1. Von Wesen
und Bedeutung des Militarismus
|65| Militarismus! Wenige Schlagworte werden in
unsrer Zeit so häufig gebraucht, und kaum ein Schlagwort
bezeichnet etwas so Verwickeltes, Vielgestaltiges,
Vielseitiges, eine in ihrem Ursprunge und Wesen, ihren Mitteln
und Wirkungen so interessante und bedeutsame Erscheinung, eine
Erscheinung, die so tief in dem Wesen der
Klassengesellschaftsordnungen gewurzelt ist und die dennoch
auch innerhalb der gleichen Gesellschaftsordnung, je nach den
besonderen natürlichen, politischen, sozialen und
wirtschaftlichen Verhältnissen einzelner Staaten und Gebiete,
so außerordentlich mannigfaltige Formen annehmen kann.
Der Militarismus ist eine der wichtigsten
und energischsten Lebensäußerungen der meisten
Gesellschaftsordnungen, weil in ihm der nationale, kulturelle
und klassenmäßige Selbsterhaltungstrieb, dieser elementarste
aller Triebe, am stärksten, konzentriertesten,
ausschließlichsten zum Ausdruck kommt.
Eine Geschichte des Militarismus, im
tiefsten Sinne durchgeführt, deckt das innerste Wesen der
menschheitlichen Entwicklungsgeschichte, ihre Triebfedern
überhaupt auf, und eine Sektion des kapitalistischen
Militarismus bedeutet eine Offenlegung der verborgensten und
feinsten Wurzelfasern des Kapitalismus. Die Geschichte des
Militarismus ist gleichzeitig die Geschichte der politischen,
sozialen, wirtschaftlichen und überhaupt kulturellen
Spannungsverhältnisse zwischen den Staaten und Nationen wie
auch die Geschichte der Klassenkämpfe innerhalb der einzelnen
staatlichen und nationalen Einheiten.
Natürlich kann hier keine Rede davon sein,
auch nur den Versuch einer solchen Geschichte zu wagen.
Indessen seien einige wenige allgemeine Gesichtspunkte
angedeutet. |66|
2. Entstehung
und Grundlage der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse
Die entscheidende Stütze jedes
gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses ist in letzter
Linie die Überlegenheit der physischen Kraft
[1], die als
gesellschaftliche Erscheinung nicht in der Form größerer
Körperstärke der einzelnen Individuen in die Erscheinung
tritt, für die vielmehr, dem großen Durchschnitt entsprechend,
zunächst einmal Mensch gleich Mensch ist und für die das rein
zahlenmäßige Mehrheitsverhältnis entscheidet. Dieses
Zahlenverhältnis entspricht nicht ohne weiteres dem
zahlenmäßigen Verhältnis derjenigen Personenkreise, die
widersprechende Interessen besitzen, sondern es wird, da nicht
\ein jeder seine eignen wirklichen Interessen kennt,
insbesondere nicht seine grundsätzlichen Interessen, da vor
allem nicht jeder die Interessen seiner Klasse als seine
eignen
individuellen Interessen erkennt oder
anerkennt, wesentlich durch das sich je nach der geistigen und
sittlichen Entwicklungsstufe der einzelnen Klasse richtende
extensive und. intensive Maß des Klassenbewußtseins bestimmt.
Diese geistige und sittliche Stufe wiederum. richtet sich je
nach der wirtschaftlichen Lage der einzelnen Interessengruppen
(Klassen), während sich die soziale und politische Lage mehr
als Folge, freilich als eine auch sehr stark zurückwirkende
Folge, als ein Ausdruck des Herrschaftsverhältnisses
darstellt.
