1. England,
Frankreich, Belgien
|394| Kurz ehe der erste Band des »Kapitals« erschien, hatte der
zweite Kongreß der Internationalen vom 2. bis 8. September 1867 in
Lausanne getagt. Er stand nicht auf der Höhe des Genfer Kongresses.
Schon
der Aufruf, den der Generalrat im Juli erließ, um zu einer zahlreichen
Beschickung des Kongresses aufzufordern, fiel bei seinem Überblick
über das dritte Jahr des Bundes durch eine größere Trockenheit auf.
Nur aus der Schweiz wurde ein ständiger Fortschritt der Bewegung
berichtet, und daneben aus Belgien, wo eine Niedermetzelung
streikender Arbeiter in Marchienne das Proletariat aufgepeitscht
hatte.
Sonst
wurde über die Hemmnisse geklagt, die der Propaganda in den
verschiedenen Ländern durch verschiedene Umstände bereitet worden
waren. Deutschland, das vor 1848 so tiefes Interesse an dem Studium
der sozialen Frage genommen habe, sei durch seine Einheitsbewegung
beansprucht. In Frankreich habe bei der geringen Freiheit, die die
Arbeiterklasse genieße, die Ausdehnung des Bundes nicht so zugenommen,
wie zu erwarten gewesen sei nach der tatkräftigen Unterstützung, die
die französischen Arbeitseinstellungen durch die Internationale
erfahren hätten. Es war damit auf die große Aussperrung der Pariser
Bronzearbeiter im Frühjahr 1867 angespielt, die sich zu einem
grundsätzlichen Kampf um die Koalitionsfreiheit ausgewachsen und mit
einem Siege der Arbeiter geendet hatte.
Auch
England erfuhr einen leisen Tadel durch die Bemerkung, daß es mit der
Wahlreform beschäftigt, die ökonomische Bewegung einen Augenblick aus
dem Auge verloren habe. Nun aber war die Wahlreform erledigt. Disraeli
hatte sie unter dem Druck der Massen in noch etwas umfassenderer Form
bewilligen müssen, als Gladstone sie ursprünglich geplant hatte,
nämlich für alle Mieter eines städtischen Hauses, welches immer die
Miete sein mochte. So hoffte der Generalrat, die Stunde sei gekommen,
wo die englischen Arbeiter die Nützlichkeit der Internationalen
begrüßen würden.
|395| Endlich wies der Generalrat auf die Union
hin, wo die Arbeiter in mehreren Staaten den Achtstundentag
durchgesetzt hätten. Es wurde dann noch hervorgehoben, daß jede
Sektion, ob groß oder klein, einen Delegierten schicken dürfe,
Sektionen von mehr als 500 Mitgliedern je einen Delegierten für jedes
weitere 500, und auf das Programm des Kongresses wurde gesetzt: 1.
Durch welche praktischen Mittel kann die Internationale der
Arbeiterklasse einen gemeinsamen Mittelpunkt für ihren Befreiungskampf
schaffen, und 2. Wie kann die Arbeiterklasse den Kredit, den sie der
Bourgeoisie und der Regierung verleiht, zu ihrer Emanzipation
benutzen?
Ging
dies Programm schon einigermaßen ins Allgemeine, so fehlte auch die
Denkschrift, die es im einzelnen begründet hätte. Als Vertreter des
Generalrats erschienen in Lausanne namentlich Eccarius und der
Musikinstrumentenmacher Dupont, der korrespondierende Sekretär für
Frankreich, ein sehr fähiger Arbeiter, der bei der Abwesenheit Jungs
den Vorsitz führte. Anwesend waren 71 Delegierte, unter den Deutschen
Kugelmann, F. A. Lange, Louis Büchner, der Kraft- und Stoff-Mann, und
Ladendorf, ein braver bürgerlicher Demokrat, aber ein heftiger Gegner
des Kommunismus. Weitaus überwog das romanische Element, neben wenigen
Belgiern und Italienern Franzosen und französische Schweizer.
Die
Proudhonisten hatten sich diesmal gründlicher und schneller gerüstet
als der Generalrat; schon ein Vierteljahr vor diesem hatten sie ein
Programm aufgestellt, wonach Gegenseitigkeit als Grundlage des
sozialen Verkehrs, Wertausgleichung der Dienstleistung, Kredit und
Volksbanken, gegenseitige Versicherungsanstalten, die Stellung des
Mannes und der Frau gegenüber der Gesellschaft, kollektive und
individuelle Interessen, der Staat als Wächter und Schützer des
Rechts, das Recht zu strafen und noch ein Dutzend ähnlicher Fragen
verhandelt werden sollten. Es ergab sich daraus ein wirres
Durcheinander, auf das hier um so weniger eingegangen zu werden
braucht, als Marx mit alledem nichts zu tun hatte und die zum Teil
sich widersprechenden Beschlüsse nur ein rein papiernes Dasein geführt
haben.
Mehr
Glück als mit der Theorie hatte der Kongreß mit der Praxis. Er
bestätigte den Generalrat mit dem Sitze in London, setzte den
Jahresbeitrag jedes Mitgliedes auf 10 Centimes oder 1 Groschen fest
und machte von der pünktlichen Zahlung dieser Beiträge das Recht zur
Beschickung der Jahreskongresse abhängig. Ferner beschloß der Kongreß,
daß die soziale Emanzipation der Arbeiter unzertrennlich von ihrer
politischen Aktion, und die Erkämpfung politischer Freiheit die erste
|396| und absolute Notwendigkeit sei. Er legte sogar so hohen
Wert auf diese Erklärung, daß er beschloß, sie jedes Jahr von neuem zu
wiederholen. Und schließlich fand er auch den richtigen Standpunkt
gegenüber der bürgerlichen Friedens- und Freiheitsliga, die sich
neuerdings aus dem Schoße der radikalen Bourgeoisie aufgetan hatte und
gleich nach ihm ihren ersten Kongreß in Genf abhielt. Allen
Anbiederungsversuchen setzte er das einfache Programm entgegen: Wir
werden euch gern unterstützen, soweit unseren eigenen Zwecken damit
gedient ist.
Seltsamer- oder auch nicht seltsamerweise erregte dieser weniger
gelungene Kongreß in der bürgerlichen Welt viel größeres Aufsehen als
sein Vorgänger, der freilich unter den noch mächtig nachschwingenden
Wirkungen des Deutschen Krieges getagt hatte. Namentlich die englische
Presse, an die Spitze die »Times«, für die Eccarius berichtete,
bekundete lebhaftes Interesse für den Lausanner Kongreß, nachdem sie
den vorigen noch gar nicht beachtet hatte. Es fehlte natürlich nicht
an bürgerlichem Spotte, doch begann die Internationale sehr ernsthaft
genommen zu werden. »Wurde der Kongreß«, so schrieb Frau Marx an den
»Vorboten«, »mit seinem Stiefbruder, dem Friedenskongreß, verglichen,
so fiel der Vergleich stets zugunsten des älteren Bruders aus, und man
sah in dem einen eine drohende Schicksalstragödie, und in dem anderen
nichts als Farce und Burleske.« Damit tröstete sich auch Marx, den die
Debatten in Lausanne unmöglich erbauen konnten. »Les choses marchent...
[Mehring übersetzt: Die Dinge marschieren]. Dabei ohne Geldmittel! Mit
den Intrigen der Proudhonisten zu Paris, Mazzinis in Italien und
eifersüchtigen Odger, Cremer, Potter zu London, mit den
Schulze-Del[itzsch] und den Lassallianern in Deutschland! Wir können
sehr zufrieden sein!« Engels aber meinte, daß es im ganzen ja doch
bloß für die Katze sei, was in Lausanne beschlossen werde, wenn der
Generalrat in London bleibe. Und in der Tat kam es hierauf an, denn
mit dem dritten Lebensjahre der Internationalen schloß die Periode
ihrer ruhigen Entwicklung ab, und eine Zeit heißer Kämpfe brach an.
Schon
wenige Tage, nachdem der Kongreß in Lausanne geschlossen worden war,
ergab sich ein Zusammenstoß von weittragenden Folgen. Am 18. September
1867 wurde in Manchester ein Polizeiwagen, der zwei verhaftete Fenier
transportierte, am hellen Tage von bewaffneten Feniern angefallen, die
den Wagen mit Gewalt erbrachen und die beiden Gefangenen befreiten,
nachdem sie den begleitenden Polizeibeamten erschossen hatten. Die
eigentlichen Täter wurden nicht entdeckt, doch aus den massenhaft
verhafteten Feniern eine Anzahl ausgewählt, wegen Mordes angeklagt und
drei davon, obgleich in einem höchst parteiischen |397|
Gerichtsverfahren kein schlüssiger Beweis gegen sie geführt werden
konnte, durch den Strang hingerichtet. Die Sache machte in ganz
England großes Aufsehen, das sich zu einer »fenischen Panik« auswuchs,
als im Dezember eine von fenischer Seite veranstaltete Pulverexplosion
vor den Mauern des Gefängnisses von Clerkenwell, einem Stadtviertel
Londons, das fast ausschließlich von Kleinbürgern und Proletariern
bewohnt wurde, zwölf Menschen tötete und mehr als hundert verwundete.
Mit der fenischen Verschwörung hatte die Internationale an und für
sich nichts zu tun, und die Explosion in Clerkenwell verurteilten Marx
und Engels als eine große Torheit, die den Feniern selbst am meisten
schade, indem sie die Sympathie der englischen Arbeiter für die
irische Sache abkühle oder ganz ersticke. Aber die Art wie die
englische Regierung die Fenier, die gegen eine schamlose, seit
Jahrhunderten betriebene Unterdrückung ihrer irischen Heimat
rebellierten, als gemeine Verbrecher verfolgte, mußte jedes
revolutionäre Empfinden aufstürmen. Schon im Juni 1867 hatte Marx an
Engels geschrieben: »Diese Saukerls rühmen es als englische Humanität,
daß politische Gefangene nicht schlechter als Mörder, Straßenräuber,
Fälscher und Päderasten behandelt werden.« Bei Engels kam hinzu, daß
Lizzy Burns, auf die er seine Liebe für ihre verstorbene Schwester
Mary übertragen hatte, eine feurige irische Patriotin war.
Jedoch
das lebhafte Interesse, das Marx für die irische Frage betätigte,
hatte noch tiefere Zusammenhänge als die Sympathie für ein
unterdrücktes Volk. Seine Studien hatten ihn zu der Überzeugung
geführt, daß die Emanzipation der englischen Arbeiterklasse, von der
wieder die Emanzipation des europäischen Proletariats abhing, die
Befreiung der Irländer zur notwendigen Voraussetzung habe. Der Sturz
der englischen Bodenoligarchie sei unmöglich, solange sie in Irland
ihren stark verschanzten Vorposten behaupte. Sobald die Sache in die
Hände des irischen Volkes gelegt, sobald es zu seinem eigenen
Gesetzgeber und Regierer gemacht sei, sobald es autonom werde, sei die
Vernichtung der Landaristokratie, die zum großen Teil aus den
englischen Landlords bestände, unendlich viel leichter als in England,
weil sie in Irland nicht nur eine einfache ökonomische Frage, sondern
eine nationale Angelegenheit sei, weil die Landlords in Irland nicht
wie in England, die traditionellen Würdenträger, sondern die tödlich
gehaßten Unterdrücker der Nationalität seien. Verschwände die
englische Armee und Polizei aus Irland, so sei die agrarische
Revolution da.
Was
die englische Bourgeoisie angehe, so habe sie mit der englischen
Aristokratie das Interesse gemein, Irland in ein bloßes Weideland zu
|398| verwandeln, das für den englischen Markt Fleisch und
Wolle zu möglichst billigen Preisen liefere. Aber sie habe noch viel
wichtigere Interessen an der jetzigen irischen Wirtschaft. Irland
liefere durch die beständig zunehmende Konzentration der Pachten
beständige Überschußbevölkerung für den englischen Arbeitsmarkt und
drücke dadurch die Löhne sowie die materielle und moralische Position
der englischen Arbeiterklasse herab. Die Arbeiterschaft aller
industriellen und kommerziellen Zentren in England spalte sich in die
feindlichen Lager der englischen und der irischen Proletarier. Der
gewöhnliche englische Arbeiter hasse den irischen Arbeiter als einen
Konkurrenten, fühle sich ihm gegenüber als Glied der herrschenden
Nation, mache sich eben deswegen zum Werkzeug der Aristokraten und
Kapitalisten gegen Irland und befestige damit deren Herrschaft über
sich selbst. Der englische Proletarier hege religiöse, soziale und
nationale Vorurteile gegen den irischen; er verhalte sich zu diesem
ungefähr wie in den ehemaligen Sklavenstaaten der Union der weiße
Arbeiter zu dem Nigger. Der Irländer zahle ihm mit Zinsen in der
eigenen Münze. Er sehe in dem englischen Arbeiter zugleich den
Mitschuldigen und das stupide Werkzeug der englischen Herrschaft über
Irland. In diesem Antagonismus, der künstlich wach gehalten werde
durch die Presse, die Kanzel, die Witzblätter, kurz alle den
herrschenden Klassen zur Verfügung stehenden Mittel, wurzele die
Ohnmacht der englischen Arbeiterklasse, trotz ihrer Organisation.
Und
dies Übel wälze sich über den Ozean fort. Der Antagonismus zwischen
Engländern und Irländern hindere jede aufrichtige und ernsthafte
Kooperation zwischen dem englischen und dem amerikanischen
Proletariat. Wenn die soziale Revolution in England als der Metropole
des Kapitals zu beschleunigen die wichtigste Aufgabe der
Internationalen sei, so sei das einzige Mittel ihrer Beschleunigung,
Irland unabhängig zu machen. Die Internationale müsse überall offene
Partei für Irland nehmen, und es sei die besondere Aufgabe des
Generalrats, in der englischen Arbeiterklasse das Bewußtsein
wachzurufen, daß die nationale Emanzipation Irlands für sie keine
Frage abstrakter Gerechtigkeit und menschlicher Gefühle sei, sondern
die erste Bedingung ihrer eigenen sozialen Emanzipation.
