1. Die Geburtswehen
|364| Wenn Marx die Teilnahme an dem Genfer Kongreß ablehnte, weil
ihm die Vollendung seines Hauptwerks - er meinte, bisher habe er nur
Kleinigkeiten gemacht - für die Arbeiter wichtiger zu sein schien als
die Beteiligung an irgendeinem Kongresse, so hatte er im Auge, daß er
seit dem 1. Januar 1866 mit der Reinschrift und Stilisierung des
ersten Bandes begonnen hatte. Und die Sache ging zunächst flott voran,
da es ihm »natürlich Spaß machte, das Kind glatt zu lecken nach so
vielen Geburtswehen«.
Diese
Geburtswehen hatten ziemlich zweimal so viele Jahre gewährt wie die
Physiologie Monate zur Herausgabe eines fertigen Menschenkindes
gebraucht. Marx durfte mit Recht sagen, vielleicht niemals sei ein
Werk dieser Art unter schwierigeren Verhältnissen geschrieben worden.
Immer wieder hatte er sich einen Zeitpunkt festgesetzt, um »in fünf
Wochen«, wie 1851, oder »in sechs Wochen«, wie 1859, fertigzuwerden,
aber immer wieder scheiterten diese Vorsätze an seiner unerbittlichen
Selbstkritik und seiner unvergleichlichen Gewissenhaftigkeit, die ihn
zu immer neuen Untersuchungen trieben und auch durch die ungeduldige
Mahnung seines treuesten Freundes nicht erschüttert werden konnten.
Ende
1865 war er mit der Arbeit fertig, aber doch nur in der Form eines
riesigen Manuskripts, das in seiner nunmehrigen Gestalt von niemand
herausgegeben werden konnte, außer von ihm selbst, nicht einmal von
Engels. Aus dieser gewaltigen Masse hat Marx vom Januar 1866 bis März
1867 den ersten Band des »Kapitals« in seiner klassischen Fassung
herausgearbeitet als ein »artistisches Ganzes«, was seiner fabelhaften
Arbeitskraft immer noch das glänzendste Zeugnis ausstellt. Denn diese
fünf Vierteljahre waren daneben erfüllt durch beständige und wie im
Februar 1866, selbst lebensgefährliche Krankheitszustände, durch eine
Aufhäufung von Schulden, die ihm »das Gehirn zusammendrückten«, und
nicht zuletzt auch durch die zeitraubenden Vorarbeiten für den Genfer
Kongreß der Internationalen.
|365| Im November 1866 ging das erste Bündel
Manuskript an Otto Meißner in Hamburg ab, einen Verleger
demokratischer Literatur, bei dem Engels schon seine kleine Schrift
über die preußische Militärfrage hatte erscheinen lassen. Mitte April
1867 brachte Marx den Rest des Manuskripts selbst nach Hamburg und
fand in Meißner einen »netten Kerl«, mit dem nach kurzem Verhandeln
alles in Ordnung war. Um die ersten Proben des Druckes abzuwarten, der
in Leipzig hergestellt wurde, besuchte Marx seinen Freund Kugelmann in
Hannover, wo er in einer liebenswürdigen Familie die gastlichste
Aufnahme fand. Er verlebte hier glückliche Wochen, die er selbst zu
»den schönsten und freudigsten Oasen in der Lebenswüste« zählte. Ein
wenig zu seiner frohen Stimmung trug auch bei, daß ihm, dem in dieser
Beziehung ganz Unverwöhnten, die gebildeten Kreise Hannovers mit
Achtung und Sympathie entgegenkamen; »wir zwei haben doch«, schrieb er
am 24. April an Engels, »eine ganz andere Stellung ... unter dem
›gebildeten‹ Beamtentum, als wir wissen«. Und Engels antwortete am 27.
April: »Es ist mir immer so gewesen, als wenn dies verdammte Buch, an
dem Du so lange getragen hast, der Grundkern von allem Deinem Pech war
und Du nie herauskommen würdest und könntest, solange dies nicht
abgeschüttelt. Dies ewig unfertige Ding drückte Dich körperlich,
geistig und finanziell zu Boden, und ich kann sehr gut begreifen, daß
Du jetzt, nach Abschüttelung dieses Alps, Dir wie ein ganz andrer Kerl
vorkommst, besonders da die Welt, sobald Du nur erst wieder einmal
hineinkommst, auch nicht so trübselig aussieht wie vorher.« Daran
knüpfte Engels die Hoffnung, nun bald vom »hündischen Kommerz« erlöst
zu sein. Solange er da drin stecke, sei er zu nichts fähig; besonders
seitdem er Prinzipal sei, wäre das viel schlimmer geworden, wegen der
größeren Verantwortlichkeit.
Marx
antwortete ihm darauf am 7. Mai: »Ich hoffe und glaube zuversichtlich,
nach Jahresfrist so weit ein gemachter Mann zu sein, daß ich von Grund
aus meine ökonomischen Verhältnisse reformieren und endlich wieder auf
eigenen Füßen stehn kann. Ohne Dich hätte ich das Werk nie zu Ende
bringen können, und ich versichere Dir, es hat mir immer wie ein Alp
auf dem Gewissen gelastet, daß Du Deine famose Kraft hauptsächlich
meinetwegen kommerziell vergeuden und verrosten ließest und, into the
bargain [Mehring übersetzt: obendrein] noch alle meine petites misères
[Mehring übersetzt: kleines Elend] mit durchleben mußtest.« Marx ist
nun freilich weder im nächsten Jahre, noch überhaupt ein »gemachter
Mann« geworden, und Engels mußte den »hündischen Kommerz« noch einige
Jahre mit ansehen, aber der Horizont begann sich doch zu lichten.
|366| Eine lang gestundete Briefschuld an einen
Anhänger, den Bergwerksingenieur Siegfried Meyer, der bis dahin in
Berlin gelebt hatte und um diese Zeit nach den Vereinigten Staaten
übersiedelte, trug Marx in diesen hannöverschen Tagen mit Worten ab,
die seine »Herzlosigkeit« abermals in helles Licht setzen. Er schrieb:
»Sie müssen sehr schlecht von mir denken und um so schlechter, wenn
ich Ihnen sage, daß Ihre Briefe mir nicht nur eine große Freude
bereitet haben, sondern ein wahrer Trost für mich waren während
der sehr qualvollen Periode, worin sie mir zukamen. Einen tüchtigen
Mann, à la hauteur des principes [Mehring übersetzt: auf der Höhe des
Prinzips] für unsre Partei gesichert zu wissen, entschädigt mich für
das Schlimmste. Zudem waren Ihre Briefe voll der liebenswürdigsten
Freundschaft für mich persönlich, und Sie begreifen, daß ich, der mit
der Welt (der offiziellen) im bittersten Kampfe stehe, dies am
wenigsten unterschätzen kann. - Warum ich Ihnen also nicht antwortete?
Weil ich fortwährend am Rande des Grabe schwebte. Ich mußte also
jeden arbeitsfähigen Moment benutzen, um mein Werk fertigzumachen,
dem ich Gesundheit, Lebensglück und Familie geopfert habe. Ich hoffe,
daß diese Erklärung keines weiteren Zusatzes bedarf. Ich lache über
die sogenannten ›praktischen‹ Männer und ihre Weisheit. Wenn man ein
Ochse sein wollte, könnte man natürlich den Menschheitsqualen den
Rücken kehren und für seine eigne Haut sorgen. Aber ich hätte mich
wirklich für unpraktisch gehalten, wenn ich krepiert wäre, ohne
mein Buch, wenigstens im Manuskript, ganz fertig zumachen.«
In der
gehobenen Stimmung dieser Tage hat Marx es auch ernsthaft aufgenommen,
als ihm ein sonst unbekannter Advokat Warnebold den angeblichen Wunsch
Bismarcks übermittelte, ihn und seine großen Talente im Interesse des
deutschen Volks zu verwerten. Nicht als ob Marx von dieser Lockung
berauscht gewesen wäre; er wird darüber gedacht haben wie Engels: »Es
ist bezeichnend für die Denkweise und den Horizont des Kerls, daß er
alle Leute nach sich beurteilt.« Aber in de nüchternen Alltagsstimmung
würde Marx schwerlich an die Botschaft Warnebolds geglaubt haben. In
den noch ganz unfertigen Zuständen des Norddeutschen Bundes, nachdem
kaum die Gefahr eines Krieges mit Frankreich wegen des Luxemburgischen
Handels beschworen worden war, konnte Bismarck unmöglich daran denken,
die kaum erst in sein Lager übergegangene Bourgeoisie, die schon zu
seinen Gehilfen Bucher und Wagener sehr scheel sah, noch dadurch vor
den Kopf zu stoßen, daß er den Verfasser des »Kommunistischen
Manifestes« in seine Dienst, nahm.
|367| Nicht mit Bismarck, aber mit einer
Verwandten Bismarcks erlebte Marx auf seiner Rückreise nach London ein
kleines Abenteuer, über das er nicht ohne Behagen an Kugelmann
berichtete. Auf dem Dampfer bat ihn ein deutsches Fräulein, das ihm
schon durch seine militärische Haltung aufgefallen war, um nähere
Auskunft über die Londoner Eisenbahnstationen, wobei sich ergab, daß
sie einige Stunden auf den Zug warten mußte, den sie zu benutzen
hatte, und diese Zeit verkürzte ihr Marx ritterlich durch
Spazierengehen im Hyde Park. »Es ergab sich, daß sie Elisabeth von
Puttkamer hieß, Nichte Bismarcks, bei dem sie eben einige
Wochen in Berlin zugebracht hatte. Sie hatte die ganze Armeeliste bei
sich, da diese Familie unser ›tapferes Kriegsheer‹ überreichlich mit
Herren von Ehr' und Taille versieht. Sie war ein munteres, gebildetes
Mädchen, aber aristokratisch und schwarzweiß bis zur Nasenspitze. Sie
war nicht wenig erstaunt, als sie erfuhr, daß sie in ›rote‹
Hände gefallen sei.« Doch die kleine Dame verlor deshalb die gute
Laune nicht. In einem zierlichen Brieflein sagte sie voll »kindlicher
Hochachtung« ihrem Ritter »herzinnigsten Dank« für alle Mühe, die er
mit ihr als einem »unerfahrenen Geschöpf« gehabt habe, und so ließen
auch ihre Eltern vermelden, sie seien glücklich zu erfahren, daß es
noch gute Menschen auf der Reise gebe.
In
London erledigte Marx die Korrekturen seines Buches. Ohne ein
gelegentliches Schelten über die Saumseligkeit des Druckes ging es
auch diesmal nicht ab, aber schon am 16. August 1867, um 2 Uhr nachts,
konnte er Engels melden, daß er eben den letzten (49.) Bogen fertig
korrigiert habe. »Also dieser Band ist fertig. Bloß Dir
verdanke ich es, daß dies möglich war! Ohne Deine Aufopferung für mich
konnte ich unmöglich die ungeheuren Arbeiten zu den drei Bänden
machen. I embrace you, full of thanks ... Salut [Mehring übersetzt:
Ich umarme Dich, voller Dank! Gruß], mein lieber, teurer Freund!«
2. Der erste Band
In dem
ersten Kapitel seines Werkes faßte Marx noch einmal zusammen, was er
in seiner Schrift von 1859 über Ware und Geld ausgeführt hatte. Es
geschah nicht nur der Vollständigkeit wegen, sondern weil selbst gute
Köpfe die Sache nicht ganz richtig begriffen hätten, also in der
Darstellung etwas Mangelhaftes sein müsse, speziell der Analyse der
Ware.
|368| Zu diesen guten Köpfen gehörten freilich
nicht die deutschen Gelehrten, die gerade das erste Kapitel des
»Kapitals« wegen seiner »unklaren Mystik« verwünscht haben. »Eine Ware
scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding.
Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll
metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie
Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr ... Die Form des
Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht.
Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches
Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt es sich in
ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen
auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf
den Kopf, und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel
wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.«[1]
Das nahmen alle Holzköpfe übel, die übersinnliche Spitzfindigkeiten
und theologische Mucken in schwerer Menge produzieren, aber nicht so
viel sinnliches Ding produzieren können, wie ein ordinärer sinnlicher
Tisch von Holz sein mag.
Tatsächlich gehört dies erste Kapitel, unter rein schriftstellerischem
Gesichtspunkt, zu dem Bedeutendsten, was Marx geschrieben hat. Er ging
dann zu der Untersuchung über, wie sich Geld in Kapital verwandelt.
Tauschen sich in der Warenzirkulation gleiche Werte gegeneinander aus,
wie kann der Geldbesitzer Waren zu ihrem Werte kaufen und zu ihrem
Werte verkaufen, dennoch aber mehr Wert herausziehen, als er
hineingeworfen hatte? Er kann es deshalb, weil er unter den
gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen auf dem Warenmarkt eine
Ware von so eigentümlicher Beschaffenheit vorfindet, daß ihr Verbrauch
eine Quelle von neuem Wert ist. Diese Ware ist die Arbeitskraft.
Sie
existiert in der Gestalt des lebendigen Arbeiters, der zu seiner
Existenz sowie zur Erhaltung seiner Familie, die die Fortdauer der
Arbeitskraft auch nach seinem Tode sichert, einer bestimmten Summe von
Lebensmitteln bedarf. Die zur Hervorbringung dieser Lebensmittel
nötige Arbeitszeit stellt den Wert der Arbeitskraft dar. Dieser im
Lohne gezahlte Wert ist aber weit geringer als der Wert, den der
Käufer der Arbeitskraft aus ihr zu schöpfen vermag. Die Mehrarbeit des
Arbeiters über die zur Ersetzung seines Lohnes nötige Zeit hinaus ist
die Quelle des Mehrwerts, der stets wachsenden Anschwellung des
Kapitals. Die unbezahlte Arbeit des Arbeiters erhält alle
nichtarbeitenden Mitglieder der Gesellschaft; auf ihr beruht der ganze
gesellschaftliche Zustand worin wir leben.
|369| Zwar ist die unbezahlte Arbeit an sich
keine Eigentümlichkeit der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Solange
es besitzende und besitzlose Klassen gibt, hat die besitzlose Klasse
stets unbezahlte Arbeit leisten müssen. Solange ein Teil der
Gesellschaft das Monopol der Produktionsmittel besitzt, muß der
Arbeiter, frei oder unfrei, der zu seiner Selbsterhaltung nötigen
Arbeitszeit überschüssige Arbeitszeit zusetzen, um die Lebensmittel
für die Eigner der Produktionsmittel zu produzieren. Die Lohnarbeit
ist nur eine besondere historische Form des seit der Klassenscheidung
herrschenden Systems unbezahlter Arbeit, eine besondere historische
Form, die als solche untersucht werden muß, um richtig verstanden zu
werden.
Zur
Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer den freien
Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinne, daß er
als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt und
daß er andere Waren nicht zu verkaufen hat, daß er los und ledig ist
von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen. Es
ist kein naturgeschichtliches Verhältnis, denn die Natur produziert
nicht auf der einen Seite Geld- oder Warenbesitzer und auf der anderen
Seite bloße Besitzer der eigenen Arbeitskraft. Es ist aber auch kein
gesellschaftliches Verhältnis, das allen Geschichtsperioden gemeinsam
wäre, sondern das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung, das
Produkt vieler ökonomischer Umwälzungen, des Untergangs einer ganzen
Reihe älterer Formationen der gesellschaftlichen Produktion.
Die
Warenproduktion ist der Ausgangspunkt des Kapitals. Warenproduktion,
Warenzirkulation und entwickelte Warenzirkulation, Handel, bilden die
geschichtlichen Voraussetzungen, unter denen es entsteht. Von der
Schöpfung des modernen Welthandels und Weltmarktes im sechzehnten
Jahrhundert datiert die moderne Lebensgeschichte des Kapitals. Die
Illusion der Vulgärökonomen, als habe es einmal eine fleißige Elite
gegeben, die Reichtum akkumulierte, und eine Masse faulenzender
Lumpen, die schließlich nichts zu verkaufen hatten als ihre eigene
Haut, ist eine fade Kinderei; eine ebenso fade Kinderei wie das
Halbdunkel, worin die bürgerlichen Historiker die Auflösung der
feudalen Produktionsweise darstellen als Emanzipation des Arbeiters
und nicht zugleich als Verwandlung der feudalen in die kapitalistische
Produktionsweise. Indem die Arbeiter aufhörten, unmittelbar zu den
Produktionsmitteln zu gehören wie Sklaven und Leibeigene, hörten die
Produktionsmittel auf, ihnen zu gehören wie beim selbstwirtschaftenden
Bauern und Handwerker. Durch eine Reihe gewaltsamer und grausamer
Methoden, die Marx im Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation an
der englischen |370|* Geschichte ausführlich schildert, wurde
die große Volksmasse von Grund und Boden und Lebensmitteln und
Arbeitswerkzeugen enteignet. So entstanden die freien Arbeiter, deren
die kapitalistische Produktionsweise bedarf; vom Kopf bis zur Zehe,
aus allen Poren blut- und schmutztriefend, kam das Kapital zur Welt.
Sobald es einmal auf eigenen Füßen stand, erhielt es nicht nur die
Scheidung zwischen dem Arbeiter und dem Eigentum an den
Verwirklichungsbedingungen der Arbeit, sondern reproduzierte sie auf
stets wachsender Stufenleiter.
Von
den früheren Arten unbezahlter Arbeit unterscheidet sich die
Lohnarbeit dadurch, daß die Bewegung des Kapitals maßlos, sein
Heißhunger nach Mehrarbeit unersättlich ist. In ökonomischen
Gesellschaftsformationen, wo nicht der Tauschwert, sondern der
Gebrauchswert des Produkts überwiegt, wird die Mehrarbeit durch einen
engeren oder weiteren Kreis von Bedürfnissen beschränkt, aber aus der
Art der Produktion entspringt kein schrankenloses Bedürfnis nach
Mehrarbeit. Anders wo der Tauschwert vorwiegt. Als Produzent von
fremder Arbeitsamkeit, als Auspumper von Mehrarbeit und Ausbeuter von
Arbeitskraft übergipfelt das Kapital an Energie, Maßlosigkeit und
Wirksamkeit alle früheren, auf direkter Zwangsarbeit beruhenden
Produktionsprozesse. Es kommt ihm nicht auf den Arbeitsprozeß an, die
Erzeugung von Gebrauchswerten, sondern auf den Verwertungsprozeß, die
Erzeugung von Tauschwerten, aus denen es mehr Wert herausschlagen
kann, als es hineingesteckt hat. Der Hunger nach Mehrwert kennt kein
Gefühl der Sättigung; die Produktion von Tauschwerten besitzt die
Schranke nicht, die der Produktion der Gebrauchswerte in der
Befriedigung der Bedürfnisse gezogen ist.
Wie
die Ware Einheit von Gebrauchs- und Tauschwert, so ist der
Produktionsprozeß der Ware Einheit von Arbeits- und Wertbildungsprozeß.
Der Wertbildungsprozeß dauert bis zu dem Punkte, wo der im Lohne
gezahlte Wert der Arbeitskraft durch einen gleichen Wert ersetzt ist.
Über diesen Punkt hinaus wird er zum Erzeugungsprozeß von Mehrwert,
zum Verwertungsprozeß. Als Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß
wird er kapitalistischer Produktionsprozeß, kapitalistische Form der
Warenproduktion. Im Arbeitsprozesse wirken Arbeitskraft und
Produktionsmittel zusammen; im Verwertungsprozeß erscheinen dieselben
Kapitalbestandteile als konstantes und variables Kapital. Das
konstante Kapital setzt sich in Produktionsmittel um, in Rohmaterial,
Hilfsstoffe, Arbeitsmittel und verändert seine Wertgröße nicht im
Produktionsprozesse. Das variable Kapital setzt sich in Arbeitskraft
um und verändert im Produktionsprozesse seinen Wert; es reproduziert
seinen |371| eigenen Wert und einen Überschuß darüber,
Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. So
schafft sich Marx klare Bahn für die Untersuchung des Mehrwerts, von
dem er zwei Formen findet, den absoluten und den relativen Mehrwert,
die eine verschiedene, aber jeder eine entscheidende Rolle in der
Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise gespielt haben.
Absoluter Mehrwert wird produziert, indem der Kapitalist die
Arbeitszeit über die zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendige Zeit
ausdehnt. Ginge es nach seinem Wunsche, so hätte der Arbeitstag
vierundzwanzig Stunden, denn je länger der Arbeitstag ist, um so
größeren Mehrwert produziert er. Umgekehrt hat der Arbeiter das
richtige Gefühl, daß jede Stunde Arbeit, die er über die Ersetzung des
Arbeitslohnes hinaus arbeitet, ihm unrechtmäßig entzogen wird; er hat
an seinem eigenen Körper durchzumachen, was es heißt, überlange Zeit
zu arbeiten. Der Kampf um die Länge des Arbeitstages dauert vom ersten
geschichtlichen Auftreten freier Arbeiter bis auf den heutigen Tag.
Der Kapitalist kämpft für seinen Profit, und die Konkurrenz zwingt
ihn, mag er persönlich ein edler Mensch oder ein schlechter Kerl sein,
den Arbeitstag bis an die äußerste Grenze menschlicher
Leistungsfähigkeit auszurecken. Der Arbeiter kämpft für seine
Gesundheit, für ein paar Stunden täglicher Ruhe, um außer Arbeiten,
Essen und Schlafen sich auch sonst noch als Mensch betätigen zu
können. Marx schildert in eindrucksvollster Weise den
halbhundertjährigen Bürgerkrieg, den die Kapitalisten- und die
Arbeiterklasse in England gekämpft hat, von der Geburt der großen
Industrie an, die die Kapitalisten antrieb, jede Schranke zu
zertrümmern, die Natur und Sitte, Alter und Geschlecht, Tag und Nacht
der Ausbeutung des Proletariats setzten, bis zum Erlaß der
Zehnstundenbill, die die Arbeiterklasse erkämpfte, als ein
übermächtiges gesellschaftliches Hindernis, das sie selbst verhindert,
durch freiwilligen Kontrakt mit dem Kapital sich und ihr Geschlecht in
Tod und Sklaverei zu verkaufen.
