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Die Oktoberrevolution in Russland 1917

 

Aufgrund des Wirkens des Gesetzes der ungleichmäßigen ökonomischen und politischen Entwicklung im Kapitalismus war Russland um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert zum Knotenpunkt aller imperialistischen Widersprüche geworden. Im Ergebnis des ersten Weltkrieges bildete sich in den Krieg führenden Ländern eine revolutionäre Situation heraus. In Russland wuchs die Krise schneller als in anderen Ländern. Im Februar 1917 erlebte Russland die zweite bürgerlich-demokratische Revolution (Februarrevolution 1917). Der Zarismus wurde gestürzt. Nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution 1917 entstand im Lande eine Doppelherrschaft: die bürgerliche Provisorische Regierung und die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Eine eigenartige Verschlingung zweier Diktaturen hatte sich herausgebildet: der Diktatur der Bourgeoisie und der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauern. Die Mehrheit in den Sowjets hatten die kleinbürgerlichen Parteien - die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre - an sich gerissen. Das erklärte sich aus der ungenügenden Organisiertheit und der unzureichenden politischen Bewusstheit des Proletariats und der Bauernschaft. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre nutzten einerseits die Leichtgläubigkeit der unerfahrenen, vom Sieg über den Zarismus trunkenen Massen und andererseits die Tatsache, dass die bolschewistischen Parteiorganisationen in den Kriegsjahren ausgeblutet und geschwächt waren, dass die aktivsten Funktionäre der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) in Gefängnissen saßen, in der Verbannung oder der Emigration weilten. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre halfen der Bourgeoisie, ihre Macht in Gestalt der Provisorischen Regierung zu errichten.

Die Februarrevolution in Russland brachte dem Volk demokratische Freiheiten. Die Partei der Bolschewiki trat aus der Illegalität heraus und organisierte ihre Arbeit auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus. Zum Zeitpunkt der Februarrevolution zählte die Partei 40.000 bis 45.000 Mitglieder. Die größten Parteiorganisationen waren: die Petrograder (2.000), die Moskauer (600), die Jekaterinoslawer (400) und die Kiewer (200). Am 18.März (nach dem bis Januar 1918 geltenden Kalender 5.März) erschien die "Prawda" wieder. Die Bolschewiki organisierten Gewerkschaften und Fabrikkomitees; beim ZK und beim Petrograder Parteikomitee schufen sie eine Militärorganisation zur Führung der politischen Arbeit in der Armee. Nach der Februarrevolution war im Land eine komplizierte Situation, insbesondere in der Frage des Krieges, entstanden. Die Kadetten (Konstitutionelle Demokraten), Menschewiki und Sozialrevolutionäre riefen zur Fortsetzung des Krieges unter der Losung auf, die Errungenschaften der Revolution zu schützen. Sie nannten sich "Anhänger der revolutionären Vaterlandsverteidigung" und versicherten dem Volk, der Krieg habe seinen imperialistischen Charakter verloren.

Ein großer teil des politisch noch unerfahrenen Volkes fiel auf diesen Betrug herein. In dieser neuen historischen Situation mussten die Bolschewiki die Revolution einschätzen, einen neuen strategischen Plan, eine neue Taktik und Losungen ausarbeiten. Schon in seinen "Briefen aus der Ferne" (März 1917) nannte W. I. Lenin die Grundfragen der Parteipolitik unter den neuen historischen Bedingungen. Er verwies darauf, dass die erste Etappe der Revolution beendet sei und das Proletariat sich auf die zweite Etappe vorbereiten müsse. Lenin orientierte die Partei auf folgende Linie in der Revolution: keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung, Entlarvung der "revolutionären Vaterlandsverteidigung".

