1. Genie und
Gesellschaft
|232| Hatte Marx in England eine zweite Heimat gefunden, so darf
man den Begriff der Heimat freilich nicht zu weit ausdehnen. Er ist
niemals wegen seiner revolutionären Agitation, die sich nicht zuletzt
gegen den englischen Staat richtete, auf englischem Boden behelligt
worden. Die Regierung des »habgierigen, neidischen Krämervolks« besaß
ein größeres Maß von Selbstachtung und Selbstbewußtsein, als
diejenigen festländischen Regierungen besitzen, die in der Angst des
bösen Gewissens mit Spießen und Stangen der Polizei hinter ihren
Gegnern herjagen, auch wenn diese sich nur auf dem Gebiete der
Diskussion und der Propaganda bewegen.
Allein
in anderem und tieferem Sinne hat Marx keine Heimat mehr gefunden,
seitdem er mit genialem Blick der bürgerlichen Gesellschaft in Herz
und Nieren geschaut hatte. Das Schicksal des Genies in dieser
Gesellschaft ist ein weitläufiges Kapitel, über das die
verschiedensten Meinungen laut geworden sind; von dem harmlosen
Gottvertrauen des Philisters, das jedem Genie den endgültigen Sieg
prophezeit, bis zu Fausts melancholischem Worte:
Die Wenigen, die was
davon erkannt,
Die töricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.
Die
historische Methode, die Marx entwickelt hat, gestattet auch in dieser
Frage tiefere Einblicke in den Zusammenhang der Dinge. Der Philister
prophezeit jedem Genie den endgültigen Sieg, eben weil er ein
Philister ist; wenn aber ein Genie einmal nicht gekreuzigt oder
verbrannt wird, so nur, weil es sich am letzten Ende bescheidet, ein
Philister zu werden. Ohne den Zopf, der ihnen hinten hing, wären die
Goethe und die Hegel nie anerkannte Größen der bürgerlichen
Gesellschaft geworden.
Die
bürgerliche Gesellschaft, die in dieser Hinsicht nur die
ausgeprägteste Form aller Klassengesellschaft ist, mag sonst
Verdienste haben, |233| so viele sie will, aber eine gastliche
Heimat für das Genie ist sie nie gewesen. Sie kann es auch nicht sein,
denn gerade darin besteht das innerste Wesen des Genies, den
schöpferischen Drang einer ursprünglichen Menschenkraft ins Spiel zu
setzen gegen das überlieferte Herkommen und an den Schranken zu
rütteln, innerhalb deren die Klassengesellschaft nur bestehen kann.
Der einsame Friedhof auf der Insel Sylt, der die unbekannten Toten
beherbergt, die das Meer an den Strand spült, trägt die fromme
Inschrift: Es ist das Kreuz auf Golgatha Heimat für Heimatlose. Darin
ist unbewußt, aber deshalb nicht weniger treffend das Los des Genies
in der Klassengesellschaft gezeichnet: heimatlos wie es in ihr ist,
findet es seine Heimat nur am Kreuze auf Golgatha.
Es sei
denn, daß sich das Genie so oder so mit der Klassengesellschaft
abfindet. Wenn es sich in den Dienst der bürgerlichen Gesellschaft
stellte, um die feudale Gesellschaft zu stürzen, so gewann es
scheinbar eine unermeßliche Macht, doch zerrann diese Macht in dem
Augenblick, wo es sich selbstherrlich gebärden wollte: immerhin durfte
es auf dem Felsen von St. Helena enden. Oder das Genie hüllte sich in
den Bratenrock des Spießbürgers und mochte es dann zum großherzoglich
sächsischen Staatsminister in Weimar oder zum königlich preußischen
Professor in Berlin bringen. Aber wehe dem Genie, das sich in stolzer
Unabhängigkeit und Unnahbarkeit der bürgerlichen Gesellschaft
gegenüberstellt, das aus ihrem innersten Gefüge ihren nahenden
Untergang zu deuten weiß, das die Waffen schmiedet, die ihr den
Todesstoß versetzen werden. Für solch Genie hat die bürgerliche
Gesellschaft nur Foltern und Qualen, die äußerlich weniger roh
erscheinen mögen, aber innerlich grausamer sind, als das Marterholz
der antiken und der Scheiterhaufen der mittelalterlichen Gesellschaft
war.
Von
den genialen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts hat niemand
schwerer unter diesem Lose gelitten als der genialste von allen, als
Karl Marx. Schon im ersten Jahrzehnte seiner öffentlichen Wirksamkeit
mußte er mit der alltäglichen Misere ringen, und bei seiner
Übersiedelung nach London hatte ihn das Exil mit allen Schrecken
empfangen, aber was man sein wahrhaft prometheisches Los nennen darf,
begann doch erst, als er nun, nach mühseligem Aufstieg zur Höhe, in
der Fülle seiner männlichen Kraft, jahre- und jahrzehntelang an jedem
neuen Tage von der gemeinen Not des Lebens, von der niederziehenden
Sorge um das tägliche Brot gepackt wurde. Bis zum Tage seines Todes
ist es ihm nicht gelungen, sich eine noch so bescheidene Existenz auf
dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern.
