1. »Die deutsche
Ideologie«
|116| Aus Paris vertrieben, war Marx mit seiner Familie nach
Brüssel übergesiedelt. Engels befürchtete, man werde ihn am Ende auch
in Belgien belästigen, und es geschah sogar schon im Anfange.
Wie
Marx an Heine schrieb, mußte er gleich nach seiner Ankunft in Brüssel
auf der Administration de la sûreté publique die Verpflichtung
unterzeichnen, nichts über Tagespolitik in Belgien drucken zu lassen.
Das konnte er mit ruhigem Gewissen tun, denn er hatte dazu weder die
Absicht noch die Möglichkeit. Da jedoch die preußische Regierung
fortfuhr, das belgische Ministerium wegen seiner Ausweisung zu
behelligen, so nahm Marx noch in demselben Jahre, am 1. Dezember 1845,
seine Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande.
Jedoch
hat er weder damals noch später das Bürgerrecht eines fremden Staates
angenommen, das ihm im Frühjahr 1848 von der provisorischen Regierung
der französischen Republik sogar in ehrenvoller Weise angeboten wurde.
Wie Heine, hat sich Marx dazu nicht entschließen können, obgleich
Freiligrath, der als kerndeutscher Mann so oft als prunkendes
Gegenstück zu den beiden »vaterlandslosen Gesellen« ausgespielt worden
ist, durchaus keinen Anstand nahm, sich im Exil als Engländer
naturalisieren zu lassen.
Im
Frühjahr 1845 kam auch Engels nach Brüssel, und die Freunde machten
eine gemeinsame Studienreise nach England, die sich auf sechs Wochen
ausdehnte. Auf ihr gewann Marx, der schon in Paris begonnen hatte,
sich mit MacCulloch und Ricardo zu beschäftigen, tiefere Einblicke in
die ökonomische Literatur des Inselreichs, wenn er nur auch erst »die
in Manchester aufzutreibenden Bücher« einsehen konnte, neben den
Auszügen und Schriften, die Engels besaß. Engels, der schon bei seinem
ersten Aufenthalt in England sowohl für die »New Moral World«, das
Organ Owens, wie für den »Northern Star«, das Organ der Chartisten,
gearbeitet hatte, frischte die alten Beziehungen auf, und so wurden
auch von beiden Freunden neue Verbindungen angeknüpft, mit den
Chartisten sowohl wie mit den Sozialisten.
|117| Nach dieser Reise machten sie sich
zunächst wieder an eine gemeinsame Arbeit. »Wir beschlossen«, wie Marx
später lakonisch genug gesagt hat, »den Gegensatz unsrer Ansicht gegen
die ideologische der deutschen Philosophie gemeinschaftlich
auszuarbeiten, in der Tat mit unserm ehemaligen philosophischen
Gewissen abzurechnen. Der Vorsatz ward ausgeführt in der Form einer
Kritik der nachhegelschen Philosophie. Das Manuskript, zwei starke
Oktavbände, war längst an seinem Verlagsort in Westfalen angelangt,
als wir die Nachricht erhielten, daß veränderte Umstände den Druck
nicht erlaubten. Wir überließen das Manuskript der nagenden Kritik der
Mäuse um so williger, als wir unsern Hauptzweck erreicht hatten -
Selbstverständigung.«[1]
Die Mäuse haben an dem Manuskript nun auch im wörtlichsten Sinne des
Worts ihr Werk getan; aber die Trümmer, die sich davon erhalten haben,
machen es erklärlich, daß die Verfasser über das Mißgeschick nicht
allzu betrübt gewesen sind,
War
ihre gründliche und selbst allzu gründliche Abrechnung mit den Bauers
schon eine harte Nuß für die Leser, so, wären diese zwei starken Bände
von zusammen fünfzig Druckbogen noch eine viel härtere Nuß für sie
gewesen. Der Titel des Werkes lautete »Die deutsche Ideologie, Kritik
der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach,
B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen
verschiedenen Propheten«[2].
Engels hat später aus der Erinnerung gesagt, die Kritik Stirners
allein sei nicht weniger umfangreich gewesen als das Buch Stirners
selbst, und die Proben, die inzwischen davon veröffentlicht worden
sind, lassen diese Erinnerung als durchaus glaubhaft erscheinen. Es
ist eine noch weitläufigere Überpolemik, als schon die »Heilige
Familie« in ihren dürrsten Kapiteln aufzeigt, dafür sind die Oasen in
der Wüste viel spärlicher gesäet, wenn sie auch keineswegs völlig
fehlen. Und wo immer sich dialektische Schärfe zeigt, artet sie
alsbald in Haarspaltereien und Wortklaubereien mitunter recht
kleinlicher Art aus.
Gewiß
ist in diesen Dingen der heutige Geschmack viel heikler, als der
damalige Geschmack war. Aber damit ist nicht alles erklärt, zumal da
Marx und Engels vorher und nachher und selbst gleichzeitig gezeigt
haben, daß sie über eine epigrammatisch scharfe Kritik geboten, wie
denn ihr Stil zum wenigsten an Weitschweifigkeit litt. Entscheidend
war, daß sich diese Geisteskämpfe in einem ganz kleinen Kreise
abspielten, wozu dann noch die meist große Jugend der Kämpfer kam. Es
war eine Erscheinung, wie sie ähnlich die Literaturgeschichte an
Shakespeare und seinen dramatischen Zeitgenossen beobachtet hat; eine
Redewendung |118|* totzuhetzen, der Rede des Gegners durch
buchstäbliche oder mißverständliche Deutung einen möglichst törichten
Sinn unterzustellen, die Neigung zum Gesteigerten und Grenzenlosen im
Ausdruck - alles das war nicht auf das große Publikum, sondern auf das
verfeinerte Verständnis der Fachgenossen berechnet. Was uns heute an
Shakespeares Witz ungenießbar oder selbst unverständlich erscheint,
erklärt sich daraus, daß ihn bei seinem Schaffen bewußt oder unbewußt
der Gedanke begleitete, wie Greene und Marlowe, wie Jones, Fletcher
und Beaumont darüber urteilen würden.
So
etwa mag man sich den Ton erklären, in den Marx und Engels bewußt oder
unbewußt verfielen, wenn sie es mit den Bauer und Stirner und sonst
alten Kumpanen der reinen Hirnweberei zu tun hatten. Lehrreicher würde
ohne Zweifel gewesen sein, was ihr Werk über Feuerbach zu sagen gehabt
hätte, denn dabei hätte es sich nicht nur um eine wesentlich negative
Kritik gehandelt, aber dieser Abschnitt ist leider nicht vollendet
worden. Einige Aphorismen, die Marx 1845 über Feuerbach
niedergeschrieben und Engels einige Jahrzehnte später veröffentlicht
hat, geben immerhin deutliche Fingerzeige.[3]
Marx vermißte an Feuerbachs Materialismus, was er als Student schon an
Demokrit, dem bahnbrechenden Vertreter des Materialismus, vermißt
hatte: nämlich das »energische Prinzip«; er nannte es den Hauptmangel
alles bisherigen Materialismus, die Sinnlichkeit und Wirklichkeit nur
unter der Form der Anschauung oder des Objekts zu fassen, nicht aber
als menschliche sinnliche Tätigkeit, nicht als Praxis, nicht
subjektiv. Daher sei es geschehen, daß die tätige Seite, im Gegensatze
zum Materialismus, vom Idealismus entwickelt worden sei -, aber nur
abstrakt, da der Idealismus natürlich die wirkliche, sinnliche
Tätigkeit nicht kenne. Mit andern Worten: indem Feuerbach den ganzen
Hegel fortwarf, hatte er zu viel fortgeworfen; es kam darauf an,
Hegels weltumwälzende Dialektik aus dem Reiche der Gedanken in das
Reich der Wirklichkeit zu übertragen.
In
seiner kecken Art hatte Engels schon von Barmen aus an Feuerbach
geschrieben, um ihn für den Kommunismus zu werben. Feuerbach hatte
freundlich, aber - wenigstens vorläufig - ablehnend geantwortet.
Womöglich wolle er im Sommer an den Rhein kommen und dann wollte
Engels ihm schon »beibringen«, daß er auch nach Brüssel müsse.
Einstweilen schickte er Hermann Kriege, einen Schüler Feuerbachs, als
»famosen Agitator« an Marx.
Allein
Feuerbach kam nicht an den Rhein, und seine nächsten
Veröffentlichungen zeigten, daß er aus dem »alten Stiefel« nicht mehr
herauskam. Auch sein Schüler Kriege bewährte sich nicht; er trug zwar
die |119| kommunistische Propaganda über den großen Teich,
richtete aber in New York heillosen Unfug an, der auch zerstörend auf
die kommunistische Kolonie zurückwirkte, die sich in Brüssel um Marx
zu sammeln begann.
2. Der »wahre«
Sozialismus
Der
zweite Teil des geplanten Werks sollte sich mit dem deutschen
Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten befassen, die »gesamte
fade und geschmacklose Literatur des deutschen Sozialismus« kritisch
auflösen.
Es
waren damit Männer wie Moses Heß, Karl Grün, Otto Lüning, Hermann
Püttmann und andere gemeint, die sich eine ganz ansehnliche,
namentlich auch an Zeitschriften reiche Literatur geschaffen hatten:
den »Gesellschaftsspiegel«, der vom Sommer 1845 bis zum Sommer 1846
als Monatsschrift erschien, dann die »Rheinischen Jahrbücher« und das
»Deutsche Bürgerbuch«, von denen 1845 und 1846 je zwei Jahrgänge
herauskamen, weiter »Das Westphälische Dampfboot«, eine Monatsschrift,
die auch im Jahre 1845 begann, aber ihr Leben bis in die deutsche
Revolution erstreckte, endlich einzelne Tagesblätter wie die
»Trier'sche Zeitung«.
Die
wunderliche Erscheinung, die Grün einmal als »wahren« Sozialismus
getauft hatte, was von Marx und Engels in spöttischem Sinne
aufgegriffen wurde, besaß ein sehr kurzes Leben. Sie war im Jahre 1848
schon spurlos verschwunden; als der erste Schuß der Revolution fiel,
löste sie sich von selbst auf. Für die geistige Entwicklung von Marx
hat sie irgendeine Bedeutung nicht gehabt; er stand ihr von vornherein
als ein überlegener Kritiker gegenüber. Aber das schroffe Urteil, das
er im »Kommunistischen Manifest« über sie fällt, gibt doch nicht
erschöpfend seine Stellung zu diesem Sozialismus wieder; er hat ihn
zeitweise für einen Most gehalten, der bei allem absurden Gebärden
doch wohl einen Wein geben könne. Dasselbe galt, und in noch höherem
Grade, von Engels.
Engels
gab mit Moses Heß gemeinsam den »Gesellschaftsspiegel« heraus, in den
auch Marx einen Beitrag stiftete. Mit Heß haben beide in der Brüsseler
Zeit mannigfach zusammengearbeitet, und es hatte fast den Anschein,
als habe er sich ganz in ihre Anschauungen eingelebt. Für die
»Rheinischen Jahrbücher« hat Marx wiederholt um Heines Mitarbeit
geworben, und wenn nicht von ihm, so hat diese Zeitschrift, ebenso
|120| wie das »Deutsche Bürgerbuch«, die beide von Püttmann
herausgegeben wurden, Aufsätze von Engels veröffentlicht.[4]
Im »Westphälischen Dampfboot« haben Marx wie Engels mitgearbeitet;
Marx hat hier das einzige Stück aus dem zweiten Teile der »Deutschen
Ideologie« veröffentlicht, das bisher ans Tageslicht gekommen ist:
eine gründlich scharfe Kritik einer feuilletonistischen Schrift, die
Karl Grün über die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien
veröffentlicht hatte.[5]
Die
Tatsache, daß der »wahre« Sozialismus sich ebenfalls aus der Auflösung
der Hegelschen Philosophie entwickelt hatte, hat zu der Behauptung
geführt, Engels und Marx hätten ihm anfangs auch angehört und hätten
ihn deshalb später um so schärfer kritisiert. Das trifft aber in
keiner Weise zu. Das wirkliche Verhältnis war vielmehr dies, daß beide
Teile allerdings von Hegel und Feuerbach zum Sozialismus gekommen
waren, aber daß Marx und Engels das Wesen dieses Sozialismus an der
Französischen Revolution und der englischen Industrie studiert hatten,
während die »wahren« Sozialisten sich daran genügen ließen, die
sozialistischen Formeln und Schlagworte in »verdorbenes Hegeldeutsch«
zu übersetzen. Sie über diesen Standpunkt zu erheben, bemühten sich
Marx und Engels, wobei sie billig genug dachten, die ganze Richtung
als Produkt der deutschen Geschichte anzuerkennen. Es war
schmeichelhaft genug für die Grün und Genossen, wenn ihre Erläuterung
des Sozialismus als einer müßigen Spekulation über die Verwirklichung
des menschlichen Wesens damit verglichen wurde, daß Kant die
Willensäußerungen der großen französischen Revolution auch nur als
Gesetze des wahrhaft menschlichen Willens verstanden habe.
