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Heinz R. Unger:

Die Oktoberrevolution 1917

(aus: Proletenpassion - ein szenisches Oratorium von Heinz R. Unger und den Schmetterlingen)

 

Lärm und Stille

 

Manchmal kann es geschehen,

hörst du den Puls der Welt,

als blieben die Wolken stehen,

wie wenn die Erde ihr Drehen

und ihren Atem anhält.

 

 

 

Vom Bojaren zum Bourgeois

 

Mütterchen Russland, dein Weizenhaar

Verbrämt von sibirischem Zobel

Ist mein, und dein fruchtbarer Leib sogar.

Mütterchen Russland, Väterchen Zar –

Als Familie sind wir ganz nobel.

 

Mütterchen Russland, Väterchen Zar,

ich schwöre, ich liebe euch beide,

ihr brachtet dem russischen Bourgeois

eine goldene Morgengabe dar:

ein Riesenland voll Getreide.

 

Doch während woanders Reichtum entstand

Aus Maschinen und Männern und Frauen,

und Profite rollten vom fließenden Band,

besaßen wir nichts als das weite Land

und die Hörigen, die es bebauen.

 

Väterchen Zar, bau mir die Eisenbahn,

das wär’ wunderbar, damit ich handeln kann.

Und Jahr um Jahr wächst unser Reichtum dann,

Väterchen Zar, bau mir die Eisenbahn.

 

Brüderchen, schau dir den Atlas an,

schau die gewaltige Weite.

Und viele hunderttausend Mann,

die bauten mir meine Eisenbahn,

dann rollte darauf mein Getreide.

 

Herein in das Land fuhr Kapital

Aus Börsen in westlichen Staaten,

ich stampfte aus dem Areal

Fabriken in enormer Zahl

Und Millionen Proleten.

 

Mütterchen Russland, ich nähre dir

deine Söhne, dass sie sich vermehren,

sie treiben Maschinen und mehren mir

alle Werte, und alle gehörten mir

und natürlich den Aktionären.

 

Und morgen schon da unternehme ich

Die Revolution, jedoch nur bürgerlich.

Väterchen Zar, der neue Zar bin ich,

der Bourgeois regiert jetzt ordentlich…

 

 

Babouschka-Lied

 

Wo sind deine sieben Söhne geblieben,

Babouschka, Babouschka,

hast du sie heute schon gezählt?

 

Einer ist Bauer geblieben, arm und verachtet,

der Großbojar hat ihm sein Land verpachtet,

 

das bezahlt er mit Arbeit und eigenem Pflug

und seiner halben Ernte, das ist ein Betrug.

 

Einer ist Soldat worden, kämpft für den Zaren,

muss in fremde Länder und zur Hölle fahren.

 

Einer ist Matros’ worden, fährt auf’m schwarzen Meer,

das ist ihm lieber, als wenn er Bauer wär’.

 

Wo sind deine sieben Söhne geblieben,

Babouschka, Babouschka,

hast du sie heute schon gezählt?

 

Einer ging zur Eisenbahn, baut die lange Strecke,

hackt sich durch das weite Land, schläft in einer Ecke.

 

Einer ging nach Petersburg, wollte nimmer ackern,

gießt jetzt die Kanonenrohr’, muss 14 Stunden rackern.

 

Einem passt die Welt nicht mehr, wollte revoltieren,

den schickte der Zar Nikolaus weit weg zu den Sibiren.

 

Den siebten Sohn, den habe ich versteckt vor allen Frommen,

damit sich einer rühren kann, wenn neue Zeiten kommen.

 

 

Lied vom Hausbau

 

Meine Brüder, weit verstreut

Mögt ihr alle sein,

denkt daran, die neue Zeit

kommt nicht von allein.

 

Meine Brüder, sammelt euch

Wo immer ihr auch seid,

einig bauen wir jetzt und gleich

das Haus der neuen Zeit.

 

Der alte Bauplan taugt uns nicht

Für den neuen Staat.

Neues Werkzeug brauchen wir

Und Pläne für die Tat.

 

Haben wir Werkzeug nicht dabei,

müssen wir es finden.

Gibt es keine Kampfpartei

müssen wir sie gründen.

 

Die muss unser Hammer sein,

der Hobel und der Plan,

sonst stiehlt man uns die Freiheit weg,

noch eh’ der Bau begann.

 

Im alten Staat regier’n die Herren

mit ihrem Apparat,

und den werden wir zerstören,

wir, das Proletariat.

 

 

Lied der Kleingläubigen

 

Genossen, lasst es bleiben,

macht endlich euren Frieden,

wie die Dinge treiben,

verlieren wir ganz entschieden.

 

Löscht die Sturmlaternen,

trauert um die Toten,

greift nicht nach den Sternen,

schon gar nicht nach den roten.

