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Franz Mehring: Karl Marx - Geschichte seines Lebens

Vierzehntes Kapitel: Der Niedergang der Internationalen

 

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1. Bis Sedan

|443| Über die Stellung, die Marx und Engels zum Kriege eingenommen haben, ist sehr viel geschrieben worden, obgleich im Grunde sehr wenig darüber zu sagen ist. Sie sahen im Kriege ein Element, nicht wie Moltke, von Gottes Ordnung, wohl aber von Teufels Ordnung, eine unzertrennliche Begleiterscheinung der Klassen- und ganz besonders der kapitalistischen Gesellschaft.

Als historische Köpfe standen sie natürlich nicht auf dem völlig unhistorischen Standpunkt: Krieg ist Krieg, und jeder Krieg ist an derselben Schablone zu messen. Für sie hatte jeder Krieg seine bestimmten Voraussetzungen und Folgerungen, von denen es abhing, wie sich die Arbeiterklasse zu ihm zu stellen habe. So auch war die Auffassung Lassalles, mit dem sie im Jahre 1859 über die tatsächlichen Bedingungen des damaligen Krieges gestritten hatten, alle drei aber unter dem entscheidenden Gesichtspunkte, wie dieser Krieg am gründlichsten für den proletarischen Emanzipationskampf auszunutzen wäre.

Durch denselben Gesichtspunkt war ihre Stellung zum Kriege von 1866 bestimmt. Nachdem es der deutschen Revolution im Jahre 1848 mißlungen war, eine nationale Einheit zu schaffen, bemühte sich die preußische Regierung, die deutsche Einheitsbewegung, die durch die ökonomische Entwicklung immer wieder erweckt wurde, für sich auszubeuten und statt eines einigen Deutschlands ein, wie der alte Kaiser Wilhelm sich ausdrückte, verlängertes Preußen herzustellen. Marx und Engels, Lassalle und Schweitzer, Liebknecht und Bebel waren völlig einig darin, daß die deutsche Einheit, deren das deutsche Proletariat als einer Vorstufe seines Emanzipationskampfes bedurfte, nur durch eine nationale Revolution zu erlangen sei, und sie haben demgemäß alle dynastisch-partikularistischen Bestrebungen der großpreußischen Politik aufs schärfste bekämpft. Allein nachdem die Entscheidung bei Königgrätz gefallen war, haben sie, früher oder später, je nach dem Maß ihrer Einsicht in die »tatsächlichen Voraussetzungen«, in diesen sauren Apfel |444| gebissen: sobald sich herausstellte, daß eine nationale Revolution durch die Feigheit der Bourgeoisie und die Schwäche des Proletariats ausgeschlossen sei, und das mit »Blut und Eisen« zusammengekittete Großpreußen dem Klassenkampfe des Proletariats günstigere Aussichten bot, als die - ohnehin natürlich unmögliche - Wiederherstellung des Deutschen Bundestags mit seiner kläglichen Winkelwirtschaft ihm je hätte bieten können. Marx und Engels zogen diesen Schluß sofort, und ebenso Schweitzer als Nachfolger Lassalles; sie nahmen den Norddeutschen Bund in all seiner verkrüppelten und verkümmerten Gestalt als eine zwar keineswegs willkommene oder gar begeisternde, aber als eine Tatsache hin, die dem Kampf der deutschen Arbeiterklasse festere Handhaben schuf, als die schauerliche Wirtschaft des Bundestags ihm geschaffen hatte. Dagegen hielten Liebknecht und Bebel noch an der großdeutsch-revolutionären Auffassung der Lage fest und arbeiteten in den Jahren nach 1866 unermüdlich an der Zerstörung des Norddeutschen Bundes.

Nach der Entscheidung, die Marx und Engels im Jahre 1866 getroffen hatten, war ihre Stellung zum Kriege von 1870 bis zu einem gewissen Grade gegeben. Über seine unmittelbaren Anlässe haben sie sich niemals ausgesprochen, weder über die von Bismarck gegen Bonaparte betriebene spanische Thronkandidatur des hohenzollernschen Prinzen noch über das von Bonaparte gegen Bismarck betriebene französisch-italienisch-österreichische Kriegsbündnis, weder über die eine noch über das andere war nach dem damals bekannten Stande der Dinge ein zutreffendes Urteil möglich. Aber insoweit als die bonapartistische Kriegspolitik sich gegen die nationale Einheit Deutschlands richtete, erkannten Marx und Engels an, daß sich Deutschland im Zustande der Verteidigung befände.

Ausführlich begründete Marx diese Auffassung in der von ihm verfaßten Adresse, die der Generalrat der Internationalen am 23. Juli erließ. Er nannte darin das »Kriegskomplott von 1870 eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs von 1851«, aber es läute die Totenglocke des zweiten Kaiserreichs, das so enden werde, wie es begonnen habe, mit einer Parodie. Jedoch man solle nicht vergessen, daß es die Regierungen und die herrschenden Klassen gewesen seien, die Bonaparte befähigt hätten, achtzehn Jahre lang die grausame Posse des wiederhergestellten Kaiserreichs zu spielen. Wenn der Krieg auf deutscher Seite ein Verteidigungskrieg sei, wer habe Deutschland in die Zwangslage gebracht, sich verteidigen zu müssen, wer habe Louis Bonaparte ermöglicht, den Krieg gegen Deutschland zu führen? Preußen. Bismarck habe vor Königgrätz |445|* mit diesem selben Bonaparte konspiriert und nach Königgrätz nicht etwa einem geknechteten Frankreich ein freies Deutschland entgegengestellt, sondern allen eingeborenen Schönheiten seines alten Systems alle Kniffe des zweiten Kaiserreichs aufgepfropft, so daß nun auf beiden Seiten des Rheins das bonapartistische Regiment geblüht habe. Was anderes hätte daraus folgen können als Krieg? »Erlaubt die deutsche Arbeiterklasse dem gegenwärtigen Krieg, seinen streng defensiven Charakter aufzugeben und in einen Krieg gegen das französische Volk auszuarten, so wird Sieg oder Niederlage gleich unheilvoll sein. Alles Unglück, das auf Deutschland fiel nach den sogenannten Befreiungskriegen, wird wieder aufleben mit verstärkter Heftigkeit.«[1] Die Adresse verwies auf die Kundgebungen deutscher und französischer Arbeiter gegen den Krieg, die ein so trauriges Ergebnis nicht befürchten ließen. Sie hob dann noch hervor, daß im Hintergrunde des selbstmörderischen Kampfes die unheimliche Gestalt Rußlands lauere. Alle Sympathien, die die Deutschen mit Recht in einem Verteidigungskrieg gegen einen bonapartistischen Überfall beanspruchen könnten, würden sofort verscherzt sein, wenn sie der preußischen Regierung erlaubten, die Hilfe der Kosaken anzurufen oder anzunehmen.

Zwei Tage vor Erlaß dieser Adresse, am 21. Juli, waren vom Norddeutschen Reichstage 120 Millionen Taler Kriegskredite bewilligt worden. Die parlamentarischen Vertreter der Lassalleaner hatten, gemäß ihrer Politik seit dem Jahre 1866, dafür gestimmt. Dagegen hatten sich Liebknecht und Bebel, die parlamentarischen Vertreter der Eisenacher, der Stimme enthalten, weil sie durch ihre Genehmigung der preußischen Regierung, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den gegenwärtigen Krieg vorbereitet habe, ein Vertrauensvotum erteilen würden, während ihre Verweigerung als eine Billigung der frevelhaften und verbrecherischen Politik Bonapartes erachtet werden könnte. Liebknecht und Bebel faßten den Krieg wesentlich unter moralischem Gesichtspunkte auf, was durchaus der Überzeugung entsprach, die Liebknecht auch später in seiner Schrift über die Emser Depesche und Bebel in seinen »Denkwürdigkeiten« bekundet hat.

Damit stießen sie aber in ihrer eigenen Fraktion, und namentlich bei deren Leitung, dem Braunschweiger Ausschuß, auf entschiedenen Widerspruch. In der Tat war die Stimmenthaltung Liebknechts und Bebels keine praktische Politik, sondern eine moralische Kundgebung, die, so berechtigt sie an sich sein mochte, den politischen Anforderungen der Lage nicht entsprach. Was im privaten Leben möglich ist und je nachdem ausreicht, zwei Streitenden zu sagen: Ihr habt beide unrecht, und |446| ich mische mich nicht in euern Zank, das gilt nicht im staatlichen Leben, wo die Völker den Streit der Könige ausbaden müssen. Die praktischen Folgen einer unmöglichen Neutralität zeigten sich in der nichts weniger als klaren und konsequenten Haltung, die der Leipziger »Volksstaat«, das Organ der Eisenacher, in den ersten Kriegswochen einnahm. Dadurch verschärfte sich der Konflikt zwischen der Redaktion, will sagen Liebknecht, und dem Braunschweiger Ausschuß, der sich seinerseits an Marx um Beistand und Rat wandte.

Marx hatte bereits gleich nach Beginn des Krieges, am 20. Juli, also noch vor der Stimmenthaltung Liebknechts und Bebels, an Engels geschrieben, nach einer scharfen Kritik der »republikanischen Chauvinisten« in Frankreich: »Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preußen, so [ist] die Zentralisation der state power [Mehring übersetzt: Staatsgewalt] nützlich der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse. Das deutsche Übergewicht würde ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen, und man hat bloß die Bewegung von 1866 bis jetzt in beiden Ländern zu vergleichen, um zu sehn, daß die deutsche Arbeiterklasse theoretisch und organisatorisch der französischen überlegen ist. Ihr Übergewicht auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Übergewicht unsrer Theorie über die Proudhons etc.« Als Marx nun aber die Anfrage des Braunschweiger Ausschusses erhielt, wandte er sich, wie immer in wichtigen Fragen, an Engels mit der Bitte um dessen Rat, und, ähnlich wie im Jahre 1866, entschied Engels im einzelnen die Taktik der beiden Freunde.

In seinem Antwortschreiben vom 15. August schrieb er: »Mir scheint der Kasus so zu liegen: Deutschland ist durch Badinguet (von Mehring eingefügt: Bonaparte) in einen Krieg um seine nationale Existenz hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der Bonapartismus auf Jahre befestigt und Deutschland auf Jahre, vielleicht auf Generationen, kaputt. Von einer selbständigen deutschen Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz absorbiert dann alles, und bestenfalls geraten die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der französischen. Siegt Deutschland, so ist der französische Bonapartismus jedenfalls kaputt, der ewige Krakeel wegen Herstellung der deutschen Einheit endlich beseitigt, die deutschen Arbeiter können sich auf ganz anders nationalem Maßstab als bisher organisieren, und die französischen. Was auch für eine Regierung dort folgen mag, werden sicher ein freieres Feld haben als unter dem Bonapartismus. Die ganze Masse des deutschen Volkes aller Klassen hat eingesehn, daß |447| es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt, und ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei unter diesen Umständen à la Wilhelm [von Mehring eingefügt: Liebknecht] die totale Obstruktion predigen und allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen, scheint mir unmöglich.«

Den französischen Chauvinismus, der sich bis tief in die republikanisch gesinnten Kreise hinein geltend machte, verurteilte Engels ebenso scharf wie Marx. »Badinguet hätte diesen Krieg nicht führen können ohne den Chauvinismus der Masse der französischen Bevölkerung, der Bourgeois, Kleinbürger, Bauern und des von Bonaparte in den großen Städten geschaffenen imperialistischen, Haußmannschen, aus den Bauern hervorgegangnen Bauproletariats. Solange dieser Chauvinismus nicht auf den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da, bleibt den Deutschen nichts übrig, als dies selbst und sofort zu tun.«

Die »Nebenrücksichten«, daß nämlich der Krieg von Bismarck und Kompanie kommandiert und, falls sie ihn glücklich durchführten, ihnen zur augenblicklichen Glorie dienen würde, seien der Misere der deutschen Bourgeoisie verdankt. Es sei sehr eklig, aber nicht zu ändern. »Darum aber den Antibismarckismus zum alleinleitenden Prinzip erheben, wäre absurd. Erstens tut B[ismarck] jetzt, wie 1866, immer ein Stück von unsrer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er tut's doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir nicht mehr Anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt notwendig in den Reichstag ein und damit erwächst dem Preußentum ein Gegengewicht ... Überhaupt, à la Liebknecht, die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig machen zu wollen, weil sie ihm nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir kennen ja unsere Mustersüddeutschen.«

Im Laufe des Briefes kam Engels dann noch einmal auf Liebknechts Politik zurück. »Amüsant ist bei Wilh[elm] die Behauptung, weil Bismarck ein ehemaliger Spießgeselle des Badinguet, sei der wahre Standpunkt, sich neutral zu halten. Wenn das die allgemeine Meinung in Deutschland, hätten wir bald wieder den Rheinbund, und der edle Wilhelm sollte einmal sehn, was er in dem für eine Rolle spielte und wo die Arbeiterbewegung bliebe. Ein Volk, das immer nur Hiebe bekommt und Tritte, ist allerdings das wahre, um eine soziale Revolution zu machen, und noch dazu in Wilhelms geliebten X-Kleinstaaten! ... Wilhelm hat offenbar auf Sieg des Bonaparte gerechnet, bloß damit sein Bismarck dabei draufgehe. Du erinnerst Dich, wie er ihm immer mit |448| den Franzosen drohte. Du bist natürlich auch auf Wilhelms Seite!« Der letzte Satz war ironisch gemeint; Liebknecht hatte sich nämlich darauf berufen, daß Marx mit seiner und Bebels Stimmenthaltung bei der Frage der Kriegskredite einverstanden gewesen sei.

