1. Das
unmittelbare Ziel
|91| Wir gehen mm zu einer speziellen
Betrachtung der Mittel und der Wirkungen des Militarismus über
und halten uns hierbei an das Paradigma des
preußisch-deutschen bürokratisch-feudal-kapitalistischen
Militarismus, dieser schlimmsten Form des kapitalistischen
Militarismus, dieses Staates über dem Staate.
Wenn es auch richtig ist, daß der heutige
Militarismus nichts anderes als eine Manifestation unsrer
kapitalistischen Gesellschaft ist, so ist er doch eine
Manifestation, die sich fast verselbständigt hat und nahezu
Selbstzweck geworden ist.
Der Militarismus muß, um seinen Zweck zu
erfüllen, die Armee zu einem handlichen, gefügigen, wirksamen
Instrument machen. Er muß sie in militärisch-technischer
Beziehung auf eine möglichst hohe Stufe heben und andrerseits,
da sie aus Menschen, nicht Maschinen, besteht, also eine
lebendige Maschinerie ist, mit dem richtigen "Geist" erfüllen.
Die erste Seite der Sache löst sich
schließlich in eine finanzielle Frage auf; diese wird unten
näher erörtert werden. Die zweite Seite soll uns hier zunächst
näher beschäftigen.
Sie hat einen dreifachen Inhalt. Der
Militarismus sucht den militärischen Geist zunächst und in
erster Linie im aktiven Heere selbst, sodann in denjenigen
Kreisen, die für die Ergänzung des Heeres im
Mobilmachungsfalle als Reserve und Landwehr in Betracht
kommen, und schließlich in allen übrigen Kreisen der
Bevölkerung, die als Milieu und Nährboden für die
militaristisch und für die antimilitaristisch zu verwendenden
Bevölkerungskreise von Bedeutung sind, zu erzeugen und zu
fördern. |92|
2. Militaristische Pädagogik
Soldatenerziehung
Jener richtige "militärische Geist", auch
"patriotischer Geist" und in Preußen-Deutschland "Geist der
Königstreue" benannt, bedeutet kurzweg jederzeitige
Bereitschaft, auf den äußeren und auf den inneren Feind nach
Kommando loszuschlagen. Zu ihrer Erzeugung ist an und für sich
am geeignetsten völliger Stumpfsinns wenigstens eine möglichst
niedrige Intelligenz, die es ermöglicht, die Masse wie eine
Herde Vieh zu treiben, wohin es das Interesse der "bestehenden
Ordnung" vorschreibt. Das Geständnis des preußischen
Kriegsministers von Einem, ihm sei ein königstreuer Soldat,
auch wenn er schlecht schieße, lieber als ein minder
gesinnungstüchtiger, selbst wenn er noch so gut schieße, ist
sicherlich dem tiefsten Herzen dieses Vertreters des deutschen
Militarismus entsprungen.
Aber der Militarismus befindet sich hier in
einer bösen Zwickmühle. Waffentechnik, Strategie und Taktik
fordern heute von dem Soldaten ein nicht geringes Maß an
Intelligenz [1] und machen
den intelligenteren Soldaten ceteris paribus auch zu dem
tüchtigeren. [2] Schon
darum könnte der Militarismus mit einer bloß stumpfsinnigen
Masse heutzutage nichts mehr anfangen. Eine solch
stumpfsinnige Masse kann der Kapitalismus aber schon wegen der
wirtschaftlichen Funktionen der großen Masse, insbesondere des
Proletariats, nicht gebrauchen. Der Kapitalismus ist, um
ausbeuten zu können, um eine möglichst hohe Profitrate
herauszuschlagen - was ja seine unentrinnbare Lebensaufgabe
ist - durch ein tragisches Verhängnis gezwungen, in weitem
Umfange unter seinen Sklaven dieselbe Intelligenz systematisch
zu erzeugen, die ihm, wie er genau weiß, Tod und Vernichtung
bringen muß. Alle Versuche, durch geschicktes Lavieren, durch
raffiniertes Zusammenwirken von Kirche und Schule das
Schifflein des Kapitalismus zwischen der Scylla einer allzu
niedrigen, die Ausbeutung allzusehr erschwerenden, den
Proletarier selbst zum Arbeitstier ungeeignet machenden
|93|
Intelligenz und der Charybdis einer die Köpfe der
Ausgebeuteten revolutionierenden, der überall heranströmenden
Klassenerkenntnis weit öffnenden, für den Kapitalismus
notwendig verderblichen Bildung hindurchzubugsieren, sind
trost- und hoffnungslos. Nur die ostelbischen Landarbeiter,
die nach dein berühmten Kröcherschen Wort in der Tat als
dümmste Arbeiter noch die, notabene für den Junker, besten
Arbeiter mein können, bieten in größerem Umfange dem
Militarismus ein Material, das sich rein sklavisch-herdenmäßig
ohne weiteres auf Kommando lenken, aber freilich wegen seiner
selbst für den Militarismus allzu geringen Intelligenz im Heer
nur mit Vorsicht und innerhalb gewisser Grenzen gut gebrauchen
läßt.
Unsre besten Soldaten sind
Sozialdemokraten, lautet ein viel zitiertes Wort. Man erkennt
daran die Schwierigkeit der Aufgabe, die Armee der allgemeinen
Wehrpflicht mit dem richtigen militärischen Geist zu.
versorgen. [3] Da der
bloße Sklaven- oder Kadaver- gehorsam nicht ausreicht, aber
auch nicht mehr möglich ist, muß der Militarismus mich den
Willen seiner Mannschaft auf einem Umwege zu eigen machen, um
sich auf diese Weise "Schießautomaten" zu schaffen.
[4] Er muß ihn durch
geistige und seelische Beeinflussung oder durch Gewaltmittel
beugen, er muß ihn ködern oder zwingen. "Zuckerbrot und
Peitsche" heißt es auch hier. Der richtige "Geist", den der
Militarismus braucht, ist erstens mit Rücksicht auf seine
Funktion gegenüber dem äußeren Feind: chauvinistische
Verbohrtheit, Engherzigkeit und Selbstüberhebung, zweitens mit
Rücksicht auf seine Funktion gegenüber dem inneren Feind:
Unverständnis oder selbst Haß gegen jeden Fortschritt, gegen
jede die Herrschaft der augenblicklich herrschenden Klasse
auch nur im entferntesten bedrohende Unternehmung und
Bestrebung. In diese Richtung hat |94| der Militarismus, soweit er
mit dem Zuckerbrot ködern will, das Denken und Empfinden der
Soldaten zu lenken, denen ihr Klasseninteresse jeden
Chauvinismus vom Leibe hält und jeden Fortschritt bis zum
Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung als einzig
verständiges Ziel erscheinen läßt. Dabei soll nicht verkannt
werden, daß der Proletarier im militärpflichtigen Alter, wenn
auch dem Bourgeois gleichen Alters an Selbständigkeit und
politischer Einsicht in der Regel weit überlegen, im
Klassenbewußtsein noch nicht gefestigt zu sein pflegt.
Das System der geistigen und psychischen
Beeinflussung der Soldaten, das an Stelle der Klassenscheidung
nach sozialen Klassen eine solche Scheidung nach Jahresklassen
zu setzen, eine besondere Klasse von 20- bis 22jährigen
Proletariern mit einem dem Denken und Fühlen des Proletariats
der andern Altersklassen geradezu konträren Denken und Fühlen
zu schaffen sucht, ist ein höchst kühnes und raffiniertes.
