1. »Neue Rheinische
Revue«
|198| In dem letzten Briefe, den Marx aus Paris an Engels
richtete, teilte er mit, er habe alle Aussicht, in London ein
deutsches Journal zu stiften; ein Teil der Gelder sei ihm schon
sicher. Er bat Engels, der nach dem Scheitern des badisch-pfälzischen
Aufstandes als Flüchtling in der Schweiz lebte, sofort nach London zu
kommen. Engels folgte dem Rufe, indem er die Fahrt von Genua aus mit
einem Segelschiff machte.
Woher
die Mittel für das geplante Unternehmen geflossen sind, läßt sich
nicht mehr feststellen. Reichlich können sie nicht gewesen sein, und
auf eine lange Dauer der Zeitschrift war auch nicht gerechnet; Marx
hoffte, daß nach drei bis vier Monaten der Weltbrand dazwischen kommen
werde. Die »Einladung zur Aktienzeichnung« auf die »Neue Rheinische
Zeitung. Politisch-Ökonomische Revue, Redigiert von Karl Marx«, ist
aus London vom 1. Januar 1850 datiert und von Konrad Schramm als
Geranten des Unternehmens gezeichnet. Es heißt darin, die Redakteure
der »Neuen Rheinischen Zeitung« hätten sich, nachdem sie, sei es in
Süddeutschland, sei es in Paris, an den revolutionären Bewegungen des
letzten Sommers teilgenommen hätten, in London wieder zusammengefunden
und beschlossen, von hier aus die Zeitung fortzusetzen. Sie könne
zunächst nur als Revue in monatlichen Heften von etwa fünf Bogen
erscheinen; sobald es die Mittel erlaubten, solle sie jedoch alle
vierzehn Tage in gleichem Umfange oder womöglich als großes
wöchentliches Blatt nach Art der amerikanischen und englischen
Wochenblätter herausgegeben werden, um sich, sobald die Verhältnisse
die Rückkehr nach Deutschland gestatteten, sofort wieder in eine
Tageszeitung zu verwandeln. Schließlich wurde zur Zeichnung von Aktien
zu je 50 Franken aufgefordert.
Es
werden nicht viele Aktien untergebracht worden sein. Gedruckt wurde
die Zeitung in Hamburg, wo eine buchhändlerische Firma ihren
Kommissionsverlag übernommen hatte; sie beanspruchte dafür 50 Prozent
von den 25 Silbergroschen vierteljährigen Ladenpreises. Viele |199|
Mühe hat sie sich mit der Sache nicht gegeben, zumal da ihr die
preußische Besatzung in Hamburg den Atem beklemmte. Es wäre aber kaum
besser gewesen, wenn sie größeren Eifer entwickelt hätte. Lassalle
trieb in Düsseldorf keine 50 Abonnenten auf, und Weydemeyer, der sich
100 Exemplare zum Vertrieb nach Frankfurt kommen ließ, hatte nach
einem halben Jahre erst 51 Gulden eingenommen; »ich trete die Leute
zwar genug, aber trotz aller Mahnungen beeilt sich niemand mit dem
Zahlen.« Mit berechtigter Bitterkeit schrieb ihm Frau Marx, das
Geschäft sei durch nachlässigen und unordentlichen Betrieb gänzlich
ruiniert worden, und man wisse nicht, ob die Verschleppung des
Buchhändlers oder der Geschäftsführer und Bekannten in Köln oder das
Benehmen der Demokratie am schädlichsten gewesen sei.
Ganz
ohne Schuld war auch nicht die ungenügende redaktionelle Vorbereitung
des Unternehmens, das im wesentlichen auf Marx und Engels allein
angewiesen war. Das Manuskript für das Januarheft traf erst am 6.
Februar in Hamburg ein. Aber die Nachlebenden haben allen Grund,
dankbar zu sein, daß der Plan überhaupt ausgeführt wurde, denn wäre er
nur wenige Monate verzögert worden, so hätte ihn das schnelle
Verrinnen der revolutionären Flut überhaupt unmöglich gemacht. So sind
uns in den sechs Heften der Revue kostbare Zeugnisse dafür erhalten,
wie Marx nach den Worten seiner Frau durch »seine ganze Energie, das
ganze ruhige, klare, stille Selbstbewußtsein seines Wesens« sich über
die kleinlichen Sorgen des Lebens zu erheben wußte, die täglich und
stündlich »in empörender Form« an ihn herantraten.
Marx
und ebenso Engels - dieser noch mehr als jener - haben namentlich in
ihrer Jugend die kommenden Dinge immer in viel zu naher Ferne gesehen,
oft schon die Frucht pflücken zu können gehofft, wo sich kaum erst die
Blüte zu entfalten begann; wie oft sind sie deshalb falsche Propheten
gescholten worden! Und ein falscher Prophet zu sein, gilt nicht eben
als der feinste Ruhm eines Politikers. Aber man muß dabei
unterscheiden, ob falsche Prophezeiungen aus der kühnen Zuversicht
eines klaren und scharfen Denkens entspringen oder aus der eitlen
Selbstbespiegelung in frommen Wünschen. In diesem Falle wirkt die
Enttäuschung entnervend, indem ein Blendwerk spurlos verschwindet, in
jenem anderen Falle aber stärkend, indem der denkende Geist den
Ursachen seines Irrtums nachspürt und dadurch neue Erkenntnis gewinnt.
Vielleicht niemals hat es Politiker gegeben, die in dieser
Selbstkritik von so unerbittlicher Wahrhaftigkeit gewesen sind wie
Marx und Engels. Von jener elenden Rechthaberei, die sich der herbsten
Enttäuschung |200|* gegenüber noch selbst zu täuschen sucht,
indem sie sich vorspiegelt, daß sie doch recht behalten hätte, wenn
nur dies oder jenes anders gekommen wäre, wie es tatsächlich gekommen
ist, waren sie völlig frei. Ebenso frei waren sie aber von allem
wohlfeil weisen Absprechen, von allem unfruchtbaren Pessimismus; sie
lernten aus der Niederlage, um mit verstärkter Kraft den Sieg
vorzubereiten.
Mit
dem Fehlschlage des 13. Juni in Paris, dem Scheitern der
Reichsverfassungskampagne in Deutschland und der Niederwerfung der
ungarischen Revolution durch den Zaren, hatte ein großer Abschnitt der
Revolution seinen Abschluß gefunden. Ihr Wiedererwachen war nur noch
möglich in Frankreich, wo die entscheidenden Würfel trotz alledem noch
nicht gefallen waren. An dieser Hoffnung hielt Marx fest, aber das
hinderte ihn nicht, sondern trieb ihn dazu an, den bisherigen Verlauf
der französischen Revolution einer rücksichtslosen, jeder Illusion
spottenden Kritik zu unterziehen. Es geschah so, daß er das wirre
Durcheinander ihrer Kämpfe, das ideologischen Politikern mehr oder
minder als unentwirrbar erscheinen mußte, von ihrem inneren
Springpunkt her beleuchtete, von den ökonomischen Gegensätzen, die in
ihnen aufeinanderstießen.
So
gelang es ihm, in dieser Darstellung, die sich durch die drei ersten
Hefte der Revue zog, oft genug, die verworrensten Tagesfragen durch
ein paar epigrammatische Sätze zu schlichten! Was hatten die
erleuchteten Köpfe der Bourgeoisie und selbst doktrinäre Sozialisten
in der Pariser Nationalversammlung über das Recht auf Arbeit
zusammengeredet, und wie völlig schöpfte Marx den historischen Sinn
wie Unsinn dieses Schlagwortes in den wenigen Sätzen aus: »In dem
ersten Konstitutionsentwurf, verfaßt vor den Junitagen, befand sich
noch das ›droit à travail‹, das Recht auf Arbeit, erste
unbeholfene Formel, worin sich die revolutionären Ansprüche des
Proletariats zusammenfassen. Es wurde verwandelt in das droit à
l'assistance, in das Recht auf öffentliche Unterstützung, und welcher
moderne Staat ernährt nicht in der einen oder der andern Form seine
Paupers? Das Recht auf Arbeit ist im bürgerlichen Sinn ein Widersinn,
ein elender, frommer Wunsch, aber hinter dem Rechte auf Arbeit steht
die Gewalt über das Kapital, hinter der Gewalt über das Kapital die
Aneignung der Produktionsmittel, ihre Unterwerfung unter die
assoziierte Arbeiterklasse, also die Aufhebung der Lohnarbeit, des
Kapitals und ihres Wechselverhältnisses.«[1]
Hatte Marx an der französischen Geschichte zuerst den Klassenkampf als
treibendes Rad der historischen Entwicklung erkannt, wie er denn auch
in ihr seit den Tagen des Mittelalters in besonders klaren und
klassischen |201|* Formen hervorgetreten ist, so erklärt sich
leicht seine besondere Vorliebe für die französische Geschichte. Diese
Abhandlung, wie später die andere über den bonapartistischen
Staatsstreich und die noch spätere über die Pariser Kommune, sind die
glänzendsten Steine in dem Juwelenschrein seiner kleineren
historischen Schriften.
Als
lustiges Gegenbild, doch nicht ohne tragischen Ausgang, gab sich
daneben in den drei ersten Heften der Revue das Bild einer
kleinbürgerlichen Revolution, das Engels von der deutschen
Reichsverfassungskampagne entwarf.[2]
Gemeinsam von beiden verfaßt waren die Monatsübersichten, worin sie
vor allem dem ökonomischen Gange der Dinge nachspürten. Schon im
Februarhefte wiesen sie auf die Entdeckung der kalifornischen
Goldgruben hin, als auf eine Tatsache, die »noch wichtiger als die
Februarrevolution« sei und noch großartigere Resultate haben werde als
die Entdeckung Amerikas. »Eine Küste von 30 Breitengraden Länge, eine
der schönsten und fruchtbarsten der Welt, bisher so gut wie unbewohnt,
verwandelt sich zusehends in ein reiches, zivilisiertes Land,
dichtbevölkert von Menschen aller Stämme, vom Yankee zum Chinesen, vom
Neger zum Indianer und Malaien, vom Kreolen und Mestizen zum Europäer.
Das kalifornische Gold ergießt sich in Strömen über Amerika und die
asiatische Küste des Stillen Ozeans und reißt die widerspenstigsten
Barbarenvölker in den Welthandel, in die Zivilisation. Zum zweiten
Male bekommt der Welthandel eine neue Richtung ... Dank dem
kalifornischen Golde und der unermüdlichen Energie der Yankees werden
beide Küsten des Stillen Meers bald ebenso bevölkert, ebenso offen für
den Handel, ebenso industriell sein, wie es jetzt die Küste von Boston
bis New Orleans ist. Dann wird der Stille Ozean die selbe Rolle
spielen wie jetzt das Atlantische und im Altertum und Mittelalter das
Mittelländische Meer - die Rolle der großen Wasserstraße des
Weltverkehrs; und der Atlantische Ozean wird herabsinken zu der Rolle
eines Binnensees, wie sie jetzt das Mittelmeer spielt. Die einzige
Chance, daß die europäischen zivilisierten Länder dann nicht in
dieselbe industrielle, kommerzielle und politische Abhängigkeit
fallen, in der Italien, Spanien und Portugal sich jetzt befinden,
liegt in einer gesellschaftlichen Revolution, die, solange es noch
Zeit ist, die Produktions- und Verkehrsweise nach den aus den modernen
Produktivkräften hervorgehenden Bedürfnissen der Produktion selbst
umwälzt und dadurch die Erzeugung neuer Produktivkräfte möglich macht,
welche die Superiorität [Mehring übersetzt: Überlegenheit] der
europäischen Industrie sichern und so die Nachteile der geographischen
Lage ausgleichen.«[3] Nur
daß, wie die Verfasser dieser großartigen Aussicht |202|*
alsbald erkennen sollten, die gegenwärtige Revolution an der
Entdeckung der kalifornischen Goldgruben versandete.
Ebenso
gemeinsam von Marx und Engels verfaßt sind die Kritiken einiger
Schriften, in denen sich vormärzliche Leuchten mit der Revolution
auseinanderzusetzen gesucht hatten; der deutsche Philosoph Daumer, der
französische Historiker Guizot und das englische Originalgenie Carlyle.
