1. Europäische
Politik
|245| Etwa zur selben Zeit, Ende 1853, als Marx durch das kleine
Pamphlet gegen Willich seinen Kampf mit der »demokratischen
Emigrationsschwindelei und Revolutionsmacherei« abschloß, begann mit
dem Krimkriege eine neue Periode der europäischen Politik, die für die
nächsten Jahre in erster Reihe seine Aufmerksamkeit fesselte.
Was er
darüber zu sagen hatte, ist vornehmlich in seinen Aufsätzen für die »New-York
Daily Tribune« niedergelegt. So sehr ihn dies Blatt auf die Stufe
eines gewöhnlichen Zeitungskorrespondenten herabzudrücken suchte, so
durfte Marx mit Recht sagen, daß er sich mit »eigentlicher
Zeitungskorrespondenz nur ausnahmsweise befaßt« habe. Er blieb nur
sich selber treu, wenn er auch die literarische Erwerbsarbeit zu adeln
wußte, indem er sie auf mühsamen Studien aufbaute und ihr dadurch
einen dauernden Wert verlieh.
Diese
Schätze sind zum großen Teil noch ungehoben, und es wird einige Mühe
kosten, sie ans Tageslicht zu fördern. Indem die »New-York Daily
Tribune« die Beiträge, die Marx ihr lieferte, sozusagen als
Rohmaterial behandelte, sie nach ihrem Belieben dem Papierkorb
überantwortete oder auch unter ihrer eigenen Flagge veröffentlichte
und oft nur, wie Marx zornig sagte, den »Schund« unter seinem Namen
wiedergab, wird sich Marxens ganze Arbeit für das amerikanische Blatt
nicht mehr herstellen lassen, und soweit es noch möglich ist, wird es
einer sorgsamen Prüfung bedürfen, um ihre Grenzen genau festzustellen.
Eine
unentbehrliche Handhabe dafür ist erst seit verhältnismäßig kurzer
Zeit durch die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Engels und
Marx gegeben. Aus ihm geht zum Beispiel hervor, daß die Artikelreihe
über die deutsche Revolution und Gegenrevolution, als deren Verfasser
Marx seit langem gegolten hat, überwiegend von Engels verfaßt worden
ist, sowie daß dieser nicht nur die militärischen Aufsätze für die »New-York
Daily Tribune« verfaßt hat, was längst bekannt war, sondern auch sonst
in umfassender Weise für das Blatt mitgearbeitet |246|* hat.
Außer der erwähnten Artikelreihe sind bisher die Aufsätze über die
orientalische Frage aus den Spalten der »New-York Daily Tribune«
gesammelt worden, aber diese Sammlung ist sowohl in dem, was sie
enthält als auch in dem, was sie nicht enthält, noch viel anfechtbarer
als die andere, bei der doch nur ein unrichtiger Verfasser
vorausgesetzt worden ist.
Mit
dieser kritischen Prüfung wäre aber nur der leichtere Teil der Arbeit
getan. So hoch Marx die publizistische Tagesarbeit zu heben wußte, so
konnte er sie doch nicht über sich selbst herausheben. Auch das größte
Genie kann nicht zweimal in der Woche, just mit dem fälligen Dampfer
am Dienstag oder Freitag, neue Entdeckungen machen oder neue Gedanken
gebären. Dabei läuft immer, wie Engels einmal sagte, »reine
Ärmelschüttelei und Aushelferei mit dem bloßen Gedächtnis« mitunter.
Zudem ist die Tagesarbeit immer von Tagesnachrichten und
Tagesstimmungen abhängig, von denen sie sich nicht einmal befreien
darf, ohne langweilig und ledern zu werden. Was wären die vier starken
Bände des Briefwechsels zwischen Engels und Marx ohne die hundert
Widersprüche, in denen sich die großen Richtlinien ihres Denkens und
Kämpfens entwickeln!
Die
großen Richtlinien ihrer europäischen Politik, wie sie mit dem
Krimkriege einsetzten, sind aber heute schon vollkommen klar, auch
ohne das massenhafte Material, das noch in den Spalten der »New-York
Daily Tribune« seiner Auferstehung harrt. Man kann sie im gewissen
Sinne eine Umkehr nennen. Die Verfasser des »Kommunistischen
Manifestes« richteten ihr Hauptaugenmerk auf Deutschland und so auch
die »Neue Rheinische Zeitung«. Dann trat diese Zeitung begeistert für
die Unabhängigkeitskämpfe der Polen, der Italiener, der Ungarn ein,
und endlich verlangte sie den Krieg gegen Rußland als die starke
Reserve der europäischen Gegenrevolution, was sie dann mehr und mehr
zuspitzte in den Weltkrieg gegen England, mit dem erst die soziale
Revolution aus dem Reiche der Utopie in das Reich der Wirklichkeit
trete.
Die
»englisch-russische Sklaverei«, die auf Europa laste, war nun der
Punkt, an den Marx seine europäische Politik zur Zeit des Krimkrieges
anknüpfte. Er begrüßte diesen Krieg, insoweit er das europäische
Übergewicht einzudämmen versprach, das der Zarismus durch die
siegreiche Gegenrevolution gewonnen hatte, aber er war nichts weniger
als einverstanden mit der Art und Weise, wie die Westmächte gegen
Rußland kämpften. Ebenso dachte Engels, der den Krimkrieg eine einzige
kolossale Komödie der Irrungen nannte, bei der man sich jeden
Augenblick frage: Wer ist hier der Geprellte? Beide sahen in dem
Kriege, soweit |247| ihn Frankreich und namentlich England
führten, nur einen Scheinkrieg, trotz der Million Menschenleben und
der ungezählten Millionen, die er an Geld kostete.
Er war
es sicherlich insofern, als weder der falsche Bonaparte noch Lord
Palmerston, der englische Minister des Auswärtigen, den russischen
Koloß in seinem Lebensnerv zu treffen gedachten. Sobald sie sicher
waren, daß Österreich die russische Hauptmacht an der Westgrenze in
Schach hielt, verlegten sie den Krieg nach der Krim, um sich in die
Festung Sewastopol zu verbeißen, deren eine Hälfte sie nach Jahr und
Tag glücklich erobert hatten. An diesem dürftigen Lorbeer mußten sie
sich genügen lassen und schließlich von dem »besiegten« Rußland die
Erlaubnis »erbitten«, ihre Truppen ungestört nach Hause zu
verschiffen.
An dem
falschen Bonaparte war es erklärlich genug, weshalb er den Zaren nicht
zu einem Kampf auf Leben und Tod herauszufordern wagte, weniger an
Palmerston, den die festländischen Regierungen als revolutionären
»Feuerbrand« fürchteten und die festländischen Liberalen als das
Muster eines konstitutionell-liberalen Ministers bewunderten. Marx
löste das Rätsel, indem er die Blaubücher und Parlamentsverhandlungen
aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, darüber hinaus dann aber auch
eine Reihe diplomatischer, im Britischen Museum niedergelegter
Berichte einer mühsamen Prüfung unterzog, um aus ihnen nachzuweisen,
daß seit der Zeit Peters des Großen bis auf die Tage des Krimkrieges
ein geheimes Zusammenwirken zwischen den Kabinetten von London und
Petersburg stattgefunden habe und daß namentlich Palmerston ein feiles
Werkzeug der zarischen Politik sei. Die Ergebnisse dieser Studien sind
nicht unbestritten geblieben und werden auch heute noch bestritten,
namentlich was Palmerston anbetrifft, dessen skrupellose
Geschäftspolitik mit ihren Halbheiten und Widersprüchen Marx
unzweifelhaft viel treffender beurteilt hat als die festländischen
Regierungen und Liberalen, ohne daß sich daraus mit zwingender
Notwendigkeit ergibt, daß Palmerston von Rußland gekauft gewesen sei.
Aber wichtiger als die Frage, ob Marx diesen Bogen gelegentlich
überspannt hat, ist die Tatsache, daß er ihn fortan stets gespannt
hielt und als eine unerläßliche Aufgabe der Arbeiterklasse
betrachtete, die Mysterien der internationalen Staatskunst zu
durchdringen und die diplomatischen Streiche der Regierungen zu
verhindern oder, wenn ihr das noch nicht möglich sein sollte, zu
denunzieren.[1]
Vor
allem kam es ihm auf den unversöhnlichen Kampf gegen die barbarische
Macht an, deren Haupt er in Petersburg sitzen und deren Hände er in
allen europäischen Kabinetten wühlen sah. Er sah in dem |248|
Zarentum nicht nur die große Hauptfestung der europäischen Reaktion,
deren bloße passive Existenz eine beständige Drohung und Gefahr sei,
sondern auch den Hauptfeind, der durch seine unaufhörlichen
Einmischungen in die Angelegenheiten des Westens die normale
Entwicklung hemme und störe, zu dem Zwecke, sich geographische
Stellungen zu erobern, die ihm die Herrschaft über Europa sichern
sollten und damit die Befreiung des europäischen Proletariats
unmöglich machen würden. Das entscheidende Gewicht, das Marx auf
diesen Gesichtspunkt legte, hat von nun an in bedeutsamer Weise seine
Arbeiterpolitik beeinflußt, viel stärker als schon in den Jahren der
Revolution.