Relativer Mehrwert wird produziert, indem die zur Reproduktion der
Arbeitskraft notwendige Arbeitszeit zugunsten der Mehrarbeit verkürzt
wird. Der Wert der Arbeitskraft wird dadurch gesenkt, daß die
Produktivkraft der Arbeit in denjenigen Industriezweigen gesteigert
wird, deren Produkte den Wert der Arbeitskraft bestimmen. Dazu ist
notwendig eine fortwährende Umwälzung der Produktionsweise, der
technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses.
Die historischen, ökonomischen, technologischen und
sozialpsychologischen Ausführungen, die Marx hierüber macht, in einer
Reihe von Kapiteln, |372| die die Kooperation, die Teilung der
Arbeit und die Manufaktur, die Maschinerie und die große Industrie
behandeln, sind auch von bürgerlicher Seite als eine reiche Fundgrube
der Wissenschaft anerkannt worden.
Marx
zeigt nicht nur, daß die Maschinerie und große Industrie ein so
furchtbares Elend geschaffen hat wie keine Produktionsweise vor ihr,
sondern er zeigt auch, daß sie in ihrer unausgesetzten
Revolutionierung der kapitalistischen Gesellschaft eine höhere
Gesellschaftsform vorbereitet. Die Fabrikgesetzgebung ist die erste
bewußte und planmäßige Rückwirkung der Gesellschaft auf die
naturwidrige Gestalt ihres Produktionsprozesses. Indem sie die Arbeit
in Fabriken und Manufakturen reguliert, erscheint sie zunächst nur als
Einmischung in die Ausbeutungsrechte des Kapitals.
Aber
die Gewalt der Tatsachen zwingt sie alsbald, auch die Hausarbeit zu
regulieren und in die elterliche Autorität einzugreifen, damit aber
anzuerkennen, daß die große Industrie mit der ökonomischen Grundlage
des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit
auch die alten Familienverhältnisse selbst auflöst. »So furchtbar und
ekelhaft nun die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des
kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die
große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern,
jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich
organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens
zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der
Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter. Es ist natürlich
ebenso albern, die christlich germanische Form der Familie für absolut
zu halten, als die altrömische Form oder die altgriechische oder die
orientalische, die übrigens untereinander eine geschichtliche
Entwicklungsreihe bilden. Ebenso leuchtet ein, daß die Zusammensetzung
des kombinierten Arbeitspersonals aus Individuen beiderlei Geschlechts
und der verschiedensten Altersstufen, obgleich in ihrer naturwüchsig
brutalen, kapitalistischen Form, wo der Arbeiter für den
Produktionsprozeß, nicht der Produktionsprozeß für den Arbeiter da
ist, Pestquelle des Verderbs und der Sklaverei, unter entsprechenden
Verhältnissen umgekehrt zur Quelle humaner Entwicklung umschlagen muß.«[2]
Die Maschine, die den Arbeiter zu ihrem bloßen Anhängsel entwürdigt,
schafft zugleich die Möglichkeit, die Produktivkräfte der Gesellschaft
auf einen Höhegrad zu steigern, der eine gleich menschenwürdige
Entwicklung für alle Glieder der Gesellschaft möglich machen wird,
wofür alle früheren Gesellschaftsformen zu arm waren.
|373| Nachdem Marx die Produktion des absoluten
und des relativen Mehrwerts untersucht hat, gibt er die erste
rationelle Theorie des Arbeitslohnes, die die Geschichte der
politischen Ökonomie kennt. Der Preis einer Ware ist ihr in Geld
ausgedrückter Wert, und der Arbeitslohn ist der Preis der
Arbeitskraft. Nicht die Arbeit erscheint auf dem Warenmarkte, sondern
der Arbeiter, der seine Arbeitskraft feilbietet, und Arbeit entsteht
erst durch den Verbrauch der Ware Arbeitskraft. Die Arbeit ist die
Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen
Wert. Dennoch scheint im Arbeitslohn die Arbeit bezahlt zu werden,
weil der Arbeiter erst nach getaner Arbeit seinen Lohn erhält. Die
Form des Arbeitslohnes löscht jede Spur der Teilung des Arbeitstages
in bezahlte und nichtbezahlte Arbeit aus. Es ist umgekehrt wie beim
Sklaven. Der Sklave scheint nur für seinen Herrn zu arbeiten, auch in
dem Teile des Arbeitstages, worin er nur den Wert seiner eigenen
Lebensmittel ersetzt; alle seine Arbeit erscheint als unbezahlte
Arbeit. Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die unbezahlte
Arbeit als bezahlt. Dort verbirgt das Eigentumsverhältnis das
Fürsichselbstarbeiten des Sklaven, hier das Geldverhältnis das
Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters. Man begreift daher, sagt Marx, die
entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der
Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohnes oder in Wert und Preis der
Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche
Verhältnis unsichtbar macht und gerade sein Gegenteil zeigt, beruhen
alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle
Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre
Freiheitsillusionen, alle beschönigenden Flausen der Vulgärökonomie.
Die
beiden Grundformen des Arbeitslohnes sind der Zeitlohn und der
Stücklohn. An den Gesetzen des Zeitlohnes weist Marx namentlich die
interessierte Hohlheit der Redensarten nach, wonach durch eine
Beschränkung des Arbeitstages der Lohn gesenkt werden soll. Genau das
Gegenteil ist richtig. Vorübergehende Verkürzung des Arbeitstages
senkt den Lohn, aber dauernde Verkürzung hebt ihn; je länger der
Arbeitstag, desto niedriger der Lohn.
Der
Stücklohn ist nichts als eine verwandelte Form des Zeitlohnes; er ist
die der kapitalistischen Produktionsweise entsprechendste Form des
Arbeitslohnes. Er gewann größeren Spielraum während der eigentlichen
Manufakturperiode und diente in der Sturm- und Drangperiode der
englischen Großindustrie als Hebel zur Verlängerung der Arbeitszeit
und Verkürzung des Arbeitslohnes. Der Stücklohn ist sehr vorteilhaft
für den Kapitalisten, da er großenteils die Arbeitsaufsicht
überflüssig macht und obendrein die mannigfachste Gelegenheit zu
Lohnabzügen und sonstigen |374|* Prellereien bietet. Für die
Arbeiter bringt er dagegen große Nachteile mit sich: Abrackern durch
Überarbeit, die den Lohn steigern soll, während sie ihn tatsächlich zu
senken strebt, gesteigerte Konkurrenz unter den Arbeitern und
Abschwächung ihres Solidaritätsbewußtseins, Dazwischenschiebung von
Schmarotzerexistenzen zwischen Kapitalisten und Arbeitern, von
Mittelspersonen, die dem gezahlten Lohn ein erkleckliches Stück
abzwacken, und anderes mehr.
Das
Verhältnis von Mehrwert und Arbeitslohn bedingt, daß die
kapitalistische Produktionsweise nicht nur dem Kapitalisten sein
Kapital stets neu reproduziert, sondern daß sie auch immer wieder die
Armut der Arbeiter produziert: auf der einen Seite die Kapitalisten,
die die Eigentümer aller Lebensmittel, aller Rohprodukte und aller
Arbeitswerkzeuge sind, und auf der anderen Seite die große Masse der
Arbeiter, die gezwungen ist, ihre Arbeitskraft diesen Kapitalisten für
ein Quantum Lebensmittel zu verkaufen, das im besten Falle eben
hinreicht, sie in arbeitsfähigem Zustande zu erhalten und ein neues
Geschlecht arbeitsfähiger Proletarier heranzuziehen. Aber das Kapital
reproduziert sich nicht bloß, sondern es vergrößert und vermehrt sich
beständig; diesem »Akkumulationsprozesse« widmet Marx den letzten
Abschnitt des ersten Bandes.
Nicht
nur entspringt Mehrwert aus Kapital, sondern Kapital entspringt auch
aus Mehrwert. Ein Teil des jährlich produzierten Mehrwerts wird von
den besitzenden Klassen, unter die er sich verteilt, als Revenue
verzehrt, ein anderer Teil aber als Kapital akkumuliert. Die
unbezahlte Arbeit, die der Arbeiterklasse ausgepumpt worden ist, dient
jetzt als Mittel, ihr immer mehr unbezahlte Arbeit auszupumpen. Im
Strome der Produktion wird überhaupt alles ursprünglich vorgeschossene
Kapital eine verschwindende Größe, verglichen mit dem direkt
akkumulierten Kapital, das heißt dem in Kapital rückverwandelten
Mehrwert oder Mehrprodukt, ob nun funktionierend in der Hand, die
akkumuliert hat, oder in fremder Hand. Das auf Warenproduktion und
Warenzirkulation beruhende Gesetz des Privateigentums schlägt durch
seine eigene, innere, unvermeidliche Dialektik in sein direktes
Gegenteil um. Die Gesetze der Warenproduktion scheinen das
Eigentumsrecht auf eigene Arbeit zu gründen. Gleichberechtigte
Warenbesitzer standen sich gegenüber; das Mittel zur Aneignung der
fremden Ware war nur die Veräußerung der eigenen Ware, und die eigene
Ware konnte nur durch Arbeit hergestellt werden. Jetzt erscheint
Eigentum, auf Seite des Kapitalisten, als das Recht, fremde unbezahlte
Arbeit oder ihr Produkt, auf Seite des Arbeiters, als die
Unmöglichkeit, sich sein eigenes Produkt anzueignen.
|375| Als die modernen Proletarier hinter
diesen Zusammenhang zu kommen begannen, als das städtische Proletariat
in Lyon die Sturmglocke läutete und das ländliche Proletariat in
England den roten Hahn fliegen ließ, da erfanden die Vulgärökonomen
die »Abstinenztheorie«, wonach das Kapital durch »freiwillige
Enthaltung« der Kapitalisten entsteht, eine Theorie, die Marx ebenso
unbarmherzig geißelt, wie Lassalle sie vor ihm gegeißelt hatte. Was
aber wirklich zur Akkumulation des Kapitals beiträgt, das ist die
erzwungene »Enthaltung« der Arbeiter, die gewaltsame Herabdrückung des
Lohnes unter den Wert der Arbeitskraft zu dem Zweck, den notwendigen
Konsumtionsfonds der Arbeiter teilweise in einen Akkumulationsfonds
des Kapitals zu verwandeln. Hier haben die Jammerschreie über das
»luxuriöse« Leben der Arbeiter, die endlosen Litaneien über jene
Flasche Sekt, die einmal Maurer zum Frühstück getrunken haben sollen,
die wohlfeilen Kochrezepte christlicher Sozialreformer und was sonst
in dies Gebiet kapitalistischer Klopffechterei gehört, ihren
tatsächlichen Ursprung.
Das
allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation ist nun dieses.
