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Sozialismus und Barbarei in Russland

Zur Bedeutung der Oktoberrevolution 1917

von Tibor Zenker

 

Mit dem 7. November (dem 25. Oktober nach dem alten russischen Kalender) 1917 erreichte die internationale sozialistische Bewegung eine neue Etappe. Es war dies der Tag, an dem das russische Proletariat im Bündnis mit der Bauernschaft unter Führung der Sozialdemokratischen Partei der Bolschewiki die Macht ergriff. Mit diesem Tag war die zweite bürgerliche Revolution, die den Zarismus überwunden hatte, in die sozialistische Revolution übergegangen. Die bürgerliche Regierung wurde abgesetzt, auf dem II. Gesamtrussischen Sowjetkongress am Abend desselben Tages wurde verkündet, dass die Staatmacht nun in die Hände der Sowjets übergegangen sei. Dies markierte die Errichtung der Diktatur des Proletariats, den Beginn der sozialistischen Umgestaltung der russischen Gesellschaft. Gleichzeitig war dies auch im Weltmaßstab ein historischer Wendepunkt. Erstmals – von den Tagen der Pariser Kommune abgesehen – war das revolutionäre Proletariat siegreich gegen die Bourgeoisie – und die Sowjetmacht blieb es auch trotz imperialistischer Interventionen. 

Die internationale Bedeutung der Oktoberrevolution 

Die sozialistische Revolution in Russland steht für den begonnenen Übergang der Menschheit zum Sozialismus und für die Überwindung des Imperialismus. Das scheint heute – nach der Wende 1989/90 und der Restaurierung des Kapitalismus in den ehemals sozialistischen Ländern Europas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion – eine mehr als gewagte, ja kaum haltbare Behauptung zu sein. Und dennoch ist sie zutreffend. Trotz des Scheiterns des ersten Anlaufs zum Sozialismus in Ost- und Mitteleuropa sind bleibende Errungenschaften der Oktoberrevolution kaum zu leugnen. Es bleiben die noch existierenden sozialistischen Länder, Kuba, Korea, Vietnam und China, die es ohne den Rückhalt durch die Sowjetunion kaum gäbe. Es bleiben die Erfolge nationaler Befreiungsbewegungen, die den klassischen Kolonialismus zu Fall gebracht haben und bis zu einem gewissen Grad ebenfalls der Unterstützung der UdSSR geschuldet sind. Es bleiben die Erfolge gegen die Aggressivität und Repression des Imperialismus, der angesichts des Systemgegensatzes zumindest gezügelt war. Dazu zählen auch die Errungenschaften in den kapitalistischen Ländern, dazu zählen der Sozialstaat und andere Zugeständnisse der Bourgeoisie, die ohne die durch die Existenz der Sowjetunion notwendige keynesianistische Konterdefensive des Kapitals undenkbar gewesen wären. Kein Wunder, dass sich die Bourgeoisie seit dem Ende der UdSSR nun in einer umfassenden Offensive befindet. Nicht zuletzt ist der Sieg über den Faschismus im Zweiten Weltkrieg wesentlich das Verdienst der Roten Armee. 

Sozialistische Perspektiven nach 1989/90 

Aber warum sollen wir uns angesichts dieser Errungenschaften und trotz der „neoliberalen Wende“ gegenwärtig in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, in der Epoche sozialer Revolutionen befinden? Die historische Entwicklung ist keine lineare – und sie ist beileibe auch keine Einbahnstraße. Wenn wir diese Epoche als Tür betrachten, so ist deren Scharnier in beide Richtungen beweglich. Es kann und wird mehrere Anläufe der Menschheit zum Sozialismus brauchen und es mag eine lange Zeitspanne brauchen, der Sieg jedoch ist schlussendlich unvermeidlich – der Beweis der Möglichkeit des Sieges ist mit der Oktoberrevolution erbracht. Lenin schreibt: „Wie groß auch immer die Schwierigkeiten der Revolution, ihre eventuellen zeitweiligen Misserfolge oder die Wellen der Konterevolution sein mögen, der endgültige Sieg des Proletariats ist unausweichlich.“ Resignation ist fehl am Platz, eine nüchterne Desillusionierung mag jedoch zuträglich sein. Wie ist das Scheitern der Sowjetunion nun zu verstehen? Mit Lenin ist zu antworten, es „erteilt gerade die große Niederlage den revolutionären Parteien und der revolutionären Klasse eine wirkliche und überaus nützliche Lektion, eine Lektion in geschichtlicher Dialektik, eine Lektion für das Verständnis, die Fähigkeit und die Kunst, den politischen Kampf zu führen. (...) Geschlagene Armeen lernen gut.“ Es gilt also, Lehren aus der Niederlage zu ziehen, und es zu vermeiden, Fehler zu wiederholen. 

