|
Der antipatriotische Antimilitarismus hat
in Deutschland keinen Boden und wird keinen Boden finden. Wohl
aber wird sich die Propaganda der deutschen Sozialdemokratie
in immer stärkerem Maße mit der Propaganda der internationalen
Solidarität der Arbeiterschaft und mit der Propaganda des
Völkerfriedens als eines Ziele. des proletarischen
Befreiungskampfes durchtränken müssen. Die oben erörterten
antimilitaristischen Programmforderungen geben dafür eine
geeignete einwandfreie Grundlage ab.
Im allgemeinen wird der innere Militarismus
mit all seinen verzweigten Schädlichkeiten, die in normalen
Zeiten auch aktueller sind, mehr auf dem Nagel brennen und den
Klassenkampfcharakter des Militarismus am einleuchtendsten
hervortreten lassen. Welches das Zentrum des Angriffs zu
bilden hat, wird hier jeweils die nationale und internationale
Lage zu entscheiden haben.
Welche Formen, welche Mittel der Propaganda
haben wir nun in Deutschland einzuführen oder zu
vervollkommnen, wobei als selbstverständlich vorauszusetzen
ist, daß die gesetzlichen Grenzen innegehalten werden sollen,
so daß die Frage einer Propaganda im Heere selbst hier von
vornherein auszuscheiden hat.
Die deutsche Sozialdemokratie hat
keineswegs auch nur in bezug auf die Sammlung des
Anklagematerials gegen den Militarismus genug getan. Nur das
Militärbudget, die Steigerung der unmittelbaren Militärlasten
und der Präsenzstärke sind des öfteren eingehender
zusammengefaßt dargestellt. Aber schon der Zusammenhang
zwischen den Militärlasten und der Zoll- und Steuerpolitik
harrt noch einer eingehenden Untersuchung. Was vor allem aber
fehlt, sind zusammenfassende Darstellungen der
Militärmißhandlungen, der Leistungen der Militärjustiz, der
Soldatenselbstmorde, der Gesundheitsverhältnisse in der Armee,
der Dienstbeschädigungen, der Gehalts- und
Pensionsverhältnisse, sodann der Verwendung von Soldaten zur
Lohndrückerei und der hierauf bezüglichen Korpserlasse, der
Verwendung von Soldaten und zur Entlassung kommender Soldaten
als Streikbrecher, weiter der militärischen und der
bewaffneten polizeilichen Eingriffe in Streiks, der hierbei
gefallenen Opfer, des Militärboykottwesens, des militärischen
Eingreifens bei politischen Aktionen, der Ausnutzung der
Kriegervereine im sozialpolitischen und politischen Kampf,
ferner der Leistungen des Militarismus auf allen diesen
Gebieten, insbesondere im wirtschaftlichen und politischen
Kampf, in andern Ländern, wobei, soweit angängig, je ein
besonderes Konto für den Landmilitarismus, den Marinismus und
den Kolonialmilitarismus anzulegen sein wird. Es fehlt auch
eine genügende Kenntnis und Zusammenstellung des auf die
militaristischen Jugendvereine der Gegner bezüglichen
Materials und dessen, was sich auf die antimilitaristische
Bewegung und deren Bekämpfung bezieht.
Die laufende Sammlung, Sichtung und
vergleichende Bearbeitung all dieses Materials muß
systematisch in die Hand genommen werden, so nebenher in der
allgemeinen Agitation ist das nicht möglich.
Dieses Material wird natürlich zunächst
innerhalb der allgemeinen Agitation, im Parlament, in der
Presse, in allgemeinen Flugblättern und Versammlungen zu
verwerten sein. Es muß aber auch nach ganz bestimmten Stellen
gelenkt werden, in ganz bestimmte Kanäle geleitet werden, um
die für den Antimilitarismus besonders wichtigen Schichten der
Bevölkerung mit ihm zu durchtränken, zu befruchten. In erster
Linie kommt hier nicht die noch nicht niilitärpflichtige
Jugend selbst in Frage, sondern die Eltern, besonders die
Mütter, die für die antimilitaristische Jugenderziehung
systematisch zu mobilisieren sind; ebenso die älteren
Arbeiter, deren Einfluß auf die jugendlichen Arbeiter und
Lehrlinge in dieser Richtung nach Möglichkeit auszunutzen ist.
Und schließlich gilt es, den Kampf gegen die Kriegervereine
nachdrücklicher und planmäßiger zu gestalten.
Die Agitation wird nirgends direkt oder
indirekt zu militärischem Ungehorsam auffordern dürfen,
sondern ihren Zweck vollständig erfüllen, wenn sie Klarheit
über das Wesen des Militarismus und seine Rolle im
Klassenkampf schafft und wenn die Empörung und der Abscheu
gegen ihn durch wirksame Darstellungen seiner volksfeindlichen
Eigenschaften und Taten erweckt werden.