Marx gab zu, daß er die »Erklärung« Liebknechts gebilligt habe. Es sei ein »Moment« gewesen, wo die Prinzipienreiterei ein acte de courage gewesen sei, woraus aber keineswegs folge, daß dieser Moment fortdauere, und noch viel weniger, daß die Stellung des deutschen Proletariats in einem Kriege, der national geworden sei, sich in Liebknechts Antipathie gegen die Preußen zusammenfasse. Marx sprach mit gutem Grunde von einer »Erklärung« und nicht von der Stimmenthaltung als solcher. Während die Lassalleaner die Kriegskredite im Chor der bürgerlichen Mehrheit bewilligt hatten, ohne ihre sozialistische Stellung irgendwie zu kennzeichnen, hatten Liebknecht und Bebel ein »motiviertes Votum« abgegeben. Sie begründeten darin nicht nur ihre Stimmenthaltung, sondern knüpften an sie »als Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen, die ohne Unterschied der Nationalität alle Unterdrücker bekämpfe, alle Unterdrückten zu einem gemeinsamen Bruderbunde zu einigen suche«, einen prinzipiellen Protest gegen diesen wie jeden dynastischen Krieg und sprachen die Hoffnung aus, daß die Völker Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles aufbieten würden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und die heutige Säbel- und Klassenherrschaft als die Ursache aller staatlichen und gesellschaftlichen Übel zu beseitigen. Mit dieser »Erklärung«, die zum erstenmal das Banner der Internationalen in einem europäischen Parlament, und noch dazu in einer weltgeschichtlichen Frage, frank und frei entfaltete, konnte Marx sicherlich sehr zufrieden sein.

Daß seine »Billigung« so gemeint war, ging schon aus der Wahl seiner Worte hervor. Die Stimmenthaltung war gar keine »Prinzipienreiterei«, sondern eher ein Kompromiß; Liebknecht hatte in der Tat die Kredite einfach verweigern wollen, und sich erst durch Bebel bereden lassen, sich nur der Abstimmung zu enthalten. Ferner legte die Stimmenthaltung ihre Urheber nicht nur für den »Moment« fest, wie ja die Politik des »Volksstaats« in jeder Nummer bewies. Endlich stellte sie auch keine »mutige Tat« in dem Sinne dar, daß sie als solche ihre Rechtfertigung schon in sich selber trug. Hätte Marx den acte de courage in solchem Sinne gemeint, so hätte er dasselbe Lob in noch höherem Grade dem braven Thiers erteilen müssen, der in der französischen Kammer lebhaft gegen den Krieg sprach, obgleich die Mamelucken des Kaiserreichs mit wilden Schmähungen um ihn tobten, oder den bürgerlichen |449| Demokraten vom Schlage der Favre und Grevy, die sich nicht der Abstimmung über die Kriegskredite enthielten, sondern sie einfach verweigerten, obgleich der patriotische Lärm in Paris mindestens so gefährlich war wie in Berlin.

Die Schlußfolgerungen, die Engels aus seiner Auffassung der Lage für die Politik der deutschen Arbeiter zog, faßten sich dahin zusammen: sich der nationalen Bewegung anzuschließen, soweit und solange sie sich auf die Verteidigung Deutschlands beschränke (was die Offensive bis zum Frieden unter Umständen nicht ausschließe); den Unterschied zwischen den deutsch-nationalen und dynastisch-preußischen Interessen dabei zu betonen; jeder Annexion von Elsaß und Lothringen entgegenzuwirken; sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung am Ruder sei, auf einen ehrenvollen Frieden mit ihr hinzuwirken; die Einheit der Interessen der deutschen und französischen Arbeiter, die den Krieg nicht gebilligt hätten und die sich auch nicht bekriegten, fortwährend hervorzuheben.

Damit erklärte sich Marx vollkommen einverstanden und beschied in gleichem Sinne den Braunschweiger Ausschuß.

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2. Nach Sedan

Ehe jedoch der Ausschuß von den Winken, die ihm aus London zugekommen waren, praktischen Gebrauch machen konnte, hatte die Lage der Dinge einen völligen Umschwung erfahren. Die Schlacht bei Sedan war geschlagen, Bonaparte gefangen, das Kaiserreich zusammengebrochen, und in Paris hatte sich eine bürgerliche Republik aufgetan. An ihrer Spitze standen die bisherigen Abgeordneten der französischen Hauptstadt, die sich selbst »als Regierung der nationalen Verteidigung« ausriefen.

Auf deutscher Seite war es jetzt am Ende mit dem Verteidigungskriege. In der feierlichsten Weise hatte der König von Preußen als Oberhaupt des Norddeutschen Bundes wiederholt erklärt, daß er nicht das französische Volk, sondern nur die Regierung des französischen Kaisers bekriege; auch erklärten sich die neuen Machthaber in Paris bereit, jede mögliche Geldsumme als Kriegsentschädigung zu zahlen. Allein Bismarck verlangte eine Abtretung von Land; er setzte den Krieg fort, um Elsaß-Lothringen zu erobern, mochte darüber auch der Verteidigungskrieg zum Kinderspott werden.

|450| Wenn er darin den Spuren Bonapartes folgte, so auch darin, daß er eine Art Plebiszit veranstaltete, das den König von Preußen seiner feierlichen Verpflichtungen entbinden sollte. »Notabilitäten« aller Art und Gattung erließen schon am Vorabend von Sedan »Massenkundgebungen« an den König, worin die Forderung »geschützter Grenzen« erhoben wurde. Die »einmütigen Wünsche des deutschen Volkes« machten denn auch einen solchen Eindruck auf den alten Herrn, daß er schon am 6. September nach Hause schrieb: »Wollten sich die Fürsten dieser Stimmung entgegenstemmen, so riskieren sie ihre Throne«, und am 14. September erklärte es die halbamtliche Provinzialkorrespondenz für »eine einfältige Zumutung«, daß sich das Oberhaupt des Norddeutschen Bundes durch seine eigenen, ausdrücklich und freiwillig abgegebenen Zusagen gebunden halten solle.

Um die »einmütigen Wünsche des deutschen Volkes« in vollkommener Reinheit darzustellen, wurde nun aber noch jeder Widerspruch gewaltsam unterdrückt. Am 5. September hatte der Braunschweiger Ausschuß einen Aufruf erlassen, worin er zu öffentlichen Kundgebungen der Arbeiterklasse für einen ehrenvollen Frieden mit der französischen Republik und gegen die Annexion Elsaß-Lothringens aufforderte; dem Aufrufe waren Teile des Briefes, worin Marx den Ausschuß beraten hatte, wörtlich einverleibt.[2] Am 9. September aber wurden die Unterzeichner des Aufrufs militärisch verhaftet und in Ketten nach der Festung Lötzen geschleppt. Ebendorthin wurde Johann Jacoby als Staatsgefangener transportiert, weil er in einer Königsberger Versammlung ebenfalls gegen jede gewaltsame Annexion französischen Ländergebiets gesprochen und sich die ketzerische Äußerung erlaubt hatte: »Vor wenigen Tagen noch war es ein Verteidigungskrieg, den wir führten, ein heiliger Kampf für das liebe Vaterland; heute ist es ein Eroberungskrieg, ein Kampf für die Oberherrschaft der germanischen Rasse in Europa.« Eine Menge Beschlagnahmen und Verbote, Haussuchungen und Verhaftungen vervollständigten das militärische Schreckensregiment, das die »einmütigen Wünsche des deutschen Volkes« vor jedem Zweifel schützen sollte.

An demselben Tage, an dem die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses verhaftet wurden, ergriff der Generalrat der Internationalen in einer zweiten, von Marx und teilweise von Engels verfaßten Adresse das Wort, um die neue Lage der Dinge zu beleuchten. Er durfte sich darauf berufen, wie schnell sich seine Vorhersage, daß dieser Krieg die Totenglocke des zweiten Kaiserreichs läute, erfüllt habe, aber wie schnell auch seine Zweifel, ob der Krieg auf deutscher Seite ein Verteidigungskrieg |451|* bleiben werde, bestätigt worden seien. Die preußische Militärkamarilla habe sich für die Eroberung entschieden, und wie habe sie den preußischen König von den Verpflichtungen befreit, die er selbst für einen Verteidigungskrieg übernommen habe? »Die Bühnenregisseure mußten ihn darstellen, als gebe er widerwillig einem unwiderstehlichen Gebot der deutschen Nation nach; der liberalen deutschen Mittelklasse mit ihren Professoren, ihren Kapitalisten, ihren Stadtverordneten, ihren Zeitungsmännern gaben sie sofort das Stichwort. Diese Mittelklasse, welche in ihren Kämpfen für die bürgerliche Freiheit von 1846 bis 1870 ein nie dagewesenes Schauspiel von Unschlüssigkeit, Unfähigkeit und Feigheit gegeben hat, war natürlich höchlichst entzückt, die europäische Bühne als brüllender Löwe des deutschen Patriotismus zu beschreiten. Sie nahm den falschen Schein staatsbürgerlicher Unabhängigkeit an, um sich zu stellen, als zwinge sie der preußischen Regierung auf - was? die geheimen Pläne eben dieser Regierung. Sie tat Buße für ihren jahrelangen und fast religiösen Glauben an die Unfehlbarkeit Louis Bonapartes, indem sie laut die Zerstückelung der französischen Republik forderte.«[3]

Die Adresse untersuchte dann »die plausibeln Vorwände«, die »diese kernhaften Patrioten« für die Annexion Elsaß-Lothringens vorbrächten. Daß die Elsaß-Lothringer sich nach der deutschen Umarmung sehnten, wagten sie freilich nicht zu behaupten, aber der Boden dieser Provinzen habe vor langer Zeit dem längst verstorbenen deutschen Reich angehört! »Soll die alte Karte von Europa einmal umgearbeitet werden nach dem historischen Recht, dann dürfen wir auf keinen Fall vergessen, daß der Kurfürst von Brandenburg seinerzeit für seine preußischen Besitzungen der Vasall der polnischen Republik war.«[4]

Am meisten würden »viele schwachsinnige Leute« dadurch verwirrt, daß »die schlauen Patrioten« Elsaß-Lothringen als »materielle Garantie« gegen französische Überfälle verlangten. In einer militär-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die Engels zu ihr beigesteuert hat, wies die Adresse nach, daß Deutschland dieser Verstärkung seiner Grenzen gegen Frankreich gar nicht bedürfe, wie die Erfahrungen gerade auch dieses Krieges gezeigt hätten. »Wenn der jetzige Feldzug irgend etwas gezeigt hat, so die Leichtigkeit, Frankreich von Deutschland aus anzugreifen.«[5] Aber sei es nicht überhaupt eine Ungereimtheit, ein Anachronismus, wenn man militärische Rücksichten zu dem Prinzip erhebe, das die nationalen Grenzen bestimmen solle? »Wollten wir dieser Regel folgen, so hätte Österreich noch einen Anspruch auf Venetien und die Minciolinie, und Frankreich auf die Rheinlinie, zum Schutz von |452| Paris, welches sicherlich Angriffen von Nordosten mehr ausgesetzt ist als Berlin von Südwesten. Wenn die Grenzen durch militärische Interessen bestimmt werden sollen, werden die Ansprüche nie ein Ende nehmen, weil jede militärische Linie notwendig fehlerhaft ist und durch Annexion von weiterm Gebiet verbessert werden kann; und überdies kann sie nie endgültig und gerecht bestimmt werden, weil sie immer dem Besiegten vom Sieger aufgezwungen wird und folglich schon den Keim eines neuen Kriegs in sich führt.«[6]

Die Adresse erinnerte an die »materiellen Garantien«, die Napoleon in dem Frieden von Tilsit genommen habe. Und dennoch sei einige Jahre später seine gigantische Macht wie ein verfaultes Schilfrohr vor dem deutschen Volke zusammengebrochen. »Was sind die ›materiellen Garantien‹, die Preußen in seinen wildesten T räumen Frankreich aufzwingen kann oder darf, im Vergleich zu denen, welche Napoleon I. ihm selbst abzwang? Der Ausgang wird diesmal nicht weniger unheilvoll sein.«[7]

Nun sagten die Wortführer des volkstümlichen Patriotismus, man dürfe die Deutschen nicht mit den Franzosen verwechseln; die Deutschen wollten nicht Ruhm, sondern Sicherheit; sie seien ein wesentlich friedliebendes Volk. »Natürlich war es nicht Deutschland, welches 1792 in Frankreich einfiel mit dem erhabnen Zweck, die Revolution des 18. Jahrhunderts mit Bajonetten niederzumachen! War es nicht Deutschland, welches seine Hände bei der Unterjochung Italiens, der Unterdrückung Ungarns und der Zerstücklung Polens besudelte? Sein jetziges militärisches System, welches die ganze kräftige männliche Bevölkerung in zwei Teile teilt - eine stehende Armee im Dienst und eine andere stehende Armee im Urlaub -, beide gleichmäßig zu passivem Gehorsam gegen die Regenten von Gottes Gnaden verpflichtet, so ein militärisches System ist natürlich eine ›materielle Garantie‹ des Weltfriedens und obendrein das höchste Ziel der Zivilisation! In Deutschland wie überall, vergiften die Höflinge der bestehenden Gewalt die öffentliche Meinung durch Weihrauch und lügenhaftes Selbstlob. - Sie scheinen indigniert beim Anblick der französischen Festungen Metz und Straßburg - diese deutschen Patrioten -, aber sie sehen kein Unrecht in dem ungeheuren System moskowitischer Befestigungen von Warschau, Modlin und Iwangorod. Während sie vor den Schrecken bonapartistischer Einfälle schaudern, schließen sie die Augen vor der Schande zarischer Schutzherrschaft.«[8]

