Wie schon W. I. Lenin in seiner
Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ darlegt,
ist die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie als „direkte und
unmittelbare Fortsetzung der Lehren der größten Vertreter der
Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus“
entstanden. In diesem Sinne wollen wir im folgenden zeigen, welch’
große Bedeutung die Theorien von Adam Smith und David Ricardo für die
Evolution der Marx’schen Erkenntnisse besitzen, die dann schließlich
im „Kapital“ in ausgereifter Form ihren Niederschlag gefunden haben.
Um sowohl Marx als auch seinen bürgerlichen Vorläufern gerecht zu
werden, gilt es jedoch zu beachten, sich weder darauf zu reduzieren,
der klassischen bürgerlichen Ökonomie ausschließlich ihre Fehler
vorzurechnen, noch Marx als bloßen Epigonen Ricardos zu bezeichnen.
Wesentlich erscheint viel mehr, das Augenmerk auf die Betonung der
ideengeschichtlichen Kontinuität in der Entwicklung der bürgerlichen
Klassik zu Karl Marx zu legen.
Die ökonomische Theorie von Marx
bedeutet zweifellos einen qualitativen Sprung in der Geschichte der
politischen Ökonomie, und zwar sowohl aufgrund ihrer
wissenschaftlichen Methode, ihrer inneren Geschlossenheit, ihrer sich
in Übereinstimmung mit der Realität befindlichen Aussagkraft und ihres
den bürgerlichen Denkhorizont deutlich überschreitenden Charakters.
Oder wie Friedrich Engels über „Das Kapital“ schreibt: „Solange es
Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen,
welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre wie das
vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die
sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum
ersten Mal wissenschaftlich entwickelt.“
Unter diesen Gesichtspunkten ist Marx sehr wohl von der klassischen
bürgerlichen Ökonomie getrennt, an dieser Stelle zeigt sich eine
gewisse ideengeschichtliche Diskontinuität. Doch die Dialektik der
Entwicklung ist gleichermaßen durch eine kontinuierliche Komponente
bestimmt. Das gilt für den historischen Erkenntnisprozess der
einzelnen politisch-ökonomischen Kategorien wie für die politische
Ökonomie als Ganzes. Daher hat es auch keinen Sinn, die Analyse der
klassischen Einzeltheorien (z.B. Geldtheorie) darauf zu beschränken,
deren Unzulänglichkeiten aufzudecken. Diese Theorien sind dahingehend
zu analysieren, welche Fortschritte sie der menschlichen Erkenntnis
bringen. Wir wollen nun versuchen, anhand von Adam Smith und David
Ricardo sowie ihren prinzipiellen Beiträgen zur
Wissenschaftsgeschichte der politischen Ökonomie die grundsätzlichen
Beziehungen zwischen der marxistischen Theorie und der klassischen
Ökonomie mit ihren Kontinuitäten und Diskontinuitäten zu zeigen.
Karl Marx
hat Smith als Grundleger der
politischen Ökonomie bezeichnet, um hervorzuheben, dass hier eine neue
Stufe der Entwicklung eingeleitet worden ist. Smith gilt zurecht als
Begründer der bürgerlichen Klassiker. „Die große Leistung der
Klassiker besteht in der Entdeckung, dass der Profit, der Mehrwert,
aus der Arbeit schlechthin stammt.“
Erst bei Smith nimmt die politische Ökonomie die Gestalt einer
Wissenschaft an. Marx macht auf die dialektische Beziehung zwischen
Smith und seiner ökonomischen Basis einerseits und seinen Vorgängern
andererseits aufmerksam und zeigt, dass Smith gerade deshalb
Grundleger der politischen Ökonomie werden konnte, weil er die realen
ökonomischen Gegebenheiten analysierte und unter Zuhilfenahme und
Weiterentwicklung der bisherigen Erkenntnisse der politischen Ökonomie
theoretisch im Interesse des Bürgertums verallgemeinerte. Smiths
Stellung erklärt sich auch daraus, dass erst in der Mitte des 18.
Jahrhunderts der Reifegrad sowohl der kapitalistischen ökonomischen
Basis als auch der politischen Ökonomie weit genug fortgeschritten
war, um die Entwicklung einer Theorie zu gestatten, die alles andere
auf diesem Gebiet erreichte in den Schatten zu stellen vermochte.
