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|543| Es entspricht weder dem Wesen noch dem Zwecke dieses Buchs,
mit einem gelehrten Apparat bepackt zu werden. Ich beschränke mich
deshalb auf einige Fingerzeige, die dem Leser, der sich genauer
unterrichten will, die Hauptpfade weisen, von denen er sich leicht in
den Nebenpfaden zurechtfinden kann.
In der
immer gewaltiger anschwellenden Literatur über Marx sind die
biographischen Versuche verhältnismäßig spärlich gesäet. An dürftigen
Lebensabrissen hat es zwar nie völlig gefehlt, aber sie pflegten von
Irrtümern zu wimmeln und verflachten um so mehr, je häufiger sie sich
von einem Buch ins andere schleppten. Erst Engels hat hier einige
Ordnung geschaffen, zumal durch die biographische Skizze, die er in
Brackes Volkskalender für 1878 veröffentlichte. Noch später hat er
im Handwörterbuch für Staatswissenschaften (5, 1130 ff.) den
Artikel über Marx geschrieben, der bei aller allgemeinen
Zuverlässigkeit nicht frei von einzelnen Irrtümern ist.
Von
sonstigen biographischen Beiträgen ist noch bemerkenswert W.
Liebknecht, Karl Marx zum Gedächtnis. Ein Lebensabriß und
Erinnerungen. Nürnberg 1896, eine Darstellung, die sich wesentlich auf
die fünfziger Jahre beschränkt, aber von diesen, bei vielen
Ungenauigkeiten im einzelnen, ein prächtiges Bild gibt. Nicht minder,
wenn auch in anderer Art, zeichnet sich durch sein Temperament
Clara Zetkins - für den Druck erweiterter - Vortrag aus: Karl Marx
und sein Lebenswerk, Elberfeld 1913; auf gründlichster Kenntnis der
Dinge beruhend, gewinnt er noch besonderen Wert durch den Anhang,
einen Leitfaden, der den Leser Schritt für Schritt in die Gedankenwelt
einführt, die Marx in seinen Werken erschlossen hat. Dagegen ist eine
wertlose Kompilation John Spargo, Karl Marx, his life and works,
New York 1910.
Eine
Hauptquelle für die Biographie von Marx ist bis 1850 die vierbändige,
herkömmlicherweise sogenannte Nachlaßausgabe, obgleich sie
längst nicht mehr die einzige Ausgabe aus Marxens Nachlaß ist. (Aus
dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und
Ferdinand Lassalle, herausgegeben von F. Mehring, Stuttgart
1902.) Sie hat jetzt ein halbes Menschenalter leidlich durchwettert;
einige Kleinigkeiten sind in einem Nachwort zur zweiten Auflage von
1913 verbessert worden. In bemerkenswerter Weise ergänzt ist der erste
Band durch Arbeiten Gustav Mayers über die Rheinische Zeitung,
die Deutsch-Französischen Jahrbücher und Friedrich Engels, der vierte
Band durch |544| fünf Briefe Lassalles an Marx, die
Bernstein nachträglich aufgefunden und in der Neuen Zeit 331,
19 veröffentlicht hat. In den Einleitungen und Anmerkungen dieser
Ausgabe habe ich aus handschriftlichen und gedruckten Quellen viel
biographisches Material niedergelegt, so daß die ersten Kapitel dieses
Buches bis zu einem gewissen Grade nur einen Auszug daraus
darstellten.
Eine
zweite Hauptquelle ist für die beiden Jahrzehnte von 1850 bis 1870 der
ebenfalls vierbändige Briefwechsel Marx-Engels. (Der
Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883,
herausgegeben von A. Bebel und Ed. Bernstein, Stuttgart
1913.) Das monumentale Werk ist auch von gegnerischer Seite mit
gebührender Achtung begrüßt worden; von ausführlicheren Besprechungen
in der wissenschaftlichen Literatur seien notiert Bernstein im
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band 38;. G. Mayer
in der Zeitschrift für Politik, Band 7; Mehring im Archiv
für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, Band 5;
H. Oncken in den Preußischen Jahrbüchern, Band 155;
Schmoller im Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und
Volkswirtschaft, Band 39.
