1. Bis Sedan
|443| Über die Stellung, die Marx und Engels zum Kriege
eingenommen haben, ist sehr viel geschrieben worden, obgleich im
Grunde sehr wenig darüber zu sagen ist. Sie sahen im Kriege ein
Element, nicht wie Moltke, von Gottes Ordnung, wohl aber von Teufels
Ordnung, eine unzertrennliche Begleiterscheinung der Klassen- und ganz
besonders der kapitalistischen Gesellschaft.
Als
historische Köpfe standen sie natürlich nicht auf dem völlig
unhistorischen Standpunkt: Krieg ist Krieg, und jeder Krieg ist an
derselben Schablone zu messen. Für sie hatte jeder Krieg seine
bestimmten Voraussetzungen und Folgerungen, von denen es abhing, wie
sich die Arbeiterklasse zu ihm zu stellen habe. So auch war die
Auffassung Lassalles, mit dem sie im Jahre 1859 über die tatsächlichen
Bedingungen des damaligen Krieges gestritten hatten, alle drei aber
unter dem entscheidenden Gesichtspunkte, wie dieser Krieg am
gründlichsten für den proletarischen Emanzipationskampf auszunutzen
wäre.
Durch
denselben Gesichtspunkt war ihre Stellung zum Kriege von 1866
bestimmt. Nachdem es der deutschen Revolution im Jahre 1848 mißlungen
war, eine nationale Einheit zu schaffen, bemühte sich die preußische
Regierung, die deutsche Einheitsbewegung, die durch die ökonomische
Entwicklung immer wieder erweckt wurde, für sich auszubeuten und statt
eines einigen Deutschlands ein, wie der alte Kaiser Wilhelm sich
ausdrückte, verlängertes Preußen herzustellen. Marx und Engels,
Lassalle und Schweitzer, Liebknecht und Bebel waren völlig einig
darin, daß die deutsche Einheit, deren das deutsche Proletariat als
einer Vorstufe seines Emanzipationskampfes bedurfte, nur durch eine
nationale Revolution zu erlangen sei, und sie haben demgemäß alle
dynastisch-partikularistischen Bestrebungen der großpreußischen
Politik aufs schärfste bekämpft. Allein nachdem die Entscheidung bei
Königgrätz gefallen war, haben sie, früher oder später, je nach dem
Maß ihrer Einsicht in die »tatsächlichen Voraussetzungen«, in diesen
sauren Apfel |444| gebissen: sobald sich herausstellte, daß
eine nationale Revolution durch die Feigheit der Bourgeoisie und die
Schwäche des Proletariats ausgeschlossen sei, und das mit »Blut und
Eisen« zusammengekittete Großpreußen dem Klassenkampfe des
Proletariats günstigere Aussichten bot, als die - ohnehin natürlich
unmögliche - Wiederherstellung des Deutschen Bundestags mit seiner
kläglichen Winkelwirtschaft ihm je hätte bieten können. Marx und
Engels zogen diesen Schluß sofort, und ebenso Schweitzer als
Nachfolger Lassalles; sie nahmen den Norddeutschen Bund in all seiner
verkrüppelten und verkümmerten Gestalt als eine zwar keineswegs
willkommene oder gar begeisternde, aber als eine Tatsache hin, die dem
Kampf der deutschen Arbeiterklasse festere Handhaben schuf, als die
schauerliche Wirtschaft des Bundestags ihm geschaffen hatte. Dagegen
hielten Liebknecht und Bebel noch an der großdeutsch-revolutionären
Auffassung der Lage fest und arbeiteten in den Jahren nach 1866
unermüdlich an der Zerstörung des Norddeutschen Bundes.
Nach
der Entscheidung, die Marx und Engels im Jahre 1866 getroffen hatten,
war ihre Stellung zum Kriege von 1870 bis zu einem gewissen Grade
gegeben. Über seine unmittelbaren Anlässe haben sie sich niemals
ausgesprochen, weder über die von Bismarck gegen Bonaparte betriebene
spanische Thronkandidatur des hohenzollernschen Prinzen noch über das
von Bonaparte gegen Bismarck betriebene
französisch-italienisch-österreichische Kriegsbündnis, weder über die
eine noch über das andere war nach dem damals bekannten Stande der
Dinge ein zutreffendes Urteil möglich. Aber insoweit als die
bonapartistische Kriegspolitik sich gegen die nationale Einheit
Deutschlands richtete, erkannten Marx und Engels an, daß sich
Deutschland im Zustande der Verteidigung befände.
Ausführlich begründete Marx diese Auffassung in der von ihm verfaßten
Adresse, die der Generalrat der Internationalen am 23. Juli erließ. Er
nannte darin das »Kriegskomplott von 1870 eine verbesserte Auflage des
Staatsstreichs von 1851«, aber es läute die Totenglocke des zweiten
Kaiserreichs, das so enden werde, wie es begonnen habe, mit einer
Parodie. Jedoch man solle nicht vergessen, daß es die Regierungen und
die herrschenden Klassen gewesen seien, die Bonaparte befähigt hätten,
achtzehn Jahre lang die grausame Posse des wiederhergestellten
Kaiserreichs zu spielen. Wenn der Krieg auf deutscher Seite ein
Verteidigungskrieg sei, wer habe Deutschland in die Zwangslage
gebracht, sich verteidigen zu müssen, wer habe Louis Bonaparte
ermöglicht, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen. Bismarck
habe vor Königgrätz |445|* mit diesem selben Bonaparte
konspiriert und nach Königgrätz nicht etwa einem geknechteten
Frankreich ein freies Deutschland entgegengestellt, sondern allen
eingeborenen Schönheiten seines alten Systems alle Kniffe des zweiten
Kaiserreichs aufgepfropft, so daß nun auf beiden Seiten des Rheins das
bonapartistische Regiment geblüht habe. Was anderes hätte daraus
folgen können als Krieg? »Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem
gegenwärtigen Krieg, seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und
in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg
oder Niederlage gleich unheilvoll sein. Alles Unglück, das auf
Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder
aufleben mit verstärkter Heftigkeit.«[1]
Die Adresse verwies auf die Kundgebungen deutscher und französischer
Arbeiter gegen den Krieg, die ein so trauriges Ergebnis nicht
befürchten ließen. Sie hob dann noch hervor, daß im Hintergrunde des
selbstmörderischen Kampfes die unheimliche Gestalt Rußlands lauere.
Alle Sympathien, die die Deutschen mit Recht in einem
Verteidigungskrieg gegen einen bonapartistischen Überfall beanspruchen
könnten, würden sofort verscherzt sein, wenn sie der preußischen
Regierung erlaubten, die Hilfe der Kosaken anzurufen oder anzunehmen.
Zwei
Tage vor Erlaß dieser Adresse, am 21. Juli, waren vom Norddeutschen
Reichstage 120 Millionen Taler Kriegskredite bewilligt worden. Die
parlamentarischen Vertreter der Lassalleaner hatten, gemäß ihrer
Politik seit dem Jahre 1866, dafür gestimmt. Dagegen hatten sich
Liebknecht und Bebel, die parlamentarischen Vertreter der Eisenacher,
der Stimme enthalten, weil sie durch ihre Genehmigung der preußischen
Regierung, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den gegenwärtigen
Krieg vorbereitet habe, ein Vertrauensvotum erteilen würden, während
ihre Verweigerung als eine Billigung der frevelhaften und
verbrecherischen Politik Bonapartes erachtet werden könnte. Liebknecht
und Bebel faßten den Krieg wesentlich unter moralischem Gesichtspunkte
auf, was durchaus der Überzeugung entsprach, die Liebknecht auch
später in seiner Schrift über die Emser Depesche und Bebel in seinen
»Denkwürdigkeiten« bekundet hat.
Damit
stießen sie aber in ihrer eigenen Fraktion, und namentlich bei deren
Leitung, dem Braunschweiger Ausschuß, auf entschiedenen Widerspruch.
In der Tat war die Stimmenthaltung Liebknechts und Bebels keine
praktische Politik, sondern eine moralische Kundgebung, die, so
berechtigt sie an sich sein mochte, den politischen Anforderungen der
Lage nicht entsprach. Was im privaten Leben möglich ist und je nachdem
ausreicht, zwei Streitenden zu sagen: Ihr habt beide unrecht, und
|446| ich mische mich nicht in euern Zank, das gilt nicht im
staatlichen Leben, wo die Völker den Streit der Könige ausbaden
müssen. Die praktischen Folgen einer unmöglichen Neutralität zeigten
sich in der nichts weniger als klaren und konsequenten Haltung, die
der Leipziger »Volksstaat«, das Organ der Eisenacher, in den ersten
Kriegswochen einnahm. Dadurch verschärfte sich der Konflikt zwischen
der Redaktion, will sagen Liebknecht, und dem Braunschweiger Ausschuß,
der sich seinerseits an Marx um Beistand und Rat wandte.
Marx
hatte bereits gleich nach Beginn des Krieges, am 20. Juli, also noch
vor der Stimmenthaltung Liebknechts und Bebels, an Engels geschrieben,
nach einer scharfen Kritik der »republikanischen Chauvinisten« in
Frankreich: »Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so
[ist] die Zentralisation der state power [Mehring übersetzt:
Staatsgewalt] nützlich der Zentralisation der deutschen
Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht würde ferner den Schwerpunkt
der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland
verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden
Ländern zu vergleichen, um zu sehn, daß die deutsche Arbeiterklasse
theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr
Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich
das Übergewicht unsrer Theorie über die Proudhons etc.« Als Marx nun
aber die Anfrage des Braunschweiger Ausschusses erhielt, wandte er
sich, wie immer in wichtigen Fragen, an Engels mit der Bitte um dessen
Rat, und, ähnlich wie im Jahre 1866, entschied Engels im einzelnen die
Taktik der beiden Freunde.
In
seinem Antwortschreiben vom 15. August schrieb er: »Mir scheint der
Kasus so zu liegen: Deutschland ist durch Badinguet (von Mehring
eingefügt: Bonaparte) in einen Krieg um seine nationale Existenz
hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der
Bonapartismus auf Jahre befestigt und Deutschland auf Jahre,
vielleicht auf Generationen, kaputt. Von einer selbständigen deutschen
Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um
Herstellung der nationalen Existenz absorbiert dann alles, und
bestenfalls geraten die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der
französischen. Siegt Deutschland, so ist der französische
Bonapartismus jedenfalls kaputt, der ewige Krakeel wegen Herstellung
der deutschen Einheit endlich beseitigt, die deutschen Arbeiter können
sich auf ganz anders nationalem Maßstab als bisher organisieren, und
die französischen. Was auch für eine Regierung dort folgen mag, werden
sicher ein freieres Feld haben als unter dem Bonapartismus. Die ganze
Masse des deutschen Volkes aller Klassen hat eingesehn, daß |447|
es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt, und
ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei
unter diesen Umständen à la Wilhelm [von Mehring eingefügt:
Liebknecht] die totale Obstruktion predigen und allerhand
Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen, scheint mir
unmöglich.«
Den
französischen Chauvinismus, der sich bis tief in die republikanisch
gesinnten Kreise hinein geltend machte, verurteilte Engels ebenso
scharf wie Marx. »Badinguet hätte diesen Krieg nicht führen können
ohne den Chauvinismus der Masse der französischen Bevölkerung, der
Bourgeois, Kleinbürger, Bauern und des von Bonaparte in den großen
Städten geschaffenen imperialistischen, Haußmannschen, aus den Bauern
hervorgegangnen Bauproletariats. Solange dieser Chauvinismus nicht auf
den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und
Frankreich unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische
Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da,
bleibt den Deutschen nichts übrig, als dies selbst und sofort zu tun.«
Die
»Nebenrücksichten«, daß nämlich der Krieg von Bismarck und Kompanie
kommandiert und, falls sie ihn glücklich durchführten, ihnen zur
augenblicklichen Glorie dienen würde, seien der Misere der deutschen
Bourgeoisie verdankt. Es sei sehr eklig, aber nicht zu ändern. »Darum
aber den Antibismarckismus zum alleinleitenden Prinzip erheben, wäre
absurd. Erstens tut B[ismarck] jetzt, wie 1866, immer ein Stück von
unsrer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er
tut's doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir
nicht mehr Anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt notwendig in den
Reichstag ein und damit erwächst dem Preußentum ein Gegengewicht ...
Überhaupt, à la Liebknecht, die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig
machen zu wollen, weil sie ihm nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir
kennen ja unsere Mustersüddeutschen.«
Im
Laufe des Briefes kam Engels dann noch einmal auf Liebknechts Politik
zurück. »Amüsant ist bei Wilh[elm] die Behauptung, weil Bismarck ein
ehemaliger Spießgeselle des Badinguet, sei der wahre Standpunkt, sich
neutral zu halten. Wenn das die allgemeine Meinung in Deutschland,
hätten wir bald wieder den Rheinbund, und der edle Wilhelm sollte
einmal sehn, was er in dem für eine Rolle spielte und wo die
Arbeiterbewegung bliebe. Ein Volk, das immer nur Hiebe bekommt und
Tritte, ist allerdings das wahre, um eine soziale Revolution zu
machen, und noch dazu in Wilhelms geliebten X-Kleinstaaten! ...
Wilhelm hat offenbar auf Sieg des Bonaparte gerechnet, bloß damit sein
Bismarck dabei draufgehe. Du erinnerst Dich, wie er ihm immer mit
|448| den Franzosen drohte. Du bist natürlich auch auf Wilhelms
Seite!« Der letzte Satz war ironisch gemeint; Liebknecht hatte
sich nämlich darauf berufen, daß Marx mit seiner und Bebels
Stimmenthaltung bei der Frage der Kriegskredite einverstanden gewesen
sei.