Wachstum des Kapitals schließt Wachstum seines variabeln oder in
Arbeitskraft umgesetzten Bestandteils ein. Bleibt die Zusammensetzung
des Kapitals unverändert, erheischt eine bestimmte Menge
Produktionsmittel stets dieselbe Masse Arbeitskraft, um in Bewegung
gesetzt zu werden, so wächst offenbar die Nachfrage nach Arbeit und
der Subsistenzfonds der Arbeiter verhältnismäßig mit dem Kapital, und
zwar um so rascher, je rascher das Kapital wächst. Wie die einfache
Reproduktion fortwährend das Kapitalverhältnis selbst reproduziert, so
reproduziert die Akkumulation das Kapitalverhältnis auf erweiterter
Stufenleiter: mehr Kapitalisten oder größere Kapitalisten auf diesem
Pol, mehr Lohnarbeiter auf jenem. Akkumulation des Kapitals ist also
Vermehrung des Proletariats, und zwar erfolgt sie in dem
vorausgesetzten Falle unter den für die Arbeiter günstigsten
Bedingungen. Von ihrem eigenen anschwellenden und schwellend in neues
Kapital verwandelten Mehrprodukt strömt ihnen ein größerer Teil in der
Form von Zahlungsmitteln zurück, so daß sie den Kreis ihrer Genüsse
erweitern, ihren Konsumtionsfonds von Kleidern, Möbeln usw. besser
ausstatten können. Jedoch wird dadurch das Abhängigkeitsverhältnis,
worin sie stehen, sowenig berührt, wie ein gut gekleideter und
genährter Sklave aufhört, Sklave zu sein. Immer müssen sie ein
bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit liefern, das zwar abnehmen kann,
aber nie bis zu dem Punkte, wo der kapitalistische Charakter des
Produktionsprozesses ernsthaft gefährdet werden würde. Steigen die
Löhne über diesen Punkt, so stumpft der Stachel des |376|
Gewinnes ab, und die Akkumulation des Kapitals erschlafft, bis die
Löhne wieder auf ein seinen Verwertungsbedürfnissen entsprechendes
Niveau gesunken sind.
Jedoch
nur dann, wenn sich bei der Akkumulation des Kapitals das Verhältnis
zwischen seinem konstanten und variabeln Bestandteile nicht verändert,
spannt sich die goldene Kette, die der Lohnarbeiter sich selbst
schmiedet, loser nach Umfang und Wucht. Tatsächlich tritt aber mit dem
Fortgange der Akkumulation eine große Revolution in der, wie Marx sie
nennt, organischen Zusammensetzung des Kapitals ein. Das konstante
Kapital wächst auf Kosten des variabeln Kapitals; die wachsende
Produktivität der Arbeit bewirkt, daß die Masse der Produktionsmittel
schneller wächst als die Masse der ihnen einverleibten Arbeitskraft;
die Nachfrage nach Arbeit steigt nicht gleichmäßig mit der
Akkumulation des Kapitals, sondern sinkt verhältnismäßig. Dieselbe
Wirkung hat in anderer Form die Konzentration des Kapitals, die sich,
unabhängig von seiner Akkumulation, dadurch vollzieht, daß die Gesetze
des kapitalistischen Konkurrenzkampfs zur Verschlingung des kleinen
Kapitals durch das große führen. Während das im Fortgange der
Akkumulation gebildete Zuschußkapital, im Verhältnis zu seiner Größe,
weniger und weniger Arbeiter anzieht, stößt das in neuer
Zusammensetzung reproduzierte alte Kapital mehr und mehr von ihm
früher beschäftigte Arbeiter ab. So entsteht eine relative, das heißt
für die Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige
Arbeiterbevölkerung, eine industrielle Reservearmee, die während
schlechter oder mittelmäßiger Geschäftszeiten unter dem Wert ihrer
Arbeitskraft bezahlt und unregelmäßig beschäftigt wird, oder der
öffentlichen Armenpflege anheimfällt, unter allen Umständen aber dazu
dient, die Widerstandskraft der beschäftigten Arbeiter zu lähmen und
ihre Löhne niedrig zu halten.
Ist
die industrielle Reservearmee notwendiges Produkt der Akkumulation
oder der Entwicklung des Reichtums auf kapitalistischer Grundlage, so
wird sie umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Produktionsweise.
Mit der Akkumulation und der sie begleitenden Entwicklung der
Produktivkraft der Arbeit wächst die plötzliche Expansionskraft des
Kapitals, die großer Menschenmassen bedarf, um sie plötzlich und ohne
Abbruch der Produktionsleiter in anderen Sphären auf neue Märkte oder
in neue Produktionszweige zu werfen. Der charakteristische Lebenslauf
der modernen Industrie, die Form eines durch kleinere Schwankungen
unterbrochenen, zehnjährigen Zyklus von Perioden mittlerer
Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation, beruht
auf der beständigen Bildung, größeren oder geringeren Absorption, und
|377| Wiederbildung der industriellen Reservearmee. Je größer
der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang
und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe der
Arbeiterbevölkerung und die Produktivkraft ihrer Arbeit, desto größer
die relative Überbevölkerung oder industrielle Reservearmee. Ihre
verhältnismäßige Größe wächst mit den Potenzen des Reichtums. Je
größer aber die industrielle Reservearmee im Verhältnis zur aktiven
Arbeiterarmee, desto massenhafter die Arbeiterschichten, deren Elend
im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je größer
endlich die Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle
Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das
absolute allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.
Aus
ihm ergibt sich auch ihre geschichtliche Tendenz. Hand in Hand mit der
Akkumulation und Konzentration des Kapitals entwickelt sich die
kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender
Stufenleiter, die bewußte technologische Anwendung der Wissenschaft,
die planmäßig gemeinsame Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der
Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel und die
Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als
gemeinsame Produktionsmittel kombinierter gesellschaftlicher Arbeit.
Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, die alle
Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren,
wächst die Masse des Elendes, des Druckes, der Knechtung, der
Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets
anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen
Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten
Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der
Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die
Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der
Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer
kapitalistischen Hülle. Die Stunde des kapitalistischen
Privateigentums schlägt, die Enteigner werden enteignet.
Das
individuelle, auf eigene Arbeit gegründete Eigentum stellt sich wieder
her, aber auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära:
als Kooperation freier Arbeiter und als ihr Gemeineigentum an der Erde
und den durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmitteln.
Natürlich ist die Verwandlung des faktisch bereits auf
gesellschaftlichem Produktionsbetriebe beruhenden kapitalistischen
Eigentums in gesellschaftliches Eigentum bei weitem nicht so
langwierig, hart und schwierig, wie die Verwandlung des auf eigener
Arbeit der Individuen beruhenden, zersplitterten Eigentums in
kapitalistisches Eigentum war. |378| Hier handelte es sich um
die Enteignung der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, dort wird es
sich um die Enteignung weniger Usurpatoren durch die Volksmasse
handeln.
3. Der zweite und
dritte Band
Mit
dem zweiten und dritten Bande seines Werkes hatte Marx dasselbe
Schicksal wie mit dem ersten; er hoffte, sie bald nach dessen
Erscheinen veröffentlichen zu können, aber darüber vergingen lange
Jahre, und es ist ihm nicht mehr gelungen, sie druckfertig
herzustellen.
Immer
neue und immer tiefer dringende Studien, langwierige Krankheiten und
endlich der Tod hinderten ihn, das ganze Werk zu vollenden, und so hat
Engels die beiden Bände aus den unfertigen Manuskripten
zusammengestellt, die sein Freund hinterlassen hatte. Es waren
Niederschriften, Entwürfe, Notizen, bald zusammenhängende große
Abschnitte, bald kurze hingeworfene Bemerkungen, wie sie ein Forscher
zur eigenen Verständigung macht - eine gewaltige geistige Arbeit, die
sich mit längeren Unterbrechungen auf die große Zeitspanne von 1861
bis 1878 erstreckte.
Diese
Umstände erklären, daß wir in den beiden letzten Bänden des Kapitals
nicht etwa eine abgeschlossene fertige Lösung aller wichtigster
Probleme der Nationalökonomie zu suchen haben, sondern zum Teil nur
die Aufstellung solcher Probleme, und dazu Fingerzeige, nach welcher
Richtung die Lösung zu suchen wäre. Wie die ganze Weltanschauung
Marxens ist sein Hauptwerk keine Bibel, mit fertigen, ein für allemal
gültigen Wahrheiten letzter Instanz, sondern ein unerschöpflicher Born
der Anregung zur weiteren geistigen Arbeit, zum weiteren Forschen und
Kämpfen um die Wahrheit.
Dieselben Umstände erklären, daß auch äußerlich, in der literarischen
Form, der zweite und dritte Band nicht so vollendet sind, nicht so von
Geist blitzen und funkeln wie der erste Band. Doch bieten sie, gerade
in ihrer um jede Form unbekümmerten, einfachen Gedankenarbeit für
manchen Leser noch höheren Genuß als der erste. Inhaltlich bilden die
beiden Bände, obwohl sie leider bis jetzt in keiner Popularisation
berücksichtigt, also der breiten Masse der aufgeklärten Arbeiter
unbekannt geblieben sind, eine wesentliche Ergänzung und
Weiterentwicklung des ersten Bandes, die für das Verständnis des
ganzen Systems unentbehrlich ist.
|379| Im ersten Bande befaßt sich Marx mit der
Kardinalfrage der Nationalökonomie: Woher entspringt die Bereicherung,
wo ist die Quelle des Profits? Die Beantwortung dieser Frage wurde in
der Zeit, ehe Marx auftrat, nach zwei verschiedenen Richtungen
gegeben.
Die
»wissenschaftlichen« Verteidiger der besten der Welten, in der wir
leben, Männer, die zum Teil, wie Schulze-Delitzsch, auch bei den
Arbeitern Ansehen und Vertrauen genossen, erklärten den
kapitalistischen Reichtum durch eine ganze Reihe mehr oder minder
plausibler Rechtfertigungsgründe und schlauer Manipulationen: als die
Frucht systematischen Preisaufschlags auf die Waren zur
»Entschädigung« des Unternehmers für das von ihm zur Produktion
edelmütig »überlassene« Kapital, als Vergütung für das »Risiko«, das
jeder Unternehmer laufe, als Lohn für die »geistige Leitung« des
Unternehmens und dergleichen mehr. Nach diesen Erklärungen kam es
jedesmal nur darauf an, den Reichtum der einen, also auch die Armut
der andern als etwas »Gerechtes«, mithin Unabänderliches hinzustellen.
Demgegenüber erklärten die Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft,
also die Schulen der Sozialisten, die vor Marx auftraten, die
Bereicherung der Kapitalisten zu allermeist als glatte Prellerei, ja
als Diebstahl an den Arbeitern, der durch die Dazwischenkunft des
Geldes oder durch Mangel an Organisation des Produktionsprozesses
ermöglicht werde. Von hier aus kamen jene Sozialisten zu verschiedenen
utopischen Plänen, wie man durch Abschaffung des Geldes, durch
»Organisation der Arbeit« und dergleichen mehr die Ausbeutung
beseitigen könne.