Dabei
war er weit entfernt von dem, was der Philister in dem
landläufig-liederlichen |234|* Sinn eine »geniale«
Lebensführung zu nennen pflegt. Seiner Riesenkraft entsprach sein
Riesenfleiß; die Überarbeit seiner Tage und Nächte begann schon früh,
seine ursprünglich eisenfeste Gesundheit zu zerrütten. Er nannte die
Arbeitsunfähigkeit das Todesurteil jedes Menschen, der kein Vieh sei,
und es war ihm bitterer Ernst mit diesem Worte; als er einst mehrere
Wochen schwer erkrankt war, schrieb er an Engels: »In dieser Zeit, wo
ich ganz arbeitsunfähig, gelesen: Carpenters, Physiology, Lord
dito, Kölliker, Gewebelehre, Spurzheim, Anatomie des
Hirns- und Nervensystems, Schwann und Schleiden über die
Zellenschmiere.« Und bei aller Unersättlichkeit des Dranges zu
forschen blieb Marx sich immer dessen bewußt, was er schon als
Jüngling gesagt hatte, daß der Schriftsteller nicht arbeiten dürfe, um
zu erwerben, aber daß er erwerben müsse, um zu arbeiten; »die
gebieterische Notwendigkeit einer Erwerbsarbeit« hat Marx niemals
verkannt.
Aber
alle seine Anstrengungen scheiterten an dem Argwohn oder dem Hasse
oder im günstigsten Falle der Angst einer feindlichen Welt. Auch
solche deutschen Verleger, die sich sonst etwas auf ihre
Unabhängigkeit zugute zu tun pflegten, scheuten vor dem Namen des
verrufenen Demagogen zurück. Alle deutschen Parteien verleumdeten ihn
gleichmäßig, und wo immer die reinen Umrisse seiner Gestalt unter den
künstlichen Nebeln hervorschimmerten, tat die boshafte Heimtücke des
systematischen Totschweigens ihr infames Werk. So lange und so völlig
ist sonst nie der größte Denker einer Nation ihrem Gesichtskreise
entschwunden wie in diesem Falle.
Die
einzige Verbindung, durch die Marx sich in London halbwegs sicheren
Boden unter den Füßen hätte schaffen können, war seine Tätigkeit für
die »New-York Daily Tribune«, die von 1851 ab ein reichliches
Jahrzehnt währte. Die »Tribune« war mit ihren 200.000 Abonnenten
damals das gelesenste und reichste Blatt der Vereinigten Staaten, und
durch ihre Agitation für den amerikanischen Fourierismus hatte sie
sich immerhin über die platte Geldmacherei eines rein kapitalistischen
Unternehmens erhoben. An und für sich waren die Bedingungen, unter
denen Marx für sie arbeiten sollte, auch nicht gerade ungünstig; er
sollte wöchentlich je zwei Artikel schreiben und jeder Artikel sollte
mit je 2 Pfund Sterling (40 Mark) honoriert werden. Das wäre ein
Jahreseinkommen von 4.000 Mark gewesen, wodurch sich Marx auch in
London notdürftig hätte über Wasser halten können. Freiligrath, der
sich immer doch noch rühmte, das »Beefsteak des Exils« zu essen, bezog
für seine kaufmännische Tätigkeit anfangs auch nicht mehr.
Selbstverständlich handelte es sich in keiner Weise um die Frage, ob
|235| das Honorar, das Marx von dem amerikanischen Blatte
bezog, dem literarischen und wissenschaftlichen Wert seiner Beiträge
irgend entsprochen hätte. Ein kapitalistisches Zeitungsunternehmen
rechnet nur mit Marktpreisen, und das ist in der bürgerlichen
Gesellschaft sein gutes Recht. Mehr hat auch Marx nicht beansprucht,
aber was er selbst in der bürgerlichen Gesellschaft hätte beanspruchen
können, war die Innehaltung des einmal abgeschlossenen Arbeitsvertrags
und vielleicht auch einige Achtung vor seiner Arbeit. Daran ließ es
die »New-York Daily Tribune« und ihr Herausgeber aber ganz und gar
fehlen. Dana war zwar theoretisch ein Fourierist, aber praktisch ein
hartgesottener Yankee; sein Sozialismus laufe auf die lausigste
Kleinbürgerprellsucht hinaus, meinte Engels in einem zornigen
Augenblick. Obgleich Dana sehr gut wußte, was er an einem Mitarbeiter
wie Marx besaß und damit nicht wenig vor seinen Abonnenten
renommierte, wenn er nicht gar die Briefe, die Marx ihm schrieb, als
eigene redaktionelle Arbeit eskamotierte, was zum berechtigten Ärger
ihres Verfassers nur allzuoft geschah, so ließ er es doch an keiner
Rücksichtslosigkeit fehlen, deren sich ein kapitalistischer Ausbeuter
gegen eine von ihm ausgebeutete Arbeitskraft erdreisten zu dürfen
glaubt.
