|
1. Der Kostenpreis
11
1.1.
Der Kreislauf von Ware und Geld
Wir leben in einer
Wirtschaft, die sich durch eine weitverzweigte Arbeitsteilung
kennzeichnet. Ständig werden viele Millionen von Tauschakten
vollzogen; für Geld werden Waren gekauft und Vermögen, die in
Warenvorräten angelegt sind, werden in gleicher Weise in Geld
zurückverwandelt.
In einfachster Weise
vollzieht sich der Umschlag des Handelskapitals. Der Kaufmann nimmt
Geld (G), kauft dafür Ware (W) und verkauft diese Ware wieder weiter,
wodurch die Rückverwandlung in Geld (G) erfolgt. Die Geldsumme, die am
Schluss dieses Kreislaufes vorhanden ist, wird in der Regel größer
sein als jene, über die der Kaufmann ursprünglich verfügte. Wir
drücken dies dadurch aus, dass wir dem großen G ein kleines g
hinzufügen. Die Formel für die Zirkulation des Handelskapitals lautet
deshalb:
G
à
W à
G + g
Etwas komplizierter
verläuft die Zirkulation des industriellen Kapitals. Der Fabrikant
nimmt das Geld (G), geht damit auf den Markt und kauft Waren (W).
Diese Waren bestehen einerseits aus den Produktionsmitteln (Pm),
worunter Wirtschaftsgebäude, Maschinen und Rohstoffe zu verstehen
sind, andererseits aus der notwendigen Arbeitskraft (Ak). Nun wird der
Kreislauf des Geldes durch den Produktionsprozess (... P ...)
unterbrochen, aus dem wieder Ware (W) hervorgeht. Diese Ware wird
verkauft und verwandelt sich wieder in Geld (G). "Am Schlusse des
Prozesses", sagt Marx, "befindet sich der Kapitalwert also wieder in
derselben Form, worin er in ihn eintrat, kann ihn also wieder von
neuem als Geldkapital eröffnen und durchlaufen." Die Form des
Geldkapitals wurde durch diesen Zirkulationsprozess nicht verändert,
wohl aber seine Größe. Da in der Geldsumme, die am Schluss des
Kreislaufs vorhanden ist, der Profit des Unternehmers steckt, so wird
sie größer sein als die ursprünglich vorhandene. Die Formel für die
Zirkulation des industriellen Kapitals sieht so aus:
G
à
W
{
Pm, Ak ... P … W
à
G + g
Es ist klar: In den
Kostenpreis der Ware sind nicht nur die Auslagen für Rohstoffe und
Arbeitskräfte einzurechnen, sondern es muss ein entsprechender Betrag
für die Erneuerung der verwendeten Fabriksgelände, Maschinen und
Werkzeuge zurückgelegt werden. Diesen Vorgang nennt man abschreiben
oder amortisieren.
12
1.2. Das
fixe und das zirkulierende Kapital
Analysieren wir den
Produktionsprozess, so finden wir, dass der Kapitalwert, der in den
Produktionsmitteln steckt, in verschiedener Weise zirkuliert. Ein Teil
der Produktionsmittel geht seinem Wert nach ganz in das neue Produkt
ein, ein anderer Teil überträgt seinen Wert nur allmählich und
stückweise auf die neuen Produkte.
Aus der verschiedenen
Weise, worin die verschiedenen Teile des produktiven Kapitals ihren
Wert auf das Produkt übertragen, entspringen, sagt Marx, "die
Formbestimmtheiten von fixem und flüssigem Kapital." Aber nur das
produktive Kapital kann sich in ein fixes (stehendes) und in ein
zirkulierendes (umlaufendes, flüssiges) Kapital spalten; für das
Waren- und Geldkapital besteht dieser Gegensatz nicht.
