Vorbemerkung
|74|
Der Militarismus ist nichts spezifisch
Kapitalistisches. Er ist vielmehr allen
Klassengesellschaftsordnungen, von denen die kapitalistische
die letzte ist, eigen und wesentlich. Freilich entwickelt der
Kapitalismus ebenso wie jede andere
Klassengesellschaftsordnung seine besondere Sorte Militarismus
[1]; denn der Militarismus
ist seinem Wesen nach Mittel zum Zweck oder zu mehreren
Zwecken, die je nach der Art der Gesellschaftsordnung
verschieden und je nach ihrer Verschiedenheit auf verschieden
gearteten Wegen zu erreichen sind. Das tritt nicht nur im
Heerwesen zutage, sondern auch im übrigen Inhalt des
Militarismus, der sich aus der Erfüllung seiner Aufgaben
ergibt.
Der kapitalistischen Entwicklungsstufe
entspricht am besten das Heer der allgemeinen Wehrpflicht, das
aber, obwohl ein Heer aus dem Volke, kein Heer des Volkes,
sondern ein Heer gegen das Volk ist, oder mehr und mehr dazu
umgearbeitet wird.
Es tritt bald als stehendes Heer auf, bald
als Miliz. Das stehende Heer, das aber auch keine Erscheinung
nur des Kapitalismus ist [2],
erscheint als seine entwickeltste, ja seine normale Form; das
wird unten gezeigt werden.
1.
„Militarismus nach außen“, Marinismus und Kolonialmilitarismus
Kriegsmöglichkeiten und Abrüstung
Die Armee der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung erfüllt ebenso wie die Armee der anderen
Klassengesellschaftsordnungen einen doppelten Zweck.
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Sie ist zuvörderst eine nationale
Einrichtung, bestimmt zum Angriff nach außen oder zum Schutz
gegen eine Gefährdung von außen, kurzum bestimmt für
internationale Verwicklungen oder, um ein militärisches
Schlagwort zu gebrauchen, gegen den äußeren Feind.
Diese Funktion der Armee ist auch durch die
neuere Entwicklung keineswegs beseitigt. Für den Kapitalismus
ist der Krieg in der Tat, um Moltkes Worte zu gebrauchen, „ein
Glied in Gottes Weltordnung“.
[3] Allerdings besteht innerhalb Europas selbst wenigstens
die Tendenz zur Beseitigung gewisser Kriegsursachen und sinkt
trotz Elsaß-Lothringens und der Sorgen um das französische
Trifolium Clemenceau, Pichon, Picquart, trotz der
orientalischen Frage, trotz des Panislamismus und trotz der
sich eben in Rußland vollziehenden Umwälzung die
Wahrscheinlichkeit eines aus Europa selbst herausbrechenden
Krieges mehr und mehr. Dafür sind jedoch neue, höchst
gefährliche Reibungsflächen entstanden infolge der von den
sogenannten Kulturstaaten verfolgten kommerziellen und
politischen Expansionsbestrebungen
[4], die uns auch die
orientalische Frage und den Panislamismus in erster Linie
beschert haben, infolge der Weltpolitik, der Kolonialpolitik
im besonderen, die – wie selbst ein Bülow am 14. November 1906
im Deutschen Reichstage rückhaltlos anerkannte
[5] – ungezählte
Konfliktsmöglichkeiten in sich birgt
[6] und die gleichzeitig
zwei andere Formen des Militaris- |76| mus immer energischer in den
Vordergrund drängt: den Marinismus und den
Kolonialmilitarismus. Wir Deutschen können ein Lied von dieser
Entwicklung singen!
Der Marinismus, der Flottenmilitarismus,
ist das echte Geschwister des Landmilitarismus und trägt alle
abstoßenden und bösartigen Züge dieses letzteren. Er ist in
noch höherem Maße als gegenwärtig der Landmilitarismus nicht
nur Folge, sondern auch Ursache internationaler Gefahren, der
Gefahr eines Weltkrieges.
Wenn uns gute Leute und Betrüger glauben
machen wollen, zum Beispiel die Spannung zwischen Deutschland
und England [7] sei nur
etwelchen Mißverständnissen, Hetzereien böswilliger
Zeitungsschreiber, prahlerischen Redensarten schlechter
Musikanten der Diplomatie zu verdanken, so wissen wir es
besser. Wir wissen, daß diese Spannung eine notwendige Folge
der sich verschärfenden wirtschaftlichen Konkurrenz Englands
und Deutschlands auf dem Weltmarkte ist, also eine direkte
Folge der zügellosen kapitalistischen Entwicklung und
internationalen Konkurrenz. Der Spanisch- Amerikanische Krieg
um Kuba, der Abessinische Krieg Italiens, der Transvaalkrieg
Englands, der Chinesisch-Japanische Krieg, das chinesische
Abenteuer der Großmächte, der Russisch-Japanische Krieg, sie
alle, wenn auch noch so mannigfaltig in ihren besonderen
Ursachen und Bedingungen, haben doch den einen großen
gemeinschaftlichen Grundzug des Expansionskrieges. Und wenn
wir uns der englisch-russischen Spannung in Tibet, Persien und
Afghanistan, der japanisch-amerikanischen Unstimmigkeiten aus
dem Winter 1906 und schließlich des Marokkokonfliktes
glorreichen Angedenkens mit der französisch-spanischen
Kooperation vom Dezember 1906
[8] erinnern, so erkennen wir, daß die kapitalistische
Expansions- und Kolonialpolitik unter das Gebäude des
Weltfriedens zahlreiche Minen gelegt hat, deren Zündschnuren
in den verschiedensten Händen liegen und die gar leicht und
unerwartet auffliegen können.
[9] Gewiß mag eine Zeit kommen, wo die Aufteilung |77| der Welt
so weit fortgeschritten ist, daß man an eine Vertrustung in
überhaupt möglichen Kolonialbesitzes unter die
Kolonialstaaten, sozusagen an eine Ausschaltung der
Kolonialkonkurrenz zwischen den Staaten denken kann, wie sie
für die private Konkurrenz zwischen kapitalistischen
Unternehmern in den Kartellen und Trusts in gewissem Umfange
erfolgt ist. Aber das hat noch gute Weile und kann schon
allein durch die wirtschaftliche und nationale Erhebung Chinas
ins Unabsehbare weit hinausgeschoben werden.
So erscheinen denn alle die angeblichen
Abrüstungspläne vorläufig nur als Narretei, Schaumschlägerei
und Übertölpelungsversuche. Die Hauptautorschaft des Zaren an
der Haager Komödie
[1*]
stempelt sie durchweg.