Dieser
Aufgabe ist Marx in den nächsten Jahren mit aller Kraft gerecht
geworden; wie er in der polnischen Frage, die seit dem Genfer Kongreß
von der Tagesordnung der Internationalen geschwunden war, den Hebel
zum Sturz der russischen, so sah er in der irischen Frage den Hebel
zum Sturz der englischen Weltherrschaft. Er ließ sich auch dadurch
|399|* nicht anfechten, daß die »Intriganten« unter den Arbeitern,
die ins nächste Parlament kommen wollten - er zählte selbst Odger, den
bisherigen Präsidenten des Generalrats, dazu -, dadurch einen Vorwand
erhielten, sich den bürgerlichen Liberalen anzuschließen. Denn
Gladstone beutete die irische Frage, nun da sie brennend geworden war,
zu einer Wahlparole aus, um wieder ans Ruder zu kommen. Der Generalrat
richtete eine - natürlich erfolglose - Petition an die englische
Regierung, worin gegen die Hinrichtung der drei in Manchester
verurteilten Fenier als gegen einen Justizmord protestiert wurde, und
veranstaltete in London öffentliche Meetings, um die Rechte Irlands zu
verteidigen.
Erregte er dadurch das Mißbehagen der englischen Regierung, so reizte
er zugleich die französische Regierung zu einem Schlage gegen die
Internationale. Bonaparte hatte drei Jahre lang der Entwicklung des
Bundes ruhig zugesehen, um die aufsässige Bourgeoisie zu ängstigen;
als die französischen Mitglieder sich ein Büro in Paris einrichteten,
hatten sie den Pariser Polizeipräfekten und den Minister des Innern
davon benachrichtigt, ohne von dem einen oder dem anderen eine Antwort
zu erhalten. An kleinen Durchstechereien und Mogeleien hatte es
allerdings nicht gefehlt. Als die Akten des Genfer Kongresses, da man
dem Schwarzen Kabinett der bonapartistischen Post nicht traute, durch
einen geborenen Schweizer und naturalisierten Engländer an den
Generalrat gebracht werden sollten, hatte sie ihm die Polizei an der
französischen Grenze wegstibitzt, und die französische Regierung
stellte sich gegen die Beschwerde des Generalrats taub. Doch das
Auswärtige Amt in London öffnete seine Ohren, und sie mußte den Raub
herausgeben. In anderer Weise blitzte der Vizekaiser Rouher ab, als er
die Veröffentlichung eines Manifestes, das die französischen
Mitglieder auf dem Genfer Kongresse verlesen hatten, in Frankreich nur
gestatten wollte, wenn »einige Worte des Dankes an den Kaiser
eingeflochten würden, der für die Arbeiter so sehr viel getan habe«.
Das wurde abgelehnt, obgleich die französischen Mitglieder sich sonst
sehr hüteten, das lauernde Untier zu reizen, und deshalb von den
bürgerlichen Radikalen als verkappte Bonapartisten verdächtigt wurden.
Es mag
dahingestellt bleiben, ob sie sich dadurch insoweit beirren ließen, an
einigen zahmen Kundgebungen der radikalen Bourgeoisie gegen das
Kaiserreich teilzunehmen, wie von französischen Schriftstellern
behauptet wird. Die Gründe, die Bonaparte zum offenen Bruch mit der
Arbeiterklasse veranlaßten, lagen jedenfalls tiefer. Die
Streikbewegung, die die verheerende Krise von 1866 hervorgerufen
hatte, nahm einen |400| Umfang an, der ihn beunruhigte; dann
hatten die Pariser Arbeiter unter dem Einfluß der Internationalen mit
den Berliner Arbeitern Friedensadressen ausgetauscht, als im Frühjahr
1867 wegen des Luxemburgischen Handels ein Krieg mit dem Norddeutschen
Bunde drohte, und endlich erhob die französische Bourgeoisie ein so
betäubendes Geschrei nach »Rache für Sadowa«, daß in den Tuilerien der
verwünscht gescheite Gedanke auftauchte, ihr mit »liberalen«
Zugeständnissen den Mund zu stopfen.
Unter
diesen Umständen glaubte Bonaparte, mehr als eine Fliege mit einer
Klappe zu treffen, indem er zu einem Schlage gegen das Pariser Büro
der Internationalen ausholte, unter dem Vorgeben, in ihm einen
Mittelpunkt der fenischen Verschwörung entdeckt zu haben. Aber
obgleich er die Mitglieder des Büros bei Nacht und Nebel durch
plötzliche Haussuchungen überfallen ließ, fand er nicht die leiseste
Spur einer geheimen Verschwörung. Um den Schlag ins Wasser nicht zu
einer allzu großen Blamage werden zu lassen, blieb nichts übrig, als
das Pariser Büro gerichtlich zu belangen, weil es eine nicht
autorisierte Gesellschaft von mehr als zwanzig Mitgliedern sei. Die
Anklage wurde am 6. und 20. März gegen fünfzehn Mitglieder der
Internationalen verhandelt, und das gerichtliche Urteil lautete auf
100 Franken Strafe für jeden der Angeklagten und Auflösung des Pariser
Büros. Die höheren Instanzen bestätigten dies Urteil.
Aber
ehe es soweit kam, war schon ein neues Verfahren im Gange. Ankläger
wie Gerichtshof hatten die Angeklagten mit Sammethandschuhen angefaßt,
und in deren Namen hatte Tolain sich und sie in sehr gemäßigtem Tone
verteidigt. Jedoch schon zwei Tage nach dem ersten Verhandlungstermin,
am 8. März, hatte sich ein neues Büro aufgetan, und dieser
offenkundige Hohn begrub die letzten Einbildungen Bonapartes. Die neun
Mitglieder des neuen Büros standen am 22. Mai vor Gericht und wurden
nach einer ebenso glänzenden wie scharfen Rede Varlins zu je drei
Monaten Gefängnis verurteilt. Damit war reiner Tisch zwischen dem
Kaiserreich und der Internationalen geschaffen, deren französischer
Zweig aus diesem endgültigen und offenkundigen Bruch mit dem
Dezemberschlächter neue Lebenskraft sog.
Auch
mit der belgischen Regierung geriet die Internationale in einen
heftigen Zusammenstoß. Die Grubenbesitzer im Kohlenbecken von
Charleroi trieben ihre elend gelohnten Arbeiter durch unausgesetzte
Plackereien zur Empörung, um hinterher die bewaffnete Macht auf die
unbewaffnete Menge loszulassen. Inmitten des panischen Schreckens nahm
sich der belgische Zweig der Internationalen der mißhandelten
Proletarier |401|* an, enthüllte in der Presse und auf
öffentlichen Versammlungen ihre jämmerliche Lage, unterstützte die
Familien der Gefallenen und Verwundeten und sicherte den Gefangenen
gerichtlichen Beistand, worauf sie von den Geschworenen freigesprochen
wurden.
Dafür
rächte sich der Justizminister de Bara, indem er vor der belgischen
Kammer in wüste Schmähungen gegen die Internationale ausbrach und ihr
mit Gewaltmaßregeln drohte, so namentlich mit dem Verbote ihres
nächsten Kongresses, der in Brüssel stattfinden sollte. Aber die
Angegriffenen ließen sich nicht verblüffen; sie antworteten in einem
Schreiben, worin sie sagten, sie ließen sich von einem Manne sowenig
befehlen wie von einem Fasse Wacholderschnaps, und der Kongreß werde
in Brüssel stattfinden, möge es dem Justizminister gefallen oder
nicht.
2. Die Schweiz und
Deutschland
Der
wirksamste Hebel des großen Aufschwungs, den die Internationale in
diesen Jahren nahm, war die allgemeine Streikbewegung, die in allen
mehr oder weniger kapitalistisch entwickelten Ländern durch den Krach
von 1866 hervorgerufen wurde.
Der
Generalrat beförderte sie nie und nirgends, aber wo sie von selbst
ausbrach, half er mit Rat und Tat den Sieg der Arbeiter sichern, indem
er die internationale Solidarität des Proletariats mobilmachte. Er
schlug den Kapitalisten die bequeme Waffe aus der Hand, streikende
Arbeiter durch den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte lahmzulegen; aus
den unbewußten Hilfstruppen des gemeinsamen Feindes warb er vielmehr
opferfreudige Bundesgenossen; er verstand, den Arbeitern jedes Landes,
wohin sein Einfluß reichte, klarzumachen, daß es ihr eigenes Interesse
sei, die Lohnkämpfe ihrer ausländischen Klassengenossen zu
unterstützen.
Diese
Tätigkeit der Internationalen erwies sich als überaus nachhaltig und
erwarb ihr ein europäisches Ansehen, das selbst weit über die
wirkliche Macht hinausreichte, die sie schon erworben hatte. Denn da
die bürgerliche Welt nicht begreifen wollte oder auch wirklich nicht
begriff, daß die um sich greifenden Streiks in dem Elend der
Arbeiterklasse wurzelten, so suchte sie ihre Ursache in den geheimen
Umtrieben der Internationalen. Diese wurde ihr so zu einem dämonischen
Ungeheuer, das sie bei jedem Streik niederzuringen suchte. Jeder große
Streik begann sich zu einem Kampf um die Existenz der Internationalen
zu entwickeln |402|*, und aus jedem dieser Kämpfe ging sie mit
neugestählter Kraft hervor.
Typische Erscheinungen dieser Art waren der Bauarbeiterstreik, der im
Frühjahr 1868 in Genf sowie der Bandwirker- und Seidenfärberstreik,
der im Herbste desselben Jahres in Basel ausbrach und sich bis ins
nächste Frühjahr hinzog. In Genf begannen immerhin die Bauarbeiter den
Kampf, indem sie eine Erhöhung des Arbeitslohns und eine Verkürzung
der Arbeitszeit forderten, aber die Meister machten zur Bedingung
eines Ausgleichs den Austritt der Arbeiter aus der Internationalen.
Diese Anmaßung wiesen die streikenden Arbeiter sofort zurück, und dank
der Hilfe, die ihnen der Generalrat aus England, Frankreich und
anderen Ländern zu sichern wußte, setzten sie trotzdem ihre
ursprünglichen Forderungen durch. Ungleich frivoler noch trieb es der
Kapitalistendünkel in Basel, wo den Bandwirkern einer Fabrik ohne
jeden Anlaß ein paar Feierstunden, die sie am letzten Tage der
Spätjahrmesse nach altem Herkommen zu beanspruchen hatten, unter der
Drohung versagt wurden: Wer nicht gehorcht, fliegt hinaus! Ein Teil
der Arbeiter gehorchte nicht und wurde am nächsten Tage, trotz der
vierzehntägigen Kündigungsfrist, durch Polizisten von der Tür der
Fabrik zurückgewiesen. Diese brutale Herausforderung peitschte die
Arbeiterschaft Basels auf, und es kam zu monatelangen Kämpfen, die
zuletzt in dem Versuche des Großen Rats gipfelten, die Arbeiter durch
militärische Maßregeln und eine Art Belagerungszustandes
einzuschüchtern.
Als
der Zweck der elenden Hetze enthüllte sich auch in Basel sehr bald die
Vernichtung der Internationalen. Die Kapitalisten verschmähten für
diesen Zweck weder grausame Mittel, indem sie den arbeitslos
gewordenen Arbeitern die Wohnungen kündigten und ihnen den Kredit bei
Bäckern, Fleischern und Krämern sperrten noch auch possierliche
Sprünge wie die Entsendung eines Emissärs nach London, der die
Geldmittel de, Generalrats ausforschen sollte. »Hätten diese guten
orthodoxen Christen in den ersten Zeiten des Christentums gelebt, sie
hätten vor allem dem Bankkredit des Apostels Paulus in Rom
nachgespäht.« So scherzte Marx, anknüpfend an ein Wort der »Times«,
die die Sektionen de Internationalen mit den ersten Christengemeinden
verglichen hatte. Aber die Baseler Arbeiter hielten unbeirrt an der
Internationalen fest und feierten ihren Sieg durch einen großen Zug
auf den Markt, als die Kapitalisten endlich nachgegeben hatten. Auch
sie erhielten reichliche Unterstützung aus anderen Ländern. Die
Wellen, die diese Streiks aufregten, brandeten bis in die Vereinigten
Staaten, wo die Internationale |403| nun auch festen Fuß zu
fassen begann; F. A. Sorge, ein Flüchtling von 1848 her und
nunmehriger Musiklehrer, gewann in New York eine ähnliche Stellung wie
Becker in Genf.
Vor
allem bahnte die Streikbewegung der Internationalen den Weg nun aber
auch nach Deutschland, wo sich bisher nur vereinzelte Sektionen
gebildet hatten. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hatte sich
nach schweren Kämpfen und Wirren zu einer stattlichen Körperschaft
herausgewachsen und fuhr fort, sich in der erfreulichsten Weise zu
entwickeln, zumal nachdem seine Mitglieder sich entschlossen hatten,
Schweitzer zu ihrem anerkannten Führer zu wählen. Schweitzer saß auch
als Vertreter für Elberfeld-Barmen im Norddeutschen Reichstage, in den
sein alter Gegner Liebknecht durch den sächsischen Wahlkreis
Stollberg-Schneeberg entsandt worden war. Beide waren hier alsbald
heftig zusammengestoßen wegen ihrer entgegengesetzten Stellung zur
nationalen Frage; während Schweitzer sich, im Sinne von Marx und
Engels, auf den Boden stellte, den die Schlacht bei Königgrätz
geschaffen hatte, bekämpfte Liebknecht den Norddeutschen Bund als ein
Werk recht- und ruchloser Gewalt, das vor allem zertrümmert werden
müsse, selbst mit augenblicklicher Hintansetzung sozialer Ziele.
