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Es wurden zwei Referenten ernannt: er [Liebknecht]
als deutscher und Vaillant als französischer; bei der Gemeinsamkeit
der Gefühle und Gedanken dürfte aber eine Übersetzung der Ausführungen
der beiden Referenten sich als überflüssig erweisen. Zunächst wolle er
betonen, daß in der Kommission [1]
im großen und ganzen vollständige Einigkeit herrschte. Wenn in der
gegnerischen Presse behauptet worden sei, daß zwischen Deutschen und
Franzosen Meinungsverschiedenheiten geherrscht haben, so sei das ein
Irrtum; wenn gar behauptet worden, die Franzosen seien zwar gute
Sozialisten, aber mit chauvinistischen Gefühlen, und sie würden nie
auf den Gedanken der Revanche Verzicht leisten, so sei davon auch
nicht eine Silbe wahr. Das Wort Revanche ist in der Kommission gar
nicht gefallen. Ganz im Gegenteil: Die Presse, die da glaubte mit der
Aufwerfung der elsaß-lothringischen Frage Zwietracht säen zu können,
habe sich getäuscht. Für die Bourgeoisie sei die elsaß-lothringische
Frage eine brennende Frage; aber in unserer Kommission wurde sie mit
keiner Silbe erwähnt. Aus einem einfachen Grunde: Für uns Sozialisten
gibt es keine elsaß-lothringische Frage; für die deutschen Sozialisten
sowenig wie für die französischen Sozialisten. Wie sollte auch eine
solche Frage sich erheben, wenn unsere Bestrebungen sich
verwirklichen, wenn Deutschland sozialistisch organisiert ist! Die
elsaß-lothringische Frage ist eine künstliche Frage, die nur aus der
heutigen korrupten Gesellschaft hervorgehen kann.
Innerhalb der Kommission wurde auch die Frage angeregt, ob man nicht
die Vorschläge und Maßregeln besprechen soll, die seitens des
Proletariats im Falle eines Krieges ergriffen werden sollen, wie z.B.
Streik der unter die Fahnen Berufenen, Erhebung des Proletariats bei
Ausbruch eines Krieges etc. Von den Vertretern aber gerade der
Nationen, die unter dem Drucke des Militarismus in erster Linie zu
leiden haben, wurden sofort und einstimmig alle diese und ähnliche
Vorschläge für unmöglich erklärt. [2]
Des weiteren wurde in der Kommission die Frage erörtert, ob es nicht
angebracht sei, neben der Maidemonstration eine gemeinsame
internationale Friedensdemonstration zu veranstalten. Auch hier
erklärten die deutschen und die französischen Delegierten, daß dies
unnötig sei [3]; in Deutschland
wie [in] Frankreich ist die Maifeier zugleich ein Fest der
Volksverbrüderung geworden; in Deutschland wie [in] Frankreich hat
keine einzige Versammlung stattgefunden, in der nicht diesem Gedanken
Ausdruck gegeben worden; ebenso in anderen Ländern. Was die Frage der
Friedensdemonstration betrifft, so versteht es sich von selbst, daß
ein sozialistischer Arbeiterkongreß hierzu eine ganz andere Stellung
einnehmen muß als eine Versammlung von philanthropischen Bourgeois. Es
existiert eine Friedens- und Freiheitsliga; wir bringen ihr alle
Sympathie entgegen; aber die soziale Stellung all dieser
Friedensfreunde verhindert sie, die Ursache des Militarismus zu
erkennen, verurteilt alle ihre wohlmeinenden Bestrebungen zur
Ohnmacht. Die Frage des Militarismus ist eine soziale Frage; ohne
Klassenkampf, ohne Klassengegensatz ist der heutige Kriegszustand
einfach unmöglich. Wie sollte auch eine emanzipierte Arbeiterschaft
Grund zu nationalen Hetzereien, zu gegenseitigen Kriegen haben! Der
Feind des deutschen Arbeiters ist nicht der französische Arbeiter,
sondern der deutsche Bourgeois, der Feind des französischen Arbeiters
ist nicht der deutsche, englische Arbeiter, sondern der Bourgeois des
eigenen Landes, und diesem Gedanken haben nicht nur wir, sondern auch
die französischen Delegierten unzweideutigen Ausdruck gegeben. - In
wie hohem Maße die Frage des Militarismus eine soziale Frage geworden
ist, zeigt u. a. auch die Tatsache, daß die Bourgeoisparteien, die
früher prinzipiell gegen den Militarismus Stellung genommen, heute
einstimmig die Millionen bewilligen, die der Militarismus erfordert,
in Frankreich wie in Deutschland.
Und
dies ist auch erklärlich In Wahrheit wollen sie diese riesigen Armeen
nicht gegen den ausländischen Feind, sondern zu ihrem eigenen Schutze
gegen das Vordringen der Sozialdemokratie zu ihrem Schutze im
Klassenkampfe zum Schutze ihrer Ausbeutungsprivilegien.