In erster Linie gilt es, den Proletarier im
bunten Rock scharf und rücksichtslos örtlich abzusondern von
seinen Klassengenossen und von seiner Familie. Dies wird durch
die Dislozierung aus der Heimat, die besonders in Deutschland
systematisch durchgeführt ist, und vor allen Dingen durch die
Kasernierung [5] erreicht.
Man kann hier geradezu von einer Wiederholung der jesuitischen
Erziehungsmethode reden, von einem Gegenstück zu dem
Klosterwesen.
Sodann gilt es, diese Absonderung möglichst
lange durchzuführen, eine Tendenz, die, nachdem
militärisch-technisch die Notwendigkeit der langen Dienstzeit
längst geschwunden ist, nur noch durch ihre finanzielle
Verderblichkeit durchkreuzt wird, ein Umstand, dem zum
Beispiel die 1893 erfolgte Einführung der zweijährigen
Dienstzeit in Deutschland wesentlich zu verdanken ist.
[6]
Und schließlich gilt es, die so gewonnene
Zeit möglichst geschickt zur Seelenfängerei auszunutzen. Dazu
dienen verschiedene Mittel. Ganz, wie dies von der Kirche
geschieht, sucht man alle menschlichen Schwächen und alle
Sinne in den Dienst dieser militaristischen Pädagogik zu
spannen. Ehrgeiz und Eitelkeit werden auf- |95| gestachelt, der
Soldatenrock wird als vornehmster Rock proklamiert, die
Soldatenehre als eine besonders ausgezeichnete verherrlicht
und der Soldatenstand als der wichtigste und angesehenste.
ausposaunt und auch tatsächlich mit vielen Vorrechten
ausgestattet. [7] Auf die
Putzsucht wird spekuliert, indem die Uniformen, entgegen ihrem
rein militärischen Zweck, zu buntem Flitter und nach Art der
Fastnachtskostüme auf den plumpen Geschmack derjenigen
niederen Volksklassen, die man durch sie zu kaptivieren
versucht, zugeschnitten werden. Allerhand kleine glitzernde
Auszeichnungen, Ehrenzeichen, Schießschnüre usw. dienen dem
gleichen niedrigen Instinkt, der Putz- und Großmannssucht. Und
wieviel Soldatenleid hat schon die Militärmusik gelinden, der
neben dem schimmernden Uniformenkrimskrams und dem pompösen
Militärgepränge der größte Teil jener vorbehaltslosen
Popularität zu verdanken ist, deren sich unser "herrliches
Kriegsheer" bei Kindern, Narren, Dienstmädchen und
Lumpenproletariern reichlich nähmen darf. Wer das berüchtigte
Paradepublikum und das dem Aufzuge der Berliner Schloßwache
folgende Gewimmel auch nur ein einziges Mal gesehen hat, ist
sich darüber klar. Daß die so tatsächlich in gewissen
Zivilkreisen geschaffene Beliebtheit des Soldatenrocks für die
ungebildeten Elemente der Armee ein beträchtliches Moment der
Verlockung bedeutet, ist bekannt genug.
Alle diese Mittel wirken um so besser, je
tiefer das geistige Niveau der Soldaten, je tiefer ihre
soziale Lage ist; denn solche Elemente sind, nicht nur vermöge
ihrer geringen Urteilsfähigkeit durch Flitter und Tand
leichter zu betrügen, für sie ist auch - man stelle sich nur
einen amerikanischen Neger [8]
oder ostpreußischen Gesindesklaven vor, dem plötzlich der
"vornehmste" Rock angezogen wird! - der Unterschied zwischen
dem Niveau ihrer früheren bürgerlichen und dem ihrer
militärischen Stellung besonders groß |96| und aufdringlich. So
ergibt sich der tragische Konflikt, daß diese Mittel inniger
bei dem intelligenten Industrieproletarier, auf den sie gerade
in erster Linie zu wirken bestimmt sind, als auf diejenigen
Elemente wirken, auf die ein Einfluß in dieser Richtung
wenigsten vorläufig noch kaum notwendig scheint, da sie ohne
weiteres ein hinreichend gefügiges Material für den
Militarismus bilden. Immerhin mögen jene Mittel auch hier zur
Konservierung des dem Militarismus genehmen "Geistes"
beitragen. - Demselben Zweck dienen auch die Regimentsfeste
Kaisergeburtstagsfeiern und dergleichen.
Wenn alles getan ist, um den Soldaten
gewissermaßen in eine Besoffenheitsstimmung tu versetzen,
seine Seele zu narkotisieren, sein Gefühls- und Phantasieleben
zu exaltieren, gilt es seine Verstandeskräfte systematisch zu
bearbeiten. Die Instruktionsstunde setzt ein und sucht dem
Soldaten ein kindisches, schiefes, für die Zwecke des
Militarismus zurechtgestutztes Weltbild einzupauken. Natürlich
wirkt auch dieser, meist von pädagogisch ganz unfähigen und
ungebildeten Leuten erteilte Unterricht gerade auf die
intelligenteren Industrieproletarier, die oft genug viel
klüger sind als ihre Instrukteure, ganz und gar nicht. Er ist
ein Versuch am untauglichen Objekt oder gar ein auf den
Schützen zurückprallender Pfeil: Das hat in bezug auf die
antisozialdemokratischen "Belehrung" der Soldaten gegenüber
dem General Lieben erst jüngst selbst
Die Post
und ein Max Lorenz, beflügelt vom Scharfsinn der
Profitkonkurrenz nachgewiesen.
Und zur Erzeugung der nötigen Biegsamkeit
und Folgsamkeit des Willens dient der Gamaschendrill, die
Kasernenzucht, die Heiligsprechung des Offiziers-
[9] und
Unteroffiziersrocks [10],
der auf |97| vielen Gebieten wahrhaft legibus solutus und
sakrosankt scheint, kurzum die Disziplin und Kontrolle, die
den Soldaten bei allem, was er tut und denkt, dienstlich und
außerdienstlich, eisern umklammert. Da wird jeder einzelne so
rücksichtslos nach allen Richtungen gebogen, gezerrt und
verrenkt, daß das stärkste Rückgrat in Gefahr ist, kurz und
Mein zu brechen, und entweder biegt oder bricht.
[11]
Die eifrige Pflege des "kirchlichen"
Geistes, dessen Förderung im Februar 1892 ein - übrigens ohne
Präjudiz abgelehnter - Antrag der Budgetkommission des
Reichstags als besonderes Ziel der militärischen Erziehung
ausdrücklich bezeichnete, ist auch hier bestimmt, das Werk der
militärischen Unterdrückung und Versklavung zu vollenden.
Instruktion und kirchliche Bearbeitung sind
zugleich Zuckerbrot und Peitsche, das letztere nur in meist
vorsichtig verschleierter Anwendung.
Süßestes Zuckerbrot, als Lockmittel zur
Bildung und Füllung der wichtigen ständigen Kader der Armee
erfolgreich verwendet, ist das Kapitulantentum mit der
Aussicht auf Unteroffiziersprämie
[12] und
Zivilversorgungsschein [13]
eine sehr durchtriebene und gefähr- |98| liche Einrichtung, die auch,
wie später zu zeigen, unser ganzes öffentliches Leben
militaristisch verseucht.
