1. Die Soldatenmißhandlungen oder
der Militarismus als reuiger und doch unverbesserlicher Sünder
Zwei
Zwickmühlen
|110| Die Herren Militaristen sind keineswegs
dumm. Das beweist ihr mit äußerster Schlauheit durchgeführtes
Erziehungssystem. Sie spekulieren mit beachtenswertem Geschick
auf die Massenpsychologie. Wenn das friderizianische, aus
Söldnern und dem Auswurf der Bevölkerung bestehende Heer durch
Gamaschendrill und Prügel für seine viel mechanischeren
Aufgaben zusammengehalten werden konnte, trifft dies für
unsere aus der Gesamtbevölkerung mit ihrer gesteigerten
Intelligenz und Moral zusammengesetzten, auf Grundlage einer
Bürgerpflicht aufgebauten Armee bei ihren weit höheren
Anforderungen an den einzelnen nicht mehr zu. Das haben die
Scharnhorst und Gneisenau, deren Armeeorganisation mit
Verkündigung der Freiheit des Rückens“ einsetzt., sofort
scharf erkannt. [1]
Dennoch gehören, wie gezeigt, schlechte Behandlung, rohe
Beschimpfung, Prügel und alle möglichen Arten raffiniert
grausamer Mißhandlung zum eisernen Bestand auch unsres
heutigen militärischen Erziehungssystems.
Die Stellung, die man auf militaristischer
Seite den Soldatenmißhandlungen gegenüber einnimmt, richtet
sich selbstverständlich nicht nach Ethik, Kultur,
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Christentum und ähnlichen
schönen Sachen, sondern nach puren jesuitischen
Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten. Ihre verborgene
Maulwurfsgefährlichkeit für die Disziplin und den „Geist“ in
der Armee selbst [2] ist
bis heute noch längst nicht zur allgemeinen Erkenntnis
gelangt. [3] Das
„Schäften“ der Rekruten und unbequemen Mannschaften durch die
alten Leute, die rohen Kasernenhofblüten und gemeinen
Schimpfreden aller Art sowie ein beträchtliches Maß von
Püffen, Stößen, Schlägen und dergleichen, von „Hochnehmen“ und
„Schleifen“ der Mannschaften wird bis zum heutigen Tage von
der Mehrzahl der Unteroffiziere und selbst der Offiziere, die,
dem Volke entfremdet und feind, zu borniertesten
Gewaltpolitikern en miniature dressiert sind, im Innersten
ihres Herzens skrupellos gutgeheißen, ja geradezu als
notwendig angesehen. Der Kampf gegen diese Exzesse stößt daher
von vornherein auf einen schier unüberwindlichen passiven
Widerstand. Nicht offen, aber heimlich kann man es jeden Tag
hören, wie Vorgesetzte das Verlangen nach menschenwürdiger
Behandlung der „Kerls“ als törichte Humanitätsduselei
bezeichnen. Der Dienst der Waffen ist ein rauher Dienst. Aber
auch, soweit man bis zur Erkenntnis jener in der Tiefe
wühlenden Maulwurfsgefährlichkeit der Disziplinarmißhandlungen
durchgedrungen ist, befindet man sich wieder in einer jener
Zwickmühlen, in die ein sich der natürlichen Entwicklung
entgegenstemmendes Gewaltsystem auf Schritt und Tritt geraten
muß und von denen wir schon einige aufgedeckt haben. Jene
Mißhandlungen sind eben – wie noch näher zu zeigen –
unentbehrliche Hilfsmittel des äußeren Drills, dessen der
kapitalistische Militarismus für den die innere freie
Disziplin doch unerreichbar bleibt, faute de mieux nicht
entraten kann. Sie gelten trotz alles Bedenkens und Bedauerns,
wir wiederholen es, zwar nicht offiziell, aber offiziös als
ein zwar nicht legales, aber unentbehrliches militaristisches
Erziehungsmittel.
Man hat aber auch, abgesehen von diesen
militärischen Bedenken, ein böses Gewissen, seitdem man
erwischt ist, das heißt, seitdem sich die rücksichtslose
sozialdemokratische Kritik des Heerwesens bemächtigt haue und
nun selbst weite Kreise des Bürgertums von jener militärischen
Moral abzurücken begannen. Der Militarismus mußte es ja
zähneknirschend dulden, daß er nicht einfach vom obersten
Kriegsherrn inszeniert und kommandiert wurde, sondern daß er
vor allem materiell von der mit höhnischer Geringschätzung
betrachteten Volksvertretung, von dem Reichstage, in dem sogar
Abgeordnete des „Pöbels“ sitzen, kurz gesagt, von der
„Kanaille“ abhängt und daß unter dem Schutze der
Reichstagsimmunität seine Blöße ohne Schonung immer und immer
wieder aufgedeckt wurde. So sah er sich voll verbissener Wut
genötigt, die Rotüre, die „Reichstagskerle“, die verachtete
und verspottete „öffentliche Meinung“ in guter Stimmung zu
halten. Es galt, die Militärfrömmigkeit des Bürgertums, das an
und für sich zu jeder möglichen militärischen Bewilligung
bereit war, aber nicht selten, besonders in Zeiten der
Finanzkalamität wider den Stachel zu löcken versuchte, auf
keine zu harte Probe zu stellen und ihm seinen Wählern
gegenüber, die meist den ihrem Wesen nach antimilitaristischen
Klassen angehören und, bei Erkenntnis ihrer Klassenlage, der
Sozialdemokratie verfallen sind, einen möglichst leichten
Stand zu verschaffen. Es galt der sozialdemokratischen
Agitation wirksamste Waffen vorzuenthalten oder zu entreißen,
und so verfolgte man zunächst die Taktik der Vertuschung, der
Verschleierung. Das Militärgerichtsverfahren war geheim, „es
fällt kein Strahl in deines Herzens Nacht“, und wenn dennoch
einer hineinfiel, so leugnete, bestritt und beschönigte man
nach Leibeskräften. Aber selbst hinter Kasernenmauern und
durch die Gitter der Militärgefängnisse und Festungen
leuchtete mehr und mehr die Fackel der Sozialdemokratie. Die
Militärdebatten im Deutschen Reichstage in den achtziger und
neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sind ein zäher und
leidenschaftlicher Kampf um die Anerkennung der Tatsache der
Kasernengreuel als einer nicht nur selten und verstreut
auftretenden, sondern als einer regelmäßigen und
außerordentlich häufigen, gewissermaßen organischen,
konstitutionellen Erscheinung im Militarismus. Gute Dienste
leistete in diesem Kampfe der durch die Öffentlichkeit des
Militärgerichtsverfahrens in andern Staaten erleichterte
unanfechtbare Nachweis, daß die Militärmißhandlungen eine
regelmäßige Eigenschaft des Militarismus sind, selbst des
republikanischen Militarismus in Frankreich, selbst des
belgischen Militarismus, selbst mehr und mehr des
schweizerischen Milizmilitarismus. Die sozialdemokratische
Kritik siegte wesentlich unter dem Eindruck der Anfang 1892 im
Vorwärts
publizierten Erlasse des Prinzen Georg von Sachsen (vom 8.
Juni 1891) [4] und des
bayerischen Kriegsministeriums (vom 15. Dezember 1891) sowie
der dreitägigen Reichstagsdebatte vom 15. bis 17. Februar
1892. Nach den üblichen „Erwägungen“ und Zerrereien kam
schließlich 1898 mit Hängen und Würgen die Reform unsrer
Militärstrafprozeßordnung, die zwar noch immer in großem
Umfange gestattete, durch Ausschließung der Öffentlichkeit den
Mantel christlicher Liebe über furchtbare Geheimnisse der
Kasernen zu decken, die aber doch – trotz aller die
weitestgehende Ausschließung der Öffentlichkeit geradezu
nahelegenden Erlasse und jener viel kommentierten Maßregelung
der Richter Bilses – bald einen solchen Platzregen
grauenhafter Mißhandlungsfäule auf die Öffentlichkeit
herunterprasseln ließ, daß alle Einwände gegen die
sozialdemokratische Kritik einfach wehrlos hinweggeschwemmt
wurden und der Soldatenschinder als ständige Institution des
staatserhaltenden Militariemus fast allenthalben, wenn auch
noch so widerwillig, Anerkennung fand. Man suchte, ehrlich und
minder ehrlich, dieser abschreckenden und für die
sozialdemokratische „Verhetzung“ allzu günstigen Institution
zu Leibe zu gehen, wenn man auch nicht an einen wesentlichen
Erfolg glaubte, so doch, um den Eindruck zu erwecken, daß man
mit dieser Erscheinung nicht zufrieden, sondern bereit sei,
sein Bestes zu ihrer Beseitigung zu tun. Man begann mit einer
gewissen Rücksichtslosigkeit die Soldatenschinder zu
verfolgen, aber wichtiger als der Kampf gegen die
Militärmißhandlungen bleibt für den Militarismus
selbstverständlich das Interesse an der militärischen
Disziplin, der Gefügigmachung des Volks in Waffen zum Kampf
gegen seine eigenen internationalen und nationalen Interessen.
Man stelle die Urteile gegen die Soldatenschinder gemeinster
Art zusammen mit den Urteilen, die oft wegen ganz
geringfügiger oder in der Erregung und im Trunk begangener
Verfehlungen von Soldaten gegen Vorgesetzte fast täglich
ergehen. Hier blutige, drakonische Vergeltung jeder kleinsten
Sünde wider den heiligsten Geist des Militarismus, dort trotz
alledem verhältnismäßig milde Nachsicht und Verständnis. So
ist der Kampf der Militärjustiz gegen die Militärmißhandlungen,
der Hand in Hand geht mit einer unerbittlichen Erdrosselung
jeder Spur einer Regung von Selbständigkeits- oder
Gleichberechtigungsbewußtsein der Untergebenen, naturgemäß
fast ergebnislos. Der Fall des Erbprinzen zu
Sachsen-Meiningen, der den Mut besaß, die Mannschaften selbst
zur Unterstützung im Kampf gegen die Mißhandlungen anzurufen,
ja ihnen diese Unterstützung zur Pflicht zu machen und so das
Übel energischer als gewöhnlich an der Wurzel zu packen, der
aber wegen dieses kühnen Schrittes alsbald den Dienst
quittieren mußte [5], sagt
alles. Er wirft auf die ganze Halt- und Hoffnungslosigkeit des
offiziellen Kampfes gegen die Militär mißhandlungen
bengalisches Licht.
Das Büchlein unsres Genossen Rudolf Krafft,
eines früheren bayerischen Offiziers,
Die Opfer
der Kaserne, bearbeitet wertvolles Material mit einer
Sachkunde, die nur einer „vom Bau“ entwickeln kann.