Obwohl die politische Ökonomie „als
eigene Wissenschaft erst in der Manufakturperiode aufkommt“,
gab es auch vor Adam Smith eine Reihe von Theoretikern, die sich mit
diesem Thema beschäftigten. Zum Teil in engster Verbindung zur
Philosophie haben schon im 17. Jahrhundert insbesondere William Petty,
John Locke und Dudley North Ideen zur Analyse des Kapitalismus und der
ihm innewohnenden ökonomischen Gesetze geäußert. Charakteristisch für
diese Zeit sind jedoch merkantilistische Gedanken bezüglich der
Quantität der Schriften, in deren Mittelpunkt die Grundvorstellung
steht, Profit sei nichts anderes als ein Tauschgewinn, während die
Frage nach der Bedeutung der Warenproduktion und damit der schaffenden
Arbeit ausgeklammert bleibt. Erst im 18. Jahrhundert reifen auch die
theoretischen Bedingungen heran, den Merkantilismus und die damit
verbundene Einstellung zur politischen Ökonomie langsam zu überwinden.
Als Vertreter können u.a. David Hume, Abraham Tucker, Richard
Cantillon, Joseph Massie und James Steuart angeführt werden. Die
politische Ökonomie wurde nicht mehr als Rezeptlieferantin für
irgendwelche praktischen Belange oder als Interessensvertreterin von
Kaufleuten aufgefasst, sondern sie wurde zum Erkenntnisinstrument der
inneren Zusammenhänge der Produktionsweise im Interesse des Bürgertums
ausgebaut. Aus dem Sammeln von Gedanken und dem Versuch, diese
weiterzuführen und allgemeine Definitionen aufzustellen, entwickelte
sich die politische Ökonomie als Wissenschaft der kapitalistischen
Wirtschaft und deren Gesetze. Es bestand der Versuch, das zu tun, was
freilich erst Adam Smith gelingen würde – nämlich die politische
Ökonomie auf das Niveau zu heben, das Friedrich Engels wie folgt als
politische Ökonomie wissenschaftlichen Anspruchs beschreibt: „Sie
untersucht zunächst die besondern Gesetze jeder einzelnen
Entwicklungsstufe der Produktion und des Austausches und wird erst am
Schluss dieser Untersuchung die wenigen, für Produktion und Austausch
überhaupt geltenden, ganz allgemeinen Gesetze aufstellen können.“
Am weitesten vorgedrungen in diese Richtung sind in England David Hume
und in Frankreich die Physiokraten. Sowohl Hume als auch die
Physiokraten haben sich bemüht, den Kapitalismus als Ganzes
wissenschaftlich zu erfassen.
Humes
Hauptwerk besteht aus neun ökonomischen Essays („Political Discourses“),
die nur in loser Verbindung zueinander stehen und noch immer den
Stempel merkantilistischen Denkens tragen. Wenngleich Hume gegen
primitive wirtschaftliche Maßregeln despotischer Fürsten auftritt, die
Lehre von der positiven Handelsbilanz kritisiert und alle relevanten
ökonomischen Fragen unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Freiheit
behandelt, so bleibt sein zentrales Anliegen dennoch der aus dem
Handel abgeleitete Profit. Das innere Wesen der kapitalistischen
Produktionsweise erfasst Hume nicht, er bleibt über weite Strecken an
der Oberfläche, wenn er die ökonomische und damit vor allem
militärische Macht eines Staates für den Kriegsfall als Ziel der
wirtschaftlichen Tätigkeit eines Volkes hinstellt. Da ihm die
kapitalistische Produktion vom Mehrwert als Leitidee fremd ist, wird
auch die Arbeitswerttheorie, der Hume durchaus positiv gegenübersteht,
zu keiner tragenden Säule seiner Ansichten.
Die Physiokraten, als deren
Hauptvertreter Anne Robert Jacques Turgot und Francois Quesnay gelten,
gelangen hingegen zu einer tiefgründigeren Untersuchung und
Darstellung der bürgerlichen Produktions- und Klassenverhältnisse
einschließlich wichtiger ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, wobei die
Produktion gewissermaßen den Kristallisationspunkt ihrer Lehre bildet.
„Die Physiokraten haben das Verdienst, den Profit aus der Produktion
abgeleitet zu haben. Sie haben ihn aber nicht abgeleitet aus der
Produktion schlechthin, sondern nur aus der landwirtschaftlichen
Produktion.“
Der Profit wird als natürliche Eigenschaft des Bodens betrachtet, der
mehr trägt, als zur Ernährung der Arbeiter und des Viehs notwendig
ist. Das Systems der Physiokraten zeichnet sich durch eine strenge
innere Logik aus, es stellen sich jedoch als Konsequenz bestimmte
irreale Elemente ein, so z.B. die Unproduktivität der Manufakturen.