Nicht
nur, daß er bei schlechterem Geschäftsgang Marx sofort auf Halbsold
setzte, so zahlte er überhaupt nur die Artikel, die er wirklich
druckte, und er war nicht blöde, alles unter den Tisch zu werfen, was
ihm gerade nicht in seinen Kram paßte. Es kam vor, daß drei, daß sechs
Wochen lang die Aufsätze, die Marx sandte, in den Papierkorb
wanderten. Freilich machten es die paar deutschen Blätter, in denen
Marx ein vorübergehendes Unterkommen fand, wie die Wiener Presse,
nicht besser. So konnte er mit Recht sagen, bei seiner Arbeit für
Zeitungen käme er schlechter fort als der erste beste Zeilenreißer.
Schon
im Jahre 1853 sehnte er sich nach ein paar Monaten Einsamkeit, um
wissenschaftlich, zu arbeiten: »Es scheint, ich soll nicht dazu
kommen. Das beständige Zeitungsschmieren ennuyiert [Mehring übersetzt:
langweilt] mich. Es nimmt mir viel Zeit weg, zersplittert und ist doch
nichts. Unabhängig soviel man will - man ist an das Blatt und dessen
Publikum gebunden, speziell wenn man Barzahlung erhält wie ich. Rein
wissenschaftliche Arbeiten sind etwas total anderes.« Aus einer ganz
anderen Tonart noch klang es, als Marx einige Jahre länger unter Danas
mildem Szepter gearbeitet hatte: »Es ist in der Tat ekelhaft, daß man
verdammt ist, es als ein Glück zu betrachten, wenn ein solches
Löschpapier einen mit in sein Boot aufnimmt. Knochen stampfen, mahlen
und Suppe draus kochen wie die Paupers im Workhaus, darauf |236|
reduziert sich die politische Arbeit, zu der man reichlich in solchem
concern [Mehring übersetzt: Unternehmen] verdammt ist.« In der
Kärglichkeit des Lebensunterhalts nicht nur, sondern namentlich auch
in der völligen Unsicherheit der ganzen Existenz hat Marx das Los des
modernen Proletariers geteilt.
Was
man früher doch nur ganz im allgemeinen wußte, zeigen seine Briefe an
Engels in der ergreifendsten Form; wie er einmal das Haus hüten mußte,
weil er keinen Rock oder keinen Schuh für die Straße besaß, wie er ein
andermal der Pfennige entbehrte, um sich Schreibpapier zu kaufen oder
Zeitungen zu lesen, wie er ein drittes Mal nach ein paar Briefmarken
jagte, um ein Manuskript an den Verleger senden zu können. Dazu der
ewige Zank mit den Hökern und Krämern, denen er die notwendigsten
Lebensmittel nicht zu zahlen vermochte, des Landlords zu geschweigen,
der ihm alle Augenblicke den Pfänder ins Haus zu setzen drohte, und
als ständige Zuflucht das Pfandhaus, dessen Wucherzinsen dann noch das
letzte verschlangen, was die Schattengestalt der Sorge von der
Schwelle seines Hauses hätte scheuchen können.
Und
sie hockte nicht nur an der Schwelle, sondern saß mit an seinem
Tische. Von früh auf an ein sorgloses Leben gewöhnt, wankte seine
hochsinnige Frau wohl unter den Pfeilen und Schleudern eines wütenden
Geschicks und wünschte sich mit ihren Kindern ins Grab. Es fehlt in
seinen Briefen nicht an Spuren häuslicher Szenen, und er meinte
gelegentlich, es gebe keine größere Eselei für Leute mit allgemeinen
Strebungen als zu heiraten, und sich so an die kleinen Nöte des
privaten Lebens zu verraten. Immer aber, wenn ihre Klagen ihn
ungeduldig machten, entschuldigte und rechtfertigte er sie; sie habe
ungleich schwerer als er an den unbeschreiblichen Demütigungen, Qualen
und Schrecken zu tragen, die in ihrer Lage durchzumachen seien, zumal
da ihr die Flucht in die Hallen der Wissenschaft verschlossen sei, die
ihn doch immer wieder rettete. Ihren Kindern die unschuldigen Freuden
der Jugend verkürzt zu sehen, traf beide Eltern gleich schwer.