Liebknecht hatte im Herbst 1866 die Sächsische Volkspartei gründen
helfen, mit einem radikal-demokratischen, aber noch nicht
sozialistischen Programm, als deren Organ er seit dem Anfange des
Jahres 1868 das »Demokratische Wochenblatt« in Leipzig herausgab. Sie
rekrutierte sich überwiegend aus der sächsischen Arbeiterklasse und
unterschied sich dadurch vorteilhaft von der Deutschen Volkspartei, in
der sich, neben einer Handvoll ehrlicher Ideologen vom Schlage Johann
Jacobys, Frankfurter Börsendemokraten, schwäbische
Kantönlirepublikaner und sittlich empörte Bekämpfer des frevelhaften
Rechtsbruchs befanden, den Bismarck durch die Verjagung einiger
Mittel- und Kleinfürsten begangen hatte. In viel erfreulicherer
Nachbarschaft befand sich die Sächsische Volkspartei mit dem Verbande
der deutschen Arbeitervereine, der bei Lassalles erstem Auftreten und
als Gegengewicht gegen dessen Agitation von der fortschrittlichen
Bourgeoisie gegründet worden war, aber sich gerade im Kampfe mit den
Lassalleanern nach links entwickelt hatte: zumal seitdem August Bebel,
in dem Liebknecht einen treuen Kampfgenossen gefunden hatte, zum
Vorsitzenden des Verbandes gewählt worden war.
Gleich
in seiner ersten Nummer wies das »Demokratische Wochenblatt« auf
Schweitzer als einen Mann hin, dem sämtliche Vorkämpfer der
sozialdemokratischen Sache den Rücken gekehrt hätten. Das waren
|404| inzwischen etwas alte Kamellen geworden, denn durch die
Absage, die Schweitzer drei Jahre früher von Marx und Engels erhalten
hatte, war er keinen Augenblick irre geworden in seiner Absicht, die
deutsche Arbeiterbewegung zwar im Geiste Lassalles zu leiten, aber
ebendeshalb sie nicht durch sklavisches Kleben an Lassalles Worten zu
einer Sekte verknöchern zu lassen. So hatte er auch den ersten Band
des »Kapitals« den deutschen Arbeitern zu vermitteln gesucht, früher
und gründlicher als Liebknecht selbst, und im April 1868 wandte er
sich persönlich an Marx, um dessen Rat wegen einer Herabsetzung der
Eisenzölle einzuholen, die damals von der preußischen Regierung
geplant wurde.
Schon
als korrespondierender Sekretär des Generalrats für Deutschland konnte
sich Marx der Beantwortung einer Frage nicht entziehen, die der
parlamentarische Arbeitervertreter eines industriereichen Wahlkreises
an ihn gerichtet hatte. Aber Marx war auch sonst zu einer wesentlich
anderen Ansicht über Schweitzers Tätigkeit gekommen. Obgleich er sie
nur aus der Ferne beobachtete, erkannte er doch »unbedingt die
Intelligenz und Energie« an, womit Schweitzer in der Arbeiterbewegung
wirke, und in den Verhandlungen des Generalrats behandelte er ihn als
einen Mann seiner Partei, ohne je ein Wort über Differenzpunkte
fallenzulassen.
An
solchen Differenzpunkten fehlte es auch jetzt nicht. Selbst ihr
persönliches Mißtrauen gegen Schweitzer gaben Marx und Engels noch
nicht auf; wenn sie ihn auch nicht mehr im Verdacht hatten, mit
Bismarck zu mogeln, so argwöhnten sie doch, seine Annäherung an Marx
habe den Zweck, Liebknecht auszustechen; sie kamen von der Vorstellung
nicht los, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eine »Sekte« sei
und Schweitzer vor allem »seine eigene Arbeiterbewegung« haben wolle.
Immer aber erkannten sie an, daß Schweitzers Politik der Politik
Liebknechts weit überlegen sei.
Marx
meinte, Schweitzer sei unbedingt von allen damaligen Arbeiterführern
in Deutschland der intelligenteste und energischste, und nur durch ihn
sei Liebknecht gezwungen worden, sich zu erinnern, daß eine von der
kleinbürgerlich-demokratischen Bewegung unabhängige Arbeiterbewegung
existiere. Ganz ähnlich urteilte Engels, der »Kerl« sei in der
Auffassung der allgemeinen politischen Lage und der Stellung zu den
anderen Parteien viel klarer und in der Darstellung geschickter als
alle die anderen. »Er nannte ›alle alten Parteien, uns gegenüber, eine
einzige reaktionäre Masse, deren Unterschiede für uns kaum ins Gewicht
fallen‹. Er erkennt zwar an, daß 1866 und seine Folgen das
Zaunkönigtum ruinieren, das Legitimitätsprinzip untergraben, die
Reaktion erschüttern |405|* und das Volk in Bewegung gesetzt
haben, aber er zieht - jetzt - auch gegen die sonstigen Folgen,
Steuerdruck usw., los und verhält sich gegen Bismarck viel
›korrekter‹, wie die Berliner sagen, als z.B. Liebknecht gegenüber den
Exfürsten.« Über diese Taktik Liebknechts äußerte sich Engels bei
anderer Gelegenheit, er hätte es satt, jede Woche die Lehre vorgekäut
zu bekommen, daß »wir keine Revolution machen dürften, ehe nicht der
Bundestag, der blinde Welfe und der biedere Kurfürst von Hessen
restauriert und am gottlosen Bismarck grausame legitime Rache
genommen« sei. Dabei lief ein gut Stück ärgerlicher Übertreibung mit
unter, aber ein gut Stück Wahrheit war auch daran.
Marx
hat später einmal gesagt, man habe bisher geglaubt, die christliche
Mythenbildung unter dem römischen Kaiserreich sei nur möglich gewesen,
weil die Druckerei noch nicht erfunden gewesen sei. Es sei aber gerade
umgekehrt. Die Tagespresse und der Telegraph, der ihre Erfindungen im
Nu über den ganzen Erdboden ausstreue, fabrizierten mehr Mythen (und
das Bourgeoisrind glaube und verbreite sie) an einem Tage, als früher
in einem Jahrhundert hätten fertiggebracht werden können. Ein
besonders schlagender Beweis für die Richtigkeit dieser Ansicht ist
die jahrzehntelang - und keineswegs nur von »Bourgeoisrindern« -
geglaubte Mär, Schweitzer habe die Arbeiterbewegung an Bismarck
verraten wollen, worauf Liebknecht und Bebel sie wieder ins richtige
Schick gebracht hätten.
Es war
gerade umgekehrt. Schweitzer vertrat den prinzipiell sozialistischen
Standpunkt, während das »Demokratische Wochenblatt« mit den
partikularistischen Anhängern der »Exfürsten« und der liberalen
Korruptionswirtschaft in Wien in einer Weise liebäugelte, die vom
sozialistischen Standpunkt aus sich nicht rechtfertigen ließ. Was
Bebel in seinen »Denkwürdigkeiten« ausführt, daß nämlich der Sieg
Österreichs über Preußen zu wünschen gewesen wäre, weil die Revolution
mit einem innerlich schwachen Staate, wie Österreich, leichter fertig
geworden sein würde als mit dem innerlich starken Preußen, ist eine
nachträgliche Erklärung, von der, wie es sonst immer um sie stehen
mag, in der gleichzeitigen Literatur nicht die geringste Spur zu
entdecken ist.
Trotz
seiner persönlichen Freundschaft für Liebknecht und seines
persönlichen Mißtrauens gegen Schweitzer verkannte Marx den wirklichen
Stand der Dinge nicht. Er beantwortete Schweitzers Anfrage wegen
Herabsetzung der Eisenzölle, bei aller vorsichtigen Zurückhaltung in
der Form, doch in sachlich erschöpfender Weise. Schweitzer führte dann
die Absicht aus, die er schon vor drei Jahren gehabt hatte, und
beantragte auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins |406|*, die Ende August 1868 in Hamburg tagte,
dessen Anschluß an die Internationale, der freilich aus Rücksicht auf
die deutschen Vereinsgesetze nicht formell, sondern nur als
Solidaritäts- und Sympathieerklärung erfolgen konnte. Zu dieser
Generalversammlung war Marx als Ehrengast eingeladen worden, um ihm
den Dank der deutschen Arbeiter für sein wissenschaftliches Werk
abzustatten. Auf eine vorläufige Anfrage Schweitzers antwortete er
entgegenkommend, ist dann aber doch nicht selbst nach Hamburg
gekommen, so dringend ihn Schweitzer darum ersuchte.
In
seinem Dankschreiben für die »ehrenvolle Einladung« gab er die
Vorarbeiten des Generalrats für den Brüsseler Kongreß als Hindernisse
seines Kommens an, stellte aber mit »Freude« fest, daß die
Tagesordnung der Generalversammlung die Punkte enthielte, die in der
Tat die Ausgangspunkte aller ernsten Arbeiterbewegungen bildeten:
Agitation für volle politische Freiheit, Regelung des Arbeitstags und
planmäßige, internationale Kooperation der Arbeiterklasse. Wenn Marx
jedoch an Engels schrieb, mit diesem Briefe habe er die Lassalleaner
dazu beglückwünscht, das Programm Lassalles aufgegeben zu haben, so
ist wirklich nicht abzusehen, was Lassalle an jenen drei Punkten
auszusetzen gehabt haben würde.
Einen
wirklichen Bruch mit den Überlieferungen Lassalles vollzog dagegen
Schweitzer selbst auf der Hamburger Generalversammlung, indem er gegen
einen heftigen Widerstand, und zuletzt nur dadurch, daß er die
Kabinettsfrage stellte, die Erlaubnis für sich und seinen
Reichstagskollegen Fritzsche ertrotzte, für Ende September einen
allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß nach Berlin zu berufen, um eine
gründliche, umfassende Organisation der Arbeiterschaft zum Zwecke der
Streiks ins Leben zu rufen. Schweitzer war durch die europäische
Streikbewegung belehrt worden; er überschätzte sie nicht, aber sah
sehr wohl ein, daß eine Arbeiterpartei, die auf der Höhe ihrer Aufgabe
bleiben wolle, die nun einmal mit elementarer Gewalt ausbrechenden
Streiks nicht in ein regelloses Durcheinander verlaufen lassen dürfe.
Er schreckte deshalb vor der Gründung gewerkschaftlicher Verbände
nicht zurück, aber er verkannte ihre Lebensbedingungen, indem er sie
ebenso stramm organisieren wollte, wie der Allgemeine Deutsche
Arbeiterverein organisiert war und gewissermaßen nur als dessen
untergeordnete Hilfstruppe.
Marx
hat ihn vergebens vor diesem schweren Fehler gewarnt. Aus dem
schriftlichen Verkehr beider Männer haben sich von Schweitzer
sämtliche Briefe, von Marx aber nur der eine und vermutlich wichtigste
vom 13. Oktober 1868 erhalten. Der Form nach, in seinem loyalen
|407| Entgegenkommen gegen Schweitzer, vollkommen tadellos,
entwickelte er die gewichtigsten Bedenken gegen die von Schweitzer
geplante Organisation der Gewerkschaften, schwächte aber den Eindruck
dieser Kritik dadurch ab, daß er den von Lassalle gestifteten Verein
als eine »Sekte« kennzeichnete, die sich entschließen müsse, in der
Klassenbewegung aufzugehen. In seinem Antwortschreiben, dem letzten,
das er an Marx gerichtet hat, konnte sich Schweitzer mit Recht darauf
berufen, er sei stets bestrebt gewesen, mit der europäischen
Arbeiterbewegung gleichen Schritt zu halten.
Wenige
Tage nach der Hamburger Generalversammlung tagte der Verband der
deutschen Arbeitervereine in Nürnberg. Auch er verstand die Zeichen
der Zeit; seine Mehrheit nahm die Hauptsätze aus den »Statuten« der
Internationalen als politisches Programm an und wählte das
»Demokratische Wochenblatt« zum Organ des Verbandes, worauf die
Minderheit auf Nimmerwiedersehen verschwand. Dann lehnte die Mehrheit
einen Antrag auf Gründung von Altersversorgungskassen für Arbeiter
unter staatlicher Aufsicht zugunsten eines Antrags auf Einrichtung von
Gewerksgenossenschaften ab, die erfahrungsgemäß am besten für Alters-,
Kranken- und Wanderunterstützungskassen zu sorgen wüßten. Diese
Begründung war schwächlicher als die Berufung auf den Kampf zwischen
Kapital und Arbeit, der in den Streiks aufloderte, und auch der
Anschluß an die Internationale wurde in Hamburg durch das gemeinsame
Interesse aller Arbeiterparteien begründet, während in Nürnberg die
Sache nicht so schroff aufgefaßt wurde. Schon wenige Wochen später
meldete das »Demokratische Wochenblatt« in fettem Druck den Anschluß
an das Nürnberger Programm, den die Deutsche Volkspartei auf einer
Konferenz in Stuttgart beschlossen hatte.
Immerhin hatte sich eine Annäherung zwischen dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein und dem Verbande der deutschen Arbeitervereine
vollzogen, und Marx hat sich damals redlich bemüht, durch
unparteiisches Vermitteln zwischen Liebknecht und Schweitzer die
deutsche Arbeiterbewegung zu einigen. Gelungen ist es ihm jedoch
nicht. Die Nürnberger Vereine weigerten sich unter einem haltlosen
Vorwande, den Gewerkschaftskongreß zu beschicken, den Schweitzer und
Fritzsche nach Berlin berufen hatten. Der Kongreß war zahlreich
besucht und führte zur Gründung einer Reihe von »Arbeiterschaften«,
die durch einen »Arbeiterschaftsverband« zusammengefaßt wurden, an
dessen Spitze tatsächlich Schweitzer stand.
Die
Nürnberger Vereine gingen ihrerseits auf Grund eines Statuts, das von
Bebel entworfen worden war und den gewerkschaftlichen
Lebensbedingungen |408|* viel gerechter wurde als das Statut
Schweitzers, mit der Gründung von - wie sie allzu pomphaft getauft
wurden - »Internationalen Gewerksgenossenschaften« vor, und nunmehr
erboten sie sich zu Einigungs- und Verschmelzungsverhandlungen mit der
andern Richtung, erhielten jedoch eine schroffe Absage. Sie hätten
zuerst die Einigkeit gestört und könnten sich den Versuch sparen,
durch das Angebot eines Vertragsverhältnisses die von ihnen gestörte
Einigkeit wiederherzustellen; wäre es ihnen um die Sache zu tun, so
könnten sie sich dem Arbeiterschaftsverbande anschließen und innerhalb
dieses Rahmens für die ihnen gut scheinenden Änderungen wirken.
