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Aufgrund des Wirkens des Gesetzes der ungleichmäßigen ökonomischen und
politischen Entwicklung im Kapitalismus war Russland um die
Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert zum Knotenpunkt aller
imperialistischen Widersprüche geworden. Im Ergebnis des ersten
Weltkrieges bildete sich in den Krieg führenden Ländern eine
revolutionäre Situation heraus. In Russland wuchs die Krise schneller
als in anderen Ländern. Im Februar 1917 erlebte Russland die zweite
bürgerlich-demokratische Revolution (Februarrevolution 1917). Der
Zarismus wurde gestürzt. Nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen
Februarrevolution 1917 entstand im Lande eine Doppelherrschaft: die
bürgerliche Provisorische Regierung und die Sowjets der Arbeiter- und
Soldatendeputierten. Eine eigenartige Verschlingung zweier Diktaturen
hatte sich herausgebildet: der Diktatur der Bourgeoisie und der
revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiterklasse und der
Bauern. Die Mehrheit in den Sowjets hatten die kleinbürgerlichen
Parteien - die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre - an sich
gerissen. Das erklärte sich aus der ungenügenden Organisiertheit und
der unzureichenden politischen Bewusstheit des Proletariats und der
Bauernschaft. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre nutzten
einerseits die Leichtgläubigkeit der unerfahrenen, vom Sieg über den
Zarismus trunkenen Massen und andererseits die Tatsache, dass die
bolschewistischen Parteiorganisationen in den Kriegsjahren ausgeblutet
und geschwächt waren, dass die aktivsten Funktionäre der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (Bolschewiki) in
Gefängnissen saßen, in der Verbannung oder der Emigration weilten. Die
Menschewiki und die Sozialrevolutionäre halfen der Bourgeoisie, ihre
Macht in Gestalt der Provisorischen Regierung zu errichten.
Die
Februarrevolution in Russland brachte dem Volk demokratische
Freiheiten. Die Partei der Bolschewiki trat aus der Illegalität heraus
und organisierte ihre Arbeit auf der Grundlage des demokratischen
Zentralismus. Zum Zeitpunkt der Februarrevolution zählte die Partei
40.000 bis 45.000 Mitglieder. Die größten Parteiorganisationen waren:
die Petrograder (2.000), die Moskauer (600), die Jekaterinoslawer
(400) und die Kiewer (200). Am 18.März (nach dem bis Januar 1918
geltenden Kalender 5.März) erschien die "Prawda" wieder. Die
Bolschewiki organisierten Gewerkschaften und Fabrikkomitees; beim ZK
und beim Petrograder Parteikomitee schufen sie eine
Militärorganisation zur Führung der politischen Arbeit in der Armee.
Nach der Februarrevolution war im Land eine komplizierte Situation,
insbesondere in der Frage des Krieges, entstanden. Die Kadetten
(Konstitutionelle Demokraten), Menschewiki und Sozialrevolutionäre
riefen zur Fortsetzung des Krieges unter der Losung auf, die
Errungenschaften der Revolution zu schützen. Sie nannten sich
"Anhänger der revolutionären Vaterlandsverteidigung" und versicherten
dem Volk, der Krieg habe seinen imperialistischen Charakter verloren.
Ein
großer teil des politisch noch unerfahrenen Volkes fiel auf diesen
Betrug herein. In dieser neuen historischen Situation mussten die
Bolschewiki die Revolution einschätzen, einen neuen strategischen
Plan, eine neue Taktik und Losungen ausarbeiten. Schon in seinen
"Briefen aus der Ferne" (März 1917) nannte W. I. Lenin die Grundfragen
der Parteipolitik unter den neuen historischen Bedingungen. Er verwies
darauf, dass die erste Etappe der Revolution beendet sei und das
Proletariat sich auf die zweite Etappe vorbereiten müsse. Lenin
orientierte die Partei auf folgende Linie in der Revolution: keinerlei
Unterstützung der Provisorischen Regierung, Entlarvung der
"revolutionären Vaterlandsverteidigung".
Am 3.
