1. Februar- und
Märztage
|160| Am 24. Februar 1848 hatte die Revolution das französische
Bürgerkönigtum gestürzt. Sie übte ihren Rückschlag auch auf Brüssel,
doch wußte sich der König Leopold, ein mit allen Hunden gehetzter
Coburger, geschickter aus der Klemme zu ziehen als sein Schwiegervater
in Paris. Er versprach seinen liberalen Ministern, Abgeordneten und
Bürgermeistern, die Krone niederzulegen, wenn die Nation es wünsche,
und rührte dadurch die gemütvollen Staatsmänner der Bourgeoisie so
sehr, daß sie auf alle rebellischen Gedanken verzichteten.
Danach
ließ der König die Volksversammlungen auf den öffentlichen Plätzen
durch seine Soldaten auseinandertreiben und eine polizeiliche Hetze
gegen die fremden Flüchtlinge eröffnen. Gegen Marx wurde dabei mit
besonderer Roheit verfahren; man verhaftete nicht nur ihn, sondern
auch seine Frau, die man für eine Nacht mit öffentlichen Dirnen
zusammensperrte. Der Polizeikommissar, der die Infamie verschuldet
hatte, wurde später abgesetzt, und die Haft mußte sofort aufgehoben
werden, doch blieb es bei der Ausweisung, die im übrigen eine
überflüssige Mißhandlung war.
Denn
Marx stand ohnehin auf dem Sprunge, nach Paris abzureisen. Sofort nach
Ausbruch der Februarrevolution hatte die Londoner Zentralbehörde des
Kommunistenbundes ihre Befugnisse auf die Brüsseler Kreisbehörde
übertragen. Diese aber übertrug unter dem Belagerungszustande, der
tatsächlich schon in Brüssel bestand, am 3. März ihre Befugnisse auf
Marx mit der Vollmacht, eine neue Zentralbehörde in Paris
zusammenzusetzen,[1] wohin
Marx durch ein für ihn ehrenvolles, von Flocon gezeichnetes Schreiben
der provisorischen Regierung vom 1. März zurückgerufen worden war.
Bereits am 6. März konnte Marx hier seine überlegene Einsicht
bewähren, indem er sich in einer großen Versammlung der in Paris
lebenden Deutschen dem abenteuerlichen Plan widersetzte, mit
bewaffneter Hand nach Deutschland einzubrechen, um es zu
revolutionieren. Ausgeheckt |161|* war der Plan durch den
zweideutigen Bornstedt, dem es leider gelang, Herwegh dafür zu
gewinnen. Auch Bakunin, der es später bereut hat, war damals dafür.
Die provisorische Regierung unterstützte den Plan, nicht aus
revolutionärer Begeisterung, sondern mit dem Hintergedanken, bei der
herrschenden Arbeitslosigkeit die fremden Arbeiter loszuwerden; sie
bewilligte ihnen Marschquartiere und eine Marschzulage von täglich 50
Centimes bis zur Grenze. Herwegh täuschte sich selbst nicht über ihr
»egoistisches Motiv, viele tausend Handwerker, die den Franzosen
Konkurrenz machen, loszuwerden«, aber bei seinem Mangel an politischem
Blick trieb er das Abenteuer bis zum kläglichen Ende bei
Niederdossenbach.
Indem
Marx sich dieser Revolutionsspielerei entschieden widersetzte, die
vollends sinnlos geworden war, nachdem die Revolution am 13. März in
Wien und am 18. März in Berlin gesiegt hatte, schuf er die Mittel, in
wirksamer Weise die deutsche Revolution zu fördern, auf die die
Kommunisten ihr Hauptaugenmerk gerichtet hatten. Gemäß seiner
Vollmacht bildete er eine neue Zentralbehörde, die halb aus ehemaligen
Brüsselern (Marx, Engels, Wolff), halb aus ehemaligen Londonern
(Bauer, Moll, Schapper) bestand. Sie erließ einen Aufruf, der
siebenzehn Forderungen »im Interesse des deutschen Proletariats, des
kleinen Bürger- und Bauernstandes« enthielt, darunter die Erklärung
des ganzen Deutschlands zu einer einigen und unteilbaren Republik,
allgemeine Volksbewaffnung, Verstaatlichung der fürstlichen und
anderen feudalen Landgüter, Bergwerke, Gruben, Transportmittel,
Errichtung von Nationalwerkstätten, allgemeine unentgeltliche
Volkserziehung usw.[2]
Selbstverständlich sollten diese Forderungen der kommunistischen
Propaganda nur die allgemeinen Richtlinien vorzeichnen; daß sie nicht
von heut auf morgen, sondern nur in einem langen revolutionären
Entwicklungsprozeß verwirklicht werden konnten, wußte niemand besser
als Marx.
Der
Bund der Kommunisten war viel zu schwach, um als geschlossene
Organisation die revolutionäre Bewegung zu beschleunigen. Es zeigte
sich, daß seine Reorganisation auf dem Kontinent noch in den ersten
Anfängen steckte. Doch kam darauf umsoweniger an, als seine
Existenzberechtigung verschwunden war, nachdem die Revolution der
Arbeiterklasse die Mittel und die Möglichkeit einer öffentlichen
Propaganda verschafft hatten. Unter diesen Umständen stifteten Marx
und Engels in Paris einen deutschen kommunistischen Klub, worin sie
den Arbeitern rieten, sich von dem Zuge Herweghs fernzuhalten, dagegen
einzeln in die Heimat zurückzukehren und für die revolutionäre
Bewegung zu |162| wirken. So beförderten sie einige hundert
Arbeiter nach Deutschland, für die sie durch Vermittlung Flocons
dieselben Vergünstigungen erhielten, die der Freischar Herweghs von
der provisorischen Regierung gewährt worden waren.
Auf
diese Weise gelangte auch die große Mehrzahl der Bundesglieder nach
Deutschland, und durch sie bewährte sich der Bund als eine treffliche
Vorschule der Revolution. Wo die Bewegung irgendeinen kräftigen
Aufschwung nahm, waren Bundesglieder ihre treibenden Kräfte: Schapper
in Nassau, Wolff in Breslau, Stephan Born in Berlin, andere anderswo.
Treffend schrieb Born an Marx: »Der Bund ist aufgelöst - überall und
nirgends.« Als Organisation war er nirgends, als Propaganda überall,
wo schon die realen Bedingungen des proletarischen Emanzipationskampfs
gegeben waren, was freilich nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil
Deutschlands zutraf.
Marx
und seine näheren Freunde warfen sich ins Rheinland als den
fortgeschrittensten Teil Deutschlands, wo ihnen der Code Napoléon
obendrein ein größeres Maß von Bewegungsfreiheit sicherte als das
preußische Landrecht in Berlin. Es gelang ihnen, sich der
Vorbereitungen zu bemächtigen, die in Köln von demokratischer und
teilweise kommunistischer Seite für ein großes Blatt getroffen worden
waren. Freilich blieben noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden;
namentlich Engels erlebte jetzt die Enttäuschung, daß der Wuppertaler
Kommunismus noch lange keine Wirklichkeit, geschweige denn eine Macht,
sondern seitdem die Revolution sich leibhaftig gezeigt hatte, nur noch
ein Gespenst von vorgestern war. Am 25. April schrieb er aus Barmen an
Marx in Köln: »Auf Aktien von hier ist verdammt wenig zu rechnen ...
Die Leute scheuen sich alle wie die Pest vor der Diskussion der
gesellschaftlichen Fragen; das nennen sie Aufwiegelei ... Aus meinem
Alten ist vollends nichts herauszubeißen. Für den ist schon die Kölner
Zeitung ein Ausbund von Wühlerei, und statt 1.000 Talern schickt er
uns lieber 1.000 Kartätschkugeln auf den Hals.« Immerhin brachte auch
Engels noch vierzehn Aktien auf, und vom 1. Juni ab konnte die »Neue
Rheinische Zeitung« erscheinen.
Als
ihr leitender Redakteur zeichnete Marx, und zu ihrem Redaktionsstabe
gehörten Engels, Dronke, Weerth und die beiden Wolff.
2. Junitage
|163| Die »Neue Rheinische Zeitung« nannte sich
ein »Organ der Demokratie«, doch war sie es nicht im Sinne irgendeiner
parlamentarischen Linken. Nach dieser Ehre geizte sie nicht, vielmehr
hielt sie die Überwachung der Demokraten für dringend notwendig; ihr
Ideal, schrieb sie, sei so wenig die schwarzrotgoldene Republik, daß
auf deren Boden erst ihre Opposition beginnen werde.
Ganz
im Geiste des »Kommunistischen Manifestes« suchte sie die
revolutionäre Bewegung voranzutreiben, so wie sie nun einmal war. Die
Aufgabe war um so dringlicher, als der revolutionäre Boden, den die
Märztage erobert hatten, im Juni halb und halb schon wieder verloren
war. In Wien mit seinen noch unentwickelten Klassengegensätzen
herrschte eine gemütliche Anarchie; in Berlin hatte die Bourgeoisie
das Heft nur in der Hand, um es wieder den besiegten Mächten des
Vormärz zuzuschanzen; in den Mittel- und Kleinstaaten paradierten
liberale Minister, die sich von ihren feudalen Vorgängern keineswegs
durch Männerstolz vor Königsthronen, sondern nur durch eine größere
Biegsamkeit des Rückgrats unterschieden, und die Frankfurter
Nationalversammlung, die aus souveräner Machtvollkommenheit die
deutsche Einheit schaffen sollte, erwies sich, sobald sie am 18. Mai
zusammentraf, von vornherein als hoffnungsloser Schwatzklub.
Mit
diesem Schattenwesen rechnete die »Neue Rheinische Zeitung« gleich in
der ersten Nummer ab, und zwar so gründlich, daß die Hälfte ihrer
wenig zahlreichen Aktionäre den Rückzug antrat.[3]
Sie stellte dabei keineswegs übertriebene Ansprüche an die Einsicht
und den Mut der parlamentarischen Helden. Indem sie den föderativen
Republikanismus kritisierte, den die Linke des Frankfurter Parlaments
vertrat, führte sie aus, daß eine Föderation von konstitutionellen
Monarchien, Fürstentümchen und Republikchen mit einer republikanischen
Regierung an der Spitze nicht die schließliche Verfassung Deutschlands
sein könne, fügte aber hinzu: »Wir stellen nicht das utopistische
Verlangen, daß a priori eine einige unteilbare deutsche Republik
proklamiert werde, aber wir verlangen von der sogenannten
radikal-demokratischen Partei, den Ausgangspunkt des Kampfes und der
revolutionären Bewegung nicht mit ihrem Zielpunkt zu verwechseln. Die
deutsche Einheit, wie die deutsche Verfassung können nur als Resultat
aus einer Bewegung hervorgehen, worin ebensosehr die inneren Konflikte
als der Krieg mit dem Osten zur Entscheidung treiben werden. Die
definitive Konstituierung kann nicht dekretiert werden; sie
fällt zusammen mit der Bewegung |164|*, die wir zu durchlaufen
haben. Es handelt sich daher auch nicht um die Verwirklichung dieser
oder jener Meinung, dieser oder jener politischen Idee; es handelt
sich um die Einsicht in den Gang der Entwicklung. Die
Nationalversammlung hat nur die zunächst praktisch möglichen Schritte
zu tun.«[4] Die
Nationalversammlung tat aber, was nach allen Gesetzen der Logik für
praktisch unmöglich hätte gelten sollen; sie wählte den
österreichischen Erzherzog Johann zum Reichsverweser und spielte
dadurch an ihrem Teil die Bewegung in die Hände der Fürsten.
Wichtiger als die Frankfurter waren die Berliner Vorgänge. Innerhalb
der deutschen Grenzen war der preußische Staat der gefährlichste
Gegner der Revolution. Sie hatte ihn zwar am 18. März niedergeworfen,
aber die Früchte des Sieges fielen nach der historischen Lage der
Dinge zunächst der Bourgeoisie zu, und diese beeilte sich, die
Revolution zu verraten. Um die »Kontinuität des Rechtszustandes« zu
erhalten, das will sagen, um seinen revolutionären Ursprung zu
verleugnen, berief das bürgerliche Ministerium Camphausen-Hansemann
den Vereinigten Landtag ein, um durch diese feudal-ständische
Körperschaft die Grundlagen einer bürgerlichen Verfassung feststellen
zu lassen. Es geschah durch die Gesetze vom 6. und 8. April, von denen
jenes eine Reihe bürgerlicher Rechte als Grundzüge der neuen
Verfassung aufs Papier schrieb, dieses aber das allgemeine, gleiche,
geheime und indirekte Wahlrecht anordnete für eine Versammlung, die
durch Vereinbarung mit der Krone die neue Staatsverfassung feststellen
sollte.
Mit
dem famosen Prinzip der »Vereinbarung« war tatsächlich der Sieg
eskamotiert, den das Berliner Proletariat am 18. März über die
preußischen Garde-Regimenter erfochten hatte. Bedurften die Beschlüsse
der neuen Versammlung der Genehmigung durch die Krone, so war diese
wieder obenauf; sie diktierte ihren Willen oder mußte durch eine
zweite Revolution gebändigt werden, deren Möglichkeit zu verhindern
das Ministerium Camphausen-Hansemann alles tat, was in seinen Kräften
stand. Es schikanierte die Versammlung, die am 22. Mai zusammentrat,
in der kleinlichsten Weise, stellte sich aber als »Schild vor die
Dynastie« und gab der einstweilen noch kopflosen Gegenrevolution einen
Kopf, indem es den Prinzen von Preußen, den durch und durch
reaktionären Thronfolger, aus England zurückberief, wohin ihn am 18.