Wenn Daumer der Schule Hegels entstammte, so hatte Guizot auf Marx,
Carlyle auf Engels bedeutenden Einfluß geübt. Nunmehr hieß es von
allen dreien: Gewogen auf der Waage der Revolution und zu leicht
befunden. Die unglaublichen Gemeinplätze, in denen Daumer »die
Religion des neuen Weltalters« predigte, werden in dem »rührenden
Bilde« zusammengefaßt: Die deutsche Philosophie ringt die Hände und
wehklagt am Sterbebette ihres Nährvaters, des deutschen
Spießbürgertums. An Guizot wird nachgewiesen, wie selbst die
tüchtigsten Leute des ancien régime, sogar Leute, denen in ihrer Weise
historisches Talent keineswegs abzusprechen sei, durch das fatale
Februarereignis so vollständig in Verwirrung gebracht worden seien,
daß ihnen alles geschichtliche Verständnis, daß ihnen sogar das
Verständnis ihrer eigenen früheren Handlungsweise abhanden gekommen
sei. Endlich, wenn die Schrift Guizots zeigte, daß die Kapazitäten der
Bourgeoisie im Untergehen begriffen waren, so zeigten ein paar
Flugschriften Carlyles den Untergang des literarischen Genies an den
akut gewordenen geschichtlichen Kämpfen, gegen die es seine
verkannten, unmittelbaren, prophetischen Inspirationen geltend zu
machen suchte.
Indem
Marx und Engels in diesen glänzenden Kritiken die verheerenden
Wirkungen der Revolution auf die literarischen Größen der
vormärzlichen Zeit nachwiesen, waren sie doch weit davon entfernt, an
irgendeine mystische Kraft der Revolution zu glauben, wie ihnen
mitunter nachgeredet worden ist. Die Revolution schuf nicht das Bild,
das die Daumer, Guizot und Carlyle bis auf den Tod erschreckte,
sondern riß nur den Schleier von diesem Bilde. In den Revolutionen
nimmt die historische Entwicklung nicht einen anderen, sondern nur
einen schnelleren Gang; in diesem Sinne hat Marx sie wohl einmal
»Lokomotiven der Geschichte« [4]
genannt. Der dumme Philisterglaube an die »friedliche und gesetzliche
Reform«, die allen revolutionären Ausbrüchen überlegen sei, ist
Männern, wie Marx und Engels, natürlich immer ferngeblieben; ihnen war
die Gewalt auch eine ökonomische Potenz, die Geburtshelferin jeder
neuen Gesellschaft.
2. Der Fall Kinkel
|203| Mit ihrem vierten Heft, im April 1850,
hörte die »Neue Rheinische Revue« auf, regelmäßig zu erscheinen, und
einiges dazu beigetragen hat wohl ein kleiner Artikel dieses Hefts,
von dem die Verfasser vorhersagten, daß er »die allgemeine Entrüstung
der sentimentalen Schwindler und demokratischen Deklamatoren« erregen
würde: eine kurze, aber vernichtende Kritik der Verteidigungsrede, die
Gottfried Kinkel am 7. August 1849 als gefangener Freischärler vor dem
Kriegsgerichte in Rastatt gehalten und Anfang April 1850 in einem
Berliner Blatte veröffentlicht hatte.
An
sich war diese Kritik vollkommen berechtigt. Kinkel hatte vor dem
Kriegsgericht die Revolution und seine Waffengefährten verleugnet; er
hatte dem »Kartätschenprinzen« gehuldigt und »das Kaisertum
Hohenzollern« hochleben lassen, vor denselben Kriegsgerichten, die 26
seiner Kameraden auf den Sandhaufen geschickt hatten, wo sie alle
tapfer gestorben waren. Aber Kinkel saß im Zuchthause, als Marx und
Engels ihn angriffen; wie man allgemein annahm als ein ausgesuchtes
Opfer der königlichen Rachsucht, die das auf Festungsstrafe lautende
Urteil des Kriegsgerichts durch einen Akt der Kabinettsjustiz in die
entehrende Zuchthausstrafe umgewandelt haben sollte. Ihn in solcher
Lage noch an einen politischen Pranger zu stellen, konnte nicht bloß
bei »sentimentalen Schwindlern und demokratischen Deklamatoren«
starkes Bedenken erregen.
Seitdem haben sich die Archive über den Fall Kinkel geöffnet, der sich
danach als ein wahres Nest tragikomischer Verwechslungen darstellt.
Kinkel war ursprünglich Theologe und zwar orthodoxer Theologe; durch
seinen Abfall vom rechten Glauben, der durch die Verheiratung mit
einer geschiedenen Katholikin begleitet oder auch gefördert wurde,
hatte er einen unversöhnlichen Haß der Rechtgläubigen hervorgerufen,
der ihm einen, weit über Verdienst und Würdigkeit hinausgehenden Ruf
als »Freiheitshelden« verschaffte. In dieselbe Partei mit Marx und
Engels war er in der Tat nur durch ein »Mißverständnis« geraten;
politisch kam er nicht über die Schlagworte der landläufigen
Demokratie hinaus, wobei ihn die - nach einem Worte Freiligraths -
»verfluchte Schönrednerei«, die ihm noch aus seiner theologischen Zeit
anhing, gelegentlich ebenso weit nach links reißen mochte wie in der
Rastatter Rede nach rechts. Eine bescheidene, dichterische Begabung
diente dazu, ihn bekannter zu machen, als andere Demokraten seines
Schlages waren.
|204| In der Reichsverfassungskampagne war
Kinkel in die Freischar Willichs eingetreten, in der auch Engels und
Moll kämpften; hier hielt er sich tapfer und wurde in den letzten
Gefechten an der Murg, wo Moll fiel, durch einen Streifschuß am Kopf
verwundet und dann gefangengenommen. Das Kriegsgericht verurteilte ihn
zu lebenslänglicher Festungsstrafe, aber damit war dem
»Kartätschenprinzen« oder, wie sich Kinkel in seiner Verteidigung
preislicher ausgedrückt hatte, »der Königlichen Hoheit unseres
Thronfolgers« nicht gedient, und das Generalauditoriat in Berlin
beantragte beim Könige, das kriegsgerichtliche Urteil aufzuheben, da
Kinkel die Todesstrafe verwirkt habe, und von neuem kriegsgerichtlich
über ihn erkennen zu lassen.
Hiergegen erhob sich nunmehr das gesamte Ministerium, indem es zwar
anerkannte, daß die Strafe des Hochverräters zu milde sei, aber die
Bestätigung des Urteils aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung »aus
Gnaden« anriet. Zugleich erschien es ihm »geraten«, die Vollstreckung
der Strafe in einer »Zivilanstalt« anzuordnen, da es »große Sensation«
erregen würde, wenn Kinkel als Festungssträfling behandelt werden
würde. Der König genehmigte diese Anträge des Ministeriums, erregte
dadurch aber gerade die »große Sensation«, die vermieden werden
sollte. Die »öffentliche Meinung« empfand es als blutigen Hohn, daß
ein König »aus Gnaden« einen Hochverräter, den selbst ein
Kriegsgericht nur auf die Festung schicken wollte, ins Zuchthaus
sandte.
Sie
war jedoch im Irrtum, weil sie sich auf die Feinheiten preußischer
Strafvollstreckung nicht verstand. Kinkel war nicht zu militärischem
Festungsarrest, sondern zu militärischer Festungsstrafe verurteilt
worden, einer Strafe, die noch in viel härteren und widerlicheren
Formen vollzogen wurde, als die Zuchthausstrafe. Die
Festungssträflinge wurden in engen Löchern zu zehn oder zwanzig
zusammengepfercht, hatten nur eine harte Pritsche als Lager, wurden
karg und schlecht beköstigt, mußten die niedrigsten Arbeiten
verrichten wie Abtrittausräumen, Straßenkehren usw., und beim
geringsten Versehen bekamen sie die Peitsche zu kosten. Vor diesem
Hundeleben wollte das Ministerium, aus Angst vor der »öffentlichen
Meinung«, den gefangenen Kinkel bewahren, aber als die »öffentliche
Meinung« die Sache umgekehrt verstand, wagte es es doch nicht, aus
Angst vor dem »Kartätschenprinzen« und dessen rachsüchtiger Partei,
sich offen zu seiner »humanen« Absicht zu bekennen, und ließ den König
lieber unter einem Verdacht, der ihn auch in den Augen der
Gutgesinnten schwer schädigen mußte und geschädigt hat.
Unter
dem fatalen Eindruck dieser mißlungenen Aktion wollte das Ministerium
nicht neue »Sensationen« durch die Erlebnisse Kinkels im |205|
Zuchthause hervorrufen, wagte sich aber nur zu dem Befehl
aufzuschwingen, daß auf keinen Fall die Strafe der körperlichen
Züchtigung an ihm vollstreckt werden dürfe. Auch seine Befreiung von
körperlicher Zwangsarbeit hätte es gern gesehen und legte dem
Zuchthausdirektor in Naugard nahe, wo Kinkel zuerst saß, die
Verantwortung auf die eigene Kappe zu nehmen. Aber der stramme
Bürokrat hielt sich an seine Instruktion und setzte Kinkel ans
Spulrad. Darob wieder gewaltige Aufregung; ein »Lied vom Spulen«
entstand und wurde viel deklamiert, Bilder des »spulenden Dichters«
überschwemmten Deutschland, und Kinkel selbst schrieb an seine Gattin:
»Das Spiel des Schicksals und der Parteiwut geht ins Wahnwitzige, daß
die Hand, die der deutschen Nation ›Otto den Schütz‹ schrieb, jetzt
die Spule dreht.« Jedoch bestätigte sich alsbald die alte Erfahrung,
daß die »sittliche Entrüstung« des Philisters in einer großen
Lächerlichkeit zu enden pflegt. Erschreckt durch den Lärm und mutiger
als das Ministerium, aber freilich auch sofort wegen »demokratischer
Anschauungen« denunziert, ordnete die Stettiner Bezirksregierung die
Beschäftigung Kinkels mit schriftlichen Arbeiten an, worauf Kinkel
selbst erklärte, er wünsche beim Spulrade zu bleiben, da eine leichte
körperliche Anstrengung ihm gestatte, sich frei mit seinen Gedanken zu
beschäftigen, während tagelanges Kopieren seine Brust angreife und ihn
krank mache.
Die
weitverbreitete Meinung, als werde Kinkel im Zuchthause auf den Befehl
des Königs mit besonderer Bosheit behandelt, traf nicht zu, wenn er
auch mancherlei zu leiden hatte. Schnuchel, der Naugarder Direktor,
war ein strammer Bürokrat, aber kein Unmensch: er duzte Kinkel, aber
gewährte ihm viele Bewegung in freier Luft und hatte menschliches
Verständnis für die rastlosen Bemühungen der Frau Kinkel, ihren Mann
zu befreien. In Spandau dagegen, wohin Kinkel im Mai 1850 kam, wurde
er Sie genannt, mußte sich aber Bart und Haupthaar scheren lassen; der
Direktor Jeserich, ein frömmelnder Reaktionär, quälte ihn mit
Bekehrungsversuchen und begann mit der »verehelichten Kinkel« sofort
die widerlichsten Zänkereien. Immerhin machte auch dieser
Seelenverkäufer keine großen Schwierigkeiten, als ihn das Ministerium
zum Bericht über den Antrag der Frau Kinkel aufforderte, falls man
ihren Mann nach Amerika entlasse, so werde er sich durch sein
Ehrenwort verpflichten, auf jede politische Tätigkeit zu verzichten
und nie nach Europa zurückzukehren. Jeserich meinte sogar, soweit er
den Kinkel kennengelernt habe, werde eine gründliche Heilung seines
innersten Menschen noch am ehesten in Amerika erlangt werden. Aber
mindestens ein Jahr müsse er im Kerker verbüßt haben, damit das
Schwert der |206| Obrigkeit nicht gar so stumpf und schartig
werde; dann könne ihm die Auswanderung gestattet werden, es sei denn,
daß Kinkels Gesundheit unter der längeren Haft litte, wovon jedoch
nichts zu spüren wäre. Dieser Bericht Jeserichs ging an den König, der
sich nun freilich rachsüchtiger erwies als die Minister und der
Zuchthausdirektor; »Allerhöchstdieselben« entschieden, dem p. Kinkel
könne nach Ablauf eines Jahres noch nicht die Auswanderung gestattet
werden, da er noch ganz anders gedemütigt werden müsse, als bisher
geschehen sei.
