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Karl Marx

 

 

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Karl Marx - biografische Notizen

Marx, Karl Heinrich, Philosoph und Nationalökonom, mit Friedrich Engels Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus, geboren am 5. Mai 1818 in Trier, gestorben am 14. März 1883 in London. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, der Philosophie und der Geschichte wandte sich Marx der Philosophie, insbesondere jener Hegels zu. 1842/43 war er Redakteur der linksliberalen „Rheinischen Zeitung“ bis zu ihrem Verbot (Verbindung mit Arnold Ruge, Ludwig Feuerbach, Moses Hess). 1843 heiratete er Jenny von Westphalen. Unter dem Einfluss von Feuerbachs Materialismus wandte er sich von Hegels idealistischer Philosophie ab („Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“, 1843/44) und, seit 1843 in Paris („Deutsch-französische Jahrbücher“, 1844, zusammen mit Ruge), dem Sozialismus zu (Bekanntschaft mit Vertretern des französischen Sozialismus und mit Heinrich Heine). Hier begann die Freundschaft und Zusammenarbeit mit Friedrich Engels. Nach der Ausweisung aus Frankreich 1845 siedelte Marx nach Brüssel über und setzte sich kritisch mit den Linkshegelianern („Die Heilige Familie“, 1845), Feuerbach u.a. („Die deutsche Ideologie“, 1845/46) und Pierre-Joseph Proudhon („Das Elend der Philosophie“, 1847), z.T. in gemeinsamer Arbeit mit Engels, auseinander. Den politischen Kampf der ArbeiterInnenbewegung unterstützend, schrieb er mit Engels im Auftrag des „Bundes der Kommunisten“ das „Manifest der Kommunistischen Partei“ (1848). 1848 aus Belgien ausgewiesen, lebte Marx kurze Zeit in Köln, wo er die „Neue Rheinische Zeitung“ redigierte (1848/49), und seit 1849 bis zu seinem Tod in London. Die ersten Londoner Jahre standen noch im Zeichen der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, 1851); Marx gab die „Neue Rheinische Revue“ („Klassenkämpfe in Frankreich“) heraus und schrieb viele Artikel für die „New York Tribune“ zur Weltpolitik und Weltwirtschaft. Dann schuf er seine eigentlichen wissenschaftlichen Hauptwerke: „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ (1859) und „Das Kapital“ (Band 1: 1867; Band 2 und 3 herausgegeben von Engels 1885 bzw. 1894). Einige Vorarbeiten dazu wurden erst später veröffentlicht (z.B. die „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, 1844 entstanden, herausgegeben 1932). Marx bestimmte maßgeblich die Erste Internationale und kämpfte v.a. gegen die anarchistischen Strömungen (Michail Bakunin) in ihr. Die Verbindung zur deutschen Sozialdemokratie wurde u.a. durch die „Kritik des Gothaer Programms“ (1875) aufrechterhalten. In den letzten Lebensjahren fand Marx seine Anerkennung als führender Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus.
   
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"Marx, Heinrich Karl"

von Friedrich Engels, 1892 (MEW 22, S. 337-345)

 

Marx, Heinrich Karl, wurde geboren in Trier am 5. V. 1818 als der Sohn des Advokatanwalts und späteren Justizrats Heinrich Marx, der, wie aus dem Taufschein des Sohnes ersichtlich, 1824 mit seiner Familie vom Judentum zum Protestantismus übertrat. Nach beendigter Vorbildung auf dem Trierer Gymnasium studierte Karl Marx seit 1835 in Bonn, sodann in Berlin erst Rechtswissenschaft, später Philosophie und promovierte m Berlin als Dr. phil. 1841 mit einer Dissertation über die Philosophie Epikurs. In demselben Jahre siedelte er nach Bonn über, um dort sich als Dozent zu habilitieren, aber die Schwierigkeiten, die die Regierung seinem ebendaselbst als Dozent der Theologie fungierenden Freunde Bruno Bauer in den Weg legte und die mit Bauers Entfernung von der Universität endigten, machten ihm bald klar, daß für ihn kein Platz sei an einer preußischen Hochschule. - Um dieselbe Zeit wurde von den junghegelisch angehauchten jüngeren Elementen der rheinischen radikalen Bourgeoisie, im Einverständnis mit den liberalen Führern Camphausen und Hansemann, die Gründung eines großen Oppositionsblattes in Köln angeregt; Marx und Bauer wurden als tüchtige Hauptmitarbeiter ebenfalls zu Rat gezogen. Eine - damals nötige - Konzession war in der Stille auf Umwegen besorgt, und so erschien die "Rheinische Zeitung" am 1. I. 1842. Marx schrieb von Bonn aus größere Artikel in das neue Blatt; die hauptsächlichsten waren: eine Kritik der Verhandlungen des rheinischen Provinziallandtags, eine Arbeit über die Lage der bäuerlichen Winzer an der Mosel und eine andere über den Holzdiebstahl und die ihn betreffende Gesetzgebung. Im Oktober 1842 übernahm er die Oberleitung des Blattes und siedelte nach Köln über. Von da an erhielt die Zeitung einen scharf oppositionellen Charakter. Allein die Leitung war eine so geschickte, daß trotz der über die Zeitung verhängten erst doppelten, dann dreifachen Zensur (erst der gewöhnliche Zensor, dann der Regierungspräsident, endlich ein von Berlin ad hoc hergesandter Herr von Saint-Paul) die Regierung dieser Art Presse schwer beikommen konnte und sich daher entschloß, das Weitererscheinen der Zeitung vom 1. IV. 1843 an zu untersagen. Durch den an jenem Tage erfolgten Rücktritt Marx' von der Redaktion erkaufte man eine Galgenfrist von drei Monaten, aber dann erfolgte doch die schließliche Unterdrückung des Blattes.

Marx entschloß sich nun, nach Paris zu gehen, wohin auch Arnold Ruge nach der ungefähr gleichzeitig erfolgten Unterdrückung der "Deutschen Jahrbücher" sich wenden wollte. Zuvor aber heiratete er in Kreuznach Jenny von Westphalen, seine Jugendgenossin, mit der er schon seit Beginn seiner Universitätszeit verlobt gewesen war. Das junge Paar kam im Herbst 1843 nach Paris, wo Marx und Ruge die "Deutsch-Französischen Jahrbücher" herausgaben, eine Zeitschrift, von der indes bloß das erste Heft erschien; die Fortsetzung scheiterte teils an den übergroßen Schwierigkeiten der heimlichen Verbreitung in Deutschland, teils an den sehr bald zutage tretenden prinzipiellen Differenzen zwischen den beiden Redakteuren. Ruge blieb im Fahrwasser der Hegelschen Philosophie und des politischen Radikalismus, Marx warf sich aufs Studium der politischen Ökonomie, der französischen Sozialisten und der Geschichte Frankreichs. Das Resultat war sein Übergang zum Sozialismus. Im September 1844 kam Fr. Engels auf einige Tage nach Paris zu Marx; beide waren seit der gemeinsamen Arbeit an den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" in Briefwechsel getreten, und von hier an datiert das Zusammenwirken beider, das nur mit dem Tode von Marx ein Ende nahm. Seine erste Frucht war eine Streitschrift gegen Bruno Bauer, mit dem man, im Verlauf des Zersetzungsprozesses der Hegelschen Schule, ebenfalls prinzipiell auseinandergekommen war: "Die heilige Familie. Gegen B[runo] Bauer und Konsorten", Frankfurt a. M. 1845.

Marx half mit bei der Redaktion eines kleinen deutschen Wochenblattes, das in Paris unter dem Namen "Vorwärts!" erschien und das die Misere des damaligen deutschen Absolutismus und Scheinkonstitutionalismus mit beißendem Spotte überschüttete. Dies war für die preußische Regierung die Veranlassung, vom Ministerium Guizot die Ausweisung von Marx aus Frankreich zu verlangen. Sie wurde bewilligt; Anfang 1845 siedelte Marx nach Brüssel über, wohin bald darauf auch Engels kam. Hier veröffentlichte Marx "Misère de la philosophie. Réponse à la philosophie de la misère de M. Proudhon", Bruxelles et Paris 1847, ferner: "Discours sur la question du libre echange". Bruxelles 1848. Außerdem schrieb er dann und wann Artikel in die "Deutsche-Brüsseler-Zeitung". Im Januar 1848 arbeitete er mit Engels das "Manifest der Kommunistischen Partei" aus im Auftrag der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten, einer geheimen Propagandagesellschaft, der Marx und Engels im Frühjahr 1847 beigetreten waren. Das "Manifest" ist seitdem in unzähligen autorisierten und unautorisierten deutschen Ausgaben erschienen und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt.

Als die Februarrevolution 1848 ausbrach und auch in Brüssel Volksbewegungen hervorrief, wurde Marx verhaftet und aus Belgien ausgewiesen; inzwischen hatte ihn die provisorische Regierung der französischen Republik eingeladen, wieder nach Paris zu kommen, und so kehrte er dorthin zurück.

In Paris trat er zunächst mit seinen Freunden der Legionsspielerei entgegen, die der Majorität der neuen Regierung ein bequemes Mittel bot, sich die "lästig fallenden" fremden Arbeiter vom Halse zu scharfen. Es war klar, daß die so bei hellem Tage organisierten belgischen, deutschen etc. Legionen die Grenze nur überschreiten konnten, um in eine wohlvorbereitete Falle zu gehen, wie dies denn auch tatsächlich der Fall war. Marx und die übrigen Leiter des Kommunistenbundes verschafften an vierhundert arbeitslosen Deutschen dieselbe Reiseunterstützung wie den Legionären, so daß sie ebenfalls nach Deutschland heimkehren konnten.

Im April ging Marx nach Köln, und am 1. VI. erschien dort unter seiner Leitung die "Neue Rheinische Zeitung", die im folgenden Jahre am 19. V. zuletzt herauskam; die Redakteure wurden entweder gerichtlich mit Verhaftung oder als Nichtpreußen mit Ausweisung bedroht. Letzteres Schicksal traf Marx, der während seiner Brüsseler Zeit seine Entlassung aus dem preußischen Staatsverbande genommen hatte. Während des Bestandes der Zeitung hatte er zweimal vor den Geschworenen zu erscheinen, am 7. II. 1849 wegen Preßvergehens und am 8. wegen Aufforderung zum bewaffneten Widerstande gegen die Regierung (zur Zeit der Steuerverweigerung, November 1848); beide Male erfolgte Freisprechung.