März der Zorn der Massen vertrieben hatte.
Die
Berliner Versammlung stand nun freilich auch nicht auf revolutionärer
Höhe, wenngleich sie sich nicht so völlig im Luftreich des Traumes
bewegen konnte wie das Frankfurter Parlament. Sie ließ sich dazu
|165| herbei, das Prinzip der »Vereinbarung« anzuerkennen, das ihr
das Mark aus den Knochen sog, raffte sich dann aber noch einmal zu
einer halbwegs entschlossenen Haltung auf, als die Berliner
Bevölkerung am 14. Juni durch den Sturm auf das Zeughaus ein drohendes
Wort gesprochen hatte. Darüber stürzte Camphausen, aber noch nicht
Hansemann. Beide unterschieden sich dadurch, daß Camphausen noch mit
einem Reste bürgerlicher Ideologie geplagt war, während Hansemann sich
ohne Gram und Scham den nacktesten Profitinteressen der Bourgeoisie
verschrieben hatte. Er glaubte diese Interessen durchzusetzen, indem
er dem König- und Junkertum noch mehr hofierte, die Versammlung noch
mehr korrumpierte und die Massen noch mehr brutalisierte, als bisher
schon geschehen war. Die Gegenrevolution ließ ihn aus guten Gründen
einstweilen gern gewähren.
Dieser
verhängnisvollen Entwicklung stemmte sich nun die »Neue Rheinische
Zeitung« mit aller Entschiedenheit entgegen. Sie legte dar, daß
Camphausen die Reaktion säe im Sinne der großen Bourgeoisie, aber daß
er sie ernte im Sinne der Feudalpartei. Sie peitschte die Berliner
Versammlung und namentlich auch die Linke zu entschlossener Haltung
auf; gegenüber deren Entrüstung über die Zerstörung etwelcher Fahnen
und Waffen bei dem Zeughaussturm lobte sie den sehr richtigen Takt des
Volkes, das nicht nur gegen seine Unterdrücker, sondern auch gegen die
glänzenden Illusionen seiner eigenen Vergangenheit revolutionär
auftrete. Sie warnte die Linke vor dem täuschenden Schein
parlamentarischer Siege, die ihr die alte Macht gern gönne, wenn sie
selbst nur alle wirklich entscheidenden Positionen besitze.
Dem
Ministerium Hansemann sagte die Zeitung ein elendes Ende voraus. Es
wolle die Herrschaft der Bourgeoisie begründen, indem es gleichzeitig
mit dem alten Feudal- und Polizeistaat ein Kompromiß abschließe. »In
dieser doppelschlächtigen widerspruchsvollen Aufgabe sieht es jeden
Augenblick die erst zu gründende Herrschaft der Bourgeoisie, und seine
eigne Existenz von der Reaktion im absolutistischen, im Feudalsinn
überflügelt - und es wird ihr unterliegen. Die Bourgeoisie kann ihre
eigne Herrschaft nicht erkämpfen, ohne vorläufig das gesamte Volk zum
Bundesgenossen zu haben, ohne daher mehr oder minder demokratisch
aufzutreten.«[5] Mit
schneidendem Hohne übergoß die Zeitung auch die Bemühungen der
Bourgeoisie, die Bauernbefreiung, diese legitimste Aufgabe einer
bürgerlichen Revolution, zu einem gaukelnden Schein zu machen. »Die
deutsche Bourgeoisie von 1848 verrät ohne allen Anstand diese Bauern,
die ihre natürlichsten Bundesgenossen, die Fleisch von ihrem
Fleisch sind, und ohne die sie |166| machtlos ist gegenüber dem
Adel.«[6] So sei die
deutsche Revolution von 1848 nur eine Parodie auf die Französische
Revolution von 1789.
Sie
war es noch in anderem Sinne. Die deutsche Revolution hatte nicht aus
eigener Kraft gesiegt, sondern im Gefolge einer französischen
Revolution, die schon dem Proletariat einen Anteil an der Regierung
verschafft hatte. Dadurch wurde der Verrat der Bourgeoisie an der
deutschen Revolution zwar nicht gerechtfertigt oder auch nur
entschuldigt, aber allerdings erklärt. Nun aber schien fast in
denselben Junitagen, wo das Ministerium Hansemann seine
Totengräberarbeit begann, dieser Alp von ihrer Brust zu sinken. In
einer furchtbaren Straßenschlacht von vier Tagen wurde das Pariser
Proletariat niedergeschlagen, in einem gemeinsamen Henkersdienste, den
alle bürgerlichen Klassen und Parteien dem Kapital leisteten.
In
Deutschland aber hob die »Neue Rheinische Zeitung« das Banner der
»siegenden Geschlagenen« aus dem Staube. Wohin die Demokratie in dem
Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat gehörte, sprach Marx
mit den mächtigen Worten aus: »Man wird uns fragen, ob wir keine
Träne, keinen Seufzer, kein Wort für die Opfer haben, welche vor der
Wut des Volkes fielen, für die Nationalgarde, die Mobilgarde, die
republikanische Garde, die Linie? Der Staat wird ihre Witwen und
Waisen pflegen, Dekrete werden sie verherrlichen, feierliche
Leichenzüge werden ihre Reste zur Erde bestatten, die offizielle
Presse wird sie unsterblich erklären, die europäische Reaktion wird
ihnen huldigen vom Osten bis zum Westen. Aber die Plebejer, vom Hunger
zerrissen, von der Presse geschmäht, von den Ärzten verlassen, von den
Honetten Diebe gescholten, Brandstifter, Galeerensklaven, ihre Weiber
und Kinder in noch grenzenloseres Elend gestürzt, ihre besten Lebenden
über die See deportiert - ihnen den Lorbeer um die drohend finstere
Stirn zu winden, das ist das Vorrecht, das ist das Recht der
demokratischen Presse.«[7]
Dieser
herrliche Artikel, aus dem heute noch die Flammen revolutionärer
Leidenschaft emporlodern, kostete der »Neuen Rheinischen Zeitung« die
andere Hälfte ihrer Aktionäre.
3. Der Krieg gegen
Rußland
In der
auswärtigen Politik war der Krieg gegen Rußland der Angelpunkt, um den
sich die »Neue Rheinische Zeitung« bewegte. In Rußland sah sie den
einen Feind der Revolution, der wirklich furchtbar sei |167|
und unfehlbar in den Kampf eintreten werde, wenn die Bewegung
europäische Ausdehnung annehme.
Sie
war damit durchaus auf dem richtigen Wege. Zur selben Zeit, wo sie den
revolutionären Krieg gegen Rußland forderte, bot der Zar, was sie
nicht wissen konnte, aber was heute urkundlich bekannt ist, dem
Prinzen von Preußen die Hilfe des russischen Heeres zur gewaltsamen
Wiederherstellung des Despotismus an, und ein Jahr später hat der
russische Bär den österreichischen Despotismus gerettet, indem er mit
seinen plumpen Pranken die ungarische Revolution niederschlug. Die
deutsche Revolution konnte nicht siegen, ohne den preußischen und den
österreichischen Zwangsstaat zu zerstören, und dieses Ziel war
unerreichbar, wenn nicht vorher die Macht des Zaren gebrochen wurde.
Von
dem Kriege gegen Rußland erwartete die Zeitung eine ähnliche
Entfesselung revolutionärer Kräfte, wie sie der Französischen
Revolution von 1789 durch den Krieg mit dem feudalen Deutschland
beschieden gewesen war. Wenn sie nach einem Worte Weerths die deutsche
Nation en canaille behandelte, so war daran richtig, daß sie in aller
Bitterkeit die Bütteldienste geißelte, womit sich die Deutschen seit
siebzig Jahren an der Freiheit und Unabhängigkeit anderer Völker
versündigt hatten: in Amerika und Frankreich, in Italien und Polen, in
Holland und Griechenland und wo sonst noch. »Jetzt, wo die Deutschen
das eigene Joch abschütteln, muß sich auch ihre ganze Politik dem
Auslande gegenüber ändern, oder in den Fesseln, womit wir fremde
Völker umketten, nehmen wir unsere eigene junge, fast nur erst geahnte
Freiheit gefangen. Deutschland macht sich in demselben Maße frei,
worin es die Nachbarvölker freiläßt.«[8]
Die Zeitung denunzierte die machiavellistische Politik, die, während
sie im Innern Deutschlands in ihren Grundfesten schwanke, einen
engherzigen, dem kosmopolitischen Charakter des Deutschen
widerstrebenden Stammhaß heraufbeschwöre, um die demokratische Energie
zu lähmen, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, der revolutionären
Glutlava einen Abzugskanal zu schaffen, und so die Waffe der inneren
Unterdrückung zu schmieden.
Sie
trat, »trotz des patriotischen Geheuls und Getrommels fast der ganzen
deutschen Presse«, vom ersten Augenblick an in Posen für die Polen, in
Italien für die Italiener, in Ungarn für die Ungarn ein. Sie spottete
über »die Tiefe der Kombination«, über »das geschichtliche Paradoxon«,
in demselben Augenblick, wo die Deutschen mit ihren Regierungen
kämpften, unter dem Kommando derselben Regierungen einen Kreuzzug
gegen die Freiheit Polens, Ungarns, Italiens zu unternehmen. »Nur der
Krieg mit Rußland ist ein Krieg des revolutionären
|168| Deutschlands, ein Krieg, worin es die Sünden der
Vergangenheit abwaschen, worin es sich ermannen, worin es seine
eigenen Autokraten besiegen kann, worin es, wie einem die Ketten
langer, träger Sklaverei abschüttelnden Volke geziemt, die Propaganda
der Zivilisation mit dem Opfer seiner Söhne erkauft und sich nach
innen frei macht, indem es nach außen befreit.«[9]
Daraus
ergab sich, daß die Zeitung für keine der unterdrückten Nationen so
leidenschaftlich eintrat wie für die Polen. Die polnische Bewegung des
Jahres 1848 beschränkte sich auf die preußische Provinz Posen, da
Russisch-Polen noch durch die Revolution von 1830 und
Österreichisch-Polen noch durch den Aufstand von 1846 entkräftet war.
Sie trat bescheiden genug auf und verlangte kaum so viel, wie ihr
durch die Verträge von 1815 versprochen, aber nicht gehalten worden
war: die Umwandlung der militärischen Besatzung durch einheimische
Truppen und die Besetzung aller Ämter mit Eingeborenen. In der ersten
Angst nach dem 18. März versprach man in Berlin eine »nationale
Reorganisation«, aber natürlich mit dem Hintergedanken, sie nicht
auszuführen. Während die Polen gutgläubig genug waren, an den guten
Willen in Berlin zu glauben, wurde von hier aus die deutsche und
jüdische Bevölkerung der Provinz Posen aufgehetzt und planmäßig ein
Bürgerkrieg geschürt, dessen Anstiftung durchaus und dessen Greuel
fast durchweg aufs preußische Schuldkonto fielen. Die gewaltsam in
gewaltsamen Widerstand getriebenen Polen schlugen sich sehr tapfer und
warfen mehr als einmal, so namentlich am 30. April bei Miloslaw, den
an Waffen und Zahl überlegenen Feind in völlige Flucht, aber auf die
Dauer war der Kampf der polnischen Sensen mit den preußischen
Schrapnells natürlich aussichtslos.
In der
polnischen Frage benahm sich die deutsche Bourgeoisie wie immer,
ebenso kopf- wie treulos. Im Vormärz hatte sie ganz gut begriffen, wie
eng die deutsche und die polnische Sache zusammenhingen, und noch nach
dem 18. März hatten ihre Weisen auf dem sogenannten Vorparlament in
Frankfurt feierlich erklärt, daß die Wiederherstellung Polens eine
heilige Pflicht der deutschen Nation sei. Aber dadurch ließ sich
Camphausen nicht hindern, auch in dieser Frage den Büttel des
preußischen Junkertums zu spielen. In schmählicher Weise löste er das
Versprechen der »nationalen Reorganisation« ein, indem er der Provinz
Posen ein Stück nach dem andern, im ganzen mehr als zwei Drittteile
ihres Bestandes abriß, und durch den Bundestag, der unter der Wucht
der allgemeinen Verachtung verendete, mit seinem letzten Röcheln in
den Deutschen Bund aufnehmen ließ. Die Frankfurter Nationalversammlung
|169|* hatte sich nunmehr mit der Frage zu beschäftigen, ob sie
die in den abgerissenen Teilen der Provinz Posen gewählten
Abgeordneten als ihre rechtmäßigen Mitglieder anerkennen solle oder
nicht. Nach dreitägiger Debatte entschied sie sich, wie von ihr nicht
anders zu erwarten war: dies entartete Kind der Revolution segnete die
Missetat der Gegenrevolution.
Wie
nahe diese Frage der »Neuen Rheinischen Zeitung« ging, zeigt die
Ausführlichkeit, womit sie die Frankfurter Verhandlungen in acht oder
neun, zum Teil sehr langen Aufsätzen glossierte,[10]
ganz im Gegensatz zu der verächtlichen Kürze, womit sie sonst das
parlamentarische Geschwätz abtat. Es ist überhaupt die umfangreichste
Arbeit, die in ihren Spalten erschienen ist. Soweit Inhalt und Stil
eine Vermutung zulassen, ist sie von Marx und Engels gemeinsam verfaßt
worden; jedenfalls ist Engels stark daran beteiligt gewesen, sie trägt
sehr deutliche Spuren seiner Art.