In
ihrem pädagogischen Bemühen um den »wahren« Sozialismus haben es
Engels und Marx weder an Nachsicht noch an Strenge fehlen lassen. Im
»Gesellschaftsspiegel« von 1845 hat Engels als Mitherausgeber dem
guten Heß noch manches durchgehen lassen, was ihm selbst sehr gegen
den Strich laufen mußte; im »Deutschen Bürgerbuch« von 1846 aber
machte er den »wahren« Sozialisten doch schon die Hölle heiß. »Etwas
›Menschentum‹, wie man das Dings neuerlich tituliert, etwas
›Realisierung‹ dieses Menschentums oder vielmehr Ungetüms, etwas
Weniges über das Eigentum aus Proudhon - dritte oder vierte Hand -,
etwas Proletariatsjammer, Organisation der Arbeit, die Vereinsmisere
zur Hebung der niederen Volksklassen, nebst einer grenzenlosen
Unwissenheit über die politische Ökonomie und die wirkliche
Gesellschaft - das ist die ganze Geschichte, die noch dazu durch die
theoretische Unparteilichkeit, die ›absolute Ruhe des Gedankens‹, den
letzten Tropfen Blut, die letzte Spur von Energie und Spannkraft
verliert. Und mit dieser |121| Langeweile will man Deutschland
revolutionieren, das Proletariat in Bewegung setzen, die Massen denken
und handeln machen?«[6] Die
Rücksicht auf das Proletariat und die Massen bestimmte in erster Reihe
die Stellung, die Marx und Engels zu dem »wahren« Sozialismus genommen
haben. Wenn sie von all seinen Vertretern Karl Grün am heftigsten
bekämpften, so nicht nur weil er in der Tat die meisten Blößen bot,
sondern auch, weil er, in Paris lebend, unter den dortigen Arbeitern
heillose Verwirrung anrichtete und auf Proudhon einen verhängnisvollen
Einfluß gewann. Und wenn sie im »Kommunistischen Manifest« mit
äußerster Schärfe und selbst mit deutlicher Anspielung auf ihren
bisherigen Freund Heß vom »wahren« Sozialismus abrückten, so aus dem
Grunde, weil sie damit eine praktische Agitation des internationalen
Proletariats einleiteten.
Damit
hing dann auch zusammen, daß sie dem »wahren« Sozialismus etwa noch
die »pedantische Unschuld« verzeihen wollten, womit er seine
»unbeholfenen Schulübungen so ernst und feierlich nahm und so
marktschreierisch ausposaunte«, aber nicht seine angebliche
Unterstützung der Regierungen. Der Kampf der Bourgeoisie gegen den
vormärzlichen Absolutismus und Feudalismus sollte ihm die »erwünschte
Gelegenheit« geboten haben, der liberalen Opposition in den Rücken zu
fallen. »Er diente den deutschen absoluten Regierungen mit ihrem
Gefolge von Pfaffen, Schulmeistern, Krautjunkern und Bürokraten als
erwünschte Vogelscheuche gegen die drohend aufstrebende Bourgeoisie.
Er bildete die süßliche Ergänzung zu den bittern Peitschenhieben und
Flintenkugeln, womit dieselben Regierungen die deutschen
Arbeiteraufstände bearbeiteten.«[7]
Das war arg übertrieben, soweit es auf die Sache, und ganz ungerecht,
soweit es auf die Personen ankam.
Marx
selbst hatte in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« auf die
Eigentümlichkeit der deutschen Zustände hingewiesen, wo sich die
Bourgeoisie nicht gegen die Regierungen erheben konnte, ohne daß sich
das Proletariat schon gegen die Bourgeoisie erhob. Die Aufgabe des
Sozialismus war danach, den Liberalismus zu unterstützen, wo er noch
revolutionär, und ihn zu bekämpfen, wo er schon reaktionär war. Im
einzelnen war diese Aufgabe nicht leicht zu lösen; auch Marx und
Engels haben den Liberalismus gelegentlich als noch revolutionär
verteidigt, wo er schon reaktionär war. Nach der umgekehrten Richtung
haben es dann freilich die »wahren« Sozialisten oft versehen und den
Liberalismus in Grund und Boden verurteilt, was den Regierungen nur
angenehm sein konnte, am meisten Karl Grün, aber auch Moses Heß, am
wenigsten Otto Lüning, der das »Westphälische Dampfboot« leitete. Aber
was |122| sie in dieser Beziehung gesündigt haben mögen, das
ist aus Torheit und Unverstand geschehen, nicht jedoch in der Absicht,
die Regierungen zu unterstützen. In der Revolution, die das
Todesurteil über ihre ganzen Einbildungen verhängte, haben sie
durchaus auf dem linken Flügel der Bourgeoisie gestanden; ganz zu
geschweigen von Heß, der noch in Reih und Glied der deutschen
Sozialdemokratie gekämpft hat, ist auch kein anderer der »wahren«
Sozialisten zur Regierung übergelaufen; von allen Schattierungen des
bürgerlichen Sozialismus, den damaligen und nun gar den heutigen,
haben die »wahren« Sozialisten in diesem Punkt geradezu das reinste
Gewissen.
Sie
hatten auch allen möglichen Respekt vor Marx und Engels, denen sie
ihre Zeitschriften gern offenhielten, sogar wenn sie selbst dabei ein
wenig gekämmt wurden; nicht heimliche Tücke, sondern offenbare
Unklarheit verschuldete, daß sie aus ihrer Haut nicht heraus konnten.
Mit besonderer Vorliebe sangen sie das alte liebe Philisterlied:
Stille, Stille, kein Geräusch gemacht; in einer jungen Partei dürfe
man es nicht so genau nehmen und bei etwa notwendigen
Auseinandersetzungen wenigstens den guten Ton nicht verletzen, nicht
gar zu bitter und abstoßend werden; Renommeen, wie Bauer, Ruge,
Stirner, müßten geschont werden. Damit kamen sie bei Marx freilich
gerade an den Rechten; er meinte einmal: »Charakteristisch bleibt es
für diese alten Weiber, daß sie jeden wirklichen Parteikampf
vertuschen und verzuckern möchten.« Doch fand er mit dieser gesunden
Auffassung auch unter den »wahren« Sozialisten hier und da
Verständnis; namentlich in Josef Weydemeyer, der mit Lüning
verschwägert war und sich an der Redaktion des »Westphälischen
Dampfbootes« beteiligte, gewannen Marx und Engels einen ihrer
treuesten Anhänger.
Weydemeyer, ursprünglich preußischer Artillerieleutnant, hatte um
seiner politischen Überzeugungen willen den Militärdienst quittiert
und war als Unterredakteur der »Trier'schen Zeitung«, die unter dem
Einfluß Karl Grüns stand, in die Kreise des »wahren« Sozialismus
geraten. Ob er im Frühling 1846 nach Brüssel aus einem andern Anlaß
kam oder schon um Marx und Engels kennenzulernen, ist unbekannt;
jedenfalls wurde er mit beiden schnell vertraut und ein abgesagter
Gegner der Heulmeierei über ihre rücksichtslose Kritik, in die selbst
sein Schwager Lüning einstimmte. Ein geborener Westfale, hatte
Weydemeyer etwas von der ruhigen und selbst schwerfälligen, aber
treuen und zähen Art, die man seinem Stamme nachsagt. Ein
Schriftsteller von großen Gaben ist er nicht gewesen; als er nach
Deutschland zurückgekehrt war, nahm er eine Stelle als Geometer beim
Bau der Köln-Mindener Eisenbahn |123| an und half nur nebenbei
am »Westphälischen Dampfboot« mit. Aber in seiner praktischen Art
suchte er einer anderen Not abzuhelfen, die für Marx und Engels je
länger je fühlbarer wurde, der Not um einen Verleger.
Das
Literarische Kontor in Zürich wurde ihnen durch Ruges Gehässigkeit
verschlossen; obgleich Ruge anerkannte, daß Marx nicht leicht etwas
Schlechtes schreiben werde, setzte er doch seinem Sozius Fröbel die
Pistole auf die Brust, um ihn an jeder geschäftlichen Verbindung mit
Marx zu hindern. Wigand in Leipzig, der Hauptverleger der
Junghegelianer, hatte aber in einem andern Falle schon eine Kritik der
Bauer, Feuerbach und Stirner abgelehnt. So eröffnete es eine sehr
willkommene Aussicht, als Weydemeyer in seiner westfälischen Heimat
ein paar reiche Kommunisten auftrieb, sie hießen Julius Meyer und
Rempel, die sich bereit erklärten, das nötige Kapital für ein
Verlagsunternehmen vorzuschießen. Es sollte gleich in umfassender
Weise angelegt werden und mit nicht weniger als drei Produktionen
beginnen: der »Deutschen Ideologie«, einer Bibliothek sozialistischer
Schriftsteller und einer Vierteljahrsschrift, als deren Redakteur
neben Marx und Engels auch Heß vorgesehen war.
Jedoch
als es zum Zahlen kam, versagten die beiden Kapitalisten, trotz der
mündlichen Abmachungen, die sie nicht nur mit Weydemeyer, sondern auch
mit Heß getroffen hatten. »Geschäftliche Schwierigkeiten« stellten
sich zur rechten Zeit ein, um ihre kommunistische Opferfreudigkeit zu
lähmen. So gab es eine bittere Enttäuschung, die Weydemeyer noch
dadurch verschärfte, daß er das Manuskript der »Deutschen Ideologie«
andern Verlegern ohne Erfolg anbot und unter den westfälischen
Gesinnungsgenossen einige hundert Franken sammelte, um die ärgste Not
von Marx zu kehren. Es zeugt für die grundehrliche Art des Mannes, daß
er diese kleinen Tölpeleien zwar verschuldete, aber doch bei Marx und
Engels in schnelle Vergessenheit geraten ließ.
Allein
das Manuskript der »Deutschen Ideologie« war nunmehr endgültig der
nagenden Kritik der Mäuse ausgeliefert.
3. Weitling und
Proudhon
Menschlich ungleich ergreifender und sachlich ungleich bedeutsamer als
die Kritik der nachhegelschen Philosophen und der »wahren« Sozialisten
gestalteten sich die Auseinandersetzungen, in die Marx mit den
|124| beiden genialen Proletariern geriet, die seine Anfänge
bedeutsam beeinflußt haben.
Weitling und Proudhon waren in den Tiefen der Arbeiterklasse geboren,
gesunde und kräftige Naturen, reich begabt und von den Umständen so
begünstigt, daß es ihnen wohl möglich gewesen wäre, zu jenen seltenen
Ausnahmen zu gehören, von denen sich die Spießbürgerweisheit nährt,
daß jedem Talent der arbeitenden Klasse der Aufstieg in die Reihen der
besitzenden Klasse eröffnet sei. Beide haben diesen Weg verschmäht und
freiwillig die Armut erwählt, um für ihre Klassen- und Leidensgenossen
zu kämpfen.
Stattliche Männer, voll markiger Kraft, wie geschaffen für jeden Genuß
des Lebens, legten sie sich die härtesten Entbehrungen auf, um ihren
Zielen zu folgen. »Ein schmales Nachtlager, oft zu dreien im engen
Zimmer, ein Stück Brett als Schreibtisch und mitunter eine Tasse
schwarzen Kaffees« - so lebte Weitling, als sein Name bereits die
Großen der Erde schreckte, und ähnlich hauste Proudhon, als sein Name
schon europäischen Ruf hatte, »gekleidet in ein gestricktes wollenes
Wams und an den Füßen die klappernden Holzschuhe«, in seinem Pariser
Kämmerchen.
In
beiden Männern mischte sich deutsche und französische Kultur. Weitling
war der Sohn eines französischen Offiziers und eilte nach Paris, als
er zu seinen Jahren gekommen war, um aus den Quellen des französischen
Sozialismus zu schöpfen. Proudhon stammte aus der alten Freigrafschaft
Burgund, die einst durch Ludwig XIV. an Frankreich gekommen war; man
hat ihm immer den deutschen Kopf oder auch den deutschen Querkopf
ansehen wollen. In jedem Falle zog es ihn, als er zu geistigem
Selbstbewußtsein erwacht war, zur deutschen Philosophie, in deren
Vertretern Weitling nur unklare »Nebler« sah, während wieder Proudhon
nicht scharf genug über die großen Utopisten urteilen konnte, denen
Weitling sein Bestes verdankte.
Gemeinsam war ihnen vor allem ihr Ruhm und ihr Verhängnis. Sie waren
die ersten modernen Proletarier, die den historischen Beweis des
Geistes und der Kraft lieferten, den historischen Beweis, daß die
moderne Arbeiterklasse sich selbst befreien könne, die zuerst den
fehlerhaften Kreis zerbrachen, worin sich Arbeiterbewegung und
Sozialismus bewegten. Insoweit haben sie Epoche gemacht, insoweit ist
ihr Schaffen und Wirken vorbildlich gewesen, hat es befruchtend auf
die Entstehung des wissenschaftlichen Sozialismus gewirkt. Niemand hat
die Anfänge Weitlings und Proudhons mit reicherem Lobe überschüttet
als Marx. Was ihm zunächst die kritische Auflösung der Hegelschen
Philosophie |125| als spekulatives Denkergebnis geliefert
hatte, das sah er im wirklichen Leben vor allem andern bestätigt durch
Proudhon und Weitling.
Aber
wie den gleichen Ruhm, so teilten beide Männer auch das gleiche
Verhängnis. Trotz aller Einsicht und Fernsicht ist Weitling nie über
den deutschen Handwerksburschen, Proudhon nie über den französischen
Kleinbürger hinausgekommen. So trennten sie sich von dem Manne, der
glorreich zu vollenden wußte, was sie glänzend begonnen hatten. Es ist
nicht in persönlicher Eitelkeit, nicht in verbissener Rechthaberei
geschehen, wenn beides dann auch mehr oder minder hervorgetreten sein
mag, je mehr sie sich durch den Strom der geschichtlichen Entwicklung
auf den Sand gesetzt fühlten. Ihre Auseinandersetzungen mit Marx
zeigen, daß sie schlechterdings nicht verstanden, wohinaus dieser
wollte. Sie wurden die Opfer eines beschränkten Klassenbewußtseins,
das deshalb nur um so wirksamer war, weil es unbewußt in ihnen wirken
mochte.