Nach der Unterdrückung der Zeitung ging Marx wieder nach Paris, wurde aber nach der Demonstration vom 13. VI. vor die Wahl gestellt, entweder sich in die Bretagne internieren zu lassen oder Frankreich abermals den Rücken zu kehren. Natürlich zog er das letztere vor und ging nach London, wo er nun endgültig seinen Wohnsitz aufschlug.

In London gab er heraus: "Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue", Hamburg 1850, wovon 6 Hefte erschienen sind. Seine Hauptarbeit hierin ist "1848 bis 1849", eine Darstellung der Ursachen und des inneren Zusammenhangs der Ereignisse dieser Jahre, namentlich in Frankreich; ferner (mit Engels zusammen) Rezensionen und politische Übersichten. An die erstere Arbeit schloß sich bald darauf als Fortsetzung "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte", New York 1852, neu aufgelegt Hamburg 1869 und 1885. Der große Kommunistenprozeß in Köln veranlaßte eine weitere Broschüre, "Enthüllungen über den Kölner Kommunistenprozeß", Boston 1853, neueste Auflage Zürich 1885. Von 1852 an war Marx Londoner Korrespondent und jahrelang gewissermaßen Redakteur für Europa der "New-York Tribüne". Seine Artikel sind teils mit seinem Namen unterzeichnet, teils figurieren sie als Leitartikel; es sind nicht gewöhnliche Korrespondenzen, sondern auf gründlichen Studien beruhende, oft eine ganze Artikelreihe umfassende Darlegungen der politischen und ökonomischen Lage der einzelnen europäischen Länder. Die militärischen Aufsätze darunter, über den Krimkrieg, die indische Rebellion etc. sind von Engels. Einige der Marxschen Artikel über Lord Palmerston wurden in London als Broschüren abgedruckt. Diese Mitarbeit an der "Tribüne" nahm erst ein Ende mit dem Amerikanischen Bürgerkriege.

Das Jahr 1859 verwickelte Marx einerseits in eine aus dem italienischen Kriege entspringende Polemik mit Karl Vogt, die ihren Abschluß fand in "Herr Vogt" von Karl Marx, London 1860. Andererseits aber brachte es die erste Frucht seiner jahrelangen ökonomischen Studien im Britischen Museum in der Gestalt des ersten Heftes von "Zur Kritik der Politischen Oekonomie", Berlin 1859. Kaum aber war dies erste Heft erschienen, da entdeckte Marx auch, daß er mit der Detailausführung der Grundgedanken der folgenden Hefte noch nicht vollständig im reinen sei; das noch vorhandene Manuskript ist der beste Beweis dafür. Er fing also sofort wieder von vorn an, und so erschien, statt jener Fortsetzung, erst 1867 "Das Kapital. Erstes Buch: Der Produktionsprozeß des Kapitals", Hamburg 18675.

Während er die ganzen drei Bände des "Kapitals" - das zweite und dritte wenigstens im Entwurfe - ausarbeitete, fand Marx endlich auch wieder eine Gelegenheit zu praktischer Tätigkeit in der Arbeiterwelt. 1864 wurde die Internationale Arbeiterassoziation gegründet. Viele, namentlich Franzosen, haben sich den Ruhm angemaßt, als Gründer dieser Assoziation zu gelten. Es ist selbstredend, daß so etwas nicht von einem allein gegründet werden kann. Aber soviel ist sicher: Unter allen Beteiligten gab es nur einen, der sich klar war über das, was zu geschehen hatte und was zu gründen war, das war der Mann, der schon 1848 den Ruf in die Welt geschleudert: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

Bei der Gründung der Internationale versuchte auch Joseph Mazzini, die sich zusammenfindenden Elemente für seine mystische konspiratorische Demokratie des Dio e popolo |Gott und Volk| zu gewinnen und zu verwerten. Aber der in seinem Namen vorgelegte Entwurf zu Statuten und Inauguraladresse wurde verworfen zugunsten der von Marx redigierten, und von nun an war Marx die Leitung der Internationale gesichert. Von ihm sind sämtliche Erlasse des Generalrates geschrieben, namentlich auch der nach dem Fall der Pariser Kommune erschienene und in die meisten Sprachen Europas übersetzte "Bürgerkrieg in Frankreich".

Es ist hier nicht die Geschichte der Internationale zu erzählen. Es genüge, daß es Marx gelang, Statuten nebst prinzipieller Motivierung zu entwerfen, unter denen französische Proudhonisten, deutsche Kommunisten und englische Neugewerkschaftler einmütig zusammenwirken konnten, und daß die Harmonie der Vereinigung keine Störung erlitt, bis die Leute ans Licht traten, die seitdem jede Arbeiterbewegung zu stören gesucht, die Anarchisten unter Bakunin. Es versteht sich, daß die Macht der Assoziation lediglich in der bisher unerhörten Tatsache der versuchten Vereinigung des europäischen und amerikanischen Proletariats lag; andere als moralische Mittel hatte der Generalrat nicht, sogar nicht einmal Geldmittel, statt der vielberufenen "Millionen der Internationale" verfügte er meist nur über Schulden. Wohl nie ist mit so wenig Geld so viel geleistet worden.

Nach der Kommune war die Internationale in Europa unmöglich geworden. Den Kampf gegen die Regierungen und die in allen Ländern gleich erregte. Bourgeoisie in der bisherigen Form fortzuführen hätte kolossale Opfer gekostet. Dazu der Kampf im Innern der Assoziation selbst gegen die Anarchisten und die zu ihnen neigenden proudhonistischen Elemente. Le jeu ne valait pas la chandelle. |Die Sache war der Mühe nicht wert.| Nachdem also auf dem Haager Kongreß der formelle Sieg über die Anarchisten erkämpft war, schlug Marx vor, den Generalrat nach New York zu verlegen. Die Fortdauer der Assoziation war so sichergestellt für den Fall, daß veränderte Umstände die Wiederaufnahme derselben in Europa nötig machen. Als aber solche Umstände eintraten, war die alte Form veraltet; die Bewegung war der alten Internationale weit über den Kopf gewachsen.

Von jetzt an blieb Marx der öffentlichen Agitation fremd, aber darum nicht minder tätig in der europäischen und amerikanischen Arbeiterbewegung. Er stand in Briefwechsel mit fast allen Führern in den verschiedenen Ländern, die ihn, wenn irgend möglich, bei wichtigen Anlässen persönlich zu Rate zogen; er wurde mehr und mehr der vielgesuchte und stets bereite Berater des streitbaren Proletariats. Bei alledem aber konnte sich Marx jetzt wieder seinem Studium zuwenden, dessen Feld sich inzwischen sehr erweitert hatte. Bei einem Manne, der jeden Gegenstand auf seine geschichtliche Entstehung und seine Vorbedingungen prüfte, entsprangen selbstredend aus jeder einzelnen Frage ganze Reihen neuer Fragen. Urgeschichte, Agronomie, russische und amerikanische Grundbesitzverhältnisse, Geologie etc. wurden durchgenommen, um namentlich den Abschnitt des III. Buches des "Kapitals" über Grundrente in einer bisher nie versuchten Vollständigkeit auszuarbeiten. Zu den sämtlichen germanischen und romanischen Sprachen, die er mit Leichtigkeit las, lernte er auch noch Altslawisch, Russisch und Serbisch. Leider aber verhinderte ihn zunehmende Kränklichkeit an der Verwertung des so gesammelten Stoffes. Am 2. XII. 1881 starb seine Frau, am 11. 1. 1883 seine älteste Tochter, am 14. III. desselben Jahres entschlief er sanft in seinem Lehnstuhl.

 

"Karl Marx"

von W. I. Lenin, 1918

 

Karl Marx wurde am 5.Mai 1818 in Trier (Rheinpreußen) geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt, ein Jude, der 1824 zum Protestantismus übertrat. Die Familie war wohlhabend, gebildet, jedoch nicht revolutionär. Nach Beendigung des Gymnasiums in Trier bezog Marx die Universität, erst in Bonn, dann in Berlin, und studierte Rechtswissenschaft, vor allem aber Geschichte und Philosophie. Er beendete 1841 die Universität mit einer Doktordissertation über die Philosophie Epikurs. Seinen Anschauungen nach war Marx zu dieser Zeit Hegelianer und Idealist. In Berlin gehörte er dem Kreis der "linken Hegelianer" (Bruno Bauer und andere) an, die aus der Hegelschen Philosophie atheistische und revolutionäre Schlußfolgerungen zu ziehen suchten.

 

Nach beendetem Universitätsstudium übersiedelte Marx, auf eine Professur rechnend, nach Bonn. Allein die reaktionäre Politik der Regierung, die Ludwig Feuerbach 1832 um den Lehrstuhl gebracht, 1836 erneut seine Zulassung zur Universität verweigert und 1841 dem jungen Professor Bruno Bauer in Bonn das Vorlesungsrecht entzogen hatte, zwang Marx zum Verzicht auf die Gelehrtenlaufbahn. Die Entwicklung der Ansichten der linken Hegelianer in Deutschland machte zu dieser Zeit sehr rasche Fortschritte. Ludwig Feuerbach insbesondere begann von 1836 an die Theologie zu kritisieren und sich dem Materialismus zuzuwenden, der schließlich 1841 sein Denken völlig beherrschte ("Das Wesen des Christentums"); 1843 erschienen seine "Grundsätze der Philosophie der Zukunft". "Man muß die befreiende Wirkung" dieser Bücher "selbst erlebt haben", schrieb Engels später über diese Feuerbachschen Schriften. "Wir" (d.h. die linke Hegelianer, darunter auch Marx) "waren alle momentan Feuerbachianer".

 

Zu dieser Zeit wurde in Köln von radikalen Bürgern des Rheinlands, die Berührungspunkte mit den linken Hegelianern hatten, ein oppositionelles Blatt gegründet: die "Rheinische Zeitung" (sie begann am 1.Januar 1842 zu erscheinen). Marx und Bruno Bauer wurden als Hauptmitarbeiter herangezogen; im Oktober 1842 wurde Marx Chefredakteur und übersiedelte von Bonn nach Köln. Die revolutionär-demokratische Richtung der Zeitung wurde unter der Redaktion von Marx immer bestimmter; die Regierung unterwarf sie zunächst einer doppelten und dreifachen Zensur und beschloß schließlich die gänzliche Unterdrückung der Zeitung am 1. Januar 1843. Marx sah sich daraufhin zur Niederlegung seines Redakteurpostens genötigt, aber sein Abgang rettete die Zeitung auch nicht, und sie mußte im März 1843 ihr Erscheinen einstellen. Unter den von Marx in der "Rheinischen Zeitung" veröffentlichten größeren Artikeln hebt Engels außer den weiter unten angegebenen auch den über die Lage der Winzer im Moseltal hervor. Die journalistische Tätigkeit hatte Marx gezeigt, daß er mit der politischen Ökonomie nicht genügend vertraut war, und er machte sich daher eifrig an ihr Studium.