Es ist
hier nicht der Ort, auf die Konsequenzen des Militarismus,. auf die
Folgen des nächsten Krieges einzugehen. Im nächsten Kriege werden
Millionen unter der Fahne stehen, Europa wird in Waffen starren, ganze
Völker werden gegeneinander geworfen, ein Krieg, wie ihn die
Weltgeschichte niemals gesehen, im Vergleich zu welchem der letzte
französisch-deutsche Krieg ein Kinderspiel war und der unsere
Zivilisation auf ein Jahrhundert zurückwerfen muß. Das Proletariat,
das die Fahne der Kultur voranträgt, bat dafür zu sorgen, daß dies
verhindert, daß dem entgegengewirkt wird, ehe die gemeinsarne Kultur
in einer großen Katastrophe begraben wird. Wir müssen alles aufbieten,
diese Katastrophe zu verhindern. Ist die Bestie im Menschen erweckt,
dann schweigt die Vernunft, und die Humanität verhüllt ihr Haupt. Wenn
erst die Völker lawinengleich aufeinanderbrausen dann wird jeder
zermalmt, der sich entgegenstellen wollte. Wir müssen beweisen, daß
wir diesen bewaffneten Frieden beseitigen wollen, aber alle
Bestrebungen sind zur Hoffnungslosigkeit verurteilt, solange wir den
Klassenkampf nicht beseitigt, den Klassenkampf, der die Grundlage des
Militarismus bildet.
Und
damit dieser Protest gegen den Militarismus, dieser Ruf des Friedens
in der ganzen Welt widerhalle, so bitte er, diese Resolution
einstimmig anzunehmen. In dem Siege des Sozialismus liegt die einzige
Bürgschaft, den Militarismus zu vernichten und so dem Kriegszustande
zwischen den Völkern ein Ende zu machen. (Stürmischer, lang
anhaltender Beifall.)
Die
Resolution hat folgenden Wortlaut:
In Erwägung, daß der Militarismus, welcher auf
Europa lastet, das notwendige Resultat des permanenten - offenen und
latenten - Kriegszustandes ist, welcher durch das System der
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und den dadurch erzeugten
Klassenkampf der Gesellschaft auferlegt wird, erklärt der Kongreß,
daß
alle die ökonomischen Ursachen des Übels nicht treffenden Bestrebungen
auf Beseitigung des Militarismus und auf Herbeiführung des Friedens
unter den Völkern ohnmächtig sind, so edel die Beweggründe sein mögen;
daß
allein die Schaffung der sozialistischen Gesellschaftsordnung, welche
die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt, dem
Militarismus ein Ende machen und den Frieden unter den Völkern
herbeiführen kann;
daß
demzufolge alle, welche dem Kriege ein Ende machen wollen, die Pflicht
haben, sich der internationalen Sozialdemokratie als der einzigen
wirklichen und grundsätzlichen Friedenspartei anzuschließen.
Angesichts der immer drohender werdenden Lage Europas und der
chauvinistischen Hetzereien der herrschenden Klassen fordert der
Kongreß die Arbeiter aller Länder auf, gegen alle Kriegsgelüste und
denselben dienende Bündnisse unablässig und energisch zu protestieren
und zu wirken und durch Vollendung der internationalen Organisation
des Proletariats den Triumph des Sozialismus zu beschleunigen.
Der
Kongreß erklärt, daß dies das einzige Mittel ist, die furchtbare
Katastrophe eines Weltkrieges abzuwenden, dessen unabsehbar
verhängnisvolle Folgen die Arbeiterklasse in erster Linie zu tragen
hätte,
und
daß die Verantwortung für eine solche Katastrophe vor der Menschheit
und vor der Geschichte einzig und allein den herrschenden Klassen
zufällt.
Anmerkungen
1.
Liebknecht war während des Internationalen Arbeiterkongresses in
Brüssel, der vom 16. bis 22. August 1891 tagte und an dem 374
Delegierte aus 16 Ländern teilnahmen, in der Kommission zum
Tagesordnungspunkt Stellung und Pflichten der Arbeiterklasse dem
Militarismus gegenüber tätig. Er begründete auf dem Kongreß die
von ihm und Édouard-Marie Vaillant eingebrachte Resolution. Sie wurde
von allen vertretenen Ländern mit einigen Gegenstimmen von Delegierten
aus Frankreich, England und den Niederlanden angenommen.
2. Auf
dem Kongreß und auch in der Kommission setzten sich die
Sozialdemokraten mit den von Ferdinand Domela Nieuwenhuis vertretenen
Vorstellungen, Kriege mit einem Generalstreik beantworten und
verhindern zu können, auseinander, da dieses Kampfmittel angesichts
der damaligen Organisiertheit der Arbeiterklasse illusionär war.
3. Der
Internationale Sozialistische Arbeiterkongreß, der vom 6. bis 12.
August 1893 in Zürich tagte, beschloß, künftig den 1. Mai als Kampftag
für den Frieden und gegen den Krieg zu begehen.
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