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Karl Marx
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"Marx,
Heinrich Karl", von Friedrich Engels (1892)
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"Karl
Marx", von W. I. Lenin (1918)
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"Karl
Marx", von Rosa Luxemburg (1903)
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"Karl
Marx", von Rosa Luxemburg (1913)
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"Unser
Marx", von Antonio Gramsci (1918)
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Persönliches über Karl Marx
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Statements
über Karl Marx (von Stefan Zweig, Sigmund Freud etc.)
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Franz Mehring: "Karl Marx - Geschichte seines Lebens" - von 1918,
aber dennoch bis heute die wohl ausführlichste (über 500 Seiten) und
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Karl Marx - biografische Notizen
Marx, Karl
Heinrich, Philosoph und Nationalökonom, mit Friedrich Engels Begründer
des wissenschaftlichen Sozialismus, geboren am 5. Mai 1818 in Trier,
gestorben am 14. März 1883 in London. Nach dem Studium der
Rechtswissenschaften, der Philosophie und der Geschichte wandte sich
Marx der Philosophie, insbesondere jener Hegels zu. 1842/43 war er
Redakteur der linksliberalen „Rheinischen Zeitung“ bis zu ihrem Verbot
(Verbindung mit Arnold Ruge, Ludwig Feuerbach, Moses Hess). 1843
heiratete er Jenny von Westphalen. Unter dem Einfluss von Feuerbachs
Materialismus wandte er sich von Hegels idealistischer Philosophie ab
(„Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, 1843/44) und, seit
1843 in Paris („Deutsch-französische Jahrbücher“, 1844, zusammen mit Ruge), dem Sozialismus zu (Bekanntschaft mit Vertretern des
französischen Sozialismus und mit Heinrich Heine). Hier begann die
Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Nach der
Ausweisung aus Frankreich 1845 siedelte Marx nach Brüssel über und
setzte sich kritisch mit den Linkshegelianern („Die Heilige Familie“,
1845), Feuerbach u.a. („Die deutsche Ideologie“, 1845/46) und
Pierre-Joseph Proudhon („Das Elend der Philosophie“, 1847), z.T. in
gemeinsamer Arbeit mit Engels, auseinander. Den politischen Kampf der
ArbeiterInnenbewegung unterstützend, schrieb er mit Engels im Auftrag
des „Bundes der Kommunisten“ das „Manifest der Kommunistischen Partei“
(1848). 1848 aus Belgien ausgewiesen, lebte Marx kurze Zeit in Köln,
wo er die „Neue Rheinische Zeitung“ redigierte (1848/49), und seit
1849 bis zu seinem Tod in London. Die ersten Londoner Jahre standen
noch im Zeichen der Auseinandersetzung mit der Französischen
Revolution (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1851); Marx
gab die „Neue Rheinische Revue“ („Klassenkämpfe in Frankreich“) heraus
und schrieb viele Artikel für die „New York Tribune“ zur Weltpolitik
und Weltwirtschaft. Dann schuf er seine eigentlichen
wissenschaftlichen Hauptwerke: „Zur Kritik der politischen Ökonomie“
(1859) und „Das Kapital“ (Band 1: 1867; Band 2 und 3 herausgegeben von
Engels 1885 bzw. 1894). Einige Vorarbeiten dazu wurden erst später
veröffentlicht (z.B. die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“,
1844 entstanden, herausgegeben 1932). Marx bestimmte maßgeblich die
Erste Internationale und kämpfte v.a. gegen die anarchistischen
Strömungen (Michail Bakunin) in ihr. Die Verbindung zur deutschen
Sozialdemokratie wurde u.a. durch die „Kritik des Gothaer Programms“
(1875) aufrechterhalten. In den letzten Lebensjahren fand Marx seine
Anerkennung als führender Vertreter des wissenschaftlichen
Sozialismus.
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"Marx,
Heinrich Karl" |
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von Friedrich
Engels, 1892 (MEW 22, S. 337-345) |
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Marx,
Heinrich Karl, wurde geboren in Trier am 5. V. 1818 als der Sohn des
Advokatanwalts und späteren Justizrats Heinrich Marx, der, wie aus dem
Taufschein des Sohnes ersichtlich, 1824 mit seiner Familie vom
Judentum zum Protestantismus übertrat. Nach beendigter Vorbildung auf
dem Trierer Gymnasium studierte Karl Marx seit 1835 in Bonn, sodann in
Berlin erst Rechtswissenschaft, später Philosophie und promovierte m
Berlin als Dr. phil. 1841 mit einer Dissertation über die Philosophie
Epikurs. In demselben Jahre siedelte er nach Bonn über, um dort sich
als Dozent zu habilitieren, aber die Schwierigkeiten, die die
Regierung seinem ebendaselbst als Dozent der Theologie fungierenden
Freunde Bruno Bauer in den Weg legte und die mit Bauers
Entfernung von der Universität endigten, machten ihm bald klar, daß
für ihn kein Platz sei an einer preußischen Hochschule. - Um dieselbe
Zeit wurde von den junghegelisch angehauchten jüngeren Elementen der
rheinischen radikalen Bourgeoisie, im Einverständnis mit den liberalen
Führern Camphausen und Hansemann, die Gründung eines
großen Oppositionsblattes in Köln angeregt; Marx und Bauer wurden als
tüchtige Hauptmitarbeiter ebenfalls zu Rat gezogen. Eine - damals
nötige - Konzession war in der Stille auf Umwegen besorgt, und so
erschien die "Rheinische Zeitung" am 1. I. 1842. Marx schrieb von Bonn
aus größere Artikel in das neue Blatt; die hauptsächlichsten waren:
eine Kritik der Verhandlungen des rheinischen Provinziallandtags, eine
Arbeit über die Lage der bäuerlichen Winzer an der Mosel und eine
andere über den Holzdiebstahl und die ihn betreffende Gesetzgebung. Im
Oktober 1842 übernahm er die Oberleitung des Blattes und siedelte nach
Köln über. Von da an erhielt die Zeitung einen scharf oppositionellen
Charakter. Allein die Leitung war eine so geschickte, daß trotz der
über die Zeitung verhängten erst doppelten, dann dreifachen Zensur
(erst der gewöhnliche Zensor, dann der Regierungspräsident, endlich
ein von Berlin ad hoc hergesandter Herr von Saint-Paul) die Regierung
dieser Art Presse schwer beikommen konnte und sich daher entschloß,
das Weitererscheinen der Zeitung vom 1. IV. 1843 an zu untersagen.
Durch den an jenem Tage erfolgten Rücktritt Marx' von der Redaktion
erkaufte man eine Galgenfrist von drei Monaten, aber dann erfolgte
doch die schließliche Unterdrückung des Blattes.
Marx
entschloß sich nun, nach Paris zu gehen, wohin auch Arnold Ruge
nach der ungefähr gleichzeitig erfolgten Unterdrückung der "Deutschen
Jahrbücher" sich wenden wollte. Zuvor aber heiratete er in Kreuznach
Jenny von Westphalen, seine Jugendgenossin, mit der er schon seit
Beginn seiner Universitätszeit verlobt gewesen war. Das junge Paar kam
im Herbst 1843 nach Paris, wo Marx und Ruge die "Deutsch-Französischen
Jahrbücher" herausgaben, eine Zeitschrift, von der indes bloß das
erste Heft erschien; die Fortsetzung scheiterte teils an den
übergroßen Schwierigkeiten der heimlichen Verbreitung in Deutschland,
teils an den sehr bald zutage tretenden prinzipiellen Differenzen
zwischen den beiden Redakteuren. Ruge blieb im Fahrwasser der
Hegelschen Philosophie und des politischen Radikalismus, Marx warf
sich aufs Studium der politischen Ökonomie, der französischen
Sozialisten und der Geschichte Frankreichs. Das Resultat war sein
Übergang zum Sozialismus. Im September 1844 kam Fr. Engels auf einige
Tage nach Paris zu Marx; beide waren seit der gemeinsamen Arbeit an
den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" in Briefwechsel getreten, und
von hier an datiert das Zusammenwirken beider, das nur mit dem Tode
von Marx ein Ende nahm. Seine erste Frucht war eine Streitschrift
gegen Bruno Bauer, mit dem man, im Verlauf des
Zersetzungsprozesses der Hegelschen Schule, ebenfalls prinzipiell
auseinandergekommen war: "Die heilige Familie. Gegen B[runo] Bauer und
Konsorten", Frankfurt a. M. 1845.
Marx
half mit bei der Redaktion eines kleinen deutschen Wochenblattes, das
in Paris unter dem Namen "Vorwärts!" erschien und das die Misere des
damaligen deutschen Absolutismus und Scheinkonstitutionalismus mit
beißendem Spotte überschüttete. Dies war für die preußische Regierung
die Veranlassung, vom Ministerium Guizot die Ausweisung von Marx aus
Frankreich zu verlangen. Sie wurde bewilligt; Anfang 1845 siedelte
Marx nach Brüssel über, wohin bald darauf auch Engels kam. Hier
veröffentlichte Marx "Misère de la philosophie. Réponse à la
philosophie de la misère de M. Proudhon", Bruxelles et Paris 1847,
ferner: "Discours sur la question du libre echange". Bruxelles 1848.
Außerdem schrieb er dann und wann Artikel in die "Deutsche-Brüsseler-Zeitung".
Im Januar 1848 arbeitete er mit Engels das "Manifest der
Kommunistischen Partei" aus im Auftrag der Zentralbehörde des Bundes
der Kommunisten, einer geheimen Propagandagesellschaft, der Marx und
Engels im Frühjahr 1847 beigetreten waren. Das "Manifest" ist seitdem
in unzähligen autorisierten und unautorisierten deutschen Ausgaben
erschienen und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.
Als
die Februarrevolution 1848 ausbrach und auch in Brüssel
Volksbewegungen hervorrief, wurde Marx verhaftet und aus Belgien
ausgewiesen; inzwischen hatte ihn die provisorische Regierung der
französischen Republik eingeladen, wieder nach Paris zu kommen, und so
kehrte er dorthin zurück.
In
Paris trat er zunächst mit seinen Freunden der Legionsspielerei
entgegen, die der Majorität der neuen Regierung ein bequemes Mittel
bot, sich die "lästig fallenden" fremden Arbeiter vom Halse zu
scharfen. Es war klar, daß die so bei hellem Tage organisierten
belgischen, deutschen etc. Legionen die Grenze nur überschreiten
konnten, um in eine wohlvorbereitete Falle zu gehen, wie dies denn
auch tatsächlich der Fall war. Marx und die übrigen Leiter des
Kommunistenbundes verschafften an vierhundert arbeitslosen Deutschen
dieselbe Reiseunterstützung wie den Legionären, so daß sie ebenfalls
nach Deutschland heimkehren konnten.