Konnte
somit Marx die Zersplitterung der deutschen Arbeiterbewegung nicht
hindern, so durfte er doch den Anschluß beider Richtungen an die
Internationale feststellen, und so kam ihm der Gedanke, nunmehr, wo
die Gesellschaft vorläufig, wenn auch überall noch dünn, wenigstens
ihr Hauptterrain umschreibe, den Generalrat für das nächste Jahr nach
Genf zu verlegen. Dabei wirkte auch der Ärger über die französische
Sektion in London mit, die, gering an Zahl, um so größeren Lärm machte
und durch den Beifall, den sie dem albernen, den Mord Bonapartes
predigenden Komödianten Pyat spendete, der Internationalen manche
Ungelegenheiten bereitete. Sie spektakelte nicht zuletzt über die
»Diktatur« des Generalrats, weil er ihrem Unfug nach Kräften steuerte,
und bereitete eine Anklage gegen ihn für den Brüsseler Kongreß vor.
Glücklicherweise riet Engels dringend von dem gewagten Schritt ab. Um
der paar Esel willen dürfe die Sache nicht an Leute überantwortet
werden, die zwar viel guten Willen und auch wohl Instinkt, aber doch
nicht das Zeug hätten, die Bewegung zu leiten. Je großartiger sie
werde, und nun auch nach Deutschland übergreife, um so mehr müsse Marx
sie in der Hand behalten. Alsbald zeigte sich gerade in Genf, daß
guter Wille und bloßer Instinkt allein allerdings nicht genügten.
3. Die Agitation
Bakunins
Der
dritte Kongreß der Internationalen tagte vom 6. bis 13. September 1868
in Brüssel.
Er war
zahlreicher besucht als irgendein früherer oder späterer, doch trug er
einen stark örtlichen Charakter; mehr als die Hälfte seiner Mitglieder
kam aus Belgien. Ungefähr den fünften Teil stellten die Franzosen
|409|*. Unter den 11 englischen Delegierten befanden sich 6
Vertreter des Generalrats, neben Eccarius, Jung, Leßner namentlich der
Trade-Unionist Lucraft. Schweizer waren nur 8 zugegen, Deutsche gar
nur 3, unter ihnen Moses Heß von der Sektion Köln. Schweitzer, der
eine offizielle Einladung erhalten hatte, war durch die Wahrnehmung
mehrerer Gerichtstermine am persönlichen Erscheinen verhindert,
erklärte aber schriftlich die Übereinstimmung des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins mit den Bestrebungen der Internationalen;
sich auch formell an sie anzuschließen, sei der Verein nur durch die
deutschen Vereinsgesetze verhindert. Italien und Spanien sandten je
einen Vertreter.
Der
lebhaftere Pulsschlag, den das Leben der Internationalen in ihrem
vierten Jahre angenommen hatte, war in den Verhandlungen des
Kongresses sehr merklich zu spüren. Der Widerstand, den die
Proudhonisten in Genf und Lausanne gegen Gewerkvereine und Streiks
bekundet hatten, war fast in sein Gegenteil umgeschlagen. Zwar setzten
sie noch eine akademische Resolution zu Ehren der »Tauschbank« und des
»unentgeltlichen Kredits« durch, obgleich Eccarius die praktische
Unmöglichkeit dieser proudhonistischen Heilmittel an englischen
Erfahrungen und Heß ihre theoretische Unhaltbarkeit an der Hand der
Streitschrift nachwies, die Marx zwanzig Jahre früher gegen Proudhon
gerichtet hatte.
Dafür
unterlagen sie in der »Eigentumsfrage« gänzlich: auf Vorschlag de
Paepes wurde eine große Resolution unter eingehender Begründung
angenommen: sie forderte, daß in einer wohlgeordneten Gesellschaft die
Steinbrüche, die Steinkohlen- und andere Minen sowie die Eisenbahnen
der Gesamtheit gehören sollten, das will sagen, dem neuerstandenen,
dem Gesetze der Gerechtigkeit unterworfenen Staat, und daß ihr Betrieb
bis dahin an Arbeiterkompanien übergeben werden sollte, unter den
nötigen Bürgschaften für die Gesamtheit. Ebenso sollte der
landwirtschaftliche Boden, auch die Wälder, in gemeinsames
Staatseigentum überführt und unter denselben Bürgschaftsbedingungen an
landwirtschaftliche Ackerbaugesellschaften übergeben werden. Endlich
müßten Kanäle, Landstraßen, Telegraphenanstalten, kurz alle
Verkehrsmittel Gemeingut der Gesellschaft bleiben. Mit ihrem heftigen
Protest gegen diesen »rohen Kommunismus« erreichten die Franzosen nur,
daß die Frage noch einmal vom nächsten Kongreß beraten werden sollte,
als dessen Sitz Basel bestimmt wurde.
Marx
hatte nach seiner eigenen Angabe keinen Teil an der Abfassung der
Resolutionen, die in Brüssel angenommen wurden, doch war er mit dem
Verlaufe des Kongresses nicht unzufrieden. Nicht nur weil es ihm
gleichermaßen zur persönlichen wie zur sachlichen Genugtuung gereichen
|410| durfte, daß ihm, wie schon in Hamburg und Nürnberg, der
Dank der Arbeiterklasse für sein wissenschaftliches Werk
ausgesprochen, sondern auch weil die Anklagen der französischen
Sektion in London gegen den Generalrat zurückgewiesen worden waren.
Nur in dem von Genf her angeregten Beschluß des Kongresses, drohende
Kriege durch allgemeine Arbeitseinstellungen, durch einen Streik der
Völker abzuwehren, fand er »Blödsinn«. Um so weniger hatte er dagegen
einzuwenden, daß der Kongreß endgültig mit der Friedens- und
Freiheitsliga brach, die kurze Zeit nachher ihren zweiten Kongreß in
Bern hielt. Sie hatte der Internationalen ein Bündnis vorgeschlagen,
erhielt aber in Brüssel die trockene Antwort, sie habe keinen
vernünftigen Grund der Existenz und solle ihre Mitglieder nur einfach
zum Eintritt in die Sektionen der Internationalen veranlassen.
Betrieben wurde dies Bündnis vornehmlich durch Michail Bakunin, der
schon dem ersten Kongreß der Freiheits- und Friedensliga in Genf
beigewohnt hatte und ein paar Monate vor dem Brüsseler Kongreß der
Internationalen auch in diese eingetreten war. Nach der Ablehnung des
Bündnisvertrages versuchte er nun, den Berner Kongreß der Friedens-
und Freiheitsliga zu einem Programm zu bekehren, das auf die
Zerstörung aller Staaten abzielte, um auf deren Trümmern eine
Föderation freier produktiver Assoziationen aller Länder zu errichten.
Er blieb jedoch in der Minderheit, in der sich unter anderen Johann
Philipp Becker befand, und stiftete mit ihr eine neue Internationale
Allianz der sozialistischen Demokratie, die zwar vollständig in der
Internationalen aufgehen, aber sich die besondere Aufgabe stellen
sollte, die politischen und philosophischen Fragen auf der Grundlage
des großen Prinzips der allgemeinen und sittlichen Gleichheit aller
Menschenwesen auf Erden zu studieren.
Bereits im Septemberhefte des »Vorboten« kündigte Becker diese Allianz
an, deren Zweck darauf hinauslaufe, in Frankreich, Italien, Spanien
und soweit ihr Einfluß reiche, Sektionen der Internationalen ins Leben
zu rufen. Jedoch erst ein Vierteljahr später, am 15. Dezember 1868,
ersuchte Becker den Generalrat um Aufnahme der Allianz in die
Internationale, nachdem dasselbe Gesuch von dem belgischen und dem
französischen Föderalrat abgelehnt worden war. Eine Woche später, am
22. Dezember, schrieb Bakunin aus Genf an Marx: »Mein alter Freund!
Besser als je verstehe ich jetzt, wie sehr Du recht hast, wenn Du die
große Heerstraße der ökonomischen Revolution verfolgst und uns
einladest, sie zu betreten, und diejenigen unter uns herabsetzest, die
sich in den Seitenpfaden teils nationaler, teils ausschließlich
politischer Unternehmungen |411|* verirren. Ich tue jetzt
dasselbe, was Du seit mehr als zwanzig Jahren tust. Seit dem
feierlichen und öffentlichen Abschied, den ich den Bourgeois des
Berner Kongresses gegeben habe, kenne ich keine andere Gesellschaft,
keine andere Umwelt als die Welt der Arbeiter. Mein Vaterland ist
jetzt die Internationale, zu deren hervorragenden Gründern Du gehörst.
Du siehst also, lieber Freund, daß ich Dein Schüler bin, und ich bin
stolz darauf, es zu sein. Soviel über meine Stellung und meine
persönlichen Gesinnungen.« Es liegt kein Grund vor, an der
Aufrichtigkeit dieser Versicherungen zu zweifeln.
Am
schnellsten und tiefsten führt in das Verhältnis beider Männer ein
Vergleich ein, den Bakunin einige Jahre später, als er schon in
heftigem Kampf mit Marx stand, zwischen diesem und Proudhon gezogen
hat. Es heißt darin: »Marx ist ein sehr ernster, sehr tiefer
ökonomischer Denker. Er hat den ungeheuren Vorteil über Proudhon,
tatsächlich ein Materialist zu sein. Proudhon ist trotz aller
Anstrengungen, die er gemacht hat, um die Überlieferungen des
klassischen Idealismus loszuwerden, nichtsdestoweniger sein Leben lang
ein unverbesserlicher Idealist geblieben, der sich bald von der Bibel,
bald vom römischen Recht beeinflussen ließ, wie ich es ihm zwei Monate
vor seinem Tode gesagt habe, und immer Metaphysiker bis in die Spitze
seiner Nägel. Sein großes Unglück ist, niemals die Naturwissenschaften
studiert und sich deren Methode nicht angeeignet zu haben. Er hat
gewisse Instinkte gehabt, die ihm den richtigen Weg flüchtig gezeigt
haben, aber hingerissen durch die schlechten oder die idealistischen
Gewohnheiten seines Geistes fiel er immer in die alten Irrtümer
zurück. Dadurch ist Proudhon ein beständiger Widerspruch geworden, ein
kräftiges Genie, ein revolutionärer Denker, der sich immer gegen die
Einbildungen des Idealismus wehrte, aber nie dazu gelangte, sie zu
besiegen.« So Bakunin über Proudhon.
In
unmittelbarem Anschluß daran schilderte er das Wesen von Marx, so wie
es ihm erschien. »Marx ist als Denker auf dem guten Wege. Er hat als
Grundsatz aufgestellt, daß alle religiösen, politischen und
juristischen Entwicklungen in der Geschichte nicht die Ursachen,
sondern die Wirkungen der ökonomischen Entwicklungen sind. Das ist ein
großer und fruchtbarer Gedanke, den Marx nicht schlechthin erfunden
hat; der Gedanke wurde geahnt und teilweise ausgesprochen durch viele
andere vor ihm, aber schließlich gebührt ihm die Ehre, ihn
wissenschaftlich entwickelt und als Grundlage seines ganzen
ökonomischen Systems festgelegt zu haben. Auf der anderen Seite hatte
Proudhon die Freiheit viel besser verstanden und gefühlt als Marx;
Proudhon hatte, wenn er nicht |412| in Doktrin und Phantasie
machte, den wahren Instinkt des Revolutionärs; er verehrte Satan und
verkündete die Anarchie. Es ist sehr möglich, daß Marx sich zu einem
noch vernünftigeren System der Freiheit erhebt als Proudhon, aber der
Instinkt Proudhons fehlt ihm. Als Deutscher und als Jude ist er vom
Scheitel bis zur Zehe ein Autoritär.« Soweit Bakunin.
Für
sich selbst zog er aus diesem Vergleich die Schlußfolgerung, daß er
die höhere Einheit dieser beiden Systeme erfaßt habe. Er habe das
anarchische System Proudhons entwickelt und von allem doktrinären,
idealistischen und metaphysischen Beiwerk befreit, ihm den
Materialismus in der Wissenschaft und die soziale Ökonomie in der
Geschichte als Grundlage gegeben. Das war jedoch eine gewaltige
Selbsttäuschung Bakunins. Er war weit über Proudhon hinausgekommen,
vor dem er ein gut Stück europäischer Bildung voraushatte, und er
verstand Marx viel besser als Proudhon diesen verstanden hatte. Aber
weder hatte er die Schule der deutschen Philosophie so gründlich
durchlaufen noch die Klassenkämpfe der westeuropäischen Völker so
eingehend studiert wie Marx. Und vor allem war seine Unkenntnis der
politischen Ökonomie für ihn noch viel verhängnisvoller als für
Proudhon die Unkenntnis der Naturwissenschaften. Diese Lücke in der
Bildung Bakunins bestand deshalb nicht weniger, weil sie in einer für
ihn ehrenvollen Weise dadurch erklärt wurde, daß er um seiner
revolutionären Taten willen eine lange Reihe seiner besten Jahre in
sächsischen, österreichischen, russischen Kerkern und in den
sibirischen Eiswüsten geschmachtet hatte.