 

Ausgerechnet hier, ausgerechnet wir,

in Russland gelingt uns das nie.

 

Macht Deutsche und Franzosen

zuerst die Revolution,

zeigt es Englands Bossen,

wir folgen euch dann schon.

 

Ja, in den Staatskolossen

industrieller Macht

dort soll’n uns die Genossen

mal zeigen, wie man’s macht.

 

Ausgerechnet hier, ausgerechnet wir,

in Russland gelingt uns das nie.

 

 

 

Es fällt ein Soldat bei Tarnopol

 

Es fällt ein Soldat bei Tarnopol,

weiß nicht, wofür er sterben soll.

Sag, Vaterland, was dich bewog,

dass man dich in den Weltkrieg zog.

Nur weil Frankreichs Kapital

Deine Kohle hat und deinen Stahl?

Es ist bei Baku ein ergiebiger Quell,

es hat Englands Bank die Hand auf dem Öl.

Vielfach verflochten ist das Monopol,

darum fällt der Soldat bei Tarnopol.

 

 

Jalava-Lied

 

Von Sonn’ und Kessel schwarzgebrannt

und auch vom scharfen Wind,

steht Jalava im Führerstand,

wo Dampf und Flammen sind.

 

Sein neuer Heizer ist dabei,

der ihm das Feuer nährt,

auf Lokomotive zwei-neun-drei,

die heut’ nach Russland fährt.

 

Ein kleiner Mann von schmalem Bau,

der werkt dort auf der Brücke,

Ruß im Gesicht, das Haar ist grau –

Es ist eine Perücke.

 

Jalava, Jalava, du Finne,

was lachst du so gegen den Wind?

Ich lache, weil meine Sinne

alle beisammen sind,

und weil wir weiterkamen,

und weil die Welt sich dreht,

und weil mein Heizer von Flammen

und Dampfkesseln was versteht.

 

Sie dampfen ein in Beloostrow,

wo Schocks von Offizieren

die Züge auf dem Grenzbahnhof

penibel kontrollieren.

 

Sie prüfen jegliches Gesicht

bei ihrer Inspizierung,

doch sehen sie am Kessel nicht

den Staatsfeind der Regierung.

 

Jalava weiß, worum es geht

und langsam dampft vorbei

am letzten Posten, der dort steht,

Lokomotive zwei-neun-drei.

 

Jalava, Jalava, du Finne,

was lachst du so gegen den Wind?

Ich lache, weil meine Sinne

alle beisammen sind,

und weil meine Lokomotive

die Freude auch verspürt,

und weil sie mit vorlautem Pfiffe

ihr kostbares Frachtgut führt.

 

Da saust die Grenzstation vorbei,

dir Birken stehen nackt,

die Lokomotive zwei-neun-drei

schnauft in erhöhtem Takt.

 

Und Jalava lacht in den Wind,

in den Oktoberregen.

Heizer, wenn wir drüben sind,

dann wird sich was bewegen.

 

Jetzt schneidet der Oktoberwind

die letzten Äpfel an,

die an den kahlen Bäumen sind

an der finnischen Eisenbahn.

 

Jalava, Jalava, du Finne,

was lachst du so gegen den Wind?

Ich lache, weil meine Sinne

alle beisammen sind,

und weil uns die Fahrt in den Bahnhof

hinter der Grenze führt,

und Wladimir Iljitsch Uljanow,

mein Heizer, die Flammen schürt.

 

 

Kosakenlied

 

Sie stürmten durch die Taiga

und schwangen die Nagaika,

und drückten immer schärfer

die Bauern und die Dörfer.

Sie ritten auf Befehl

auch schnurstracks in die Höll’.

Hei, die Kosaken waren

die Reiterei des Zaren.

 

Hörst du die Kosaken lachen,

nur nicht in die Hosen machen.

Kosak, Kosak, dass ich dich frag:

zu wem gehörst du?

Auch diese Heerschar

ist nicht unbelehrbar.

 

Und als der Zar versunken,

da waren sie betrunken.

Dann übernahm die Führung

die Bourgeois-Regierung.

Der bürgerliche Rat,

der rief sie in die Stadt,

den Arbeitern, die streiken,

mit Schlägen aufzugeigen.

 

Hörst du die Kosaken lachen,

nur nicht in die Hosen machen.

Kosak, Kosak, dass ich dich frag:

zu wem gehörst du?

Auch diese Heerschar

ist nicht unbelehrbar.

 

Sie sahen auf den Gassen

die Fahnen und die Massen.

Und aus der Masse tönt ein Bass:

Wir sind das Volk und ihr seid – was?

Der oberste Kosake

Rief wütend zur Attacke,

und die wilden Kavalleristen

verdroschen die Polizisten.

 

Hörst du die Kosaken lachen,

nur nicht in die Hosen machen.