Im
April ging Marx nach Köln, und am 1. VI. erschien dort unter seiner
Leitung die "Neue Rheinische Zeitung", die im folgenden Jahre
am 19. V. zuletzt herauskam; die Redakteure wurden entweder
gerichtlich mit Verhaftung oder als Nichtpreußen mit Ausweisung
bedroht. Letzteres Schicksal traf Marx, der während seiner Brüsseler
Zeit seine Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande genommen
hatte. Während des Bestandes der Zeitung hatte er zweimal vor den
Geschworenen zu erscheinen, am 7. II. 1849 wegen Preßvergehens und am
8. wegen Aufforderung zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung
(zur Zeit der Steuerverweigerung, November 1848); beide Male erfolgte
Freisprechung.
Nach
der Unterdrückung der Zeitung ging Marx wieder nach Paris, wurde aber
nach der Demonstration vom 13. VI. vor die Wahl gestellt, entweder
sich in die Bretagne internieren zu lassen oder Frankreich abermals
den Rücken zu kehren. Natürlich zog er das letztere vor und ging nach
London, wo er nun endgültig seinen Wohnsitz aufschlug.
In
London gab er heraus: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische
Revue", Hamburg 1850, wovon 6 Hefte erschienen sind. Seine Hauptarbeit
hierin ist "1848 bis 1849", eine Darstellung der Ursachen und des
inneren Zusammenhangs der Ereignisse dieser Jahre, namentlich in
Frankreich; ferner (mit Engels zusammen) Rezensionen und politische
Übersichten. An die erstere Arbeit schloß sich bald darauf als
Fortsetzung "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte", New York 1852, neu
aufgelegt Hamburg 1869 und 1885. Der große Kommunistenprozeß in Köln
veranlaßte eine weitere Broschüre, "Enthüllungen über den Kölner
Kommunistenprozeß", Boston 1853, neueste Auflage Zürich 1885. Von 1852
an war Marx Londoner Korrespondent und jahrelang gewissermaßen
Redakteur für Europa der "New-York Tribüne". Seine Artikel sind teils
mit seinem Namen unterzeichnet, teils figurieren sie als Leitartikel;
es sind nicht gewöhnliche Korrespondenzen, sondern auf gründlichen
Studien beruhende, oft eine ganze Artikelreihe umfassende Darlegungen
der politischen und ökonomischen Lage der einzelnen europäischen
Länder. Die militärischen Aufsätze darunter, über den Krimkrieg, die
indische Rebellion etc. sind von Engels. Einige der Marxschen Artikel
über Lord Palmerston wurden in London als Broschüren abgedruckt. Diese
Mitarbeit an der "Tribüne" nahm erst ein Ende mit dem Amerikanischen
Bürgerkriege.
Das
Jahr 1859 verwickelte Marx einerseits in eine aus dem italienischen
Kriege entspringende Polemik mit Karl Vogt, die ihren Abschluß fand in
"Herr Vogt" von Karl Marx, London 1860. Andererseits aber brachte es
die erste Frucht seiner jahrelangen ökonomischen Studien im Britischen
Museum in der Gestalt des ersten Heftes von "Zur Kritik der
Politischen Oekonomie", Berlin 1859. Kaum aber war dies erste Heft
erschienen, da entdeckte Marx auch, daß er mit der Detailausführung
der Grundgedanken der folgenden Hefte noch nicht vollständig im reinen
sei; das noch vorhandene Manuskript ist der beste Beweis dafür. Er
fing also sofort wieder von vorn an, und so erschien, statt jener
Fortsetzung, erst 1867 "Das Kapital. Erstes Buch: Der
Produktionsprozeß des Kapitals", Hamburg 18675.
Während er die ganzen drei Bände des "Kapitals" - das zweite und
dritte wenigstens im Entwurfe - ausarbeitete, fand Marx endlich auch
wieder eine Gelegenheit zu praktischer Tätigkeit in der Arbeiterwelt.
1864 wurde die Internationale Arbeiterassoziation gegründet. Viele,
namentlich Franzosen, haben sich den Ruhm angemaßt, als Gründer dieser
Assoziation zu gelten. Es ist selbstredend, daß so etwas nicht von
einem allein gegründet werden kann. Aber soviel ist sicher: Unter
allen Beteiligten gab es nur einen, der sich klar war über das, was zu
geschehen hatte und was zu gründen war, das war der Mann, der schon
1848 den Ruf in die Welt geschleudert: Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!
Bei
der Gründung der Internationale versuchte auch Joseph Mazzini, die
sich zusammenfindenden Elemente für seine mystische konspiratorische
Demokratie des Dio e popolo |Gott und Volk| zu gewinnen und zu
verwerten. Aber der in seinem Namen vorgelegte Entwurf zu Statuten und
Inauguraladresse wurde verworfen zugunsten der von Marx redigierten,
und von nun an war Marx die Leitung der Internationale gesichert. Von
ihm sind sämtliche Erlasse des Generalrates geschrieben, namentlich
auch der nach dem Fall der Pariser Kommune erschienene und in die
meisten Sprachen Europas übersetzte "Bürgerkrieg in Frankreich".
Es ist
hier nicht die Geschichte der Internationale zu erzählen. Es genüge,
daß es Marx gelang, Statuten nebst prinzipieller Motivierung zu
entwerfen, unter denen französische Proudhonisten, deutsche
Kommunisten und englische Neugewerkschaftler einmütig zusammenwirken
konnten, und daß die Harmonie der Vereinigung keine Störung erlitt,
bis die Leute ans Licht traten, die seitdem jede Arbeiterbewegung zu
stören gesucht, die Anarchisten unter Bakunin. Es versteht sich, daß
die Macht der Assoziation lediglich in der bisher unerhörten Tatsache
der versuchten Vereinigung des europäischen und amerikanischen
Proletariats lag; andere als moralische Mittel hatte der Generalrat
nicht, sogar nicht einmal Geldmittel, statt der vielberufenen
"Millionen der Internationale" verfügte er meist nur über Schulden.
Wohl nie ist mit so wenig Geld so viel geleistet worden.
Nach
der Kommune war die Internationale in Europa unmöglich geworden. Den
Kampf gegen die Regierungen und die in allen Ländern gleich erregte.
Bourgeoisie in der bisherigen Form fortzuführen hätte kolossale Opfer
gekostet. Dazu der Kampf im Innern der Assoziation selbst gegen die
Anarchisten und die zu ihnen neigenden proudhonistischen Elemente. Le
jeu ne valait pas la chandelle. |Die Sache war der Mühe nicht wert.|
Nachdem also auf dem Haager Kongreß der formelle Sieg über die
Anarchisten erkämpft war, schlug Marx vor, den Generalrat nach New
York zu verlegen. Die Fortdauer der Assoziation war so sichergestellt
für den Fall, daß veränderte Umstände die Wiederaufnahme derselben in
Europa nötig machen. Als aber solche Umstände eintraten, war die alte
Form veraltet; die Bewegung war der alten Internationale weit über den
Kopf gewachsen.
Von
jetzt an blieb Marx der öffentlichen Agitation fremd, aber darum nicht
minder tätig in der europäischen und amerikanischen Arbeiterbewegung.
Er stand in Briefwechsel mit fast allen Führern in den verschiedenen
Ländern, die ihn, wenn irgend möglich, bei wichtigen Anlässen
persönlich zu Rate zogen; er wurde mehr und mehr der vielgesuchte und
stets bereite Berater des streitbaren Proletariats. Bei alledem aber
konnte sich Marx jetzt wieder seinem Studium zuwenden, dessen Feld
sich inzwischen sehr erweitert hatte. Bei einem Manne, der jeden
Gegenstand auf seine geschichtliche Entstehung und seine
Vorbedingungen prüfte, entsprangen selbstredend aus jeder einzelnen
Frage ganze Reihen neuer Fragen. Urgeschichte, Agronomie, russische
und amerikanische Grundbesitzverhältnisse, Geologie etc. wurden
durchgenommen, um namentlich den Abschnitt des III. Buches des
"Kapitals" über Grundrente in einer bisher nie versuchten
Vollständigkeit auszuarbeiten. Zu den sämtlichen germanischen und
romanischen Sprachen, die er mit Leichtigkeit las, lernte er auch noch
Altslawisch, Russisch und Serbisch. Leider aber verhinderte ihn
zunehmende Kränklichkeit an der Verwertung des so gesammelten Stoffes.
Am 2. XII. 1881 starb seine Frau, am 11. 1. 1883 seine älteste
Tochter, am 14. III. desselben Jahres entschlief er sanft in seinem
Lehnstuhl.
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"Karl
Marx" |
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von W. I.
Lenin, 1918 |
Karl Marx wurde am 5.Mai 1818 in
Trier (Rheinpreußen) geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt, ein Jude,
der 1824 zum Protestantismus übertrat. Die Familie war wohlhabend,
gebildet, jedoch nicht revolutionär. Nach Beendigung des Gymnasiums in
Trier bezog Marx die Universität, erst in Bonn, dann in Berlin, und
studierte Rechtswissenschaft, vor allem aber Geschichte und
Philosophie. Er beendete 1841 die Universität mit einer
Doktordissertation über die Philosophie Epikurs. Seinen Anschauungen
nach war Marx zu dieser Zeit Hegelianer und Idealist. In Berlin
gehörte er dem Kreis der "linken Hegelianer" (Bruno Bauer und andere)
an, die aus der Hegelschen Philosophie atheistische und revolutionäre
Schlußfolgerungen zu ziehen suchten.
Nach beendetem Universitätsstudium
übersiedelte Marx, auf eine Professur rechnend, nach Bonn. Allein die
reaktionäre Politik der Regierung, die Ludwig Feuerbach 1832 um den
Lehrstuhl gebracht, 1836 erneut seine Zulassung zur Universität
verweigert und 1841 dem jungen Professor Bruno Bauer in Bonn das
Vorlesungsrecht entzogen hatte, zwang Marx zum Verzicht auf die
Gelehrtenlaufbahn. Die Entwicklung der Ansichten der linken Hegelianer
in Deutschland machte zu dieser Zeit sehr rasche Fortschritte. Ludwig
Feuerbach insbesondere begann von 1836 an die Theologie zu kritisieren
und sich dem Materialismus zuzuwenden, der schließlich 1841 sein
Denken völlig beherrschte ("Das Wesen des Christentums"); 1843
erschienen seine "Grundsätze der Philosophie der Zukunft". "Man muß
die befreiende Wirkung" dieser Bücher "selbst erlebt haben", schrieb
Engels später über diese Feuerbachschen Schriften. "Wir" (d.h. die
linke Hegelianer, darunter auch Marx) "waren alle momentan
Feuerbachianer".
Zu dieser Zeit wurde in Köln von
radikalen Bürgern des Rheinlands, die Berührungspunkte mit den linken
Hegelianern hatten, ein oppositionelles Blatt gegründet: die
"Rheinische Zeitung" (sie begann am 1.Januar 1842 zu erscheinen). Marx
und Bruno Bauer wurden als Hauptmitarbeiter herangezogen; im Oktober
1842 wurde Marx Chefredakteur und übersiedelte von Bonn nach Köln. Die
revolutionär-demokratische Richtung der Zeitung wurde unter der
Redaktion von Marx immer bestimmter; die Regierung unterwarf sie
zunächst einer doppelten und dreifachen Zensur und beschloß
schließlich die gänzliche Unterdrückung der Zeitung am 1. Januar 1843.