Überblickt man den Kultus, der damals mit Kinkel getrieben wurde, so
begreift man den Widerwillen, den er bei Männern wie Marx und Engels
erregen mußte. Dergleichen spießbürgerliche Spektakelstücke sind ihnen
immer unausstehlich gewesen. Schon in seiner Darstellung der
Reichsverfassungskampagne hatte sich Engels sehr bitter über das viele
Wesen ausgelassen, das mit den »gebildeten Opfern« der Maiaufstände
gemacht würde, während niemand von den Hunderten und Tausenden von
Arbeitern spräche, die in der Schlacht gefallen wären oder in den
Rastatter Kasematten verfaulten oder im Auslande allein von allen
Flüchtlingen das Exil bis auf die Hefen des Elends zu durchkosten
hätten. Allein wenn man auch davon absah, so gab es auch unter den
»gebildeten Opfern« viele, die ungleich Schwereres zu tragen hatten
und es ungleich männlicher trugen als Kinkel, ohne daß ein Hahn danach
krähte. Es sei nur an August Röckel erinnert, der als Künstler
mindestens ebenso hoch stand als Kinkel, er wurde im Zuchthause von
Waldheim aufs grausamste bis zur körperlichen Züchtigung mißhandelt,
war aber nach zwölf Jahren unerträglicher Foltern nicht zu bewegen,
auch nur mit dem Zucken einer Augenwimper um Gnade zu bitten, so daß
die an seinem Stolz verzweifelnde Reaktion ihn schließlich sozusagen
gewaltsam aus dem Zuchthause werfen mußte. Und Röckel war nicht der
einzige seiner Art. Vielmehr war Kinkel der einzige, der schon nach
wenigen Monaten einer immerhin erträglichen Haft durch
Veröffentlichung seiner Rastatter Rede vor aller Welt Reu' und Leid
tat. Da war die derbe und herbe Kritik, die Marx und Engels an dieser
Rede übten, durchaus angebracht; sie konnten mit Recht sagen, daß sie
die Lage des gefangenen Kinkel dadurch nicht verschlechterten, sondern
verbesserten.
Der
Verlauf des Falles Kinkel gab ihnen dann auch sonst recht. Die
Schwärmerei für Kinkel löste die Schnüre bürgerlicher Geldbeutel so
weit, daß ein Beamter des Spandauer Zuchthauses bestochen und Kinkel
im November 1850 durch Karl Schurz befreit werden konnte. Das hatte
nun der König von seiner Rachsucht. Hätte er Kinkel gegen dessen
ehrenwörtliches Versprechen, keine Politik mehr zu treiben, nach
Amerika |207|* auswandern lassen, so würde Kinkel schnell
vergessen worden sein, wie sogar der Zuchthausdirektor Jeserich
begriffen hatte; nun wurde Kinkel durch seine gelungene Flucht ein
dreimal gefeierter Agitator, und der König hatte zum Schaden noch den
Spott zu tragen.
Doch
wußte er sich in seiner königlichen Art zu fassen. Der Bericht über
Kinkels Flucht regte in ihm einen Gedanken an, den er selbst ehrlich
genug war, als unlauter zu bezeichnen. Er befahl seinem Manteuffel,
durch die »kostbare Persönlichkeit« des Stieber ein Komplott aufdecken
und bestrafen zu lassen. Stieber war damals schon so allgemein
verachtet, daß sich selbst der Berliner Polizeipräsident Hinckeldey,
der in der Verfolgung politischer Gegner ein sehr weites Gewissen
hatte, heftig gegen seine Wiederanstellung im Polizeidienst sträubte.
Half aber alles nichts, und Stieber inszenierte nun als seine
Probearbeit das Diebstahls- und Meineidsstück des Kölner
Kommunistenprozesses.
An
mancherlei Schurkerei übertraf es dutzendfach den Fall Kinkel, aber
man hat nicht gehört, daß sich auch nur ein biederer Bürgersmann
darüber aufgeregt hätte. Vielleicht wollte diese angenehme Klasse
damit beweisen, daß Marx und Engels sie von vornherein richtig
durchschaut hatten.
3. Die Spaltung des
Kommunistenbundes
Im
übrigen hatte der Fall Kinkel mehr eine symptomatische als eine
tatsächliche Bedeutung. Das Wesen des Streits, in den Marx und Engels
mit der Londoner Emigration gerieten, läßt sich daran am genauesten
erkennen, aber seine wichtigste Erscheinung war er nicht, geschweige
denn, daß er seine Ursache gewesen wäre.
Was
Marx und Engels mit der sonstigen Emigration verband und was sie von
ihr trennte, zeigen die beiden Schöpfungen, denen sie neben der
Herausgabe der »Neuen Rheinischen Revue« im Jahre 1850 ihre Arbeit
widmeten: auf der einen Seite das Flüchtlingskomitee, das sie mit
Bauer, Pfänder und Willich gründeten, um den Emigranten zu helfen, die
um so massenhafter nach London strömten, je mehr die Schweiz die rauhe
Seite gegen die Flüchtlinge herauszukehren begann, auf der andern
Seite die Wiederherstellung des Kommunistenbundes, die um so
notwendiger wurde, je rücksichtsloser die siegreiche Gegenrevolution
der Arbeiterklasse Preß- und Versammlungsfreiheit und überhaupt alle
Mittel öffentlicher Propaganda entriß. Man mag sagen, daß Marx und
Engels sich menschlich mit der Emigration solidarisch erklärten,
|208| aber nicht politisch; daß sie ihre Leiden
teilten, aber nicht ihre Einbildungen; daß sie ihr den letzten Pfennig
opferten, aber nicht das kleinste Bruchteilchen ihrer Überzeugungen.
Die
deutsche und nun gar die internationale Flüchtlingsschaft stellte eine
verworrene Masse der allerverschiedensten Elemente dar. Sie alle
hofften auf ein Wiedererwachen der Revolution, die sie in die Heimat
zurückführen würde, und sie alle arbeiteten auf dies Ziel hin, womit
eine einheitliche Aktion gegeben zu sein schien. Jedoch jeder Anlauf
dazu scheiterte regelmäßig; er gedieh höchstens zu papierenen
Kundgebungen, die destoweniger besagten, je pomphafter sie klangen.
Sobald gehandelt werden sollte, entstanden die unerbaulichsten
Zänkereien. Sie wurden nicht verschuldet durch die Personen und
höchstens verschärft durch die trostlose Lage, in der sich diese
Personen befanden; ihre wirkliche Ursache waren die Klassenkämpfe, die
den Gang der Revolution bestimmt hatten und in der Emigration
fortdauerten, trotz aller Versuche, sie wegzuphantasieren. Die
Fruchtlosigkeit dieser Versuche sahen Marx und Engels von vornherein
ein und beteiligten sich nicht daran, was alle Fraktionen und
Fraktiönchen der Emigration wenigstens in der einen Ansicht
vereinigte, daß Marx und Engels die eigentlichen und unverbesserlichen
Störenfriede seien.
An
ihrem Teil setzten sie den proletarischen Klassenkampf fort, den sie
schon vor der Revolution begonnen hatten. Die alten Mitglieder des
Kommunistenbundes hatten sich seit dem Herbst 1849 fast vollzählig in
London wieder zusammengefunden, bis auf Moll, der in den Kämpfen an
der Murg gefallen war, sowie Schapper, der erst im Sommer 1850
eintraf, und endlich Wilhelm Wolff, der noch ein Jahr später aus der
Schweiz übersiedelte. Dazu waren manche neue Kräfte gewonnen: August
Willich, der ehemalige preußische Offizier, der sich im
badisch-pfälzischen Feldzuge als umsichtiger Freischarenführer bewährt
hatte und von seinem damaligen Adjutanten Engels geworben worden war:
eine tüchtige Persönlichkeit, aber theoretisch ein unklarer Kopf. Dann
allerlei junges Volk, der Kaufmann Konrad Schramm, der Lehrer Wilhelm
Pieper und namentlich Wilhelm Liebknecht, der auf deutschen
Universitäten studiert, aber seine Examina in den badischen Aufständen
und im schweizerischen Exil bestanden hatte. Sie alle waren in diesen
Jahren viel um Marx, am anhänglichsten und treuesten wohl Liebknecht.
Auf die anderen beiden ist Marx nicht immer gut zu sprechen gewesen,
da sie ihm manche Unruhe machten, doch darf man nicht jedes ärgerliche
Wort, das er gelegentlich über sie äußerte, wörtlich nehmen. Als
Konrad Schramm noch in jungen Jahren von der Schwindsucht dahingerafft
|209|* worden war, rühmte Marx ihn als den »Percy Heißsporn«
der Partei; auch von Pieper meinte er, daß er »bei alledem ein bon
garçon« sei. Durch Pieper kam der Göttinger Advokat Johannes Miquel in
brieflichen Verkehr mit Marx und trat in den Bund der Kommunisten ein.
Marx schätzte in ihm offenbar einen Mann von Geist, und Miquel hat
auch eine Reihe von Jahren bei der Fahne ausgehalten, bis er sich wie
sein Freund Pieper ins liberale Lager rückwärts wandte.
Ein
Rundschreiben der Zentralbehörde, vom März 1850 datiert, von Marx und
Engels verfaßt und von Heinrich Bauer als Emissär nach Deutschland
gebracht, war bestimmt, den Bund der Kommunisten wiederherzustellen.
Es ging von der Auffassung aus, daß eine neue Revolution bevorstände,
»sei es, daß sie hervorgerufen wird durch eine selbständige Erhebung
des französischen Proletariats oder durch die Invasion der Heiligen
Allianz gegen das revolutionäre Babel«.[5]
Wie die Märzrevolution die Bourgeoisie, so würde die neue Revolution
das Kleinbürgertum zum Siege führen, das die Arbeiterklasse abermals
verraten würde. Das Verhältnis der revolutionären Arbeiterpartei zu
den kleinbürgerlichen Demokraten wurde dahin zusammengefaßt: »Sie geht
mit ihr zusammen gegen die Fraktion, deren Sturz sie bezweckte; sie
tritt ihnen gegenüber in allem, wodurch sie sich für sich selbst
festsetzen wollen.«[6] Die
Kleinbürger würden eine für sie siegreiche Revolution dazu ausnützen,
die kapitalistische Gesellschaft soweit zu reformieren, daß sie für
ihre eigene Klasse und bis zu einem gewissen Grade auch für die
Arbeiter bequemer und erträglicher gemacht würde. Damit könnte aber
das Proletariat keineswegs zufrieden sein. Während die demokratischen
Kleinbürger möglichst rasch nach Durchführung ihrer beschränkten
Forderungen auf Abschluß der Revolution drängen würden, wäre es
vielmehr die Aufgabe der Arbeiter, die Revolution permanent zu machen,
»so lange, bis alle mehr oder weniger besitzenden Klassen von der
Herrschaft verdrängt sind, die Staatsgewalt vom Proletariat erobert
und die Assoziation der Proletarier nicht nur in einem Lande, sondern
in allen herrschenden Ländern der ganzen Welt so weit vorgeschritten
ist, daß die Konkurrenz der Proletarier in diesen Ländern aufgehört
hat und daß wenigstens die entscheidenden produktiven Kräfte in den
Händen der Proletarier konzentriert sind.«[7]
Demgemäß warnte das Rundschreiben die Arbeiter davor, sich durch die
Einigungs- und Versöhnungspredigten der kleinbürgerlichen Demokraten
täuschen und zum Anhängsel der bürgerlichen Demokratie herabdrücken zu
lassen. Sie müßten im Gegenteil sich möglichst fest und stark
organisieren, um nach dem Siege der Revolution, den sie wie |210|
bisher immer durch ihre Kraft und ihren Mut erkämpfen würden, dem
Kleinbürgertum solche Bedingungen zu diktieren, daß die Herrschaft der
bürgerlichen Demokraten den Keim des Untergangs in sich trüge und ihre
spätere Verdrängung durch die Herrschaft des Proletariats; bedeutend
erleichtert würde. »Die Arbeiter müssen vor allen Dingen während des
Konfliktes und unmittelbar nach dem Kampfe, soviel nur irgend möglich,
der bürgerlichen Abwiegelung entgegenwirken und die Demokraten zur
Ausführung ihrer jetzigen terroristischen Phrasen zwingen ... Weit
entfernt, den sogenannten Exzessen, den Exempeln der Volksrache an
verhaßten Individuen oder öffentlichen Gebäuden, an die sich nur
gehässige Erinnerungen knüpfen, entgegenzutreten, muß, man diese
Exempel nicht nur dulden, sondern ihre Leitung selbst in die Hand
nehmen.«[8] Bei den Wahlen
für eine Nationalversammlung müßten die Arbeiter überall selbständige
Kandidaten aufstellen, selbst wo gar keine Aussicht für ihren Sieg
vorhanden wäre, unbekümmert um alle demokratischen Redensarten.