Was
zunächst an ihr auffällt und ihr in der Tat die größte Ehre macht, ist
die erfrischende Offenheit, womit sie das nichtsnutzige Spiel
aufdeckte, das mit den Polen getrieben wurde. Aber die sittliche
Empörung, deren Marx und Engels fähig waren -, viel fähiger, als der
biedere Philister auch nur zu ahnen vermag - hatte nichts zu tun mit
dem sentimentalen Mitleid, wie es etwa Robert Blum in Frankfurt den
mißhandelten Polen gespendet hatte: »allertrivialste Kannegießerei,
wenn auch - was wir gern zugeben - Kannegießerei auf großem Fuß und in
erhabener Arbeit« [11],
mußte sich der gefeierte Redner der Linken sagen lassen, und nicht
ohne Grund. Er begriff nicht, daß der Verrat an Polen zugleich der
Verrat an der deutschen Revolution war, die dadurch die unentbehrliche
Waffe gegen den zarischen Todfeind verlor.
Zu der
»allertrivialsten Kannegießerei« rechneten Marx und Engels auch die
»allgemeine Völkerverbrüderung«, die ohne Rücksicht auf die
historische Stellung, auf die gesellschaftliche Entwicklungsstufe der
Völker nichts weiter wollte als verbrüdern ins Blaue hinein;
»Gerechtigkeit«, »Menschlichkeit«, »Freiheit«, »Gleichheit«,
»Brüderlichkeit«, »Unabhängigkeit« waren für sie mehr oder weniger
moralische Phrasen, die sehr schön klängen, aber in historischen und
politischen Fragen durchaus nichts bewiesen. Diese »moderne
Mythologie« ist ihnen allezeit ein Greuel gewesen. Und zumal in den
heißen Tagen der Revolution galt ihnen nur die Parole: Für oder Wider?
So
waren die Polenartikel der »Neuen Rheinischen Zeitung« von einer echt
revolutionären Leidenschaft beseelt, die sie hoch auch über das
polenfreundliche Gerede der landläufigen Demokratie erhob. Als
|170| beredte Zeugnisse eines durchdringenden politischen
Scharfblicks dauern sie heute noch fort. Nicht jedoch sind sie frei
von mancherlei Irrtümern über die polnische Geschichte. So wichtig es
war zu sagen, daß der Kampf für die Unabhängigkeit Polens nur
siegreich sein könne, wenn er zugleich ein Sieg der agrarischen
Demokratie über den patriarchalisch-feudalen Absolutismus sei, so war
es doch unrichtig anzunehmen, daß die Polen seit der Konstitution von
1791 diesen Zusammenhang erkannt hätten. Ebensowenig stimmte es, daß
im Jahre 1848 das alte Polen der Adelsdemokratie längst tot und
begraben sein, aber einen robusten Sohn hinterlassen haben sollte, das
Polen der Bauerndemokratie. In den polnischen Junkern, die mit
glänzender Tapferkeit auf den westeuropäischen Barrikaden fochten, um
ihr Volk aus der klammernden Umarmung der Ostmächte zu befreien,
erblickten Marx und Engels die Vertreter des polnischen Adels, während
die Lelewel und Mieroslawski sich doch nur, im Feuer des Kampfes
gehärtet und geläutert, über ihre Klasse erhoben, wie ehedem die
Hutten und Sickingen über das deutsche Ritterturn oder in frischerer
Vergangenheit die Clausewitz und Gneisenau über das preußische
Junkertum.
Von
diesem Irrtum sind auch Marx und Engels bald zurückgekommen, dagegen
hat Engels immer an dem wegwerfenden Urteil der »Neuen Rheinischen
Zeitung« über die Unabhängigkeitskämpfe der südslawischen Nationen und
Natiönchen festgehalten. Engels hat sich darüber im Jahre 1882 nicht
anders ausgelassen als in der Polemik, die er 1849 deshalb mit Bakunin
führte. Der russische Revolutionär war im Juli 1848 in der Zeitung von
ihrem Pariser Korrespondenten Ewerbeck, dessen Behauptung durch eine
gleichartige und gleichzeitige Mitteilung des Havas-Büros bestätigt
wurde, als Agent der russischen Regierung verdächtigt worden, jedoch
hatte sich die Nachricht sofort als falsch herausgestellt, und sie war
von der Redaktion in aller Form zurückgenommen worden. Dann hatte
Marx, als er Ende August und Anfang September eine Reise nach Berlin
und Wien unternahm, in Berlin seine alten freundlichen Beziehungen zu
Bakunin erneuert und seine Ausweisung aus Preußen im Oktober scharf
bekämpft. Auch Engels leitete seine Polemik gegen einen Aufruf
Bakunins an die Slawen mit der Versicherung ein, daß Bakunin »unser
Freund« sei, ging dann aber mit sachlicher Schärfe gegen die
panslawistischen Tendenzen der kleinen Schrift vor.[12]
Zunächst entschied auch hier das Interesse der Revolution. In dem
Kampfe der Wiener Regierung gegen die revolutionären Deutschen und
Ungarn, hatten sich die österreichischen Slawen - mit Ausnahme der
|171| Polen - auf die reaktionäre Seite geschlagen. Sie hatten das
aufständische Wien gestürmt und der erbarmungslosen Rache der k. k.
Gewalthaber ausgeliefert; zur Zeit, wo Engels gegen Bakunin schrieb,
standen sie gegen das aufständische Ungarn im Felde, dessen
Revolutionskrieg Engels mit großer Sachkenntnis in der »Neuen
Rheinischen Zeitung« verfolgte und dabei mit einer leidenschaftlichen
Teilnahme, die ihn die Magyaren nach der Höhe ihrer historischen
Entwicklung ebenso überschätzen ließ wie die Polen. Auf die Forderung
Bakunins, den österreichischen Slawen ihre Selbständigkeit zu sichern,
antwortete Engels: »Wir denken nicht daran. Auf die sentimentalen
Brüderschaftsphrasen, die uns hier im Namen der kontrerevolutionärsten
Nationen Europas dargeboten werden, antworten wir, daß der Russenhaß
die erste revolutionäre Leidenschaft bei den Deutschen war und
noch ist; daß seit der Revolution der Tschechen- und Kroatenhaß
hinzugekommen ist und daß wir, in Gemeinschaft mit Polen und Magyaren,
nur durch den entschiedensten Terrorismus gegen diese slawischen
Völker die Revolution sicherstellen können. Wir wissen jetzt, wo die
Feinde der Revolution konzentriert sind: in Rußland und den
östreichischen Slawenländern; und keine Phrasen, keine Anweisungen auf
eine unbestimmte demokratische Zukunft dieser Länder werden uns
abhalten, unsere Feinde als Feinde zu behandeln.«[13]
Und so kündigte Engels dem »revolutionsverräterischen Slawentum«
unerbittlichen Kampf auf Leben und Tod an.
Das
war jedoch nicht oder nicht nur in einer Aufwallung heißen Zorns über
die Knechtsdienste geschrieben, die die österreichischen Slawen der
europäischen Reaktion leisteten. Engels sprach den slawischen Völkern
- mit Ausnahme der Polen, der Russen und etwa der Slawen in der Türkei
- jede geschichtliche Zukunft ab, »aus dem einfachen Grunde, weil
allen übrigen Slawen die ersten historischen, geographischen,
politischen und industriellen Bedingungen der Selbständigkeit und
Lebensfähigkeit fehlen«.[14]
Der Kampf um ihre nationale Unabhängigkeit mache sie zu willenlosen
Werkzeugen des Zarentums, woran die gutgemeinten Selbsttäuschungen der
demokratischen Panslawisten nichts ändern könnten. Das historische
Recht der großen Kulturvölker auf eine revolutionäre Entwicklung gehe
dem Kampfe dieser kleinen, verkrüppelnden, ohnmächtigen Natiönchen um
Unabhängigkeit voran, selbst wenn dabei manch sanftes Nationenblümlein
gewaltsam zerknickt würde; sie würden dadurch nur befähigt, an einer
geschichtlichen Entwicklung teilzunehmen, der sie, sich überlassen,
gänzlich fremd bleiben müßten. Und so sagte Engels noch 1882, wenn der
Befreiungsdrang |172|* der Balkanslawen mit den Interessen des
westeuropäischen Proletariats zusammenstieße, so könnten ihm diese
Handlanger des Zarentums gestohlen werden; in die Politik gehörten
poetische Sympathien nicht hinein.
Engels
irrte, wenn er den kleinen slawischen Nationen die geschichtliche
Zukunft absprach, aber sein Grundgedanke war unzweifelhaft richtig,
und die »Neue Rheinische Zeitung« vertrat ihn auch mit aller
Entschiedenheit in einem Falle, wo er mit den »poetischen Sympathien«
des Philister zusammentraf.
4. Septembertage
Es
handelte sich um den Krieg, den die preußische Regierung nach dem 18.
März im Auftrag des Deutschen Bundes mit Dänemark begonnen hatte, und
zwar wegen der schleswig-holsteinischen Frage.
Holstein war ein deutsches Land und gehörte zum Deutschen Bunde;
Schleswig stand außerhalb dieses Bundes und war, wenigstens in seinen
nördlichen Bezirken, überwiegend dänisch. Beide Herzogtümer verband
seit manchem Jahrhundert die Gemeinsamkeit des Herrscherhauses mit dem
nur um weniges größeren und volkreicheren Königreich Dänemark, so
jedoch, daß in Dänemark auch die weibliche, in Schleswig-Holstein aber
nur die männliche Erbfolge galt. Untereinander waren die beiden
Herzogtümer durch eine strenge Realunion verknüpft und besaßen in
dieser Untrennbarkeit staatliche Selbständigkeit.
So war
das Verhältnis Dänemarks zu den Herzogtümern nach den
völkerrechtlichen Verträgen. Tatsächlich gestaltete es sich so, daß
bis an die Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts der deutsche Geist in
Kopenhagen überwog, die deutsche Sprache die amtliche Sprache des
dänischen Königreichs war und schleswig-holsteinische Edelleute den
maßgebenden Einfluß in den dänischen Kanzleien besaßen. In den
napoleonischen Kriegen verschärften sich die nationalen Gegensätze;
Dänemark mußte die Treue, die es dem Erben der Französischen
Revolution bis zuletzt bewahrt hatte, in den Wiener Verträgen mit dem
Verlust Norwegens büßen und wurde im Ringen um seine staatliche
Existenz auf die Annexion Schleswig-Holsteins gedrängt, zumal da das
allmähliche Erlöschen des Mannesstammes in seinem Königshause den
Anheimfall der Herzogtümer an eine Nebenlinie und damit ihre völlige
Trennung von Dänemark in absehbare Nähe rückte. So emanzipierte sich
Dänemark nach seinen Kräften vom deutschen Einfluß und pflegte
|173| dafür, da es zur Erzeugung eines eigenen Nationalgeistes zu
klein war, einen künstlichen Skandinavismus, für den es sich mit
Norwegen und Schweden zu einer eigenen Kulturwelt zu verbinden suchte.
Die
Versuche der dänischen Regierung, sich der Elbherzogtümer völlig zu
bemächtigen, fanden in ihnen selbst einen zähen Widerstand, der bald
zur deutschen Nationalsache wurde. Das ökonomisch aufblühende
Deutschland erkannte, besonders nach der Gründung des Zollvereins, die
Bedeutung, die die schleswig-holsteinische, zwischen zwei Meeren
hingestreckte Halbinsel für seinen Handels- und Seeverkehr hatte, und
begrüßte mit immer wachsendem Beifall die schleswig-holsteinische
Opposition gegen die dänische Propaganda. Seit dem Jahre 1844 wurde
das Lied »Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe
Wacht« eine Art Nationalhymne. Aus dem langweiligen und schläfrigen
Tempo einer vormärzlichen Agitation kam die Bewegung freilich nicht
heraus, aber ganz vermochten die deutschen Regierungen sich ihrem
Einfluß nicht zu entziehen. Als der dänische König Christian VIII. im
Jahre 1847 einen entscheidenden Gewaltschritt vorbereitete durch den
Offenen Brief, worin er das Herzogtum Schleswig und selbst einen Teil
des Herzogtums Holstein als integrierende Teile des dänischen
Gesamtstaats ansprach, raffte sich sogar der Bundestag zu einem lahmen
Protest auf, statt sich für unzuständig zu erklären, wie es seine
Gewohnheit war, wenn es den Schutz deutscher Volksstämme vor
fürstlichen Gewalttaten galt.
Nun
fühlte die »Neue Rheinische Zeitung« nicht die geringste
Stammverwandtschaft mit dem meerumschlungenen bürgerlichen
Schoppenenthusiasmus; sie sah in ihm nur den Gegenpol des
Skandinavismus, den sie geißelte als »die Begeisterung für die
brutale, schmutzige, seeräuberische, altnordische Nationalität, für
jene tiefe Innerlichkeit, die ihre überschwenglichen Gedanken und
Gefühle nicht in Worte bringen kann, wohl aber in Taten, nämlich in
Roheit gegen Frauenzimmer, permanente Betrunkenheit und mit
tränenreicher Sentimentalität abwechselnde Berserkerwut«.[15]
Die ganze Lage der Dinge verschob sich in der eigentümlichen Weise,
daß unter dem reaktionären Banner des Skandinavismus gerade die
bürgerliche Opposition in Dänemark focht, die Partei der sogenannten
Eiderdänen, die nach der Dänisierung des Herzogtums Schleswig, nach
der Ausdehnung des dänischen Wirtschaftsgebiets lechzte, um den
Gesamtstaat dann durch eine moderne Verfassung zu befestigen, während
der Kampf der Herzogtümer für ihr altes und verbrieftes Recht mehr
oder weniger ein Kampf für feudale Privilegien und dynastische
Schnurrpfeifereien war.
|174| Im Januar 1848 gelangte in Dänemark
Friedrich VII. als letzter Sproß des Mannesstammes zur Regierung und
begann nach dem Rate seines sterbenden Vaters, eine liberale
Gesamtverfassung für Dänemark und die Herzogtümer vorzubereiten. Einen
Monat später rief die Februarrevolution in Kopenhagen eine stürmische
Volksbewegung wach. Sie brachte die eiderdänische Partei ans Ruder,
die sofort mit rastlosem Ungestüm an die Ausführung ihres Programms
ging, an die Einverleibung Schleswigs bis zur Eider. Darauf sagten
sich die Herzogtümer von dem dänischen Könige los, voran ihr 7.000
Mann starkes Heer, und bildeten in Kiel eine provisorische Regierung.