Marx sah sich daraufhin zur Niederlegung seines Redakteurpostens
genötigt, aber sein Abgang rettete die Zeitung auch nicht, und sie
mußte im März 1843 ihr Erscheinen einstellen. Unter den von Marx in
der "Rheinischen Zeitung" veröffentlichten größeren Artikeln hebt
Engels außer den weiter unten angegebenen auch den über die Lage der
Winzer im Moseltal hervor. Die journalistische Tätigkeit hatte Marx
gezeigt, daß er mit der politischen Ökonomie nicht genügend vertraut
war, und er machte sich daher eifrig an ihr Studium.
Im Jahre 1843 vermählte sich Marx
in Kreuznach mit Jenny von Westphalen, seiner Jugendfreundin, mit der
er schon als Student verlobt war. Seine Frau entstammte einer
reaktionären preußischen Adelsfamilie. Ihr älterer Bruder war
preußischer Innenminister in einer der reaktionärsten Epochen,
1850-1858. Im Herbst 1843 übersiedelte Marx nach Paris, um im Ausland,
gemeinsam mit Arnold Ruge (1802-1880); (linker Hegelianer, 1825 bis
1830 im Gefängnis, nach 1848 Emigrant; nach 1866-1870 Bismarckianer)
eine radikale Zeitschrift herauszugeben. Es erschien nur das erste
Heft dieser Zeitschrift, der "Deutsch-Französischen Jahrbücher".
Schwierigkeiten bei ihrer geheimen Verbreitung in Deutschland und
Meinungsverschiedenheiten mit Ruge führten zu ihrer Einstellung. In
seinen in dieser Zeitschrift veröffentlichten Aufsätzen tritt Marx
bereits als Revolutionär auf, der die "rücksichtslose Kritik alles
Bestehenden" und im besonderen die "Kritik der Waffen" verkündete, der
an die Massen und an das Proletariat appelliert.
Im September 1844 kam für einige
Tage Friedrich Engels nach Paris und wurde seit dieser Zeit der
nächste Freund von Marx. Beide nahmen gemeinsam den lebhaftesten
Anteil an dem damals sehr regen Leben der revolutionären Gruppen in
Paris (von besonderer Bedeutung war die Lehre Proudhons, mit der Marx
in seinem "Elend der Philosophie", 1847, entschieden abrechnete). In
scharfem Kampf gegen die verschiedenen Lehren des kleinbürgerlichen
Sozialismus arbeiteten sie die Theorie und Taktik des revolutionären
proletarischen Sozialismus oder Kommunismus (Marxismus) aus. (Siehe
die Marx'schen Schriften aus dieser Epoche, 1844 bis 1848). Im Jahre
1845 wurde Marx auf Betreiben der preußischen Regierung als
gefährlicher Revolutionär aus Paris ausgewiesen. Er verlegte seinen
Wohnsitz nach Brüssel. Im Frühjahr 1847 schlossen sich Marx und Engels
einer geheimen Propagandagesellschaft an, dem "Bund der Kommunisten",
nahmen hervorragenden Anteil am II. Kongreß dieses Bundes (November
1847 in London) und verfaßten in seinem Auftrag das berühmte, im
Februar 1848 erschienene "Manifest der Kommunistischen Partei". Mit
genialer Klarheit und Ausdruckskraft ist in diesem Werk die neue
Weltanschauung umrissen: der konsequente, auch das Gebiet des
gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus, die Dialektik als
die umfassendste und tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie
des Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären Rolle des
Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen
Gesellschaft.
Als die Februarrevolution von 1848
ausbrach, wurde Marx aus Belgien ausgewiesen. Er kam wieder nach
Paris, ging aber von hier nach der Märzrevolution nach Deutschland,
und zwar nach Köln. Dort erschien vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai
1849 die "Neue Rheinische Zeitung"; ihr Chefredakteur war Marx. Die
neue Theorie wurde durch den Verlauf der revolutionären Ereignisse von
1848/1849 glänzend bestätigt, wie sie auch später durch alle
proletarischen und demokratischen Bewegungen in allen Ländern der Welt
bestätigt worden ist. Von der siegreichen Konterrevolution wurde Marx
zunächst vor Gericht gestellt (am 9. Februar 1849 freigesprochen) und
dann aus Deutschland ausgewiesen (16. Mai 1849). Marx begab sich
zuerst nach Paris, wurde nach der Demonstration vom 13. Juni 1849 auch
von dort ausgewiesen und zog nach London, wo er bis zu seinem Tode
lebte.
Die Bedingungen des
Emigrantenlebens, die durch den Briefwechsel von Marx und Engels
(herausgegeben 1913) besonders anschaulich aufgedeckt werden, waren
äußerst schwer. Die Not lastete geradezu erdrückend auf Marx und
seiner Familie, ohne die ständige aufopfernde finanzielle
Unterstützung Engels wäre Marx nicht nur außerstande gewesen, das
"Kapital" zu beenden, er wäre auch unvermeidlich in Not und Elend
zugrunde gegangen.
Außerdem war Marx durch die
vorherrschenden Lehren und Strömungen des kleinbürgerlichen und
überhaupt des nichtproletarischen Sozialismus ständig zu
schonungslosem Kampf, zuweilen zur Abwehr der gehässigsten und
absurdesten persönlichen Angriffe genötigt ("Herr Vogt"). Marx hielt
sich abseits von den Emigrantenzirkeln und arbeitete in einer Reihe
von historischen Schriften seine materialistische Theorie aus; mit
besonderem Eifer widmete er sich dem Studium der politischen Ökonomie.
Marx revolutionierte diese Wissenschaft (siehe weiter unten die
Marxsche Lehre) in seinen Werken "Zur Kritik der politischen Ökonomie"
(1859) und "Das Kapital" (Bd. I, 1867).
Die Epoche des Neuauflebens der
demokratischen Bewegungen Ende der fünfziger und in den sechziger
Jahren rief Marx erneut zu praktischer Tätigkeit. 1864 (am 28.
September) wurde in London die berühmte I. Internationale gegründet,
die "Internationale Arbeiterassoziation". Marx war die Seele dieser
Organisation, Verfasser ihrer ersten "Adresse" und einer langen Reihe
von Resolutionen, Erklärungen und Manifesten. Indem Marx die
Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder zusammenfaßte und die
verschiedenen Formen des nichtproletarischen, vormarxistischen
Sozialismus (Mazzini, Proudhon, Bakunin, der englische liberale
Trade-Unionismus, die lasalleanischen Rechtsschwankungen in
Deutschland u.dgl.m.) in die Bahnen gemeinsamen Handelns zu lenken
suchte, wobei er die Theorien aller dieser Sekten und Schulen
bekämpfte, schmiedete er eine einheitliche Taktik des proletarischen
Kampfes der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder. Nach dem Fall der
Pariser Kommune (1871), die Marx (im "Bürgerkrieg in Frankreich" 1871)
so tief, treffend, glänzend, wirksam und in revolutionärem Geiste
gewürdigt hat, und nach der Spaltung der Internationale durch die
Bakunisten, war ihr Fortbestehen in Europa unmöglich geworden. Nach
dem Haager Kongreß der Internationale (1872) setzte Marx die Verlegung
des Generalrats der Internationale nach New York durch. Die I.
Internationale hatte ihre historische Rolle erfüllt, sie räumte das
Feld für eine Epoche unvergleichlich größeren Wachstums der
Arbeiterbewegung in allen Ländern der Welt: die Epoche ihrer
Entwicklung in die Breite, der Schaffung sozialistischer
Massenparteien der Arbeiter auf dem Boden einzelner Nationalstaaten.
Die angestrengte Tätigkeit in der
Internationale und die noch angestrengteren theoretischen Studien
untergruben endgültig Marx' Gesundheit. Er setzte seine Neubearbeitung
der politischen Ökonomie und die Fertigstellung des "Kapitals" fort,
sammelte zu diesem Zweck eine Menge neuer Materialien und studierte
mehrere Sprachen (z.B. die russische); doch Krankheit hinderte ihn,
das "Kapital" zu vollenden.
Am 2. Dezember 1881 starb seine
Frau. Am 14. März 1883 entschlief Marx still in seinem Lehnstuhl. Er
ist neben seiner Frau auf dem Highgate-Friedhof in London beigesetzt.
Von Marx' Kindern starben einige im zarten Alter in London, als die
Familie große Not litt. Die drei Töchter verheirateten sich mit
englischen und französischen Sozialisten: Eleanor Aveling, Laura
Lafargue und Jenny Longuet. Der Sohn der letztern ist Mitglied der
französischen Sozialistischen Partei.
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"Karl
Marx" |
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von Rosa
Luxemburg, 1903 |
Vor zwanzig Jahren hat Marx seinen gewaltigen Kopf
zur Ruhe gelegt, und trotzdem wir erst vor wenigen Jahren erlebt
haben, was man in der Sprache der deutschen Professoren „die Krise des
Marxismus“ genannt hat, so genügt ein Blick auf die Massen, die heute
dem Sozialismus allein in Deutschland folgen, auf seine Bedeutung im
öffentlichen Leben aller sogenannten Kulturländer, um das Werk des
Marxschen Gedankens in seiner Riesenhaftigkeit zu fassen.
Käme
es darauf an, dasjenige, was Marx für die heutige Arbeiterbewegung
getan, in wenigen Worten zu formulieren, so könnte man sagen: Marx hat
die moderne Arbeiterklasse als historische Kategorie, d.h. als eine
Klasse mit bestimmten geschichtlichen Daseinsbedingungen und
Bewegungsgesetzen, sozusagen entdeckt. Vor Marx existierten wohl in
den kapitalistischen Ländern eine Masse von Lohnarbeitern, die, durch
die Gleichartigkeit ihres sozialen Daseins innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft zur Solidarität geführt, tastend nach einem Ausweg aus
ihrer Lage und teilweise nach einer Brücke ins gelobte Land des
Sozialismus suchten. Marx hat sie erst zur Klasse erhoben,
indem er sie durch die besondere historische Aufgabe verband: durch
die Aufgabe der Eroberung der politischen Macht zur sozialistischen
Umwälzung.
Die
Brücke, die Marx zwischen der proletarischen Bewegung, wie sie
elementar aus dem Boden der heutigen Gesellschaft emporwächst, und dem
Sozialismus errichtet hat, war also: Klassenkampf um die
politische Machtergreifung.
Die
Bourgeoisie zeigte sich jeher einen sicheren Instinkt, wenn sie
besonders die politischen Bestrebungen des Proletariats mit
Haß und Furcht verfolgte. Schon im Jahre 1831, als Casimir Perier im
November in der französischen Deputiertenkammer über die erste Regung
der Arbeiterklasse auf dem Kontinent, über die Revolte der Seidenweber
in Lyon, berichtete, sagte er: „Meine Herren, wir können ruhig sein!
In der Bewegung der Arbeiter von Lyon ist nichts von Politik
zum Vorschein gekommen.“ Jede politische Regung des Proletariats war
nämlich für die herrschenden Klassen ein Vorzeichen der herannahenden
Emanzipation der Arbeiter von ihrer politischen Bevormundung durch die
Bourgeoisie.