Auch unmittelbar wirkt die rein
wirtschaftliche Überlegenheit mit zur Verschiebung und
Verwirrung jenes Zahlenverhältnisses, da der wirtschaftliche
Druck nicht nur die Höhe der geistigen und sittlichen Stufe
und damit die Erkenntnis des Klasseninteresses beeinflußt,
sondern auch eine Tendenz erzeugt, entgegen dem mehr oder
weniger wohlverstandenen Klasseninteresse zu handeln. Daß auch
die politische Maschinerie derjenigen Klasse, in deren Händen
sie ist, weitere Machtmittel verleiht, um jenes
Zahlenverhältnis zugunsten der herrschenden Interessengruppe
zu "korrigieren", |67| lehren vier uns allen wohlbekannte
Einrichtungen: Polizei, Justiz, Schule und, was auch hierher
gerechnet werden muß, Kirche - Einrichtungen, die die
politische Maschinerie, die Gesetzgebungsmaschinerie, schafft
und als Gesetzanwendungs-, Verwaltungsmaschinerie ausnutzt.
Die ersten beiden wirken hauptsächlich durch Drohung,
Abschreckung und Gewalt, die Schule hauptsächlich durch
möglichste Verstopfung aller Kanäle, durch die das
Klassenbewußtsein in Hirn und Herz strömen könnte, die Kirche
aber in wirksamster Weise durch Anlegung von Scheuklappen,
durch Erweckung der Begierde nach dem vorgegaukelten
himmlischen Honig und durch die Angst vor der höllischen
Folterkammer.
Aber auch das so gewonnene Zahlenverhältnis
entscheidet nicht schlechthin über das Herrschaftsverhältnis.
Der bewaffnete Mensch vervielfältigt seine physische Kraft
durch die Waffe. In welchem Maße sich diese Vervielfältigung
vollzieht, hängt ab von der Entwicklung der Waffentechnik
einschließlich Fortifikation und Strategie, deren Gestaltung
im wesentlichen Folgeerscheinung der Waffentechnik ist. Die
intellektuelle und wirtschaftliche Überlegenheit einer
Interessengruppe über die andre setzt sich durch die
Bewaffnung oder die bessere Bewaffnung der überlegenen Klasse
geradezu in physische Überlegenheit um und schafft damit die
Möglichkeit der vollständigen Beherrschung einer
klassenbewußten Mehrheit durch eine klassenbewußte Minderheit.
Wenn auch die Klassenscheidung durch die
wirtschaftliche Lage bestimmt ist, so wird danach doch das
politische Machtverhältnis der Klassen nur in erster Linie
durch die wirtschaftliche Lage der einzelnen geregelt, in
zweiter Linie aber durch zahlreiche geistige, moralische und
physische Machtmittel, die wiederum durch die wirtschaftliche
Klassenlage der wirtschaftlich herrschenden Klasse in die Hand
gespielt sind. Den Bestand der Klassen vermögen alle diese
Machtmittel nicht zu beeinflussen, da dieser Bestand durch
eine von ihnen unabhängige Situation gegeben wird, die mit
Naturnotwendigkeit gewisse Klassen, die selbst eine Mehrheit
darstellen können, in wirtschaftliche Abhängigkeit gegenüber
andern Klassen, die eine Meine Minderheit sein können, zwingen
und darin halten, ohne daß daran der Klassenkampf oder ein
politisches Machtmittel etwas ändern könnte.
[2] Der Klassenkampf kann
also nur sein ein |68| Kampf zur Förderung des Klassenbewußtseins
einschließlich der revolutionären Tat- und Opferbereitschaft
im Interesse der Klasse unter den Klassengenossen und zur
Gewinnung derjenigen Machtmittel, die für die Erzeugung oder
Unterdrückung des Klassenbewußtseins von Wichtigkeit sind,
sowie derjenigen körperlichen und geistigen Machtmittel, deren
Besitz eine Vervielfältigung der physischen Kraft bedeutet.