Spann
Marx damit nur einen Faden weiter, den er schon in der »Neuen
Rheinischen Zeitung« angeknüpft hatte, so traten für ihn und ebenso
für Engels die Nationen, für deren Unabhängigkeitskämpfe sich dieses
Blatt begeistert hatte, sehr in den Hintergrund. Nicht als ob beide je
aufgehört hätten, die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens
sowohl als ein Recht dieser Länder, wie auch als das Interesse
Deutschlands und Europas zu vertreten. Aber schon im Jahre 1851 gab
Engels den alten Lieblingen den trockenen Laufpaß: »Den Italienern,
Polen und Ungarn werde ich deutlich genug sagen, daß sie in allen
modernen Fragen das Maul zu halten haben.« Einige Monate darauf sagte
er den Polen, daß sie eine aufgelöste Nation seien, nur so lange noch
brauchbar als Mittel, bis Rußland selbst in die Revolution
hineingerissen sei. Die Polen hätten in der Geschichte nie etwas
anderes getan, als tapfere krakeelsüchtige Dummheit gespielt. Selbst
gegen Rußland hätten sie nie etwas von historischer Bedeutung getan,
während Rußland wirklich progressiv gegen den Osten sei. Die russische
Herrschaft mit all ihrer Gemeinheit, all ihrem slawischen Schmutz, sei
zivilisierend für das Schwarze und Kaspische Meer und Zentralasien,
für Baschkiren und Tataren, und Rußland habe viel mehr
Bildungselemente und besonders industrielle Elemente in sich
aufgenommen als das seiner ganzen Natur nach
chevaleresk-bärenhäuternde Polen. Sätze, die freilich stark von der
Leidenschaft der Emigrantenkämpfe gefärbt sind. Später hat Engels
wieder viel milder über Polen geurteilt und noch in seinen letzten
Lebensjahren anerkannt, daß es wenigstens zweimal die europäische
Zivilisation gerettet habe: durch seine Erhebung in den Jahren 1792
bis 1793 und durch seine Revolution von 1830 bis 1831.
Marx
selbst aber schrieb dem gefeierten Helden der italienischen Revolution
ins Stammbuch: »Mazzini kennt nur die Städte mit ihrem liberalen Adel
und ihren aufgeklärten Bürgern. Die materiellen Bedürfnisse des
italienischen Landvolkes - so ausgesogen und systematisch |249|
entnervt und verdummt wie das irische - liegen natürlich unter dem
Phrasenhimmel seiner kosmopolitisch-neokatholisch-ideologischen
Manifeste. Aber allerdings gehört Mut dazu, den Bürgern und dem Adel
zu erklären, daß der erste Schritt zur Unabhängigkeit Italiens die
völlige Emanzipation der Bauern und die Verwandlung ihres
Halbpachtsystems in freies bürgerliches Eigentum ist.« Und dem
prahlerisch in London sich aufspielenden Kossuth ließ Marx in einem
Offenen Briefe seines Freundes Ernest Jones erklären, daß die
europäischen Revolutionen den Kreuzzug der Arbeit gegen das Kapital
bedeuteten. Sie könnten nicht auf das geistige und soziale Niveau
eines obskuren, halb barbarischen Volkes wie die Magyaren
herabgedrückt werden, die noch in der Halbzivilisation des sechzehnten
Jahrhunderts steckten und sich tatsächlich einbildeten, sie dürften
die große Erleuchtung Deutschlands und Frankreichs kommandieren und
der Leichtgläubigkeit Englands ein erschwindeltes Hoch ablocken.
Am
weitesten jedoch entfernte sich Marx von den Überlieferungen der
»Neuen Rheinischen Zeitung«, indem er auf Deutschland nicht nur nicht
mehr sein Hauptaugenmerk richtete, sondern es so ziemlich aus seinem
politischen Gesichtskreise verbannte. Deutschland spielte damals
freilich eine ungemein trübselige Rolle in der europäischen Politik
und konnte als russisches Paschalik gelten, aber wenn es sich dadurch
einigermaßen erklärt, so war es doch in mancher Beziehung
verhängnisvoll, daß Marx - und dasselbe gilt von Engels - eine Reihe
von Jahren jede engere Fühlung mit der deutschen Entwicklung verlor.
Vor allem die Mißachtung, die beide als annektierte Rheinländer von
jeher gegen den preußischen Staat empfunden hatten, steigerte sich in
den Tagen Manteuffel-Westphalens auf einen Grad, der in starkem
Mißverhältnis zu ihrem Scharfblick für die reale Lage der Dinge stand.
Ein
beredtes Zeugnis dafür legt besonders auch der eine Ausnahmefall ab,
wo Marx die preußischen Zustände der Zeit seiner Beachtung würdigte.
Es geschah gegen Ende des Jahres 1856, als Preußen sich wegen des
Neuenburger Handels mit der Schweiz in die Haare geriet. Der
Zwischenfall veranlaßte Marx, wie er am 2. Dezember 1856 an Engels
schrieb, seinen »höchst mangelhaften Kenntnissen von der preußischen
Geschichte« nachzuhelfen, wobei er das Ergebnis seiner Studien dahin
zusammenfaßte, etwas Lausigeres habe die Weltgeschichte nie
produziert. Was er im Anschluß daran in dem Briefe selbst ausführte
und einige Tage darauf im »Peoples Paper«, einem chartistischen Organ,
ausführlicher wiederholte, zeigt ihn nicht entfernt auf der Höhe
seiner sonstigen Geschichtsauffassung, streift vielmehr bedenklich an
|250| jene historischen Niederungen biedermännisch scheltender
Demokratie, die überwunden zu haben sonst gerade sein Verdienst ist.
Harter
Bissen, wie der preußische Staat ohne Zweifel für jeden Kulturmenschen
war, ließ er sich ebendeshalb doch nicht auflösen durch das
Scheidewasser des Spotts über das »göttliche Recht der Hohenzollern«,
über ihre drei immer wiederkehrenden »Charaktermasken«: Pietist,
Unteroffizier, Hanswurst, über die preußische Geschichte als eine
»unsaubere Familienchronik« verglichen mit dem »diabolischen Epos« der
österreichischen Geschichte und ähnliches mehr, was höchstens doch nur
das Warum erklärte, aber das Warum des Warum noch ganz im ungewissen
ließ.
2. David Urquhart.
Harney und Jones
Zu
gleicher Zeit und in gleichem Sinne wie an der »New-York Daily
Tribune« arbeitete Marx an den urquhartistischen und den
chartistischen Organen mit.
David
Urquhart war ein englischer Diplomat, der sich durch die genaue
Kenntnis und unablässige Bekämpfung der russischen
Weltherrschaftspläne große Verdienste erworben, aber diese Verdienste
durch einen fanatischen Russenhaß und eine fanatische
Türkenschwärmerei wieder geschmälert hat. Marx ist oft ein Urquhartit
genannt worden, aber sehr mit Unrecht; man kann eher sagen, daß er wie
Engels sich mehr an den närrischen Übertreibungen des Mannes gestoßen
als seine wirklichen Leistungen geschätzt habe. Gleich wo er zum
ersten Male erwähnt wird, schrieb Engels im März 1853: »Ich habe jetzt
den Urquhart zu Hause ... der den Palmerston für von Rußland bezahlt
angibt. Die Sache erklärt sich einfach: der Kerl ist ein keltischer
Schotte mit sächsisch-schottischer Bildung, der Tendenz nach
Romantiker, der Bildung nach freetrader [Mehring übersetzt:
Freihändler]. Dieser Kerl ging als Philhellene nach Griechenland, und
nachdem er sich drei Jahre mit den Türken herumgeschlagen, ging er in
die Türkei und begeisterte sich für ebendieselben Türken. Er schwärmt
für den Islam und sein Prinzip ist: wenn ich nicht Kalvinist wäre, so
könnte ich nur Mohammedaner sein.« Im ganzen fand Engels das Buch
Urquharts freilich höchst amüsant.
Der
Berührungspunkt zwischen Marx und Urquhart war der Kampf gegen
Palmerston. Ein Artikel gegen diesen Minister, den Marx in der »New-York
Daily Tribune« veröffentlicht und ein Glasgower Blatt nachgedruckt
|251|* hatte, erregte die Aufmerksamkeit Urquharts, und er hatte
im Februar 1854 eine Zusammenkunft mit Marx, wobei er diesen mit dem
Kompliment empfing, seine Artikel seien so, als ob ein Türke sie
geschrieben hätte. Als Marx darauf erklärte, daß er »Revolutionist«
sei, fand sich Urquhart sehr enttäuscht, denn es gehörte zu seinen
Schrullen, daß die europäischen Revolutionäre bewußte oder unbewußte
Werkzeuge des Zarismus seien, um den europäischen Regierungen
Schwierigkeiten zu bereiten. »Er ist ein kompletter Monoman«, schrieb
Marx nach dieser Unterredung an Engels. Er stimme in nichts mit ihm
überein, wie er ihm erklärt habe, außer Palmerston, und zu diesem
Punkt habe Urquhart ihm nicht verholfen.
Man
wird nun freilich diese vertraulichen Äußerungen nicht allzusehr
pressen dürfen. Öffentlich hat Marx bei allen kritischen Vorbehalten
die Verdienste Urquharts wiederholt anerkannt und auch kein Hehl
daraus gemacht, daß er von Urquhart, wenn auch nicht überzeugt, so
doch angeregt worden sei. Er nahm deshalb auch keinen Anstand, für die
Organe Urquharts, namentlich die »Free Press« in London, gelegentliche
Beiträge zu liefern und die Verbreitung mehrerer seiner Aufsätze aus
der »New-York Daily Tribune« in Form von Flugschriften zu gestatten.
Diese Palmerston-Pamphlets wurden in verschiedenen Auflagen zu 15.000
bis 30.000 Exemplaren vertrieben und erregten großes Aufsehen. Aber
sonst hat Marx bei dem Schotten Urquhart so wenig Seide gesponnen wie
bei dem Yankee Dana.
Eine
dauernde Verbindung zwischen Marx und Urquhart war schon dadurch
ausgeschlossen, daß Marx zum Chartismus hielt, den Urquhart doppelt
haßte, als Freihändler und als Russenfeind, der in jeder
revolutionären Bewegung den Rubel rollen hörte. Von der schweren
Niederlage, die er am 10. April 1848 erlitten hatte, hat sich der
Chartismus nicht mehr erholt, aber solange seine Reste noch um neues
Leben rangen, haben Engels und Marx sie tapfer und treu unterstützt,
namentlich uneigennützige Mitarbeit an den Organen geleistet, die
George Julian Harney und Ernest Jones in den fünfziger Jahren
herausgaben, Harney in rascher Folge hintereinander den »Red
Republican«, den »Friend of the People« und die »Democratic Review«,
Jones die »Notes to the People« und »The Peoples Paper«, das am
längsten dauerte, bis zum Jahre 1858.