Marx
deckt nun im ersten Bande des »Kapitals« die wirkliche Wurzel der
kapitalistischen Bereicherung auf. Er befaßt sich weder mit
Rechtfertigungsgründen für die Kapitalisten noch mit Anklagen gegen
ihre Ungerechtigkeit: er zeigt zum ersten Male, wie der Profit
entsteht, und wie er in die Tasche des Kapitalisten wandert. Das
erklärt er durch zwei entscheidende ökonomische Tatsachen: erstens
dadurch, daß die Masse der Arbeiter aus Proletariern besteht, die ihre
Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, und zweitens dadurch, daß
diese Ware Arbeitskraft heute einen so hohen Grad von Produktivität
besitzt, daß sie ein viel größeres Produkt in einer gewissen Zeit
herzustellen vermag, als zu ihrer eigenen Erhaltung in dieser Zeit
notwendig ist. Diese beiden rein ökonomischen und zugleich durch
objektive historische Entwicklung gegebenen Tatsachen bringen es mit
sich, daß die Frucht, die die Arbeit des Proletariers schafft, ganz
von selbst dem Kapitalisten in den Schoß fällt, sich mechanisch mit
der Fortdauer des Lohnsystems zu immer gewaltigeren Kapitalvermögen
ansammelt.
|380| Marx erklärt also die kapitalistische
Bereicherung nicht als irgendeine Vergütung des Kapitalisten für
eingebildete Opfer und Wohltaten und ebensowenig als Prellerei und
Diebstahl im landläufigen Sinne des Wortes, sondern als ein im Sinne
des Strafrechts völlig rechtmäßiges Austauschgeschäft zwischen
Kapitalist und Arbeiter, das sich genau nach denselben Gesetzen
abwickelt wie jeder andere Warenkauf und Warenverkauf. Um dieses
tadellose Geschäft, das dem Kapitalisten die goldenen Früchte trägt,
gründlich aufzuhellen, mußte Marx das von den großen englischen
Klassikern Smith und Ricardo zu Ende des achtzehnten und zu Beginn des
neunzehnten Jahrhunderts aufgestellte Wertgesetz, das heißt die
Erklärung der inneren Gesetze des Warenaustausches, zu Ende entwickeln
und auf die Ware Arbeitskraft anwenden. Das Wertgesetz, daraus
abgeleitet der Lohn und der Mehrwert, das heißt die Erklärung, wie
ohne jede gewaltsame Prellerei sich das Produkt der Lohnarbeit von
selbst in einen kümmerlichen Lebensunterhalt für den Arbeiter und den
arbeitslosen Reichtum des Kapitalisten teilt, das ist der Hauptinhalt
vom ersten Bande des »Kapitals«. Und darin liegt die große
geschichtliche Bedeutung dieses Bandes: er hat dargetan, daß die
Ausbeutung erst dadurch und lediglich dadurch beseitigt werden kann,
daß der Verkauf der Arbeitskraft, will sagen das Lohnsystem,
aufgehoben wird.
Wir
befinden uns im ersten Bande des »Kapitals« die ganze Zeit in der
Werkstatt der Arbeit: in einer einzelnen Fabrik, im Bergwerk oder
einem modernen landwirtschaftlichen Betriebe. Was hier ausgeführt
wird, gilt für jedes kapitalistische Unternehmen. Es ist das
Einzelkapital als Typus der ganzen Produktionsweise, womit wir allein
zu tun haben. Wenn wir den Band schließen, ist uns die tägliche
Entstehung des Profits klar, der Mechanismus der Ausbeutung bis in die
Tiefen durchleuchtet. Vor uns liegen Berge von Waren jeglicher Art,
wie sie unmittelbar aus der Werkstatt, noch vom Schweiß der Arbeiter
befeuchtet, hervorkommen, und in ihnen allen können wir scharf
unterscheiden den Teil ihres Wertes, der aus unbezahlter Arbeit des
Proletariers herrührt und der ebenso rechtmäßig wie die ganze Ware in
den Besitz des Kapitalisten wandert. Wir greifen hier die Wurzel der
Ausbeutung mit den Händen.
Aber
damit ist die Ernte des Kapitalisten noch lange nicht in die Scheunen
gebracht. Die Frucht der Ausbeutung ist da, aber sie steckt noch in
einer für den Unternehmer ungenießbaren Form. Solange er sie erst in
Gestalt von aufgestapelten Waren besitzt, kann der Kapitalist der
Ausbeutung nicht froh werden. Er ist eben nicht der Sklavenhalter der
antiken, griechisch-römischen Welt, auch nicht der feudale Herr de
Mittelalters, die nur für den eigenen Luxus und die große Hofhaltung
|381| das arbeitende Volk geschunden haben. Der Kapitalist
braucht seinen Reichtum in klingendem Geld, um dieses neben der
»standesgemäßen Lebenshaltung« für sich zur fortwährenden Vergrößerung
seines Kapitals zu verwenden. Dazu ist der Verkauf der vom
Lohnarbeiter erzeugten Waren mitsamt des in ihnen steckenden Mehrwerts
nötig. Die Ware muß aus dem Fabriklager und dem landwirtschaftlichen
Speicher auf den Markt; der Kapitalist folgt ihr aus dem Kontor auf
die Börse, in den Laden, und wir folgen ihm dahin im zweiten Bande des
»Kapitals«.
Im
Bereich des Warenaustausches, wo sich das zweite Lebenskapitel des
Kapitalisten abspielt, erwachsen ihm manche Schwierigkeiten. In seiner
Fabrik, auf seinem Vorwerk war er Herr. Dort herrschte strengste
Organisation, Disziplin und Planmäßigkeit. Auf dem Warenmarkt dagegen
herrscht völlige Anarchie, die sogenannte freie Konkurrenz. Hier
kümmert sich keiner um den anderen und niemand um das Ganze. Und doch
fühlt der Kapitalist gerade mitten durch diese Anarchie seine
Abhängigkeit von anderen, von der Gesellschaft nach jeder Richtung.
Er muß
mit allen seinen Konkurrenten Schritt halten. Versäumt er bis zum
endgültigen Verkauf seiner Waren mehr Zeit, als unbedingt erforderlich
ist, versorgt er sich nicht mit genügendem Geld, um rechtzeitig
Rohstoffe und alles Nötige einzukaufen, damit der Betrieb mittlerweise
keine Unterbrechung erleidet, sorgt er nicht dafür, daß sein Geld, wie
er es aus dem Erlös der Waren wieder in die Hand bekommt, nicht etwa
müßig liegt, sondern irgendwo profitlich angelegt wird, so kommt er
auf diese oder jene Weise ins Hintertreffen. Den letzten beißen die
Hunde, und der einzelne Unternehmer, der nicht achtgibt, daß sein
Geschäft in dem fortwährenden Hin und Her zwischen der Werkstatt und
dem Warenmarkt so gut klappt wie in der Werkstatt selbst, wird, so
gewissenhaft er seine Lohnarbeiter ausnutzen mag, doch nicht zu dem
üblichen Profit gelangen. Ein Stück seines »wohlerworbenen« Profits
wird irgendwo hängenbleiben, nur nicht in seiner eigenen Tasche.
Damit
nicht genug. Der Kapitalist kann nur Reichtum ansammeln, wenn er
Waren, also Gebrauchsgegenstände herstellt. Er muß aber gerade
diejenigen Arten und Sorten herstellen, die die Gesellschaft braucht,
und nur so viel, wie sie braucht. Sonst bleiben die Waren unverkauft,
und der darin steckende Mehrwert geht wiederum flöten. Aber wie soll
ein Einzelkapitalist das alles wissen? Niemand sagt ihm, was und
wieviel die Gesellschaft jeweilen an Gebrauchsgütern braucht, eben
weil es niemand weiß. Leben wir doch in einer planlosen, anarchischen
Gesellschaft! Jeder einzelne Unternehmer ist in derselben Lage. Und
doch muß aus diesem Chaos, diesem Durcheinander etwas Ganzes entstehen
|382|*, das sowohl das Einzelgeschäft der Kapitalisten und ihre
Bereicherung als auch die Bedarfsdeckung und die Fortexistenz der
Gesellschaft im Ganzen ermöglicht.
Genauer gesprochen, muß aus dem Durcheinander auf dem regellosen Markt
ermöglicht werden, erstens die ständige Kreisbewegung des
Einzelkapitals, die Möglichkeit zu produzieren, zu verkaufen,
einzukaufen und wieder zu produzieren, wobei das Kapital beständig aus
seine Geldgestalt in Warengestalt schlüpft und umgekehrt: Diese Phasen
müssen miteinander klappen, Geld muß auf Vorrat vorhanden sein, um
jede Marktkonjunktur zum Einkauf wahrzunehmen, um laufende Ausgaben
des Betriebes zu decken; anderseits muß das im Maße des Warenverkaufs
allmählich zurückfließende Geld sich sofort wieder betätigen können.
Die scheinbar voneinander völlig unabhängigen Einzelkapitalisten
schließen sich schon hier tatsächlich zu einer großen Bruderschaft
zusammen, indem sie durch das System des Kredits, der Banken einander
fortwährend das benötigte Geld vorschießen und das vorrätige Geld
abnehmen und so den ununterbrochenen Fortgang der Produktion und des
Warenverkaufs für die einzelnen wie für die Gesellschaft ermöglichen.
Den Kredit, den die bürgerliche Nationalökonomie nur als schlaue
Einrichtung zur »Erleichterung des Warenverkehrs« erklären kann, weiß
Marx so im zweiten Bande seines Werkes, ganz im Vorbeigehen, als eine
einfache Lebensweise des Kapitals aufzuzeigen als Verknüpfung zwischen
den beiden Lebensphasen des Kapitals: in der Produktion und auf dem
Warenmarkt sowie zwischen den scheinbar selbstherrlichen Bewegungen
der Einzelkapitale.
Zweitens muß in dem Durcheinander der Einzelkapitale die ständige
Kreisbewegung der Produktion und Konsumtion der Gesellschaft im Ganzen
im Fluß erhalten werden und zwar so, daß die Bedingungen für die
kapitalistische Produktion: Herstellung der Produktionsmittel,
Ernährung der Arbeiterklasse, progressive Bereicherung der
Kapitalistenklasse, das heißt steigende Ansammlung und Betätigung des
Gesamtkapitals der Gesellschaft gesichert bleiben. Wie sich das Ganze
aus den zahllosen auseinanderfallenden Bewegungen der Einzelkapital
knüpft, wie diese Bewegung des Ganzen durch fortwährende
Abschweifungen bald in den Überfluß der Hochkonjunktur, bald in den
Zusammenbruch der Krise doch immer wieder in das richtige Verhältnis
eingerenkt wird, um im nächsten Augenblicke wieder aus ihm
herauszufallen, wie aus alledem das, was der heutigen Gesellschaft nur
Mittel: ihre eigene Ernährung nebst dem ökonomischen Fortschritt, und
das was ihr Zweck ist: die fortschreitende Kapitalansammlung, in immer
|383| gewaltigeren Dimensionen hervorgeht, das hat Marx im
zweiten Bande seines Werkes zwar nicht endgültig aufgelöst, aber zum
ersten Male seit hundert Jahren, seit Adam Smith, auf die feste
Grundlage der Gesetzmäßigkeit gestellt.