Aus alledem folgt, welch wichtige Rolle in
den gesellschaftlichen Kämpfen die Waffentechnik spielt. Von
ihr hängt es ab, ob, wenn eine wirtschaftliche Notwendigkeit
dazu nicht oder nicht mehr besteht, eine Minderheit durch
militärische Aktion, die "konzentrierteste politische Aktion",
in der Lage bleibt, über eine Mehrheit gegen deren Willen zu
herrschen - wenigstens eine gewisse Spanne Zeit hindurch.
Abgesehen von der Klassenscheidung ist die Entwicklung der
Herrschaftsverhältnisse denn auch tatsächlich überall eng mit
der Entwicklung der Waffentechnik verknüpft. Solange sich im
wesentlichen ein jeder - auch der wirtschaftlich
Schlechtestgestellte - unter im wesentlichen gleichen
Schwierigkeiten im wesentlichen gleichwertige Waffen schaffen
kann, wird das Majoritätsprinzip, die Demokratie, die
regelmäßige politische Form der Gesellschaft sein. Das müßte
selbst bei wirtschaftlicher Klassenscheidung zutreffen, sofern
eben nur auch jene Voraussetzung zuträfe. Der natürliche Entwicklungsprozeß ist freilich, daß die Klassenscheidung, die
ja die Folge der wirtschaftlich-technischen Entwicklung ist,
parallel der Ausbildung der Waffentechnik (einschließlich
Fortifikation und Strategie) läuft; daß dadurch e Herstellung
der Waffen mehr und mehr zu einer speziellen Berufsfertigkeit
wird; daß ferner, da Klassenherrschaft in der Regel gleich
wirtschaftlicher Überlegenheit einer Klasse über die andere
ist und die Verbesserung der Waffentechnik zu einer sich
fortgesetzt steigernden Erschwerung und Verteuerung der
Waffenerzeugung [3] führt,
diese Waffenerzeugung allmählich zu einem Monopol der
wirtschaftlich herrschenden Klasse wird, womit jener physische
Grund für die Demokratie beseitigt ist. Dann aber heißt es:
Sei im Besitze, und du bist im Recht. Auch bei Verlust der
wirtschaftlichen Überlegenheit kann sich die einmal im Besitz
der politischen |69| Machtmittel befindliche Klasse
mindestens zeitweilig in der politischen Herrschaft halten.
Daß hiernach nicht nur die Form und Art der
politischen Herrschaftsverhältnisse durch die Waffentechnik
mitbedingt ist, sondern auch Form und Art der jeweiligen
Klassenkämpfe, bedarf an dieser Stelle keiner näheren
Ausführung.
Es genügt aber nicht bereits, daß alle
Bürger gleich bewaffnet sind und ihre Waffen bei sich führen,
um eine Herrschaft der Demokratie auf die Dauer zu sichern;
denn die bloße gleiche Verteilung der Waffen schließt, wie die
Vorgänge in der Schweiz [4]
gezeigt haben, nicht aus, daß diese Verteilung von der
Majorität, die im Begriff ist, Minorität zu werden, oder
selbst von einer besser, schlagfertiger organisierten
Minorität beseitigt wird. Die gleichmäßige Bewaffnung der
gesamten Bevölkerung kann eben nur dann eine dauernde und
unentziehbare sein, wenn die Waffenerzeugung selbst
Allgemeingut ist.
Die demokratisierende Rolle, die die
Waffentechnik spielen kann, hat Bulwer in einem seiner weniger
bekannten Werke, der merkwürdigen Utopie
The Coming Race (Die
künftige Rasse, Die
Zukunftsgesellschaft), in geistreicher Weise
ausgemalt. Er setzt in diesem Werke eine solch hohe
Entwicklung der Technik voraus, daß ein jeder Bürger durch
einen kleinen, mit einer geheimnisvollen, der Elektrizität
ähnlichen Kraft geladenen, leicht zu beschaffenden Stab in der
Lage ist, jeden Augenblick die vernichtendsten Wirkungen zu
erzeugen. Und in der Tat können wir damit rechnen, daß, wenn
auch in einer fernen Zukunft, die Technik, die leichte
Beherrschung der gewaltigsten Naturkräfte durch den Menschen,
eine Stufe erreichen wird, die eine Anwendung der
Mordtechnik überhaupt unmöglich macht, weil
sie Selbstvernichtung des Menschengeschlechts bedeuten würde,
und die die Ausnützung der technischen Fortschritte aus einer
gewissermaßen plutokratischen wiederum in eine gewissermaßen
demokratische, allgemein menschliche Möglichkeit wandelt.