(16.) April kehrte Lenin aus der Emigration nach Petrograd zurück. Am
4. (17.) April verkündete er seine Aprilthesen, in denen er die
Orientierung der Partei auf das Hinüberwachsen der
bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische und die
neue strategische Losung begründete: Bündnis des Proletariats mit der
armen Bauernschaft gegen die Bourgeoisie in Stadt und Land bei
Neutralisierung der schwankenden Mittelbauern. Lenin entdeckte eine
neue Organisationsform der Gesellschaft - die Sowjetrepublik - als
Staatsform der Diktatur des Proletariats. Ausgehend von den Leninschen
Hinweisen gab die Partei die Losung aus: "Alle macht den Sowjets!" Sie
bedeutete unter den gegebenen Bedingungen Kurs auf die friedliche
Entwicklung der Revolution, auf die friedliche Eroberung der Diktatur
des Proletariats. Die VII. Gesamtrussische Konferenz der SDAPR (B) vom
24. bis 29. April (7.-12. Mai) nahm die Leninschen Thesen an und
orientierte die Partei auf den Kampf um den Übergang zur zweiten,
sozialistischen Etappe der Revolution. Auf der Grundlage der
Aprilthesen Lenins und der Beschlüsse der Konferenz entfaltete die
Partei der Bolschewiki, die nun bereits über 100.000 Mitglieder hatte,
eine umfangreiche politische Tätigkeit unter den Arbeitern, Soldaten
und Bauern in den Sowjets, den Soldatenkomitees, den Gewerkschaften,
Fabrikkomitees usw. Die Militärorganisationen der SDAPR (B) leiteten
die revolutionäre Arbeit unter den Soldaten an der Front und im
Hinterland.
Am 20.
und 21. April (3. und 4. Mai) forderten hunderttausend Arbeiter und
Soldaten in Demonstrationen die Beendigung des Krieges. Das war der
Beginn der Aprilkrise der Provisorischen Regierung. Eine
Koalitionsregierung unter der Leitung A. F. Kerenski wurde gebildet.
Neben Kadetten gehörten ihr Menschewiki und Sozialrevolutionäre an.
Auf dem vom 3. (16.) bis 24. Juni (7. Juli) 1917 in Petrograd tagenden
I. Gesamtrussischen Sowjetkongress der Arbeiter- und
Soldatendeputierten waren die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre
bestrebt, die Politik der Koalition mit der Provisorischen Regierung
durchzusetzen, und versuchten zu beweisen, dass die Losung "Alle Macht
den Sowjets!" nicht zu verwirklichen sei.
Am
18.Juni (1.Juli) 1917, noch während des Sowjetkongresses, gab es zwei
wichtige Ereignisse: Die Provisorische Regierung ließ die Truppen an
der Front zur Offensive übergehen, und in Petrograd fand eine
Demonstration mir rund 500.000 Teilnehmern statt. Diese Demonstration
war von den Führern der Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf diesen
Tag festgelegt worden, mit der Absicht, der Provisorischen Regierung
das Vertrauen auszudrücken und praktisch die Junioffensive zu
begrüßen. Aber die Demonstration verlief unter bolschewistischen
Losungen wie "Alle Macht den Sowjets!", "Nieder mit dem Krieg!" und
brachte Misstrauen gegenüber der Provisorischen Regierung zum
Ausdruck. Ein großer Teil des Proletariats der Hauptstadt und seiner
Garnison folgte den Bolschewiki. Es kam zur Junikrise 1917. Am 2.(15.)
Juli erfuhr die Hauptstadt von der Niederlage der von der
Provisorischen Regierung befohlenen Offensive. Das rief unter den
Arbeitern und Soldaten der Garnison große Erregung hervor, die zu
einer spontanen bewaffneten Aktion der Massen führte. Das ZK der
bolschewistischen Partei war gegen eine vorzeitige Aktion, da die
allgemeine Krise noch nicht herangereift war. Aber die Massen
zurückzuhalten war nicht mehr möglich. Deshalb beschlossen die
Bolschewiki, sich dieser Bewegung anzuschließen und ihr den Charakter
einer friedlichen und organisierten Demonstration unter der Losung
"Alle Macht den Sowjets!" zu geben. Am 4. (17.) Juli nahmen an dieser
Demonstration über 500.000 Menschen teil. Mit Kenntnis und Zustimmung
der Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre ging die
Provisorische Regierung gegen die friedliche Demonstration vor, ließ
auf Demonstranten schießen und griff zu Repressalien: Es wurde damit
begonnen, revolutionäre Truppenteile der Garnison und der Arbeiter zu
entwaffnen. Den Hauptschlag richtete die Konterrevolution gegen die
Partei der Bolschewiki. Sie verbot die "Prawda" und vernichtete ihre
Redaktion; es begannen Verhaftungen bolschewistischer Funktionäre, das
Gebäude des ZK der Partei wurde besetzt. Die Provisorische Regierung
gab den Befehl, Lenin zu verhaften und ihm einen Prozess zu machen.