Die pfeifende Peitsche des Militarismus
aber - das ist vor allen Dingen das Disziplinarwesen
[14], das
Militärstrafrecht mit seiner rigorosen Bedrohung jeder
geringsten Auflehnung gegen den sogenannten militärischen
Geist und die Militärjustiz mit ihrem halb mittelalterlichen
Verfahren, mit ihrer unmenschlichen, barbarischen Bestrafung
auch der geringsten Insubordination und ihrer gelinden
Beurteilung der Ausschreitungen Vorgesetzter gegen
Untergebene, mit ihrer fast grundsätzlichen Eskamotierung des
Notwehrrechts. Nichts kann aufreizender gegen dort
Militarismus und zugleich lehrreicher wirken als eine einfache
Lektüre der Kriegsartikel und Militärstrafprozesse.
|99| Hierher gehören aber auch die
Soldatenmißhandlungen, von denen unten besonders zu sprechen
sein wird. Sie bilden zwar kein gesetzliche, aber tatsächlich
vielleicht das wirksamste aller Gewaltdisziplinarmittel des
Militarismus.
So sucht man Menschen zu zähmen, wie man
Tiere zähmt. So werden die Rekruten narkotisiert, verwirrt,
geschmeichelt, gekauft, gedrückt, eingesperrt, geschliffen und
geprügelt; so wird Körnlein um Körnlein zum Mörtel für den
gewaltigen Bau der Armee zusammengemischt und geknetet, so
wird Stein für Stein wohlberechnet zum Bollwerk gegen den
Umsturz gefügt. [15]
|100| Der Klassenkampfcharakter all dieser Lock-,
Zucht- und Zwangsmittel wird offenbar im
Einjährig-Freiwilligen-Institut. Das zum Reserveoffizier
prädestinierte einjährig-freiwillige Bourgeoissöhnchen ist
über den Verdacht antikapitalistischer und
antimilitaristischer, überhaupt umstürzlerischer Anwandlungen
im allgemeinen erhaben; folgerichtig bleibt es von
Dislozierung, Kasernierung, Instruktion, Kirchenbesuchszwang
und selbst einem großen Teil des Gamaschendrills verschont;
natürlich verfällt es auch den Fängen der Disziplinierung und
des Militärstrafrechts nur ausnahmsweise und meist harmlos,
und die Soldatenschinder wagen sich, trotz ihres häufigen
triebhaften Hasses gegen alles "Gebildete", nur selten an sie.
- Die Offiziersausbildung liefen einen zweiten schlagenden
Beweis derselben These.
Von hervorragendem Wert für die
Heeresdisziplin ist das Zusammenwirken von Menschenmassen,
innerhalb deren die Selbständigkeit des Individuums in weitem
Umfang aufgehoben wird. Jeder einzelne ist im Heere, gleich
dem Galeerensträfling, an alle andern angekettet, zu freier
Aktion nahezu unfähig. Die hunderttausendfache Kraft aller
übrigen hält ihn mit überwältigender Macht von jeder
selbständigen Eigenbewegung zurück. Alle Glieder dieses
gewaltigen Organismus oder besser dieser gewaltigen
Maschinerie sind - außer der Kommandosuggestion - noch einer
besonderen Hypnose, einer Massensuggestion unterworfen, deren
Einfluß freilich an einer aus aufgeklärten und entschlossenen
Gegnern des Militarismus bestehenden Armee machtlos abprallen
muß.
Auf dem Gebiete der Soldatenerziehung
vertragen sich, wie ersichtlich, die beiden Aufgaben des
Militarismus keineswegs überall, sondern geraten sich gar oft
in die Haare. Das gilt von der Ausbildung sowohl wie von der
Ausrüstung. Die kriegsmäßige Ausbildung verlangt immer
gebieterischer ein stets höheres Maß von Selbständigkeit des
Soldaten. Als "Hofhund des Kapitals" braucht der Soldat keine
Selbständigkeit, ja er darf sie nicht einmal haben, soll seine
Selbstmörderqualifikation nicht vernichtet werden. Kurzum, der
Krieg gegen den äußeren Feind erfordert Männer, der Krieg
gegen den inneren Feind Sklaven, Maschinen. Und was die
Ausrüstung und Ausstattung anbelangt, so kann man zur
Erzeugung des zum Kampfe gegen den inneren Feind
erforderlichen Geistes der bunten Uniformen, der glitzernden
Knöpfe und Helme, der Fahnen, des Paradedrills, der
Kavallerieattacken und all des Krimskrams nicht entraten, die
im Krieg gegen den äußeren Feind geradezu verhängnisvoll
werden müssen, ja einfach unmöglich |101| sind.
[16] Diesen tragischen
Konflikt, dessen mannigfaltige Seiten hier nicht eingehend
dargestellt werden können, haben all die gutgesinnten Kritiker
unseres Militarismus [17],
die in ihrer Harmlosigkeit nur den Maßstab der kriegsmäßigen
Ausbildung anlegen, nicht kapiert. Sie bleiben Prediger in der
Wüste.
Und diese Interessenkollision innerhalb des
Militarismus selbst, dieser Widerspruch in sich selbst, an dem
er krankt, besitzt die Neigung, sich fortgesetzt zu
verschärfen. Es hängt jeweils von dem Verhältnis der außer-
und der innerpolitischen Spannung zueinander ab, welches der
beiden widerstreitenden Interessen die Oberhand gewinnt. Daß
hier ein Keim der Selbstvernichtung im Militarismus liegt, ist
nicht zu verkennen.
Wenn aber der Krieg gegen den inneren Feind
im Falle einer bewaffneten Revolution militärisch-technisch so
hohe Anforderungen stellt, daß aufgeputzte Sklaven und
Maschinen zu ihrer Bekämpfung nicht mehr ausreichen, dann hat
gleichfalls das letzte Stündlein der gewaltsamen
Minderheitsherrschaft, der kapitalistischen Oligarchie,
geschlagen.
Wichtig genug ist, daß jener militärische
Geist Verwirrung und Irreführung des proletarischen
Klassenbewußtseins überhaupt bedeutet und daß der Militarismus
durch Verseuchung unseres gesamten öffentlichen Lebens mit ihm
gleichzeitig nach allen andern Richtungen hin, abgesehen von
der rein militaristischen, dem Kapitalismus dient, zum
Beispiel durch Erzeugung und Förderung proletarischer
Gefügigkeit gegenüber der wirtschaftlichen, sozialen und
politischen Ausbeutung und möglichste Hintanhaltung des
proletarischen Befreiungskampfes. Wir haben darauf noch
zurückzukommen.
Offiziös- und
halbmilitärische Organisation der Zivilbevölkerung
Der Militarismus sucht aber auch die noch
nicht oder nicht mehr der aktiven Armee angehörigen Personen
in möglichstem Umfange möglichst dauernd und möglichst
nachdrücklich zu beeinflussen. |102| Zunächst durch Anmaßung
möglichst großer Machtvollkommenheiten über diese Personen,
zum Beispiel durch das Kontrollwesen, durch weitgreifende
Ausdehnung der Militärgerichtsbarkeit, des militärischen
Ehrengerichtsverfahrens, das selbst gegen Offiziere a.D.
angewandt wird [18], ja
selbst der Kommandogewalt. Hier ist besonders kennzeichnend
die Unterstellung der zur Kontrollversammlung einberufenen
Mannschaften unter die Militärgerichtsbarkeit, die von den
Militärbehörden für den ganzen Tag der Kontrollversammlung in
Anspruch genommen wird, und zwar ganz offenbar gesetzwidrig.