3. Einiges
aus der Geschichte des Militarismus
In den niedersten Kulturen, die keinerlei
Klassenscheidung kennen, dient die Waffe in der Regel
gleichzeitig als Werkzeug. Sie ist Mittel zum Nahrungserwerb
(zur Jagd, zum Wurzelgraben usw.) ebenso wie Mittel zum Schutz
gegen wilde Tiere, zur Abwehr feindlicher Stämme und zum
Angriff gegen sie. Sie trägt so primitiven Charakter, daß ein
jeder sie sich jederzeit leicht selbst verschaffen kann
(Steine und Stöcke, Speer mit Steinspitze, Bogen usw.).
|70| Das gilt auch von den Schutzwehren. Da es, abgesehen
von der ursprünglichsten aller Arbeitsteilungen, derjenigen
zwischen Mann und Frau, noch keine nennenswerte Arbeitsteilung
gibt und alle Glieder des Gemeinwesens wenigstens innerhalb es
männlichen oder weiblichen Geschlechts nahezu die gleiche
gesellschaftliche Funktion haben, da es also noch keine
wirtschaftlichen oder politischen Herrschaftsverhältnisse
gibt, so kann die Waffe innerhalb des Gemeinwesens nicht eine
Stütze solcher Herrschaftsverhältnisse sein. Sie könnte aber
eine solche Stütze selbst dann nicht sein, wenn es
Herrschaftsverhältnisse gäbe. Bei der primitiven Waffentechnik
sind nur demokratische Herrschaftsverhältnisse möglich.
Wenn in dieser niedersten Kultur die Waffe
innerhalb der Gemeinschaft höchstens zur Austragung
individueller Konflikte dienen kann, so ändert sich das nach
Eintritt der Klassenscheidung und der höheren Ausbildung der
Waffentechnik. Der urwüchsige Kommunismus der niederen
Ackerbauvölker mit ihrer Frauenherrschaftsverfassung kennt
keine sozialen und daher normalerweise auch keine politischen
Klassenherrschaftsverhältnisse. Ein Militarismus kommt im
allgemeinen nicht auf; äußere Verwicklungen freilich zwingen
zur Kriegsbereitschaft und erzeugen zeitweilig selbst
militärische Despotien, die bei den Viehzuchtvölkern von
vornherein wegen ihrer kriegerischeren Situation und der
regelmäßig früheren Klassenscheidung eine sehr häufige
Erscheinung bilden.
Sodann sei an das griechische und römische
Heerwesen erinnert, in dem sich entsprechend der
Klassenscheidung eine rein militärische Hierarchie fand,
gegliedert je nach der Klassenlage des einzelnen, nach der
sich wiederum die Güte der Bewaffnung richtete; ferner an die
feudalen Ritterheere mit ihrem meist infanteristischen, stets
viel schlechter gewehrt und gewappnetem Troß von Knappen, die
nach Patrice Laroque mehr die Rolle von Gehilfen der
Kombattanten als von Kombattanten selbst spielten. Daß man in
der damaligen Zeit überhaupt eine Bewaffnung der unteren
Klassen duldete und selbst herbeiführte, erklärt sich viel
weniger aus der geringen allgemeinen Sicherheit, die der Staat
den von ihm anerkannten Interessen der einzelnen zu bieten
vermochte, die daher eine persönliche Bewaffnung aller in
einem gewissen Sinne zum Bedürfnis machte, als aus der
Notwendigkeit einer möglichsten Wehrhaftmachung der Nation
oder des Staates für Angriff und Abwehr gegen den äußeren
Feind. Die Differenzierung in der Bewaffnung der einzelnen
Gesellschaftsklassen wahrte aber stets die Möglichkeit der
Ausnutzung der Waffentechnik zur Erhaltung |71| oder Herstellung
des Herrschaftsverhältnisses. Die römischen Sklavenkriege
beleuchten diese Seite der Sache in bemerkenswerter Weise.