Weitling kam im Anfange des Jahres 1846 nach Brüssel. Nachdem seine
Agitation in der Schweiz an ihren inneren Widersprüchen erlahmt und
danach das Opfer brutaler Gewalt geworden war, hatte er sich nach
London gewandt, wo er schon mit den Leuten vom Bunde der Gerechten
nicht fertig werden konnte. Er verfiel seinem grausamen Schicksal
gerade dadurch, daß er sich vor ihm in einen Prophetendünkel zu retten
suchte. Statt sich in die englische Arbeiterbewegung zu stürzen, zu
einer Zeit, wo die chartistische Agitation hohe Wellen schlug,
arbeitete er an einer Denk- und Sprachlehre, um eine Weltsprache zu
schaffen, die von nun an mehr und mehr seine Lieblingsmarotte wurde.
Er wagte sich jetzt unbedenklich an Aufgaben, denen seine Fähigkeiten
und Kenntnisse in keiner Weise gewachsen waren, und geriet dadurch in
eine geistige Isolierung, die ihn immer weiter von der eigentlichen
Quelle seiner Kraft trennte, von dem Leben seiner Klasse.
Seine
Übersiedelung nach Brüssel war immerhin das Gescheiteste, was er tun
konnte, denn wenn er geistig noch zu retten war, so war Marx der Mann,
ihn zu heilen. Daß Marx ihn in gastlichster Weise willkommen geheißen
hat, ist nicht nur von Engels bezeugt, sondern auch von Weitling
selbst anerkannt worden. Aber eine geistige Verständigung erwies sich
als unmöglich; in einer Versammlung Brüsseler Kommunisten, die am 30.
März 1846 stattfand, stießen Marx und Weitling heftig aufeinander; daß
Marx von Weitling aufs empfindlichste gereizt worden war, berichtet
Weitling selbst in einem Brief an Heß. Damals schwebten gerade die
Verhandlungen wegen des neuen Verlagsunternehmens, und Weitling hatte
unterstellt, man wolle ihn von den »Geldquellen« trennen und sich
selbst an »wohlbezahlten Übersetzungen« gütlich tun. Allein |126|
auch danach tat Marx für Weitling, was er konnte; wiederum auf einen
eigenen Bericht Weitlings hin schrieb Heß am 6. Mai aus Verviers an
Marx: »Es war von Dir zu erwarten, daß sich Deine Feindseligkeiten
gegen ihn nicht bis zum hermetischen Verschluß Deines Geldbeutels
erstrecken werden, so lange Du noch etwas darin hast.« Und Marx selbst
hatte verzweifelt wenig darin.
Wenige
Tage darauf trieb es Weitling aber zum unheilbaren Bruch. Die
amerikanische Propaganda Krieges hatte nicht die Hoffnungen erfüllt,
die auch von Marx und Engels auf sie gesetzt worden waren. Der
»Volks-Tribun«, eine Wochenschrift, die Kriege in New York herausgab,
trieb in kindisch-pomphafter Weise eine phantastische
Gefühlsschwärmerei, die mit kommunistischen Grundsätzen nichts zu tun
hatte und die Arbeiter im höchsten Grade demoralisieren mußte. Noch
schlimmer war, daß Kriege in grotesken Bettelbriefen von
amerikanischen Millionären einige Dollars für sein Blatt zu schnappen
suchte. Dabei gebärdete er sich als literarischer Vertreter des
deutschen Kommunismus in Amerika, so daß für dessen wirkliche
Vertreter aller Anlaß vorlag, gegen diese kompromittierende
Gemeinschaft zu protestieren.
Einen
solchen Protest unter eingehender Begründung in einem Rundschreiben an
ihre Gesinnungsgenossen zu erheben und zunächst an Krieges Blatt zur
Veröffentlichung einzusenden, beschlossen am 16. Mai Marx, Engels und
ihre Freunde.[8] Einzig und
allein Weitling schloß sich aus unter nichtssagenden Vorwänden: »Der
Volks-Tribun« sei ein kommunistisches Organ, das den amerikanischen
Verhältnissen vollkommen entspreche; die kommunistische Partei habe in
Europa so mächtige und zahlreiche Feinde, daß sie ihre Waffen nicht
nach Amerika zu richten brauche, und am wenigsten gegen sich selbst.
Daran ließ sich Weitling aber nicht genügen, sondern richtete noch
einen Brief an Kriege, um ihn vor den Protestierenden als »ausgefeimte
Intriganten« zu warnen. »Im Kopfe der ungeheuren geldbeschwerten Ligue
von vielleicht zwölf oder zwanzig Mann spukt nichts als Kampf gegen
mich Reaktionär. Ich kriege zuerst den Kopf heruntergeschlagen, dann
die andern und zuletzt ihre Freunde und ganz zuletzt schneiden sie
sich selbst den Hals ab ... Und diesem Treiben öffnen sich jetzt
ungeheure Summen, für mich aber kein Verleger. Ich stehe von dieser
Seite ganz allein mit Heß, aber Heß ist wie ich in die Acht erklärt.«
Nunmehr gab auch Heß den verblendeten Mann auf.
Kriege
druckte den Protest der Brüsseler Kommunisten ab, der danach auch von
Weydemeyer im »Westphälischen Dampfboot« wiedergegeben wurde, fügte
aber den Brief Weitlings oder doch dessen ärgste Stellen |127|
als Gegengift bei und veranlaßte die Sozialreform-Assoziation, eine
deutsche Arbeiterorganisation, die seine Wochenschrift zu ihrem Organ
erkoren hatte, Weitling als Redakteur zu berufen und ihm das nötige
Reisegeld zu senden. So verschwand Weitling aus Europa.
In
denselben Maitagen bahnte sich auch der Bruch zwischen Marx und
Proudhon an. Um dem Mangel eines eigenen Organs zu steuern, halfen
sich Marx und seine Freunde mit gedruckten oder lithographierten
Rundschreiben wie im Falle Krieges; daneben aber bemühten sie sich,
ständige Korrespondenzverbindungen zwischen den Hauptorten
herzustellen, wo Kommunisten saßen. Solche Korrespondenzbüros gab es
in Brüssel und in London, und auch in Paris sollte eins eingerichtet
werden. Marx hatte an Proudhon geschrieben und um dessen Beteiligung
ersucht. Proudhon sagte zwar zu, in einem aus Lyon vom 17. Mai 1846
datierten Briefe, wenn er auch weder oft noch viel zu schreiben
versprechen konnte. Aber er benutzte zugleich die Gelegenheit, eine
große Moralpauke an Marx zu richten, die diesem die Kluft offenbaren
mußte, die sich zwischen beiden aufgetan hatte.
Proudhon bekannte sich jetzt zu einem fast absoluten
»Anti-Dogmatismus« in ökonomischen Fragen. Marx solle nicht in den
Widerspruch seines Landsmanns Martin Luther fallen, der nach dem
Umsturz der katholischen Theologie sich sogleich unter großem Aufwand
von Anathemen und Exkommunikationen darangemacht habe, eine
protestantische Theologie zu gründen. »Schaffen wir dem menschlichen
Geschlechte nicht neue Arbeit durch neuen Wirrwarr, geben wir der Welt
das Beispiel einer weisen und weitsichtigen Duldung, spielen wir uns
nicht als die Apostel einer neuen Religion auf, und sei es selbst die
Religion der Logik und der Vernunft.« Proudhon wollte also, ganz
ähnlich wie die »wahren« Sozialisten, die gemütliche Konfusion
erhalten, deren Beseitigung für Marx die erste Vorbedingung einer
kommunistischen Propaganda war.
Von
einer Revolution, an die er lange geglaubt hatte, wollte Proudhon
nichts mehr wissen: »Ich ziehe vor, das Eigentum bei kleinem Feuer zu
verbrennen, statt ihm durch eine Bartholomäusnacht der Eigentümer eine
neue Kraft zu geben.« Wie dies Problem zu lösen sei, versprach er in
einem schon halb gedruckten Werk ausführlich auseinanderzusetzen, und
sich der Geißel, die Marx darüber schwingen könnte, mit guter Miene zu
unterwerfen, in Erwartung seiner Revanche. »Im Vorbeigehen muß ich
Ihnen sagen, daß mir die Absichten der französischen Arbeiterklasse
ebenso zu sein scheinen; unsere Proletarier haben einen so großen
Durst nach Wissenschaft, daß man sehr schlecht von ihnen empfangen
|128| werden würde, wenn man ihnen nichts zum Trinken bieten
könnte als Blut.« Zum Schluß brach Proudhon eine Lanze für Karl Grün,
vor dessen mißverstandener Hegelei Marx ihn gewarnt hatte. Bei seiner
Unkenntnis der deutschen Sprache sei er auf Grün und Ewerbeck
angewiesen, um Hegel und Feuerbach, um Marx und Engels zu studieren.
Grün wolle sein neuestes Werk ins Deutsche übersetzen und Marx möge
beim Vertriebe dieser Übersetzung helfen; das werde für alle ehrenvoll
sein.
Der
Schluß klingt fast wie Hohn, wenn er es auch wohl nicht hat sein
sollen. Aber erbaulich konnte es für Marx unmöglich sein, sich in dem
hochtrabenden Kauderwelsch Proudhons als Bluttrinker dargestellt zu
sehen. Das Treiben Grüns mußte um so schlimmeren Argwohn erwecken, und
es hing damit zusammen, wenn auch noch andere Beweggründe dazukamen,
daß sich Engels im August 1846 entschloß, zeitweise nach Paris zu
übersiedeln und die Berichterstattung aus dieser Stadt zu übernehmen,
die für die kommunistische Propaganda immer noch der wichtigste Ort
war. Über den Bruch mit Weitling, über die westfälische
Verlagsgeschichte und was sonst noch diesen oder jenen Staub
aufgewirbelt haben mochte, mußten die Pariser Kommunisten unterrichtet
werden, zumal da sie an Ewerbeck keinen festen Halt hatten und noch
viel weniger an Bernays.
Anfangs lauteten die Berichte, die Engels teils an das Brüsseler
Korrespondenzbüro, teils an Marx persönlich erstattete, noch ganz
hoffnungsvoll, aber nach und nach ergab sich doch, daß Grün die Sache
gründlich »versaut« hatte. Und als Proudhons im Herbst erscheinende
Schrift in der Tat nur den Weg in die Sümpfe verfolgte, die sein Brief
bereits angedeutet hatte, so ließ Marx die Geißel darauf fallen, gemäß
dem Wunsche Proudhons, aber ohne daß dieser sein Versprechen einer
Revanche anders eingelöst hätte als durch einige grobe Schimpfworte.
4. Der historische
Materialismus
Proudhon hatte seinem Buche den Titel gegeben »Das System der
ökonomischen Widersprüche« und den Nebentitel »Die Philosophie des
Elends«. Danach benannte Marx seine Gegenschrift »Das Elend der
Philosophie« und schrieb sie in französischer Sprache, um den Gegner
desto sicherer zu treffen. Das ist ihm nun nicht gelungen, denn
Proudhons Einfluß auf die französische Arbeiterklasse und das
Proletariat der romanischen Länder überhaupt stieg vielmehr, statt daß
er sank, und |129| Marx hat noch jahrzehntelang mit dem
Proudhonismus zu schaffen gehabt.
Der
Wert seiner Gegenschrift wird dadurch jedoch in keiner Weise
verringert und nicht einmal ihre historische Bedeutung. Sie bildet
einen Markstein, wie im Leben ihres Verfassers, so in der Geschichte
der Wissenschaft. In ihr sind die entscheidenden Gesichtspunkte des
historischen Materialismus zuerst wissenschaftlich entwickelt worden.
Blitzen sie in früheren Schriften wie einzelne Lichtfunken auf, so hat
Marx sie später in epigrammatischer Form zusammengefaßt, aber in der
Schrift gegen Proudhon entfalten sie sich in der überzeugenden
Klarheit einer siegreichen Polemik. Und die Entwicklung des
historischen Materialismus ist die größte wissenschaftliche Tat, die
Marx vollbracht hat; sie leistete für die Geschichtswissenschaften,
was Darwins Theorie für die Naturwissenschaften geleistet hat.
Engels
hat seinen Anteil daran, und auch einen größeren Anteil, als er selbst
in seiner Bescheidenheit zugeben wollte, aber die klassische
Formgebung des Grundgedankens hat er wohl mit Recht seinem Freunde
ausschließlich zugeschrieben. Nach seiner Erzählung hat ihm, als er im
Frühjahr 1845 nach Brüssel kam, Marx den Grundgedanken des
historischen Materialismus fertig ausgearbeitet vorgelegt, den
Grundgedanken nämlich: daß die ökonomische Produktion und die aus ihr
mit Notwendigkeit folgende gesellschaftliche Gliederung einer jeden
Geschichtsperiode die Grundlage bilde für die politische und
intellektuelle Geschichte dieser Periode; daß demgemäß die ganze
Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen sei, Kämpfen
zwischen ausgebeuteten und ausbeutenden, beherrschten und
beherrschenden Klassen auf verschiedenen Stufen der gesellschaftlichen
Entwicklung; daß dieser Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht habe, wo
die ausgebeutete und unterdrückte Klasse, das Proletariat, sich nicht
mehr von der sie ausbeutenden und unterdrückenden Klasse, der
Bourgeoisie, befreien könne, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für
immer von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien.
Es ist
eben dieser Grundgedanke, der sich in der Schrift gegen Proudhon
auseinanderlegt wie ein Brennpunkt in der Fülle der Lichtstrahlen, die
in ihm zusammenschießen. In schroffem Gegensatze zu der
Weitschweifigkeit, die in den Polemiken mit Bruno Bauer und Stirner so
manchesmal ermüdet, ist die Darstellung von einer unvergleichlichen
Klarheit und Knappheit; das Boot wird nicht mehr durch einen Sumpf
gestoßen und gezogen, sondern segelt unter frischem Winde auf bewegter
Flut.
