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Gewiß trägt der Militarismus viele Keime
der Selbstvernichtung. der Zersetzung in sich; gewiß enthält
auch die Gesamtheit der kapitalistischen Kultur viele einander
widersprechende, sich gegenseitig zerfleischende Elemente,
nicht zum wenigsten Tendenzen wissenschaftlicher,
künstlerischer, ethischer Bildung, die dem Militarismus zu
Leibe gehen. Die unterwühlende Wirksamkeit zum Beispiel der
Simplizissimusliteratur soll keineswegs unterschätzt
werden. [1] Gewiß lehren
die Geschichte Cromwells, die Geschichte des Jahres 1789 in
Frankreich und des Jahres 1806 in Deutschland, wie ein
militärisches System aus sich heraus vermorschen, verfaulen
und zusammenbrechen kann. Gewiß wird bei allen blutigen
Konflikten zwischen Volk und Staatsgewalt eine besondere
Psychologie des Blutes lebendig und mächtig, eine Suggestion,
eine Hypnose des Blutes, oder auch – um mit Andrejews zu reden
– eine Logik des Blutes, die das Kräfteverhältnis im
Augenblick entscheidend zu verschieben vermag. Das alles
berührt aber die Frage der Notwendigkeit der Propaganda, die
selbst ein Teil des organischen Zersetzungsprozesses ist,
überhaupt nicht. Ähnliches gilt von allen anderen
Lebensäußerungen des Kapitalismus und vom Kapitalismus selbst.
Es kommt nur für die Chancen erfolgreicher Agitation in
Betracht.
Die besondere Gefährlichkeit des
Militarismus ist dargelegt. Dem Proletariat steht er als ein
bis an die Zähne bewaffneter Räuber gegenüber, dessen
Ultimatum aber nicht lautet: la bourse ou la vie – Geld oder
Leben! sondern, die Räubermoral übertrumpfend: la bourse et la
vie – Geld und Leben! Er ist außer der großen künftigen eine
stets gegenwärtige, stets verwirklichte Gefahr, auch wenn er
nicht gerade zuschlägt. Nicht nur ist er der Moloch des
Wirtschaftslebens, der Vampir des kulturellen Fortschritts,
der Hauptfälscher der Klassengruppierung. Er ist auch der
geheime oder offenbare letzte Regulator der Form, in der sich
die politische und gewerkschaftliche Bewegung des Proletariats
abspielt, der Klassenkampftaktik, die sich in allen wichtigen
Fragen nach ihm als dem Hauptpfeiler der brutalen Macht des
Kapitalismus richtet. Er lähmt unsere Aktivität; er ist das
Gewitter, in dessen drückender Vorschwüle unser Parteileben
zeitweilig erschlafft und der Parlamentarismus immer mehr von
Schlafsucht und Lähmung befallen wird.
Schwächung des Militarismus heißt Förderung
der Möglichkeiten friedlich organischer Fortentwicklung oder
wenigstens Einschränkung der Möglichkeiten gewaltsamer
Zusammenstöße; sie heißt aber weiter und vor allem Gesundung,
Auffrischung des politischen Lebens, des Parteikampfes. Schon
der rücksichtslose und systematisierte Kampf an und für sich
gegen den Militarismus führt zur revolutionären Befruchtung
und Kräftigung der Partei, ist ein Jungborn revolutionären
Geistes.
Aus alledem folgt die Notwendigkeit nicht
nur einer Bekämpfung, sondern auch einer speziellen Bekämpfung
des Militarismus. Ein so verzweigtes und gefährliches Gebilde
kann nur durch eine ebenso verzweigte, energische, große,
kühne Aktion gefaßt werden, die den Militarismus rastlos in
alle seine Schlupfwinkel hinein verfolgt, toujours en vedette
(stets auf dem Posten). Auch die Gefährlichkeit des Kampfes
gegen den Militarismus zwingt eine solche besondere Aktion
auf, die elastischer und anpassungsfähiger sein kann als die
allgemeine Agitation. Wie sehr man sich auch gegen diese
Auffassung in Deutschland gesträubt hat und noch immer
sträubt, schon der Hinweis darauf, daß wir eine besondere
Frauen- und Jugendpropaganda haben, daß wir nicht nur die
Landarbeiteragitation spezialisiert haben, sondern in den
Gewerkschaften die Propaganda innerhalb der einzelnen Berufe,
und schließlich der Hinweis auf die erfolgreiche
antimilitaristische Propaganda in andern Ländern genügt, um
diese Bedenken und Zweifel in den Wind zu blasen, dieses
Sträuben zu überwinden. Die allgemeine Anerkennung des
Grundgedankens des in Mannheim abgelehnten Antrages 114 ist
nur eine Frage der Zeit, und voraussichtlich sehr kurzer Zeit.
Sie ist der deutschen Sozialdemokratie auch
durch den bekannten einstimmig gefaßten Beschluß des
internationalen Kongresses vom Jahre 1900 zur Pflicht gemacht.
Die Forderung einer solchen besonderen
Propaganda hat ganz und gar nichts zu tun mit jener
unhistorischen, anarchistischen Auffassung über den
Militarismus. Wir sind uns aufs klarste der Rolle bewußt, die
der Militarismus innerhalb des Kapitalismus spielt, und denken
natürlich nicht im entferntesten daran, ihn über oder neben
den Kapitalismus zu setzen, weil er eben nur ein Teil des
Kapitalismus ist, ein Teil oder richtiger eine besonders
schädliche und gefährliche Lebensäußerung des Kapitalismus.
Aber unsre ganze Agitation gegen den Kapitalismus richtet sich
gegen die Lebensäußerungen des Kapitalismus, in denen er sich
realisiert. Man kann das Gebiet des antimilitaristischen
Kampfe gewissermaßen als ein besonderes neben dem des
allgemeinen politischen Kampfe, neben dem des
gewerkschaftlichen Kampfs, meinetwegen auch neben dem des
genossenschaftlichen und des Bildungskampfs, bezeichnen. Mit
andern Worten: Wir sind Antimilitaristen als Antikapitalisten.
Wenn sich geschichtlich der
Antimilitarismus allenthalben erst aus den Allgemeinheiten
eines mehr theoretischen Daseins zu einer aktuell-praktischen
Bewegung von Bedeutung herausgestaltet hat parallel mit der
Verwendung von Truppen im Bürgerkrieg, gegen den inneren
Feind, so ist damit natürlich nicht der geringste stichhaltige
Grund gegen eine besondere antimilitaristische Propaganda m
den Ländern gegeben, in denen eine solche Verwendung bisher
noch ganz oder fast ganz vermieden ist oder so weit
zurückliegt, daß sie aus dem Bewußtsein der Massen
verschwunden ist. Seit je ist es der Stolz der
Sozialdemokratie, nicht erst das Feuer zu scheuen, wenn sie
sich gebrannt hat, vielmehr aus der Geschichte, aus der
Gesellschaftserkenntnis und den Erfahrungen der Bruderparteien
weit vorausschauend zu lernen und vorbauend Nutzen zu ziehen.
Die Geschichte, die soziale Erkenntnis und jene Erfahrungen
aber sprechen in puncto Antimilitarismus eine wahrlich
deutliche Sprache. Und die Zeit ist reif.
Fußnote:
1. Generalmajor von
Zepelin beschäftigt sich mit dieser Gefährlichkeit eingehend
in der Kreuz-Zeitung
vom 25. Dezember 1906.
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