Ein bezeichnendes Licht werfen auf unsre
Frage auch der deutsche Bauernkrieg und die deutschen
Städtekriege. Unter den unmittelbaren Ursachen für den
ungünstigen Verlauf des deutschen Bauernkriegs steht die
militärisch-technische Überlegenheit der kirchlich feudalen
Heere mit in erster Reihe. Die Städtekriege des 14.
Jahrhunderts gegen ebendiese Heere aber verliefen erfolgreich,
nicht nur, weil in ihnen die Waffentechnik, insbesondere die
Technik der Feuerwaffen, im Gegensatz zum Bauernkrieg des
Jahres 1525 außerordentlich rückständig war, sondern vor allem
infolge der großen wirtschaftlichen Macht der Städte, die als
lokal abgegliederte soziale Interessensphären die Angehörigen
dieser Sphären - und zwar ohne nennenswerte Beimischung anders
interessierter Elemente - auf engem Raume zusammenzwangen, die
weiter durch die Art des Städtebaues von vornherein eine
taktische Position von etwa der gleichen Bedeutung innehatten
wie die Feudalherren, wie Kirche und Kaiser in ihren Burgen
und Festungen - das ist gleichfalls ein
militärisch-technisches Element (Fortifikation) - und in deren
Händen schließlich die Waffenerzeugung selbst in allererster
Linie lag, wie denn ihre Bürger die überlegenen Vertreter der
technischen Fertigkeiten überhaupt waren, die dem Ritterheer
den Garaus machten. [5]
Festzuhalten ist als Ergebnis der
Betrachtung gerade der Bauern- und Städtekriege die wichtige
Rolle, die dem lokal getrennt oder örtlich gemischten Leben
der verschiedenen Gesellschaftsklassen gebührt. Das
Zusammenfallen der Klassengliederung mit der örtlichen
Gliederung bedeutet eine Erleichterung des Klassenkampfes,
nicht nur wegen der dadurch herbeigeführten Förderung des
Klassenbewußtseins, sondern auch rein technisch infolge der
damit verbundenen Erleichterung der militärischen
Zusammenfassung der Klassengenossen sowie der Waffenproduktion
und Waffenversorgung. Diese günstige lokale Klassengruppierung
hat allen bürgerlichen Revolutionen
[6] zur Seite gestanden,
der proletarischen fehlt sie nahezu.