In ihr hatte der Adel die Oberhand, aber anstatt die Kräfte des Landes
zu entfesseln, die sich ganz wohl mit der dänischen Macht hätten
messen können, wandte er sich hilfeflehend an den Bundestag und die
preußische Regierung, von denen er keine Gefahr für feudale
Privilegien zu besorgen hatte.
Er
fand bereitwilliges Entgegenkommen bei beiden, denen die »Wahrung der
deutschen Sache« als willkommene Handhabe erschien, sich von den
zerschmetternden Schlägen der Revolution zu erholen. Namentlich der
preußische König hatte ein dringendes Bedürfnis, das Ansehen seiner
Garde, die am 18. März von den Berliner Barrikadenkämpfern aufs Haupt
geschlagen worden war, auf einem militärischen Spaziergang gegen das
schwache Dänemark wiederherzustellen. Er haßte die eiderdänische
Partei als revolutionäre Ausgeburt, aber auch in den
Schleswig-Holsteinern sah er Rebellen gegen die von Gott gesetzte
Obrigkeit und befahl seinen Generalen, den »Knechtesdienst für die
Revolution« so schlapp wie möglich zu tun; durch einen geheimen
Abgesandten, den Major von Wildenbruch, ließ er in Kopenhagen wissen,
er wünsche vor allen Dingen, die Elbherzogtümer ihrem König-Herzog zu
erhalten; er schreite nur ein, um die radikalen und republikanischen
Elemente an unheilbringender Einmischung zu hindern.
Damit
ließ sich Dänemark aber nicht ködern. Es rief seinerseits den Schutz
der Großmächte an, und England wie Rußland waren nur zu bereit, ihn zu
gewähren. Ihre Hilfe gestattete dem kleinen Dänemark, das große
Deutschland wie einen Schulbuben zu zausen. Während die dänischen
Kriegsschiffe dem deutschen Handel die empfindlichsten Wunden
schlugen, wurde das deutsche Bundesheer, das unter dem Befehl des
preußischen Generals Wrangel in die Elbherzogtümer eingerückt war und
trotz seiner elenden Kriegführung die um so viel schwächeren dänischen
Truppen vor sich hergejagt hatte, durch die diplomatische Intervention
der Großmächte völlig lahmgelegt. Ende Mai erhielt Wrangel aus Berlin
den Befehl, sich aus Jütland zurückzuziehen, worauf die |175|
Nationalversammlung am 9. Juni beschloß, daß die Sache der Herzogtümer
als eine Angelegenheit deutscher Nation zu ihrem Wirkungskreise gehöre
und daß sie die Ehre Deutschlands wahren werde.
In der
Tat wurde der Krieg im Namen des Deutschen Bundes geführt, und ihn zu
leiten, wäre die Sache der Nationalversammlung und des habsburgischen
Prinzen gewesen, den sie am 28. Juni als Reichsverweser eingesetzt
hatte. Daran kehrte sich aber die preußische Regierung nicht, sondern
schloß am 28. August unter englischem und russischem Druck mit
Dänemark auf sieben Monate den Waffenstillstand von Malmö, unter
völliger Mißachtung der vom Reichsverweser gestellten Bedingungen und
ihres Überbringers. Die einzelnen Bestimmungen des Waffenstillstandes
waren für Deutschland überaus schimpflich; die provisorische Regierung
Schleswig-Holsteins wurde aufgelöst und während des Waffenstillstands
einem dänischen Parteigänger die oberste Leitung anvertraut; die
Verordnungen der bisherigen provisorischen Regierung wurden aufgehoben
und die schleswigschen von den holsteinischen Truppen getrennt. Ebenso
geriet Deutschland militärisch ins Hintertreffen, indem die Waffenruhe
für die Wintermonate beschlossen wurde, wo die dänische Flotte zur
Blockade der deutschen Küste nutzlos wurde, aber der Frost den
Deutschen erlaubt hätte, über das Eis des Kleinen Belt zu rücken,
Fünen zu erobern und Dänemark auf Seeland zu beschränken.
Die
Nachricht von dem Abschluß des Waffenstillstandes fiel in den ersten
Septembertagen wie ein Donnerschlag auf die Frankfurter
Nationalversammlung, die »waschweiberredselig wie die Scholastiker des
Mittelalters«, die papierenen »Grundrechte« einer künftigen
Reichsverfassung bis zur Bewußtlosigkeit diskutierte. In der ersten
Bestürzung beschloß sie am 5. September, die Ausführung des
Waffenstillstandes zu sistieren, und veranlaßte dadurch den Rücktritt
des Reichsministeriums.
Diesen
Beschluß begrüßte die »Neue Rheinische Zeitung« mit lebhafter
Genugtuung, wenn auch ohne alle Illusionen. Über das Recht der
Verträge hinaus forderte sie den Krieg gegen Dänemark als ein Recht
der geschichtlichen Entwicklung. »Die Dänen sind ein Volk, das in der
unbeschränktesten kommerziellen, industriellen, politischen und
literarischen Abhängigkeit von Deutschland steht. Es ist bekannt, daß
die faktische Hauptstadt von Dänemark nicht Kopenhagen, sondern
Hamburg ist, ... daß Dänemark alle seine literarischen Lebensmittel,
ebensogut wie seine materiellen, über Deutschland bezieht und daß die
dänische Literatur - mit Ausnahme Holbergs - ein matter Abklatsch der
deutschen ist ... |176| Mit demselben Recht, mit dem die
Franzosen Flandern, Lothringen und Elsaß genommen haben und Belgien
früher oder später nehmen werden, mit demselben Recht nimmt
Deutschland Schleswig: mit dem Recht der Zivilisation gegen die
Barbarei, des Fortschritts gegen die Stabilität ... Der Krieg, den wir
in Schleswig-Holstein führen, ist also ein wirklicher
Revolutionskrieg. Und wer ist von Anfang an auf Seite Dänemarks
gewesen? Die drei kontrerevolutionärsten Mächte Europas: Rußland,
England und die preußische Regierung. Die preußische
Regierung hat solange sie konnte, einen bloßen Scheinkrieg
geführt - man denke an Wildenbruchs Note, an die Bereitwilligkeit, mit
der sie auf englisch-russische Vorstellungen hin den Rückzug aus
Jütland befahl, und schließlich an den zweimaligen Waffenstillstand!
Preußen, England und Rußland sind die drei Mächte, die die deutsche
Revolution und ihre erste Folge, die deutsche Einheit, am meisten zu
fürchten haben: Preußen, weil es dadurch aufhört zu existieren,
England, weil der deutsche Markt dadurch seiner Exploitation entzogen
wird, Rußland, weil die Demokratie dadurch nicht nur an die Weichsel,
sondern selbst bis an die Düna und an den Dnjepr vorrücken muß.
Preußen, England und Rußland haben komplottiert gegen
Schleswig-Holstein, gegen Deutschland und gegen die Revolution. Der
Krieg, der möglicherweise jetzt aus den Beschlüssen in Frankfurt
entstehen kann, würde ein Krieg Deutschlands gegen Preußen, England
und Rußland sein. Und gerade solch ein Krieg tut der einschlummernden
deutschen Bewegung not - ein Krieg gegen die drei Großmächte der
Kontrerevolution, ein Krieg, der Preußen in Deutschland wirklich
aufgehn, der die Allianz mit Polen zum unumgänglichsten Bedürfnis
macht, der die Freilassung Italiens sofort herbeiführt, der gerade
gegen die alten kontrerevolutionären Alliierten Deutschlands von 1792
bis 1815 gerichtet ist, ein Krieg, der ›das Vaterland in Gefahr‹
bringt und gerade dadurch rettet, indem er den Sieg Deutschlands
vom Siege der Demokratie abhängig macht.«[16]
Was
die »Neue Rheinische Zeitung« in diesen Sätzen klar und scharf
aussprach, empfand auch der Instinkt der revolutionären Massen;
Tausende strömten aus fünfzig Meilen in der Runde nach Frankfurt,
bereit zu neuem revolutionären Kampfe. Aber wie die Zeitung mit Recht
gesagt hatte, dieser neue Kampf würde die Nationalversammlung selbst
weggefegt haben, und dem Selbstmord aus Heroismus zog sie den
Selbstmord aus Feigheit vor. Am 16. September genehmigte sie den
Waffenstillstand von Malmö und auch ihre Linke mit Ausnahme weniger
Mitglieder lehnte ab, sich als revolutionärer Konvent aufzutun. Es kam
nur zu einem kleinen Barrikadenkampf in Frankfurt selbst, den |177|
der biedere Reichsverweser absichtlich heranwachsen ließ, um dann eine
überwältigende Truppenmacht aus der Bundesfestung Mainz heranzuziehen
und das souveräne Parlament unter die Gewalt der Bajonette zu stellen.
Zu
gleicher Zeit wurde das Ministerium Hansemann in Berlin von dem
elenden Ende ereilt, das ihm die »Neue Rheinische Zeitung«
vorhergesagt hatte. Indem es die »Staatsmacht« gegen die »Anarchie«
stärkte, half es dem altpreußischen Beamten-, Militär- und
Polizeistaat, der am 18. März zusammengebrochen war, wieder auf die
Beine, ohne ihm selbst nur die nackten Profitinteressen der
Bourgeoisie abtrotzen zu können, um derentwillen es die Revolution
verriet. Vor allem bestand noch, wie ein Mitglied der Berliner
Versammlung seufzte, das »alte Militärsystem, mit dem der Bruch in den
Märztagen stattgefunden hatte, in der allervollständigsten
Vollständigkeit«, und seit den Pariser Junitagen rasselte ihm von
selbst die Plempe in der Scheide. Es war ein offenes Geheimnis, daß
der Waffenstillstand mit Dänemark nicht zuletzt deshalb von der
preußischen Regierung betrieben wurde, um Wrangel mit der Garde in die
Umgegend Berlins zurückzurufen und den entscheidenden Schlag der
Gegenrevolution vorzubereiten. Deshalb raffte sich die Berliner
Versammlung am 7. September zu dem Beschlusse auf, von dem
Kriegsminister einen Erlaß zu fordern, der die Offiziere des Heeres
vor allen reaktionären Bestrebungen warnen und ihnen den Austritt aus
dem Heere zur Ehrenpflicht machen sollte, falls ihre politische
Überzeugung sich nicht mit dem konstitutionellen Rechtszustande
vertrüge.
Damit
war wenig genug getan, zumal da ähnliche Erlasse schon ohne jede
Wirkung an die bürgerliche Bürokratie ergangen waren, aber es war doch
viel mehr, als sich der Militarismus von einem bürgerlichen
Ministerium bieten ließ. Das Ministerium Hansemann stürzte, und der
General Pfuel bildete ein neues, rein bürokratisches Ministerium, das
in aller Gemütlichkeit den von der Versammlung geforderten Erlaß an
das Offizierkorps verfügte, aller Welt zum Zeugnis, daß der
Militarismus die bürgerliche Herrlichkeit nicht mehr fürchte, sondern
ihrer nur noch spotte.
So
erfüllte sich an der »quengelnden, klugtuenden, entschlußunfähigen«
Versammlung in Berlin die Vorhersage der »Neuen Rheinischen Zeitung«,
die Linke könnte an einem schönen Morgen finden, daß ihr
parlamentarischer Sieg und ihre wirkliche Niederlage zusammenfielen.
Auf den Lärm der kontrerevolutionären Presse aber darüber, daß der
Sieg der Linken nur durch den Druck der Berliner Volksmassen auf die
|178| Versammlung zu erklären sei, lehnte sie die lahmen
Ableugnungsversuche der liberalen Blätter ab und erklärte offen: »Das
Recht der demokratischen Volksmassen, durch ihre Anwesenheit auf die
Haltung konstituierender Versammlungen moralisch einzuwirken, ist ein
altes revolutionäres Volksrecht, das seit der englischen und
französischen Revolution in keiner stürmischen Zeit entbehrt werden
konnte. Diesem Recht verdankt die Geschichte fast alle energischen
Schritte solcher Versammlungen.«[17]
Ein Wink an den »parlamentarischen Kretinismus«, der in den
Septembertagen von 1848 die Frankfurter Versammlung ebenso traf wie
die Berliner.
5. Die Kölner
Demokratie
Die
Septemberkrisen in Berlin und Frankfurt übten einen starken Rückschlag
auch auf Köln aus.
Die
Rheinlande waren die schwerste Sorge der Gegenrevolution. Sie wurden
mit Truppen überhäuft, die sich aus den östlichen Provinzen
rekrutierten; etwa der dritte Teil des preußischen Heeres stand in der
Rheinprovinz und Westfalen. Dagegen ließ sich mit kleinen Aufständen
nichts machen; desto notwendiger war eine stramme und straffe
Organisation der Demokratie für den Tag, wo aus der halben eine ganze
Revolution werden konnte.
Die
demokratische Organisation, die im Juni auf einem, von 88
demokratischen Vereinen beschickten Kongreß in Frankfurt a.M.
beschlossen worden war, gewann nur in Köln ein festes Knochengerüst,
während sie überall sonst in Deutschland ein sehr loses Gebilde blieb.