 

Im Jahre 1843 vermählte sich Marx in Kreuznach mit Jenny von Westphalen, seiner Jugendfreundin, mit der er schon als Student verlobt war. Seine Frau entstammte einer reaktionären preußischen Adelsfamilie. Ihr älterer Bruder war preußischer Innenminister in einer der reaktionärsten Epochen, 1850-1858. Im Herbst 1843 übersiedelte Marx nach Paris, um im Ausland, gemeinsam mit Arnold Ruge (1802-1880); (linker Hegelianer, 1825 bis 1830 im Gefängnis, nach 1848 Emigrant; nach 1866-1870 Bismarckianer) eine radikale Zeitschrift herauszugeben. Es erschien nur das erste Heft dieser Zeitschrift, der "Deutsch-Französischen Jahrbücher". Schwierigkeiten bei ihrer geheimen Verbreitung in Deutschland und Meinungsverschiedenheiten mit Ruge führten zu ihrer Einstellung. In seinen in dieser Zeitschrift veröffentlichten Aufsätzen tritt Marx bereits als Revolutionär auf, der die "rücksichtslose Kritik alles Bestehenden" und im besonderen die "Kritik der Waffen" verkündete, der an die Massen und an das Proletariat appelliert.

 

Im September 1844 kam für einige Tage Friedrich Engels nach Paris und wurde seit dieser Zeit der nächste Freund von Marx. Beide nahmen gemeinsam den lebhaftesten Anteil an dem damals sehr regen Leben der revolutionären Gruppen in Paris (von besonderer Bedeutung war die Lehre Proudhons, mit der Marx in seinem "Elend der Philosophie", 1847, entschieden abrechnete). In scharfem Kampf gegen die verschiedenen Lehren des kleinbürgerlichen Sozialismus arbeiteten sie die Theorie und Taktik des revolutionären proletarischen Sozialismus oder Kommunismus (Marxismus) aus. (Siehe die Marx'schen Schriften aus dieser Epoche, 1844 bis 1848). Im Jahre 1845 wurde Marx auf Betreiben der preußischen Regierung als gefährlicher Revolutionär aus Paris ausgewiesen. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Brüssel. Im Frühjahr 1847 schlossen sich Marx und Engels einer geheimen Propagandagesellschaft an, dem "Bund der Kommunisten", nahmen hervorragenden Anteil am II. Kongreß dieses Bundes (November 1847 in London) und verfaßten in seinem Auftrag das berühmte, im Februar 1848 erschienene "Manifest der Kommunistischen Partei". Mit genialer Klarheit und Ausdruckskraft ist in diesem Werk die neue Weltanschauung umrissen: der konsequente, auch das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens umfassende Materialismus, die Dialektik als die umfassendste und tiefste Lehre von der Entwicklung, die Theorie des Klassenkampfes und der welthistorischen revolutionären Rolle des Proletariats, des Schöpfers einer neuen, der kommunistischen Gesellschaft.

 

Als die Februarrevolution von 1848 ausbrach, wurde Marx aus Belgien ausgewiesen. Er kam wieder nach Paris, ging aber von hier nach der Märzrevolution nach Deutschland, und zwar nach Köln. Dort erschien vom 1. Juni 1848 bis zum 19. Mai 1849 die "Neue Rheinische Zeitung"; ihr Chefredakteur war Marx. Die neue Theorie wurde durch den Verlauf der revolutionären Ereignisse von 1848/1849 glänzend bestätigt, wie sie auch später durch alle proletarischen und demokratischen Bewegungen in allen Ländern der Welt bestätigt worden ist. Von der siegreichen Konterrevolution wurde Marx zunächst vor Gericht gestellt (am 9. Februar 1849 freigesprochen) und dann aus Deutschland ausgewiesen (16. Mai 1849). Marx begab sich zuerst nach Paris, wurde nach der Demonstration vom 13. Juni 1849 auch von dort ausgewiesen und zog nach London, wo er bis zu seinem Tode lebte.

 

Die Bedingungen des Emigrantenlebens, die durch den Briefwechsel von Marx und Engels (herausgegeben 1913) besonders anschaulich aufgedeckt werden, waren äußerst schwer. Die Not lastete geradezu erdrückend auf Marx und seiner Familie, ohne die ständige aufopfernde finanzielle Unterstützung Engels wäre Marx nicht nur außerstande gewesen, das "Kapital" zu beenden, er wäre auch unvermeidlich in Not und Elend zugrunde gegangen.

 

Außerdem war Marx durch die vorherrschenden Lehren und Strömungen des kleinbürgerlichen und überhaupt des nichtproletarischen Sozialismus ständig zu schonungslosem Kampf, zuweilen zur Abwehr der gehässigsten und absurdesten persönlichen Angriffe genötigt ("Herr Vogt"). Marx hielt sich abseits von den Emigrantenzirkeln und arbeitete in einer Reihe von historischen Schriften seine materialistische Theorie aus; mit besonderem Eifer widmete er sich dem Studium der politischen Ökonomie. Marx revolutionierte diese Wissenschaft (siehe weiter unten die Marxsche Lehre) in seinen Werken "Zur Kritik der politischen Ökonomie" (1859) und "Das Kapital" (Bd. I, 1867).

 

Die Epoche des Neuauflebens der demokratischen Bewegungen Ende der fünfziger und in den sechziger Jahren rief Marx erneut zu praktischer Tätigkeit. 1864 (am 28. September) wurde in London die berühmte I. Internationale gegründet, die "Internationale Arbeiterassoziation". Marx war die Seele dieser Organisation, Verfasser ihrer ersten "Adresse" und einer langen Reihe von Resolutionen, Erklärungen und Manifesten. Indem Marx die Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder zusammenfaßte und die verschiedenen Formen des nichtproletarischen, vormarxistischen Sozialismus (Mazzini, Proudhon, Bakunin, der englische liberale Trade-Unionismus, die lasalleanischen Rechtsschwankungen in Deutschland u.dgl.m.) in die Bahnen gemeinsamen Handelns zu lenken suchte, wobei er die Theorien aller dieser Sekten und Schulen bekämpfte, schmiedete er eine einheitliche Taktik des proletarischen Kampfes der Arbeiterklasse der verschiedenen Länder. Nach dem Fall der Pariser Kommune (1871), die Marx (im "Bürgerkrieg in Frankreich" 1871) so tief, treffend, glänzend, wirksam und in revolutionärem Geiste gewürdigt hat, und nach der Spaltung der Internationale durch die Bakunisten, war ihr Fortbestehen in Europa unmöglich geworden. Nach dem Haager Kongreß der Internationale (1872) setzte Marx die Verlegung des Generalrats der Internationale nach New York durch. Die I. Internationale hatte ihre historische Rolle erfüllt, sie räumte das Feld für eine Epoche unvergleichlich größeren Wachstums der Arbeiterbewegung in allen Ländern der Welt: die Epoche ihrer Entwicklung in die Breite, der Schaffung sozialistischer Massenparteien der Arbeiter auf dem Boden einzelner Nationalstaaten.

 

Die angestrengte Tätigkeit in der Internationale und die noch angestrengteren theoretischen Studien untergruben endgültig Marx' Gesundheit. Er setzte seine Neubearbeitung der politischen Ökonomie und die Fertigstellung des "Kapitals" fort, sammelte zu diesem Zweck eine Menge neuer Materialien und studierte mehrere Sprachen (z.B. die russische); doch Krankheit hinderte ihn, das "Kapital" zu vollenden.

 

Am 2. Dezember 1881 starb seine Frau. Am 14. März 1883 entschlief Marx still in seinem Lehnstuhl. Er ist neben seiner Frau auf dem Highgate-Friedhof in London beigesetzt. Von Marx' Kindern starben einige im zarten Alter in London, als die Familie große Not litt. Die drei Töchter verheirateten sich mit englischen und französischen Sozialisten: Eleanor Aveling, Laura Lafargue und Jenny Longuet. Der Sohn der letztern ist Mitglied der französischen Sozialistischen Partei.

 

"Karl Marx"

von Rosa Luxemburg, 1903

Vor zwanzig Jahren hat Marx seinen gewaltigen Kopf zur Ruhe gelegt, und trotzdem wir erst vor wenigen Jahren erlebt haben, was man in der Sprache der deutschen Professoren „die Krise des Marxismus“ genannt hat, so genügt ein Blick auf die Massen, die heute dem Sozialismus allein in Deutschland folgen, auf seine Bedeutung im öffentlichen Leben aller sogenannten Kulturländer, um das Werk des Marxschen Gedankens in seiner Riesenhaftigkeit zu fassen.

Käme es darauf an, dasjenige, was Marx für die heutige Arbeiterbewegung getan, in wenigen Worten zu formulieren, so könnte man sagen: Marx hat die moderne Arbeiterklasse als historische Kategorie, d.h. als eine Klasse mit bestimmten geschichtlichen Daseinsbedingungen und Bewegungsgesetzen, sozusagen entdeckt. Vor Marx existierten wohl in den kapitalistischen Ländern eine Masse von Lohnarbeitern, die, durch die Gleichartigkeit ihres sozialen Daseins innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zur Solidarität geführt, tastend nach einem Ausweg aus ihrer Lage und teilweise nach einer Brücke ins gelobte Land des Sozialismus suchten. Marx hat sie erst zur Klasse erhoben, indem er sie durch die besondere historische Aufgabe verband: durch die Aufgabe der Eroberung der politischen Macht zur sozialistischen Umwälzung.

Die Brücke, die Marx zwischen der proletarischen Bewegung, wie sie elementar aus dem Boden der heutigen Gesellschaft emporwächst, und dem Sozialismus errichtet hat, war also: Klassenkampf um die politische Machtergreifung.

Die Bourgeoisie zeigte sich jeher einen sicheren Instinkt, wenn sie besonders die politischen Bestrebungen des Proletariats mit Haß und Furcht verfolgte. Schon im Jahre 1831, als Casimir Perier im November in der französischen Deputiertenkammer über die erste Regung der Arbeiterklasse auf dem Kontinent, über die Revolte der Seidenweber in Lyon, berichtete, sagte er: „Meine Herren, wir können ruhig sein! In der Bewegung der Arbeiter von Lyon ist nichts von Politik zum Vorschein gekommen.“ Jede politische Regung des Proletariats war nämlich für die herrschenden Klassen ein Vorzeichen der herannahenden Emanzipation der Arbeiter von ihrer politischen Bevormundung durch die Bourgeoisie.