Regelmäßige Zusammenstellungen unsrer Partei- presse über die
in bestimmten Zeitabschnitten bekannt gewordenen
Soldatenmißhandlungsprozesse liefern – auch gegen den
Marinismus [6] – eine
geradezu erdrückende Menge Stoffs, dessen zusammenfassende
Bearbeitung [7] leider
noch nicht erfolgt ist. Hier ist eine wichtige und dankbare
Aufgabe zu erfüllen.
Wir hegen bei unserm grundsätzlichen
Standpunkt zum Militarismus keinerlei Wahnvorstellungen. Wenn
jene Scharnhorststsche Verordnung wegen der Militärstrafen
meint: „Die Erfahrung lehrt, daß Rekruten ohne Schläge im
Exerzieren unterrichtet wer den können. Einem Offizier, dem
dies unausführbar scheinen möchte, mangelt entweder die nötige
Darstellungsgabe oder der klare Begriff vom Exerzierunterricht
...“, so ist das natürlich theoretisch richtig, praktisch aber
der Zeit weit vorausgeeilt. Die Militärmißhandlung entspringt
dem innersten Wesen des kapitalistischen Militarismus. Das
Mannschaftsmaterial ist zu einem großer feil geistig und zu
einem noch größeren Teile körperlich den militärischen
Anforderungen, vor allem denen des Paradedrills, nicht
gewachsen. Es treten immer mehr junge Leute mit einer
Lebensauffassung in die Armee ein, die dem militärischen
Geiste gefährlich und feindlich ist. Es gilt den „Kerls“ ihre
bisherige Seele gewissermaßen herauszureißen und eine neue
patriotisch-königstreue Seele hineinzustopfen. Alle diese
Aufgaben sind selbst für den geschicktesten Pädagogen
unlöslich, geschweige denn für die Sorte von Pädagogen, die
dem Militarismus zu Gebote stehen, der auch hier, mehr als ihm
lieb, sparen muß. [8]
Und diese militaristischen Pädagogen haben
keinerlei gesicherte Existenz. Sie sind von dem Wohlwollen,
von der Willkür der Vorgesetzten gänzlich abhängig und haben
jeden Augenblick zu gewärtigen, einfach aufs Pflaster geworfen
zu werden, wenn sie ihre Hauptaufgabe nicht erfüllen, den
Soldaten nach dem Bilde des Militarismus zu formen – ein
ausgezeichnetes Mittel, den gesamten Apparat von militärischen
Vorgesetzten (Offizieren und Unteroffizieren) in der Hand der
Kommandogewalt aufs äußerste gefügig zu machen. Daß solche
Vorgesetzte mit nervöser Rücksichtslosigkeit drillen, ist
selbstverständlich, daß es dabei bald heißt „und bist du nicht
willig, so brauch’ ich Gewalt“ und daß die Gewalt bei der
absoluten, auf Leben und Tod gehenden Macht des Vorgesetzten
gegenüber den bedingungslos unterworfenen Untergebenen
schließlich in Form von Mißhandlungen zur Anwendung gebracht
wird, ist eine natürliche und menschlich-notwendige
Verkettung, in die sich auch der neugebackene japanische
Militarismus mit aller Promptheit fest verstrickt hat.
[9] Auch in dieser
Zwickmühle sitzt der Militarismus fest.
Freilich liegen die Ursachen solcher „Kommiß“freuden
nicht überall gleichmäßig vor. Die Stufe der Volksbildung vor
allem übt einen stark modifizierenden Einfluß.
[10] Und es kann nicht
wundernehmen, daß selbst der französische Kolonialmilitarismus
hier von dem preußisch-deutschen Heimatsmilitarismus günstig
absticht. [11]
Uns aber bietet gerade diese Form der
disziplinaren Gewaltausübung, gerade wegen ihrer im System
begründeten Notwendigkeit, ein ausgezeichnetes Mittel, den
Militarismus grundsätzlich und höchst erfolgreich zu
bekämpfen, immer breitere Massen des Volks gegen ihn
aufzupeitschen und das Klassenbewußtsein in solche Kreise
hineinzutragen, die ihm sonst noch nicht oder viel schwerer
zugänglich sein würden. Die Militärmißhandlungen, in
Verbindung mit der militaristischen Klassenjustiz eine der
aufreizendsten Erscheinungen der kapitalistischen Unkultur,
sind neben ihrer Maulwurfsgefährlichkeit für die militärische
Disziplin wirksamste Waffen im Befreiungskampfe des
Proletariats. Diese Sünde des Kapitalismus kehrt sich
gedoppelt gegen ihn selbst. Und mag der Sünder noch soviel
Buße tun, ehrlich in hilfloser Zerknirschung oder im Stil des
Reineke Fuchs, diese Waffen können uns nicht entrissen werden,
denn, trotz Sackleinen und Asche, dieser reuige Sünder ist
unverbesserlich.
2. Die Kosten des Militarismus oder
La douloureuse
Noch eine
Zwickmühle
Der geschichtliche Materialismus, die Lehre
von der dialektischen Entwicklung, ist die Lehre von der
immanenten Notwendigkeit der Vergeltung. Jede
Klassengesellschaft ist zum Selbstmord verurteilt. Jede
Klassengesellschaft ist eine Kraft, die stets das Böse will
und stets das Gute schafft, und selbst wenn sie das Böse nicht
wollen möchte, das Böse tun muß, die an der Erbsünde ihres
Klassencharakters zugrunde gehen muß, die, mag sie wollen oder
nicht, den Ödipus erzeugen muß, der sie dereinst erschlägt –
und zwar ungleich dein sagenhaften Thebaner im vollen
Bewußtsein des Vatermords. Jedenfalls gilt das für die
kapitalistische Gesellschaftsordnung, für das Proletariat.
Gewiß möchte auch die herrschende Klasse
des Kapitalismus ihre Profitinteressen ganz gern in voller
Gemütlichkeit wahrnehmen. Da sich diese Gemütlichkeit aber
weder mit der kapitalistischen Konkurrenz, der nationalen und
internationalen, verträgt, noch auch dem Geschmack derjenigen
dauernd entspricht, aus deren Haut der Kapitalismus Riemen
schneidet, so errichtet der Kapitalismus zum Schutze der
Lohnsklaverei um das Allerheiligste des Profits eine
waffenstarrende, grausame Festung der Gewaltherrschaft. Und
wenn der Militarismus für den Kapitalismus eine
Lebensnotwendigkeit ist, so liegt ihm natürlich an den
Riesenkosten dies Militarismus an und für sich nichts, im
Gegenteil, sie sind ihm gewiß herzlich unangenehm. Aber da es
nun einmal heutzutage nicht mehr möglich ist, nach dem alten
kadmeischen Rezept Zähne zu säen und bewaffnete Soldaten aus
dem Boden wachsen zu lassen, so bleibt nichts übrig, als sich
mit der Molochnatur des Militarismus abzufinden und seine
unersättliche Gefräßigkeit zu füttern. Wie Peinlich den
herrschenden Klassen diese Eigenschaft des Militarismus ist,
lehren die alljährlichen Budgetverhandlungen der Parlamente.
Der mehrwertsüchtige Kapitalismus kann eben nur wiederum beim
Geldpunkt, seiner grundsätzlich schwachen Seite, gefaßt
werden. Die Kostspieligkeit des Militarismus ist das einzige,
was ihm irgendwelche Grenzen zieht, wenigstens soweit die
Kosten von der Bourgeoisie selbst getragen werden. Aber
freilich, die Profitmoral sucht und findet einen ebenso
bequemen wie niederträchtigen Ausweg: die Überwälzung des
größten oder eines großen Teils der militaristischen Lasten
auf die Schultern derjenigen Schichten des Volks, die nicht
nur die schwächsten sind, sondern zu deren Unterdrückung und
Peinigung auch der Militarismus hauptsächlich in Szene gesetzt
ist. Die kapitalistischen Klassen nutzen, ebenso wie die
herrschenden Klassen andrer Gesellschaftsordnungen, ihre noch
dazu erst auf Ausbeutung des Proletariats gegründete
Gewaltherrschaft aus, um die unterdrückten und ausgebeuteten
Klassen ihre Ketten nicht nur selbst schmieden, sondern auch
möglichst selbst bezahlen zu lassen. Nicht genug, daß man die
Söhne des Volks selbst zu Henkern des Volks macht, man preßt
den Sold dieser Henker auch nach Kräften aus dem Schweiß und
Blut des Volks. Und wenn man auch die aufreizende Wirkung
dieses blutigen Gaunerstreichs hier und da einsieht, der
Kapitalismus bleibt seinem Glauben treu bis in den Tod, dem
Glauben an das goldene Kalb.
Freilich: Diese Abwälzung der militärischen
Lasten auf die ärmeren Klassen vermindert die
Ausbeutungsfähigkeit dieser Klassen; daran ist nicht zu
deuteln, und auch das trägt dazu bei, den ausbeutungsfrohen
Kapitalismus auf Moloch verdrießlich zu stimmen.
Der Militarismus lastet als ein Bleigewicht
auf unserm gesamten Leben; er ist aber im besonderen ein
wirtschaftliches Bleigewicht, ein Alb, unter dem unser
wirtschaftliches Leben ächzt, ein Vampir, der es aussaugt,
indem er die besten Kräfte des Volks ständig jahrelang der
Produktion und kulturellen Arbeit entzieht – in Deutschland
jetzt dauernd rund 655.000
[12] der kräftigsten und erwerbsfähigsten Männer von meist
20 bis 22 Jahren –‚ sodann aber durch seine wahnsinnigen
unmittelbaren Kosten. In Deutschland beziffert sich das in
sprunghaftem Anschwellen befindliche Militär- und Marinebudget
einschließlich des Kolonialbudgets
[13], aber außer den
Nachtragsetats, für 1906/1907 zum Beispiel auf über 1.300
Millionen Mark, auf rund eineindrittel Milliarde Mark. Die
Kosten der andern Militärstaaten sind verhältnismäßig nicht
geringer [14], und
selbst die militärischen Ausgaben der gesegneteren Staaten,
zum Beispiel Amerikanische Union
[15], England
(1904/1905) für Armee und Flotte 1.321 Millionen!, Belgien und
Schweiz, sind so außerordentlich, daß sie im Staatshaushalt
eine beherrschende Stellung einnehmen. Die Richtung der
Entwicklung geht allenthalben auf uferlose Steigerung, bis
hart an die Grenze der Leistungsfähigkeit.