Die
Schrift zerfällt in zwei Teile, in deren erstem sich Marx, um ein
|130| Wort Lassalles anzuziehen, als Sozialist gewordener Ricardo,
in dem zweitem aber als Ökonom gewordener Hegel zeigt. Ricardo hatte
nachgewiesen, daß der Austausch der Waren in der kapitalistischen
Gesellschaft gemäß der in ihnen enthaltenen Arbeitszeit erfolge;
diesen »Wert« der Waren wollte Proudhon »konstituiert« wissen, so daß
sich bei gleicher Arbeitsmenge das Produkt des einen gegen das Produkt
des anderen austauschen sollte; die Gesellschaft sollte dadurch
reformiert werden, daß sich alle Menschen in unmittelbare, gleiche
Arbeitsmengen austauschende Arbeiter verwandelten. Diese »egalitäre«
Schlußfolgerung aus der Theorie Ricardos hatten schon englische
Sozialisten gezogen und sie auch praktisch zu verwirklichen gesucht,
aber ihre »Tauschbanken« waren alsbald bankerott geworden.
Marx
wies nun nach, daß die »revolutionäre Theorie«, die Proudhon für die
Emanzipation des Proletariats entdeckt haben wollte, nur die Formel
für die moderne Sklaverei der Arbeiterklasse sei. Aus seinem
Wertgesetz hatte Ricardo logischerweise sein Lohngesetz gefolgert; der
Wert der Ware Arbeitskraft bemißt sich nach der Arbeitszeit, die
notwendig ist zur Herstellung der Gegenstände, die der Arbeiter
braucht, um sein Leben zu fristen und seine Rasse fortzupflanzen. Es
ist eine bürgerliche Illusion, sich den individuellen Austausch ohne
Klassengegensatz vorzuspiegeln, um in der bürgerlichen Gesellschaft
einen Zustand der Harmonie und ewigen Gerechtigkeit zu erblicken, der
niemandem erlaube, sich auf Kosten der anderen zu bereichern.
Wie
sich die Dinge wirklich vollziehen, sagte Marx mit den Worten: »Mit
dem Augenblick, wo die Zivilisation anfängt, beginnt die Produktion
sich aufzubauen auf den Gegensatz der Berufe, der Stände, der Klassen,
schließlich auf den Gegensatz zwischen angehäufter und unmittelbarer
Arbeit. Ohne Gegensatz kein Fortschritt: diesem Gesetz ist die
Zivilisation bis heute gefolgt. Bisher haben sich die Produktivkräfte
auf Grund dieser Herrschaft des Klassengegensatzes entwickelt.«[9]
Wenn Proudhon durch seinen »konstituierten Wert« dem Arbeiter das
immer größere Produkt sichern wollte, das er an jedem Arbeitstage
durch den Fortschritt der gemeinschaftlichen Arbeit erziele, so wies
Marx darauf hin, daß die Entwicklung der Produktivkräfte, die dem
englischen Arbeiter im Jahre 1840 ermöglichte, siebenundzwanzigmal
mehr zu produzieren als im Jahre 1770, von historischen Bedingungen
abhängig gewesen sei, die auf dem Klassengegensatze beruhten:
Anhäufung von Privatkapitalien, moderner Arbeitsteilung, anarchischer
Konkurrenz, Lohnsystem. Um einen Arbeitsüberschuß zu erlangen, mußte
es Klassen geben, die profitierten, und Klassen, die verkamen.
|131| Als erste Proben seines »konstituierten
Werts« hatte Proudhon Gold und Silber angegeben; aus der souveränen
Weihe, die ihnen das Siegel er Souverän aufgedrückt habe, seien sie
als Geld hervorgegangen. Mitnichten, erwiderte Marx. Das Geld ist
keine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis; wie der
individuelle Austausch, entspricht es einer bestimmten
Produktionsweise. »In der Tat, man muß jeder historischen Erkenntnis
bar sein, um nicht zu wissen, daß die Souveräne sich zu allen Zeiten
den wirtschaftlichen Verhältnissen fügen mußten, aber ihnen niemals
das Gesetz diktiert haben. Sowohl die politische, wie die bürgerliche
Gesetzgebung proklamieren, protokollieren nur den Willen der
ökonomischen Verhältnisse ... Das Recht ist nur die offizielle
Anerkennung der Tatsache.«[10]
Das Siegel der Souveräne drückte dem Golde nicht den Wert, sondern das
Gewicht auf; auf den »konstituierten Wert« passen Gold und Silber wie
die Faust aufs Auge; gerade in ihrer Eigenschaft als Wertzeichen sind
sie von allen Waren die einzigen, die nicht durch ihre
Produktionskosten bestimmt werden, wie sie denn in der Zirkulation
durch Papier ersetzt werden können, was längst von Ricardo
klargestellt sei.
Auf
das kommunistische Endziel deutete Marx durch den Nachweis, daß die
»richtige Proportion zwischen Angebot und Nachfrage«, nach der
Proudhon suche, nur möglich gewesen sei in jenen Zeiten, wo die
Produktionsmittel beschränkt gewesen seien, wo der Austausch sich in
außerordentlich engen Grenzen vollzogen, wo die Nachfrage das Angebot,
die Konsumtion die Produktion beherrscht habe. Sie sei unmöglich
geworden mit dem Entstehen der Großindustrie, die schon durch Ihre
Werkzeuge gezwungen sei, in beständig größerem Maße zu produzieren,
die nicht auf die Nachfrage warten könne, die mit Naturnotwendigkeit
in beständiger Aufeinanderfolge den Wechsel von Prosperität und
Depression, Krisis, Stockung, neuer Prosperität und so fort
durchmachen müsse. »In der heutigen Gesellschaft, in der auf dem
individuellen Austausch basierten Industrie, ist die
Produktionsanarchie, die Quelle so vieles Elends, gleichzeitig die
Ursache alles Fortschritts. Demnach von zwei Dingen eins: Entweder man
will die richtigen Proportionen früherer Jahrhunderte mit den
Produktionsmitteln unserer Zeit, und dann ist man Reaktionär und
Utopist in einem. Oder man will den Fortschritt ohne Anarchie; und
dann verzichte man, um die Produktivkräfte beizubehalten, auf den
individuellen Austausch.«[11]
Wichtiger noch als das erste Kapitel der Schrift gegen Proudhon ist
das zweite. Hatte Marx es in jenem mit Ricardo zu tun, dem er noch
nicht mit völliger wissenschaftlicher Unbefangenheit gegenüberstand -
|132| unter anderem erkannte er noch Ricardos Lohngesetz
unumwunden an -, so in dem zweiten mit Hegel, wo der Fisch so recht in
seinem Elemente schwamm. Proudhon hatte die dialektische Methode
Hegels gröblich mißverstanden. Er hielt fest an ihrer bereits
reaktionär gewordenen Seite, wonach die Welt der Wirklichkeit sich
ableitet aus der Welt der Idee, während er ihre revolutionäre Seite
verleugnete: die Selbsttätigkeit der Idee, die sich setzt und
entgegensetzt, um in diesem Kampfe jene höhere Einheit zu entfalten,
die den sachlichen Inhalt beider Seiten aufbewahrt, indem sie ihre
widersprechende Form auflöst. Proudhon unterschied vielmehr in jeder
ökonomischen Kategorie eine gute und eine schlechte Seite, um nach
einer Synthese, einer wissenschaftlichen Formel zu suchen, die die
gute Seite erhielte und die schlechte Seite vernichtete. Er sah die
gute Seite von den bürgerlichen Ökonomen hervorgehoben und die
schlechte Seite von den Sozialisten angeklagt; mit seinen Formeln und
Synthesen glaubte er sich über die Ökonomen und die Sozialisten
gleichmäßig zu erheben.
Marx
hat diesem Anspruch entgegengehalten: »Herr Proudhon schmeichelt sich,
die Kritik sowohl der politischen Ökonomie als des Kommunismus gegeben
zu haben - er steht tief unter beiden. Unter dem Ökonomen, weil er als
Philosoph, der eine magische Formel bei der Hand hat, sich erlassen zu
können glaubt, in die rein ökonomischen Details einzugehen, unter dem
Sozialisten, weil er weder genug Einsicht, noch genug Mut besitzt, um
sich, und sei es nur spekulativ, über den Bourgeoishorizont zu
erheben. Er will die Synthese sein, und er ist ein zusammengesetzter
Irrtum; er will als Mann der Wissenschaft über Bourgeois und
Proletariern schweben; er ist nur der Kleinbürger, der beständig
zwischen dem Kapital und der Arbeit, zwischen der politischen Ökonomie
und dem Kommunismus hin- und hergeworfen wird.«[12]
Wobei man freilich den Kleinbürger nicht mit dem Spießbürger
zusammenwerfen darf, denn einen geistreichen Kopf hat Marx immer in
Proudhon gesehen, nur einen Kopf, der mit seinen Vorstellungen nicht
über die Grenzen der kleinbürgerlichen Gesellschaft hinaus kam.
Es war
für Marx nicht schwer, die Hinfälligkeit der von Proudhon befolgten
Methode aufzudecken. Zerschnitt man den dialektischen Prozeß in eine
gute und eine schlechte Seite und verabreichte man eine Kategorie als
Gegengift gegen die andere, so war kein Leben mehr in der Idee; sie
funktionierte nicht mehr; weder setzte noch zersetzte sie sich in
Kategorien. Als echter Schüler Hegels wußte Marx sehr genau, daß
gerade die schlechte Seite, die Proudhon überall ausmerzen wollte, die
Geschichte macht, indem sie den Kampf zeitigt. Hätte man die |133|
schönen Seiten des Feudalismus erhalten wollen, das patriarchalische
Leben der Städte, die Blüte der ländlichen Hausindustrie, die
Entwicklung des städtischen Handwerks, und sich nur die Aufgabe
gestellt, alles auszurotten, was einen Schatten auf dies Bild wirft -
Leibeigenschaft, Privilegien, Anarchie -, so hätte man alle Elemente
vernichtet, die den Kampf hervorriefen, und die Bourgeoisie im Keim
erstickt; man hätte sich die absurde Aufgabe gestellt, die Geschichte
auszustreichen.
Marx
stellte das Problem richtig wie folgt: »Will man somit die feudale
Produktion richtig beurteilen, so muß man sie als eine auf dem
Gegensatz basierte Produktionsweise betrachten. Man muß zeigen, wie
der Reichtum innerhalb dieses Gegensatzes produziert wurde, wie die
Produktivkräfte sich gleichzeitig mit dem Widerstreit der Klassen
entwickelten, wie die eine dieser Klassen, die schlechte Seite, das
gesellschaftliche Übel, stets anwuchs, bis die materiellen Bedingungen
ihrer Emanzipation zur Reife gediehen waren.«[13]
Denselben geschichtlichen Entwicklungsprozeß wies er an der
Bourgeoisie auf. Die Produktionsverhältnisse, in denen sie sich
bewegt, haben keinen einfachen und einheitlichen, sondern einen
zwieschlächtigen Charakter; in den gleichen Verhältnissen wie der
Reichtum, wird auch das Elend produziert; in dem Maße, wie sich die
Bourgeoisie entwickelt, entwickelt sich in ihrem Schoße das
Proletariat und alsbald auch der Kampf zwischen diesen Klassen. Die
Ökonomen sind die Theoretiker der Bourgeoisie, die Kommunisten und
Sozialisten die Theoretiker des Proletariats. Diese sind Utopisten,
die Systeme ausdenken und nach einer heilenden Wissenschaft suchen, um
den Bedürfnissen der unterdrückten Klassen abzuhelfen, solange das
Proletariat noch nicht genügend entwickelt ist, um sich als Klasse zu
konstituieren, und solange die Produktivkräfte im Schoße der
Bourgeoisie noch nicht genügend entwickelt sind, um die materiellen
Bedingungen durchscheinen zu lassen, die notwendig sind zur Befreiung
des Proletariats und zur Bildung einer neuen Gesellschaft. »Aber in
dem Maße, wie die Geschichte vorschreitet und mit ihr der Kampf des
Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig,
die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich
Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und
sich zum Organ desselben zu machen. Solange sie die Wissenschaft
suchen und nur Systeme machen, solange sie im Beginn des Kampfes sind,
sehen sie im Elend nur das Elend, ohne die revolutionäre umstürzende
Seite darin zu erblicken, welche die alte Gesellschaft über den Haufen
werfen wird. Von diesem Augenblick an wird die Wissenschaft bewußtes
Erzeugnis |134| der historischen Bewegung, und sie hat
aufgehört, doktrinär zu sein, sie ist revolutionär geworden.«[14]
Die
ökonomischen Kategorien sind für Marx nur die theoretischen Ausdrücke,
die Abstraktionen der gesellschaftlichen Verhältnisse. »Die sozialen
Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der
Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre
Produktionsweise, ... mit der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen,
verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse ... Aber
dieselben Menschen, welche die sozialen Verhältnisse gemäß ihrer
materiellen Produktionsweise gestalten, gestalten auch die Prinzipien,
die Ideen, die Kategorien gemäß ihren gesellschaftlichen
Verhältnissen.«[15] Marx
verglich die bürgerlichen Ökonomen, die von den »ewigen und
natürlichen Einrichtungen« der bürgerlichen Gesellschaft sprechen, mit
den orthodoxen Theologen, denen die eigene Religion eine Offenbarung
Gottes, jede andere Religion aber eine menschliche Erfindung ist.