Aber
erst Marx ist es gelungen, die Politik der Arbeiterklasse auf den
Boden des bewußten Klassenkampfes zu stellen und so zur tödlichen
Waffe gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu schmieden. Die
Basis der heutigen sozialdemokratischen Arbeiterpolitik, das ist
nämlich die materialistische Geschichtsauffassung im
allgemeinen und die Marxsche Theorie der kapitalistischen
Entwicklung im besonderen. Nur für wen das Wesen der
sozialdemokratischen Politik und das Wesen des Marxismus gleichermaßen
ein Geheimnis ist, kann sich die Sozialdemokratie, überhaupt
klassenbewußte Arbeiterpolitik, außerhalb der Marxschen Lehre denken.
Friedrich Engels hat in seinem
Feuerbach das Wesen der Philosophie als die ewige Frage nach
dem Verhältnis von Denken und Sein, von menschlichem Bewußtsein in der
objektiven materiellen Welt formuliert. Übertragen wir die Begriffe
von Sein und Denken auf der abstrakten Naturwelt und
der individuellen Spekulation, worin die Berufsphilosophen mit der
Stange herumfahren, auf das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens, so
läßt sich in gewissem Sinne dasselbe vom Sozialismus sagen.
Er war seit jeher das Tasten, das Suchen nach Mitteln und Wegen, um
das Sein mit dem Denken, nämlich die geschichtlichen Daseinsformen mit
dem gesellschaftlichen Bewußtsein, in Einklang zu bringen.
Es war
Marx und seinem Freunde Engels vorbehalten, die Lösung der Aufgabe zu
finden, an der sich Jahrhunderte gemüht haben. Durch die Entdeckung,
daß die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften in letzter
Linie die Geschichte ihrer Produktions- und Austauschverhältnisse
ist und daß die Entwicklung dieser sich unter der Herrschaft des
Privateigentums in den politischen und sozialen Einrichtungen als
Klassenkampf durchsetzt, durch diese Entdeckung hat Marx die
wichtigste Triebfeder der Geschichte bloßgelegt. Damit war erst eine
Erklärung für das notwendige Mißverhältnis zwischen dem Bewußtsein und
dem Sein, zwischen dem menschlichen Wollen und dem sozialen tun,
zwischen den Absichten und den Resultaten in den bisherigen
Gesellschaftsformen gewonnen.
Durch
den Marxschen Gedanken ist also die Menschheit zuerst hinter das
Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Prozesses gekommen. Durch
die Aufdeckung der Gesetze der kapitalistischen Entwicklung war aber
ferner auch der Weg gezeigt, den die Gesellschaft aus ihrem
naturwüchsigen, unbewußten Stadium, worin sie ihre Geschichte machte,
wie die Bienen ihre Wachszellen bilden, in das Stadium der bewußten,
gewollten, wahrhaft menschlichen Geschichte geht, worin der
Wille der Gesellschaft und ihr tun zum ersten Male in Einklang
miteinander kommen, worin, der soziale Mensch zum ersten Male seit
Jahrtausenden das tun wird, was er will.
Dieser, um mit Engels zu sprechen, endgültige „Sprung aus dem
Tierreich in die menschliche Freiheit“, den für die gesamte
Gesellschaft erst die sozialistische Umwälzung verwirklichen wird,
vollzieht sich schon innerhalb der heutigen Ordnung – in der
sozialdemokratischen Politik. Mit dem Ariadnefaden der
Marxschen Lehre in der Hand ist die Arbeiterpartei heute die einzige,
die vom historischen Standpunkt weiß, was sie tut, und
deshalb tut, was sie will. Darin liegt das ganze Geheimnis
der sozialdemokratischen Macht.
Die
bürgerliche Welt stutzt seit langem vor der erstaunlichen
Unverwüstlichkeit und dem steten Fortschritt der Sozialdemokratie. Von
Zeit zu Zeit finden sich einzelne greisenhaften Kindsköpfe, die, durch
besondere moralische Erfolge unsrer Politik geblendet, der Bourgeoisie
raten, sich an uns „ein Beispiel“ zu nehmen, von der geheimnisvollen
Weisheit und dem Idealismus der Sozialdemokratie zu trinken. Sie
begriffen nicht, daß, was für die Politik der aufstrebenden
Arbeiterklasse Lebensquell und Jungbrunnen der Kraft, für die
bürgerlichen Parteien ein tödlich Gift ist.
Denn
was ist es in der Tat, das uns vor allem die innere sittliche Kraft
gibt, die größten Unterdrückungen, wie ein jahrdutzend des
Sozialistengesetzes, mit diesem lachenden Mut zu ertragen und
abzuschütteln? Ist er etwa die Zähigkeit der Enterbten in der
Verfolgung einer kleinen materiellen Verbesserung ihrer Lage? Das
moderne Proletariat ist nicht der Philister, nicht der Kleinbürger, um
um der Alltagsbehaglichkeit willen zum Helden zu werden. Wie wenig die
bloße Aussicht auf geringe materielle Vorteile in der Arbeiterklasse
einen sittlichen Flug in die Höhe zu erzeugen vermag, zeigt die
platte, nüchterne Engbrüstigkeit der englischen Trade-Unions-Welt.
Ist
es, wie bei den Urchristen, der asketische Stoizismus einer Sekte, der
in geradem Verhältnis zu den Verfolgungen immer lichterloher
aufflackert? Der moderne Proletarier als Erbe und Zögling der
bürgerlichen Gesellschaft ist viel zu sehr geborener Materialist, zu
sehr gesund-sinnlicher Fleischesmensch, um der Sklavenmoral
entsprechend aus den Martern allein Liebe und Kraft für seine Ideen zu
schöpfen.
Ist es
endlich die „Gerechtigkeit“ der Sache, die wir führen, was uns so
unbezwingbar macht? Die Sache der Chartisten und Weitlingianer, die Sache der
utopistisch-sozialistischen Schulen war nicht minder „gerecht“, und
doch erlagen sie allesamt gar bald den Widerständen der bestehenden
Gesellschaft.
Wenn
die heutige Arbeiterbewegung, allen Gewaltstreichen der gegnerischen
Welt trotzend, siegreich die Mahnen schüttelt, so ist es vor allem die
ruhige Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der objektiven historischen
Entwicklung, die Einsicht in die Tatsache, daß „die kapitalistische
Produktion ... mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne
Expropriation“ – nämlich: die Expropriation der Expropriateure, die
sozialistische Umwälzung – erzeugt, diese Einsicht ist es, in der sie
die feste Bürgschaft des schließlichen Sieges erblickt und aus der sie
nicht nur den ungestüm, sondern auch die Geduld, die Kraft zur Tat und
den Mut zur Ausdauer schöpft.
Die
erste Bedingung einer erfolgreichen Kampfpolitik ist das Verständnis
für die Bewegungen des Gegners. Was fibt uns aber den Schlüssel zum
Verständnis der bürgerlichen Politik bis in ihre kleinsten
Verzweigungen, bis in die Verschlingungen der Tagespolitik, ein
Verständnis, das uns gleichermaßen vor Überraschungen wie vor
Illusionen bewahrt? Nichts andres als die Erkenntnis, daß man alle
Formen des gesellschaftlichen Bewußtseins, in ihrer inneren
zerissenheit aus den Klassen- und Gruppeninteressen, aus den
Widersprüchen des materiellen Lebens und in letzter Instanz „aus dem
vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und
Produktionsverhältnissen“ erklären müsse.
Und
was gibt uns die Fähigkeit, unsre Politik neuen Erscheinungen des
politischen Lebens, wie z.B. der Weltpolitik, anzupassen und sie vor
allem, auch ohne besonderes Talent und Tiefsinn, mit einer Tiefe des
Urteils einzuschätzen, die den Kern selbst der Erscheinung trifft,
während die talentvollsten Kritiker der Bourgeoisie nur in ihrer
Oberfläche tasten oder sich bei jedem Blick in die Tiefe in ausweglose
Widersprüche verwickeln? Wiederum nichts andres als der Überblick über
den historischen Entwicklungsgang an der Hand des Gesetzes, daß es
„die Produktionsweise des materiellen Lebens“ ist, die „den sozialen,
politischen und geistigen Lebensprozeß bedingt“.
Vor
allem aber, was gibt uns einen Maßstab bei der Wahl der einzelnen
Mittel und Wege im Kampfe, zur Vermeidung des planlosen
experimentierens und kraftvergeudender utopischer Seitensprünge? Die
einmal erkannte Richtung des ökonomischen und politischen Prozesses in
der heutigen Gesellschaft ist es, an der wir nicht nur unsren
Feldzugsplan in seinen großen Linien, sondern auch jedes Detail unsres
politischen Strebens messen können. Dank diesem Leitfaden ist es der
Arbeiterklasse zum erstenmal gelungen, die große Idee des
sozialistischen Endziels in die Scheidemünze der Tagespolitik
umzuwechseln und die politische Kleinarbeit des Alltages zum
ausführenden Werkzeug der großen Idee zu erheben. Es gab vor Marx eine
von Arbeitern geführte bürgerliche Politik, und es gab revolutionär
Sozialismus. Es gibt erst seit Marx und durch Marx sozialistische
Arbeiterpolitik, die zugleich und im vollsten Sinne beider Wörter
revolutionäre Realpolitik ist.
Wenn
wir nämlich als Realpolitik eine Politik erkennen, die sich nur
erreichbare Ziele steckt und sie mit wirksamsten Mitteln auf dem
kürzesten Wege zu verfolgen weiß, so unterscheidet sich die
proletarische Klassenpolitik im Marxschen Geiste darin von der
bürgerlichen Politik, daß die bürgerliche Politik vom Standpunkte der
materiellen Tagespolitik real, während die sozialistische
Politik es vom Standpunkte der geschichtlichen Entwicklungstendenz
ist. Er ist genau derselbe Unterschied wie zwischen einer
vulgärökonomischen Werttheorie, die den Wert als eine dingliche
Erscheinung vom Standpunkte des Marktstandes, und der Marxschen
Theorie, die ihn als gesellschaftliches Verhältnis einer bestimmten
historischen Epoche auffaßt.
Die
proletarische Realpolitik ist aber auch revolutionär, indem sie durch
alle ihre Teilbestrebungen in ihrer Gesamtheit über den Rahmen der
bestehenden Ordnung, in die sie arbeitet, hinausgeht, indem sie sich
bewußt nur als das Vorstadium des Aktes betrachtet, der sich zur
Politik des herrschenden und umwälzenden Proletariats machen wird.
Auf
diese Weise ist alles: die sittliche Kraft, mit der wir die Fährnisse
überwinden, unsre Taktik im Kampfe bis in die Einzelheiten, die
Kritik, die wir an den Gegnern üben, unser tägliche Agitation, die uns
die Massen gewinnt, unser gesamtes Tun bis in die Fingerspitzen,
durchdrungen und durchleuchtet von der Lehre, die Marx geschaffen. Und
wenn wir uns hie und da der Illusion hingeben, unsre heutige Politik
mit all ihrer inneren Macht wäre unabhängig von der Marxschen Theorie,
so zeigt sich das nur, daß in unsrer Praxis Marx reden, wie der
moliérische Bourgeois Prosa redete, auch wo wir es nicht wissen.
