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Das
Kommunistische Manifest, dieses prophetischste Werk
der Weltliteratur, befaßt sich mit dem Militarismus
entsprechend seiner akzessorischen Bedeutung nicht
ausdrücklich. Allerdings spricht es von den Emeuten, in die
"der proletarische Kampf stellenweise ausbricht", und deutet
damit die Rolle des kapitalistischen Militarismus gegenüber
dem Befreiungskampf des Proletariats im Kern an. Ausführlicher
erörtert es die Frage der internationalen oder besser
interstaatlichen bewaffneten Konflikte und die kapitalistische
Ausdehnungspolitik (Kolonialpolitik eingeschlossen). Die
letztere wird als eine notwendige Folge der kapitalistischen
Entwicklung betrachtet; es wird vorausgesagt, daß die
nationalen Absonderungen und Gegensätze schon unter der
Herrschaft der Bourgeoisie mehr und mehr verschwinden und die
Herrschaft des Proletariats sie noch weiter verringern werde.
In dein Programm der ersten Maßregeln unter der Diktatur des
Proletariats findet sich über den Militarismus, man möchte
fast sagen, konsequenterweise, nichts. Die hier bereits als
vollzogen unterstellte Eroberung der politischen Macht umfaßt
die Eroberung", das heißt die Niederringung dem Militarismus.
Spezielle Erörterungen über den
Militarismus setzen aber sofort auf den Kongressen der
Internationale ein. Diese Erörterungen erstrecken sich jedoch
ausschließlich auf den "Militarismus nach außen", auf die
Stellung zum Kriege. Der Lausanner Kongreß vom Jahre 1867
hatte auf meiner Tagesordnung den Punkt: "Der Genfer
Friedenskongreß vom Jahre 1868". Es wurde ein Zusammenarbeiten
mit dem Friedenskongreß unter der damals weder naiven noch
ironischen Voraussetzung beschlossen, daß dieser das Programm
der Internationale annehmen werde. Der Krieg wurde sie eine
Folge des Klassenkampfes bezeichnet.
Auf dem dritten Kongreß der Internationale,
dem Brüsseler, von 1868, fand eine von Longuet im Namen einer
Kommission vorgeschlagene Resolution einstimmig Annahme, in
der als hauptsächliche und dauernde Kriegsursache der Mangel
an wirtschaftlichem Gleichgewicht bezeichnet und betont wird,
daß nur durch eine gesellschaftliche Reform Wandel geschaffen
werden könne. Indessen wird den Arbeiterorganisationen die
Macht beigemessen, durch Agitation und Aufklärung der Völker
zur Verminderung der Kriege beizutragen, und eine
dahinzielende unermüdliche Arbeit am Pflicht gemacht. Für den
Fall eines Krieges wird die allgemeine Arbeitsniederlegung
empfohlen, wobei der Kongreß seine Überzeugung ausspricht, daß
die internationale Solidarität der Arbeiterschaft aller Länder
stark genug sei, ihre Hilfe in diesem Krieg der Völker gegen
den Krieg zu sichern.
Nun zur "neuen Internationale"!
Die einschlägige Resolution des Pariser
Kongresses von 1889 verdient das höchste Interesse. Sie befaßt
sich mit den stehenden Heeren, die sie als die "Verneinung
jedes demokratischen und republikanischen Regimes", als den
"militärischen Ausdruck des monarchischen oder
oligarchisch-kapitalistischen Regimes", als ein "Werkzeug für
reaktionäre Staatsstreiche und soziale Unterdrückungen"
brandmarkt. Sie charakterisiert sie zusammen mit der
offensiven Politik, deren Organ sie seien, als Folge und
Ursache des Systems der Angriffskriege und der dauernden
Gefahr internationaler Konflikte und verwirft sie auch
militärisch-technisch sowie wegen ihrer unmittelbaren
desorganisatorischen, demoralisierenden, jedem
Kulturfortschritt feindlichen Eigenschaften und schließlich
wegen der unerträglichen materiellen Lasten, die sie den
Völkern auferlegen. Sie verlangt Beseitigung der stehenden
Heere und Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung, während
der Krieg selbst als eine unvermeidliche Folge des
Kapitalismus angesehen wird.