Der
»Satan im Leibe« war seine Stärke wie seine Schwäche. Was er unter
diesem seinem Lieblingsschlagwort verstand, das hat der berühmte
russische Kritiker Belinski in die so schönen wie treffenden Worte
gekleidet: »Michail ist in vielem schuldig und sündhaft, doch gibt es
etwas in ihm, das alle seine Mängel überwiegt - das ist das ewig
bewegende Prinzip, das in der Tiefe seines Geistes lebt.« Bakunin war
eine durch und durch revolutionäre Natur, und wie Marx und Lassalle
besaß er die Gabe, daß die Menschen auf seine Stimme hörten. Es war
doch eine Leistung für einen armen Flüchtling, der nichts besaß als
seinen Geist und seinen Willen, in einer Reihe europäischer Länder, in
Spanien, Italien und Rußland, die ersten Fäden der internationalen
Arbeiterbewegung gesponnen zu haben. Aber man braucht diese Länder nur
zu nennen, um auf den tiefsten Unterschied zwischen Bakunin und Marx
zu stoßen. Beide sahen die Revolution mit schnellen Schritten
herankommen, aber während Marx in dem großindustriellen Proletariat,
wie er es in England, Frankreich und Deutschland studiert hatte, ihre
Kerntruppe erblickte, rechnete Bakunin mit den Heerhaufen der
deklassierten Jugend, |413| der bäuerlichen Masse und selbst
des Lumpenproletariats. Wie scharf er immer erkannte, daß Marx ihm als
wissenschaftlicher Denker überlegen war, so fiel er mit seinem Handeln
immer in die Fehler zurück, die den »Revolutionären der vorigen
Generation« eigen waren. Er selbst fand sich mit seinem Schicksal ab,
indem er meinte, die Wissenschaft sei wohl der Kompaß des Lebens, aber
nicht das Leben selbst, und nur das Leben schaffe wirkliche Dinge und
Wesen.
Es ist
eine Torheit, und dazu ein Unrecht gleichermaßen gegen Bakunin wie
gegen Marx, ihre Beziehungen allein nach dem unheilbaren Zerwürfnis
abzuschätzen, womit sie geendigt haben. Politisch und namentlich
psychologisch viel reizvoller ist es zu verfolgen, wie sie im Laufe
von dreißig Jahren sich gegenseitig immer wieder angezogen und immer
wieder abgestoßen haben. Beide begannen als Junghegelianer; Bakunin
gehörte zu den Paten der »Deutsch-Französischen Jahrbücher«. Bei dem
Bruch zwischen seinem alten Gönner Ruge und Marx entschied er sich für
diesen. Als er dann aber in Brüssel sah, was Marx unter
kommunistischer Propaganda verstand, war er entsetzt, und einige
Monate später begeisterte er sich für Herweghs abenteuerlichen
Freischarenzug nach Deutschland, um dann doch wieder diese seine
Torheit einzusehen und offen zu bekennen.
Gleich
darauf, im Sommer 1848, klagte ihn die »Neue Rheinische Zeitung« als
Werkzeug der russischen Regierung an, doch nahm sie ihren Irrtum, in
den sie durch zwei, voneinander unabhängige Seiten versetzt worden
war, in einer Weise zurück, die Bakunin vollkommen befriedigte. Bei
einer Begegnung in Berlin frischten Marx und Bakunin ihre alte
Freundschaft auf, und die »Neue Rheinische Zeitung« trat energisch für
Bakunin ein, als er aus Preußen ausgewiesen wurde. Danach unterzog sie
seine panslawistische Agitation einer strengen Kritik, aber mit der
einleitenden Bemerkung: »Bakunin ist unser Freund«, und unter
ausdrücklicher Anerkennung, daß Bakunin aus demokratischen Gründen
handele und seine Selbsttäuschungen über die slawische Sache sehr zu
entschuldigen seien. Übrigens irrte Engels, der Verfasser dieser
Artikel, auch in dem Haupteinwande, den er gegen Bakunin geltend
machte; die slawischen Völkerschaften Österreichs haben doch die
geschichtliche Zukunft gehabt, die Engels ihnen absprach. Bakunins
revolutionäre Teilnahme an dem Dresdner Maiaufstande haben Marx und
Engels früher und lebhafter als irgendwer anerkannt.[1]
Auf
dem Rückzuge aus Dresden wurde Bakunin gefangen und erst von einem
sächsischen, dann von einem österreichischen Kriegsgerichte zum Tode
verurteilt, in beiden Fällen zu lebenslänglicher Kerkerhaft |414|
»begnadigt«, endlich nach Rußland ausgeliefert, wo er in der
Peter-Pauls-Festung furchtbare Leidensjahre verbrachte. Während dieser
Zeit erhob ein verrückter Urquhartit im »Morning Advertiser« wieder
die Anklage gegen Bakunin, ein Agent der russischen Regierung zu sein
und sich gar nicht im Kerker zu befinden. Dagegen protestierte in
demselben Blatt - neben Herzen, Mazzini und Ruge - auch Marx. Jedoch
wollte ein unglücklicher Zufall, daß der Verleumder Bakunins ebenfalls
Marx hieß, was in engeren Kreisen bekannt war, obgleich sich der
Biedermann der Aufforderung, sich öffentlich zu nennen, beharrlich
entzog. Diesen Gleichklang der Namen benutzte dann der
Talmi-Revolutionär Herzen zu einer unwürdigen Intrige. Als Bakunin,
der 1857 aus der Peter-Pauls-Festung nach Sibirien geschickt worden,
aber 1861 von hier glücklich entkommen war, über Japan und den
amerikanischen Kontinent nach London gelangte, spiegelte Herzen ihm
vor, Karl Marx habe ihn in der englischen Presse als russischen Spion
denunziert. Es war die erste der Ohrenbläsereien, die noch viel Unheil
zwischen Bakunin und Marx stiften sollten.
Mehr
als ein Jahrzehnt lang war Bakunin von dem europäischen Leben
abgesperrt gewesen, und so begreift sich, daß er sich in London
zunächst an die russischen Flüchtlinge vom Schlage Herzens anschloß,
mit denen er im Grunde wenig gemein hatte. Auch an seinem Panslawismus,
soweit davon überhaupt gesprochen werden konnte, blieb Bakunin doch
immer Revolutionär, während Herzen mit seinen Schimpfereien über den
»verfaulten Westen« und seinem mystischen Kultus der russischen
Dorfgemeinde in der Tat nur, unter der Maske eines schwachherzigen
Liberalismus, die Geschäfte des Zarentums besorgte. Es spricht nicht
gegen Bakunin, daß er seine persönlich freundschaftlichen Beziehungen
zu Herzen, der sich ihm in seinen Jugendnöten hilfreich erwiesen
hatte, bis zu Herzens Tode fortsetzte, aber den politischen
Scheidebrief schrieb er ihm schon im Jahre 1866, indem er ihm vorwarf,
eine soziale Umwälzung ohne politische Umwälzung zu wollen und dem
Staate alles zu verzeihen, wenn er nur die großrussische Dorfgemeinde
unberührt lasse, von der Herzen nicht nur das Heil Rußlands und aller
slawischen Länder, sondern auch Europas und der ganzen Welt erwarte.
Bakunin unterwarf dies Phantom einer vernichtenden Kritik.
Aber
nach seiner Flucht aus Sibirien lebte er zunächst in Herzens Hause und
wurde dadurch von Marx zurückgehalten. Um so bezeichnender war es
wieder für ihn, daß er das Kommunistische Manifest« ins Russische
übersetzte und in Herzens »Kolokol« veröffentlichte.
Bei
einem zweiten Aufenthalte Bakunins in London, zur Zeit, wo |415|
die Internationale gegründet wurde, brach Marx das Eis und suchte ihn
auf. Er konnte mit aller Wahrheit versichern, daß er die Verleumdung
Bakunins nicht nur nicht veranlaßt, sondern vielmehr nachdrücklich
bekämpft habe. Beide schieden als Freunde; Bakunin war von dem Plane
der Internationalen begeistert und Marx schrieb an Engels am 4.
November: »Bakounine läßt Dich grüßen. Er ist heute nach
Italien, wo er wohnt (Florenz), abgereist ... Ich muß sagen, daß er
mir sehr gefallen hat und besser als früher ... Im Ganzen ist er einer
der wenigen Leute, die ich nach 16 Jahren nicht zurück-, sondern
weiterentwickelt finde.«
Die
Freude, womit Bakunin die Internationale begrüßt hatte, hatte jedoch
keinen langen Atem. Der Aufenthalt in Italien erweckte zunächst den
»Revolutionär der vorigen Generation« in ihm. Er hatte dies Land
gewählt, des milden Klimas und auch des wohlfeilen Lebens wegen, zumal
da ihm Deutschland und Frankreich verschlossen waren, dann aber auch
aus politischen Gründen. Er sah in den Italienern die natürlichen
Verbündeten der Slawen gegen den österreichischen Zwangsstaat, und die
Heldentaten Garibaldis hatten schon in Sibirien seine Phantasie
entzündet. Sie ließen ihn zuerst erkennen, daß die revolutionäre Flut
wieder im Steigen sei. In Italien fand er eine Menge politischer
Geheimbünde; er fand hier eine deklassierte Intelligenz, die allemal
bereit war, sich in allerlei Verschwörungen einzulassen, eine
bäuerliche Masse, die stets am Abgrunde des Hungertodes schwebte, und
endlich ein wenig bewegliches Lumpenproletariat, zumal in den
Lazzaroni von Neapel, wohin er bald von Florenz übergesiedelt war, um
dort mehrere Jahre zu leben. Diese Klassen erschienen ihm als die
eigentlichen Triebkräfte der Revolution. Aber wenn er in Italien das
Land sah, wo die soziale Revolution vielleicht am nächsten sei, so
mußte er bald seinen Irrtum erkennen. Noch war in Italien die
Propaganda Mazzinis übermächtig, und Mazzini war ein Gegner des
Sozialismus; mit seinem verschwommenen religiösen Schlachtrufe und
seinen straff zentralisierenden Tendenzen kämpfte er nur für die
bürgerliche Einheitsrepublik.
In
diesen italienischen Jahren nahm Bakunins revolutionäre Agitation
bestimmtere Formen an. Bei seinem Mangel an theoretischer Bildung, der
sich mit einem Überfluß an geistiger Beweglichkeit und an ungestümer
Tatkraft verband, wurde er immer sehr stark von der Umwelt beeinflußt,
worin er lebte. Der religiös-politische Dogmatismus Mazzinis trieb um
so schärfer seinen Atheismus und seinen Anarchismus, die Verneinung
jeder staatlichen Herrschaft hervor. Dagegen färbten die
revolutionären Überlieferungen jener Klassen, die für ihn die
Preiskämpfer der allgemeinen Umwälzung waren, um so stärker auf seine
|416| Neigung für geheime Verschwörungen und örtliche Aufstände
ab. So stiftete Bakunin einen revolutionär-sozialistischen Geheimbund,
der sich zunächst aus Italienern rekrutierte und besonders »die
widerwärtige Bourgeoisrhetorik der Mazzini und Garibaldi« bekämpfen
sollte, aber sich bald auf internationalem Fuß erweiterte.
Im
Interesse dieses Geheimbundes suchte Bakunin, der im Herbst 1867 nach
Genf übersiedelt war, erst die Freiheits- und Friedensliga zu
beeinflussen, und als er damit gescheitert war, bemühte er sich um
Anschluß an die Internationale, um die er sich ziemlich vier Jahre
lang nicht weiter gekümmert hatte.
4. Die Allianz der
sozialistischen Demokratie
Trotzdem hatte Marx dem alten Revolutionär seine freundschaftliche
Gesinnung bewahrt und sich Angriffen widersetzt, die aus seiner
näheren Umgebung gegen Bakunin gerichtet worden waren oder werden
sollten.
Sie
gingen von Sigismund Borkheim aus, einem ehrlichen Demokraten, dem
Marx seit der Vogt-Affäre und auch sonst für gute Dienste verpflichtet
war. Borkheim hatte jedoch zwei Schwächen; er hielt sich für einen
geistreichen Schriftsteller, ohne es zu sein, und er litt an einem
barocken Russenhaß, der dem barocken Deutschenhaß Herzens nichts
nachgab.
Auf
Herzen hatte es Borkheim in erster Reihe abgesehen und vermöbelte ihn
gründlich in einer Reihe von Artikeln, die das »Demokratische
Wochenblatt« gleich nach seinem Erscheinen im Anfange des Jahres 1868
veröffentlichte. Damals hatte Bakunin längst mit Herzen gebrochen,
aber gleichwohl wurde er von Borkheim als »Kosak« Herzens angegriffen
und neben diesem als »unzerstörbare Negation« ans Kreuz geschlagen.
Borkheim hatte nämlich bei Herzen gelesen, Bakunin habe vor Jahren den
»merkwürdigen Ausspruch« getan: »Die aktive Negation ist eine
schaffende Kraft«, und so fragte er sittlich empört, ob dergleichen
wohl jemals diesseits der russischen Grenzsoldaten gedacht worden und
dem Gelächter von Tausenden deutscher Schuljungen verfallen sei. Der
gute Borkheim ahnte nicht, daß Bakunins seinerzeit geflügeltes Wort
»Die Lust der Zerstörung ist eine schaffende Lust« aus einem Aufsatz
der »Deutschen Jahrbücher« stammte, zur Zeit wo Bakunin in den Kreisen
der deutschen Junghegelianer lebte und die »Deutsch-Französischen
Jahrbücher« neben Marx und Ruge aus der Taufe hob.
|417| Man begreift, daß Marx diese und ähnliche
Stilübungen mit geheimem Grauen betrachtete und sich mit Händen und
Füßen sträubte, als Borkheim die Artikel, die Engels in der »Neuen
Rheinischen Zeitung« gegen Bakunin veröffentlicht hatte, in seinem
Kauderwelsch zu verwerten suchte, weil sie ihm »famos in seinen Rahmen
paßten«. Auf keinen Fall dürfe die Sache in einen beleidigenden
Zusammenhang gebracht werden, da Engels ein alter persönlicher Freund
Bakunins sei. Ebenso verwahrte sich Engels, und die Sache unterblieb.
Auch Johann Philipp Becker bat Borkheim, Bakunin nicht anzugreifen,
erhielt jedoch als Antwort einen »geharnischten Brief«, worin
Borkheim, wie Marx an Engels schrieb, mit seiner »gewöhnlichen
Delikatesse« erklärte, er bewahre ihm Freundschaft und seine (übrigens
sehr unbedeutende) pekuniäre Unterstützung, aber Politik sei von nun
an in ihrer Korrespondenz auszuschließen. Marx fand bei aller
Freundschaft für Borkheim, daß dessen »Russophobie« gefährliche
Dimensionen angenommen habe.