Es
genügt, sich die Leistung Marxens vor die Augen zu führen, um zu
verstehen, daß Marx sich durch die von ihm im Sozialismus wie in der
Arbeiterpolitik herbeigeführte Umwälzung die bürgerliche Gesellschaft
zum Todfeind machen mußte. Für die herrschenden Klassen ward es klar:
die moderne Arbeiterbewegung überwinden heißt Marx überwinden. Die 20
Jahre seit Marx’ Tode sind eine ununterbrochene Reihe von Versuchen,
den Marxschen Geist in der Arbeiterbewegung theoretisch und praktisch
zu vernichten.
Die
Geschichte der Arbeiterbewegung von Anfang an ringt sich hindurch
zwischen dem revolutionär-sozialistischen Utopismus und der
bürgerlichen Realpolitik. Den historischen Boden der ersteren bildete
die ganz- oder halbabsolutistische, vorbürgerliche Gesellschaft. Der
revolutionär-utopistische Abschnitt des Sozialismus in Westeuropa
schließt im großen und ganzen mit der – obwohl wir einzelne Rückfälle
bis in die neueste Zeit beobachten – Entfaltung der bürgerlichen
Klassenherrschaft ab. Die andre Gefahr – das Versinken in der
Flickarbeit der bürgerlichen Realpolitik – kommt erst mit der
Erstarkung der Arbeiterbewegung auf dem Boden des Parlamentarismus
auf.
Aus
dem bürgerlichen Parlamentarismus sollten auch Waffen zur
praktischen Überwindung der revolutionären Politik des
Proletariats entnommen werden, der demokratische Zusammenschluß der
Klassen und der soziale Frieden der Reform sollten den Klassenkampf
ersetzen.
Und
was hat man erreicht? Die Illusion mochte hier und da eine Weile
dauern, die Untauglichkeit der bürgerlichen Methoden der Realpolitik
für die Arbeiterklasse hat sich sofort erwiesen. Das Fiasko des
Ministerialismus in Frankreich, der Verrat des Liberalismus in
Belgien, der Zusammenbruch des Parlamentarismus in Deutschland –
Schlag auf Schlag ging der kurze Traum der „ruhigen Entwicklung“ in
Stücke. Das Marxsche Gesetz der tendenziellen Zuspitzung der sozialen
Gegensätze als Grundlage des Klassenkampfes brach sich siegreich Bahn,
und jeder Tag bringt neue Zeichen und Wunder. In Holland haben 24
Stunden des Eisenbahnerstreiks wie ein Erdbeben über Nacht einen
gähnenden Spalt mitten in der Gesellschaft aufgetan, der Klassenkampf
loderte aus ihm empor, und Holland steht in Flammen.
So
bricht in einem Lande nach dem andern unter dem „Massentritt der
Arbeiterbataillone“ der Boden der bürgerlichen Demokratie, der
bürgerlichen Gesetzlichkeit wie eine dünne Eisdecke, um der
Arbeiterklasse immer von neuem zum Bewußtsein zu bringen, daß ihre
Endbestrebungen nicht auf diesem Boden ausgeführt werden
können. Dies ist das Resultat der vielen Versuche, Marx „praktisch“ zu
überwinden.
Die
theoretische Überwindung des Marxismus haben Hunderte
strebsamer Apologeten der Bourgeoisie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht,
zum Sprungbrett ihrer Laufbahn. Was haben sie Erreicht? Sie haben es
fertiggebracht, in den kreisen der gläubigen Intelligenz die
Überzeugung von den „Einseitigkeiten“ und „Übertreibungen“ Marxens
hervorzurufen. Aber selbst ernstere unter den bürgerlichen Ideologen,
wie Stammler haben eingesehen, daß „gegenüber einer so tief angelegten
Lehre“ mit „jenen Halbheiten, mit ‚etwas mehr oder weniger‘“ nichts
erreicht werden könne. Allein, was vermag die bürgerliche Wissenschaft
der Marxschen Lehre als Ganzes entgegenzustellen?
Seit
Marx auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte und der Ökonomie
den historischen Standpunkt der Arbeiterklasse zur Geltung gebracht
hat, ist der bürgerlichen Forschung auf diesen Gebieten der Faden
abgeschnitten. Die Naturphilosophie im klassischen Sinne ist zu Ende.
die bürgerliche Geschichtsphilosophie ist zu Ende. Die
wissenschaftliche Nationalökonomie ist zu Ende. In der
Geschichtsforschung hat, wo nicht unbewußter oder inkonsequenter
Materialismus herrscht, die Stelle jeder einheitlichen Theorie ein in
allen Farben schillernder Eklektizismus, also Verzicht auf
einheitliche Erklärung des Geschichtsprozesses, d.h. auf
Geschichtsphilosophie überhaupt, eingenommen. Die Ökonomie schwankt
zwischen zwei Schulen, der „historischen“ und der „subjektiven“, von
denen die eine ein Protest gegen die andre, beide ein Protest gegen
Marx sind, wobei die eine, um Marx zu negieren, die ökonomische
Theorie, d.h. die Erkenntnis auf diesem Gebiete, prinzipiell negiert,
die andre aber die einzige – objektive – Forschungsmethode negiert,
die die Nationalökonomie erst zur Wissenschaft gemacht hat.
Freilich bringt noch die sozialwissenschaftliche Büchermesse nach wie
vor jeden Monat ganze Berge von Erzeugnissen bürgerlichen Fleißes, und
von strebsamen modernen Professoren werden die dickleibigsten Bände
mit echt großkapitalistischer, maschinenmäßiger Geschwindigkeit auf
den Markt geworfen. Aber es sind entweder fleißige Monographien, wo
sich die Forschung wie der Vogel Strauß mit dem Kopfe in den Sand der
kleinen Splittererscheinungen begräbt, um keine größeren Zusammenhänge
sehen zu müssen und nur für den Tagesbedarf zu arbeiten, oder wo
Gedanken und „Sozialtheorien“ simuliert werden, da ist es im letzten
Schluß immer nur ein Reflex des Marxschen Gedankens, unter überladen
Flitterverzierungen im Geschmack der „modernen“ Basarware versteckt.
Ein selbständiger Gedankenflug, ein kühner Blick ins Weite, eine
belebende Deduktion ist nirgends zu finden.
Und
wenn der soziale Fortschritt wieder eine Reihe neuer
wissenschaftlicher Probleme aufgestellt hat, die ihrer Lösung noch
harren, so ist es wiederum nur die Marxsche Methode, die eine
Handhabe zu ihrer Lösung bietet.
Es ist
also allenthalben nur Theorielosigkeit, was die bürgerliche soziale
Wissenschaft der Marxschen Theorie, Erkenntnisskepsis, was sie der
Marxschen Erkenntnis entgegenzustellen vermag. Die Marxsche Lehre ist
ein Kind der bürgerlichen Wissenschaft, aber die Geburt dieses Kindes
hat der Mutter das Leben gekostet.
Somit
hat in der Theorie wie in der Praxis gerade der Aufschwung der
Arbeiterbewegung der bürgerlichen Gesellschaft diejenigen Waffen aus
der Hand geschlagen, womit sie gegen den Marxschen Sozialismus zu
Felde ziehen wollte. Und heute, 20 Jahre nach Marx’ Tode, ist sie um
so ohnmächtiger ihm gegenüber, Marx aber lebendiger als je.
Freilich bleibt der heutigen Gesellschaft ein Trost übrig. Während sie
sich vergeblich abmüht, um ein Mittel der Überwindung der Marxschen
Lehre zu finden, bemerkt sie nicht, daß das einzige wirkliche mittel
hierfür in dieser Lehre selbst verborgen ist. Durch und d durch
historisch, beansprucht sie nur eine zeitlich beschränkte Gültigkeit.
durch und durch dialektisch, trägt sie in sich selbst den sicheren
Keim ihres Unterganges.
Die
Marxsche Lehre in allgemeinsten Umrissen besteht, wenn wir von ihrem
unvergänglichen Teil, nämlich von der historischen Forschungsmethode
absehen, in der Erkenntnis des historischen Weges, der aus der letzten
„antagonistischen“, auf Klassengegensätzen beruhenden
Gesellschaftsform in die auf Interessensolidarität aller Mitglieder
aufgebaute kommunistische Gesellschaft führt.
Sie
ist vor allem, wie die frühere klassischen Theorie der
Nationalökonomie auch, der geistige Reflex einer bestimmten Periode
der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, nämlich des
Überganges aus der kapitalistischen in die sozialistische Phase der
Geschichte. Aber sie ist mehr als nur Reflex. Der von Marx erkannte
historische Übergang kann nämlich gar nicht vollzogen werden, ohne daß
die Marxsche Erkenntnis zu gesellschaftlichen, zur Erkenntnis einer
bestimmten Gesellschaftsklasse, des modernen Proletariats, geworden
ist. Die von der Marxschen Theorie formulierte historische Umwälzung
hat zur Voraussetzung, daß die Theorie von Marx zur
Bewußtseinsform der Arbeiterklasse und als solche zum element
der Geschichte selbst ward.
So
bewahrheitet sich die Marxsche Lehre fortschreitend mit jedem neuen
Proletarier, der zum Träger des Klassenkampfes wird. Die Marxsche
Lehre ist also zugleich ein Teil des geschichtlichen Prozesses, also
auch selbst ein Prozeß, und die soziale Revolution wird das
Schlußkapitel des Kommunistischen
Manifestes sein.
Die
Marxsche Lehre wird somit in ihrem für die bestehende
Gesellschaftsordnung gefährlichsten Teil über kurz oder lang
„überwunden“ werden. Aber nur zusammen mit der bestehenden
Gesellschaftsordnung.
  
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"Karl Marx"
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von Rosa Luxemburg, 1913 |
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Dreißig Jahre sind es her, daß der Mann seine
Augen für immer geschlossen hat, dem die moderne Arbeiterklasse
mehr verdankt all irgendeinem sterblichen. Das Werk, dem Marx sein
Leben gewidmet hat, kann nur aus der geschichtlichen Perspektive
richtig gewürdigt werden.
Als das Ideal einer Gesellschaft, die auf Gleichheit und
Brüderlichkeit der Menschen beruht, ist der Sozialismus
Jahrhunderte alt. In allen größeren sozialen Krisen und
revolutionären Bewegungen des Mittelalters und der Neuzeit
leuchtet er im Feuerschein als Ausdruck des äußersten Radikalismus
auf, um zugleich die unüberwindliche geschichtliche Schränke und
den Punkt jeder dieser Bewegungen anzuzeigen, von dem die
rückläufige Welle, die Reaktion und der Zusammenbruch
unvermeidlich erfolgen mußten.