Am 3. (16.) April kehrte Lenin aus der Emigration nach Petrograd zurück. Am 4. (17.) April verkündete er seine Aprilthesen, in denen er die Orientierung der Partei auf das Hinüberwachsen der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische und die neue strategische Losung begründete: Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft gegen die Bourgeoisie in Stadt und Land bei Neutralisierung der schwankenden Mittelbauern. Lenin entdeckte eine neue Organisationsform der Gesellschaft - die Sowjetrepublik - als Staatsform der Diktatur des Proletariats. Ausgehend von den Leninschen Hinweisen gab die Partei die Losung aus: "Alle macht den Sowjets!" Sie bedeutete unter den gegebenen Bedingungen Kurs auf die friedliche Entwicklung der Revolution, auf die friedliche Eroberung der Diktatur des Proletariats. Die VII. Gesamtrussische Konferenz der SDAPR (B) vom 24. bis 29. April (7.-12. Mai) nahm die Leninschen Thesen an und orientierte die Partei auf den Kampf um den Übergang zur zweiten, sozialistischen Etappe der Revolution. Auf der Grundlage der Aprilthesen Lenins und der Beschlüsse der Konferenz entfaltete die Partei der Bolschewiki, die nun bereits über 100.000 Mitglieder hatte, eine umfangreiche politische Tätigkeit unter den Arbeitern, Soldaten und Bauern in den Sowjets, den Soldatenkomitees, den Gewerkschaften, Fabrikkomitees usw. Die Militärorganisationen der SDAPR (B) leiteten die revolutionäre Arbeit unter den Soldaten an der Front und im Hinterland.

Am 20. und 21. April (3. und 4. Mai) forderten hunderttausend Arbeiter und Soldaten in Demonstrationen die Beendigung des Krieges. Das war der Beginn der Aprilkrise der Provisorischen Regierung. Eine Koalitionsregierung unter der Leitung A. F. Kerenski wurde gebildet. Neben Kadetten gehörten ihr Menschewiki und Sozialrevolutionäre an. Auf dem vom 3. (16.) bis 24. Juni (7. Juli) 1917 in Petrograd tagenden I. Gesamtrussischen Sowjetkongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten waren die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre bestrebt, die Politik der Koalition mit der Provisorischen Regierung durchzusetzen, und versuchten zu beweisen, dass die Losung "Alle Macht den Sowjets!" nicht zu verwirklichen sei.

Am 18.Juni (1.Juli) 1917, noch während des Sowjetkongresses, gab es zwei wichtige Ereignisse: Die Provisorische Regierung ließ die Truppen an der Front zur Offensive übergehen, und in Petrograd fand eine Demonstration mir rund 500.000 Teilnehmern statt. Diese Demonstration war von den Führern der Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf diesen Tag festgelegt worden, mit der Absicht, der Provisorischen Regierung das Vertrauen auszudrücken und praktisch die Junioffensive zu begrüßen. Aber die Demonstration verlief unter bolschewistischen Losungen wie "Alle Macht den Sowjets!", "Nieder mit dem Krieg!" und brachte Misstrauen gegenüber der Provisorischen Regierung zum Ausdruck. Ein großer Teil des Proletariats der Hauptstadt und seiner Garnison folgte den Bolschewiki. Es kam zur Junikrise 1917. Am 2.(15.) Juli erfuhr die Hauptstadt von der Niederlage der von der Provisorischen Regierung befohlenen Offensive. Das rief unter den Arbeitern und Soldaten der Garnison große Erregung hervor, die zu einer spontanen bewaffneten Aktion der Massen führte. Das ZK der bolschewistischen Partei war gegen eine vorzeitige Aktion, da die allgemeine Krise noch nicht herangereift war. Aber die Massen zurückzuhalten war nicht mehr möglich. Deshalb beschlossen die Bolschewiki, sich dieser Bewegung anzuschließen und ihr den Charakter einer friedlichen und organisierten Demonstration unter der Losung "Alle Macht den Sowjets!" zu geben. Am 4. (17.) Juli nahmen an dieser Demonstration über 500.000 Menschen teil. Mit Kenntnis und Zustimmung der Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre ging die Provisorische Regierung gegen die friedliche Demonstration vor, ließ auf Demonstranten schießen und griff zu Repressalien: Es wurde damit begonnen, revolutionäre Truppenteile der Garnison und der Arbeiter zu entwaffnen. Den Hauptschlag richtete die Konterrevolution gegen die Partei der Bolschewiki. Sie verbot die "Prawda" und vernichtete ihre Redaktion; es begannen Verhaftungen bolschewistischer Funktionäre, das Gebäude des ZK der Partei wurde besetzt. Die Provisorische Regierung gab den Befehl, Lenin zu verhaften und ihm einen Prozess zu machen. Lenin musste erneut in die Illegalität gehen. Nach den Julitagen des Jahres 1917 hatte sich die Lage im Lande verändert. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre waren offen ins Lager der Konterrevolution übergegangen. Die Doppelherrschaft war beendet, und die macht befand sich jetzt vollständig in den Händen der Konterrevolution. Die von Sozialrevolutionären und Menschewiki durchsetzten Sowjets wurden zu einem Anhängsel der bürgerlichen Regierung. Am 10. (23.) Juli schrieb Lenin die Thesen "Die politische Lage", in denen er auf das neue Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und auf die Notwendigkeit verwies, die Taktik der Partei zu ändern. Besondere Bedeutung hatte der Artikel Lenins "Zu den Losungen", in denen er eine ausführliche Begründung der neuen Taktik der Partei gab und die Fehler und Verirrungen derer kritisierte, die die Lage im Lande nach den Juliereignissen falsch einschätzten. In diesen Artikeln hob Lenin hervor, dass die Etappe der friedlichen Entwicklung der Revolution durch die Politik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki beendet worden war. Die Macht konnte der Bourgeoisie jetzt nur noch durch einen bewaffneten Aufstand entrissen werden. Lenin schlug vor, die Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzunehmen. Das war kein Lossagen von der Sowjetrepublik. Man setzte die Losung ab, da es sich um machtlose Sowjets handelte, in denen die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki vorherrschten.

