1. Marx in seinem
Heim
|509| Wie sich Marx am Schlusse des Jahres 1853 nach den letzten
Zuckungen des Kommunistenbundes in sein Arbeitszimmer zurückzog, so am
Schlusse des Jahres 1873 nach den letzten Zuckungen der
Internationalen. Aber diesmal geschah es für den Rest seines Lebens.
Man
hat sein letztes Jahrzehnt »ein langsames Sterben« genannt, jedoch mit
großer Übertreibung. Zwar hatten die Kämpfe seit dem Sturz der Kommune
seiner Gesundheit wieder harte Stöße versetzt; er litt im Herbste 1873
sehr am Kopfe und schwebte in großer Gefahr eines Schlaganfalls;
dieser chronische gedrückte Hirnzustand machte ihn arbeitsunfähig und
schreibunlustig; bei längerer Dauer hätte er schlimme Folgen haben
können. Doch erholte sich Marx in der mehrwöchigen Pflege des mit ihm
und Engels befreundeten Arztes Gumpert in Manchester, in den er volles
Vertrauen setzte.
Auf
den Rat Gumperts entschloß er sich, im Jahre 1874 nach Karlsbad zu
gehen, und ebenso in den beiden folgenden Jahren; im Jahre 1877 wählte
er zur Abwechselung Neuenahr, worauf ihm im Jahre 1878 die beiden
Attentate auf den deutschen Kaiser und die Sozialistenjagd, die sich
daran schloß, das Festland sperrten. Immerhin war ihm namentlich die
dreimalige Kur in Karlsbad »wundervoll« bekommen und hatte ihn von
seinem alten Leberleiden fast ganz befreit. Es blieben noch chronische
Magenleiden und nervöse Abspannung, die sich in Kopfschmerz, zumeist
aber in hartnäckiger Schlaflosigkeit äußerte. Jedoch verschwanden
diese Leiden mehr oder weniger nach dem Besuche eines Seebades oder
Luftkurorts im Sommer und traten erst nach Neujahr wieder störender
auf.
Eine
völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit wäre freilich nur möglich
gewesen, wenn Marx sich die Ruhe gegönnt hätte, die er nach einem
arbeits- und opferreichen Leben beim Herannahen des sechzigsten
Lebensjahres wohl hätte beanspruchen können. Aber daran war bei ihm
nicht zu denken. Er warf sich, um sein wissenschaftliches Hauptwerk zu
|510| vollenden, mit allem Feuereifer auf die Studien, deren
Feld sich inzwischen sehr erweitert hatte. »Bei einem Manne, der jeden
Gegenstand auf seine geschichtliche Entstehung und seine
Vorbedingungen prüfte«, sagt darüber Engels, »entsprangen selbstredend
aus jeder einzelnen Frage ganze Reihen neuer Fragen. Urgeschichte,
Agronomie, russische und amerikanische Grundbesitzverhältnisse,
Geologie usw. wurden durchgenommen, um namentlich den Abschnitt des
III. Buches des ›Kapital‹ über Grundrente in einer bisher nie
versuchten Vollständigkeit auszuarbeiten. Zu den sämtlichen
germanischen und romanischen Sprachen, die er mit Leichtigkeit las,
lernte er auch noch Altslawisch, Russisch und Serbisch.«[1]
Und das war auch nur erst sein halbes Tagewerk. Obgleich sich Marx aus
der öffentlichen Agitation zurückgezogen hatte, blieb er darum nicht
minder tätig in der europäischen und amerikanischen Arbeiterbewegung.
Er stand im Briefwechsel mit fast allen Führern in den verschiedenen
Ländern, die ihn wenn irgend möglich bei wichtigen Anlässen persönlich
zu Rate zogen; er wurde mehr und mehr der vielgesuchte und stets
bereite Berater des streitbaren Proletariats.
Wie
Liebknecht den Marx der fünfziger, so hat Lafargue den Marx der
siebziger Jahre anziehend geschildert. Er meint, der Körper seines
Schwiegervaters hätte von kräftiger Konstitution sein müssen, um einer
ungewöhnlichen Lebensweise und einer aufreibenden geistigen Arbeit
gewachsen zu sein. »Er war auch in der Tat sehr kräftig, seine Größe
ging über das Mittelmaß, die Schultern waren breit, die Brust gut
entwickelt, die Glieder wohl proportioniert, obgleich die Wirbelsäule
im Vergleich zu den Beinen etwas zu lang war, wie es bei der jüdischen
Rasse häufig zu finden ist.« Und nicht nur bei der jüdischen Rasse;
Goethes Körper war ähnlich gebaut; auch er gehörte zu den
»Sitzriesen«, wie der Volksmund solche Gestalten zu nennen pflegt, die
wegen der verhältnismäßigen Länge ihrer Wirbelsäule im Sitzen größer
erscheinen, als sie sind.
Hätte
Marx in seiner Jugend viel Gymnastik getrieben, so wäre er nach
Lafargues Meinung ein äußerst kräftiger Mensch geworden. Jedoch die
einzige Leibesübung, die er regelmäßig betrieben hatte, war das Gehen;
er konnte stundenlang plaudernd marschieren oder Hügel ersteigen, ohne
die geringste Müdigkeit zu spüren. Aber auch diese Fähigkeit übte er
gemeiniglich nur, um in seinem Arbeitszimmer seine Gedanken zu ordnen;
von der Tür bis zum Fenster zeigte sich auf dem Teppich ein total
abgenützter Streifen wie der Fußpfad auf einer Wiese.
Obgleich er sich immer erst in sehr vorgerückter Stunde zur Ruhe
legte, war er morgens zwischen acht und neun Uhr auf den Beinen, trank
| 511| seinen schwarzen Kaffee, las seine Zeitungen und ging in
sein Arbeitszimmer, das er bis Mitternacht und darüber hinaus nur
verließ, um seine Mahlzeiten einzunehmen, oder, wenn es die abendliche
Witterung erlaubte, einen Spaziergang nach Hampstead Heath zu machen;
unter Tags schlief er wohl ein oder zwei Stunden auf seinem Sofa. Das
Arbeiten war ihm so zur Leidenschaft geworden, daß er oft das Essen
darüber vergaß. Sein Magen mußte für seine kolossale Gehirntätigkeit
büßen. Er war ein sehr schwacher Esser und litt an Appetitlosigkeit,
die er durch den Genuß von scharf gesalzenen Speisen, Schinken,
geräucherten Fischen, Kaviar und Pickles zu bekämpfen suchte. Ein
schwacher Esser, war er doch kein starker Trinker, obgleich er nie ein
Mäßigkeitsapostel gewesen ist und als Sohn des Rheinlandes einen guten
Tropfen zu schätzen wußte. Dagegen war er ein leidenschaftlicher
Raucher und arger Zündhölzchenverschwender; er meinte, das »Kapital«
werde ihm nicht einmal so viel einbringen, wie ihn die Zigarren
gekostet hätten, die er beim Schreiben geraucht habe. Da er in den
langen Jahren der Not sich wohl mit manchem zweifelhaften Kraut hatte
begnügen müssen, so ist diese Leidenschaft seiner Gesundheit nicht
zuträglich gewesen, und der Arzt mußte ihm wiederholt das Rauchen
verbieten.
Seine
geistige Erfrischung und Erholung fand Marx in der schönen Literatur.
Sie ist ihm all sein Lebtag eine wirksame Trösterin gewesen. Er besaß
auf diesem Gebiete die ausgebreitetsten Kenntnisse, ohne je damit zu
prunken; seine Werke verraten wenig davon, mit der einzigen Ausnahme
der Streitschrift gegen Vogt, wo er zahlreiche Zitate aus allen
europäischen Literaturen für seine künstlerischen Zwecke verwertete.
Wie sein wissenschaftliches Hauptwerk ein ganzes Zeitalter
widerspiegelt, so waren seine literarischen Lieblinge die großen
Weltdichter, von deren Schöpfungen das gleiche gilt: von Aschylus und
Homer über Dante, Shakespeare, Cervantes bis auf Goethe. Den Aschylus
las er, wie Lafargue erzählt, jedes Jahr einmal im Urtext; seinen
alten Griechen blieb er immer treu, und die armseligen Krämerseelen,
die den Arbeitern die antike Kultur verleiden möchten, hätte er mit
Ruten aus dem Tempel gepeitscht.
Die
deutsche Literatur kannte er bis hoch ins Mittelalter hinauf. Unter
den Modernen stand ihm neben Goethe namentlich Heine nahe; Schiller
scheint ihm in seiner Jugend verleidet worden zu sein, zur Zeit, wo
sich der deutsche Philister an dem mehr oder minder mißverstandenen
»Idealismus« dieses Dichters berauschte, was Marx nur als eine
Vertauschung der platten mit der überschwänglichen Misere gelten
lassen wollte.[2] Seit
seinem endgültigen Abschied von Deutschland hat sich Marx um die
|512| deutsche Literatur nicht mehr viel gekümmert; selbst die
wenigen, die seiner Aufmerksamkeit wohl wert gewesen wären, wie Hebbel
oder Schopenhauer, erwähnt er nie; der Mißhandlung der deutschen
Göttersage durch Richard Wagner gilt gelegentlich ein scharfer Hieb.
Unter
den Franzosen stellte er Diderot sehr hoch; den »Neffen Rameaus«
nannte er ein einziges Meisterwerk. Dies Wohlgefallen erstreckte sich
auf die französische Aufklärungsliteratur des achtzehnten
Jahrhunderts, von der Engels einmal sagt, daß in ihr der französische
Geist nach Form und Inhalt bisher sein Höchstes geleistet habe, daß
sie ihrem Inhalt nach, wenn man den damaligen Stand der Wissenschaft
berücksichtige, noch heute unendlich hoch stehe und der Form nach nie
wieder erreicht worden sei. Dementsprechend lehnte Marx die
französischen Romantiker ab; namentlich Chateaubriand mit seiner
falschen Tiefe, seiner byzantinischen Übertreibung, seiner
buntfarbigen Gefühlskoketterie, kurzum seinem beispiellosen
Lügenmischmasch, war ihm von jeher zuwider. Sehr begeistert war er von
Balzacs »Menschlicher Komödie«, die ja auch ein ganzes Zeitalter im
Spiegel der Dichtung auffängt; er wollte nach Vollendung seines großen
Werkes über sie schreiben, doch ist dieser Plan, wie so viele andere,
im Keime steckengeblieben.
Seit
seiner dauernden Ansiedlung in London trat die englische Literatur in
den Vordergrund seiner literarischen Neigungen, und hier überragte
alles andere die gewaltige Gestalt Shakespeares, mit dem in der ganzen
Familie ein wahrer Kultus getrieben wurde. Leider hat Marx sich
niemals über die Stellung Shakespeares zu den Schicksalsfragen seiner
Zeit ausgelassen. Dagegen urteilte er über Byron und Shelley, wer
diese Dichter liebe und verstehe, müsse es für ein Glück halten, daß
Byron im sechsunddreißigsten Lebensjahre gestorben sei, denn er wäre
bei längerer Lebensdauer ein reaktionärer Bourgeois geworden, dagegen
beklagen, daß Shelley schon mit neunundzwanzig Jahren das Leben
verloren habe; er sei durch und durch ein Revolutionär gewesen und
würde stets zur Vorhut des Sozialismus gehört haben. Die englischen
Romane des achtzehnten Jahrhunderts liebte Marx sehr, namentlich
Fieldings »Tom Jones«, der in seiner Art ja ebenfalls ein Welt- und
Zeitbild ist, doch erkannte er auch einzelne Romane Walter Scotts als
Muster ihrer Gattung an.
In
seinem literarischen Urteile war Marx frei von aller politischen und
sozialen Voreingenommenheit, wie schon seine Vorliebe für Shakespeare
und Walter Scott zeigt, doch huldigte er ebensowenig jener »reinen
Ästhetik«, die sich nur allzugern mit politischer Gleichgültigkeit
oder gar Knechtseligkeit paart. Er war eben auch hier ein ganzer Mann,
|513| ein selbständiger und ursprünglicher Geist, der sich an
keiner Schablone messen ließ. Auch darin nicht, daß er durchaus kein
Kostverächter war und selbst solche literarische Kost nicht
verschmähte, vor der sich der schulmäßige Ästhetiker dreimal
bekreuzigt. Marx war ein großer Romanleser wie Darwin und Bismarck;
eine besondere Vorliebe hatte er für abenteuerliche und humoristische
Erzählungen; da stieg er dann wohl von seinen Cervantes und Balzac und
Fielding zu den Paul de Kock und dem älteren Dumas herab, der den
»Grafen von Monte Christo« auf dem Gewissen hat.