Natürlich könnten die Arbeiter im Anfange der Bewegung noch keine
direkt kommunistischen Maßregeln vorschlagen, aber sie könnten die
Demokraten dazu zwingen, nach möglichst vielen Seiten in die bisherige
Gesellschaftsordnung einzugreifen, ihren regelmäßigen Gang zu stören
und sich selbst zu kompromittieren sowie möglichst viele
Produktivkräfte, Transportmittel, Fabriken, Eisenbahnen usw. in den
Händen des Staats zu kompensieren. Vor allem sollten die Arbeiter
nicht dulden, daß bei Aufhebung des Feudalismus, die feudalen
Ländereien, wie in der großen französischen Revolution, den Bauern als
freies Eigentum gegeben, somit das Landproletariat erhalten und eine
kleinbürgerliche Bauernklasse gebildet würde, die denselben Kreislauf
der Verarmung und Verschuldung durchmachte wie der französische Bauer.
Vielmehr müßten die Arbeiter verlangen, daß die konfiszierten
Feudalländereien Staatsgut blieben und zu Arbeiterkolonien verwandelt
würden, die das assoziierte Landproletariat mit allen Mitteln des
großen Ackerbaus zu bearbeiten habe. Dadurch erlange das Prinzip des
gemeinsamen Eigentums sogleich eine feste Grundlage mitten in den
wankenden bürgerlichen Eigentumsverhältnissen.
Bewaffnet mit diesem Rundschreiben, hatte Bauer mit seiner
Missionsreise nach Deutschland großen Erfolg. Es gelang ihm,
zerrissene Fäden wieder anzuknüpfen und neue Fäden zu spinnen,
namentlich großen Einfluß auf die Reste der Arbeiter-, Bauern-,
Tagelöhner- und Turnvereine zu gewinnen, die sich noch in allem Wüten
der Gegenrevolution erhalten hatten. Auch die einflußreichsten
Mitglieder der |211| von Stephan Born gegründeten
Arbeiterverbrüderung schlossen sich dem Bunde an, der »alle
brauchbaren Kräfte für sich gewonnen« habe, wie Karl Schurz nach
Zürich berichtete, als er zu gleicher Zeit im Auftrage einer
schweizerischen Flüchtlingsorganisation Deutschland bereiste. In einer
zweiten, vom Juni 1850 datierten Ansprache konnte die Zentralbehörde
berichten, daß der Bund in einer Reihe deutscher Städte festen Fuß
gefaßt und sich leitende Kreise gebildet hätten, in Hamburg für
Schleswig-Holstein, in Schwerin für Mecklenburg, in Breslau für
Schlesien, in Leipzig für Sachsen und Berlin, in Nürnberg für Bayern,
in Köln für Rheinland und Westfalen.
In
eben dieser Ansprache wurde der Kreis London als der stärkste des
ganzen Bundes bezeichnet, der fast ausschließlich für die Kosten
aufkomme. Er leite fortwährend den deutschen Arbeiterbildungsverein in
London, wie den entschiedenen Teil der dortigen Flüchtlinge; auch
stehe die Zentralbehörde in naher Verbindung mit der revolutionären
Partei der Engländer, Franzosen und Ungarn. Aber in anderer Beziehung
war der Kreis London doch auch wieder die schwächste Seite des Bundes,
insofern als er ihn in die immer hitzigeren, aber auch immer
hoffnungsloseren Kämpfe der Emigration verwickelte.
Im
Laufe des Sommers 1850 entschwand sichtlich die Hoffnung auf ein
baldiges Wiedererwachen der Revolution. In Frankreich wurde das
allgemeine Stimmrecht vernichtet, ohne daß sich die Arbeiterklasse
erhob; die Entscheidung stand nur noch zwischen dem Prätendenten Louis
Bonaparte und der monarchistisch-reaktionären Nationalversammlung. In
Deutschland zog sich das demokratische Kleinbürgertum von der
politischen Bühne zurück, während die liberale Bourgeoisie sich an dem
Leichenraub beteiligte, den Preußen an der deutschen Revolution
versuchte. Dabei wurde Preußen von den deutschen Mittel- und
Kleinstaaten geprellt, die alle nach der österreichischen Pfeife
tanzten, während der Zar über diese ganze deutsche Gesellschaft die
drohende Knute schwang. In dem Maße aber, wie die wirkliche Revolution
verebbte, steigerten sich die fieberhaften Anstrengungen der
Emigration, eine künstliche Revolution zu fabrizieren; sie täuschte
sich über alle drohenden Anzeichen fort und setzte ihre Hoffnung auf
Wundertaten, die sie durch ihren entschlossenen Willen erreichen
könnte. In demselben Maße wurde sie mißtrauischer gegen jede
Selbstkritik aus ihren eigenen Reihen. So gerieten Marx und Engels,
die mit klarem und kühlem Blick den wirklichen Hergang der Dinge
beobachteten, in immer schrofferen Gegensatz zur Emigration. Aber wie
hätte die Stimme der Logik und Vernunft den Sturm der Leidenschaften
in einer mehr und mehr verzweifelnden Masse |212| bändigen
können! Sie vermochte es so wenig, daß der allgemeine Taumel auch in
den Londoner Kreis des Kommunistenbundes eindrang und seine
Zentralbehörde innerlich zerrüttete.
In
ihrer Sitzung vom 15. September 1850 kam es zur offenen Spaltung.
Sechs Mitglieder standen gegen vier: Marx und Engels, dann Bauer,
Eccarius, Pfänder von der alten Garde und von dem jungen Nachwuchs
Konrad Schramm gegen Willich, Schapper, Fränckel und Lehmann, unter
denen nur einer vom alten Stamm war: Schapper, ein Urrevolutionär, wie
Engels ihn wohl genannt hat, den die revolutionäre Leidenschaft
fortriß, nachdem er die Greuel der Gegenrevolution ein Jahr lang aus
nächster Nähe mit angesehen hatte und eben erst in England gelandet
war.
In der
entscheidenden Sitzung kennzeichnete Marx den Gegensatz mit den
Worten: »An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität
eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine
idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße
Wille zum Triebrade der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen:
Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen,
nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu
ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im
Gegenteil: ›wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können
uns schlafen legen.‹ Während wir speziell die deutschen Arbeiter auf
die unentwickelte Gestalt des deutschen Proletariats hinweisen,
schmeichelt ihr aufs plumpste dem Nationalgefühl und dem
Standesvorurteil der deutschen Handwerker, was allerdings populärer
ist. Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen
Wesen gemacht wird, so von euch das Wort Proletariat.«[9]
Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, sogar zu einer - übrigens von
Marx mißbilligten - Duellforderung Schramms an Willich, die bei
Antwerpen ausgetragen wurde und zu einer leichten Verwundung Schramms
führte. Aber eine Einigung der Geister erwies sich als unmöglich.
Die
Mehrheit suchte den Bund zu retten, indem sie seine Leitung nach Köln
verlegte; der Kreis Köln sollte eine neue Zentralbehörde wählen und an
die Stelle des einen bisherigen Kreises London sollten zwei Kreise
treten, die, von einander unabhängig, nur mit der gemeinsamen
Zentralbehörde verkehrten. Der Kreis Köln ging darauf ein und wählte
eine neue Zentralbehörde, aber die Minderheit weigerte sich, sie
anzuerkennen. Sie besaß den stärkeren Anhang in dem Kreise London und
namentlich in dem deutschen Arbeiterbildungsverein, aus dem Marx und
seine näheren Freunde ausschieden. Willich und Schapper |213|
stifteten einen Sonderbund, der sich alsbald in eine abenteuerliche
Revolutionsspielerei verlor.
Umfassender als in der Sitzung vom 15. September begründeten Marx und
Engels ihre Auffassung in dem fünften und sechsten Heft ihrer »Revue«,
einem Doppelheft, womit sie im November 1850 ihr Dasein beschloß.
Neben einer großen Abhandlung, in der Engels den Bauernkrieg von 1525
nach historisch-materialistischen Gesichtspunkten darstellte, enthielt
es einen Aufsatz von Eccarius über die Schneiderei in London, den Marx
mit dein frohen Rufe begrüßte: »Ehe das Proletariat seine Siege auf
Barrikaden und in Schlachtlinien erficht, kündet es die Ankunft seiner
Herrschaft durch eine Reihe intellektueller Siege an.«[10]
Eccarius, selbst in einem der Londoner Schneidershops tätig, begriff
das Erliegen des Handwerks vor der großen Industrie als
geschichtlichen Fortschritt, während er gleichzeitig in den
Ergebnissen und Leistungen der großen Industrie die von der Geschichte
selbst hervorgebrachten und täglich sich neu erzeugenden realen
Bedingungen der proletarischen Revolution erkannte. An dieser rein
materialistischen Auffassung, die von keinen Gefühlsmucken gestört,
der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Bewegung gegenübertrat, rühmte
Marx den großen Fortschritt über die sentimentale, moralische und
psychologische Kritik hinaus, wie sie Weitling und andere
schriftstellernde Arbeiter gegen die bestehenden Zustände geltend
gemacht hätten. Es war eine Frucht seiner ruhelosen Arbeit und die ihm
willkommenste Frucht.
Das
Schwergewicht dieses letzten Heftes aber lag in der
ökonomisch-politischen Übersicht der Monate Mai bis Oktober. In einer
umfassenden Untersuchung legten Marx und Engels die ökonomischen
Ursachen der politischen Revolution und Gegenrevolution dar, wie jene
aus einer schweren wirtschaftlichen Krise entstanden sei und diese
ihre Wurzel in einem neuen Aufschwunge der Produktion habe. Sie kamen
zu dem Ergebnis: »Bei dieser allgemeinen Prosperität, worin die
Produktivkräfte der bürgerlichen Gesellschaft sich so üppig
entwickeln, wie dies innerhalb der bürgerlichen Verhältnisse überhaupt
möglich, ist, kann von einer wirklichen Revolution keine Rede sein.
Eine solche Revolution ist nur in den Perioden möglich, wo diese
beiden Faktoren, die modernen Produktivkräfte und die
bürgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch
geraten. Die verschiedenen Zänkereien, in denen sich jetzt die
Repräsentanten der einzelnen Fraktionen der kontinentalen
Ordnungspartei ergehn und gegenseitig kompromittieren, weit entfernt
zu neuen Revolutionen Anlaß zu geben, sind im Gegenteil nur möglich,
weil die Grundlage der Verhältnisse momentan so sicher und, was die
|214| Reaktion nicht weiß, so bürgerlich ist. Am ihr werden
alle die bürgerliche Entwickelung aufhaltenden Reaktionsversuche
ebensosehr abprallen wie alle sittliche Entrüstung und alle
begeisterten Proklamationen der Demokraten. Eine neue Revolution
ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch
ebenso sicher wie diese.«[11]
Dieser
klaren und überzeugenden Darlegung ward dann zum Schluß der Übersicht
der Aufruf eines europäischen Zentralkomitees gegenübergestellt, der
von Mazzini, Ledru-Rollin, Darasz und Ruge unterzeichnet, alle
Illusionen der Emigration auf knappem Raume zusammenfaßte, der das
Scheitern der Revolution auf die ehrgeizige Eifersucht der einzelnen
Führer und die feindlich entgegenstehenden Meinungen der verschiedenen
Volkslehrer zurückführte und sein Glaubensbekenntnis ablegte in dem
Glauben an die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, an die
Familie, die Gemeinde, den Staat, das Vaterland, kurzum an einen
sozialen Zustand, der Gott und sein Gesetz zur Spitze und das Volk zur
Basis habe.
Datiert ist diese Übersicht vom 1. November 1850. Mit ihr hatte das
örtliche Zusammenwirken der Verfasser auf zwei Jahrzehnte ein Ende;
Engels ging nach Manchester, um wieder als Kommis in die Großspinnerei
Ermen & Engels einzutreten, während Marx in London blieb, um sich mit
voller Kraft seiner wissenschaftlichen Arbeit zu widmen.
4. Flüchtlingsleben
Wie
diese Novembertage fast genau in die Hälfte seines Lebens fallen, so
erscheinen sie nicht bloß äußerlich als eine bedeutsame Wendung des
Lebenswerks, das Marx vollbracht hat. Er selbst hatte eine lebhafte
Empfindung davon, und in vielleicht noch höherem Grade hatte sie
Engels.
»Man
sieht mehr und mehr ein«, schrieb er im Februar 1851 an Marx, »daß die
Emigration ein Institut ist, worin jeder notwendig ein Narr, ein Esel
und ein gemeiner Schurke wird, der sich nicht ganz von ihr zurückzieht
und dem die Stellung des unabhängigen Schriftstellers, der auch nach
der sogenannten revolutionären Partei den Teufel fragt, nicht genügt.«
Und darauf antwortete Marx: »Mir gefällt sehr die öffentliche,
authentische Isolation, worin wir zwei, Du und ich, uns jetzt
befinden. Sie entspricht ganz unsrer Stellung und unsern Prinzipien.