Nicht der geringste Anhalt besteht für die Etablierung eines
solchen Rechts, es ist eine einfache Usurpation. Hierher
gehören weiter die Jugendwehren und Kriegervereine mit ihrer
offiziös- oder halbmilitärischen Leitung, mit ihrer Nachäffung
des militärischen Aufputzes, Firlefanzes und Festifizierens.
Eine Hauptrolle spielt auf diesem Gebiete militaristischer
Betätigung der Reserveoffizierunfug, der den militärischen
Kastengeist in das bürgerliche Leben hineinträgt und verewigt
und, was noch wichtiger ist, die höheren Beamten der
staatlichen und kommunalen Zivilverwaltung, auch der Justiz
und des Unterrichtswesens
[19] fast ausnahmslos der militärischen Disziplin
unterstellt, dem militaristischen Geiste, der gesamten
militaristischen Lebensauffassung unterwirft und damit jeder
doch nicht ganz unmöglichen unbequemen oppositionellen Regung
von vornherein entzieht. So ist - im Verein mit dem
Militäranwärtertum, das für die Subalternen und Unterbeamten
dieselbe Rolle spielt - die Gefügigkeit der zivilen Exekutive
verankert; so ist dafür gesorgt, daß die Bäume der
Klassenjustiz und des Klassenschulwesens in den Himmel des
Militarismus wachsen, zugleich aber die Bäume der
Selbstverwaltung [20]
tüchtig beschnitten werden. Nicht unerwähnt sei ferner das
gegenüber den aktiven und inaktiven Offizieren ausgesprochene
Schriftstellereiverbot, neben dem höchst lehrreichen Fall
Gädke das beweiskräftigste Symptom für das rücksichtslose
Streben des Militarismus nach geistiger Unterjochung und
zentralistischer Überwachung alles dessen, |103| was sich irgend in
seinem Bereiche befindet, zugleich aber auch für seine Tendenz
nach fortwährender gesetzlicher oder auch ungesetzlicher
Ausdehnung seiner Einflußsphäre, für seine Uferlosigkeit,
seine Machtunersättlichkeit.
Sonstige
militaristische Beeinflussung der Zivilbevölkerung
Eine noch wichtigere Frucht der
militaristischen Expansionssucht als selbst der
Reserveoffizierunfug ist das Militäranwärterunwesen, das außer
dem geschilderten rein militärischen Zweck nicht minder dem
Zweck dient, eine Gefolgschaft allzeit getreuer und
begeisterter Vertreter und Agitatoren des militaristischen
Geistes in alle Zweige der staatlichen und kommunalen
Verwaltung zu entsenden. Damit soll gleichzeitig die
Zuverlässigkeit und Schlagfertigkeit
[21] des dem
Kapitalismus dienenden bürokratischen Apparats gesichert und
die "richtige", "staatserhaltende" Gesinnung in die besonders
"erziehungsbedürftigen" breiten Massen des Volkes
hinausgetragen werden, Dieser "erziehliche" Zweck des
Zivilversorgungsscheines ist bei den im Februar 1891
gepflogenen Verhandlungen des Deutschen Reichstags über die
Unteroffiziersprämie vom Reichskanzler Caprivi wie von den
Vertretern der herrschenden Klassen in schöner Einmütigkeit
und Offenheit gestanden worden. So ist das staatserhaltende
Ideal unsrer Volkserziehung, nachdem der Korporal vom Katheder
hat herabsteigen müssen, glücklich auf Umwegen wieder auf den
Unteroffizier gekommen.
Die Erziehungsresultate sind allerdings
recht mäßige. Man bezahlt die armen Teufel von
Militäranwärtern in Unterbeamtenstellen auch gar zu schlecht.
Und pour le roi de Prusse ist schließlich auf die Dauer selbst
ein deutscher Unteroffizier nicht pour le roi de Prusse zu
haben. [22] Das ewige
Problem des Auskaufs der Revolutionen!
Auch in diesem Zusammenhang ist weiter zu
erwähnen, daß dieselben Mittel, mit denen die militärische
Begeisterung der Soldaten selbst erzeugt und wachgehalten
wird, zum Beispiel all der Flitter und Klimbim, gleichzeitig
die außermilitärische Bevölkerung und damit die Kreise, aus
denen sich die Armee rekrutiert, die ihr die Folie abgeben,
ihre Kosten zu tragen haben und sich in "Gefahr" befinden, dem
inneren Feinde zu verfallen, zugunsten des Militarismus
beeinflussen. Gelehrig hat das der englische Kriegsminister
|104| Haldane bei seinem preußischen Besuch vom Herbst 1906
herausgefunden. Er äußerte sich dahin: Eine wertvolle
Begleiterscheinung des Militarismus sei auch die, daß durch
die nähere Berührung mit der Armee und mit den
Kriegsvorbereitungen das Volk zur Besonnenheit und
Pflichttreue erzogen werde."
[23]
Ein ganz andersgeartetes Mittel zur
Verbreitung seines Geistes besitzt der Militarismus noch in
seiner Eigenschaft als Konsument und als Produzent sowie in
der Beeinflussung großer staatlicher Wirtschaftsbetriebe von
strategischer Bedeutung. Von der Armee lebt eine ganze Armee
von Fabrikanten, Handwerkern und Kaufleuten mit ihren
Angestellten, die an der Erzeugung und dem Transport der für
ihre Ausrüstung, ihre Unterkunft und ihren Unterhalt
notwendigen Gegenstände und aller sonstigen Verbrauchsartikel
für die Soldaten beteiligt sind. Diese Kostgänger der Armee
drücken besonders in kleineren Garnisonsstädten dem
öffentlichen Leben zuweilen geradezu den Stempel auf; ja, die
mächtigsten von ihnen herrschen wie Fürsten über große
Gemeinwesen und spielen im Staate, im Reiche mit die erste
Geige. Sie verdanken ihren Einfluß dem Militarismus, der sich
von ihnen in erstaunlicher Geduld ausbeuten und übers Ohr
hauen läßt, und zahlen ihm den Dank dafür heim - eine Hand
wäscht die andre -, indem sie seine eifrigsten Agitatoren
werden, wozu sie freilich schon durch ihr kapitalistisches
Interesse angespornt werden. Wer kennt die Namen nicht: Krupp,
Stumm, Ehrhardt, Loewe, Woermann, Tippelskirch, Nobel, den
Pulverring usw.? Wer kennt nicht den Panzerplattenwucher
Krupps, die Tippelkirchs-Profite mit den dazugehörigen
Bestechungs-(Schmier-)Geldern, die gepfefferten
Woermann-Frachten und Oberliegegelder, die 100- und
150prozentigen Reingewinne des Pulverrings, der den deutschen
Reichssäckel um manche Million erleichterte.