Aber erst Marx ist es gelungen, die Politik der Arbeiterklasse auf den Boden des bewußten Klassenkampfes zu stellen und so zur tödlichen Waffe gegen die bestehende Gesellschaftsordnung zu schmieden. Die Basis der heutigen sozialdemokratischen Arbeiterpolitik, das ist nämlich die materialistische Geschichtsauffassung im allgemeinen und die Marxsche Theorie der kapitalistischen Entwicklung im besonderen. Nur für wen das Wesen der sozialdemokratischen Politik und das Wesen des Marxismus gleichermaßen ein Geheimnis ist, kann sich die Sozialdemokratie, überhaupt klassenbewußte Arbeiterpolitik, außerhalb der Marxschen Lehre denken.

Friedrich Engels hat in seinem Feuerbach das Wesen der Philosophie als die ewige Frage nach dem Verhältnis von Denken und Sein, von menschlichem Bewußtsein in der objektiven materiellen Welt formuliert. Übertragen wir die Begriffe von Sein und Denken auf der abstrakten Naturwelt und der individuellen Spekulation, worin die Berufsphilosophen mit der Stange herumfahren, auf das Gebiet des gesellschaftlichen Lebens, so läßt sich in gewissem Sinne dasselbe vom Sozialismus sagen. Er war seit jeher das Tasten, das Suchen nach Mitteln und Wegen, um das Sein mit dem Denken, nämlich die geschichtlichen Daseinsformen mit dem gesellschaftlichen Bewußtsein, in Einklang zu bringen.

Es war Marx und seinem Freunde Engels vorbehalten, die Lösung der Aufgabe zu finden, an der sich Jahrhunderte gemüht haben. Durch die Entdeckung, daß die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften in letzter Linie die Geschichte ihrer Produktions- und Austauschverhältnisse ist und daß die Entwicklung dieser sich unter der Herrschaft des Privateigentums in den politischen und sozialen Einrichtungen als Klassenkampf durchsetzt, durch diese Entdeckung hat Marx die wichtigste Triebfeder der Geschichte bloßgelegt. Damit war erst eine Erklärung für das notwendige Mißverhältnis zwischen dem Bewußtsein und dem Sein, zwischen dem menschlichen Wollen und dem sozialen tun, zwischen den Absichten und den Resultaten in den bisherigen Gesellschaftsformen gewonnen.

Durch den Marxschen Gedanken ist also die Menschheit zuerst hinter das Geheimnis ihres eignen gesellschaftlichen Prozesses gekommen. Durch die Aufdeckung der Gesetze der kapitalistischen Entwicklung war aber ferner auch der Weg gezeigt, den die Gesellschaft aus ihrem naturwüchsigen, unbewußten Stadium, worin sie ihre Geschichte machte, wie die Bienen ihre Wachszellen bilden, in das Stadium der bewußten, gewollten, wahrhaft menschlichen Geschichte geht, worin der Wille der Gesellschaft und ihr tun zum ersten Male in Einklang miteinander kommen, worin, der soziale Mensch zum ersten Male seit Jahrtausenden das tun wird, was er will.

Dieser, um mit Engels zu sprechen, endgültige „Sprung aus dem Tierreich in die menschliche Freiheit“, den für die gesamte Gesellschaft erst die sozialistische Umwälzung verwirklichen wird, vollzieht sich schon innerhalb der heutigen Ordnung – in der sozialdemokratischen Politik. Mit dem Ariadnefaden der Marxschen Lehre in der Hand ist die Arbeiterpartei heute die einzige, die vom historischen Standpunkt weiß, was sie tut, und deshalb tut, was sie will. Darin liegt das ganze Geheimnis der sozialdemokratischen Macht.

Die bürgerliche Welt stutzt seit langem vor der erstaunlichen Unverwüstlichkeit und dem steten Fortschritt der Sozialdemokratie. Von Zeit zu Zeit finden sich einzelne greisenhaften Kindsköpfe, die, durch besondere moralische Erfolge unsrer Politik geblendet, der Bourgeoisie raten, sich an uns „ein Beispiel“ zu nehmen, von der geheimnisvollen Weisheit und dem Idealismus der Sozialdemokratie zu trinken. Sie begriffen nicht, daß, was für die Politik der aufstrebenden Arbeiterklasse Lebensquell und Jungbrunnen der Kraft, für die bürgerlichen Parteien ein tödlich Gift ist.

Denn was ist es in der Tat, das uns vor allem die innere sittliche Kraft gibt, die größten Unterdrückungen, wie ein jahrdutzend des Sozialistengesetzes, mit diesem lachenden Mut zu ertragen und abzuschütteln? Ist er etwa die Zähigkeit der Enterbten in der Verfolgung einer kleinen materiellen Verbesserung ihrer Lage? Das moderne Proletariat ist nicht der Philister, nicht der Kleinbürger, um um der Alltagsbehaglichkeit willen zum Helden zu werden. Wie wenig die bloße Aussicht auf geringe materielle Vorteile in der Arbeiterklasse einen sittlichen Flug in die Höhe zu erzeugen vermag, zeigt die platte, nüchterne Engbrüstigkeit der englischen Trade-Unions-Welt.

Ist es, wie bei den Urchristen, der asketische Stoizismus einer Sekte, der in geradem Verhältnis zu den Verfolgungen immer lichterloher aufflackert? Der moderne Proletarier als Erbe und Zögling der bürgerlichen Gesellschaft ist viel zu sehr geborener Materialist, zu sehr gesund-sinnlicher Fleischesmensch, um der Sklavenmoral entsprechend aus den Martern allein Liebe und Kraft für seine Ideen zu schöpfen.

Ist es endlich die „Gerechtigkeit“ der Sache, die wir führen, was uns so unbezwingbar macht? Die Sache der Chartisten und Weitlingianer, die Sache der utopistisch-sozialistischen Schulen war nicht minder „gerecht“, und doch erlagen sie allesamt gar bald den Widerständen der bestehenden Gesellschaft.

Wenn die heutige Arbeiterbewegung, allen Gewaltstreichen der gegnerischen Welt trotzend, siegreich die Mahnen schüttelt, so ist es vor allem die ruhige Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der objektiven historischen Entwicklung, die Einsicht in die Tatsache, daß „die kapitalistische Produktion ... mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Expropriation“ – nämlich: die Expropriation der Expropriateure, die sozialistische Umwälzung – erzeugt, diese Einsicht ist es, in der sie die feste Bürgschaft des schließlichen Sieges erblickt und aus der sie nicht nur den ungestüm, sondern auch die Geduld, die Kraft zur Tat und den Mut zur Ausdauer schöpft.

Die erste Bedingung einer erfolgreichen Kampfpolitik ist das Verständnis für die Bewegungen des Gegners. Was fibt uns aber den Schlüssel zum Verständnis der bürgerlichen Politik bis in ihre kleinsten Verzweigungen, bis in die Verschlingungen der Tagespolitik, ein Verständnis, das uns gleichermaßen vor Überraschungen wie vor Illusionen bewahrt? Nichts andres als die Erkenntnis, daß man alle Formen des gesellschaftlichen Bewußtseins, in ihrer inneren zerissenheit aus den Klassen- und Gruppeninteressen, aus den Widersprüchen des materiellen Lebens und in letzter Instanz „aus dem vorhandenen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ erklären müsse.

Und was gibt uns die Fähigkeit, unsre Politik neuen Erscheinungen des politischen Lebens, wie z.B. der Weltpolitik, anzupassen und sie vor allem, auch ohne besonderes Talent und Tiefsinn, mit einer Tiefe des Urteils einzuschätzen, die den Kern selbst der Erscheinung trifft, während die talentvollsten Kritiker der Bourgeoisie nur in ihrer Oberfläche tasten oder sich bei jedem Blick in die Tiefe in ausweglose Widersprüche verwickeln? Wiederum nichts andres als der Überblick über den historischen Entwicklungsgang an der Hand des Gesetzes, daß es „die Produktionsweise des materiellen Lebens“ ist, die „den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß bedingt“.

Vor allem aber, was gibt uns einen Maßstab bei der Wahl der einzelnen Mittel und Wege im Kampfe, zur Vermeidung des planlosen experimentierens und kraftvergeudender utopischer Seitensprünge? Die einmal erkannte Richtung des ökonomischen und politischen Prozesses in der heutigen Gesellschaft ist es, an der wir nicht nur unsren Feldzugsplan in seinen großen Linien, sondern auch jedes Detail unsres politischen Strebens messen können. Dank diesem Leitfaden ist es der Arbeiterklasse zum erstenmal gelungen, die große Idee des sozialistischen Endziels in die Scheidemünze der Tagespolitik umzuwechseln und die politische Kleinarbeit des Alltages zum ausführenden Werkzeug der großen Idee zu erheben. Es gab vor Marx eine von Arbeitern geführte bürgerliche Politik, und es gab revolutionär Sozialismus. Es gibt erst seit Marx und durch Marx sozialistische Arbeiterpolitik, die zugleich und im vollsten Sinne beider Wörter revolutionäre Realpolitik ist.

Wenn wir nämlich als Realpolitik eine Politik erkennen, die sich nur erreichbare Ziele steckt und sie mit wirksamsten Mitteln auf dem kürzesten Wege zu verfolgen weiß, so unterscheidet sich die proletarische Klassenpolitik im Marxschen Geiste darin von der bürgerlichen Politik, daß die bürgerliche Politik vom Standpunkte der materiellen Tagespolitik real, während die sozialistische Politik es vom Standpunkte der geschichtlichen Entwicklungstendenz ist. Er ist genau derselbe Unterschied wie zwischen einer vulgärökonomischen Werttheorie, die den Wert als eine dingliche Erscheinung vom Standpunkte des Marktstandes, und der Marxschen Theorie, die ihn als gesellschaftliches Verhältnis einer bestimmten historischen Epoche auffaßt.

Die proletarische Realpolitik ist aber auch revolutionär, indem sie durch alle ihre Teilbestrebungen in ihrer Gesamtheit über den Rahmen der bestehenden Ordnung, in die sie arbeitet, hinausgeht, indem sie sich bewußt nur als das Vorstadium des Aktes betrachtet, der sich zur Politik des herrschenden und umwälzenden Proletariats machen wird.