Als fixes Kapital
bezeichnet man jenen Teil des Kapitals, der in den
Wirtschaftsgebäuden, Maschinen, Werkzeugen, Transportmitteln usw.
festgelegt ist. In dem Maße, als diese Arbeitsmittel gebraucht und
abgenutzt werden, geht ein Teil ihres Wertes auf die neuen Produkte
über. Der andere Teil des Wertes bleibt aber während der
Funktionsdauer dieser Arbeitsmittel in ihnen fixiert.
Darum bezeichnen wir das
in diesen Arbeitsmitteln angelegte Kapital als fixes oder stehendes
Kapital. Der so "fixierte" Wert nimmt ständig ab, bis das
Arbeitsmittel ausgedient hat. Während dieser Zeit wurde der Wert des
Arbeitsmittels allmählich, stückweise auf die Produkte übertragen.
Allgemein dürfen wir
sagen: Das fixe Kapital stellen jene Produktionsmittel dar, die nicht
in dem Zeitraum verbraucht oder abgenutzt werden, in dem das Produkt
fertiggestellt und aus dem Produktionsprozess als Ware abgestoßen
wird. In derselben Zeit, während das fixe Kapital einmal umschlägt,
schlägt das flüssige Kapital viele Male um.
Als zirkulierendes,
umlaufendes oder flüssiges Kapital bezeichnen wir den Teil des
produktiven Kapitals, der in Rohstoffen, Hilfsstoffen, der
Arbeitskraft usw. steckt. Die Produktionsmittel, die das umlaufende
Kapital darstellen, haben die Eigenschaft, dass sie in jedem
Arbeitsprozess, worin sie eingehen, ganz verbraucht werden. Ihr Wert
wird vollständig auf das neue Produkt übertragen. Ein Teil der
Produktionsmittel - etwa das Leder, aus dem man Schuhe macht - geht
stofflich in das Produkt über, aber ihr Wert bildet dennoch einen Teil
des Wertes des neugeschaffenen Produkts.
Suchen wir nun diese
Gedanken durch einige Beispiele zu veranschaulichen. Welches Kapital
stellt ein Ochse dar? Das kommt auf seine Verwendung an: Wird ein
Ochse als Arbeitstier verwendet, so ist er fixes Kapital. Es wird ja
nicht in einem Arbeitsgang verbraucht, sondern nützt sich wie eine
Maschine allmählich ab. Der Mastochse dagegen , den der Fleischhauer
kauft und aushackt, ist zirkulierendes Kapital. Der Eisenbahnwaggon,
der in aller Welt herumläuft, ist trotzdem kein laufendes, sondern
fixes Kapital. Der Dünger, der nur für eine Produktionsperiode wirksam
ist, stellt ein zirkulierendes Kapital dar. Erstreckt sich aber die
Wirksamkeit des Düngers auf mehrere Ernten, so wird das aufgewendete
Vermögen ein Bestandteil des fixen Kapitals.
13
1.3. Die Berechnung
des Kostenpreises
Die Produzenten führen in
ihrem eigenen Interesse fallweise Kalkulationen durch, um den
Kostenpreis eines Meterzenters (q) einer von ihnen geschaffenen Ware
zu bestimmen. Wollen wir beispielsweise eine solche Kalkulation
vornehmen, so müssen wir eine Annahme über die Leistungsfähigkeit
eines industriellen Unternehmens treffen. Unterstellen wir, dass unser
Betrieb bei voller Ausnützung der Leistungsfähigkeit (Kapazität)
jährlich 1.000 q einer bestimmten Ware erzeugen kann. Die
Fabriksanlagen kosten 100.000.- Schilling und sollen in fünfzig Jahren
amortisiert werden. Die Maschinen, die 60.000.- kosten, sind in zehn
Jahren zu amortisieren. Für Arbeitslöhne, Roh- und Hilfsstoffe haben
wir pro Zentner auszugeben:
Arbeitslohn: 6 S
Rohstoffe: 7 S
Hilfsstoffe: 2 S
Regien: 3 S
= Summe: 18 S
Ist damit unsere
Kalkulation schon beendet? Nein, wir müssen jetzt noch die
Amortisationskosten für die Gebäude und Maschinen berechnen. Die
Rechnung lautet: Die Gebäude kosten 100.000 S und haben eine
Lebensdauer von fünfzig Jahren. Wir müssen also jährlich 2.000 S
zurücklegen, dann haben wir im Laufe von fünfzig Jahren diese 100.000
herangebracht. Wieviel müssen wir pro Zentner verdienen, um jährlich
2.000 S für die Gebäude zurücklegen zu können? Da wir jährlich 1.000 q
erzeugen, müssen wir pro Zentner eine Gebäudeamortisation von 2 S
zuschlagen.