Noch
auf einem ganz anderen Gebiete, als der schönen Literatur, pflegte
Marx geistig auszuruhen; namentlich in Tagen seelischen Schmerzes und
schwerer Leiden nahm er gern seine Zuflucht zur Mathematik, die eine
beruhigende Wirkung auf ihn ausübte. Ob er in ihr selbständige
Entdeckungen gemacht hat, wie Engels und Lafargue behaupten, muß hier
dahingestellt bleiben; Mathematiker, die seine hinterlassenen
Manuskripte eingesehen haben, sollen anderer Ansicht sein.
Bei
alledem war Marx kein Wagner, der, in sein Museum gebannt, die Welt
kaum einen Feiertag von weitem sah, noch auch nur ein Faust, dem zwei
Seelen in seiner Brust wohnten. »Für die Welt arbeiten«, war eins
seiner Lieblingsworte; wer so glücklich sei, sich wissenschaftlichen
Zwecken widmen zu können, sollte auch seine Kenntnisse in den Dienst
der Menschheit stellen. Dadurch erhielt Marx das Blut in seinen Adern
und das Mark in seinen Knochen frisch. Im Kreise seiner Familie und
seiner Freunde war er immer der heiterste und witzigste
Gesellschafter, dem das herzliche Lachen aus breiter Brust klang, und
wer den »Roten Schreckens-Doktor« suchte, wie Marx wohl seit den Tagen
der Kommune genannt wurde, der fand keinen finstern Fanatiker oder
verträumten Stubenhocker vor, sondern einen Mann von Welt, der in
allen Sätteln gescheiter Unterhaltung gerecht war.
Was
dem Leser seiner Briefe oft so bewundernswert erscheint, nämlich wie
dieser reiche Geist aus der prachtvollen Spannung stürmischen Zorns
unmerklich hinübergleitet in die tiefe, aber ruhige See
philosophischer Betrachtung, scheint nicht minder stark auf seine
Hörer gewirkt zu haben. So schreibt Hyndman über seine Gespräche mit
Marx: »Als er mit heftiger Entrüstung über die Politik der liberalen
Partei, namentlich über ihre irische Politik sprach, da flammten die
kleinen, tief eingesunkenen Augen des alten Kriegers auf, seine
dichten Augenbrauen zogen sich zusammen, die breite, starke Nase und
das Gesicht wurden ersichtlich von Leidenschaft bewegt, und er ließ
einen Strom kräftiger Brandmarkung sich ergießen, der gleichzeitig das
Feuer seines Temperaments wie seine |514| wunderbare Gewalt
über unsere Sprache zur Erscheinung brachte. Der Kontrast zwischen
seinem Gebaren, wenn er durch Ärger tief erregt war, und seiner
Haltung, wenn er dazu überging, seine Ansichten über die
wirtschaftlichen Vorgänge der Zeit darzulegen, war sehr auffällig.
Ohne jede ersichtliche Anstrengung ging er von der Rolle des Propheten
und heftigen Anklägers zu der Rolle des ruhigen Philosophen über, und
ich fühlte von Anfang an, daß manches lange Jahr verstreichen könnte,
ehe ich aufgehört haben würde, auf diesem Gebiete als Schüler einem
Lehrer gegenüberzustehen.«
Dem
Verkehr in der sogenannten Gesellschaft hielt sich Marx nach wie vor
fern, obgleich er auch in bürgerlichen Kreisen viel bekannter geworden
war als zwanzig Jahre früher; so war Hyndman durch ein konservatives
Mitglied des Parlaments auf ihn aufmerksam gemacht worden. Wohl aber
war sein eigenes Haus im Anfang der siebziger Jahre der Mittelpunkt
eines sehr regen Verkehrs, eine andere »Herberge der Gerechtigkeit«
für die Flüchtlinge der Kommune, die hier immer Rat und Hilfe fanden.
Freilich brachte das unruhige Völkchen auch viel Ärger und Sorge mit
sich; als es allmählich verschwand, konnte Frau Marx bei aller
gastlichen Gesinnung doch den Stoßseufzer nicht unterdrücken: Wir
hatten genug an ihnen.
Doch
gab es auch Ausnahmen. Im Jahre 1872 heiratete Charles Longuet, der im
Rate der Kommune gesessen und deren offizielles Blatt redigiert hatte,
Jenny Marx. Er verwuchs weder persönlich noch politisch so eng mit der
Familie wie Lafargue, aber auch er war ein tüchtiger Mann; »er kocht,
schreit und argumentiert wie früher«, schreibt Frau Marx einmal über
ihn, »aber zu seiner Ehre muß ich ihm nachsagen, daß er seine Stunden
im Kings College regelmäßig und zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten
gegeben hat«. Die glückliche Ehe wurde durch den frühen Tod des ersten
Kindes getrübt, aber dann wuchs »ein fetter, derber, prächtiger Junge«
heran, zur Freude der ganzen Familie und nicht zum mindesten des
Großvaters.
Lafargues gehörten auch zu den Verbannten der Kommune und wohnten ganz
in der Nachbarschaft. Sie hatten das Unglück gehabt, zwei Kinder in
frühem Alter zu verlieren; unter dem Druck dieses Schicksalsschlages
hatte Lafargue die ärztliche Praxis aufgegeben, weil sie ohne ein
gewisses Maß von Scharlatanerie nicht auszuüben sei. »Ein Jammer, daß
er dem alten Vater Äskulap untreu geworden ist«, meinte Frau Marx.
Denn mit dem Betrieb eines photographisch-lithographischen Ateliers
wollte es nur langsam vorwärtsgehen, obgleich Lafargue, dem der Himmel
glücklicherweise immer voll Geigen hing, »eine wahre |515|
Niggerarbeit in die Bresche« schickte und an seiner Frau eine mutige
und unermüdliche Helferin fand. Jedoch gegen die Konkurrenz des großen
Kapitals war schwer anzukämpfen.
Auch
die dritte Tochter fand in dieser Zeit einen französischen Bewerber in
Lissagaray, der später die Geschichte der Kommune geschrieben hat, in
deren Reihen er gekämpft hatte. Eleanor Marx scheint ihm günstig
gesinnt gewesen zu sein, aber ihr Vater hegte Bedenken gegen die
Solidität des Freiers; nach langem Hin und Her ist aus der Sache
nichts geworden.
Im
Frühjahr 1875 wechselte die Familie noch einmal die Wohnung, wenn auch
nicht den Stadtteil; sie siedelte nach 41 Maitlandpark Road,
Haverstock Hill über. Hier hat Marx die letzten Jahre gelebt, und hier
ist er gestorben.
2. Die deutsche
Sozialdemokratie
Von
der Krise, in die alle sonstigen Zweige der alten Internationalen
dadurch geraten waren, daß sie sich zu nationalen Arbeiterparteien
entwickelten, blieb die deutsche Sozialdemokratie verschont, dank dem
Umstande, daß sie sich von vornherein in nationalem Rahmen entwickelt
hatte. Wenige Monate nach dem Fiasko des Genfer Kongresses, am 10.
Januar 1874, feierte sie bei den Reichstagswahlen ihren ersten großen
Wahlsieg, 350.000 Stimmen wurden gewonnen und neun Mandate erobert,
von denen drei den Lassalleanern und sechs den Eisenachern zufielen.
Es
wirft nun aber das letzte und stärkste Licht auf die Ursachen, die den
Niedergang der alten Internationalen verschuldet hatten, daß Marx und
Engels, die leitenden Köpfe ihres Generalrats, sich selbst mit
derjenigen aufblühenden Arbeiterpartei, die ihnen ihrer Abstammung
nach am vertrautesten sein mußte und ihren theoretischen Anschauungen
am nächsten stand, doch nur schwer verständigen konnten. Auch sie
wandelten nicht ungestraft unter Palmen; die internationale Warte, von
der sie die Dinge überschauten, hinderte sie, den einzelnen Nationen
in Herz und Nieren zu sehen. Begeisterte Verehrer, die ihnen in
England und Frankreich entstanden sind, haben gleichwohl eingeräumt,
daß sie die englischen und französischen Zustände niemals bis auf den
letzten Grund durchschaut hätten. Auch mit den deutschen Zuständen
haben sie niemals wieder eine völlig vertraute Fühlung gewonnen,
seitdem sie ihre Heimat verlassen hatten; selbst in den eigentlichen
Parteifragen |516| nicht, wo ihr nun einmal unbesiegbares
Mißtrauen gegen Lassalle und alles Lassallesche ihr Urteil trübte.
Das
trat in recht bezeichnender Weise hervor, als der neugewählte
Reichstag zum ersten Male tagte. Von den sechs Eisenacher Vertretern
saßen zwei, Bebel und Liebknecht, noch im Gefängnis; das Auftretender
anderen vier, Geib, Most, Motteler und Vahlteich, rief aber unter den
eigenen Anhängern große Enttäuschung hervor; Bebel berichtet in seinen
»Denkwürdigkeiten«, ihm seien von den verschiedensten Seiten bittere
Klagen darüber zugekommen, daß sich die vier von den drei
Lassalleanern Hasenclever, Hasselmann und Reimer den parlamentarischen
Rang hätten ablaufen lassen. Ganz anders sah Engels die Sachlage an;
er schrieb an Sorge: »Die Lassalleaner sind durch ihre Repräsentanten
im Reichstag so diskreditiert, daß die Regierung Verfolgungen gegen
sie einleiten muß, um dieser Bewegung wieder den Schein zu geben, als
sei sie ernstlich gemeint. Im übrigen haben die Lassalleaner seit den
Wahlen sich in der Notwendigkeit befunden, als Schwanz der Unsrigen
aufzutreten. Ein wahres Glück, daß Hasselmann und Hasenclever in den
Reichstag gewählt. Sie diskreditieren sich da zusehends; entweder
müssen sie mit den Unseren gehen oder aber auf eigene Faust Blödsinn
machen. Beides ruiniert sie.« Gründlicher ließen sich die Dinge nicht
wohl verkennen.
Die
parlamentarischen Vertreter beider Fraktionen vertrugen sich ganz gut
miteinander und ließen sich keine grauen Haare darum wachsen, ob auf
der Tribüne die einen etwas besser und die anderen etwas schlechter
abschnitten. Beide Fraktionen hatten den Wahlkampf so geführt, daß
weder den Eisenachern der Vorwurf des Halbsozialismus, noch den
Lassalleanern der Vorwurf des Kokettierens mit der Regierung gemacht
werden konnte; beide hatten fast die gleiche Stimmenzahl erobert;
beide standen im Reichstag denselben Gegnern mit denselben Forderungen
gegenüber, und beide waren nach ihren Wahlerfolgen einer gleich
heftigen Verfolgung durch die Regierung ausgesetzt. Uneinig waren sie
eigentlich nur noch in der Organisationsfrage, aber auch dies letzte
Hindernis räumte der streberische Eifer des Staatsanwalts Tessendorff
aus dem Wege, indem er von willigen Gerichtshöfen Beschlüsse zu
erreichen wußte, die sowohl die losere Organisation der Eisenacher wie
die straffere Organisation der Lassalleaner zertrümmerten.
So war
die Einigung der beiden Fraktionen von selbst auf dem Marsche. Als
schon im Oktober 1874 Tölcke das Friedensangebot der Lassalleaner an
Liebknecht überbrachte, der inzwischen aus dem Gefängnis |517|*
entlassen worden war, so griff dieser schnell zu, vielleicht etwas
eigenmächtig, aber doch mit einem Eifer, der deshalb nicht weniger ein
Verdienst war, weil er in London sehr übel vermerkt wurde. Für Marx
und Engels blieben die Lassalleaner nun einmal eine absterbende Sekte,
die sich über kurz oder lang auf Gnade und Ungnade ergeben mußte. Mit
ihnen auf dem Fuße der völligen Gleichberechtigung zu verhandeln,
erschien ihnen als ein leichtsinniger Verstoß gegen die Interessen der
deutschen Arbeiterklasse, und als nun gar im Frühjahr 1875 der Entwurf
des gemeinsamen Programms veröffentlicht wurde, über das sich die
Vertreter der beiden Fraktionen geeignet hatten, da brausten beide in
hellem Zorn auf.
Am 5.