Auf diese Weise ist alles: die sittliche Kraft, mit der wir die Fährnisse überwinden, unsre Taktik im Kampfe bis in die Einzelheiten, die Kritik, die wir an den Gegnern üben, unser tägliche Agitation, die uns die Massen gewinnt, unser gesamtes Tun bis in die Fingerspitzen, durchdrungen und durchleuchtet von der Lehre, die Marx geschaffen. Und wenn wir uns hie und da der Illusion hingeben, unsre heutige Politik mit all ihrer inneren Macht wäre unabhängig von der Marxschen Theorie, so zeigt sich das nur, daß in unsrer Praxis Marx reden, wie der moliérische Bourgeois Prosa redete, auch wo wir es nicht wissen.

Es genügt, sich die Leistung Marxens vor die Augen zu führen, um zu verstehen, daß Marx sich durch die von ihm im Sozialismus wie in der Arbeiterpolitik herbeigeführte Umwälzung die bürgerliche Gesellschaft zum Todfeind machen mußte. Für die herrschenden Klassen ward es klar: die moderne Arbeiterbewegung überwinden heißt Marx überwinden. Die 20 Jahre seit Marx’ Tode sind eine ununterbrochene Reihe von Versuchen, den Marxschen Geist in der Arbeiterbewegung theoretisch und praktisch zu vernichten.

Die Geschichte der Arbeiterbewegung von Anfang an ringt sich hindurch zwischen dem revolutionär-sozialistischen Utopismus und der bürgerlichen Realpolitik. Den historischen Boden der ersteren bildete die ganz- oder halbabsolutistische, vorbürgerliche Gesellschaft. Der revolutionär-utopistische Abschnitt des Sozialismus in Westeuropa schließt im großen und ganzen mit der – obwohl wir einzelne Rückfälle bis in die neueste Zeit beobachten – Entfaltung der bürgerlichen Klassenherrschaft ab. Die andre Gefahr – das Versinken in der Flickarbeit der bürgerlichen Realpolitik – kommt erst mit der Erstarkung der Arbeiterbewegung auf dem Boden des Parlamentarismus auf.

Aus dem bürgerlichen Parlamentarismus sollten auch Waffen zur praktischen Überwindung der revolutionären Politik des Proletariats entnommen werden, der demokratische Zusammenschluß der Klassen und der soziale Frieden der Reform sollten den Klassenkampf ersetzen.

Und was hat man erreicht? Die Illusion mochte hier und da eine Weile dauern, die Untauglichkeit der bürgerlichen Methoden der Realpolitik für die Arbeiterklasse hat sich sofort erwiesen. Das Fiasko des Ministerialismus in Frankreich, der Verrat des Liberalismus in Belgien, der Zusammenbruch des Parlamentarismus in Deutschland – Schlag auf Schlag ging der kurze Traum der „ruhigen Entwicklung“ in Stücke. Das Marxsche Gesetz der tendenziellen Zuspitzung der sozialen Gegensätze als Grundlage des Klassenkampfes brach sich siegreich Bahn, und jeder Tag bringt neue Zeichen und Wunder. In Holland haben 24 Stunden des Eisenbahnerstreiks wie ein Erdbeben über Nacht einen gähnenden Spalt mitten in der Gesellschaft aufgetan, der Klassenkampf loderte aus ihm empor, und Holland steht in Flammen.

So bricht in einem Lande nach dem andern unter dem „Massentritt der Arbeiterbataillone“ der Boden der bürgerlichen Demokratie, der bürgerlichen Gesetzlichkeit wie eine dünne Eisdecke, um der Arbeiterklasse immer von neuem zum Bewußtsein zu bringen, daß ihre Endbestrebungen nicht auf diesem Boden ausgeführt werden können. Dies ist das Resultat der vielen Versuche, Marx „praktisch“ zu überwinden.

Die theoretische Überwindung des Marxismus haben Hunderte strebsamer Apologeten der Bourgeoisie zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, zum Sprungbrett ihrer Laufbahn. Was haben sie Erreicht? Sie haben es fertiggebracht, in den kreisen der gläubigen Intelligenz die Überzeugung von den „Einseitigkeiten“ und „Übertreibungen“ Marxens hervorzurufen. Aber selbst ernstere unter den bürgerlichen Ideologen, wie Stammler haben eingesehen, daß „gegenüber einer so tief angelegten Lehre“ mit „jenen Halbheiten, mit ‚etwas mehr oder weniger‘“ nichts erreicht werden könne. Allein, was vermag die bürgerliche Wissenschaft der Marxschen Lehre als Ganzes entgegenzustellen?

Seit Marx auf dem Gebiete der Philosophie, der Geschichte und der Ökonomie den historischen Standpunkt der Arbeiterklasse zur Geltung gebracht hat, ist der bürgerlichen Forschung auf diesen Gebieten der Faden abgeschnitten. Die Naturphilosophie im klassischen Sinne ist zu Ende. die bürgerliche Geschichtsphilosophie ist zu Ende. Die wissenschaftliche Nationalökonomie ist zu Ende. In der Geschichtsforschung hat, wo nicht unbewußter oder inkonsequenter Materialismus herrscht, die Stelle jeder einheitlichen Theorie ein in allen Farben schillernder Eklektizismus, also Verzicht auf einheitliche Erklärung des Geschichtsprozesses, d.h. auf Geschichtsphilosophie überhaupt, eingenommen. Die Ökonomie schwankt zwischen zwei Schulen, der „historischen“ und der „subjektiven“, von denen die eine ein Protest gegen die andre, beide ein Protest gegen Marx sind, wobei die eine, um Marx zu negieren, die ökonomische Theorie, d.h. die Erkenntnis auf diesem Gebiete, prinzipiell negiert, die andre aber die einzige – objektive – Forschungsmethode negiert, die die Nationalökonomie erst zur Wissenschaft gemacht hat.

Freilich bringt noch die sozialwissenschaftliche Büchermesse nach wie vor jeden Monat ganze Berge von Erzeugnissen bürgerlichen Fleißes, und von strebsamen modernen Professoren werden die dickleibigsten Bände mit echt großkapitalistischer, maschinenmäßiger Geschwindigkeit auf den Markt geworfen. Aber es sind entweder fleißige Monographien, wo sich die Forschung wie der Vogel Strauß mit dem Kopfe in den Sand der kleinen Splittererscheinungen begräbt, um keine größeren Zusammenhänge sehen zu müssen und nur für den Tagesbedarf zu arbeiten, oder wo Gedanken und „Sozialtheorien“ simuliert werden, da ist es im letzten Schluß immer nur ein Reflex des Marxschen Gedankens, unter überladen Flitterverzierungen im Geschmack der „modernen“ Basarware versteckt. Ein selbständiger Gedankenflug, ein kühner Blick ins Weite, eine belebende Deduktion ist nirgends zu finden.

Und wenn der soziale Fortschritt wieder eine Reihe neuer wissenschaftlicher Probleme aufgestellt hat, die ihrer Lösung noch harren, so ist es wiederum nur die Marxsche Methode, die eine Handhabe zu ihrer Lösung bietet.

Es ist also allenthalben nur Theorielosigkeit, was die bürgerliche soziale Wissenschaft der Marxschen Theorie, Erkenntnisskepsis, was sie der Marxschen Erkenntnis entgegenzustellen vermag. Die Marxsche Lehre ist ein Kind der bürgerlichen Wissenschaft, aber die Geburt dieses Kindes hat der Mutter das Leben gekostet.

Somit hat in der Theorie wie in der Praxis gerade der Aufschwung der Arbeiterbewegung der bürgerlichen Gesellschaft diejenigen Waffen aus der Hand geschlagen, womit sie gegen den Marxschen Sozialismus zu Felde ziehen wollte. Und heute, 20 Jahre nach Marx’ Tode, ist sie um so ohnmächtiger ihm gegenüber, Marx aber lebendiger als je.

Freilich bleibt der heutigen Gesellschaft ein Trost übrig. Während sie sich vergeblich abmüht, um ein Mittel der Überwindung der Marxschen Lehre zu finden, bemerkt sie nicht, daß das einzige wirkliche mittel hierfür in dieser Lehre selbst verborgen ist. Durch und d durch historisch, beansprucht sie nur eine zeitlich beschränkte Gültigkeit. durch und durch dialektisch, trägt sie in sich selbst den sicheren Keim ihres Unterganges.

Die Marxsche Lehre in allgemeinsten Umrissen besteht, wenn wir von ihrem unvergänglichen Teil, nämlich von der historischen Forschungsmethode absehen, in der Erkenntnis des historischen Weges, der aus der letzten „antagonistischen“, auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaftsform in die auf Interessensolidarität aller Mitglieder aufgebaute kommunistische Gesellschaft führt.

Sie ist vor allem, wie die frühere klassischen Theorie der Nationalökonomie auch, der geistige Reflex einer bestimmten Periode der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung, nämlich des Überganges aus der kapitalistischen in die sozialistische Phase der Geschichte. Aber sie ist mehr als nur Reflex. Der von Marx erkannte historische Übergang kann nämlich gar nicht vollzogen werden, ohne daß die Marxsche Erkenntnis zu gesellschaftlichen, zur Erkenntnis einer bestimmten Gesellschaftsklasse, des modernen Proletariats, geworden ist. Die von der Marxschen Theorie formulierte historische Umwälzung hat zur Voraussetzung, daß die Theorie von Marx zur Bewußtseinsform der Arbeiterklasse und als solche zum element der Geschichte selbst ward.

So bewahrheitet sich die Marxsche Lehre fortschreitend mit jedem neuen Proletarier, der zum Träger des Klassenkampfes wird. Die Marxsche Lehre ist also zugleich ein Teil des geschichtlichen Prozesses, also auch selbst ein Prozeß, und die soziale Revolution wird das Schlußkapitel des Kommunistischen Manifestes sein.

Die Marxsche Lehre wird somit in ihrem für die bestehende Gesellschaftsordnung gefährlichsten Teil über kurz oder lang „überwunden“ werden. Aber nur zusammen mit der bestehenden Gesellschaftsordnung.

 

"Karl Marx"

von Rosa Luxemburg, 1913

 

Dreißig Jahre sind es her, daß der Mann seine Augen für immer geschlossen hat, dem die moderne Arbeiterklasse mehr verdankt all irgendeinem sterblichen. Das Werk, dem Marx sein Leben gewidmet hat, kann nur aus der geschichtlichen Perspektive richtig gewürdigt werden.

Als das Ideal einer Gesellschaft, die auf Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen beruht, ist der Sozialismus Jahrhunderte alt. In allen größeren sozialen Krisen und revolutionären Bewegungen des Mittelalters und der Neuzeit leuchtet er im Feuerschein als Ausdruck des äußersten Radikalismus auf, um zugleich die unüberwindliche geschichtliche Schränke und den Punkt jeder dieser Bewegungen anzuzeigen, von dem die rückläufige Welle, die Reaktion und der Zusammenbruch unvermeidlich erfolgen mußten.