Eine
dritte Hauptquelle bildet für die Jahre von 1870 bis 1883 der
Sorgesche Briefwechsel (Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh.
Phil. Becker, Jos. Dietzgen, Friedrich Engels, Karl Marx an F. A.
Sorge und Andere, Stuttgart 1906). Die Originale der Briefe, samt
sonstigem handschriftlichem Material, sind von Sorge der großen New
York Public Library überwiesen worden.
Eine
Reihe kleinerer Briefwechsel (mit Kugelmann, Weydemeyer,
Freiligrath u.a.) werde ich erwähnen, wo ich mich auf sie
beziehe. An dieser Stelle will ich nur noch mit lebhaftem Danke der
Förderung gedenken, die mir im ganzen Laufe meiner Arbeit Karl
Grünbergs Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der
Arbeiterbewegung gewährt hat. Diese Zeitschrift ist trotz ihrer
verhältnismäßigen Jugend, dank der meisterhaften Redaktion ihres
Herausgebers, zum Mittelpunkt aller sozialistischen Forschung
geworden.(1)
Junge Jahre
Die
Prozeßakten, denen ich die genealogischen Notizen über Marx entnommen
habe, durfte ich auf der ausgezeichneten Bibliothek der Herren
Mauthner und Pappenheim in Wien einsehen. Mehring,
Splitter zur Biographie von Karl Marx (Neue Zeit 291,4
mit näheren Einzelheiten über das Abiturientenexamen). Mehring,
Die von Westphalen (Neue Zeit 102, 481).
Der Schüler Hegels
Der
Brief an die Eltern ist von Eleanor Marx wörtlich mitgeteilt (Die Neue
Zeit 161, 4). Junghegelianische Literatur:
Köppen, Friedrich der Große und seine Widersacher, Leipzig 1840.
Bruno Bauer, Kritische Geschichte der Synoptiker |545|
Leipzig 1841. Ruge, Briefwechsel und Tagebuchblätter, Berlin
1886. Doktordissertation (NA 1, 63). Anekdota zur neuesten Philosophie
und Publizistik, Zürich 1843. Rheinische Zeitung vom 1. Januar 1842
bis 31. März 1843, in einem vollständigen Exemplar auf der Königlichen
Bibliothek in Berlin. Urkundliches, aus den Archiven geschöpftes
Material über die Geschichte dieser Zeitung, nebst reichlichen
Mitteilungen über die Mauserung der Junghegelianer in die Politik gibt
G. Mayer, Die Anfänge des politischen Radikalismus im
vormärzlichen Preußen, Zeitschrift für Politik, Band 6. Für die
inneren Krisen der Zeitung sind acht Briefe von Wichtigkeit, die
Marx an Ruge gerichtet und Bernstein, Juni 1902, in seinen
Dokumenten des Sozialismus veröffentlicht hat. Die wichtigsten, von
Marx in der Zeitung veröffentlichten Artikel sind jetzt gesammelt (NA
1, 171). Ludwig Feuerbach, Briefwechsel und Nachlaß, Heidelberg
1874.
Das Pariser Exil
Deutsch-Französische Jahrbücher. Das einzige Doppelheft,
enthaltend die beiden ersten Lieferungen, ist im März 1844 in Paris
erschienen. Der einleitende Briefwechsel sowie die je zwei Beiträge
von Marx und Engels jetzt neugedruckt (NA 1, 360). Viel archivalisches
Material zur Geschichte der Zeitschrift bietet G. Mayer, Der
Untergang der Deutsch-Französischen Jahrbücher und des Pariser
Vorwärts (GA, Band 3). Ruge, Aus früherer Zeit, Berlin 1866.
Was Marx an der Theorie des Klassenkampfes als sein geistiges Eigentum
beanspruchte, entwickelt er in einem Briefe an Weydemeyer vom 5. März
1852. Siehe Mehring, Neue Beiträge zur Biographie von Marx und
Engels (Die Neue Zeit 252, 163). Man
vergleiche auch Plechanow, über die Anfänge der Lehre vom
Klassenkampf (Die Neue Zeit 211, 275) und
Rothstein, Verkünder des Klassenkampfes vor Marx (Die Neue Zeit
261, 836). Ein Exemplar des Vorwärts! besitzt die Stadtbibliothek in
Wien; der einzige Artikel, den Marx in dem Blatte veröffentlicht hat
(NA 2, 41).