Trotz ihrer unvollkommenen ökonomischen und theoretischen Basis haben
die Physiokraten wissenschaftliche Verdienste von unvergänglichem Wert
geschaffen.
Adam Smith
hat den Physiokraten zweifellos viel zu verdanken, so z.B. in bezug
auf das fundamentale Denken in kapitalistischen Kategorien oder die
Systematik seiner Gedankenführung. Trotz einer gewissen Beeinflussung
Smiths durch die Physiokraten darf nicht übersehen werden, dass er
schon während seiner Edinburgher Vorlesungen und seiner Tätigkeit als
Professor in Glasgow – also vor der intensiven Beschäftigung mit den
Schriften der Physiokraten – wesentliche Gedanken seines Hauptwerks „Wealth
of Nations“ (1776) fast wörtlich entwickelt hat. Seine französischen
Zeitgenossen haben also manches zur Vervollkommnung einzelner Seiten
Smiths Systems beigesteuert, dessen prinzipielle Grundlage hat er aber
unabhängig von ihnen geschaffen. Vor allem ist natürlich die
Überwindung des eigenwilligen Ansatzes der Physiokraten, ihre
Vorstellungen auf die agrarische Produktion zu beschränken, von
entscheidender Bedeutung. Rosa Luxemburg schreibt: „In der zweiten
Hälfte des 18. und im Anfang des 19. Jahrhunderts wurde nun die große
Entdeckung von den Engländern Adam Smith und David Ricardo gemacht,
dass der Wert jeder Ware nichts anderes als die in ihr steckende
menschliche Arbeit ist, dass sich also beim Austausch der Waren
gleiche Mengen verschiedener Arbeit gegeneinander austauschen.“
Adam Smith
war darüber hinaus der erste, der den kapitalistischen
Reproduktionsprozess in seiner gesellschaftlichen Totalität begriff.
Bei ihm werden Kapital, Lohn, Preis, Profit, Zins und Rente, Geld und
Geldumlauf etc. nicht mehr als isolierte, von einander unabhängige
Erscheinungen untersucht, sondern als echte ökonomische Kategorien aus
dem Gesamtkontext Produktion-Distribution-Zirkulation-Konsumtion
abgeleitet. Er gelangt erstmals in der Geschichte der politischen
Ökonomie zu einer umfassenden Einschätzung der Rolle, die die
menschliche Arbeit und die Steigerung ihrer produktiven Kräfte in der
kapitalistischen Wirtschaft spielen. Smith bildet also einerseits den
Endpunkt der Entwicklung der Beschäftigung mit der politischen
Ökonomie im Rahmen eines Totalitätsanspruches zu einem
wissenschaftlichen Gesamtsystem, andererseits bietet er auch
gleichzeitig den Ausgangspunkt für die Entfaltung der politischen
Ökonomie auf einer höheren Stufe. Welche Bedeutung der Arbeit Smiths
zukommt, unterstreicht auch J. D. Bernals Einschätzung von „Wealth of
Nations“: „Dieses Buch, das von seinem ersten Erscheinen an zur Bibel
des neuen Industriekapitals werden sollte, ist eine der großen
zusammenfassenden gesellschaftswissenschaftlichen Schriften, der
‚Summa theologiae’ des Thomas von Aquino vergleichbar und nur vom
Marx’schen ‚Kapital’ übertroffen.“
Viel stärker als die verschiedenen Theorien von Smith begründet diese
Charakteristik seines Gesamtwerkes die wissenschaftlichen Beziehungen
der klassischen bürgerlichen politischen Ökonomie auf ihrem Höhepunkt
zum Marxismus. Da sich dieser den Anspruch gibt, eine Vereinigung der
verschiedenen gesellschaftswissenschaftlichen Einzeldisziplinen zu
einem geschlossenen Ganzen zu bieten, ist die komplexe systematische
Gesamtschau innerhalb jeder Einzelwissenschaft ein historisch
notwendiges Entwicklungsstadium. Adam Smith tat dies als erster für
die politische Ökonomie. Das sind die Vorraussetzungen, die eine
Einschätzung der Bedeutung Smiths für die politische Ökonomie Marx’
leiten müssen.