Harney
und Jones gehörten zur revolutionären Fraktion der Chartisten und
waren unter ihnen auch wohl am freiesten von aller insularen
Beschränktheit; in der internationalen Verbindung der Fraternal
Democrats galten sie als die leitenden Geister. Harney war ein
Seemannskind |252|* und in proletarischen Verhältnissen
aufgewachsen; er hatte sich selbst an der revolutionären Literatur
Frankreichs geschult und sah namentlich in Marat sein Muster. Ein Jahr
älter als Marx, saß er schon zur Zeit, wo dieser die »Rheinische
Zeitung« leitete, in der Redaktion des »Northern Star«, des
chartistischen Hauptorgans. Hier suchte ihn im Jahre 1843 Engels auf,
»ein schlanker, junger Mann von fast knabenhafter Jugendlichkeit, der
schon damals ein merkwürdig korrektes Englisch sprach«. 1847 lernte
Harney auch Marx kennen und schloß sich ihm begeistert an.
In
seinem »Red Republican« brachte er eine englische Übersetzung des
»Kommunistischen Manifestes« mit der Randnote, es sei das
revolutionärste Dokument, das der Welt je gegeben worden sei, und in
seiner »Democratic Review« übersetzte er die Aufsätze der »Neuen
Rheinischen Revue« über die französische Revolution als die »wahre
Kritik« der französischen Affären. In den Emigrantenkämpfen kam er
dann doch zu seiner alten Liebe zurück und geriet in heftigen Zwist
mit Jones nicht minder als mit Marx und Engels. Bald darauf siedelte
er nach der Insel Jersey und dann nach den Vereinigten Staaten über,
wo ihn Engels noch im Jahre 1888 besucht hat. Gleich darauf kehrte
Harney nach England zurück, und hier ist er in hohem Alter als letzter
Zeuge einer großen Zeit gestorben.
Ernest
Jones stammte aus einem alten normannischen Geschlecht, war aber in
Deutschland geboren und erzogen, wo sein Vater als militärischer
Begleiter des Herzogs von Cumberland lebte, des späteren Königs Ernst
August von Hannover. Dieser erzreaktionäre Wüstling, dem die englische
Presse jedes Verbrechen mit Ausnahme des Selbstmordes nachsagte, hat
den kleinen Ernest aus der Taufe gehoben, ohne daß diese Patenschaft
und die höfischen Beziehungen seiner Familie auf ihn abgefärbt hätten.
Schon als Knabe bekundete er einen unbändigen Freiheitssinn, und als
Mann hat er allen Versuchungen widerstanden, ihn in goldenen Ketten
einzufangen. Er zählte etwa zwanzig Jahre, als seine Familie nach
England zurückkehrte, wo er sich dem Rechtsstudium widmete und zur
Advokatur zugelassen wurde. Er opferte aber alle Aussichten, die ihm
seine glänzenden Fähigkeiten und die aristokratischen Verbindungen
seiner Familie eröffneten, um sich der chartistischen Sache zu widmen,
die er mit so glühendem Eifer vertrat, daß er im Jahre 1848 zu einer
zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Zur Strafe für den
Verrat an seiner Klasse wurde er in der Haft als gemeiner Sträfling
behandelt, verließ den Kerker aber im Jahre 1850 gänzlich ungebessert
und hat vom Sommer 1850 ab, ziemlich zwei Jahrzehnte |253|*
lang, nahe mit Marx und Engels verkehrt, zwischen denen er im Alter
stand.
Ganz
ohne Trübungen ist freilich auch diese Freundschaft nicht geblieben:
Trübungen ähnlicher Art, wie sie in der Freundschaft mit Freiligrath,
mit dem Jones die dichterische Begabung teilte, oder auch mit Lassalle
eintraten, über den Marx ähnlich, nur noch ungleich schärfer urteilte,
wie wenn er von Jones 1855 schrieb: »Bei aller Energie, Ausdauer und
Tätigkeit, die man an Jones anerkennen muß, verdirbt er alles durch
Marktschreierei, taktloses Haschen nach Agitationsprätexten [Mehring
übersetzt: -vorwänden] und Unruhe, die Zeit zu überspringen.« Auch
später hat es an harten Zusammenstößen nicht gefehlt, als die
chartistische Agitation unaufhaltsam versandete und Jones sich dem
bürgerlichen Radikalismus näherte.
Aber
im Grunde blieb es eine aufrichtige und echte Freundschaft. Jones
lebte zuletzt als Advokat in Manchester und starb 1869 unerwartet,
noch in der vollen Kraft des Mannesalters; auf einem eiligen Zettel
sandte Engels die Trauerkunde nach London: »Das ist wieder einer von
den Alten!« Marx antwortete: »Die Nachricht mit E. Jones hat bei uns
im Haus natürlich tiefe Bestürzung erregt, da er einer der wenigen
alten Freunde.« Engels meldete dann noch, Jones sei unter einer
enormen Prozession auf demselben Kirchhof begraben worden, wo schon
einer ihrer Getreuen, Wilhelm Wolff, ruhte. Es sei wirklich schade um
ihn; seine bürgerlichen Phrasen seien doch nur Heuchelei, und unter
den Politikern sei er der einzige gebildete Engländer gewesen, der im
Grunde ganz auf ihrer Seite gestanden habe.
3. Familie und
Freunde
Von
allen politischen Verbindungen hielt sich Marx in diesen Jahren fern,
ja fast von aller Gesellschaft. Er hatte sich völlig in die
Studierstube zurückgezogen, die er nur verließ, um seiner Familie zu
leben, die sich im Januar 1855 um ein Töchterchen Eleanor vermehrte.
Er war
ein großer Kinderfreund wie Engels auch, und wenn er je seiner
rastlosen Arbeit eine Stunde abzwackte, so war es, um mit seinen
Kindern zu spielen. Sie hingen mit abgöttischer Liebe an ihm, obgleich
oder auch weil er auf alle väterliche Autorität verzichtete; sie
gingen mit ihm wie mit einem Kameraden um und nannten ihn »Mohr«, mit
einem Spitznamen, den ihm seine dunkle Haar- und Hautfarbe eingetragen
|254|* hatte. »Die Kinder müssen die Eltern erziehen«, pflegte
er zu sagen. Vor allem verboten sie ihm alle Sonntagsarbeit; am
Sonntag mußte er ihnen ganz gehören, und die sonntäglichen Ausflüge
aufs Land, wo in einfachen Schenken gerastet wurde, um Ingwerbier zu
trinken und Brot mit Käse zu verspeisen, waren die spärlichen
Sonnenblicke zwischen den schweren Wolken, die immer über dem Hause
hingen.
Mit
besonderer Vorliebe richteten sich diese Ausflüge nach Hampstead
Heath, der Heide von Hampstead, einem unbebauten, mit Baumgruppen und
Stachelginster bewachsenen Hügelstrich im Norden Londons. Liebknecht
hat diese Sonntagsfahrten sehr anmutig beschrieben. Die Heide ist
heute nicht mehr das, was sie vor sechzig Jahren war, aber von dem
alten Wirtshaus, Jack Straws Castle, an dessen Tische Marx oft
gesessen hat, hat man noch immer einen prächtigen Blick über sie, mit
ihrem malerischen Wechsel von Berg und Tal, namentlich wenn sie an
Sonntagen von fröhlichen Menschen belebt ist. Im Süden die Riesenstadt
mit ihren Häusermassen, überragt von der Kuppel der St.
Paulskathedrale und den Westminstertürmen, in der dämmernden Ferne die
Hügel von Surrey, im Norden ein dichtbevölkerter fruchtbarer
Landstrich, mit zahlreichen Dörfern übersäet, im Westen der
Schwesterhügel von Highgate, wo Marx den ewigen Schlaf schläft.
In
sein bescheidenes Familienglück fuhr ihm nun aber ein zündender Blitz;
am Karfreitag des Jahres 1855 wurde ihm sein einziger Sohn durch den
Tod entrissen, der etwa neunjährige Edgar oder »Musch«, wie er mit
einem Kosenamen in der Familie genannt wurde. Der Knabe, der schon
eine reiche Begabung verriet, war der allgemeine Liebling. »Ein so
trauriger, entsetzlicher Verlust, daß ich gar nicht sagen kann, wie
mir der Fall ans Herz gegriffen hat«, schrieb Freiligrath in die
Heimat.
Herzzerreißend klang es aus den Briefen, in denen Marx über Krankheit
und Tod an Engels berichtete. Am 30. März schrieb er: »Meine Frau war
seit einer Woche so krank wie nie vorher vor geistiger Erregung. Mir
selbst blutet das Herz und brennt der Kopf, obgleich ich natürlich
Haltung behaupten muß. Das Kind verleugnet während der Krankheit
keinen Augenblick seinen originellen, gutmütigen und zugleich
selbständigen Charakter.« Und am 6. April: »Der arme Musch ist nicht
mehr. Er entschlief (im wörtlichen Sinne) in meinen Armen heute
zwischen 5 und 6 Uhr. Ich werde nie vergessen, wie Deine Freundschaft
diese schreckliche Zeit uns erleichtert hat. Meinen Schmerz um das
Kind begreifst Du.« Und am 12. April: »Das Haus ist natürlich ganz
verödet und verwaist seit dem Tode des teuren Kindes, das seine
belebende |255|* Seele war. Es ist unbeschreiblich, wie das
Kind uns überall fehlt. Ich habe schon allerlei Pech durchgemacht,
aber erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist ... Unter all
den furchtbaren Qualen, die ich in diesen Tagen durchgemacht habe, hat
mich immer der Gedanke an Dich und Deine Freundschaft aufrechtgehalten
und die Hoffnung, daß wir noch etwas Vernünftiges in der Welt zusammen
zu tun haben.«
Es
dauerte lange, ehe die Wunde auch nur zu vernarben begann. Auf einen
Trostbrief Lassalles antwortete Marx am 28. Juli: »Baco sagt, daß
wirklich bedeutende Menschen so viel Relationen [Mehring übersetzt:
Beziehungen] zur Natur und der Welt haben, so viele Gegenstände des
Interesses, daß sie jeden Verlust leicht verschmerzen. Ich gehöre
nicht zu diesen bedeutenden Menschen. Der Tod meines Kindes hat mir
Herz und Hirn tief erschüttert, und ich fühle den Verlust noch so
frisch wie am ersten Tag. Meine arme Frau ist auch völlig
niedergebrochen.« Und Freiligrath schrieb am 6. Oktober an Marx: »Daß
Dein Verlust Dich noch immer nicht losläßt, geht mir unendlich nahe.