In dieser Zeit bereitete die russische imperialistische Bourgeoisie die Errichtung einer Militärdiktatur vor. Mit diesen Zielen inszenierte sie eine konterrevolutionäre Verschwörung, an deren Spitze der Oberkommandierende, General L. G. Kornilow, stand. Die Bourgeoisie hatte damit den Bürgerkrieg begonnen. Der Kornilow-Putsch wurde von den revolutionären Arbeitern, Soldaten und Matrosen unter der Führung der Bolschewiki zerschlagen. Die Liquidierung des Kornilow-Putsches veränderte die Situation im Lande. Die Bolschewisierung der Sowjets verstärkte sich. Die Arbeiter und Soldaten entzogen den Menschewiki und den Sozialrevolutionären die Mandate und wählten an deren Stelle Bolschewiki in die Sowjets. Am 31. August (13. September) ging der Petrograder Sowjets auf die Seite der Bolschewiki über, am 5. (18.) September der Moskauer Sowjets. Ihnen folgte eine Reihe anderer Stadtsowjets. Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" wurde erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Aber der Übergang der Macht an die bolschewistischen Sowjets war jetzt nur noch auf dem Wege des bewaffneten Aufstands möglich. Der Misserfolg des Kornilowschen Abenteuer schwächte und desorganisierte einerseits das gesamte Lager der Konterrevolution und zeigte andererseits die Stärke der revolutionären Kräfte. Lenin analysierte die neue Lage und kam zu der Schlussfolgerung, dass eine gesamtnationale Krise herangereift war. Sie fand ihren Ausdruck in einer mächtigen revolutionären Bewegung der Arbeiterklasse, die in ihren Kampf unmittelbar vor der Machteroberung stand, in dem breiten Ausmaß des Kampfes der Bauern um Land, im Übergang der großen Mehrheit der Soldaten und Matrosen auf die Seite der Revolution und in deren Bereitschaft, mit der Waffe in der Hand die Bolschewiki zu unterstützen; sie bestand ferner in der Verstärkung der nationalen Befreiungsbewegung der Völker in den Randgebieten, im Kampf des ganzen Volkes für den Abschluss eines gerechten Friedens, in der ernsthaften Zerrüttung der Wirtschaft und der Finanzen des Landes, im Bankrott der bürgerlichen Regierung, in der chronischen Krise der Provisorischen Regierung und in der Zersetzung der kleinbürgerlichen Parteien (bei den Sozialrevolutionären bildete sich ein linker Flügel, bei den Menschewiki die Gruppe der Internationalisten heraus). Es entstand eine Lage, in der die "unteren Schichten" nicht mehr auf alte Art leben wollten und die "oberen Schichten" nicht mehr auf die alte Weise regieren konnten. Die werktätigen Massen waren bereit, unter der Führung der bolschewistischen Partei zum Sturm auf den Kapitalismus anzutreten.