Smiths
Theorie stellt aus bürgerlicher Sicht zu seiner Zeit, der
Manufakturperiode, ein abgeschlossenes, in gewisser Weise nicht zu
erweiterndes Gedankengebäude dar. Einerseits weil in den
Gesetzmäßigkeiten, die Smith und auch seine französischen Vorläufer
als Basis der kapitalistischen Gesellschaft präsentiert haben, als
naturgemäße Ordnung und unverfälschte Verhältnisse angesehen wurden,
die unabänderlich seien, da sie eben der menschlichen Existenz
gleichsam als Naturgesetz zugrunde lägen. Der springende Punkt ist
hier freilich – was Marx und Engels auch aufgelöst haben – „als
‚historische Kategorien’ des Kapitalismus zu erkennen, was
Physiokraten und Klassiker für ‚natürliche Kategorien’ aller
menschlichen Wirtschaft angesehen hatten.“
Andererseits hatte die vorläufige Stagnation, die nach Smith für kurze
Zeit in der politischen Ökonomie vorzufinden war, ihre Begründung in
der mangelnden gesellschaftlichen Notwendigkeit ihrer
Weiterentwicklung und wurde erst durch die einsetzende industrielle
Revolution und die Französische Revolution durchbrochen. Unter diesen
Vorzeichen begann die Arbeit des letzten großen Ökonomen der
bürgerlichen Klassik, David Ricardo.
Der Übergang vom 18. zum 19.
Jahrhundert war geprägt von sich zuspitzenden Gegensätzen zwischen dem
industriellen Bürgertum und der Landaristokratie. David Ricardo stand
in diesem Konflikt für die Interessen der Industriebourgeoisie und
zeichnete wesentlich für ihre ideologisch-theoretische Überlegenheit
verantwortlich. Auch unter den Theoretikern der politischen Ökonomie
kam es zur Herausbildung unterschiedlicher ideologischer Programme und
einer weitreichenden Differenzierung, wichtigster Widersacher – was
wissenschaftliche Belange betrifft – von Ricardo war damals Thomas
Robert Malthus. Wesentlich für unsere Auseinandersetzung mit der
Bedeutung der historischen politischen Ökonomie für Karl Marx bleibt
freilich die Linie von Smith zu Ricardo. Letzterem gelingt es, die
Widersprüche seines Vorgängers zu überwinden. Ricardo stimmt mit Smith
überein, dass der Profit, der Mehrwert, aus der Arbeit schlechthin
stammt – der industriellen wie der landwirtschaftlichen. Beide
erkennen, dass der Wert einer Ware durch die gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung verwendet wird,
bestimmt wird. In manchen Bereichen kann Ricardo nun – auch aufgrund
der fortschreitenden Entwicklung der kapitalistischen Produktion –
tiefgründigere und umfassendere Analysen und Erkenntnisse anbieten. So
gesteht auch Marx zu: „Im Gegensatz zu Adam Smith arbeitete David
Ricardo die Bestimmung des Wertes der Ware durch die Arbeitszeit rein
heraus und zeigt, dass dies Gesetz auch die ihm scheinbar
widersprechendsten bürgerlichen Produktionsverhältnisse beherrscht.“
Der Schritt, den auch Ricardo nicht zu tun vermag, ist jener, die
Schlussfolgerung zu ziehen, dass, wenn der Wert der Waren durch die
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird, es die Arbeiter
und Arbeiterinnen sind, die den Profit schaffen. Während die
bürgerlichen Ökonomen nur von Waren sprachen, übersahen sie die
Menschen, die den Mehrwert eigentlich produzierten. Natürlich ist das
nicht verwunderlich, den Smith und Ricardo waren Vertreter des
kapitalistischen Systems, ihre Theorien dienten der Bourgeoisie in der
Auseinandersetzung mit der Landaristokratie, mit den adeligen und
kirchlichen Großgrundbesitzern, wohingegen man sich gemeinsam mit dem
Proletariat selbst als „arbeitende“ Klasse diesbezüglich in einer
Interessensgemeinschaft sah. Die Fähigkeit, für die Kapitalisten
Profit zu erzeugen, wird als natürliche, sogar gottgewollte
Eigenschaft der Arbeit dargestellt, während über die Ausbeutung der
Lohnarbeiter und -arbeiterinnen kein Gedanke verschwendet wurde. Zu