[24] in Österreich
haben besonders die Schwindeleien der Proviantlieferanten viel
Aufsehen erregt. [25]
Und jeder Feldzug bedeutet für das Schmarotzerpack - nicht nur
in Rußland [26] - eine
goldene Schwindelernte. Diese großen Herren lohnen’s, wie
gesagt, dem Militarismus aufs christlichste, daß er sich oder
vielmehr das Volk von ihnen bestehlen läßt. Sie gießen den
heiligen Geist des Militarismus über "ihre" Arbeiter und
alles, was von ihnen abhängt, und |105| führen einen rücksichtslosen
Krieg gegen den Umsturz. Natürlich haben weder diese Arbeiter
noch die große Masse der kleinen Armeelieferanten ein
wirkliches materielles Interesse an der Armee. In den Ländern
ohne stehendes Heer sind der Wohlstand, die Blüte von Handel
und Industrie gewiß nicht geringer als in den Staaten mit
stehendem Heer, und jene in der militärischen Produktion
beschäftigten Personen würden wirtschaftlich sicher nicht
schlechter stehen, wenn keine Armee existierte. Indessen, sie
sehen zumeist über ihre Nase nicht hinaus und beugen sich nur
allzu willfährig dem energischen militaristischen Einfluß, so
daß eine Gegenagitation auf große Schwierigkeiten stößt.
Als Arbeitgeber in großen
Wirtschaftsbetrieben (Proviantämtern, Konservenfabriken,
Bekleidungsämtern, Remontedepots, Waffen- und
Munitionsfabriken, Werften usw.) liefert der Militarismus
nicht nur seine Angestellten (am 51. Oktober 1904 in den
Regiebetrieben der deutschen Armee- und Marineverwaltung
insgesamt 54.723 Personen
[27]) bereitwilligst und ausschließlich jeder
reaktionärpatriotischen Demagogie, zum Beispiel dem
Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, aus, er sucht sie
auch selbst in der rücksichtslosesten Weise durch die
Lockspeise von Titeln, Ehrenzeichen, kriegervereinsartigen
Festveranstaltungen und unmöglichen Pensionen, durch
Verfehmung selbst der Gewerkschaften und wahre
Kasernendisziplin [28]
mit patriotisch-militaristischem Geiste planmäßig zu
durchsetzen. Die Militärwerkstätten bilden, selbst vor allen
übrigen Staatswerkstätten, das schwierigste Feld für die
Aufklärung des Proletariats.
Natürlich hat der arbeiterfeindliche
Einfluß eine Grenze; und die Heeresverwaltung gibt sich
angesichts der sozialdemokratischen Erfolge besonders unter
den "kaiserlichen" Werftarbeitern schwerlich mehr
irgendwelchen Illusionen hin. Alle Drohungen, auch jene höchst
kindische, die Militärwerkstätten bei Zunahme der
sozialdemokratischen Stimmen unter den Arbeitern zu schließen,
|106|
womit man zum Beispiel bei der Wahl von 1905 in Spandau
operierte, vermögen den Fortschritt des Klassenbewußtseins
nicht zu hindern, solange der Militarismus seine Arbeiter als
Proletarier knauserig bezahlt und damit der Sozialdemokratie
verschreibt. Man braucht nur an die häufigen Lohnbewegungen
der "königlichen" Fabriker zu erinnern, an die zahlreichen
Konflikte, die sie mit der Militärverwaltung haben und die oft
lebhafte Formen annehmen
[29], um den Pessimismus zu verlernen.
Eisenbahn, Post und Telegraphie sind
Einrichtungen von ausschlaggebender strategischer Bedeutung,
und zwar nicht minder für den Krieg gegen den inneren, wie für
den gegen den äußeren Feind. Diese unentbehrlichen
strategischen Faktoren können dem Militarismus durch Streik
unbrauchbar gemacht werden, na zu einer völligen Lahmlegung
des militärischen Organismus führen würde. Es ist daher
erklärlich, daß der Militarismus nachdrücklich bestrebt ist,
seinen Geist in den Beamten- und Arbeiterkörper dieser
Verkehrsbetriebe und der damit zusammenhängenden
Produktionsbetriebe (Eisenbahnwerkstätten, Waggonfabriken
usw.) einzufüllen. Und wie skrupellos dieses Bestreben, auch
abgesehen von dem Militäranwärterwesen, verfolgt wird, zeigt
die in mehreren Staaten vollzogene Unterwerfung jener
Angestellten unter die Militärgesetze und ein flüchtiger Blick
auf die politische Lage dieser Angestellten in den
militaristischen. Staaten, wo ihnen ihr Koalitionsrecht im
Verwaltungswege (so in Deutschland und Frankreich
[30]) oder durch
besondere Gesetze (zum Beispiel Italien, Holland, auch Rußland
[31]) entzogen ist.
Natürlich soll hierbei nicht verkannt werden, daß der
kapitalistische Staat auch, abgesehen von diesen
militaristischen Interessen, ein ganz allgemeines Interesse
daran hat zu verhindern, daß die Angestellten jener
Verkehrsorganisationen "staatsfeindlichen" Bestrebungen
verfallen. Auch |107| dieses Bemühen bleibt auf die Dauer notwendig
erfolglos, soviel Schwierigkeiten es der Arbeiterbewegung
immerhin bereitet. Es scheitert an der schlechten Bezahlung,
an der tatsächlichen proletarischen Lage der
Verkehrsangestellten.
Der
Militarismus als Machiavellismus und als politischer Regulator
Der Militarismus tritt danach auf: erstens
als Armee selbst, sodann als ein über die Armee hinausgehendes
System der Umklammerung der ganzen Gesellschaft durch ein Netz
militaristischer und halbmilitaristischer Einrichtungen
(Kontrollwesen, Ehrengerichte, Schriftstellereiverbot,
Reserveoffiziertum, Zivilversorgungsschein, Vermilitarisierung
des ganzen Beamtenapparats, die in erster Linie dem
Reserveoffizierunfug und dem Militäranwärterunwesen zu danken
ist, Jugendwehren, Kriegervereine und dergleichen), ferner als
ein System der Durchtränkung unsres ganzen öffentlichen und
privaten Volkslebens mit militaristischem Geiste, wobei auch
Kirche, Schule und eine gewisse feile Tendenzkunst, ferner die
Presse, ein erbärmliches, käufliches Literatengesindel und der
gesellschaftliche Nimbus, mit dem "unser herrliches
Kriegsheer" wie nur einer Gloriole geschäftig umgeben wird,
zäh und raffiniert zusamnmenwirken: Der Militarismus ist neben
der katholischen Kirche der höchste Machiavellismus der
Weltgeschichte und der machiavellistischste unter allen
Machiavellismen des Kapitalismus.
Geradezu einen Katechismus all jener
militaristischen Erziehungskünste und ihrer Ergebnisse, deren
sublimstes die wahrhaftige Heiligsprechung des Offiziersrocks
durch die ganze bürgerliche Gesellschaft ist, bildet der
mehrerwähnte Handstreich des Köpenicker Schusterhauptmanns. In
dem sechsstündigen Examen, das dieser Zuchthäusler an einer
Stichprobe über unsre Armee, unsern bürokratischen Apparat und
die preußische Untertanenschaft abhielt, haben all diese
Prüflinge so glänzend bestanden, daß selbst den Lehrmeistern
ob dieser Quintessenz ihrer Pädagogik die Haare zu Berge
stiegen. Kein Geßlerhut hat je so viel willfährige
Unterwürfigkeit und Selbstdemütigung gefunden wie die Mütze
des unsterblichen Hauptmanns von Köpenick, kein heiliger Rock
von Trier je so viel gläubige Verehrung wie seine Uniform.