Friedrich Engels
Der
junge Engels ist sozusagen neu entdeckt worden durch G. Mayer,
Ein Pseudonym von Friedrich Engels (GA, Band 4). Von höchstem
Interesse sind die Briefe von Engels an ein paar Jugendfreunde, die
Mayer im September- und Oktoberhefte der Neuen Rundschau von 1913
veröffentlicht hat. Hoffentlich erscheint bald die umfassende
Darstellung, die Mayer über die literarischen und politischen Anfänge
von Engels zu geben beabsichtigt. Engels und Marx, Die
Heilige Familie, NA im zweiten Bande, mit eingehendem Kommentar.
Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England, Leipzig 1845.
Das Brüsseler Exil
Von
der Polemik, die Marx und Engels gegen Stirner geführt haben, hat
Bernstein in seinen Dokumenten des Sozialismus größere Abschnitte
mitgeteilt. |546| Über ihre Zusammenhänge mit dem wahren
Sozialismus, NA im zweiten Bande. Weitling, Garantien der
Harmonie und Freiheit. Mit einer biographischen Einleitung und
Anmerkungen von Mehring, Berlin 1908. Proudhon,
Correspondance 2, 198. Marx, Das Elend der Philosophie,
Stuttgart 1885. Deutsche-Brüsseler-Zeitung, in einem nahezu
vollständigen Exemplar auf dem Parteiarchiv; die bedeutendsten
Beiträge, die Marx und Engels in ihr veröffentlicht haben, NA im
zweiten Bande. Das verhältnismäßig spärliche Material, das sich über
den Bund der Kommunisten erhalten hat, ist jetzt gesammelt bei Marx,
Enthüllungen über den Kommunistenprozeß in Köln. Mit Einleitung von
Engels und Dokumenten. Vierter Abdruck mit Einleitung und
Anmerkungen von Mehring, Berlin 1914. Bertrand, Die
sozialdemokratische Bewegung in Belgien vor 1848, (Die Neue Zeit 232,
277). Rothstein, Aus der Vorgeschichte der Internationalen
(Neue Zeit, Ergänzungheft 17). W. Wolff, Gesammelte Schriften,
herausgegeben von Mehring, Berlin 1909. Marx, Lohnarbeit
und Kapital. Mit Einleitung von Engels, Berlin 1891. Marx
und Engels, Kommunistisches Manifest; die letzte, noch von
einem der Verfasser besorgte Ausgabe ist Berlin 1890 erschienen.
Revolution und
Gegenrevolution
Neue
Rheinische Zeitung, eine Reihe von Leitartikeln daraus, NA im dritten
Bande. Mehring, Freiligrath und Marx in ihrem Briefwechsel (Die
Neue Zeit, Ergänzungsheft 12). Lassalle und Marx, NA im vierten
und BME im zweiten und dritten Bande.
Das Londoner Exil
Revue
der Neuen Rheinischen Zeitung. Daraus neu gedruckt Marx, Die
Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850. Mit Einleitung von
Engels, Berlin 1895; anderes, wie namentlich, neben mehreren
Monatsübersichten und Rezensionen, Engels, Die deutsche
Reichsverfassungskampagne, NA im dritten Bande. Der Fall Kinkel ist
zum ersten Male durch mehrere, aus archivalischen Quellen geschöpfte
Aufsätze im Jahrgang 1914 der Preußischen Jahrbücher klargestellt
worden. Über das Flüchtlingsleben in London Mehring, Neue
Beiträge, die aus dem Briefwechsel Marx-Weydemeyer geschöpft sind.
Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Stuttgart 1914.
Marx, Enthüllungen.
Engels-Marx
Zu
diesem Kapitel, das wesentlich auf BME beruht, erübrigen sich
Quellenangaben für die Einzelheiten.