Da läßt sich nichts tun und nichts raten. Ich begreife und ich ehre
Deinen Schmerz - aber suche ihn zu bemeistern, damit er Deiner nicht
Meister wird. Du begehst damit keinen Verrat am Gedächtnis Deines
lieben Kindes.«
Der
Tod des kleinen Edgar war der Gipfel fortwährender Krankheiten, die
seit ein paar Jahren in der Familie eingerissen waren, und seit dem
Frühjahr auch Marx selbst ergriffen hatten, um ihn völlig nie wieder
loszulassen. Hauptsächlich quälte ihn ein Leberleiden, das er von
seinem Vater ererbt zu haben glaubte. Aber viel trug zu den immer
schlechteren Gesundheitszuständen auch die elende Wohnung und das
ungesunde Viertel bei, worin sie lag. Im Sommer 1854 wütete hier die
Cholera besonders arg, angeblich weil die gleichzeitig gegrabenen
Abfuhrkanäle durch die Schächte getrieben wurden, in denen die an der
Pest von 1665 Gestorbenen begraben worden waren. Der Arzt drängte,
»den Bannkreis von Soho Square« zu verlassen, dessen Luft Marx seit
Jahren ununterbrochen eingeatmet hatte. Ein neuer Trauerfall in der
Familie schuf die Möglichkeit dazu. Im Sommer 1856 war Frau Marx mit
den drei Töchtern nach Trier gereist, um ihre alte Mutter noch einmal
zu sehen. Sie kam aber gerade nur noch zur rechten Zeit, um ihr nach
elftägigen Leiden die müden Augen zuzudrücken.
Ihre
Hinterlassenschaft war gering, jedoch ein paar hundert Taler fielen
auf den Anteil der Frau Marx, und dazu kam, wie es scheint, noch eine
kleine Erbschaft von der schottischen Verwandtschaft her. So konnte
die Familie im Herbst 1856 in ein Häuschen übersiedeln, nicht weit von
|256| ihrem geliebten Hampstead Heath: 9 Graftonterrace,
Maitlandpark, Haverstockhill. Die Jahresmiete betrug 36 Pfund. »Es ist
eine wahrhaft prinzliche Wohnung, verglichen mit unseren früheren
Löchern«, schrieb Frau Marx einer Freundin, »und obgleich die
sämtlichen Einrichtungen vom Kopf bis zum Fuß nicht viel über 40 Pfund
kamen (second hand rubbish spielte eine große Rolle dabei), so kam ich
mir im Anfang in unserem jungen Parlour ganz großartig vor. Sämtliche
Wäsche und sonstige Überreste früherer Größe wurden aus des ›Onkels‹
Händen befreit, und ich zählte mit Lust einmal wieder die
Damastservietten, die noch alten schottischen Ursprungs waren.
Obgleich die Herrlichkeit nicht lange dauerte, denn bald mußte ein
Stück nach dem andern wieder ins ›Pop-Haus‹ wandern (so nennen die
Kinder den geheimnisvollen Drei-Kugel-Shop), so freuten wir uns doch
einmal recht in unserer bürgerlichen Behäbigkeit.« Es war ein nur
allzu kurzes Aufatmen.
Auch
unter den Freunden hielt der Tod seine Ernte. Daniels starb im Herbst
1855, Weerth im Januar 1856 in Haiti, Konrad Schramm Anfang 1858 auf
der Insel Jersey. Ihnen allen wenigstens kurze Nachrufe in der Presse
zu schaffen, bemühten sich Marx und Engels eifrig, aber ohne Erfolg.
Sie klagten oft, daß die alte Garde zusammenschmelze und kein neuer
Zufluß käme. So sehr ihnen ihre »öffentliche Isolation« anfangs
gefallen hatte, und so felsenfest die Siegeszuversicht war, womit die
beiden Einsamen an der europäischen Politik teilnahmen, als wären sie
selbst eine europäische Macht, so waren sie doch viel zu
leidenschaftliche Politiker, um nicht auf die Dauer den Mangel einer
Partei zu empfinden, denn ihre wenigen Anhänger waren, wie Marx einmal
selbst sagte, keine Partei. Und unter ihnen war keiner, der an den
Hochwuchs ihrer Gedanken heranreichte, bis auf den einen, gegen den
sie ihr Mißtrauen niemals ganz überwinden konnten.
In
London war Liebknecht täglicher Gast bei Marx, namentlich solange
dieser in der Deanstreet hauste, aber er hatte in seinem
Dachkämmerchen hart mit der Not des Lebens zu kämpfen, und das gleiche
galt von den alten Gefährten des Kommunistenbundes, von Leßner und dem
Tischler Lochner, von Eccarius und dem »reuigen Sünder« Schapper.
Andere waren zerstreut: Dronke als Kaufmann in Liverpool und dann in
Glasgow, Imandt als Professor in Dundee, Schily als Advokat in Paris,
wo auch Reinhardt, der Sekretär Heines in dessen letzten Lebensjahren,
zum engeren Kreise der Getreuen zählte.
Aber
auch unter den Allgetreuesten erlahmte der politische Kampf. Wilhelm
Wolff, der sich in Manchester durch Stundengeben erträglich ernährte,
blieb ganz der alte, wie Frau Marx einmal von ihm schrieb: |257|
»die kreuzbrave, tüchtige, plebejische Natur«, nur daß mit den Jahren
die Grillen des Junggesellen wuchsen und seine »Hauptkämpfe« seiner
Wirtin um Tee und Zucker und Kohlen galten. Geistig ist er den alten
Freunden im Exil nicht mehr viel gewesen. So auch blieb Freiligrath
der alte zuverlässige Freund; ja seitdem er im Sommer 1856 die
Londoner Agentur einer Schweizer Bank übertragen erhalten hatte, hat
er die größere Möglichkeit finanzieller Hilfe für Marx um so
reichlicher ausgenützt, ihm namentlich die Honorare der »New-York
Daily Tribune«, die sich oft genug zum Überfluß noch als saumselige
Zahlerin erwies, so rasch wie möglich flüssig gemacht. Auch in seinen
revolutionären Überzeugungen blieb Freiligrath unerschüttert, aber dem
Parteikampf entfremdete er sich mehr und mehr. Mochte er auch aus
ehrlicher Überzeugung sagen, daß sich der Revolutionär nirgends mit
Anstand begraben lassen könne als im Exil, so konnte der deutsche
Dichter doch des Exils nicht froh werden. Da er des geliebten Weibes
Heimweh sah und der Kinderschar den Weihnachtsbaum auf fremder Erde
anzünden mußte, rann ihm der Quell der Dichtung selten und spärlich.
Er litt darunter und empfand es wohltätig, daß die Heimat sich
allmählich ihres berühmten Dichters wieder erinnerte.
Und
nun die lange Reihe der »lebendig Verstorbenen«! Es traf sich, daß
Marx in London mit manchen Genossen seiner philosophischen Frühzeit
zusammentraf: mit Eduard Meyen, der immer noch die alte Giftkröte war,
mit Faucher, der als Sekretär Cobdens freihändlerische »Geschichte zu
machen« beanspruchte, mit Edgar Bauer, der umgekehrt den
kommunistischen Agitator spielte, von Marx aber immer nur der »Clown«
genannt wurde. Als Bruno Bauer zum Besuche des Bruders auf längere
Zeit nach London kam, ist auch Marx wiederholt mit dem alten
Jugendfreunde zusammengetroffen. Da Bruno Bauer für die russische
Urkraft schwärmte, dagegen im Proletariat nur »Pöbel« sah, der mit
Gewalt und List zu leiten sei und im äußersten Fall sich mit einem
Silbergroschen Zulage abspeisen lasse, so war natürlich jede
Verständigung ausgeschlossen. Marx fand ihn sichtbar gealtert, mit
gewachsener Stirn und den Manieren eines pedantischen Professors, aber
über seine Unterhaltungen mit dem »vergnüglichen alten Herrn«
berichtete er doch ausführlich an Engels.
Allein
auch aus einer jüngeren Vergangenheit waren der »lebendig
Verstorbenen« gerade genug, und sie mehrten sich mit jedem Jahre. So
die alten Freunde am Rheine: Georg Jung, Heinrich Bürgers, Hermann
Becker und andere. Mancher von ihnen, wie Becker und nach ihm der
brave Miquel, machten sich die Sache »wissenschaftlich« zurecht; erst
|258| müsse die Bourgeoisie vollständig über das Junkertum
siegen, ehe das Proletariat an seinen Sieg denken könne. Becker
lehrte: »Soweit der Bohrwurm der Kanaille der materiellen Interessen
dringt, soweit verwandelt sich das morsche Gerüst des Junkertums in
Staub, und die Geschichte geht beim ersten Hauche des Weltgeistes über
den ganzen äußeren Verputz zur höchst einfachen Tagesordnung über.«
Eine sehr hübsche Theorie soweit, die auch heute noch manchen
Schlaumeier bezaubern mag. Aber als Becker Oberbürgermeister von Köln
und Miquel preußischer Finanzminister geworden war, hatten sie sich in
die »Kanaille der materiellen Interessen« dermaßen verliebt, daß sie
sich gegen »den ersten Hauch des Weltgeistes« zusamt seiner »höchst
einfachen Tagesordnung« mit Händen und Füßen sträubten.