Marx
gab zu, daß er die »Erklärung« Liebknechts gebilligt habe. Es sei ein
»Moment« gewesen, wo die Prinzipienreiterei ein acte de courage
gewesen sei, woraus aber keineswegs folge, daß dieser Moment
fortdauere, und noch viel weniger, daß die Stellung des deutschen
Proletariats in einem Kriege, der national geworden sei, sich in
Liebknechts Antipathie gegen die Preußen zusammenfasse. Marx sprach
mit gutem Grunde von einer »Erklärung« und nicht von der
Stimmenthaltung als solcher. Während die Lassalleaner die
Kriegskredite im Chor der bürgerlichen Mehrheit bewilligt hatten, ohne
ihre sozialistische Stellung irgendwie zu kennzeichnen, hatten
Liebknecht und Bebel ein »motiviertes Votum« abgegeben. Sie
begründeten darin nicht nur ihre Stimmenthaltung, sondern knüpften an
sie »als Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen, die
ohne Unterschied der Nationalität alle Unterdrücker bekämpfe, alle
Unterdrückten zu einem gemeinsamen Bruderbunde zu einigen suche«,
einen prinzipiellen Protest gegen diesen wie jeden dynastischen Krieg
und sprachen die Hoffnung aus, daß die Völker Europas, durch die
jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles aufbieten würden, um
sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und die heutige Säbel- und
Klassenherrschaft als die Ursache aller staatlichen und
gesellschaftlichen Übel zu beseitigen. Mit dieser »Erklärung«, die zum
erstenmal das Banner der Internationalen in einem europäischen
Parlament, und noch dazu in einer weltgeschichtlichen Frage, frank und
frei entfaltete, konnte Marx sicherlich sehr zufrieden sein.
Daß
seine »Billigung« so gemeint war, ging schon aus der Wahl seiner Worte
hervor. Die Stimmenthaltung war gar keine »Prinzipienreiterei«,
sondern eher ein Kompromiß; Liebknecht hatte in der Tat die Kredite
einfach verweigern wollen, und sich erst durch Bebel bereden lassen,
sich nur der Abstimmung zu enthalten. Ferner legte die Stimmenthaltung
ihre Urheber nicht nur für den »Moment« fest, wie ja die Politik des
»Volksstaats« in jeder Nummer bewies. Endlich stellte sie auch keine
»mutige Tat« in dem Sinne dar, daß sie als solche ihre Rechtfertigung
schon in sich selber trug. Hätte Marx den acte de courage in solchem
Sinne gemeint, so hätte er dasselbe Lob in noch höherem Grade dem
braven Thiers erteilen müssen, der in der französischen Kammer lebhaft
gegen den Krieg sprach, obgleich die Mamelucken des Kaiserreichs mit
wilden Schmähungen um ihn tobten, oder den bürgerlichen |449|
Demokraten vom Schlage der Favre und Grevy, die sich nicht der
Abstimmung über die Kriegskredite enthielten, sondern sie einfach
verweigerten, obgleich der patriotische Lärm in Paris mindestens so
gefährlich war wie in Berlin.
Die
Schlußfolgerungen, die Engels aus seiner Auffassung der Lage für die
Politik der deutschen Arbeiter zog, faßten sich dahin zusammen: sich
der nationalen Bewegung anzuschließen, soweit und solange sie sich auf
die Verteidigung Deutschlands beschränke (was die Offensive bis zum
Frieden unter Umständen nicht ausschließe); den Unterschied zwischen
den deutsch-nationalen und dynastisch-preußischen Interessen dabei zu
betonen; jeder Annexion von Elsaß und Lothringen entgegenzuwirken;
sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung
am Ruder sei, auf einen ehrenvollen Frieden mit ihr hinzuwirken; die
Einheit der Interessen der deutschen und französischen Arbeiter, die
den Krieg nicht gebilligt hätten und die sich auch nicht bekriegten,
fortwährend hervorzuheben.
Damit
erklärte sich Marx vollkommen einverstanden und beschied in gleichem
Sinne den Braunschweiger Ausschuß.
2. Nach Sedan
Ehe
jedoch der Ausschuß von den Winken, die ihm aus London zugekommen
waren, praktischen Gebrauch machen konnte, hatte die Lage der Dinge
einen völligen Umschwung erfahren. Die Schlacht bei Sedan war
geschlagen, Bonaparte gefangen, das Kaiserreich zusammengebrochen, und
in Paris hatte sich eine bürgerliche Republik aufgetan. An ihrer
Spitze standen die bisherigen Abgeordneten der französischen
Hauptstadt, die sich selbst »als Regierung der nationalen
Verteidigung« ausriefen.
Auf
deutscher Seite war es jetzt am Ende mit dem Verteidigungskriege. In
der feierlichsten Weise hatte der König von Preußen als Oberhaupt des
Norddeutschen Bundes wiederholt erklärt, daß er nicht das französische
Volk, sondern nur die Regierung des französischen Kaisers bekriege;
auch erklärten sich die neuen Machthaber in Paris bereit, jede
mögliche Geldsumme als Kriegsentschädigung zu zahlen. Allein Bismarck
verlangte eine Abtretung von Land; er setzte den Krieg fort, um
Elsaß-Lothringen zu erobern, mochte darüber auch der
Verteidigungskrieg zum Kinderspott werden.
|450| Wenn er darin den Spuren Bonapartes
folgte, so auch darin, daß er eine Art Plebiszit veranstaltete, das
den König von Preußen seiner feierlichen Verpflichtungen entbinden
sollte. »Notabilitäten« aller Art und Gattung erließen schon am
Vorabend von Sedan »Massenkundgebungen« an den König, worin die
Forderung »geschützter Grenzen« erhoben wurde. Die »einmütigen Wünsche
des deutschen Volkes« machten denn auch einen solchen Eindruck auf den
alten Herrn, daß er schon am 6. September nach Hause schrieb: »Wollten
sich die Fürsten dieser Stimmung entgegenstemmen, so riskieren sie
ihre Throne«, und am 14. September erklärte es die halbamtliche
Provinzialkorrespondenz für »eine einfältige Zumutung«, daß sich das
Oberhaupt des Norddeutschen Bundes durch seine eigenen, ausdrücklich
und freiwillig abgegebenen Zusagen gebunden halten solle.
Um die
»einmütigen Wünsche des deutschen Volkes« in vollkommener Reinheit
darzustellen, wurde nun aber noch jeder Widerspruch gewaltsam
unterdrückt. Am 5. September hatte der Braunschweiger Ausschuß einen
Aufruf erlassen, worin er zu öffentlichen Kundgebungen der
Arbeiterklasse für einen ehrenvollen Frieden mit der französischen
Republik und gegen die Annexion Elsaß-Lothringens aufforderte; dem
Aufrufe waren Teile des Briefes, worin Marx den Ausschuß beraten
hatte, wörtlich einverleibt.[2]
Am 9. September aber wurden die Unterzeichner des Aufrufs militärisch
verhaftet und in Ketten nach der Festung Lötzen geschleppt.
Ebendorthin wurde Johann Jacoby als Staatsgefangener transportiert,
weil er in einer Königsberger Versammlung ebenfalls gegen jede
gewaltsame Annexion französischen Ländergebiets gesprochen und sich
die ketzerische Äußerung erlaubt hatte: »Vor wenigen Tagen noch war es
ein Verteidigungskrieg, den wir führten, ein heiliger Kampf für das
liebe Vaterland; heute ist es ein Eroberungskrieg, ein Kampf für die
Oberherrschaft der germanischen Rasse in Europa.« Eine Menge
Beschlagnahmen und Verbote, Haussuchungen und Verhaftungen
vervollständigten das militärische Schreckensregiment, das die
»einmütigen Wünsche des deutschen Volkes« vor jedem Zweifel schützen
sollte.
An
demselben Tage, an dem die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses
verhaftet wurden, ergriff der Generalrat der Internationalen in einer
zweiten, von Marx und teilweise von Engels verfaßten Adresse das Wort,
um die neue Lage der Dinge zu beleuchten. Er durfte sich darauf
berufen, wie schnell sich seine Vorhersage, daß dieser Krieg die
Totenglocke des zweiten Kaiserreichs läute, erfüllt habe, aber wie
schnell auch seine Zweifel, ob der Krieg auf deutscher Seite ein
Verteidigungskrieg |451|* bleiben werde, bestätigt worden
seien. Die preußische Militärkamarilla habe sich für die Eroberung
entschieden, und wie habe sie den preußischen König von den
Verpflichtungen befreit, die er selbst für einen Verteidigungskrieg
übernommen habe? »Die Bühnenregisseure mußten ihn darstellen, als gebe
er widerwillig einem unwiderstehlichen Gebot der deutschen Nation
nach; der liberalen deutschen Mittelklasse mit ihren Professoren,
ihren Kapitalisten, ihren Stadtverordneten, ihren Zeitungsmännern
gaben sie sofort das Stichwort. Diese Mittelklasse, welche in ihren
Kämpfen für die bürgerliche Freiheit von 1846 bis 1870 ein nie
dagewesenes Schauspiel von Unschlüssigkeit, Unfähigkeit und Feigheit
gegeben hat, war natürlich höchlichst entzückt, die europäische Bühne
als brüllender Löwe des deutschen Patriotismus zu beschreiten. Sie
nahm den falschen Schein staatsbürgerlicher Unabhängigkeit an, um sich
zu stellen, als zwinge sie der preußischen Regierung auf - was? die
geheimen Pläne eben dieser Regierung. Sie tat Buße für ihren
jahrelangen und fast religiösen Glauben an die Unfehlbarkeit Louis
Bonapartes, indem sie laut die Zerstückelung der französischen
Republik forderte.«[3]
Die
Adresse untersuchte dann »die plausibeln Vorwände«, die »diese
kernhaften Patrioten« für die Annexion Elsaß-Lothringens vorbrächten.
Daß die Elsaß-Lothringer sich nach der deutschen Umarmung sehnten,
wagten sie freilich nicht zu behaupten, aber der Boden dieser
Provinzen habe vor langer Zeit dem längst verstorbenen deutschen Reich
angehört! »Soll die alte Karte von Europa einmal umgearbeitet werden
nach dem historischen Recht, dann dürfen wir auf keinen Fall
vergessen, daß der Kurfürst von Brandenburg seinerzeit für seine
preußischen Besitzungen der Vasall der polnischen Republik war.«[4]
Am
meisten würden »viele schwachsinnige Leute« dadurch verwirrt, daß »die
schlauen Patrioten« Elsaß-Lothringen als »materielle Garantie« gegen
französische Überfälle verlangten. In einer militär-wissenschaftlichen
Auseinandersetzung, die Engels zu ihr beigesteuert hat, wies die
Adresse nach, daß Deutschland dieser Verstärkung seiner Grenzen gegen
Frankreich gar nicht bedürfe, wie die Erfahrungen gerade auch dieses
Krieges gezeigt hätten. »Wenn der jetzige Feldzug irgend etwas gezeigt
hat, so die Leichtigkeit, Frankreich von Deutschland aus anzugreifen.«[5]
Aber sei es nicht überhaupt eine Ungereimtheit, ein Anachronismus,
wenn man militärische Rücksichten zu dem Prinzip erhebe, das die
nationalen Grenzen bestimmen solle? »Wollten wir dieser Regel folgen,
so hätte Österreich noch einen Anspruch auf Venetien und die
Minciolinie, und Frankreich auf die Rheinlinie, zum Schutz von
|452| Paris, welches sicherlich Angriffen von Nordosten mehr
ausgesetzt ist als Berlin von Südwesten. Wenn die Grenzen durch
militärische Interessen bestimmt werden sollen, werden die Ansprüche
nie ein Ende nehmen, weil jede militärische Linie notwendig fehlerhaft
ist und durch Annexion von weiterm Gebiet verbessert werden kann; und
überdies kann sie nie endgültig und gerecht bestimmt werden, weil sie
immer dem Besiegten vom Sieger aufgezwungen wird und folglich schon
den Keim eines neuen Kriegs in sich führt.«[6]
Die
Adresse erinnerte an die »materiellen Garantien«, die Napoleon in dem
Frieden von Tilsit genommen habe. Und dennoch sei einige Jahre später
seine gigantische Macht wie ein verfaultes Schilfrohr vor dem
deutschen Volke zusammengebrochen. »Was sind die ›materiellen
Garantien‹, die Preußen in seinen wildesten T räumen Frankreich
aufzwingen kann oder darf, im Vergleich zu denen, welche Napoleon I.
ihm selbst abzwang? Der Ausgang wird diesmal nicht weniger unheilvoll
sein.«[7]
Nun
sagten die Wortführer des volkstümlichen Patriotismus, man dürfe die
Deutschen nicht mit den Franzosen verwechseln; die Deutschen wollten
nicht Ruhm, sondern Sicherheit; sie seien ein wesentlich
friedliebendes Volk. »Natürlich war es nicht Deutschland, welches 1792
in Frankreich einfiel mit dem erhabnen Zweck, die Revolution des 18.
Jahrhunderts mit Bajonetten niederzumachen! War es nicht Deutschland,
welches seine Hände bei der Unterjochung Italiens, der Unterdrückung
Ungarns und der Zerstücklung Polens besudelte? Sein jetziges
militärisches System, welches die ganze kräftige männliche Bevölkerung
in zwei Teile teilt - eine stehende Armee im Dienst und eine andere
stehende Armee im Urlaub -, beide gleichmäßig zu passivem Gehorsam
gegen die Regenten von Gottes Gnaden verpflichtet, so ein
militärisches System ist natürlich eine ›materielle Garantie‹ des
Weltfriedens und obendrein das höchste Ziel der Zivilisation! In
Deutschland wie überall, vergiften die Höflinge der bestehenden Gewalt
die öffentliche Meinung durch Weihrauch und lügenhaftes Selbstlob. -
Sie scheinen indigniert beim Anblick der französischen Festungen Metz
und Straßburg - diese deutschen Patrioten -, aber sie sehen kein
Unrecht in dem ungeheuren System moskowitischer Befestigungen von
Warschau, Modlin und Iwangorod. Während sie vor den Schrecken
bonapartistischer Einfälle schaudern, schließen sie die Augen vor der
Schande zarischer Schutzherrschaft.«[8]
Daran
anknüpfend führte die Adresse aus, daß die Annexion Elsaß-Lothringens
die französische Republik in die Arme des Zarismus treiben werde.