Doch gerade als ein Ideal, das zu jeder Zeit, in jeder geschichtlichen Entwicklungsphase empfohlen werden konnte, war der Sozialismus nichts als ein schöner Traum vereinzelter Menschenfreunde, unerreichbar wie der luftige Schein des Regenbogens an der Wolkenwand.

Am Ausgang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts tritt die sozialistische Idee mit Kraft und Nachdruck auf, diesmal schon als eine Antwort auf die Schrecken und Verwüstungen, die der aufkommende industrielle Kapitalismus in der Gesellschaft anrichtete. Aber auch jetzt ist der Sozialismus im Grunde genommen nichts andres als das leuchtende ideal einer Gesellschaftsordnung, die einzelne kühne Geister ersannen und dem grauenhaften Bilde der kapitalistischen Gesellschaft entgegenstellten. Hören wir den ersten Vorkämpfer des modernen revolutionären Proletariats, Babeuf , der während des Niedergangs der Großen Französischen Revolution einen Handstreich zur gewaltsamen Einführung der kommunistischen Ordnung vorbereiten wollte, so ist die einzige Tatsache, auf die er sich zu stützen weiß, die schreiende Ungerechtigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung. Diese in den düstersten Farben auszumalen und mit den bittersten Worten zu geißeln, wird er nicht müde in seinen leidenschaftlichen Artikeln, Pamphleten wie in seiner Verteidigungsrede vor dem Tribunal der Revolution. Nach Babeuf genügte die Tatsache, daß die bestehende Gesellschaft ungerecht und wert sei, daß sie zugrunde geht, damit sie auch durch die Machtergreifung einer entschlossenen Handvoll Mensch gestürzt und abgeschafft werden konnte. Es genügte aber leider auch nur ein Zufall, der Verrat eines Mitverschworenen, um Babeuf auf Schafott und seinen ganzen Plan zum Scheitern zu bringen. Babeuf ging in die reaktionäre Sturzwelle unter wie ein schwankes Schifflein, ohne zunächst eine andre Spur zu hinterlassen als eine leuchtende Zeile in den Annalen der Zeitgeschichte.

Wesentlich auf derselben Grundlage beruhen die sozialistischen Ideen, die von Saint-Simon, Fourier und Owen in den 20er und 30er Jahren mit viel mehr Genie und Glanz vertreten wurden. Freilich, an eine revolutionäre Machtergreifung zur Verwirklichung des Sozialismus dachte auch nicht entfernt einer von den drei großen Denkern mehr. Im Gegenteil waren sie ausgesprochene Anhänger friedlicher Propagandamittel. Wie sehr sie jedoch von dem Revolutionär Babeuf in ihrer politischen Stellung und wie sehr sie voneinander in der Richtung und den Einzelheiten ihrer Ideen abweichen mochten, das Entscheidende für die Schicksale der sozialistischen Idee war bei allem ihnen dasselbe: der Sozialismus der St-Simonisten, Fouriers und Owens wie der von Babeuf war in seinem Wesen nur Projekt, Erfindung eines genialen Kopfes, der ihn der geplagten Menschheit zur Verwirklichung empfahl, um sie aus der Hölle der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zu retten. Die Kritik, die von den drei großen Utopisten an den bestehenden Verhältnissen geübt wurde, war unendlich schärfer, gründlicher, schärfer, reicher an Ideen und Beobachtungen, fruchtbarer und tödlicher als bei Babeuf. Ein Vierteljahrhundert der ersten ungezügelten Entwicklung der kapitalistischen Industrie hatte der sozialen Kritik ein ganz andres reiches Material geboten, als es mitten in den heftigen Geburtswehen der modernen Gesellschaft, während der großen Revolution, deren geistiges Kind Babeuf war, erst sichtbar werden konnte. Allein auch diese Kritik war im wesentlichen eine Anklage gegen die bestehende Gesellschaftsordnung, ihre Beurteilung und Verurteilung vom Standpunkte der Moral und der Vernunft. Und gerade deshalb schwebten alle diese sozialistischen Lehren in der Luft. Denn gegen die abstrakte Idee der Gleichheit, der Menschenliebe versündigten sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit Jahrtausenden, seit das Privateigentum und die Klassenherrschaft bestanden. Die Ausbeutung und die Knechtung behaupteten sich, gediehen, wuchsen und wechselten anscheinend bloß mit der Fortschritt der Zeiten ihre besonderen formen, ohne sich im geringsten um die Gerechtigkeit, Vernunft und dergleichen schöne Dinge zu kümmern. Und je gründlicher, je eingehender die großen Apostel des Sozialismus die Grundlagen und die Einzelheiten der geplanten neuen Gesellschaftsordnung Ausbauten, je tiefer sie an die Wurzeln der bestehenden Ordnung in ihren Plänen griffen, um so drohender erhob sich die Frage: Wer und wie soll denn diese gewaltige Umwälzung vollbringen, die ganze Welt umstülpen? An die Masse des Proletariats dachten und wendeten sich weder Fourier noch St-Simon, die es auch nur zu kleinen Sekten gebracht hatten. Und auch der Einfluß Owens, der an einer Wiedergeburt der proletarischen Masse arbeitete, ging bald spurlos verloren. Zwischen den elementaren revolutionären Erhebungen des Proletariats in den 30er und 40er Jahren und der sozialistischen Propaganda bestand kein wesentlicher Zusammenhang.

Nicht viel anders wurde es im Wesen der Sache, als in den 40er Jahren eine neue Generation sozialistischer Theoretiker auftrat, als in Deutschland Weitling, in Frankreich Proudhon, Louis Blanc, Blanqui diesmal an die Arbeiterklasse wendeten, um ihr das sozialistische Evangelium zu predigen. Der Sozialismus blieb bei allen ihnen ein Zukunftsplan, dessen Hauptstütze die Nichtswürdigkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung und der jederzeit realisierbar war, sei es durch gewisse schlau ersonnene wirtschaftliche Einrichtungen mit Staatshilfe, sei es durch eine geheim vorbereitete politische Machtergreifung durch eine entschlossene revolutionäre Minderheit.

Das Jahr 1848 sollte der Gipfelpunkt der spontanen revolutionären Erhebungen der proletarischen Massen und zugleich die Kraftprobe des älteren Sozialismus in all seinen Spielarten werden. Als das Pariser Proletariat, aufgewühlt in seinen breiten Schichten durch die Idee einer gerechten Gesellschaftsordnung, durch Traditionen der früheren Revolutionskämpfe und durch die verschiedenen sozialistischen Systeme, seine Machtstellung in der Februarrevolution benutzte, um die Realisierung einer neuen „Organisation der Arbeit“, einer „sozialen Republik“ zu fordern, als es zur Durchführung dieser unklaren Zukunftsprojekte der provisorischen Regierung die berühmte Frist von „drei Monaten Hunger“ zugestand, da endet der Versuch nach Monaten geduldigen Harrens mit einer furchtbaren Niederlage des Proletariats. In der unvergeßlichen Junischlächterei wurde die Idee einer jederzeit realisierbaren „sozialen Republik“ im Blute des Pariser Proletariats ertränkt, um einen ungeahnten Aufschwung der Kapitalherrschaft unter dem zweiten Kaiserreich Platz zu machen. auf den zerschmetterten Barrikaden des Juni 1848, unter den Leichenhügeln der hingemordeten Pariser Proletarier schien das Ideal der sozialistischen Gesellschaftsordnung endgültig erdrückt und niedergestampft, die Aussichtslosigkeit des Sozialismus vor aller Welt erwiesen zu sein.

Allein um dieselbe Zeit, wo der Sozialismus alter Schulen eine endgültige Niederlage erlitten hatte, wurde die sozialistische Idee von Marx und Engels bereits auf eine ganz neue Basis gestellt: Das Kommunistische Manifest brachte der Welt der Ausgebeuteten eine neue Kunde. Marx und Engels suchten Stützpunkte für das sozialistische Ideal weder in der moralischen Verwerflichkeit der heutigen Gesellschaft noch im Ausklügeln eine möglichst verlockenden Zukunftsprojekts. Sie wendeten sich an die Untersuchung der wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft. hier entdeckten sie den Punkt, an dem der Hebel der sozialistischen Umwälzung angesetzt werden kann. In den Gesetzen des kapitalistischen Wirtschaft deckte Marx die wirkliche Quelle der Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats auf, denen es nimmermehr entrinnen kann, solange kapitalistisches Privateigentum und Lohnsystem bestehen werden. Hier deckte er aber auch die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Produktion auf, die durch ihre eigne eherne Logik dazu führen, bei einem gewissen Reifegrad den Untergang der Kapitalherrschaft und die Verwirklichung des Sozialismus unvermeidlich zu machen, wenn anders die ganze Kulturgesellschaft nicht ihrer Vernichtung entgegengehen soll. Damit wurde das sozialistische Ideal zum erstenmal auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt und als geschichtliche Notwendigkeit aufgezeigt. Zugleich Wiesen Marx und Engels als ein Ergebnis derselben ökonomischen Untersuchung nach, daß das moderne Lohnproletariat aller Länder, die internationale Arbeiterklasse, geschichtlich dazu berufen ist, diese große soziale Umwälzung als ihre eigne revolutionäre Tat durchzuführen, wenn die ökonomische Entwicklung des Kapitalismus die erforderliche Reife erreicht haben wird.

Doch mit diesen epochemachenden Gedanken, die er im Manifest, im Kapital, in den zahlreichen andern Schriften niedergelegt hat, ist das Werk Marxens wie seines Freundes und Mitkämpfers nicht erschöpft. In der materialistischen Geschichtsauffassung und ihrem fruchtbarsten Stück, der Lehre vom Klassenkampf, hat Marx dem Proletariat einen untrügliche Wegweiser für seine Tageskämpfe mitten durch die Wirrnis der Politik und durch den trügerischen Mummenschanz der Parteien gegeben. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken. Mit diesen Worten verwies Marx die revolutionäre Arbeiterklasse auf die objektiven gesellschaftlichen Bedingungen ihres Tuns, auf das geschichtlich Mögliche, an das ihr Streben jederzeit gebunden ist. Mit dieser Lehre hat er ihr auch die Orientierung über die wirklichen Interessen, Bestrebungen, Wege und ziele ihrer Gegner, der bürgerlichen Klassen und Parteien, ermöglicht. Endziel wie Tageskampf des Proletariats, Programm wie Taktik des Sozialismus sind durch Marx zum erstenmal auf die eherne Basis des Prinzips des wissenschaftlichen Erkenntnis gestellt, der Gesamtbewegung der internationalen Arbeiterklasse dadurch die Festigkeit, Wucht und Stetigkeit verliehen worden, die sie zur gewaltigsten, beispiellosen Massenbewegung der Weltgeschichte machen.