Daran anknüpfend führte die Adresse aus, daß die Annexion Elsaß-Lothringens die französische Republik in die Arme des Zarismus treiben werde. Glaubten die Deutschtümler wirklich, daß dadurch Freiheit und |453| Frieden Deutschlands gesichert sei? »Wenn das Glück der Waffen, der Übermut des Erfolgs und dynastische Intrigen Deutschland zu einem Raub an französischem Gebiet verleiten, bleiben ihm nur zwei Wege offen. Entweder muß es, was auch immer daraus folgt, der offenkundige Knecht russischer Vergrößerung werden, oder aber es muß sich nach kurzer Rast für einen neuen ›defensiven‹ Krieg rüsten, nicht für einen jener neugebackenen ›lokalisierten‹ Kriege, sondern zu einem Rassenkrieg gegen die verbündeten Rassen der Slawen und Romanen.«[9]

Die deutsche Arbeiterklasse habe den Krieg, den zu hindern nicht in ihrer Macht stand, energisch unterstützt als einen Krieg für Deutschlands Unabhängigkeit und für die Befreiung Deutschlands und Europas von dem erdrückenden Alp des zweiten Kaiserreichs. »Es waren die deutschen Industriearbeiter, welche mit den ländlichen Arbeitern zusammen die Sehnen und Muskeln heldenhafter Heere lieferten, während sie ihre halbverhungerten Familien zurückließen.«[10] Dezimiert durch die Schlachten, würden sie noch einmal dezimiert werden durch das Elend zu Hause. Sie verlangten nun ihrerseits Garantien, daß ihre ungeheuren Opfer nicht umsonst gebracht wären, daß sie die Freiheit erobert hätten, daß die Siege, die sie über die bonapartistischen Armeen errungen hatten, nicht in eine Niederlage des Volks verwandelt würden wie im Jahre 1815. Als erste dieser Garantien verlangten sie einen »ehrenvollen Frieden für Frankreich« und die »Anerkennung der französischen Republik«. Die Adresse verwies auf die Kundgebung des Braunschweiger Ausschusses. Unglücklicherweise sei auf keinen unmittelbaren Erfolg zu rechnen. Aber die Geschichte werde zeigen, daß die deutschen Arbeiter nicht von demselben biegsamen Stoff gemacht seien wie die deutsche Mittelklasse. Sie würden ihre Pflicht tun.

Danach wandte sich die Adresse der französischen Seite der neuen Lage zu. Die Republik habe nicht den Thron umgeworfen, sondern nur seinen leeren Platz eingenommen. Sie sei nicht als eine soziale Errungenschaft ausgerufen worden, sondern als eine nationale Verteidigungsmaßregel. Sie sei in den Händen einer provisorischen Regierung, zusammengesetzt teils aus notorischen Orleanisten, teils aus Bourgeoisrepublikanern, und unter diesen seien einige, denen die Juni-Insurrektion von 1848 ihr unauslöschliches Brandmal hinterlassen habe. Die Teilung der Arbeit unter den Mitgliedern der Regierung scheine wenig Gutes zu versprechen. Die Orleanisten hätten sich der starken Stellungen bemächtigt - der Armee und der Polizei -, während den angeblichen Republikanern die Schwatzposten zugeteilt seien. Einige ihrer ersten Handlungen bewiesen ziemlich deutlich, daß sie vom Kaiserreich nicht nur einen |454| Haufen Ruinen geerbt hätten, sondern auch seine Furcht vor der Arbeiterklasse.

»So findet sich die französische Arbeiterklasse in äußerst schwierige Umstände versetzt. Jeder Versuch, die neue Regierung zu stürzen, wo der Feind fast schon an die Tore von Paris pocht, wäre eine verzweifelte Torheit. Die französischen Arbeiter müssen ihre Pflicht als Bürger tun, aber sie dürfen sich nicht beherrschen lassen durch die nationalen Erinnerungen von 1792, wie die französischen Bauern sich trügen ließen durch die nationalen Erinnerungen des ersten Kaiserreichs. Sie haben nicht die Vergangenheit zu wiederholen, sondern die Zukunft aufzubauen. Mögen sie ruhig und entschlossen die Mittel ausnützen, die ihnen die republikanische Freiheit gibt, um die Organisation ihrer eignen Klasse gründlich durchzuführen. Das wird ihnen neue, herkulische Kräfte geben für die Wiedergeburt Frankreichs und für unsre gemeinsame Aufgabe - die Befreiung des Proletariats. Von ihrer Kraft und Weisheit hängt ab das Schicksal der Republik.«[11]

Diese Adresse fand einen lebhaften Widerhall unter den französischen Arbeitern. Sie verzichteten auf den Kampf gegen die provisorische Regierung und taten ihre Pflicht als Bürger, vor allem das Pariser Proletariat, das, als Nationalgarde bewaffnet, an der tapferen Verteidigung der französischen Hauptstadt den hervorragendsten Anteil hatte, aber sich durch die nationalen Erinnerungen von 1792 nicht blenden ließ, sondern eifrig an seiner Organisation als Klasse arbeitete. Nicht minder zeigten sich die deutschen Arbeiter auf der Höhe. Trotz aller Drohungen und Verfolgungen forderten die Lassalleaner wie die Eisenacher den ehrenvollen Frieden mit der Republik; als der Norddeutsche Reichstag im Dezember wieder zusammentrat, um neue Kriegskredite zu bewilligen, stimmten die parlamentarischen Vertreter beider Fraktionen mit einem runden Nein. Vor allem führten Liebknecht und Bebel diesen Kampf mit so glühendem Eifer und mit so herausfordernder Kühnheit, daß sich um deswillen - und nicht wie eine weitverbreitete Legende will, wegen ihrer Stimmenthaltung im Juli - der Ruhm dieser Tage in erster Reihe an ihre Namen knüpfte. Sie wurden nach Schluß des Reichstags unter der Anklage des Hochverrats verhaftet.

Marx war in diesem Winter wieder mit Überarbeit belastet. Im August hatten ihn die Ärzte ins Seebad geschickt, aber dort hatte ihn eine heftige Erkältung »krummgelegt«, und erst am letzten Tage dieses Monats war er nach London zurückgekehrt, wenn auch noch keineswegs wiederhergestellt. Gleichwohl mußte er fast die ganze internationale Korrespondenz des Generalrats übernehmen, da der größte Teil von |455| dessen Korrespondenten fürs Ausland nach Paris gegangen war. Er käme nie vor 3 Uhr nachts ins Bett, klagte er am 14. September dem Freunde Kugelmann. Eine Erleichterung für die Zukunft wenigstens konnte er von Engels erwarten, der in eben diesen Tagen dauernd nach London übersiedelte.

Unzweifelhaft hoffte Marx nunmehr auf den siegreichen Widerstand der französischen Republik gegen den preußischen Eroberungskrieg. Die deutschen Zustände, die damals selbst dem ultramontan-welfischen Parteiführer Windthorst den beißenden Witz eingaben, wenn Bismarck durchaus annektieren wolle, so solle er sich doch an Cayenne als den für seine Staatskunst geeignetsten Erwerb halten, erfüllten Marx mit großer Bitterkeit; »es scheint, daß man nicht nur den Bonaparte, seine Generale und seine Armee in Deutschland eingefangen, sondern mit ihm auch den ganzen Imperialismus mit allen seinen Gebresten im Land der Eichen und der Linden akklimatisiert hat«, schrieb er am 13. Dezember an Kugelmann. In diesem Briefe verzeichnete er mit offenbarer Befriedigung, daß die öffentliche Meinung in England, bei Beginn des Krieges ultrapreußisch, in ihr Gegenteil umgeschlagen sei. Abgesehen von der entschiedenen Sympathie der Volksmasse für die Republik und anderen Umständen »hat die Weise der Kriegführung - das System der Requisitionen, Niederbrennen der Dörfer, Erschießen der Franktireurs, Bürgennehmen und ähnliche Rekapitulationen aus dem Dreißigjährigen Krieg - hier allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Of course [Mehring übersetzt: Natürlich] -, die Engländer haben dergleichen getan in Indien, Jamaika etc., aber die Franzosen sind weder Hindus noch Chinesen, noch Neger, und die Preußen sind keine heavenborn Englishmen [Mehring übersetzt: vorn Himmel stammenden Engländer]. Es ist eine echt hohenzollernsche Idee, daß ein Volk ein Verbrechen begeht, wenn es sich fortfährt zu verteidigen, sobald sein stehendes Heer alle geworden ist.« An dieser Idee habe schon der brave Friedrich Wilhelm der Dritte in dem preußischen Volkskriege gegen den ersten Napoleon gelitten.

Die Drohung Bismarcks, Paris zu bombardieren, nannte Marx »einen bloßen Trick. Auf die Stadt Paris selbst kann es nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung durchaus keinen ernsthaften Effekt machen. Werden ein paar Vorwerke niedergeschossen, Bresche gemacht, was nützt das in einem Falle, wo die Zahl der Belagerten größer ist als die der Belagerer? ... Die Aushungerung von Paris ist das einzig reale Mittel.« Beiläufig ein Bild zum Malen! Dieser »vaterlandslose Geselle«, der sich selbst in militär-wissenschaftlichen Fragen jedes selbständige |456|* Urteil absprach, kennzeichnete das von Bismarck geforderte Bombardement der französischen Hauptstadt als einen »bloßen Trick« aus denselben Gründen, aus denen es alle namhaften Generale des deutschen Heeres, mit der einzigen Ausnahme Roons, in einem heftigen, hinter den Kulissen des deutschen Hauptquartiers wochenlang tobenden Streit als »Fähnrichsstreich« verwarfen, während der ganze Troß von patriotischen Professoren und Zeitungsschreibern sich von Bismarcks Offiziösen in sittliche Entrüstung über die preußische Königin und die preußische Kronprinzessin jagen ließ, weil diese Frauen, sei es aus sentimentalen, sei es gar aus landesverräterischen Rücksichten, ihre Pantoffelhelden von Männern angeblich hinderten, Paris zu bombardieren!

Als Bismarck sich nun obendrein in der hochtrabenden Redensart erging, daß die französische Regierung die freie Meinungsäußerung in der Presse und durch Abgeordnete unmöglich mache, beleuchtete Marx in den »Daily News« vom 16. Januar 1871 diesen »Berliner Witz« mit einer beißenden Schilderung der Polizeiwirtschaft, die sich gleichzeitig in Deutschland austobte. Er schloß diese Schilderung: »Frankreich - und seine Sache ist glücklicherweise weit entfernt davon, verzweifelt zu sein - kämpft in diesem Moment nicht bloß für seine eigene nationale Unabhängigkeit, sondern für die Freiheit Deutschlands und Europas.«[12] In diesem Satze faßt sich die Stellung zusammen, die Marx und Engels nach Sedan zum Deutsch-Französischen Kriege eingenommen haben.

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3. Der Bürgerkrieg in Frankreich

Am 28. Januar kapitulierte Paris. In dem Vertrage, der darüber zwischen Bismarck und Jules Favre abgeschlossen wurde, war ausdrücklich bestimmt, daß die Pariser Nationalgarde ihre Waffen behalten solle.

Die Wahlen zur Nationalversammlung ergaben eine monarchisch-reaktionäre Mehrheit, die den alten Ränkeschmied Thiers zum Präsidenten der Republik wählte. Seine erste Sorge, nach Annahme der Friedenspräliminarien - Abtretung Elsaß-Lothringens und fünf Milliarden Kriegsentschädigung - durch die Nationalversammlung, war die Entwaffnung von Paris. Denn für diesen eingefleischten Bourgeois und nicht minder für die Krautjunker der Versammlung war Paris in Waffen nichts anderes als die Revolution.

Am 18. März versuchte Thiers zunächst die Geschütze der Pariser Nationalgarde zu rauben, unter der dreisten Lüge, sie seien Staatseigentum, |457| während sie auf Kosten der Nationalgarde im Laufe der Belagerung hergestellt und als ihr Eigentum auch in dem Kapitulationsvertrage vom 28. Januar anerkannt worden waren. Indessen die Nationalgarde widersetzte sich und die zu dem Raubversuch befohlenen Truppen gingen zu ihr über. Damit war der Bürgerkrieg entbrannt. Paris wählte am 26. März seine Kommune, deren Geschichte ebenso reich ist an heldenhaftem Kämpfen und Dulden der Pariser Arbeiter wie an feiger Grausamkeit und Tücke der Versailler Ordnungsparteien.