Sehr hübsch ist folgende Zusammenstellung
des
Manuel du soldat:
1899 hatte Europa ein militärisches
Budget von 7.184.321.093 Franc. Es beschäftigte militärisch
4.169.321 Mann, die, wenn sie arbeiten würden, täglich
produzieren könnten (bei Zugrundelegung von 3 Franc pro Tag
und Mann): 12.507.963 Franc. Es gebrauchte weiter
militärisch 710.342 Pferde, die (bei Zugrundelegung von 2
Franc pro Tag und Pferd) täglich erzeugen könnten: 1.420.684
Franc, macht zusammen mit jenen 12.507.963 Franc 13.928.647
Franc. Die Ziffern mit 300 multipliziert, macht an
verlorenem Produktivwert, unter Hinzurechnang des Budgets
11.362.915.313 Franc.
Von 1899 bis 1906/1907 ist aber allein in
Deutschland das militärische Budget von rund 920 Millionen auf
rund 1.300 Millionen, also über 40 Prozent gewachsen. Die
Gesamtsumme der militärischen „Spesen“ dürfte sich – ohne die
Kosten des Russisch-Japanischen Kriegs – jetzt für Europa auf
etwa 15 Milliarden Mark pro Jahr belaufen, das macht rund 15
Prozent des gesamten Außenhandels der Welt: wahrlich eine
echte Bankrotteurwirtschaft.
Wie in den russischen Ostseeprovinzen die
militärische Unterdrückung der revolutionären Bewegung lange
Zeit den von ihr betroffenen Baronen übertragen war, so hat
Amerika die unbegrenzte Möglichkeit verwirklicht, sogar in
Friedenszeiten die Aufrechterhaltung der kapitalistischen
Ordnung dem Unternehmertum selbst gewissermaßen in Entreprise
zu überlassen: siebe die Pinkertons, die geradenwegs eine
legale Einrichtung für den Klassenkampf geworden sind. Dies,
Einrichtung bat jedenfalls, wie auch die belgische Form der
Bürgergarde, den Vorteil, die selbst der Bourgeoisie
unliebsamen Begleiterscheinungen des Militarismus (Soldatenmißhandlungen,
Kosten usw.) zu mildern
[16] und damit dem Feinde der kapitalistischen
Gesellschaft einen höchst wirksamen Agitationsstoff teilweise
vorzuenthalten. Aber dieser für das Proletariat auch nichts
weniger als angenehme Ausweg ißt den kapitalistischen Staaten,
wie gesagt, für den Regelfall verrammelt, und den Weg zur
wirtschaftlich viel weniger lästigen Miliz verbietet ihnen auf
absehbare Zeit die innerpolitische Aufgabe, die
Klassenkampffunktion des Heeres, die ja sogar eine ausgeprägte
Tendenz auf Beseitigung der bestehenden Milizen entfaltet.
Man vergleiche den Gesamtetat des Deutschen
Reiches für 1906/1907 in Höhe von 2.397.324.000 Mark mit dem
Anteil, der auf Heer und Marine entfällt, und man sieht, daß
alle übrigen Posten gegenüber diesem einen gewaltigen nur die
Rolle kleiner Trabanten spielen,, daß sich alles Steuerwesen,
die gesamte Finanzwirtschaft um das Militärbudget gruppiert,
„wie der Sterne Heer sich um die Sonne stellt“.
So wird der Militarismus zum gefährlichen
Hemmschuh, oft zum Totengräber selbst desjenigen kulturellen
Fortschritts, der an und für sich im Interesse auch der
heutigen Gesellschaftsordnung läge. Schule, Kunst und
Wissenschaft, öffentliche Hygiene, Verkehrswesen: Alles wird
aufs äußerste stiefmütterlich behandelt, da wir für
Kulturaufgaben, um ein bekanntes Wort zu gebrauchen, bei
Molochs Gefräßigkeit nichts übrig haben. Das Ministerwort: Die
Kulturaufgaben leiden nicht, wurde höchstens von den
ostelbischen Junkern bei ihren geringen Kulturansprüchen mit
überzeugter Zustimmung aufgenommen, während es selbst den
sonstigen Vertretern der kapitalistischen Gesellschaft nur ein
Augurenlächeln abzunötigen vermochte.
Zahlen beweisen. Eine Gegenüberstellung der
eineindrittel Milliarde des deutschen Militäretats von 1906
und der 171 Millionen, die Preußen 1906 für Unterricht aller
Art aufgewendet hat, die 420 Millionen, die Österreich-Ungarn
1900 für militärische Zwecke, und der fünfeinhalb Millionen,
die es für Volksschulen verausgabt hat, genügt. Das neueste
preußische Schulunterhaltungsgesetz mit seiner kleinlichen
Regelung der Lehrergehaltsfrage sowie der berüchtigte
Studtsche Erlaß gegen die Aufbesseung der Lehrergehälter in
den Städten sprechen Bände.
Deutschland wäre reich genug, alle
Kulturaufgaben zu erfüllen; und je mehr diese Aufgaben erfüllt
würden, um so leichter würde es ihm, ihre Kosten zu tragen.
Aber die Barriere des Militarismus versperrt den Weg.
Die Art, in der die militärischen Kosten in
Deutschland – anderwärts, zum Beispiel in Frankreich, kaum
minder – aufgebracht werden, stachelt ganz besonders auf. Der
Militarismus ist, man kann fast sagen, der Schöpfer und
Erhalter unsres erdrückenden ungerechten indirekten
Steuerwesens. Die gesamte Reichszoll- und
Reichssteuerwirtschaft. die auf eine Auspowerung der
großen Masse, das heißt der bedürftigen Masse unsrer
Bevölkerung, hinausläuft und der es im wesentlichen zu
verdanken ist, wenn sich zum Beispiel im Jahre 1906 die Kosten
der Lebenshaltung für die Masse des Volks gegenüber dem
Durchschnitt der Jahre 1900 bis 1904 allein um 10 bis 15
Prozent gesteigert haben, dient neben dem Junkertum, dieser
Schmarotzerklasse, deren zärtliche Versorgung zu einem sehr
großen Teil wiederum durch militaristische Gründe verursacht
ist, in erster Linie militaristischen Zwecken.
Nicht minder haben wir es hauptsächlich dem
Militarismus zu danken, wenn unser Kommunikationswesen, dessen
Ausbildung und Vervollkommnung übrigens gerade im höchsten
Interesse eines verständigen und seines Interesses klug
bewußten Kapitalismus liegt, dennoch längst nicht den
Anforderungen des Verkehrs und der Entwicklung der Technik
entspricht, sondern als milchende Kuh zu einer besonderen
indirekten Besteuerung des Volks ausgenutzt wird. Die
Geschichte der letzten Stengelschen Reichsfinanzvorlage kann
hier dem Blinden die Augen öffnen. Fast bis auf den Pfennig
genau läßt sich berechnen, daß diese Vorlage nur hervorgerufen
worden ist durch die Notwendigkeit, jenes 200-Millionen-Loch,
das der Militarismus wieder einmal in die Reichskasse gerissen
hat, zuzustopfen; und die Art der Steuergesetze, die den
Massenkonsum an Bier, Tabak usw. und selbst den Verkehr, diese
Lebensluft des Kapitalismus, schwer belasten, bildet eine
vortreffliche Illustration zu dem oben Angeführten.
Kein Zweifel, der Militarismus ist dem
Kapitalismus in vieler Hinsicht selbst eine Last, aber diese
Last sitzt ihm so fest auf dem Nacken, wie der geheimnisvoll
mächtige Greis auf den Schultern Sindbads, des Seemanns. Er
bedarf seiner, wie man im Kriege der Spione bedarf und in
Friedenszeiten der Scharfrichter und Henkersknechte. Er mag
ihn hassen, aber er kann ihn nicht entbehren, so wie der
christliche Kulturmensch die Sünden gegen das Evangelium
verabscheut und ohne sie doch nicht leben kann. Der
Militarismus ist eine Erbsünde des Kapitalismus, die zwar hie
und da der Besserung zugänglich ist
[17], von der ihn aber
erst das Fegefeuer des Sozialismus läutern wird.
3. Die Armee als Werkzeug gegen das
Proletariat im wirtschaftlichen Kampf
Vorbemerkung
Wir haben oben gesehen, wie der
Militarismus geradezu die Achse geworden ist, um die sich
unser politisches, soziales und wirtschaftliches Leben mehr
und mehr dreht, wie er der Drahtzieher ist, der an dem
„Drahte“, dem nenne rerum, die Puppen des kapitalistischen
Puppentheaters tanzen läßt. Wir haben gesehen, welchem Zweck
der Militarismus dient, wie er diesen Zweck zu erreichen sucht
und wie er bei Verfolgung dieses Zweckes mit
Naturnotwendigkeit das Gift selbst erzeugen muß, an dem er
sterben soll. Wir haben auch erörtert, welche wichtige
staatserhaltende, leider nur wenig erfolgreiche Rolle er als
Gesinnungspaukschule für das Volk im bunten Rock und in Zivil
spielt. Damit begnügt er sich aber nicht, sondern übt schon
heute in ruhigen Zeiten seine staatsstützende Einwirkung nach
verschiedenen andern Richtungen aus, zur Vorbereitung. zur
Vorübung für seinen großen Tag. wo er nach langer Lehrlings-
und Gesellenzeit sein Meisterstück zu liefern hat, für den
Tag, da sich das Volk frech und unbotmäßig wider seine Herren
erhebt, den Tag des großen Kladderadatsches.
An diesem Tage, den seine Leibgarde lieber
heute als morgen aufgehen sähe, weil sie ihn um so sicherer zu
einer Sintflut für die Sozialdemokratie zu machen hofft, wird
er nach Herzenslust mit Gott für König und Vaterland en gros
füsilieren. kartätschen, massakrieren; der 22. Januar 1905,
die blutige Maiwoche des Jahres 1871 werden ihm Ideal und
Vorbild sein. Gar schön gelobte im April 1894 der Wiener
Korpskommandant Schönfeldt auf einem Bankett tafelnder
Bourgeois: Sie können versichert sein, daß auch Sie uns hinter
Ihrer Front finden werden, wenn die Existenz der Gesellschaft,
der Genuß des sauer erworbenen Besitzes bedroht sind. Wenn der
Bürger in erster Linie steht, eilt der Soldat zur Hilfe!
Also der gepanzerte Arm ist stets erhoben,
bereit, zerschmetternd einzuschlagen. Man heuchelt: „zur
Sicherung der Ordnung“, „zum Schutz der Freiheit der Arbeit“,
und man meint: „zur Sicherung der Unterdrückung“, „zum Schutz
der Ausbeutung“. Regt sich das Proletariat in unbequemer
Lebhaftigkeit und Macht, gleich sucht es der Militarismus
säbelrasselnd zurückzuscheuchen, der Militarismus, der
allgegenwärtig und allmächtig hinter jeder arbeiterfeindlichen
Aktion unsrer Staatsgewalt steht und ihr den letzten, heut
noch unüberwindlichen Nachdruck verleiht, der sich aber nicht
nur für die großen Momente im Hintergrunde, hinter der Vorhut
der Polizei und Gendarmerie hält, sondern zielbewußt stets
bereit steht. auch die Alltagsarbeit zu unterstützen und in
zähem Kleinkampf die Pfeiler der kapitalistischen Ordnung zu
festigen. Gerade diese vielgeschäftige Vielseitigkeit
kennzeichnet in ihrem Raffinement den kapitalistischen
Militarismus.