Mai richtete Marx an die Führer der Eisenacher den sogenannten
Programmbrief [3], nachdem
Engels sich schon vorher mit einem ausführlichen Protest bei Bebel
[4] eingefunden hatte.
Härter denn je sprang Marx darin mit Lassalle um. Dieser habe das
»Kommunistische Manifest« auswendig gekannt, aber es grob verfälscht,
um seine Allianz mit den absolutistischen und feudalen Gegnern wider
die Bourgeoisie zu beschönigen, indem er alle anderen Klassen für eine
reaktionäre Masse gegenüber der Arbeiterklasse erklärt habe. Dabei war
das Schlagwort der »reaktionären Masse« gar nicht von Lassalle,
sondern erst nach dessen Tode von Schweitzer geprägt worden, und als
Schweitzer es aufbrachte, war er dafür von Engels ausdrücklich belobt
worden. Wirklich entnommen hatte Lassalle dem »Kommunistischen
Manifest« das von ihm so getaufte eherne Lohngesetz; dafür mußte er
sich als Anhänger der Malthusischen Bevölkerungstheorie abkanzeln
lassen, die er ebenso verworfen hatte, wie Marx und Engels sie
verwarfen.
Sah
man jedoch von dieser höchst unerquicklichen Seite des Programmbriefs
ab, so war er eine sehr lehrreiche Abhandlung über die Grundprinzipien
des wissenschaftlichen Sozialismus, und von dem Koalitionsprogramm
ließ er freilich keinen Stein auf dem andern. Gleichwohl hatte der
wuchtige Brief bekanntlich keine andere Wirkung, als daß er die
Empfänger zu ein paar kleinen, ziemlich belanglosen Verbesserungen
ihres Entwurfs veranlaßte. Liebknecht hat ein paar Jahrzehnte später
gesagt, die meisten, wenn nicht alle, seien zwar mit Marx
einverstanden gewesen, und es hätte sich auch vielleicht auf dem
Einigungskongreß eine Mehrheit dafür durchsetzen lassen, aber eine
Minderheit wäre doch unzufrieden geblieben, und das hätte vermieden
werden müssen, da es sich nicht um die Formulierung wissenschaftlicher
Lehrsätze, sondern um die Einigung der beiden Fraktionen gehandelt
habe.
|518| Eine weniger feierliche, aber dafür
triftigere Erklärung findet die schweigende Beseitigung des
Programmbriefes darin, daß er über den geistigen Horizont der
Eisenacher ging, sogar noch mehr als über den geistigen Horizont der
Lassalleaner. Marx hatte zwar wenige Monate vorher darüber geklagt,
daß sich im Organ der Eisenacher von Zeit zu Zeit halbgelehrte
Philisterphantasien geltend machten; das Zeug komme von Schulmeistern,
Doktoren, Studenten, und dem Liebknecht müsse deshalb der Kopf
gewaschen werden. Gleichwohl nahm er an, daß die realistische
Auffassung, die der Partei so mühevoll beigebracht worden sei, aber
nun auch Wurzeln geschlagen habe, von der Sekte der Lassalleaner durch
ideologische Rechts- und andere, den Demokraten und französischen
Sozialisten geläufige Flausen weggeschwemmt werden solle.
Darin
irrte Marx gänzlich. In theoretischen Fragen standen beide Fraktionen
ziemlich auf gleicher Stufe, oder wenn ein Unterschied bestand, so
waren die Lassalleaner einigermaßen im Vorsprung. Bei den Eisenachern
stieß der Entwurf des Einigungsprogramms auf gar keinen Widerspruch,
während ein Westdeutscher Arbeitertag, der nahezu ausschließlich von
Lassalleanern beschickt worden war, ihn einer Kritik unterzog, die
sich mannigfach mit der Kritik berührte, die Marx einige Wochen später
an ihm übte. Indessen braucht darauf kein besonderer Nachdruck gelegt
zu werden; dem wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und Engels
begründet hatten, standen beide Teile noch fern; von der
historisch-materialistischen Denkweise hatten sie kaum eine Ahnung,
und auch das Geheimnis der kapitalistischen Produktionsweise blieb
ihnen noch verschlossen; die Art, wie sich K. A. Schramm, der damals
namhafteste Theoretiker der Eisenacher, mit der Werttheorie
herumschlug, lieferte dafür den schlagendsten Beweis.
Praktisch bewährte sich die Einigung, und insofern hatten auch Marx
und Engels nichts gegen sie einzuwenden gehabt, es sei denn, daß sie
meinten, die Eisenacher hätten sich von den Lassalleanern über das Ohr
hauen lassen: hatte doch auch Marx in dem Programmbriefe gesagt: jeder
Schritt praktischer Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.
Aber da die theoretische Unklarheit in der neuen Gesamtpartei eher zu-
als abnahm, so sahen sie darin eine Wirkung der unnatürlichen
Verschmelzung, und ihre Unzufriedenheit nahm eher schroffere als
gelindere Formen an.
Stutzig hätte sie freilich machen können, daß die ihnen ärgerlichen
Dinge viel mehr von den ehemaligen Eisenachern ausgingen als von den
ehemaligen Lassalleanern, von denen Engels gelegentlich meinte,
|519| sie würden bald die klarsten Köpfe sein, da sie in ihr -
noch ein Jahr nach der Einigung fortbestehendes - Blatt am wenigsten
Unsinn aufnähmen. Der Fluch der bezahlten Agitatoren, der
Halbgebildeten, falle schwer auf ihre eigene Partei. Besonders gereizt
war er durch Most, der »das ganze ›Kapital‹ exzerpiert und doch nichts
daraus kapiert habe« und sich gewaltig für den Sozialismus Dührings
ins Zeug legte. »Es ist klar«, schrieb Engels am 24. Mai 1876 an Marx,
»in der Vorstellung dieser Leute hat sich Dühring durch seine
hundskommunen Angriffe gegen Dich uns gegenüber unverletzlich gemacht,
denn wenn wir seinen theoretischen Blödsinn lächerlich machen, so ist
das Rache gegenüber jenen Personalien.« Aber auch Liebknecht bekam
sein Teil. »Es ist W[ilhelms] Sucht, dem Mangel unsrer Theorie
abzuhelfen, auf jeden Philistereinwand eine Antwort zu haben und von
der zukünftigen Gesellschaft ein Bild zu haben, weil doch auch der
Philister sie darüber interpelliert; und daneben auch theoretisch
möglichst unabhängig von uns zu sein, was ihm bei seinem totalen
Mangel aller Theorie von jeher weit besser gelungen ist, als er selbst
weiß.« Mit Lassalle und dessen Überlieferungen hatte alles das nichts
zu tun.
Es war
das rasche Anwachsen ihrer praktischen Erfolge, das die neue
Gesamtpartei gleichgültig gegen die Theorie machte, und selbst das ist
noch zuviel gesagt. Nicht die Theorie als solche mißachtete sie,
sondern das, was sie in dem Eifer ihres kräftigen Vorwärtsschreitens
für theoretische Haarspaltereien hielt. Um ihr aufsteigendes Gestirn
sammelten sich verkannte Erfinder und Reformer, Impfgegner,
Naturheilkundige und ähnliche schrullenhafte Genies, die in den
arbeitenden Klassen, die sich so mächtig regten, die ihnen sonst
versagte Anerkennung zu finden hofften. Wer nur guten Willen
mitbrachte und irgendein Heilmittel für den kranken
Gesellschaftskörper wußte, wurde willkommen geheißen, und zumal der
Zustrom aus akademischen Kreisen, der den Bund zwischen Proletariat
und Wissenschaft zu besiegeln verhieß. Ein Universitätslehrer nun gar,
der sich mit dem Sozialismus, in dieser oder jener Schattierung des
vieldeutigen Begriffs, anfreundete oder anzufreunden schien, brauchte
keine allzu strenge Kritik seiner geistigen Habe zu befürchten.
Vor
allem war Dühring vor solcher Kritik gesichert, da vieles an dem
Manne, Persönliches und Sachliches, die geistig regen Elemente der
Berliner Sozialdemokratie anziehen mußte. Er besaß ohne Zweifel große
Fähigkeiten und Gaben, und die Art, wie er, arm und frühzeitig völlig
erblindet, sich lange Jahre in der schwierigen Stellung eines
Privatdozenten zu behaupten wußte, ohne jedes Zugeständnis an die
herrschenden |520|* Klassen, auch auf dem Katheder seinen
politischen Radikalismus bekennend, der nicht davor zurückscheute,
Marat, Babeuf und die Männer der Kommune zu feiern, konnte den
Arbeitern nur sympathisch sein. Seine Schattenseiten, die Anmaßung,
womit er ein halbes Dutzend wissenschaftlicher Gebiete souverän zu
beherrschen behauptete, auf deren keinem er schon wegen seines
körperlichen Leidens wirklich heimisch war, und der immer wachsende
Größenwahn, womit er seine Vorläufer niedersäbelte, auf
philosophischem Gebiete die Fichte und Hegel ebenso, wie auf
ökonomischem Gebiete die Marx und Lassalle, blieben im Hintergrunde
oder wurden als Entgleisungen entschuldigt, die bei der geistigen
Vereinsamung und den schweren Lebenskämpfen des Mannes begreiflich
wären.
Marx
hatte die »hundskommunen« Angriffe Dührings gar nicht beachtet, und
inhaltlich waren sie auch nicht dazu geeignet, ihn herauszufordern.
Auch die beginnende Schwärmerei der Parteigenossen für Dühring ließ
ihn noch lange kalt, obgleich Dühring mit seinem
Unfehlbarkeitsbewußtsein und seinem System von »Wahrheiten letzter
Instanz« alle Anlagen eines geborenen Sektenstifters besaß. Noch als
Liebknecht, der in diesem Falle durchaus auf dem Posten war, durch
Einsendung von Arbeiterbriefen sie auf die Gefahr einer
Verflachungspropaganda in der Partei aufmerksam machte, lehnten Marx
und Engels eine Kritik Dührings als »eine zu subalterne Arbeit« ab,
und erst ein anmaßendes Schreiben, das Most im Mai 1876 an Engels
richtete, scheint der Tropfen gewesen zu sein, der den Eimer zum
Überlaufen brachte.
Seitdem beschäftigte sich Engels eingehend mit dem, was Dühring seine
»systemschaffenden Wahrheiten« nannte, und legte seine Kritik in einer
Reihe von Aufsätzen nieder, die seit Neujahr 1.877 im »Vorwärts«, dem
nunmehrigen Zentralorgan der Gesamtpartei, zu erscheinen begannen. Sie
wuchsen sich zu der - nächst dem »Kapital« - bedeutendsten und
erfolgreichsten Urkunde des wissenschaftlichen Sozialismus aus, aber
ihre Aufnahme durch die Partei zeigte, daß in der Tat Gefahr im
Verzuge gewesen war. Es fehlte nicht viel, und der Jahreskongreß der
Partei, der im Mai 1877 in Gotha tagte, hätte ein Ketzergericht über
Engels gehalten, wie es gleichzeitig der offizielle
Universitätsklüngel über Dühring hielt. Most brachte den Antrag ein,
die Aufsätze gegen Dühring aus dem Zentralorgan zu verbannen, da sie
»für die weitaus größte Mehrheit der Leser des ›Vorwärts‹ völlig ohne
Interesse oder gar höchst anstoßerregend« seien, und Vahlteich, der
sonst mit Most spinnefeind war, stieß in dasselbe Horn, indem er
sagte, der Ton, den Engels anschlage, müsse zu einer
Geschmacksverirrung führen und die |521| geistige Speise des
»Vorwärts« ungenießbar machen. Glücklicherweise wurde die ärgste
Blamage durch die Annahme des vermittelnden Antrags verhindert, daß
die Fortsetzung dieser wissenschaftlichen Polemik aus
agitatorisch-praktischen Gründen nicht mehr im Hauptblatt, sondern in
einer wissenschaftlichen Beilage des »Vorwärts« erfolgen solle.