Gerade in unseren Tagen ist die Seifenblase
der angeblichen engflachen Abrüstung lächerlich zerplatzt: Der
Kriegsminister Haldane, der angebliche Förderer solcher
Absichten, hat sich in scharfen Worten als Gegner jeder
Minderung der aktiven Wehrmacht bekannt und geradezu als
militaristischer Treiber entpuppt und betätigt
[10], während
gleichzeitig die englisch-französische Militärkonvention am
Horizont aufgeht. Und zur nämlichen Stunde, wo die zweite
„Friedenskonferenz“ vorbereitet wird, steigert Schweden meine
flotte, wuchern in Amerika
[11] und Japan die Militärbudgets immer höher ins Kraut,
betont das Ministerium Clemenceau in Frankreich unter einer
208 Millionen-Mehrforderung
[12] die Notwendigkeit einer starken Armee und Marine,
wird von den
Hamburger
Nachrichten als Quintessenz der Stimmung in den
herrschenden Klassen Deutschlands der Glaube an die
alleinseligmachende militärische Rüstung geschildert und das
deutsche Volk von der Regierung mit militärischen
Mehrforderungen [13]
beglückt, |78| nach denen selbst unsere Liberalen mit allen zehn
Fingern ausgreifen. [14]
Man kann daran die Naivität ermessen, die der französische
Senator d’Estournelles de Constant, ein Mitglied des Haager
Gerichtshof es, in seinem jüngsten Aufsatz über die
Beschränkung der Rüstungen
[15] entwickelt. In der Tat: Für diesen politischen
Phantasten macht nicht nur eine Schwalbe den Sommer der
Abrüstung, ihm genügt schon ein Sperling. Herzerquickend fast
mutet demgegenüber die ehrliche Brutalität an, mit der die
Konferenzgroßmächte die Steadschen Vorschläge abfallen lassen
und sich sträuben, die Abrüstungsfrage auch nur auf die
Tagesordnung der zweiten Konferenz zu setzen.
Der dritte Sprößling des Kapitalismus auf
militärischem Gebiete, der Kolonialmilitarismus, verdient noch
einige Worte. Die Kolonialarmee, das heißt das stehende
Kolonialheer, nicht die jetzt angeblich auch für
Deutsch-Südwestafrika „geplante“ Kolonialmiliz
[16], noch weniger die
ganz differente Miliz der fast selbständigen englischen
Kolonien, spielt für England eine außerordentlich große Rolle;
ihre Bedeutung wächst auch für die übrigen Kulturstaaten.
Während sie für England außer der Aufgabe einer Unterdrückung
oder Inschachhaltung des kolonialen „inneren Feindes“, nämlich
der Eingeborenen der Kolonien, die Aufgabe eines Machtmittels
gegen den äußeren Kolonialfeind, zum Beispiel Rußland,
erfüllt, fällt ihr, oft unter der Firma „Schutztruppe“ oder
„Fremdenlegion“ [17],
bei den übrigen Kolonialstaaten, besonders Amerika |79| und
Deutschland [18], fast
ausschließlich die erste Aufgabe zu, die Aufgabe, die
unglückseligen. Eingeborenen zur Fron für den Kapitalismus in
die Bagnos zu treiben und, wenn sie ihr Vaterland gegen die
fremden Eroberer und Blutsauger schützen wollen, erbarmungslos
zusammenzuschießen, niederzusäbeln und auszuhungern. Die
Kolonialarmee, die sich vielfach aus dem Abhub der
europäischen Bevölkerung zusammensetzt
[19], ist das
bestialischste, abscheulichste aller Werkzeuge unserer
kapitalistischen Staaten. Es gibt kaum ein Verbrechen, das der
Kolonialmilitarismus und der in ihm geradezu gezüchtete
Tropenkoller nicht gezeitigt hätten.
[20] Die Tippelskirch,
Woermann, Podbielski, die Leist, Wehlan, Peters, Arenberg und
Genossen [3*]
sind des auch für Deutschland Zeugen und Beweise; Sie sind die
Früchte, an denen man das Wesen der Kolonialpolitik erkennt,
jener Kolonialpolitik, die unter der Vorspiegelung
[21], Christentum und
Zivilisation zu verbreiten oder die nationale Ehre zu wahren,
zum Profit der kapitalistischen Kolonialinteressen mit frommem
Augenaufschlag wuchert und betrügt, Wehrlose mordet und
notzüchtigt, den Besitz Wehrloser sengt und brennt, Hab und
Gut Wehrloser raubt und plündert, Christentum und Zivilisation
|80|
höhnt und schändet. [22]
Vor Indien und Tongking, dem Kongostaat, Deutsch-Südwestafrika
und den Philippinen erbleichen die Sterne selbst eines Cortez,
selbst eines Pizarro.
2.
Proletariat und Krieg
Wenn oben die Funktion des Militarismus
gegen den äußeren Feind als eine nationale bezeichnet ist, so
ist damit nicht gesagt, daß es eine Funktion sei, die den
Interessen, der Wohlfahrt und dem Willen der kapitalistisch
regierten und ausgebeuteten Völker entspricht. Das Proletariat
der gesamten Welt hat von jener Politik, die den Militarismus
nach außen notwendig macht, keinen Nutzen zu erwarten, seine
Interessen widersprechen ihr sogar auf das aller- schärfste.
Jene Politik dient mittelbar oder unmittelbar den
Ausbeutungsinteressen der herrschenden Klassen des
Kapitalismus. Sie sucht der regellos-wilden Produktion und der
sinnlos-mörderischen Konkurrenz des Kapitalismus mit mein oder
weniger Geschick über die Welt hinaus den Weg zu bereiten,
indem sie alle kulturellen Pflichten gegen die minder
entwickelten Völkerschaften niedertrampelt; und sie erreicht
doch im Grunde genommen nichts, als eine wahnsinnige
Gefährdung des ganzen Bestandes unserer Kultur durch die
Heraufbeschwörung weltkriegerischer Verwicklungen.