Soldaten als
Konkurrenten gegen freie Arbeiter
Der Militarismus ist sich als Funktionär
des Kapitalismus sehr wohl dessen bewußt, daß die Förderung
des Unternehmerprofits seine höchste und heiligste Aufgabe
ist. So hält er sich für wohl befugt, selbst verpflichtet, die
Soldaten dem Unternehmertum, besonders dem Junkertum zur
Steuerung der durch unmenschliche Ausbeutung und
Brutalisierung der Landarbeiter hervorgerufenen Leutenot
offiziell oder offiziös als Arbeitsvieh zu gestellen.
Soldaten als Ernteurlauber sind eine ebenso
ständige wie dein Interesse der Arbeiterschaft schädliche,
feindselige Erscheinung, die zugleich – ebenso wie das „Burschen“wesen
– den Schwindel von der rein militärischen Notwendigkeit der
langen Dienstzeit, auch gegenüber jenen Monomanen des
Stechschritts und Paradedrills, in seiner ganzen
Bösgläubigkeit und Tölpelhaftigkeit entlarvt und wenig
schmeichelhafte Reminiszenzen an das vorjenensische
Kompaniesystem wachruft. Für das Jahr 1906 sei der viel-
besprochenen Generalkommandoerlasse, zum Beispiel des 1.
[18], des IV., des X.
[19] und des XVII.
preußischen Armeekorps, gedacht. Die sehr zahlreichen Fälle,
in, denen von der Post und der Eisenbahn bei starkem Verkehr
Soldaten zur Aushilfe herangezogen werden, liegen zwar
komplizierter, gehören aber doch auch hierher.
Armee und
Streikbruch
Unmittelbar greift der Militarismus in die
Emanzipationsbestrebungen der Arbeiterschaft ein, indem er
Soldaten zu Streikbrecherdiensten militärisch kommandiert. Wir
erinnern nur an den jüngst aufgefrischten Fall des jetzigen
Kommandeurs des Reichs. verleuzndungsverbandes gegen die
Sozialdemokratie
[1*],
Generalleutnant von Lieben, der schon im Jahre 1896 als
schlichter Oberst begriffen hatte, daß der Streik eine
öffentliche Kalamität sei wie Feuersbrunst und Wassernot,
natürlich eine Kalamität für das Unternehmertum, als dessen
Schutzgeist und Vollstrecker er sich fühlte.
Besonders berüchtigt ist aus Deutschland
noch jene beim Nürnberger Streik vom Sommer 1906 geübte
Methode, die zur Entlassung kommenden Mannschaften mit sanftem
Druck in die Reihen der Streikbrecher zu schieben.
Ungleich größere Bedeutung beanspruchen
drei außerdeutsche Ereignisse. Der großzügige militärische
Streikbruch gegenüber dem holländischen
Eisenbahnergeneralstreik vom Januar 1903, der durch
gesetzliche Entziehung des Koalitionsrechts der Eisenbahner
gekrönt wurde [20],
gegenüber dem ungarischen Eisenbahnergeneralstreik von 1904,
bei dem die Militärverwaltung noch weiter ging und, abgesehen
von dem Streikbruchkommando der aktiven Mannschaften, die
gesetzwidrig über ihre Dienstzeit hinaus bei der Fahne
gehalten wurden, sich nicht entblödete, die Reservisten und
Landwehrleute unter den Eisenbahnern und technisch geeignete
sonstige Reservisten und Landwehrleute einzuberufen und so mit
militärischer Fuchtel zu streikbrüchigem Eisenbahndienst zu
zwingen; und schließlich gegenüber dem am 2. Januar 1907
proklamierten bulgarischen Eisenbahnerstreik.
Nicht minder wichtig ist der Anfang
Dezember 1906 in Ungarn vom Ackerbauminister Hand in Hand mit
dem Kriegsminister inaugurierte Kampf gegen das
Koalitionsrecht und die Streiks der Landarbeiter, in denen die
fürsorgliche Ausbildung von Soldaten zu
Erntearbeit-Streikbrecherkolonnen im Vordergrund steht.
Auch in Frankreich ist der
Soldatenstreikbruch wohlbekannt.
[21]
Daß die militärische Erziehung
Arbeitswilligkeit systematisch züchtet und die aus der aktiven
Armee entlassenen Arbeiter durch ihre Bereitschaft, den
Klassengenossen in den Rücken zu fallen, dem kämpfenden
Proletariat gefährlich werden. zählt gleichfalls zu den
internationalen militaristischen Errungenschaften.
[22]
4. Säbel- und Flintenrecht gegen
Streiks
Vorbemerkung
Die Militärbehörden allerorten sind seit
jeher durchdrungen von der kapitalistischen Wahrheit des
Wortes, daß hinter jeden Streik die Hydra der Revolution
lauere. So ist die Armee allezeit auf dem Posten, um, wo
Polizeifaust, Polizeisäbel und Polizeirevolver gegenüber
sogenannten Streikexzessen nicht sofort hinreichen, mit ihrem
hauenden Säbel und ihrer schießenden Flinte die unbotmäßigen
Unternehmersklaven zu Paaren zu treiben. Das gilt von allen
kapitalistischen Ländern, natürlich, und zwar in
ausschweifendstem Maße, auch von dem als ganzes noch nicht
kapitalistischen Rußland, das wegen seiner besonderen
politischen und kulturellen Zustände hier nicht als typisch
angesehen werden kann. Und wenn auch Italien und Österreich
hier mit an der Spitze marschieren. so ist es doch für die
historische Wertung der republikanischen Staatsform unter der
kapitalistischen Wirtschaftsweise von größter Wichtigkeit,
immer wieder darauf hinzuweisen, daß. Von England abgesehen,
nirgends die Soldateska zur Niederwerfung von Streiks im
Interesse des Unternehmertums so dienstwillig war und so
blutig und rücksichtslos gehaust hat wie in den halb- oder
ganzrepublikanischen Staaten, wie in Belgien und Frankreich.
mit denen die freiesten Staaten der Welt, die Schweiz und
Amerika, den Vergleich wohl aushalten können. – Rußland
freilich ist hier, wie überall auf dem Felde der Grausamkeit,
inkommensurabel. Barbarei. noch mehr Tierische Wildheit ist
der allgemeine Kulturzustand seiner herrschenden Klassen, der
natürliche Trieb seines Militarismus. der sich von den ersten
harmlosesten Regungen dem Proletariats an im Blute
friedlicher, in grenzenloser Not verzweifelt nach Erlösung
schreiender Arbeiter buchstäblich gebadet hat. Kein einzelnes
Ereignis darf hier genannt werden, weil das hieße, ein
einzelnes Glied aus einer zeitlich und örtlich endlosen Kette
willkürlich und kleinlich herauszureißen. So viele Tropfen
Proletarierblutes in allen andern Ländern zusammen im
wirtschaftlichen Kampfe vergossen sind, so viele
Proletarierleiber hat der Zarismus zur Unterdrückung der
bescheidensten Ansätze einer Arbeiterbewegung niedergestampft.
Wesensverwandt mit dieser Verwendung der
Militärgewalt ist die Tätigkeit der Kolonialarmeen und
Schutztruppen gegen die Eingeborenen der Kolonien, die sich
nicht gutwillig in das Joch der schnödesten Ausbeutung und
Habgier pressen lassen wollen. Indessen können wir auf dieses
Gebiet nicht näher eingehen.
Wohl aber läßt sich hier oft keine scharfe
Grenzscheide zwischen der eigentlichen Armee und der
Gendarmerie sowie der Polizei ziehen, die Hand in Hand
arbeitet, sich gegenseitig ersetzen und ergänzen und auch
schon darum eng zusammengehören, weil ja gerade die
Eigenschaft, auf die es hier ankommt, die gewalttätige
Draufgängerei, die Bereitwilligkeit und Bereitschaft,
rücksichtslos und schneidig mit blanker Waffe gegen das Volk
zu wüten, auch bei Polizei und Gendarmerie in der Hauptsache
ein echtes Produkt der Kaserne, eine Frucht militaristischer
Pädagogik und Ausbildung ist.
Italien
Ottavio Dinale hat in zwei lehrreichen
Artikeln [23] über
Arbeitermetzeleien in Italien zusammenhängend berichtet. Dabei
berührt er nicht nur die eigentlichen Streikmetzeleien,
sondern auch diejenigen, die aus Anlaß von
Arbeiterdemonstrationen im wirtschaftlichen Kampfe außerhalb
von Streiks veranstaltet werden. Die Aufsätze schildern
anschaulich, wie schnell in Italien die Armee bei solchen
Gelegenheiten zur Hand ist, wie bei geringfügigen Anlässen und
mit welch grenzenloser Schärfe militärische Attacken auf
wehrlose Massen unternommen werden, wie selbst auf die
fliehende, zerstreute Menge weiter gefeuert und eingehauen zu
werden pflegt. Er faßt dahin zusammen, daß in Italien die
„Kugeln des Königs“ Knochen italienischer Arbeiter wohl
alljährlich an die fünf-, sechs oder selbst zehnmal
zerschmettern. Er weist darauf hin, daß die italienische
Bourgeoisie, die Urheberin dieser Massaker, zu den
verbohrtesten, rückständigsten der Welt gehört, daß in ihren
Augen der Sozialismus nicht eine politische Ansicht ist,
sondern nur eine Spielart von verbrecherischer Gesinnung, von
Kriminalität, und zwar die für die öffentliche Ordnung
gefährlichste. Er zitiert die Worte, die die Mailänder Zeitung
L’idea
liberale am Morgen nach der Schlächterei von
Grammichele schrieb: „Tote und Verwundete – diese Leute haben
das Schicksal, das sie verdienen – die Kartätsche, das ist das
kostbarste Element der Zivilisation und der Ordnung!“
Nach solchen Proben darf man nicht erstaunt
sein, daß sich selbst eine sogenannte demokratische Regierung,
wie die Giolittis, nie dazu verstand, das Militär wegen seiner
blutigen Barbareien zur Verantwortung zu ziehen, es vielmehr
offiziell pries, „seine Schuldigkeit getan zu haben“. Noch
natürlicher erscheint, daß ein Antrag der sozialistischen
Kammerfraktion auf einschränkende Regelung der Verwendung von
Militär bei Kollektivkonflikten der Ablehnung verfiel.
