Der Neoliberalismus
herrscht. Dieser Begriff soll Grenzenlosigkeit, Zügellosigkeit und
Schnelligkeit des gegenwärtigen Kapitalismus kennzeichnen. Im
Mittelpunkt stehen Privatisierungsdruck, Abbau des Sozialstaates,
Konsolidierung des Staatshaushaltes und Flexibilisierung der Arbeit.
Insofern ist der Ausdruck mehr denn irreführend: weder ist dies alles
neu noch liberal. Vielmehr geht es um eine verstärkt autoritär
bestimmte Anpassung der Instrumentalisierung der Staatsfunktionen im
Interesse des transnationalen Monopolkapitals. Lenin stellte fest, das
Kapital bilde „zwei Systeme des Regierens heraus, zwei Methoden des
Kampfes für ihre Herrschaft, wobei diese zwei Methoden bald einander
ablösen, bald sich miteinander in verschiedenartigen Kombinationen
verflechten. Die erste Methode ist die Methode der Gewalt, ... der
Verweigerung jeglicher Zugeständnisse an die Arbeiterbewegung. (...)
Die zweite Methode ist die Methode ... in der Richtung auf die
Entfaltung politischer Rechte, ... auf Reformen, Zugeständnisse usw.
Nicht aus böser Absicht einzelner Personen und nicht zufällig geht die
Bourgeoisie von der einen Methode zur anderen über, sondern infolge
der radikalen Widersprüche ihrer eigenen Lage." (LW XVI, S. 356).
D.h., der durchaus flexible Rahmen des Imperialismus ermöglicht dem
Monopolkapital der Form nach verschiedenste Ansätze, um seine
Herrschaft den jeweils gegenwärtigen Bedingungen anzupassen – das
Spektrum reicht vom liberalen und sozialen Wohlfahrtsstaat bis zur
faschistischen Diktatur und impliziert alle Abstufungen, die
dazwischen liegen. Der Neoliberalismus ist also nicht
Erklärungsansatz, sondern umgekehrt erklärt er sich aufgrund
materieller Bedingungen der Weltwirtschaft, der aktuellen Interessen
der transnationalen Monopole und der globalen politischen Situation.
Es ist daher wichtig, diese Form, die sich ein Grundprinzip gibt,
nicht mit eben dem Grundprinzip zu verwechseln. Es geht keineswegs um
den Abbau oder die Auflösung staatsmonopolistischer Zusammenhänge,
sondern um deren Wandlung, darum, den Imperialismus effizienter zu
machen. Was mit dem Etikett „Neoliberalismus" verkauft wird, ist im
wesentlichen ein neuer Ausdruck für die ungehemmte Neuentfaltung des
nach innen repressiven und nach außen aggressiven Wesens des
Imperialismus.
Neoliberalismus vs. Keynesianismus
Der Neoliberalismus ist
das ideologische Gegenstück zum Keynesianismus. Diesem, der „sozialen
Marktwirtschaft" und dem „Sozialstaat" wurde schlicht und ergreifend
die Basis entzogen. War der Keynesianismus das Konzept einer
kapitalistischen Defensive im Rahmen des Systemstreits mit dem
Realsozialismus, so ist mit der Wende 1989/90 nun der Neoliberalismus
die ungehemmte imperialistische Konteroffensive. Der Neoliberalismus
ist somit auch der internationalisierte und verschärfte Klassenkampf
von oben. Es werden jene Zusammenhänge aufgelöst und Institutionen
geschwächt, die bisher der Illusion der „Klassenharmonie" und des
„sozialen Friedens" dienten, so z.B. die Sozialpartnerschaft oder das
Regulierungselement der verstaatlichen Betriebe. Dass letzteres
zeitlebens ein Mechanismus in den Händen der Bourgeoisie zur
Absicherung ihrer Macht und zum Wiederaufbau der Privatwirtschaft war
und auch heute noch ist, beweisen Aufsichtsrat und Vorstand der ÖIAG
in beeindruckender Weise. In der Mehrheit sitzen und saßen dort immer
VertreterInnen des (z.T. ausländischen) Kapitals, heute u.a.