Er
selbst wurde in seiner freundschaftlichen Gesinnung für Bakunin auch
nicht dadurch beirrt, daß dieser an den Kongressen der Friedens- und
Freiheitsliga teilnahm. Der erste dieser Kongresse hatte schon in Genf
getagt, als Marx ein Dedikationsexemplar des »Kapitals« an Bakunin
sandte, und auch als er kein Wort des Dankes erhielt, erkundigte sich
Marx bei einem russischen Emigranten in Genf, an den er in anderen
Angelegenheiten schrieb, nach seinem »alten Freunde Bakunin«,
wennschon mit einem leisen Zweifel, ob er es noch sei. Eine Antwort
auf diese mittelbare Anfrage war der Brief Bakunins vom 22. Dezember,
worin er die Heerstraße zu betreten versprach, die Marx seit zwanzig
Jahren verfolge.
An dem
Tage jedoch, wo Bakunin diesen Brief schrieb, hatte der Generalrat
sich schon entschieden, den von Becker übermittelten Antrag, die
Allianz der sozialistischen Demokratie in die Internationale
aufzunehmen, an seinem Teil abzulehnen. Dabei war Marx die treibende
Kraft. Er kannte die Existenz der Allianz, die ja der »Vorbote«
angekündigt hatte, hielt sie bis dahin aber für ein Genfer
Lokalgewächs, das totgeboren und nicht weiter bedenklich sei; er
kannte den alten Becker, der gern ein wenig Vereinsmeierei trieb, aber
sonst zuverlässig war. Nun aber sandte Becker das Programm und das
Statut der Allianz ein und schrieb dazu, die Allianz wolle dem
mangelnden »Idealismus« der Internationalen abhelfen. Dieser Anspruch
erregte auch sonst im Generalrat »große Wut«, wie Marx an Engels
schrieb, »namentlich unter den Franzosen«, und die Abweisung wurde
sofort beschlossen. |418| Marx erhielt den Auftrag, den
Beschluß zu redigieren. Daß er selbst in einiger Erregung war, zeigt
der Brief, den er am 18. Dezember »nach Mitternacht« an Engels
schrieb, um dessen Rat einzuholen. »Diesmal hat Borkheim recht«, fügte
er hinzu. Was ihn aufbrachte, war nicht sowohl das Programm als das
Statut der Allianz. Das Programm erklärte die Allianz in erster Reihe
für atheistisch; es verlangte die Abschaffung aller Religionskulte,
die Ersetzung des Glaubens durch die Wissenschaft, der göttlichen
Gerechtigkeit durch die menschliche. Dann forderte es die politische,
ökonomische und soziale Gleichmachung der Klassen und der Individuen
beider Geschlechter, wobei mit der Abschaffung des Erbrechts der
Anfang zu machen sei; ferner für alle Kinder beider Geschlechter von
ihrer Geburt an die Gleichheit der Mittel zu ihrer Entwicklung, das
heißt ihres Unterhalts, ihrer Erziehung und ihres Unterrichts auf
allen Stufen der Wissenschaft, der Industrie und der Künste. Endlich
verwarf das Programm jede politische Tätigkeit, die nicht den Sieg der
Arbeitersache über das Kapital zum direkten und unmittelbaren Zweck
habe.
Marx
urteilte über dies Programm nichts weniger als schmeichelhaft. Er hat
es etwas später »eine Olla potrida abgeschliffener Gemeinplätze«
genannt, »eine gedankenlose Schwätzerei, einen Rosenkranz von hohlen
Einfällen, die schauerlich zu sein prätendierten, eine insipide
Improvisation, die bloß auf einen gewissen Tageseffekt abziele«. Aber
in theoretischen Fragen hatte die Internationale ihrem Wesen nach
zunächst einen sehr weiten Mantel der Liebe; ihre geschichtliche
Aufgabe bestand ja eben darin, aus ihrer praktischen Tätigkeit heraus
ein gemeinsames Programm des internationalen Proletariats zu
entwickeln.
Um so
wichtiger war ihre Organisation als Voraussetzung jeder erfolgreichen
praktischen Tätigkeit. Und in diese Organisation versuchte das Statut
der Allianz in verhängnisvoller Weise einzugreifen. Die Allianz
erklärte sich zwar für einen Zweig der Internationalen, deren
sämtliche allgemeine Statuten sie annehme, aber sie wollte eine
besondere Organisation bilden. Ihre Gründer taten sich in Genf als
vorläufiges Zentralkomitee zusammen. In jedem Lande sollten nationale
Büros eingerichtet werden, die an allen Orten Gruppen ins Leben rufen
und diesen Gruppen die Aufnahme in die Internationale vermitteln
sollten. Bei den Jahreskongressen der Internationalen wollten die
Vertreter der Allianz als Zweig der Internationalen, ihre öffentlichen
Sitzungen in einem besonderen Raume abhalten.
Engels
entschied sofort: Das geht nicht. Es gäbe zwei Generalräte und zwei
Kongresse. Bei der ersten Gelegenheit würde der praktische |419|
Generalrat in London mit dem »idealistischen« Generalrat in Genf
zusammenstoßen. Im übrigen empfahl Engels kaltes Blut; heftiges
Auftreten werde die unter den Arbeitern (besonders in der Schweiz)
sehr zahlreichen Gesinnungsphilister nutzlos aufbringen und der
Internationalen schaden. Man solle die Leute ruhig, aber fest abweisen
und ihnen sagen, daß sie sich ein spezielles Terrain ausgesucht
hätten, von dem man abwarten werde, was sie daraus machen würden;
vorderhand stände dein nichts entgegen, daß die Mitglieder der einen
Assoziation auch Mitglieder der andern würden. Über das theoretische
Programm der Allianz urteilte auch Engels, etwas Erbärmlicheres habe
er nie gelesen; Bakunin müsse ein »perfekter Ochse« geworden sein,
eine Äußerung, die zunächst noch keine besondere Feindseligkeit gegen
Bakunin atmete, oder doch keine größere Feindseligkeit, als wenn Marx
seinen allezeit getreuen Freund Becker einen »alten Konfusionsrat«
schalt; mit solchen Ehrentiteln gingen beide Freunde in ihren
vertraulichen Briefen sehr verschwenderisch um.
Marx
hatte sich inzwischen schon beruhigt und entwarf den Beschluß des
Generalrats, der die Aufnahme der Allianz in die Internationale
ablehnte, in einer Form und mit einem Inhalt, gegen die sich nichts
einwenden ließ. Einen kleinen Hieb für Becker enthielt der Hinweis
darauf, daß die Frage ja schon durch einige Gründer der Allianz
vorentschieden sei, da sie als Mitglieder der Internationalen an dem
Beschluß des Brüsseler Kongresses mitgewirkt hätten, eine
Verschmelzung der Internationalen mit der Friedens- und Freiheitsliga
abzulehnen. Im wesentlichen wurde die Ablehnung damit entschieden, daß
die Zulassung einer zweiten internationalen Körperschaft, die
innerhalb und außerhalb der Internationalen stünde, das unfehlbarste
Mittel sein würde, deren Organisation zu zerstören.
Es ist
sehr unwahrscheinlich, daß Becker durch diesen Beschluß des
Generalrats in gewaltigen Zorn geraten sein soll. Glaubhafter ist die
Angabe Bakunins, daß er von vornherein die Gründung der Allianz
widerraten habe, aber von den Mitgliedern seines Geheimbundes
überstimmt worden sei; er habe zwar diesen Geheimbund beibehalten
wollen, dessen Mitglieder innerhalb der Internationalen in ihrem Sinne
wirken wollten, aber den unbedingten Eintritt in die Internationale
gewünscht, um alle Rivalitäten auszuschließen. Jedenfalls erwiderte
das Genfer Zentralkomitee der Allianz den abweisenden Beschluß des
Generalrats mit dem Anerbieten, die Sektionen der Allianz in Sektionen
der Internationalen aufzulösen, falls der Generalrat ihr theoretisches
Programm anerkenne.
|420| Inzwischen hatte Marx den
entgegenkommenden Brief Bakunins vom 22. Dezember erhalten, aber sein
Argwohn war nun doch schon so weit erwacht, daß er dies »sentimentale
Entree« nicht weiter beachtete. Auch das neue Angebot der Allianz
erregte sein Mißtrauen, doch ließ er sich von ihm nicht so weit
beherrschen, um anders als sachlich zutreffend darauf zu antworten.
Auf seinen Vorschlag beschloß der Generalrat am 9. März 1869, es sei
nicht seine Sache, die theoretischen Programme seiner einzelnen
Arbeiterparteien zu prüfen. Die Arbeiterklasse der verschiedenen
Länder befände sich auf so verschiedenen Entwicklungsstufen, daß sich
ihre reelle Bewegung in sehr verschiedenen theoretischen Formen
ausdrücke. Die Gemeinsamkeit der Aktion, die die Internationale ins
Leben rufe, der Ideenaustausch durch die verschiedenen Organe der
Sektionen in allen Ländern, endlich die direkte Debatte auf den
allgemeinen Kongressen würden nach und nach für die allgemeine
Arbeiterbewegung auch das gemeinsame theoretische Programm schaffen.
Einstweilen habe der Generalrat nur zu fragen, ob die allgemeine
Tendenz der einzelnen Arbeiterprogramme der allgemeinen Tendenz der
Internationalen entspräche, nämlich der vollständigen Emanzipation der
arbeitenden Klassen.
In
dieser Beziehung enthalte das Programm der Allianz eine Phrase, die
gefährliche Mißverständnisse zulasse. Die politische, ökonomische und
soziale Gleichmachung der Klassen laufe, wenn man sie wörtlich nehme,
auf die Harmonie zwischen Kapital und Arbeit hinaus, die von den
Bourgeois-Sozialisten gepredigt werde. Das wahre Geheimnis der
proletarischen Bewegung und der große Zweck der Internationalen sei
vielmehr die Vernichtung der Klassen. Indessen da »die Gleichmachung
der Klassen«, wie sich aus dem Zusammenhange ergebe, in das Programm
der Allianz nur durch ein einfaches Ausgleiten der Feder geraten sei,
so zweifle der Generalrat nicht, daß die Allianz auf diese bedenkliche
Phrase verzichten werde, und dann stände kein Hindernis der Umwandlung
der Sektionen der Allianz in Sektionen der Internationalen entgegen.
Wenn sie endgültig erfolgt sei, müßte nach den Statuten der
Internationalen der Generalrat von dem Ort und der Mitgliederzahl
jeder neuen Sektion benachrichtigt werden.
Daraufhin verbesserte die Allianz die beanstandete Phrase in dem vom
Generalrat gewünschten Sinne und zeigte diesem am 22. Juni an, daß sie
sich aufgelöst und ihre Sektionen aufgefordert habe, sich in Sektionen
der Internationalen umzuwandeln. Ihre Genfer Sektion, an deren Spitze
Bakunin stand, wurde durch einstimmigen Beschluß des Generalrats in
die Internationale aufgenommen. Auch der Geheimbund |421|
Bakunins hatte sich angeblich aufgelöst, doch bestand er in mehr oder
minder loser Form weiter, und Bakunin selbst fuhr fort, im Sinne des
Programms zu wirken, das sich die Allianz gegeben hatte. Er lebte vom
Herbst 1867 bis zum Herbst 1869 an den Ufern des Genfer Sees, teils in
Genf selbst, teils in Vevey und Clarens, und hatte sich einen großen
Einfluß unter den romanischen Arbeitern der Schweiz verschafft.
Dabei
wurde er unterstützt durch die eigentümlichen Zustände, worin diese
Arbeiter lebten. Wenn man die damaligen Entwicklungen richtig
beurteilen will, darf man niemals vergessen, daß die Internationale
keine Partei mit einem bestimmten theoretischen Programm war, sondern
die allerverschiedensten Richtungen in ihrem Schoße duldete, wie es ja
auch der Generalrat in seinem Schreiben an die Allianz festgestellt
hatte. Man kann heute noch im »Vorboten« verfolgen, daß selbst ein so
eifriger und verdienter Vorkämpfer des großen Bundes wie Becker, sich
um theoretische Fragen niemals graue Haare wachsen ließ. So waren auch
in den Genfer Sektionen der Internationalen zwei sehr verschiedene
Strömungen vertreten. Auf der einen Seite die fabrique, worunter der
Genfer Dialekt die qualifizierten und gut gelohnten Arbeiter der
Juwelen- und Uhrenindustrie verstand, und die sich fast nur aus
Eingeborenen rekrutierte, auf der anderen Seite die gros métiers,
vornehmlich Bauarbeiter, die fast ebenso ausschließlich aus Fremden,
namentlich Deutschen, bestanden und sich nur in fortwährenden Streiks
halbwegs erträgliche Arbeitsbedingungen erkämpfen konnten. Jene
besaßen das Wahlrecht, diese nicht. Aber ihrer Zahl nach konnte die
fabrique nicht auf selbständige Wahlerfolge rechnen und war deshalb
sehr geneigt zu Wahlkompromissen mit den bürgerlichen Radikalen,
während die gros métiers, für die jede Versuchung dieser Art von
vornherein ausgeschlossen war, sich weit eher für die direkte
revolutionäre Aktion begeisterten, wie sie Bakunin vertrat.