Zugleich beschloß dieser Kongreß, vom Oktober des Jahres ab eine
wissenschaftliche Halbmonatszeitschrift herauszugeben, auf Anregung
und mit finanzieller Unterstützung Karl Höchbergs, eines jener
bürgerlichen Adepten des Sozialismus, die damals in Deutschland so
zahlreich waren. Er war der Sohn eines Frankfurter Lotteriekollekteurs,
ein noch junger, aber sehr wohlhabender, dabei in höchstem Grade
opferwilliger und uneigennütziger Mann; alle, die ihn gekannt haben,
stellen seinen persönlichen Eigenschaften das vortrefflichste Zeugnis
aus. Minder günstig muß man über seine literarisch-politische
Persönlichkeit urteilen, so wie sie sich in seinen Veröffentlichungen
spiegelt. Da erscheint Höchberg als ein recht farbloser und trockener
Geist, dem die Geschichte und die Theorie des Sozialismus unbekannt,
dem namentlich die wissenschaftlichen Anschauungen, die Marx und
Engels entwickelt hatten, vollkommen fremd waren. Er sah nicht in dem
proletarischen Klassenkampf den Hebel zur Emanzipation der
Arbeiterklasse, sondern wollte auf dem Wege friedlicher und
gesetzlicher Entwicklung die besitzenden Klassen und namentlich ihre
gebildeten Elemente für die Arbeitersache gewinnen.
Marx
und Engels wußten jedoch noch nichts Näheres über ihn, als sie die
Mitarbeit an der »Zukunft«, wie die neue Zeitschrift getauft wurde, an
ihrem Teile ablehnten; sie waren übrigens nur durch ein anonymes
Rundschreiben wie viele andere auch, um ihre Mitwirkung ersucht
worden. Engels meinte, Kongreßbeschlüsse, so respektabel sie auch auf
dem Gebiete der praktischen Agitation wären, gälten in der
Wissenschaft gleich Null und reichten nicht hin, den
wissenschaftlichen Charakter einer Zeitschrift festzustellen, der
nicht dekretiert werden könne. Eine sozialistische wissenschaftliche
Zeitschrift ohne ganz bestimmte wissenschaftliche Richtung sei ein
Unding, und bei der großen jetzt in Deutschland grassierenden
Verschiedenheit oder Unbestimmtheit der Richtungen fehle jede
Bürgschaft, daß die einzuschlagende Richtung ihnen passe.
Wie
richtig ihre Zurückhaltung war, zeigte gleich das erste Heft der
»Zukunft«. Der Einführungsartikel Höchbergs war sozusagen ein neuer
Aufguß von allem, was sie an dem Sozialismus der vierziger Jahre als
entnervend und verweichlichend bekämpft hatten. So blieb ihnen jede
peinliche Auseinandersetzung erspart. Als ein deutscher Parteigenosse
anfragte, ob sie wegen der Debatte auf dem Gothaer Kongreß grollten,
|522| antwortete Marx: »›Ich grolle nicht‹ (wie Heine sagt),
und Engels ebensowenig. Wir beide geben keinen Pfifferling für
Popularität. Beweis z.B. im Widerwillen gegen allen Personenkultus,
habe ich während der Zeit der Internationalen die zahlreichen
Anerkennungsmanöver, womit ich von verschiednen Ländern aus molestiert
ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen, ich habe auch
nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel.« Er fügte nur
noch hinzu: »Aber solche Ereignisse, wie sie sich auf dem letzten
Parteikongreß zugetragen, sie werden gehörig exploitiert von den
Feinden der Partei im Ausland -, haben uns jedenfalls Vorsicht in
unsren Verhältnissen zu den ›Parteigenossen in Deutschland‹
aufgenötigt.« Das war aber nicht schlimm gemeint, denn Engels setzte
seine Aufsätze gegen Dühring in der wissenschaftlichen Beilage des
»Vorwärts« ruhig fort.
In
sachlicher Beziehung wurde Marx aber doch schwer betroffen von dem
»faulen Geist«, der sich, nicht so sehr unter den Massen, als unter
den Führern geltend mache. Am 19. Oktober schrieb er an Sorge: »Der
Kompromiß mit den Lassalleanern hat zum Kompromiß auch mit andern
Halbheiten geführt, in Berlin (wie Most) mit Dühring und seinen
›Bewunderern‹, außerdem aber mit einer ganzen Bande halbreifer
Studiosen und überweiser Doctores, die dem Sozialismus eine ›höhere,
ideale Wendung‹ geben wollen, d.h. die materialistische Basis (die
ernstes objektives Studium erheischt, wenn man auf ihr operieren will)
zu ersetzen durch moderne Mythologie, mit ihren Göttinnen der
Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit und fraternité. Herr Dr.
Höchberg, der die ›Zukunft‹ herausgibt, ist ein Vertreter dieser
Richtung und hat sich in die Partei ›eingekauft‹ - ich unterstelle mit
den ›edelsten‹ Absichten, aber ich pfeife auf ›Absichten‹. Etwas
Miserableres wie sein Programm der ›Zukunft‹, hat selten mit mehr
›bescheidner Anmaßung‹ das Licht erblickt.«
Marx
und Engels hätten in der Tat ihre ganze Vergangenheit verleugnen
müssen, wenn sie sich mit dieser »Richtung« jemals versöhnt hätten.
3. Anarchismus und
Orientkrieg
Auf
dem Gothaer Kongreß von 1877 wurde auch beschlossen, einen
sozialistischen Weltkongreß zu beschicken, der im September desselben
Jahres in Gent stattfinden sollte. Zum Vertreter der deutschen Partei
wurde Liebknecht gewählt.
|523| Angeregt war dieser Kongreß durch die
Belgier worden, die in den anarchistischen Lehren inzwischen ein Haar
gefunden hatten und eine Wiedervereinigung der beiden Richtungen
wünschten, die sich auf dem Haager Kongreß getrennt hatten. Die
bakunistische Richtung hatte wie 1873 in Genf, so 1874 in Brüssel und
1876 in Bern ihre Kongresse abgehalten, aber mit immer abnehmenden
Kräften; sie zerfiel an den praktischen Bedürfnissen des
proletarischen Emanzipationskampf es, wie sie aus ihnen entstanden
war.
Gleich
in dem Ursprunge dieser Wirren, dem Genfer Streit zwischen der
fabrique und den gros métiers, offenbarten sich die wirklichen
Gegensätze. Hier eine gut gelohnte Arbeiterschaft mit politischen
Rechten, die sie zum parlamentarischen Kampfe befähigten, aber auch zu
allerlei anfechtbaren Bündnissen mit bürgerlichen Parteien verlockten;
dort eine schlecht gelohnte und politisch entrechtete Arbeiterschicht,
die auf ihre nackte Kraft angewiesen war. Um diese praktischen
Gegensätze handelte es sich, und nicht, wie es in der legendenhaften
Überlieferung dargestellt zu werden pflegt, um den theoretischen
Gegensatz: Hier Vernunft, dort Unvernunft!
So
einfach lagen die Dinge nicht und liegen sie auch heute nicht, wie die
immer neue Auferstehung des Anarchismus zeigt, sooft er auch schon
mausetot geschlagen worden ist. Man braucht ihn noch lange nicht zu
bekennen, wenn man sich davor hütet, ihn zu verkennen.
Ebenso wie man das Bekenntnis zur politisch-parlamentarischen
Beteiligung noch nicht zu verleugnen braucht, wenn man nicht verkennt,
daß sie mit ihren, an sich gewiß annehmbaren Reformen die
Arbeiterbewegung auf einen toten Punkt führen kann, wo ihr der
revolutionäre Atem ausgeht. Es war doch kein Zufall, daß Bakunin eine
Reihe von Anhängern zählte, die sich die größten Verdienste um den
proletarischen Emanzipationskampf erworben haben. Liebknecht hat
freilich nie zu den Freunden Bakunins gehört, aber mindestens so
eifrig wie dieser, zur Zeit des Baseler Kongresses, die politische
Enthaltung gefordert. Andere dagegen wie Jules Guesde in Frankreich,
Carl Cafiero in Italien, César de Paepe, Pawel Axelrod in Rußland
waren zur Zeit des Haager Kongresses und noch lange nachher die
eifrigsten Bakunisten; wenn sie dann ebenso eifrige Marxisten wurden,
so geschah es, wie der eine und der andere von ihnen ausdrücklich
hervorgehoben hat, nicht indem sie ihre bisherige Überzeugung über
Bord warfen, sondern nur indem sie an das anknüpften, was Bakunin mit
Marx gemeinsam hatte.
Eine
proletarische Massenbewegung wollten beide, und ihr Streit ging nur um
die Heerstraße, welche eine solche Bewegung zu marschieren |524|
hatte. Nun aber zeigten die Kongresse der bakunistischen
Internationalen, daß der anarchistische Weg unpassierbar war.
Es
würde an dieser Stelle zu weit führen, den schnellen Verfall des
Anarchismus an dem Verlauf seiner einzelnen Kongresse nachzuweisen.
Das Zertrümmern ging glücklich und gründlich genug vor sich; man
schaffte den Generalrat und den Jahresbeitrag ab, man verbot den
Kongressen die Abstimmung über prinzipielle Fragen und wehrte gerade
noch mit Mühe dem Versuch, geistige Arbeiter von der Internationalen
auszuschließen. Aber mit dem Aufbauen, mit dem Entwurf eines neuen
Programms und einer neuen Taktik, sah es um so trüber aus. Auf dem
Genfer Kongreß stritt man namentlich über die Frage des Generalstreiks
als des einzigen und unfehlbaren Mittels der sozialen Umwälzung, kam
aber zu keiner Einigung, und noch viel weniger auf dem nächsten
Kongreß in Brüssel über die Frage der öffentlichen Dienste, den
Hauptgegenstand der Verhandlungen, über den de Paepe in einer Weise
berichtete, die ihm den nicht unberechtigten Vorwurf eintrug, daß er
überhaupt den anarchistischen Boden verlassen habe. Es liegt auf der
Hand, wie notwendig de Paepes Entgleisung war, wenn gerade über diese
Frage etwas Greifbares gesagt werden sollte. Nach heftigen Debatten
wurde auch sie auf den nächsten Kongreß verschoben, auf dem sie aber
auch nicht entschieden wurde. Die Italiener erklärten überhaupt, »die
Ära der Kongresse sei abgeschlossen«, und verlangten die »Propaganda
der Tat«; innerhalb zweier Jahre brachten sie, gestützt auf eine
Hungersnot, auch sechzig Putsche fertig, aber der Erfolg für ihre
Sache war gleich Null.
Mehr
noch als durch den hoffnungslosen Wirrwarr seiner theoretischen
Ansichten verwuchs der Anarchismus dadurch zu einer verknöcherten
Sekte, daß er sich ablehnend zu allen praktischen Fragen stellte, die
die unmittelbarsten Interessen des modernen Proletariats berührten.
Als in der Schweiz eine Massenbewegung zugunsten des gesetzlichen
Zehnstundentags sich entwickelte, lehnten die Anarchisten die
Beteiligung ab; ebenso als die flämischen Sozialisten einen
Petitionsfeldzug unternahmen, um das gesetzliche Verbot der
Kinderarbeit in Fabriken durchzudrücken. Natürlich verwarfen sie auch
jeden Kampf ums allgemeine Wahlrecht oder, wo dies Wahlrecht schon
bestand, seine Benutzung. Gegenüber dieser dürren und hoffnungslosen
Politik traten die Erfolge der deutschen Sozialdemokratie in ein um so
glänzenderes Licht, und entfremdeten die Massen überall der
anarchistischen Propaganda.
Die
Berufung eines sozialistischen Weltkongresses nach Gent, die der
anarchistische Kongreß in Bern 1876 für das nächste Jahr beschloß,
|525| war schon von der Erkenntnis bestimmt, daß es dem
Anarchismus mißlungen sei, die Massen für sich zu gewinnen. Der
Kongreß tagte vom 9. bis 15. September in Gent. Er war mit 42
Delegierten beschickt, von denen die Anarchisten nur noch über einen
festen Kern von 11 Mitgliedern unter Führung von Guillaume und
Kropotkin geboten; viele ihrer bisherigen Anhänger, darunter die
Mehrzahl der belgischen Delegierten und der Engländer Hales,
schwenkten zu dem sozialistischen Flügel über, der von Liebknecht,
Greulich und Franckel geführt wurde. Zwischen Liebknecht und Guillaume
kam es zu einem scharfen Zusammenstoß, als dieser die deutsche
Sozialdemokratie beschuldigte, bei den Reichstagswahlen ihr Programm
in die Tasche zu stecken. Im allgemeinen aber verliefen die
Verhandlungen ganz friedlich; die Anarchisten hatten die Lust an
großen Worten verloren und stimmten ihre Reden auf einen sanften
Mollton, wodurch ihren Gegnern ein entgegenkommendes Verhalten
ermöglicht wurde. Jedoch zu dem geplanten »Solidaritätsvertrage« kam
es nicht; dazu gingen die Meinungen zu weit auseinander.