Doch gerade als ein Ideal, das zu jeder Zeit, in jeder
geschichtlichen Entwicklungsphase empfohlen werden konnte, war der
Sozialismus nichts als ein schöner Traum vereinzelter
Menschenfreunde, unerreichbar wie der luftige Schein des
Regenbogens an der Wolkenwand.
Am
Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts tritt die
sozialistische Idee mit Kraft und Nachdruck auf, diesmal schon als
eine Antwort auf die Schrecken und Verwüstungen, die der
aufkommende industrielle Kapitalismus in der Gesellschaft
anrichtete. Aber auch jetzt ist der Sozialismus im Grunde genommen
nichts andres als das leuchtende ideal einer Gesellschaftsordnung,
die einzelne kühne Geister ersannen und dem grauenhaften Bilde der
kapitalistischen Gesellschaft entgegenstellten. Hören wir den
ersten Vorkämpfer des modernen revolutionären Proletariats, Babeuf
, der während des Niedergangs der Großen Französischen Revolution
einen Handstreich zur gewaltsamen Einführung der kommunistischen
Ordnung vorbereiten wollte, so ist die einzige Tatsache, auf die
er sich zu stützen weiß, die schreiende Ungerechtigkeit der
bestehenden Gesellschaftsordnung. Diese in den düstersten Farben
auszumalen und mit den bittersten Worten zu geißeln, wird er nicht
müde in seinen leidenschaftlichen Artikeln, Pamphleten wie in
seiner Verteidigungsrede vor dem Tribunal der Revolution. Nach
Babeuf genügte die Tatsache, daß die bestehende Gesellschaft
ungerecht und wert sei, daß sie zugrunde geht, damit sie auch
durch die Machtergreifung einer entschlossenen Handvoll Mensch
gestürzt und abgeschafft werden konnte. Es genügte aber leider
auch nur ein Zufall, der Verrat eines Mitverschworenen, um Babeuf
auf Schafott und seinen ganzen Plan zum Scheitern zu bringen.
Babeuf ging in die reaktionäre Sturzwelle unter wie ein schwankes
Schifflein, ohne zunächst eine andre Spur zu hinterlassen als eine
leuchtende Zeile in den Annalen der Zeitgeschichte.
Wesentlich auf derselben Grundlage beruhen die sozialistischen
Ideen, die von Saint-Simon, Fourier und Owen in den 20er und 30er
Jahren mit viel mehr Genie und Glanz vertreten wurden. Freilich,
an eine revolutionäre Machtergreifung zur Verwirklichung des
Sozialismus dachte auch nicht entfernt einer von den drei großen
Denkern mehr. Im Gegenteil waren sie ausgesprochene Anhänger
friedlicher Propagandamittel. Wie sehr sie jedoch von dem
Revolutionär Babeuf in ihrer politischen Stellung und wie sehr sie
voneinander in der Richtung und den Einzelheiten ihrer Ideen
abweichen mochten, das Entscheidende für die Schicksale der
sozialistischen Idee war bei allem ihnen dasselbe: der Sozialismus
der St-Simonisten, Fouriers und Owens wie der von Babeuf war in
seinem Wesen nur Projekt, Erfindung eines genialen
Kopfes, der ihn der geplagten Menschheit zur Verwirklichung
empfahl, um sie aus der Hölle der bürgerlichen
Gesellschaftsordnung zu retten. Die Kritik, die von den drei
großen Utopisten an den bestehenden Verhältnissen geübt wurde, war
unendlich schärfer, gründlicher, schärfer, reicher an Ideen und
Beobachtungen, fruchtbarer und tödlicher als bei Babeuf. Ein
Vierteljahrhundert der ersten ungezügelten Entwicklung der
kapitalistischen Industrie hatte der sozialen Kritik ein ganz
andres reiches Material geboten, als es mitten in den heftigen
Geburtswehen der modernen Gesellschaft, während der großen
Revolution, deren geistiges Kind Babeuf war, erst sichtbar werden
konnte. Allein auch diese Kritik war im wesentlichen eine Anklage
gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, ihre Beurteilung und
Verurteilung vom Standpunkte der Moral und der Vernunft. Und
gerade deshalb schwebten alle diese sozialistischen Lehren in der
Luft. Denn gegen die abstrakte Idee der Gleichheit, der
Menschenliebe versündigten sich die gesellschaftlichen
Verhältnisse seit Jahrtausenden, seit das Privateigentum und die
Klassenherrschaft bestanden. Die Ausbeutung und die Knechtung
behaupteten sich, gediehen, wuchsen und wechselten anscheinend
bloß mit der Fortschritt der Zeiten ihre besonderen formen, ohne
sich im geringsten um die Gerechtigkeit, Vernunft und dergleichen
schöne Dinge zu kümmern. Und je gründlicher, je eingehender die
großen Apostel des Sozialismus die Grundlagen und die Einzelheiten
der geplanten neuen Gesellschaftsordnung Ausbauten, je tiefer sie
an die Wurzeln der bestehenden Ordnung in ihren Plänen griffen, um
so drohender erhob sich die Frage: Wer und wie soll denn diese
gewaltige Umwälzung vollbringen, die ganze Welt umstülpen? An die
Masse des Proletariats dachten und wendeten sich weder Fourier
noch St-Simon, die es auch nur zu kleinen Sekten gebracht hatten.
Und auch der Einfluß Owens, der an einer Wiedergeburt der
proletarischen Masse arbeitete, ging bald spurlos verloren.
Zwischen den elementaren revolutionären Erhebungen des
Proletariats in den 30er und 40er Jahren und der sozialistischen
Propaganda bestand kein wesentlicher Zusammenhang.
Nicht viel anders wurde es im Wesen der Sache, als in den 40er
Jahren eine neue Generation sozialistischer Theoretiker auftrat,
als in Deutschland Weitling, in Frankreich Proudhon, Louis Blanc,
Blanqui diesmal an die Arbeiterklasse wendeten, um ihr das
sozialistische Evangelium zu predigen. Der Sozialismus blieb bei
allen ihnen ein Zukunftsplan, dessen Hauptstütze die
Nichtswürdigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung und der
jederzeit realisierbar war, sei es durch gewisse schlau ersonnene
wirtschaftliche Einrichtungen mit Staatshilfe, sei es durch eine
geheim vorbereitete politische Machtergreifung durch eine
entschlossene revolutionäre Minderheit.
Das Jahr 1848 sollte der Gipfelpunkt der spontanen revolutionären
Erhebungen der proletarischen Massen und zugleich die Kraftprobe
des älteren Sozialismus in all seinen Spielarten werden. Als das
Pariser Proletariat, aufgewühlt in seinen breiten Schichten durch
die Idee einer gerechten Gesellschaftsordnung, durch Traditionen
der früheren Revolutionskämpfe und durch die verschiedenen
sozialistischen Systeme, seine Machtstellung in der
Februarrevolution benutzte, um die Realisierung einer neuen
„Organisation der Arbeit“, einer „sozialen Republik“ zu fordern,
als es zur Durchführung dieser unklaren Zukunftsprojekte der
provisorischen Regierung die berühmte Frist von „drei Monaten
Hunger“ zugestand, da endet der Versuch nach Monaten geduldigen
Harrens mit einer furchtbaren Niederlage des Proletariats. In der
unvergeßlichen Junischlächterei wurde die Idee einer jederzeit
realisierbaren „sozialen Republik“ im Blute des Pariser
Proletariats ertränkt, um einen ungeahnten Aufschwung der
Kapitalherrschaft unter dem zweiten Kaiserreich Platz zu machen.
auf den zerschmetterten Barrikaden des Juni 1848, unter den
Leichenhügeln der hingemordeten Pariser Proletarier schien das
Ideal der sozialistischen Gesellschaftsordnung endgültig erdrückt
und niedergestampft, die Aussichtslosigkeit des Sozialismus vor
aller Welt erwiesen zu sein.
Allein um dieselbe Zeit, wo der Sozialismus alter Schulen eine
endgültige Niederlage erlitten hatte, wurde die sozialistische
Idee von Marx und Engels bereits auf eine ganz
neue Basis gestellt: Das
Kommunistische Manifest brachte der Welt der
Ausgebeuteten eine neue Kunde. Marx und Engels suchten Stützpunkte
für das sozialistische Ideal weder in der moralischen
Verwerflichkeit der heutigen Gesellschaft noch im Ausklügeln eine
möglichst verlockenden Zukunftsprojekts. Sie wendeten sich an die
Untersuchung der wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen
Gesellschaft. hier entdeckten sie den Punkt, an dem der Hebel der
sozialistischen Umwälzung angesetzt werden kann. In den Gesetzen
des kapitalistischen Wirtschaft deckte Marx die wirkliche Quelle
der Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats auf, denen es
nimmermehr entrinnen kann, solange kapitalistisches Privateigentum
und Lohnsystem bestehen werden. Hier deckte er aber auch die
Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Produktion auf, die durch
ihre eigne eherne Logik dazu führen, bei einem gewissen Reifegrad
den Untergang der Kapitalherrschaft und die Verwirklichung des
Sozialismus unvermeidlich zu machen, wenn anders die ganze
Kulturgesellschaft nicht ihrer Vernichtung entgegengehen soll.
Damit wurde das sozialistische Ideal zum erstenmal auf eine
wissenschaftliche Grundlage gestellt und als geschichtliche
Notwendigkeit aufgezeigt. Zugleich Wiesen Marx und Engels als
ein Ergebnis derselben ökonomischen Untersuchung nach, daß das
moderne Lohnproletariat aller Länder, die internationale
Arbeiterklasse, geschichtlich dazu berufen ist, diese große
soziale Umwälzung als ihre eigne revolutionäre Tat durchzuführen,
wenn die ökonomische Entwicklung des Kapitalismus die
erforderliche Reife erreicht haben wird.
Doch mit diesen epochemachenden Gedanken, die er im
Manifest, im
Kapital, in den
zahlreichen andern Schriften niedergelegt hat, ist das Werk
Marxens wie seines Freundes und Mitkämpfers nicht erschöpft. In
der materialistischen Geschichtsauffassung und ihrem fruchtbarsten
Stück, der Lehre vom Klassenkampf, hat Marx dem Proletariat einen
untrügliche Wegweiser für seine Tageskämpfe mitten durch die
Wirrnis der Politik und durch den trügerischen Mummenschanz der
Parteien gegeben. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber
sie machen sie nicht aus freien Stücken. Mit diesen Worten verwies
Marx die revolutionäre Arbeiterklasse auf die objektiven
gesellschaftlichen Bedingungen ihres Tuns, auf das geschichtlich
Mögliche, an das ihr Streben jederzeit gebunden ist. Mit dieser
Lehre hat er ihr auch die Orientierung über die wirklichen
Interessen, Bestrebungen, Wege und ziele ihrer Gegner, der
bürgerlichen Klassen und Parteien, ermöglicht. Endziel wie
Tageskampf des Proletariats, Programm wie Taktik des Sozialismus
sind durch Marx zum erstenmal auf die eherne Basis des Prinzips
des wissenschaftlichen Erkenntnis gestellt, der Gesamtbewegung der
internationalen Arbeiterklasse dadurch die Festigkeit, Wucht und
Stetigkeit verliehen worden, die sie zur gewaltigsten,
beispiellosen Massenbewegung der Weltgeschichte machen.