Das System wechselseitiger Konzessionen, aus Anstand geduldeter
Halbheiten |215|*, und die Pflicht, vor dem Publikum seinen
Teil Lächerlichkeit in der Partei mit all diesen Eseln zu nehmen, das
hat jetzt aufgehört.« Und abermals Engels: »Wir haben jetzt endlich
wieder einmal - seit langer Zeit zum erstenmal - Gelegenheit, zu
zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support von irgendeiner
Partei irgendwelches Landes brauchen und daß unsre Position von
dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. Wir sind von jetzt an nur
noch für uns selbst verantwortlich ... Wir können uns übrigens im
Grund nicht einmal sehr beklagen, daß die petits grands hommes uns
scheuen; haben wir nicht seit soundsoviel Jahren getan, als wären
Krethi und Plethi unsre Partei, wo wir gar keine Partei hatten und wo
die Leute, die wir als zu unsrer Partei gehörig rechneten, wenigstens
offiziell, ... auch nicht die Anfangsgründe unsrer Sachen verstanden?«
Man braucht die »Narren« und »Schurken« nicht auf die Goldwaage zu
legen und kann auch sonst manches von diesen leidenschaftlichen
Äußerungen abziehen: soviel bleibt sicherlich, daß Marx und Engels mit
Recht einen rettenden Entschluß darin sahen, sich mit scharfem Schnitt
von den unfruchtbaren Streitereien der Emigration zu trennen und, wie
Engels sich ausdrückte, in »gewisser Einsamkeit« wissenschaftlich zu
forschen, bis die Menschen und die Zeiten kamen, die ihre Sachen
verstanden.
Nur
vollzog sich der Schnitt weder so scharf noch so schnell noch so lief,
wie es dem rückblickenden Beobachter wohl erscheinen mag. In den
Briefen, die Engels und Marx während der nächsten Jahre wechselten,
fanden die Kämpfe mit der Emigration immer noch ein allzu
vielstimmiges Echo. Das ergab sich schon aus den unausgesetzten
Reibungen zwischen den beiden Fraktionen, in die sich der Bund der
Kommunisten gespalten hatte. Auch beabsichtigten die beiden Freunde
keineswegs, auf alle Beteiligung an den politischen Kämpfen zu
verzichten, indem sie sich nicht mehr in die Krakeele der Emigration
mischten. Wenn sie schon ihre Mitarbeit an den chartistischen Organen
nicht aufgaben, so gedachten sie es nicht einmal an dem Untergange der
»Neuen Rheinischen Revue« bewenden zu lassen.
Der
Verleger Schabelitz in Basel wollte ihre Fortsetzung übernehmen, doch
ist nichts daraus geworden; mit Hermann Becker, der sich in Köln
gehalten hatte und erst die »Westdeutsche Zeitung«, nach deren
Unterdrückung aber einen kleinen Schriftenverlag leitete, verhandelte
Marx über die Herausgabe seiner gesammelten Schriften und dann auch
über eine Vierteljahrsschrift, die in Lüttich erscheinen sollte. Diese
Pläne scheiterten an der Verhaftung Beckers im Mai 1851, doch ist von
den »Gesammelten Aufsätzen, herausgegeben von Hermann Becker«,
wenigstens |216|* ein Heft erschienen. Sie sollten zwei Bände
von je 25 Bogen umfassen. Wer bis zum 15. Mai auf diese Bände
subskribierte, erhielt sie in 10 Heften zu je 8 Silbergroschen; danach
sollte der Ladenpreis von 1 Taler 15 Silbergroschen für jeden Band
eintreten. Das erste Heft hatte raschen Absatz gefunden, doch muß die
Angabe Weydemeyers, daß es in 15.000 Exemplaren verbreitet worden sei,
auf irgendeinem Irrtum beruhen; schon der zehnte Teil dieser Ziffer
würde nach den damaligen Verhältnissen einen sehr beträchtlichen
Erfolg dargestellt haben.
Bei
diesen Plänen spielte für Marx auch die »gebieterische Notwendigkeit
einer Erwerbsarbeit« mit. Er lebte in den kümmerlichsten
Verhältnissen. Im November 1849 wurde ihm das vierte Kind geboren, ein
Söhnchen Guido. Die Mutter nährte das Kind selbst, worüber sie
schrieb: »Der arme kleine Engel trank mir so viel Sorgen und stillen
Kummer ab, daß er beständig kränkelte, Tag und Nacht in heftigen
Schmerzen lag. Seit er auf der Welt ist, hat er noch keine Nacht
geschlafen, höchstens zwei bis drei Stunden.« Das arme Kind starb ein
Jahr nach seiner Geburt.
Aus
ihrer ersten Wohnung in Chelsea wurde die Familie in brutaler Weise
exmittiert, da sie die Miete zwar der Vermieterin, aber diese nicht
dem Landlord gezahlt hatte. Mit Mühe und Not gewann sie ein neues
Unterkommen in einem deutschen Hotel in Leicester Street, Leicester
Square, von wo sie bald nach der Deanstreet 28, Soho Square,
übersiedelte. Hier fand sie für ein halbes Dutzend Jahre in zwei
Stübchen eine bleibende Statt.
Aber
die Not war damit nicht gebannt. Sie stieg höher und höher; Ende
Oktober 1850 schrieb Marx an Weydemeyer in Frankfurt a.M., dieser möge
die in dem dortigen Pfandhause versetzten Silbersachen einlösen und
verkaufen; nur ein Kinderbesteck, das der kleinen Jenny gehöre, solle
unter allen Umständen gerettet werden. »Meine Lage ist jetzt so, daß
ich unter allen Umständen Geld beitreiben muß, selbst um fortarbeiten
zu können.« In eben diesen Tagen siedelte Engels nach Manchester über,
um sich dem »hündischen Kommerz« zu ergeben, sicherlich schon in der
Absicht, dadurch vor allem dem Freunde zu helfen.
Sonst
machten sich freilich die Freunde rar in der Not. »Was mich wirklich
bis ins Innerste vernichtet und mein Herz bluten macht«, schrieb Frau
Marx 1850 an Weydemeyer, »das ist, daß mein Mann so viel Kleinliches
durchzumachen hat, daß ihm mit so wenigem zu helfen gewesen wäre, und
daß er, der so vielen gern und freudig geholfen hat, hier so hilflos
stand. Glauben Sie nicht, lieber Herr Weydemeyer, daß wir an irgend
jemand Ansprüche machen. Das einzige, was mein Mann |217| wohl
von denen verlangen konnte, die manchen Gedanken, manche Erhebung,
manchen Halt an ihm hatten, war, bei seiner ›Revue‹ mehr geschäftliche
Energie, mehr Teilnahme zu entwickeln. Das bin ich so stolz und kühn
zu behaupten. Das Wenige war man ihm schuldig. Ich glaube, es war
dabei niemand betrogen. Das schmerzt mich, aber mein Mann denkt
anders. Er hat noch nie, selbst in den schrecklichsten Momenten, die
Sicherheit der Zukunft, selbst nicht den heitersten Humor verloren und
war ganz zufrieden, wenn er mich heiter sah und unsere lieblichen
Kinder ihr liebes Mütterchen umschmeichelten.« Und wie sie um ihn
sorgte, wenn die Freunde schwiegen, so sorgte er um sie, wenn die
Feinde nur allzu laut lärmten.
Ebenfalls an Weydemeyer schrieb Marx im August 1851: »Du kannst Dir
denken, daß meine Lage sehr trüb ist. Meine Frau geht unter, wenn es
lange so fortdauert. Die beständigen Sorgen, der allerkleinlichste
bürgerliche Kampf reiben sie auf. Und dazu noch die Infamien meiner
Gegner, die noch nie auch nur versucht haben, mich sachlich
anzugreifen, und sich für ihre Ohnmacht dadurch zu rächen suchen, daß
sie mich bürgerlich verdächtigen und die unsagbarsten Infamien über
mich verbreiten ... Natürlich, ich würde lachen über den ganzen Dreck;
ich lasse mich dadurch auch keinen Augenblick in meiner Arbeit stören,
aber Du begreifst, daß meine Frau, die leidend ist und in dem
unerfreulichsten bürgerlichen Elend vom Morgen bis zum Abend sitzt und
deren Nervensystem angegriffen ist, nicht dadurch erfrischt wird, daß
jeden Tag dumme Zwischenträger ihr die Ausdünstungen der
demokratischen Pestkloaken zuführen. Die Taktlosigkeit einzelner Leute
ist darin oft kolossal.« Als einige Monate früher (im März) ein
Töchterchen Franziska eingekehrt war, hatte Frau Marx trotz der
leichten Entbindung schwer krank daniedergelegen, »mehr aus
bürgerlichen als aus physischen Gründen«; nicht ein Pfennig war im
Hause gewesen »und dabei hat man noch die Arbeiter exploitiert! [Mehring
übersetzt: ausgebeutet] und strebt nach der Diktatur!«, schrieb Marx
in bitterster Stimmung an Engels.
Für
seine Person fand Marx einen nie versiegenden Trost in der
wissenschaftlichen Arbeit. Er saß von 9 Uhr morgens bis abends 7 Uhr
auf dem Britischen Museum. Im Hinblick auf das leere Treiben der
Kinkel und Willich meinte er: »Die demokratischen Simpletons, denen
die Erleuchtung ›von oben‹ kommt, haben natürlich derartige
Anstrengungen nicht nötig. Wofür sollten sie sich mit ökonomischem und
historischem Material plagen, diese Sonntagskinder! Es ist ja alles so
einfach, pflegte der wackere Willich mir zu sagen. Alles so einfach!
In diesen |218| wüsten Köpfen. Höchst einfache Kerls!« Marx
hoffte damals, binnen weniger Wochen mit seiner »Kritik der
politischen Ökonomie« fertig zu werden, und begann schon nach einem
Verleger zu suchen, ein Bemühen, das ihm wiederum nur eine
Enttäuschung nach der andern einbrachte.
Im Mai
1851 kam dann ein treuer Freund nach London, auf den Marx sicher
zählen konnte und mit dem er in den nächsten Jahren engsten Umgang
pflog: Ferdinand Freiligrath. Aber auch ihm folgte eine Hiobspost auf
dem Fuße. Am 10. Mai war der Schneider Nothjung auf einer
Agitationsreise als Abgesandter des Kommunistenbundes in Leipzig
verhaftet und durch die Papiere, die er bei sich trug, war die
Existenz des Bundes der Polizei verraten worden. Alsbald wurden die
Mitglieder der Zentralbehörde in Köln verhaftet; Freiligrath war
gerade nur mit knapper Not, ohne Ahnung der ihm drohenden Gefahr, dem
gleichen Schicksal entgangen. Bei seiner Ankunft in London rissen sich
die verschiedenen Fraktiönchen der deutschen Emigration um den
berühmten Dichter, aber Freiligrath erklärte, er halte sich nur zu
Marx und dessen engstem Kreise. So lehnte er auch die Beteiligung an
einer Versammlung ab, die am 14. Juli 1851 stattfinden und noch einmal
den Versuch machen sollte, die deutsche Emigration unter einen Hut zu
bringen. Der Versuch scheiterte wie alle früheren und rief nur neuen
Zwist hervor. Am 20. Juli wurde der »Agitationsverein« unter der
geistigen Leitung Ruges, am 27. Juli der »Emigrationsklub« unter der
geistigen Leitung Kinkels gestiftet. Beide Vereine führten alsbald
eine wütende Fehde gegeneinander, namentlich auch in der
deutsch-amerikanischen Presse.
Marx
hatte natürlich nur beißenden Spott übrig für diesen »Froschmäuslerkrieg«,
dessen Häuptlinge ihm, ihrer ganzen Denkweise nach, so ziemlich gleich
zuwider waren. Die Versuche Ruges, im Jahre 1848 »die Vernunft der
Ereignisse zu redigieren«, waren in der »Neuen Rheinischen Zeitung«
mit einer Art künstlerischer Vorliebe behandelt worden, doch fehlte es
auch nicht an gröberem Geschütz gegen »Arnold Winkelried Ruge«, den
»pommerschen Denker«, dessen Schriften »die Gosse« seien, worin »aller
Phrasenunrat und alle Widersprüche der deutschen Demokratie
zusammenflössen«.[12] Bei
aller politischen Konfusion Ruges war er immerhin ein anderer Mann als
Kinkel, der seit seiner Flucht aus dem Spandauer Zuchthause in London
den interessanten Löwen zu spielen versuchte, »bald für die Kneipe,
bald für den Salon«, wie Freiligrath spottete. Für Marx hatte er im
Augenblick gleichwohl ein näheres Interesse, da sich Willich mit
Kinkel verbündete für den höheren Schwindel einer neuen, auf Aktien zu
gründenden Revolution. Am 14. September 1851 landete Kinkel in New
York mit der Mission, geachtete |219|* Flüchtlinge als Bürgen
einer deutschen Nationalanleihe zu gewinnen »im Betrage von zwei
Millionen Dollars zur Beförderung der bevorstehenden republikanischen
Revolution« und Sammlung eines vorläufigen Fonds von 20.000 Talern.