Die Kölner Demokratie gliederte sich in drei große Vereine, deren
jeder mehrere tausend Mitglieder zählte: die Demokratische
Gesellschaft, die von Marx und dem Advokaten Schneider geleitet wurde,
den Arbeiter-Verein, an dessen Spitze Moll und Schapper standen, und
den Verein für Arbeitgeber und Arbeiter, den namentlich der Referendar
Hermann Becker vertrat. Diese Vereine taten sich, als Köln von dem
Frankfurter Kongresse zum Vorort für Rheinland und Westfalen gewählt
worden war, zu einem Zentralausschuß zusammen, der Mitte August einen
Kongreß der rheinischen und westfälischen Vereine von demokratischer
Tendenz nach Köln einberief. Es kamen 40 Abgeordnete, die 17 Vereine
vertraten und den Zentralausschuß der drei Kölner Vereine als
Kreisausschuß für Rheinland und Westfalen bestätigten.
|179| Die Seele dieser Organisation war Marx,
wie er die Seele der »Neuen Rheinischen Zeitung« war. Er besaß die
Gabe, über Menschen zu herrschen, was ihm die landläufige Demokratie
nun freilich am wenigsten verzieh. Auf dem Kölner Kongreß sah ihn Karl
Schurz zum ersten Male, zur Zeit ein junger Student von neunzehn
Jahren, und schilderte ihn noch aus später Erinnerung: »Marx war
damals dreißig Jahre alt und bereits das anerkannte Haupt einer
sozialistischen Schule. Der untersetzte, kräftige Mann mit der breiten
Stirn, dem pechschwarzen Haupthaar und Vollbart und den dunkeln,
blitzenden Augen, zog sofort die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.
Er besaß den Ruf eines in seinem Fach sehr bedeutenden Gelehrten, und
was er sagte, war in der Tat gehaltreich, logisch und klar. Aber
niemals habe ich einen Menschen von so verletzender, unerträglicher
Arroganz des Auftretens kennengelernt.« Und immer hat dieser Held der
Bourgeoisie sich des schneidend höhnischen, des sozusagen
ausspuckenden Tons erinnert, womit Marx das Wort »Bourgeois«
aussprach.
Es war
dieselbe Melodie, die zwei Jahre später der Leutnant Techow anschlug,
der nach einer Unterhaltung mit Marx schrieb: »Marx hat mir den
Eindruck nicht nur einer seltenen Überlegenheit, sondern auch einer
bedeutenden Persönlichkeit gemacht. Hätte er ebensoviel Herz wie
Verstand, ebensoviel Liebe wie Haß, dann würde ich für ihn durchs
Feuer gehen, obgleich er mir seine vollständigste Geringschätzung
nicht nur verschiedentlich angedeutet, sondern zuletzt ganz unumwunden
ausgesprochen hat. Er ist der erste und einzige unter uns allen, dem
ich das Zeug zutraue zu herrschen, das Zeug, auch unter großen
Verhältnissen sich nicht ins kleine zu verlieren.« Und dann kommt die
Litanei, daß der gefährlichste persönliche Ehrgeiz in Marx alles
zerfressen habe.
Anders
urteilte Albert Brisbane, der amerikanische Apostel Fouriers, der im
Sommer 1848 sich als Korrespondent der »New-York Daily Tribune« in
Köln aufhielt, zugleich mit Charles Dana, dem Herausgeber dieses
Blattes: »Ich sah dort Karl Marx, den Führer der volkstümlichen
Bewegung. Damals war er gerade im Aufstieg zur Höhe begriffen, ein
Mann in den Dreißigern, von untersetztem stämmigen Körperbau mit einem
feinen Gesicht und dichtem schwarzen Haar. Seine Züge hatten den
Ausdruck großer Energie, und hinter seiner maßvollen Zurückhaltung
konnte man das leidenschaftliche Feuer einer kühnen Seele entdecken.«
In der Tat - mit besonnener Kühnheit hat Marx damals die Kölner
Demokratie geleitet.
So
groß die Aufregung war, die die Septemberkrisen in ihren Reihen
hervorriefen, so wagte die Frankfurter Versammlung keine Revolution
|180|* und das Ministerium Pfuel noch keine Gegenrevolution. Damit
war jeder örtliche Aufstand aussichtslos, aber um so mehr lag den
Kölner Behörden daran, einen Putsch hervorzurufen, der mit leichter
Mühe blutig niedergeschlagen werden konnte. Auf erdichtete und bald
von ihnen selbst fallengelassene Vorwände hin gingen sie mit
gerichtlichen und polizeilichen Prozeduren gegen die Mitglieder des
Demokratischen Kreisausschusses und die Redakteure der »Neuen
Rheinischen Zeitung« vor. Marx warnte vor der lauernden Hinterlist der
Gegner; in einem Augenblick, wo keine große Frage die
Gesamtbevölkerung in den Kampf treibe und jeder Putsch daher scheitern
müsse, sei ein Aufstandsversuch um so zweckloser, als in naher Zukunft
gewaltige Ereignisse eintreten könnten und man sich vor dem Tage der
Entscheidung nicht kampfunfähig machen dürfe. Wenn die Krone eine
Gegenrevolution wage, dann schlage für das Volk die Stunde einer neuen
Revolution.
Dennoch kam es zu einem kleinen Tumulte, als am 25. September Becker,
Moll, Schapper und Wilhelm Wolff verhaftet werden sollten. Es wurden
sogar einige Barrikaden gebaut, auf die Nachricht, daß Militär
anrücke, um eine Volksversammlung zu sprengen, die auf dem Alten
Markte stattfand, aber das Militär kam nicht, und erst als danach
wieder völlige Ruhe hergestellt war, hatte der Kommandant den Mut, den
Belagerungszustand über Köln zu verhängen. Dadurch wurde die »Neue
Rheinische Zeitung« unterdrückt; am 27. September hörte sie auf zu
erscheinen. Sie tödlich zu treffen, war wohl der eigentliche Zweck des
sinnlosen Gewaltstreiches, den das Ministerium Pfuel schon nach
wenigen Tagen aufhob. Und sie wurde auch schwer genug getroffen, so
daß sie erst am 12. Oktober wieder auf dem Kampfplatz erscheinen
konnte.
Ihre
Redaktion wurde gesprengt, da die meisten Redakteure, um
Verhaftsbefehlen zu entgehen, über die Grenze gingen, nach Belgien wie
Dronke und Engels oder nach der Pfalz wie Wilhelm Wolff, und erst
allmählich wieder zurückkehren konnten; Engels war noch Anfang Januar
1849 in Bern, wohin er durch Frankreich meist zu Fuß gewandert war.
Vor allem aber waren die Finanzen der Zeitung völlig zerrüttet. Nach
dem Abfall ihrer Aktionäre hatte sie sich Dank ihrer wachsenden
Verbreitung mühsam durchgefristet; nach diesem neuen Schlage aber war
sie nur dadurch zu halten, daß Marx sie als »persönliches Eigentum«
übernahm, das will sagen, ihr das bißchen Vermögen opferte, das er von
seinem Vater geerbt hatte, oder auf sein künftiges Erbteil flüssig zu
machen verstand. Er selbst hat nie ein Wort darüber verloren, aber
durch briefliche Äußerungen seiner Frau ist die Tatsache festgestellt
und auch durch öffentliche Erklärungen seiner Freunde, in |181|
denen auf etwa 7.000 Taler beziffert wird, was Marx in dem
Revolutionsjahre der Agitation und dem Blatte geopfert hat. Doch kommt
es natürlich nicht auf die Höhe der Summe an, sondern darauf an, ob er
die Festung bis auf die letzte Munition zu halten versuchte.
Noch
in anderer Beziehung lebte er von der Hand in den Mund. Nach Ausbruch
der Revolution hatte der Bundesrat am 30. März beschlossen,
wahlberechtigt und wählbar zur deutschen Nationalversammlung sollten
auch die deutschen Flüchtlinge sein, wenn sie nach Deutschland
zurückkehrten und ihr Bürgerrecht wieder antreten zu wollen erklärten.
Dieser Beschluß war von der preußischen Regierung ausdrücklich
anerkannt worden. Marx hatte die Bedingung erfüllt, die ihm das
Reichsbürgerrecht sicherte, und konnte um so mehr beanspruchen, daß
ihm das preußische Indigenat nicht verweigert würde. In der Tat
gewährte es ihm der Kölner Stadtrat sofort, als er sich im April 1848
darum bewarb, und der Kölner Polizeidirektor Müller, dem Marx
vorstellte, daß er seine Familie nicht aufs Ungewisse von Trier nach
Köln übersiedeln lassen könne, versicherte ihn, daß seine
Renaturalisation auch von der Bezirksregierung genehmigt werden würde,
die den Beschluß des Stadtrats nach einem alten preußischen Gesetze zu
bestätigen hatte. Inzwischen begann die »Neue Rheinische Zeitung« zu
erscheinen, und am 3. August erhielt Marx ein amtliches Schreiben des
kommissarischen Polizeidirektors Geiger, worin ihn dieser
benachrichtigte, daß die Königliche Regierung nach Lage seiner
Verhältnisse von ihrer Befugnis, einem Ausländer die Eigenschaft als
preußischem Untertan zu verleihen, zu seinen Gunsten »für jetzt«
keinen Gebrauch gemacht habe, er daher nach wie vor als Ausländer zu
betrachten sei. Eine geharnischte Beschwerdeschrift, die Marx
daraufhin am 22. August an das Ministerium des Innern richtete, wurde
zurückgewiesen.
Seine
Familie aber hatte er, der zärtlichste Gatte und Vater, auch aufs
»Ungewisse« nach Köln kommen lassen. Sie war inzwischen angewachsen;
auf das erste Töchterchen, das nach der Mutter Jenny hieß, und im Mai
1844 geboren wurde, war im September 1845 ein zweites Töchterchen
Laura und nach vermutlich nicht längerem Zwischenraume ein Söhnchen
Edgar gefolgt, das einzige dieser und der späteren Kinder, dessen
Geburtsjahr und Geburtsmonat nicht mehr genau festgestellt werden
kann. Als treuer Hausgeist begleitete Helene Demuth die Familie schon
seit den Pariser Tagen.
Marx
gehörte nicht zu den Menschen, die ihre Hand durch die Begrüßung von
jedem neugeheckten Bruder härten, aber wohl zu denen, die Treu'
erzeigen und Freundschaft halten können. Auf demselben |182|
Kongresse, wo er durch seine unerträgliche Anmaßung auch die
zurückgestoßen haben sollte, die ihm willig entgegenkamen, gewann er
in dem Advokaten Schily aus Trier und dem Lehrer Imandt aus Krefeld
Freunde fürs Leben, und wenn die strenge Geschlossenheit seines Wesens
halben Revolutionären, wie Schurz und Techow, unheimlich erschien, so
zwang sie, gerade in diesen Kölner Tagen, echte Revolutionäre, wie
Freiligrath und Lassalle, um so unwiderstehlicher in seinen geistigen
und gemütlichen Bann.
6. Freiligrath und
Lassalle
Ferdinand Freiligrath war acht Jahre älter als Marx. Er hatte in
jungen Jahren reichlich von der Milch frommer Denkungsart getrunken,
und die Schläge der alten »Rheinischen Zeitung« empfunden, als er nach
Herweghs Ausweisung aus Preußen ein Spottlied auf die mißlungene
Triumphfahrt dieses Dichters angestimmt hatte. Bald aber hatte die
vormärzliche Reaktion aus dem Paulus einen Saulus gemacht, und im
Brüsseler Exil war er sich zwar flüchtig nur, aber freundlich mit Marx
begegnet, einem »interessanten, netten, anspruchslos auftretenden
Kerl«, wie er meinte, und darin hatte Freiligrath ein Urteil. Denn
obgleich oder vielmehr weil er frei war von aller Eitelkeit, besaß er
eine feine Empfindung für alles, was nur entfernt nach Anmaßung
schmeckte.
Eine
wirkliche Freundschaft haben beide Männer erst im Sommer und Herbst
1848 geschlossen. Was sie verband, war die gegenseitige Achtung vor
dem kühnen und starken Charakter, mit dem jeder von beiden das
gemeinsame revolutionäre Prinzip in der rheinischen Bewegung vertrat.
»Er ist ein wirklicher Revolutionär und ein durch und durch ehrlicher
Mann, ein Lob, das ich wenigen zuteilen möchte«, schrieb Marx mit auf
richtigem Respekt in einem Briefe an Weydemeyer, den er gleichwohl
ermunterte, dem Dichter ein wenig um den Bart zu gehen, denn das
Völklein der Poeten wolle nun einmal gestreichelt sein, wenn es singen
solle. Und so schrieb Marx, der sonst sein Herz nicht auf der Zunge
trug, in einer Stunde der Spannung an Freiligrath selbst: »Ich sage
Dir unumwunden, daß ich mich nicht entschließen kann, einen der
wenigen Männer, die ich im eminenten Sinne des Worts als Freunde
geliebt habe, wegen irrelevanter [Mehring übersetzt: unwesentlicher]
Mißverständnisse zu verlieren.« In der Zeit der schwersten Not hat
Marx nächst Engels keinen treueren Freund gehabt als Freiligrath.
|183| Weil diese Freundschaft so echt und
einfach war, ist sie den Philistern von jeher ein Ärgernis und eine
Torheit gewesen. Bald soll die überhitzte Einbildungskraft des
Dichters ihm einen schändlichen Streich gespielt und ihn in eine
Gesellschaft dunkler Ehrenmänner verlockt, bald soll ein dämonischer
Demagoge einen harmlosen Sänger giftig angehaucht und zum Verstummen
gebracht haben. Es würde sich nicht lohnen, darüber auch nur ein Wort
zu verlieren, wenn man als Gegengift gegen den Unsinn nicht das
falsche Heilmittel verabreicht hätte, aus Freiligrath einen modernen
Sozialdemokraten zu machen, was ihn nun doch auch in ein schiefes
Licht rückt. Er war ein Revolutionär aus dichterischer Anschauung,
nicht aus wissenschaftlicher Erkenntnis; er sah in Marx einen
revolutionären Vorkämpfer und im Bunde der Kommunisten eine
revolutionäre Vorhut, die ihresgleichen nicht in ihrer Zeit hatten,
aber die historischen Gedankengänge des »Kommunistischen Manifestes«
blieben ihm mehr oder minder fremd, und mit dem oft so elenden und
nüchternen Kleinkram der Agitation durfte man seiner glühenden
Phantasie nicht kommen.