Auch das Proletariat begrüßt den gewaltigen
wirtschaftlichen Aufschwung unserer Tage. Es weiß aber, daß
sich dieser wirtschaftliche Aufschwung auch ohne den
gewappneten Arm, ohne Militarismus und Marinismus, ohne den
Dreizack in unserer Faust und ohne die Bestialitäten unserer
Kolonialwirtschaft friedlich entfalten könnte, sofern ihm
vernünftig geleitete Gemeinwesen unter internationaler
Verständigung und in Übereinstimmung mit den Kulturpflichten
und Kulturinteressen dienen würden. Es weiß, daß unsere
Weltpolitik zu einem großen Teil eine Politik der gewaltsamen
und plumpen Bekämpfung und Verwirrung der inneren sozialen und
politischen Schwierigkeiten ist, vor denen sich die
herr- |81| schenden Klassen sehen, kurzum eine Politik bonapartistischer Täuschungs- und Irreführungsversuche. Es
weiß, daß die Arbeiterfeinde ihre Suppe mit Vorliebe am Feuer
des beschränkten Chauvinismus kochen, daß schon die von
Bismarck skrupellos erzeugte Kriegsangst des Jahres 1887 der
gemeingefährlichsten Reaktion gar trefflich Vorspann leistete
und daß ein jüngst [23]
enthülltes sauberes Plänchen hochgestellter Persönlichkeiten
dahin ging, im trüben kriegerischer Hurrastimmung dem
deutschen Volk „nach Heimkehr eines siegreichen Heeres“ das
Reichstagswahlrecht wegzufischen. Es weiß, daß der Vorteil des
wirtschaftlichen Aufschwunges, um dessen Ausnützung sich jene
Politik bemüht, und daß im besonderen aller Vorteil unserer
Kolonialpolitik nur der Unternehmer- klasse, dem Kapitalismus,
dem Erbfeind des Proletariats, in die weiten Taschen rinnt. Es
weiß, daß die Kriege, die die herrschenden Klassen für sich
führen, gerade ihm die unerhörtesten Opfer an Gut und Blut
[24] auferlegen, für
die es nach vollbrachter Arbeit mit jämmerlichen
Invalidenpensionen, Veteranenbeihilfen, Leierkästen und
Fußtritten aller Art regaliert wird. Es weiß, daß sich bei
jedem Krieg ein Schlammvulkan hunnischer Roheit und Gemeinheit
über die beteiligten Völker ergießt und die Kultur auf Jahre
hinaus rebarbarisiert. [25]
Es weiß, daß das Vaterland, für das es sich schlagen soll,
nicht sein Vaterland ist, daß es für das Proletariat jedes
Landes nur einen wirklichen Feind gibt: die Kapitalistenklasse, die das Proletariat unterdrückt und ausbeutet; daß das
Proletariat jedes Landes durch sein eigenstes Interesse eng
verknüpft ißt mit dem Proletariat jedes anderen Landes; daß
gegenüber den gemeinsamen Interessen des internationalen
Proletariats alle nationalen Interessen zurücktreten und der
internationalen Koalition des Ausbeutertums und der
Knechtschaft die internationale Koalition der Ausgebeuteten,
der Geknechteten gegenübergestellt werden muß. Es weiß, daß
das Proletariat, sofern es in einem Kriege verwendet werden
sollte, zum Kampfe gegen seine eigenen Brüder und
Klassengenossen geführt würde und damit zum Kampfe gegen seine
eigenen Interessen.
Das klassenbewußte Proletariat steht daher
jener internationalen Aufgabe der Armee wie der gesamten
kapitalistischen Ausdehnungspolitik nicht nur kühl bis ans
Herz hinan, sondern in ernster |82| und zielbewußter Feindschaft
gegenüber. Es hat die vornehmste Aufgabe, den Militarismus
auch in dieser Funktion bis aufs Messer zu bekämpfen, und es
wird sich dieser seiner Aufgabe in immer stärkerem Maße bewußt
- das zeigen die internationalen Kongresse, das zeigt der
Austausch von Solidaritätskundgebungen zwischen deutschen und
französischen Sozialisten beim Ausbruch des
Deutsch-Französischen Krieges, der spanischen und
amerikanischen Sozialisten beim Ausbruch des kubanischen
Krieges, der russischen und japanischen Sozialisten beim
Ausbruch des ostasiatischen Krieges von 1904 und der 1905 für
den Fall eines schwedisch-norwegischen Krieges von den
schwedischen Sozialdemokraten gefaßte Generalstreiksbeschluß,
das hat weiter die parlamentarische Stellungnahme der
deutschen Sozialdemokratie zu den Kriegskrediten von 1870 und
zum Marokkokonflikt kundgetan, das beweist auch die Haltung
des klassenbewußten Proletariats gegenüber der russischen
Intervention.
3. Grundzüge
des „Militarismus nach innen“ und seine Aufgabe
Der Militarismus ist aber nicht nur Wehr
und Waffe gegen den äußeren Feind, seiner harrt eine zweite
Aufgabe [26], die mit
der schärferen Zuspitzung der Klassengegensätze und mit dem
Anwachsen des proletarischen Klassenbewußtseins immer näher in
den Vordergrund rückt, die äußere Form des Militarismus und
seinen inneren Charakter mehr und mehr bestimmend: die Aufgabe
des Schutzes der herrschenden Gesellschaftsordnung, einer
Stütze des Kapitalismus und aller Reaktion gegenüber dem
Befreiungskampf der Arbeiterklasse. Hier zeigt er sich als ein
reines Werkzeug des Klassenkampfes, als Werkzeug in den Händen
der herrschenden Klassen, dazu bestimmt, im Verein mit Polizei
und Justiz, Schule und Kirche die Entwicklung des
Klassenbewußtseins zu hemmen und darüber hinaus einer
Minderheit, koste es, was es wolle, selbst gegen den
aufgeklärten Willen der Mehrheit des Volkes die Herrschaft im
Staat und die Ausbeutungsfreiheit zu sichern.
So steht der moderne Militarismus vor uns,
der nicht mehr und nicht weniger sein will als die Quadratur
des Zirkels, der das Volk gegen das Volk selbst bewaffnet, der
den Arbeiter, indem er eine Altersklassenscheidung mit allen
Mitteln künstlich in unsere soziale Gliederung hineinzutreiben
sucht, zum Unterdrücker und Feind, |83| zum Mörder seiner eigenen
Klassengenossen und Freunde, seiner Eltern, Geschwister und
Kinder, seiner eigenen Vergangenheit und Zukunft zu machen
sich vermißt, der gleichzeitig demokratisch und despotisch,
aufgeklärt und mechanisch sein will, gleichzeitig volkstümlich
und volksfeindlich.
Allerdings soll nicht vergessen werden, daß
sich der Militarismus auch gegen den inneren nationalen,
selbst religiösen [27]
„Feind“ – in Deutschland zum Beispiel gegen die Polen
[28], Elsässer und
Dänen – richtet und auch bei Konflikten innerhalb der
nichtproletarischen Klassen
[29] Verwendung finden kann, daß er eine sehr
vielgestaltige und wandlungsfähige Erscheinung
[30] ist und daß der
preußisch-deutsche Militarismus durch die besonderen
halbabsolutistischen, feudal-bürokratischen Verhältnisse
Deutschlands zu einer ganz besonderen Blüte gediehen ist.
Dieser preußisch-deutsche Militarismus trägt alle schlechten
und gefährlichen Eigenschaften irgendeiner Form des
kapitalistischen Militarismus an sich, so daß er sich am
besten als Paradigma zur Darstellung des Militarismus in
seinem gegenwärtigen Zustand, in seinen Formen, seinen Mitteln
und seinen Wirkungen eignet. Wie uns angeblich noch keiner –
um mit Bismarck zu reden – den preußischen Leutnant
nachgemacht hat, so hat uns in der Tat noch keiner den
preußisch-deutschen Militarismus ganz nachzumachen vermocht,
der da nicht nur ein Staat im Staate, sondern geradezu ein
Staat über dem Staate geworden ist.
Betrachten wir zunächst die
Heeresverfassung einiger anderer Länder. Hierbei müssen außer
der eigentlichen Armee auch Gendarmerie und Polizei, die
vielfach nur den Charakter besonderer, für den Alltagsdienst
gegenüber dem inneren Feind präparierter militärischer
Organisationen haben und gerade in ihrer Gewalttätigkeit und
Roheit das militärische Ursprungsetikett fragen, von unserer
Betrachtung getroffen werden.
4.
Heeresverfassung in einigen ausländischen Staaten
Eigentümliche Formen der Heeresverfassung
finden wir zum Beispiel in England und Amerika, in der Schweiz
und in Belgien.