Marx
hatte kaum etwas anderes erwartet; seine gespannte Aufmerksamkeit war
jetzt auf einen anderen Wetterwinkel gerichtet, aus dem er einen
revolutionären Sturm erwartete: auf den Russisch-Türkischen Krieg. Von
zwei Briefen, durch die er Liebknecht beriet, begann der erste, vom 4.
Februar 1878: »Wir nehmen die entschiedenste Partei für die Türken,
aus zwei Gründen: 1. weil wir den türkischen Bauer - also die
türkische Volksmasse - studiert und ihn daher als unbedingt einen der
tüchtigsten und sittlichsten Repräsentanten des Bauerntums in
Europa kennengelernt haben. 2. Weil die Niederlage der Russen die
soziale Umwälzung ... deren Elemente massenhaft vorhanden, sehr
beschleunigt haben würde und damit den Umschwung in ganz Europa.«
Schon ein Vierteljahr früher hatte Marx an Sorge geschrieben: »Diese
Krise ist ein neuer Wendepunkt der europäischen Geschichte,
Rußland - und ich habe seine Zustände aus den russischen
Originalquellen, inoffiziellen und offiziellen (letztere nur wenigen
Menschen zugänglich, aber mir durch Freunde in Petersburg verschafft)
studiert - stand schon lang an der Schwelle einer Umwälzung; alle
Elemente dazu fertig. Die braven Türken haben die Explosion um Jahre
beschleunigt durch die Keile, die sie nicht nur der russischen Armee
und den russischen Finanzen, sondern der die Armee kommandierenden
Dynastie (Zar, Thronfolger und sechs andre Romanows) höchsteigen
persönlich erteilt ... Das dumme Zeug, das die russischen Studenten
machen, ist nur Symptom, an sich selbst wertlos. Aber es ist Symptom.
Alle Schichten der russischen Gesellschaft sind ökonomisch, moralisch,
intellektuell in voller Dekomposition.« Diese |526|
Beobachtungen haben sich als vollkommen richtig erwiesen, aber wie es
ihm in seiner revolutionären Ungeduld oft passiert ist, so
unterschätzte Marx in der Klarheit, womit er die Dinge ihren Weg
nehmen sah, die Länge des Weges.
Die
anfänglichen Niederlagen der Russen schlugen in Erfolge um; wie Marx
annahm, durch die heimliche Unterstützung Bismarcks, durch den Verrat
Englands und Österreichs und nicht zuletzt auch durch die Schuld der
Türken, die es versäumt hätten, durch eine Revolution in
Konstantinopel das alte Serailregiment zu stürzen, das die beste
Schutztruppe des Zaren gewesen sei. Ein Volk, das in solchen Momenten
der höchsten Krise nicht revolutionär dreinzufahren wisse, sei
verloren.
So
endete der Russisch-Türkische Krieg nicht mit einer europäischen
Revolution, sondern mit einem Diplomatenkongresse, am selben Ort und
zur selben Zeit, wo die deutsche Sozialdemokratie durch einen
furchtbaren Schlag zerschmettert zu werden schien.
4. Morgenröte
Trotz
alledem begann eine neue Morgenröte am Welthorizonte zu dämmern. Das
Sozialistengesetz, mit dem Bismarck die deutsche Sozialdemokratie zu
zerschmettern gedachte, leitete nur ihr Heldenzeitalter ein, und so
räumte es auch mit allen Irrungen und Wirrungen auf, die zwischen ihr
und den beiden Alten in London bestanden.
Freilich erst nach einem letzten Kampfe. Die deutsche Partei hatte die
Attentatshetze und die Attentatswahlen im Sommer 1878 rühmlich genug
bestanden. Aber in ihren Vorbereitungen auf den drohenden Schlag hatte
sie nicht genügend erwogen, mit welcher Summe erbitterten Hasses sie
zu rechnen hatte. Kaum war das Gesetz rechtskräftig geworden, als alle
Versprechungen seiner loyalen Handhabung«, mit denen die Vertreter der
Regierung die Bedenken des Reichstags beschwichtigt hatten, vollkommen
vergessen waren und alle Einrichtungen der Partei so rücksichtslos
zertrümmert wurden, daß Hunderte von Existenzen auf die Straße flogen.
Selbst der sogenannte kleine Belagerungszustand wurde schon wenige
Wochen später, in handgreiflichem Widerspruch mit dem Wortlaut des
Gesetzes, über Berlin und Umgegend verhängt, und einigen sechzig
Familienvätern ging sofort der Ausweisungsbefehl zu, der ihnen nicht
nur ihr Brot, sondern auch ihre Heimat kostete.
|527| Dadurch allein schon entstand eine
begreifliche und kaum vermeidliche Verwirrung. Hatte der Generalrat
der Internationalen nach dem Falle der Kommune bereits geklagt, daß
ihn die Sorge für die Kommuneflüchtlinge an der Erledigung seiner
regelmäßigen Arbeiten monatelang gehindert habe, so hatte die deutsche
Parteileitung nunmehr eine noch viel schwierigere Aufgabe zu lösen,
auf Schritt und Tritt polizeilich behindert, wie sie war, und inmitten
einer furchtbaren Wirtschaftskrise. Es kann auch nicht bestritten
werden, daß der Sturm die Spreu von dem Korn sonderte, daß die
bürgerlichen Elemente, die der Partei in den letzten Jahren zugeströmt
waren, sich vielfach als unzuverlässig erwiesen, daß manche Führer
sich nicht bewährten, andere, auch tüchtigere Männer sich durch die
schweren Schläge der Reaktion entmutigt fühlten und die Feinde durch
einen tatkräftigen Widerstand nur noch mehr zu reizen fürchteten.
Von
alledem waren Marx und Engels wenig erbaut, wobei sie gewiß die
Schwierigkeiten unterschätzten, die zu überwinden waren. Aber selbst
an der Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, die in der
Zahl von neun Köpfen aus den Attentatswahlen hervorgegangen war,
hatten sie berechtigte Ausstellungen zu machen. Einer von diesen, Max
Kayser, hielt es für richtig, bei der Beratung eines neuen Zolltarifs
für höhere Eisenzölle zu sprechen und zu stimmen, was einen sehr
peinlichen Eindruck machen mußte. Denn alle Welt wußte, daß der neue
Zolltarif die Aufgabe hatte, ein paar hundert Millionen mehr jährlich
in die Reichskasse zu liefern, die Grundrente des landwirtschaftlichen
Grundbesitzes gegen die amerikanische Konkurrenz zu schützen und der
Großindustrie zu ermöglichen, die Wunden zu heilen, die sie sich
selbst im Taumel der Gründerjahre geschlagen hatte, und daß nicht
zuletzt deshalb das Sozialistengesetz erlassen worden war, um den
Widerstand der Massen gegen die ihnen drohende Auspowerung zu brechen.
Als
Bebel die Abstimmung Kaysers mit dessen fleißigen Studien über die
Eisenzollfrage rechtfertigen wollte, antwortete Engels kurz und
bündig: »Wenn seine Studien einen Pfennig wert, so mußten sie ihn
lehren, daß in Deutschland zwei Hüttenwerke sind, Dortmunder
Union und Königs- und Laurahütte, deren jedes imstande ist,
den ganzen inländischen Bedarf zu decken: daneben auch die vielen
kleineren, daß hier also Schutzzoll reiner Unsinn ist, daß hier nur
Eroberung des auswärtigen Marktes helfen kann, also absoluter
Freihandel oder aber Bankrott; daß die Eisenfabrikanten selbst
den Schutzzoll nur wünschen können, wenn sie sich zu einem Ring,
einer Verschwörung zusammengetan haben, die dem inneren Markt
Monopolpreise aufzwingt, um dagegen |528|* die
überschüssigen Produkte auswärts zu Schleuderpreisen loszuschlagen,
wie sie dies im Augenblick bereits tatsächlich tun. Im Interesse
dieses Ringes, dieser Monopolistenverschwörung, hat K[ayser]
gesprochen, und soweit er für Eisenzölle stimmte, auch gestimmt.« Als
nun auch Karl Hirsch in der »Laterne« mit Kaysers Taktik unsanft genug
ins Gericht ging, verfiel die Fraktion auf den unglücklichen Gedanken,
die Beleidigte zu spielen, da Kayser mit ihrer Genehmigung gesprochen
habe. Damit verdarb sie es bei Marx und Engels vollends; »sie sind
schon so weit vom parlamentarischen Idiotismus angegriffen, daß sie
glauben, über der Kritik zu stehn, daß sie die Kritik als ein
crime de lésemajesté [Mehring übersetzt: Majestätsverbrechen]
verdonnern« meinte Marx.
Karl
Hirsch war ein junger Schriftsteller, der sich als stellvertretender
Redakteur des »Volksstaats« während Liebknechts mehrjähriger
Festungshaft seine Sporen verdient und seither in Paris gelebt hatte,
aber von hier nach Erlaß des deutschen Ausnahmegesetzes ausgewiesen
war. Er tat nun, was die deutsche Parteileitung von Anfang an hätte
tun sollen: er gab seit Mitte Dezember 1878 in Breda in Belgien »Die
Laterne« heraus, ein Wochenblättchen im Format und Stil von Rocheforts
»Lanterne«, so daß es in einfachen Briefumschlägen nach Deutschland
versandt werden konnte, um hier ein Sammel- und Stützpunkt der
sozialdemokratischen Bewegung zu werden. Die Absicht war gut und
Hirsch prinzipiell ein durchaus klarer Kopf, aber die von ihm gewählte
Form, kurze, geistreich pointierte Epigramme, entsprach wenig den
Bedürfnissen eines Arbeiterblattes. Darin traf es die »Freiheit«
glücklicher, ein Wochenblatt, das Most wenige Wochen später mit Hilfe
des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in London herauszugeben
begann; nur daß es sich nach leidlich vernünftigen Anfängen in eine
ziellose Revolutionsspielerei verlor.
Für
die deutsche Parteileitung wurde mit dem Erscheinen dieser beiden,
gewissermaßen wild gewachsenen und von ihr unabhängigen Parteiblätter
die Frage eines ausländischen Preßorgans brennend. Bebel und
Liebknecht traten mit allem Nachdruck dafür ein, und es gelang ihnen
auch, den noch immer sehr zähen Widerstand einflußreicher Parteikreise
zu überwinden, die an der Taktik vorsichtiger Zurückhaltung festhalten
wollten. Mit Most war schon keine Einigung mehr möglich, aber Hirsch
gab die »Laterne« auf und erklärte sich bereit, die Redaktion des
neuen Organs zu übernehmen; auch Marx und Engels, die in Hirsch volles
Vertrauen setzten, waren zur Mitarbeit bereit. Das neue Blatt sollte
als Wochenschrift in Zürich erscheinen, und mit seiner |529|
Vorbereitungen wurden drei Parteigenossen beauftragt, die in Zürich,
lebten: der Versicherungsbeamte Schramm, der aus Berlin ausgewiesen
worden war, Karl Höchberg und Eduard Bernstein, den Höchberg als
literarischen Beirat gewonnen hatte.
Sie
hatten es aber offenbar nicht eilig mit dem Auftrage, der ihnen
erteilt worden war, und der Grund ihres Zögerns wurde offenbar, als
sie im Juli 1879 mit einem eigenen »Jahrbuch für Sozialwissenschaft
und Sozialpolitik« hervortraten, das zweimal im Jahre erscheinen
sollte. Der Geist, worin es redigiert war, offenbarte sich namentlich
in einem Artikel, der »Rückblicke auf die sozialistische Bewegung«
warf und mit drei Sternen gezeichnet war. Doch waren seine
eigentlichen Verfasser Höchberg und Schramm; Bernstein hatte nur
wenige Zeilen beigesteuert.
Inhaltlich aber war der Artikel eine unglaublich geschmack- und
taktlose Kapuzinade über die Sünden der Partei, über ihren Mangel an
»gutem Ton«, über ihre Sucht zu schimpfen, über ihre Koketterie mit
den Massen und ihre Mißachtung der gebildeten Klassen, und was sonst
von jeher die Schneiderseele des Philisters an proletarischen
Bewegungen zu ärgern pflegt. Ihrer praktischen Weisheit letzter Schluß
aber war, die erzwungene Muße des Sozialistengesetzes zur Buße und
Einkehr zu benutzen. Marx und Engels waren über das Machwerk empört;
in einem privaten Rundschreiben an die leitenden Parteikreise
forderten sie kategorisch, daß man Leute mit solchen Gesinnungen, wenn
man sie einmal aus praktischen Gründen in der Partei dulden wolle,
wenigstens nicht an hervorragender Stelle sprechen lassen solle.[5]
Dies Recht hat freilich auch Höchberg nicht eingeräumt erhalten,
sondern er hatte es sich einfach genommen, wie er denn auch ganz
eigenmächtig verfahren zu sein scheint, als er für das »Dreigestirn«
in Zürich ein Überwachungsrecht über die Redaktion Hirsch beanspruchte
und sich eine Redaktionsführung im Stil der »Laterne« verbat.