Von
ganz anderm Schlage war Ferdinand Lassalle, der sich zu gleicher Zeit
eng an Marx anschloß. Er war sieben Jahre jünger als dieser und hatte
sich bisher nur durch einen eifrigen Kampf für die von ihrem Gatten
mißhandelte und von ihrer Kaste verratene Gräfin Hatzfeldt bekannt
gemacht; im Februar 1848 wegen angeblicher Verleitung zum Diebstahl
einer Kassette verhaftet, war er am 11. August nach einer glänzenden
Verteidigung von den Kölner Geschworenen freigesprochen worden und
konnte sich nun erst an den revolutionären Kämpfen beteiligen, als
deren Leiter ihm, bei seiner »unendlichen Sympathie für jede große
Kraft«, Marx nicht anders als imponieren konnte.
Lassalle hatte die Schule Hegels durchlaufen und beherrschte völlig
die Methode des Meisters, ohne schon an ihrer Unfehlbarkeit zu
zweifeln, aber auch ohne epigonenhafte Verkümmerung; bei einem Besuch
in Paris hatte er den französischen Sozialismus kennengelernt und von
Heines Seherblick die Weihe einer großen Zukunft empfangen. Allein die
großen Erwartungen, die dieser Jüngling erregte, wurden gedämpft durch
manche Zwiespältigkeit seines Wesens, die er im Kampf mit dem
niederziehenden Erbe einer unterdrückten Rasse noch nicht ausgeglichen
hatte; in seinem elterlichen Hause hatte noch ganz und gar der fade
Dunst des polnischen Judentums geherrscht. Und in seiner
Schilderhebung für die Gräfin Hatzfeldt vermochten auch freiere
Geister nicht immer zu erkennen, was er selbst behauptete und von
seinem Standpunkt aus auch mit Recht behaupten konnte, daß er in dem
einzelnen Falle die |184| soziale Misere einer zu Grabe
keuchenden Zeit bekämpfe. Sogar Freiligrath, der ihn überhaupt nie
sehr gern gemocht hat, sprach wegwerfend von dem »Familiendreck«, um
den sich nach Lassalles Meinung die ganze Weltgeschichte drehe.
Sieben
Jahre später hat sich Marx ganz ähnlich geäußert: Lassalle halte sich
für weltbezwingend, weil er rücksichtslos in einer Privatintrige
gewesen sei, als ob ein wirklich bedeutender Mensch zehn Jahre einer
solchen Bagatelle opfern würde. Und noch ein paar Jahrzehnte später
hat Engels gemeint, Marx habe von Anfang an eine starke Antipathie
gegen Lassalle gehegt; die »Neue Rheinische Zeitung« habe
geflissentlich sowenig als möglich von Lassalles Hatzfeldtprozessen
Notiz genommen, weil man sich nicht den Anschein einer Gemeinsamkeit
mit Lassalle in diesen Dingen habe geben wollen. Hierin ist aber
Engels durch seine Erinnerung getäuscht worden. Die »Neue Rheinische
Zeitung« hat sehr ausführlich über den Prozeß wegen des
Kassettendiebstahls berichtet, bis zum Tage ihrer Unterdrückung am 27.
September, und aus diesen Berichten kann man freilich ersehen, daß der
Prozeß seine minder schönen Seiten hatte. Auch hat Marx, wie er selbst
in einem Briefe an Freiligrath angibt, der Gräfin Hatzfeldt in ihrer
damaligen Bedrängnis aus seinen bescheidenen Mitteln mit Darlehen
ausgeholfen, und als er selbst gleich nach seiner Kölner Zeit in arge
Bedrängnis geriet, hat er neben Freiligrath in einer Stadt, wo er
manchen alten Freund besaß, Lassalle zu seinem Vertrauten erwählt.
Sicherlich hat Engels darin recht, daß Marx nach dem volkstümlichen
Ausdruck nun mal die Antipathie hatte, wie Engels selbst und auch
Freiligrath, jene Antipathie, die über oder auch unter allen
Vernunftgründen steht. Aber es liegen Zeugnisse genug dafür vor, daß
Marx sich nicht von vornherein von seiner Antipathie so habe
beherrschen lassen, um selbst nur den bei alledem tieferen Sinn der
Hatzfeldtischen Händel zu verkennen, geschweige denn die glühende
Begeisterung Lassalles für die Sache der Revolution, seine
hervorragenden Gaben für den Klassenkampf des Proletariats und zuletzt
auch die hingebende Freundschaft, die ihm der jüngere Kampfgenosse
entgegentrug.
Es ist
nicht um Lassalles willen, dessen historisches Recht längst gesichert
worden ist, wenn man sorgsam abwägen muß, wie sich der Verkehr
zwischen beiden Männern schon von Anfang an gestaltet hat. Mehr kommt
darauf an, Marx vor jedem falschen Schein zu sichern, denn sein
Verhältnis zu Lassalle ist das schwierigste psychologische Problem,
das sein Leben bietet.
7. Oktober- und
Novembertage
|185| Als die »Neue Rheinische Zeitung« am 12.
Oktober wieder zu erscheinen begann, mit der Ankündigung, daß
Freiligrath in ihre Redaktion eingetreten sei, hatte sie das Glück,
eine neue Revolution zu begrüßen. Am 6. Oktober war das Wiener
Proletariat mit derber Faust in den tückischen Plan der habsburgischen
Gegenrevolution gefahren, nach den Siegen Radetzkys in Italien mit
Hilfe der slawischen Völkerschaften erst die rebellischen Ungarn und
danach die rebellischen Deutschen niederzuwerfen.
Marx
hatte sich vom 28. August bis 7. September in Wien aufgehalten, um die
dortigen Massen aufzuklären. Nach den sehr spärlichen Zeitungsnotizen,
die darüber vorliegen, war es ihm damit nicht gelungen; erklärlich
genug, da sich die Wiener Arbeiter noch auf einer verhältnismäßig
niedrigen Stufe der Entwicklung befanden. Um so höher war der echt
revolutionäre Instinkt zu schätzen, womit sie sich dem Marsch der
Regimenter widersetzten, die zur Bekämpfung der Ungarn befohlen worden
waren. Sie lenkten damit den ersten Stoß der Gegenrevolution auf sich
selbst, eine hochherzige Aufopferung, deren der ungarische Adel nicht
in gleichem Maße fähig war. Er wollte den Kampf für die Unabhängigkeit
seines Landes auf Grund seiner verbrieften Rechte führen, und das
ungarische Heer wagte nur einen halben und zaghaften Vorstoß, der den
Todeskampf des Wiener Aufstandes nicht erleichtert, sondern erschwert
hat.
Nicht
besser benahm sich die deutsche Demokratie. Sie erkannte wohl, wieviel
auch für sie von dem Gelingen des Wiener Aufstandes abhing. Siegte die
Gegenrevolution in der österreichischen Hauptstadt, so führte sie auch
in der preußischen Hauptstadt, wo sie längst auf der Lauer lag, den
entscheidenden Streich. Aber die deutsche Demokratie berauschte sich
nur in sentimentalen Klagen, in unfruchtbaren Sympathien, in
Hilferufen an den hilflosen Reichsverweser. Der Demokratische Kongreß,
der Ende Oktober zum zweiten Male in Berlin tagte, erließ einen von
Ruge verfaßten Aufruf, zugunsten des belagerten Wiens, von dem die
»Neue Rheinische Zeitung« treffend sagte, daß er den Mangel an
revolutionärer Energie durch ein predigerartiges Heulerpathos ersetze,
hinter dem sich der entschiedenste Mangel an Gedanken und Leidenschaft
verberge. Ihre leidenschaftlichen Aufrufe, von Marx in wuchtiger
Prosa, von Freiligrath in prachtvollen Versen erlassen, den Wienern
die einzige Hilfe zu bringen, die sie retten könne: die Besiegung der
Gegenrevolution im eigenen Hause, verhallten in die leere Luft.
|186| Damit war das Schicksal der Wiener
Revolution besiegelt. Verraten auch von der Bourgeoisie und den Bauern
im eigenen Hause, unterstützt nur von den Studenten und einem Teil des
Kleinbürgertums, leisteten die Wiener Arbeiter heldenmütigen
Widerstand. Aber am Abend des 31. Oktober gelang der Sturm der
belagernden Truppen; am 1. November wehte eine riesige schwarzgelbe
Fahne vom Stephansturme.
Der
erschütternden Tragödie in Wien folgte die groteske Tragikomödie in
Berlin auf dem Fuße. Das Ministerium Pfuel wurde abgelöst durch das
Ministerium Brandenburg, das der Versammlung befahl, sich in die
Provinzstadt Brandenburg zurückzuziehen, und Wrangel rückte mit den
Garderegimentern in Berlin ein, um diesen Befehl mit Waffengewalt
durchzusetzen. Brandenburg, ein illegitimer Hohenzoller, verglich sich
selbst allzu schmeichelhaft mit einem Elefanten, der die Revolution
zerstampfen solle; treffender meinte die »Neue Rheinische Zeitung«,
Brandenburg und sein Mitschuldiger Wrangel seien »zwei Menschen ohne
Kopf, ohne Herz, ohne Tendenz, reiner Schnurrbart«, jedoch als solche
der richtige Gegensatz zu der würdigen Vereinbarerversammlung.
In der
Tat genügte der »reine Schnurrbart«, sie einzuschüchtern. Sie weigerte
sich zwar, ihren verfassungsmäßigen Sitz Berlin zu verlassen, und als
nun Schlag auf Schlag eine Gewalttat der anderen folgte, die Auflösung
der Bürgerwehr, die Verhängung des Belagerungszustandes, erklärte sie
die Minister für Hochverräter, die sie dem - Staatsanwalt denunzierte.
Aber sie lehnte die Aufforderung des Berliner Proletariats ab, mit den
Waffen in der Hand das zertretene Recht des Landes wiederherzustellen,
und verkündete den »passiven Widerstand«, will sagen den edlen
Entschluß, die Hiebe des Gegners mit dem Rücken aufzufangen. Dann ließ
sie sich von Wrangels Truppen aus einem Saal in den andern jagen und
sprach schließlich in einer augenblicklichen Temperamentsaufwallung,
gegenüber den schon in ihre Sitzung dringenden Bajonetten, dem
Ministerium Brandenburg das Recht ab, über Staatsgelder zu verfügen
und Steuern zu erheben, solange sie ihre Sitzungen nicht frei in
Berlin halten könne. Kaum aber war sie auseinandergejagt, als ihr
Präsident von Unruh, in banger Sorge um seinen teuren Leichnam, das
Büro zusammenrief, um protokollarisch festzustellen, daß der
Steuerverweigerungsbeschluß, den er sonst ruhig ins Land gehen ließ,
wegen eines Formfehlers gar nicht rechtskräftig gefaßt sei.
Es
blieb der »Neuen Rheinischen Zeitung« vorbehalten, dem Gewaltstreich
der Regierung in historisch würdiger Weise entgegenzutreten. Für sie
war jetzt der entscheidende Augenblick gekommen, wo die
Gegenrevolution durch eine zweite Revolution bekämpft werden müsse,
und |187| jeden neuen Tag rief sie die Massen auf, der Gewalt
jede Art von Gewalt entgegenzusetzen. Der passive Widerstand müsse den
aktiven zu seiner Grundlage haben, sonst gleiche er dem Sträuben eines
Kalbes gegen seinen Schlächter. Rücksichtslos wurden alle juristischen
Spitzfindigkeiten der Vereinbarungstheorie weggefegt, hinter denen
sich die Feigheit der Bourgeoisie verstecken wollte. »Die preußische
Krone ist in ihrem Rechte, indem sie der Versammlung als
absolute Krone gegenübertritt. Aber die Versammlung ist im
Unrechte, weil sie der Krone nicht gegenübertritt als absolute
Versammlung ... die alte Bürokratie will nicht zur Dienerin einer
Bourgeoisie herabsinken, deren despotische Schulmeisterin sie bisher
war. Die feudale Partei will ihre Auszeichnungen und ihre Interessen
nicht auf dem Altar des Bürgertums auflodern lassen. Und die Krone
endlich, sie erblickt in den Elementen der alten feudalen
Gesellschaft, deren höchster Auswuchs sie ist, ihren wahren
einheimischen gesellschaftlichen Boden, während sie in der Bourgeoisie
eine fremde künstliche Erde erblickt, von der sie nur getragen wird,
unter der Bedingung, zu verkümmern. Die berauschende ›Gnade Gottes‹
verwandelt die Bourgeoisie in einen ernüchternden Rechtstitel,
die Herrschaft des Bluts in die Herrschaft des Papiers, die königliche
Sonne in eine bürgerliche Astrallampe. Das Königtum ließ sich daher
nicht beschwatzen von der Bourgeoisie. Es antwortete ihrer halben
Revolution mit einer ganzen Kontrerevolution. Es stürzte die
Bourgeoisie zurück in die Arme der Revolution, des Volkes,
indem es ihr zurief: Brandenburg in der Versammlung, und die
Versammlung in Brandenburg.«[18]
Die »Neue Rheinische Zeitung« übersetzte diese Losung der
Gegenrevolution treffend: Die Wachtstube in der Versammlung und die
Versammlung in der Wachtstube. Sie hoffte, mit dieser Parole werde das
Volk siegen, sie las in ihr die Grabschrift des Hauses Brandenburg.