Allerdings war Kossuth zuerst auf den genialen Gedanken verfallen, mit
dem revolutionären Klingelbeutel über den großen Teich zu fahren. Aber
auf kleinerem Fuße betrieb Kinkel das Geschäft nicht minder eifrig und
unbedenklich; der Meister wie der Schüler predigten in den Nordstaaten
gegen und in den Südstaaten für die Sklaverei.
Gegenüber diesen Possenspielen gewann Marx ernstere Beziehungen zur
Neuen Welt. In seiner wachsenden Bedrängnis - »es ist fast impossible
[Mehring übersetzt: unmöglich], so fortzuleben«, schrieb er am 31.
Juli an Engels - wollte er eben, zusammen mit Wilhelm Wolff, eine
Lithographische Korrespondenz für amerikanische Zeitungen herausgeben,
als er wenige Tage darauf von der »New-York Daily Tribune«, der
verbreitetsten Zeitung in Nordamerika, die Aufforderung zu
regelmäßiger Mitarbeit erhielt, durch ihren Herausgeber Dana, den er
aus seiner Kölner Zeit kannte. Da er die englische Sprache noch nicht
geläufig genug handhabte, um in ihr zu schreiben, so sprang zunächst
Engels für ihn ein und schrieb eine Reihe von Aufsätzen über die
deutsche Revolution und Gegenrevolution.[13]
Marx selbst aber konnte gleich darauf eine deutsche Schrift auf
amerikanischem Boden veröffentlichen.
5. »Der achtzehnte
Brumaire«
Josef
Weydemeyer, der alte Freund von Brüssel, hatte die Revolutionsjahre
als Redakteur eines demokratischen Blattes in Frankfurt a.M. tapfer
durchkämpft. Indessen war dies Blatt von der immer frecher
auftretenden Gegenrevolution unterdrückt worden, und seit der
polizeilichen Entdeckung des Kommunistenbundes, zu dessen eifrigsten
Mitgliedern Weydemeyer gehörte, waren die Spürhunde auf seiner Fährte.
Anfangs verbarg er sich »in einer stillen Kneipe in Sachsenhausen«; er
wollte den Sturm vorübergehen lassen und derweil eine populäre
Nationalökonomie für das Volk schreiben, aber die Luft wurde immer
schwüler und »der Teufel mag das Herumlungern und Verborgenhalten auf
die Dauer ertragen«. Als Gatte und Vater von zwei kleinen Kindern sah
er keine Aussicht, sich in der Schweiz oder in London durchzuschlagen;
so entschloß er sich, nach Amerika auszuwandern.
|220| Marx und Engels verloren den treuen Mann
ungern. Vergebens mühte Marx sein Gehirn mit Plänen ab, ihm eine
Stelle als Ingenieur, Eisenbahnvermesser oder dergleichen zu
verschaffen; »denn einmal drüben, wer bürgt denn dafür, daß Du Dich
nicht nach dem far west [Mehring übersetzt: fernen Westen] verlierst.
Und wir haben so wenige Kräfte und müssen so ökonomisch mit unseren
Kapazitäten umgehen.« Indessen wenn es einmal nicht anders ging, so
hatte es auch seine Vorteile, einen tüchtigen Vertreter der
kommunistischen Sache in der Metropole der Neuen Welt zu wissen. »Ein
solider Bursche wie er hat uns in New York gerade gefehlt, und am Ende
ist New York auch nicht aus der Welt und bei W[eydemeyer] ist man
sicher, daß er le cas échéant [Mehring übersetzt: im nötigen Falle]
doch gleich bei der Hand ist«, meinte Engels. So gaben sie ihren Segen
zu dem Plane Weydemeyers, der am 29. September von Havre absegelte und
nach einer stürmischen Überfahrt von ziemlich 40 Tagen in New York
eintraf.
Marx
hatte ihm schon am 31. Oktober einen Brief nachgesandt, worin er ihm
vorschlug, sich als Buchhändler aufzutun und die besten Sachen aus der
»Neuen Rheinischen Zeitung« und deren »Revue« als besondere Schriften
herauszugeben. Er war nun sofort Feuer und Flamme, als Weydemeyer,
unter etlichen Flüchen über die Krämerwirtschaft, die einem nirgendwo
in ekelhafterer Nacktheit entgegentrete als in der Neuen Welt, die
Meldung sandte, er hoffe schon zum Anfang Januar ein Wochenblatt unter
dem Titel der Revolution herauszugeben, und um schleunige Einsendung
von Beiträgen bat. Marx beeilte sich, alle kommunistischen Federn
anzuspannen, Engels vor allem, dann Freiligrath, von dem Weydemeyer
besonders ein Gedicht gewünscht hatte, Eccarius und Weerth, die beiden
Wolff; er tadelte, daß Weydemeyer in der Ankündigung seiner
Wochenschrift nicht auch Wilhelm Wolff genannt habe: »Keiner von uns
allen hat seine populäre Manier. Er ist außerordentlich bescheiden.
Man muß um so mehr allen Schein vermeiden, als halte man seine
Mitwirkung für überflüssig.« Für sich selbst kündigte er - neben einer
längeren Abhandlung über ein neues Werk Proudhons - namentlich einen
Aufsatz über den »Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte« an, den
bonapartistischen Staatsstreich vom 2. Dezember, der zur Zeit das
große Ereignis der europäischen Politik war und unzählige Schriften
hervorrief.
Berühmt davon wurden namentlich zwei und trugen ihren Verfassern
reichen Lohn ein, deren Unterschied von der seinigen Marx später so
erläutert hat: »Viktor Hugos [Mehring fügt ein: ›Napoleon le Petit‹]
beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invektive gegen den
verantwortlichen |221|* Herausgeber des Staatsstreichs. Das
Ereignis selbst erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heitrer Luft. Er
sieht darin nur die Gewalttat eines einzelnen Individuums. Er merkt
nicht, daß er dies Individuum groß statt klein macht, indem er ihm
eine persönliche Gewalt der Initiative zuschreibt, wie sie beispiellos
in der Weltgeschichte dastehen würde. Proudhons [Mehring fügt ein:
›Coup d'État‹] seinerseits sucht den Staatsstreich als Resultat einer
vorhergegangenen geschichtlichen Entwicklung darzustellen.
Unterderhand verwandelt sich ihm jedoch die geschichtliche
Konstruktion des Staatsstreichs in eine geschichtliche Apologie des
Staatsstreichshelden. Er verfällt so in den Fehler unserer sogenannten
objektiven Geschichtsschreiber. Ich weise dagegen nach, wie der
Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf,
welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der
Heldenrolle ermöglichen.«[14]
Wie ein Aschenbrödel erschien diese Schrift neben ihren glücklicheren
Schwestern, aber während diese längst in Asche und Staub versunken
sind, strahlt sie heute noch in unvergänglicher Frische.
Mit
einer vorher kaum noch je erreichten Meisterschaft wußte Marx in
dieser von Geist und Witz funkelnden Arbeit ein zeitgeschichtliches
Ereignis an der Hand der materialistischen Geschichtsauffassung bis
auf den tiefsten Grund zu erklären. Die Form ist so kostbar wie der
Inhalt. Von dem prachtvollen Vergleich des Anfangs: »Bürgerliche
Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher
von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich,
Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Ekstase ist
der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren
Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die
Gesellschaft, ehe sie die Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode
nüchtern sich aneignen lernt. Proletarische Revolutionen dagegen, wie
die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst,
unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das
scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen,
verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und
Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur
niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich
riesenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von
neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen
Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich
macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier
ist die Rose, hier tanze!«[15]
- bis zu dem sichern Prophetenworte des Schlusses: »Wenn der
Kaisermantel endlich |222| auf die Schultern des Louis
Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleons von der Höhe der
Vendômesäule herabstürzen.«[16]
Und
unter welchen Umständen wurde diese herrliche Schrift verfaßt! Es war
noch das wenigste, daß Weydemeyer seine Wochenschrift schon nach der
ersten Nummer aus Mangel an Mitteln »stoppen« mußte; er schrieb
darüber: »Die Arbeitslosigkeit, die seit dem Herbste hier in
ungekanntem Maße herrscht, setzt allen neuen Unternehmungen bedeutende
Hindernisse in den Weg. Und nun all die verschiedenen Manieren, in
denen die Arbeiter seit einiger Zeit hier ausgebeutet werden: erst
Kinkel, dann Kossuth, und die Mehrzahl ist eselhaft genug, für alle
ihr feindliche Propaganda eher einen Dollar herzugeben, als für die
Vertretung ihrer Interessen einen Cent. Der amerikanische Boden wirkt
äußerst korrumpierend auf die Leute und gibt ihnen noch gleichzeitig
die Anmaßung, als übersähen sie ihre Genossen in der Alten Welt bei
weitem.« Doch verzweifelte Weydemeyer noch nicht daran, seine
Wochenschrift als Monatsschrift zu neuem Leben zu erwecken; mit 200
lumpigen Dollars hoffte er, die Sache machen zu können.
Schwerer fiel ins Gewicht, daß Marx gleich nach dem 1. Januar
erkrankte und nur unter großen Beschwerden arbeiten konnte; »seit
Jahren hat mich nichts so niedergeworfen, wie diese verdammte
Hämorrhoidalkrankheit, selbst die beste französische Blamage nicht«.
Vor allem aber wurde er von dem »Gelddreck« gehetzt, der ihm jeden
ruhigen Augenblick trübte; »seit einer Woche habe ich«, schrieb er am
27. Februar, »den angenehmen Punkt erreicht, wo ich aus Mangel an den
im Pfandhaus untergebrachten Röcken nicht mehr ausgehe und aus Mangel
an Kredit kein Fleisch mehr essen kann«. Endlich am 25. März konnte er
den letzten Stoß Manuskript an Weydemeyer senden, zugleich mit einem
Glückwunsch zur Geburt eines kleinen Revolutionärs, die Weydemeyer ihm
angezeigt hatte: »Man kann in keiner famoseren Zeit auf die Welt
kommen als heutzutage. Wenn man in sieben Tagen von London nach
Kalkutta fährt, werden wir beide längst geköpft sein oder Wackelköpfe
haben. Und Australien und Kalifornien und der Stille Ozean! Die neuen
Weltbürger werden nicht mehr begreifen, wie klein unsere Welt war.« Im
Hinblick auf die gewaltigen Aussichten der menschheitlichen
Entwicklung bewahrte Marx das heitere Gleichgewicht der Seele mitten
in allem persönlichen Ungemach.
Aber
traurige Tage standen ihm unmittelbar bevor. In einem Schreiben vom
30. März muß ihm Weydemeyer jede Aussicht auf den Druck der Schrift
genommen haben. Das Schreiben selbst hat sich nicht erhalten, wohl
aber sein Echo: ein heftiger Brief Wilhelm Wolffs vom |223| 16.
April, geschrieben am Tage, wo ein Kind von Marx begraben wurde,
geschrieben »in allseitigem Pech und horribelster Bedrängnis fast
aller Bekannten«, voll bitterer Vorwürfe für Weydemeyer, der auch
nicht auf Rosen gebettet war und immer sein Bestes tat.
Es
waren furchtbare Ostern für Marx und seine Familie. Das Kind, das sie
verloren, war das ein Jahr zuvor geborene Töchterchen; auf einem
Tagebuchblatt der Mutter fanden sich die ergreifenden Worte: »Ostern
1852 erkrankte unsere arme kleine Franziska an einer schweren
Bronchitis. Drei Tage rang das arme Kind mit dem Tode. Es litt so
viel. Sein kleiner entseelter Körper ruhte in dem kleinen hinteren
Stübchen, wir alle wanderten zusammen in das vordere, und wie die
Nacht heranrückte, betteten wir uns auf die Erde. Da lagen die drei
lebenden Kinder mit uns, und wir weinten um den kleinen Engel, der
kalt und erblichen neben uns ruhte. Der Tod des lieben Kindes fiel in
die Zeit unserer bittersten Armut. Da lief ich zu einem französischen
Flüchtling, der in der Nähe wohnte und der uns kurz vorher besucht
hatte. Er gab mir gleich mit der freundlichsten Teilnahme zwei Pfund
Sterling. Mit ihnen wurde der kleine Sarg bezahlt, in dem mein armes
Kind nun in Frieden schlummert. Es hatte keine Wiege, als es zur Welt
kam, und auch die letzte kleine Behausung war ihm lange versagt. Wie
war uns, als es hinausgetragen wurde zu seiner letzten Ruhestätte.«
Und an diesem schwarzen Tage traf der Unheilsbrief Weydemeyers ein.