So
traurig dies Schicksal eines großen Geistes war, so erhob es sich doch
zur tragischen Höhe erst dadurch, daß Marx die quälende Marter von
Jahrzehnten freiwillig auf sich nahm und jede Versuchung abwies, sich
in den Hafen eines bürgerlichen Berufs zu retten, den er mit allen
Ehren hätte aufsuchen können. Was darüber zu sagen ist, sagte er
einfach und schlicht, ohne alle hochtrabenden Worte: »Ich muß meinen
Zweck durch dick und dünn verfolgen und darf der bürgerlichen
Gesellschaft nicht erlauben, mich in eine money-making machine [Mehring
übersetzt: geldmachende Maschine] zu verwandeln.« Diesen Prometheus
|237|* schmiedeten nicht die Keile des Hephästos an den Felsen,
sondern ein eherner Wille, der mit der Sicherheit einer Magnetnadel
auf die höchsten Ziele der Menschheit wies. Sein ganzes Wesen ist
biegsamer Stahl. Nichts bewundernswerter, als wenn er, in einem und
demselben Briefe oft, scheinbar erdrückt von der kläglichsten Misere,
mit wunderbarer Elastizität emporschnellt, um die schwierigsten
Probleme mit der Seelenruhe eines Weisen zu erörtern, dem nicht die
leiseste Sorge die sinnende Stirn furcht.
Aber
freilich - empfunden hat Marx die Streiche, womit die bürgerliche
Gesellschaft ihn verfolgte. Es wäre ein törichter Stoizismus, zu
fragen: Was bedeuten solche Qualen, wie Marx sie erduldet hat, gerade
für den Genius, der sein Recht doch nur von der Nachwelt empfängt? So
geckenhaft jenes eitle Literatentum ist, das seinen Namen womöglich
jeden Tag in der Zeitung gedruckt sehen will, so notwendig ist es für
jede produktive Kraft, den nötigen Spielraum für ihre Entfaltung zu
finden, und aus dem Echo, das sie erweckt, neue Kraft für neue
Schöpfungen zu gewinnen. Marx war kein tugendstelziger Schwätzer, wie
sie in schlechten Dramen und Romanen umgehen, sondern ein
weltfreudiger Mensch, wie Lessing einer war, und so ist ihm die
Stimmung nicht fremd geblieben, worin der sterbende Lessing an seinen
ältesten Jugendfreund schrieb: »Ich glaube nicht, daß Sie mich als
einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte,
mit der die Welt gewissen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch
gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tötend, so doch erstarrend.«
Es ist dieselbe Bitterkeit, womit Marx am Vorabend seines fünfzigsten
Geburtstags schrieb: Ein halbes Jahrhundert auf dem Rücken und immer
noch Pauper! So wünschte er sich einmal lieber hundert Klafter tief
unter die Erde, als so fortzuvegetieren, oder der Schrei der
Verzweiflung rang sich aus seinem Herzen, seinem ärgsten Feinde gönne
er nicht durch den Morast zu waten, worin er seit acht Wochen sitze,
mit der größten Wut dabei, daß sein Intellekt durch die Lumpereien
kaputt gemacht und seine Arbeitskraft gebrochen werde.
Gewiß
ist Marx deshalb kein »verdammt trübseliger Hund« geworden, wie er
gelegentlich spottete, und insoweit mochte Engels mit Recht sagen, daß
sein Freund niemals Trübsal geblasen habe. Aber wie sich Marx mit
Vorliebe eine harte Natur nannte, so ist er doch in des Unglücks Esse
härter und härter gehämmert worden. Der heitere Himmel, der sich über
seinen Jugendarbeiten wölbte, bedeckte sich mehr und mehr mit schweren
Gewitterwolken, aus denen seine Gedanken wie zündende Blitze fuhren,
und seine Urteile über Feinde, und oft genug |238| auch
Freunde, gewannen eine schneidende Schärfe, die nicht bloß schwache
Seelen verletzen konnte.
Die
ihn deshalb einen eisig kalten Demagogen schelten, sind nicht weniger
- wenn auch freilich nicht mehr - auf dem Holzwege als die wackeren
Unteroffiziersseelen, die in diesem großen Kämpfer nur eine blanke
Puppe des Paradeplatzes erblicken.
2. Ein Bund
ohnegleichen
Jedoch
hatte Marx den Sieg seines Lebens nicht allein seiner gewaltigen Kraft
zu danken. Nach allem menschlichen Ermessen wäre er endlich doch
unterlegen, auf die eine oder die andere Weise, wenn ihm nicht in
Engels ein Freund beschieden gewesen wäre, von dessen aufopfernder
Treue man sich erst seit der Veröffentlichung ihres Briefwechsels ein
zutreffendes Bild machen kann.
Ein
Bild, das seinesgleichen nicht hat in aller überlieferten Geschichte.
Es hat niemals an historischen Freundespaaren gefehlt, auch in der
deutschen Geschichte nicht, deren Lebenswerk so eng verschmolzen ist,
daß es sich nicht in ein Mein und Dein scheiden läßt, aber immer blieb
ein spröder Rest des Eigenwillens oder des Eigensinns oder selbst nur
ein geheimes Widerstreben, die eigene Persönlichkeit aufzugeben, die
nach dem Worte des Dichters »das höchste Glück der Erdenkinder« ist.