Es ist überflüssig, erst hervorzuheben, mit welch brennender Teilnahme Marx diese Entwicklung der Dinge verfolgte. Am 12. April schrieb er an Kugelmann: »Welche Elastizität, welche historische Initiative, welche Aufopferungsfähigkeit in diesen Parisern! Nach sechsmonatlicher Aushungerung und Verruinierung durch innern Verrat noch mehr als durch den auswärtigen Feind, erheben sie sich, unter preußischen Bajonetten, als ob nie ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland existiert habe und der Feind nicht noch vor den Toren von Paris stehe! Die Geschichte hat kein ähnliches Beispiel ähnlicher Größe!« Wenn die Pariser unterlägen, so würde die Schuld an ihrer »Gutmütigkeit« liegen. Sie hätten sofort auf Versailles marschieren sollen, nachdem die Truppen und der reaktionäre Teil der Nationalgarde das Feld geräumt hatten. Aber sie hätten aus Gewissensbedenken den Bürgerkrieg nicht eröffnen wollen, als ob die boshafte Mißgeburt Thiers ihn nicht schon mit dem Entwaffnungsversuch von Paris begonnen hätte. Aber wenn auch unterliegend, so sei die Erhebung der Pariser die glorreichste Tat unserer Partei seit der Juni-Insurrektion. »Man vergleiche mit diesen Himmelsstürmern von Paris die Himmelssklaven des deutsch-preußischen heiligen römischen Reichs mit seinen posthumen Maskeraden, duftend nach Kaserne, Kirche, Krautjunkertum und vor allem Philistertum.«

Wenn Marx von dem Pariser Aufstand als einer Tat »unserer Partei« sprach, so durfte er es sowohl in dem allgemeinen Sinne tun, daß die Pariser Arbeiterklasse das Rückgrat der Bewegung war als auch in dem besonderen Sinne, daß die Pariser Mitglieder der Internationalen zu den einsichtigsten und tapfersten Kämpfern der Kommune gehörten, wenn sie in deren Rat auch nur eine Minderheit bildeten. Die Internationale war schon dermaßen als allgemeines Schreckgespenst berufen, mußte den herrschenden Klassen als Sündenbock für alle, ihnen mißliebigen Ereignisse herhalten, daß auch der Pariser Aufstand ihrer teuflischen Anstiftung geschuldet sein sollte. Seltsamerweise wollte aber ein Organ der Pariser Polizeipresse den »Grand chef« der Internationalen |458| von einer Teilnahme daran entlasten; es veröffentlichte am 19. März einen angeblichen Brief, worin Marx die Pariser Sektionen getadelt haben sollte, weil sie sich zuviel mit politischen und nicht genug mit sozialen Fragen beschäftigten. Marx beeilte sich, den Brief in der »Times« als eine »unverschämte Fälschung« zu kennzeichnen.

Niemand wußte besser als Marx, daß die Internationale die Kommune nicht gemacht hatte, aber er hat sie stets als Fleisch von ihrem Fleisch, und Blut von ihrem Blute anerkannt. Natürlich nur in dem Rahmen, der durch das Programm und die »Statuten der Internationalen« gezogen war, wonach jede Arbeiterbewegung, die auf die Emanzipation des Proletariats abziele, zu ihr gehöre. Zu seinen engeren Gesinnungsgenossen durfte Marx weder die blanquistische Mehrheit im Rate der Kommune zählen noch auch nur die Minderheit, die zwar zur Internationalen gehörte, aber wesentlich in den Gedankengängen Proudhons lebte und webte. Mit ihr hat Marx während der Kommune, soweit es unter den damaligen Umständen möglich war, geistige Fühlung behalten, doch haben sich davon leider nur sehr dürftige Reste erhalten.

Auf einen verlorenen Brief von ihm antwortete Leo Franckel, Delegierter für das Departement der öffentlichen Arbeiten, am 25. April u.a.: »Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie mir irgendwie mit Ihrem Rate beistehen wollten, da ich gegenwärtig sozusagen allein, aber auch allein verantwortlich bin für alle Reformen, die ich im Departement der öffentlichen Arbeiten einführen will. Daß Sie Ihr möglichstes tun werden, um allen Völkern, allen Arbeitern und namentlich den deutschen begreiflich zu machen, daß die Kommune von Paris nichts mit der deutschen Zopfgemeinde zu tun hat, läßt sich schon aus einigen Zeilen Ihres letzten Briefes schließen. Damit werden Sie jedenfalls unserer Sache einen großen Dienst erwiesen haben.« Eine etwaige Antwort, die Marx auf diesen Brief erteilt oder gar ein Rat, den er gegeben hätte, hat sich nicht erhalten.

Dagegen ist ein Brief verloren, den Franckel und Varlin an Marx gerichtet haben, und den dieser am 13. Mai also beantwortete: »Ich habe mit dem Überbringer gesprochen. Würde es sich nicht empfehlen, die für die Kanaillen von Versailles so kompromittierenden Papiere an einen sichern Ort zu bringen? Solche Vorsichtsmaßregeln können niemals schaden. - Man hat mir von Bordeaux geschrieben, daß bei den letzten Gemeinderatswahlen vier Internationale gewählt worden sind. In den Provinzen beginnt es zu gären. Leider ist ihre Aktion lokal beschränkt und friedlich. - In Ihrer Sache schrieb ich einige hundert Briefe nach allen Ecken und Enden der Welt, wo wir Beziehungen haben. Die Arbeiterklasse |459|* war übrigens von Anfang an für die Kommune. Selbst die englischen bürgerlichen Blätter haben ihre anfänglich durchaus ablehnende Haltung aufgegeben. Es glückte mir, von Zeit zu Zeit einen günstigen Artikel bei ihnen einzuschmuggeln. - Die Kommune verschwendet, wie mir scheint, zuviel Zeit mit Kleinigkeiten und persönlichen Streitereien. Offenbar wirken noch andere Einflüsse mit als die der Arbeiter. All dies würde aber gar nichts ausmachen, wenn es Ihnen gelänge, die verlorene Zeit wieder einzuholen.« Marx wies schließlich darauf hin, daß möglichst schnelles Handeln schon deshalb geboten sei, weil drei Tage vorher der endgültige Friede zwischen Frankreich und Deutschland in Frankfurt a.M. abgeschlossen worden sei und Bismarck nun dasselbe Interesse wie Thiers an der Niederwerfung der Kommune habe, zumal da von diesem Zeitpunkt an die Abtragung der Kriegsentschädigung von fünf Milliarden beginnen sollte.

Soweit Marx in diesem Briefe Ratschläge erteilt, wird man eine gewisse vorsichtige Zurückhaltung spüren, und ohne Zweifel wird alles, was er an Mitglieder der Kommune geschrieben haben mag, auf denselben Ton gestimmt gewesen sein. Nicht als ob er sich gescheut hätte, die unbedingte Verantwortung für das Tun und Lassen der Kommune zu übernehmen - denn das hat er nach ihrer Niederlage sofort vor aller Öffentlichkeit in umfassender Weise getan -, sondern weil er vollkommen frei war von jedem Gelüste, diktatorische Manieren hervorzukehren und von außen her vorzuschreiben, was an Ort und Stelle, wo die Dinge am besten übersehen werden konnten, zu tun und zu lassen sei.

Am 28. Mai waren die letzten Verteidiger der Kommune gefallen, und bereits zwei Tage später legte Marx dem Generalrat die Adresse über den »Bürgerkrieg in Frankreich« vor, eine der glänzendsten Urkunden, die je aus seiner Feder geflossen sind, und alles in allem noch heute der Glanzpunkt der gewaltigen Literatur, die seitdem über die Pariser Kommune erschienen ist. Marx bewährte hier wieder an einem schwierigen und verwickelten Problem seine erstaunliche Fähigkeit, unter der täuschenden Oberfläche eines scheinbar unlöslichen Durcheinanders, mitten durch das Gewirr sich hundertfach kreuzender Gerüchte, den geschichtlichen Kern der Dinge sicher zu erkennen. Soweit es die Adresse mit Tatsachen zu tun hat - und ihre beiden ersten wie ihr vierter und letzter Abschnitt schildern die tatsächliche Entwicklung -, hat sie überall das Richtige erkannt und ist seither in keinem Punkte widerlegt werden.

Freilich gibt die Adresse keine kritische Geschichte der Kommune, aber das war auch nicht ihre Aufgabe. Sie sollte die Ehre und das Recht |460| der Kommune gegen die Schmach und das Unrecht ihrer Gegner in helles Licht stellen; sie sollte eine Kampfschrift und keine geschichtliche Abhandlung sein. Was die Kommune gefehlt und gesündigt hat, ist seitdem von sozialistischer Seite oft genug Gegenstand einer herben und mitunter selbst zu herben Kritik gewesen. Marx beschränkte sich auf die Andeutung: »In jeder Revolution drängen sich, neben ihren wirklichen Vertretern, Leute andern Gepräges vor. Einige sind die Überlebenden früherer Revolutionen, mit denen sie verwachsen sind; ohne Einsicht in die gegenwärtige Bewegung, aber noch im Besitz großen Einflusses auf das Volk durch ihren bekannten Mut und Charakter oder auch durch bloße Tradition. Andre sind bloße Schreier, die, jahrelang dieselben ständigen Deklamationen gegen die Regierung des Tages wiederholend, sich in den Ruf von Revolutionären des reinsten Wassers eingeschlichen haben. Auch nach dem 18. März kamen solche Leute zum Vorschein und spielten sogar in einigen Fällen eine hervorragende Rolle. Soweit ihre Macht ging, hemmten sie die wirkliche Aktion der Arbeiterklasse, wie sie die volle Entwicklung jeder frühern Revolution gehemmt haben.«[13] Sie seien ein unvermeidliches Übel, mit der Zeit schüttele man sie ab, aber gerade diese Zeit sei der Kommune nicht gelassen worden.

Ein besonderes Interesse beansprucht der dritte Abschnitt der Adresse, der sich mit dem geschichtlichen Wesen der Pariser Kommune beschäftigte. In scharf sinnigster Weise wurde dies Wesen unterschieden von dem Wesen früherer historischer Gebilde, die ihr äußerlich ähnlich sehen mochten - von der mittelalterlichen Kommune an bis zur preußischen Städteordnung. »Es konnte nur einem Bismarck einfallen, der, wenn nicht von seinen Blut- und Eisenintrigen in Anspruch genommen, gern zu seinem alten, seinem geistigen Kaliber so sehr zusagenden Handwerk als Mitarbeiter am ›Kladderadatsch‹ zurückkehrt - nur einem solchen Kopf konnte es einfallen, der Pariser Kommune eine Sehnsucht unterzuschieben nach jener Karikatur der alten französischen Städteverfassung von 1791, der preußischen Städteordnung, die die städtischen Verwaltungen zu bloßen untergeordneten Rädern in der preußischen Staatsmaschinerie erniedrigt.«[14] In der Mannigfaltigkeit der Deutungen, denen die Kommune unterlag, und der Mannigfaltigkeit der Interessen, die sich in ihr ausgedrückt fanden, erkannte die Adresse die Tatsache, daß sie eine durch und durch ausdehnungsfähige politische Form gewesen sei, während alle früheren Regierungsformen wesentlich unterdrückend gewesen seien. »Ihr wahres Geheimnis war dies: sie war wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse, das Resultat des Kampfs der hervorbringenden gegen die aneignende Klasse, die endlich entdeckte |461| politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.«[15]

Den Beweis hierfür konnte die Adresse nicht durch ein ausdrückliches Regierungsprogramm der Kommune führen, zu dem diese nicht gelangt war und, vom ersten bis zum letzten Tage ihres Daseins in einem Kampfe um Leben und Tod stehend, auch nicht gelangen konnte. Sie führte ihn an der Hand der praktischen Politik, die die Kommune getrieben hatte, und das innerste Wesen dieser Politik sah sie in der Abwürgung des Staates, der in seiner prostituiertesten Form, dem zweiten Kaiserreich, nur noch einen »Schmarotzerauswuchs« am gesellschaftlichen Körper darstellte, dessen Kräfte aufsauge und dessen freie Entwicklung hemme. Das erste Dekret der Kommune verfügte die Unterdrückung des stehenden Heeres und dessen Ersetzung durch das bewaffnete Volk. Die Kommune entkleidete die Polizei, bisher das Werkzeug der Staatsregierung, aller politischen Funktionen und verwandelte sie in ihr verantwortliches Werkzeug. Nachdem sie das stehende Heer und die Polizei, die Werkzeuge der materiellen Macht der alten Regierung, beseitigt hatte, brach sie ihr geistliches Unterdrückungswerkzeug, die Pfaffenmacht; sie verfügte die Auflösung und Enteignung sämtlicher Kirchen, soweit sie besitzende Körperschaften waren. Sie öffnete dem Volke alle Unterrichtsanstalten unentgeltlich und befreite sie gleichzeitig von aller Einmischung des Staates wie der Kirche. Die staatliche Bürokratie aber rottete sie mit der Wurzel aus, indem sie alle Beamten, auch die Richter, wählen ließ, sie für jederzeit absetzbar erklärte und ihre Besoldungen auf ein Höchstmaß von 6.000 Franken beschränkte.