sicher und unumstößlich schienen den bürgerlichen Ökonomen die
„Naturgesetze“ des Kapitalismus und der Gedanke an den Status quo als
einzig mögliche Gesellschaftsform. Um mit Rosa Luxemburg zu sprechen:
„Die Schranke, an der beide – Smith wie Ricardo – scheitern mussten,
war ihr bürgerlich begrenzter Horizont. Um die Grundkategorien der
kapitalistischen Produktion: Wert und Mehrwert, in ihrer lebendigen
Bewegung, als gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zu erfassen,
musste man diese Bewegung historisch, die Kategorien selbst als
geschichtlich bedingte Formen allgemeiner Arbeitsverhältnisse
auffassen.“
Die bürgerliche politische Ökonomie war endgültig an ihre Grenze
gestoßen, unweigerlich begann ihr Verfall. Aber in gewisser Weise war
es eben erst das Annähern an und das Aufzeigen von diesen Grenzen, was
es in weiterer Folge Marx und Engels ermöglichte, die Gedanken von
Smith und Ricardo konsequent zu Ende zu führen, die wesentlichen
Seiten der kapitalistischen Produktionsweise und ihr Bewegungsgesetz
herauszuarbeiten und den von den Arbeitern und Arbeiterinnen
erwirtschafteten Mehrwert, den sich die Kapitalisten ja sogar laut
ihrer eigenen Theorien – allerdings „guten Gewissens“ und „zurecht“ –
aneignen, einzufordern. Marx meint in diesem Sinne zu den
weitreichenden Erkenntnissen und Vorarbeiten Ricardos: „Mit diesem
wissenschaftlichen Verdienst hängt eng zusammen, dass Ricardo den
ökonomischen Gegensatz der Klassen – wie ihn der innere Zusammenhang
zeigt – aufdeckt, ausspricht und daher in der Ökonomie der
geschichtliche Kampf und Entwicklungsprozess in seiner Wurzel
aufgefasst wird, entdeckt wird.“
In dieser Defensivsituation löste sich die Schule der klassischen
bürgerlichen Nationalökonomie auf, an ihre Stelle trat die
„Vulgärökonomie“, deren Vertreter, Apologeten des Kapitalismus wie
etwa John Stuart Mill, auf dem Standpunkt insistierten, der Wert einer
Ware würde durch die Produktionskosten bestimmt, und folglich den
Ertrag der Arbeit in Grundrente, Profit und Arbeitslohn aufspalteten,
in eben dieser Reihenfolge den drei Produktionsfaktoren (Boden,
Kapital, Arbeit) zuteilten und damit wieder die „natürliche Ordnung“
herstellten.
Wir haben also gesehen, dass Marx und
Engels an die Klassiker der bürgerlichen politischen Ökonomie
anknüpfen, die Lehren von Smith und Ricardo aber einer kritischen
Überprüfung vom Standpunkt des Proletariats aus unterziehen und
dadurch die politische Ökonomie entscheidend weiterentwickeln können.
Im Wesentlichen trennt Marx und Engels von den Klassikern folgendes:
Marx
und Engels erkennen, dass jene
Gesetze, die zuvor die Physiokraten, Smith und Ricardo als
unabänderliche Naturgesetze auffassten, in Wirklichkeit nur
historische Gesetze des Kapitalismus sind. Es gilt zu unterscheiden
zwischen natürlichen und historischen Kategorien, wobei die ersten
unabhängig von der Wirtschaftsform Bestand haben, wohingegen die
zweiten nur für die Darstellung einer bestimmten historischen Phase
Gültigkeit besitzen. „Diese Unterscheidung zwischen dem
naturgesetzlichen Charakter der menschlichen Wirtschaft und den
Gesetzen einer bestimmten Wirtschaftsform – das ist die erste große
Leistung von Karl Marx.“
Marx
unterscheidet sich von all' seinen Vorgängern weiters dadurch, dass er
den Begriff des Mehrwertes in den Vordergrund rückt. Darunter fasst er
Grundrente, Kapitalzins und Unternehmergewinn zusammen, die alle drei
aus der Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen entstehen.
„Produktion von Mehrwert oder Plusmacherei ist das absolute Gesetz
dieser Produktionsweise.“
Der Mehrwert bildet die allgemeine Quelle der nicht durch Arbeit
erworbenen Einkommen der gesamten Klasse der Bourgeoisie.
Karl Marx
hat den Produktionspreis deutlich vom Wert einer Ware unterschieden.