Wo die Gesetze es zulassen, werden
Hauptträger dieser Propaganda die Jugendorganisationen sein
müssen, die freilich schon durch Förderung des
Klassenbewußtseins an und für sich den Militarismus oder die
militaristische Gesinnung untergraben. Die Jugendvereine
werden durch Zeitungen, durch Broschüren, Flugblätter, durch
Vorträge, Vortragszyklen und Unterricht den
antimilitaristischen Geist in der dem Jugendverständnis
angemessenen Form immer mehr zu verbreiten haben.
Festlichkeiten und künstlerische Veranstaltungen werden zu dem
gleichen Zweck auszunutzen sein. Die Mitglieder der Vereine
wiederum werden zu Propagandisten des Antimilitarismus erzogen
werden müssen. Durch die Agitation von Mund zu Mund unter
ihren Klassen- und Altersgenossen, durch Weiterverbreitung
ihrer Literatur wird die Familie, werden Verwandte und Freunde
und wird die Werkstatt und Fabrik von den Mitgliedern der
Jugendorganisationen zu Rekrutierungsgebieten des
Antimilitarismus gemacht werden.
Die Jugendorganisation selbst aber hat ihre
Agitation nicht nur auf die Mitglieder zu beschränken, sondern
in einen möglichst weiten Kreis hinauszutragen. Sie hat sich
an die Gesamtheit der jugendlichen Arbeiter zu wenden. Ihr
liegt es auch ob, die älteren Arbeiter in der oben
beschriebenen Weise heranzuziehen. Durch die Presse, durch
Flugblätter, Broschüren, allgemeine Versammlungen, öffentliche
Vorträge, künstlerische Veranstaltungen, Feste und
dergleichen, die sowohl für die Jugend im allgemeinen wie für
die Erwachsenen zu veranstalten sind und bei denen diese für
die antimilitaristische Jugendagitation zu gewinnen sind, ist
systematisch tu wirken. Die Rekrutenabschiede und
Demonstrationen aller Art, wo sie zulässig sind, müssen dem
gleichen Zweck dienen.
Daneben muß die Partei sich, wie bisher,
aber in immer verstärktem Maße, systematisch der Soldaten und
auch der Unteroffiziere annehmen, ihre materiellen und
sozialen (dienstlichen) [1]
Interessen in Presse und Parlament energisch vertreten und so
in gesetzlich nicht zu beanstandender Weise die Sympathien
dieser Kreise zu erwerben suchen.
Die Gründung besonderer Vereinigungen
ehemaliger Militärs nach Art der belgischen und holländischen,
mit der besonderen Aufgabe, den Kriegervereinen
entgegenzutreten, dürfte in Deutschland nicht angezeigt sein:
Die allgemeinen politischen und gewerkschaftlichen
Organisationen genügen hier.
Betrachten wir, was in anderen Ländern
geschehen ist, so sehen wir, wieviel uns zu tun hier noch
übrigbleibt, und überfliegen wir das obige Programm, so
erkennen wir, daß die Partei, mag sie noch soviel auf
antimilitaristischem Gebiet getan haben, doch nur gerade erst
begonnen hat, ihre Schuldigkeit zu tun. Daß sie gewissermaßen
noch in den Kinderschuhen der antimilitaristischen Propaganda
steckt.
Daß alle jene vielfältigen Aufgaben nicht
von einer Zentralstelle aus erfüllt werden können, liegt auf
der Hand, ebenso aber, daß sie von einer Zentralstelle aus
geleitet und kontrolliert werden können und müssen. Die
Einrichtung eines Zentralausschusses zu diesem Zweck erscheint
als ein Gebot der Notwendigkeit auch schon um deswillen, weil
nur so die vorsichtige Ausnutzung aller gesetzlichen
Agitationsmöglichkeiten gesichert werden kann. Wie ein
weitverzweigtes Netz soll sich die antimilitaristische
Propaganda über das ganze Volk breiten. Die proletarische
Jugend muß von Klassenbewußtsein und von Haß gegen den
Militarismus systematisch durchglüht werden. Der jugendliche
Enthusiasmus wird die Herzen der jungen Proletarier einer
solchen Agitation begeistert entgegenschlagen lassen. Die
proletarische Jugend gehört der Sozialdemokratie, dem
sozialdemokratischen Antimilitarismus. Sie wird und muß, wenn
alles seine Schuldigkeit tut, gewonnen werden. Wer die
Jugend hat, der hat die Armee.
Fußnote:
1.
Besserung von Besoldung, Verpflegung, Bekleidung,
Unterkunftsräumen, Behandlung, Erleichterung des Dienstes,
Bekämpfung der Mißhandlungen, Reform des Beschwerde-, des
Disziplinar- und Strafrechts sowie der Militärjustiz usw.
|