Daraufhin sagten sich Hirsch und die beiden Alten in London von jeder
Beteiligung an dem neuen Blatte los.
Aus
dem vielen Hin- und Hergeschreibe in der Sache haben sich nur
Bruchstücke erhalten. Daraus geht freilich hervor, daß Bebel und
Liebknecht mit den Ansprüchen des »Dreigestirns« keineswegs
einverstanden gewesen, aber man sieht nicht recht, weshalb sie nicht
rechtzeitig dazwischengefahren sind. Höchberg selbst war nach London
gekommen, wo er jedoch nur Engels antraf, der von seinen konfusen
Anschauungen den schlechtesten Eindruck empfing, sowenig er oder Marx
je an den guten Absichten des Mannes gezweifelt haben. Die
gegenseitige Erbitterung war auch wenig geeignet, ein rechtzeitiges
Einvernehmen zu fördern; am 19. September 1879 schrieb Marx an Sorge,
würde das neue Wochenblatt |530|* im Stil Höchbergs redigiert
werden, so wären sie gezwungen, öffentlich gegen solche »Verluderung«
der Partei und der Theorie aufzutreten. »Die Herren sind also
vorgewarnt und kennen uns auch genug um zu wissen, daß es hier heißt:
Biegen oder Brechen! Wollen sie sich kompromittieren, tant pis! [Mehring
übersetzt: um so schlimmer!] Uns zu kompromittieren wird ihnen in
keinem Fall gestattet.«
Glücklicherweise ist es nicht zu dem Äußersten gekommen. Vollmar
übernahm die Redaktion des Züricher »Sozialdemokraten« und führte sie
zwar »miserabel« genug, wie Marx und Engels meinten, aber doch nicht
so, daß sie einen Anlaß zum öffentlichen Protest gehabt hätten. Es gab
nur »beständige Korrespondenzauseinandersetzungen mit den Leipzigern,
wobei 's oft scharf hergeht«. Das »Dreigestirn« erwies sich auch als
ungefährlich. Schramm hielt sich völlig zurück; Höchberg war häufig
verreist, und Bernstein befreite sich unter dem Druck der Ereignisse
von aller katzenjämmerlichen Stimmung, wie es gleichmäßig und
gleichzeitig vielen Parteigenossen erging, die bis dahin die Dinge ein
wenig hatten an sich herankommen lassen. Nicht zuletzt mochte zur
Beruhigung der Gemüter beitragen, daß Marx und Engels den ungeheuren
Schwierigkeiten, mit denen die deutsche Parteileitung zu kämpfen
hatte, nachgerade in höherem Grade gerecht wurden, als es anfangs wohl
geschehen war. Am 5. November 1880 schrieb Marx an Sorge: »Denen,
comparativement parlant [Mehring übersetzt: die vergleichsweise] ruhig
im Auslande sitzen, ziemt es nicht, den unter den schwierigsten
Umständen und mit großen persönlichen Opfern im Inland Wirkenden, zum
Gaudium der Bourgeois und der Regierung, ihre Position noch zu
erschweren.«Wenige Wochen darauf wurde sogar ein förmlicher Friede
geschlossen.
Vollmar hatte seine Redaktionsstelle zum 31. Dezember 1880 gekündigt,
und es war in entgegenkommendem Sinne gemeint, daß die deutsche
Parteileitung nunmehr Karl Hirsch zu berufen beschloß. Da Hirsch zur
Zeit in London lebte, entschloß sich Bebel, hinüberzufahren, um mit
ihm zu verhandeln; zugleich wollte er sich, was längst schon geplant
war, einmal gründlich mit Marx und Engels aussprechen, und er nahm
auch Bernstein mit, um das Vorurteil zu zerstreuen, das gegen diesen,
der sich inzwischen durchaus bewährt hatte, noch immer in London
bestand. Der Kanossagang nach London, wie er in Parteikreisen genannt
wurde, erreichte seine verschiedenen Zwecke durchaus; nur daß Karl
Hirsch seine anfängliche Zusage nachträglich dahin einschränkte, er
wolle den »Sozialdemokraten« von London aus redigieren. Das wurde
abgelehnt, und das Ende vom Liede war, daß Bernstein zunächst
vorläufig |531|*, dann aber endgültig mit der Redaktion betraut
wurde, die er, nicht zuletzt zur Zufriedenheit der Londoner, mit Ehren
führte. Und als ein Jahr darauf die ersten Reichstagswahlen unter dem
Sozialistengesetz stattfanden, jubelte Engels: So famos hat sich noch
kein Proletariat geschlagen.
Auch
in Frankreich leuchteten günstige Sterne. Nach der blutigen Maiwoche
des Jahres 1871 hatte Thiers den noch immer zitternden Bourgeois von
Versailles verkündigt, daß der Sozialismus für Frankreich tot sei,
unbekümmert darum, daß er sich mit der gleichen Versicherung schon
einmal, nach den Junitagen von 1848, als falscher Prophet erwiesen
hatte. Er mochte glauben, daß der um so kräftigere Aderlaß - man
berechnete 1871 den Verlust der Pariser Arbeiterschaft durch die
Straßenkämpfe, die Hinrichtungen, die Deportationen, die
Galeerenstrafen, die Auswanderung auf 100.000 Köpfe - um so wirksamer
sein werde. Aber er täuschte sich nur um so gründlicher. Nach 1848
hatte der Sozialismus immerhin an zwei Jahrzehnte gebraucht, um aus
seiner Betäubung und seinem Schweigen zu erwachen; nach 1871 aber
brauchte er nur ein halbes Jahrzehnt, um sich wieder anzumelden. Schon
1876, als die Kriegsgerichte noch ihre Blutarbeit verrichteten und
Verteidiger der Kommune füsiliert wurden, tagte der erste
Arbeiterkongreß in Paris.
Freilich war er zunächst nur eine Anmeldung. Er stand unter der
Gönnerschaft der bürgerlichen Republikaner, die an den Arbeitern eine
Stütze gegen die monarchistischen Krautjunker suchten, und seine
Beschlüsse bewegten sich um das harmlose Genossenschaftswesen, wie es
etwa Schulze-Delitzsch in Deutschland vertrat. Aber daß es dabei nicht
bleiben würde, ließ sich voraussehen. Die mechanische Großindustrie,
die sich seit dem Handelsvertrage mit England vom Jahre 1803 langsam
entwickelt hatte, war nach 1870 ungleich schneller gewachsen. Sie
hatte hohen Anforderungen gerecht zu werden: die Schäden zu heilen,
die der Krieg dem dritten Teile Frankreichs zugefügt hatte, die Mittel
für den riesigen Aufbau eines neuen Militarismus zu schaffen, endlich
die Lücke auszufüllen, die durch den Verlust des Elsasses entstanden
war, derjenigen französischen Provinz, die bis 1870 industriell am
entwickeltsten gewesen war. Was von ihr beansprucht wurde, verstand
die große Industrie zu leisten. In allen Teilen des Landes schossen
Fabriken empor und schufen ein industrielles Proletariat, das in den
Blütetagen der alten Internationalen eigentlich doch nur erst in
einigen Städten des nordöstlichen Frankreichs vorhanden gewesen war.
Diese
Voraussetzung erklärte die schnellen Erfolge, die Jules Guesde errang,
als er sich mit seiner zündenden Beredsamkeit in die Arbeiterbewegung
|532|* warf, die mit dem Pariser Kongreß von 1876 eingesetzt
hatte. Eben erst vom Anarchismus bekehrt, zeichnete sich Guesde nicht
durch theoretische Klarheit aus, wie man heute noch in der von ihm
1877 gegründeten »Égalité« erkennen kann; obgleich »Das Kapital« schon
ins Französische übersetzt und veröffentlicht worden war, wußte er
nichts von Marx, dessen Theorien ihm erst durch Karl Hirsch bekannt
wurden. Aber er hatte den Gedanken des Gemeineigentums am Grund und
Boden und an den produzierten Produktionsmitteln mit voller
Entschiedenheit und Klarheit erfaßt, und mit diesem letzten Worte des
proletarischen Emanzipationskampfs, das auf den Kongressen der alten
Internationalen auf den heftigsten Widerstand der französischen
Delegierten zu stoßen pflegte, wußte Guesde, ein Rednertalent ersten
Ranges und ein scharfsinniger Polemiker, die französischen Arbeiter
aufzustürmen.
Er
hatte den Erfolg, daß bereits auf dem zweiten Arbeiterkongresse, der
im Februar 1878 in Lyon tagte und nach der Absicht seiner Veranstalter
nur eine neue Auflage des Pariser Kongresses werden sollte, sich eine
Minderheit von zwanzig Delegierten um seine Fahne sammelte. Nunmehr
wurde die Sache für die Regierung und die Bourgeoisie brenzlich; man
begann die Arbeiterbewegung zu verfolgen, und es gelang auch, die
»Égalité« durch Geld- und Gefängnisstrafen ihrer Redakteure zu
unterdrücken. Aber Guesde und seine Genossen ließen sich nicht
entmutigen; sie arbeiteten unverdrossen weiter, und auf dem dritten
Arbeiterkongresse, der im Oktober 1879 in Marseille tagte, hatten sie
die Mehrheit für sich, die sich sofort als sozialistische Partei
auftat und für den politischen Kampf organisierte. Die »Égalité«
erstand wieder und gewann an Lafargue einen fleißigen Mitarbeiter, der
fast alle ihre theoretischen Artikel schrieb, wenig später begann
Malon, auch er ein ehemaliger Bakunist, die »Revue socialiste«
herauszugeben, die Marx und Engels mit einzelnen Beiträgen
unterstützten.
Dann
begab sich Guesde im Frühjahr 1880 nach London, um mit Marx, Engels
und Lafargue ein Wahlprogramm für die junge Partei zu entwerfen. Man
einigte sich auf das sogenannte Minimalprogramm, das nach einer kurzen
Einleitung, die in wenigen Zeilen das kommunistische Ziel erläuterte,
in seinem ökonomischen Teil nur aus Forderungen bestand, die aus der
Arbeiterbewegung unmittelbar hervorwuchsen. Man einigte sich freilich
nicht über jeden einzelnen Punkt; als Guesde darauf drängte, die
Forderung eines gesetzlich festgestellten Minimallohns in das Programm
aufzunehmen, meinte Marx, wenn das französische Proletariat noch so
kindisch sei, solcher Köder zu bedürfen, so sei es nicht erst der Mühe
wert, ein Programm aufzustellen.
|533| Indessen war das nicht so schlimm
gemeint; im ganzen betrachtete Marx das Programm als einen gewaltsamen
Schritt, die französischen Arbeiter aus ihrem Phrasennebel auf den
Boden der Wirklichkeit herabzuziehen, und sowohl aus der Opposition
wie aus der Zustimmung, die es fand, schloß er, daß die erste
wirkliche Arbeiterbewegung in Frankreich entstehe. Bisher hätte es
dort nur Sekten gegeben, die natürlich ihr Losungswort vom
Sektenstifter erhalten hätten, während die Masse des Proletariats den
radikalen oder radikaltuenden Bourgeois folgte und sich am Tage der
Entscheidung für sie schlüge, um den Tag darauf von den Leuten, die
sie ans Ruder gebracht hätte, niedergemetzelt, deportiert usw. zu
werden. Deshalb war Marx auch sehr einverstanden damit, daß seine
Schwiegersöhne, sobald ihnen die der französischen Regierung
abgetrotzte Amnestie der Kommunards die Rückkehr ermöglichte, nach
Frankreich übersiedelten: Lafargue, um gemeinsam mit Guesde zu
arbeiten, Longuet, um eine einflußreiche Redakteurstelle in der »Justice«
Clemenceaus zu übernehmen, der an der Spitze der äußersten Linken
stand.