Großbritannien hat ein Söldnerheer
(„reguläre Armee“) und eine Miliz nebst der berittenen
Yeomanry; außerdem sogenannte |84| Volunteers (Freiwillige), eine
sich freiwillig ergänzende, im großen und ganzen unbesoldete
Truppe, 1905 245.000 an der Zahl. Das stehende Heer
einschließlich der Miliz – bei der Stellvertretung zulässig
ist – bezifferte sich 1905 auf rund 444.000 Mann, wovon
indessen nur rund 162.000 in England selbst garnisonierten.
Für Irland ist weiter ein militärisch organisiertes
Polizeikorps eingerichtet (rund 12.000 Mann). Das stehende
Heer wird zum großen Teil außerhalb des Mutterlandes,
besondere in Indien, wo sich die Armee von fast 250.000 Mann
[31] zu zwei Dritteln
aus Eingeborenen zusammensetzt, verwendet. Die Kolonien
besitzen in der Regel eigne Milizen und Freiwilligenkorps. Das
Verhältnis zwischen dem mutterländischen und dem kolonialen
Militarismus Großbritanniens wird gekennzeichnet durch das
Militärbudget, das zum Beispiel 1897 für das Mutterland rund
560 Millionen, für Indien rund 510 Millionen Mark betrug.
Hinzu kommt die immense Flotte mit fast 200.000 Mann Besatzung
und Marinetruppen.
Das Heerwesen der Vereinigten Staaten von
Amerika ist eine Mischung von stehendem Heer und Miliz. Das
durch Werbung [32]
ergänzte, verfassungsmäßig auf ein Maximum von 100.000 Mann
begrenzte stehende Heer beziffert sich in Friedenszeiten nach
dein Sollbestand 1905 auf etwa 61.000 Mann (am 15. Oktober
1906 einschließlich der Philippiner Scouts 67.255 Mann),
darunter 5.800 Offiziere, die meist aus der Militärakademie
von Westpoint hervorgehen. Zur Miliz zählten im gleichen Jahre
zirka 111.000 Mann. Die Miliz ist ziemlich demokratisch
organisiert. Sie untersteht in Friedenszeiten dein Gouverneur
und ist in ihrer Bewaffnung und Ausbildung nicht auf der Höhe.
Daneben spielt die vielfach militärisch organisierte
Polizeitruppe eine hervorragende Rolle. – Ganz eigenartig ist
eine weitere Einrichtung, die, formell genommen, nicht hierher
gehört, aber nach der Funktion, die sie ausübt, nicht
unbeachtet bleiben kann. in allen kapitalistischen Ländern
finden sich „schwarze Banden“ des Unternehmertums, sei es auch
nur, daß das Unternehmertum Streikbrecher bewaffnet (das ist
in der Schweiz und in Frankreich zum Beispiel nichts Seltenem,
und für Deutschland sei auf die letztjährigen
Werftarbeiterstreiks in Hamburg und auf die Nürnberger
Vorgänge im Jahre 1906
[5*]
verwiesen). Dein amerikanischen Unternehmertum aber steht in
den bewaffneten Pinkertondetektivs eine solche schwarze Bande
von Primaqualität stets zur Verfügung. Wenn schließlich auf
die etwa |85| 30.000 Mann hingewiesen sei, die die Marine im Jahre
1905 zählte, so sieht man, daß auch die Vereinigten Staaten
eine Blütenlese der wichtigsten Formen der bewaffneten
Staatsmacht bieten.
In der Schweiz bestand bis vor kurzem ein
wirkliches Volksheer, eine allgemeine Volksbewaffnung. Jeder
waffenfähige Schweizer Bürger hatte Gewehr und Munition
ständig im Hause. Das war die Armee der Demokratie, von der
Gaston Mach in seinem bekannten Buch handelt. Da die Schweiz
unter einer gleichen internationalen Bürgschaft steht wie
Belgien, war es natürlich, daß der „Militarismus nach außen“
hier einen besonders milden Charakter annehmen und bewahren
konnte, zu welchem Erfolge noch zahlreiche andre Umstände
mitgewirkt haben. Mit der Zuspitzung der Klassengegensätze
veränderte sich aber der „Militarismus nach innen“. Das
Herrschaftsbedürfnis des kapitalistischen Bürgertums empfand
es zunehmend als eine Erschwerung seiner Ausbeutungs- und
Unterdrückungsfreiheit, sogar als eine Gefährdung seiner
Existenz, daß das Proletariat Waffen und Munition in Händen
hatte. So begann man im September 1899, das Volk zu
entwaffnen, indem man ihm die Patronen entzog, während man
zugleich in immer schärferer Weise nach dein Vorbilde der
großen Militärstaaten die vorhandenen militaristischen Ansätze
auszubauen sich bemühte. Der jeweils aktive Teil der Armee
wurde mit allen in jenen Militärstaaten üblichen Mitteln in
ein gefügiges Klasseninstrument umzudrillen versucht, so daß
sich auch in der vielgerühmten Schweizer Miliz mehr und mehr
die abschreckenden Züge herausgebildet haben, die alle
stehenden Heere zu einer Kulturschmach gemacht haben. Der am
21. Dezember 1906 vom Nationalrat zum
Militärreorganisationsgesetz gefaßte Beschluß über die
Verwendung von Soldaten bei Streiks ändert daran nichts.