Aber
mit alledem ist die dornenvolle Aufgabe des Kapitalisten noch nicht
erschöpft. Denn nun kommt, nachdem und indem der Profit in steigendem
Maße zu Golde geworden ist und wird, die große Frage, wie die Beute
verteilt werden soll. Gar verschiedene Gruppen melden da ihre
Ansprüche an: neben dem Unternehmer der Kaufmann, der Leihkapitalist,
der Grundbesitzer. Sie alle haben die Ausbeutung des Lohnarbeiters wie
den Verkauf der von ihm hergestellten Waren, jeder an seinem Teil
ermöglicht, und fordern nun ihren Teil am Profit. Diese Verteilung ist
aber eine viel verzwicktere Aufgabe, als auf den ersten Blick
erscheinen mag. Denn auch unter den Unternehmern gibt es, je nach der
Art des Unternehmens, große Unterschiede im erzielten Profit, wie er
sozusagen frisch aus der Werkstatt der Arbeit geschöpft wird.
In
einem Produktionszweig wird die Herstellung der Waren und ihr Verkauf
sehr schnell erledigt, und das Kapital kehrt nebst Zuwachs in
kürzester Zeit zurück; es läßt sich damit flott immer wieder Geschäft
und Profit machen. In einem anderen Zweig ist das Kapital in der
Produktion jahrelang festgeklemmt und bringt erst nach langer Zeit
Profit ein. In gewissen Zweigen muß der Unternehmer den größten Teil
seines Kapitals in tote Produktionsmittel: Baulichkeiten, kostspielige
Maschinen usw. stecken, die ja an sich nichts einbringen, keinen
Profit hecken, so sehr sie zur Profitmacherei notwendig sind. In
anderen Zweigen kann der Unternehmer bei ganz geringen Auslagen sein
Kapital hauptsächlich für Anwerbung von Arbeitern verwenden, deren
jeder das fleißige Huhn ist, das ihm goldene Eier legt.
So
entstehen in der Profitmacherei selbst große Unterschiede zwischen den
Einzelkapitalen, die vor dem Antlitz der bürgerlichen Gesellschaft
eine viel schreiendere »Ungerechtigkeit« darstellen als die
eigenartige »Teilung« zwischen dem Kapitalisten und dem Arbeiter. Wie
nun hier einen Ausgleich, eine »gerechte« Verteilung der Beute
herstellen, so daß jeder Kapitalist »zu dem Seinen« kommt? Und zwar
müssen alle diese Aufgaben ohne jede bewußte, planmäßige Regelung
gelöst werden. Ist doch die Verteilung in der heutigen Gesellschaft
ebenso anarchisch wie die Produktion. Es findet ja gar keine
eigentliche »Verteilung« im Sinne irgendeiner gesellschaftlichen
Maßnahme statt; es findet lediglich Austausch, nur Warenverkehr, nur
Kauf und Verkauf statt. Wie kommt also, nur auf dem Wege des blinden
Warenaustausches, jede Schicht der |384| Ausbeuter, und jeder
einzelne unter ihnen, zu einer vom Standpunkt der Kapitalherrschaft
»gerechten« Portion des aus der Arbeitskraft des Proletariats
geschöpften Reichtums?
Auf
diese Fragen antwortet Marx in seinem dritten Bande. Wie er im ersten
Bande die Produktion des Kapitals und darin das Geheimnis der
Profitmacherei zergliedert hat, wie er im zweiten Bande die Bewegung
des Kapitals zwischen der Werkstatt und dem Warenmarkt, zwischen der
Produktion und der Konsumtion der Gesellschaft geschildert hat, so
spürt er im dritten Bande der Profitverteilung nach. Und zwar immer
wieder unter Innehaltung derselben drei Grundbedingungen: daß alles,
was in der kapitalistischen Gesellschaft vorgeht, ohne Willkür, das
heißt nach bestimmten, regelmäßig wirkenden, wenn auch den Beteiligten
ganz unbewußten Gesetzen verläuft, daß ferner die wirtschaftlichen
Verhältnisse nicht auf gewaltsamen Maßnahmen des Raubes und des
Diebstahls beruhen, und endlich, daß keine gesellschaftliche Vernunft
sich in planmäßigem Wirken auf das Ganze geltend macht. Es ist
ausschließlich der Mechanismus des Austausches, das heißt das
Wertgesetz und der aus ihm abgeleitete Mehrwert, woraus Marx nach und
nach alle Erscheinungen und Verhältnisse der kapitalistischen
Wirtschaft mit durchsichtiger Folgerichtigkeit und Klarheit
entwickelt.
Überblickt man das große Werk im ganzen, so kann man sagen: der erste
Band mit dem darin entwickelten Wertgesetz, Lohn und Mehrwert, legt
das Fundament der heutigen Gesellschaft bloß, der zweite und dritte
Band zeigen die Stockwerke des Gebäudes, das auf jenem ruht. Oder man
kann auch mit einem ganz anderen Bilde sagen: der erste Band zeigt uns
das Herz des sozialen Organismus, wo der belebende Saft erzeugt wird,
der zweite und dritte Band zeigen die Blutzirkulation und Ernährung
des Ganzen bis an die äußersten Hautzellen.
Entsprechend dem Inhalt, bewegen wir uns in den beiden letzten Bänden
auf einer anderen Fläche als im ersten. Hier war es die Werkstatt, der
tiefe soziale Schacht der Arbeit, wo wir den Quell der
kapitalistischen Bereicherung aufspürten. Im zweiten und dritten Bande
bewegen wir uns an der Oberfläche, auf der offiziellen Bühne der
Gesellschaft. Warenmagazine, Banken, Börse, Geldgeschäfte, notleidende
Agrarier und ihre Sorgen füllen hier den Vordergrund aus. Der Arbeiter
spielt hier nicht mit. Er kümmert sich auch in Wirklichkeit nicht um
dies Dinge, die hinter seinem Rücken vorgehen, nachdem sein Fell
bereits gegerbt ist. Und im lärmenden Gewühl der geschäftetreibenden
Menge begegnen wir auch in der Wirklichkeit den Arbeitern nur, wenn
sie am dämmernden Morgen in Trupps in ihre Werkstätten trotten und am
|385| dämmernden Abend, wenn sie in langen Zügen von ihren
Werkstätten wieder ausgespien werden.
Danach
mag es nicht ersichtlich erscheinen, welches Interesse die
verschiedenen Privatsorgen der Kapitalisten bei der Profitmacherei und
ihr Zank um die Verteilung der Beute für die Arbeiter haben mögen.
Tatsächlich aber gehören der zweite und dritte Band des »Kapitals« zur
erschöpfenden Erkenntnis des heutigen Wirtschaftsmechanismus so gut
wie der erste. Freilich sind sie nicht von der entscheidenden und
grundlegenden historischen Bedeutung für die moderne Arbeiterbewegung
wie dieser. Sie enthalten aber eine reiche Fülle von Einblicken, die
auch für die geistige Ausrüstung des Proletariats zum praktischen
Kampf von unschätzbarer Bedeutung sind. Hierfür nur zwei Beispiele.
Im
zweiten Bande berührt Marx bei der Frage, wie sich aus dem chaotischen
Walten der Einzelkapitale die regelmäßige Ernährung der Gesellschaft
ergeben könne, naturgemäß auch die Frage der Krisen. Keine
systematische und lehrhafte Abhandlung über Krisen darf man hier
erwarten, nur einige beiläufige Bemerkungen. Aber ihre Verwertung wäre
für die aufgeklärten und denkenden Arbeiter von großem Nutzen. Es
gehört sozusagen zum eisernen Bestand der sozialdemokratischen und
namentlich der gewerkschaftlichen Agitation, daß die Krisen mit in
erster Reihe durch die Kurzsichtigkeit der Kapitalisten entstehen, die
schlechterdings nicht begreifen wollen, daß die Massen ihrer Arbeiter
ihre besten Abnehmer seien und daß sie diesen nur höhere Löhne zu
zahlen brauchen, um sich die kauffähige Kundschaft zu erhalten und der
Krisengefahr vorzubeugen.
So
populär diese Vorstellung ist, so ist sie doch völlig verkehrt, und
Marx widerlegt sie mit folgenden Worten: »Es ist eine reine
Tautologie, zu sagen, daß die Krisen aus Mangel an zahlungsfähiger
Konsumtion oder an zahlungsfähigen Konsumenten hervorgehn. Andre
Konsumarten, als zahlende, kennt das kapitalistische System nicht,
ausgenommen die sub forma pauperis [von Mehring übersetzt: unter der
Form der Armenunterstützung] oder die des ›Spitzbuben‹. Daß Waren
unverkäuflich sind, heißt nichts, als daß sich keine zahlungsfähigen
Käufer für sie fanden, also Konsumenten ... Will man aber dieser
Tautologie einen Schein tiefrer Begründung dadurch geben, daß man
sagt, die Arbeiterklasse erhalte einen zu geringen Teil ihres eignen
Produkts, und dem Übelstand werde mithin abgeholfen, sobald sie
größern Anteil davon empfängt, ihr Arbeitslohn folglich wächst, so ist
nur zu bemerken, daß die Krisen jedesmal gerade vorbereitet werden
durch eine Periode, worin der Arbeitslohn allgemein steigt und die
Arbeiterklasse realiter |386| größern Anteil an dem für
Konsumtion bestimmten Teil des jährlichen Produkts erhält. Jene
Periode müßte - von dem Gesichtspunkt diese Ritter vom gesunden und
›einfachen‹ (!) Menschenverstand - umgekehrt die Krise entfernen. Es
scheint also, daß die kapitalistische Produktion vom guten oder bösen
Willen unabhängige Bedingungen einschließt, die jene relative
Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen und zwar immer
nur als Sturmvogel einer Krise.«[3]
In der
Tat führen die Darlegungen des zweiten wie des dritten Bandes zu
gründlichem Einblick in das Wesen der Krisen, die sich einfach als
unvermeidliche Folgen der Bewegung des Kapitals ergeben, einer
Bewegung, die, im ungestümen, unstillbaren Drang nach Ansammlung, nach
Wachstum, über jede Schranke der Konsumtion alsbald hinauszustreben
pflegt, mag diese Konsumtion durch erhöhte Kaufmittel einer einzelnen
Gesellschaftsschicht oder durch Eroberung ganz neuer Absatzgebiete
noch so sehr erweitert werden. So muß auch der im Hintergrunde jener
populären gewerkschaftlichen Agitation lauernde Gedanke von der
Interessenharmonie zwischen Kapital und Arbeit, der nur durch die
Kurzsichtigkeit der Unternehmer verkannt werde, verabschiedet und alle
Hoffnung auf mildernde Flickarbeit an der wirtschaftlichen Anarchie
des Kapitalismus aufgegeben werden. Der Kampf um die materielle Hebung
der Lohnproletarier hat tausend allzu gute Waffen in seinem geistigen
Rüstzeug, als daß er eines theoretisch unhaltbaren und praktisch
zweideutigen Arguments bedürfte.