Luther sah in Melanchthon schließlich nur den schwachherzigen
Gelehrten und Melanchthon in Luther schließlich nur den rohen Bauer,
und man muß schon an stumpfen Sinnen leiden, um in dem Briefwechsel
Goethes und Schillers nicht den geheimen Mißton zwischen dem großen
Geheimderat und dem kleinen Hofrat zu hören. Der Freundschaft, die
Marx und Engels verband, fehlte diese letzte Spur menschlicher
Bedürftigkeit; je mehr sich ihr Denken und Schaffen verwob, um so mehr
blieb doch jeder von ihnen ein ganzer Mann.
Schon
im Äußern unterschieden sie sich. Engels, der blonde Germane, hoch
aufgeschossen, mit englischen Manieren, wie ein Beobachter von ihm
sagte: immer sorgsam gekleidet, straff zusammengenommen in der
Disziplin nicht nur der Kaserne, sondern auch des Kontors; er wollte
mit sechs Kommis einen Verwaltungszweig tausendmal einfacher und
übersichtlicher einrichten als mit sechzig Regierungsräten, die nicht
einmal leserlich schreiben könnten und einem alle Bücher versauten, so
daß kein Teufel daraus klug werde: bei aller Respektabilität des
Börsenmitgliedes |239|* von Manchester aber, in den Geschäften
und Vergnügungen der englischen Bourgeoisie, ihren Fuchsjagden und
ihren Weihnachtsschmäusen, der geistige Arbeiter und Kämpfer, der im
Häuschen fern am Ende der Stadt seinen Schatz barg, ein irisches
Volkskind, in dessen Armen er sich erholte, wenn er des Menschenpacks
allzu müde wurde.
Dagegen Marx, stämmig, untersetzt, mit den funkelnden Augen und der
ebenholzschwarzen Löwenmähne, die den semitischen Ursprung nicht
verleugneten: lässig in seiner äußeren Haltung: ein geplagter
Familienvater, der allem gesellschaftlichen Treiben der Weltstadt fern
lebte: hingegeben aufreibender Geistesarbeit, die ihm kaum gestattete,
ein schnelles Mittagsmahl einzunehmen, und bis tief in die Nacht auch
seine Körperkraft verzehrte: ein rastloser Denker, dem das Denken der
höchste Genuß war: darin der rechte Erbe eines Kant, eines Fichte und
namentlich eines Hegel, dessen Wort er gern wiederholte: »Selbst der
verbrecherische Gedanke eines Bösewichts ist erhabener und großartiger
als die Wunder des Himmels«, nur daß sein Gedanke unablässig zur Tat
drängte: unpraktisch in kleinen, aber praktisch in großen Dingen: viel
zu unbeholfen, einen kleinen Haushalt zu ordnen, aber unvergleichlich
in der Fähigkeit, ein Heer zu werben und zu führen, das eine Welt
umwälzen soll.
Wenn
anders der Stil der Mensch ist, so unterschieden sich beide auch als
Schriftsteller. Jeder war in seiner Weise ein Meister der Sprache und
jeder auch ein Sprachgenie, das viele Gebiete fremder Sprachen und
selbst Dialekte beherrschte. Engels leistete darin noch mehr als Marx,
aber wenn er in seiner Muttersprache schrieb, nahm er sich, selbst in
seinen Briefen, geschweige denn in seinen Schriften, straff zusammen
und hielt ihr Kleid von allen Fasern und Fäserchen des Auslandes frei,
ohne deshalb den Schrullen der teutschtümelnden Sprachreiniger zu
verfallen. Er schrieb leicht und licht, so durchsichtig und klar, daß
man dem Strom seiner bewegten Rede stets bis auf den Grund blicken
kann.