Die Maschinen kosten
60.000 S und haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. Für die
Amortisation der Maschinen müssen wir demnach jährlich ein Zehntel des
Einkaufspreises der Maschinen, also 6.000 S, zurücklegen. Da wir
jährlich 1.000 q erzeugen, so entfällt auf die Amortisation der
Maschinen pro Zentner ein Beitrag von 6 S.
Zu dem vorhin errechneten
Kostenpreis von 18 S kommen daher noch hinzu:
Gebäude-Amortisation: 2 S
Maschinen-Amortisation: 6 S
= Summe: 8 S
Der Kostenpreis beträgt
nach unserem Beispiel also 18 S + 8 S = 26 S.
14
1.4.
Verschiedenheit der Kostenpreise
Ein alte Erfahrung lehrt
uns, dass die Kostenpreise der verschiedenen Unternehmungen keineswegs
gleich hoch sind, sondern sehr starke Unterschiede aufweisen. Ihre
Differenzierung wird durch folgende Einzelheiten bedingt:
1.
Die Verschiedenheit der
technischen Einrichtung: Ein Betrieb mit leistungsfähigeren, modernen
Maschinen wird billiger produzieren als ein Betrieb mit veralteten
Maschinen.
2.
Verschiedene Standorte:
Ein Eisenwerk, das bei einem Kohlebergwerk liegt, wird billiger
produzieren als ein Werk, das die Kohle von einem weit entfernten
Bergwerk zuführen muss. Da ein Eisenwerk sehr viel Kohle braucht,
erhöhen die Zufuhrkosten der Kohle den Kostenpreis des Eisens
wesentlich.
3.
Der durchschnittliche
Beschäftigungsgrad des Betriebes: Der Grad der durchschnittlichen
Kapazitätsausnützung spielt beim Kostenpreis eine große Rolle. Sehen
wir uns doch die Berechnung im Punkt 1.3. an. Bei der Annahme, dass
dieser Betrieb durch eine Krise seine Produktion um die Hälfte
herabsetzen muss, wird die Gebäudeamortisation von 2 S auf 4 S und die
Maschinenamortisation von 6 S auf 12 S steigen. Auch die Regien für
Beleuchtung und Beheizung der Arbeitsräume belasten den Kostenpreis
mehr, wenn der Betrieb nicht voll beschäftigt ist.
4.
Die Größe des Betriebes:
Großbetriebe haben in der Regel einen kleineren Kostenpreis pro
Einheit als Kleinbetriebe. Sie können bessere Maschinen einstellen,
können diese Maschinen besser ausnützen, haben geringere
Amortisations- und Personalkosten.
5.
Die Tüchtigkeit der
Arbeitskräfte: Ein Betrieb, der umsichtig geleitet ist und der gute
Arbeitskräfte beschäftigt, wird natürlich billiger produzieren als ein
schlicht geleiteter Betrieb mit untüchtigen Arbeitern.
2
2.
Der Marktpreis
21
2.1.
Individuelle Preise und Marktpreise
Unter dem individuellen
Preis verstehen wir den Preis, den der einzelne Käufer für die
einzelne Ware bezahlt. Jeder, der das Getriebe des Marktes kennt,
weiß, dass diese individuellen Preise verschieden sind. Aber es
besteht die Tendenz, die individuellen Preise anzugleichen. Seht euch
einmal die Oberfläche eines Gewässers an, das vom Winde bewegt wird.