Die Füsilladen vom Mai 4898 klärten zuerst
die Klassenkampfsituation auch für die Blinden und die
kurzsichtigen Optimisten. Ein annähernd vollständiges
Blutregister über die letzten Jahre lautet:
|
|
Tote |
Verwundete |
|
Berra |
27. Juni 1901 |
2 |
10 |
|
Patugnano |
4. Mai 1902 |
1 |
7 |
|
Cassano |
5. August 1902 |
1 |
3 |
|
Candela |
8. September 1902 |
5 |
11 |
|
Giarratana |
13. Oktober 1902 |
2 |
12 |
|
Galatina |
20. April 1903 |
2 |
1 |
|
Piere |
21. Mai 1903 |
3 |
1 |
|
Torre Annunziata |
31. August 1903 |
7 |
10 |
|
Cerignola |
17. Mai 1904 |
3 |
40 |
|
Buggera |
4. September 1904 |
3 |
10 |
|
Castelluzo |
11. September 1904 |
1 |
12 |
|
Sestri Ponente |
15. September 1904 |
2 |
2 |
|
Foggia |
18. April 1905 |
7 |
20 |
|
St. Elpidio |
15. Mai 1905 |
4 |
2 |
|
Grammichele |
16. August 1905 |
8 |
20 |
|
Scarano |
21. März 1906 |
1 |
9 |
|
Muro |
23. März 1906 |
2 |
4 |
|
Turin |
4. April 1906 |
1 |
6 |
|
Calimera |
30. April 1906 |
2 |
3 |
|
Cagliari |
12. Mai 1906 |
2 |
7 |
|
Nebida |
21. Mai 1906 |
1 |
1 |
|
Sonneza |
21. Mai 1906 |
6 |
6 |
|
Benventare |
24. Mai 1906 |
2 |
2 |
Das macht total: 23 Schlächtereien mit 78
Toten und 199 Verwundeten! Eine gute Ernte!
Die Zahl der ohne Blutvergießen
abgelaufenen militärischen Mobilisationen gegen streikende
oder überhaupt aus wirtschaftlichen Ursachen demonstrierende
Arbeiter und Bauern“ ist in Italien Legion. Diese Übungen“ der
Armee gehören jenseits der Alpen einfach zum täglichen Brot.
[24]
Gleich an dieser Stelle sei noch das
Selbstverständliche erwähnt, daß nach dem Zeugnis Hervés
[25] die Arbeiter- und
Bauernstreikmetzeleien in Spanien, indessen Bereich einst die
Sonne nicht unterging, aber jetzt die Sonne nicht mehr
aufgehen will, ebensowenig gezählt werden können wie
diejenigen Italiens.
Österreich-Ungarn
In der schwarzgelben Doppelmonarchie liegt
die Sache, wie all. gemein bekannt, nicht viel besser. Der
sozialistische Abgeordnete Daszynski durfte am 25. September
1905 mit Recht im österreichischen Parlament ausrufen: „Bei
den Streiks, bei den Demonstrationen des Volkes geradeso wie
bei dem Aufschäumen des Nationalgefühls ist es immer die
Armee, die das Bajonett gegen daß Volk, gegen die Arbeiter,
gegen die Bauern kehrt“ Er konnte, um das politische Gebiet
hier mit einzubeziehen, betonen: „Wir aber leben in einem
Staate, in dem die Armee schon im Frieden der einzige Kitt so
disparater Elemente bleibt“ und auf die Grazer Vorgänge vom
Jahre 1897 und das in Graslitz vergossene Blut deuten. Beim
Sturze Badenis griff bekanntlich in den Novembertagen dem
Jahres 1897 zu Wien, Graz und Budapest das Militär blutig ein.
Die häufigen Arbeitermetzeleien besonders in Galizien (hier
sei nur das im Jahre 1902 in Burowicki und in Ubinie bei
Kamionka vergossene Feldarbeiterblut erwähnt) sind in aller
Erinnerung, ebenso die blutigen Vorgänge von Falkenau,
Nürschan und Ostrau, die freilich auf das Konto der
Gendarmerie fallen, dieser besonders der Aufrechterhaltung der
inneren Ordnung gewidmeten und halb dem Kommando der
Militärbehörden, halb dem der bürgerlichen
Verwaltungsbehörden. aber einer rein militärischen Disziplin
unterworfenen Spezialtruppe. Beim Triester Generalstreik vom
Februar 1902 kam es gleichfalls zu Zusammenstößen mit der
Armee, zehn Personen wurden teils getötet, teils verwundet.
Auch die Vorgänge in Lemberg im Jahre 1902 bei dem
Maurerstreilc und bei den sich an diesen Streik anschließenden
politischen Demonstrationen, bei denen Husaren in die Menge
ritten und schossen und fünf Personen töteten, verdienen
Erwähnung. Der rein nationalistische Krawall von Innsbruck aus
dem Jahre 1905 liegt indes außerhalb unsres Themas.
In Ungarn sind größere Ausschreitungen der
Militärgewalt gegen das Volk bis in die letzten Jahre hinein
häufig gewesen, wie denn auch naturgemäß die Gendarmerie –
vergleiche zum Beispiel die Tumulte auf der Pußta bei Tamasi,
wo sie ohne jede Ursache auf friedliche Landarbeiter feuerte –
hier ihre „Schuldigkeit“ stets „voll und ganz“ getan hat. Nur
ein Ereignis der allerneuesten Zeit sei festgehalten, nämlich
die Schlacht, die am 2. September 1906 im Komitat Hunyad
geschlagen wurde und in der das Militär unter den streikenden
Bergarbeitern der Petrosenyer Kohlenwerke geradezu wütete.
Zahlreiche Personen wurden schwer, davon zwei lebensgefährlich
und 150 Personen leicht verletzt.
Die Scharmützel und Treffen, die die Armee
sonst noch in den politischen Kämpfen des Proletariats da
Habsburger Doppelmonarchie geliefert hat, werden au andrer
Stelle gestreift werden.
Daszynski erhob in seiner genannten Rede
die Forderung, „die Bajonette sollen nicht ... politisieren“.
Sie haben sich aber seit dieser Zeit, wie männiglich bekannt,
nur immer lebhafter und tatkräftiger der Politik zugewandt.
Belgien
In Belgien können die Arbeitermetzeleien
auf eine lange Geschichte zurückblicken. Wichtig sind die
Vorgänge der Jahre 1667 und 1868, schon wegen des Eingreifens
der Internationale. Den Reigen eröffnet die sogenannte
Hungerrevolte von Marchienne aus dem Jahre 1867, wo wehrlos
demonstrierende Arbeiterzüge von einer Kompanie Soldaten
überfallen und niedergemacht wurden. Im März 1868 folgte das
Massaker von Charleroi und im Jahre 1869 die infamen
Schlächtereien von Seraing und Borinage.
Das Massaker von Charleroi, das gegen die
durch Förderungseinschränkungen und Lohnkürzungen zur
äußersten Verzweiflung getriebenen Grubenarbeiter durch
Militär und Gendarmerie veranstaltet wurde, gab damals der
Internationale Anlaß zu einer lebhaften Agitation in Belgien
und zu einer Proklamation des Generalrats, was wiederum einen
bedeutsamen organisatorischen Erfolg für die Internationale
zeitigte. [26]
Bei den sogenannten Hungeraufständen des
Jahres 1886, bei denen neben wirtschaftlichen Fragen auch die
Forderung des allgemeinen Wahlrechts, freilich in unklarer
Weise, hineinspielte, wiederholten sich die Szenen der
sechziger Jahre. Der General Baron Van der Smissen erließ am
5. April 1886 sein berüchtigtes. später selbst von der Kammer
mißbilligtes Zirkular, das zynisch dekretierte: „L’usage des
armes est fait sans aucune sommation“, das heißt, von der
Waffe wird ohne vorherige förmliche Warnung Gebrauch gemacht.
Es fielen Menschenopfer unerhört. In Roux allein wurden durch
eine Salve 16 Arbeiter getötet. Und auf all dies setzte die
Klassenjustiz durch zahlreiche schwere Verurteilungen von
Arbeitern ihren Stempel und ihren Trumpf. Von 1886 bis zum
Jahre 1902 verging in Belgien fast kein Streik ohne
militärisches Eingreifen. Es werden aus diesen Jahren allein
etwa 80 Tote gezählt. Bei dem Generalstreik des Jahres 1895,
der, obwohl in erster Linie politisch, hier mit erwähnt sei,
blieben zahlreiche Tote auf der Wahlstatt. Die Namen Verviers,
Roux, La Louvière, Jemappes, Ostende, Borgerhout, Mons sind
der klassenbewußten belgischen Arbeiterschaft mit glühenden
Lettern in das Gedächtnis gebrannt. Sie sind blutige Blätter
in dem dicken Schuldbuch des belgischen Kapitalismus. Im Jahre
1902 wurde das stehende Heer unter Einberufung der Reservisten
zum letzten Male, und zwar gegen den Generalstreik,
mobilisiert. Die ungünstigen Auskünfte, die das Ministerium
über die Stimmung und Gesinnung der Soldaten erhielt und die
ihre Bestätigung auch alsbald darin fanden, daß die Soldaten
ihre revolutionäre Gesinnung ziemlich ungeschminkt zur Schau
trugen, die Marseillaise sangen, die Offiziere
auspfiffen usw., veranlaßten niie auch früher schon mehrfach
unternommene Verschickung der flämischen Soldaten nach den
wallonischen Gebieten und umgekehrt und führten schließlich
dazu, daß das stehende Heer überhaupt nicht zur Verwendung
gebracht wurde. Seit 1902 haben die proletarischen Soldaten in
Belgien die ehrenvolle Rolle eines Hofhunds des Kapitals,
„einem fliegenden Wachtpostens vor dem Geldschrank des
Unternehmertums“, wenigstens soweit der innere Militarismus in
Frage kommt, wie bereits oben dargestellt, an Gendarmerie und
Bürgergarde abgetreten: Die Bourgeoisie muß sich zum Schutz
ihres heiligen Ausbeuterprivilegs nun wenigstens selbst
bemühen und ihre eigene Haut zu Markte tragen, wenn man
unbewaffneten Volksmassen gegenüber von dergleichen überhaupt
reden will. Daß die Bürgergarde im Kampf gegen den inneren
Feind ausgezeichnet funktioniert, ist an andrer Stelle
geschildert.