Lenin musste erneut in die Illegalität gehen. Nach den Julitagen des
Jahres 1917 hatte sich die Lage im Lande verändert. Die Menschewiki
und die Sozialrevolutionäre waren offen ins Lager der Konterrevolution
übergegangen. Die Doppelherrschaft war beendet, und die macht befand
sich jetzt vollständig in den Händen der Konterrevolution. Die von
Sozialrevolutionären und Menschewiki durchsetzten Sowjets wurden zu
einem Anhängsel der bürgerlichen Regierung. Am 10. (23.) Juli schrieb
Lenin die Thesen "Die politische Lage", in denen er auf das neue
Kräfteverhältnis zwischen den Klassen und auf die Notwendigkeit
verwies, die Taktik der Partei zu ändern. Besondere Bedeutung hatte
der Artikel Lenins "Zu den Losungen", in denen er eine ausführliche
Begründung der neuen Taktik der Partei gab und die Fehler und
Verirrungen derer kritisierte, die die Lage im Lande nach den
Juliereignissen falsch einschätzten. In diesen Artikeln hob Lenin
hervor, dass die Etappe der friedlichen Entwicklung der Revolution
durch die Politik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki beendet
worden war. Die Macht konnte der Bourgeoisie jetzt nur noch durch
einen bewaffneten Aufstand entrissen werden. Lenin schlug vor, die
Losung "Alle Macht den Sowjets!" zurückzunehmen. Das war kein Lossagen
von der Sowjetrepublik. Man setzte die Losung ab, da es sich um
machtlose Sowjets handelte, in denen die Sozialrevolutionäre und die
Menschewiki vorherrschten.
In
dieser Zeit bereitete die russische imperialistische Bourgeoisie die
Errichtung einer Militärdiktatur vor. Mit diesen Zielen inszenierte
sie eine konterrevolutionäre Verschwörung, an deren Spitze der
Oberkommandierende, General L. G. Kornilow, stand. Die Bourgeoisie
hatte damit den Bürgerkrieg begonnen. Der Kornilow-Putsch wurde von
den revolutionären Arbeitern, Soldaten und Matrosen unter der Führung
der Bolschewiki zerschlagen. Die Liquidierung des Kornilow-Putsches
veränderte die Situation im Lande. Die Bolschewisierung der Sowjets
verstärkte sich. Die Arbeiter und Soldaten entzogen den Menschewiki
und den Sozialrevolutionären die Mandate und wählten an deren Stelle
Bolschewiki in die Sowjets. Am 31. August (13. September) ging der
Petrograder Sowjets auf die Seite der Bolschewiki über, am 5. (18.)
September der Moskauer Sowjets. Ihnen folgte eine Reihe anderer
Stadtsowjets. Die Losung "Alle Macht den Sowjets!" wurde erneut auf
die Tagesordnung gesetzt. Aber der Übergang der Macht an die
bolschewistischen Sowjets war jetzt nur noch auf dem Wege des
bewaffneten Aufstands möglich. Der Misserfolg des Kornilowschen
Abenteuer schwächte und desorganisierte einerseits das gesamte Lager
der Konterrevolution und zeigte andererseits die Stärke der
revolutionären Kräfte. Lenin analysierte die neue Lage und kam zu der
Schlussfolgerung, dass eine gesamtnationale Krise herangereift war.