Ist diese Oberfläche eine Ebene? Nein. Aber trotzdem hat das Wasser
die Tendenz, eine Oberfläche zu bilden. Eine solche Tendenz besteht
auch bei den Preisen.
Die individuellen Preise
haben das Bestreben, sich einem Grundpreis anzupassen. Diesen
Grundpreis, um den wirklichen Preise sozusagen pendeln, nennen wir den
Marktpreis. Wir wollen nun das Entstehen, die Veränderungen und die
Bedeutung des Marktpreises etwas näher betrachten.
22
2.2. Die
Angebotsfunktion
Damit wir nicht mit
abstrakten Vorstellungen arbeiten müssen, konstruieren wir zunächst
einige konkrete Beispiele. Festzuhalten ist dabei, dass wir, um die
Wirkung von Angebot und Nachfrage zu verstehen, freie Konkurrenz
voraussetzen.
|
Unternehmer |
Produktion bei voller
Beschäftigung (q) |
Kostenpreis eines
Zentners |
|
Hans Müller |
380 |
8 S |
|
Georg Schulz |
320 |
9 S |
|
Wenzel Prohaska |
300 |
10 S |
|
Ignaz Kohn |
250 |
11 S |
|
Eduard Schmidt |
200 |
12 S |
Wir nehmen an, dass es in
einem bestimmten, für sich abgeschlossenen Wirtschaftsgebiet nur diese
fünf Betriebe gäbe. Das Angebot würde sich so gestalten:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot in Zentnern: |
|
8 S |
380 |
|
9 S |
700 |
|
10 S |
1000 |
|
11 S |
1250 |
|
12 S |
1450 |
Unser Beispiel besagt:
Beträgt der Marktpreis 8 S, so kann nur der Betrieb Hans Müller
produzieren, dessen Kostenpreis so hoch ist wie der Marktpreis. Die
Produktionskosten der anderen vier Betriebe sind höher als 8 S pro
Meterzentner. Sie müssten daher, da kein Unternehmer dauernd mit
Verlust arbeiten kann, die Produktion einstellen. Einem Marktpreis von
8 S entspricht in unserem Falle ein Angebot von 380 q. Stiege der
Marktpreis von 8 auf 9 S, so könnte auch die Firma Schulz produzieren,
deren Kostenpreis 9 S ist. Bei voller Ausnützung ihrer Kapazität
erzeugen die beiden Firmen 700 q. Einem Marktpreis von 9 S entspräche
daher ein Angebot von 700 q. Stiege der Marktpreis auf 10 S, so
betrüge das Angebot 1.000 q usw., wie es unsere Zahlenreihe zeigt, die
wir "Angebotsfunktion" nennen.
23
2.3. Die Nachfrage-Funktion
Eines Tages kommen die
Käufer auf den Markt und finden, dass die Äpfel teurer geworden sind.
Was werden sie tun? Sie werden weniger oder gar keine Äpfel kaufen.
Das bedeutet: Die Nachfrage nach Äpfeln sinkt. Man sieht: Die
Nachfrage ist vom Marktpreis abhängig, sie ist eine Funktion des
Marktpreises.
Je höher der Marktpreis,
umso geringer die Nachfrage - und umgekehrt. Ein Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
1080 q |
|
9 S |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
|
11 S |
950 q |
|
12 S |
920 q |
Unser Beispiel zeigt,
dass den steigenden Marktpreisen eine sinkende Nachfrage entspricht.
Die Änderung der Nachfrage wird bei den verschiedenen Waren
verschieden sein. Steigen zum Beispiel die Preise für Äpfel, so sinkt
die Nachfrage stark. Denn man kann die Äpfel durch ein anderes Obst
ersetzen. Brot wird auch dann gekauft werden müssen, wenn die
Brotpreise gestiegen sind. Das Brot ist für uns ein unentbehrliches
Nahrungsmittel, das schwer zu ersetzen ist. Das Äpfelessen können wir
uns eventuell abgewöhnen, das Brotessen nicht.