Krimkrieg und Krise
Für
dies Kapitel habe ich, da es bereits gedruckt war, nicht mehr benutzen
können Marx und Engels, Gesammelte Schriften 1852 bis
1862, herausgegeben von N. Rjasanow, Stuttgart 1917. Zwei
Bände, die bis Ende 1855 reichen, aber bereits über tausend
Druckseiten umfassen; noch zwei Bände sollen folgen. |547| Doch
ist der biographische Quellenwert der bereits erschienenen Bände so
gering, daß ich meinen Text weder zu berichtigen noch zu ergänzen
habe. Im allgemeinen wird der Eindruck nur verstärkt, daß die
Tätigkeit für die New-York Daily Tribune nicht der leichteste Teil des
Martyriums gewesen ist, das Marx zu tragen gehabt hat; daß Dana nicht
der eigentliche Besitzer der Zeitung, sondern nur der Sklavenvogt der
wirklichen Besitzer Greeley und MacEkrath gewesen ist, wird nicht
jeden Leser zu der Schlußfolgerung des Herausgebers veranlassen, daß
Dana sich trotz allem Marx gegenüber korrekt benommen habe. Marx hat
in zehnjährigem Verkehr niemals eine Ahnung davon gehabt, daß Dana nur
sein mitfühlender Leidensgenosse gewesen ist. Die Aufsätze und Artikel
von Marx und Engels, die N. Rjasanow in den beiden Bänden gesammelt
hat, sind von sehr verschiedenem Wert: teils runden sie als Nebenwerke
die großen wissenschaftlichen Leistungen ihrer Verfasser gefällig und
geistreich ab, teils - und namentlich im zweiten Bande - gehören sie
zu der »eigentlichen Zeitungskorrespondenz«, mit deren Wiederbelebung
Marx und Engels am unzufriedensten sein würden. Über Urquhart, Harney,
Jones und die sonstigen persönlichen Beziehungen dieses Kapitels siehe
BME - G. Mayer, Zwei unbekannte Briefe von Marx an Lassalle
(aus dem Jahre 1855) in der Frankfurter Zeitung vom 10. August 1913.
Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1859.
Dynastische
Umwälzungen
Engels, Po und Rhein; Savoyen, Nizza und der Rhein, zwei
Abhandlungen, herausgegeben von Bernstein, Stuttgart 1915.
Lassalle, Der italienische Krieg und die Aufgabe Preußens, Berlin
1892. Vogt, Mein Prozeß gegen die Allgemeine Zeitung, Genf
1859. Marx, Herr Vogt. Briefwechsel mit Lassalle,
Freiligrath, Weydemeyer und nicht zuletzt BME.
Die Anfänge der
Internationalen
Die
ältere Literatur über die Internationale (Testut, Villetard usw.) ist
ganz überholt; gelegentlich benutzbar, unter nötiger Vorsicht,
Rudolf Meyer, Emanzipationskampf des vierten Standes, Berlin 1874.
Einen Versuch zur wissenschaftlichen Darstellung des großen Bundes hat
erst Jaeckh, Die Internationale, Leipzig 1904, unternommen.
Ursprünglich eine Gelegenheitsarbeit, eine Denkschrift zum vierzigsten
Geburtstage der Internationalen, ist der schmale Band heute noch
lehrreich zu lesen, und nur in einem, freilich wesentlichen Punkte
veraltet: in der einseitig-schroffen Aburteilung aller nicht
marxistisch denkenden Elemente und namentlich Bakunins. Jaeckh hatte
die Ränke der Utin und die Schwänke der Borkheim nicht genügend
durchschaut und verließ sich allzusehr auf die Allianzbroschüre. Neben
der Schrift Jaeckhs sind die sechs Jahrgänge (1866 bis 1871) des
Vorboten, den Joh. Philipp Becker in Genf herausgab, noch
immer der beste Wegweiser durch die Geschichte der Internationalen.
Über Schweitzers angebliche Verräterei verliere ich im Texte natürlich
|548| kein Wort mehr. Siehe Schweitzer, Politische
Aufsätze und Reden, herausgegeben von Mehring, Berlin 1912.