Aber auch die erste tapfere Vorhut dieser Weltgeschichtlichen Massenbewegung selbst organisiert zu haben ist das unsterbliche Verdienst von Marx und Engels. Durch die Gründung der Internationale haben sie zu der Fülle ihrer theoretischen Lehren an das Proletariat auch noch ein glänzendes praktisches Muster gefügt, an dem die Ausgebeuteten lernen konnten, sich gegen eine Welt zu schlagen, den Blick stets auf das unverrückbare Endziel gerichtet und aus jeder äußeren Niederlage nur Kräfte sammelnd zu weitern Schlachten – bis zum endgültigen, entscheidenden Siege.

Wenn Marx und Engels die Proletarier aller Länder vereinigt haben, so hat für die deutsche Arbeiterklasse Lassalle diese Fahne als Sammelzeichen zu einer entschlossenen politischen Tat vorausgetragen. Hat Marx dem internationalen Proletariat die Grundsätze des Klassenkampfes als wissenschaftliche Vermächtnis hinterlassen, so hat Lassalle das deutsche Proletariat als Klasse zuerst politisch von der bürgerlichen Gesellschaft geschieden und für den revolutionären Kampf organisiert. und hatte Marx der Revolutionsmacherei alten Stils den Riegel vorgeschoben mit den Worten, die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, so legte Lassalle mit umgekehrter Betonung, aber mit gleichem Recht den Nachdruck auf die befruchtende Initiative, auf die revolutionäre Energie und Entschlossenheit, indem er den deutschen Arbeitern mit flammenden Worten predigte: Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst!

In diesem Jahre, wo zum dreißigsten Male der Todestag Marxens und zum fünfzigsten Male die Geburtsstunde der Lassalleschen Agitation wiederkehrt, hat die deutsche Arbeiterklasse allen Grund, ihrer drei großen Meister, deren historisches Werk nicht voneinander zu trennen ist, in Dankbarkeit zu gedenken. Die verflossenen Jahrzehnte haben unser Kampffeld unendlich erweitert, unsre Reihen hundertfach vermehrt, aber auch unsre Aufgaben ins riesenhafte gesteigert. Die kapitalistische Reife, die Marx in den 60er Jahren an der Hand der englischen Verhältnisse studierte und beschrieb, erscheint als unbeholfene, lallende Kindheit, gemessen an der heutigen weltumspannenden Herrschaft des Kapitals und an der verzweifelten Waghalsigkeit seiner jetzigen imperialistischen Schlußphase. Und der letzte Lebensodem der kapitalistischen Welt, der bürgerliche Liberalismus, dessen greisenhaften Händen Lassalle vor 50 Jahren das Zepter in der Führung der Arbeiterklasse entriß, erscheint als eine Art kraftstrotzender Titan, verglichen mit seinem heutigen verwesenden Kadaver. Den theoretischen und politischen Lehren der Meister des wissenschaftlichen Sozialismus hat der Gang der geschichtlichen Entwicklung in allen Stücken ein glänzendes Zeugnis gegeben. Und Heute, mitten in den blutigen Delirien und Konvulsionen des waffenstarrenden und völkermordenden Imperialismus naht immer sichtbarer die Stunde, wo die Schlußworte des Marxschen Kapitals in die Erfüllung gehen müssen:

Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Epropriateurs werden expropriiert.

Mehr als je tut uns deshalb heute not, in der Praxis miteinander zu verbinden, was jene Meister als teuerste Hinterlassenschaft vermacht haben: theoretische Vertiefung, um unsern Tageskämpfe nach dem festen Steuer des Prinzips zu lenken, und entschlossene revolutionäre Tatkraft, damit die große Zeit, der wir entgegengehen, nicht ein kleines Geschlecht findet.

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"Unser Marx"

von Antonio Gramsci, 1918

Sind wir Marxisten? Gibt es Marxisten? Dummheit, du allein bist unsterblich. Die Frage wird wahrscheinlich in diesen Tagen anläßlich des hundertsten Jahrestages wieder aufgegriffen werden und mit sich bringen, daß Flüsse von Tinte und von Torheiten vergossen werden. Lobhudelei und Byzantinismus sind ein unvergängliches Erbe der Menschen. Marx hat keinen kurzgefaßten Katechismus geschrieben, er war kein Messias, der eine Aneinanderreihung von Parabeln hinterlassen hätte, die kategorische Imperative, unbestrittene, absolute, außerhalb der Kategorien von Zeit und Raum stehende Normen enthalten. Der einzige kategorische Imperativ, die einzige Norm: „Proletarier der ganzen Welt, vereinigt Euch!“ Die Pflicht der Organisation, die Propaganda der Pflicht, sich zu organisieren und zu vereinigen, sollte demnach das Unterscheidungsmerkmal zwischen Marxisten und Nichtmarxisten sein. Dies ist sehr wenig und sehr viel: wer wäre nicht Marxist? Und doch ist es so: alle sind Marxisten, ein wenig, unbewußt. Marx ist groß gewesen, er ist in seiner Tätigkeit fruchtbar gewesen, nicht, weil er aus dem Nichts etwas erfunden hätte, nicht, weil er aus seiner Phantasie eine originelle Vision der Geschichte abgeleitet hätte, sondern weil bei ihm das Fragmentarische, das Unvollständige, das Unreife zur Reife, zum System, zur Bewußtheit gelangte. Seine persönliche Bewußtheit kann zur Bewußtheit aller werden, sie wurde schon zur Bewußtheit vieler: aus diesem Grunde ist er nicht nur ein Gelehrter, er ist ein Mann der Tat; er ist groß und fruchtbar in der Aktion wie im Denken. Seine Bücher haben die Welt ebenso verändert wie sie das Denken verändert haben.

Marx bedeutet Eingang der Intelligenz in die Geschichte der Menschheit, ins Reich der Bewußtheit.

Sein Werk fällt gerade in jene Periode, in der sich die große Auseinandersetzung zwischen Thomas Carlyle und Herbert Spencer über die Rolle des Menschen in der Geschichte abspielte. [2]

Carlyle: der Held, die große Individualität, mystische Synthese einer geistigen Gemeinschaft, die die Schicksale der Menschheit auf einen unbekannten Ausgangspunkt hinführt, verschwimmend im trügerischen Lande der Perfektion und der Heiligkeit. Spencer: die Natur, die Evolution, mechanische und leblose Abstraktion. Der Mensch: Atom eines natürlichen Organismus, der sich einem abstrakten Gesetz als solchem unterordnet, aber der, historisch, konkret wird in den Individuen: das unmittelbar Nützliche.

Marx etabliert sich in der Geschichte mit der soliden Quadratur eines Giganten: er ist weder ein Mystiker noch ein positivistischer Metaphysiker; er ist ein Historiker, er ist ein Interpret der Dokumente der Vergangenheit, aller Dokumente, nicht nur eines Teils von ihnen. Darin bestand der immanente Mangel der Geschichtsdarstellungen, der Untersuchungen der menschlichen Ereignisse: nur einen Teil der Dokumente zu prüfen und zu berücksichtigen. Und dieser Teil wurde ausgewählt nicht durch die historische Absicht, sondern durch das parteiische Vorurteil, und zwar auch unbewußt und in gutem Glauben. Die Untersuchungen hatten nicht die Wahrheit, nicht die Genauigkeit, die umfassende Wiederherstellung des Lebens der Vergangenheit zum Ziel, sondern die Hervorhebung einer besonderen Aktivität, die positive Bewertung einer apriorischen These. Die Geschichte war nur Herrschaft der Ideen. Der Mensch wurde als Geist, als reines Bewußtsein betrachtet. Aus dieser Konzeption ergaben sich zwei irrige Konsequenzen: die hervorgehobenen Ideen waren häufig nur willkürliche, fiktive. Die Tatsachen, denen man Wichtigkeit beimaß, waren anekdotisch, keine Geschichtsdarstellung. Wenn Geschichte im wirklichen Sinne des Wortes geschrieben wurde, so war das der genialen Intuition einzelner Leute geschuldet, nicht einer systematischen und bewußten wissenschaftlichen Arbeit.

Bei Marx bleibt die Geschichte eine Herrschaft der Ideen, des Geistes, der bewußten Tätigkeit der einzelnen oder assoziierten Menschen. Doch erhalten die Ideen, der Geist einen Inhalt, sie verlieren ihren willkürlichen Charakter, sie sind nicht mehr fiktive religiöse oder soziologische Abstraktionen. Ihr Wesen liegt in der Ökonomie, in der praktischen Tätigkeit, in den Systemen und den Verhältnissen der Produktion und des Austauschs. Die Geschichte als Ereignis ist reine praktische Tätigkeit (ökonomische und moralische). Eine Idee verwirklicht sich nicht, indem sie logischerweise der reinen Wahrheit, der reinen Menschlichkeit (die nur als Programm, als generelles ethisches Ziel der Menschen existiert) entspricht, sondern indem sie in der ökonomischen Realität ihre Rechtfertigung, das Mittel, sich zu bestätigen, findet. Um mit Exaktheit zu begreifen, welches die historischen Ziele eines Landes, einer Gesellschaft, einer Gruppierung sind, muß man vor allem begreifen, welches die Systeme und die Verhältnisse der Produktion und des Austauschs dieses Landes, dieser Gesellschaft sind. Ohne dieses Verständnis kann man Teilmonographien, nützliche Dissertationen zur Geschichte der Landwirtschaft zusammenstellen, abgeleitete Überlegungen zusammenfügen, entfernte Schlußfolgerungen ziehen, aber man wird keine Geschichte zustande bringen, nicht der praktischen Tätigkeit in deren Geschlossenheit auf den Grund gehen.