Glaubten die Deutschtümler wirklich, daß dadurch Freiheit und |453|
Frieden Deutschlands gesichert sei? »Wenn das Glück der Waffen, der
Übermut des Erfolgs und dynastische Intrigen Deutschland zu einem Raub
an französischem Gebiet verleiten, bleiben ihm nur zwei Wege offen.
Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offenkundige Knecht
russischer Vergrößerung werden, oder aber es muß sich nach kurzer Rast
für einen neuen ›defensiven‹ Krieg rüsten, nicht für einen jener
neugebackenen ›lokalisierten‹ Kriege, sondern zu einem Rassenkrieg
gegen die verbündeten Rassen der Slawen und Romanen.«[9]
Die
deutsche Arbeiterklasse habe den Krieg, den zu hindern nicht in ihrer
Macht stand, energisch unterstützt als einen Krieg für Deutschlands
Unabhängigkeit und für die Befreiung Deutschlands und Europas von dem
erdrückenden Alp des zweiten Kaiserreichs. »Es waren die deutschen
Industriearbeiter, welche mit den ländlichen Arbeitern zusammen die
Sehnen und Muskeln heldenhafter Heere lieferten, während sie ihre
halbverhungerten Familien zurückließen.«[10]
Dezimiert durch die Schlachten, würden sie noch einmal dezimiert
werden durch das Elend zu Hause. Sie verlangten nun ihrerseits
Garantien, daß ihre ungeheuren Opfer nicht umsonst gebracht wären, daß
sie die Freiheit erobert hätten, daß die Siege, die sie über die
bonapartistischen Armeen errungen hatten, nicht in eine Niederlage des
Volks verwandelt würden wie im Jahre 1815. Als erste dieser Garantien
verlangten sie einen »ehrenvollen Frieden für Frankreich« und die
»Anerkennung der französischen Republik«. Die Adresse verwies auf die
Kundgebung des Braunschweiger Ausschusses. Unglücklicherweise sei auf
keinen unmittelbaren Erfolg zu rechnen. Aber die Geschichte werde
zeigen, daß die deutschen Arbeiter nicht von demselben biegsamen Stoff
gemacht seien wie die deutsche Mittelklasse. Sie würden ihre Pflicht
tun.
Danach
wandte sich die Adresse der französischen Seite der neuen Lage zu. Die
Republik habe nicht den Thron umgeworfen, sondern nur seinen leeren
Platz eingenommen. Sie sei nicht als eine soziale Errungenschaft
ausgerufen worden, sondern als eine nationale Verteidigungsmaßregel.
Sie sei in den Händen einer provisorischen Regierung, zusammengesetzt
teils aus notorischen Orleanisten, teils aus Bourgeoisrepublikanern,
und unter diesen seien einige, denen die Juni-Insurrektion von 1848
ihr unauslöschliches Brandmal hinterlassen habe. Die Teilung der
Arbeit unter den Mitgliedern der Regierung scheine wenig Gutes zu
versprechen. Die Orleanisten hätten sich der starken Stellungen
bemächtigt - der Armee und der Polizei -, während den angeblichen
Republikanern die Schwatzposten zugeteilt seien. Einige ihrer ersten
Handlungen bewiesen ziemlich deutlich, daß sie vom Kaiserreich nicht
nur einen |454| Haufen Ruinen geerbt hätten, sondern auch seine
Furcht vor der Arbeiterklasse.
»So
findet sich die französische Arbeiterklasse in äußerst schwierige
Umstände versetzt. Jeder Versuch, die neue Regierung zu stürzen, wo
der Feind fast schon an die Tore von Paris pocht, wäre eine
verzweifelte Torheit. Die französischen Arbeiter müssen ihre Pflicht
als Bürger tun, aber sie dürfen sich nicht beherrschen lassen durch
die nationalen Erinnerungen von 1792, wie die französischen Bauern
sich trügen ließen durch die nationalen Erinnerungen des ersten
Kaiserreichs. Sie haben nicht die Vergangenheit zu wiederholen,
sondern die Zukunft aufzubauen. Mögen sie ruhig und entschlossen die
Mittel ausnützen, die ihnen die republikanische Freiheit gibt, um die
Organisation ihrer eignen Klasse gründlich durchzuführen. Das wird
ihnen neue, herkulische Kräfte geben für die Wiedergeburt Frankreichs
und für unsre gemeinsame Aufgabe - die Befreiung des Proletariats. Von
ihrer Kraft und Weisheit hängt ab das Schicksal der Republik.«[11]
Diese
Adresse fand einen lebhaften Widerhall unter den französischen
Arbeitern. Sie verzichteten auf den Kampf gegen die provisorische
Regierung und taten ihre Pflicht als Bürger, vor allem das Pariser
Proletariat, das, als Nationalgarde bewaffnet, an der tapferen
Verteidigung der französischen Hauptstadt den hervorragendsten Anteil
hatte, aber sich durch die nationalen Erinnerungen von 1792 nicht
blenden ließ, sondern eifrig an seiner Organisation als Klasse
arbeitete. Nicht minder zeigten sich die deutschen Arbeiter auf der
Höhe. Trotz aller Drohungen und Verfolgungen forderten die
Lassalleaner wie die Eisenacher den ehrenvollen Frieden mit der
Republik; als der Norddeutsche Reichstag im Dezember wieder
zusammentrat, um neue Kriegskredite zu bewilligen, stimmten die
parlamentarischen Vertreter beider Fraktionen mit einem runden Nein.
Vor allem führten Liebknecht und Bebel diesen Kampf mit so glühendem
Eifer und mit so herausfordernder Kühnheit, daß sich um deswillen -
und nicht wie eine weitverbreitete Legende will, wegen ihrer
Stimmenthaltung im Juli - der Ruhm dieser Tage in erster Reihe an ihre
Namen knüpfte. Sie wurden nach Schluß des Reichstags unter der Anklage
des Hochverrats verhaftet.
Marx
war in diesem Winter wieder mit Überarbeit belastet. Im August hatten
ihn die Ärzte ins Seebad geschickt, aber dort hatte ihn eine heftige
Erkältung »krummgelegt«, und erst am letzten Tage dieses Monats war er
nach London zurückgekehrt, wenn auch noch keineswegs
wiederhergestellt. Gleichwohl mußte er fast die ganze internationale
Korrespondenz des Generalrats übernehmen, da der größte Teil von
|455| dessen Korrespondenten fürs Ausland nach Paris gegangen war.
Er käme nie vor 3 Uhr nachts ins Bett, klagte er am 14. September dem
Freunde Kugelmann. Eine Erleichterung für die Zukunft wenigstens
konnte er von Engels erwarten, der in eben diesen Tagen dauernd nach
London übersiedelte.
Unzweifelhaft hoffte Marx nunmehr auf den siegreichen Widerstand der
französischen Republik gegen den preußischen Eroberungskrieg. Die
deutschen Zustände, die damals selbst dem ultramontan-welfischen
Parteiführer Windthorst den beißenden Witz eingaben, wenn Bismarck
durchaus annektieren wolle, so solle er sich doch an Cayenne als den
für seine Staatskunst geeignetsten Erwerb halten, erfüllten Marx mit
großer Bitterkeit; »es scheint, daß man nicht nur den Bonaparte, seine
Generale und seine Armee in Deutschland eingefangen, sondern mit ihm
auch den ganzen Imperialismus mit allen seinen Gebresten im Land der
Eichen und der Linden akklimatisiert hat«, schrieb er am 13. Dezember
an Kugelmann. In diesem Briefe verzeichnete er mit offenbarer
Befriedigung, daß die öffentliche Meinung in England, bei Beginn des
Krieges ultrapreußisch, in ihr Gegenteil umgeschlagen sei. Abgesehen
von der entschiedenen Sympathie der Volksmasse für die Republik und
anderen Umständen »hat die Weise der Kriegführung - das System der
Requisitionen, Niederbrennen der Dörfer, Erschießen der Franktireurs,
Bürgennehmen und ähnliche Rekapitulationen aus dem Dreißigjährigen
Krieg - hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Of course [Mehring
übersetzt: Natürlich] -, die Engländer haben dergleichen getan in
Indien, Jamaika etc., aber die Franzosen sind weder Hindus noch
Chinesen, noch Neger, und die Preußen sind keine heavenborn Englishmen
[Mehring übersetzt: vorn Himmel stammenden Engländer]. Es ist eine
echt hohenzollernsche Idee, daß ein Volk ein Verbrechen begeht, wenn
es sich fortfährt zu verteidigen, sobald sein stehendes Heer alle
geworden ist.« An dieser Idee habe schon der brave Friedrich Wilhelm
der Dritte in dem preußischen Volkskriege gegen den ersten Napoleon
gelitten.
Die
Drohung Bismarcks, Paris zu bombardieren, nannte Marx »einen bloßen
Trick. Auf die Stadt Paris selbst kann es nach allen Regeln der
Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus keinen ernsthaften Effekt machen.
Werden ein paar Vorwerke niedergeschossen, Bresche gemacht, was nützt
das in einem Falle, wo die Zahl der Belagerten größer ist als die der
Belagerer? ... Die Aushungerung von Paris ist das einzig reale
Mittel.« Beiläufig ein Bild zum Malen! Dieser »vaterlandslose
Geselle«, der sich selbst in militär-wissenschaftlichen Fragen jedes
selbständige |456|* Urteil absprach, kennzeichnete das von
Bismarck geforderte Bombardement der französischen Hauptstadt als
einen »bloßen Trick« aus denselben Gründen, aus denen es alle
namhaften Generale des deutschen Heeres, mit der einzigen Ausnahme
Roons, in einem heftigen, hinter den Kulissen des deutschen
Hauptquartiers wochenlang tobenden Streit als »Fähnrichsstreich«
verwarfen, während der ganze Troß von patriotischen Professoren und
Zeitungsschreibern sich von Bismarcks Offiziösen in sittliche
Entrüstung über die preußische Königin und die preußische
Kronprinzessin jagen ließ, weil diese Frauen, sei es aus
sentimentalen, sei es gar aus landesverräterischen Rücksichten, ihre
Pantoffelhelden von Männern angeblich hinderten, Paris zu
bombardieren!
Als
Bismarck sich nun obendrein in der hochtrabenden Redensart erging, daß
die französische Regierung die freie Meinungsäußerung in der Presse
und durch Abgeordnete unmöglich mache, beleuchtete Marx in den »Daily
News« vom 16. Januar 1871 diesen »Berliner Witz« mit einer beißenden
Schilderung der Polizeiwirtschaft, die sich gleichzeitig in
Deutschland austobte. Er schloß diese Schilderung: »Frankreich - und
seine Sache ist glücklicherweise weit entfernt davon, verzweifelt zu
sein - kämpft in diesem Moment nicht bloß für seine eigene nationale
Unabhängigkeit, sondern für die Freiheit Deutschlands und Europas.«[12]
In diesem Satze faßt sich die Stellung zusammen, die Marx und Engels
nach Sedan zum Deutsch-Französischen Kriege eingenommen haben.
3. Der Bürgerkrieg in
Frankreich
Am 28.
Januar kapitulierte Paris. In dem Vertrage, der darüber zwischen
Bismarck und Jules Favre abgeschlossen wurde, war ausdrücklich
bestimmt, daß die Pariser Nationalgarde ihre Waffen behalten solle.
Die
Wahlen zur Nationalversammlung ergaben eine monarchisch-reaktionäre
Mehrheit, die den alten Ränkeschmied Thiers zum Präsidenten der
Republik wählte. Seine erste Sorge, nach Annahme der
Friedenspräliminarien - Abtretung Elsaß-Lothringens und fünf
Milliarden Kriegsentschädigung - durch die Nationalversammlung, war
die Entwaffnung von Paris. Denn für diesen eingefleischten Bourgeois
und nicht minder für die Krautjunker der Versammlung war Paris in
Waffen nichts anderes als die Revolution.
Am 18.
März versuchte Thiers zunächst die Geschütze der Pariser Nationalgarde
zu rauben, unter der dreisten Lüge, sie seien Staatseigentum, |457|
während sie auf Kosten der Nationalgarde im Laufe der Belagerung
hergestellt und als ihr Eigentum auch in dem Kapitulationsvertrage vom
28. Januar anerkannt worden waren. Indessen die Nationalgarde
widersetzte sich und die zu dem Raubversuch befohlenen Truppen gingen
zu ihr über. Damit war der Bürgerkrieg entbrannt. Paris wählte am 26.
März seine Kommune, deren Geschichte ebenso reich ist an heldenhaftem
Kämpfen und Dulden der Pariser Arbeiter wie an feiger Grausamkeit und
Tücke der Versailler Ordnungsparteien.