Diese klassische Satire, deren riesige Wirksamkeit darin
beruht, daß sie die eigenen Grundsätze der militaristischen
Pädagogik zu Tode gehetzt hat, müßte den Militarismus unter
dem Höllengelächter der Welt zu Tode hetzen, wenn, ja, wenn
der Militarismus derselben bürger- |108| lichen Gesellschaft, die sich
ihm gegenüber jetzt einen Augenblick in der Rolle des
Zauberlehrlings fühlt, nicht ebenso notwendig wäre wie das
tägliche Brot oder die Luft zum Atmen. Der alte tragische
Konflikt! Der Kapitalismus und sein mächtiger Hausmeier
Militarismus lieben sich keineswegs, eher fürchten und hassen
sie einander, und sie haben wahrlich manchen Grund dazu; sie
betrachten sich gegenseitig - denn so verselbständigt hat sich
dieser Hausmeier - nur als notwendiges Übel und haben dazu
wiederum alle Ursache. Und so wird die Lehre von Köpenick, die
von der bürgerlichen Gesellschaft nicht befolgt werden kann,
nichts andres bleiben als ein schlagkräftiges Agitationsmittel
des Antimilitarismus, der Sozialdemokratie
[32], deren Weizen um
so besser gedeiht, je mehr sich der Militarismus selbst auf
die Spitze treibt.
Was der Hauptmann von Köpenick für den
Militarismus auf dem Gebiet der praktischen Gaunerei war, das
war Ende der achtziger Jahre der unbezahlbare Gustav Tuch für
ihn auf dem Gebiet der theoretischen Ehrlichkeit. In seinem
dickleibigen Schmöker "Der erweiterte deutsche Militärstaat in
seiner sozialen Bedeutung" entwarf er eine
Zukunftsgesellschaft, deren alles beleuchtende, erwärmende,
lenkende Zentralsonne, deren Herz und Seele der Militarismus
ist, der einzig wahre "nationale und zivilisierte
Sozialismus", wo der ganze Staat in eine einzige Kaserne
verwandelt, die Kaserne Volksschule, Hochschule und
patriotische Gesinnungsfabrik, die Armee eine allumfassende
Streikbrecherorganisation ist. Diese verzückte Halluzination
vom tausendjährigen Reich des Militarismus war in der Tat nur
methodischer Wahnsinn, aber eben daß sie methodischer Wahnsinn
war, der die militaristischen Ziele und Mittel losgelöst von
allen Hemmungsvorstellungen bis zum letzten Ende durchdachte,
gibt ihr symptomatische Bedeutung.
[33]
In. einem beherrschenden Punkte wenigstens
ist der Militarismus, wie an späterer Stelle näher zu zeigen,
übrigens schon heute tat- |109| sächlich die Zentralsonne, um die die
Sonnensysteme der Klassengesetzgebung, des Bürokratismus, der
Polizeiwirtschaft, der Klassenjustiz, des Klerikalismus aller
Konfessionen kreisen. Er ist der letzte, bald geheime, bald
offenbare Regulator aller Klassenpolitik, aller
Klassenkampftaktik, nicht nur der kapitalistischen Klassen,
sondern auch des Proletariats, und zwar in seiner
gewerkschaftlichen Organisation nicht minder wie in seiner
politischen Organisation.
Fußnoten:
1.
Vgl. Caprivi im Reichstag mm 27. Februar 1891; desgleichen
Kriegsminister von Kaltenborn-Stachau ebendort: "Die
Anforderungen, welche an die Unteroffiziere gestellt werden
müssen, sind infolge der neuen Bewaffnung, der neuen
reglementarischen Ausbildung usw. größer geworden."
2.
Vgl. die Bemerkungen des bayerischen Generals von Sauer Ende
Oktober 1898 in der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft zu
München (bei Bebel, Nicht
stehendes Heer sondern Volkswehr, Stuttgart 1898, S.
77).
3.
Vgl. dazu die bewegliche Klage Caprivis in der
Reichstagssitzung vom 27. Februar 1891.
4.
Diese "Schießautomaten" (vgl. auch den Gefreiten Lück!) können
aber höchst gefährlich werden, weil der Mechanismus natürlich
auch einmal von einem Unbefugten in Bewegung gesetzt werden
kann. Dann schreit das Bürgertum, dem dann nicht nur vor
seiner kapitalistischen Gottähnlichkeit, sondern auch vor
seiner feudalen Sippe bange wird, gleich dem gejagten
Struwwelpeterjäger sein engstschwitzendes "zu Hilf ihr Leut"
und schwätzt von der "bis zur Kritiklosigkeit gesteigerten
Disziplin des deutschen Heeres", wie das
Leipziger Tageblatt
und dergleichen Gelichter im Köpenicker Fall, was natürlich
nicht hindert, daß es in der Ratlosigkeit seiner Position
jeden Augenblick bereit ist, dem Moloch dieses
militaristischen Wahnsinns mit vollen Händen, mit "bis zur
Kritiklosigkeit gesteigerter Disziplin", zu opfern. Wieder ein
tragischer Konflikt!
5.
Die in gesundheitlicher Beziehung sehr bedenklich ist und zum
Beispiel in Frankreich zu einer hochgradigen Verseuchung des
Volks mit Tuberkulose und Syphilis führt. Das französische
Heer hat fünf- bis siebenmal soviel Fälle als das deutsche zu
verzeichnen. In einigen Jahrzehnten, so ruft ein französischer
Mahner aus, wird Frankreich dezimiert sein, wenn die
Kasernierung nicht beseitigt wird.
6.
Vgl. Schippel,
Sozialdemokratisches Reichstags-Handbuch. Ein Führer durch die
Zeit- und Streitfragen der Reichsgesetzgebung, Berlin
1902, S. 929.
7.
Siehe die bestimmungsgemäße Hilflosigkeit der Polizei
gegenüber exzedierenden Militärs, besonders Offizieren. Man
denke weiter an das Vorrecht, in geschlossenen Zügen, oft von
unendlicher Länge, durch die Städte zu ziehen und so den
Straßenverkehr fortgesetzt und ohne Sinn und Verstand aufs
empfindlichste zu stören: aus Gründen natürlich der
militärischen Ästhetik! Das höchste Maß gemeingefährlicher und
lächerlicher Aufgeblasenheit des so gepäppelten Kollers zeigte
sich vor mehreren Jahren, als in Berlin ein Löschzug der
Feuerwehr bei Gefahr im Verzuge von einer ihm durch den Weg
marschierenden militärischen Kolonne, die sich ihre schöne und
majestätische Ordnung nicht stören lassen wollte, einfach
aufgehalten wurde. Das wurde freilich später gemißbilligt.
8.
Vgl. den Aufsatz Der amerikanische Neger als Soldat,
in Nr. 638 des Berliner
Lokal-Anzeigers, 1906.
9.