Für
Männer wie Becker und Miquel, war es immerhin ein fragwürdiger Ersatz,
als im Frühling 1856 ein Kaufmann Gustav Levy aus Düsseldorf bei Marx
erschien, um ihm eine Fabrikinsurrektion in Iserlohn, Solingen usw.
auf dem Präsentierteller anzubieten. Marx sprach sich derb gegen die
gefährliche und nutzlose Narrheit aus; er ließ den Arbeitern, in deren
angeblichem oder wirklichem Auftrage Levy gekommen war, durch diesen
sagen, sie möchten in einiger Zeit wieder nach London senden, aber
nichts tun ohne vorherige Verständigung.
Nicht
ebenso ablehnend stellte sich Marx zu dem andern angeblichen Auftrage,
den Levy von den Düsseldorfer Arbeitern haben wollte: nämlich vor
Lassalle zu warnen als einem unsicheren Kantonisten, der nach dem
siegreichen Ausgange der Hatzfeldtschen Prozesse unter dem
schmählichen Joche der Gräfin lebe, sich von ihr unterhalten lasse,
mit ihr nach Berlin gehen wolle, um ihr einen Hof von Literaten zu
schaffen, die Arbeiter aber als verbrauchte Werkzeuge beiseite werfe,
um zur Bourgeoisie überzugehen und was des Klatsches mehr war. Diesmal
darf man mit allem Fug daran zweifeln, daß rheinische Arbeiter eine
solche Botschaft an Marx gesandt haben, denn dieselben Arbeiter haben
wenige Jahre später durch feierliche Adressen und jubelnde Zurufe
bekundet, daß Lassalles Haus in Düsseldorf in der weißen
Schreckenszeit der fünfziger Jahre »das treue Asyl der furchtlosesten
und entschlossensten Parteihilfe« gewesen war. Es ist mehr als
wahrscheinlich, daß der Bote auf eigene Faust die Botschaft ersonnen
hat: der Biedermann war aufs äußerste ergrimmt über Lassalle, weil
dieser ihm ein Darlehen von 2.000 Talern nur in der Höhe von 500
Talern hatte bewilligen wollen.
Wäre
Marx davon unterrichtet gewesen, so hätte er sicherlich gegenüber
diesem Levy die größte Zurückhaltung beobachtet. Aber der Bericht
selbst war schon geeignet, starkes Mißtrauen zu erwecken. Marx
|259| war mit Lassalle nicht gerade in häufigem, aber doch
fortlaufendem Briefwechsel geblieben, er hatte ihn immer, persönlich
wie politisch, als zuverlässigen Freund und Parteigenossen befunden;
ja, er hatte selbst das Mißtrauen bekämpft, das in den Tagen des
Kommunistenbundes allerdings noch in den Kreisen der rheinischen
Arbeiter gegen Lassalle wegen dessen Verstrickung in die
Hatzfeldtschen Händel bestanden hatte. Noch vor kaum Jahresfrist, als
ihm Lassalle aus Paris schrieb, hatte er in durchaus herzlicher Weise
geantwortet: »Ich bin natürlich überrascht, Dich so nah bei London zu
wissen, ohne daß Du auch nur für einige Tage herüberzukommen denkst.
Ich hoffe, Du wirst noch in Dich gehen und entdecken, wie kurz und
wohlfeil die Reise von Paris nach London ist. Wären mir die Tore
Frankreichs nicht hermetisch verschlossen, so würde ich Dich in Paris
überraschen.«
So
läßt es sich schwer erklären, daß Marx das lose Gerede Levys am 5.
März 1856 an Engels berichtete und hinzufügte: »Dies alles ist nur
einzelnes, herausgehört und strichweise fixiert. Das Ganze hat
auf mich und Freiligrath einen definitiven Eindruck gemacht, so
sehr ich für Lassalle eingenommen war und so mißtrauisch ich gegen
Arbeiterklatsch bin.« Er habe dem Levy gesagt, auf den Bericht einer
einzigen Seite hin zu einem Schlusse zu kommen, sei unmöglich, aber
Verdacht sei unter allen Umständen nützlich; man möge Lassalle
überwachen, aber einstweilen jeden öffentlichen Eklat vermeiden. Dem
stimmte Engels zu, mit einigen Bemerkungen, die aus seinem Munde
weniger auffallen, da er Lassalle weniger kannte als Marx. Es sei
schade um den Kerl, seines großen Talentes wegen, aber diese Sachen
seien doch zu arg. Lassalle sei immer ein Mensch gewesen, dem man
höllisch aufpassen mußte; als echter Jud von der slawischen Grenze sei
er immer auf dem Sprunge, unter Parteivorwänden jeden für seine
Privatzwecke auszubeuten.
Marx
aber brach seinen Briefwechsel mit dem Manne ab, der ihm wenige Jahre
später mit aller Wahrheit schreiben konnte: Du hast in Deutschland
keinen Freund als mich.
4. Die Krise von 1857
Als
sich Marx und Engels im Herbst 1850 aus den öffentlichen Kämpfen des
Parteilebens zurückzogen, hatten sie erklärt: »Eine neue Revolution
ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch
ebenso sicher wie diese.«[2]
Seitdem hatten sie, und mit jedem Jahre |260| ungeduldiger,
nach den Anzeichen einer neuen Krise ausgespäht. Liebknecht erzählt,
daß Marx sie manchmal daneben prophezeit habe und deshalb von den
Freunden geneckt worden sei; als sie 1857 nun wirklich kam, ließ Marx
in der Tat durch Engels an Wilhelm Wolff melden, er werde beweisen,
daß sie normalerweise zwei Jahre früher hätte ausbrechen müssen.
Sie
begann in den Vereinigten Staaten, und schon ihre Vorboten machten
sich für Marx dadurch fühlbar, daß ihn die »New-York Daily Tribune«
auf Halbsold setzte. Der Schlag traf ihn um so schwerer, als sich in
der neuen Wohnung schon das alte oder selbst ein vermehrtes Elend
eingestellt hatte. Marx konnte sich hier nicht »von Tag zu Tag
durchklemmen wie in der Deanstreet«; ohne Aussicht und mit wachsenden
Familienausgaben. »Ich weiß absolut nicht, was ich anfangen soll und
bin in der Tat in einer verzweifelteren Situation als vor fünf
Jahren«, schrieb er am 20. Januar 1857 an Engels. Diesen traf die
Nachricht wie ein »Donnerschlag aus heiterem Himmel«, aber er eilte zu
helfen und klagte nur, daß Marx nicht vierzehn Tage früher geschrieben
hätte. Er hätte sich eben ein Pferd gekauft, für das ihm sein Alter
das Geld als Weihnachtsgeschenk gesandt habe; »es ist mir höchst
ärgerlich, daß ich hier ein Pferd halten soll, während Du in London
mit Deiner Familie im Pech sitzest«. Hoch erfreut war er dann, als ein
paar Monate später Dana bei Marx um Mitarbeit, namentlich auch wegen
militärischer Artikel, für ein von ihm herausgegebenes
Konversationslexikon anfragte. Die Sache komme ihm »ganz gepfiffen«
und mache ihm «unendlichen Spaß«, da sie ein enormer Hebel sein werde,
Marx aus den ewigen Geldnöten zu befreien; dieser möge nur so viele
Artikel nehmen, als er kriegen könne, und allmählich ein Büro
organisieren.
Daraus
wurde nichts, schon aus Mangel an Leuten. Auch sonst erwies sich die
Aussicht nicht so glänzend, wie Engels annahm; das Honorar lief
schließlich nicht einmal auf einen Penny (81/2
Pfennig) für die Zeile hinaus, und wenn vieles auch bloße Füllarbeit
zu sein brauchte, so war Engels doch viel zu gewissenhaft, um sie
leichter Hand abzutun. Was davon in ihren Briefwechsel durchgesickert
ist, rechtfertigt keineswegs das wegwerfende Urteil, das Engels später
über diese, teils von ihm, teils von Marx verfaßten Artikel gefällt
hat: »Reine Geschäftsarbeit, weiter nichts, können ruhig begraben
bleiben.« Allmählich schlief diese immerhin nebensächliche Tätigkeit
auch wieder ein, bis über den Buchstaben C hinaus scheint die
regelmäßige Mitarbeit der beiden Freunde an dem Lexikon nicht gediehen
zu sein.
Von
vornherein wurde sie dadurch arg behindert, daß Engels im |261|
Sommer 1857 von einem Drüsenleiden befallen wurde, das ihn zwang,
längere Zeit an die See zu gehen. Auch bei Marx sah es trübe aus. Sein
Leberleiden meldete sich in einem neuen Anfall so heftig, daß er nur
mit äußerster Anstrengung das Notwendigste arbeiten konnte. Im Juli
wurde seine Frau von einem nicht lebensfähigen Kinde entbunden, unter
Umständen, die einen furchtbaren Eindruck auf seine Phantasie und ihm
die Rückerinnerung qualvoll machten. »Es muß Dir hart kommen, ehe Du
so schreibst«, antwortete der erschreckte Engels, doch verschob Marx
alles auf mündliche Auskunft, schreiben könne er über diese Dinge
nicht.
Alles
persönliche Ungemach war aber sofort vergessen, als die Krisis im
Herbst nach England und dann auch auf den Kontinent hinüberschlug. »So
sehr ich selbst in financial distress [Mehring übersetzt: Finanznot],
habe ich seit 1849 nicht so cosy gefühlt als bei diesem outbreak [Mehring
übersetzt: Ausbruch]«, schrieb Marx am 13. November an Engels. Und
dieser hatte am nächsten Tage nur die Besorgnis, daß die Entwicklung
sich überstürzen könne. »Es wäre zu wünschen, daß erst diese
›Besserung‹ zur chronischen Krisis einträte, ehe ein zweiter und
entscheidender Hauptschlag fällt. Der chronische Druck ist eine
Zeitlang nötig, um die Bevölkerung warm zu machen. Das Proletariat
schlägt dann besser, in beßrer connaissence de cause [Mehring
übersetzt: Kenntnis der Dinge] und mit mehr Einklang; grade wie eine
Kavallerieattacke viel besser ausfällt, wenn die Pferde erst eine 500
Schritt traben mußten, um an den Feind zur Carrieredistanz zu kommen.