Frankreich
In Frankreich ist die Geschichte des
Klassenkampfes mit strömendem Blut geschrieben. Nicht die
Hekatomben der dreitägigen Julischlacht von 1830, nicht die 10
000 Leichen des Straßenkampfes vom 25. bis 26. Juni 1848, das
Henkerswerk Cavaignacs, nicht der 1. Dezember 1851 „Napoleons
des Kleinen“, auch nicht das Meer von Blut jener 28.000
Helden, in dem die französische Bourgeoisie massenrnörderisch
als Mandatarin und Rächerin des wutheulenden Kapitalismus in
der roten Maiwoche des Jahres 1871 die Kommune, diesen
Sklavenaufstand im Kapitalismus, zu ersäufen suchte, nicht der
Père-Lachaise und die Mauer der Föderierten, die tragischen
Wahrzeichen eines Heroismus ohnegleichen. sollen hier
heraufbeschworen werden. Diese im höchsten Sinne
revolutionären Ereignisse, bei denen der Militarismus sein
grausiges Werk verrichtet hat, fallen außerhalb des Rahmens
unsrer geschichtlichen Betrachtung.
Seine Heldentaten gegen wehrlose streikende
Arbeiter beginnen bereits früh. Der sogenannte Aufstand der
Seidenweber von Lyon, dessen Fahne die berühmten und
ergreifenden Worte trug: vivre en travaillant ou mourir en
combattant (arbeitend leben oder kämpfend sterben), begann im
November 1851 mit militärischer Schießerei auf eine friedliche
Demonstration; die empörten Arbeiter eroberten in zweitägigem
Kampf die Stadt; die Nationalgarde fraternisierte mit ihnen;
ohne Schwertstreich aber rückte bald das Militär ein. Unter
dem Kaiserreich sind La Ricamarie, Saint-Aubin und.
Decazeville die Namen berühmter Debuts. Damals bekämpften die
Bourgeois-Republikaner die Entsendung von Soldaten nach den
Streikgebieten aufs heftigste. Kaum aber waren diese selben
Republikaner zur politischen Herrschaft gelangt, als sie die
eben noch befehdete Methode des Bonapartismus selbst zu üben
begannen und ihr Vorbild gar bald übertrafen. Und nur wenn der
Schuldige ein Klerikaler oder Monarchist war, fand man aus
politischer Ranküne Worte der Mißbilligung. In Fourmies
vollführte ein Lebelgeschoß im Körper eines jungen Mädchens,
Maria Blondeau, am 1. Mai 1891 die Bluttaufe des neuen
Regimes. Die Strecke du Tages, die dem 145. Linienregiment
zufiel, waren 10 Tote und 35 Verwundete. Aber der Schlächter
von Fourmies, Constant, und sein Geselle, der Kapitän Chapuis,
blieben nicht allein. Auf Fourmies folgten 1899
Chalons-sur-Saône, 1900 La Martinique, sodann Longwy, wo die
Offiziere die franko-russische Allianz durch Anwendung von
Nagaikas besiegelten und feierten, schließlich im Mai und Juni
1905 Villefranche-sur-Saône
[27] und vor allen Dingen Limoges mit den Reiterattacken
und den Füsilladen vom 17. April 1905.
[28] Im Dezember 1905
spielte das Drama von Combrée
[29], und am 20. Januar
1907 wurden Demonstranten für die Sonntagsruhe durch ein
gewaltiges Militäraufgebot von den Pariser Straßen verjagt.
Auch Dünkirchen, Le Creusot und
Montceau-les-Mines dürfen hier nicht vergessen werden, wo sich
nach dem Bericht der Confédération Générale du Travail an die
internationale Konferenz zu Dublin die Soldaten mit den
Streikenden solidarisch erklärten.
[30]
Es ist wahr, was Meslier bei dem jüngsten
großen Antimilitaristenprozeß ausrief: Seit der Ermordung der
kleinen Maria Blondeau zu Fourmies hat die Arbeiterklasse in
Frankreich ein langes, opferreiches Martyrium durchlebt.
Nichts vermag die Illusion der friedlichen Entwicklung jener
weiland „neuen Methode“ besser ad absurdum zu führen, als die
Tatsache, daß gerade die kräftige Steigerung der
antiklerikalen und republikanischen Gesinnung und Betätigung,
die im Frankreich des letzten Lustrums, im Frankreich des
Millerandismus
[2*] zutage getreten ist, keine Verminderung, sondern
geradezu ein Anwachsen der militärischen
Streik-„Strafexpeditionen“ gezeitigt hat. Auch das neueste
radikaldemokratische, mit zwei Sozialisten durchsetzte
Ministerium Clemenceau wird keinen Wandel schaffen. Lafargues
scharf zugespitzter Satz: „Die modernen Armeen dienen, soweit
sie sich nicht mit Kolonialräubereien befassen, ausschließlich
dem Schutze des kapitalistischen Eigentums“
[31], trifft auch für
Frankreich den Nagel auf den Kopf.
Vereinigte
Staaten von Amerika
Was es mit dem „Ton der Gleichberechtigung“
auf sich bat, auf den das gesellschaftliche und öffentliche
Leben in den Vereinigten Staaten vielfach abgestimmt ist
[32], daß der
Kapitalismus seinen „Ton“, wenn’s darauf ankommt, sehr wirksam
durch den „son du canon“, das Gewehrknattern und das Sausen
der Säbel, in dem er dem Proletariat selbst in Amerika
vorläufig nun einmal noch über ist, zu unterstützen weiß, läßt
sich leicht zeigen. Die folgenden Daten sind zugleich höchst
lehrreich in bezug auf die einschneidende Bedeutung der
militärischen Rekrutierungs-, Dislozierungs- und
Ausbildungsart für die Verwendbarkeit der Truppen gegen den
„inneren Feind“. Sie erhalten oft ein eigenartiges Gepräge
durch die häufige, den besonderen amerikanischen Zuständen
entspringende verhältnismäßig gute Bewaffnung der
Arbeiterschaft.
Auch drüben“ setzte, wie in Belgien, die
Periode der Arbeitermetzeleien mit der Arbeitslosenbewegung
ein. Am 15. Januar 1874 fiel in New York eine starke
Polizeitruppe ohne jede Provokation über einen
Demonstrationszug der Arbeitslosen her. Hunderte von
schwerverletzten Arbeitern blieben auf dem Schlachtfelde des
Tompkins-Platzes.
Es folgten die dramatischen Ereignisse bei
den Eisenbahnerstreiks vom Juli 1877. Gegen die Streikenden
der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn sandte der Gouverneur
mehrere Kompanien der Staatsmiliz, die indessen zu schwach
waren. Die vom Präsidenten Hayes zu Hilfe gesandten 250 Mann
regulärer Truppen hatten keinen besseren Erfolg. In Maryland
wurden von den aufgebotenen Miliztruppen durch Gewehrfeuer
zehn Mann getötet und eine größere Zahl verwundet. In
Pittsburgh weigerte sich die vom Sheriff aufgebotene Ortsmiliz
einzuschreiten. Der alte Trick der Dislozierung wurde
angewandt. 600 aus Philadelphia gesandte Milizsoldaten
lieferten den Streikenden eine kurze, aber heftige Schlacht,
wurden jedoch geschlagen und flüchteten am folgenden Morgen.
Die in Reading (Pennsylvanien) gegen die Streikenden
aufgebotenen Milizen waren zumeist Arbeiter, die mit den
Streikenden fraternisierten, ihre Munition unter sie
verteilten und ihre Waffen gegen alle feindlichen
Milizsoldaten zu kehren drohten. Eine Kompanie jedoch, die
sich fast ausschließlich aus den besitzenden Klassen
rekrutierte und von einem verwegenen Offizier geführt wurde,
eröffnete das Feuer gegen die Menge, tötete 13 Personen und
verwundete 22. Die Kompanie wurde ihrer Heldentat freilich
nicht froh, sondern mußte bald jämmerlich zerschunden das Feld
räumen. St. Louis, das eine Zeitlang völlig in den Händen der
Streikenden war, wurde schließlich von der gesamten
Polizeimacht in Gemeinschaft mit mehreren Milizkompanien nach
förmlicher Belagerung des Hauptquartiere des
Exekutivausschusses für die Ordnung“ zurückerobert.
[33]
Die Schrecken, die im Mai 1886 über Chicago
hereinbrachen, fallen auf das Konto der Pinkertons und der
Polizeitruppe. Der Mähmaschinenfabrikant MacCormick ließ seine
500 bewaffneten Pinkertons gegen die Streikenden los –
angeblich zum Schutze der „Arbeitswilligen“ – und gab damit
den Anstoß zu den blutigen Attacken der Polizisten, die
unterschiedslos auf Männer, Frauen und Kinder einschlugen,
sechs Personen töteten und zahlreiche verwundeten. Das war am
3. Mai. Am 4. folgte die berühmte Dynamitbonibe, die eine
heftige Straßenschlacht auslöste, bei der 4 Arbeiter getötet
und ungefähr 50 verwundet wurden, während von den Polizisten 7
den Tod fanden und 60 verletzt wurden. Das grausame
gerichtliche Nachspiel des 4. Mai 1886, in dem die
demokratische Klassenjustiz Amerikas ihren glänzenden
Befähigungsnachweis erbrachte, ist weltbekannt.
[3*]
Eingehendere Betrachtung verdienen sodann
die Ereignisse aus den Jahren von 1892 bis 1894. Zunächst
spielten sich im Juli 1892 bei dem Streik in den Eisen- und
Stablwerken von Carnegie in Homestead heftige Kämpfe zwischen
den vom Unternehmer requirierten bewaffneten Pinkertons und
den Streikenden ab, wobei 12 Tote und 20 Schwerverwundete
fielen, die Pinkertons unterlagen und schließlich
Regierungstruppen durch Besetzung der Stadt und mit Hilfe des
Standrechts die Niederlage der Streiken- den besiegelten. Fast
gleichzeitig brach in Coeur d’Alène (Idaho) ein
Bergarbeiterstreik aus die nur aus einigen 100 Mann bestehende
Miliz war außerstande, in den Kampf zwischen den
Streikbrechern und Streikenden gegen die letzteren, die
wohlbewaffnet waren, einzugreifen. Erst die vom Gouverneur
erbetenen Bundestruppen trieben die Streikenden zu Paaren.
In Buffalo traten im August 1892 die
Weichensteller in den Ausstand. Die Ortsmiliz, die gleich bei
Beginn des Streikes einberufen war, schien nicht geneigt, das
Streikpostenstehen zu verhindern. Schließlich wurde der
Sheriff veranlaßt, den Gouverneur uni Truppen zu bitten,
worauf binnen 48 Stunden fast die ganze Staatsmiliz in
zwanzigfacher Übermacht gegenüber den Streikenden erschien und
„Ruhe“ schaffte.