Kosak, Kosak, dass ich dich frag:

zu wem gehörst du?

Auch diese Heerschar

ist nicht unbelehrbar.

 

 

Erstürmung des Winterpalais

 

Es donnert ein Schuss von der Newa her,

das Signal der „Aurora“ am Kai.

Auf, Matrosen und kämpfendes Arbeiterheer,

nichts rettet die Bürgerregierung mehr,

wir stürmen das Winterpalais.

 

Jetzt nehmen wir ihre letzte Bastion

Und wir stürmen in einem Karree.

Keinen Pardon für die Reaktion,

wir haben die Ämter und die Bahnhöfe schon,

wir stürmen das Winterpalais.

 

Mann mit dem Hammer, lass dich nicht beirr’n,

ihr Matrosen der baltischen See,

das Volk lässt sich nicht mehr von Volksfeinden führ’n,

es wird sich ab heute selber regier’n.

Wir erstürmen das Winterpalais.

 

 

 

Wenn ich wieder reich bin…

 

Ach, wie war es doch vordem

in alten Zeiten so bequem,

da war die Welt noch heil.

Die Zeiten wurden bitter,

und meine herrlichen Güter

die wurden aufgeteilt.

Wo sie sich einst begnügten

und meine Äcker pflügten,

da pflügen sie jetzt für sich.

Da gründen sie Kolchosen.

Wo zücht ich meine Rosen?

Ich kränk mich fürchterlich.

 

Ach, wie war es doch vordem

in alten Zeiten so bequem,

da war ich ein großer Herr.

Dann kamen die Bolschewiken,

und meine schönen Fabriken

gehörten mir nicht mehr.

Im Werk, das mir gehört hat,

bestimmt ein Sowjetrat.

Adieu, adieu, Profit!

Und dem Himmel sei’s geklagt:

sie haben mich nicht einmal verjagt,

ich arbeit’ auch noch mit.

 

Ach, wie war es doch vordem

in alten Zeiten so bequem,

da war ich noch beschützt.

Weit reichten meine Fäden,

der Staat war da für jeden,

der Kapital besitzt.

Jedoch das Volk marschierte,

und seit der Zeit diktierte

das Proletariat.

Wie konnten sie es wagen,

den Staat mir zu zerschlagen!

Jetzt hab ich den Salat.

 

Aber:

Wenn ich wieder reich bin, wird es so wie früher sein,

wenn ich wieder reich bin, wird es wieder so wie früher sein.

Und dann nehm’ ich, was mir einst gehörte,

und ich verbanne, was mich dabei störte,

auf die Art wird es wieder so wie früher sein.

 

 

Lied von der Partei

 

Es waren einmal, erinnert euch,

tausend Haufen im Deutschen Reich,

die wollten etwas ändern,

verstreut in allen Ländern.

Die Herren waren schneller,

behoben ihre Fehler,

vereinten unterm Beile

die ungeeinten Teile.

Und mit den Tricks, den alten,

will man uns wieder spalten,

doch diesmal läuft es andersrum, dideldum,

weil wir zusammenhalten.

 

Die Situation,

die kennen wir schon.

Was ist daran neu?

Die Partei.

 

Und immer nach der letzten Schlacht,

da war der Bürger an der Macht,

und die kleinen Leute,

waren wieder Zweite.

Der Bürger holte mit Bedacht

sich in der allerletzten Schlacht

mit Pauken und Trompeten

die Waffen der Proleten.

Wenn’s wieder ihn gelüstet,

dass er uns überlistet,

dann läuft es diesmal andersrum, dideldum,

denn jetzt sind wir gerüstet.

 

Die Situation,

die kennen wir schon.

Was ist daran neu?

Die Partei.

 

Als einst Paris Kommune war,

vergaßen sie den Bourgeois,

der seine alte Welt

noch in den Krallen hält.

Es ahnte nicht der kleine Mann

wer er ist und was er kann,

sah zwischen Elend und Bank

keinen Zusammenhang.

Doch heute kennt er des Bürgers Schmäh

genauso gut wie ein Bankier,

denn diesmal läuft es andersrum, dideldum,

wir stürmen das Winterpalais.

 

Die Situation,

die kennen wir schon.

Was ist daran neu?

Die Partei.

 

 

Stille und Lärm

 

Als das Sowjetvolk den Sieg errang,

jagt durch den Äther wieder

eine große Stille, die tönend klang

wie große Pause, wie Fischgesang,

der Schock fuhr in alle Glieder.

 

Doch in der Vorstadt jeder Stadt,

wo Unterdrückte leben,

hält man jetzt den Kopf gerad’:

„Lasst uns doch auf Leningrad

und Lenin einen heben!“

 

 

 

Stamokap-Strömung in der SJÖ - politbuero@stamokap.org