Ich möchte nicht, daß es zu früh etwas gäbe, ehe ganz Europa
vollständig ergriffen ist, der Kampf nachher würde härter,
langweiliger und mehr hin- und herwogend. Mai oder Juni wäre fast noch
zu früh. Die Massen müssen durch die lange Prosperität verdammt
lethargisch geworden sein. ... Mir geht es übrigens wie Dir. Seitdem
der Schwindelzusammenbrach in New York, hatte ich keine Ruhe mehr in
Jersey, und ich fühle mich enorm fidel in diesem general downbreak [Mehring
übersetzt: allgemeinen Zusammenbruch]. Der bürgerliche Dreck der
letzten sieben Jahre hatte sich doch einigermaßen an mich gehängt,
jetzt wird er abgewaschen, ich werde wieder ein andrer Kerl. Die
Krisis wird mir körperlich ebenso wohl tun wie ein Seebad, das merk'
ich jetzt schon. 1848 sagten wir: jetzt kommt unsere Zeit, und sie kam
in einem certain sense [Mehring übersetzt: gewissen Sinn], diesmal
aber kommt sie vollständig, jetzt geht es um den Kopf.«
Um den
Kopf ging es nun doch nicht. Die Krisis hatte in ihrer Art
revolutionäre Wirkungen, aber sie waren anderer Art, als Marx und
Engels annahmen. Nicht als ob sie sich utopischen Hoffnungen ins Blaue
|262| hinein hingegeben hätten; sie studierten vielmehr mit
äußerster Sorgfalt Tag und Tag den Verlauf der Krisis, und Marx
schrieb am 18. Dezember: »Ich arbeite ganz kolossal, meist bis vier
Uhr morgens. Die Arbeit ist nämlich eine doppelte: 1. Ausarbeitung der
Grundzüge der Ökonomie. (Es ist durchaus nötig, für das Publikum au
fond [Mehring übersetzt: auf den Grund] der Sache zu gehn und für
mich, individually, to get rid of this night mare [Mehring übersetzt:
persönlich, diesen Alp los zu werden].) 2. Die jetzige Krisis.
Darüber - außer den Artikeln an die ›Tribune‹ - führe ich bloß
Buch, was aber bedeutend Zeit wegnimmt. Ich denke, daß wir about [Mehring
übersetzt: gegen] Frühling zusammen ein Pamphlet über die Geschichte
machen, als Wiederankündigung beim deutschen Publico - daß wir
wieder und noch da sind, always the same [Mehring übersetzt: immer
dieselben].« Aus diesem Pamphlet ist nichts geworden, da die Krisis
die Massen nicht aufwühlte, aber eben dadurch gewann Marx die Muße,
den theoretischen Teil seines Planes auszuführen.
Zehn
Tage früher hatte Frau Marx an den sterbenden Konrad Schramm in Jersey
geschrieben: »Obgleich wir die amerikanische Krise an unserem Beutel
sehr verspüren, indem Karl statt zweimal wöchentlich nur mehr einmal
an die ›Tribune‹ schreibt, die allen europäischen Korrespondenten
außer Bayard Tailor und Karl den Abschied gegeben, so können Sie sich
doch wohl denken, wie obenauf der Mohr ist. Seine ganze frühere
Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleichtigkeit ist wiedergekehrt wie auch
die Frische und Heiterkeit des Geistes, die seit Jahren gebrochen war,
seit dem großen Leiden, dem Verlust unseres Herzenskindes, um das mein
Herz ewig trauern wird. Karl arbeitet am Tage, um fürs tägliche Brot
zu sorgen, nachts, um seine Ökonomie zur Vollendung zu bringen. Jetzt,
wo diese Arbeit eine Notwendigkeit geworden, wird sich doch auch wohl
ein elender Buchhändler finden.« Und er fand sich, dank den Bemühungen
Lassalles.
Er
hatte im April 1857 an Marx geschrieben, in der alten
freundschaftlichen Weise, verwundert zwar, daß Marx den Briefwechsel
so lange hatte einschlafen lassen, aber ohne zu ahnen, weshalb.
Obgleich Engels dazu riet, hat Marx diesen Brief nicht beantwortet. Im
Dezember desselben Jahres schrieb Lassalle dann wieder, aus einem
äußeren Anlaß: sein Vetter Max Friedländer hatte ihn ersucht, Marx zur
Mitarbeit an der »Wiener Presse« zu veranlassen, zu deren Redakteuren
Friedländer gehörte. Nun antwortete Marx, indem er das Anerbieten
Friedländers ablehnte, da er zwar »antifranzösisch«, aber nicht minder
»antienglisch« sei und am allerwenigsten für Palmerston schreiben
|263|* könne. Auf Lassalles Klage aber, so fremd ihm sonst
Sentimentalität sei, es habe ihn geschmerzt, auf den Aprilbrief kein
Wort der Erwiderung erhalten zu haben, antwortete Marx »kurz und
kühl«, er habe aus Gründen, die schriftlich schwer mitzuteilen seien,
nicht geantwortet. Sonst fügte er nur wenige Worte hinzu, darunter
allerdings die Mitteilung, daß er ein ökonomisches Werk erscheinen zu
lassen gedenke.
Im
Januar 1858 traf ein Exemplar von Lassalles »Heraklit« in London ein,
dessen Absendung der Verfasser in dem Dezemberbriefe angekündigt
hatte, zugleich mit einigen Bemerkungen über die begeisterte Aufnahme,
die sein Werk in der gelehrten Welt Berlins gefunden hatte. Schon die
Portokosten von zwei Schilling »sicherten ihm einen schlechten
Empfang«. Aber auch den Inhalt beurteilte Marx ziemlich abfällig. Die
»enorme Schaustellung« von Gelehrsamkeit imponierte ihm nicht; er
meinte, es sei wohlfeil, Zitate zu häufen, wenn man Geld und Zeit
habe, und sich nach Belieben aus der Bonner Universitätsbibliothek
Bücher ins Haus schicken lassen könne; in diesem philosophischen
Flitterstaate bewege sich Lassalle ganz mit der Grazie eines Kerls,
der zum ersten Male einen eleganten Anzug trage. Das hieß, über
Lassalles wirkliche Gelehrsamkeit allzu unbillig urteilen, doch läßt
sich sehr wohl erklären, daß Marx sich durch das Buch aus demselben
Grunde unsympathisch berührt fühlte, aus dem nach seiner Meinung die
professoralen Größen darüber erfreut sein mußten, nämlich solch
altertümliches Wesen in einem jungen Menschen zu finden, der für einen
großen Revolutionär gelte. Bekanntlich war der größte Teil des Werks
mehr als zehn Jahre vor seinem Erscheinen niedergeschrieben worden.
Aus
der »kurzen und kühlen« Antwort auf seinen klagenden Brief hatte
Lassalle noch immer nicht gemerkt, daß irgend etwas nicht im Lote sei.
Er mißverstand - offenbar gutgläubig und nicht etwa absichtlich wie
Marx argwöhnte - die Notwendigkeit einer mündlichen Erörterung in dem
harmlosen Sinne, daß Marx ihm einiges erzählen wolle, wozu
Privatgelegenheit erforderlich sei. Er antwortete im Februar 1858 in
aller Unbefangenheit, schilderte drastisch den Schwindel, worin sich
die Berliner Bourgeoisie wegen der Vermählung des preußischen
Kronprinzen mit einer englischen Prinzessin berauschte, und erbot sich
übrigens, einen Verleger für das nationalökonomische Werk zu schaffen.
Hierauf ging Marx ein, und nun hatte Lassalle den Kontrakt mit seinem
eigenen Verleger, Franz Duncker, schon Ende März fertig, und zwar
unter günstigeren Bedingungen noch, als Marx beansprucht hatte. Dieser
wollte selbst, daß die Sache in Lieferungen erscheine, und war bereit,
für die ersten Lieferungen auf jedes Honorar zu verzichten. |264|
Lassalle sicherte ihm jedoch von vornherein drei Friedrichsdor - das
gewöhnliche Professorenhonorar betrug nur zwei - für den Druckbogen.
Der Verleger behielt sich nur vor, falls der Absatz sich nicht
verlohne, bei der dritten Lieferung abzubrechen.
Es
dauerte aber noch reichlich dreiviertel Jahre, bis Marx mit dem
Manuskripte der ersten Lieferung fertig wurde. Neue Anfälle seiner
Leber und häusliche Sorgen hinderten den Abschluß. Um Weihnachten 1858
sah es im Hause »düsterer und trostloser denn je« aus. Am 21. Januar
1859 war das »unglückliche Manuskript« fertig, aber nun war »kein
Farthing« da, um es frei zu machen und zu versichern. »Ich glaube
nicht, daß unter solchem Geldmangel je über das ›Geld‹ geschrieben
worden ist. Die meisten Autoren über dies subjekt waren in tiefem
Frieden mit dem subjekt of their researches [Mehring übersetzt:
Gegenstand ihrer Forschungen].« So schrieb Marx an Engels, als er
diesen um die Zusendung des nötigen Portos bat.