Die Fehler der Sowjetunion 

Was waren nun die Gründe für die vorläufige Niederlage des Sozialismus im Systemstreit? Klar ist, es wäre zu simpel, dafür einen moralisch verwerflichen „Stalinismus“, einen diffusen „Chruschtschow-Revisionismus“ oder gar einen punktuellen „Verrat Gorbatschows“ verantwortlich zu machen. Es fehlt hier wahrlich der Platz, eine erschöpfende Analyse vorzunehmen, es kann aber generell festgestellt werden, dass innere wie äußere Faktoren in ihrer Wechselwirkung für den Sieg der Konterrevolution maßgeblich waren. Schlussendlich waren innere Fehler dafür verantwortlich, dass dem Druck von Außen nicht standgehalten werden konnte. Es ist nicht zu leugnen, dass es in der UdSSR eine Reihe von Fehlern, Mängeln und Deformationen gab, so nicht zuletzt eine entrückte Bürokratie sowie den unter Stalin einsetzenden Stillstand in der Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus bis hin zur kompletten Negation marxistischer Prinzipien. Folgerichtig mussten daraus sehr konkrete ökonomische Fehlentwicklungen resultieren, die angesichts der Rückständigkeit Russlands 1917 der Sowjetunion zeitlebens zu schaffen machten. Ein historischer Fehler war wohl das vorschnelle Abgehen von der Leninschen Linie der NÖP durch Stalin. Lenin hatte die beiden möglichen Alternativen für die Entwicklung des Sozialismus in Russland vorgezeichnet, nämlich „entweder untergehen oder die fortgeschrittenen Länder auch ökonomisch einholen und überholen. (...) So wird die Frage von der Geschichte unerbittlich gestellt.“ Die Nachfolger Lenins konnten seine Vorgaben trotz einiger Erfolge zweifelsfrei nicht umsetzen. 

Die Errungenschaften des Sozialismus 

Die Errungenschaften der Sowjetunion – das muss auch die Weltbank in ihrem Entwicklungsbericht 1996 zugestehen – „waren beträchtlich. Sie beinhalteten steigende Produktion, Industrialisierung, die Bereitstellung grundlegender Bildung, Gesundheitsfürsorge, Obdach und Arbeit für ganze Völker und eine offensichtliche Immunität gegen die große Depression der dreißiger Jahre. Die Einkommen waren relativ gleich verteilt, und ein extensiver ... Wohlfahrtsstaat ermöglichte jedermann Zugang zu grundlegenden Gütern und Dienstleistungen.“ Das sind Dinge, die der Kapitalismus niemals gewährleisten kann, und die Geschichte erlaubt sich sogar den Scherz, dies am Beispiel Russlands zu beweisen. Wiederum die Weltbank muss 1999 feststellen: „Am stärksten hat die Ungleichheit seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zugenommen. In Russland stieg die Zahl der Menschen, die in Armut (d.h. von weniger als 4 Dollar pro Tag) leben, zwischen 1987 und 1995 von rund 2 Millionen auf 66 Millionen oder 40 Prozent der russischen Bevölkerung.“ Unter dem gegenwärtigen Putin-Regime wird der Charakter des Imperialismus deutlich wie sonst kaum woanders auf der Welt – er bedeutet Krieg, Terror, eine autoritäre und repressive Staatsmacht und steigende Armut. Die Unzulänglichkeit des Kapitalismus wird augenscheinlich und seine Überwindung zur Notwendigkeit. Die Alternativen lauten offensichtlich nach wie vor: Sozialismus oder Barbarei.

 

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