Marx
wies nun noch an einer Reihe ökonomischer Kategorien: Arbeitsteilung
und Maschine, Konkurrenz und Monopol, Grundeigentum oder Rente,
Streiks und Arbeiterkoalitionen, an denen Proudhon seine Methode
probiert hatte, die Hinfälligkeit dieser Methode nach. Die
Arbeitsteilung ist nicht, wie Proudhon annahm, eine ökonomische,
sondern eine historische Kategorie, die in den verschiedenen Perioden
der Geschichte die verschiedensten Formen angenommen hat. Im Sinne der
bürgerlichen Ökonomie ist die Fabrik ihre Existenzbedingung. Aber die
Fabrik ist nicht nach Proudhons Annahme durch freundschaftliche
Vereinbarungen der Arbeitsgenossen und selbst nicht einmal im Schoße
der alten Zünfte entstanden; der Kaufmann wurde der Prinzipal der
modernen Werkstatt und nicht der alte Zunftmeister.
So
sind Konkurrenz und Monopol nicht natürliche, sondern
gesellschaftliche Kategorien. Die Konkurrenz ist nicht der
industrielle, sondern der kommerzielle Wetteifer; sie kämpft nicht um
das Produkt, sondern um den Profit, sie ist keine Notwendigkeit der
menschlichen Seele wie Proudhon meinte, sondern, aus historischen
Bedürfnissen im achtzehnten Jahrhundert entstanden, könne sie im
neunzehnten Jahrhundert aus historischen Bedürfnissen verschwinden.
Ebenso
irrig war Proudhons Meinung, das Grundeigentum habe keinen
ökonomischen Ursprung; es beruhe in Erwägungen der Psychologie und
Moral, die in sehr entferntem Zusammenhange mit der Produktion der
Reichtümer ständen; die Grundrente solle den Menschen stärker an die
Natur fesseln. »In jeder historischen Epoche hat sich das Eigentum
anders und unter ganz verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen
|135|* entwickelt. Das bürgerliche Eigentum definieren heißt
somit nichts anderes, als alle gesellschaftlichen Verhältnisse der
bürgerlichen Produktion darstellen. Eine Definition des Eigentums als
eines unabhängigen Verhältnisses ... kann nichts anderes sein als eine
Illusion der Metaphysik oder der Jurisprudenz.«[16]
Die Grundrente - der Überschuß des Preises der Ackerbauprodukte über
ihre Produktionskosten, einschließlich des landläufigen Kapitalgewinns
und Kapitalzinses - ist unter bestimmten gesellschaftlichen
Verhältnissen entstanden und konnte nur unter ihnen entstehen. Sie ist
das Grundeigentum in seiner bürgerlichen Gestalt: das feudale
Eigentum, das sich den Bedingungen der bürgerlichen Produktion
unterworfen hat.
Endlich wies Marx die historische Bedeutung der Streiks und
Koalitionen nach, von denen Proudhon nichts hatte wissen wollen. Mögen
Ökonomen und Sozialisten, sei es auch aus entgegengesetzten Gründen,
die Arbeiter vor dem Gebrauch dieser Waffen warnen, so entwickeln sich
Streiks und Koalitionen dennoch auf gleicher Stufe mit der großen
Industrie. In ihren Interessen durch die Konkurrenz gespalten, haben
die Arbeiter dennoch das gemeinsame Interesse, ihren Lohn
aufrechtzuerhalten; der gemeinsame Gedanke des Widerstandes vereinigt
sie in der Koalition, die alle Elemente einer kommenden Schlacht
enthält, ähnlich wie die Bourgeoisie mit partiellen Koalitionen gegen
die Feudalherren begann, um sich als Klasse zu konstituieren und als
konstituierte Klasse die feudale in die bürgerliche Gesellschaft
umzuwandeln.
Der
Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie ist ein Kampf von
Klasse gegen Klasse, ein Kampf, der, auf seinen höchsten Ausdruck
gebracht, eine totale Revolution bedeutet. Die gesellschaftliche
Bewegung schließt die politische nicht aus, denn es gibt keine
politische Bewegung, die nicht gleichzeitig auch eine
gesellschaftliche wäre. Nur in einer Gesellschaft ohne Klassen werden
die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolutionen
zu sein. Bis dahin wird am Vorabend jeder allgemeinen Neugestaltung
der Gesellschaft das letzte Wort der sozialen Wissenschaft stets
lauten: »Kampf oder Tod; blutiger Krieg oder das Nichts. So ist die
Frage unerbittlich gestellt.«[17]
Mit diesem Worte der George Sand schloß Marx seine Schrift.
Indem
er in ihr den historischen Materialismus unter einer Reihe der
wesentlichsten Gesichtspunkte entwickelte, setzte er sich zugleich
endgültig mit der deutschen Philosophie auseinander. Er ging über
Feuerbach hinaus, indem er auf Hegel zurückging. Gewiß, die offizielle
Schule Hegels hatte völlig abgewirtschaftet. Sie hatte die Dialektik
des Meisters |136| zur reinen Schablone gemacht, die sie auf
alles und jedes anwandte, und oft genug mit größtem Ungeschick. Man
konnte von diesen Hegelianern sagen und sagte es wirklich von ihnen,
daß sie von nichts etwas verständen, aber über alles schrieben.
Ihre
Stunde hatte geschlagen, als Feuerbach dem spekulativen Begriff
aufkündigte; der positive Inhalt der Wissenschaft überwog wieder die
formale Seite. Aber dem Materialismus Feuerbachs fehlte das
»energische Prinzip«; er blieb rein naturwissenschaftlich und schloß
den historischen Prozeß aus. Wenn sich Marx damit nicht zufriedengab,
so hat er nur zu sehr recht behalten, als die Reiseprediger dieses
Materialismus erstanden, die Büchner und Vogt, deren bornierte
Philisterdenkweise auch Feuerbach veranlaßte zu erklären, er stimme
diesem Materialismus zwar rückwärts zu, aber nicht vorwärts. »Der
steife Karrengaul des bürgerlichen Alltagsverstandes stockt natürlich
verlegen vor dem Graben, der Wesen von Erscheinung, Ursache von
Wirkung trennt; wenn man aber auf das sehr kupierte Terrain des
abstrakten Denkens par force jagen geht, so muß man eben keine
Karrengäule reiten.«[18]
Es ist ein Vergleich, den Engels einmal gezogen hat.
Nun
waren die Hegelianer aber nicht Hegel; wenn sie auf ihre Ignoranz
pochten, so hatte er zu den gelehrtesten Köpfen aller Zeiten gehört.
Vor allen anderen Philosophen lag seiner Denkweise ein historischer
Sinn zugrunde, der ihm eine großartige Auffassung der Geschichte
gestattet hatte, wenn auch nur in rein idealistischer Form, die die
Dinge sozusagen im Hohlspiegel sah, indem sie die Geschichte der Welt
nur als eine praktische Probe auf die Entwicklung des Gedankens
auffaßte. Mit diesem realen Inhalt der Hegelschen Philosophie war
Feuerbach nicht fertig geworden, und die Hegelianer selbst hatten ihn
fallenlassen.
Indem
Marx ihn wieder aufnahm, aber insofern umkehrte, als er nicht vom
»reinen Denken«, sondern von den hartnäckigen Tatsachen der
Wirklichkeit ausging, gab er dem Materialismus die historische
Dialektik und damit ein »energisches Prinzip«, dem es nicht nur darauf
ankam, die Gesellschaft zu erklären, sondern auch sie umzuwälzen.
5. »Deutsche-Brüsseler-Zeitung«
Wenn
Marx für seine wenig umfangreiche Schrift gegen Proudhon je einen
deutschen Verleger in Brüssel und in Paris gefunden hatte, freilich
unter Zahlung der Druckkosten, so hatte er zur Zeit, als sie im
Hochsommer |137|* 1847 erschien, in der
»Deutschen-Brüsseler-Zeitung« auch ein Preßorgan, das ihm eine
öffentliche Wirksamkeit ermöglichte.
Das
Blatt wurde seit Beginn des Jahres zweimal wöchentlich von jenem
Adalbert von Bornstedt herausgegeben, der ehedem den »Vorwärts!«
Börnsteins redigiert und im Solde der österreichischen wie preußischen
Regierung gestanden hatte. Diese Tatsache ist heute aus den Berliner
wie Wiener Archiven bekannt geworden und kann keinem Zweifel
unterliegen; es fragt sich höchstens, ob Bornstedt sein Spitzeln noch
in Brüssel fortgesetzt hat. Verdacht hat damals auch gegen ihn
bestanden, aber er wurde niedergeschlagen durch die Denunziationen,
mit denen die preußische Gesandtschaft in Brüssel das Blatt Bornstedts
bei den belgischen Behörden verfolgte. Das konnte freilich auch nur
ein Augenverblenden sein, um Bornstedt bei den revolutionären
Elementen zu beglaubigen, die sich in Brüssel gesammelt hatten; in der
Wahl der Mittel für ihre erhabenen Zwecke sind die Verteidiger von
Thron und Altar ohne alle Bedenken.
Marx
hat jedenfalls an eine Judasrolle Bornstedts nicht geglaubt. Er
meinte, dessen Blatt habe trotz seiner vielen Schwächen immer einiges
Verdienstliche; finde man es nicht genügend, so solle man es genügend
machen, statt des bequemen Vorwandes, an dem Namen Bornstedt Anstoß zu
nehmen. Bitter genug schrieb Marx am 8. August an Herwegh: »Das eine
Mal taugt der Mann nichts, das andere Mal die Frau, ein andermal die
Tendenz, ein andermal der Stil, ein andermal das Format oder auch die
Verbreitung ist mit mehr oder weniger Gefahr verbunden ... Unsere
Deutschen haben immer tausend Weisheitssprüche in petto, um zu zeigen,
warum sie die Gelegenheit ungenützt vorübergehen lassen müssen. Eine
Gelegenheit, etwas zu tun, bringt sie nur in Verlegenheit.« Es folgte
noch der Stoßseufzer, daß es mit seinen Manuskripten ähnlich gehe, wie
mit der Brüsseler Zeitung und ein kräftiger Fluch über die Esel, die
ihm vorwürfen, lieber französisch als gar nichts geschrieben zu haben.
Sollte
man danach annehmen, daß Marx die Bedenken gegen Bornstedt ein wenig
auf die leichte Achsel genommen habe, um »die Gelegenheit nicht
ungenützt« vorübergehen zu lassen, so würde ihm deshalb gleichwohl
kein Vorwurf zu machen sein. Denn die Gelegenheit war sehr günstig,
und es wäre töricht gewesen, sie sich um eines bloßen Verdachts willen
entschlüpfen zu lassen. Im Frühjahr 1847 hatte die drängende Finanznot
den preußischen König gezwungen, den Vereinigten Landtag einzuberufen,
eine Zusammenfassung der bisherigen Provinziallandtage, also eine
feudal-ständische Körperschaft, ähnlich wie sie Ludwig XVI. |138|
im Frühjahr 1789 unter gleichem Zwange einberufen hatte. Nun waren die
Dinge in Preußen nicht so schnell vor sich gegangen wie ehedem in
Frankreich, aber immerhin hatte der Vereinigte Landtag den Daumen auf
dem Geldbeutel gehalten und der Regierung kurzerhand erklärt, er
bewillige keine Mittel, ehe nicht seine Rechte erweitert und
namentlich nicht seine periodische Einberufung gesichert wäre. Damit
waren die Dinge in Fluß gekommen, denn die Finanznot ließ nicht mit
sich spaßen; über kurz oder lang mußte der Tanz von neuem beginnen,
und je eher, dazu aufgespielt wurde, um so besser!
In
diesem Gedankenkreise bewegen sich die Beiträge, die Marx und Engels
für die »Deutsche-Brüsseler-Zeitung« geliefert haben. An die Debatten
des Vereinigten Landtags über Freihandel und Schutzzoll knüpfte ein
Artikel an, der zwar anonym erschien, aber nach Inhalt und Sprache
augenscheinlich von Engels verfaßt ist. Er war damals von der
Überzeugung durchdrungen, daß die deutsche Bourgeoisie hoher
Schutzzölle bedürfe, um nicht von der ausländischen Industrie
zerquetscht zu werden, sondern vielmehr die nötige Kraft zur
Überwindung des Absolutismus und des Feudalismus zu gewinnen. Aus
diesem Grunde empfahl Engels dem Proletariat, die schutzzöllnerische
Agitation zu unterstützen, wenn auch nur aus diesem Grunde. Er meinte
zwar, List, die Autorität der Schutzzöllner, habe immer noch das Beste
der deutschen bürgerlich-ökonomischen Literatur produziert, aber er
fügte hinzu, dessen ganzes glorioses Werk sei von dem Franzosen
Ferrier abgeschrieben, dem theoretischen Urheber des
Kontinentalsystems, und er warnte die Arbeiter, sich durch die
Redensart vom »Wohl der arbeitenden Klasse« narren zu lassen, das die
Freihändler wie die Schutzzöllner als prunkendes Aushängeschild ihrer
eigennützigen Agitation vor sich hertrügen.[19]
Der Lohn der Arbeiterklasse bleibe derselbe, unter dem Freihandels-
wie dem Schutzzollsystem. Nur als »progressive Bourgeoisiemaßregel«
verteidigte Engels die Schutzzölle, und so auch sah sie Marx an.