Marx
schrieb lässiger zugleich und schwerer. In seinen jugendlichen Briefen
ist, wie in den Jugendbriefen Heines, noch ein Ringen mit der Sprache
deutlich zu spüren, und in den Briefen seiner reiferen Jahre,
namentlich seit seinem Aufenthalt in England, kauderwelschte er
deutsch, englisch und französisch arg durcheinander. Auch in seinen
Schriften gibt es mehr Fremdwörter als gerade unvermeidlich sind, und
es fehlt weder an Anglizismen noch an Gallizismen, aber er ist so sehr
Meister der deutschen Sprache, daß er nicht ohne schwere Einbußen
übersetzt werden kann. Als Engels ein Kapitel des Freundes in einer
französischen Übersetzung las, an der Marx selbst mühsam gefeilt
hatte, meinte er |240| gleichwohl, Kraft und Saft und Leben
seien zum Teufel. Wenn Goethe einmal an Frau von Stein schrieb: »In
Gleichnissen laufe ich mit Sancho Pansas Sprüchwörtern um die Wette«,
so konnte Marx in der schlagenden Bildlichkeit der Sprache mit den
größten »Gleichnismachern«, einem Lessing, einem Goethe, einem Hegel
um die Wette laufen. Er hatte Lessings Wort begriffen, daß in einer
vollkommenen Darstellung Begriff und Bild zusammengehören wie Mann und
Weib, wofür ihn denn die Universitätsgelehrsamkeit, von dem Altmeister
Wilhelm Roscher bis zum jüngsten Privatdozenten, gebührend abgestraft
hat durch den niederschmetternden Vorwurf, er habe sich nur in ganz
unbestimmter, »mit Bildern zusammengeflickter Weise« verständlich
machen können. Marx erschöpfte die Fragen, die er behandelte, immer
nur soweit, daß dem Leser das fruchtbarste Nachdenken übrigblieb;
seine Rede ist ein Wellenspiel auf der purpurnen Tiefe des Meeres.
Engels
hat in Marx stets den überlegenen Genius anerkannt; neben ihm wollte
er immer nur die zweite Violine gespielt haben. Doch ist er niemals
nur sein Ausleger und Helfer gewesen, sondern sein selbständiger
Mitarbeiter, ein ihm nicht gleicher, aber ihm ebenbürtiger Geist. Wie
Engels in den Anfängen ihrer Freundschaft auf einem entscheidenden
Gebiete mehr gegeben als empfangen hat, so schrieb ihm Marx zwanzig
Jahre später: »Du weißt, daß alles 1. bei mir spät kommt, und 2. ich
immer in Deinen Fußstapfen nachfolge.« In seiner leichteren Rüstung
bewegte Engels sich leichter, und wenn sein Blick scharf genug war,
den entscheidenden Punkt einer Frage oder Lage zu erkennen, so drang
er nicht tief genug, um sofort all die Wenn und Aber zu überblicken,
mit denen auch die notwendigste Entscheidung bepackt ist. Dieser
Mangel ist für den handelnden Menschen freilich ein großer Vorzug, und
Marx faßte keinen politischen Entschluß, ohne sich vorher Rat bei
Engels zu holen, der gleich den Nagel auf den Kopf zu treffen pflegte.
Es
entsprach diesem Verhältnis, daß sich der Rat, den Marx auch in
theoretischen Fragen von Engels erbat, nicht ebenso ausgiebig erwies,
wie in politischen. Hier war Marx gewöhnlich schon im Vorsprunge. Und
ganz harthörig war er gegen einen Rat, den ihm Engels oft erteilte, um
ihn zur schnellen Beendigung seines wissenschaftlichen Hauptwerkes
anzutreiben. »Sei endlich einmal etwas weniger gewissenhaft Deinen
eignen Sachen gegenüber; es ist immer noch viel zu gut für das
Lausepublikum. Daß das Ding geschrieben wird und erscheint, ist die
Hauptsache; die Schwächen, die Dir auffallen, finden die Esel doch
nicht heraus.« Dieser Rat war echter Engels, wie seine Mißachtung
echter Marx war.
|241| Aus alledem erhellt, daß Engels für die
publizistische Tagesarbeit besser gerüstet war als Marx; »ein wahres
Universallexikon«, wie dieser ihn einem gemeinsamen Freunde schildert,
»arbeitsfähig zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, voll oder
nüchtern, quick im Schreiben und begriffen wie der Teufel.« Es scheint
auch, daß beide nach dem Eingehen der »Neuen Rheinischen Revue« im
Herbst 1850 zunächst noch ein gemeinsames Unternehmen in London ins
Auge gefaßt hatten; wenigstens schrieb Marx im Dezember 1853 an
Engels: »Hätten wir - Du und ich - zur rechten Zeit in London das
englische Korrespondenzgeschäft angefangen, so säßest Du nicht in
Manchester, Kontorgequält, und ich nicht Schuldengequält.« Wenn Engels
den Aussichten dieses »Geschäfts« die Kommisstelle in der väterlichen
Firma vorzog, so ist es wohl aus Rücksicht auf die trostlose Lage
geschehen, in der sich Marx befand, und im Hinblick auf bessere
Zeiten, nicht aber schon in der Absicht, sich dauernd dem »verfluchten
Kommerz« zu ergeben. Noch im Frühjahr 1854 hat Engels den Gedanken
erwogen, zur schriftstellerischen Tätigkeit nach London
zurückzukehren, aber allerdings zum letzten Male; um diese Zeit muß er
den Entschluß gefaßt haben, dauernd das verhaßte Joch auf sich zu
nehmen, nicht nur um dem Freunde zu helfen, sondern auch um der Partei
ihre erste geistige Kraft zu erhalten. Nur unter dieser Begründung
konnte Engels das Opfer bringen und Marx es annehmen; zum Anbieten wie
zum Annehmen gehörte ein gleich großer Sinn.