[33]
Der Bedarf Belgiens an Soldaten für das
stehende Heer ist infolge seiner Neutralität erheblich
geringer (etwa die Hälfte) als der „Vorrat“ an
Soldatenmaterial. So tritt zu dem System der allgemeinen
Wehrpflicht das System der Auslosung und schließlich das
besonders tief in den Charakter der Armee einschneidende
System des Loskaufs, der Stellvertretung. Naturgemäß sind nur
die Wohlhabenden imstande, Ersatzmänner zu stellen, und ebenso
naturgemäß machen sie davon ausgiebigsten Gebrauch. Wenn
dieses früher viel verbreitete System der Ersatzgestellung
zunächst politisch nicht besonders bedeutungsvoll sein mochte,
so hat es in dem stark proletarisierten Belgien mit seinem
sehr großen Prozentsatz von Arbeitern unter den
Wehrpflichtigen und Ausgelosten zu einem für die herrschende
Masse äußerst bedenklichen Ergebnis geführt. Die durch und
durch proletarisierte Armee unterlag, soweit sie nicht |86| schon
an und für sich aus klassenbewußten und zu allem
entschlossenen Proletariern bestand, der antimilitaristischen
Propaganda so rapide, daß sie seit Jahren als Waffe der
herrschenden Masse gegen den inneren Feind kaum mehr in
Betracht kommt und nicht mehr angewandt wird. Man wußte sich
aber wohl zu helfen. Es bestand seit altersher die Einrichtung
der sogenannten Bürgergarde. Zur Bürgergarde gehören
diejenigen, die eine gute Nummer gezogen, und diejenigen, die
sich losgekauft haben, aber nur insoweit, als sie sich Uniform
und Waffe selbst anschaffen können, eine Bedingung (eine Art
Zensus), durch die die ärmere Bevölkerung von ihr nahezu
ausgeschlossen ist. Sie war früher nichts als eine große
Maskerade, ihre Mitglieder waren meist liberal und die
Organisation demokratisch. Die Bürgergardisten hauen ihre
Waffen zu Haue, wählten ihre Offiziere selbst usw. Mit der
zunehmenden Unzuverlässigkeit des stehenden Heeres begann hier
ein Wandel. Die Verwaltung und Leitung der Bürgergarde wurde
aus den Händen der Gemeinden in die Hände der Regierung
gelegt, die demokratischen Einrichtungen wurden aufgehoben,
die Waffen den einzelnen weggenommen und in die Lagerhäuser
der Militärverwaltung verschlossen. Ein ziemlich strammer
Militärdienst wurde eingeführt und die Ausbildung der
Bürgergardisten den schlimmsten der früheren Offiziere des
stehenden Heeres übertragen. Die Altersklasse von 20 bis 50
Jahren bat nicht weniger sie dreimal in der Woche abends und
alle 14 Tage einen halben Sonntag zu üben; und wenn früher in
bezug auf die Teilnahme an diesen Übungen ein an unsre
„Stadtsoldaten von Anno dazumal“ erinnernder Schlendrian
herrschte, so wird jetzt immer schärfer kontrolliert und die
Pünktlichkeit durch Strafen erzwungen. Bemerkenswert ist, daß
diese Neuorganisation der Bürgergarde nur in Gemeinden von
über 20000 Einwohnern stattgefunden hat, während im übrigen
die Bürgergarde ein lächerlicher Schatten geblieben ist. Auch
diese Tatsache brennt der Bürgergarde ihre Zweckbestimmung auf
die Stirn, eine besondere Schutztruppe der Regierung zu sein
im Kampfe gegen den „inneren Feind“. Das stehende Heer
beziffert sich nach dem Bestand von 1905, ausschließlich der
Gendarmerie, aus rund 46.000 Mann, die aktive Bürgergarde auf
rund 44.000 Mann, also fast genau ebenso hoch!
So besitzt Belgien eine Armee gegen den
äußeren und eine besondere Armee gegen den inneren Feind, eine
höchst raffinierte Einrichtung, die, wie die Verwendung der
Bürgergarde bei den letzten Wahlrechtskämpfen und Streiks
erweist, dem Kapitalistenregime Belgiens gut. Dienste
geleistet hat und weiter leisten wird.
Hinzu kommt für Belgien auch die
Gendarmerie, die im Kriege wie bei Streiks und Unruhen einfach
militärische Verwendung fin- |87| det. Sie ist sehr zahlreich und
über das ganze Land verstreut, von großer Beweglichkeit, kann
jederzeit konzentriert, disloziert und mobilisiert werden; sie
hat in Tervueren bei Brüssel für ihre fliegende Brigade eine
allgemeine Kaserne und schwärmt bei Streiks und dergleichen
über das ganze Land wie ein Wespenschwarm aus. Sie besteht
meist aus alten Unteroffizieren, ist vorzüglich bewaffnet und
gut bezahlt, kurz: Elitetruppe. Während die Bürgergarde für
ihre Aufgabe im Klassenkampf einfach dadurch wie geschaffen
ist, daß sie nichts andres darstellt als eine spezielle
militärische Mobilisierung des kapitalistischen Bürgertums
selbst, das sich seiner Interessen wohl bewußt ist, spielen
die in der Gendarmerie organisierten „Hofhunde des Kapitals“
ihre Rolle vorläufig noch nicht minder gut nach dem Rezept:
„Wes Brot ich esse, des Lied ich singe.“
Japan, das etwa auf derselben
kapitalistisch-feudalen Kulturstufe steht wie Deutschland, ist
in den letzten Jahren trotz seiner insularen, England
ähnlichen Lage, und zwar infolge der Spannung seiner
auswärtigen Situation, auch in militaristischer Beziehung zu
einem wahren Gegenstück Deutschlands geworden, abgesehen nur
etwa von der kriegsmäßigeren Ausbildung seiner Truppen.
5. Folgerungen
Rußland
Aus alledem folgt, daß sich der Umfang und
der besondere organisatorische Charakter der Armee wesentlich
nach der internationalen Lage, nach der Funktion der Armee
gegen den äußeren Feind richtet. Die internationale Spannung,
die heute in der Regel eine sehr hohe ist und – selbst in den
noch nicht kapitalistischen Staaten schon wegen der Konkurrenz
mit und zum Schutze gegenüber den kapitalistischen Staaten –
zur Ausnutzung aller waffenfähigen Bürger sowie zur
schroffsten Organisationsform, dem flehenden Heer der
allgemeinen Wehrpflicht, drängt, kann durch natürliche
Ursachen, wie zum Beispiel die insulare Lage Englands und – im
Verhältnis zu den übrigen Großstaaten – auch der Vereinigten
Staaten von Amerika, und durch künstlich-politische Ursachen,
wie zum Beispiel die Neutralerklärung der Schweiz und der
Niederlande, eine sehr beträchtliche Abschwächung erfahren.
Dagegen ist die Funktion des „Militarismus
nach innen“, gegenüber dem inneren Feind, als Werkzeug im
Klassenkampf eine stete notwendige Begleiterscheinung der
kapitalistischen Entwicklung, wie denn selbst Gaston Moch „die
Wiederherstellung der Ordnung“ als „legitime Funktion einer
Volksarmee“ bezeichnet. Und wenn |88| der Militarismus in dieser
seiner Funktion dennoch sehr verschiedene Formen aufweist, so
erklärt sich das einfach dadurch, daß dieser Zweck bisher ein
mehr nationaler, seine Erfüllung nicht so sehr durch
internationale Konkurrenz geregelt ist, daß er in sehr
verschiedener Art erreicht werden und daher viel mehr
nationale Eigentümlichkeiten ertragen kann. Übrigens werden
auch England und Amerika (wo zum Beispiel von 1896 bis 1906
das stehende Landheer von etwa 27.000 auf etwa 61.000 Mann
verstärkt, die Zahl der Marinemannschaften verdoppelt, das
Budget des Kriegsdepartements auf das Zweieinhalbfache, das
des Marinedepartements auf mehr als das Dreifache gesteigert
worden ist und für 1907 von Taft wieder zirka 100 Millionen
mehr gefordert werden) immer mehr in die Bahn des
europäisch-festländischen Militarismus getrieben, was
sicherlich in erster Reihe durch die Veränderung der
internationalen Lage und die Bedürfnisse der
jingoistisch-imperialistischen Weltpolitik, in zweiter Reihe
aber unverkennbar durch die Veränderung der inneren Spannung,
die Steigerung der Klassenkampfgefahr veranlaßt ist. Die
militaristischen Anwandlungen des englischen Kriegsministers
Haldane aus dem September 1906 stehen schwerlich nur in einem
zeitlichen Zusammenhang mit dem energischen selbständigen
Auftreten der englischen Arbeiterschaft auf der politischen
Bühne. [34] Die Neigung
zur Einführung einer allgemeinen Wehrhaftmachung nach
Schweizer Muster, die in England trotz der für sie
inszenierten gewichtigen Agitation vorläufig noch
zurückgedrängt ist, für die Vereinigten Staaten aber in der
Botschaft Roosevelts vom 4. Dezember 1906 bedeutsamen Ausdruck
gefunden hat, ist kein Symptom des Fortschritts. Sie heißt
trotz alledem eine Verstärkung des Militarismus im Vergleich
zum gegenwärtigen Zustand, und sie liegt immerhin auf der
abschüssigen Bahn zum stehenden Heer, das lehrt gerade die
Schweiz.