Auch die Elastizität der
Nachfrage wird daher verschieden sein. Bei Luxuswaren wird schon eine
geringe Preisschwankung eine Änderung der Nachfrage hervorrufen. Bei
lebenswichtigen Gebrauchsartikel dagegen werden Preisschwankungen die
Nachfrage weniger stark beeinflussen. Allgemein dürfen wir sagen: Je
unentbehrlicher eine Ware, desto weniger elastisch wird die Nachfrage
sein - je entbehrlicher eine Ware, desto elastischer die Nachfrage.
24
2.4. Der Marktpreis
Wir versuchen nun, uns
das Entstehen des Marktpreises durch die früheren Beispiele
klarzumachen:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
Wie hoch müsste nach
diesem Beispiel der Marktpreis sein? Unterstellen wir einen Marktpreis
von 8 S, so kann nach unserer früheren Annahme nur der Betrieb Hans
Müller arbeiten, der einen Kostpreis von 8 S hat. Wir haben daher ein
Angebot von 380 q. Die Nachfrage aber ist bei diesem wohlfeilen Preis
groß. Sie beträgt laut Beispiel 1.080 q. Bei dieser Marktlage werden
fast zwei Drittel der Kauflustigen keine Ware bekommen. Bei freier
Konkurrenz ein unmöglicher Zustand. Was wird geschehen? Eine
stürmische Nachfrage treibt die Preise empor. Steigt der Marktpreis
auf 9 S, so kann auch der Betrieb Schulz arbeiten. Diesem Marktpreis
entspricht ein Angebot von 700 q. Die Nachfrage wird durch die
Preiserhöhung leicht gesenkt. Sie beträgt 1.050 q. Angebot und
Nachfrage stehen aber immer noch in einem starken Missverhältnis.
Folge: Die Preise werden weitersteigen. Steigt der Marktpreis auf 10
S, so kann auch der Betrieb Prohaska arbeiten. Das Angebot erhöht sich
dadurch von 700 auf 1.000 q. Die Nachfrage sinkt infolge der
neuerlichen Preiserhöhung von 1050 q auf 1.000 q. Wir sehen: nun sind
Angebot und Nachfrage gleich. In unserem Fall müsste der Marktpreis 10
S betragen. Denn der Marktpreis ist derjenige Preis, bei dem Angebot
und Nachfrage gleich groß sind.
Was geschähe, wenn man
versuchen wollte, den Marktpreis mit 11 S festzusetzen? Diese
Preiserhöhung hätte eine Erhöhung des Angebotes von 1.000 q auf 1.250
q und eine Senkung der Nachfrage von auf 950 q zur Folge. 300 q Waren
blieben unverkauft liegen. Das Überangebot würde den Marktpreis wieder
auf 10 S herabdrücken.
Werfen wir noch einen
Blick auf unser Beispiel in 2.2. Dort sehen wir, dass die Betriebe
Kohn und Schmidt einen Kostenpreis von 11 S und 12 S pro q haben. Sie
könnten daher bei einem Marktpreis von 10 S nicht produzieren. Sie
blieben auf der Strecke. Der Marktpreis entscheidet, wie uns dieses
Beispiel lehrt, über das Schicksal der Betriebe. Betriebe, die eine
schlechte technische Einrichtung, einen ungünstigen Standort oder eine
unfähige Leitung haben, können bei freier Konkurrenz völlig
ausgeschaltet werden.
25
2.5.