Als
die Berliner Versammlung die Steuerverweigerung beschlossen hatte,
forderte der Demokratische Kreisausschuß in einem von Marx, Schapper
und Schneider [II] gezeichneten Aufruf vom 18. November die
demokratischen Vereine der Rheinprovinz auf, die Durchführung
folgender Maßregeln zu bewerkstelligen: die gewaltsame Eintreibung der
Steuern wird überall durch jede Art des Widerstandes zurückgewiesen;
der Landsturm zur Abwehr des Feindes wird überall organisiert; für die
Unbemittelten werden Waffen und Munition auf Gemeindekosten oder durch
freiwillige Beiträge beschafft; falls sich die Behörden weigern, die
Beschlüsse der Versammlung anzuerkennen und auszuführen, werden
Sicherheitsausschüsse niedergesetzt, womöglich im Einverständnis mit
den Gemeinderäten; der gesetzgebenden Versammlung widerstrebende
|188| Gemeinderäte werden durch Volkswahl erneuert.[19]
Der Demokratische Vereinsausschuß tat damit das, was die Berliner
Versammlung hätte tun müssen, wenn es ihr mit dem Beschluß der
Steuerverweigerung ernst gewesen wäre. Aber diese Helden zitterten
alsbald vor ihrem eigenen Heldenmut; sie eilten in ihre Wahlkreise, um
die Ausführung ihres Beschlusses zu hintertreiben, und trollten sich
dann nach Brandenburg, um ihre Beratungen fortzusetzen. Damit hatte
sich die Versammlung so entwürdigt, daß die Regierung sie am 5.
Dezember mit einem Fußtritt auseinanderjagen konnte, unter
Oktroyierung einer neuen Verfassung und eines neuen Wahlgesetzes.
Dadurch war auch der Rheinische Kreisausschuß in seiner von Waffen
starrenden Provinz lahmgelegt. Am 22. November wurde Lassalle, der dem
Aufrufe begeisterte Heeresfolge geleistet hatte, in Düsseldorf
verhaftet, und in Köln schritt der Staatsprokurator gegen die
Unterzeichner des Aufrufs ein, wenn er sie auch nicht zu verhaften
wagte. Am 8. Februar standen sie wegen Aufforderung zum bewaffneten
Widerstande gegen das Militär und die Beamten vor den Kölner
Geschworenen.
In
schlagender Rede wies Marx den Versuch des Staatsprokurators zurück,
aus den Gesetzen vom 6. und 8. April, aus denselben Gesetzen, die die
Regierung durch ihren Staatsstreich zerrissen hatte, das Unrecht der
Versammlung und in noch höherem Grade das Unrecht der Angeklagten zu
folgern. Wer eine Revolution glücklich vollbringe, könne seine Gegner
henken, aber nicht verurteilen, als besiegte Feinde aus dem Wege
räumen, aber nicht als Verbrecher richten. Es sei eine feige Heuchelei
der Gesetzlichkeit, nach vollendeter Revolution oder Gegenrevolution
die umgestoßenen Gesetze gegen die Verteidiger derselben Gesetze
anzuwenden. Die Frage, wer im Rechte gewesen sei, die Krone oder die
Versammlung, sei eine geschichtliche Frage, die nur die Geschichte und
keine Jury entscheiden könne.
Aber
Marx ging weiter und lehnte überhaupt ab, die Gesetze vom 6. und 8.
April anzuerkennen. Sie seien willkürliche Machwerke des Vereinigten
Landtags, die der Krone das Eingeständnis ihrer im Märzkampf
erlittenen Niederlage hätten ersparen sollen. Nach den Gesetzen einer
feudalen Körperschaft könne nicht eine Versammlung gerichtet werden,
die die moderne bürgerliche Gesellschaft vertrete. Es sei eine
juristische Einbildung, daß die Gesellschaft auf dem Gesetze beruhe.
Vielmehr beruhe das Gesetz auf der Gesellschaft. »Hier, der Code
Napoléon, den ich in der Hand habe, er hat nicht die moderne
bürgerliche Gesellschaft erzeugt. Die im 18. Jahrhundert entstandene,
im 19. Jahrhundert fortentwickelte bürgerliche Gesellschaft findet
vielmehr im Code |189| nur einen gesetzlichen Ausdruck. Sobald
er den gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr entspricht, ist er
nur noch ein Ballen Papier. Sie können die alten Gesetze nicht zur
Grundlage der neuen Gesellschaft machen, so wenig, als diese alten
Gesetze die alten gesellschaftlichen Zustände gemacht haben.«[20]
Die Berliner Versammlung habe ihre historische Stellung nicht
begriffen, wie sie aus der Märzrevolution hervorgegangen sei. Der
Vorwurf des Staatsprokurators, daß sie keine Vermittlung gewollt habe,
treffe sie so wenig, daß ihr Unglück und ihr Unrecht gerade darin
bestehen, sich aus einem revolutionären Konvent zu einer zweideutigen
Gesellschaft von Vereinbarern herabgewürdigt zu haben. »Was hier
vorlag, das war kein politischer Konflikt zweier Fraktionen auf dem
Boden einer Gesellschaft, das war der Konflikt zweier
Gesellschaften selbst, ein sozialer Konflikt, der eine
politische Gestalt angenommen hatte, es war der Kampf der alten
feudal-bürokratischen mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft,
der Kampf zwischen der Gesellschaft der freien Konkurrenz und
der Gesellschaft des Zunftwesens, zwischen der Gesellschaft des
Grundbesitzes mit der Gesellschaft der Industrie, zwischen der
Gesellschaft des Glaubens mit der Gesellschaft des Wissens.«[21]
Zwischen diesen Gesellschaften gebe es keinen Frieden, sondern nur
Kampf auf Leben und Tod. Die Steuerverweigerung erschüttere nicht die
Grundfesten der Gesellschaft, wie der Staatsprokurator lustigerweise
behauptet hatte, sondern sie sei eine Notwehr der Gesellschaft gegen
die Regierung, die die Gesellschaft in ihren Grundfesten bedrohe.
Mit
der Steuerverweigerung habe die Versammlung nicht ungesetzlich
gehandelt, wohl aber nicht gesetzlich mit der Verkündung des passiven
Widerstandes. »Wenn die Eintreibung der Steuern einmal für
ungesetzlich erklärt ist, muß ich die gewaltsame Ausübung der
Ungesetzlichkeit nicht gewaltsam zurückweisen?«[22]
Wenn die Herren Steuerverweigerer den revolutionären Weg verschmähten,
um nicht ihre Köpfe zu riskieren, so mußte sich das Volk in Ausübung
der Steuerverweigerung auf revolutionären Boden stellen. Das Verhalten
der Versammlung sei für das Volk nicht maßgebend. »Die
Nationalversammlung hat keine Rechte für sich, das Volk hat ihr nur
die Behauptung seiner eigenen Rechte übertragen. Vollführt sie ihr
Mandat nicht, so ist es erloschen. Das Volk selbst tritt dann in
eigener Person auf die Bühne und handelt aus eigener
Machtvollkommenheit ... Wenn die Krone eine Kontrerevolution macht, so
antwortet das Volk mit Recht durch eine Revolution.«[23]
Marx schloß damit zu sagen, daß erst der erste Akt des Dramas beendet
sei. Die Folge sei entweder vollständiger Sieg der Gegenrevolution
|190|* oder neue siegreiche Revolution. Vielleicht sei der Sieg
der Revolution erst möglich nach vollendeter Gegenrevolution.
Nach
dieser Rede voll revolutionären Stolzes sprachen die Geschworenen die
Angeklagten frei, und ihr Obmann dankte obendrein dem Redner für die
lehrreiche Auseinandersetzung.
8. Ein Streich aus
dem Hinterhalte
Mit
dem Siege der Gegenrevolution in Wien und Berlin waren die
entscheidenden Würfel für Deutschland gefallen. Was an revolutionären
Errungenschaften noch übrigblieb, war die Frankfurter Versammlung, die
längst allen politischen Kredit verloren hatte und sich in endlosem
Wortschwall an einer papiernen Verfassung abarbeitete, von der nur
noch zweifelhaft blieb, ob sie auf den österreichischen oder den
preußischen Degen gespießt werden würde.
Nachdem die »Neue Rheinische Zeitung« im Dezember noch einmal in einer
Reihe glänzender Artikel die Geschichte der preußischen Revolution und
Gegenrevolution geschrieben hatte, richtete sie für das neue Jahr 1849
ihren hoffenden Blick auf die Erhebung der französischen
Arbeiterklasse, von der sie einen Weltkrieg erwartete. »Das Land aber,
das ganze Nationen in seine Proletarier verwandelt, das mit seinen
Riesenarmen die ganze Welt umspannt hält, das mit seinem Gelde schon
einmal die Kosten der europäischen Restauration bestritten hat, in
dessen eigenem Schoße die Klassengegensätze sich zur ausgeprägtesten,
schamlosesten Form fortgetrieben haben - England scheint der
Fels, an dem die Revolutionswogen scheitern, das die neue Gesellschaft
schon im Mutterschoße aushungert. England beherrscht den Weltmarkt.
Eine Umwälzung der national-ökonomischen Verhältnisse in jedem Lande
des europäischen Kontinents, auf dem gesamten europäischen Kontinente
ohne England, ist der Sturm in einem Glase Wasser. Die Verhältnisse
der Industrie und des Handels innerhalb jeder Nation sind beherrscht
durch ihren Verkehr mit andern Nationen, sind bedingt durch ihr
Verhältnis zum Weltmarkt. England aber beherrscht den Weltmarkt, und
die Bourgeoisie beherrscht England.«[24]
So wird jede französisch-soziale Umwälzung an der englischen
Bourgeoisie scheitern, an der industriellen und kommerziellen
Weltherrschaft Großbritanniens. Jede partielle soziale Reform in
Frankreich, und auf dem europäischen Kontinente überhaupt, ist und
bleibt, soweit sie definitiv sein soll, ein hohler frommer |191|
Wunsch. Und das alte England wird nur gestürzt durch einen Weltkrieg,
der allein der Chartistenpartei, der organisierten englischen
Arbeiterpartei, die Bedingungen zu einer erfolgreichen Erhebung gegen
ihre riesenhaften Unterdrücker bietet. Die Chartisten an der Spitze
der englischen Regierung - erst mit diesem Augenblicke tritt die
soziale Revolution aus dem Reiche der Utopie in das Reich der
Wirklichkeit.
Die
Voraussetzung dieser Zukunftshoffnungen blieb aus; seit den Junitagen
noch immer aus tausend Wunden blutend, war die französische
Arbeiterklasse einer neuen Erhebung unfähig. Seit dem Rundgange, den
die europäische Gegenrevolution von den Pariser Junitagen über
Frankfurt, Wien und Berlin angetreten hatte, um ihn vorläufig mit der
am 10. Dezember erfolgten Wahl des falschen Bonaparte zum Präsidenten
der französischen Republik zu beschließen, lebte die Revolution nur
noch in Ungarn und fand in Engels, der inzwischen nach Köln
zurückgekehrt war, den beredtesten und sachkundigsten Anwalt. Sonst
mußte sich die »Neue Rheinische Zeitung« auf den Kleinkrieg gegen die
hereinbrechende Gegenrevolution beschränken, und sie kämpfte in ihm so
kühn und trotzig, wie in den großen Feldschlachten des Vorjahres. Ein
Bündel Preßprozesse, das ihr das Reichsministerium als der
schlechtesten Zeitung der schlechten Presse widmete, begrüßte sie mit
der spöttischen Bemerkung, daß die Reichsgewalt die komischste aller
komischen Gewalten sei. Dem prahlenden Heraushängen des »Preußentums«,
worin sich die ostelbischen Junker nach dem Berliner Staatsstreiche
gefielen, setzte sie den verdienten Hohn entgegen: »Wir Rheinländer
haben das Glück, bei dem großen Menschenschacher zu Wien einen
›Großherzog‹ vom Niederrhein gewonnen zu haben, der die
Bedingungen nicht erfüllt hat, unter denen er ›Großherzog‹ wurde. Ein
›König von Preußen‹ existiert für uns erst durch die Berliner
Nationalversammlung, und da für unsern ›Großherzog‹ vom
Niederrhein keine Berliner Nationalversammlung existiert, so
existiert für uns kein ›König von Preußen‹. Dem Großherzoge vom
Niederrhein sind wir durch den Völkerschacher anheimgefallen! Sobald
wir weit genug sind, die Seelenverkäuferei nicht mehr anzuerkennen,
werden wir den ›Großherzog vom Niederrhein‹ nach seinem ›Besitztitel‹
fragen.«[25] Das wurde
mitten in den wildesten Orgien der Gegenrevolution geschrieben.