Ehe
Engels im Laufe der Jahre zum Teilhaber der Firma aufrückte, war er
als einfacher Kommis auch nicht gerade auf Rosen gebettet, aber vom
ersten Tage seiner Übersiedelung nach Manchester an hat er geholfen
und ist niemals müde geworden zu helfen. Unaufhörlich wanderten die
Ein-, die Fünf-, die Zehn-, später dann auch die Hundertpfundnoten
nach London. Engels verlor niemals die Geduld, auch wenn sie von Marx
und seiner Frau, deren haushälterischer Sinn nicht übermäßig
beschieden gewesen zu sein scheint, gelegentlich auf eine härtere
Probe gesetzt wurde, als notwendig gewesen wäre. Er schüttelte kaum
den Kopf, als Marx einmal den Betrag eines Wechsels vergessen hatte,
der auf ihn lief, und nun am Verfalltage unangenehm überrascht wurde.
Oder wenn Frau Marx bei einer abermaligen Sanierung des Haushalts
einen dicken Posten aus falscher Rücksicht verschwieg, um ihn von
ihrem Wirtschaftsgeld allmählich abzusparen und so bei aller guten
Absicht das alte Elend von neuem zu beginnen, so überließ Engels dem
Freunde den etwas pharisäischen Genuß, über die »Narrheit der Weiber«
zu schelten, die »offenbar stets der Vormundschaft bedürften«, und
begnügte |242|* sich mit der gutmütigen Mahnung: Sorge nur
dafür, daß so etwas in Zukunft nicht wieder vorkommt.
Jedoch
nicht nur am Tage schanzte Engels für den Freund im Kontor und auf der
Börse, sondern er opferte ihm auch zum großen Teil die Mußestunden des
Abends bis tief in die Nacht hinein. Wenn es zunächst geschah, um für
Marx, solange dieser die englische Sprache noch nicht für
schriftstellerische Zwecke handhaben konnte, die Briefe für die »New-York
Daily Tribune« zu verfassen oder zu übersetzen, so blieb es doch bei
dieser stillen Mitarbeit, auch als ihr ursprünglicher Grund
fortgefallen war.
Alles
das erscheint aber doch nur geringfügig gegenüber dem größten Opfer,
das Engels gebracht hat: dem Verzicht auf das Maß wissenschaftlicher
Leistung, das ihm nach seiner unvergleichlichen Arbeitskraft und
seinen reichen Fähigkeiten beschieden gewesen wäre. Auch hiervon
bekommt man einen rechten Begriff doch erst aus dem Briefwechsel
zwischen beiden Männern, selbst wenn man sich nur auf die sprach- und
militärwissenschaftlichen Studien beschränkt, die Engels mit
besonderer Vorliebe trieb, aus »alter Inklination« sowohl als auch aus
den praktischen Bedürfnissen des proletarischen Emanzipationskampfes
heraus. Denn so sehr ihm alles »Autodidaktentum« verhaßt - »es ist
überall Unsinn«, meinte er verächtlich - und so gründlich seine
Methode der wissenschaftlichen Arbeit war, so war er doch ebensowenig
wie Marx ein bloßer Stubengelehrter, und jede neue Erkenntnis war ihm
doppelt wertvoll, wenn sie sofort helfen konnte, die Ketten des
Proletariats zu lüften.
So
begann er mit dem Studium der slawischen Sprachen, aus der »Konsideration«
heraus, daß »wenigstens einer von uns« bei der nächsten Haupt- und
Staatsaktion die Sprache, die Geschichte, die Literatur, die sozialen
Einrichtungen gerade derjenigen Nationen kenne, mit denen man sofort
in Konflikt kommen werde. Die orientalischen Wirren führten ihn auf
die orientalischen Sprachen; vor dem Arabischen schreckte er zurück
mit seinen viertausend Wurzeln, aber »das Persische ist ein wahres
Kinderspiel von einer Sprache«; in drei Wochen wollte er damit fertig
sein. Dann kamen die germanischen Sprachen daran: »ich sitze jetzt
tief im Ulfilas, ich mußte doch endlich einmal mit dem verdammten
Gotischen fertig werden, das ich immer bloß so desultorisch trieb. Zu
meiner Verwunderung finde ich, daß ich viel mehr weiß, als ich dachte;
wenn ich noch ein Hilfsmittel bekomme, so denk' ich in vierzehn Tagen
komplett fertig damit zu sein. Dann geht's ans Altnordische und
Angelsächsische, mit denen ich auch immer so auf halbem Fuße
gestanden. Bis |243| jetzt arbeite ich ohne Lexikon oder andre
Hilfsmittel, bloß gotischen Text und den Grimm, der alte Kerl ist aber
wirklich famos.« Als die schleswig-holsteinische Frage in den
sechziger Jahren auftauchte, trieb Engels »etwas
friesisch-englisch-jütisch-skandinavische Philologie und Archäologie«,
beim neuen Aufflammen der irischen Frage »etwas Keltisch-Irisches« und
so fort. Im Generalrat der Internationalen sind ihm später seine
umfassenden Sprachkenntnisse trefflich zustatten gekommen; »Engels
stottert in zwanzig Sprachen«, hieß es wohl, da er in Augenblicken
erregten Sprechens leicht mit der Zunge anstieß.