Veränderung des
Marktpreises infolge der Änderung der Angebotsfunktion
Nehmen wir nun an, es
wird eine neue Firma gegründet, die wir "Industrie AG" nennen. Die
neue Firma hat eine Kapazität von 350 q und ist technisch so
vorzüglich eingerichtet, dass es ihr gelingt, den Kostenpreis pro
Zentner auf 7 S herabzudrücken. Was geschieht nun? Das Angebot wird
steigen. Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot vor und... |
... nach Errichtung
des neuen Betriebes... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
380 q |
730 q |
1080 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
1350 q |
1000 q |
|
11 S |
1250 q |
1600 q |
950 q |
|
12 S |
1450 q |
1800 q |
920 q |
Wir sehen: Das Angebot
ist gestiegen. Nach Errichtung eines neuen Betriebes entspricht einem
Marktpreis von 9 S ein Angebot von 1.050 q. Da die Nachfrage bei
diesem Preis ebenfalls 1.050 q beträgt, so sind Angebot und Nachfrage
gleich. Der Marktpreis wird nun 9 S betragen, er ist durch das
Auftreten des neuen Betriebes um 1 S pro Zentner gesunken.
Die allgemeine Regel, die
wir auf Grund dieser Erfahrung aufstellen können, lautet: Wir sprechen
von einer Erhöhung des Angebotes, wenn die Angebotsfunktion eine
solche Veränderung erfährt, dass jedem Preis ein höheres Angebot
entspricht als früher.
26
2.6.
Veränderung des
Marktpreises infolge Änderung der Nachfragefunktion
Setzen wir den Fall, dass
durch eine Wirtschaftskrise das Einkommen der Volksmassen verringert
wird. Die Nachfrage nach Waren wird sinken. Bei gleichem Marktpreis
wird nun die Nachfrage kleiner sein als früher. Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
Nachfrage in der
Wirtschaftskrise: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
730 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
700 q |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
670 q |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
640 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
600 q |
Durch die geschwächte
Kaufkraft ist die Nachfrage gesunken. Angebot und Nachfrage sind nun
schon bei einem Marktpreis von 9 S gleich. Das heißt: Die gesunkene
Nachfrage hat eine Senkung des Preises von 10 S auf 9 S
herbeigeführt.
Schlussfolgerung: Wir
sprechen von einer verminderten Nachfrage, wenn die Nachfragefunktion
eine solche Änderung erfährt, dass jedem Marktpreis eine kleinere
Nachfrage entspricht als früher.
Diese Betrachtung lehrt
uns noch ein zweites: Durch das Sinken des Marktpreises, das durch die
Krise bedingt ist, wird der Betrieb Prohaska gezwungen werden, die
Produktion einzustellen, weil sein Kostenpreis höher als der
nunmehrige Marktpreis ist. Unser Beispiel bestätigt die Erfahrung,
dass die Krise technisch unvollkommene oder schlecht geleitete
Betriebe zugrunde richtet.
27
2.7.
Die gesellschaftliche
Bedeutung des Marktpreises
Stellen wir uns eine
Bauernwirtschaft im Zeitalter der geschlossenen Hauswirtschaft vor.
Infolge einer Missernte wächst wenig Korn. Was geschieht dann? Die
Hausmutter wird ihren Familienmitglieder sagen: "Heuer ist wenig Korn
gewachsen - wir müssen mit dem Brot sparen, damit wir bis zur nächsten
Ernte das Auslangen finden." Und sie wird, wenn diese Ermahnung nichts
nützt, die Sparsamkeit dadurch erzwingen, dass sie das Brot dünner
schneidet. War die Kornernte gut, so wird die Hausfrau sagen: "Esst
nur, heuer hatten wir einen so großen Erntesegen, dass wir bis zur
nächsten Ernte reichlich eingedeckt sind."
Wie ist es in einem
kapitalistischen Staat? Da gibt es auch schlechte Ernten. Wer passt
hier den Verbrauch der schlechten Ernte an? Die kapitalistische
Gesellschaft wirtschaftet völlig planlos - anarchisch. Hier sorgt
keine Hausmutter dafür, dass mit dem Brot gespart wird, wenn eine
schlechte Ernte war. Wer also regelt in der kapitalistischen
Gesellschaft den Verbrauch? - Der Marktpreis.
War eine schlechte
Getreideernte, so sinkt das Angebot von Getreide. Geringeres Angebot
bei unverminderter Nachfrage - das bedeutet: Steigen der Preise.