[7]
|72|
Auch in den Söldnerheeren, die bis in unsre
Zeit hineinragen, findet, ähnlich wie bei der Bewaffnung, eine
direkte Umsetzung wirtschaftlicher Macht in physische Macht
statt nach dem mephistophelischen Rezept: "Wenn ich sechs
Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht die meine? Ich
fahre fort und bin ein rechter Mann, als hätt’ ich
vierundzwanzig Beine", und nach dem weiteren Rezept: divide et
impera! (Teile und herrsche), welch beide Rezepte auch bei den
sogenannten Elitetruppen angewandt sind. - Andrerseits zeigen
- ähnlich wie einst schon die Prätorianer - gerade die
italienischen Condottieri drastisch, welche politische Macht
der Besitz der Waffen, der kriegerischen Übung und der
strategischen Kunst verleihen kann; der Söldling griff kühn
nach Fürstenkronen, spielte mit ihnen Fangball und ward zum
natürlichen Anwärter der höchsten staatlichen Macht
[8], eine Erscheinung, die
sich in erregten Zeiten und Kriegsläuften, in denen die
militärische Gewalt schlagfertig in den Händen einzelner ruht,
bis in unsre Tage wiederholt: Napoleon und seine Generale,
auch Boulanger! [1*]
Wichtige Lehren über den Einfluß der
außerpolitischen Lage auf die Gestaltung von Heerwesen und
Militarismus im allgemeinen predigt die Geschichte der
deutschen "Befreiungskriege". Als nach den jämmerlich
verlaufenen Koalitionskriegen gegen die Französische
Revolution im Jahre 1806 das feudal-ständische Heer Friedrichs
II. von der bürgerlichen Armee Frankreichs wie in einem Mörser
zermalmt war, standen die hilflosen deutschen Regierungen vor
der Alternative: entweder sich dauernd dem korsischen Eroberer
auf Gnade und Ungnade ergeben, oder ihn mit seinen eignen
Waffen schlagen, mit einer bürgerlichen Armee der allgemeinen
Volksbewaffnung. Ihr Selbsterhaltungstrieb und die spontane
Regung des Volkes drängten sie auf den zweiten Weg. Es begann
jene große Periode der Demokratisierung Deutschlands,
insbesondere Preußens, geschaffen durch den Druck von außen,
der die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Spannungen
im Innern zeitweilig milderte. Man brauchte Geld und
begeisterte Freiheitskämpfer. Der Wert des Menschen an sich
wuchs. Seine gesellschaftliche Eigenschaft als Werterzeuger
und präsumtiver Steuer- |73| zahler und seine natürlich-physische
Eigenschaft als Träger körperlicher Kraft, als Träger von
Intelligenz und Begeisterungsfähigkeit gewannen entscheidende
Bedeutung und ließen seinen Kurs, wie stets in Zeiten
allgemeiner Gefahr, steigen, den Einfluß der
Klassendifferenzierung sinken; das "Preußenvolk" hatte, um im
Militärwochenblattjargon zu reden, "allen Hader in
langjähriger Fremdherrschaft unterdrücken gelernt". Wie so oft
spielten die Finanz- und die Militärfrage eine
revolutionierende Rolle. Manche wirtschaftlichen, sozialen und
politischen Hemmungen wurden beseitigt. Industrie und Handel,
die finanziell in erster Linie wichtig waren, wurden
gefördert, soweit dies der kleinlich-bürokratische Geist
Preußen-Deutschlands vermochte. Selbstpolitische Freiheiten
wurden eingeführt oder wenigstens - versprochen. Das Volk
stand auf, der Sturm brach los. Die Scharnhorst-Gneisenausche
Armee der allgemeinen Volksbewaffnung jagte in den großen
Befreiungskriegen den "Erbfeind" über den Rhein zurück und
setzte dem Welterschütterer, der das Frankreich der großen
Revolution unterwühlt hatte, ein schmähliches Ziel, obwohl sie
nicht einmal diejenige demokratische Einrichtung war, die
Scharnhorst und Gneisenau hatten schaffen wollen. Nachdem der
Mohr - das deutsche Volk - so seine Schuldigkeit getan hatte,
erhielt er den gehörigen "Dank vom Hause Habsburg". Die
Karlsbader Beschlüsse folgten auf die Völkerschlacht bei
Leipzig; und einer der wichtigsten Akte der Metternichtigkeit
eidbrüchigen und fluchwürdigen Angedenkens war, nachdem der
Druck von außen beseitigt und alle reaktionären Teufel im
Innern wieder losgelassen waren, die Vernichtung der
demokratischen Armee der Freiheitskriege, für die zwar die
kulturell hochstehenden Gebiete Deutschlands reif sein
mochten, die aber unter dem Bleigewicht der
ostelbisch-borussischen Unkultur mit fast allen Herrlichkeiten
der großen Volkserhebung jäh zusammenbrach.