Marx hatte die größte Sorge um seine Frau, die seit zwei Jahren alle
seine Unternehmungen fehlschlagen sah.
Jedoch
in diesen unglücklichen Stunden schwamm schon seit einer Woche ein
neuer Brief Weydemeyers auf dem Wasser, der, vom 9. April, datiert,
also begann: »Eine unerwartete Hilfe hat schließlich die
Schwierigkeiten beseitigt, die sich dem Druck der Broschüre
entgegenstellten. Nach Absendung meines letzten Briefes traf ich einen
von unsern Frankfurter Arbeitern, einen Schneider, der ebenfalls in
diesem Sommer hierhergekommen war. Er stellte mir sofort seine ganzen
Ersparnisse, vierzig Dollars, zur Verfügung.« Diesem Arbeiter ist es
zu danken, daß damals, der »Achtzehnte Brumaire« das Licht der
Öffentlichkeit erblickt hat. Weydemeyer nannte nicht einmal den Braven
- und was wäre auch daran gelegen, ob er so oder so hieß? Was ihn
leitete, war das Klassenbewußtsein des Proletariats, das nicht müde
wird in hochherzigen Opfern für seine Emanzipation.
Der
»Achtzehnte Brumaire« bildete nun das erste Heft der Monatsschrift
»Revolution«, die Weydemeyer herauszugeben versuchte; das zweite und
letzte Heft enthielt zwei poetische Sendschreiben Freiligraths
|224|* an Weydemeyer, in denen mit prächtigem Humor namentlich die
amerikanischen Bettelfahrten Kinkels gegeißelt wurden. Dann hatte die
Sache ein Ende; einige Beiträge, die Engels geliefert hatte, waren auf
der Fahrt verlorengegangen.
Von
dem »Achtzehnten Brumaire« ließ Weydemeyer tausend Exemplare abziehen,
von denen etwa der dritte Teil nach Europa, wenn auch nicht in den
europäischen Buchhandel gelangte; diese Exemplare wurden von
Parteifreunden in England und namentlich am Rhein vertrieben. Auch
»radikale« Buchhändler waren nicht zu bewegen, den Vertrieb einer so
»zeitwidrigen« Schrift zu übernehmen und ebensowenig konnte eine
englische Übersetzung, die Pieper entwarf und Engels glättete, an den
Mann gebracht werden.
Wenn
aber die Not um Verleger für Marx noch gesteigert werden konnte, so
geschah es dadurch, daß dem bonapartistischen Staatsstreich der Kölner
Kommunistenprozeß folgte.
6. Der Kölner
Kommunistenprozeß
Seit
den Verhaftungen im Mai 1851 hatte Marx den Lauf der Untersuchung mit
reger Teilnahme verfolgt, doch da sie alle Augenblicke stockte, aus
Mangel an »objektivem Tatbestand für die Anklage«, wie sogar der
Anklagesenat des Kölner Appellhofes feststellte, so war zunächst wenig
zu tun. Den elf Angeklagten war nichts nachzuweisen als die Teilnahme
an einer geheimen Propagandagesellschaft, und darüber verhängte der
Code pénal keine Strafe.
Aber
nach dem Willen des Königs sollte die »kostbare Persönlichkeit« des
Stieber ihr »Probestück« machen und dem preußischen Publikum das lange
und gerecht ersehnte Schauspiel eines entdeckten und (vor allem)
bestraften Komplotts geben, und Stieber war ein zu guter Patriot, um
nicht dem Willen seines angestammten Herrn und Königs gerecht zu
werden. Er begann in würdiger Weise mit einem Einbruchsdiebstahl,
indem er durch eines seiner Werkzeuge den Schreibtisch eines gewissen
Oswald Dietz erbrechen ließ, der Schriftführer in dem Sonderbunde
Willichs war. Mit richtigem Polizeiblick erkannte Stieber, daß ihm das
unbesonnene und unvorsichtige Treiben dieses Bundes Aussichten auf das
Gelingen seiner erhabenen Mission eröffnete, die er bei der »Partei
Marx« vergebens suchen würde.
In der
Tat gelang es ihm, mit Hilfe der gestohlenen Schriftstücke |225|
sowie mit Hilfe allerlei Lockspitzeleien und sonstiger
Polizeistreiche, wobei ihm die bonapartische Polizei am Vorabend des
Staatsstreichs hilfreiche Hand leistete, ein sogenanntes
»deutsch-französisches Kompott in Paris« zu fabrizieren, das im
Februar 1852 zur Verurteilung einiger armer Teufel von deutschen
Arbeitern zu längeren oder kürzeren Freiheitsstrafen durch die Pariser
Geschworenen führte. Aber was durch alle Stieberschen Künste nicht
hergestellt werden konnte, war irgendein Zusammenhang mit den Kölner
Angeklagten; gegen sie ergab sich aus dem »deutsch-französischen
Komplott« nicht einmal der Schatten eines Beweises.
Vielmehr wurde der Gegensatz zwischen der »Partei Marx« und der
»Partei Willich-Schapper« dadurch nur geschärft. Im Frühjahr und
Sommer 1852 kam es zu verstärkten Reibungen, zumal da Willich nach wie
vor gemeinsame Sache mit Kinkel machte, dessen Rückkehr aus Amerika
auch den sonstigen Flüchtlingshader wieder in helleren Flammen
auflodern ließ. Es war nicht gelungen, die 20.000 Taler aufzubringen,
die als Grundstock der revolutionären Nationalanleihe dienen sollten,
sondern nur etwa die Hälfte davon, und was damit begonnen werden
sollte, wurde eine Frage, über die sich die demokratischen Flüchtlinge
die Köpfe nicht nur zerbrachen, sondern auch schon zerschlugen.
Schließlich wurden 1.000 Pfund Sterling - der Rest war in Reisekosten
und sonstigen Spesen draufgegangen - in der Westminsterbank als
Handgeld für die erste provisorische Regierung niedergelegt. Für
diesen Zweck haben sie zwar nie gedient, aber der ganze Unfug hatte
immerhin das leidlich versöhnende Ende, daß diese Gelder fünfzehn
Jahre später geholfen haben, der Presse der deutschen Sozialdemokratie
in ihren Anfängen über manche Schwierigkeiten fortzuhelfen.
Derweil der Hader über diesen Nibelungenhort noch tobte, haben Marx
und Engels die kämpfenden Helden in einigen Federzeichnungen
konterfeit, die leider nicht auf die Nachwelt gekommen sind. Sie
wurden dazu veranlaßt durch den ungarischen Obersten Banya, der sich
bei ihnen durch ein eigenhändig von Kossuth ausgefertigtes Patent als
Polizeipräsident der ungarischen Emigration beglaubigt hatte.
Tatsächlich war Banya ein Allerweltspitzel, der sich als solcher
gerade bei diesem Anlaß entpuppte, indem er das ihm von Marx für einen
Berliner Buchhändler anvertraute Manuskript an die preußische
Regierung auslieferte. Marx nagelte den Patron sofort durch eine von
ihm unterzeichnete Denunziation in der »New-Yorker Criminalzeitung«
fest, doch sein Manuskript blieb verloren und ist bis auf diesen Tag
verschollen.[17] Hatte die
preußische Regierung es etwa zu erlangen gesucht, um damit |226|
Material für den Kölner Prozeß zu gewinnen, so ist ihrer Liebe Müh'
umsonst gewesen.
In
ihrer Verzweiflung, Beweismaterial gegen die Angeklagten aufzutreiben,
hatte sie die öffentliche Verhandlung des Prozesses von Assise zu
Assise verschoben und dadurch die Spannung des verehrlichen Publikums
aufs höchste gesteigert, bis sie sich im Oktober 1852 endlich
entschließen mußte, den Vorhang über dem Spektakelstücke aufzuziehen.
Da nun mit allen krampfhaften Meineiden des Polizeigesindels nicht
bewiesen werden konnte, daß die Angeklagten etwas mit dem
»deutsch-französischen Komplott« zu tun hatten, das heißt mit einem
Komplott, das von polizeilichen Lockspitzeln während ihrer
Untersuchungshaft in einer Organisation angestiftet worden war, mit
der sie in heller Feindschaft gelebt hatten, so rückte Stieber endlich
mit dem »Originalprotokollbuch der Partei Marx« heraus, einer Reihe
fortlaufender Protokolle über die Verhandlungen, in denen Marx und
seine Gesinnungsgenossen ihre ruchlosen Weltumstürzungspläne erörtert
haben sollten. Das Buch war eine infame Fälschung, die in London unter
der Leitung des Polizeileutnants Greif durch die Lockspitzel Charles
Fleury und Wilhelm Hirsch zusammengeschustert worden war. Es trug die
Spuren der Fälschung schon äußerlich an der Stirn, ganz abgesehen von
dem blödsinnigen Inhalt, aber Stieber rechnete mit dem bürgerlichen
Stumpfsinn der sorgfältig ausgesiebten Geschworenen und der strengen
Überwachung der Post, womit man jede Aufklärung von London her
abschneiden zu können hoffte.
Der
nichtswürdige Plan scheiterte jedoch an der Energie und Umsicht, womit
Marx ihm zu begegnen wußte, so wenig er für einen aufreibenden und
wochenlangen Kampf gerüstet war. Am 8. September hatte er an Engels
geschrieben: »Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat
eine Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen,
weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit acht bis zehn Tagen habe ich
die Familie mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch
fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann ... Artikel für Dana
schrieb ich nicht, weil ich nicht den Penny hatte, um Zeitungen lesen
zu gehn ... Das Beste und Wünschenswerteste, was passieren könnte,
wäre, wenn mich die landlady zum Haus hinauswürfe. Ich wäre dann
wenigstens die Summe von 22 £ St. quitt. Aber so viel Gefälligkeit ist
ihr kaum zuzutrauen. Dazu Bäcker, Milchmann, Teekerl, greengrocer [Mehring
übersetzt: Gemüsehändler], alte Metzgerschuld noch. Wie soll ich mit
all dem Teufelsdreck fertig werden? Endlich, in den letzten acht bis
zehn Tagen, habe ich einige Schillinge und Pence, was |227| mir
das Fatalste ist, aber es war nötig, um nicht zu verrecken, von Knoten
[Mehring übersetzt: Arbeitern] gepumpt.« In dieser verzweifelten Lage
mußte er den Kampf mit übermächtigen Gegnern aufnehmen, und im Kampf
vergaß er, wie auch seine tapfere Frau, die häusliche Sorge.
Noch
war der Sieg nicht entschieden, als Frau Marx an einen amerikanischen
Freund schrieb: »Von hier aus mußten sämtliche Beweise der Fälschung
beigebracht werden, mein Mann hatte also den ganzen Tag bis in die
Nacht hinein zu arbeiten. Dann mußten sämtliche Sachen, sechs- bis
achtmal abgeschrieben, auf den verschiedensten Wegen nach Deutschland
spediert werden, über Frankfurt, Paris usw., da alle Briefe an meinen
Mann, sowie alle Briefe von hier nach Köln erbrochen und unterschlagen
werden. Das Ganze ist jetzt ein Kampf zwischen der Polizei einerseits
und meinem Manne andererseits, dem man alles, selbst die Leitung des
Prozesses, in die Schuhe schiebt. - Entschuldigen Sie mein konfuses
Schreiben, aber ich habe auch etwas in der Intrigue mitgewirkt und
abgeschrieben, daß mir die Finger brennen. Daher das Durcheinander.
Eben kommen von Weerth und Engels ganze Packe von Kaufmannsadressen
und kaufmännischen Scheinbriefen an, um die Aktenstücke usw. sicher zu
befördern. Bei uns ist jetzt ein ganzes Büro etabliert. Zwei, drei
schreiben, andere laufen, die dritten schrapen die Pennies zusammen,
damit die Schreiber fortexistieren und Beweise des unerhörtesten
Skandals gegen die ganze offizielle Welt beibringen können. Dazwischen
singen und pfeifen meine drei fidelen Kinder und werden oft hart
angerannt von ihrem Herrn Papa. Das ist ein Treiben.«
Marx
siegte in diesem Kampfe; die Fälschung Stiebers wurde noch vor den
Assisen aufgedeckt, und der Staatsprokurator selbst mußte das
»unselige Buch« als Beweismittel preisgeben. Aber der Sieg wurde zum
Verhängnis für den größeren Teil der Angeklagten. Die fünfwöchigen
Verhandlungen hatten ein solches Übermaß polizeilicher, von den
höchsten Behörden des preußischen Staats geförderter Schandtaten
aufgedeckt, daß die völlige Freisprechung aller Angeklagten diesen
Staat vor aller Welt gebrandmarkt haben würde. Ehe sie es darauf
ankommen ließen, vergewaltigten die Geschworenen lieber ihre Ehre und
ihr Gewissen und verurteilten 7 von den 11 Angeklagten wegen
versuchten Hochverrats: den Zigarrenarbeiter Röser, den Schriftsteller
Bürgers, den Schneidergesellen Nothjung zu 6, den Arbeiter Reiff, den
Chemiker Otto, den ehemaligen Referendar Becker zu 5 und den
Schneidergesellen Leßner zu 3 Jahren Festungshaft. Freigesprochen
wurden der Kommis Ehrhardt und die Ärzte Daniels, Jacoby und Klein.