G. Mayer, J. B. von Schweitzer und die Sozialdemokratie, Jena
1909. Ein gutes Bild von Schweitzers Person und Politik gibt auch
H. Laufenberg, Geschichte der Arbeiterbewegung in Hamburg, Altona
und Umgegend, Hamburg 1911. Bebel, Aus meinem Leben 2. Band, 1
bis 137 (Die Periode des Herrn von Schweitzer), wiederholt nur die
alten, inzwischen längst widerlegten Beschuldigungen, ohne sich mit
den Widerlegungen kritisch auseinanderzusetzen. Über die Konferenz der
Internationalen in London 1865 siehe M. Bach, Die Neue Zeit 201,
549. Briefe von Karl Marx an L. Kugelmann, Die Neue Zeit
202,26.
Das Kapital
Was
sich an Bruchstücken für einen vierten Band vorfand, der die
Geschichte der Theorie enthalten sollte, hat Kautsky, Theorien
über den Mehrwert, Stuttgart 1904, zusammengestellt und
veröffentlicht. Die Popularisationen des Kapitals sind sämtlich
veraltet, schon weil sie sich auf den ersten Band beschränken; eine
»Volksausgabe« dieses Bandes hat Kautsky, Stuttgart 1914,
herausgegeben. Die gewaltige Literatur über das klassische Werk
zeichnet sich mehr durch ihren Umfang als durch ihren Inhalt aus, was
nicht nur von den Gegnern gilt. Am nächsten dem Vorbilde kommt durch
Fülle der Kenntnisse, Glanz der Sprache, logische Schärfe der
Untersuchung, Unabhängigkeit der Denkarbeit, und zugleich über seine
Grenzen hinaus die wissenschaftliche Erkenntnis erweiternd, Rosa
Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur
ökonomischen Erklärung des Imperialismus, Berlin 1913. Die Art, wie
dies Werk namentlich von den sogenannten Austromarxisten (Eckstein,
Hilferding usw.) heruntergerissen wurde, gehört zu den Glanzleistungen
des Marxpfaffentums.
Die Internationale
auf der Höhe
Für
dies und das folgende Kapitel ist neben BME und dem Vorboten
namentlich die bakunistische Literatur zu berücksichtigen. Michel
Bakounine, Œuvres, t. I-VI, Paris 1907 bis 1913. James
Guillaume, L'Internationale. Document et Souvenirs, t. I-IV, Paris
1905 bis 1910, Max Nettlau, Bakunin und die Internationale in
Italien bis zum Herbst 1872 (GA 2, 275); derselbe, Bakunin und
die Internationale in Spanien 1868 bis 1873 (GA 4, 243); derselbe,
Bakunin und die russische revolutionäre Bewegung von 1868 bis 1873 (GA
5, 357). Brupbacher, Marx und Bakunin, München 1913. Wenn ich
die Unentbehrlichkeit dieser Literatur für die Geschichte der
Internationalen betone, so nicht in den Sinne, als ob sie lautere
Wahrheit und Weisheit enthalte; im Gegenteil ist sehr zu bedauern, daß
ihre Autoren die Gerechtigkeit, die sie mit Recht für Bakunin
beanspruchen, nicht für Marx aufzubringen wissen. Aber auch in der
Geschichtschreibung hat das alte Wort seine Geltung, daß eines Mannes
Rede keines Mannes Rede sei und man beide hören solle. Ein
verdienstliches Schriftchen |549|* ist Steklow, Michail
Bakunin, Stuttgart 1913; der Verfasser ist ein echter Marxist, aber
eben deshalb verlangt er von der deutschen Sozialdemokratie, endlich
dem Andenken Bakunins gerecht zu werden. Die Konfidentielle
Mitteilung ist wörtlich abgedruckt in den Briefen an Kugelmann
(Die Neue Zeit 202, 472).
Der Niedergang der
Internationalen
Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, mit Einleitung von Engels,
Berlin 1891, enthält die drei Adressen der Internationalen über den
Krieg und die Kommune. Briefliche Äußerungen von Marx über die Kommune
(Die Neue Zeit 201, 708). Die spärlichen
Reste des Briefwechsels, den Marx während des Aufstandes selbst mit
Mitgliedern des Kommunerats gepflogen hat (Die Neue Zeit 291,
734). Mémoire présenté par la Fédération jurassienne de
l'Association Internationale des Travailleurs à toutes les Fédérations
de l'Internationale. Sonvillier 1871. Les prétendues Scissions
dans l'Internationale. Circulaire privé du Conseil général de
l'Association Internationale des Travailleurs. Genève 1872. M. Bach,
Die Spaltung in der englischen Internationalen (Die Neue Zeit 212,
21). Ein Complot gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation.