So geistreich diese Ausführungen im einzelnen waren, so standen sie doch in einem gewissen Widerspruch mit den Ansichten, die Marx und Engels seit einem Vierteljahrhundert vertreten und schon im »Kommunistischen Manifest« verkündet hatten. Dieser ihrer Auffassung gemäß gehörte zu den schließlichen Folgen der künftigen proletarischen Revolution allerdings die Auflösung der mit dem Namen: Staat bezeichneten politischen Organisation, aber doch nur die allmähliche Auflösung. Der Hauptzweck dieser Organisation war von jeher, die ökonomische Unterdrückung der arbeitenden Mehrzahl durch die ausschließlich begüterte Minderzahl durch bewaffnete Gewalt sicherzustellen. Mit dem Verschwinden einer ausschließlich begüterten Minderzahl verschwindet auch die Notwendigkeit einer bewaffneten Unterdrückungs- oder Staatsgewalt. Gleichzeitig aber betonten Marx und Engels, daß, um zu diesem und den anderen weit wichtigeren Zielen der künftigen sozialen Revolution zu gelangen, die Arbeiterklasse zuerst die organisierte politische Gewalt |462|* des Staates in Besitz nehmen, mit ihrer Hilfe den Widerstand der Kapitalistenklasse niederstampfen und die Gesellschaft neu organisieren müsse. Mit dieser Auffassung des »Kommunistischen Manifestes« ließ sich aber das Lob nicht vereinigen, das die Adresse des Generalrats der Pariser Kommune spendete, weil sie damit begonnen habe, den Schmarotzer Staat mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Natürlich waren sich Marx und Engels darüber vollkommen klar; in dem Vorworte zu einer neuen Ausgabe des »Kommunistischen Manifestes«, die im Juni 1872 noch unter dem frischen Eindruck der Kommune erschien, berichtigten sie sich unter ausdrücklichem Hinweis auf die Adresse dahin, daß die Arbeiterklasse die fertige Staatsmaschine nicht einfach in Besitz nehmen und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen könne. Später aber hat wenigstens Engels, nach dem Tode von Marx, im Kampfe mit anarchistischen Richtungen diesen Vorbehalt wieder fallenlassen und ganz die alten Anschauungen des »Manifestes« wiederholt. Es war begreiflich genug, daß die Anhänger Bakunins in ihrer Weise die Adresse des Generalrats verwerteten. Bakunin selbst spottete, daß Marx, dessen Ideen durch die Kommune alle über den Haufen geworfen worden seien, im Widerspruch mit aller Logik vor ihr den Hut ziehen, ihr Programm und ihr Ziel zu den seinigen machen müsse. In der Tat - wenn ein gar nicht einmal vorbereiteter, sondern durch einen brutalen Angriff plötzlich erzwungener Aufstand mit ein paar einfachen Dekreten die Unterdrückungsmaschinerie des Staates beseitigen konnte, war dann nicht bestätigt, was Bakunin zu wiederholen nicht müde wurde? Das ließ sich immerhin mit einigem guten oder schlechten Willen aus der Adresse des Generalrats herauslesen, die allzusehr, was der Möglichkeit nach im Wesen der Kommune lag, schon der Wirklichkeit nach als vorhanden schilderte. Jedenfalls aber, wenn die Agitation Bakunins im Jahre 1871 einen lebhafteren Aufschwung nahm, als jemals früher, so war das dem mächtigen Eindruck geschuldet, den die Pariser Kommune auf die europäische Arbeiterklasse machte.

Die Adresse schloß: »Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an jenen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind.«[16] Die Adresse erregte sofort nach ihrem Erscheinen das gewaltigste Aufsehen. »Sie macht einen Lärm vom Teufel, und ich habe die Ehre, in diesem Augenblick der bestverleumdete und meistbedrohte Mann von London zu sein«, schrieb Marx an Kugelmann. »Das |463| tut einem wahrhaft wohl nach der langweiligen zwanzigjährigen Sumpfidylle. Das Regierungsblatt - ›The Observer‹ - droht mir mit gerichtlicher Verfolgung. Mögen sie es wagen! Ich pfeife auf diese Kanaillen.« Marx hatte sich sofort nach dem ersten Anheben des Spektakels als Verfasser der Adresse genannt.

In späteren Jahren ist Marx auch von sozialdemokratischen, immerhin vereinzelten Stimmen getadelt worden, daß er die Internationale gefährdet habe, indem er sie mit der Verantwortung für die Kommune belastet habe, die sie gar nicht zu tragen hatte. Er hätte sie ja gegen ungerechte Angriffe verteidigen können, aber sich vor ihren eigenen Fehlern und Mißgriffen bekreuzigen müssen. Das wäre so die Taktik liberaler »Staatsmänner« gewesen, die Marx nicht befolgen konnte, eben weil er Marx war. Er hat nie daran gedacht, die Zukunft seiner Sache zu opfern, in der trügerischen Hoffnung, dadurch die Gefahren zu mindern, die ihr in der Gegenwart drohten.

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4. Die Internationale und die Kommune

Indem die Internationale das Erbe der Kommune, ohne Sichtung des Nachlasses, unbesehen übernahm, trat sie einer Welt von Feinden gegenüber.

Am wenigsten kam es dabei noch auf die verleumderischen Angriffe an, womit die bürgerliche Presse aller Länder sie überschüttete. Im Gegenteile gewann sie dadurch in gewissem Sinne und bis zu einem gewissen Grade ein Mittel der Propaganda, indem der Generalrat durch öffentliche Erklärungen diese Angriffe zurückwies und damit wenigstens in der großen englischen Presse einiges Gehör fand.

Eine schwerere Last hatte der Generalrat an der Sorge für die zahlreichen Flüchtlinge der Kommune zu tragen, die sich zum Teil in Belgien und der Schweiz, vornehmlich aber in London eingefunden hatten. Bei dem immer schlechten Zustande seiner Finanzen konnte er nur mit der größten Mühe und Not die nötigen Mittel herbeischaffen und mußte lange Monate seiner Kraft und Zeit hierauf verwenden, unter Vernachlässigung seiner regelmäßigen Aufgaben, die um so dringendere Erledigung erheischten, als fast alle Regierungen gegen die Internationale mobilmachten.

Aber auch dieser Krieg der Regierungen war noch nicht die schwerste Sorge. Er wurde zunächst in den einzelnen Staaten des Festlandes mit |464| größerem oder geringerem Nachdruck geführt, aber die Versuche, alle Regierungen zu einer gemeinsamen Hetzjagd gegen das klassenbewußte Proletariat zu einigen, scheiterten vorläufig. Den ersten Vorstoß dieser Art unternahm die französische Regierung schon am 6. Juni 1871, in einem Rundschreiben Jules Favres, doch war dies Aktenstück so dumm und verlogen, daß es bei den übrigen Regierungen keinen Anklang fand, selbst bei Bismarck nicht, der, sonst für jede reaktionäre und nun gar arbeiterfeindliche Anregung sehr empfänglich, auch durch die Parteinahme der deutschen Sozialdemokratie für die Kommune, und zwar sowohl der Lassalleaner wie der Eisenacher, aus seinem Größenbewußtsein aufgeschreckt worden war.

Einige Zeit später unternahm die spanische Regierung einen zweiten Versuch, die europäischen Regierungen gegen die Internationale zusammenzuschweißen, wiederum durch ein Rundschreiben ihres Ministers für auswärtige Angelegenheiten. Es reiche nicht hin, heißt es darin, daß eine Regierung vereinzelt die strengsten Maßregeln gegen die Internationale ergreife und deren Sektionen in ihrem Bereich unterdrücke: alle Regierungen müßten zur Beseitigung des Übels ihre Bemühungen vereinigen. Dieser Lockruf hätte schon eher ein Echo gefunden, wenn ihn die englische Regierung nicht sofort erstickt hätte. Lord Granville erwiderte, die Internationale hätte »hier zu Lande« ihre Operationen hauptsächlich auf Ratschläge in Sachen von Arbeitseinstellungen beschränkt und verfüge zu deren Unterstützung nur über geringe Geldsummen, während die revolutionären Pläne, die einen Teil ihres Programms bildeten, mehr die Ansicht der auswärtigen Mitglieder als die Ansicht der britischen Arbeiter widerspiegelten, deren Aufmerksamkeit hauptsächlich auf Lohnfragen gerichtet sei. Aber auch die Ausländer ständen, wie die britischen Untertanen, unter dem Schutze der Gesetze; würden sie gegen diese verstoßen, indem sie sich an Kriegsoperationen gegen irgendeinen Staat beteiligten, mit dem Großbritannien in Freundschaft lebe, so würden sie bestraft werden, jedoch läge kein Grund vor, außerordentliche Vorkehrungen gegen die Ausländer auf englischen Boden zu treffen. Diese vernünftige Abwehr einer unvernünftigen Zumutung veranlaßte Bismarcks offiziöses Leibblatt freilich zu der knurrigen Bemerkung, die Vorkehrungen zur Abwehr der Internationalen müßten im wesentlichen wirkungslos bleiben, solange der britische Boden eine Freistatt bilde, von wo aus die übrigen europäischen Staaten unter dem Schutze des englischen Gesetzes ungestraft beunruhigt werden dürften.

Wenn somit ein gemeinsamer Kreuzzug der Regierungen gegen die |465| Internationale sich nicht auf die Beine bringen ließ, so vermochte sie selbst doch auch nicht, eine geschlossene Phalanx herzustellen gegen die Verfolgungen, denen ihre Sektionen in den einzelnen Staaten des Festlandes ausgesetzt waren. Diese Sorge drückte am allerschwersten auf sie und nicht zum wenigsten deshalb, weil sie gerade auch in den Ländern, in deren Arbeiterklassen sie ihre sichersten Stützen gesehen hatte, den Boden unter den Füßen wanken fühlte: in England, Frankreich und Deutschland, wo die großindustrielle Entwicklung mehr oder minder weit vorgeschritten war und die Arbeiter ein mehr oder minder beschränktes Wahlrecht für die gesetzgebenden Körperschaften besaßen. Äußerlich bekundete sich die Wichtigkeit dieser Länder für die Internationale schon dadurch, daß in ihrem Generalrat 20 Engländer, 15 Franzosen, 7 Deutsche, dagegen nur je 2 Schweizer und Ungarn, und je 1 Pole, Belgier, Ire, Däne und Italiener saßen.

In Deutschland hatte Lassalle die Arbeiteragitation von vornherein auf nationalem Boden angelegt, was ihm von Marx zum bitteren Vorwurf angerechnet worden war, aber was, wie sich alsbald herausstellen sollte, der deutschen Arbeiterpartei über eine Krise hinweghalf, die die sozialistische Entwicklung in allen übrigen Ländern des Festlandes durchzumachen hatte. Einstweilen jedoch hatte der Krieg ein augenblickliches Stocken der deutschen Arbeiterbewegung hervorgerufen; ihre beiden Fraktionen hatten genug mit sich selber zu tun, so daß sie sich nicht viel um die Internationale kümmern konnten. Zudem hatten sich zwar beide gegen die Annexion Elsaß-Lothringens und für die Pariser Kommune erklärt, aber die Eisenacher, die vom Generalrat allein als Zweig der Internationalen anerkannt wurden, waren dabei so in den Vordergrund getreten, daß sie mit Anklagen wegen Hochverrats und ähnlichen schönen Dingen noch vor den Lassalleanern bedrängt wurden. War es doch Bebel gewesen, der durch die feurige Reichstagsrede, worin er die deutschen Sozialdemokraten mit den französischen Kommunards solidarisch erklärte, nach Bismarcks eigenem Geständnis zuerst dessen Argwohn erweckt hatte, der sich nun in wachsenden Gewaltschlägen gegen die deutsche Arbeiterbewegung entlud. Viel entscheidender jedoch war für die Stellung der Eisenacher zu der Internationalen, daß sie sich ihr mehr und mehr entfremdeten, seitdem sie sich als selbständige Partei innerhalb nationaler Grenzen aufgetan hatten.

In Frankreich hatten sich die Thiers und Favre von der Krautjunkerversammlung ein hartes Ausnahmegesetz gegen die Internationale bewilligen lassen, das die durch den furchtbaren Aderlaß der Versailler Metzeleien ohnehin bis auf den Tod erschöpfte Arbeiterklasse völlig |466| lähmte. Gingen diese Ordnungshelden in ihrer wilden Rachsucht sogar so weit, von der Schweiz und selbst von England die Auslieferung von Kommuneflüchtlingen als angeblich gemeinen Verbrechern zu verlangen, und hätten sie in der Schweiz damit beinahe Glück gehabt! So waren für den Generalrat alle Beziehungen zu Frankreich selbst abgerissen. Um das französische Element in seinem Schoße vertreten zu sehen, nahm er eine Anzahl Kommuneflüchtlinge auf, teils solche, die schon früher der Internationalen angehört, teils solche, die sich durch ihre revolutionäre Energie bekanntgemacht hatten, wodurch der Pariser Kommune gehuldigt werden sollte. Das war soweit sehr gut, führte aber zu keiner Stärkung, sondern nur zu einer Schwächung des Generalrats. Denn auch die Flüchtlinge der Kommune verfielen dem unvermeidlichen Schicksal aller Emigranten, nämlich sich durch inneren Hader aufzureiben. Marx hatte jetzt mit den französischen Emigranten eine ähnliche Misere durchzumachen wie zwanzig Jahre früher mit den deutschen. Er war sicherlich der letzte, je irgendeine Anerkennung für das zu beanspruchen, was zu tun er für seine Pflicht hielt, aber die ewigen Klüngeleien der französischen Flüchtlinge entrissen ihm im November 1871 doch einmal den Stoßseufzer: »Dies der Dank dafür, daß ich fast fünf Monate in Arbeiten für die Flüchtlinge verloren und durch die ›Adress on the Civilwar‹ [Mehring übersetzt: Adresse] als ihr Ehrenretter gewirkt habe.«

Endlich verlor die Internationale die Stütze, die sie bisher an den englischen Arbeitern gehabt hatte. Äußerlich trat der Bruch dadurch zuerst hervor, daß zwei angesehene Führer des Trade-Unionismus, Lucraft und Odger, die dem Generalrat seit Anbeginn zugehört hatten, Odger sogar als Vorsitzender, solange dieses Amt bestand, ihren Austritt erklärten, wegen der Adresse über den Bürgerkrieg. Daraus ist die Legende entstanden, daß die Trade Unions sich von der Internationalen getrennt hätten, aus sittlichem Abscheu über deren Parteinahme für die Kommune. Das Stückchen Wahrheit, das darin ist, enthielt jedoch keineswegs den entscheidenden Gesichtspunkt. Die Sache hatte einen viel tieferen Zusammenhang.