Ein oberflächlicher Blick über die
Entwicklung des Heerwesens schließlich ergibt, in welch
energischer Abhängigkeit Art der Zusammensetzung und Umfang
der Armee nicht nur von der sozialen Gliederung, sondern auch,
und in weit höherem Maße, von der Waffentechnik stehen. Die
umwälzende Wirkung, die zum Beispiel die Erfindung der
Feuerwaffen in dieser Richtung geübt hat, ist eine der
markantesten Tatsachen der Kriegsgeschichte.
Fußnoten
1.
Natürlich auch des von ihr untrennbaren Regulators der
physischen Kraft: der geistigen Kraft, insofern sie eine
möglichst gute Ausnutzung der physischen Kraft bewirkt und
sich fremde physische Kraft dienstbar macht, und zwar durch
diese so disponible und erworbene physische Kraft. In welchem
Umfang eine solche Dienstbarmachung physischer Kraft als
soziale Erscheinung stattfindet, das heißt vermöge des großen
Maßes und der Regelmäßigkeit, in denen sie von den einzelnen
Interessengruppen gegeneinander stattfindet, in die Gestaltung
des gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisses mitbestimmend
eingreift, hängt im wesentlichen und für die Regel von der
wirtschaftlichen Lage der Interessengruppen ab und ist in
einigen wichtigen Beziehungen im folgenden erörtert.
2.
"In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die
Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige
Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer
bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte
entsprechen." Karl Marx. (Zur
Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx und
Friedrich Engels: Ausgewählte
Schriften, Bd. 1, Dietz Verlag, Berlin 1958, S. 557.
- Die Red.)
3.
Zu den eigentlichen Waffen nebst Munition und Schutzwehren
aller Art, einschließlich des Beleuchtungswesens, zu den
Festungen und Kriegsschiffen tritt z.B. noch das militärische
Kommunikationswesen (Pferde, Wagen, Fahrräder, Wege und
Brückenbau, Binnenschiffe, Eisenbahn, Automobil, Telegraph,
drahtlose Telegraphie, Telephon usw.), auch des Fernrohrs, der
Luftschiffe, der Photographie und der Spürhunde sei nicht
vergessen.
4.
Siehe Kapitel 1-4.4 Italien. - Die Red.
5.
Auch die italienische Entwicklung des 15. Jahrhunderts bietet
hier allergrößtes Interesse, das zu vertiefter Untersuchung
geradezu reizt. Sie bekräftigt allenthalben unsre
Grundauffassung. Vgl. Burckhardt,
Die Cultur der Renaissance in
Italien, 9. Auflage, Bd. 1, S. 105 ff.
6.
Auch der russischen in ihrem ersten Stadium; dafür
ist - von den unzähligen sonstigen Belegen - besonders
charakteristisch der bewaffnete Moskauer Aufstand vom Dezember
1905, dessen erstaunliche Zähigkeit sich aus dem
Zusammenarbeiten des Gros der städtischen Bevölkerung mit den
im Feuer stehenden, übrigens nur wenig zahlreichen
Revolutionären erklärt. Die in Moskau glänzend entwickelte
Taktik des städtischen Guerillakrieges wird epochemachend
sein.
7.
Das Zusammenarbeiten in Fabriken usw. und das Zusammenwohnen
in "Arbeitervierteln" und dergleichen kommt hier immerhin in
Betracht.
8.
Vgl. Burckhardt, Die Cultur
der Renaissance in Italien, Bd. 1, S. 22 ff.
Anmerkungen
1*. Georges
Boulanger (1857-1891), französischer General, blutiger
Henker der Kommunarden, 1886-1887 Kriegsminister, führender
Revanchist. Gestützt auf seine Partei, die Boulangisten,
arbeitete er auf einen Staatsstreich, die Beseitigung der
Republik und die Errichtung der Diktatur in Frankreich, hin,
mußte aber 1889 aus Frankreich fliehen. |