Diese Resolution ist in der Charakteristik
des Militarismus die erschöpfendste von allen bisher gefaßten.
Die Vorgänge vom Brüsseler Kongreß (1891)
waren bedeutsam. Hier kam ausschließlich die Kriegsfrage, der
internationale Militarismus, zur Verhandlung. Die Resolution
Nieuwenhuis’, die den Krieg als das Resultat des
internationalen Willens des Kapitalismus und als ein Mittel
bezeichnete, die Macht der revolutionären Bewegung zu brechen,
und die den Sozialisten aller Länder zur Pflicht machte, jeden
Krieg mit dem Generalstreik zu beantworten, wurde abgelehnt.
Annahme fand eine Resolution Vaillant-Liebknecht, die den
Militarismus als notwendige Konsequenz des Kapitalismus und
den Völkerfrieden als ein ausschließlich durch Herstellung der
internationalen sozialistischen Gesellschaftsordnung
erreichbares Ziel ansieht und die Arbeiterschaft aufruft,
durch unermüdliche Agitation gegen die Barbarei des Krieges
und die sie begünstigenden Allianzen zu protestieren und durch
Ausbildung der internationalen Organisationen des Proletariats
den Triumph des Sozialismus zu beschleunigen: Diese
Kampfmethode wird als die einzig zur Beschwörung der
Weltkriegskatastrophe geeignete proklamiert.
Der Züricher Kongreß von 1895 bestätigte
die Brüsseler Resolution und nannte als Kampfmittel gegen den
Militarismus: Verweigerung der Militärkredite, unablässigen
Protest gegen die stehenden Heere, unermüdliche Agitation für
die Abrüstung, Unterstützung aller Vereinigungen, die den
Weltfrieden erstreben.
Der Londoner Kongreß von 1896 erörterte
wiederum beide Seiten des Militarismus. Als Hauptkriegsursache
kennzeichnete er die wirtschaftlichen Gegensätze, in die die
herrschenden Klassen der verschiedenen Länder durch die
kapitalistische Produktionsweise zueinander gedrängt werden
[1]; die Kriege sind ihm
Aktionen der herrschenden Klassen in ihrem Interesse und auf
Kosten der Arbeiterschaft; der Kampf gegen die militärische
Unterdrückung wird der Arbeiterklasse als ein Teil des Kampfes
gegen die Ausbeutung zur Pflicht gemacht; die Eroberung der
politischen Macht zur Abschaffung der kapitalistischen
Produktionsweise und zu dem Zwecke, den Regierungen die
Machtmittel der kapitalistischen Klasse, die Werkzeuge zur
Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung, aus den Händen zu
entwinden [2], wird als
Ziel gesetzt. Die stehenden Heere steigern nach ihm die
Kriegsgefahr und dienen der brutalen Unterdrückung der
Arbeiterschaft. Die nächsten Forderungen sind wiederum:
Beseitigung der stehenden Heere und Einführung der
Volksbewaffnung, daneben aber internationale Schiedsgerichte
und Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk. Die
Arbeiterschaft vermag indessen, so schließt die Resolution,
auch hier ihr Ziel nur zu erreichen, wenn sie einen
entscheidenden Einfluß auf die Gesetzgebung gewonnen und mich
zum internationalen Sozialismus zusammengeschlossen hat.
Der Pariser Kongreß von 1900 sprach sich in
einer ausführlichen Resolution über die koloniale
Ausdehnungspolitik des Kapitalismus und die in ihr beruhenden
internationalen Konfliktsmöglichkeiten aus, verurteilte sodann
in einigen besonders barbarischen Beispielen die Politik der
nationalen Unterdrückung und beschäftigte sich in spezieller
Weise mit dem Kampf gegen den Militarismus. Die letztere
Resolution bezieht sich auf die Beschlüsse von 1889, 1891,
1896, weist auf die internationalen und nationalen Gefahren
der imperialistischen Weltpolitik hin, fordert das Proletariat
zu verdoppelt energischem internationalem Kampf gegen den
Militarismus und die Weltpolitik auf und schlägt als
praktische Mittel hierfür vor internationale
Protestbewegungen, Verweigerung aller Militär-, Marine- und
kolonialen Ausgaben und "die Erziehung und Organisation der
Jugend zum Zwecke der Bekämpfung des Militarismus".