Freilich sonderbare Heilige! Man gedenke des Bilse-Prozesses
vom November 1903 und der vielen "kleinen Garnisonen" à la
Forbach, der Jeu- und Sekterlasse, der
Offiziersduellwirtschaft - jener fine fleur der Offiziersehre
- der Brüsewitz-Stechereien (Oktober 1896) und
Hüssener-Schießereien (Prinz
Arenberg und die Arenberge, Berlin 1904, S.13ff.),
der Harmlosen- und Ruhstrataffären, der Photographieromane
Bilses und Beyerleins, Schlichts (Graf Baudissin)
"Erstklassige Menschen", Jesko von Puttkamer und last not
least des auch hierhergehörigen Prinz-Arenberg-Skandals. Die
französische "kleine Garnison" Verdun wirbelte im Herbst 1906
viel Staub auf. Natürlich gilt all das den Anbetern der
Uniform meist nur als "liebenswürdige, pikante Schwäche" der
Angebeteten, die aber sehr streng auf christliches Bekenntnis
hält. Natürlich auch hier internationale Solidarität der
Edelsten und Besten! Interessant ist die Anfang 1903 erfolgte
Enthüllung über die gegenseitigen Stockprügeleien der
Offiziere in den englischen Gardegrenadierregimentern (La
Jeunesse Socialist, März 1903).
10. Unteroffizier -
"Stellvertreter Gottes auf Erden!"
11. Die Statistik der
Soldatenselbstmorde liefert hier den erschütterndsten Beleg.
Auch das ist international. In Deutschland kam 1901 nach
amtlicher "Statistik" 1 Selbstmord auf 3.700 Mann; in
Österreich auf etwa 920 Mann. Bei dem X. österreichischen
Armeekorps verübten 1901 80 Soldaten und 12 Offiziere
Selbstmord, 127 weitere verfielen in Geisteskrankheit und
schieden infolge von Selbstverstümmelung und Mißhandlungen als
invalide aus. Ferner desertierte, im gleichen Zeitraume ebenda
400 Mann, 725 wurden zu schwerem Kerker oder strengem Arrest
verurteilt! Hier spielt freilich der Nationalitätenkampf sehr
gravierend hinein.
12. In Deutschland -
nachdem sie in Sachsen und Württemberg schon vorher bestand
und in der "einmaligen Zulage" auch im Reich einen Vorläufer
gehabt hatte - 1891 eingeführt (Höchstbetrag 1000 Mark); sie
findet sich auch anderweit und in Frankreich z.B. - freilich
wenig erfolgreich - mit viel höheren Beträgen (bis 4000
Franc). Auch die Unteroffizierschulen gehören hierher, siehe
die Rede Vogel von Falckensteins im Reichstag vom 2. März
1891.
13. Die Reichstagsrede
Caprivis vom 27. Februar 1891 ist das klassische Bekenntnis
einer schönen kapitalistisch-militaristischen Seele in ihren
Ängsten und Nöten, in ihren Hoffnungen und Zielen, in den
Methoden zur Verfolgung ihrer Zwecke; sie öffnet weitauf ein
Fenster, das uns einen tiefen Blick in das Allergeheimste
dieser Seele vergönnt. Sie beginnt mit der Feststellung, daß
"nur unter der Voraussetzung auf die Wiedereinbringung des
Sozialistengesetzes verzichtet sei, daß alle Maßregeln
ergriffen würden, um der Sozialdemokratie den Boden unter den
Füßen wegzuziehen oder den Kampf mit ihr aufzunehmen"; eine
dieser Maßregeln (also ein Surrogat des Sozialistengesetzes)
seien die Unteroffiziersprämien in Verbindung mit dem
Zivilversorgungsschein. Caprivi fuhr fort: "Die Ansprüche an
die Unteroffiziere steigern sich, das liegt in der zunehmenden
Bildung der Nation. Der Vorgesetzte kann seine Stellung nur
dann ausfüllen, wenn er sich seinen Untergebenen gegenüber
überlegen fühlt ...
Wenn die Disziplin schon an sich
erschwert ist, so wird sie noch schwerer, wenn wir den Kampf
mit der Sozialdemokratie aufnehmen müssen; ich meine hier mit
dem Kampf nicht das Schießen und Stechen. Meine Erinnerungen
reichen bis in das Jahr 1848 zurück. Die Verhältnisse waren
damals sehr viel besser, denn die Ideen waren damals nicht
durch langjährige Schulung entstanden, sie traten plötzlich
hervor, und die alten Unteroffiziere hatten den Mannschaften
gegenüber deshalb eine sehr viel leichtere Stellung als jetzt
der Sozialdemokratie gegenüber. ("Sehr richtig!" rechts.) Und
wenn ich den äußersten Fall berühre, für den Straßenkampf mit
der Sozialdemokratie brauchen wir weit bessere Unteroffiziere
als vor dem Feinde. Vor dem Feinde lassen sich die Truppen
durch Patriotismus und durch andre erhebende Gefühle
begeistern und zur Opferfähigkeit bringen. Der Straßenkampf
und was damit zusammenhängt ist kein Faktor, der geeignet
wäre, das Selbstgefühl der Truppen zu erhöhen; sie fühlen
immer, daß sie Landsleuten gegenüberstehen ... Die
Unteroffiziere können ihre Überlegenheit nur dann bewahren,
wenn wir sie höher zu stellen suchen. Die verbündeten
Regierungen wollen das Niveau des Unteroffizierstandes
erhöhen." Es sei nötig, in den Unteroffizieren eine
"Menschenklasse" zu schaffen, die mit ihrem ganzen Dasein an
den Staat gebunden" ist.
Das ist gleichzeitig eine feine
Psychologie der Elitetruppen.
14. Arrest mit
Entziehung von Nahrung, Lager und Licht, Nachexerzieren und
dergleichen; im Felde auch das barbarische "Anbinden". Das
österreichische Krummschließen" und "Anbinden", die belgischen
Cachots und die internationale marinistische "neunschwänzige
Katze" und dergleichen sind bekannt. Weniger dürften in der
Erinnerung sein die entsetzlichen Foltermittel, die in den
französischen Disziplinarabteilungen auch gegen "Politische"
angewandt werden: die Poucettes, die Menottes und die
Crapaudine (vgl. die von der Fédhration socialiste autonome du
Cher 1902 veröffentlichte Broschüre
Les Bagnes Militaires
- Kammerrede von Breton - mit Abbildungen; Georges Darien
Biribi [d.i. die
Sammelbezeichnung für sämtliche militärische
Disziplinareinrichtungen in Nordafrika], Dubois-Desaulle,
Sons la Casaque,
Paris 1899). Über die compagnies de discipline, die
pénitenciers und die travaux forcés (Strafabteilungen,
Zuchthäuser, Zwangsarbeit) in der französischen Fremdenlegion
und ihre Opfer vgl. Däumig, Schlachtopfer des Militarismus.
Gerade eben wird energisch an die Unterdrückung des "Biribi"
gegangen (Kammerverhandlungen vom 8. und 10. Dezember 1906).
Die disziplinaren Stockprügel, mit denen sich die Offiziere
englischer Gardegrenadierregimenter gegenseitig in
löblich-demokratischem Eifer zu traktieren pflegen (La
Jeunesse Socialiste, März 1905), verdienen als
Kuriosum auch hier Erwähnung.