So
auch verdiente er sich den Spitznamen des »Generals« durch seine noch
eifrigere und eindringlichere Beschäftigung mit den
Kriegswissenschaften. Auch hier wurde eine »alte Inklination« durch
die praktischen Bedürfnisse der revolutionären Politik genährt. Engels
rechnete mit der »enormen Wichtigkeit, die die partie militaire bei
der nächsten Bewegung bekommen müsse«. Mit den Offizieren, die sich in
den Revolutionsjahren auf die Seite des Volkes geschlagen hatten,
waren nicht die besten Erfahrungen gemacht worden. »Dies
Soldatenpack«, meinte Engels, »hat einen unbegreiflich schmutzigen
Korpsgeist. Sie hassen einander bis auf den Tod, beneiden sich
gegenseitig wie Schuljungen die kleinste Auszeichnung, aber gegen die
Leute vom ›Zivil‹ sind sie alle einig.« Engels wollte es nun so weit
bringen, daß er theoretisch einigermaßen mitsprechen könne, ohne sich
zu sehr zu blamieren.
Er war
kaum in Manchester warm geworden, als er »Militaria zu ochsen« begann.
Er begann mit dem »Allerplattesten und Ordinärsten, was im Fähnrichs-
und Leutnantsexamen gefordert und was ebendeswegen überall als bekannt
vorausgesetzt wird«. Er studierte das gesamte Heerwesen bis in alle
technischen Einzelheiten: Elementartaktik, Befestigungssystem von
Vauban bis auf das moderne System der detachierten Forts, Brückenbau
und Feldverschanzungen, Waffenkunde bis auf die verschiedene
Konstruktion der Feldlafetten, das Verpflegungswesen der Lazarette und
anderes mehr; endlich ging er zur allgemeinen Kriegsgeschichte über,
wo er den Engländer Napier, den Franzosen Jomini und den Deutschen
Clausewitz mit eindringendem Fleiß durcharbeitete.
Weit
entfernt im Sinne einer seichten Aufklärung gegen die moralische
Unvernunft der Kriege zu eifern, suchte Engels vielmehr ihre
historische Vernunft zu erkennen, wodurch er mehr als einmal den
gewaltigen Zorn der deklamierenden Demokratie erregt hat. Wenn einst
ein Byron die Schalen glühenden Zorns über die beiden Heerführer
ausgoß, die in der Schlacht bei Waterloo als Fahnenträger des feudalen
|244| Europas dem Erben der Französischen Revolution den
Todesstoß gegeben hatten, so fügte es ein bezeichnender Zufall, daß
Engels in seinen Briefen an Marx von Blücher sowohl wie von Wellington
historische Bildnisse entwarf, die in knappem Rahmen so klar und
scharf umrissen sind, daß sie selbst bei dem heutigen Stande der
Kriegswissenschaft schwerlich nur in einem Striche geändert zu werden
brauchen.
Auch
auf einem dritten Gebiet, auf dem Engels gern und viel arbeitete, auf
dem Gebiete der Naturwissenschaften, ist es ihm nicht vergönnt
gewesen, die letzte Hand an seine Forschungen in den Jahrzehnten zu
legen, in denen er sich in kaufmännische Fron begab, um der
wissenschaftlichen Arbeit eines Größeren freien Raum zu schaffen.
Alles
das war auch ein tragisches Schicksal. Aber Engels hat darüber niemals
gegreint; denn alle Sentimentalität war ihm so fremd wie seinem
Freunde. Er hat es immer als das große Glück seines Lebens betrachtet,
vierzig Jahre neben Marx zu stehen, auch um den Preis, daß dessen
mächtigere Gestalt ihn überschattete. Er hat es nicht einmal als eine
verspätete Genugtuung empfunden, daß er nach dem Tode des Freundes
noch über ein Jahrzehnt der erste Mann der internationalen
Arbeiterbewegung sein, unbestritten in ihr die erste Violine spielen
durfte; er meinte im Gegenteil, ihm werde ein größeres Verdienst
zugeschrieben, als ihm zukomme.
Indem
jeder der beiden Männer völlig in der gemeinsamen Sache aufging und
jeder von beiden ihr nicht dasselbe, aber ein gleich großes Opfer
brachte, ohne jeden peinlichen Rest des Murrens oder des Prahlens,
wurde ihre Freundschaft ein Bund, der in aller Geschichte
seinesgleichen nicht gehabt hat.
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