Gemeinsam von Marx und Engels verfaßt ist ein längerer Aufsatz, der
einen Vorstoß des christlich-feudalen Sozialismus zurückwies.[20]
Dieser Vorstoß erfolgte in dem »Rheinischen Beobachter«, einem Organ,
das die Regierung neuerdings in Köln gegründet hatte, um die
rheinischen Arbeiter gegen die rheinische Bourgeoisie aufzuhetzen. In
seinen Spalten verdiente sich der junge Hermann Wagener die Sporen,
wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten berichtet. Marx und Engels
müssen bei ihren nahen Beziehungen zu Köln davon gewußt haben, da der
Spott über den »glattgescheitelten Konsistorialrat« sozusagen der
Kehrreim ihrer Antwort ist. Wagener war damals Konsistorialassessor in
Magdeburg.
|139| Für dieses Mal hatte sich der »Rheinische
Beobachter« das Scheitern des Vereinigten Landtags zum Vorwurfe
genommen, um die Arbeiter zu ködern. Indem die Bourgeoisie alle
Geldforderungen der Regierung abgelehnt habe, habe sie gezeigt, daß es
ihr nur darum zu tun sei, die Staatsgewalt an sich zu reißen; das
Volkswohl sei ihr gleichgültig; sie schiebe das Volk nur vor, um die
Regierung einzuschüchtern; das Volk sei ihr nur Kanonenfutter in dem
großen Sturm gegen die Regierungsgewalt. Was Marx und Engels darauf
erwiderten, liegt heute auf der Hand. Das Proletariat täusche sich
über die Bourgeoisie so wenig wie über die Regierung; es frage sich
nur, was seinen eigenen Zwecken diene, die Herrschaft der Bourgeoisie
oder die Herrschaft der Regierung, und diese Frage zu beantworten,
genüge ein einfacher Vergleich zwischen der Lage der deutschen und der
Lage der englischen wie französischen Arbeiter.
Auf
die demagogische Redewendung des »Rheinischen Beobachters«:
»Glückseliges Volk! Du hast doch die Prinzipienfrage gewonnen. Und
wenn du nicht verstehst, was das für ein Ding ist, so lass' es dir von
deinen Repräsentanten erklären, während der langen Rede wirst du
vielleicht deinen Hunger vergessen«, antworteten Marx und Engels
zunächst mit dem beißenden Hohn, man könne aus dem straflosen Gebrauch
dieser aufhetzenden Wendung erkennen, daß die deutsche Presse wirklich
frei sei. Dann aber führten sie aus, das Proletariat habe die
Prinzipienfrage so gut verstanden, daß es dem Vereinigten Landtage
nicht vorwerfe, sie gewonnen, sondern sie nicht gewonnen zu haben.
Hätte er sich nicht bloß darauf beschränkt, die Erweiterung seiner
ständischen Rechte zu beanspruchen, sondern Geschworenengerichte,
Gleichheit vor dem Gesetze, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit,
Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Volksvertretung verlangt, so
hätte er die kräftigste Unterstützung des Proletariats gefunden.
Dann
wurde das frömmelnde Gerede von den sozialen Prinzipien des
Christentums, vor denen der Kommunismus verschwinden müsse, gründlich
abgetan. »Die sozialen Prinzipien des Christentums haben jetzt
achtzehnhundert Jahre Zeit gehabt, sich zu entwickeln, und bedürfen
keiner ferneren Entwicklung durch preußische Konsistorialräte. Die
sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei
gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und
verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des
Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen.
Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit
einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die
letztere |140| nur den frommen Wunsch, die erstere möge
wohltätig sein. Die sozialen Prinzipien des Christentums setzen die
konsistorialrätliche Ausgleichung aller Infamien in den Himmel und
rechtfertigen dadurch die Fortdauer dieser Infamien auf der Erde. Die
sozialen Prinzipien des Christentums erklären alle
Niederträchtigkeiten der Unterdrücker gegen die Unterdrückten entweder
für gerechte Strafe der Erbsünde und sonstiger Sünden oder für
Prüfungen, die der Herr über die Erlösten nach seiner unendlichen
Weisheit verhängt. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen
die Feigheit, die Selbstverachtung, die Erniedrigung, die
Unterwürfigkeit, die Demut, kurz alle Eigenschaften der Kanaille, und
das Proletariat, das sich nicht als Kanaille behandeln lassen will,
hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen
Unabhängigkeitssinn noch viel nötiger als sein Brot. Die sozialen
Prinzipien des Christentums sind duckmäuserisch, und das Proletariat
ist revolutionär.«[21]
Eben dies revolutionäre Proletariat führten Marx und Engels ins Feld
gegen alles Blendwerk der monarchischen Sozialreform. Das Volk, das
sich für einen Fußtritt und einen Silbergroschen mit tränendem Auge
bedanke, existiere nur in der Phantasie des Königs; das wirkliche
Volk, das Proletariat, sei nach dem Worte des Hobbes ein robuster und
bösartiger Knabe; wie es mit Königen verfahre, die es zum besten haben
wollten, zeige das Schicksal Karls I. von England und Ludwigs XVI. von
Frankreich.
Wie
ein Hagelwetter brach dieser Aufsatz über die feudal-sozialistische
Saat herein, doch fielen einzelne Schloßen auch daneben. Mit wie
großem Recht immer Marx und Engels das Verfahren des Vereinigten
Landtags verteidigten, einer liederlichen und reaktionären Regierung
alle Geldmittel zu verweigern, so taten sie ihm doch zu große Ehre an,
wenn sie die Ablehnung einer von der Regierung vorgeschlagenen
Einkommensteuer unter den gleichen Gesichtspunkt stellten. Es handelte
sich hier vielmehr um eine Falle, die der Bourgeoisie von der
Regierung gestellt worden war. Die Forderung, die für die Arbeiter der
großen Städte äußerst drückende Mahl- und Schlachtsteuer abzuschaffen
und den finanziellen Ausfall in erster Reihe durch eine den
besitzenden Klassen aufzuerlegende Einkommensteuer zu ersetzen, ging
ursprünglich von der rheinischen Bourgeoisie aus, die sich dabei von
ähnlichen Gründen leiten ließ wie die englische Bourgeoisie bei ihrem
Kampf gegen die Getreidezölle.
Der
Regierung war diese Forderung durchaus verhaßt, schon weil sie dem
Großgrundbesitz ins Fleisch schnitt, ohne daß diese Klasse - da die
Mahl- und Schlachtsteuer nur in den großen Städten erhoben |141|
wurde - von deren Aufhebung ein Sinken der Löhne des von ihr
ausgebeuteten Proletariats erwarten durfte. Wenn die Regierung dennoch
einen entsprechenden Gesetzentwurf an den Vereinigten Landtag brachte,
so geschah es mit dem Hintergedanken, diesen unpopulär und sich selbst
populär zu machen, denn sie rechnete damit, daß eine feudalständische
Körperschaft nimmermehr auf eine Steuerreform eingehen werde, die die
arbeitenden Klassen auch nur vorübergehend auf Kosten der besitzenden
Klassen zu entlasten geeignet war. Wie sicher sie dieser Rechnung sein
durfte, zeigte schon die Abstimmung über ihren Gesetzentwurf, in der
fast alle Prinzen, fast alle Junker und fast alle Beamten mit Nein
stimmten. Dabei blühte ihr aber noch das besondere Glück, daß ein Teil
der Bourgeoisie, nun da es zum Klappen kam, mit Glanz umfiel.
Danach
wurde die Ablehnung der Einkommensteuer von den offiziösen Federn als
ein schlagender Beweis für das Lug- und Trugspiel der Bourgeoisie
ausgebeutet, und besonders der »Rheinische Beobachter« wurde nicht
müde, diesen Gaul zu reiten, Wenn dagegen Marx und Engels ihrem
»Konsistorialrat« bemerkten, er sei »der größte und unverschämteste
Ignorant in ökonomischen Dingen«, indem er behaupte, daß eine
Einkommensteuer auch nur ein Haarbreit sozialen Elends beseitige, so
hatten sie vollkommen recht, aber sie hatten unrecht, die Ablehnung
der Einkommensteuer als einen berechtigten Schlag gegen die Regierung
zu verteidigen. Dieser Schlag traf die Regierung gar nicht, sie war
finanziell viel mehr gekräftigt als geschwächt, wenn sie ihre
einträgliche und ganz genau funktionierende Mahl- und Schlachtsteuer
in der Tasche behielt, statt sich mit einer Einkommensteuer
abzuplagen, die, wenn sie den besitzenden Klassen auferlegt werden
soll, nach alten und neuen Erfahrungen ihre besonderen Mucken hat.
Marx und Engels haben in diesem Fall die Bourgeoisie für noch
revolutionär gehalten, wo sie schon reaktionär war.
Umgekehrt verfuhren oft genug die »wahren« Sozialisten, und es ist
begreiflich genug, daß in einem Augenblick, wo die Bourgeoisie ihre
Lenden zu gürten begann, Marx und Engels noch einmal gegen diese
Richtung vorstießen. Es geschah in einer Reihe von Feuilletons, die
Marx in der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« gegen den »deutschen
Sozialismus in Versen und Prosa« drucken ließ
[22], und einem noch ungedruckten
Aufsatz, der von Engels niedergeschrieben, aber vielleicht von beiden
verfaßt worden ist.[23] In
beiden Arbeiten wird vornehmlich mit dem ästhetisch-literarischen
Konto des wahren Sozialismus abgerechnet, das ja auch seine schwächste
oder, je nachdem man will, stärkste Seite |142| war. Indem Marx
und Engels dieser künstlerischen Verbildung entgegentraten, haben sie
die Rechte der Kunst nicht immer genügend geachtet; namentlich in dem
handschriftlichen Aufsatze wird Freiligraths prächtiges »Ça ira« mit
unbilliger Schärfe beurteilt.[24]
Aber auch Karl Becks »Lieder vom armen Manne« betrachtete Marx in der
»Deutschen-Brüsseler-Zeitung« etwas streng unter dem Gesichtspunkt
»kleinbürgerlicher Illusionen«; immerhin sagte er dem anspruchsvollen
Naturalismus, der fünfzig Jahre später kommen sollte, sein trauriges
Schicksal voraus, indem er schrieb: »Beck besingt die feige
kleinbürgerliche Misère, den ›armen Mann‹, den pauvre honteux mit
seinen armen, frommen und inkonsequenten Wünschen .... nicht den
stolzen, drohenden und revolutionären Proletarier.«[25]
Neben Karl Beck muß noch einmal der unglückliche Grün heran, der in
einem, heute längst verschollenen Buch »vom menschlichen Standpunkt«
Goethe mißhandelt, das heißt aus allen kleinlichen, langweiligen und
philisterhaften Seiten des großen Dichters den »wahren Menschen«
konstruiert hatte.
Wichtiger als diese Plänkeleien war eine größere Abhandlung, worin
Marx mit dem landläufigen Radikalismus der Phrase nicht minder scharf
ins Gericht ging als mit dem phrasenhaften Sozialismus der Regierung.
In einer Polemik gegen Engels hatte Karl Heinzen die Ungerechtigkeit
in den Eigentumsverhältnissen aus der Gewalt erklärt; er hatte jeden
einen Feigling und einen Toren genannt, der einen Bourgeois wegen
seines Gelderwerbs anfeinde und einen König wegen seines Gewalterwerbs
in Ruhe lasse. Heinzen war ein gewöhnlicher Schreihals, der keine
besondere Beachtung verdiente, aber die Meinung, die er vertrat, war
sehr nach dem Geschmack des »aufgeklärten« Philisters. Die Monarchie
verdanke ihr Dasein nur der Tatsache, daß die Menschen
jahrhundertelang des gesunden Menschenverstandes und der moralischen
Menschenwürde entbehrt hätten, nun aber, da sie wieder im Besitze
dieser kostbaren Güter seien, verschwänden alle sozialen Fragen vor
der Frage: Monarchie oder Republik. Diese geistreiche Auffassung war
das richtige Gegenspiel zu der geistreichen Ansicht der Fürsten,
wonach revolutionäre Bewegungen nur durch den bösen Willen von
Demagogen hervorgerufen werden.
Marx
wies nun nach und in erster Reihe an der deutschen Geschichte, daß die
Geschichte die Fürsten macht, nicht aber die Fürsten die Geschichte.[26]
Er wies die ökonomischen Ursprünge der absoluten Monarchie auf, die in
den Übergangsperioden erscheine, wo die alten Feudalstände untergingen
und der mittelalterliche Bürgerstand zur modernen Bourgeoisklasse
heranwüchse. Daß sie in Deutschland sich später ausgebildet |143|*
habe und länger währe, sei verschuldet durch den verkrüppelten
Entwicklungsgang der deutschen Bürgerklasse. So erkläre sich die
gewaltsam reaktionäre Rolle, in der sich die Fürsten gefielen, aus
ökonomischen Gründen. Den Handel und die Industrie, und gleichzeitig
das Aufkommen der Bürgerklasse früher begünstigend als notwendige
Bedingungen sowohl der nationalen Macht wie des eigenen Glanzes, trete
die absolute Monarchie jetzt dem Handel und der Industrie, die immer
gefährlichere Waffen in den Händen einer schon mächtigen Bourgeoisie
geworden seien, überall in den Weg. Von der Stadt, der Geburtsstätte
ihrer Erhebung, werfe sie den ängstlich und stumpf gewordenen Blick
auf das Land, das mit den Leichen seiner alten reckenhaften Gegner
gedüngt sei.
Die
Abhandlung ist reich an fruchtbaren Gesichtspunkten, aber der »gesunde
Menschenverstand« des biederen Spießers ließ sich so leicht nicht
foppen. Dieselbe Gewalttheorie, die Marx für Engels gegen Heinzen
verfocht, hat ein volles Menschenalter später Engels für Marx gegen
Dühring verfechten müssen.
6. Der Bund der
Kommunisten
Im
Jahre 1847 war die kommunistische Kolonie in Brüssel ganz stattlich
angewachsen.