Es ist
überflüssig, erst hervorzuheben, mit welch brennender Teilnahme Marx
diese Entwicklung der Dinge verfolgte. Am 12. April schrieb er an
Kugelmann: »Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche
Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher
Aushungerung und Verruinierung durch innern Verrat noch mehr als durch
den auswärtigen Feind, erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten,
als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland existiert
habe und der Feind nicht noch vor den Toren von Paris stehe! Die
Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe!« Wenn die
Pariser unterlägen, so würde die Schuld an ihrer »Gutmütigkeit«
liegen. Sie hätten sofort auf Versailles marschieren sollen, nachdem
die Truppen und der reaktionäre Teil der Nationalgarde das Feld
geräumt hatten. Aber sie hätten aus Gewissensbedenken den Bürgerkrieg
nicht eröffnen wollen, als ob die boshafte Mißgeburt Thiers ihn nicht
schon mit dem Entwaffnungsversuch von Paris begonnen hätte. Aber wenn
auch unterliegend, so sei die Erhebung der Pariser die glorreichste
Tat unserer Partei seit der Juni-Insurrektion. »Man vergleiche mit
diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelssklaven des
deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen posthumen
Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem
Philistertum.«
Wenn
Marx von dem Pariser Aufstand als einer Tat »unserer Partei« sprach,
so durfte er es sowohl in dem allgemeinen Sinne tun, daß die Pariser
Arbeiterklasse das Rückgrat der Bewegung war als auch in dem
besonderen Sinne, daß die Pariser Mitglieder der Internationalen zu
den einsichtigsten und tapfersten Kämpfern der Kommune gehörten, wenn
sie in deren Rat auch nur eine Minderheit bildeten. Die Internationale
war schon dermaßen als allgemeines Schreckgespenst berufen, mußte den
herrschenden Klassen als Sündenbock für alle, ihnen mißliebigen
Ereignisse herhalten, daß auch der Pariser Aufstand ihrer teuflischen
Anstiftung geschuldet sein sollte. Seltsamerweise wollte aber ein
Organ der Pariser Polizeipresse den »Grand chef« der Internationalen
|458| von einer Teilnahme daran entlasten; es veröffentlichte
am 19. März einen angeblichen Brief, worin Marx die Pariser Sektionen
getadelt haben sollte, weil sie sich zuviel mit politischen und nicht
genug mit sozialen Fragen beschäftigten. Marx beeilte sich, den Brief
in der »Times« als eine »unverschämte Fälschung« zu kennzeichnen.
Niemand wußte besser als Marx, daß die Internationale die Kommune
nicht gemacht hatte, aber er hat sie stets als Fleisch von ihrem
Fleisch, und Blut von ihrem Blute anerkannt. Natürlich nur in dem
Rahmen, der durch das Programm und die »Statuten der Internationalen«
gezogen war, wonach jede Arbeiterbewegung, die auf die Emanzipation
des Proletariats abziele, zu ihr gehöre. Zu seinen engeren
Gesinnungsgenossen durfte Marx weder die blanquistische Mehrheit im
Rate der Kommune zählen noch auch nur die Minderheit, die zwar zur
Internationalen gehörte, aber wesentlich in den Gedankengängen
Proudhons lebte und webte. Mit ihr hat Marx während der Kommune,
soweit es unter den damaligen Umständen möglich war, geistige Fühlung
behalten, doch haben sich davon leider nur sehr dürftige Reste
erhalten.
Auf
einen verlorenen Brief von ihm antwortete Leo Franckel, Delegierter
für das Departement der öffentlichen Arbeiten, am 25. April u.a.: »Es
wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie mir irgendwie mit Ihrem Rate
beistehen wollten, da ich gegenwärtig sozusagen allein, aber auch
allein verantwortlich bin für alle Reformen, die ich im Departement
der öffentlichen Arbeiten einführen will. Daß Sie Ihr möglichstes tun
werden, um allen Völkern, allen Arbeitern und namentlich den deutschen
begreiflich zu machen, daß die Kommune von Paris nichts mit der
deutschen Zopfgemeinde zu tun hat, läßt sich schon aus einigen Zeilen
Ihres letzten Briefes schließen. Damit werden Sie jedenfalls unserer
Sache einen großen Dienst erwiesen haben.« Eine etwaige Antwort, die
Marx auf diesen Brief erteilt oder gar ein Rat, den er gegeben hätte,
hat sich nicht erhalten.
Dagegen ist ein Brief verloren, den Franckel und Varlin an Marx
gerichtet haben, und den dieser am 13. Mai also beantwortete: »Ich
habe mit dem Überbringer gesprochen. Würde es sich nicht empfehlen,
die für die Kanaillen von Versailles so kompromittierenden Papiere an
einen sichern Ort zu bringen? Solche Vorsichtsmaßregeln können niemals
schaden. - Man hat mir von Bordeaux geschrieben, daß bei den letzten
Gemeinderatswahlen vier Internationale gewählt worden sind. In den
Provinzen beginnt es zu gären. Leider ist ihre Aktion lokal beschränkt
und friedlich. - In Ihrer Sache schrieb ich einige hundert Briefe nach
allen Ecken und Enden der Welt, wo wir Beziehungen haben. Die
Arbeiterklasse |459|* war übrigens von Anfang an für die
Kommune. Selbst die englischen bürgerlichen Blätter haben ihre
anfänglich durchaus ablehnende Haltung aufgegeben. Es glückte mir, von
Zeit zu Zeit einen günstigen Artikel bei ihnen einzuschmuggeln. - Die
Kommune verschwendet, wie mir scheint, zuviel Zeit mit Kleinigkeiten
und persönlichen Streitereien. Offenbar wirken noch andere Einflüsse
mit als die der Arbeiter. All dies würde aber gar nichts ausmachen,
wenn es Ihnen gelänge, die verlorene Zeit wieder einzuholen.« Marx
wies schließlich darauf hin, daß möglichst schnelles Handeln schon
deshalb geboten sei, weil drei Tage vorher der endgültige Friede
zwischen Frankreich und Deutschland in Frankfurt a.M. abgeschlossen
worden sei und Bismarck nun dasselbe Interesse wie Thiers an der
Niederwerfung der Kommune habe, zumal da von diesem Zeitpunkt an die
Abtragung der Kriegsentschädigung von fünf Milliarden beginnen sollte.
Soweit
Marx in diesem Briefe Ratschläge erteilt, wird man eine gewisse
vorsichtige Zurückhaltung spüren, und ohne Zweifel wird alles, was er
an Mitglieder der Kommune geschrieben haben mag, auf denselben Ton
gestimmt gewesen sein. Nicht als ob er sich gescheut hätte, die
unbedingte Verantwortung für das Tun und Lassen der Kommune zu
übernehmen - denn das hat er nach ihrer Niederlage sofort vor aller
Öffentlichkeit in umfassender Weise getan -, sondern weil er
vollkommen frei war von jedem Gelüste, diktatorische Manieren
hervorzukehren und von außen her vorzuschreiben, was an Ort und
Stelle, wo die Dinge am besten übersehen werden konnten, zu tun und zu
lassen sei.
Am 28.
Mai waren die letzten Verteidiger der Kommune gefallen, und bereits
zwei Tage später legte Marx dem Generalrat die Adresse über den
»Bürgerkrieg in Frankreich« vor, eine der glänzendsten Urkunden, die
je aus seiner Feder geflossen sind, und alles in allem noch heute der
Glanzpunkt der gewaltigen Literatur, die seitdem über die Pariser
Kommune erschienen ist. Marx bewährte hier wieder an einem schwierigen
und verwickelten Problem seine erstaunliche Fähigkeit, unter der
täuschenden Oberfläche eines scheinbar unlöslichen Durcheinanders,
mitten durch das Gewirr sich hundertfach kreuzender Gerüchte, den
geschichtlichen Kern der Dinge sicher zu erkennen. Soweit es die
Adresse mit Tatsachen zu tun hat - und ihre beiden ersten wie ihr
vierter und letzter Abschnitt schildern die tatsächliche Entwicklung
-, hat sie überall das Richtige erkannt und ist seither in keinem
Punkte widerlegt werden.
Freilich gibt die Adresse keine kritische Geschichte der Kommune, aber
das war auch nicht ihre Aufgabe. Sie sollte die Ehre und das Recht
|460| der Kommune gegen die Schmach und das Unrecht ihrer Gegner
in helles Licht stellen; sie sollte eine Kampfschrift und keine
geschichtliche Abhandlung sein. Was die Kommune gefehlt und gesündigt
hat, ist seitdem von sozialistischer Seite oft genug Gegenstand einer
herben und mitunter selbst zu herben Kritik gewesen. Marx beschränkte
sich auf die Andeutung: »In jeder Revolution drängen sich, neben ihren
wirklichen Vertretern, Leute andern Gepräges vor. Einige sind die
Überlebenden früherer Revolutionen, mit denen sie verwachsen sind;
ohne Einsicht in die gegenwärtige Bewegung, aber noch im Besitz großen
Einflusses auf das Volk durch ihren bekannten Mut und Charakter oder
auch durch bloße Tradition. Andre sind bloße Schreier, die, jahrelang
dieselben ständigen Deklamationen gegen die Regierung des Tages
wiederholend, sich in den Ruf von Revolutionären des reinsten Wassers
eingeschlichen haben. Auch nach dem 18. März kamen solche Leute zum
Vorschein und spielten sogar in einigen Fällen eine hervorragende
Rolle. Soweit ihre Macht ging, hemmten sie die wirkliche Aktion der
Arbeiterklasse, wie sie die volle Entwicklung jeder frühern Revolution
gehemmt haben.«[13] Sie
seien ein unvermeidliches Übel, mit der Zeit schüttele man sie ab,
aber gerade diese Zeit sei der Kommune nicht gelassen worden.
Ein
besonderes Interesse beansprucht der dritte Abschnitt der Adresse, der
sich mit dem geschichtlichen Wesen der Pariser Kommune beschäftigte.
In scharf sinnigster Weise wurde dies Wesen unterschieden von dem
Wesen früherer historischer Gebilde, die ihr äußerlich ähnlich sehen
mochten - von der mittelalterlichen Kommune an bis zur preußischen
Städteordnung. »Es konnte nur einem Bismarck einfallen, der, wenn
nicht von seinen Blut- und Eisenintrigen in Anspruch genommen, gern zu
seinem alten, seinem geistigen Kaliber so sehr zusagenden Handwerk als
Mitarbeiter am ›Kladderadatsch‹ zurückkehrt - nur einem solchen Kopf
konnte es einfallen, der Pariser Kommune eine Sehnsucht
unterzuschieben nach jener Karikatur der alten französischen
Städteverfassung von 1791, der preußischen Städteordnung, die die
städtischen Verwaltungen zu bloßen untergeordneten Rädern in der
preußischen Staatsmaschinerie erniedrigt.«[14]
In der Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und
der Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt
fanden, erkannte die Adresse die Tatsache, daß sie eine durch und
durch ausdehnungsfähige politische Form gewesen sei, während alle
früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen seien. »Ihr
wahres Geheimnis war dies: sie war wesentlich eine Regierung der
Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die
aneignende Klasse, die endlich entdeckte |461| politische Form,
unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen
konnte.«[15]
Den
Beweis hierfür konnte die Adresse nicht durch ein ausdrückliches
Regierungsprogramm der Kommune führen, zu dem diese nicht gelangt war
und, vom ersten bis zum letzten Tage ihres Daseins in einem Kampfe um
Leben und Tod stehend, auch nicht gelangen konnte. Sie führte ihn an
der Hand der praktischen Politik, die die Kommune getrieben hatte, und
das innerste Wesen dieser Politik sah sie in der Abwürgung des
Staates, der in seiner prostituiertesten Form, dem zweiten
Kaiserreich, nur noch einen »Schmarotzerauswuchs« am
gesellschaftlichen Körper darstellte, dessen Kräfte aufsauge und
dessen freie Entwicklung hemme. Das erste Dekret der Kommune verfügte
die Unterdrückung des stehenden Heeres und dessen Ersetzung durch das
bewaffnete Volk. Die Kommune entkleidete die Polizei, bisher das
Werkzeug der Staatsregierung, aller politischen Funktionen und
verwandelte sie in ihr verantwortliches Werkzeug. Nachdem sie das
stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der
alten Regierung, beseitigt hatte, brach sie ihr geistliches
Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht; sie verfügte die Auflösung
und Enteignung sämtlicher Kirchen, soweit sie besitzende
Körperschaften waren. Sie öffnete dem Volke alle Unterrichtsanstalten
unentgeltlich und befreite sie gleichzeitig von aller Einmischung des
Staates wie der Kirche. Die staatliche Bürokratie aber rottete sie mit
der Wurzel aus, indem sie alle Beamten, auch die Richter, wählen ließ,
sie für jederzeit absetzbar erklärte und ihre Besoldungen auf ein
Höchstmaß von 6.000 Franken beschränkte.
So
geistreich diese Ausführungen im einzelnen waren, so standen sie doch
in einem gewissen Widerspruch mit den Ansichten, die Marx und Engels
seit einem Vierteljahrhundert vertreten und schon im »Kommunistischen
Manifest« verkündet hatten. Dieser ihrer Auffassung gemäß gehörte zu
den schließlichen Folgen der künftigen proletarischen Revolution
allerdings die Auflösung der mit dem Namen: Staat bezeichneten
politischen Organisation, aber doch nur die allmähliche Auflösung. Der
Hauptzweck dieser Organisation war von jeher, die ökonomische
Unterdrückung der arbeitenden Mehrzahl durch die ausschließlich
begüterte Minderzahl durch bewaffnete Gewalt sicherzustellen. Mit dem
Verschwinden einer ausschließlich begüterten Minderzahl verschwindet
auch die Notwendigkeit einer bewaffneten Unterdrückungs- oder
Staatsgewalt. Gleichzeitig aber betonten Marx und Engels, daß, um zu
diesem und den anderen weit wichtigeren Zielen der künftigen sozialen
Revolution zu gelangen, die Arbeiterklasse zuerst die organisierte
politische Gewalt |462|* des Staates in Besitz nehmen, mit
ihrer Hilfe den Widerstand der Kapitalistenklasse niederstampfen und
die Gesellschaft neu organisieren müsse. Mit dieser Auffassung des
»Kommunistischen Manifestes« ließ sich aber das Lob nicht vereinigen,
das die Adresse des Generalrats der Pariser Kommune spendete, weil sie
damit begonnen habe, den Schmarotzer Staat mit Stumpf und Stiel
auszurotten.