Ein
noch ergiebigeres Rekrutierungsfeld fand dieser unter den
Uhrenarbeitern des Jura. Es waren keine qualifizierten Luxusarbeiter,
sondern meist Hausindustrielle, deren kümmerliches Dasein schon durch
die Maschinen der amerikanischen Konkurrenz bedroht wurde. In kleinen
Nestern über die Berge verstreut, waren sie wenig geeignet für eine
Massenbewegung mit politischen Zielen, und soweit sie es waren, wurden
sie durch trübe Erfahrungen von der Politik zurückgeschreckt. Zuerst
hatte ein Arzt Coullery die Agitation für die Internationale in ihre
Kreise getragen, ein menschenfreundlich gesinnter Mann, aber politisch
konfuser Kopf, der sie zu Wahlbündnissen nicht nur mit den Radikalen,
sondern auch mit den monarchistischen Liberalen in Neuchâtel verleitet
|422| hatte, wobei die Arbeiter regelmäßig übers Ohr gehauen
wurden. Nach der gänzlichen Abwirtschaftung Coullerys hatten die
jurassischen Arbeiter in James Guillaume, einem jungen Lehrer an der
Industrie in Locle, einen neuen Führer gefunden, der sich völlig in
ihre Denkweise einlebte und im »Progrès«, einem Blättchen, das er in
Locle herausgab, das Ideal einer anarchischen Gesellschaft vertrat, in
der alle Menschen frei und gleich wären. Als Bakunin zum ersten Male
in den Jura kam, fand er den Boden vollkommen vorbereitet für seine
Saat, und diese armen Teufel haben auf ihn vielleicht stärker
abgefärbt als er auf sie, denn seine Verurteilung jeder politischen
Tätigkeit trat von nun an viel schärfer hervor als vordem.
Einstweilen jedoch herrschte noch Friede in den Sektionen der
romanischen Schweiz. Im Januar 1869 schlossen sie sich, in erster
Reihe auf Betreiben Bakunins, zu einem Föderalrat zusammen und gaben
eine Wochenschrift größeren Stils heraus, die »Égalité«, an der
Bakunin, Becker, Eccarius, Varlin und andere namhafte Mitglieder der
Internationalen mitarbeiteten. Bakunin war es auch, der den
romanischen Föderalrat zu dem Antrage an den Londoner Generalrat
veranlaßte, die Erbschaftsfrage auf die Tagesordnung des Baseler
Kongresses zu setzen. Das war Bakunins gutes Recht, denn die
Erörterung solcher Fragen gehörte zu den Hauptaufgaben der Kongresse,
und der Generalrat ging darauf ein.
Marx
freilich sah darin auch eine Art Kampfansage Bakunins, die er als
solche jedoch durchaus willkommen hieß.
5. Der Baseler
Kongreß
Auf
ihrem Jahreskongreß, der vom 5. bis 6. September 1869 in Basel tagte,
hielt die Internationale die Heerschau über ihr fünftes Lebensjahr ab.
Es war
das bewegteste, daß sie bis dahin erlebt hatte, durchtobt, wie es war,
von den »Guerillagefechten zwischen Kapital und Arbeit«, den Streiks,
von denen unter den besitzenden Klassen Europas mehr und mehr die Rede
ging, sie seien weder aus dem Elend des Proletariers entsprungen, noch
aus dem Despotismus des Kapitals, sondern aus den geheimen Intrigen
der Internationalen.
Um so
mehr wuchs die brutale Lust, sie durch Waffengewalt niederzuschlagen.
Selbst in England kam es zu blutigen Zusammenstößen |423|
zwischen streikenden Grubenarbeitern und dem Militär. In den
Kohlendistrikten der Loire richtete eine betrunkene Soldateska ein
Blutbad bei Ricamarie an, bei dem zwanzig Arbeiter, darunter zwei
Frauen und ein Kind, niedergeschossen und zahlreiche Arbeiter
verwundet wurden. Am scheußlichsten ging es wieder in Belgien her,
»dem Musterstaat des festländischen Konstitutionalismus, dem
behaglichen, wohlumzäunten Paradies des Landherrn, des Kapitalisten
und des Pfaffen«, wie es in einem wuchtigen, von Marx verfaßten Aufruf
des Generalrats hieß, der die Arbeiter Europas und der Vereinigten
Staaten zur Hilfe für die in Seraing und im Borinage hingemordeten
Opfer einer zügellosen Profitwut aufrief. »Die Erde vollendet ihre
jährliche Umdrehung nicht sicherer als die belgische Regierung ihre
jährliche Arbeitermetzelei.«[2]
Die
Blutsaat reifte die Ernte der Internationalen. In England hatten im
Herbst 1868 die ersten Wahlen auf Grund des reformierten Wahlgesetzes
stattgefunden und durchaus die Warnungen bestätigt, die Marx gegen die
einseitige Politik der Reformliga geltend gemacht hatte. Kein einziger
Arbeitervertreter wurde gewählt. Die »langen Geldbeutel« siegten, und
Gladstone kam wieder ans Ruder. Er dachte aber nicht daran, in der
irischen Frage gründliche Arbeit zu machen, oder den berechtigten
Beschwerden der Trade Unions abzuhelfen. So bekam der Neue Unionismus
frischen Wind in seine Segel. Auf dem Jahreskongreß, den die Trade
Unions 1869 in Birmingham abhielten, luden sie die organisierten
Arbeiterkörper des Königreichs aufs dringendste ein, sich der
Internationalen anzuschließen. Und nicht nur, weil die Interessen der
Arbeiterklasse überall dieselben, sondern auch weil die Prinzipien der
Internationalen geeignet seien, den dauernden Frieden unter den
Völkern der Erde zu sichern. Im Sommer 1869 hatte ein Krieg zwischen
England und der Union gedroht und eine, ebenfalls von Marx verfaßte
Adresse an die Nationale Arbeiterunion der Vereinigten Staaten
veranlaßt, worin es hieß: »Die Reihe ist jetzt an euch, einem Kriege
vorzubeugen, dessen klarstes Ergebnis sein würde, die emporsteigende
Arbeiterbewegung auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans
zurückzuschleudern.«[3] Die
Adresse hatte einen lebhaften Widerhall jenseits des großen Teichs
gefunden.
Auch
in Frankreich marschierte die Arbeitersache gut voran. Die
polizeilichen Verfolgungen der Internationalen hatten nur die übliche
Wirkung, die Zahl ihrer Anhänger zu vermehren. Das hilfreiche
Eingreifen des Generalrats bei den zahlreichen Streiks führte zur
Gründung von Gewerkschaften, die nicht verboten werden konnten, sosehr
der Geist der Internationalen in ihnen leben mochte. Bei den Wahlen
von 1869 |424| beteiligten sich die Arbeiter noch nicht durch
die Aufstellung eigener Kandidaten, sondern unterstützten die
Kandidaten der äußersten bürgerlichen Linken, die ein sehr radikales
Wahlprogramm aufgestellt hatte. Sie trugen damit wenigstens mittelbar
zu der schweren Niederlage bei, die Bonaparte zumal in den großen
Städten erlitt, wenn die Frucht ihrer Mühen einstweilen auch noch
einmal der bürgerlichen Demokratie zufiel. Auch sonst begann das
zweite Kaiserreich in allen Fugen zu krachen; von außen erhielt es
einen schweren Stoß durch die spanische Revolution, die im Herbst 1868
die Königin Isabella aus dem Lande gejagt hatte.
Einen
etwas anderen Verlauf nahmen die Dinge in Deutschland, wo der
Bonapartismus noch nicht im Absteigen, sondern erst im Aufsteigen
begriffen war. Die nationale Frage spaltete die deutsche
Arbeiterklasse, und diese Spaltung war ein schweres Hindernis für die
gewerkschaftliche Bewegung, die sich zu entfalten begonnen hatte.
Schweitzer hatte sich durch den falschen Weg seiner
Gewerkschaftsagitation in eine schiefe Lage gebracht, der er nicht
mehr gewachsen war. Die grundlosen Denunziationen, die unaufhörlich
gegen seine Ehrlichkeit gerichtet wurden, machten nun doch manche
seiner Anhänger mißtrauisch, und er war schlecht genug beraten, sein
immerhin doch nur erst wenig erschüttertes Ansehen durch einen kleinen
Staatsstreich ernstlich zu gefährden.
Eine
Minderheit des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins schied deshalb
aus und verband sich mit den Nürnberger Vereinen zu einer neuen
Sozialdemokratischen Partei, deren Mitglieder nach ihrem Gründungsort
die Eisenacher genannt zu werden pflegten. Beide Fraktionen bekämpften
sich zunächst sehr heftig untereinander, doch nahmen sie zur
Internationalen ungefähr dieselbe Stellung ein: in der Sache eins,
doch in der Form verschieden, solange die deutschen Vereinsgesetze
bestanden. Marx und Engels waren im höchsten Grade unzufrieden, als
Liebknecht den Generalrat der Internationalen gegen Schweitzer
ausspielte, wozu er kein Recht habe. Wenn ihnen auch der »Auflösungsprozeß
der Lassallekirche« willkommen war, so wußten sie doch auch mit der
anderen Richtung nichts anzufangen, solange sie ihre Organisation
nicht ganz entschieden von der Deutschen Volkspartei getrennt und sich
mit diesen Leuten höchstens auf ein loses Kartellverhältnis gestellt
habe. Daß Schweitzer als Debatter seinen sämtlichen Gegnern überlegen
blieb, fanden sie nach wie vor.
Einhelliger entwickelte sich die österreichisch-ungarische
Arbeiterbewegung, die erst seit den Niederlagen des Jahres 1866
entstanden war. Die Richtung Lassalles fand hier gar keinen Boden,
aber um so |425| stärkere Massen drängten sich um die Fahne der
Internationalen, wie ihr Generalrat in seinem Jahresbericht an den
Baseler Kongreß feststellte.
So
trat dieser Kongreß unter günstigen Aussichten zusammen. Er zählte
zwar nur 78 Mitglieder, aber er hatte ein viel »internationaleres«
Aussehen als die früheren Kongresse. Im ganzen waren 9 Länder
vertreten. Vom Generalrat kamen wie immer, Eccarius und Jung, und
daneben zwei der angesehensten Trade Unionisten, Applegarth und
Lucraft. Frankreich sandte 26, Belgien 5, Deutschland 12, Österreich
2, die Schweiz 23, Italien 3, Spanien 4 und Nordamerika 1
Abgeordneten. Liebknecht vertrat die neue Fraktion der Eisenacher,
Moses Heß die Sektion Berlin. Bakunin hatte außer einem französischen
auch ein italienisches Mandat, Guillaume war von Locle gesandt. Den
Vorsitz führte wieder Jung.
Die
Verhandlungen beschäftigten sich zunächst mit organisatorischen
Fragen. Auf Antrag des Generalrats beschloß der Kongreß einstimmig,
allen Sektionen und angeschlossenen Gesellschaften die Abschaffung des
Präsidentenamts in ihrer Mitte zu empfehlen, wie es der Generalrat an
seinem Teile schon seit ein paar Jahren getan hatte; es sei einer
Arbeiterassoziation nicht würdig, ein monarchisches und autoritäres
Prinzip aufrechtzuerhalten; auch wo das Präsidentenamt ein bloßes
Ehrenamt sei, schließe es eine Verletzung des demokratischen Prinzips
ein. Dagegen schlug der Generalrat eine Erweiterung seiner
Machtbefugnisse vor; er wollte ermächtigt sein, jede Sektion, die dem
Geiste der Internationalen zuwiderhandle, bis zur Entscheidung des
nächsten Kongresses auszuschließen. Der Antrag wurde mit der
Einschränkung angenommen, daß die Föderalräte, wo es solche gebe, vor
dem Ausschluß der Sektionen befragt werden müßten. Bakunin wie
Liebknecht hatten den Antrag lebhaft befürwortet. Bei Liebknecht war
das selbstverständlich, nicht so jedoch bei Bakunin. Er verstieß damit
gegen sein anarchistisches Prinzip, gleichviel aus welchen
opportunistischen Gründen. Am wahrscheinlichsten ist, daß er den
Teufel durch Beelzebub bekämpfen wollte und auf die Hilfe des
Generalrats gegen jede parlamentarisch-politische Tätigkeit rechnete,
die für ihn reiner Opportunismus war; in dieser Ansicht konnte er
durch die bekannte Rede Liebknechts bestärkt werden, die sich eben
jetzt heftig gegen Schweitzers und auch Bebels Beteiligung an den
Arbeiten des Norddeutschen Reichstags erklärt hatte. Aber Marx
mißbilligte die Rede Liebknechts, und so hat Bakunin die Rechnung ohne
den Wirt gemacht; er sollte schnell genug erfahren, daß sich
prinzipielle Verstöße immer rächen.
|426| Von den theoretischen Problemen, mit
denen der Kongreß sich zu befassen hatte, standen die Fragen des
Gemeineigentums am Grund und Boden und des Erbrechts obenan. Die erste
war tatsächlich schon in Brüssel entschieden worden; kürzer, als im
Vorjahre, wurde jetzt mit 54 Stimmen beschlossen, die Gesellschaft
habe das Recht, den Grund und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln,
und mit 53 Stimmen, diese Verwandlung sei im Interesse der
Gesellschaft notwendig. Die Minderheit enthielt sich überwiegend der
Abstimmung; gegen den zweiten Beschluß stimmten nur 8, gegen den
ersten nur 4 Delegierte. Über die praktische Ausführung der Beschlüsse
ergaben sich noch mannigfach verschiedene Ansichten, deren
erschöpfende Beratung auf den nächsten Kongreß verschoben wurde, der
in Paris tagen sollte.