Freilich fand sich kein Geist darunter, der sich mit Marx oder Engels
hätte messen können. Manchmal schien es, als ob Moses Heß oder Wilhelm
Wolff, die beide an der »Deutschen-Brüsseler-Zeitung« mitarbeiteten,
der Dritte im Bunde werden würde. Aber schließlich ist es doch keiner
von beiden geworden. Heß konnte sich niemals von den philosophischen
Spinnweben befreien, und die verletzend scharfe Art, womit das
»Kommunistische Manifest« seine Schriften beurteilte, führte zu seinem
völligen Bruch mit Marx und Engels.
Jünger
war ihre Freundschaft mit Wilhelm Wolff, der erst im Frühling 1846
nach Brüssel gekommen war, aber sie hat sich als wetterfest erwiesen,
bis der allzufrühe Tod Wolffs sie löste. Aber Wolff war kein
selbständiger Denker, und als Schriftsteller hatte er nicht nur die
Lichtseiten der »populären Manier« vor Marx und Engels voraus. Er
stammte aus der erbuntertänigen Bauernschaft Schlesiens und hatte sich
unter unsäglichen Mühsalen zum Universitätsstudium emporgearbeitet, wo
er an den großen Denkern und Dichtern des Altertums den glühenden
|144| Haß gegen die Unterdrücker seiner Klasse nährte. Als
Demagoge war er einige Jahre auf schlesischen Festungen
herumgeschleppt worden und hatte dann als Privatlehrer in Breslau
einen unermüdlichen Kleinkrieg mit der Bürokratie und der Zensur
geführt, bis ihn die Einleitung neuer Prozesse veranlaßte, ins Ausland
zu gehen, statt in preußischen Gefängnissen zu versauern.
Aus
seiner Breslauer Zeit war er mit Lassalle befreundet wie später mit
Marx und Engels, und alle drei haben sein Grab mit unverwelklichen
Lorbeeren geschmückt. Wolff gehörte zu den edlen Naturen, die nach dem
Worte des Dichters mit dem zahlen, was sie sind; sein eichenfester
Charakter, seine unverbrüchliche Treue, seine peinliche
Gewissenhaftigkeit, seine unantastbare Uneigennützigkeit, seine nie zu
beirrende Bescheidenheit machten ihn zum Muster eines revolutionären
Kämpfers und erklärten die hohe Achtung, womit neben aller Liebe oder
allem Haß seine politischen Freunde wie seine politischen Gegner von
ihm zu sprechen pflegten.
Etwas
weiter ab, als Wilhelm Wolff, stand in dem Kreise um Marx und Engels
sein Namensvetter Ferdinand Wolff, und auch Ernst Dronke, der ein
treffliches Buch über das vormärzliche Berlin geschrieben hatte und
wegen einer angeblich darin enthaltenen Majestätsbeleidigung zu
zweijähriger Festungshaft verurteilt worden war, traf erst auf seiner
Flucht aus den Kasematten von Wesel in zwölfter Stunde ein. Zu dem
engeren Kreise gehörte dann namentlich noch Georg Weerth, den Engels
schon aus der Zeit kannte, wo er in Manchester lebte, und Weerth,
ebenfalls als Kommis einer deutschen Firma, in Bradford. Weerth war
ein echter Dichter und ebendeshalb frei von allem Zopf der
Poetenzunft; auch er ist eines allzufrühen Todes verblieben, und noch
hat keine pietätvolle Hand die Verse gesammelt, die er aus dem Geiste
des kämpfenden Proletariats gesungen und achtlos verstreut hat.
Zu
diesen Geistesarbeitern gesellten sich dann fähige Handarbeiter, allen
voran Karl Wallau und Stephan Born, die beiden Setzer der
»Deutschen-Brüsseler-Zeitung«.
Auch
war Brüssel, die Hauptstadt eines Staats, der sich als Muster der
bürgerlichen Monarchie aufspielte, der geeignetste Ort, internationale
Beziehungen anzuknüpfen, namentlich so lange als Paris, das noch immer
als Brennpunkt der Revolution galt, unter dem Druck der berüchtigten
Septembergesetze litt. In Belgien selbst hatten Marx und Engels gute
Beziehungen zu Männern der Revolution von 1830; in Deutschland, zumal
in Köln, zählten sie alte und neue Freunde, neben Georg Jung besonders
die Ärzte d'Ester und Daniels; in Paris knüpfte |145| Engels
mit der sozialistisch-demokratischen Partei an, namentlich mit ihren
literarischen Vertretern, mit Louis Blanc und mit Ferdinand Flocon,
der das Organ dieser Partei, die »Réforme« redigierte. Noch engere
Beziehungen bestanden mit der revolutionären Fraktion der Chartisten,
mit Julian Harney, dem Redakteur des »Northern Star«, und mit Ernest
Jones, der seine Bildung und Erziehung in Deutschland erhalten hatte.
Unter dem geistigen Einfluß dieser Chartistenführer lebten die
Fraternal Democrats, eine internationale Organisation, in der auch der
Bund der Gerechten durch Karl Schapper, Josef Moll und andere
Mitglieder vertreten war.
Von
diesem Bunde ging nun im Januar 1847 ein entscheidender Anstoß aus.
Als »kommunistisches Korrespondenz-Komitee in London« verkehrte er mit
dem »Korrespondenz-Komitee in Brüssel«, doch waren die gegenseitigen
Beziehungen recht kühl. Auf der einen Seite herrschte Mißtrauen gegen
die »Gelehrten«, die doch nicht wissen könnten, wo die Arbeiter der
Schuh drücke, auf der andern Seite Mißtrauen gegen die »Straubinger«,
das heißt gegen die handwerksmäßig-zünftlerische Beschränktheit, die
unter den damaligen deutschen Arbeitern noch stark vorherrschte.
Engels, der in Paris seine liebe Not hatte, die dortigen »Straubinger«
dem Einfluß Proudhons und Weitlings zu entziehen, hielt zwar die
Londoner »Straubinger« für die einzigen, mit denen sich verhandeln
ließe, erklärte aber doch eine Adresse, die der Bund der Gerechten im
Herbst 1846 in der schleswig-holsteinischen Sache erlassen hatte,
einfach für »Schund«: ihre Vertreter hätten von den Engländern gerade
den Unsinn gelernt: die totale Ignorierung aller wirklich vorliegenden
Verhältnisse und die Unfähigkeit, eine historische Entwicklung
aufzufassen.
Marx
hat sich ein reichliches Jahrzehnt später über seine damalige Stellung
zum Bunde der Gerechten so ausgelassen: »Wir veröffentlichten
gleichzeitig eine Reihe teils gedruckter, teils lithographierter
Pamphlets, worin das Gemisch von französisch-englischem Sozialismus
oder Kommunismus und von deutscher Philosophie, das damals die
Geheimlehre des ›Bundes‹ bildete, einer unbarmherzigen Kritik
unterworfen, statt dessen die wissenschaftliche Einsicht in die
ökonomische Struktur der bürgerlichen Gesellschaft als einzig haltbare
theoretische Grundlage aufgestellt und endlich in populärer Form
auseinandergesetzt ward, wie es sich nicht um Durchführung irgendeines
utopistischen Systems handle, sondern um selbstbewußte Teilnahme an
dem unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen
Umwälzungsprozeß der Gesellschaft.«[27]
Der Wirksamkeit dieser Kundgebungen schrieb Marx zu, daß der Bund
|146| der Kommunisten im Januar 1847 ein Mitglied seiner
Zentralbehörde, den Uhrmacher Josef Moll, nach Brüssel sandte, um ihn
und Engels zum Eintritt in den Bund aufzufordern, der ihre Auffassung
anzunehmen beabsichtige.
Leider
hat sich keine der Flugschriften erhalten
[28], von denen Marx spricht, bis auf das
Rundschreiben gegen Kriege, der unter anderm als Emissär und Prophet
eines geheimen Essäerbundes, des »Bundes der Gerechtigkeit« verspottet
wird. Kriege mystifiziere die wirkliche geschichtliche Entwicklung des
Kommunismus in den verschiedenen Ländern Europas dadurch, daß er ihren
Ursprung und ihre Fortschritte auf fabelhafte und romanhafte, aus der
Luft gegriffene Intrigen dieses Essäerbundes schreibe und die
wahnwitzigsten Phantasien über dessen Macht verbreite.
Hat
dies Rundschreiben auf den Bund der Gerechten eingewirkt, so hat er
eben dadurch bewiesen, daß seine Mitglieder doch mehr waren als
»Straubinger«, und daß sie aus der englischen Geschichte besseres
gelernt hatten, als Engels annahm. Sie haben das Rundschreiben, so
unfreundlich ihr »Essäerbund« darin erwähnt war, besser zu würdigen
gewußt als Weitling, der gar nicht darin gekränkt war, aber sich
gleichwohl auf Krieges Seite schlug. In der Tat hatte sich der Bund
der Gerechten in dem Weltverkehr Londons frischer und kräftiger
erhalten als in Zürich und selbst in Paris. Zunächst für die
Propaganda unter deutschen Arbeitern bestimmt, hatte er in der
Weltstadt einen internationalen Charakter angenommen. Im regen Verkehr
mit Flüchtlingen aus aller Herren Ländern und im Angesicht der
chartistischen Bewegung, die immer höhere Wellen schlug, gewannen
seine Leiter den Blick in eine Ferne, die weit über handwerksmäßige
Vorstellungen hinausging. Neben den alten Führern Schapper, Bauer und
Moll und über sie hinaus taten sich der Miniaturmaler Karl Pfänder aus
Heilbronn und der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen durch die
Gabe theoretischer Erkenntnis hervor.
Die
von Schappers Hand geschriebene und vom 20. Januar 1847 datierte
Vollmacht, womit Moll in Brüssel bei Marx und danach bei Engels in
Paris erschien, ist noch sehr vorsichtig abgefaßt; sie ermächtigt den
Überbringer, über die Lage des Bundes zu berichten und genaue Auskunft
über alle Gegenstände von Wichtigkeit zu geben. Mündlich ging Moll
freier aus sich heraus. Er forderte Marx auf, in den Bund einzutreten
und schlug dessen anfängliche Bedenken durch die Eröffnung nieder, daß
die Zentralbehörde einen Bundeskongreß nach London zu berufen
beabsichtige, um die von Marx und Engels geltend gemachten |147|
kritischen Ansichten in einem öffentlichen Manifest als Bundeslehre
aufzustellen, jedoch müßten Marx und Engels den veralteten und
widerstrebenden Elementen gegenüber mitwirken, und zu diesem Zwecke
müßten sie in den Bund eintreten.
So
entschlossen sie sich dazu. Doch kam es auf dem Kongreß, der im Sommer
1847 stattfand, zunächst nur zu einer demokratischen Organisation des
Bundes, wie sie einer Propagandagesellschaft entsprach, die zwar im
geheimen wirken mußte, aber sich allem verschwörerischen Treiben
fernhielt. Der Bund organisierte sich in Gemeinden, die nicht unter
drei und nicht über zehn Mitglieder zählen durften, Kreisen, leitenden
Kreisen, Zentralbehörde und Kongreß. Für seinen Zweck wurde erklärt
der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die
Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaft,
die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und Privateigentum.[29]
Es
entsprach dem demokratischen Charakter des Bundes, der sich von nun an
Bund der Kommunisten nannte, daß die neuen Statuten zunächst den
einzelnen Gemeinden zur Beratung vorgelegt wurden. Der endgültige
Beschluß über sie wurde auf einen zweiten Kongreß verschoben, der noch
vor Schluß des Jahres stattfinden und zugleich das neue Programm des
Bundes beraten sollte. Dem ersten Kongreß hat Marx noch nicht
beigewohnt, wohl aber Engels als Vertreter der Pariser und Wilhelm
Wolff als Vertreter der Brüsseler Gemeinden.
7. Propaganda in
Brüssel
Der
Bund der Kommunisten sah seine Aufgabe zunächst darin, deutsche
Arbeiterbildungsvereine zu stiften, die ihm eine öffentliche
Propaganda ermöglichten, wie er sich aus ihren brauchbarsten
Mitgliedern ergänzen und erweitern konnte.
Die
Einrichtung dieser Vereine war überall dieselbe. Ein Tag in der Woche
wurde zur Diskussion bestimmt, ein anderer für gesellige Unterhaltung
(Gesang, Deklamation usw.). Überall wurden Vereinsbibliotheken
eingerichtet und wenn möglich Klassen für den Unterricht der Arbeiter
in Elementarkenntnissen.
Nach
diesem Muster wurde dann auch der Deutsche Arbeiterverein
eingerichtet, der Ende August in Brüssel entstand und bald gegen
hundert Mitglieder zählte. Vorsitzende waren Moses Heß und Wallau,
Schriftführer war Wilhelm Wolff. Der Verein kam am Mittwoch- und
|148| Sonntagabend zusammen. Am Mittwoch wurden wichtige Fragen
erörtert, die die Interessen des Proletariats berührten, am
Sonntagabend pflegte Wolff seine politische Wochenübersicht zu geben,
wofür er bald ein besonderes Geschick entfaltete; danach folgte
gesellige Unterhaltung, woran sich auch die Frauen beteiligten.
Am 27.
September veranstaltete dieser Verein ein internationales Bankett, um
zu zeigen, daß die Arbeiter verschiedener Länder brüderliche
Gesinnungen gegeneinander hegten. Man wählte damals mit Vorliebe die
Form von Banketts für die politische Propaganda, um den polizeilichen
Einmischungen in öffentlichen Versammlungen zu entgehen. Das Bankett
vom 27. September hatte aber noch einen besonderen Ursprung und Zweck.