Braunschweig 1874 (die sogenannte Allianzbroschüre).
Es ist
hier der Ort, mit einigen Worten auf den Totschlagversuch einzugehen,
den K. Kautsky und N. Rjasanow an diesem Buch noch in
seinem embryonalen Zustande unternommen haben.
Obgleich einige ketzerische Äußerungen über Lassalle mir bereits eine
öffentliche Warnung Kautskys wegen »Marxfeindschaft« und eines
angeblich an Frau Lafargue begangenen »Vertrauensbruchs« zugezogen
hatten, hielt ich öffentlich an meinem biographischen Plane fest und
besaß sogar die Verwegenheit, in dem damals von mir redigierten
Feuilleton der Neuen Zeit - siehe Die Neue Zeit 312,
985 - das Buch Brupbachers über Marx und Bakunin anzuzeigen, ohne es
nach Strich und Faden herunterzureißen. Ich tadelte an dem Buche zwar
manche Ausfälle und Ungerechtigkeiten gegen Marx, erklärte es aber
insoweit für ein »nützliches und verdienstliches Werk«, als es eine
Reihe von ungerechten Vorwürfen beseitige, die von Marx und den
Marxisten, wobei ich mich selbst keineswegs ausnahm, gegen Bakunin
erhoben worden seien. Der sachliche Kern meiner Besprechung war die
Ausführung, die Internationale sei an der Erfüllung einer großen
historischen Mission untergegangen, also eines ungleich ehrenvolleren
Todes gestorben, als an den elenden Intrigen gewissenloser Demagogen.
Damit
war nun aber auch mein Maß voll, und N. Rjasanow erließ gegen meine
armen sechs Seiten jenes Pamphlet von mehr als zehnfachem Umfange, dem
Kautsky bereitwillig die Spalten der Neuen Zeit geöffnet hat. (N.
Rjasanow, Sozialdemokratische Flagge und anarchistische Ware. Nr.
5, 7, 8, 9, 10 und 13. 32. Jahrgang, 1. Band.) Natürlich ging Rjasanow
mit keiner Silbe auf meine sachlichen Ausführungen ein; selbst die
zwei oder drei Irrtümer, die er |550| mir nachweisen wollte,
indem er mir entweder die Worte im Munde verdrehte oder einen sachlich
gleichgültigen Flüchtigkeitsfehler maßlos aufblähte, hatten nicht das
mindeste mit dem zu tun, worauf es mir ankam. Zweck der Übung war,
mich als einen Menschen hinzustellen, dem es sowohl an Kenntnissen wie
an Urteilsfähigkeit und namentlich an gutem Willen fehle, um in Sachen
Marx überhaupt mitzureden. Mein Bild wurde sozusagen als zinnoberrot
gekleckste Fratze an der Jahrmarktsbude aufgehängt, und davor stand
der Marktschreier: Sehet hier ein Scheusal!