5. »Zur Kritik der
politischen Ökonomie«
Der
Plan eines großen nationalökonomischen Werkes, das der
kapitalistischen Produktionsweise bis auf den Grund gehen sollte, war
ziemlich fünfzehn Jahre alt, als Marx ihn praktisch auszuführen
begann. Er hatte ihn schon in vormärzlicher Zeit erwogen, und die
Schrift gegen Proudhon war eine erste Abschlagszahlung gewesen. Nach
seiner Beteiligung an den Kämpfen der Revolutionsjahre hatte Marx ihn
sofort wieder aufgenommen und schon am 2. April 1851 an Engels
gemeldet: »Ich bin so weit, daß ich in fünf Wochen mit der ganzen
ökonomischen Plackerei fertig bin. Und danach werde ich zu Haus die
Ökonomie ausarbeiten und im Museum mich auf eine andre Wissenschaft
werfen. Das beginnt mich zu langweiligen. Im Grunde hat diese
Wissenschaft seit Adam Smith und David Ricardo keine Fortschritte mehr
gemacht, so viel auch in einzelnen Untersuchungen, oft supradelikaten,
geschehn ist.« Engels antwortete erfreut: »Ich bin froh, daß Du mit
der Ökonomie endlich fertig bist. Das Ding zog sich wirklich zu sehr
in die Länge«, aber als erfahrener Mann fügte er hinzu: »Solange Du
noch ein für wichtig gehaltnes Buch ungelesen vor Dir hast, solange
kommst Du doch nicht zum Schreiben.« Er neigte allemal zu der Ansicht,
daß bei allen anderen Störungen »die Hauptverzögerung« immer in den
»eigenen Skrupeln« des Freundes läge.
|265| Diese »Skrupel« waren nun freilich nicht
- und so meinte es im Grunde auch Engels nicht - von der Oberfläche
geschöpft. Wodurch Marx im Jahre 1851 bestimmt wurde, nicht
abzuschließen, sondern von vorn anzufangen, hat er selbst - in der
Vorrede des ersten Heftes - mit den Worten angegeben: »Das ungeheure
Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British
Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den London für die
Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt, endlich das neue
Entwicklungsstadium, worin letztere mit der Entdeckung des
kalifornischen und australischen Goldes einzutreten schien ...«[3]
Wenn er hinzufügte, daß seine nunmehr achtjährige Tätigkeit für die »New-York
Daily Tribune« eine außerordentliche Zersplitterung seiner Studien
nötig gemacht habe, so wäre zu ergänzen, daß diese Tätigkeit ihn bis
zu einem gewissen Grade in den politischen Kampf zurückführte, der ihm
immer obenan stand. War es doch auch gerade die Aussicht auf das
Wiedererwachen einer revolutionären Arbeiterbewegung, die ihn auf den
Schreibsessel drückte, um nun endlich schriftlich niederzulegen, was
er all die Jahre nicht aufgehört hatte, wieder und wieder zu erwägen.
Davon
gibt beredtes Zeugnis sein Briefwechsel mit Engels, worin die
Erörterung ökonomischer Fragen nicht abreißt und sich vielmehr zu
Abhandlungen auswächst, die man ebenfalls »supradelikat« nennen darf.
Wie sich dabei der Gedankenaustausch zwischen beiden Freunden
gestaltet, zeigen ein paar ihrer gelegentlichen Äußerungen. Engels
schrieb einmal von seiner »bekannten Trägheit en fait de théorie«, die
sich bei dem inneren Knurren seines besseren Ich beruhige, ohne der
Sache auf den Grund zu gehen, während Marx ein andermal den
Stoßseufzer nicht unterdrücken konnte: »Wenn die Leute nur wüßten, wie
wenig ich von all dem Zeug weiß«, als ihn ein Fabrikant mit der
»amüsanten« Wendung begrüßte, er müsse selbst einmal Fabrikant gewesen
sein.
Zieht
man in beiden Fällen, wie billig, die humoristische Übertreibung ab,
so bleibt das Ergebnis, daß Engels den inneren Mechanismus der
kapitalistischen Gesellschaft genauer kannte, Marx aber mit schärferer
Denkkraft ihren Bewegungsgesetzen nachzuspüren wußte. Als er dem
Freunde den Plan des ersten Heftes entwickelte, antwortete Engels: »Es
ist wirklich ein sehr abstrakter Abriß, wie bei der Kürze nicht anders
zu vermeiden, und ich muß die dialektischen Übergänge oft mit Mühe
suchen, da alles abstrakte Denken mir sehr fremd geworden ist.«
Dagegen hatte Marx einige Mühe, sich in den Auskünften
zurechtzufinden, die ihm von Engels auf seine Fragen über die Art, wie
Fabrikanten und |266| Kaufleute den Teil des Einkommens
berechnen, den sie selbst verzehren, oder über Abnutzung der
Maschinerie oder die Umschlagsberechnung des vorgeschossenen
zirkulierenden Kapitals erteilt wurden. Er klagte wohl, daß in der
politischen Ökonomie das praktisch Interessante und das theoretisch
Notwendige weit auseinandergingen.
Daß
Marx erst in den Jahren 1857 und 1858 mit dem Ausarbeiten seines
Werkes begonnen hat, geht auch daraus hervor, daß sich ihm der Plan
unter der Hand änderte. Noch im April 1858 wollte er im ersten Heft
»das Kapital im Allgemeinen« behandeln, aber obgleich das Heft auf das
Doppelte oder gar Dreifache des geplanten Umfangs anwuchs, so enthielt
es noch nichts über das Kapital, sondern nur zwei Kapitel über Ware
und Geld. Marx sah darin den Vorteil, daß die Kritik sich nicht auf
bloße Tendenzschimpferei beschränken können werde, wobei er nur
übersah, daß ihr die wirksame Waffe des Totschweigens um so näher
gelegt wurde.
In der
Vorrede gab er eine Übersicht über seinen wissenschaftlichen
Entwicklungsgang, und die berühmten Sätze, in denen er den
historischen Materialismus zusammenfaßt, dürfen auch hier nicht
fehlen. »Meine Untersuchung (Mehring fügt ein: der Hegelschen
Rechtsphilosophie) mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie
Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der
sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern
vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren
Gesamtheit Hegel, nach dem Vorgang der Engländer und Franzosen des 18.
Jahrhunderts, unter dem Namen ›bürgerliche Gesellschaft‹ zusammenfaßt,
daß aber die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft in der politischen
Ökonomie zu suchen sei. ... Das allgemeine Resultat, das sich mir
ergab und, einmal gewonnen, meinen Studien zum Leitfaden diente, kann
kurz so formuliert werden: In der gesellschaftlichen Produktion ihres
Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen
unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer
bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte
entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die
ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich
ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte
gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise
des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen
Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das
ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr
Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung
geraten die materiellen |267| Produktivkräfte der Gesellschaft
in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was
nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den
Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten.
Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse
in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution
ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der
ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um. In der Betrachtung
solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der
materiellen naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in
den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen,
politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz,
ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt
werden und ihn ausfechten. So wenig man das, was ein Individuum ist,
nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man
eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen, sondern
muß vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des materiellen
Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen
Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erklären. Eine
Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte
entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere
Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die
materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten
Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die
Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer
betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur
entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon
vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind. In
großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern
bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen
Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen
Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des
gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn
von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den
gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden
Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich
entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen
Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser
Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der
menschlichen Gesellschaft ab.«[4]
In dem
Hefte selbst, das er »Zur Kritik der politischen Ökonomie« betitelte,
tat Marx den entscheidenden Schritt über die bürgerliche |268|
Ökonomie hinaus, wie sie namentlich durch Adam Smith und David Ricardo
entwickelt worden war. Sie gipfelte in der Bestimmung des Warenwerts
durch die Arbeitszeit, aber indem sie die bürgerliche Produktion als
die ewige Naturform gesellschaftlicher Produktion betrachtete, nahm
sie das Wertschaffen als eine natürliche Eigenschaft der menschlichen
Arbeit an, wie sie in der individuellen, konkreten Arbeit des
einzelnen Menschen gegeben ist, und geriet dadurch in eine Reihe von
Widersprüchen, die sie nicht zu lösen vermochte. Dagegen sah Marx in
der bürgerlichen Produktion nicht die ewige Naturform, sondern nur
eine bestimmte historische Form gesellschaftlicher Produktion, der
eine ganze Reihe anderer Formen vorangegangen war. Von diesem
Standpunkt aus unterwarf Marx die wertbildende Eigenschaft der Arbeit
einer gründlichen Prüfung; er untersuchte, welche Arbeit und warum und
wie sie Wert bildet, weshalb Wert nichts ist als festgeronnene Arbeit
dieser Art.
So
gelangte er an den »Springpunkt«, um den sich das Verständnis der
politischen Ökonomie dreht: den zwieschlächtigen Charakter, den die
Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft hat. Die individuelle,
konkrete Arbeit schafft Gebrauchs-, die unterschiedslose,
gesellschaftliche Arbeit schafft Tauschwerte. Soweit die Arbeit
Gebrauchswerte hervorbringt, ist sie allen Gesellschaftsformen
eigentümlich; als zweckmäßige Tätigkeit zur Aneignung des Natürlichen
in der einen oder der anderen Form ist die Arbeit Naturbedingung der
menschlichen Existenz, eine von allen sozialen Formen unabhängige
Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Diese Arbeit
bedarf des Stoffes zu ihrer Voraussetzung und ist somit nicht die
einzige Quelle des von ihr Hervorgebrachten, nämlich des stofflichen
Reichtums. Mag das Verhältnis zwischen Arbeit und Naturstoff in den
verschiedenen Gebrauchswerten sehr verschieden sein, so enthält der
Gebrauchswert stets ein natürliches Substrat.
Anders
der Tauschwert. Er enthält keinen Naturstoff, sondern die Arbeit ist
seine einzige Quelle und damit auch die einzige Quelle des Reichtums,
der aus Tauschwerten besteht. Als Tauschwert ist ein Gebrauchswert
gerade so viel wert als der andere, vorausgesetzt, daß er in richtiger
Proportion vorhanden ist. »Der Tauschwert eines Palastes kann in
bestimmter Anzahl von Stiefelwichsbüchsen ausgedrückt werden. Londoner
Stiefelwichsfabrikanten haben umgekehrt den Tauschwert ihrer
multiplizierten Büchsen in Palästen ausgedrückt.«[5]
Indem sich Waren austauschen, ganz gleichgültig gegen ihre natürliche
Existenzweise und ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse, die sie
befriedigen sollen, |269| stellen sie trotz ihres
buntscheckigen Scheins dieselbe Einheit dar: sie sind Resultate
gleichförmiger, unterschiedsloser Arbeit, »der es ebenso gleichgültig,
ob sie in Gold, Eisen, Weizen, Seide erscheint, wie es dem Sauerstoff
ist, ob er vorkommt im Rost des Eisens, der Atmosphäre, dem Saft der
Traube oder dem Blut des Menschen«[6].