Das Bündnis zwischen der Internationalen und den Trade Unions war von Anfang an eine Vernunftehe. Man brauchte sich gegenseitig, aber keiner von beiden Teilen dachte daran, sich mit dem anderen auf Gedeih und Verderb zu verschmelzen. Mit meisterhafter Geschicklichkeit hatte Marx verstanden, in der »Inauguraladresse» und den »Statuten der Internationalen« ein gemeinsames Programm zu schaffen, aber wenn die Trade Unions dies Programm auch unterschreiben konnten, so entnahmen sie praktisch doch nur das daraus, was ihnen in ihren Kram paßte. |467| Dies Verhältnis schilderte Lord Granville in seiner Antwortdepesche an die spanische Regierung ganz richtig. Zweck der Trade Unions war Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft, und um diesen Zweck zu erreichen oder zu sichern, verschmähten sie auch nicht den politischen Kampf, aber in der Wahl ihrer Kampfgenossen und ihrer Kampfmittel waren sie vollkommen frei von allen grundsätzlichen Bedenken, soweit es nicht eben auf ihren eigentlichen Zweck ankam.

Marx mußte bald erkennen, daß diese spröde Eigenart der Trade Unions, die sich tief in der Geschichte und dem Wesen des englischen Proletariats verwurzelt hatte, nicht so leicht zu brechen sei. Die Trade Unions brauchten die Internationale, um die Wahlreform durchzusetzen, aber als die Wahlreform durchgesetzt war, begannen sie mit den Liberalen zu liebäugeln, ohne deren Hilfe sie nicht darauf rechnen konnten, Parlamentssitze zu erobern. Schon im Jahre 1868 schalt Marx über diese »Intriganten«, unter denen er auch schon Odger nannte, der wiederholt für das Parlament kandidierte. Ein andermal rechtfertigte Marx die Tatsache, daß einige Anhänger des Sektenhäuptlings Bronterre O'Brien im Generalrat saßen, mit den bezeichnenden Worten: »Diese O'Brienniten, trotz ihrer Narrheiten, bilden im Council ein oft nötiges Gegengewicht gegen die Trade-Unionisten. Sie sind revolutionärer, über die Landfrage entschiedener, weniger national und bürgerlicher Bestechung in einer oder der anderen Form nicht zugänglich. Sonst hätte man sie längst an die Luft gesetzt.« Und dem wiederholt auftauchenden Vorschlag, einen eigenen Föderalrat für England zu bilden, widersetzte sich Marx, wie er u.a. in dem Rundschreiben des Generalrats vom 1. Januar 1870 ausführte, vornehmlich aus dem Grunde, weil den Engländern der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft fehle, so daß solch Föderalrat ein Spielball radikaler Parlamentsmitglieder werden würde.

Nach dem Abfall der englischen Arbeiterführer hat Marx in derbster Weise den Vorwurf gegen sie erhoben, daß sie sich dem liberalen Ministerium verkauft hätten. Das mag auf einzelne zutreffen, auf andere trifft es aber selbst dann nicht zu, wenn man die Bestechung in »anderer Form« als barer Zahlung versteht. Applegarth war als Trade-Unionist mindestens ebenso angesehen wie Odger und Lucraft, und galt beiden Häusern des Parlaments sogar als offizieller Vertreter des Trade-Unionismus. Schon nach dem Baseler Kongreß war er von seinen parlamentarischen Gönnern interpelliert worden, wie er sich zu den Beschlüssen dieses Kongresses über das Gemeineigentum stelle, hatte sich aber durch |468| die kaum verhüllte Drohung nicht einschüchtern lassen. Und als er 1870 in die Königliche Kommission zur Beratung der Gesetze gegen venerische Krankheiten gewählt wurde und damit als erster Arbeiter den Anspruch erhielt, von dem Souverän als Unser Getreuer und Vielgeliebter angesprochen zu werden, unterzeichnete er gleichwohl die Adresse über den »Bürgerkrieg in Frankreich« und blieb überhaupt dem Generalrat bis zu dessen Ende treu.

Gerade aber an dem Beispiel dieses persönlich unantastbaren Mannes, der auch später die Berufung ins Handelsamt abgelehnt hat, zeigte sich, worin der Umfall der englischen Arbeiterführer bestand. Das nächste Ziel der Trade Unions war Rechtsschutz für ihre Verbände und ihre Kassen. Dies Ziel schienen sie erreicht zu haben, als im Frühjahr 1871 die Regierung einen Gesetzentwurf einbrachte, wonach jede Trade Union ein Recht auf gesetzliche Registrierung und Rechtsschutz für ihre Kassen haben sollte, sobald ihre Statuten nicht gegen die Strafgesetze verstießen. Aber indem die Regierung mit der einen Hand gab, nahm sie mit der anderen Hand.

In einem zweiten Teil des Gesetzes wurde die Koalitionsfreiheit aufgehoben, indem alle Kautschukbestimmungen, die je gegen Streiks ersonnen worden waren, das Verbot von »Gewaltanwendungen«, »Drohungen«, »Einschüchterung«, »Belästigungen«, »Behinderungen« usw. von neuem bestätigt und selbst verschärft wurden. Es war ein richtiges Ausnahmegesetz: Handlungen, die von Trade Unions begangen wurden oder ihre Zwecke fördern sollten, wurden unter Strafe gestellt, während dieselben Handlungen, wenn sie von anderen Verbindungen begangen wurden, straflos blieben. In ihrer immerhin höflichen Weise sagen die Historiker des englischen Trade-Unionismus: »Es schien von geringem Nutzen, die Existenz von Gewerkvereinen für gesetzlich zu erklären, wenn das Strafgesetz so gedehnt wurde, daß es sich auch auf die alltäglichen friedlichen Mittel erstreckte, durch die diese Vereine ihre Zwecke zu erreichen pflegten.« Zum ersten Male wurden die Gewerkvereine gesetzlich anerkannte und geschützte Körperschaften, aber die gegen die gewerkschaftliche Aktion gerichteten Gesetzesbestimmungen wurden ausdrücklich bestätigt und selbst noch verschärft.

Natürlich wiesen die Trade Unions und ihre Führer dies Danaergeschenk zurück. Jedoch erreichten sie mit ihrem Widerstande nicht mehr, als daß die Regierung ihre Vorlage in zwei Teile zerlegte: ein Gesetz, das die Gewerkvereine legalisierte, und eine Strafgesetznovelle, die jede gewerkschaftliche Aktion mit schwerer Ahndung bedrohte. Das war natürlich kein wirklicher Erfolg, sondern eine Falle, in die die Gewerkschaftsführer |469|* gelockt werden sollten und in die sie auch wirklich hineintappten. Ihre Kassen standen ihnen höher als ihre gewerkschaftlichen Prinzipien; sie alle, und Applegarth war dabei sogar voran, ließen ihre Vereine auf Grund des neuen Gesetzes einregistrieren, und im September 1871 löste sich die Konferenz der amalgamierten Gewerkschaften, die Vertretung des »Neuen Unionismus«, der ehedem die Verbindung zwischen der Internationalen und den Trade Unions vermittelt hatte, in aller Form auf, weil »die Aufgaben erfüllt seien, zu deren Lösung sie ins Leben gerufen« worden sei.

Die Führer der Trade Unions mochten ihr Gewissen damit beschwichtigen, daß sie in ihrer allmählichen Verbürgerlichung sich daran gewöhnt hatten, in den Streiks nur noch rohe Formen der gewerkschaftlichen Bewegung zu sehen. Schon 1867 hatte einer von ihnen vor einer Königlichen Kommission erklärt, die Streiks bedeuteten für Arbeiter wie Unternehmer eine absolute Verschwendung an Geld. Sie bremsten deshalb auch mit allen Kräften, als im Jahre 1871 eine gewaltige Bewegung für den Neunstundentag durch das englische Proletariat ging, dessen Massen die »staatsmännische« Entwicklung ihrer Führer nicht mitgemacht hatten und durch die neue Strafgesetznovelle aufs äußerste gereizt wurden. Die Bewegung begann am 1. April mit einem Streik der Maschinenbauer in Sunderland, verbreitete sich schnell in den Maschinenbaudistrikten und gipfelte in dem Streik von Newcastle, der nach fünf Monaten mit einem vollständigen Siege der Arbeiter endete. Der große Verein der Maschinenbauer verhielt sich aber zu dieser Massenbewegung durchaus ablehnend; erst nach vierzehn Wochen erhielten die streikenden Arbeiter, die Mitglieder des Vereins waren, eine Streikunterstützung von fünf Schillingen wöchentlich außer der gewöhnlichen Arbeitslosenunterstützung. Die Bewegung, die sich schnell auf eine ganze Zahl anderer Berufe erstreckte, wurde fast ausschließlich von der Neunstundenliga getragen, die sich für diesen Kampf gebildet hatte und in John Burnett einen sehr fähigen Leiter gewann.

Um so lebhafteres Entgegenkommen fand die Neunstundenliga bei dem Generalrat der Internationalen, der seine Mitglieder Cohn und Eccarius nach Dänemark und Belgien sandte, um die Anwerbung ausländischer Arbeiter durch die Agenten der Fabrikanten zu hintertreiben. Das gelang ihnen auch in weitem Umfange. Bei den Verhandlungen mit Burnett konnte Marx die bittere Bemerkung nicht unterdrücken, es sei ein eigenes Mißgeschick, daß die organisierten Körperschaften der Arbeiter sich abseits der Internationalen hielten, bis sie in Verlegenheit gerieten; kämen sie rechtzeitig, so könnten alle Vorbeugungsmaßregeln |470| rechtzeitig getroffen werden. Indessen gewann es ganz den Anschein, als ob die Internationale einen überreichen Ersatz für das, was sie an den Führern verloren hatte, an den Massen gewinnen würde; immer neue Sektionen bildeten sich, und die bestehenden Sektionen gewannen eine wachsende Zahl neuer Mitglieder. Doch wurde dabei auch immer dringlicher die Forderung gestellt, England müsse seinen eigenen Föderalrat haben.

Marx machte nun endlich dies Zugeständnis, dem er sich lange widersetzt hatte; da nach dem Fall der Kommune eine neue Revolution nicht mehr in absehbarer Nähe lag, scheint er nicht mehr so großen Wert darauf gelegt zu haben, daß der Generalrat unmittelbar die Hand auf dem stärksten Hebel der Revolution habe. Aber seine alten Bedenken erwiesen sich doch als gerechtfertigt; mit der Einrichtung des Föderalrats sollte sich offenbaren, daß die Spuren der Internationalen in England früher verschwanden als in irgendeinem anderen Lande.

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5. Die bakunistische Opposition

Hatte die Internationale schon in Deutschland, Frankreich und England nach dem Fall der Pariser Kommune mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, so vollends in anderen Ländern, wo sie erst schwachen Fuß gefaßt hatte. Der kleine Krisenherd, der sich schon vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges in der romanischen Schweiz gebildet hatte, dehnte sich über Italien, Spanien, Belgien und andere Länder aus; es gewann den Anschein, als ob es die Tendenzen Bakunins über die Tendenzen des Generalrats davontragen sollten.

Nicht als ob diese Entwicklung der agitatorischen Tätigkeit Bakunins oder, wie der Generalrat annahm, seinen Intrigen geschuldet wäre. Zwar unterbrach Bakunin seine Übersetzungsarbeit am »Kapital« schon in den ersten Tagen des Jahres 1871, um sich neuer politischer Tätigkeit zu widmen, aber diese Tätigkeit hatte nichts mit der Internationalen zu tun und verlief so, daß sie das politische Ansehen Bakunins schwer erschütterte. Es handelte sich um die berufene Affäre Netschajew, über die nicht so leicht hinwegzukommen ist, wie die begeisterten Verehrer Bakunins versuchen, indem sie ihm nur »zu große Intimität durch zu große Güte« vorwerfen.

Netschajew war ein junger Mann von einigen zwanzig Jahren, als Leibeigener aufgewachsen, aber durch das Wohlwollen liberaler Personen |471|* auf dem Seminar für den Lehrerberuf vorbereitet. Er geriet in die damalige russische Studentenbewegung, in der ihm weder seine dürftige Bildung noch sein mäßiger Verstand, aber wohl seine wilde Energie und sein unbändiger Haß gegen die zarische Unterdrückung eine gewisse Stellung verschafften. Seine hervorragendste Eigenschaft war jedoch die Freiheit von allen moralischen Bedenken, wenn es seine Sache zu fördern galt. Persönlich begehrte er nichts und entbehrte alles, wenn es nötig war, aber er scheute vor keiner noch so verwerflichen Handlung zurück, wenn er sich einbildete, dadurch revolutionär zu wirken.