Unverkennbar besitzt der Militarismus mit
Rücksicht auf die große Mannigfaltigkeit der Kombinationen
zwischen den Faktoren, die Maß und Art der besonderen
Bedürfnisse eines Schutzes nach außen und nach innen
bestimmen, eine beträchtliche Vielgestaltigkeit und
Wandlungsfähigkeit, die sich am ausgeprägtesten im Heer-
|89| wesen
zeigt. Diese Wandlungsfähigkeit bewegt sich aber allenthalben
innerhalb der Grenzen, die jene dem Militarismus unbedingt
wesentliche Zweckbestimmung einer kapitalistischen Schutzwehr
setzt. Die Entwicklung kann hier dennoch zeitweilig geradezu
divergieren. Während zum Beispiel Frankreich unter Picquart
ernstlich an eine energische Abkürzung der Übungszeit der
Reserve- und Territorialtruppen
[35], an die Reform des
„Biribi“ und die Abschaffung der militärischen
Sondergerichtsbarkeit [36]
geht, quittierte im Herbst 1906 der Präsident des deutschen
Reichsmilitärgerichts, von Massow, seinen Dienst, weil die
militärische Kommandogewalt (das preußische Kriegsministerium)
durch Gesetzesinterpretationen formell und ohne Umschweife in
die Unabhängigkeit der Militärgerichte eingreift
(Rundschreiben vom Frühjahr 1905), eine Unabhängigkeit, die
freilich schon durch die Maßregelung der Richter des
Bilse-Prozessest
[6*] eine
eigenartige Kommentierung erfahren hatte. Diese „französischen
Zugeständnisse“ sind fast ausschließlich dem Antiklerikalismus
zu verdanken: Der Klerikalismus hat eine wichtige Stütze in
der Armee; die Regierung bedarf des Proletariats im
„Kulturkampf“. Diese Kombination ist natürlich weder ewig,
noch auch aus einer wesentlichen, dauernden
Entwicklungstendenz entsprossen; sie beruht auf einer ihrem
Wesen nach vorübergehenden Konstellation und geht mit
energischer Befehdung des Antimilitarismus, wie gezeigt, Hand
in Hand.
Interessant ist von diesen Gesichtspunkten
aus Rußland, dem die hochgradige Spannung seiner
außerpolitischen Lage die allgemeine Wehrpflicht aufgezwungen
hat und das sich als asiatisch-despotischer Staat einer
inneren Spannung ohnegleichen gegenüber sieht. Der innere
Feind des Zarismus ist nicht nur das Proletariat, sondern
außerdem die gewaltige Masse der Bauernschaft und des
Bürgertums, ja selbst ein großer Teil des Adels.
Neunundneunzig Prozent der russischen Soldaten sind ihrer
Klassenlage nach dem zarischen Despotismus erzfeind. Niedere
Bildung, nationale und religiöse Gegensätze, auch
wirtschaftliche und soziale Interessenwidersprüche, ferner
mehr oder weniger sanfter Druck durch den weitverzweigten
bürokratischen Apparat sowie die ungünstige örtliche
Gliederung, daß ungenügend ausgebildete Verkehrswesen und
anderes hemmen die Ausbildung des Klassenbewußtseins aufs
äußerste. Durch ein mit allen Hunden gehetztes System der
Elitetruppen, zum Beispiel der Gendarmerie und vor allem der
Kosaken, die durch gute Bezahlung und anderweitige materielle
Versorgung, |90| durch weitgehende politische Privilegien, durch
Einrichtung der halbsozialistischen Kosakengemeinwesen
geradewegs zu einer besonderen gesellschaftlichen Klasse
gestaltet und so an das herrschende Regime künstlich gefesselt
sind, sucht sich der Zarismus gegenüber der Gärung, die bis
tief in die Reihen der Armee gedrungen ist, eine genügende
Zahl von Getreuen zu sichern. Und zu alledem, zu diesen
„Hofhunden des Zarismus“, treten noch hinzu die Tscherkessen
[37] und sonstigen im
Reich der Knute wohnenden Barbarenvölker, die unter anderen in
der Ostseeprovinz-Konterrevolution
[7*] wie
Wolfsrudel über das Land losgelassen wurden, und alle übrigen
bewaffneten Kostgänger des Zarismus, deren Zahl Legion ist,
die Polizei und ihre Helfershelfer sowie – die Hooligans, die
schwarzen Banden.
Aber wenn schon in den
bürgerlich-kapitalistischen Staaten die Armee der allgemeinen
Wehrpflicht als Waffe gegen das Proletariat ein krasser,
zugleich furchtbarer und bizarrer Widerspruch in sich selbst
ist, so ist das Heer der allgemeinen Wehrpflicht unter dem
zarisch-despotischen Regierungssystem eine Waffe, die sich
notwendig mehr und mehr mit niederschmetternder Wucht gegen
den zarischen Despotismus selbst wenden muß, woraus sich
gleichzeitig ergibt, daß die Erfahrungen auf dem Gebiete der
antimilitaristischen Entwicklung in Rußland nur mit großer
Vorsicht für die bürgerlich-kapitalistischen Staaten zu
verwenden sind. Und wenn die Bemühungen der herrschenden
Lassen des Kapitalismus in den bürgerlich-kapitalistischen
Staaten, das Volk zum Kampfe gegen sich selbst zu kaufen, und
zwar noch gar zu einem großen Teil mit den dem Volke selbst zu
diesem Zwecke abgenommenen Geldmitteln, schließlich zum
Scheitern verurteilt sind, so sehen wir vor unsern Augen
bereits, wie die verzweifelten und jämmerlichen Versuche des
Zarismus, die Revolution gewissermaßen durch Bestechung zu
kaufen, in der Misere der russischen Finanzwirtschaft ein
schnelles und klägliches Fiasko erleiden, und zwar trotz aller
Rettungsaktionen des skrupellosen internationalen
Börsenkapitals. Gewiß, die Anleihefrage ist eine wichtige
Frage, mindestens für das Tempo der Revolution; aber sowenig
Revolutionen gemacht werden können, sowenig oder noch weniger
können sie gekauft werden
[38], nicht einmal mit den Mitteln des Großkapitals der
Welt.
Fußnoten
1.
Zu Unrecht sagt Bernstein in
La Vie Socialiste vom 5. Juni 1905, die heutigen
militaristischen Institutionen seien nur ein Erbe der mehr
oder weniger feudalen Monarchie.
2.