Für
diese Rolle eignete sich Rjasanow nun gewiß aufs trefflichste. Er ist
ein Meister des Stils, den er seinem bewunderten Borkheim abgeguckt
hat, und den Marx einmal treffend schildert: »Wenn er die Feder in die
Hand nimmt - wehe! Aller Takt und Geschmack fehlt ihm. Zudem alle
erforderliche Vorbildung. Er gleicht den Wilden, die sich das Gesicht
zu verschönern glauben, wenn sie es mit allen möglichen schreienden
Farben tätowieren. Banalität und Kladderadatsch springen ihm immer
zwischen die Beine. Fast jede Phrase setzt sich bei ihm instinktiv die
Schellenkappe auf.« Und bei Rjasanow keineswegs bloß instinktiv. Kann
er eine Grimasse nach seinem Geschmack schneiden, so wird dieser
»ernste Forscher« wie er sich und seinesgleichen mit Vorliebe nennt,
zum plumpen Fälscher. Um in seinem Pamphlet einige schlechte Witze
gegen mich vom Stapel zu lassen, mußte er mich mit verantwortlich
machen für einige Artikel, die Borkheim im Sommer 1869 in der Zukunft
von Guido Weiß gegen Bakunin gerichtet hat. Nun bringt Rjasanow ein
Zitat von mir bei, worin ich sage, daß ich in jungen Jahren der
Redaktion der Zukunft angehört hätte, aber in demselben Atemzuge als
Zeit meines Eintritts den Januar 1870 angebe. Diese Zeitbestimmung
wirft Rjasanow fein säuberlich in den Papierkorb, dagegen saugt er
sich die Behauptung aus den Fingern, daß ich am 25. Juni 1869 -
ausgerechnet an diesem Tage - einen Artikel in der Zukunft
veröffentlicht hätte. So hat er durch eine kleine Unterschlagung und
eine kleine Fälschung freies Feld gewonnen und kalauert munter darauf
los über den »grünen Jungen«, den ich im Sommer 1869, wo ich noch
nicht in den entferntesten Beziehungen zur Zukunft stand, in deren
Redaktion gespielt haben soll. Und solche Hanswurstereien, die jede
bürgerliche Zeitschrift als Waffe gegen sozialdemokratische
Schriftsteller verschmäht haben würde, nimmt Kautsky unbesehen in Die
Neue Zeit auf, deren fleißigster Mitarbeiter ich seit zwanzig Jahren
gewesen war.
Doch
nun zu den Anklagen dieser Ciceros gegen Catilina! Gleich auf der
ersten Seite werde ich beschuldigt, in meiner Rezension Brupbachers
die »faulste Ware« verhökert und die Gefahr heraufbeschworen zu haben,
»daß unter sozialdemokratischer Flagge in die Parteiliteratur alle die
Beschuldigungen eingeschmuggelt werden, die bisher von anarchistischer
Seite gegen Engels und Marx, Bebel und Liebknecht vorgebracht wurden,
die Beschuldigungen der Verleumdungssucht, der unverschämten
Lügenhaftigkeit, der Fälschungen, Unterschlagungen, unerhörter
Verirrungen des Moralgefühls«. Wenn diese Gefahr auf der ersten Seite
des Pamphlets aber erst »droht«, so ist sie auf der |551|
zweiten schon eingetreten, und ich habe »die großen Toten mit
moralisch verzierten und pharisäisch verbrämten Schmähungen
überschüttet«. Meine ärgste Missetat ist dann, daß ich Marx als
größten Denker der modernen Arbeiterbewegung abtun und an seine Stelle
Bakunin als echten Heiland schieben will oder wie die Schellenkappe
klingelt: »Marx als Claudius, Bakunin als Hamlets Vater, die deutsche
Sozialdemokratie als Königin und Mehring als Hamlet, der ihr jetzt
wieder einreden will, sie solle den schlechteren Teil hinauswerfen und
um so reiner mit der andern Hälfte leben.« Von diesen tragischen Höhen
steigt Rjasanow dann freilich wieder in das vertrautere Gebiet der
Clownspäße herab, indem er mir vorwirft, ich sei vertrauensvoll auf
den »ekelerregenden« Leim der Brupbacher und Guillaume gekrochen,
wonach die Marxsche Internationale nichts als ein Schein gewesen sei,
»hinter dem sich eine ruchlose Bande gewissenloser und moralisch
stumpfsinniger Jesuiten versteckte«.