Im August und September 1917 schrieb Lenin in der Illegalität sein Buch "Staat und Revolution", in dem er die marxistische Lehre vom Staat und den Weg zur Erkämpfung der Diktatur des Proletariats begründete. Im Oktober traf Lenin insgeheim in Petrograd ein. Am 10. (23.) Oktober 1917 fand die denkwürdige Sitzung des ZK der SDAPR (B) statt, auf der Lenin über die gegenwärtige Lage sprach. In einer von ihm unterbreiteten Resolution hieß es, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich geworden sei und auch die Bedingungen dafür völlig herangereift seien. Das ZK forderte alle Parteiorganisationen auf, sich von diesem Beschluss leiten zu lassen. Gegen die genannte Resolution traten die ZK-Mitglieder Kamenew und Sinowjew auf, die den Standpunkt vertraten, das Proletariat Russlands sei nicht imstande, eine sozialistische Revolution durchzuführen.

Zur Vorbereitung und Leitung des bewaffneten Aufstandes wurde auf Weisung des ZK ein Revolutionäres Militärkomitee beim Petrograder Sowjet geschaffen. Auch in Moskau und anderen Städten wurde der bewaffnete Aufstand vorbereitet. Abteilungen der Roten Garde entstanden; im Oktober erreichte deren Stärke im ganzen Land die Zahl von 200.000 Kämpfern. Am 16. (29.) Oktober fand eine erweiterte Sitzung des ZK der Partei statt, die die von Lenin vorgeschlagene Resolution über den bewaffneten Aufstand bestätigte. Ein Revolutionäres Militärisches Zentrum des ZK zur Leitung des Aufstandes wurde gewählt (Bubnow, Dzierzynski, Stalin, Swerdlow, Urizki), das als führender Kern dem Revolutionären Militärkomitee angehörte.

Am 25. Oktober (7. November) sollte der II. Gesamtrussische Sowjetkongress eröffnet werden. Lenin bestand darauf, den Aufstand noch vor Eröffnung des Kongresses zu beginnen, damit der Feind nicht die Initiative an sich reißen könnte. Am Abend des 24. Oktober (6. November) begab sich Lenin in den Smolny, den Sitz des Stabes der Revolution, um die unmittelbare Leitung des Aufstandes zu übernehmen. Am 25. Oktober (7. November) 1917 siegte der bewaffnete Aufstand in Petrograd. Die Provisorische Regierung wurde gestürzt. Die Macht ging an das Organ des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, das Revolutionäre Militärkomitee, über. Die Minister der Provisorischen Regierung wurden verhaftet.

Am 25. Oktober (7. November) abends wurde der II. Gesamtrussische Sowjetkongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten eröffnet. Die Mehrheit auf diesem Kongress gehörte den Bolschewiki. Ihnen folgten der zahlenmäßigen Stärke nach die linken Sozialrevolutionäre. Die Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre verließen den Kongress. Gestützt auf den siegreichen Aufstand in Petrograd, nahm der Kongress die Macht in seine Hände, und verkündete, dass die Staatsmacht in die Hände der Sowjets übergegangen sei. In Russland wurde mit dem erstmaligen Sieg einer sozialistischen Revolution die Diktatur des Proletariats, die Sowjetmacht, errichtet.

 

 

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