Vgl. nur Rußland, bei dem aber ganz besondere, nicht aus den
inneren Verhältnissen erwachsene Umstände zu dem Resultat
mitgewirkt haben. Stehende Heere auf anderer Grundlage als der
allgemeinen Wehrpflicht sind zum Beispiel die Söldnerheere.
Milizen kannten auch die italienischen Städte des 15.
Jahrhunderts.(Burchardt, Die
Cultur der Renaissance, Bd. 1, S. 527.)
3.
In dem bekannten Briefe an Bluntschli (Dezember 1880) heißt
es: „Der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein
schöner, und der Krieg ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm
entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und
Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des
Lebens. Ohne den Krieg würde die Welt in Materialismus
versumpfen.“ Wenige Monate vorher hatte Moltke geschrieben:
„Jeder Krieg ist ein nationales Unglück“ (Gesammelte
Schriften und Denkwürdigkeiten, Berlin o.J., Bd. V,
S.195, auch S.200) und 1841 in einem Artikel der
Augsburger Allgemeinen
Zeitung gar: „Wir bekennen uns offen tu der viel
verspotteten Idee eines allgemeinen europäischen Friedens.“
4.
Der Wert des gesamten auswärtigen Handels der Welt ist nach
Hübners Tabellen von 75.224 Millionen im Jahre 1891 auf fast
109.000 Millionen im Jahre 1905 gestiegen.
5.
„Was heutzutage unsere Situation kompliziert und erschwert,
das sind unsere überseeischen Bestrebungen und Interessen.“
6.
Moltkes Anschauungen hierzu waren höchst abenteuerlich. Die
Zeit der Kabinettskriege ist nach Ihm zwar vorüber, dafür hält
er aber die Parteiführer für frevelmütige, gefährliche
Kriegsprovokanten. Die Parteiführer und – die Börse! Freilich
hat er auch hie und da tiefere Einsicht. (Gesammelte
Schriften und Denkwürdigkeiten“, Bd. III, 1ff., 126,
155, 158.)
7.
Die durch jene phantastische Ausgeburt des englischen
Jingoismus, betitelt: Die
Invasion von 1910, immerhin gekennzeichnet wird.
8.
Frankreich hat im Jahre 1906 aus Anlaß des Marokkostreites
weit über 100 Millionen zur militärischen Sicherung seiner
Ostgrenzen aufgewendet!
9.
Über den angeblichen, nicht recht geklärten Plan des Hamburger
Reedereiabgeordneten Seniler, Fernando Po à la Jameson zu
kapern, vgl. die Debatten der Budgetkommission vom Anfang
Dezember 1906.
10. Dem tut keinen
Abbruch, daß er sich vorläufig noch gegen die allgemeine
Wehrpflicht ausgesprochen hat, was die
Kreuz-Zeitung vom
29. November 1906 um deswillen bedauert, weil – die allgemeine
Wehrpflicht das englische Volk zu einer besseren Würdigung des
Ernstes eines Krieges erziehen müsse! In Deutschland freilich
hat nach dem Willen der
Kreuz-Zeitungs-Ritter die allgemeine Wehrpflicht nur
die Bedeutung, dem Volke Blut- und Gutopfer aufzuzwingen,
während die Entscheidung über Krieg und Frieden im
Würfelbecher derer ruht, für die der Ernst des Krieges am
wenigsten existiert. Fürs Ausland weiß man sogar die
Demokratie zu schätzen! – Wegen der starken Tendenz zur
allgemeinen Miliz, die sich in England und Amerika zeigt, vgl.
Teil 5 dieses Kapitels, Rußland.
11. Vgl. Teil 5 dieses
Kapitels, Rußland, Kapitel 1-4.2, Noch eine Zwickmühle des
vorliegenden Bandes und die Botschaft Roosevelts vom 4.
Dezember 1906
[2*].
12. Durch den
Marokkokonflikt hauptsächlich begründet.
13. 23¾ Millionen für
die Marine, 51 Millionen für das Landheer, 7 Millionen Zinsen,
Summa: eine Steigerung um etwa 85 Millionen Mark gegen den
Etat von 1906/1907! Rosige Aussichten auf weitere „uferlose“
Flottenrüstungen macht ein offenbar inspirierter Artikel im
Reichsboten vom 21.
Dezember 1906. Und dazu die riesigen kolonialen Kriegsausgaben
(Chinaexpedition 454 Millionen, Südwestafrikanischer Aufstand
bisher 490 Millionen, Ostafrikanischer Aufstand 2 Millionen
usw.), über deren Einforderung es soeben, am 15. Dezember
1906, zum Konflikt und zur Reichstagsauflösung gekommen ist.
14. Vgl. zum Beispiel
Berliner Tageblatt
vom 27. Oktober 1906. Vor allem der berüchtigte Antrag Ablaß
vom 15. Dezember 1906 und die liberale Wahlparole zum 25.
Januar 1907.
15.
La Revue vom 1.
Oktober 1906. Die „tatsächlich erzielten Erfolge“ der deren
von denen die Redaktion der
Revue orakelt, sind tiefes Geheimnis.
16. Dernburg in der
Reichstagssitzung vom 29. November 1906.
17. Frankreich hat seit
dem 51. Dezember 1900 eine förmliche Kolonialarmee, mit der
die bösesten Erfahrungen gemacht sind: Vgl.
Hamburgischer Correspondent
Nr.621 vom 7. Dezember 1906, auch Fußnote 5 und, S.65 des
vorliegenden Bandes. In Deutschland wird geschäftig an ihrer
Herstellung gearbeitet Es geht im Geschwindschritt auf sie zu.
18. Dessen koloniale
Ausgaben selbst nach Dernburgs Denkschrift vom Oktober 1906,
trotz aller darin praktizierten Bilanzverschleierung, weit
überwiegend militärischer Art sind.
19. Vgl. Péroz,
France et Japon en Indochine“;
Famin, L’armèe coloniale;
E. Reclus in Patriotisme et
colonisation; Däumig,
Schlachtopfer des
Militarismus. In Die
Neue Zeit, XVIII. Jahrgang (1899/1900), 2. Bd., S.
565, über die Bataillone d’Afrique S. 569. Ferner für
Deutschland selbst Abg. Untreu am 3. Dezember 1906 im
Reichstag.
20. Auch das
Disziplinarwesen nimmt hier eine besonders zugespitzte Form
der Bestialität an. Ober Frankreichs Fremdenlegion und die
Bataillons d’Afrique vgl. Däumig,
Schlachtopfer des
Militarismus; über die Abschaffung des „Biribi“: Teil
5 dieses Kapitels, Rußland und Kapitel 1-3.2,
Soldatenerziehung.
21. Dieser
heuchlerische und zugleich schamhafte Schleier wird jetzt mit
allem wünschenswerten Zynismus abgeworfen: vgl. den Artikel
von G.B. in der Monatsschrift
Die deutschen Kolonien (Oktober 1906) und von Strantz
auf dem alldeutschen Verbandstag (September 1906): „Wir wollen
in den Kolonien nicht die Leute zu Christen machen, sondern
sie sollen für uns arbeiten. Dieser Humanitätsdusel ist
geradezu lächerlich. Die deutsche Sentimentalität hat uns
einen Mann wie Peters geraubt.“ Weiter Heinrich Hartert in
Der Tag vom 21.
