der Herrschaft selbst. Andrerseits ist diese
Diktatur selbst wieder gezwungen, diese materiellen Interessen der
Bourgeoisie widerwillig zu adoptieren. So haben wir jetzt den Monsieur
Bismarck, wie er das Programm des Nationalvereins adoptiert. Das
Durchführen ist freilich etwas ganz anderes, allein am deutschen
Bürger scheitert B[ismarck] schwerlich.« Woran er aber wirklich
scheitern würde, so meinte Engels, sei die österreichische
Heeresmacht. Benedek sei jedenfalls ein besserer General als Prinz
Friedrich Karl; Österreich könne wohl Preußen, nicht aber Preußen
Osterreich aus eigener Kraft zum Frieden zwingen; jeder preußische
Erfolg wäre also eine Aufforderung an Bonaparte, sich einzumischen.
Fast
genau mit denselben Worten schilderte Marx die damalige Lage in einem
Brief an einen neugewonnenen Freund, den Arzt Kugelmann in Hannover,
der schon als junger Bursch im Jahre 1848 für Marx und Engels
geschwärmt, alle ihre Schriften sorgsam gesammelt, aber erst im Jahre
1862 durch Freiligraths Vermittlung sich an Marx gewandt hatte, dem er
schnell ein naher Vertrauter wurde. In allen militärischen Fragen
unterwarf sich Marx den Urteilen, die Engels fällte, mit einem
Verzicht auf jede Kritik, der ihm sonst am wenigsten eigen war.
Erstaunlicher noch, als seine Überschätzung der österreichischen
Macht, war die Auffassung, die Engels von den inneren Zuständen des
preußischen Heeres hatte. Erstaunlicher namentlich deshalb, weil er
eben in einer vortrefflichen Schrift die Heeresreform, um die der
preußische Verfassungskonflikt entbrannt war, mit einer, den
bürgerlich-demokratischen Kannegießern weit überlegenen Einsicht
dargestellt hatte.[10] Am
25. Mai schrieb er: »Wenn die Österreicher gescheit genug sind nicht
anzugreifen, so bricht der Tanz in der preußischen Armee sicher los.
So rebellisch, wie die Kerle bei dieser Mobilmachung sind, waren sie
nie. Leider erfährt man nur den allergeringsten Teil von dem, was
vorgeht, aber das ist schon genug, um zu beweisen, daß mit dieser
Armee ein Angriffskrieg unmöglich ist.« Und noch am 11. Juni: »Die
Landwehr wird in diesem Krieg den Preußen ebenso gefährlich wie 1806
die Polen, die auch über 1/3
der Armee ausmachten und die ganze Geschichte ... desorganisierten.
Nur daß die Landwehr, statt zu debandieren, rebellieren wird nach der
Niederlage.« Das wurde drei Wochen vor Königgrätz geschrieben.