Er war schon im Frühling 1869 in Genf erschienen, im doppelten Glanze eines aus der Peter-Pauls-Festung entkommenen Staatsverbrechers und des Abgesandten eines allmächtigen Komitees, das angeblich im geheimen die Revolution ganz Rußlands vorbereite. Beides war erfunden; weder gab es ein solches Komitee, noch hatte Netschajew in der Peter-Pauls-Festung gesessen. Nach der Verhaftung einiger seiner engeren Genossen war er ins Ausland gegangen, nach seiner eigenen Angabe, um die alten Emigranten zu beeinflussen, mit ihren Namen und ihren Schriften die russische Jugend zu begeistern. Diesen Zweck erreichte er bei Bakunin in einem schier unbegreiflichen Maße. Dem imponierte der »junge Wilde«, der »kleine Tiger«, wie er Netschajew zu nennen pflegte, als der Vertreter eines neuen Geschlechts, das mit revolutionärer Tatkraft das alte Rußland über den Haufen werfen würde. Bakunin glaubte so unbedingt an das »Komitee«, daß er sich dessen Befehlen, die ihm durch Netschajew übermittelt würden, ohne jede Einrede zu unterwerfen verpflichtete, und war sofort bereit, gemeinsam mit Netschajew eine Reihe schärfster revolutionärer Schriften zu veröffentlichen und über die russische Grenze zu werfen.

Für diese Literatur ist Bakunin zweifellos mitverantwortlich, und es ist von keinem entscheidenden Interesse, zu untersuchen, ob einige ihrer ärgsten Leistungen von ihm oder von Netschajew herrühren. Zudem ist seine Autorschaft weder bestritten an dem Aufrufe, der die russischen Offiziere aufforderte, dem »Komitee« denselben unbedingten Gehorsam zu leisten, zu dem Bakunin selbst sich verpflichtet hatte, noch an der Flugschrift, die das russische Räuberwesen idealisierte, noch an dem revolutionären Katechismus, worin sich Bakunins Vorliebe für grausige Vorstellungen und schreckliche Worte bis zum Übermaß austobte, Nicht erwiesen ist jedoch, daß Bakunin je irgendeinen Anteil an Netschajews demagogischer Praxis gehabt hat, deren Opfer er selbst werden sollte, und deren allzu späte Erkenntnis ihn dem »kleinen Tiger« die Wege weisen ließ. Wenn Bakunin und Netschajew vom Generalrat der Internationalen |472|* beschuldigt worden sind, daß sie unschuldige Personen in Rußland ins Verderben gestürzt hätten, indem sie ihnen Briefe, Druckschriften oder Telegramme in einer Form zusandten, die notwendig die Aufmerksamkeit der russischen Polizei erregen mußte, so hätte ein Mann wie Bakunin vor solchen Vorwürfen billigerweise geschützt sein sollen. Den wirklichen Sachverhalt gab Netschajew bei seiner Entlarvung selbst zu; er bekannte sich mit eiserner Stirn zu seiner nichtswürdigen Methode, alle, die nicht vollständig solidarisch mit ihm seien, zu kompromittieren, um sie zu vernichten oder ganz in die Bewegung hineinzureißen. Nach derselben Methode ließ er von Personen, die ihm vertrauten, in Augenblicken der Aufregung kompromittierende Erklärungen unterzeichnen oder stahl ihnen vertrauliche Briefe, in deren Besitz er einen erpresserischen Druck auf sie ausüben konnte.

Zur Kenntnis dieser Methode war Bakunin noch nicht gekommen, als Netschajew im Herbst 1869 nach Rußland zurückkehrte. Er nahm eine schriftliche Beglaubigung Bakunins mit, worin dieser ihn als »bevollmächtigten Vertreter«, natürlich nicht der Internationalen, und selbst nicht einmal der Allianz der sozialistischen Demokratie, sondern einer Europäischen revolutionären Allianz anerkannte, die Bakunins erfindungsreicher Geist gewissermaßen als Ableger der Allianz für russische Angelegenheiten gegründet hatte. Sie bestand vermutlich erst auf dem Papier, aber der Name Bakunins war wirksam genug, um der Agitation Netschajews unter der studierenden Jugend einen gewissen Nachdruck zu geben. In der Hauptsache arbeitete er aber auch jetzt mit dem Schwindel des »Komitees«, und als einer seiner neu gewonnenen Anhänger, der Student Iwanow, an der Existenz dieser geheimen Obrigkeit zu zweifeln begann, schaffte er den unbequemen Zweifler durch Meuchelmord aus dem Wege. Die Auffindung der Leiche führte zu zahlreichen Verhaftungen, doch entkam Netschajew über die Grenze.

In den ersten Tagen des Januar 1870 erschien er wieder in Genf, und nun begann das alte Spiel. Bakunin trat mit Feuereifer dafür ein, daß die Tötung Iwanows ein politisches, aber kein gemeines Verbrechen sei, wegen dessen die Schweiz die von der russischen Regierung beanspruchte Auslieferung Netschajews nicht bewilligen dürfe. Einstweilen hielt sich Netschajew so gut versteckt, daß die Polizei seiner nicht habhaft werden konnte. Er selbst aber spielte seinem Beschützer einen bösen Streich. Er veranlaßte Bakunin, die Übersetzung des »Kapitals« aufzugeben, um seine ganze Kraft der revolutionären Propaganda zu widmen, und versprach, in Sachen des bereits gezahlten Vorschusses sich mit dem Verleger zu einigen. Bakunin, der damals selbst in den kümmerlichsten Umständen |473|* lebte, konnte dies Versprechen nur dahin auffassen, daß Netschajew oder sein geheimnisvolles »Komitee« dem Verleger die 300 Rubel Vorschuß zurückerstatten werde. Netschajew aber sandte einen »offiziellen Beschluß« des »Komitees«, auf einem Bogen, der mit dessen Briefkopfe versehen und dazu mit einem Beil, einem Dolch und einem Revolver verziert war, nicht an den Verleger selbst, sondern an Lubawin, der den Verleger vermittelt hatte. Diesem wurde darin verboten, die Rückerstattung des Vorschusses von Bakunin zu verlangen, falls er nicht des Todes gewärtig sein wolle. Erst durch einen beleidigenden Brief Lubawins erfuhr Bakunin davon. Er beeilte sich, durch einen neuen Empfangsschein seine Schuld anzuerkennen, und ebenso seine Verpflichtung, sie zurückzuzahlen, sobald es in seinen Kräften stände, brach aber mit Netschajew, von dem er inzwischen auch andere Dinge erfahren hatte, wie den Plan, die Simplonpost zu überfallen und zu berauben.

Für Bakunin hatte die unbegreifliche und für einen politischen Kopf unverzeihliche Leichtgläubigkeit, die er in dieser abenteuerlichsten Episode seines Lebens bewiesen hatte, sehr unangenehme Folgen. Marx erfuhr schon im Juli 1870 davon, und zwar diesmal durch eine sehr lautere Quelle: nämlich den braven Lopatin, der im Mai, bei einem Aufenthalt in Genf, sich vergebens bemüht hatte, Bakunin zu überzeugen, daß kein »Komitee« in Rußland existiere, daß Netschajew nie in der Peter-Pauls-Festung gesessen habe, daß die Erwürgung Iwanows ein ganz zweckloser Mord gewesen sei, und wenn einer, so mußte Lopatin von diesen Dingen unterrichtet sein. Marx mußte dadurch in der ungünstigen Meinung, die er sich nunmehr über Bakunin gebildet hatte, wesentlich bestärkt werden. Die russische Regierung aber nutzte die günstige Gelegenheit aus, als sie durch die zahlreichen Verhaftungen nach Iwanows Ermordung hinter das Treiben Netschajews gekommen war. Um die russischen Revolutionäre vor aller Welt zu blamieren, ließ sie zum ersten Male eine politische Gerichtsverhandlung öffentlich und vor Geschworenen führen; im Juli 1871 begannen die Verhandlungen des sogenannten Prozesses Netschajew in Petersburg, die gegen mehr als achtzig Angeklagte, zumal Studenten, geführt wurden und den meisten von ihnen schwere Verurteilungen zu Gefängnis oder auch zu Zwangsarbeit in den sibirischen Bergwerken eintrugen.

Netschajew selbst war damals noch auf freien Füßen, er hielt sich abwechselnd in der Schweiz, in London und in Paris auf, wo er die Zeit der Belagerung und der Kommune verlebte; erst im Herbst 1872 wurde er in Zürich durch einen Spitzel verraten. Daß Bakunin jetzt noch mit seinen Freunden bei Schabelitz in Zürich ein Flugblatt erscheinen |474| ließ, um die Auslieferung des Verhafteten wegen gemeinen Mordes zu hindern, gereicht ihm nicht zur Unehre. Ebensowenig daß er, als die Auslieferung dennoch erfolgte, an Ogarew schrieb, der sich ebenfalls von Netschajew hatte betören lassen und ihm sogar den Batmetjewschen Fonds, über den er nach Herzens Tode verfügen durfte, ganz oder teilweise ausgeliefert hatte: »Eine gewisse innere Stimme sagt mir, daß Netschajew, der unrettbar verloren ist und dies ohne Zweifel weiß, diesmal aus der Tiefe seines Wesens, das verworren, versumpft, aber nicht niedrig ist, seine ganze ursprüngliche Energie und Standhaftigkeit wieder hervorrufen wird. Er wird als Held zugrunde gehen und diesmal niemand und nichts verraten.« Dieser Erwartung hat Netschajew in zehn furchtbaren Kerkerjahren bis an seinen Tod entsprochen; er hat seine früheren Sünden nach Möglichkeit gutzumachen gesucht und eine stählerne Energie bewährt, die selbst seine Wachmannschaften seinem Willen fügsam machte.

Zur selben Zeit, wo der Bruch zwischen Bakunin und Netschajew erfolgte, brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Er gab den Gedanken Bakunins sofort eine andere Richtung; der alte Revolutionär rechnete jetzt darauf, daß der Einmarsch der deutschen Heere das Signal zur sozialen Revolution in Frankreich geben werde. Gegenüber einer aristokratischen, monarchischen, militärischen Invasion dürften die französischen Arbeiter nicht untätig bleiben, wenn sie nicht nur ihre eigene Sache, sondern auch die Sache des Sozialismus nicht verraten wollten; der Sieg Deutschlands sei der Sieg der europäischen Reaktion. Wenn Bakunin mit Recht bestritt, daß eine Revolution im Innern den Widerstand des Volkes nach außen lähmen würde und sich hierfür gerade auf die französische Geschichte berufen konnte, so bewegten sich seine Vorschläge, die bonapartistisch und reaktionär gesinnte Bauernklasse zum gemeinsamen revolutionären Vorgehen mit den städtischen Arbeitern aufzustürmen, doch durchaus nur im Luftreich des Traums. Man solle den Bauern nicht mit irgendwelchen Dekreten oder kommunistischen Vorschlägen oder Organisationsformen kommen; das würde nur ihren Aufstand gegen die Städte bewirken. Man solle vielmehr aus ihrer Seele die Revolution hervorlocken, und was dergleichen phantastische Redensarten mehr waren.

Nach dem Fall des Kaiserreichs erließ Guillaume einen Aufruf in der »Solidarité«, mit bewaffneten Freischaren der französischen Republik zu Hilfe zu eilen. Es war ein richtiger Narrenstreich, zumal im Munde eines Mannes, der wahrhaft fanatisch die Enthaltung der Internationalen von aller Politik predigte; auch hatte er keine andere Wirkung, als ausgelacht |475|* zu werden. Nicht jedoch darf man den Versuch Bakunins, am 26. September eine revolutionäre Kommune in Lyon auszurufen, unter demselben Gesichtspunkt betrachten. Bakunin war von revolutionären Elementen dorthin berufen worden. Man hatte sich des Stadthauses bemächtigt, die »Verwaltungs- und Regierungsmaschinerie des Staates« abgeschafft und dafür die »Revolutionäre Föderation der Gemeinde« ausgerufen, als der Verrat des Generals Cluseret und die Feigheit einiger anderer Personen einen leichten Sieg der Nationalgarde über die Bewegung ermöglichte. Vergebens hatte Bakunin zu energischen Maßregeln gedrängt und in erster Reihe gefordert, die Vertreter der Regierung zu verhaften. Er selbst wurde gefangengenommen, aber durch eine Abteilung freier Schützen wieder befreit. Er hielt sich noch einige Wochen in Marseille auf, in der Hoffnung, daß die Bewegung wieder erwachen werde, und als sich seine Hoffnung nicht erfüllte, kehrte er Ende Oktober nach Locarno zurück.

Der Spott über diesen mißlungenen Versuch hätte billigerweise der Reaktion überlassen werden sollen. Ein Gegner Bakunins, dem alle Abneigung gegen den Anarchismus noch nicht die Unbefangenheit des Urteils geraubt hat, schreibt zutreffend: »Leider ließen sich auch in der sozialdemokratischen Presse spöttische Stimmen hören, was Bakunin durch seinen Versuch wahrlich nicht verdient hat. Selbstverständlich können und müssen diejenigen, die die anarchistischen Ansichten Bakunins und seiner Anhänger nicht teilen, sich kritisch zu seinen grundlosen Hoffnungen verhalten. Doch abgesehen davon war sein damaliges Auftreten ein mutiger Versuch, die eingeschlafene Energie des französischen Proletariats zu wecken, und sie gleichzeitig gegen den äußern Feind und die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu richten. Ungefähr dasselbe versuchte später die Kommune, die Marx bekanntlich warm begrüßte.« Das ist jedenfalls sachlicher und vernünftiger gesprochen, als wenn der Leipziger »Volksstaat« die von Bakunin in Lyon erlassene Proklamation nach bekannter Melodie ansang, sie hätte im Berliner Preßbüro nicht passender für Bismarck gemacht werden können.