Im gleichen Monat gaben die Streiks in den
Eisengruben von Inman, in den Kohlengruben von Oliver Springs
und Coal Creek Gelegenheit zur Konzentration der ganzen
Staatsmiliz durch den Staatsgouverneur, nachdem mehrere
einzelne Milizabteilungen von den Streikenden entwaffnet und
wieder heimgeschickt worden waren. Auch hier folgte nach
Niederwerfung des Streiks eine unbarmherzige Aktion der
Klassenjustiz.
Schließlich sei des Chicagoer
Pullmanstreiks vom Jahre 1894 gedacht, bei dem der Präsident
der Vereinigten Staaten, entgegen dem Protest Altgelds, des
Gouverneurs von Illinois
[34], Bundestruppen entsandte, die in Gemeinschaft mit der
Staatsmiliz den Streik brachen; 12 Tote wurden verzeichnet.
Freilich hat hier, mehr wie in allen andern früheren Fällen,
die Justiz Hand in Hand mit dem Militarismus gearbeitet und
durch die berühmten Einlhaltsbefehle
[4*] und
Massenverhaftungen so viel zur Niederwerfung der Arbeiter
beigetragen, daß der Streikführer Debs bezeugte: „Nicht die
Eisenbahnen, nicht die Armee schlugen uns, sondern die Macht
der Gerichte der Vereinigten Staaten.“
[35]
Dennoch bleibt es wahr, daß, trotz des
häufigen Versagens der Miliz und trotz der häufigen Bewaffnung
der Streikenden, die militärische Macht für die Niederlagen
der Arbeiter in all den erwähnten Fällen entscheidend gewesen
ist; und auch in der Folgezeit wurden die Streiks in Amerika
„in der Mehrzahl der Fälle mit Hilfe der Ortspolizei, der
Staatsmiliz oder der Bundestruppen unterdrückt“, allerdings
auch unter Beihilfe der „Regierung durch Einhaltsbefehle“.
Fast ausnahmslos endeten nach dem hier wohl etwas
pessimistischen Hillquit
[36] die Streiks so mit einer Niederlage der Arbeiter.
Kanadas
„freier“ Boden ist am 24. November 1906 in
Hamilton von Arbeiterblut gerötet worden. Bei einem
Zusammenstoß mit streiken- den Eisenbahnern verwundete die
Miliz 50 Personen zum Teil schwer.
Schweiz
Das Sündenregister der Schweiz auf diesem
Gebiete ist wahrlich groß genug. Schon im Jahre 1869 wurden
von der Genfer Regierung außer der Polizei auch die Milizen
gegen streikende Arbeiter in Bewegung gesetzt. Im gleichen
Jahre berief die Waadtländische Regierung ein zur Übung
abmarschiertes Bataillon telegraphisch zurück, versorgte es
mit scharfen Patronen und ließ es mit aufgepflanztem Bajonett
in die Stadt einmarschieren, in der die Arbeiter streikten.
Gleichfalls 1869 ließ die Baseler Regierung Truppen auf Pikett
stellen, als die Seidenweberinnen zur Verbesserung ihrer
erbärmlichen Lage streikten, und als im gleichen Jahre in La
Chaux-de-Fonds ein Streik der Schalenmacher und Graveure
ausbrach, versah sich die neue Bürgerregierung mit Waffen und
Munition zur eventuellen Mobilisierung der Miliz.
Im Jahre 1875 kam es zum Blutvergießen.
Gegen 2000 streikende Sankt-Gotthard-Tunnel-Arbeiter, die sich
hauptsächlich gegen das schamlose Trucksystem zu wehren
suchten, wurden von der Regierung des Kantons Uri, der, wie es
heißt, von den beteiligten Unternehmern hierzu 20 000 Franken
zur Verfügung gestellt waren, die Milizen mobilisiert. Als
Opfer der mutigen Attacke blieben mehrere Leichen und etwa 15
Verwundete auf dem Schlacht – feld des Klassenkampfes. Blut
floß auch im Jahre 1901 durch zwei von der Regierung des
Kantons Wallis gegen den Streik der Simplon-Tunnel-Arbeiter
aufgebotene Kompanien. Einige Arbeiter trugen schwere
Verwundungen davon. Gegen streikende italienische Maurer
wurden im gleichen Jahre in Tessin zwei Kompanien auf Pikett
gestellt. Im Oktober 1902 ereigneten sich die bekannten
Vorgänge in Genf, wo aus Anlaß des Streiks gegen eine
amerikanische Ausbeutergesellschaft die Arbeiter auf Befehl
der Genfer Regierung zusammengejagt und -gehauen wurden. Als
sich damals Wehrmärmer weigerten, das Schergenamt zu
übernehmen, wurden sie ins Gefängnis geworfen und ihrer
bürgerlichen Rechte für verlustig erklärt. Daß sich bei diesem
Anlaß auch das nicht einberufene Bürgertum im großen Umfange
gegen die Arbeiter selbst bewaffnete, sei nur nebenher
erwähnt. Um dieselbe Zeit etwa fand in Basel eine
Streikmobilisierung der Miliz statt. Im Jahre 1904 riefen die
Bauunternehmer von La Chaux-de-Fonds. gegen einen zu ihrer
Verzweiflung trotz aller Herausforderungen völlig ruhigen und
daher für das Unternehmertum hoffnungslosen Bauarbeiterstreik
die Regierung um militärische Hilfe an mit dem Erfolge, daß
Kavallerie und ein Bataillon Infanterie prompt erschienen und
durch ihre einschüchternde Wirkung die gesetzlich kämpfenden
Proletarier in die Fabriksklaverei zurücktrieben. Im Jahre
1904 erfolgte auch am flicken im Kanton Sankt Gallen ein
Militäraufgebot gegen einen Streik, angeblich zum Schutz der
ganz und gar nicht gefährdeten Obst- und Gemüseernte. Ebenso
sandte Sankt Gallen seine Miliz nach Rorschach, wo eine
aufgeregte Menge aus Anlaß einer Lohndifferenz in den
dortigen, in Händen französischer Unternehmer befindlichen
Gießereien einige Fensterscheiben eingeworfen hatte.
Sehr ernst ist der Fall, der sich im Sommer
1906 in Zürich abgespielt hat. Dort traten, nachdem infolge
der großen Teuerung verschiedene Streiks mit dem Ziele einer
Lohnerhöhung ausgebrochen waren, auch die Bauarbeiter zu dem
gleichen Zweck in den Ausstand. Ohne jeden Grund griff die
Miliz blutig ein, prügelte und schlug die streikenden Arbeiter
in der brutalsten Weise zusammen. schleppte besonders
ausländische Streikende in die Kasernen, traktierte sie dort
mit Reitpeitschen. und zwar unter Anführung der Offiziere.
Damit nicht genug: Das Streikpostenstehen wurde verboten und
jeder demonstrative Umzug untersagt. Die auf die schmählichen
Vorgänge bezügliche Interpellation im Großen Rat ward zunächst
auf die lange Bank geschoben und dann von der kompakten
bürgerlichen Mehrheit einfach ohne Diskussion abgewürgt. Und
um allem die Krone aufzusetzen: Sechs von den Führern der
Streikenden wurden vor Gericht gezogen. und am 24. August 1906
wurde, unter Freisprechung der übrigen fünf, Sigg wegen
angeblicher Anstiftung zur Meuterei begangen durch ein an die
Milizen gerichtetes antimilitaristisches Flugblatt. zu acht
Monaten Gefängnis und einjähriger Entziehung des
Aktivbürgerrechts verurteilt.
Mehr kann man von einer bürgerlichen
Republik und einer Miliz wahrhaftig nicht verlangen.
Und diese Daten erhalten ihre besondere
Beleuchtung durch die bereits in anderm Zusammenhange erwähnte
Tatsache, daß im Jahre 1899 den militärisch inaktiven
Schweizer Bürgern die Munition entzogen worden ist. Man sieht,
dies geschah gerade zur rechten Zeit, um bei dem verschärften
Klassenkampf die Verwendung der Miliz im Interesse des
Unternehmertums zu erleichtern.
Am 21. Dezember 1906 hat der Nationalrat
mit einer Mehrheit von 65 gegen 55 in das neue
Militärreorganisationsgesetz eine Bestimmung aufgenommen nach
der, wenn Konflikte wirtschaftlicher Natur „die Ruhe im Innern
gefährden oder stören“, das dadurch „notwendig werdende“
Truppenaufgebot einzig zu dem Zweck „der Aufrechterhaltung der
öffentlichen Ordnung“ erfolgen darf. (Das gesamte Gesetz wurde
mit 105 gegen 4 Stimmen votiert.) Zweifellos besagt die
genannte Bestimmung nichts andres, als was schon bisher die
Richtschnur für das Eingreifen des Militärs bildete; sie ist
also wertlos, doppelt wertlos, ja geradezu bedenklich durch
die große Minorität, die sich sogar gegen sie erklärt hat.
Norwegen
Das freie Norwegen, das im Sommer 1905 die
gemütlichste Revolution der Weltgeschichte absolviert
[5*] und
sich dann aus ureigener Vergnügungssucht wieder eine
monarchische Spitze aufgesetzt hat, rudert trotz aller an ihm
haftenden Bauernromantik ganz im Fahrwasser der
kapitalistischen Staaten.
Die Anwendung der Militärgewalt gegen
streikende Arbeiter gehört auch in diesem Lande der
bäuerlichen Demokratie nicht zu den Seltenheiten. Ein Artikel
in Det
Tyvende Aarhundrede vom 1. Mai 1903. S.53 berichtet
darüber. Wir erfahren daraus, daß sich im Jahre 1902 allein
zwei Fälle der Art ereignet haben; in Dunderlands Dal und in
Tromsö.
Deutschland
Es bleibt noch Deutschland übrig. Gerade in
Deutschland ist die Verwendung des Militärs bei
wirtschaftlichen Kämpfen nicht üblich. Wenigstens sind Fälle
aktiven Eingreifens der Armee außer bei den Weberkrawallen von
1844, bei denen die preußische Infanterie von diesen
armseligen, bis aufs Blut gepeinigten Proletariern 11 tötete
und 24 verwundete und die Klassenjustiz durch eine Unsumme von
Zuchthausstrafen das Werk besiegelte, und dein
Bergarbeiterstreik von 1869, bei dem am 10. Mai die durch den
Oberpräsidenten von Hagemeister requirierten Truppen vor Grube
Moltke 3 Tote und 4 Verwundete und in Bochum 2 Tote und 5
Verwundete auf der Walstatt ließen
[37], kaum zu
verzeichnen. Bei den Berliner Arbeitslosentumulten vom Februar
1892 ist das Militär nicht in Aktion getreten, wohl aber war,
glaubhaften Nach – richten zufolge, das Berliner Militär am
18. Januar 1894 schon auf das bloße Gerächt hin, daß von
Arbeitslosen eine Demonstration vor dem Berliner Schloß
geplant sei, konsigniert.