Entspringt die Verschiedenheit der Gebrauchswerte aus der
Verschiedenheit der die Gebrauchswerte produzierenden Arbeit, so ist
tauschwertsetzende Arbeit gleichgültig gegen den besonderen Stoff der
Gebrauchswerte und auch gleichgültig gegen die besondere Form der
Arbeit selbst. Sie ist gleiche, unterschiedslose, abstrakt allgemeine
Arbeit, die sich nicht mehr in der Art, sondern nur noch im Maß
unterscheidet, durch die verschiedenen Mengen,die sie in Tauschwerten
von verschiedener Größe vergegenständlicht. Die verschiedenen Mengen
von abstrakt allgemeiner Arbeit haben ihr einziges Maß an der Zeit,
die ihren Maßstab an den natürlichen Zeitmaßen, Stunde, Tag, Woche
usw. erhält. Arbeitszeit ist das lebendige Dasein der Arbeit,
gleichgültig gegen ihre Form, ihren Inhalt, ihre Individualität. Als
Tauschwerte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener
Arbeitszeit. Die in den Gebrauchswerten vergegenständlichte
Arbeitszeit ist ebenso die Substanz, die sie zu Tauschwerten macht und
daher zu Waren, wie sie ihre bestimmte Wertgröße mißt.
Ihr
zwieschlächtiger Charakter ist eine gesellschaftliche Form der Arbeit,
die der Warenproduktion eigentümlich ist. In dem naturwüchsigen
Kommunismus, der sich an der Schwelle der Geschichte aller
Kulturvölker findet, war die einzelne Arbeit unmittelbar dem
gesellschaftlichen Organismus eingereiht. In den Naturaldiensten und
Naturallieferungen des Mittelalters bildete die Besonderheit, nicht
die Allgemeinheit der Arbeit, ihr gesellschaftliches Band. In der
ländlich-patriarchalischen Familie, wo für den Selbstbedarf der
Familie die Frauen spannen und die Männer webten, waren Garn und
Leinwand gesellschaftliche Produkte, Spinnen und Weben
gesellschaftliche Arbeiten innerhalb der Grenzen der Familie. Der
Familienzusammenhang mit seiner naturwüchsigen Teilung der Arbeit
drückte dem Produkt der Arbeit seinen eigentümlichen Stempel auf: Garn
und Leinwand tauschten sich nicht gegeneinander aus als gleich gültige
und gleich geltende Ausdrücke derselben allgemeinen Arbeitszeit. Erst
in der Warenproduktion wird die einzelne Arbeit dadurch
gesellschaftliche Arbeit, daß sie die Form ihres unmittelbaren
Gegensatzes, die Form der abstrakten Allgemeinheit annimmt.
Nun
ist die Ware unmittelbare Einheit von Gebrauchs- und Tauschwert, und
zugleich ist sie Ware nur in Beziehung auf die anderen |270|
Waren. Die wirkliche Beziehung der Waren aufeinander ist der
Austauschprozeß. In diesem Prozeß, den die voneinander unabhängigen
Individuen eingehen, muß sich die Ware darstellen zugleich als
Gebrauchs- und als Tauschwert, als besondere Arbeit, die besondere
Bedürfnisse befriedigt und als allgemeine Arbeit, die austauschbar ist
gegen gleiche Mengen allgemeiner Arbeit. Der Austauschprozeß der Waren
muß den Widerspruch entwickeln und lösen, daß die individuelle Arbeit,
die in einer besonderen Ware vergegenständlicht ist, unmittelbar den
Charakter der Allgemeinheit haben soll.
Als
Tauschwert wird jede einzelne Ware zum Maße der Werte aller anderen
Waren. Umgekehrt aber wird jede einzelne Ware, in der alle andern
Waren ihren Wert messen, adäquates Dasein des Tauschwerts, wird somit
der Tauschwert eine besondere ausschließliche Ware, die durch
Verwandlung aller anderen Waren in sie unmittelbar die allgemeine
Arbeitszeit des Geldes vergegenständlicht. So ist in der einen Ware
der Widerspruch gelöst, den die Ware als solche einschließt, als
besonderer Gebrauchswert allgemeines Äquivalent und daher
Gebrauchswert für jeden, allgemeiner Gebrauchswert zu sein. Und diese
eine Ware ist - Geld.
Im
Geld kristallisiert sich der Tauschwert der Waren als eine besondere
Ware. Der Geldkristall ist ein notwendiges Produkt des
Austauschprozesses, worin verschiedenartige Arbeitsprodukte einander
tatsächlich gleichgesetzt und daher tatsächlich in Waren verwandelt
werden. Er hat sich instinktartig auf historischem Wege entwickelt.
Der unmittelbare Tauschhandel, die naturwüchsige Form des
Austauschprozesses, stellt vielmehr die beginnende Umwandlung der
Gebrauchswerte in Waren als der Waren in Geld dar. Je mehr sich der
Tauschwert entwickelt und je mehr die Gebrauchswerte zu Waren werden,
je mehr also der Tauschwert eine freie Gestalt gewinnt und nicht mehr
unmittelbar an den Gebrauchswert gebunden ist, um so mehr drängt er
zur Geldbildung. Zunächst spielen eine Ware oder auch mehrere Waren
von allgemeinstem Gebrauchswert, Vieh, Getreide, Sklaven, die Rolle
des Geldes. Sehr verschiedene, mehr oder weniger unpassende Waren
haben abwechselnd die Funktion des Geldes verrichtet. Wenn diese
Funktion schließlich an die edlen Metalle übergegangen ist, so aus dem
Grunde, weil die edlen Metalle die notwendigen physischen
Eigenschaften der besonderen Ware besitzen, worin sich das Geldsein
aller Waren kristallisieren soll, soweit sie aus der Natur des
Tauschwerts unmittelbar hervorgehen: Dauerbarkeit ihres
Gebrauchswerts, beliebige Teilbarkeit, Gleichförmigkeit der Teile und
Unterschiedslosigkeit aller Exemplare dieser Ware.
|271| Unter den edlen Metallen ist es wieder
das Gold, das mehr und mehr zur ausschließlichen Geldware wird. Es
dient als Maß der Werte und als Maßstab der Preise, es dient als
Zirkulationsmittel der Waren. Durch den Salto mortale der Ware in Gold
bewährt sich die in ihr aufgehäufte besondere Arbeit als abstrakt
allgemeine, als gesellschaftliche Arbeit; gelingt ihr diese
Transsubstantiation nicht, so hat sie ihr Dasein nicht nur als Ware,
sondern auch als Produkt verfehlt, denn Ware ist sie nur, weil sie für
ihren Besitzer keinen Gebrauchswert hat.
So
wies Marx nach, wie und warum, kraft der ihr innewohnenden
Werteigenschaft, die Ware und der Warenaustausch den Gegensatz von
Ware und Geld erzeugen muß; in dem Gelde, das sich als ein Naturding
mit bestimmten Eigenschaften darstellt, erkannte er ein
gesellschaftliches Produktionsverhältnis und leitete die verworrenen
Erklärungen des Geldes durch die modernen Ökonomen daher ab, daß bald
als gesellschaftliches Verhältnis erscheine, was sie eben plump als
Ding festzuhalten meinten, und dann wieder als Ding sie necke, was sie
kaum als gesellschaftliches Verhältnis fixiert hätten.
Die
Fülle des Lichtes, die von dieser kritischen Untersuchung ausging,
blendete zunächst mehr, als daß sie erleuchtete, selbst die Freunde
des Verfassers. Liebknecht meinte, er sei noch von keiner Schrift so
enttäuscht worden wie von dieser, und Miquel fand »wenig wirklich
Neues« darin. Lassalle machte sehr schöne Bemerkungen über die
künstlerische Darstellung des Heftes, die er neidlos über die Form des
»Heraklit« stellte, aber wenn Marx aus diesen »Phrasen« den Verdacht
schöpfte, daß Lassalle »vieles Ökonomische« nicht verstanden habe, so
war er diesmal auf der richtigen Fährte. Lassalle zeigte alsbald, daß
er gerade den »Springpunkt« nicht erkannt hatte, die Unterscheidung
zwischen der Arbeit, die in Gebrauchs- und der Arbeit, die in
Tauschwerten resultiert.
Wenn
das am grünen Holze geschah, wie mußte es nun gar am dürren Holze
ausschauen? Engels meinte zwar 1885, Marx habe die erste erschöpfende
Theorie des Geldes aufgestellt, und sie sei stillschweigend allgemein
angenommen, aber sieben Jahre später erschien im »Handwörterbuch der
Staatswissenschaften«, dem Musterwerk bürgerlicher Ökonomie, ein
Aufsatz über das Geld, der auf fünfzig Spalten das alte Kauderwelsch
breittrat und, ohne Marx auch nur zu erwähnen, das Geldrätsel für
ungelöst erklärte.
Wie
sollte das Geld auch nicht unerforschlich sein für eine Welt, deren
Gott es geworden ist?
Fußnoten:
[1] Karl Marx: Lord Palmerston, in: Karl
Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 9, S. 353-418. <=
[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Revue, Mai
bis Oktober 1850, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 7, S.
440. <=
[3] Karl Marx: Zur Kritik der politischen
Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 10.
<=
[4] Karl Marx: Zur Kritik der politischen
Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 8/9.
<=
[5] Karl Marx: Zur Kritik der politischen
Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 16.
<=
[6] Karl Marx: Zur Kritik der politischen
Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 13, S. 17.
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