Natürlich waren sich Marx und Engels darüber vollkommen klar; in dem
Vorworte zu einer neuen Ausgabe des »Kommunistischen Manifestes«, die
im Juni 1872 noch unter dem frischen Eindruck der Kommune erschien,
berichtigten sie sich unter ausdrücklichem Hinweis auf die Adresse
dahin, daß die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine nicht einfach
in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen
könne. Später aber hat wenigstens Engels, nach dem Tode von Marx, im
Kampfe mit anarchistischen Richtungen diesen Vorbehalt wieder
fallenlassen und ganz die alten Anschauungen des »Manifestes«
wiederholt. Es war begreiflich genug, daß die Anhänger Bakunins in
ihrer Weise die Adresse des Generalrats verwerteten. Bakunin selbst
spottete, daß Marx, dessen Ideen durch die Kommune alle über den
Haufen geworfen worden seien, im Widerspruch mit aller Logik vor ihr
den Hut ziehen, ihr Programm und ihr Ziel zu den seinigen machen
müsse. In der Tat - wenn ein gar nicht einmal vorbereiteter, sondern
durch einen brutalen Angriff plötzlich erzwungener Aufstand mit ein
paar einfachen Dekreten die Unterdrückungsmaschinerie des Staates
beseitigen konnte, war dann nicht bestätigt, was Bakunin zu
wiederholen nicht müde wurde? Das ließ sich immerhin mit einigem guten
oder schlechten Willen aus der Adresse des Generalrats herauslesen,
die allzusehr, was der Möglichkeit nach im Wesen der Kommune lag,
schon der Wirklichkeit nach als vorhanden schilderte. Jedenfalls aber,
wenn die Agitation Bakunins im Jahre 1871 einen lebhafteren Aufschwung
nahm, als jemals früher, so war das dem mächtigen Eindruck geschuldet,
den die Pariser Kommune auf die europäische Arbeiterklasse machte.
Die
Adresse schloß: »Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig
gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft.
Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der
Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an
jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer
Pfaffen ohnmächtig sind.«[16]
Die Adresse erregte sofort nach ihrem Erscheinen das gewaltigste
Aufsehen. »Sie macht einen Lärm vom Teufel, und ich habe die Ehre, in
diesem Augenblick der bestverleumdete und meistbedrohte Mann von
London zu sein«, schrieb Marx an Kugelmann. »Das |463| tut
einem wahrhaft wohl nach der langweiligen zwanzigjährigen Sumpfidylle.
Das Regierungsblatt - ›The Observer‹ - droht mir mit gerichtlicher
Verfolgung. Mögen sie es wagen! Ich pfeife auf diese Kanaillen.« Marx
hatte sich sofort nach dem ersten Anheben des Spektakels als Verfasser
der Adresse genannt.
In
späteren Jahren ist Marx auch von sozialdemokratischen, immerhin
vereinzelten Stimmen getadelt worden, daß er die Internationale
gefährdet habe, indem er sie mit der Verantwortung für die Kommune
belastet habe, die sie gar nicht zu tragen hatte. Er hätte sie ja
gegen ungerechte Angriffe verteidigen können, aber sich vor ihren
eigenen Fehlern und Mißgriffen bekreuzigen müssen. Das wäre so die
Taktik liberaler »Staatsmänner« gewesen, die Marx nicht befolgen
konnte, eben weil er Marx war. Er hat nie daran gedacht, die Zukunft
seiner Sache zu opfern, in der trügerischen Hoffnung, dadurch die
Gefahren zu mindern, die ihr in der Gegenwart drohten.
4. Die Internationale
und die Kommune
Indem
die Internationale das Erbe der Kommune, ohne Sichtung des Nachlasses,
unbesehen übernahm, trat sie einer Welt von Feinden gegenüber.
Am
wenigsten kam es dabei noch auf die verleumderischen Angriffe an,
womit die bürgerliche Presse aller Länder sie überschüttete. Im
Gegenteile gewann sie dadurch in gewissem Sinne und bis zu einem
gewissen Grade ein Mittel der Propaganda, indem der Generalrat durch
öffentliche Erklärungen diese Angriffe zurückwies und damit wenigstens
in der großen englischen Presse einiges Gehör fand.
Eine
schwerere Last hatte der Generalrat an der Sorge für die zahlreichen
Flüchtlinge der Kommune zu tragen, die sich zum Teil in Belgien und
der Schweiz, vornehmlich aber in London eingefunden hatten. Bei dem
immer schlechten Zustande seiner Finanzen konnte er nur mit der
größten Mühe und Not die nötigen Mittel herbeischaffen und mußte lange
Monate seiner Kraft und Zeit hierauf verwenden, unter Vernachlässigung
seiner regelmäßigen Aufgaben, die um so dringendere Erledigung
erheischten, als fast alle Regierungen gegen die Internationale
mobilmachten.
Aber
auch dieser Krieg der Regierungen war noch nicht die schwerste Sorge.
Er wurde zunächst in den einzelnen Staaten des Festlandes mit |464|
größerem oder geringerem Nachdruck geführt, aber die Versuche, alle
Regierungen zu einer gemeinsamen Hetzjagd gegen das klassenbewußte
Proletariat zu einigen, scheiterten vorläufig. Den ersten Vorstoß
dieser Art unternahm die französische Regierung schon am 6. Juni 1871,
in einem Rundschreiben Jules Favres, doch war dies Aktenstück so dumm
und verlogen, daß es bei den übrigen Regierungen keinen Anklang fand,
selbst bei Bismarck nicht, der, sonst für jede reaktionäre und nun gar
arbeiterfeindliche Anregung sehr empfänglich, auch durch die
Parteinahme der deutschen Sozialdemokratie für die Kommune, und zwar
sowohl der Lassalleaner wie der Eisenacher, aus seinem
Größenbewußtsein aufgeschreckt worden war.
Einige
Zeit später unternahm die spanische Regierung einen zweiten Versuch,
die europäischen Regierungen gegen die Internationale
zusammenzuschweißen, wiederum durch ein Rundschreiben ihres Ministers
für auswärtige Angelegenheiten. Es reiche nicht hin, heißt es darin,
daß eine Regierung vereinzelt die strengsten Maßregeln gegen die
Internationale ergreife und deren Sektionen in ihrem Bereich
unterdrücke: alle Regierungen müßten zur Beseitigung des Übels ihre
Bemühungen vereinigen. Dieser Lockruf hätte schon eher ein Echo
gefunden, wenn ihn die englische Regierung nicht sofort erstickt
hätte. Lord Granville erwiderte, die Internationale hätte »hier zu
Lande« ihre Operationen hauptsächlich auf Ratschläge in Sachen von
Arbeitseinstellungen beschränkt und verfüge zu deren Unterstützung nur
über geringe Geldsummen, während die revolutionären Pläne, die einen
Teil ihres Programms bildeten, mehr die Ansicht der auswärtigen
Mitglieder als die Ansicht der britischen Arbeiter widerspiegelten,
deren Aufmerksamkeit hauptsächlich auf Lohnfragen gerichtet sei. Aber
auch die Ausländer ständen, wie die britischen Untertanen, unter dem
Schutze der Gesetze; würden sie gegen diese verstoßen, indem sie sich
an Kriegsoperationen gegen irgendeinen Staat beteiligten, mit dem
Großbritannien in Freundschaft lebe, so würden sie bestraft werden,
jedoch läge kein Grund vor, außerordentliche Vorkehrungen gegen die
Ausländer auf englischen Boden zu treffen. Diese vernünftige Abwehr
einer unvernünftigen Zumutung veranlaßte Bismarcks offiziöses
Leibblatt freilich zu der knurrigen Bemerkung, die Vorkehrungen zur
Abwehr der Internationalen müßten im wesentlichen wirkungslos bleiben,
solange der britische Boden eine Freistatt bilde, von wo aus die
übrigen europäischen Staaten unter dem Schutze des englischen Gesetzes
ungestraft beunruhigt werden dürften.
Wenn
somit ein gemeinsamer Kreuzzug der Regierungen gegen die |465|
Internationale sich nicht auf die Beine bringen ließ, so vermochte sie
selbst doch auch nicht, eine geschlossene Phalanx herzustellen gegen
die Verfolgungen, denen ihre Sektionen in den einzelnen Staaten des
Festlandes ausgesetzt waren. Diese Sorge drückte am allerschwersten
auf sie und nicht zum wenigsten deshalb, weil sie gerade auch in den
Ländern, in deren Arbeiterklassen sie ihre sichersten Stützen gesehen
hatte, den Boden unter den Füßen wanken fühlte: in England, Frankreich
und Deutschland, wo die großindustrielle Entwicklung mehr oder minder
weit vorgeschritten war und die Arbeiter ein mehr oder minder
beschränktes Wahlrecht für die gesetzgebenden Körperschaften besaßen.
Äußerlich bekundete sich die Wichtigkeit dieser Länder für die
Internationale schon dadurch, daß in ihrem Generalrat 20 Engländer, 15
Franzosen, 7 Deutsche, dagegen nur je 2 Schweizer und Ungarn, und je 1
Pole, Belgier, Ire, Däne und Italiener saßen.
In
Deutschland hatte Lassalle die Arbeiteragitation von vornherein auf
nationalem Boden angelegt, was ihm von Marx zum bitteren Vorwurf
angerechnet worden war, aber was, wie sich alsbald herausstellen
sollte, der deutschen Arbeiterpartei über eine Krise hinweghalf, die
die sozialistische Entwicklung in allen übrigen Ländern des Festlandes
durchzumachen hatte. Einstweilen jedoch hatte der Krieg ein
augenblickliches Stocken der deutschen Arbeiterbewegung hervorgerufen;
ihre beiden Fraktionen hatten genug mit sich selber zu tun, so daß sie
sich nicht viel um die Internationale kümmern konnten. Zudem hatten
sich zwar beide gegen die Annexion Elsaß-Lothringens und für die
Pariser Kommune erklärt, aber die Eisenacher, die vom Generalrat
allein als Zweig der Internationalen anerkannt wurden, waren dabei so
in den Vordergrund getreten, daß sie mit Anklagen wegen Hochverrats
und ähnlichen schönen Dingen noch vor den Lassalleanern bedrängt
wurden. War es doch Bebel gewesen, der durch die feurige
Reichstagsrede, worin er die deutschen Sozialdemokraten mit den
französischen Kommunards solidarisch erklärte, nach Bismarcks eigenem
Geständnis zuerst dessen Argwohn erweckt hatte, der sich nun in
wachsenden Gewaltschlägen gegen die deutsche Arbeiterbewegung entlud.
Viel entscheidender jedoch war für die Stellung der Eisenacher zu der
Internationalen, daß sie sich ihr mehr und mehr entfremdeten, seitdem
sie sich als selbständige Partei innerhalb nationaler Grenzen aufgetan
hatten.
In
Frankreich hatten sich die Thiers und Favre von der
Krautjunkerversammlung ein hartes Ausnahmegesetz gegen die
Internationale bewilligen lassen, das die durch den furchtbaren
Aderlaß der Versailler Metzeleien ohnehin bis auf den Tod erschöpfte
Arbeiterklasse völlig |466| lähmte. Gingen diese Ordnungshelden
in ihrer wilden Rachsucht sogar so weit, von der Schweiz und selbst
von England die Auslieferung von Kommuneflüchtlingen als angeblich
gemeinen Verbrechern zu verlangen, und hätten sie in der Schweiz damit
beinahe Glück gehabt! So waren für den Generalrat alle Beziehungen zu
Frankreich selbst abgerissen. Um das französische Element in seinem
Schoße vertreten zu sehen, nahm er eine Anzahl Kommuneflüchtlinge auf,
teils solche, die schon früher der Internationalen angehört, teils
solche, die sich durch ihre revolutionäre Energie bekanntgemacht
hatten, wodurch der Pariser Kommune gehuldigt werden sollte. Das war
soweit sehr gut, führte aber zu keiner Stärkung, sondern nur zu einer
Schwächung des Generalrats. Denn auch die Flüchtlinge der Kommune
verfielen dem unvermeidlichen Schicksal aller Emigranten, nämlich sich
durch inneren Hader aufzureiben. Marx hatte jetzt mit den
französischen Emigranten eine ähnliche Misere durchzumachen wie
zwanzig Jahre früher mit den deutschen. Er war sicherlich der letzte,
je irgendeine Anerkennung für das zu beanspruchen, was zu tun er für
seine Pflicht hielt, aber die ewigen Klüngeleien der französischen
Flüchtlinge entrissen ihm im November 1871 doch einmal den
Stoßseufzer: »Dies der Dank dafür, daß ich fast fünf Monate in
Arbeiten für die Flüchtlinge verloren und durch die ›Adress on the
Civilwar‹ [Mehring übersetzt: Adresse] als ihr Ehrenretter gewirkt
habe.«
Endlich verlor die Internationale die Stütze, die sie bisher an den
englischen Arbeitern gehabt hatte. Äußerlich trat der Bruch dadurch
zuerst hervor, daß zwei angesehene Führer des Trade-Unionismus,
Lucraft und Odger, die dem Generalrat seit Anbeginn zugehört hatten,
Odger sogar als Vorsitzender, solange dieses Amt bestand, ihren
Austritt erklärten, wegen der Adresse über den Bürgerkrieg. Daraus ist
die Legende entstanden, daß die Trade Unions sich von der
Internationalen getrennt hätten, aus sittlichem Abscheu über deren
Parteinahme für die Kommune. Das Stückchen Wahrheit, das darin ist,
enthielt jedoch keineswegs den entscheidenden Gesichtspunkt. Die Sache
hatte einen viel tieferen Zusammenhang.