Eins
freilich vermißt man auf den ersten Blick in den Spalten der »Neuen
Rheinischen Zeitung«, was man darin in erster Reihe zu finden vermuten
möchte: eine ausführliche Berichterstattung über die gleichzeitige
Arbeiterbewegung in Deutschland. Sie war bis in die ostelbischen
Gefilde hinein gar nicht so unbedeutend, hatte ihre Kongresse, ihre
|192| Organisationen, ihre Zeitungen; und ihr fähigster Kopf,
Stephan Born, war von Brüssel und Paris her mit Engels und Marx
befreundet; er arbeitete auch jetzt von Berlin und Leipzig aus für die
»Neue Rheinische Zeitung«. Born verstand das »Kommunistische Manifest«
sehr gut, wenn er es dem in den weitaus größten Teil Deutschlands noch
ganz unentwickelten Klassenbewußtsein des Proletariats auch nur
unvollkommen anzupassen wußte; erst in späterer Zeit hat Engels mit
unbilliger Schärfe über die damalige Tätigkeit Borns geurteilt.[26]
Es ist durchaus glaubhaft, wenn Born in seinen Denkwürdigkeiten
erzählt, daß Marx und Engels in den Revolutionsjahren nie ein Wort der
Unzufriedenheit über seine damalige Tätigkeit geäußert hätten, womit
nicht ausgeschlossen zu sein brauchte, daß sie im einzelnen mit
manchem unzufrieden gewesen sind. Jedenfalls vollzogen sie selbst im
Frühjahr 1849 eine Annäherung an die Arbeiterbewegung, die unabhängig
von ihrem Einfluß entstanden war.
Die
geringe Beachtung, die die »Neue Rheinische Zeitung« dieser Bewegung
zunächst geschenkt hatte, erklärte sich zum Teil daraus, daß ein
besonderes Organ des Kölner Arbeitervereins unter der Leitung Molls
und Schappers zweimal wöchentlich erschien, zum Teil, und zwar zum
größeren Teil dadurch, daß sie vorerst ein »Organ der Demokratie«
sein, das heißt die gemeinsamen Interessen der Bourgeoisie und des
Proletariats gegenüber dem Absolutismus und dem Feudalismus sichern
wollte. Das war wirklich auch das Notwendigste, indem es den Boden
schuf, worauf das Proletariat seinen Tanz mit der Bourgeoisie beginnen
konnte. Allein der bürgerliche Bestandteil dieser Demokratie zermürbte
je länger desto mehr; bei jeder auch nur halbwegs ernsten Probe brach
er zusammen. In dem fünfköpfigen Zentralausschuß, der von dem ersten
Demokratischen Kongresse im Juni 1848 gewählt worden war, befanden
sich Leute wie Meyen und der aus Amerika zurückgekehrte Kriege; unter
solcher Leitung geriet diese Organisation in schnellen Verfall, der
sich erschreckend offenbarte, als sie am Vorabend des preußischen
Staatsstreichs zum zweiten Male in Berlin tagte. Wenn jetzt ein neuer
Zentralausschuß gewählt wurde, dem auch d'Ester angehörte, der mit
Marx persönlich und politisch befreundet war, so war damit doch nur
erst ein Wechsel auf die Zukunft gezogen. Die parlamentarische Linke
der Berliner Versammlung hatte in der Novemberkrise versagt, und die
Frankfurter Linke versank immer mehr in dem Sumpf kläglicher
Kompromisse.
In
dieser Lage der Dinge erklärten Marx, Wilhelm Wolff, Schapper und
Hermann Becker am 13. April ihren Austritt aus dem Demokratischen
Kreisausschuß. Sie begründeten ihren Entschluß mit den Worten: »Wir
erachten, daß die jetzige Organisation der demokratischen Vereine |193|
zu viele heterogene Elemente in sich schließt, als daß eine dem Zweck
der Sache gedeihliche Tätigkeit möglich wäre. Wir sind vielmehr der
Ansicht, daß eine engere Verbindung der Arbeitervereine, da dieselben
aus gleichen Elementen bestehen, vorzuziehen ist.«[27]
Gleichzeitig schied der Kölner Arbeiterverein aus dem Verbande der
rheinischen Demokratenvereine aus und berief demnächst sämtliche
Arbeiter- sowie alle anderen Vereine, die den Grundsätzen der sozialen
Demokratie anhingen, zu einem Provinzialkongresse für den 6. Mai.[28]
Dieser Kongreß sollte über eine Organisation der
rheinisch-westfälischen Arbeitervereine sowie darüber entscheiden, ob
der von der Leipziger Arbeiterverbrüderung, der von Born geleiteten
Organisation, für den Monat Juni nach Leipzig einberufene Kongreß
sämtlicher deutscher Arbeitervereine zu beschicken sei.
Vor
diesen Erklärungen hatte die »Neue Rheinische Zeitung« schon am 20.
März mit den flammenden, das ländliche Proletariat aufstürmenden
Aufsätzen Wilhelm Wolffs über die Schlesische Milliarde begonnen und
Marx selbst am 5. April mit dem Abdruck der Vorträge, die er im
Brüsseler Arbeiterverein über Lohnarbeit und Kapital gehalten hatte.
Nachdem die Zeitung an den kolossalen Massenkämpfen des Jahres 1848
nachgewiesen hatte, daß jede revolutionäre Erhebung, möge ihr Ziel
noch so fernliegend dem Klassenkampfe scheinen, scheitern müsse, bis
die revolutionäre Arbeiterklasse siege, wollte sie nunmehr auf die
ökonomischen Verhältnisse näher eingehen, worauf die Existenz der
Bourgeoisie sich gründe wie die Sklaverei der Arbeiter.
Die
aussichtsreiche Entwicklung wurde jedoch unterbrochen durch die Kämpfe
um die papierene Reichsverfassung, die die Frankfurter Versammlung
endlich zurechtfabriziert hatte. An und für sich war sie nicht wert,
daß auch nur ein Tropfen Blut um sie vergossen wurde; die erbliche
Kaiserkrone, die sie auf das Haupt des preußischen Königs stülpen
wollte, glich auf ein Haar einer Narrenkappe. Der König nahm sie nicht
an, aber er lehnte sie auch nicht ab; er wollte mit den deutschen
Fürsten über die Reichsverfassung verhandeln, in der geheimen
Hoffnung, daß sie ihm die preußische Hegemonie zugestehen würden, wenn
er mit dem preußischen Schwerte niederwürfe, was in den deutschen
Mittel- und Kleinstaaten noch an revolutionärer Kraft vorhanden war.
Es war
ein Leichenraub an der Revolution, der noch einmal die revolutionäre
Flamme schürte. Er rief eine Reihe von Aufständen hervor, denen die
Reichsverfassung den Namen, wenn auch nicht den Inhalt gab. Sie
verkörperte trotz alledem die Souveränität der Nation, die in ihr
abgemeuchelt werden sollte, um von neuem die Souveränität der |194|
Fürsten herzustellen. Im Königreich Sachsen, im Großherzogtum Baden
und in der bayrischen Pfalz wurde mit den Waffen um die
Reichsverfassung gekämpft, und überall spielte der preußische König
den Henker, um dann freilich von den Potentaten, die er gerettet
hatte, um den Lohn des Henkersdienstes geprellt zu werden. Auch in der
Rheinprovinz kam es zu einzelnen Aufständen, doch sie wurden im Keime
erstickt durch die Übermacht der Heeresmassen, womit die Regierung die
gefürchtete Provinz überschwemmt hatte.
Nun
gewann man auch die Courage zu einem vernichtenden Schlage gegen die
»Neue Rheinische Zeitung«. Je mehr sich die Anzeichen einer neuen
revolutionären Erhebung mehrten, um so heller loderten die Flammen
revolutionärer Leidenschaft in ihren Spalten auf; ihre Extrablätter im
April und Mai waren ebenso viele Aufrufe an das Volk, sich zum
Losschlagen bereit zu halten; damals erwarb sich das Blatt von der
»Kreuzzeitung« das ehrenvolle Lob der Chimborassofrechheit, gegen die
der »Moniteur« von 1793 matt erscheine. Die Regierung wollte ihm
längst an den Kragen, aber der Mut, der Mut! Mit zwei Prozessen gegen
Marx hatte man ihm bei der Stimmung der rheinischen Geschworenen nur
neue Triumphe bereitet; der Berliner Anregung, abermals den
Belagerungszustand über Köln zu verhängen, wich die ängstliche
Festungskommandantur aus. Sie wandte sich vielmehr an die
Polizeidirektion mit der Aufforderung, Marx als »gefährlichen
Menschen« auszuweisen.
Diese
Behörde wieder wandte sich in ihrer Not an die Kölner
Bezirksregierung, die an ihrem Teil ihren Schmerz in den Busen
Manteuffels aushauchte, der als Minister des Innern ihr Vorgesetzter
war. Sie berichtete am 10. März, Marx weile immer noch in Köln ohne
Aufenthaltserlaubnis, und die von ihm redigierte Zeitung fahre in
ihren destruktiven Tendenzen fort, zum Umsturz der bestehenden
Verfassungen und zur Herstellung der sozialen Republik aufzureizen,
unter Verhöhnung und Verspottung alles dessen, was sonst der Mensch
achte und heilig, halte; sie werde um so schändlicher, als die
Frechheit und die Laune, womit sie geschrieben werde, ihren Leserkreis
immer mehr vergrößere. Die Polizeidirektion aber habe Bedenken gegen
die Aufforderung der Festungskommandantur, Marx auszuweisen, und die
Regierung könne diesen Bedenken nur beipflichten; eine Ausweisung
»ohne besondere äußere Veranlassung«, »lediglich der Tendenz und
Gefährlichkeit der Zeitung wegen« könne möglicherweise eine
Demonstration der demokratischen Partei hervorrufen.
Auf
diesen Bericht wandte sich Manteuffel an Eichmann, den Oberpräsidenten
der Rheinprovinz, um auch dessen Meinung zu hören. Eichmann |195|*
antwortete am 29. März, daß die Ausweisung zwar berechtigt, aber nicht
unbedenklich sei, bevor sich Marx nicht weiteres zuschulden kommen
lasse. Danach verfügte Manteuffel am 7. April, daß er gegen die
Ausweisung nichts einzuwenden habe, aber ihren Zeitpunkt der Regierung
überlassen müsse; wünschenswert sei allerdings, daß sie im Anschluß an
eine Verschuldung erfolge. Sie erfolgte dann am 11. Mai, nicht wegen
einer besonderen Verschuldung, sondern wegen der gefährlichen Tendenz
der »Neuen Rheinischen Zeitung«. Mit andern Worten, die Regierung
fühlte sich am 11. Mai stark genug für einen hinterhältigen Streich,
den zu verüben sie am 29. März und am 7. April noch zu feige gewesen
war.
Der
preußische Professor, der diesen urkundlichen Hergang der Dinge jüngst
aus den Archiven aufgedeckt hat, wollte damit offenbar den
dichterischen Seherblick Freiligraths feiern, der unter dem frischen
Eindruck der Ausweisung sang:
Kein offner Hieb in
offner Schlacht -
Es fällen die Nücken und Tücken,
Es fällt mich die schleichende Niedertracht
Der schmutzigen Westkalmücken.
9. Noch ein feiger
Streich
Marx
befand sich auswärts, als der Ausweisungsbefehl erfolgte. Obgleich die
Zeitung in fortwährendem Aufsteigen begriffen war und gegen 6.000
Abonnenten zählte, so waren ihre finanziellen Schwierigkeiten doch
noch nicht überwunden; mit der Zunahme der Abonnenten wuchsen die
baren Auslagen, während die Einnahmen nur nachträglich erhoben werden
konnten. In Hamm verhandelte Marx mit Rempel, einem der beiden
Kapitalisten, die im Jahre 1846 bereit gewesen waren, einen
kommunistischen Verlag zu begründen, doch war der Wackere auch jetzt
ein Mann mit zugeknöpften Taschen und wies Marx an den ehemaligen
Leutnant Hentze, der in der Tat der Zeitung 300 Taler vorschoß, deren
Rückzahlung Marx als persönliche Verpflichtung übernahm. Hentze, der
sich später als Lockspitzel entpuppte, wurde damals von der Polizei
verfolgt und reiste mit Marx nach Köln, wo dieser den
»Regierungswisch« vorfand.
Damit
war das Schicksal der Zeitung besiegelt. Ein paar andere Redakteure
konnten ebenfalls als »Ausländer« ausgewiesen werden, der |196|
Rest stand unter gerichtlicher Verfolgung. Am 19. Mai erschien die
letzte rote Nummer mit dem berühmten Abschiedsliede Freiligraths und
einem trotzigen Abschiedsworte, worin Marx hageldicht seine Hiebe auf
den Rücken der Regierung sausen ließ. »Wozu diese albernen Phrasen,
diese offiziellen Lügen! ... Wir sind rücksichtslos, wir verlangen
keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den
Terrorismus nicht beschönigen. Aber die royalistischen
Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechtsgnaden, in der
Praxis sind sie brutal, verächtlich, gemein, in der Theorie feig,
versteckt, doppelzüngig, in beiden Beziehungen ehrlos.«[29]
Die Zeitung warnte die Kölner Arbeiter vor jedem Putsch; nach der
militärischen Lage Kölns wären sie rettungslos verloren. Die
Redakteure dankten ihnen für ihre Teilnahme, »ihr letztes Wort wird
überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!«[30]
Daneben erfüllte Marx die Pflichten, die ihm als Kapitän des
scheiternden Schiffs oblagen. Die 300 Taler, die ihm Hentze geborgt
hatte, 1.500 Taler Abonnementsgelder, die er von der Post erhielt, die
ihm gehörige Schnellpresse usw. wurden sämtlich verwandt, um die
Schulden der Zeitung an Setzer, Drucker, Papierhändler, Kontoristen,
Korrespondenten, Redakteurpersonal usw. abzutragen. Für sich behielt
er nur das Silberzeug seiner Frau, das ins Frankfurter Pfandhaus
wanderte. Die paar hundert Gulden, die dafür erlöst wurden, waren der
Zehrpfennig der Familie, als sie von neuem, wie unsere Altvorderen zu
|