Sie fand ihren Ausdruck in einer mächtigen revolutionären Bewegung der
Arbeiterklasse, die in ihren Kampf unmittelbar vor der Machteroberung
stand, in dem breiten Ausmaß des Kampfes der Bauern um Land, im
Übergang der großen Mehrheit der Soldaten und Matrosen auf die Seite
der Revolution und in deren Bereitschaft, mit der Waffe in der Hand
die Bolschewiki zu unterstützen; sie bestand ferner in der Verstärkung
der nationalen Befreiungsbewegung der Völker in den Randgebieten, im
Kampf des ganzen Volkes für den Abschluss eines gerechten Friedens, in
der ernsthaften Zerrüttung der Wirtschaft und der Finanzen des Landes,
im Bankrott der bürgerlichen Regierung, in der chronischen Krise der
Provisorischen Regierung und in der Zersetzung der kleinbürgerlichen
Parteien (bei den Sozialrevolutionären bildete sich ein linker Flügel,
bei den Menschewiki die Gruppe der Internationalisten heraus). Es
entstand eine Lage, in der die "unteren Schichten" nicht mehr auf alte
Art leben wollten und die "oberen Schichten" nicht mehr auf die alte
Weise regieren konnten. Die werktätigen Massen waren bereit, unter der
Führung der bolschewistischen Partei zum Sturm auf den Kapitalismus
anzutreten.
Im
August und September 1917 schrieb Lenin in der Illegalität sein Buch
"Staat und Revolution", in dem er die marxistische Lehre vom Staat und
den Weg zur Erkämpfung der Diktatur des Proletariats begründete. Im
Oktober traf Lenin insgeheim in Petrograd ein. Am 10. (23.) Oktober
1917 fand die denkwürdige Sitzung des ZK der SDAPR (B) statt, auf der
Lenin über die gegenwärtige Lage sprach. In einer von ihm
unterbreiteten Resolution hieß es, dass der bewaffnete Aufstand
unumgänglich geworden sei und auch die Bedingungen dafür völlig
herangereift seien. Das ZK forderte alle Parteiorganisationen auf,
sich von diesem Beschluss leiten zu lassen. Gegen die genannte
Resolution traten die ZK-Mitglieder Kamenew und Sinowjew auf, die den
Standpunkt vertraten, das Proletariat Russlands sei nicht imstande,
eine sozialistische Revolution durchzuführen.
Zur
Vorbereitung und Leitung des bewaffneten Aufstandes wurde auf Weisung
des ZK ein Revolutionäres Militärkomitee beim Petrograder Sowjet
geschaffen. Auch in Moskau und anderen Städten wurde der bewaffnete
Aufstand vorbereitet. Abteilungen der Roten Garde entstanden; im
Oktober erreichte deren Stärke im ganzen Land die Zahl von 200.000
Kämpfern. Am 16. (29.) Oktober fand eine erweiterte Sitzung des ZK der
Partei statt, die die von Lenin vorgeschlagene Resolution über den
bewaffneten Aufstand bestätigte. Ein Revolutionäres Militärisches
Zentrum des ZK zur Leitung des Aufstandes wurde gewählt (Bubnow,
Dzierzynski, Stalin, Swerdlow, Urizki), das als führender Kern dem
Revolutionären Militärkomitee angehörte.
Am 25.
Oktober (7. November) sollte der II. Gesamtrussische Sowjetkongress
eröffnet werden. Lenin bestand darauf, den Aufstand noch vor Eröffnung
des Kongresses zu beginnen, damit der Feind nicht die Initiative an
sich reißen könnte. Am Abend des 24. Oktober (6. November) begab sich
Lenin in den Smolny, den Sitz des Stabes der Revolution, um die
unmittelbare Leitung des Aufstandes zu übernehmen. Am 25. Oktober (7.
November) 1917 siegte der bewaffnete Aufstand in Petrograd. Die
Provisorische Regierung wurde gestürzt. Die Macht ging an das Organ
des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, das
Revolutionäre Militärkomitee, über. Die Minister der Provisorischen
Regierung wurden verhaftet.
Am 25.
Oktober (7. November) abends wurde der II. Gesamtrussische
Sowjetkongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten eröffnet. Die
Mehrheit auf diesem Kongress gehörte den Bolschewiki. Ihnen folgten
der zahlenmäßigen Stärke nach die linken Sozialrevolutionäre. Die
Menschewiki und die rechten Sozialrevolutionäre verließen den
Kongress. Gestützt auf den siegreichen Aufstand in Petrograd, nahm der
Kongress die Macht in seine Hände, und verkündete, dass die
Staatsmacht in die Hände der Sowjets übergegangen sei. In Russland
wurde mit dem erstmaligen Sieg einer sozialistischen Revolution die
Diktatur des Proletariats, die Sowjetmacht, errichtet.
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