Das
Bündnis zwischen der Internationalen und den Trade Unions war von
Anfang an eine Vernunftehe. Man brauchte sich gegenseitig, aber keiner
von beiden Teilen dachte daran, sich mit dem anderen auf Gedeih und
Verderb zu verschmelzen. Mit meisterhafter Geschicklichkeit hatte Marx
verstanden, in der »Inauguraladresse» und den »Statuten der
Internationalen« ein gemeinsames Programm zu schaffen, aber wenn die
Trade Unions dies Programm auch unterschreiben konnten, so entnahmen
sie praktisch doch nur das daraus, was ihnen in ihren Kram paßte.
|467| Dies Verhältnis schilderte Lord Granville in seiner
Antwortdepesche an die spanische Regierung ganz richtig. Zweck der
Trade Unions war Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf dem Boden der
kapitalistischen Gesellschaft, und um diesen Zweck zu erreichen oder
zu sichern, verschmähten sie auch nicht den politischen Kampf, aber in
der Wahl ihrer Kampfgenossen und ihrer Kampfmittel waren sie
vollkommen frei von allen grundsätzlichen Bedenken, soweit es nicht
eben auf ihren eigentlichen Zweck ankam.
Marx
mußte bald erkennen, daß diese spröde Eigenart der Trade Unions, die
sich tief in der Geschichte und dem Wesen des englischen Proletariats
verwurzelt hatte, nicht so leicht zu brechen sei. Die Trade Unions
brauchten die Internationale, um die Wahlreform durchzusetzen, aber
als die Wahlreform durchgesetzt war, begannen sie mit den Liberalen zu
liebäugeln, ohne deren Hilfe sie nicht darauf rechnen konnten,
Parlamentssitze zu erobern. Schon im Jahre 1868 schalt Marx über diese
»Intriganten«, unter denen er auch schon Odger nannte, der wiederholt
für das Parlament kandidierte. Ein andermal rechtfertigte Marx die
Tatsache, daß einige Anhänger des Sektenhäuptlings Bronterre O'Brien
im Generalrat saßen, mit den bezeichnenden Worten: »Diese O'Brienniten,
trotz ihrer Narrheiten, bilden im Council ein oft nötiges Gegengewicht
gegen die Trade-Unionisten. Sie sind revolutionärer, über die
Landfrage entschiedener, weniger national und bürgerlicher Bestechung
in einer oder der anderen Form nicht zugänglich. Sonst hätte man sie
längst an die Luft gesetzt.« Und dem wiederholt auftauchenden
Vorschlag, einen eigenen Föderalrat für England zu bilden, widersetzte
sich Marx, wie er u.a. in dem Rundschreiben des Generalrats vom 1.
Januar 1870 ausführte, vornehmlich aus dem Grunde, weil den Engländern
der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft
fehle, so daß solch Föderalrat ein Spielball radikaler
Parlamentsmitglieder werden würde.
Nach
dem Abfall der englischen Arbeiterführer hat Marx in derbster Weise
den Vorwurf gegen sie erhoben, daß sie sich dem liberalen Ministerium
verkauft hätten. Das mag auf einzelne zutreffen, auf andere trifft es
aber selbst dann nicht zu, wenn man die Bestechung in »anderer Form«
als barer Zahlung versteht. Applegarth war als Trade-Unionist
mindestens ebenso angesehen wie Odger und Lucraft, und galt beiden
Häusern des Parlaments sogar als offizieller Vertreter des
Trade-Unionismus. Schon nach dem Baseler Kongreß war er von seinen
parlamentarischen Gönnern interpelliert worden, wie er sich zu den
Beschlüssen dieses Kongresses über das Gemeineigentum stelle, hatte
sich aber durch |468| die kaum verhüllte Drohung nicht
einschüchtern lassen. Und als er 1870 in die Königliche Kommission zur
Beratung der Gesetze gegen venerische Krankheiten gewählt wurde und
damit als erster Arbeiter den Anspruch erhielt, von dem Souverän als
Unser Getreuer und Vielgeliebter angesprochen zu werden,
unterzeichnete er gleichwohl die Adresse über den »Bürgerkrieg in
Frankreich« und blieb überhaupt dem Generalrat bis zu dessen Ende
treu.
Gerade
aber an dem Beispiel dieses persönlich unantastbaren Mannes, der auch
später die Berufung ins Handelsamt abgelehnt hat, zeigte sich, worin
der Umfall der englischen Arbeiterführer bestand. Das nächste Ziel der
Trade Unions war Rechtsschutz für ihre Verbände und ihre Kassen. Dies
Ziel schienen sie erreicht zu haben, als im Frühjahr 1871 die
Regierung einen Gesetzentwurf einbrachte, wonach jede Trade Union ein
Recht auf gesetzliche Registrierung und Rechtsschutz für ihre Kassen
haben sollte, sobald ihre Statuten nicht gegen die Strafgesetze
verstießen. Aber indem die Regierung mit der einen Hand gab, nahm sie
mit der anderen Hand.
In
einem zweiten Teil des Gesetzes wurde die Koalitionsfreiheit
aufgehoben, indem alle Kautschukbestimmungen, die je gegen Streiks
ersonnen worden waren, das Verbot von »Gewaltanwendungen«,
»Drohungen«, »Einschüchterung«, »Belästigungen«, »Behinderungen« usw.
von neuem bestätigt und selbst verschärft wurden. Es war ein richtiges
Ausnahmegesetz: Handlungen, die von Trade Unions begangen wurden oder
ihre Zwecke fördern sollten, wurden unter Strafe gestellt, während
dieselben Handlungen, wenn sie von anderen Verbindungen begangen
wurden, straflos blieben. In ihrer immerhin höflichen Weise sagen die
Historiker des englischen Trade-Unionismus: »Es schien von geringem
Nutzen, die Existenz von Gewerkvereinen für gesetzlich zu erklären,
wenn das Strafgesetz so gedehnt wurde, daß es sich auch auf die
alltäglichen friedlichen Mittel erstreckte, durch die diese Vereine
ihre Zwecke zu erreichen pflegten.« Zum ersten Male wurden die
Gewerkvereine gesetzlich anerkannte und geschützte Körperschaften,
aber die gegen die gewerkschaftliche Aktion gerichteten
Gesetzesbestimmungen wurden ausdrücklich bestätigt und selbst noch
verschärft.
Natürlich wiesen die Trade Unions und ihre Führer dies Danaergeschenk
zurück. Jedoch erreichten sie mit ihrem Widerstande nicht mehr, als
daß die Regierung ihre Vorlage in zwei Teile zerlegte: ein Gesetz, das
die Gewerkvereine legalisierte, und eine Strafgesetznovelle, die jede
gewerkschaftliche Aktion mit schwerer Ahndung bedrohte. Das war
natürlich kein wirklicher Erfolg, sondern eine Falle, in die die
Gewerkschaftsführer |469|* gelockt werden sollten und in die
sie auch wirklich hineintappten. Ihre Kassen standen ihnen höher als
ihre gewerkschaftlichen Prinzipien; sie alle, und Applegarth war dabei
sogar voran, ließen ihre Vereine auf Grund des neuen Gesetzes
einregistrieren, und im September 1871 löste sich die Konferenz der
amalgamierten Gewerkschaften, die Vertretung des »Neuen Unionismus«,
der ehedem die Verbindung zwischen der Internationalen und den Trade
Unions vermittelt hatte, in aller Form auf, weil »die Aufgaben erfüllt
seien, zu deren Lösung sie ins Leben gerufen« worden sei.
Die
Führer der Trade Unions mochten ihr Gewissen damit beschwichtigen, daß
sie in ihrer allmählichen Verbürgerlichung sich daran gewöhnt hatten,
in den Streiks nur noch rohe Formen der gewerkschaftlichen Bewegung zu
sehen. Schon 1867 hatte einer von ihnen vor einer Königlichen
Kommission erklärt, die Streiks bedeuteten für Arbeiter wie
Unternehmer eine absolute Verschwendung an Geld. Sie bremsten deshalb
auch mit allen Kräften, als im Jahre 1871 eine gewaltige Bewegung für
den Neunstundentag durch das englische Proletariat ging, dessen Massen
die »staatsmännische« Entwicklung ihrer Führer nicht mitgemacht hatten
und durch die neue Strafgesetznovelle aufs äußerste gereizt wurden.
Die Bewegung begann am 1. April mit einem Streik der Maschinenbauer in
Sunderland, verbreitete sich schnell in den Maschinenbaudistrikten und
gipfelte in dem Streik von Newcastle, der nach fünf Monaten mit einem
vollständigen Siege der Arbeiter endete. Der große Verein der
Maschinenbauer verhielt sich aber zu dieser Massenbewegung durchaus
ablehnend; erst nach vierzehn Wochen erhielten die streikenden
Arbeiter, die Mitglieder des Vereins waren, eine Streikunterstützung
von fünf Schillingen wöchentlich außer der gewöhnlichen
Arbeitslosenunterstützung. Die Bewegung, die sich schnell auf eine
ganze Zahl anderer Berufe erstreckte, wurde fast ausschließlich von
der Neunstundenliga getragen, die sich für diesen Kampf gebildet hatte
und in John Burnett einen sehr fähigen Leiter gewann.
Um so
lebhafteres Entgegenkommen fand die Neunstundenliga bei dem Generalrat
der Internationalen, der seine Mitglieder Cohn und Eccarius nach
Dänemark und Belgien sandte, um die Anwerbung ausländischer Arbeiter
durch die Agenten der Fabrikanten zu hintertreiben. Das gelang ihnen
auch in weitem Umfange. Bei den Verhandlungen mit Burnett konnte Marx
die bittere Bemerkung nicht unterdrücken, es sei ein eigenes
Mißgeschick, daß die organisierten Körperschaften der Arbeiter sich
abseits der Internationalen hielten, bis sie in Verlegenheit gerieten;
kämen sie rechtzeitig, so könnten alle Vorbeugungsmaßregeln
|470| rechtzeitig getroffen werden. Indessen
gewann es ganz den Anschein, als ob die Internationale einen
überreichen Ersatz für das, was sie an den Führern verloren hatte, an
den Massen gewinnen würde; immer neue Sektionen bildeten sich, und die
bestehenden Sektionen gewannen eine wachsende Zahl neuer Mitglieder.
Doch wurde dabei auch immer dringlicher die Forderung gestellt,
England müsse seinen eigenen Föderalrat haben.
Marx
machte nun endlich dies Zugeständnis, dem er sich lange widersetzt
hatte; da nach dem Fall der Kommune eine neue Revolution nicht mehr in
absehbarer Nähe lag, scheint er nicht mehr so großen Wert darauf
gelegt zu haben, daß der Generalrat unmittelbar die Hand auf dem
stärksten Hebel der Revolution habe. Aber seine alten Bedenken
erwiesen sich doch als gerechtfertigt; mit der Einrichtung des
Föderalrats sollte sich offenbaren, daß die Spuren der Internationalen
in England früher verschwanden als in irgendeinem anderen Lande.
5. Die bakunistische
Opposition
Hatte
die Internationale schon in Deutschland, Frankreich und England nach
dem Fall der Pariser Kommune mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, so
vollends in anderen Ländern, wo sie erst schwachen Fuß gefaßt hatte.
Der kleine Krisenherd, der sich schon vor Ausbruch des
Deutsch-Französischen Krieges in der romanischen Schweiz gebildet
hatte, dehnte sich über Italien, Spanien, Belgien und andere Länder
aus; es gewann den Anschein, als ob es die Tendenzen Bakunins über die
Tendenzen des Generalrats davontragen sollten.
Nicht
als ob diese Entwicklung der agitatorischen Tätigkeit Bakunins oder,
wie der Generalrat annahm, seinen Intrigen geschuldet wäre. Zwar
unterbrach Bakunin seine Übersetzungsarbeit am »Kapital« schon in den
ersten Tagen des Jahres 1871, um sich neuer politischer Tätigkeit zu
widmen, aber diese Tätigkeit hatte nichts mit der Internationalen zu
tun und verlief so, daß sie das politische Ansehen Bakunins schwer
erschütterte. Es handelte sich um die berufene Affäre Netschajew, über
die nicht so leicht hinwegzukommen ist, wie die begeisterten Verehrer
Bakunins versuchen, indem sie ihm nur »zu große Intimität durch zu
große Güte« vorwerfen.
Netschajew war ein junger Mann von einigen zwanzig Jahren, als
Leibeigener aufgewachsen, aber durch das Wohlwollen liberaler Personen
|471|* auf dem Seminar für den Lehrerberuf vorbereitet. Er
geriet in die damalige russische Studentenbewegung, in der ihm weder
seine dürftige Bildung noch sein mäßiger Verstand, aber wohl seine
wilde Energie und sein unbändiger Haß gegen die zarische Unterdrückung
eine gewisse Stellung verschafften. Seine hervorragendste Eigenschaft
war jedoch die Freiheit von allen moralischen Bedenken, wenn es seine
Sache zu fördern galt. Persönlich begehrte er nichts und entbehrte
alles, wenn es nötig war, aber er scheute vor keiner noch so
verwerflichen Handlung zurück, wenn er sich einbildete, dadurch
revolutionär zu wirken.