Es wurde von Bornstedt und anderen unzufriedenen Elementen der
deutschen Kolonie veranstaltet, wie der gerade anwesende Engels an den
gerade abwesenden Marx schrieb, »der uns zu einer sekundären Rolle
gegenüber Imbert und den belgischen Demokraten herabdrücken und eine
viel großartigere, universellere Gesellschaft ins Leben rufen sollte
als unsren lumpigen Arbeiterverein«. Engels jedoch wußte die Intrige
rechtzeitig zu hintertreiben; er wurde sogar, trotz seines Sträubens,
weil er so »schrecklich jung aussehe«, neben dem Franzosen Imbert zu
einem der beiden Vizepräsidenten gewählt, während der Ehrenvorsitz des
Banketts dem General Mellinet und der wirkliche Vorsitz dem Advokaten
Jottrand übertragen wurde, alten Kämpfern der belgischen Revolution
von 1830.
An der
Festtafel saßen 120 Gäste, Belgier, Deutsche, Schweizer, Franzosen,
Polen, Italiener, auch ein Russe. Nach mancherlei Reden beschloß man,
einen Verein von Reformfreunden in Belgien nach dem Muster der
Fraternal Democrats zu gründen. In die vorbereitende Kommission wurde
auch Engels gewählt. Da er alsbald Brüssel wieder verließ, so empfahl
er in einem Briefe an Jottrand, Marx an seine Stelle zu berufen, der
unzweifelhaft gewählt worden wäre, wenn er der Versammlung vom 27.
September hätte beiwohnen können. »Es wäre daher nicht Herr Marx, der
in der Kommission an meine Stelle treten würde, sondern ich war es
vielmehr, der in der Versammlung Herrn Marx vertrat.« In der Tat
wurden, als sich am 7. und 15. November die »Demokratische
Gesellschaft für Vereinigung aller Länder« endgültig auftat, Imbert
und Marx zu Vizepräsidenten gewählt, während Mellinet als Ehren- und
Jottrand als wirklicher Präsident bestätigt wurden. Das Statut war von
belgischen, deutschen, französischen, polnischen Demokraten
unterzeichnet, im ganzen etwa 60 Namen; an Deutschen fanden sich
darunter neben Marx namentlich |149|* Moses Heß, Georg Weerth,
die beiden Wolff, Stephan Born, auch Bornstedt.
Die
erste größere Kundgebung der Demokratischen Gesellschaft war die
Jahresfeier der polnischen Revolution am 29. November. Für die
Deutschen sprach Stephan Born, der großen Beifall erntete. Marx aber
sprach als offizieller Vertreter der Gesellschaft auf dem Meeting, das
die Fraternal Democrats in London am gleichen Tage und aus gleichem
Anlaß veranstalteten. Er stimmte seine Rede durchaus auf den
proletarisch-revolutionären Ton. »Das alte Polen ist allerdings
verloren, und wir wären die letzten, seine Wiederherstellung zu
wünschen. Aber nicht nur das alte Polen ist verloren. Das alte
Deutschland, das alte Frankreich, das alte England, die ganze alte
Gesellschaft ist verloren. Der Verlust der alten Gesellschaft ist aber
kein Verlust für die, die nichts in der alten Gesellschaft zu
verlieren haben, und in allen jetzigen Ländern ist dies der Fall für
die große Mehrzahl.«[30]
In dem Siege des Proletariats über die Bourgeoisie sah Marx das
Befreiungssignal für alle unterdrückten Nationen und in dem Siege der
englischen Proletarier über die englische Bourgeoisie den
entscheidenden Schlag für den Sieg aller Unterdrückten über ihre
Unterdrücker. Polen sei nicht in Polen, sondern in England zu
befreien. Schlügen die Chartisten ihre inländischen Feinde, so würden
sie die ganze Gesellschaft geschlagen haben.
In der
Antwort auf die Adresse, die Marx überreicht hatte, schlugen die
Fraternal Democrats denselben Ton an. »Euer Vertreter, unser Freund
und Bruder Marx, wird euch erzählen, mit welchem Enthusiasmus wir sein
Erscheinen und die Verlesung eurer Adresse begrüßt haben. Alle Augen
strahlten vor Freude, alle Stimmen riefen Willkommen, alle Hände
streckten sich brüderlich eurem Vertreter entgegen ... Wir nehmen mit
den Gefühlen der lebhaftesten Freude das Bündnis an, das ihr uns
anbietet. Unser Verein besteht seit mehr als zwei Jahren mit der
Devise: Alle Menschen sind Brüder. Bei Gelegenheit unseres letzten
Stiftungsfestes haben wir die Bildung eines demokratischen Kongresses
aller Nationen empfohlen, und wir sind erfreut zu hören, daß ihr die
gleichen Vorschläge öffentlich kundgegeben habt. Die Verschwörung der
Könige muß bekämpft werden durch die Verschwörung der Völker ... Wir
sind überzeugt, daß man sich an das wirkliche Volk wenden muß, an die
Proletarier, an die Männer, die täglich ihr Blut und ihren Schweiß
unter dem Druck der gegenwärtigen Gesellschaftssysteme vergießen, um
die allgemeine Brüderlichkeit durchzusetzen ... Aus der Hütte, der
Dachstube oder dem Keller, vom Pfluge, von der Fabrik, vom Amboß weg
wird man sehen können, ja sieht man |150| schon die gleiche
Straße daherkommen die Träger der Brüderlichkeit und die auserwählten
Retter der Menschheit.« Die Fraternal Democrats schlugen vor, den
allgemeinen Demokratenkongreß im September 1848 in Brüssel abzuhalten,
gewissermaßen als Gegenstück zu dem Freihandelskongreß, der im
September 1847 ebenda stattgefunden hatte.
Die
Begrüßung der Fraternal Democrats war jedoch nicht der einzige Zweck,
der Marx nach London geführt hatte. Unmittelbar nach dem Polenmeeting,
in demselben Raume, dem Versammlungssaale des Kommunistischen
Arbeiterbildungsvereins, der im Jahre 1840 von Schapper, Bauer und
Moll gegründet worden war, fand der Kongreß statt, den der Bund der
Kommunisten berufen hatte, um die neuen Statuten endgültig zu
genehmigen und das neue Programm zu diskutieren. Engels wohnte auch
diesem Kongreß bei, er war von Paris aus am 27. November in Ostende
mit Marx zusammengetroffen, und sie hatten zusammen die Reise übers
Wasser gemacht. Nach mindestens zehntägigen Debatten erhielten beide
den Auftrag, die kommunistischen Grundsätze in einem öffentlichen
Manifest zusammenzufassen.
Um die
Mitte Dezember kehrte Marx nach Brüssel und Engels über Brüssel nach
Paris zurück. Mit der Ausführung ihres Auftrages scheinen sie es nicht
allzu eilig gehabt zu haben; wenigstens erließ die Zentralbehörde in
London am 24. Januar 1848 eine sehr energische Mahnung an die
Kreisbehörde Brüssel, wonach dem Bürger Marx bedeutet werden sollte,
daß weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden würden, wenn nicht
das »Manifest der Kommunistischen Partei«, dessen Abfassung er
übernommen habe, bis zum 1. Februar in London angekommen sei. Was die
Verzögerung veranlaßt hat, wird sich kaum noch feststellen lassen: die
gründliche Art, wie Marx arbeitete, oder die räumliche Trennung von
Engels; vielleicht sind auch die Londoner ungeduldig geworden, auf die
Nachricht hin, daß Marx seine Propaganda in Brüssel eifrig
weitertreibe.
Am 9.
Januar 1848 hielt Marx in der Demokratischen Gesellschaft eine Rede
über den Freihandel.[31]
Er hatte dieselbe Rede schon auf dem Brüsseler Freihandelskongreß
halten wollen, war damals aber nicht zum Worte gekommen. Was er darin
nach- und zurückwies, war der Schwindel, den die Freihändler mit dem
»Wohl der Arbeiter« trieben, von dem sie behaupteten, daß es die
Triebfeder ihrer Agitation sei. Wenn aber der Freihandel durchaus das
Kapital zum Nachteil der Arbeiter begünstigte, so verkannte Marx doch
nicht - und ebendeshalb nicht - daß er den Grundsätzen der
bürgerlichen Ökonomie entspräche. Er sei die |151| Freiheit des
Kapitals, das die nationalen Schranken, durch die es noch beengt
werde, behufs völliger Entfesselung seiner Tätigkeit niederreiße. Er
zersetze die früheren Nationalitäten und treibe den Gegensatz zwischen
Bourgeoisie und Proletariat auf die Spitze. Damit beschleunige er die
soziale Revolution, und in diesem revolutionären Sinne stimmte Marx
für das System der Handelsfreiheit.
Zugleich verwahrte er sich gegen den Verdacht schutzzöllnerischer
Tendenzen, und er geriet mit seiner Befürwortung des Freihandels auch
keineswegs in Widerspruch mit seiner Anerkennung deutscher Schutzzölle
als einer »progressiven Bourgeoisiemaßregel«. Wie Engels betrachtete
Marx die ganze Freihandels- und Schutzzollfrage rein vom
revolutionären Standpunkt. Die deutsche Bourgeoisie brauche
Schutzzölle als Waffen gegen den Absolutismus und Feudalismus, als
Mittel, ihre Kräfte zu konzentrieren, den Freihandel im Innern des
Landes zu verwirklichen, die große Industrie aufzuziehen, die alsbald
vom Weltmarkt, das heißt mehr oder weniger vom Freihandel abhängig
werden müßte. Im übrigen fand die Rede den lebhaften Beifall der
Demokratischen Gesellschaft, die sie auf ihre Kosten in französischer
und flämischer Sprache drucken zu lassen beschloß.
Bedeutender und wichtiger als diese Rede, waren die Vorträge, die Marx
im Deutschen Arbeiterverein über Lohnarbeit und Kapital hielt. Marx
ging davon aus, daß der Arbeitslohn nicht ein Anteil des Arbeiters an
der von ihm produzierten Ware, sondern der Teil der schon vorhandenen
Waren sei, womit der Kapitalist eine bestimmte Summe produktiver
Arbeit an sich kaufe. Der Preis der Arbeit werde bestimmt wie der
Preis jeder anderen Ware: durch ihre Produktionskosten. Die
Produktionskosten der einfachen Arbeit beliefen sich auf die Existenz-
und Fortpflanzungskosten des Arbeiters. Der Preis dieser Kosten bilde
den Arbeitslohn, der durch die Schwankungen der Konkurrenz wie der
Preis jeder anderen Ware bald über, bald unter den Produktionskosten
stehe, aber innerhalb dieser Schwankungen sich zum Lohnminimum
ausgleiche.
Marx
untersuchte dann das Kapital. Auf die Erklärung der bürgerlichen
Ökonomen, Kapital sei aufgehäufte Arbeit, antwortete er: »Was ist ein
Negersklave? Ein Mensch von der schwarzen Race. Die eine Erklärung ist
die andere wert. Ein Neger ist ein Neger. In bestimmten Verhältnissen
wird er erst zum Sklaven. Eine Baumwollspinnmaschine ist eine
Maschine zum Baumwollspinnen. Nur in bestimmten Verhältnissen wird sie
zu Kapital. Aus diesen Verhältnissen herausgerissen, ist sie so
wenig Kapital wie Gold an und für sich Geld oder der
Zucker der Zuckerpreis |152|* ist.«[32]
Das Kapital ist ein gesellschaftliches Produktionsverhältnis, ein
Produktionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft. Eine Summe von
Waren, von Tauschwerten wird dadurch zu Kapital, daß sie als
selbständige gesellschaftliche Macht, das heißt als die Macht eines
Teils der Gesellschaft sich erhält und vermehrt durch den Austausch
gegen die unmittelbare lebendige Arbeitskraft. »Die Existenz einer
Klasse, die nichts besitzt als die Arbeitsfähigkeit, ist eine
notwendige Voraussetzung des Kapitals. Die Herrschaft der
aufgehäuften, vergangenen, vergegenständlichten Arbeit über die
unmittelbare, lebendige Arbeit macht die aufgehäufte Arbeit erst zum
Kapital. Das Kapital besteht nicht darin, daß aufgehäufte Arbeit der
lebendigen Arbeit als Mittel zu neuer Produktion dient. Es besteht
darin, daß die lebendige Arbeit der aufgehäuften Arbeit als Mittel
dient, ihren Tauschwert zu erhalten und zu vermehren.«[33]
Kapital und Arbeit bedingen sich gegenseitig, sie bringen sich
gegenseitig hervor.
Wenn
die bürgerlichen Ökonomen daraus folgern, das Interesse des
Kapitalisten und des Arbeiters sei dasselbe, so geht der Arbeiter
allerdings zugrunde, wenn ihn das Kapital nicht beschäftigt, und das
Kapital geht zugrunde, wenn es den Arbeiter nicht ausbeutet. Je
rascher sich das produktive Kapital vermehrt, je blühender daher die
Industrie ist, je mehr sich die Bourgeoisie bereichert, um so mehr
Arbeiter braucht der Kapitalist, um so teurer verkauft sich der
Arbeiter. Die unerläßliche Bedingung für eine passable Lage des
Arbeiters ist also möglichst rasches Wachsen des produktiven Kapitals.
Marx
führte aus, daß in diesem Falle ein merkliches Zunehmen des
Arbeitslohns ein um so rascheres Wachsen des produktiven Kapitals
voraussetze. Wachse das Kapital, so möge der Arbeitslohn steigen, um
so schneller steige der Profit des Kapitals. Die materielle Lage des
Arbeiters habe sich verbessert, aber auf Kosten seiner
gesellschaftlichen Lage: die gesellschaftliche Kluft |