Ein
anderes Beispiel. Im dritten Band gibt Marx zum ersten Male eine
wissenschaftliche Erklärung für die von der Nationalökonomie seit
ihrem Entstehen ratlos angestaunte Erscheinung, daß die Kapitale in
allen Produktionszweigen, obgleich sie unter verschiedensten
Bedingungen angelegt sind, den sogenannten »landesüblichen« Profit
abzuwerfen pflegen. Auf den ersten Blick scheint diese Erscheinung
einer Erklärung zu widersprechen, die Marx selbst gegeben hat, nämlich
der Erklärung des kapitalistischen Reichtums lediglich aus unbezahlter
Arbeit des Lohnproletariats. Wie kann in der Tat der Kapitalist, der
verhältnismäßig große Portionen seines Kapitals in toten
Produktionsmitteln anlegen muß, den gleichen Profit erzielen, wie sein
Kollege, der geringe Ausgaben dieser Art hat und desto mehr lebendige
Arbeit anspannen kann?
Nun,
Marx löst das Rätsel mit erstaunlicher Einfachheit auf, indem er
zeigt, wie durch den Verkauf der einen Warensorten über ihrem Wert,
der anderen aber unter ihrem Wert, sich die Unterschiede des Profits
ausgleichen und ein für alle Zweige der Produktion gleicher
»Durchschnittsprofit« sich herausbildet. Ohne daß die Kapitalisten
eine Ahnung |387|* davon haben, ohne jede bewußte Verständigung
unter ihnen, verfahren sie beim Austausch ihrer Waren so, daß sie
gewissermaßen jeder den aus seinen Arbeitern geschöpften Mehrwert mit
zu Hauf tragen und diese Gesamternte der Ausbeutung brüderlich
untereinander verteilen, jedem nach der Größe seines Kapitals. Der
Einzelkapitalist genießt also gar nicht den von ihm persönlich
erzielten Profit, sondern nur einen auf ihn entfallenden Teil der von
allen seinen Kollegen erzielten Profite. »Die verschiednen
Kapitalisten verhalten sich hier, soweit der Profit in Betracht kommt,
als bloße Aktionäre einer Aktiengesellschaft, worin die Anteile am
Profit gleichmäßig pro Hundert verteilt werden, und daher für die
verschiednen Kapitalisten sich nur unterscheiden nach der Größe des
von jedem in das Gesamtunternehmen gesteckten Kapitals, nach seiner
verhältnismäßigen Beteiligung am Gesamtunternehmen.«[4]
Welch
tiefen Einblick gewährt dies anscheinend ganz trockene Gesetz der
»durchschnittlichen Profitrate« in die feste materielle Grundlage der
Klassensolidarität der Kapitalisten, die, obschon im täglichen Treiben
feindliche Brüder, doch gegenüber der Arbeiterklasse einen
Freimaurerbund bilden, der an ihrer Gesamtausbeutung aufs höchste und
aufs persönlichste interessiert ist! Ohne daß sich die Kapitalisten
natürlich im geringsten dieser objektiven ökonomischen Gesetze bewußt
sind, äußert sich in ihrem untrüglichen Instinkt der herrschenden
Klasse ein Sinn für die eigenen Klasseninteressen und deren Gegensatz
zum Proletariat, der sich leider durch alle Stürme der Geschichte viel
sicherer bewährt, als das wissenschaftlich - eben durch die Werke von
Marx und Engels - aufgeklärte und begründete Klassenbewußtsein der
Arbeiter.
Diese
beiden kurzen und aufs Geratewohl herausgerissenen Belege mögen eine
Vorstellung davon geben, wieviel ungehobene Schätze an geistiger
Anregung und Vertiefung für die aufgeklärte Arbeiterschaft in den
beiden letzten Bänden des »Kapitals« noch liegen und einer populären
Darstellung harren. Unfertig wie sie sind, bieten sie unendlich
Wertvolleres als jede fertige Wahrheit: Ansporn zum Denken, zur Kritik
und zur Selbstkritik, die das ureigenste Element der Lehre ist, die
Marx hinterlassen hat.
4. Die Aufnahme des
Werks
Die
Hoffnung, die Engels nach Vollendung des ersten Bandes ausgesprochen
hatte, daß Marx sich nach »Abschüttelung des Alps« wie ein ganz
anderer Kerl vorkommen werde, erfüllte sich zunächst doch nur zum
Teil.
|388| Gesundheitlich besserte sich Marx nicht
dauernd, und auch seine ökonomischen Verhältnisse blieben in
peinlicher Schwebe. Damals hat er ernstlich den Plan erwogen, nach
Genf überzusiedeln, wo er viel billiger leben konnte, aber das
Schicksal band ihn einstweilen an London, an die Schätze des
Britischen Museums; er hoffte auf einen Verleger für eine englische
Übersetzung seines Werkes, und er konnte weder noch wollte er die
geistige Leitung der Internationalen aus der Hand geben, ehe die
Bewegung in sichere Geleise geraten sei.
Eine
häusliche Freude bereitete ihm die Vermählung seiner zweiten Tochter
Laura mit seinem »medizinischen Kreolen«, mit Paul Lafargue. Die
jungen Leute hatten sich schon im August 1866 versprochen, doch sollte
der Bräutigam erst seine ärztliche Ausbildung abschließen, ehe an die
Hochzeit zu denken war. Wegen seiner Beteiligung an einem
Studentenkongreß in Lüttich war Lafargue auf zwei Jahre aus den Listen
der Pariser Universität gestrichen worden und in Sachen der
Internationalen nach London gekommen; als Anhänger Proudhons hatte er
keine näheren Beziehungen zu Marx und in dessen Hause nur aus
Höflichkeit eine Empfehlungskarte Tolains abgegeben. Indessen es kam,
wie es oft zu kommen pflegt. »Der Junge attachierte sich erst an
mich«, schrieb Marx nach der Verlobung an Engels, »übertrug aber bald
die attraktion vom Alten auf die Tochter. Seine ökonomischen
Verhältnisse sind mittlerer Natur, da er das einzige Kind einer
früheren Pflanzerfamilie.« Marx schilderte ihn dem Freunde als einen
hübschen, intelligenten, energischen und gymnastisch entwickelten
Burschen, einen kreuzguten Kerl, der nur verzogen und zu sehr
Naturkind sei.
Lafargue war in Sanjago auf der Insel Kuba geboren, aber schon als
Kind von neun Jahren nach Frankreich gekommen. Von der Mutter seines
Vaters her, einer Mulattin, hatte er Negerblut in den Adern, wovon er
selbst gern sprach und wovon auch die matte Hautfarbe und die großer
weißen Augäpfel des sonst sehr regelmäßig geschnittenen Gesichts
zeugten. Von dieser Blutmischung mochte ein gewisses Maß von
Hartnäckigkeit herrühren, das Marx manches Mal zu ärgerlich-lustigem
Spott über den »Niggerschädel« veranlaßte. Doch der Ton gutmütiger
Neckerei worin sie miteinander verkehrten, zeigte doch nur, wie
trefflich sie sich verstanden. Marx hatte in Lafargue nicht nur den
Schwiegersohn, der daß Lebensglück seiner Tochter begründete, sondern
auch einen fähigen und geschickten Helfer, einen treuen Hüter seines
geistigen Erbes gefunden.
Seine
Hauptsorge blieb einstweilen der Erfolg seines Buches. An 2. November
1867 schrieb er an Engels: »Das Stillschweigen über mein Buch macht
mich fidgety [Mehring übersetzt: nervös]. Ich höre und sehe |389|
nichts. Die Deutschen sind gute Kerle. Ihre Leistungen als
Bediente der Engländer, Franzosen und selbst Italiener auf diesem
Gebiete berechtigen sie in der Tat, meine Geschichte zu ignorieren.
Unsre Leut drüben verstehen nicht zu agitieren. Indes muß man's
machen, wie die Russen - warten. Die Geduld ist der Kern der
russischen Diplomatie und Erfolge. Aber unsereiner, der nur einmal
lebt, kann darüber verrecken.« Die Ungeduld, die aus diesen Zeilen
spricht, war sehr begreiflich, aber bei alledem nicht ganz berechtigt.
Das
Buch war noch nicht zwei Monate an das Licht der Öffentlichkeit
gelangt, als Marx so schrieb, und binnen so kurzer Frist ließ sich
keine gründliche Kritik schreiben. Soweit es aber nicht auf die
Gründlichkeit, sondern auf das »Lärmmachen« ankam, was Marx wegen der
Rückwirkung auf England zunächst auch als das Notwendigste ansah,
gaben sich Engels und Kugelmann die menschenmöglichste Mühe, ohne daß
sich ihnen der Vorwurf allzu großer Peinlichkeit hätte machen lassen.
Sie hatten immerhin nicht unbeträchtliche Erfolge. In einer ganz
hübschen Anzahl auch von bürgerlichen Blättern wußten sie vorläufige
Notizen über das Erscheinen des Buches oder den Abdruck der Vorrede
unterzubringen.[5] Sogar
eine Bombenreklame nach den Begriffen der damaligen Zeit, die
Veröffentlichung eines biographischen Artikels über Marx sowie seines
Bildnisses in der »Gartenlaube«, hatten sie fertig, als Marx selbst
sie bat, von dem »Spaße« abzustehen. »Ich halte dergleichen eher für
schädlich als nützlich und unter dem Charakter eines
wissenschaftlichen Manns. Zum Beispiel Meyers Konversationslexikon hat
mir seit längerer Zeit schriftlich eine Biographie abverlangt. Ich
habe sie nicht nur nicht geliefert, sondern auf den Brief nicht einmal
geantwortet. Jeder muß nach seiner Art selig werden.« Der für die
»Gartenlaube« von Engels bestimmte Aufsatz
[6] - einen »in höchster Eile und in
möglichst Betaischer Form hingeschmierten Wisch« nennt ihn der
Verfasser selbst - erschien darauf in der »Zukunft«, dem Organ Johann
Jacobys, das Guido Weiß seit 1861 in Berlin herausgab, hatte dann aber
das eigentümliche Schicksal, von Liebknecht in dem »Demokratischen
Wochenblatt« nur verkürzt wiedergegeben zu werden, wozu Engels
unwirsch bemerkte: »Wilhelmchen ist jetzt so tief gesunken, daß er
nicht einmal mehr sagen darf, Lassalle habe Dich, und zwar falsch,
abgeschrieben. Damit sind der ganzen Biographie die Hoden
abgeschnitten, und wozu er sie dann noch abdruckt, kann nur er
wissen.« Bekanntlich waren die weggestrichenen Sätze genau die Ansicht
Liebknechts selbst, nur wollte er nicht eine Anzahl Lassalleaner, die
eben von Schweitzer abgefallen waren und gerade damals die Fraktion
der Eisenacher gründen |390| halfen, vor den Kopf stoßen. So
haben nicht nur Bücher, sondern auch Aufsätze ihre Schicksale.
Jedoch
wenn auch nicht gleich in den ersten Monaten, so erhielt Marx doch
bald nachher einige gute Kritiken seines Buches. So von Engels im
»Demokratischen Wochenblatt«, dann von Schweitzer im »Social-Demokraten«
und von Josef Dietzgen wieder im »Demokratischen Wochenblatt». Ganz
abgesehen von Engels, bei dem es sich von selbst verstand, so erkannte
Marx auch von Schweitzer an, daß er trotz einzelner Irrtümer die Sache
geochst habe und wisse, wo die Schwerpunkte lägen, und in Dietzgen,
von dem er nach dem Erscheinen seines Buches zum ersten Male hörte,
begrüßte er einen philosophisch begabten Kopf, ohne ihn sonst zu
überschätzen.