Er war
schon im Frühling 1869 in Genf erschienen, im doppelten Glanze eines
aus der Peter-Pauls-Festung entkommenen Staatsverbrechers und des
Abgesandten eines allmächtigen Komitees, das angeblich im geheimen die
Revolution ganz Rußlands vorbereite. Beides war erfunden; weder gab es
ein solches Komitee, noch hatte Netschajew in der Peter-Pauls-Festung
gesessen. Nach der Verhaftung einiger seiner engeren Genossen war er
ins Ausland gegangen, nach seiner eigenen Angabe, um die alten
Emigranten zu beeinflussen, mit ihren Namen und ihren Schriften die
russische Jugend zu begeistern. Diesen Zweck erreichte er bei Bakunin
in einem schier unbegreiflichen Maße. Dem imponierte der »junge
Wilde«, der »kleine Tiger«, wie er Netschajew zu nennen pflegte, als
der Vertreter eines neuen Geschlechts, das mit revolutionärer Tatkraft
das alte Rußland über den Haufen werfen würde. Bakunin glaubte so
unbedingt an das »Komitee«, daß er sich dessen Befehlen, die ihm durch
Netschajew übermittelt würden, ohne jede Einrede zu unterwerfen
verpflichtete, und war sofort bereit, gemeinsam mit Netschajew eine
Reihe schärfster revolutionärer Schriften zu veröffentlichen und über
die russische Grenze zu werfen.
Für
diese Literatur ist Bakunin zweifellos mitverantwortlich, und es ist
von keinem entscheidenden Interesse, zu untersuchen, ob einige ihrer
ärgsten Leistungen von ihm oder von Netschajew herrühren. Zudem ist
seine Autorschaft weder bestritten an dem Aufrufe, der die russischen
Offiziere aufforderte, dem »Komitee« denselben unbedingten Gehorsam zu
leisten, zu dem Bakunin selbst sich verpflichtet hatte, noch an der
Flugschrift, die das russische Räuberwesen idealisierte, noch an dem
revolutionären Katechismus, worin sich Bakunins Vorliebe für grausige
Vorstellungen und schreckliche Worte bis zum Übermaß austobte, Nicht
erwiesen ist jedoch, daß Bakunin je irgendeinen Anteil an Netschajews
demagogischer Praxis gehabt hat, deren Opfer er selbst werden sollte,
und deren allzu späte Erkenntnis ihn dem »kleinen Tiger« die Wege
weisen ließ. Wenn Bakunin und Netschajew vom Generalrat der
Internationalen |472|* beschuldigt worden sind, daß sie
unschuldige Personen in Rußland ins Verderben gestürzt hätten, indem
sie ihnen Briefe, Druckschriften oder Telegramme in einer Form
zusandten, die notwendig die Aufmerksamkeit der russischen Polizei
erregen mußte, so hätte ein Mann wie Bakunin vor solchen Vorwürfen
billigerweise geschützt sein sollen. Den wirklichen Sachverhalt gab
Netschajew bei seiner Entlarvung selbst zu; er bekannte sich mit
eiserner Stirn zu seiner nichtswürdigen Methode, alle, die nicht
vollständig solidarisch mit ihm seien, zu kompromittieren, um sie zu
vernichten oder ganz in die Bewegung hineinzureißen. Nach derselben
Methode ließ er von Personen, die ihm vertrauten, in Augenblicken der
Aufregung kompromittierende Erklärungen unterzeichnen oder stahl ihnen
vertrauliche Briefe, in deren Besitz er einen erpresserischen Druck
auf sie ausüben konnte.
Zur
Kenntnis dieser Methode war Bakunin noch nicht gekommen, als
Netschajew im Herbst 1869 nach Rußland zurückkehrte. Er nahm eine
schriftliche Beglaubigung Bakunins mit, worin dieser ihn als
»bevollmächtigten Vertreter«, natürlich nicht der Internationalen, und
selbst nicht einmal der Allianz der sozialistischen Demokratie,
sondern einer Europäischen revolutionären Allianz anerkannte, die
Bakunins erfindungsreicher Geist gewissermaßen als Ableger der Allianz
für russische Angelegenheiten gegründet hatte. Sie bestand vermutlich
erst auf dem Papier, aber der Name Bakunins war wirksam genug, um der
Agitation Netschajews unter der studierenden Jugend einen gewissen
Nachdruck zu geben. In der Hauptsache arbeitete er aber auch jetzt mit
dem Schwindel des »Komitees«, und als einer seiner neu gewonnenen
Anhänger, der Student Iwanow, an der Existenz dieser geheimen
Obrigkeit zu zweifeln begann, schaffte er den unbequemen Zweifler
durch Meuchelmord aus dem Wege. Die Auffindung der Leiche führte zu
zahlreichen Verhaftungen, doch entkam Netschajew über die Grenze.
In den
ersten Tagen des Januar 1870 erschien er wieder in Genf, und nun
begann das alte Spiel. Bakunin trat mit Feuereifer dafür ein, daß die
Tötung Iwanows ein politisches, aber kein gemeines Verbrechen sei,
wegen dessen die Schweiz die von der russischen Regierung beanspruchte
Auslieferung Netschajews nicht bewilligen dürfe. Einstweilen hielt
sich Netschajew so gut versteckt, daß die Polizei seiner nicht habhaft
werden konnte. Er selbst aber spielte seinem Beschützer einen bösen
Streich. Er veranlaßte Bakunin, die Übersetzung des »Kapitals«
aufzugeben, um seine ganze Kraft der revolutionären Propaganda zu
widmen, und versprach, in Sachen des bereits gezahlten Vorschusses
sich mit dem Verleger zu einigen. Bakunin, der damals selbst in den
kümmerlichsten Umständen |473|* lebte, konnte dies Versprechen
nur dahin auffassen, daß Netschajew oder sein geheimnisvolles
»Komitee« dem Verleger die 300 Rubel Vorschuß zurückerstatten werde.
Netschajew aber sandte einen »offiziellen Beschluß« des »Komitees«,
auf einem Bogen, der mit dessen Briefkopfe versehen und dazu mit einem
Beil, einem Dolch und einem Revolver verziert war, nicht an den
Verleger selbst, sondern an Lubawin, der den Verleger vermittelt
hatte. Diesem wurde darin verboten, die Rückerstattung des Vorschusses
von Bakunin zu verlangen, falls er nicht des Todes gewärtig sein
wolle. Erst durch einen beleidigenden Brief Lubawins erfuhr Bakunin
davon. Er beeilte sich, durch einen neuen Empfangsschein seine Schuld
anzuerkennen, und ebenso seine Verpflichtung, sie zurückzuzahlen,
sobald es in seinen Kräften stände, brach aber mit Netschajew, von dem
er inzwischen auch andere Dinge erfahren hatte, wie den Plan, die
Simplonpost zu überfallen und zu berauben.
Für
Bakunin hatte die unbegreifliche und für einen politischen Kopf
unverzeihliche Leichtgläubigkeit, die er in dieser abenteuerlichsten
Episode seines Lebens bewiesen hatte, sehr unangenehme Folgen. Marx
erfuhr schon im Juli 1870 davon, und zwar diesmal durch eine sehr
lautere Quelle: nämlich den braven Lopatin, der im Mai, bei einem
Aufenthalt in Genf, sich vergebens bemüht hatte, Bakunin zu
überzeugen, daß kein »Komitee« in Rußland existiere, daß Netschajew
nie in der Peter-Pauls-Festung gesessen habe, daß die Erwürgung
Iwanows ein ganz zweckloser Mord gewesen sei, und wenn einer, so mußte
Lopatin von diesen Dingen unterrichtet sein. Marx mußte dadurch in der
ungünstigen Meinung, die er sich nunmehr über Bakunin gebildet hatte,
wesentlich bestärkt werden. Die russische Regierung aber nutzte die
günstige Gelegenheit aus, als sie durch die zahlreichen Verhaftungen
nach Iwanows Ermordung hinter das Treiben Netschajews gekommen war. Um
die russischen Revolutionäre vor aller Welt zu blamieren, ließ sie zum
ersten Male eine politische Gerichtsverhandlung öffentlich und vor
Geschworenen führen; im Juli 1871 begannen die Verhandlungen des
sogenannten Prozesses Netschajew in Petersburg, die gegen mehr als
achtzig Angeklagte, zumal Studenten, geführt wurden und den meisten
von ihnen schwere Verurteilungen zu Gefängnis oder auch zu
Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken eintrugen.
Netschajew selbst war damals noch auf freien Füßen, er hielt sich
abwechselnd in der Schweiz, in London und in Paris auf, wo er die Zeit
der Belagerung und der Kommune verlebte; erst im Herbst 1872 wurde er
in Zürich durch einen Spitzel verraten. Daß Bakunin jetzt noch mit
seinen Freunden bei Schabelitz in Zürich ein Flugblatt erscheinen
|474| ließ, um die Auslieferung des Verhafteten wegen gemeinen
Mordes zu hindern, gereicht ihm nicht zur Unehre. Ebensowenig daß er,
als die Auslieferung dennoch erfolgte, an Ogarew schrieb, der sich
ebenfalls von Netschajew hatte betören lassen und ihm sogar den
Batmetjewschen Fonds, über den er nach Herzens Tode verfügen durfte,
ganz oder teilweise ausgeliefert hatte: »Eine gewisse innere Stimme
sagt mir, daß Netschajew, der unrettbar verloren ist und dies ohne
Zweifel weiß, diesmal aus der Tiefe seines Wesens, das verworren,
versumpft, aber nicht niedrig ist, seine ganze ursprüngliche Energie
und Standhaftigkeit wieder hervorrufen wird. Er wird als Held zugrunde
gehen und diesmal niemand und nichts verraten.« Dieser Erwartung hat
Netschajew in zehn furchtbaren Kerkerjahren bis an seinen Tod
entsprochen; er hat seine früheren Sünden nach Möglichkeit gutzumachen
gesucht und eine stählerne Energie bewährt, die selbst seine
Wachmannschaften seinem Willen fügsam machte.
Zur
selben Zeit, wo der Bruch zwischen Bakunin und Netschajew erfolgte,
brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Er gab den Gedanken Bakunins
sofort eine andere Richtung; der alte Revolutionär rechnete jetzt
darauf, daß der Einmarsch der deutschen Heere das Signal zur sozialen
Revolution in Frankreich geben werde. Gegenüber einer
aristokratischen, monarchischen, militärischen Invasion dürften die
französischen Arbeiter nicht untätig bleiben, wenn sie nicht nur ihre
eigene Sache, sondern auch die Sache des Sozialismus nicht verraten
wollten; der Sieg Deutschlands sei der Sieg der europäischen Reaktion.
Wenn Bakunin mit Recht bestritt, daß eine Revolution im Innern den
Widerstand des Volkes nach außen lähmen würde und sich hierfür gerade
auf die französische Geschichte berufen konnte, so bewegten sich seine
Vorschläge, die bonapartistisch und reaktionär gesinnte Bauernklasse
zum gemeinsamen revolutionären Vorgehen mit den städtischen Arbeitern
aufzustürmen, doch durchaus nur im Luftreich des Traums. Man solle den
Bauern nicht mit irgendwelchen Dekreten oder kommunistischen
Vorschlägen oder Organisationsformen kommen; das würde nur ihren
Aufstand gegen die Städte bewirken. Man solle vielmehr aus ihrer Seele
die Revolution hervorlocken, und was dergleichen phantastische
Redensarten mehr waren.
Nach
dem Fall des Kaiserreichs erließ Guillaume einen Aufruf in der »Solidarité«,
mit bewaffneten Freischaren der französischen Republik zu Hilfe zu
eilen. Es war ein richtiger Narrenstreich, zumal im Munde eines
Mannes, der wahrhaft fanatisch die Enthaltung der Internationalen von
aller Politik predigte; auch hatte er keine andere Wirkung, als
ausgelacht |475|* zu werden. Nicht jedoch darf man den Versuch
Bakunins, am 26. September eine revolutionäre Kommune in Lyon
auszurufen, unter demselben Gesichtspunkt betrachten. Bakunin war von
revolutionären Elementen dorthin berufen worden. Man hatte sich des
Stadthauses bemächtigt, die »Verwaltungs- und Regierungsmaschinerie
des Staates« abgeschafft und dafür die »Revolutionäre Föderation der
Gemeinde« ausgerufen, als der Verrat des Generals Cluseret und die
Feigheit einiger anderer Personen einen leichten Sieg der
Nationalgarde über die Bewegung ermöglichte. Vergebens hatte Bakunin
zu energischen Maßregeln gedrängt und in erster Reihe gefordert, die
Vertreter der Regierung zu verhaften. Er selbst wurde gefangengenommen,
aber durch eine Abteilung freier Schützen wieder befreit. Er hielt
sich noch einige Wochen in Marseille auf, in der Hoffnung, daß die
Bewegung wieder erwachen werde, und als sich seine Hoffnung nicht
erfüllte, kehrte er Ende Oktober nach Locarno zurück.
Der
Spott über diesen mißlungenen Versuch hätte billigerweise der Reaktion
überlassen werden sollen. Ein Gegner Bakunins, dem alle Abneigung
gegen den Anarchismus noch nicht die Unbefangenheit des Urteils
geraubt hat, schreibt zutreffend: »Leider ließen sich auch in der
sozialdemokratischen Presse spöttische Stimmen hören, was Bakunin
durch seinen Versuch wahrlich nicht verdient hat. Selbstverständlich
können und müssen diejenigen, die die anarchistischen Ansichten
Bakunins und seiner Anhänger nicht teilen, sich kritisch zu seinen
grundlosen Hoffnungen verhalten. Doch abgesehen davon war sein
damaliges Auftreten ein mutiger Versuch, die eingeschlafene Energie
des französischen Proletariats zu wecken, und sie gleichzeitig gegen
den äußern Feind und die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu
richten. Ungefähr dasselbe versuchte später die Kommune, die Marx
bekanntlich warm begrüßte.« Das ist jedenfalls sachlicher und
vernünftiger gesprochen, als wenn der Leipziger »Volksstaat« die von
Bakunin in Lyon erlassene Proklamation nach bekannter Melodie ansang,
sie hätte im Berliner Preßbüro nicht passender für Bismarck gemacht
werden können.