Sein Scheitern in Lyon entmutigte Bakunin aufs tiefste. Er sah die Revolution, die er schon mit Händen greifen zu können geglaubt hatte, in weite Ferne entschwinden, zumal als auch der Aufstand der Kommune niedergeworfen wurde, der für den Augenblick neue Hoffnungen in ihm erweckt hatte. Sein Haß gegen die revolutionäre Propaganda, wie sie Marx trieb, wuchs in demselben Maße an, als er ihr die Hauptschuld an der seines Erachtens schläfrigen Haltung des Proletariats gab. Dazu war seine materielle Lage überaus kläglich; seine Brüder halfen ihm |476| nicht, und es gab Tage, wo er nicht mehr als fünf Centimes in der Tasche hatte und nicht die gewohnte Tasse Tee trinken konnte. Seine Frau fürchtete, daß er seine Energie verlieren und sich moralisch zerstören würde. Er selbst aber entschloß sich, in einem Werke, das er stückweise in freien Augenblicken niederschrieb, seine Ansichten über den Werdegang der Menschheit, der Philosophie, die Religion, den Staat und die Anarchie zu entwickeln. Es sollte sein Vermächtnis sein.

Indessen ist es nicht vollendet worden; diesem unruhigen Geiste war kein langes Feiern beschieden. Utin hatte seine Hetzereien in Genf fortgesetzt und im August 1870 erreicht, daß Bakunin und einige seiner Freunde aus der Genfer Zentralsektion ausgeschlossen wurden, weil sie der Sektion der Allianz angehörten. Dann hatte Utin den Schwindel in die Welt gesetzt, daß die Sektion der Allianz niemals vom Generalrat in die Internationale aufgenommen worden sei; die Dokumente, die sie darüber von Eccarius und Jung erhalten zu haben behaupte, seien gefälscht. Nun war inzwischen Robin nach London übergesiedelt und in den Generalrat aufgenommen worden, den er in der »Égalité« heftig bekämpft hatte. Damit gab der Generalrat einen Beweis seiner Unbefangenheit, denn Robin hatte nicht aufgehört, ein geschworener Anhänger der Allianz zu sein. Er hatte schon am 14. März 1871 beantragt, eine private Konferenz der Internationalen zur Entscheidung des Genfer Streits einzuberufen. Diesen Antrag hatte der Generalrat zwar am Vorabend der Kommune ablehnen zu sollen geglaubt, aber am 25. Juli beschloß er, die Genfer Sache einer Konferenz zu unterbreiten, die für den September einberufen werden sollte. In derselben Sitzung bestätigte er auf Verlangen Robins die Schreiben als echt, in denen Eccarius und Jung der Genfer Sektion der Allianz ihre Aufnahme in die Internationale mitgeteilt hatten.

Kaum war dieser Brief in Genf eingetroffen, als die Sektion der Allianz sich am 6. August freiwillig auflöste und diesen Beschluß sofort dem Generalrat mitteilte. Die Sache sollte sehr großartig aussehen; nachdem die Sektion durch den Generalrat ihre Genugtuung gegen die Lügen Utins erhalten hatte, opferte sie sich selbst im Interesse des Friedens und der Versöhnung. Tatsächlich entschieden aber andere Beweggründe, die Guillaume später offen zugegeben hat. Die Sektion war zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken und erschien namentlich den Kommuneflüchtlingen in Genf als der tote Rest persönlicher Zänkereien. In eben diesen Flüchtlingen sah Guillaume geeignete Elemente, um auf breiterer Basis den Kampf gegen den Genfer Föderalrat zu führen. Deshalb wurde die Sektion der Allianz aufgelöst, und in der Tat vereinigten sich ihre Trümmer wenige Wochen später mit Kommunards |477| zu einer neuen »Sektion der revolutionären sozialistischen Propaganda und Aktion«, die sich zwar mit den allgemeinen Prinzipien der Internationalen einverstanden erklärte, aber sich die volle Freiheit vorbehielt, die ihr die Statuten und die Kongresse der Internationalen gewährten.

Mit alledem hatte Bakunin zunächst gar nichts zu tun. Es kennzeichnet seine angebliche Allmacht als Oberhaupt der Allianz, daß die Genfer Sektion nicht einmal für nötig hielt, bei ihm in Locarno anzufragen, ehe sie sich auflöste. Nicht jedoch aus verletzter Empfindlichkeit, sondern weil er die Auflösung der Sektion unter den gegebenen Umständen für einen feigen und hinterhältigen Streich hielt, protestierte Bakunin in einem scharfen Schreiben gegen sie; »begehen wir keine Feigheit, unter dem Vorwande, die Einheit in der Internationalen zu retten«. Zugleich aber machte er sich daran, in einer umfangreichen Darstellung der Genfer Wirren die Prinzipien klarzustellen, um die es sich nach seiner Meinung bei dem Streite handelte als Leitfaden für seine Anhänger auf der Londoner Konferenz.

Von dieser Arbeit haben sich beträchtliche Bruchstücke erhalten, die sich sehr zu ihrem Vorteil von den russischen Flugschriften unterscheiden, die Bakunin ein Jahr vorher mit Netschajew fabriziert hatte. Sie sind bis auf gelegentliche kräftige Ausdrücke ruhig und sachlich geschrieben, und wie man immer zu Bakunins besonderer Auffassung stehen mag, so führen sie jedenfalls den überzeugenden Nachweis, daß der Ursprung der Genfer Wirren in tieferem Boden wurzelte, als in dem Flugsande persönlicher Krakeelereien, und daß, soweit solche mitspielten, der wesentliche Teil der Schuld auf Utin und Konsorten fiel.

Den tiefen Gegensatz, der ihn von Marx und dessen »Staatskommunismus« trennte, verleugnete Bakunin keinen Augenblick, und er sprang nicht sanft mit dem Gegner um. Aber immerhin stellte er ihn nicht als ein nichtswürdiges Subjekt hin, das nichts als seine eigenen, verwerflichen Zwecke im Auge hätte. Indem er nachwies, daß die Internationale im Schoße der Massen selbst entstanden und dann durch gescheite und der Volkssache ergebene Männer entbunden worden sei, fügte er hinzu: »Wir ergreifen diese Gelegenheit, den berühmten Führern der deutschen Kommunistenpartei zu huldigen, den Bürgern Marx und Engels vor allem, und ebenso dem Bürger Ph. Becker, unserem früheren Freunde und jetzigen unversöhnlichen Gegner, die, soweit es einzelnen gegeben ist, etwas zu schaffen, die wahren Schöpfer der Internationalen gewesen sind. Wir huldigen ihnen um so lieber, als wir gezwungen sein werden, sie bald zu bekämpfen. Unsere Achtung für sie ist rein und tief, aber sie |478| geht nicht bis zur Götzenanbetung und wird uns niemals dazu hinreißen, ihnen gegenüber die Rolle von Sklaven zu übernehmen. Und obgleich wir volle Gerechtigkeit den ungeheuren Diensten widerfahren lassen, die sie der Internationalen geleistet haben und selbst jetzt noch leisten, so werden wir doch bis aufs Messer bekämpfen ihre falschen autoritären Theorien, ihre diktatorischen Anmaßungen und jene Manier unterirdischer Intrigen, eitler Umtriebe, elender Persönlichkeiten, unreiner Beleidigungen und infamer Verleumdungen, die auch sonst die politischen Kämpfe fast aller Deutschen kennzeichnen und die sie unglücklicherweise in die Internationale verschleppt haben.« Das war gewiß hinlänglich grob, aber nie hat sich Bakunin dazu hinreißen lassen, die unsterblichen Verdienste zu bestreiten, die sich Marx als Gründer und Leiter der Internationalen erworben hat.

Indessen auch diese Arbeit hat Bakunin nicht vollendet. Er war noch dabei, sie niederzuschreiben, als Mazzini in einer Wochenschrift, die er in Lugano herausgab, harte Angriffe gegen die Kommune und die Internationale veröffentlichte. Sofort antwortete Bakunin in der »Antwort eines Internationalen an Mazzini«, der er andere Flugschriften in gleichem Sinne folgen ließ, als Mazzini und dessen Anhang die Polemik aufnahm. Nach allen Fehlschlägen der letzten Zeit hatte Bakunin nunmehr einen vollen Erfolg: die Internationale, die bisher in Italien nur kümmerlich gediehen war, breitete sich in dem Lande schnell aus. Das verdankte Bakunin aber nicht seinen »Intrigen«, sondern den beredten Worten, womit er die revolutionäre Spannung zu lösen verstand, in die namentlich die italienische Jugend durch die Pariser Kommune versetzt worden war.

In Italien hatte sich die große Industrie erst wenig entwickelt; im keimenden Proletariat erwachte nur langsam ein Klassenbewußtsein, und ihm fehlten alle gesetzlichen Waffen zu Schutz und Trutz. Dagegen hatten die Kämpfe eines halben Jahrhunderts um die nationale Einheit in den bürgerlichen Klassen eine revolutionäre Überlieferung genährt und wach erhalten; in unzähligen Aufständen und Verschwörungen war um dies Ziel gerungen worden, bis es endlich in einer Form erreicht wurde, die für alle revolutionären Kreise eine große Enttäuschung sein mußte: unter dem Schutze erst französischer und dann deutscher Waffen hatte der reaktionärste Staat der Halbinsel eine italienische Monarchie geschaffen. Aus dieser verdrossenen Stimmung wurde die revolutionäre Jugend durch die heldenhaften Kämpfe der Pariser Kommune emporgerissen. Mochte sich Mazzini am Rande des Grabes unwirsch von dem neuen Lichte abwenden, das seinen alten Sozialistenhaß |479|* reizte, so huldigte Garibaldi, der in weit höherem Grade der nationale Held war, um so, aufrichtiger der »Sonne der Zukunft«, der Internationalen.

Bakunin wußte recht gut, aus welchen Schichten der Nation sein Anhang strömte. »Was Italien bisher gefehlt hat«, schrieb er im April 1872, »das waren nicht die Instinkte, sondern gerade die Organisation und die Idee. Beide bilden sich jetzt derart, daß Italien nächst Spanien, mit Spanien in dieser Stunde vielleicht das revolutionärste Land ist. In Italien existiert, was den andern Ländern fehlt: eine glühende, energische Jugend, ohne jede Stellung, ohne Karriere, ohne Ausweg, die trotz ihrer Bourgeois-Herkunft nicht moralisch und intellektuell erschöpft ist wie die Bourgeois-Jugend anderer Länder. Heute stürzt sie sich kopfüber in den revolutionären Sozialismus mit unserm ganzen Programm, dem Programm der Allianz.« Diese Zeilen Bakunins waren an einen spanischen Gesinnungsgenossen gerichtet, den sie anfeuern sollten, doch war es keine ermunternde Vorspiegelung, sondern eine unanfechtbare Tatsache, wenn Bakunin seine Erfolge in Spanien, wo er nicht einmal persönlich, sondern nur durch einige Freunde wirken konnte, ebenso hoch, wenn nicht noch höher schätzte als seine Erfolge in Italien.

Auch in Spanien war die industrielle Entwicklung noch sehr im Hintertreffen, und wo es schon ein modernes Proletariat gab, war es an Händen und Füßen gefesselt, aller und jeder Rechte bar, so daß ihm in seiner Not nur der bewaffnete Aufstand als letzte Hilfe blieb; Barcelona, die größte spanische Fabrikstadt, zählte in seiner Geschichte mehr Barrikadenkämpfe als irgendeine andere Stadt der Welt. Dazu kamen die langjährigen Bürgerkriege, die das Land zerrissen hatten, und die gewaltige Enttäuschung aller revolutionären Elemente, die die bourbonische Dynastie im Herbst 1868 nur verjagt hatten, um nunmehr unter der - immerhin sehr wackeligen - Herrschaft eines fremden Königs zu stehen. Auch in Spanien fielen die Feuerfunken, die der Brand des revolutionären Paris verstreute, in hochgehäuften Zündstoff.

Anders als in Italien und Spanien lagen die Dinge in Belgien insofern, als es hier schon eine proletarische Massenbewegung gab. Aber sie beschränkte sich fast ganz auf den wallonischen Teil des Landes; ihr Rückgrat bildeten die äußerst revolutionär gesinnten Bergarbeiter der Borinage, denen der Gedanke, auf gesetzlichem Wege eine Hebung ihrer Klassenlage zu erreichen, durch die Blutbäder, in denen ihre Streiks jahraus jahrein ertränkt worden waren, schon im Keim erstickt wurde. Ihre Führer aber waren Proudhonisten und neigten deshalb schon den Ansichten Bakunins zu.

|480| Verfolgt man die bakunistische Opposition, wie sie sich nach dem Falle der Pariser Kommune innerhalb der Internationalen entwickelte, so findet man, daß sie von Bakunin eben nur den Namen trug, weil sie in seinen Anschauungen die Lösung der sozialen Gegensätze und Spannungen, denen sie tatsächlich entsprang, zu finden glaubte.

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