|354| Königgrätz zerstreute dann alle Nebel,
und schon am Tage nach der Schlacht schrieb Engels: »Was sagst Du zu
den Preußen? Die Ausbeutung der ersten Erfolge ist mit enormer Energie
geschehen ... Solch eine Entscheidungsschlacht in 8 Stunden abgemacht,
ist noch nicht dagewesen; unter andern Umständen hätte sie zwei Tage
gedauert. Aber das Zündnadelgewehr ist eine heillose Waffe, und dann
schlugen sich die Kerle wirklich mit einer Bravour, die ich an solchen
Friedenstruppen nie gesehen habe.« Engels und Marx konnten irren und
haben oft geirrt, aber sie haben sich nie gegen die Erkenntnis
gesträubt, die ihnen die Ereignisse selbst aufzwangen. Der preußische
Sieg war für sie ein harter Bissen, doch würgten sie nicht hilflos
daran. Engels, der in dieser Frage die Führung behielt, faßte nun am
25. Juli die Lage so zusammen: »Die Geschichte in Deutschland scheint
mir jetzt ziemlich einfach. Von dem Augenblick an, wo Bismarck den
kleindeutschen Bourgeoisieplan mit der preußischen Armee und so
kolossalem Sukzeß durchführte, hat die Entwicklung in Deutschland
diese Richtung so entschieden genommen, daß wir ebenso gut wie andre
die vollzogene Tatsache anerkennen müssen, ob sie uns gefallen mag
oder nicht ... Die Sache hat das Gute, daß sie die Situation
vereinfacht, eine Revolution dadurch erleichtert, daß sie die Krawalle
der kleinen Hauptstädte beseitigt und die Entwicklung jedenfalls
beschleunigt. Am Ende ist doch ein deutsches Parlament ein ganz andres
Ding als eine preußische Kammer. Die ganze Kleinstaaterei wird in die
Bewegung hineingerissen, die schlimmsten lokalisierenden Einflüsse
hören auf, und die Parteien werden endlich wirklich nationale, statt
bloß lokale.« Worauf Marx zwei Tage später mit trockener Gelassenheit
erwiderte: »Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß man den Dreck nehmen muß,
wie er ist. Doch ist es angenehm, während dieser jungen Zeit der
ersten Liebe in der Ferne zu sein.«
Gleichzeitig schrieb Engels, nicht in lobendem Sinne, daß »Bruder
Liebknecht sich in eine fanatische Österreicherei hineinreite«;
offenbar rühre eine »Wutkorrespondenz« aus Leipzig in der »Frankfurter
Zeitung« von ihm her; diese fürschtenmörderische Zeitung sei so weit
gekommen, daß sie den Preußen ihre schändliche Behandlung des
»ehrwürdigen Kurfürsten von Hessen« vorwerfe und für den armen blinden
Welfen schwärme. Dagegen erklärte sich Schweitzer in Berlin aus
denselben Gründen und mit denselben Worten so wie Marx und Engels in
London, wegen welcher »opportunistischen« Politik dieser Unglückliche
heute noch die sittliche Empörung der gewichtigen Staatsmänner
ertragen muß, die Marx und Engels zwar nicht verstehen, aber anbeten.
6. Der Genfer Kongreß
|355| Wider die Absicht hatte der erste Kongreß
der Internationalen noch nicht stattgefunden, als die Schlacht bei
Königgrätz über die deutschen Geschicke entschied. Er hatte noch
einmal bis in den September des Jahres vertagt werden müssen, obgleich
sein zweites Lebensjahr dem neuen Bunde einen ungleich schnelleren
Aufstieg beschert hatte als das erste.
Auf
dem Festlande begann sich Genf als sein wichtigster Mittelpunkt
herauszubilden, wo sowohl die romanische wie die deutsche Sektion mit
der Gründung eigener Parteiorgane vorgingen. Das deutsche war der
»Vorbote«, eine von dem alten Becker gegründete und geleitete
Monatsschrift, deren sechs Jahrgänge noch heute zu den wichtigsten
Quellen für die Geschichte der Internationalen gehören. Der »Vorbote«
erschien seit dem Januar 1866 und nannte sich »Zentralorgan der
Sektionsgruppe deutscher Sprache«, denn auch die deutschen Mitglieder
der Internationalen, so viele oder so wenige ihrer waren, hielten sich
nach Genf, da die deutschen Vereinsgesetze die Bildung inländischer
Sektionen hinderten. Aus ähnlichen Gründen erstreckte die romanische
Sektion in Genf ihren Einfluß tief nach Frankreich.