15. Das Ergebnis all
dieser Erziehungsmittel in militärischer Beziehung ist
anderweit erörtert. Hier sei noch auf das sittliche Ergebnis
hingewiesen, das die bürgerlichen sowie die ganz- und
halbanarchistischen Gegner der Armee zu besonders
leidenschaftlichem und breit vorgetragenem Pathos der
Entrüstung hinreißt. "Die Armee ist die Schule des
Verbrechens" (Anatole France); "Suff, Unzucht und Heuchelei,
das ist es, was das Kasernenleben lehrt" (Professor Richet).
Nach dem "Manuel du soldat"
ist die Dienstzeit "eine Lehre der Roheit und Gemeinheit";
"eine Schule der Ausschweifungen"; sie führt zu "moralischer
Feigheit, Unterwürfigkeit und Sklavenängstlichkeit". Gewisse
militärische Feste kann man sich ohne den, natürlich
staatserhaltenden, patriotischen Suff in der Tat beinahe nicht
vorstellen. Von den "Sauf- und Rauffesten" der Kriegervereine
(Worte des Pfarrers César)
Leipziger Volkszeitung vom 1. Dezember 1906. - Auch
da. gesundheitliche Resultat ist nichts weniger als
erfreulich; über die französische Armee: Fußnote 5. Der
sanitäre Zustand der stehenden Heere Englands und Amerikas,
dieser demokratischen Länder, setzt geradezu in Schrecken: Der
Promillesatz der Todesfälle ist hier weit größer als in
Deutschland, 1906/1907: 7, 15 und 6, 18; nach dem 1906er
Bericht des General-Armeearztes H.M. O’Reilly passieren
Dysenterie und Alkoholismus in der amerikanischen Armee
schlimmer als irgendwo in der Welt.
16. Zum Kampf gegen den
inneren Feind ist hier natürlich auch gerechnet die Bekämpfung
des dem "Militarismus nach außen" abholden Geistes der
internationalen proletarischen Solidarität.
17. Vgl.
Die Sozialdemokratie im
Heere, Reform dem deutschen Heeresdienstes zur Abwehr des
Sozialismus. Von einem Offizier, Verlag Costenoble,
Jena 1901; ferner das Material in Bebel,
Nicht stehendes Heer sondern
Volkswehr, S.46ff. und
Handbuch für
sozialdemokratische Wähler. Der Reichstag 1848-1903,
Berlin 1903, S. 23 ff.
18. Vgl. hierzu den
bekannten Fall Gädke, wo das Preußische Kammergericht die
unerhörten Aspirationen des Militarismus rechtskräftig
gebilligt hat.
19. Auch zahlreiche
Angehörige des Arztestandes; über die Folgen vgl. z.B. die
Notiz im Vorwärts
vom 17. Januar 1894. Nicht nur die Militärärzte der Reserve
selbst unterliegen dem militärischen Druck, sie pflanzen in
den und durch die ärztlichen Standesorganisationen diesen
Druck auch auf die Nicht-Militärärzte fort.
20. Das kühne Abenteuer
des Köpenicker "Hauptmanns" Voigt, dieses genialen Schusters
und Zuchtshäuslers, ist auch von liberaler Seite gerade in
dieser Beziehung als ein Menetekel bezeichnet worden.
21. Im übertragenen,
aber auch im buchstäblichen Sinne des Wortes! Vgl. Kapitel
1-4.4 Vorbemerkung.
22. In Deutschland
besteht eine Art Gewerkschaft dieser Beamte; der Bund
deutscher Militäranwärter.
23. Vgl.
Lokal-Anzeiger,
Nr.496 von 1906.
24. Vgl. G. Feuchter,
Der Deutsche Pulver-Ring und
das Militär-Pulvergeschäft, Göppingen 1896, S. 25 u.
50.
25. Die Einzelheiten in
"Lustig ist’s Soldatenleben",
Wien 1896, S. 51.
26. Wo die letzten
Nachzügler aus dem Schwarm der Beutegeier des ostasiatischen
Krieges, die Gurko-Lidvall, um die Wende des Jahres 1906 viel
Aufsehen erregten.
27. Marineverwaltung;
18.939; preußische Heeresverwaltung ausschließlich
Feldzeugmeisterei: 11.199; preußische Feldzeugmeisterei:
16.825; bayerische Heeresverwaltung: 4.632; sächsische: 2.754;
württembergische: 374 (vgl.
Drucksachen des Reichstages 1905/1906, Nr. 144).
28. In dem Posener
Waffendiebstahlsprozeß vom Winter 1906 versicherte der
angeklagte Spandauer "Fabriker" immer wieder, er hätte dem
diebischen Oberleutnant Poppe doch gehorchen müssen, der "als
Offizier" an und für sich "gewissermaßen sein Vorgesetzter"
gewesen sei; so seien sie instruiert. Poppe wer nicht etwa in
dem Betrieb, dem diese Angeklagten angehörten, beschäftigt.
Sein echter Offiziersrock erleichterte ihm überhaupt bei der
Zivilbevölkerung seine Manipulationen ebenso wie dem
Köpenicker Hauptmann sein falscher.
29. Die Kämpfe in den
Spandauer Werkstätten, die auch im Reichstag alljährlich eine
Rolle spielen, sind bekannt; über das Korpsbekleidungsamt
Berlin siehe Fachzeitung der
Schneider vom 25. August 1906. Einiges von den
französischen Marinearsenalen Brest, Lorient, Cherbourg,
Rochefort und Toulon vgl. Les
Temps Nouveaux vom 11. November 1905. Gerade
gegenwärtig (Dezember 1906) ist eine lebhafte Bewegung unter
den Arsenalarbeitern von Toulon im Gange, deren Ende noch
nicht abzusehen ist.
30. Die französische
Regierung hat diese Maßregel ausdrücklich mit dem Hinweis auf
die antimilitaristische Propaganda tu rechtfertigen gesucht.
Vgl. Les Temps Nouveaux
vom 11. November 1905.
31. Gesetz vom 2.
Dezember 1905 (betreffend die Unterdrückung von Ausständigen
in Berufen von öffentlicher Bedeutung in Rußland. - Die
Red.), vgl. dazu
Leipziger Volkszeitung vom 14. Dezember 1906.
32. Köstlich windet
sich in dieser peinlichen Zwickmühle die
Kreuz-Zeitung. Sie
sucht in ihrer grenzenlosen Verlegenheit den Spieß umzukehren
und der Sozialdemokratie tödliche Verlegenheit
aufzuschwindeln. Der Köpenicker Streich habe ihre Pläne für
den Fall einer Revolution vorzeitig vor aller Welt enthüllt
und damit vereitelt. Besonders toll ist an diesem drolligen
Angstgeschwätz die Vorspiegelung, als könnten derartige Pläne
jemals in der kapitalistischen Ordnung vereitelt werden und
als würden die Ritter der
Kreuz-Zeitung auch nur einen Finger zu einem
hoffnungslosen Versuch der Art rühren. "Gott sei Dank, wir
können uns auf unser Militär noch verlassen!" das war
schließlich doch der aufrichtigste Stoßseufzer, den der
Handstreich von Köpenick aus dem Herzen unsrer
Bourgeoisphilister lockte.
33. Vgl. K. Kautsky in
Die Neue Zeit, V.
Jahrgang (1887), S. 551. |