Die Idole stürzen von ihren Altären, die Götter sehen die Wolken wohlriechenden Weihrauchs sich auflösen. Der Mensch erlangt das Bewußtsein der objektiven Realität, er eignet sich das Geheimnis an, das den realen Ablauf der Ereignisse verursacht. Der Mensch erkennt sich selbst, er weiß, was sein individueller Wille wert ist und wie dieser größeres Gewicht erhalten kann, indem er der Notwendigkeit untergeordnet, dienstbar gemacht wird, er erreicht den Punkt, wo er die Notwendigkeit selbst beherrscht, indem er sie mit dem eigentlichen Ziel in Übereinstimmung bringt. Wer kennt sich selbst? Nicht der Mensch schlechthin, sondern jener, der sich dem Joch der Notwendigkeit beugt. Die Erforschung des Wesens der Geschichte, ihre Einordnung in das System und in die Verhältnisse von Produktion und Austausch decken auf, wie die menschliche Gesellschaft sich in Klassen gespalten hat. Die Klasse, die die Produktionsmittel besitzt, kennt sich notwendigerweise selbst, sie hat, wenn auch konfus und fragmentarisch, das Bewußtsein ihrer Macht und ihrer Mission. Sie hat individuelle Ziele, und sie realisiert sie vermittels ihrer Organisiertheit, und zwar kaltblütig, objektiv, ohne sich Sorgen zu machen, ob ihr Weg mit hungergeplagten Leibern oder mit Leichen der Schlachtfelder gepflastert ist.

Die Systematisierung der realen historischen Kausalität erlangt den Wert einer Offenbarung für die andere Klasse, wird zum Ordnungsprinzip für die unübersehbare Herde ohne Hirten. Die Herde erlangt Bewußtsein ihrer selbst, Bewußtsein der Aufgabe, die sie unmittelbar in Angriff nehmen muß, weil die andere Klasse sich durchsetzt, sie erlangt Bewußtsein, daß ihre individuellen Ziele so lange reine Willkür, bloße Worte, zielloses emphatisches Suchen bleiben, wie sie nicht die Mittel besitzt, wie das Suchen nicht zu einem Wollen wird.

Voluntarismus? Das Wort bedeutet nichts, oder es wird im willkürlichen Sinne gebraucht. Wollen, marxistisch verstanden, bedeutet Bewußtheit des Zieles, was seinerseits exakte Kenntnis der eigenen Kraft und der Mittel bedeutet, diese in die Aktion umzusetzen. Es bedeutet deshalb in erster Linie Unterscheidung, Verselbständigung der Klasse, es bedeutet ein politisches Leben, unabhängig von der anderen Klasse, geschlossene und disziplinierte Organisiertheit für die eigenen spezifischen Ziele, ohne Abweichungen und Schwankungen. Es bedeutet einen geradlinigen Impuls in Richtung auf das höchste Ziel, ohne Glockengeläut auf grünen abgelegenen Wiesen, die, um aus dem Glas herzlicher Brüderschaft zu trinken, voller zarter grüner Gräser und sanfter Bekenntnisse der Achtung und Liebe sind.

Das Adverb „marxistisch“ ist jedoch unnütz, und es kann sogar Raum bieten für Mißverständnisse und eitlen Wortschwall. Marxistisch ... ist Adjektiv und Adverb, die wie durch viele Hände gehende Münzen abgenutzt sind. [3]

Karl Marx ist für uns Lehrer des geistigen und moralischen Lebens, kein mit einer Rute bewaffneter Hirte. Er rüttelt die geistige Trägheit auf, er weckt die guten Kräfte, die schlummern und für die gute Schlacht entfacht werden müssen. Er ist ein Beispiel für intensive und hartnäckige Arbeit, um die klare Wahrhaftigkeit der Ideen, die solide Kultur zu erreichen, die erforderlich ist, damit man nicht ins Leere, nicht in Abstraktionen spricht. Er ist ein monolither Block wissender und denkender Menschlichkeit, der die Zunge nicht hütet, um zu sprechen, der nicht die Hand aufs Herz legt, um zu fühlen, der vielmehr eiserne Schlußfolgerungen formuliert, die die Wirklichkeit in ihrem Wesen erfassen und sie beherrschen, die in die Hirne eindringen, die die Sedimente aus Vorurteilen und vorgefaßten Ideen erschüttern und den moralischen Charakter stärken.

Karl Marx ist kein Baby, das in der Wiege plärrt, und kein bärtiger Geselle, der die Priester in Furcht versetzt. Es handelt sich nicht um jemand mit einer Biographie aus anekdotischen Episoden, mit brillierenden und plumpen Ausdrucksformen seiner menschlichen Natur. Er ist ein vielseitiger und klar denkender Geist, er ist ein personifizierter Moment der angestrengten säkularen Forschungen, die die Menschheit unternahm, um die Erkenntnis ihres Seins und ihres Werdens zu gewinnen, um den mysteriösen Rhythmus der Geschichte zu erfassen und das Mysterium zu enthüllen, um stärker im Denken zu sein und besser wirksam zu werden. Es ist ein notwendiger und integrierter Teil unseres Geistes, den es so nicht gäbe, wenn er nicht gelebt, nicht gedacht hätte, wenn er nicht mit der Kraft seiner Hingabe und seiner Ideen, seiner Leiden und seiner Ideale Funken des Lichts verbreitet hätte. Indem das internationale Proletariat Karl Marx anläßlich der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages würdigt, würdigt es sich selbst, seine bewußte Kraft, die Dynamik seiner auf Errungenschaften gerichteten Angriffsbereitschaft, die die Herrschaft der Privilegiertheit offenlegt und den Endkampf vorbereitet, der alle Anstrengungen und alle Opfer krönen wird.

Anmerkungen:

l. Dieser Artikel erschien anläßlich des hundertsten Geburtstages von Karl Marx in der Wochenzeitung der Turiner Sektion der Sozialistischen Partei Grido del Popolo (Ruf des Volkes) vom 4. Mai 1918, deren Direktor zu jener Zeit Gramsci selbst war. Jüngste Veröffentlichungen des Artikels finden sich in: Antonio Gramsci: Scritti politici, Hrsg. von Paolo Spriano, Bd.l, Rom 1973, S. 170-173. – Antonio Gramsci: Il nostro Marx, 1918-1919. Hrsg. von Sergio Caprioglio, Turin 1984, S.3-7.

2. Gramsci nimmt hier Bezug auf entsprechende Überlegungen von Antonio Labriola in der Schrift Del materialismo storico. Dilucidazione preliminare aus dem Jahre 1896 (Über den historischen Materialismus. Einleitende Erläuterungen). Siehe Antonio Labriola: La concezione materialistica della storia, Bari 1965, S.142/143.

3. Diese überraschend scheinende Interpretation Gramscis erklärt sich aus seiner Abgrenzung von den dominierenden Auffassungen der Führer der II. Internationale, die das Attribut „marxistisch“ für sich beanspruchten, nach Gramscis Meinung dogmatisch und für den Bankrott der Internationale verantwortlich waren.

 

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Persönliches über Karl Marx

Die älteste Tochter von Karl Marx, die nach ihrer Mutter Jenny genannt wurde, führte in London eine Art "Poesiealbum" (oder "Stammbuch"), in das sich FreundInnen und Verwandte eintrugen. Auch ihr Vater ist in diesem Büchlein mit einigen Antworten zu den darin vorgegebenen Fragebögen eingetragen. Hier also Marx' "persönliche Bekenntnisse":

Frage

Antwort

Ihre Lieblingstugend

Einfachheit

Ihre Lieblingstugend beim Mann

Kraft

Ihre Lieblingstugend bei der Frau

Schwäche

Haupteigenschaft

Zielstrebigkeit

Auffassung vom Glück

-

Auffassung vom Unglück

-

Das Laster, das Sie entschuldigen

Leichtgläubigkeit

Das Laster, das Sie verabscheuen

Kriecherei

Abneigung

Martin Tupper, Veilchpuder

Lieblingsbeschäftigung

in Büchern wühlen

Lieblingsdichter

Dante, Äschylos, Shakespeare, Goethe etc.

Lieblingsschriftsteller

Diderot, Lessing, Hegel, Balzac, Spartacus, Kepler

Lieblingsheldin

Gretchen

Lieblingsblume

Lorbeer

Lieblingsfarbe

Rot

Augen- und Haarfarbe

Schwarz

Namen

Jenny, Laura

Lieblingsgericht

Fisch

Personen aus der Geschichte, die Sie am meisten verabscheuen

-

Lieblingsmaxime

Nihil humani a me alienum puto. [lat.: Nichts Menschliches ist mir fremd.]

Lieblingsmotto

De omnibus dubitandum. [lat.: An allem ist zu zweifeln.]

 

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Prominente Meinungen über Karl Marx...

Stefan Zweig (1933): „Ich habe das Werk von Karl Marx zuerst auf der Universität kennengelernt, und es war mir eine Wohltat, nach allen abstrakten Weltdeutungen, wie die von Hegel und Schelling, endlich ein geistiges Werk kennenzulernen, das unmittelbar ins Leben blickte und sein Material nichts aus dem Historischen, sondern aus der Zukunft nahm. Die großartig zwingende Logik, die unbarmherzige Art der Diagnostik und vor allem die prophetische Art der Problemstellung, machten mir zutiefst einen Eindruck, und ich begriff zutiefst die ganze explosive, zeiterschütternde Kraft, welche auf diesen paar hundert Seiten wie Ekrasit zusammengeballt war.“

George Bernard Shaw (1911): „Ferner war es vor fünfundzwanzig Jahren unter den englischen Sozialisten Mode, zu behaupten, Karl Marx und Friedrich Engels gelesen zu haben (wie man sagt, grassiert diese Mode in Deutschland noch immer unter den älteren Sozialdemokraten), und den berühmten ersten Band des ‚Kapital’ habe ich tatsächlich gelesen, nur um zu entdecken, dass dieses Buch sonst niemand gelesen hatte und dass es kein Wort über den Gegenstand des Sozialismus enthält; aber ich rechne Marx weder zu den deutschen, noch wahrhaftig zu den Autoren irgendeiner Nationalität. Er gehörte zur Antibourgeoisie, und sein Schlachtruf lautete: ‚Antibourgeois aller Länder, vereinigt euch zum Kampfe!’, was sie noch immer alle drei Jahre tun. Die Welt ist Marx zu großem Dank verpflichtet für seine Darstellung der Selbstsucht und Dummheit jener geachteten Mittelklasse, welche in Deutschland und England angebetet wird, und ‚Das Kapital’ ist eines der Bücher, das den Sinn der Menschen ändert, wenn man sie dazu bringen kann, es zu lesen.“

 

Georg Lukács (1933): „Es sind über dreißig Jahre vergangen, seit ich als Knabe das ‚Kommunistische Manifest’ zum ersten Male las. Die fortschreitende – wenn auch widerspruchsvolle nicht geradlinige – Vertiefung in die Schriften von Marx ist die Geschichte meines ganzen Lebens geworden, soweit es für