Doch wurde |228| einer von den Freigesprochenen am härtesten
von allen getroffen: Daniels starb wenige Jahre später an der
Schwindsucht, die er sich in der Zellenhaft der anderthalbjährigen
Untersuchung zugezogen hatte, tief betrauert von Marx, dem Frau
Daniels in einem erschütternden Briefe die letzten Grüße ihres Gatten
sandte.
Die
anderen Opfer dieses schändlichen Prozesses haben ihn lange überlebt
und sich zum Teil in die bürgerliche Welt zurückgefunden, wie Bürgers,
der es zum fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten brachte, und
Becker, der Oberbürgermeister von Köln und Mitglied des preußischen
Herrenhauses wurde, um seiner hochpatriotischen Gesinnung willen bei
Hofe und der Regierung wohl angesehen. Von den Verurteilten, die treu
zur Fahne hielten, sind Nothjung und Röser noch in den Anfängen der
neuerwachenden Arbeiterbewegung tätig gewesen, und Leßner hat lange
Marx und Engels überlebt, zu deren treuesten Gefährten er im Exil
gehörte.
Nach
dem Kölner Prozesse löste sich der Bund der Kommunisten auf, und ihm
folgte bald der Sonderbund Willich-Schapper. Willich wanderte nach
Amerika aus, wo er sich als General der Nordstaaten in dem
Sezessionskriege verdienten Ruhm erworben hat, und Schapper kehrte
reumütig zu den alten Genossen zurück.
Marx
aber schritt zur moralischen Stäupung des Systems, das vor den Kölner
Assisen einen schimpflichen Sieg erfochten hatte. Er verfaßte die
»Enthüllungen über den Kölner Kommunisten-Prozeß«, die er in der
Schweiz und wenn möglich auch in Amerika erscheinen lassen wollte. Am
7. Dezember schrieb er amerikanischen Freunden: »Ihr werdet den Humor
der Broschüre zu schätzen wissen, wenn Ihr erwägt, daß ihr Verfasser
durch Mangel an hinreichender Hinterer- und Fußbedeckung so gut wie
interniert ist und außerdem wirklich widrige Misere über seine Familie
jeden Augenblick hereinbrechen zu sehen bedroht war und ist. Der
Prozeß brachte mich auch hierfür in die Patsche, indem ich fünf
Wochen, statt fürs Brot zu arbeiten, für die Partei gegen die
Regierungsmachinationen arbeiten mußte. Außerdem hat er mir deutsche
Buchhändler, mit denen ich hoffte, wegen meiner Ökonomie
abzuschließen, total abspenstig gemacht.« Am 11. Dezember aber schrieb
Schabelitz' Sohn, der den Verlag übernommen hatte, aus Basel an Marx,
er lese bereits den ersten Korrekturbogen. »Ich bin überzeugt, daß die
Broschüre ungeheures Aufsehen machen wird, denn sie ist ein
Meisterwerk.« Schabelitz wollte 2.000 Exemplare abziehen und den Preis
des Exemplars auf 10 Silbergroschen festsetzen, in der Annahme, daß
jedenfalls ein Teil der Auflage beschlagnahmt werden würde.
|229| Leider wurde die ganze Auflage
beschlagnahmt, als sie aus dem badischen Grenzdorfe, wo sie sechs
Wochen gelagert hatte, ins Innere Deutschlands verschickt werden
sollte. Am 10. März meldete Marx die Hiobspost an Engels mit den
bitteren Worten: »Soll einem unter solchen Umständen nicht die Lust
zum Schreiben vergehn? Immer zu arbeiten pour le roi de Prusse!« Wie
die Sache ausgekommen war, ließ sich nicht mehr feststellen; der
Argwohn, den Marx anfänglich gegen den Verleger hegte, erwies sich
bald als ungerecht. Schabelitz wollte sogar 500 Exemplare, die er
zurückbehalten hatte, noch in der Schweiz verbreiten, aber daraus
scheint nicht viel geworden zu sein, und für Marx hatte die Sache noch
den bitteren Nachgeschmack, daß ein Vierteljahr später zwar nicht
Schabelitz selbst, aber dessen Sozius Amberger von ihm den Ersatz der
Druckkosten in Höhe von 424 Franken beanspruchte.
Was in
der Schweiz mißlungen war, gelang dann wenigstens in Amerika, wo
freilich das Erscheinen der »Enthüllungen« die preußische Regierung
nicht sehr zu beunruhigen brauchte. Die »New England Zeitung« in
Boston druckte sie ab, und Engels ließ auf seine Kosten 440
Sonderabzüge herstellen, die mit Lassalles Hilfe in der Rheinprovinz
verbreitet werden sollten. Frau Marx korrespondierte deshalb mit
Lassalle, der eifrig genug war, doch läßt sich aus diesem Briefwechsel
nicht feststellen, ob der erstrebte Zweck wirklich erreicht worden
ist.
Ein
lebhafteres Echo fand die Schrift in der deutsch-amerikanischen
Presse, wo namentlich Willich gegen sie mobilmachte, was Marx wieder
zu einer kleinen Schrift gegen Willich veranlaßte, die gegen Ende des
Jahres 1853 unter dem Titel »Der Ritter vom edelmütigen Bewußtsein«[18]
erschien. Sie der Vergangenheit zu entreißen, der sie längst
anheimgefallen ist, lohnt sich heute kaum. Wie immer in solchen
Kämpfen, so ist damals hüben und drüben gesündigt worden, und als
Sieger in der Sache hat Marx gern auf den Triumph über den Besiegten
verzichtet. Schon im Jahre 1860 erklärte er von den ersten Jahren der
Emigration, ihre glänzendste Verteidigung sei ein Vergleich ihrer
Geschichte mit der gleichzeitigen Geschichte der Regierungen und der
bürgerlichen Gesellschaft; einige wenige Personen ausgenommen, könne
ihr nichts vorgeworfen werden als Illusionen, die durch die
Zeitverhältnisse mehr oder weniger berechtigt waren, und Narrheiten,
die aus den außerordentlichen Umständen, worin sie sich unerwartet
gestellt fand, notwendig hervorwuchsen.
Und
als Marx im Jahre 1875 eine zweite Auflage der »Enthüllungen« |230|
veranstaltete, schwankte er einen Augenblick, ob er den Abschnitt über
die Fraktion Willich-Schapper nicht streichen solle. Er ließ ihn zwar
stehen, aber nur, weil ihm bei näherem Erwägen jede Verstümmelung des
Textes als Fälschung eines historischen Dokuments erschien, und fügte
hinzu: »Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den
Köpfen ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins
Exil geschleuderten, eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige
Persönlichkeiten für kürzere oder längere Zeit sozusagen
unzurechnungsfähig macht. Sie können sich nicht in den Gang der
Geschichte finden, sie wollen nicht einsehen, daß sich die Form der
Bewegung verändert hat. Daher Konspirations- und Revolutionsspielerei,
gleich kompromittierlich für sie selbst und die Sache, in deren Dienst
sie stehen; daher auch die Fehlgriffe Schappers und Willichs. Willich
hat im nordamerikanischen Bürgerkrieg gezeigt, daß er mehr als ein
Phantast ist, und Schapper, lebenslang Vorkämpfer der
Arbeiterbewegung, erkannte und bekannte, bald nach Ende des Kölner
Prozesses, seine augenblickliche Verirrung. Viele Jahre später, auf
seinem Sterbebett, einen Tag vor seinem Tode, sprach er mir noch mit
beißender Ironie von jener Zeit der ›Flüchtlingstölpelei‹.
Andererseits erklären die Umstände, in denen die ›Enthüllungen‹
verfaßt wurden, die Bitterkeit des Angriffs auf die unfreiwilligen
Helfershelfer des gemeinsamen Feindes. In Augenblicken der Krise wird
Kopflosigkeit zum Verbrechen an der Partei, das öffentliche Sühne
herausfordert.«[19] Goldne
Worte, zumal in Tagen, wo die Pflege des »guten Tons« hoch über die
Wahrung der Prinzipienklarheit gestellt wird.
War
die Schlacht geschlagen und der Sieg erfochten, so war Marx am
wenigsten der Mann kleinlichen Nachtragens. Er gab mehr zu als er
zuzugeben brauchte, wenn er im Jahre 1860 gegenüber unwirschen
Bemerkungen Freiligraths über die »zweideutigen und verworfenen
Elemente«, die sich in den Bund gedrängt hätten, an seinem Teil
einräumte: »Daß Dreck aufgeworfen wird in Stürmen, daß keine
revolutionäre Zeit nach Rosenöl riecht, daß hie und da selbst allerlei
Unrat an einen anfliegt - ist sicher. Aut, aut [Mehring übersetzt:
Entweder, oder].« Aber er durfte mit Recht hinzufügen: »Übrigens wenn
man die ungeheuren Anstrengungen der ganzen offiziellen Welt gegen uns
bedenkt, die, um uns zu ruinieren, den Code pénal nicht etwa
anstreifte, sondern tief durchwatete; wenn man das Lästermaul der
›Demokratie der Dummheit‹ bedenkt, die unserer Partei nie verzeihen
konnte, mehr Verstand und Charakter zu haben als sie selbst; wenn man
die gleichzeitige Geschichte aller andren Parteien kennt; und
wenn man sich endlich fragt, |231| was denn
nun tatsächlich gegen die ganze Partei vorgebracht werden kann,
kommt man zum Schluß, daß sie in diesem neunzehnten Jahrhundert durch
ihre Reinheit ausgezeichnet dasteht.«
Indem
der Bund der Kommunisten sich auflöste, zerrissen die letzten Fäden,
die Marx mit dem öffentlichen Leben Deutschlands verknüpften. Das
Exil, »die Heimat der Guten«, wurde ihm von nun an zur zweiten Heimat.
Fußnoten:
[1] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in
Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.
7, S. 41/42. <=
[2] Friedrich Engels: Die deutsche
Reichsverfassungskampagne, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.
7, S. 109-197. <=
[3] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue,
Januar/Februar 1950, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S.
220/221. <=
[4] Karl Marx: Die Klassenkämpfe in
Frankreich 1848 bis 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.
7, S. 85. <=
[5] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der
Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 7, S. 245. <=
[6] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der
Zentralbehörde an den Bund vom März 1650, in: Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 7, S. 246/247. <=
[7] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der
Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 7, S. 248. <=
[8] Karl Marx/Friedrich Engels: Ansprache der
Zentralbehörde an den Bund vom März 1850, in: Karl Marx/Friedrich
Engels, Werke, Bd. 7, S. 249. <=
[9] Karl Marx: Enthüllungen über den
Kommunistenprozeß zu Köln, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.
8, S. 412. <=
[10] Karl Marx/Friedrich Engels
[Redaktionelle Anmerkung zu dem Artikel »Die Schneiderei in London
oder der Kampf des großen und des kleinen Capitals« von J. G. Eccarius],
in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S. 416.
<=
[11] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai
bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S.
440. <=
[12] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai
bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S.
440. <=
[13] Friedrich Engels: Revolution und
Konterrevolution in Deutschland, in: Karl Marx/Friedrich Engels,
Werke, Bd. 8, S. 3-108. <=
[14] Karl Marx: Vorwort [zur Zweiten Ausgabe
(1869) »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte«], in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 16, S. 358/359. <=
[15] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des
Louis Bonaparte, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 118.
<=
[16] Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des
Louis Bonaparte, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S. 207.
<=
[17] Karl Marx/Friedrich Engels: Die großen
Männer des Exils, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 8, S.
233-333. <=
[18] Karl Marx: Der Ritter vom edelmütigen
Bewußtsein, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 9, S. 489-518.
<=
[19] Karl Marx: Nachwort [zu »Enthüllungen
über den Kommunisten-Prozeß zu Köln«], in: Karl Marx/Friedrich Engels,
Werke, Bd. 18, S. 568/569. <=
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