Eine Übersicht über diese Beschlüsse zeigt
eine ständige Zunahme der praktisch politischen Einsicht in
den auswärtigen Militarismus, eine immer mehr vertiefte und
spezialisierte Erkenntnis der Kriegsursachen und
Kriegsgefahren, aber auch der Bedeutung des "Militarismus nach
innen". Was indessen die Mittel zur Bekämpfung des
Militarismus anbelangt, so ist zwar der 1868 sicher bei weitem
verfrüht gewesene Gedanke des Generalstreiks gegen den Krieg
ebenso wie der des Soldatenstreiks, a eines regelmäßigen
Mittels gegen den Krieg von allen späteren Kongressen
verworfen, und zwar in den gegebenen Situationen mit Recht.
Die anerkannten Kampfmittel indessen weisen nur geringe
Fortschritte auf. Die Verweigerung der militärischen Ausgaben
ist die einige ebenso selbstverständliche wie in ihrer
unmittelbaren Wirkung ohnmächtige direkte politische
Machtentfaltung gegen den Militarismus, die dem Proletariat
empfohlen wird. Alle andern Vorschläge bewegen sich auf dem
Gebiete der Propaganda für Änderungen der Rechtslage und für
künftige Aktionen, das heißt freilich - wie an anderer Stelle
gezeigt - auf dem einzigen, dem Proletariat hier vorläufig
meistens offenstehenden Gebiete; und auch die Verweigerung der
Militärkredite wird man sich für die Regel nur als
Propagandamittel dieser Art zu denken haben.
Die Hauptschwierigkeit der Frage liegt
vorläufig, vor allem in Deutschland, in der Bestimmung von Art
und Form der antimilitaristischen Propaganda. Daß sie dennoch
in den Kongreßbeschlüssen nicht eingehender fixiert sind, hat
seine Ursache in der verschiedenen äußeren und inneren
Situation der einzelnen Länder und mag ans diesem
Gesichtspunkt zweckmäßig, sogar notwendig erscheinen. Doch
läßt sich nicht verkennen, daß die Tendenz der Beschlüsse
dahin geht, ein immer verstärktes Gewicht auf die
antimilitaristische Propaganda zu legen und diese Propaganda
zu spezialisieren. Das zeigt der Pariser Beschluß auf das
allerdeutlichste. Darin spiegelt sich zugleich das vermehrte
Selbstbewußtsein des internationalen Proletariats wie auch die
wachsende Überzeugung. schon innerhalb der kapitalistischen
Gesellschaftsordnung durch Entfaltung der klassenbewußten
proletarischen Macht Teilerfolge gegenüber dem auswärtigen und
dem inneren Militarismus zu erzielen.
Zum Schluß sei jene. Rundschreiben
registriert, das das Internationale Sozialistische Büro im
November 1905 auf Anregung der französischen Sektion der
Internationale aus Anlaß des Marokkokonfliktes erließ. Es
macht für die Antikriegsaktion selbst keine positiven
Vorschläge, sondern fordert nur das Selbstverständliche und
Elementarste, daß sich bei Kriegsgefahr die in dem Büro
zusammengeschlossenen Parteien stets unverzüglich zur Beratung
und Votierung der zur Vermeidung und Verhinderung des Krieges
geeigneten Mittel in Verbindung zu setzen haben.
Fußnoten:
1.
Also nicht die Klassengegensätze! Die spezielle Hervorhebung
dieser Seite der Sache findet sich hier das erstemal.
2.
Das letztere ist nicht eigentlich der Zweck der Eroberung der
politischen Macht, sondern das Wesen dieser Eroberung selbst;
die organisatorische Sicherung des Eroberten in den Händen des
Proletariats freilich gehört den Aufgaben der Diktatur des
Proletariats. |