Allerdings werden mir auch zwei mildernde Umstände zugebilligt:
erstens eine grandiose Unwissenheit, »oberflächliche Bekanntschaft mit
dein Gegenstand und totale Unkenntnis der einschlägigen Literatur,
soweit sie nicht deutsch ist«, und zweitens Gewissensbisse, die mich
bedrückten, weil ich Bakunin noch ärger als selbst die Utin und
Konsorten verlästert haben soll, eine Behauptung, die Rjasanow nur auf
ein von ihm gefälschtes Zitat zu stützen vermag. Er verschweigt
nämlich, daß ich an der von ihm angezogenen Stelle meiner
Parteigeschichte Bakunin dagegen verwahre, aus rein persönlichen
Gründen mit Marx angebunden zu haben, und daß ich Bakunins
anarchistische Theorien aus seinem Bildungs- und Lebensgange erkläre,
aber meine hinzugefügte Bemerkung, soviel sei freilich auch richtig,
daß persönlicher Ehrgeiz und persönliche Eifersucht bei Bakunins Kampf
gegen Marx »mitgespielt« hätten, druckt Rjasanow mit gesperrter
Schrift ab. Nun gebe ich diese Bemerkung gern preis, nach allem, was
seitdem an neuem Quellenmaterial über Bakunin veröffentlicht worden
ist, aber daß ich um ihretwillen zur Beschwichtigung meines Gewissens
Bakunin zum ersten Geisteshelden des Sozialismus gemacht haben soll,
ist eine gewiß geistreiche, jedoch entschieden unrichtige Annahme
Rjasanows. Und wenn er gar meint, jene meine Bemerkung sei das Ärgste
an Lästerung, was an Bakunin verübt worden sei, so muß Rjasanow
entweder seine Lieblinge Borkheim und Utin nicht kennen - was von
einem so »ernsten Forscher« doch nicht anzunehmen ist - oder der Mann
ist wirklich nicht mehr recht bei Troste.
Die
kleine Blütenlese würde schon ausreichen als Beweis dafür, daß ich zum
Biographen von Marx tauge wie der Esel zum Lautenschlagen, wenn es
sonst mit ihr seine Richtigkeit hat. Ob es aber mit ihr seine
Richtigkeit hat, kann der Leser dieses Buches sofort erkennen, wenn er
einen Blick in das dreizehnte und vierzehnte Kapitel wirft. Denn diese
beiden Kapitel sind die eingehende und gründliche Ausführung der
flüchtigen Skizze, die ich in der Anzeige des Brupbacherschen Buches
entworfen hatte. Mein in den Augen des Marxpfaffentums unsühnbares
Verbrechen besteht erstens darin, daß ich, wie es die Pflicht jedes
Historikers ist, bei der Darstellung des Streites zwischen Bakunin und
Marx |552| nicht nur die marxistischen, sondern auch die
bakunistischen Zeugen abgehört habe, und zweitens darin, daß ich, wie
es die Pflicht wenigstens jedes marxistischen Historikers ist, die
Geschichte der Internationalen nicht als Tragikomödie aufgefaßt habe,
in der ein nichtswürdiger Intrigant einen makellosen Helden stürzt,
sondern als eine große geschichtliche Erscheinung, deren Aufstieg wie
deren Niedergang sich nur aus großen historischen Zusammenhängen
erklären läßt.
Doch
nunmehr genug von dem Marxpfaffentum, das Kautsky selbst inzwischen
genügend gekennzeichnet hat durch seine Wetterfahnenpolitik vom 4.
August 1914 und seine famose Entdeckung, daß die Internationale »im
wesentlichen ein Friedensinstrument«, aber »kein wirksames Werkzeug im
Kriege« sei.
Das letzte Jahrzehnt
Lafargue, Persönliche Erinnerungen an Karl Marx, Die Neue Zeit 91,
10. Marx, Programmbrief, Die Neue Zeit 91,
561. Ein ähnlicher Brief von Engels bei Bebel, Aus
meinem Leben 22, 318. Stecklow, Die bakunistische
Internationale nach dem Haager Kongreß, Die Neue Zeit, Ergänzungsheft
18. Marx über den Orientkrieg, BS 156 und im Anhange zu Liebknecht,
Zur orientalischen Frage, Leipzig 1878. Über die Streitigkeiten in den
ersten Jahren des Sozialistengesetzes, BS und Bebel, Aus meinem
Leben. Der letzte Brief von Frau Marx, BS 151. Über letzte Krankheit,
Tod und Bestattung Engels, BS 186 und im Züricher
Sozialdemokraten vom 22. März 1883.
Fußnote:
(1) NA: Nachlaßausgabe. BME:
Briefwechsel Marx/Engels. BS: Sorges Briefwechsel. GA: Grünbergs
Archiv. <=
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