Auch
der erste »Fachmann« ließ sich noch im Jahre 1867 hören. Es war
Dühring, der in Meyers Ergänzungsblättern das Buch besprach, ohne, wie
Marx meinte, die neuen Grundelemente seiner Darstellung
herauszufühlen, aber doch so, daß Marx nicht unzufrieden mit dieser
Kritik war. Er nannte sie sogar »sehr anständig«, wenngleich er
vermutete, Dühring habe weniger aus Interesse und Verständnis für die
Sache, als aus Haß gegen Roscher und sonstige Universitätsgrößen
geschrieben. Ungünstiger urteilte Engels von vornherein über Dührings
Aufsatz, und daß er den schärferen Blick hatte, zeigte sich sehr bald,
als Dühring umschlug und das Buch nicht genug herunterreißen konnte.
Mit
anderen »Fachleuten« hat Marx ebenfalls die trübstem Erfahrungen
gemacht; noch acht Jahre später hat einer dieser Biedermänner, der
vorsichtigerweise seinen Namen verschwieg, den erbaulichen
Orakelspruch von sich gegeben, Marx habe als »Autodidakt« ein volles
Menschenalter der Wissenschaft verschlafen. Nach solchen und ähnlichen
Leistungen war die Bitterkeit, womit Marx von diesen Leuten zu
sprechen pflegte, vollauf berechtigt. Nun schrieb er vielleicht zuviel
aufs Konto ihres bösen Willens, und zuwenig aufs Konto ihrer
Unwissenheit. Seine dialektische Methode war ihnen in der Tat
unverständlich. Dies zeigte sich namentlich darin, daß auch Männer,
denen es weder an gutem Willen noch an ökonomischen Kenntnissen
fehlte, sich in dem Buche nur schwer zurechtfanden, während umgekehrt
Männer, die auf ökonomischem Gebiete in keiner Weise beschlagen waren
und dem Kommunismus mehr oder weniger feindlich gegenüberstanden, aber
einmal in der Hegelschen Dialektik um sich gewußt hatten, mit großer
Begeisterung davon sprachen. So urteilte Marx unbillig hart über die
zweite Auflage von F. A. Langes Schrift über die Arbeiterfrage, worin
der Verfasser sich eingehend mit dem ersten Bande des »Kapitals«
befaßte: »Herr Lange macht mir |391| große
Elogen, aber zu dem Behuf, sich selbst wichtig zu machen.« Das war
sicherlich nicht der Zweck Langes, dessen aufrichtiges Interesse an
der Arbeiterfrage über jeden Zweifel erhaben gewesen ist. Aber darin
hatte Marx sicherlich recht, zu sagen, daß Lange erstens nichts von
Hegels Methode verstände und zweitens noch viel weniger von der
kritischen Weise, worin Marx sie angewandt habe. In der Tat stellte
Lange die Dinge auf den Kopf, wenn er meinte, Lassalle stehe in bezug
auf die spekulative Grundlage gegenüber Hegel freier und unabhängiger
da als Marx, bei dem sich die spekulative Form eng an die Manier des
philosophischen Vorbildes anschließe und sich in manchen Teilen des
Werkes - so in der Werttheorie, der Lange keine bleibende Bedeutung
beilegen wollte - mühsam in den Stoff eindränge.
Viel
seltsamer noch lautete das Urteil Freiligraths über den ersten Band,
den ihm Marx geschenkt hatte. Der freundschaftliche Verkehr beider
Männer hatte seit dem Jahre 1859 fortgedauert, wenn auch gelegentlich
getrübt durch die Schuld dritter Personen. Freiligrath war im Begriff,
nach Deutschland zurückzukehren, wo ihm die bekannte Sammlung einen
sorgenfreien Lebensabend gesichert hatte, nachdem der nahezu
sechzigjährige Mann durch die Auflösung der von ihm geleiteten
Bankfiliale brotlos geworden war. Der letzte Brief, den er an den
alten Freund richtete -, später haben sie sich nicht mehr geschrieben
-, war ein herzlicher Glückwunsch, zu der Hochzeit der jungen
Lafargues und ein nicht minder herzlicher Dank für den ersten Band des
»Kapitals«. Freiligrath bekannte, aus dem Studium des Buches die
mannigfachste Belehrung, den reichsten Genuß geschöpft zu haben. Der
Erfolg werde vielleicht kein überschneller und überlauter, aber die
Wirkung im stillen werde darum um so tiefer und nachhaltiger sein.
»Ich weiß, daß am Rhein viele Kaufleute und Fabrikbesitzer sich für
das Buch begeistern. In diesen Kreisen wird es seinen eigentlichen
Zweck erfüllen - für den Gelehrten wird es nebenbei als Quellenwerk
unentbehrlich sein.« Nun nannte Freiligrath sich selbst nur einen
»Nationalökonomen mit dem Gemüte«, und das »Hegeln und Hecheln« war
ihm all sein Lebtag zuwider gewesen, allein er hatte doch fast zwei
Jahrzehnte mitten im Weltverkehr Londons gestanden, und so blieb es
eine erstaunliche Leistung, wenn er im ersten Bande des »Kapitals« nur
eine Art Leitfaden für junge Kaufleute und höchstens nebenbei ein
wissenschaftliches Quellenwerk sah.
Ganz
anders lautete das Urteil Ruges, der dem Kommunismus spinnefeind und
mit irgendwelchen ökonomischen Kenntnissen nicht beschwert war, aber
einmal als Junghegelianer seinen Mann gestanden hatte. »Es |392|
ist ein epochemachendes Werk und schüttet glänzendes, oft stechendem
Licht aus über die Entwicklung, über die Untergänge und die
Geburtswehen und die furchtbaren Schmerzenstage der
Gesellschaftsperioden. Der Nachweis über den Mehrwert durch unbezahlte
Arbeit, über die Expropriierung der Arbeiter, die für sich arbeiteten,
und die bevorstehende Expropriierung der Expropriateure sind
klassisch. Marx besitzt eine ausgebreitete Gelehrsamkeit und ein
prächtiges dialektisches Talent. Das Buch geht über den Horizont
vieler Menschen und Zeitungsschreiber, aber es wird ganz gewiß
durchdringen und trotz der breiter Anlage, ja gerade durch sie, eine
mächtige Wirkung ausüben.« Ähnlich Ludwig Feuerbach, nur daß es ihm,
entsprechend seiner eigenen Entwicklung, weniger auf die Dialektik des
Verfassers ankam, als auf die »an unbestreitbaren Tatsachen
interessantester, aber auch schauerlichster Art reiche Schrift«, die
ihm seine Moralphilosophie beweisen sollte: wo das zum Leben
Notwendige fehle, da fehle auch die sittliche Notwendigkeit.
Eine
Übersetzung des ersten Bandes erschien zuerst in Rußland. Bereits am
12. Oktober 1868 meldete Marx an Kugelmann, ein Petersburger
Buchhändler habe ihn mit der Nachricht überrascht, die Übersetzung sei
bereits im Druck, und er möchte sein Photogramm als Titelvignette
einsenden. Marx wollte seinen »guten Freunden«, den Russen, diese
Kleinigkeit nicht abschlagen; es sei eine Ironie des Schicksals, daß
die Russen, die er seit 25 Jahren unausgesetzt nicht nur deutsch,
sondern auch französisch und englisch bekämpft habe, immer seine
»Gönner« gewesen seien; auch seine Schrift gegen Proudhon und seine
»Kritik der politischen Ökonomie« hätten nirgends größern Absatz
gefunden als in Rußland. Jedoch wollte er das nicht hoch anschlagen;
es sei reine Gourmandise, die nach dem Extremsten hasche, was der
Westen liefere.
So lag
die Sache nun aber doch nicht. Die Übersetzung kam zwar erst im Jahre
1872 heraus, aber sie war ein ernsthaftes, wissenschaftlichem
Unternehmen, das »meisterhaft« gelang, wie Marx selbst nach ihrer
Vollendung anerkannte. Übersetzer war Danielson, bekannter unter
seinem Schriftstellernamen Nikolaj-on, und neben ihm für einige der
wichtigsten Kapitel Lopatin, ein junger kühner Revolutionär, »ein sehr
aufgeweckter, kritischer Kopf, heitrer Charakter, stoisch wie
ein russischer Bauer, der mit allem vorlieb nimmt, was er findet« - so
schilderte ihn Marx, als Lopatin ihn im Sommer 1870 besuchte. Die
russische Zensur hatte ihre Erlaubnis zur Herausgabe der Übersetzung
unter folgender Begründung erteilt: »Obgleich der Verfasser nach
seinen Überzeugungen ein vollständiger Sozialist ist und das ganze
Buch einen vollständig |393|* bestimmten sozialistischen
Charakter führt; jedoch mit Rücksicht darauf, daß die Darstellung
durchaus nicht für jeden zugänglich genannt werden kann, und daß sie
von der andern Seite die Form streng mathematisch wissenschaftlicher
Beweisführung besitzt, erklärt das Komitee die Verfolgung dieses
Werkes vor Gericht für unmöglich.« In die Öffentlichkeit kam die
Übersetzung am 27. März 1872, und am 25. Mai waren schon 1.000
Exemplare abgesetzt, ein Drittel der ganzen Auflage.
Zu
gleicher Zeit begann eine französische Übersetzung zu erscheinen, und
zwar ebenso wie zur selben Zeit die zweite Auflage des deutschen
Originalwerks, in Lieferungen. Sie war von J. Roy verfaßt, unter
wesentlicher Beihilfe von Marx selbst, der damit eine »Teufelsarbeit«
hatte, so daß er manchmal klagte, daß sie ihm mehr zu schaffen mache,
als wenn er sie allein unternommen hätte. Dafür durfte er ihr einen
besondern wissenschaftlichen Wert auch neben dem Original zuschreiben.
Einen
geringeren Erfolg als in Deutschland, Rußland und Frankreich hatte der
erste Band des »Kapitals« in England. Er scheint nur eine kurze
Besprechung in der »Saturday Review« gefunden zu haben, die der
Darstellung nachrühmte, daß sie den trockensten ökonomischen Fragen
einen eigenen Reiz verleihe. Ein größerer Aufsatz, den Engels für die
»Fortnightly Review« schrieb, wurde von der Redaktion als »zu trocken«
abgelehnt, obgleich Beesly, der nahe Beziehungen zu dieser Zeitschrift
hatte, sich für die Aufnahme bemühte. Eine englische Übersetzung, von
der sich Marx so viel versprach, hat er nicht mehr erlebt.
Fußnoten:
[1] Karl Marx: Das Kapital. Band I, in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, S. 85. <=
[2] Karl Marx: Das Kapital. Band I, in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 23, S. 514. <=
[3] Karl Marx: Das Kapital. Band II, in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 24, S. 409/410. <=
[4] Karl Marx: Das Kapital. Band III, in:
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 25, S. 168. <=
[5] Friedrich Engels: Rezensionen des ersten
Bandes »Das Kapitals«, 1867, 1868. <=
[6] Friedrich Engels: Karl Marx, in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 361-366. <=
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