Vorstandsmitglieder von DaimlerChrysler, Magna, REWE und der
Allianz-Versicherung. Nun beschließen eben diese die Verschleuderung
formellen Volkseigentums an sich selbst. Ganz nüchtern und ernüchternd
können wir zur Verstaatlichung nach 1945 mit Bucharin feststellen:
„Die Bourgeoisie verliert nichts, wenn sie die Produktion aus einer
Hand in die andere nimmt." Das ÖIAG-Gesetz 2000 oder auf
internationaler Ebene das „General Agreement on Trade in Services" (GATS)
sind nur logische Mittel der Offensive des Monopolkapitals. Und wie
sich der Klassenkampf von oben für die ArbeiterInnen auswirkt, ist
klar: Arbeitsplatzgefährdung und -vernichtung, Lohndumping auf Basis
der Internationalisierung der kapitalistischen Vergesellschaftung,
Schließung von Standorten (siehe Semperit in Traiskirchen), Schwächung
der Gewerkschaften (bis hin zur Abschaffung des Betriebsrats wie z.B.
bei Magna) sowie auf KonsumentInnenebene Verteuerungen, Abschaffung
der öffentlichen Grundversorgung (Strom, Wasser, Abfallbeseitigung)
und im Sinne der Profitmaximierung bewusst herbeigeführte
Versorgungsknappheit. Nicht zuletzt ist der Output des „neoliberalen
Umbaus" des Imperialismus bemerkbar in der Verwandlung der Masse der
Arbeitslosen von einer konjunkturabhängigen Reservearmee in ein
stehendes Heer.
Staat und Monopolkapital
Im Zuge obiger Maßnahmen
erhält der Staat neue Aufgaben. Er muss Marktöffnung und
Privatisierungen ermöglichen. Die nationalen Regierungen sind es,
deren politischer Dreh- und Angelpunk nun sein muss, die
Entfaltungsbedingungen des transnationalen Monopolkapitals zu
optimieren – und der imperialistische Staat muss vermehrt fähig sein,
die Interessen der Monopole tatsächlich weltweit geltend zu machen.
Vor diesem Hintergrund wäre es Unsinn, zu behaupten, die Rolle des
Staates ändere sich qualitativ durch einen nachhaltigen
Bedeutungsverlust. Das Gegenteil ist der Fall, die Staaten der
imperialistischen Zentren bleiben Handlungsträger des
Monopolkapitalismus in seinen supranationalen Gremien, die als Mittel
der fortlaufenden Internationalisierung mit dem Gesicht einer
faktischen Kontinentalisierung dienen, so z.B. in WTO, IWF, Weltbank,
UNCTAD, NATO, EU etc. Auch im Inneren der imperialistischen Staaten
ist die These der Auflösung staatlich-ökonomischer Zusammenhänge nicht
haltbar. Betrachten wir die Staatsquote in bezug auf das BIP so ergibt
sich seit dem Beginn des „neoliberalen Umbaus" keineswegs ein
signifikanter Rückgang. Die Staatsquote betrug in Österreich 1990
48,5%, stieg bis 1995 auf 52,6% und bleibt seit 1997 konstant um 50%.
Andere Beispiele zeigen sogar einen Anstieg von 1990 bis 1999, so etwa
bei Deutschland von 43,8% auf 45,6% oder bei Japan von 31,3% auf
38,1%. Insofern gibt es in Wahrheit nur einen sehr bedingten Rückzug
des Staates, nämlich nur dort, wo es für das Monopolkapital von
Vorteil ist, eine grundsätzliche Aufgabe des Staates und seines
Haushalts als Regulierungsmechanismus wäre keineswegs im Sinne des
Kapitals. Nach wie vor ist der Staat mit seiner Steuer- und
Investitionspolitik wichtigstes Instrument der Beschleunigung der
Kapitalakkumulation. Letztlich bleibt „neoliberale Deregulierung"
daher nichts anderes als Regulierung im Zusammenspiel staatlichen
Handelns und monopolkapitalistischer Wirtschaftskraft – also das
Grundprinzip staatsmonopolistischer Herrschaft. Die
staatsmonopolistische Phase des Imperialismus steht also hinter den
Wesensmerkmalen und ist das eigentliche Wesen des Neoliberalismus, der
zwar als Prinzip erscheint, aber in Wirklichkeit nur eine mögliche
Ausdrucksform ist. Und für uns ist daher wichtig: Das Gegenstück zum
Neoliberalismus mag zwar der Keynesianismus sein, zum Imperialismus
selbst gibt es aber nur eine Alternative: Sozialismus.