„Erst er stellte fest, dass in der handwerksmäßigen Produktion der
Wert dem Preis gleichzusetzen ist, um den die Marktpreise schwanken;
in der kapitalistischen Gesellschaft aber werden die Preise bestimmt
durch die Produktionskosten und den gesellschaftlichen
Durchschnittsprofit. Nimmt man die Gesellschaft als Ganzes, so heben
sich Tauschgewinn und Tauschverlust gegenseitig auf: dann ist die
Summe der Preise gleich der Summe der Werte.“
Während sich seine Vorgänger auf die
Analyse der kapitalistischen Gesellschaft beschränkten, warf Marx
schließlich aber auch die Frage nach deren Entwicklungsgesetzen auf.
Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit birgt dynamische Kräfte in
sich, die das Potenzial zur Sprengung des Systems haben. „Je größer
der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang
und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des
Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die
industrielle Reservearmee (...) Die verhältnismäßige Größe der
industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums
(...) Dies ist das absolute allgemeine Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation.“
Diese Entwicklung, der sich ständig vertiefende Klassenantagonismus
weist die Möglichkeit, ja die Notwendigkeit der Überwindung des
Kapitalismus. Die eine ständige Prekarisierung erfahrende Position der
Arbeiterinnen und Arbeiter, die Ausdruck des zwingenden Widerspruchs
zwischen dem gesellschaftlichen Charakter des Produktionsprozesses und
der privatkapitalistischen Form der Aneignung ist, befähigt das
Proletariat jedoch auch, ihre Lage aus eigener Kraft zu verändern.
„Nur das Proletariat ist – kraft seiner ökonomischen Rolle in der
Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten
Massen zu sein.“
Trotz der bereits eingangs erwähnten
ideengeschichtlichen Diskontinuität, die der Marx’schen Kritik der
politischen Ökonomie ob ihres wissenschaftlichen, umfassenden und
bezüglich des bürgerlichen Dogmatismus’ transzendenten Charakters, der
durch die oben angeführten Punkte belegt ist, innewohnt, dürfen
Einfluss und wissenschaftlicher Beitrag Smiths und Ricardos nicht
unterschätzt werden, ihre Erkenntnisse leben in der marxistischen
Theorie fort, auf deren Basis es Marx und Engels möglich war, die
wahren Bewegungs- und Entwicklungsgesetze des Kapitalismus
aufzudecken. Abschließend wollen wir nochmals Lenin zu Wort kommen
lassen: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist
in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine
einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben,
keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung
vereinbaren lässt. Sie ist die rechtmäßige Erbin des Besten, was die
Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie,
der englischen Ökonomie und des französischen Sozialismus
hervorgebracht hat.“
Fußnoten:
Lenin, Wladimir Iljitsch: Drei Quellen und drei Bestandteile des
Marxismus. In: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Moskau 1946, Bd.
1, S. 63
Engels, Friedrich: Rezension des Ersten Bandes „Das Kapital“ für
das „Demokratische Wochenblatt“. In: Karl Marx/Friedrich Engels –
Werke, Berlin 1962, Bd. 16, S. 235
Bauer, Otto: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Wien 1956,
S. 275
Marx, Karl: Das Kapital, Band 1. Berlin 1953, S. 383
Engels, Friedrich: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
Wissenschaft. Moskau 1946, S. 179
Bauer, Otto: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Wien 1956,
S. 274
Luxemburg, Rosa: Einführung in die Nationalökonomie. In:
Gesammelte Werke, Berlin 1975, Bd. 5, S. 727
Bernal, John Desmond: Die Wissenschaft in der Geschichte. Berlin
1961, S. 704
Bauer, Otto: Das Weltbild des Kapitalismus. Frankfurt/Main 1971,
S. 61
Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie. In: Karl
Marx/Friedrich Engels – Werke, Berlin 1961, Bd. 13, S. 45
Luxemburg, Rosa: Die Akkumulation des Kapitals. In: Gesammelte
Werke, Berlin 1975, Bd. 5, S. 79
Marx, Karl: Theorien über den Mehrwert. In: Karl Marx/Friedrich
Engels – Werke, Berlin 1962, Bd. 26.2., S. 163
Bauer, Otto: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Wien 1956,
S. 279
Marx, Karl: Das Kapital, Band 1. Berlin 1953, S. 650
Bauer, Otto: Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Wien 1956,
S. 279
Marx, Karl: Das Kapital, Band 1. Berlin 1953, S. 679
Lenin, Wladimir Iljitsch: Staat und Revolution. In: Ausgewählte
Werke in zwei Bänden, Moskau 1946, Bd. 2, S. 176
Lenin, Wladimir Iljitsch: Drei Quellen und drei Bestandteile des
Marxismus. In: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Moskau 1946, Bd.
1, S. 63