Anders, aber im Sinne von Marx noch erfreulicher, lagen die Dinge in
Rußland. Hier wurde sein Hauptwerk eifriger gelesen und lebhafter
anerkannt als irgendwo anders; namentlich in der jüngeren
Gelehrtenwelt gewann Marx viele Anhänger und zum Teil auch persönliche
Freunde. Aber den beiden Hauptrichtungen der damaligen russischen
Massenbewegung, soweit es eine solche gab, der Partei des Volkswillens
und der Partei der schwarzen Umteilung, war seine Auffassung und Lehre
noch ganz fremd. Beide standen wenigstens insoweit noch ganz auf
bakunistischem Boden, als es ihnen vor allen Dingen auf die bäuerliche
Klasse ankam. Die Frage, auf die es ihnen in erster Reihe ankam,
formulierten Marx und Engels so: Kann die russische Bauerngemeinde,
diese allerdings schon sehr zersetzte Form des urwüchsigen
Gemeineigentums am Boden, unmittelbar übergehen in eine höhere
kommunistische Form des Grundeigentums, oder aber muß sie vorher
denselben Auflösungsprozeß durchmachen, der sich in der historischen
Entwicklung des Westens darstellt?
Die
»einzige, heute mögliche« Antwort auf diese Frage gaben Marx und
Engels in der Vorrede zu einer neuen, von Vera Sassulitsch verfaßten
Übersetzung des »Kommunistischen Manifestes« ins Russische mit den
Worten: »Wird die russische Revolution das Signal zu einer
proletarischen Revolution im Westen, so daß beide einander ergänzen,
so kann das jetzige russische Gemeineigentum am Boden zum
Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen.«[6]
Diese Auffassung erklärt |534|* die leidenschaftliche
Parteinahme, die Marx für die Partei des Volkswillens bekundete, deren
terroristische Politik den Zaren zum Gefangenen der Revolution in
Gatschina machte, während er mit einer gewissen Härte über die Partei
der schwarzen Umteilung urteilte, die alle politisch-revolutionäre
Aktion ablehnte und sich auf die Propaganda beschränkte. Gehörten doch
gerade dieser Partei Männer wie Axelrod und Plechanow an, die so viel
dazu beigetragen haben, die russische Arbeiterbewegung mit
marxistischem Geiste zu erfüllen.
Endlich begann es auch in England zu tagen. Im Juni 1881 erschien ein
kleines Buch: »England für Alle«; es war von Hyndman verfaßt und
sollte das Programm der Demokratischen Föderation darstellen, einer
Assoziation, die sich eben aus verschiedenen, englischen und
schottischen radikalen Gesellschaften, halb Bourgeois, halb
Proletariern, gebildet hatte. Die Kapitel über Arbeit und Kapital
waren wörtliche Auszüge oder Umschreibungen aus dem »Kapital« von
Marx, doch nannte Hyndman weder das Werk noch dessen Verfasser,
sondern bemerkte nur am Schluß der Vorrede, für den Gedankeninhalt,
wie für einen großen Teil des stofflichen Inhalts sei er dem Werke
eines großen Denkers und selbständigen Schriftstellers verpflichtet.
Diese sonderbare Art des Zitierens machte Hyndman noch kränkender
durch die Entschuldigungen, durch die er sie vor Marx zu rechtfertigen
suchte: dessen Name sei zu verrufen, die Engländer ließen sich ungern
von Fremden belehren und was dessen mehr war. Marx brach darauf mit
Hyndman, den er zudem für ein »schwaches Gefäß« hielt.
Große
Genugtuung bereitete ihm dagegen noch in demselben Jahre ein Aufsatz
über ihn, den Belfort Bax im Dezemberheft einer englischen
Monatsschrift veröffentlichte. Zwar fand Marx, daß die biographischen
Notizen darin meistens unrichtig und auch in der Darstellung seiner
ökonomischen Prinzipien vieles falsch und konfus sei, aber es sei die
erste englische Veröffentlichung dieser Art, die von einem wirklichen
Enthusiasmus für die neuen Ideen selbst durchweht sei und sich kühn
gegen britisches Philistertum aufrichte; trotz alledem habe das
Erscheinen dieses Artikels, mit großen Lettern in Plakaten auf den
Wänden von Westend London angekündigt, großes Aufsehen erregt.
Wenn
Marx so an Sorge schrieb, so scheint der eiserne Mann, der für Lob und
Tadel so unempfindlich war, einmal einen leichten Anfall von
Selbstgefälligkeit gehabt zu haben, und nichts wäre verzeihlicher
gewesen. Aber er schrieb nur aus einem tieferschütterten Gemüte, wie
aus den Schlußsätzen des Briefes hervorging: »Das wichtigste dabei für
mich |535| war, daß ich die betreffende Nummer schon am 30.
November erhielt, so daß meiner teuren Gattin noch die letzten Tage
ihres Lebens erhellt wurden. Du weißt ja, welch leidenschaftliches
Interesse sie an allen solchen Sachen nahm.« Frau Marx war am 2.
Dezember 1881 gestorben.
5. Abendschatten
Während sich der politisch-soziale Horizont - und das war für Marx
freilich immer die Hauptsache - ringsum erhellte, senkten sich die
Abendschatten tiefer und tiefer auf ihn und sein Haus. Seitdem ihm das
Festland mit seinen heilkräftigen Bädern gesperrt war, hatten seine
körperlichen Leiden wieder zugenommen und ihn mehr oder weniger
arbeitsunfähig gemacht; seit 1878 hat er an der Vollendung seines
Hauptwerks nicht mehr gearbeitet, und ungefähr zur selben Zeit oder
doch wenig nachher begann die nagende Sorge um die Gesundheit seiner
Frau,
Sie
hatte die sorgenfreieren Tage des Alters mit dem glücklichen Gleichmut
einer immer harmonisch gestimmten Seele genossen, so wie sie es selbst
in einem Trostbriefe an Sorges schilderte, die zwei Kinder in
blühendem Alter verloren hatten: »Ich weiß nur zu gut, wie schwer es
wird, und wie lange es dauert, ehe man nach solchen Verlusten sein
eigenes Gleichgewicht wiederfindet; da kommt dann das Leben mit seinen
kleinen Freuden und seinen großen Sorgen, mit all seinen kleinen
tagtäglichen Plackereien und kleinlichen Quälereien zu unserer Hilfe,
und der größere Schmerz wird vom stündlichen kleinen Leid übertäubt
und, ohne daß wirs merken, mildert sich das heftige Weh; nicht daß die
Wunde jemals ausheilte, namentlich nicht im Mutterherzen, aber nach
und nach erwacht wieder im Gemüt neue Empfänglichkeit und selbst neue
Empfindlichkeit für neues Leid und neue Freude, und so lebt man weiter
und weiter mit dem wunden und doch stets hoffenden Herzen, bis es
zuletzt ganz stillesteht und ewiger Frieden da ist.« Wer hätte diesen
leichten Tod durch das sanft lösende Walten der Natur eher verdient
als diese Dulderin und Kämpferin, aber beschieden ist er ihr nicht
gewesen: sie hatte Schweres und Schwerstes zu tragen, ehe sie den
letzten Atemzug tat.
Im
Herbst 1878 meldete Marx zuerst an Sorge, daß seine Frau »sehr unwohl«
sei; ein Jahr später hieß es schon: »Meine Frau ist immer noch
gefährlich krank, und ich selbst immer noch nicht auf dem |536|
Strumpf.« Nach, wie es scheint, längerer Ungewißheit erwies sich die
Krankheit von Frau Marx als ein Krebsleiden, das unter qualvollen
Schmerzen ihren langsamen, aber unaufhaltsamen Tod herbeiführen mußte.
Was Marx darunter litt, läßt sich nur an dem ermessen, was ihm diese
Frau ein langes Leben hindurch gewesen war. Sie selbst blieb gefaßter
als ihr Mann und ihre ganze Umgebung; mit unvergleichlichem Mute
unterdrückte sie alle Schmerzen, um den Ihrigen immer ein heiteres
Gesicht zu zeigen. Als das Übel schon weit vorgeschritten war, im
Sommer 1881, hatte sie noch den Mut, eine Reise nach Paris zu
unternehmen, um ihre verheirateten Töchter wiederzusehen; da doch
keine Hilfe mehr möglich war, fügten sich die Ärzte dem Wagnis. In
einem Briefe an Frau Longuet vom 22. Juli 1881 kündigte Marx den
gemeinsamen Besuch an: »Antworte, bitte, sofort, denn Mama wird nicht
wegfahren, bis Du ihr schreibst, was sie Dir aus London mitbringen
soll. Du weißt, sie hat solche Aufträge wahnsinnig gern.« Der Ausflug
verlief für die Kranke so günstig, wie unter den Umständen noch
möglich war, dagegen wurde Marx nach der Rückkehr von einer heftigen
Brustfellentzündung ergriffen, verbunden mit Bronchitis (Entzündung
der Luftröhrenäste) und beginnender Lungenentzündung. Die Erkrankung
war sehr gefährlich, aber sie wurde überwunden, dank der aufopfernden
Pflege Eleanors und Lenchen Demuths. Es waren traurige Tage, über die
Eleanor schreibt: »In der großen Vorderstube lag unser Mütterchen, in
der kleinen Stube daneben lag Mohr. Und diese beiden, die so
aneinander gewöhnt, so miteinander verwachsen waren, konnten nicht
mehr in demselben Raume zusammen sein... Mohr überwand noch einmal die
Krankheit. Nie werde ich den Morgen vergessen, an welchem er sich
stark genug fühlte, in Mütterchens Stube zu gehen. Sie waren zusammen
wieder jung - sie ein liebendes Mädchen und er ein liebender Jüngling,
die zusammen ins Leben eintraten, und nicht ein von Krankheit
zerrütteter alter Mann und eine sterbende alte Frau, die fürs Leben
voneinander Abschied nahmen.«
Als
Frau Marx am 2. Dezember 1881 starb, war Marx noch immer so schwach,
daß ihm der Arzt verbot, die geliebte Frau auf ihrem letzten Gange zu
geleiten. »Ich habe mich diesem Gebot gefügt«, schrieb Marx an Frau
Longuet, »weil die teure Verstorbene noch einige Tage vor ihrem Tode
den Wunsch aussprach, es möchte bei ihrem Begräbnis kein Zeremoniell
stattfinden: ›wir legen keinen Wert auf die Außenseite‹. Es ist für
mich ein großer Trost, daß ihre Kräfte so schnell abnahmen. Wie der
Arzt vorhergesagt hatte, nahm die Krankheit den Charakter eines
allgemeinen Absterbens an, als ob sie von Altersschwäche herrühre.
|537| Sogar in den letzten Stunden - kein Kampf mit dem Tode, ein
langsames Einschlafen, und selbst die Augen größer, schöner,
strahlender als je.«
Am
Grabe von Jenny Marx sprach Engels. Er rühmte sie als die treueste
Kameradin ihres Gatten und schloß mit den Worten: »Ich habe nicht
nötig, von ihren persönlichen Eigenschaften zu sprechen. Ihre Freunde
kennen sie und werden sie nicht vergessen. Wenn es je eine Frau
gegeben, die ihr größtes Glück darein gesetzt hat, andere glücklich zu
machen, so war es diese Frau.«[7]
6. Das letzte Jahr
Marx
hat seine Frau nur etwa fünf Vierteljahre überlebt. Aber dies Leben
ist in der Tat nur ein »langsames Sterben« gewesen, und Engels hatte
die richtige Empfindung, als er am Todestage von Frau Marx sagte: »Der
Mohr ist auch gestorben.«
Da die
beiden Freunde in dieser kurzen Spanne Zeit meist getrennt waren, so
nahm ihr Briefwechsel noch einen letzten Aufschwung, und in ihm
gleitet das letzte Lebensjahr von Marx in düsterer Erhabenheit
vorüber, erschütternd durch die schmerzlichen Einzelheiten, in denen
das unerbittliche Menschenlos auch diesen mächtigen Geist auflöste.
Was
ihn noch ans Leben fesselte, war sein brennendes Verlangen, seine
letzte Kraft der großen Sache zu widmen, der sein ganzes Leben
gewidmet gewesen war. »Ich komme«, schrieb er am 15. Dezember 1881 an
Sorge, »aus der letzten Krankheit doppelt verkrüppelt heraus,
moralisch durch den Tod meiner Frau, physisch dadurch, daß eine
Verdickung der Pleura und größere Reizbarkeit der Luftröhrenäste
geblieben. Einige Zeit werde ich total verlieren müssen mit
Gesundheitsherstellungsmanövern.« Diese Zeit hat bis an seinen
Todestag gewährt, denn alle Versuche, seine Gesundheit
wiederherzustellen, scheiterten.