In der
Frage des Erbrechts hatte der Generalrat einen Bericht ausgearbeitet,
der, so meisterhaft wie nur Marx es verstand, die entscheidenden
Gesichtspunkte in wenigen Sätzen zusammenfaßte.[4]
Wie jede andere bürgerliche Gesetzgebung seien die Erbschaftsgesetze
nicht die Ursache, sondern die Wirkung, die juristische Folge der
ökonomischen Organisation einer auf das Privateigentum an den
Produktionsmitteln gegründeten Gesellschaft. Das Recht der Erbschaft
auf Sklaven sei nicht die Ursache der Sklaverei, sondern im Gegenteil
sei die Sklaverei die Ursache der Erbschaft von Sklaven. Würden die
Produktionsmittel in Gemeineigentum umgestaltet, so würde das Recht
der Erbschaft, soweit es von sozialer Wichtigkeit sei, von selbst
verschwinden, weil ein Mann nur das hinterlassen könne, was er bei
Lebzeiten besessen habe. Das große Ziel bleibe deshalb die Aufhebung
jener Einrichtungen, die einigen Leuten während ihrer Lebenszeit die
ökonomische Macht verliehen, die Früchte der Arbeit von vielen auf
sich zu übertragen. Die Abschaffung des Erbschaftsrechts als den
Ausgangspunkt der sozialen Revolution proklamieren, wäre ein ebenso
abgeschmacktes Ding, als wenn man die Gesetze der Kontrakte zwischen
Käufern und Verkäufern aufheben wolle, solange der heutige Zustand des
Warenaustausches fortdauere; es würde falsch in der Theorie und
reaktionär in der Praxis sein. Ändern ließe sich nur am
Erbschaftsrecht in Zeiten des Überganges, wo auf der einen Seite die
gegenwärtige ökonomische Grundlage der Gesellschaft noch nicht
umgestaltet sei, auf der anderen Seite aber die arbeitenden Klassen
schon Kraft genug gesammelt hätten, um vorbereitende Maßregeln für
eine radikale Umgestaltung der Gesellschaft durchzusetzen. Als solche
Übergangsmaßregeln empfahl der Generalrat Erweiterung der
Erbschaftssteuern und Beschränkung des testamentarischen
Erbschaftsrechts, das, im Unterschiede vom Familienerbrechte, die
Grundsätze |427|* des Privateigentums in abergläubischer und
willkürlicher Weise übertreibe.
Im
Gegensatz dazu beantragte die Kommission, der die Frage zur
Vorberatung überwiesen worden war, die Beseitigung des Erbrechts als
eine Grundforderung der Arbeiterklasse aufzustellen, wußte diesen
Antrag aber nur mit einigen ideologischen Schlagworten über
»Vorrechte«, »politische und ökonomische Gerechtigkeit«, »soziale
Ordnung« zu begründen. In der ziemlich kurzen Debatte sprachen für den
Bericht des Generalrats neben Eccarius der Belgier de Paepe und der
Franzose Varlin, während Bakunin für den Kommissionsantrag eintrat,
der ja aus seinem Geiste geboren war. Er empfahl ihn namentlich aus
angeblich praktischen, aber deshalb nicht weniger illusorischen
Gründen; ohne Abschaffung des Erbrechts sei das Gemeineigentum nicht
zu erlangen. Wolle man den Arbeitern ihr Land nehmen, so würden sie
sich widersetzen, aber von der Beseitigung des Erbrechts würden sie
sich nicht unmittelbar angegriffen fühlen und das private
Grundeigentum würde allmählich absterben. Bei der namentlichen
Abstimmung über den Kommissionsantrag ergab sich folgendes
Ziffernverhältnis: 32 ja, 23 Nein, 13 Enthaltungen, 7 Abwesende,
während bei der Abstimmung über den Antrag des Generalrats 19 ja, 37
Nein, 6 Enthaltungen und 13 Abwesende gezählt wurden. Eine absolute
Mehrheit hatte also keiner der beiden Berichte gefunden, so daß die
Verhandlung ohne greifbares Ergebnis blieb.
Der
Baseler Kongreß rief einen noch viel lebhafteren Widerhall hervor als
seine Vorgänger, in der bürgerlichen wie in der proletarischen Welt.
Dort stellten die gelehrtesten Männer, halb mit Grauen und halb mit
Schadenfreude, den endlich offenbarten kommunistischen Charakter der
Internationalen fest; hier antwortete ein freudiges Echo den
Beschlüssen über das Gemeineigentum am Grund und Boden. In Genf
veröffentlichte die Sektionsgruppe deutscher Sprache ein Manifest an
die landwirtschaftliche Bevölkerung, das in französischer,
italienischer, spanischer, polnischer und russischer Sprache rasch und
weit verbreitet wurde. In Barcelona wie in Neapel entstanden die
ersten Sektionen von Feldarbeitern. In London wurde auf einem großen
Meeting eine Land- und Arbeitsliga gegründet, in deren Komitee 10
Mitglieder des Generalrats saßen, mit der Losung: Das Land für das
Volk!
In
Deutschland tobten namentlich die edlen Mannen der Deutschen
Volkspartei gegen die Baseler Beschlüsse. Dadurch ließ sich Liebknecht
anfangs einschüchtern und zu der Erklärung hinreißen, die Eisenacher
Fraktion sei an die Beschlüsse nicht gebunden. Glücklicherweise waren
|428| die sichtlich empörten Biedermänner damit nicht zufrieden
und verlangten eine ausdrückliche Verleugnung der Beschlüsse, worauf
sich Liebknecht endlich von dieser Gesellschaft lossagte, wie Marx und
Engels längst gewünscht hatten. Sein anfängliches Zögern war aber
Wasser auf Schweitzers Mühle gewesen, der das Gemeineigentum am Grund
und Boden im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein schon seit Jahren
»gepredigt« hatte, und nicht erst jetzt, um seine Gegner zu verhöhnen,
wie Marx annahm und ihm als »Unverschämtheit« anrechnete. Engels
beherrschte seinen Ärger über den »Lumpen« wenigstens so weit, daß er
es »sehr geschickt« fand, wenn Schweitzer sich theoretisch immer
korrekt halte, wohl wissend, daß seine Gegner verraten und verkauft
seien, sowie ein theoretischer Punkt aufkomme.
Einstweilen blieben die Lassalleaner nicht nur die organisatorisch
geschlossenste, sondern auch die prinzipiell vorgeschrittenste der
deutschen Arbeiterparteien.
6. Genfer Wirren
Soweit
die Baseler Verhandlung über das Erbrecht eine Art geistigen
Zweikampfes zwischen Bakunin und Marx gewesen war, hatte sie zwar
keine Entscheidung gebracht, jedoch einen für Marx eher ungünstigen
als günstigen Verlauf genommen. Wenn daraus aber gefolgert worden ist,
dadurch sei Marx schwer getroffen worden und habe nun zu einem
gewaltigen Schlage gegen Bakunin ausgeholt, so stimmt diese Behauptung
nicht mit den Tatsachen.
Marx
war mit dem Verlaufe des Baseler Kongresses ganz zufrieden. Er befand
sich gerade mit seiner Tochter Jenny auf einer Erholungsreise in
Deutschland und schrieb am 25. September aus Hannover an seine Tochter
Laura: »Ich freue mich, daß der Baseler Kongreß vorüber und daß er
verhältnismäßig so gut verlaufen ist. Ich bin immer in Sorge bei
solcher öffentlichen Schaustellung der Partei ›mit allen ihren
Geschwüren‹. Keiner der Akteure war à la hauteur des principes [Mehring
übersetzt: auf der Höhe der Prinzipien], aber der Idiotismus der
oberen Klassen macht die Fehler der arbeitenden Klasse wieder gut. Wir
sind durch keine noch so kleine deutsche Stadt gekommen, deren
Winkelblatt nicht voll von den Taten dieses ›schrecklichen Kongresses‹
gewesen wäre.«
Sowenig Marx durch den Verlauf des Baseler Kongresses enttäuscht
worden ist, sowenig ist es Bakunin gewesen. Man hat gesagt, er habe
|429| durch seinen Antrag in der Erbschaftsfrage Marx schlagen und
durch diesen theoretischen Sieg die Übersiedelung des Generalrats von
London nach Genf bewirken wollen; als ihm das mißlungen sei, habe er
in der »Égalité« um so heftiger auf den Generalrat losgeschlagen.
Diese Behauptungen sind so oft wiederholt worden, daß sie sich zu
einer förmlichen Legende verdichtet haben. Gleichwohl ist kein wahres
Wort daran. Nach dem Baseler Kongreß hat Bakunin überhaupt
keine Zeile für die »Égalité« geschrieben; vor dem Baseler
Kongreß, im Juli und August 1869, war er allerdings ihr
Hauptredakteur, aber man wird in der langen Reihe von Artikeln, die er
in ihr veröffentlicht hat, vergebens nach einer Spur gehässiger
Gesinnung gegen den Generalrat oder Marx suchen. Im besonderen waren
vier Artikel über die »Grundsätze der Internationalen« ganz in dem
Geiste verfaßt, worin der große Bund gegründet worden war; wenn
Bakunin darin gewisse Bedenken gegen den verhängnisvollen Einfluß
dessen, was Marx »parlamentarischen Kretinismus« nannte, auf
proletarische Volksvertreter äußerte, so sind diese Bedenken erstens
seitdem oft genug bestätigt worden, und zweitens waren sie sehr
harmlos, verglichen mit den heftigen Vorstößen, die Liebknecht
gleichzeitig gegen die Beteiligung der Arbeiterklasse am bürgerlichen
Parlamentarismus richtete.
Ferner
mochte Bakunins Auffassung der Erbschaftsfrage noch so sehr Schrulle
sein, so durfte er doch ihre Diskussion beanspruchen; auf den
Kongressen der Internationalen sind noch viel ärgere Schrullen
diskutiert worden, ohne daß ihren Bekennern deshalb hinterhältige
Absichten unterstellt worden wären. Die Beschuldigung aber, daß
Bakunin die Übersiedelung des Generalrats von London nach Genf geplant
habe, hat er, als sie gegen ihn laut wurde, mit den kurzen und
schlagenden Worten abgetan: »Wäre ein solcher Vorschlag laut geworden,
so würde ich der erste gewesen sein, ihn mit aller möglichen Energie
zu bekämpfen; so sehr würde er mir für die Zukunft der Internationalen
als verhängnisvoll erschienen sein. Die Genfer Sektionen haben zwar,
in sehr kurzer Zeit, ungeheure Fortschritte gemacht. Aber in Genf
herrscht noch ein zu enger, zu spezifisch Genferischer Geist, als daß
der Generalrat der Internationalen dorthin verpflanzt werden könnte.
Zudem liegt es auf der Hand, daß, solange die gegenwärtige politische
Organisation Europas dauert, London der einzige Platz sein wird, der
für den Generalrat paßt, und man müßte wahrhaftig ein Narr oder ein
Feind der Internationalen sein, wenn man versuchen wollte, ihn
anderswohin zu verlegen.«
Nun
gibt es Leute, die Bakunin für einen Lügner von Anbeginn halten und
seine Äußerung für eine nachträgliche Ausrede erklären werden
|430|*. Aber auch dieser etwaige Einwand fällt platt zu Boden,
angesichts der Tatsache, daß Bakunin sich schon vor dem Baseler
Kongreß entschieden hatte, nach dem Kongresse aus Genf nach Locarno
überzusiedeln, und zwar aus zwingenden Gründen, die zu ändern gar
nicht in seiner Macht stand. Er befand sich in der äußersten
ökonomischen Bedrängnis und stand vor der Entbindung seiner Frau, die
er in Locarno abwarten wollte. Er selbst beabsichtigte, dort den
ersten Band des »Kapitals« ins Russische zu übersetzen. Ein junger
Verehrer, Namens Lubawin, hatte einen russischen Verleger veranlaßt,
für die Übersetzung ein Honorar von 1.200 Rubeln auszuwerfen, von
denen Bakunin 300 als Vorschuß erhielt.
Sosehr
damit alle angeblichen Intrigen, die Bakunin vor oder nach dem Baseler
Kongreß gesponnen haben soll, in Nichts zerfallen, so hatte er
allerdings einen bitteren Nachgeschmack von diesem Kongreß. Beeinflußt
durch Borkheims Hetzereien, hatte Liebknecht vor Dritten die Äußerung
getan, er habe Beweise dafür, daß Bakunin ein Agent der russischen
Regierung sei, und Bakunin hatte in Basel den Zusammentritt eines
Ehrengerichts veranlaßt, vor dem Liebknecht seine Beschuldigung
begründen sollte. Das konnte Liebknecht nicht, und das Ehrengericht
sprach einen scharfen Tadel über ihn aus. Dadurch ließ sich
Liebknecht, der nach den Erfahrungen des Kölner Kommunistenprozesses
und der Emigrantenzeit ein wenig leicht geneigt war, Spitzel zu
wittern, nicht abhalten, dem Gegner die versöhnende Hand zu reichen,
in die Bakunin ebenso ehrlich einschlug.
Um so
mehr mußte es ihn erbittern, daß schon wenige Wochen später, am 2.
Oktober, Moses Heß im Pariser »Reveil« mit dem alten Klatsch wieder
angezogen kam. Heß, der als deutscher Delegierter in Basel gewesen
war, wollte die geheime Geschichte des Kongresses geben; in diesem
Zusammenhange erzählte er von den »Intrigen« Bakunins, die darauf
abgezielt hätten, die prinzipiellen Grundlagen der Internationalen
umzustürzen und den Generalrat von London nach Genf zu verlegen, aber
die in Basel gescheitert seien, und schloß mit der nichtsnutzigen
Verdächtigung, er wolle keineswegs die revolutionäre Gesinnung
Bakunins anzweifeln, aber dieser Russe sei ein naher Verwandter
Schweitzers, der eben in Basel von den deutschen Delegierten als
überführter Agent der deutschen Regierung angeklagt worden war. Die
gehässige Absicht dieser Denunziation sprang um so mehr in die Augen,
als eine »nahe Verwandtschaft« zwischen der Agitation Bakunins und der
Agitation Schweitzers zu entdecken unmöglich war. Auch persönlich
hatten beide Männer nie die geringsten Berührungspunkte gehabt.
|431| Sicherlich hätte Bakunin klüger daran
getan, den auch sonst ganz abgeschmackten Artikel nicht weiter zu
beachten. Aber man kann es verstehen, daß er über die ewigen
Anzweiflungen seiner politischen Ehrlichkeit nachgerade wütend wurde,
und zwar um so mehr, je hämischer sie hintenherum gemacht wurden. Er
setzte sich also hin und schrieb eine Erwiderung; sie fiel aber in der
ersten Hitze so lang aus, daß er selbst einsah, der »Reveil« könne sie
nicht aufnehmen. Es ging darin besonders heftig gegen die »deutschen
Juden« her, wobei Bakunin jedoch »Riesen«, wie Lassalle und Marx, von
dem Pygmäengeschlechte der Borkheim und Heß ausnahm. Bakunin entschloß
sich, diese lange Auseinandersetzung als Ein |