Auch
in Belgien hatte sich die Bewegung schon ein eignes Blatt geschaffen,
die »Tribune du Peuple«, die Marx als offizielles Organ der
Internationalen ebenso anerkannte wie die beiden Genfer Blätter. Nicht
jedoch zählte er dazu ein oder ein paar Blättchen, die in Paris
erschienen und in ihrer Weise die Arbeitersache vertraten. Die Sache
nahm zwar auch in Frankreich einen guten Fortgang, aber mehr wie ein
Flug- als wie ein Herdfeuer. Bei dem gänzlichen Mangel an Preß- und
Versammlungsfreiheit ließen sich wirkliche Bewegungszentren schwer
schaffen, und die zweideutige Duldung der bonapartistischen Polizei
wirkte zunächst mehr einschläfernd als erweckend auf die Energie der
Arbeiter. Auch der stark vorherrschende Proudhonismus war nicht
geeignet, die organisatorische Kraft des Proletariats zu fördern.
Er
lärmte besonders in dem »jungen Frankreich«, das flüchtig in Brüssel
oder London lebte. Im Februar 1866 machte eine französische Sektion,
die sich in London gebildet hatte, dem Generalrat heftige Opposition,
weil er die Polenfrage auf das Programm des Genfer Kongresses gesetzt
hatte. Im Sinne Proudhons fragte sie, wie man denn denken könne, den
russischen Einfluß durch die Wiederherstellung Polens zurückzudämmen,
in einem Augenblick, wo die russischen Leibeigenen durch Rußland
befreit würden, während die polnischen Adligen und |356|
Priester sich stets geweigert hätten, ihren Leibeigenen die Freiheit
zu geben? Auch beim Ausbruch des deutschen Krieges erregten die
französischen Mitglieder der Internationalen und selbst ihres
Generalrats viel unnützen Streit mit ihrem »Proudhonistischen
Stirnerianismus«, wie Marx einmal sagt,-, indem sie alle
Nationalitäten für veraltet erklärten und ihre Auflösung in kleine
»Gruppen« verlangten, die wieder einen »Verein« bilden sollten, aber
keinen Staat. »Und zwar soll diese ›Individualisierung‹ der Menschheit
und der entsprechende ›mutualisme‹ vor sich gehn, indem die Geschichte
in allen andern Ländern aufhört und die ganze Welt wartet, bis die
Franzosen reif sind, eine soziale Revolution zu machen. Dann werden
sie uns das Experiment vormachen, und die übrige Welt wird, durch die
Kraft ihres Beispiels überwältigt, dasselbe tun.« Diesen Spott
richtete Marx zumal an seine »sehr guten Freunde« Lafargue und Longuet,
die seine Schwiegersöhne werden sollten, aber zunächst als »Proudhongläubige«
ihm manche Schererei verursachten.
Das
Schwergewicht der Internationalen lag immer noch in den Trade Unions.
So sah auch Marx die Dinge an; am 15. Januar 1866 sprach er in einem
Brief an Kugelmann seine Genugtuung darüber aus, daß es gelungen sei,
diese einzige wirklich große Arbeiterorganisation in die Bewegung zu
ziehen; besondere Freude bereitete ihm ein Riesenmeeting, das einige
Wochen früher in St. Martins Hall zugunsten der Wahlreform
stattgefunden hatte, unter der geistigen Leitung der Internationalen.
Als dann das Whigministerium Gladstone im März 1866 eine
Wahlreformvorlage eingebracht hatte, die einem Teil seiner eigenen
Partei zu radikal war, und durch den Abfall dieser Mitglieder stürzte,
um durch das Toryministerium Disraeli abgelöst zu werden, das die
Wahlreform auf die lange Bank zu schieben versuchte, nahm die Bewegung
stürmische Formen an. Am 7. Juli schrieb Marx an Engels: »Die Londoner
Arbeiterdemonstrationen, fabelhaft, verglichen mit dem, was wir seit
1849 in England gesehn, sind rein das Werk der ›International‹.