Die
Ärzte schickten ihn zunächst nach Ventnor auf der Insel Wight, und
dann nach Algier. Hier traf er am 20. Februar 1882 ein, doch nach der
kalten Reise mit einer neuen Brustfellentzündung. Noch bedenklicher
war, daß Winter und Frühjahr in Algier so regnerisch und unfreundlich
waren wie nie. Nicht bessere Erfahrungen machte Marx in Monte Carlo,
wohin er am 2. Mai übersiedelte; auch hier traf er infolge der
naßkalten Überfahrt mit einer Brustfellentzündung ein, auch hier fand
er anhaltend schlechtes Wetter vor.
|538| Erst als er Anfang Juni seinen Aufenthalt
in Argenteuil bei Longuets nahm, besserte sich sein
Gesundheitszustand. Nicht wenig mochte dazu das Familienleben
beitragen; dann aber gebrauchte Marx auch mit Erfolg die
Schwefelquellen des benachbarten Enghien gegen seine eingewurzelte
Bronchitis. Ein Aufenthalt von sechs Wochen, den er darauf mit seiner
Tochter Laura in Vevey am Genfer See nahm, trug ebenfalls wesentlich
dazu bei, ihn gesunder zu machen. Als er im September nach London
zurückkehrte, sah er kräftig aus und erstieg oft mit Engels den Hügel
von Hampstead, etwa 300 Fuß höher als seine Wohnung, ohne Beschwerde.
Marx
gedachte jetzt seine Arbeiten wieder aufzunehmen, da die Ärzte ihm den
Winteraufenthalt zwar nicht in London, aber doch an der englischen
Südküste gestattet hatten. Als die Novembernebel drohten, ging er nach
Ventnor, fand es hier jedoch, wie im Frühjahr in Algier und in Monte
Carlo: Nebel und nasses Wetter, die ihm erneute Erkältungen zuzogen
und ihn, statt stärkender Bewegung in freier Luft, zu schwächendem
Stubenarrest zwangen. An wissenschaftliche Arbeiten war nicht zu
denken, so reges Interesse Marx an allen wissenschaftlichen
Entdeckungen bekundete, auch an solchen, die seinem engeren
Arbeitsgebiete ferner lagen, so an den Experimenten von Deprez auf der
Münchner Elektrizitäts-Ausstellung. Im allgemeinen machte sich in
seinen Briefen eine gedrückte und mißmutige Stimmung geltend; als sich
in der jungen Arbeiterpartei Frankreichs die unausbleiblichen
Kinderkrankheiten meldeten, war er unzufrieden mit der Vertretung
seiner Gedanken durch seine Schwiegersöhne: »Longuet als letzter
Proudhonist und Lafargue als letzter Bakuninenist! que le diable les
importe [Mehring übersetzt: Hole sie der Teufel]!« Damals ist ihm auch
das geflügelte Wort entfahren, das seitdem die Philisterwelt so
seltsam erleuchtet hat, daß er für seine Person jedenfalls kein
Marxist sei.
Dann
kam am 11. Januar 1883 der entscheidende Schlag: der plötzliche Tod
seiner Tochter Jenny. Schon am nächsten Tage kehrte Marx nach London
zurück, mit einer entschiedenen Bronchitis, zu der sich bald eine
Kehlkopfentzündung gesellte, die ihm das Schlucken fast unmöglich
machte. »Er, der die größten Schmerzen mit dem stoischsten Gleichmut
zu ertragen wußte, trank lieber einen Liter Milch (die ihm sein Lebtag
ein Greuel gewesen), als daß er die entsprechende feste Nahrung
verzehrte.«[8] Im Februar
entwickelte sich ein Geschwür in der Lunge. Die Arzneien versagten
jede Wirkung auf den seit fünfzehn Monaten mit Medizin überfüllten
Körper; sie schwächten höchstens den Appetit und störten die
Verdauungstätigkeit. Fast von Tag zu Tag magerte der |539|
Kranke sichtbar ab. Doch gaben die Ärzte noch nicht die Hoffnung auf,
da die Bronchitis fast gehoben war und das Schlucken leichter wurde.
So trat das Ende dennoch unerwartet ein. Am 14. März um die
Mittagsstunde ist Karl Marx sanft und schmerzlos in seinem Lehnstuhl
entschlafen.
In
allem Schmerz um den unersetzlichen Verlust fand Engels doch, daß er
seinen Trost in sich selbst trage. »Die Doktorenkunst hätte ihm
vielleicht noch auf einige Jahre eine vegetierende Existenz sichern
können, das Leben eines hilflosen, von den Ärzten zum Triumph ihrer
Künste nicht plötzlich, sondern zollweise absterbenden Wesens. Das
aber hätte unser Marx nie ausgehalten. Zu leben mit den vielen
unvollendeten Arbeiten vor sich, mit dem Tantalusgelüst, sie zu
vollenden, und der Unmöglichkeit, es zu tun - das wäre ihm tausendmal
bitterer gewesen als der sanfte Tod, der ihn ereilt. ›Der Tod ist kein
Unglück für den, der stirbt, sondern für den, der überlebt‹, pflegte
er mit Epikur zu sagen. Und diesen gewaltigen, genialen Mann als Ruine
fortvegetieren zu sehen, zum größeren Ruhme der Medizin und zum Spotte
für die Philister, die er in seiner Vollkraft so oft
zusammengeschmettert - nein, tausendmal besser wie es ist, tausendmal
besser wir tragen ihn ... in das Grab, wo seine Frau schläft.«
Am 17.
März, einem Sonnabend, wurde Karl Marx im Grabe seiner Frau
beigesetzt. Mit gutem Takte hatte die Familie »alles Zeremoniell«
abgelehnt, das dies Leben mit einem schrillen Mißklang beschlossen
haben würde. Nur wenige Getreue standen um die offene Gruft: Engels
nebst Leßner und Lochner, den alten Gefährten noch vom
Kommunistenbunde her; aus Frankreich waren Lafargue und Longuet, aus
Deutschland Liebknecht gekommen; die Wissenschaft war durch zwei
Männer ersten Ranges vertreten, den Chemiker Schorlemmer und den
Zoologen Ray Lankester.
So
aber lautete der letzte Gruß, den Engels in englischer Sprache dem
toten Freunde widmete, so aufrichtig und wahrhaftig in schlichten
Worten zusammenfassend, was Karl Marx der Menschheit gewesen ist und
bleiben wird, daß ihm auch an dieser Stelle das abschließende Wort
gebührt:
»Am
14. März, nachmittags ein Viertel vor drei, hat der größte lebende
Denker aufgehört zu denken. Kaum zwei Minuten allein gelassen, fanden
wir ihn beim Eintreten in seinem Sessel ruhig entschlummert - aber für
immer.
Was
das streitbare europäische und amerikanische Proletariat, was die
historische Wissenschaft an diesem Mann verloren haben, das ist
|540| gar nicht zu ermessen. Bald genug wird sich die Lücke
fühlbar machen die der Tod dieses Gewaltigen gerissen hat.
Wie
Darwin das Gesetz der Entwicklung der organischen Natur, so entdeckte
Marx das Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte: die bisher
unter ideologischen Überwucherungen verdeckte einfache Tatsache, daß
die Menschen vor allen Dingen zuerst essen, trinken, wohnen und sich
kleiden müssen, ehe sie Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion usw.
treiben können; daß also die Produktion der unmittelbaren materiellen
Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe
eines Volkes oder eines Zeitabschnitts die Grundlage bildet, aus der
sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und
selbst die religiösen Vorstellungen der betreffenden Menschen
entwickelt haben und aus der sie daher auch erklärt werden müssen -
nicht wie bisher geschehen, umgekehrt.
Damit
nicht genug. Marx entdeckte auch das spezielle Bewegungsgesetz der
heutigen kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten
bürgerlichen Gesellschaft. Mit der Entdeckung des Mehrwerts war hier
plötzlich Licht geschaffen, während alle früheren Untersuchungen
sowohl der bürgerlichen Ökonomen wie der sozialistischen Kritiker im
Dunkel sich verirrt hatten.
Zwei
solche Entdeckungen sollten für ein Leben genügen. Glücklich schon
der, dem es vergönnt ist, nur eine solche zu machen. Aber auf jedem
einzelnen Gebiet, das Marx der Untersuchung unterwarf, und dieser
Gebiete waren sehr viele und keines hat er bloß flüchtig berührt - auf
jedem, selbst auf dem der Mathematik, hat er selbständige Entdeckungen
gemacht.
So war
der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe
Mann. Die Wissenschaft war für Marx eine geschichtlich bewegende, eine
revolutionäre Kraft. So reine Freude er haben konnte an einer neuen
Entdeckung in irgendeiner theoretischen Wissenschaft, deren praktische
Anwendung vielleicht noch gar nicht abzusehen - eine ganz andere
Freude empfand er, wenn es sich um eine Entdeckung handelte, die
sofort revolutionär eingriff in die Industrie, in die geschichtliche
Entwicklung überhaupt. So hat er die Entwicklung der Entdeckungen auf
dem Gebiet der Elektrizität und zuletzt noch die von Marc[el] Deprez
genau verfolgt.
Denn
Marx war vor allem Revolutionär. Mitzuwirken, in dieser oder jener
Weise, am Sturz der kapitalistischen Gesellschaft und der durch sie
geschaffenen Staatseinrichtungen, mitzuwirken an der Befreiung des
modernen Proletariats, dem er zuerst das Bewußtsein seiner eigenen
|541| Lage und seiner Bedürfnisse, das Bewußtsein der Bedingungen
seiner Emanzipation gegeben hatte - das war sein wirklicher
Lebensberuf. Der Kampf war sein Element. Und er hat gekämpft mit einer
Leidenschaft, einer Zähigkeit, einem Erfolg wie wenige. Erste
›Rheinische Zeitung‹ 1842, Pariser ›Vorwärts!‹ 1844,
›Brüsseler-Deutsche-Zeitung‹ 1847, ›Neue Rheinische Zeitung‹ 1848/49,
›New-York Daily Tribune‹ 1852 bis 1861 - dazu Kampfbroschüren die
Menge, Arbeit in Vereinen in Paris, Brüssel und London, bis endlich
die große Internationale Arbeiterassoziation als Krönung des Ganzen
entstand - wahrlich, das war wieder ein Resultat, worauf sein Urheber
stolz sein konnte, hätte er sonst auch nichts geleistet.
Und
deswegen war Marx der bestgehaßte und bestverleumdete Mann seiner
Zeit. Regierungen, absolute wie republikanische, wiesen ihn aus,
Bourgeois, konservative wie extrem-demokratische, logen ihm um die
Wette Verlästerungen nach. Er schob das alles beiseite wie Spinnweb,
achtete dessen nicht, antwortete nur, wenn äußerster Zwang da war. Und
er ist gestorben, verehrt, geliebt, betrauert von Millionen
revolutionärer Mitarbeiter, die von den sibirischen Bergwerken an über
ganz Europa und Amerika bis Kalifornien hin wohnen, und ich kann es
kühn sagen: Er mochte noch manchen Gegner haben, aber kaum noch einen
persönlichen Feind.
Sein
Name wird durch die Jahrhunderte fortleben und so auch sein Werk!«[9]
Fußnoten:
[1] Friedrich Engels: Marx, Heinrich Karl,
in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 22, S. 342.
<=
[2] Friedrich Engels: Deutscher Sozialismus
in Versen und Prosa, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 4, S.
232. <=
[3] Karl Marx: Brief an Wilhelm Bracke, in:
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 13/14. <=
[4] Friedrich Engels: Brief an Bebel, in:
Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 3-9. <=
[5] Karl Marx/Friedrich Engels: Zirkularbrief
an Bebel, Liebknecht, Bracke u.a., in: Karl Marx/Friedrich Engels,
Werke, Bd. 19, S. 165. <=
[6] Karl Marx/Friedrich Engels: [Vorrede zur
zweiten russischen Ausgabe des »Manifests der Kommunistischen
Partei«], in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 296.
<=
[7] Friedrich Engels: Rede am Grabe von Jenny
Marx, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 294.
<=
[8] Friedrich Engels: Zum Tode von Karl Marx,
in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 342.
<=
[9] Friedrich Engels: Das Begräbnis von Karl
Marx, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 19, S. 335-335.
<=
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