Diese militärische „Mäßigkeit“ hat ihren
Grund aber nicht etwa in einer besonders sanftmütigen und
gerechten Gesinnung unsrer entscheidenden Instanzen. Im
Gegenteil! Deutschland hat eine im Sinne des Unternehmertums
ausgezeichnet organisierte und starke Polizei und Gendarmerie.
Deutschland ist nicht umsonst der Polizeistaat katexochen. Die
scharf bewaffnete Polizei und die scharf bewaffnete
Gendarmerie erfüllen hier ganz die Funktionen, die anderwärts
mehr dem Militär überlassen werden, und zwar bequemer und
anpassungsfähiger gegenüber den mannigfaltigen Nuancen der
Augenblickslage als die schwerfälligere und plumper wirkende
Heeresmaschinerie.
Die Zahl der blutigen Konflikte zwischen
Streikenden und Polizei oder Gendarmerie ist in Deutschland
groß genug. Der Berliner Straßenbahnerausstand vorn Jahre 1900
und die sogenannten Breslauer Krawalle
[6*] vom
Jahre 1906 stehen keineswegs als Ausnahmen da. Die abgehackte
Hand Biewalds ist nur ein besonders aufreizendes Wahrzeichen
jener blindwütigen polizeilichen Draufgängerei, dieses
Produktes der militärischen Zucht. Sie befindet sich in der
guten Gesellschaft von zahlreichen gespaltenen Schädeln,
abgehackten Ohren, Nasen, Fingern und andern Gliedmaßen, und
diese gute Gesellschaft vermehrt sich rapide.
Die Zahl der blutigen Opfer der bewaffneten
Staatsgewalt bei Streiks dürfte in Deutschland alles in allem
schwerlich viel geringer sein als in andern Staaten; eine auch
nur überschlägige Berechnung hierüber ist freilich ganz
unmöglich, da die Verletzungen bei polizeilichem Einschreiten
leider nicht genügend registriert und beachtet zu werden
pflegen. Wenn aber diese Opfer in Deutschland geringer sein
sollten als anderwärts, so ist das nicht dem guten, dem
humanen Willen des Unternehmertums, des kapitalistischen
Staats zu danken. Das wird aufs klarste durch die Tatsache
bewiesen, daß die militärischen Konsignationen und
Inbereitschaftstellungen bei großen Streiks auch bei uns fast
regelmäßig sind. Das ernsteste Beispiel dieser An bot der
große Ruhrbergarbeiterstreik vom 8. Januar bis zum 10. Februar
1905. [38] Jener Erfolg
würde vielmehr ausschließlich der Besonnenheit, Mäßigung und
scharfen Selbstzucht, der Schulung und Aufgeklärtheit der
deutschen Arbeiterschaft zuzuschreiben sein. Und wir dürfen
uns keinen Zweifel hingeben, daß es sich zum Beispiel die
preußische und die sächsische Regierung nicht erst zweimal
überlegen würden, bei geeignetem Anlaß mit Pauken und
Trompeten, mit Flinten, Säbeln und Kanonen dem Unternehmertum
im wirtschaftlichen Kampf beizustehen.
5.
Kriegervereine und Streiks
Bei dem Bestreben des Militarismus,
militaristische Tendenzen durch die Kriegervereine auch über
die aktive Dienstzeit hinaus bei den Mannschaften zu erhalten
und weiterzuverbreiten, erscheint es fast selbstverständlich,
daß die Kriegervereine auch bei Streiks eingreifen. Sie sind
freilich nicht imstande, eine Tätigkeit gewaltsamer
Unterdrückung der wirtschaftlichen Arbeiterkämpfe zu
entfalten, wohl aber darf man sie als prädestinierte
Streikbrecherorganisationen bezeichnen. Wenigstens möchte man
sie an gewissen Stellen gar zu gern in diesem Sinne verwerten.
Und nur der Umstand, daß sich in ihnen trotz aller
Vorsichtsmaßregeln ein gehöriger Prozentsatz oppositioneller,
selbst sozialdemokratischer Elemente findet, in Verbindung mit
der Tatsache, daß gerade bei den Konflikten zwischen
Unternehmertum und Arbeiterschaft am allerehesten selbst
lammfrommen, sozial einsichtslosen Arbeitern die Galle
überläuft und ein Verständnis für den Klassenkampf und ihre
eigene Klassenlage eingepaukt wird, daß ferner gerade ein
Allzuscharf schartig macht und selbst die christlichen und
liberalen Arbeiterorganisationen aufpeitscht, hemmt die volle
Ausnutzung der Kriegervereine. Immerhin ist die Diskussion,
die der im Juni 1906 in Ostheim abgehaltene Abgeordnetentag
des Großherzoglich-sächsischen Krieger- und Militärbundes von
Sachsen-Weimar über diesen Punkt gepflogen hat, von großem
Interesse. Diese Diskussion entspann sich in Anknüpfung an
einen vom Abgeordnetentag angenommenen Grundsatz, wonach jedem
Vereinsmitgliede die Pflicht erwächst, den Ausschluß von
solchen Mitgliedern, die sich als Anhänger der
staatsfeindlichen Parteien, besonders der Sozialdemokratie,
erweisen, zu betreiben. Es ergab sich, daß man, wenn auch
nicht jeden Streik, so doch diejenigen Streiks, die der
Pflicht zur Treue gegen Kaiser, Fürst und Vaterland“ zuwider-
laufen, für eine Betätigung staatsfeindlicher und
revolutionärer Gesinnung betrachtet. Da es von denjenigen
hohen Herrschaften, die in den Kriegervereinen nun einmal die
große Geige spielen, abhängen wird zu deklarieren, wann und wo
sotane Treue durch einen Streik in Frage gestellt sei, und da
diese Herren, gleich unsrer Polizei und unsrer Justiz, nur
allzusehr gewohnt sind, jeden Streik, der ja auch nur gar zu
oft ihre eigenen, innersten Interessen mittelbar oder
unmittelbar trifft, als sozialdemokratische Machenschaft zu
betrachten, so kann man hier auf eine fruchtbare Arbeit der
Kriegervereine rechnen. Fruchtbar aber nicht so sehr für das
Unternehmertum als für die Sozialdemokratie, der nichts lieber
sein kann, als derart plumpe, nur der Aufklärung der Arbeiter
und der Schwächung der Kriegervereine dienende Tolpatschereien.
Immer systematischer führen die Kriegervereine die
Ausschließung nicht nur der Sozialdemokraten, sondern auch der
Mitglieder aller auf dem Boden der modernen Arbeiterbewegung
stehenden Gowerkschaften durch. Kein Zweifel, daß sie damit in
kleineren Orten den Gewerkschaften vorübergehend gewisse
Schwierigkeiten machen, da sie die Mitglieder, abgesehen vom
üblichen Klimbim und Trara
[39], auch durch gewisse, oft mit recht beträchtlichen
Beitragszahlungen erworbene, materielle Vorteile
[40] fesseln.
Die Kriegervereine werden in ihren
Bestrebungen von Klassenjustiz und Verwaltung energisch
unterstützt, die immer noch den grotesken Mut haben, sie, die
den politisch-agitatorischen Charakter aus allen Poren
schwitzen, als unpolitische Organisationen zu behandeln, ein
Helfershelferdienst, den diese Organe des kapitalistischen
Staats schon aus Solidarität und im Interesse des
gemeinschaftlichen höheren Zwecks, des Schutzes der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung, dem Militarismus
leisten müssen.
6. Die Armee
als Werkzeug gegen das Proletariat im politischen Kampf oder
das Recht der Kanonen
Wie die Krone des Klassenkampfes, seine
konzentrierteste Form, der politische Kampf ißt, 60 ist im
Klassenkampf die Krone, die konzentrierteste Form der
Leistungen des Militarismus, dieser schärfsten Konzentration
der politischen Macht, sein mittelbares und unmittelbares
Eingreifen in den politischen Kampf. Hier wirkt der
Militarismus zunächst als wirtschaftliche Macht, als Produzent
und als Konsument. Die rücksichtslose Ausschließung aller
Sozialdemokraten oder der Sozialdemokratie Verdächtigen aus
den Militärwerkstätten, zum Beispiel Spandaus; die
vorbehaltslose Auslieferung der dem Einfluß des Militarismus
unterworfenen Arbeiter an die reaktionären Parteien,
insbesondere an den Reichsverband zur Bekämpfung der
Sozialdemokratie, diese schwarzen Banden Deutschlands, und
ihre gleichzeitige hermetische Absperrung gegen jede, auch die
geringste Berührung mit der Sozialdemokratie zeigen, wie der
Militarismus seine Hauptaufgabe, den Unternehmerschutz,
vorzüglich erfaßt bat und mit militärischem Schneid
durchführt. Kein Krupp und kein Stumm kann sich hier mit dem
Militarismus messen, der damit sogar diejenigen, deren
Interesse er vertritt, in der Energie der Vertretung ihrer
Interessen übertrifft. In den Spandauer Militärwerkstätten zum
Beispiel herrscht der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie
dermaßen, daß er geradezu die Rolle eines Vigilanten zur
Kontrolle der guten Gesinnung jedes königlichen Arbeiten
spielt und sein Wort und sein Wille über die Entlassung der
Arbeiter schlechthin entscheidet. Das haben von neuem die
Vorgänge bei der Entlassung des Vorstandes eines harmlosen
Vereins der ungelernten Arbeiter in den Militärwerkstätten im
Sommer 1906 schlagend bewiesen.
Einen beträchtlichen, jetzt freilich rapid
in der Abnahme begriffenen Einfluß übt der militärische
Lokalboykott, von dem alle diejenigen Gastwirte betroffen zu
werden pflegen, bei denen Arbeitervereine oder irgend etwas,
was auch nur entfernt nach Sozialdemokratie riecht, verkehren.
Dieser Boykott schlägt zwei fliegen mit einer Klappe. Er
schützt die Soldaten nach Möglichkeit vor der Berührung mit
dem umstürzlerischen Gift: Das gehört noch in das Gebiet der
oben erörterten militaristischen Pädagogik. Er erschwert
ferner aber auch, indem er sich oft zu einer wahren
Saalabtreiberei auswächst, der Arbeiterschaft die Besorgung
von Unterkunftsräumen und Sälen. Wenn sich zum Beispiel in
Berlin dieser Boykott bereits als undurchführbar
herausgestellt hat und daher nahezu beseitigt ist, so haben
unsre Genossen in den kleineren Orten unter dieser
Rattenplage, die sich natürlich auch gegen die
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