Aber auch die erste tapfere Vorhut dieser Weltgeschichtlichen
Massenbewegung selbst organisiert zu haben ist das unsterbliche
Verdienst von Marx und Engels. Durch die Gründung der
Internationale haben sie zu der Fülle ihrer theoretischen Lehren
an das Proletariat auch noch ein glänzendes praktisches Muster
gefügt, an dem die Ausgebeuteten lernen konnten, sich gegen eine
Welt zu schlagen, den Blick stets auf das unverrückbare Endziel
gerichtet und aus jeder äußeren Niederlage nur Kräfte sammelnd zu
weitern Schlachten – bis zum endgültigen, entscheidenden Siege.
Wenn Marx und Engels die Proletarier aller Länder vereinigt haben,
so hat für die deutsche Arbeiterklasse Lassalle diese Fahne als
Sammelzeichen zu einer entschlossenen politischen Tat
vorausgetragen. Hat Marx dem internationalen Proletariat die
Grundsätze des Klassenkampfes als wissenschaftliche Vermächtnis
hinterlassen, so hat Lassalle das deutsche Proletariat als Klasse
zuerst politisch von der bürgerlichen Gesellschaft geschieden und
für den revolutionären Kampf organisiert. und hatte Marx der
Revolutionsmacherei alten Stils den Riegel vorgeschoben mit den
Worten, die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie
machen sie nicht aus freien Stücken, so legte Lassalle mit
umgekehrter Betonung, aber mit gleichem Recht den Nachdruck auf
die befruchtende Initiative, auf die revolutionäre Energie und
Entschlossenheit, indem er den deutschen Arbeitern mit flammenden
Worten predigte: Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus
freien Stücken, aber sie machen sie selbst!
In
diesem Jahre, wo zum dreißigsten Male der Todestag Marxens und zum
fünfzigsten Male die Geburtsstunde der Lassalleschen Agitation
wiederkehrt, hat die deutsche Arbeiterklasse allen Grund, ihrer
drei großen Meister, deren historisches Werk nicht voneinander zu
trennen ist, in Dankbarkeit zu gedenken. Die verflossenen
Jahrzehnte haben unser Kampffeld unendlich erweitert, unsre Reihen
hundertfach vermehrt, aber auch unsre Aufgaben ins riesenhafte
gesteigert. Die kapitalistische Reife, die Marx in den 60er Jahren
an der Hand der englischen Verhältnisse studierte und beschrieb,
erscheint als unbeholfene, lallende Kindheit, gemessen an der
heutigen weltumspannenden Herrschaft des Kapitals und an der
verzweifelten Waghalsigkeit seiner jetzigen imperialistischen
Schlußphase. Und der letzte Lebensodem der kapitalistischen Welt,
der bürgerliche Liberalismus, dessen greisenhaften Händen Lassalle
vor 50 Jahren das Zepter in der Führung der Arbeiterklasse entriß,
erscheint als eine Art kraftstrotzender Titan, verglichen mit
seinem heutigen verwesenden Kadaver. Den theoretischen und
politischen Lehren der Meister des wissenschaftlichen Sozialismus
hat der Gang der geschichtlichen Entwicklung in allen Stücken ein
glänzendes Zeugnis gegeben. Und Heute, mitten in den blutigen
Delirien und Konvulsionen des waffenstarrenden und völkermordenden
Imperialismus naht immer sichtbarer die Stunde, wo die Schlußworte
des Marxschen Kapitals
in die Erfüllung gehen müssen:
Mit der beständig abnehmenden Zahl der
Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses
Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die
Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung,
der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden
und durch den Mechanismus des kapitalistischen
Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und
organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel
der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die
Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung
der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden
mit ihrer kapitalistischen Hülle. sie wird gesprengt. Die Stunde
des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Epropriateurs
werden expropriiert.
Mehr als je tut uns deshalb heute not, in der
Praxis miteinander zu verbinden, was jene Meister als teuerste
Hinterlassenschaft vermacht haben: theoretische Vertiefung, um
unsern Tageskämpfe nach dem festen Steuer des Prinzips zu lenken,
und entschlossene revolutionäre Tatkraft, damit die große Zeit,
der wir entgegengehen, nicht ein kleines Geschlecht findet.
  
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"Unser Marx" |
|
von Antonio Gramsci, 1918 |
Sind wir Marxisten? Gibt es Marxisten?
Dummheit, du allein bist unsterblich. Die Frage wird
wahrscheinlich in diesen Tagen anläßlich des hundertsten
Jahrestages wieder aufgegriffen werden und mit sich bringen, daß
Flüsse von Tinte und von Torheiten vergossen werden. Lobhudelei
und Byzantinismus sind ein unvergängliches Erbe der Menschen.
Marx hat keinen kurzgefaßten Katechismus geschrieben, er war
kein Messias, der eine Aneinanderreihung von Parabeln
hinterlassen hätte, die kategorische Imperative, unbestrittene,
absolute, außerhalb der Kategorien von Zeit und Raum stehende
Normen enthalten. Der einzige kategorische Imperativ, die
einzige Norm: „Proletarier der ganzen Welt, vereinigt Euch!“ Die
Pflicht der Organisation, die Propaganda der Pflicht, sich zu
organisieren und zu vereinigen, sollte demnach das
Unterscheidungsmerkmal zwischen Marxisten und Nichtmarxisten
sein. Dies ist sehr wenig und sehr viel: wer wäre nicht Marxist?
Und doch ist es so: alle sind Marxisten, ein wenig, unbewußt.
Marx ist groß gewesen, er ist in seiner Tätigkeit fruchtbar
gewesen, nicht, weil er aus dem Nichts etwas erfunden hätte,
nicht, weil er aus seiner Phantasie eine originelle Vision der
Geschichte abgeleitet hätte, sondern weil bei ihm das
Fragmentarische, das Unvollständige, das Unreife zur Reife, zum
System, zur Bewußtheit gelangte. Seine persönliche Bewußtheit
kann zur Bewußtheit aller werden, sie wurde schon zur Bewußtheit
vieler: aus diesem Grunde ist er nicht nur ein Gelehrter, er ist
ein Mann der Tat; er ist groß und fruchtbar in der Aktion wie im
Denken. Seine Bücher haben die Welt ebenso verändert wie sie das
Denken verändert haben.
Marx bedeutet Eingang der Intelligenz in die Geschichte der
Menschheit, ins Reich der Bewußtheit.
Sein Werk fällt gerade in jene Periode, in der sich die große
Auseinandersetzung zwischen Thomas Carlyle und Herbert Spencer
über die Rolle des Menschen in der Geschichte abspielte.
[2]
Carlyle: der Held, die große Individualität, mystische Synthese
einer geistigen Gemeinschaft, die die Schicksale der Menschheit
auf einen unbekannten Ausgangspunkt hinführt, verschwimmend im
trügerischen Lande der Perfektion und der Heiligkeit. Spencer:
die Natur, die Evolution, mechanische und leblose Abstraktion.
Der Mensch: Atom eines natürlichen Organismus, der sich einem
abstrakten Gesetz als solchem unterordnet, aber der, historisch,
konkret wird in den Individuen: das unmittelbar Nützliche.
Marx etabliert sich in der Geschichte mit der soliden Quadratur
eines Giganten: er ist weder ein Mystiker noch ein
positivistischer Metaphysiker; er ist ein Historiker, er ist ein
Interpret der Dokumente der Vergangenheit, aller Dokumente,
nicht nur eines Teils von ihnen. Darin bestand der immanente
Mangel der Geschichtsdarstellungen, der Untersuchungen der
menschlichen Ereignisse: nur einen Teil der Dokumente zu prüfen
und zu berücksichtigen. Und dieser Teil wurde ausgewählt nicht
durch die historische Absicht, sondern durch das parteiische
Vorurteil, und zwar auch unbewußt und in gutem Glauben. Die
Untersuchungen hatten nicht die Wahrheit, nicht die Genauigkeit,
die umfassende Wiederherstellung des Lebens der Vergangenheit
zum Ziel, sondern die Hervorhebung einer besonderen Aktivität,
die positive Bewertung einer apriorischen These. Die Geschichte
war nur Herrschaft der Ideen. Der Mensch wurde als Geist, als
reines Bewußtsein betrachtet. Aus dieser Konzeption ergaben sich
zwei irrige Konsequenzen: die hervorgehobenen Ideen waren häufig
nur willkürliche, fiktive. Die Tatsachen, denen man Wichtigkeit
beimaß, waren anekdotisch, keine Geschichtsdarstellung. Wenn
Geschichte im wirklichen Sinne des Wortes geschrieben wurde, so
war das der genialen Intuition einzelner Leute geschuldet, nicht
einer systematischen und bewußten wissenschaftlichen Arbeit.
Bei Marx bleibt die Geschichte eine Herrschaft der Ideen, des
Geistes, der bewußten Tätigkeit der einzelnen oder assoziierten
Menschen. Doch erhalten die Ideen, der Geist einen Inhalt, sie
verlieren ihren willkürlichen Charakter, sie sind nicht mehr
fiktive religiöse oder soziologische Abstraktionen. Ihr Wesen
liegt in der Ökonomie, in der praktischen Tätigkeit, in den
Systemen und den Verhältnissen der Produktion und des
Austauschs. Die Geschichte als Ereignis ist reine praktische
Tätigkeit (ökonomische und moralische). Eine Idee verwirklicht
sich nicht, indem sie logischerweise der reinen Wahrheit, der
reinen Menschlichkeit (die nur als Programm, als generelles
ethisches Ziel der Menschen existiert) entspricht, sondern indem
sie in der ökonomischen Realität ihre Rechtfertigung, das
Mittel, sich zu bestätigen, findet. Um mit Exaktheit zu
begreifen, welches die historischen Ziele eines Landes, einer
Gesellschaft, einer Gruppierung sind, muß man vor allem
begreifen, welches die Systeme und die Verhältnisse der
Produktion und des Austauschs dieses Landes, dieser Gesellschaft
sind. Ohne dieses Verständnis kann man Teilmonographien,
nützliche Dissertationen zur Geschichte der Landwirtschaft
zusammenstellen, abgeleitete Überlegungen zusammenfügen,
entfernte Schlußfolgerungen ziehen, aber man wird keine
Geschichte zustande bringen, nicht der praktischen Tätigkeit in
deren Geschlossenheit auf den Grund gehen.