Sein
Scheitern in Lyon entmutigte Bakunin aufs tiefste. Er sah die
Revolution, die er schon mit Händen greifen zu können geglaubt hatte,
in weite Ferne entschwinden, zumal als auch der Aufstand der Kommune
niedergeworfen wurde, der für den Augenblick neue Hoffnungen in ihm
erweckt hatte. Sein Haß gegen die revolutionäre Propaganda, wie sie
Marx trieb, wuchs in demselben Maße an, als er ihr die Hauptschuld an
der seines Erachtens schläfrigen Haltung des Proletariats gab. Dazu
war seine materielle Lage überaus kläglich; seine Brüder halfen ihm
|476| nicht, und es gab Tage, wo er nicht mehr als fünf Centimes
in der Tasche hatte und nicht die gewohnte Tasse Tee trinken konnte.
Seine Frau fürchtete, daß er seine Energie verlieren und sich
moralisch zerstören würde. Er selbst aber entschloß sich, in einem
Werke, das er stückweise in freien Augenblicken niederschrieb, seine
Ansichten über den Werdegang der Menschheit, der Philosophie, die
Religion, den Staat und die Anarchie zu entwickeln. Es sollte sein
Vermächtnis sein.
Indessen ist es nicht vollendet worden; diesem unruhigen Geiste war
kein langes Feiern beschieden. Utin hatte seine Hetzereien in Genf
fortgesetzt und im August 1870 erreicht, daß Bakunin und einige seiner
Freunde aus der Genfer Zentralsektion ausgeschlossen wurden, weil sie
der Sektion der Allianz angehörten. Dann hatte Utin den Schwindel in
die Welt gesetzt, daß die Sektion der Allianz niemals vom Generalrat
in die Internationale aufgenommen worden sei; die Dokumente, die sie
darüber von Eccarius und Jung erhalten zu haben behaupte, seien
gefälscht. Nun war inzwischen Robin nach London übergesiedelt und in
den Generalrat aufgenommen worden, den er in der »Égalité« heftig
bekämpft hatte. Damit gab der Generalrat einen Beweis seiner
Unbefangenheit, denn Robin hatte nicht aufgehört, ein geschworener
Anhänger der Allianz zu sein. Er hatte schon am 14. März 1871
beantragt, eine private Konferenz der Internationalen zur Entscheidung
des Genfer Streits einzuberufen. Diesen Antrag hatte der Generalrat
zwar am Vorabend der Kommune ablehnen zu sollen geglaubt, aber am 25.
Juli beschloß er, die Genfer Sache einer Konferenz zu unterbreiten,
die für den September einberufen werden sollte. In derselben Sitzung
bestätigte er auf Verlangen Robins die Schreiben als echt, in denen
Eccarius und Jung der Genfer Sektion der Allianz ihre Aufnahme in die
Internationale mitgeteilt hatten.
Kaum
war dieser Brief in Genf eingetroffen, als die Sektion der Allianz
sich am 6. August freiwillig auflöste und diesen Beschluß sofort dem
Generalrat mitteilte. Die Sache sollte sehr großartig aussehen;
nachdem die Sektion durch den Generalrat ihre Genugtuung gegen die
Lügen Utins erhalten hatte, opferte sie sich selbst im Interesse des
Friedens und der Versöhnung. Tatsächlich entschieden aber andere
Beweggründe, die Guillaume später offen zugegeben hat. Die Sektion war
zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken und erschien namentlich
den Kommuneflüchtlingen in Genf als der tote Rest persönlicher
Zänkereien. In eben diesen Flüchtlingen sah Guillaume geeignete
Elemente, um auf breiterer Basis den Kampf gegen den Genfer Föderalrat
zu führen. Deshalb wurde die Sektion der Allianz aufgelöst, und in der
Tat vereinigten sich ihre Trümmer wenige Wochen später mit Kommunards
|477| zu einer neuen »Sektion der revolutionären
sozialistischen Propaganda und Aktion«, die sich zwar mit den
allgemeinen Prinzipien der Internationalen einverstanden erklärte,
aber sich die volle Freiheit vorbehielt, die ihr die Statuten und die
Kongresse der Internationalen gewährten.
Mit
alledem hatte Bakunin zunächst gar nichts zu tun. Es kennzeichnet
seine angebliche Allmacht als Oberhaupt der Allianz, daß die Genfer
Sektion nicht einmal für nötig hielt, bei ihm in Locarno anzufragen,
ehe sie sich auflöste. Nicht jedoch aus verletzter Empfindlichkeit,
sondern weil er die Auflösung der Sektion unter den gegebenen
Umständen für einen feigen und hinterhältigen Streich hielt,
protestierte Bakunin in einem scharfen Schreiben gegen sie; »begehen
wir keine Feigheit, unter dem Vorwande, die Einheit in der
Internationalen zu retten«. Zugleich aber machte er sich daran, in
einer umfangreichen Darstellung der Genfer Wirren die Prinzipien
klarzustellen, um die es sich nach seiner Meinung bei dem Streite
handelte als Leitfaden für seine Anhänger auf der Londoner Konferenz.
Von
dieser Arbeit haben sich beträchtliche Bruchstücke erhalten, die sich
sehr zu ihrem Vorteil von den russischen Flugschriften unterscheiden,
die Bakunin ein Jahr vorher mit Netschajew fabriziert hatte. Sie sind
bis auf gelegentliche kräftige Ausdrücke ruhig und sachlich
geschrieben, und wie man immer zu Bakunins besonderer Auffassung
stehen mag, so führen sie jedenfalls den überzeugenden Nachweis, daß
der Ursprung der Genfer Wirren in tieferem Boden wurzelte, als in dem
Flugsande persönlicher Krakeelereien, und daß, soweit solche
mitspielten, der wesentliche Teil der Schuld auf Utin und Konsorten
fiel.
Den
tiefen Gegensatz, der ihn von Marx und dessen »Staatskommunismus«
trennte, verleugnete Bakunin keinen Augenblick, und er sprang nicht
sanft mit dem Gegner um. Aber immerhin stellte er ihn nicht als ein
nichtswürdiges Subjekt hin, das nichts als seine eigenen,
verwerflichen Zwecke im Auge hätte. Indem er nachwies, daß die
Internationale im Schoße der Massen selbst entstanden und dann durch
gescheite und der Volkssache ergebene Männer entbunden worden sei,
fügte er hinzu: »Wir ergreifen diese Gelegenheit, den berühmten
Führern der deutschen Kommunistenpartei zu huldigen, den Bürgern Marx
und Engels vor allem, und ebenso dem Bürger Ph. Becker, unserem
früheren Freunde und jetzigen unversöhnlichen Gegner, die, soweit es
einzelnen gegeben ist, etwas zu schaffen, die wahren Schöpfer der
Internationalen gewesen sind. Wir huldigen ihnen um so lieber, als wir
gezwungen sein werden, sie bald zu bekämpfen. Unsere Achtung für sie
ist rein und tief, aber sie |478| geht nicht bis zur
Götzenanbetung und wird uns niemals dazu hinreißen, ihnen gegenüber
die Rolle von Sklaven zu übernehmen. Und obgleich wir volle
Gerechtigkeit den ungeheuren Diensten widerfahren lassen, die sie der
Internationalen geleistet haben und selbst jetzt noch leisten, so
werden wir doch bis aufs Messer bekämpfen ihre falschen autoritären
Theorien, ihre diktatorischen Anmaßungen und jene Manier
unterirdischer Intrigen, eitler Umtriebe, elender Persönlichkeiten,
unreiner Beleidigungen und infamer Verleumdungen, die auch sonst die
politischen Kämpfe fast aller Deutschen kennzeichnen und die sie
unglücklicherweise in die Internationale verschleppt haben.« Das war
gewiß hinlänglich grob, aber nie hat sich Bakunin dazu hinreißen
lassen, die unsterblichen Verdienste zu bestreiten, die sich Marx als
Gründer und Leiter der Internationalen erworben hat.
Indessen auch diese Arbeit hat Bakunin nicht vollendet. Er war noch
dabei, sie niederzuschreiben, als Mazzini in einer Wochenschrift, die
er in Lugano herausgab, harte Angriffe gegen die Kommune und die
Internationale veröffentlichte. Sofort antwortete Bakunin in der
»Antwort eines Internationalen an Mazzini«, der er andere
Flugschriften in gleichem Sinne folgen ließ, als Mazzini und dessen
Anhang die Polemik aufnahm. Nach allen Fehlschlägen der letzten Zeit
hatte Bakunin nunmehr einen vollen Erfolg: die Internationale, die
bisher in Italien nur kümmerlich gediehen war, breitete sich in dem
Lande schnell aus. Das verdankte Bakunin aber nicht seinen »Intrigen«,
sondern den beredten Worten, womit er die revolutionäre Spannung zu
lösen verstand, in die namentlich die italienische Jugend durch die
Pariser Kommune versetzt worden war.
In
Italien hatte sich die große Industrie erst wenig entwickelt; im
keimenden Proletariat erwachte nur langsam ein Klassenbewußtsein, und
ihm fehlten alle gesetzlichen Waffen zu Schutz und Trutz. Dagegen
hatten die Kämpfe eines halben Jahrhunderts um die nationale Einheit
in den bürgerlichen Klassen eine revolutionäre Überlieferung genährt
und wach erhalten; in unzähligen Aufständen und Verschwörungen war um
dies Ziel gerungen worden, bis es endlich in einer Form erreicht
wurde, die für alle revolutionären Kreise eine große Enttäuschung sein
mußte: unter dem Schutze erst französischer und dann deutscher Waffen
hatte der reaktionärste Staat der Halbinsel eine italienische
Monarchie geschaffen. Aus dieser verdrossenen Stimmung wurde die
revolutionäre Jugend durch die heldenhaften Kämpfe der Pariser Kommune
emporgerissen. Mochte sich Mazzini am Rande des Grabes unwirsch von
dem neuen Lichte abwenden, das seinen alten Sozialistenhaß |479|*
reizte, so huldigte Garibaldi, der in weit höherem Grade der nationale
Held war, um so, aufrichtiger der »Sonne der Zukunft«, der
Internationalen.
Bakunin wußte recht gut, aus welchen Schichten der Nation sein Anhang
strömte. »Was Italien bisher gefehlt hat«, schrieb er im April 1872,
»das waren nicht die Instinkte, sondern gerade die Organisation und
die Idee. Beide bilden sich jetzt derart, daß Italien nächst Spanien,
mit Spanien in dieser Stunde vielleicht das revolutionärste Land ist.
In Italien existiert, was den andern Ländern fehlt: eine glühende,
energische Jugend, ohne jede Stellung, ohne Karriere, ohne Ausweg, die
trotz ihrer Bourgeois-Herkunft nicht moralisch und intellektuell
erschöpft ist wie die Bourgeois-Jugend anderer Länder. Heute stürzt
sie sich kopfüber in den revolutionären Sozialismus mit unserm ganzen
Programm, dem Programm der Allianz.« Diese Zeilen Bakunins waren an
einen spanischen Gesinnungsgenossen gerichtet, den sie anfeuern
sollten, doch war es keine ermunternde Vorspiegelung, sondern eine
unanfechtbare Tatsache, wenn Bakunin seine Erfolge in Spanien, wo er
nicht einmal persönlich, sondern nur durch einige Freunde wirken
konnte, ebenso hoch, wenn nicht noch höher schätzte als seine Erfolge
in Italien.
Auch
in Spanien war die industrielle Entwicklung noch sehr im
Hintertreffen, und wo es schon ein modernes Proletariat gab, war es an
Händen und Füßen gefesselt, aller und jeder Rechte bar, so daß ihm in
seiner Not nur der bewaffnete Aufstand als letzte Hilfe blieb;
Barcelona, die größte spanische Fabrikstadt, zählte in seiner
Geschichte mehr Barrikadenkämpfe als irgendeine andere Stadt der Welt.
Dazu kamen die langjährigen Bürgerkriege, die das Land zerrissen
hatten, und die gewaltige Enttäuschung aller revolutionären Elemente,
die die bourbonische Dynastie im Herbst 1868 nur verjagt hatten, um
nunmehr unter der - immerhin sehr wackeligen - Herrschaft eines
fremden Königs zu stehen. Auch in Spanien fielen die Feuerfunken, die
der Brand des revolutionären Paris verstreute, in hochgehäuften
Zündstoff.
Anders
als in Italien und Spanien lagen die Dinge in Belgien insofern, als es
hier schon eine proletarische Massenbewegung gab. Aber sie beschränkte
sich fast ganz auf den wallonischen Teil des Landes; ihr Rückgrat
bildeten die äußerst revolutionär gesinnten Bergarbeiter der Borinage,
denen der Gedanke, auf gesetzlichem Wege eine Hebung ihrer Klassenlage
zu erreichen, durch die Blutbäder, in denen ihre Streiks jahraus
jahrein ertränkt worden waren, schon im Keim erstickt wurde. Ihre
Führer aber waren Proudhonisten und neigten deshalb schon den
Ansichten Bakunins zu.
|480| Verfolgt man die bakunistische Opposition, wie sie sich nach
dem Falle der Pariser Kommune innerhalb der Internationalen
entwickelte, so findet man, daß sie von Bakunin eben nur den Namen
trug, weil sie in seinen Anschauungen die Lösung der sozialen
Gegensätze und Spannungen, denen sie tatsächlich entsprang, zu finden
glaubte.
|