Mr. Lucraft f.i. [Mehring übersetzt: zum Beispiel], der Hauptmann auf
dem Trafalgar Square, is one of our council [Mehring übersetzt: ist
einer von unserem Rat].« Auf dem Trafalgar Square, wo 20.000 Menschen
versammelt waren, berief Lucraft ein Meeting nach White Hall Gardens
ein, wo »wir zuzeiten einem unserer Könige den Kopf abgehauen«; gleich
darauf kam es im Hyde Park, wo 60.000 Menschen versammelt waren, fast
schon zum offenen Aufstande.
Die
Verdienste der Internationalen um diese Bewegung, die durch das ganze
Land ging, erkannten die Trade Unions völlig an. Eine von sämtlichen
|357|* Trades Unions beschickte Konferenz in Sheffield beschloß:
»Indem die Konferenz der Internationalen Arbeiterassoziation für ihre
Bemühungen, die Arbeiter aller Länder durch ein Band der
Brüderlichkeit zu vereinen, volle Anerkennung zollt, empfiehlt sie
allen hier vertretenen Gesellschaften auf das eindringlichste, sich
dieser Körperschaft anzuschließen, in der Überzeugung, daß dies von
der äußersten Wichtigkeit ist für den Fortschritt und das Gedeihen der
gesamten Arbeiterklasse.« Nunmehr schlossen sich eine ganze Reihe von
Gewerkschaften der Internationalen an, doch war dieser große
moralisch-politische nicht in gleichem Maße ein materieller Erfolg. Es
blieb den angeschlossenen Gewerkschaften überlassen, nach Belieben
oder auch gar keine Beiträge zu zahlen, und wenn sie es taten, geschah
es in recht bescheidener Weise. So zahlten jährlich die Schuhmacher
mit 5.000 Mitgliedern fünf, die Zimmerer mit 9.000 Mitgliedern zwei,
die Maurer mit 3.000 bis 4.000 Mitgliedern gar nur ein Pfund.
Auch
erkannte Marx sehr früh, daß sich in dem »Reformmovement« »der
verfluchte traditionelle Charakter aller englischen Bewegungen« zeige.
Schon vor Gründung der Internationalen hatten die Trade mit den
bürgerlichen Radikalen wegen der Wahlreform angeknüpft. Diese
Beziehungen wurden nur noch enger, je mehr die Bewegung greifbare
Früchte zu reifen versprach; »Abschlagszahlungen«, die früher mit
höchster Entrüstung zurückgewiesen worden waren, erschienen als
würdige Kampfpreise; Marx vermißte doch den feurigen Geist der alten
Chartisten. Er tadelte die Unfähigkeit der Engländer, zwei Dinge auf
einmal zu tun; je mehr die Wahlbewegung vorwärtsginge, um so kühler
würden die Londoner Führer »in unserem engeren Movement«; »in England
hat die Reformbewegung, die von uns ins Leben gerufen wurde, uns
beinahe getötet«. Ein starkes Hindernis dieser Entwicklung fiel
dadurch fort, daß Marx durch seine Krankheit und den Aufenthalt in
Margate am persönlichen Eingreifen verhindert wurde.
Viel
Mühe und Sorge machte ihm auch »The Workman's Advocate«, ein
Wochenblatt, das die Konferenz von 1865 zum offiziellen Organe der
Internationalen erhoben hatte und das sich im Februar 1866 in »The
Commonwealth« umtaufte. Marx saß mit im Verwaltungsrat des beständig
mit finanziellen Nöten kämpfenden und deshalb auf die Hilfe
bürgerlicher Wahlreformer angewiesenen Blattes; er bemühte sich
eifrig, bürgerlichen Einflüssen das Gegengewicht zu halten und daneben
Eifersüchteleien um die Redaktion zu steuern; zeitweise redigierte
Eccarius das Blatt und veröffentlichte in ihm seine bekannte
Streitschrift gegen Stuart Mill, an der Marx stark mitgeholfen hat.
Schließlich konnte |358| Marx aber doch nicht hindern, daß der
»Commonwealth« »einstweilen in ein reines Reformorgan umschlug«, wie
es in einem Brief an Kugelmann heißt, »aus halb ökonomischen und halb
politischen Gründen«.