Die Idole stürzen von ihren Altären, die Götter sehen die Wolken
wohlriechenden Weihrauchs sich auflösen. Der Mensch erlangt das
Bewußtsein der objektiven Realität, er eignet sich das Geheimnis
an, das den realen Ablauf der Ereignisse verursacht. Der Mensch
erkennt sich selbst, er weiß, was sein individueller Wille wert
ist und wie dieser größeres Gewicht erhalten kann, indem er der
Notwendigkeit untergeordnet, dienstbar gemacht wird, er erreicht
den Punkt, wo er die Notwendigkeit selbst beherrscht, indem er
sie mit dem eigentlichen Ziel in Übereinstimmung bringt. Wer
kennt sich selbst? Nicht der Mensch schlechthin, sondern jener,
der sich dem Joch der Notwendigkeit beugt. Die Erforschung des
Wesens der Geschichte, ihre Einordnung in das System und in die
Verhältnisse von Produktion und Austausch decken auf, wie die
menschliche Gesellschaft sich in Klassen gespalten hat. Die
Klasse, die die Produktionsmittel besitzt, kennt sich
notwendigerweise selbst, sie hat, wenn auch konfus und
fragmentarisch, das Bewußtsein ihrer Macht und ihrer Mission.
Sie hat individuelle Ziele, und sie realisiert sie vermittels
ihrer Organisiertheit, und zwar kaltblütig, objektiv, ohne sich
Sorgen zu machen, ob ihr Weg mit hungergeplagten Leibern oder
mit Leichen der Schlachtfelder gepflastert ist.
Die Systematisierung der realen historischen Kausalität erlangt
den Wert einer Offenbarung für die andere Klasse, wird zum
Ordnungsprinzip für die unübersehbare Herde ohne Hirten. Die
Herde erlangt Bewußtsein ihrer selbst, Bewußtsein der Aufgabe,
die sie unmittelbar in Angriff nehmen muß, weil die andere
Klasse sich durchsetzt, sie erlangt Bewußtsein, daß ihre
individuellen Ziele so lange reine Willkür, bloße Worte,
zielloses emphatisches Suchen bleiben, wie sie nicht die Mittel
besitzt, wie das Suchen nicht zu einem Wollen wird.
Voluntarismus? Das Wort bedeutet nichts, oder es wird im
willkürlichen Sinne gebraucht. Wollen, marxistisch verstanden,
bedeutet Bewußtheit des Zieles, was seinerseits exakte Kenntnis
der eigenen Kraft und der Mittel bedeutet, diese in die Aktion
umzusetzen. Es bedeutet deshalb in erster Linie Unterscheidung,
Verselbständigung der Klasse, es bedeutet ein politisches Leben,
unabhängig von der anderen Klasse, geschlossene und
disziplinierte Organisiertheit für die eigenen spezifischen
Ziele, ohne Abweichungen und Schwankungen. Es bedeutet einen
geradlinigen Impuls in Richtung auf das höchste Ziel, ohne
Glockengeläut auf grünen abgelegenen Wiesen, die, um aus dem
Glas herzlicher Brüderschaft zu trinken, voller zarter grüner
Gräser und sanfter Bekenntnisse der Achtung und Liebe sind.
Das Adverb „marxistisch“ ist jedoch unnütz, und es kann sogar
Raum bieten für Mißverständnisse und eitlen Wortschwall.
Marxistisch ... ist Adjektiv und Adverb, die wie durch viele
Hände gehende Münzen abgenutzt sind.
[3]
Karl Marx ist für uns Lehrer des geistigen und moralischen
Lebens, kein mit einer Rute bewaffneter Hirte. Er rüttelt die
geistige Trägheit auf, er weckt die guten Kräfte, die schlummern
und für die gute Schlacht entfacht werden müssen. Er ist ein
Beispiel für intensive und hartnäckige Arbeit, um die klare
Wahrhaftigkeit der Ideen, die solide Kultur zu erreichen, die
erforderlich ist, damit man nicht ins Leere, nicht in
Abstraktionen spricht. Er ist ein monolither Block wissender und
denkender Menschlichkeit, der die Zunge nicht hütet, um zu
sprechen, der nicht die Hand aufs Herz legt, um zu fühlen, der
vielmehr eiserne Schlußfolgerungen formuliert, die die
Wirklichkeit in ihrem Wesen erfassen und sie beherrschen, die in
die Hirne eindringen, die die Sedimente aus Vorurteilen und
vorgefaßten Ideen erschüttern und den moralischen Charakter
stärken.
Karl Marx ist kein Baby, das in der Wiege plärrt, und kein
bärtiger Geselle, der die Priester in Furcht versetzt. Es
handelt sich nicht um jemand mit einer Biographie aus
anekdotischen Episoden, mit brillierenden und plumpen
Ausdrucksformen seiner menschlichen Natur. Er ist ein
vielseitiger und klar denkender Geist, er ist ein
personifizierter Moment der angestrengten säkularen Forschungen,
die die Menschheit unternahm, um die Erkenntnis ihres Seins und
ihres Werdens zu gewinnen, um den mysteriösen Rhythmus der
Geschichte zu erfassen und das Mysterium zu enthüllen, um
stärker im Denken zu sein und besser wirksam zu werden. Es ist
ein notwendiger und integrierter Teil unseres Geistes, den es so
nicht gäbe, wenn er nicht gelebt, nicht gedacht hätte, wenn er
nicht mit der Kraft seiner Hingabe und seiner Ideen, seiner
Leiden und seiner Ideale Funken des Lichts verbreitet hätte.
Indem das internationale Proletariat Karl Marx anläßlich der
hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages würdigt, würdigt es
sich selbst, seine bewußte Kraft, die Dynamik seiner auf
Errungenschaften gerichteten Angriffsbereitschaft, die die
Herrschaft der Privilegiertheit offenlegt und den Endkampf
vorbereitet, der alle Anstrengungen und alle Opfer krönen wird.
Anmerkungen:
l. Dieser
Artikel erschien anläßlich des hundertsten Geburtstages von Karl
Marx in der Wochenzeitung der Turiner Sektion der
Sozialistischen Partei Grido
del Popolo (Ruf des
Volkes) vom 4. Mai 1918, deren Direktor zu jener Zeit
Gramsci selbst war. Jüngste Veröffentlichungen des Artikels
finden sich in: Antonio Gramsci:
Scritti politici,
Hrsg. von Paolo Spriano, Bd.l, Rom 1973, S. 170-173. – Antonio
Gramsci: Il nostro Marx,
1918-1919. Hrsg. von
Sergio Caprioglio, Turin 1984, S.3-7.
2.
Gramsci nimmt hier Bezug auf entsprechende Überlegungen von
Antonio Labriola in der Schrift Del materialismo storico.
Dilucidazione preliminare aus dem Jahre 1896 (Über den
historischen Materialismus. Einleitende Erläuterungen).
Siehe Antonio Labriola: La
concezione materialistica della storia, Bari 1965,
S.142/143.
3. Diese
überraschend scheinende Interpretation Gramscis erklärt sich aus
seiner Abgrenzung von den dominierenden Auffassungen der Führer
der II. Internationale, die das Attribut „marxistisch“ für sich
beanspruchten, nach Gramscis Meinung dogmatisch und für den
Bankrott der Internationale verantwortlich waren.

Persönliches über Karl Marx
Die älteste Tochter von Karl Marx, die nach ihrer Mutter Jenny
genannt wurde, führte in London eine Art "Poesiealbum" (oder
"Stammbuch"), in das sich FreundInnen und Verwandte eintrugen.
Auch ihr Vater ist in diesem Büchlein mit einigen Antworten zu
den darin vorgegebenen Fragebögen eingetragen. Hier also Marx'
"persönliche Bekenntnisse":
|
Frage |
Antwort |
|
Ihre
Lieblingstugend |
Einfachheit |
|
Ihre
Lieblingstugend beim Mann |
Kraft |
|
Ihre
Lieblingstugend bei der Frau |
Schwäche |
|
Haupteigenschaft |
Zielstrebigkeit |
|
Auffassung vom
Glück |
- |
|
Auffassung vom
Unglück |
- |
|
Das Laster, das
Sie entschuldigen |
Leichtgläubigkeit |
|
Das Laster, das
Sie verabscheuen |
Kriecherei |
|
Abneigung |
Martin Tupper,
Veilchpuder |
|
Lieblingsbeschäftigung |
in Büchern wühlen |
|
Lieblingsdichter |
Dante, Äschylos,
Shakespeare, Goethe etc. |
|
Lieblingsschriftsteller |
Diderot, Lessing,
Hegel, Balzac, Spartacus, Kepler |
|
Lieblingsheldin |
Gretchen |
|
Lieblingsblume |
Lorbeer |
|
Lieblingsfarbe |
Rot |
|
Augen- und
Haarfarbe |
Schwarz |
|
Namen |
Jenny, Laura |
|
Lieblingsgericht |
Fisch |
|
Personen aus der
Geschichte, die Sie am meisten verabscheuen |
- |
|
Lieblingsmaxime |
Nihil humani a me
alienum puto. [lat.: Nichts
Menschliches ist mir fremd.] |
|
Lieblingsmotto |
De omnibus
dubitandum. [lat.: An allem ist zu
zweifeln.] |
Prominente Meinungen über Karl
Marx...
Stefan Zweig (1933): „Ich habe
das Werk von Karl Marx zuerst auf der Universität kennengelernt, und
es war mir eine Wohltat, nach allen abstrakten Weltdeutungen, wie die
von Hegel und Schelling, endlich ein geistiges Werk kennenzulernen,
das unmittelbar ins Leben blickte und sein Material nichts aus dem
Historischen, sondern aus der Zukunft nahm. Die großartig zwingende
Logik, die unbarmherzige Art der Diagnostik und vor allem die
prophetische Art der Problemstellung, machten mir zutiefst einen
Eindruck, und ich begriff zutiefst die ganze explosive,
zeiterschütternde Kraft, welche auf diesen paar hundert Seiten wie
Ekrasit zusammengeballt war.“
  
George Bernard Shaw (1911):
„Ferner war es vor fünfundzwanzig Jahren unter den englischen
Sozialisten Mode, zu behaupten, Karl Marx und Friedrich Engels gelesen
zu haben (wie man sagt, grassiert diese Mode in Deutschland noch immer
unter den älteren Sozialdemokraten), und den berühmten ersten Band des
‚Kapital’ habe ich tatsächlich gelesen, nur um zu entdecken, dass
dieses Buch sonst niemand gelesen hatte und dass es kein Wort über den
Gegenstand des Sozialismus enthält; aber ich rechne Marx weder zu den
deutschen, noch wahrhaftig zu den Autoren irgendeiner Nationalität. Er
gehörte zur Antibourgeoisie, und sein Schlachtruf lautete:
‚Antibourgeois aller Länder, vereinigt euch zum Kampfe!’, was sie noch
immer alle drei Jahre tun. Die Welt ist Marx zu großem Dank
verpflichtet für seine Darstellung der Selbstsucht und Dummheit jener
geachteten Mittelklasse, welche in Deutschland und England angebetet
wird, und ‚Das Kapital’ ist eines der Bücher, das den Sinn der
Menschen ändert, wenn man sie dazu bringen kann, es zu lesen.“
 
Georg Lukács (1933): „Es sind
über dreißig Jahre vergangen, seit ich als Knabe das ‚Kommunistische
Manifest’ zum ersten Male las. Die fortschreitende – wenn auch
widerspruchsvolle nicht geradlinige – Vertiefung in die Schriften von
Marx ist die Geschichte meines ganzen Lebens geworden, soweit es für
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