Dezember 1906: „Es sei Pflicht der Mission, sich ... den
gegebenen Verhältnissen anzupassen“; sie hat sich aber
„vielfach dem Kaufmann direkt lästig gemacht“. Hier liegt der
kolonialpolitische Hauptstreitpunkt zwischen Zentrum und
Regierung, aus dem allein mich der im Dezent- her 1906 von dem
„Kaufmann“ Dernburg entfesselte wütende Kampf gegen die
sogenannte Nebenregierung des Zentrums versteht. – Auch hier
gilt fürs Ausland die göttliche „Antwort Alexanders“. Für
Amerika predigt die
Kreuz-Zeitung vom 29. September 1906 Die einfache
Ausrottung ganzer Indianerstämme ist so inhuman und
unchristlich, daß sie unter keinen Umständen verteidigt werden
kann – zumal es sich für die Amerikaner keineswegs tun ein to
be or not to be handelt.“ Wo es sich darum handelt – nach
Auffassung der Kolonialchristen! – darf also auch der Bekenner
der Nächstenliebe, „ganze Stämme ausrotten“!
22. Vgl. die
denkwürdigen Verhandlungen des Deutschen Reichstags vom 28.
November bis zum 4. Dezember 1906, in denen die Eiterbeule
aufgestochen wurde.
23. Vgl.
Hamburger Nachrichten
vom 5. November 1906.
24. Die Opfer der
Kriege von 1799 bis 1904 (außer dem Russisch-Japanischen) an
Menschenleben werden auf etwa 15 Millionen veranschlagt.
25. Vgl.
Fußnote 3 und Moltke,
Gesammelte Schriften und
Denkwürdigkeiten, Bd. II, S. 288. Danach soll der
Krieg die Sittlichkeit und. Tüchtigkeit bis aufs äußerste
steigern, besonders die moralische Energie fördern.
26. Auch die Aufgabe,
die bestehende innere Ordnung zu verbarrikadieren, fällt dem
Militarismus nicht nur in der kapitalistischen, sondern in
allen Klassengesellschaftsordnungen zu.
27. Vgl. den
französischen Kulturkampf während des Konflikts vom Dezember
1906.
28. Vgl. die
oberschlesischen Wahlkrawalle von 1905.
29. Vgl. Fuchsmühl
[4*].
30. Näheres Teil 5
dieses Kapitels, Rußland und Kapitel 2-5.
31. 1905/1906: 229.820.
In den Native States 1903: 136.837.
32. Die Werbung wird
immer schwieriger, der Prozentsatz der angeworbenen Ausländer
wächst – ein, Tatsache, die die amerikanische Regierung
beunruhigt
33. Vgl. Kapitel 2-2
Schweiz.
34. Die scharfe
arbeiterparteifeindliche politische Haltung gerade Haldanes
zeigen die von Rothstein berichteten Tatsachen in der
Neuen Zeit, 25.
Jahrgang (1906/07), 1. Bd., S.121; ob auch der
Schulgesetzkonflikt zwischen Ober- und Unterhaus im
November/Dezember 1906 ein Symptom solcher verschärften
Spannung ist, kann erst die Zukunft lehren. Die neuestens
gemeldete Ablehnung der allgemeinen Wehrpflicht durch Haldane
steht damit nicht in Widerspruch, sondern im Einklang.
35. Von der Kammer im
Dezember 1906 vorläufig abgelehnt.
36. Vgl. besonders
Unterstaatssekretär Chéron in der Kammerverhandlung vom 10.
Dezember 1906 und l’Humanité
vom 11. Dezember 1906. Dazu Kapitel 1-3, Fußnote 14.
37. In der
Dünazeitung vom 4.
(17.) Dezember 1906 spricht selbst Landrat von
Sivers-Römershof von den „blutdurstigen Tscherkessen“.
38. Auch nicht in der
jetzt ins Auge gefaßten modernen Form der Verschacherung und
Diskontierung von Konzessionen und natürlichen Schätzen an
amerikanische Trust; des „dernier cri“ im doppelten Sinne der
zarischen Finanzpolitik.
Anmerkungen
1*. Haager Komödie
– Gemeint ist die vom zaristischen Rußland (Nikolaus II.), das
mit dem Wettrüsten der übrigen Mächte nicht Scbritt halten
konnte, inspirierte Haager Friedenskonferenz, die vom 18. Mai
bis 29. Juni 1899 stattfand.
2*. Theodore
Roosevelt (1858-1919), 1901-1908 Präsident der USA,
kündigte in seiner Botschaft vom 4. Dezember 1906 den Bau
einer starken Kriegsflotte zur Unterstützung der
Weltmachtspläne der USA-Imperialisten an.
3*. Die Firma
Tippelskirch & Co. als Armeelieferant, der preußische
Landwirtschaftsminister von Podbielski und die
Reedereifirma C. Woermann & Co. in Hamburg waren 1906
in einen großen Bestechungsskandal verwickelt.
Tippelskirch & Co. hatte sich
durch Bestechung über lange Jahre einen Monopolvertrag für
alle Lieferungen zur Bekleidung und Ausrüstung der
„Schutztruppe“ gesichert und dabei Millionenprofite
eingesteckt. Von Podbielski war als Teilhaber der Firma
Tippelskirch & Co. an den Gewinnen beteiligt, und C. Woermann
& Co. hatte an den Kolonialtransporten durch schmutzige
Geschäftspraktiken Millionen verdient.
Mit den Namen Leist, Wehlan,
Peters, Arenberg verbinden sich eine große Zahl grausamster
Kolonialverbrechen.
4*. In dem Dorf
Fuchsmühl (Fichtelgebirge) war 1895 Militär gegen arme
Gemeindemitglieder eingesetzt worden, die sich durch eine
Selbsthilfeaktion Brennholz aus dem Walde zu beschaffen
versucht hatten. 146 Personen waren nach diesem Vorfall wegen
Landfriedensbruches angeklagt worden.
5*. Diese Anmerkung ist
in dieser Ausgabe nicht vorhanden.
6*. Bilse-Prozeß –
Gemeint ist das Kriegsgerichtsverfahren gegen den Leutnant
Bilse (November 1903 in Metz), weil er in einem Roman die
moralische Versumpfung des Offizierskorps dargestellt hatte.
Er erhielt sechs Monate Gefängnis. Die Militärrichter wurden
gemaßregelt, weil sie den Prozeß, der zu einer scharfen
Anklage gegen den preußisch-deutschen Militarismus wurde,
nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt hatten,
7*. Gemeint ist das
Wüten der Konterrevolution in den rassischen Ostseeprovinzen
in den Jahren 1905/1906. Im Spätherbst 1905 wurde in einigen
Ostseegouvernements der verschärfte Belagerungszustand
verhängt. Gegen die revolutionären Bauern wurden
Strafexpeditionen aus Schwarzhundertern und zaristischen
Truppen organisiert und Tausende Bauern gefoltert und ohne
Gerichtsverfahren erschossen. |