Diese
Gesamtlage der Dinge erklärt es hinlänglich, daß Marx dem ersten
Kongreß der Internationalen mit großen Befürchtungen entgegensah, weil
er von ihm »eine europäische Blamage« befürchtete. Da die Pariser auf
dem Beschluß der Londoner Konferenz bestanden, wonach der Kongreß Ende
Mai stattfinden sollte, so wollte Marx selbst hinübergehen, um sie von
der Unmöglichkeit dieses Termins zu überzeugen, doch Engels meinte,
die ganze Geschichte sei nicht das Risiko wert, daß Marx in die Fänge
der bonapartistischen Polizei geriete, in denen er ungeschützt sein
würde; ob der Kongreß was Gutes beschließen werde, sei Nebensache,
wenn nur jeder Skandal vermieden werden könne, und das werde doch wohl
möglich sein. In gewissem Sinne - wenigstens ihnen selbst gegenüber -
werde jede derartige Demonstration eine Blamage sein, ohne daß sie es
deshalb vor Europa zu sein brauche.
Der
Knoten löste sich dadurch, daß die Genfer selbst, da sie mit ihren
Vorbereitungen nicht fertig waren, die Vertagung des Kongresses bis in
den September beschlossen, womit man überall, außer in Paris,
einverstanden war. Marx selbst beabsichtigte nicht, an dem Kongreß
persönlich teilzunehmen, da die Arbeit an seinem wissenschaftlichen
Werk keine längere Unterbrechung mehr zuließ; ihm erschien, was er
dadurch tat, viel wichtiger für die Arbeiterklasse, als was er
persönlich auf irgendeinem Kongreß tun könnte. Aber er verwandte doch
viel Zeit darauf, einen günstigen Verlauf des Kongresses zu sichern;
er entwarf eine Denkschrift für die Londoner Delegierten
[11], die er absichtlich
auf solche Punkte beschränkte, »die unmittelbare Verständigung und
Zusammenwirken der Arbeiter erlauben und den Bedürfnissen des
Klassenkampfs und der Organisation der Arbeiter zur Klasse unmittelbar
Nahrung und Anstoß geben«. Man kann dieser Denkschrift dasselbe
Kompliment machen, wie es Beesly der »Inauguraladresse« gemacht hatte:
auf wenigen Seiten sind so gründlich und schlagend wie nur je die
nächsten Forderungen des internationalen Proletariats zusammengefaßt.
Als Vertreter des Generalrats gingen der Präsident Odger und der
Generalsekretär Cremer nach Genf, mit ihnen Eccarius und Jung, auf
deren Verständnis sich Marx in erster Reihe verlassen konnte.
Der
Kongreß tagte vom 3. bis 8. September unter dem Vorsitze Jungs und in
Anwesenheit von 60 Delegierten. Marx fand, daß er »über Erwarten
ausgefallen sei«. Nur über die »Herren Pariser« ließ er sich recht
bitter aus. »Sie hatten den Kopf voll mit den leersten Proudhonischen
|359| Phrasen. Sie schwatzen von Wissenschaft und wissen
nichts. Sie verschmähen alle revolutionäre, i. e. aus dem
Klassenkampf selbst entspringende Aktion, alle konzentrierte,
gesellschaftliche, also auch durch politische Mittel (wie z.B.
gesetzliche Abkürzung des Arbeitstags) durchsetzbare Bewegung;
unter dem Vorwand der Freiheit und des Antigouvernementalismus
oder Antiautoritätsindividualismus - diese Herren, die so ruhig seit
sechzehn Jahren den elendesten Despotismus ertragen haben und
ertragen! - predigen sie in der Tat die ordinäre bürgerliche
Wirtschaft, nur proudhonisch idealisiert!« Und so weiter in noch
härteren Wendungen.
Das
Urteil ist reichlich scharf, ob |