Höhere Preise senken die Nachfrage. Der höhere Marktpreis zwingt also
die Volksmassen, weniger Brot zu essen. Die Schwankungen des
Marktpreises regeln in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung die
Anpassung des Verbrauches an die Produktion.
Aber dieses Verfahren der
Verbrauchsanpassung mit Hilfe des Marktpreises hat auch eine besondere
soziale Wirkung: Die kapitalistische Regelung zwingt nur diejenigen,
weniger Brot zu essen, die arm sind. Die Reichen können sich auch bei
hohen Brotpreisen so viel kaufen, wie sie wollen.
28
2.8.
Abhängigkeit der
Marktpreise von der Elastizität der Nachfrage
Die Weinernte ist
schlecht geraten. Es ist wenig Wein da. Der Weinkonsum muss
eingeschränkt werden. Wie bringt man das dem Weintrinker bei? In der
geschlossenen Hauswirtschaft ist das höchst einfach: Die Hausmutter
wird dem Herrn Gemahl und den anderen weintrinkenden
Familienmitgliedern heuer weniger Wein vorsetzen.
Anders im Kapitalismus.
Hier müssen die Preise so hoch gestellt werden (welcher Mechanismus
das besorgt, haben wir bereits dargestellt), dass weniger Wein und
vielleicht mehr Bier oder Schnaps getrunken wird. Dasselbe ist der
Fall, wenn weniger Brot in der Welt vorhanden ist: Die höheren Preise
müssen den Brotgenuss eindämmen.
Da man aber dem
Brotgenuss viel schwerer entsagen kann als etwa dem Genuss des Weines
- die Elastizität der Nachfrage ist bei unentbehrlichen Artikeln sehr
klein - so kann die Einschränkung des Brotkonsums nur durch sehr
bedeutende Preiserhöhungen erreicht werden. Beim Wein wird schon eine
kleinere Preiserhöhung genügen, um die Nachfrage zu senken. Die
allgemeine Regel, die wir aus diesen Erfahrungen ableiten können,
lautet: Je weniger elastisch die Nachfrage, desto stärkerer
Preisschwankungen bedarf es, um die Anpassung des Verbrauches an die
Produktion zu erzwingen.
Bei guter Getreideernte
muss die Preissenkung ziemlich große sein, damit sie eine gesteigerte
Nachfrage nach sich zieht. Denn es ist klar: Im Brotessen sind die
Menschen nicht so leicht unmäßig wie beim Weintrinken. Wird der
Weinpreis gesenkt, so steigt - vorausgesetzt unveränderte Preise
anderer Getränke - gewiss der Weinkonsum gewaltig. Sinkt aber der
Brotpreis, so steigt der Brotkonsum nicht annähernd so rasch wie der
Weinkonsum. Beim Brot müssen schon bedeutende Preissenkungen
vorgenommen werden, um eine wesentliche Konsumsteigerung zu erreichen.
Sehr gute Ernten können deshalb die Landwirte in eine schlechte Lage
bringen. Denn um die Nachfrage zu steigern, sind oft so große
Preissenkungen notwendig, dass die Preisverluste viel größer sind als
der Gewinn, der durch die gute Ernte entstanden ist. Das ist einer der
wirtschaftlichen Gründe, dass oft große Teile der Ernte einfach
vernichtet werden. Dass es vom kapitalistischen Standpunkt aus
"vernünftig" sein kann, Unmengen von Lebensmitteln zu vernichten,
beweist nur, wie unvernünftig und widersinnig das kapitalistische
Wirtschaftsordnung ist.
29
2.9.
Staatliche Höchstpreise
oder Nationalpreise
Zu gewissen Zeiten sind
den Regierungen Preissteigerungen unerwünscht. Hätte man
beispielsweise im Weltkrieg den Preissteigerungen freien Lauf
gelassen, so wäre eine unerträgliche Teuerung eingetreten. Dies hätte
Empörung und Kriegmüdigkeit zur Folge gehabt. Die Regierung musste
deshalb diese Preiserhöhungen zu verhindern suchen: sie setzte
amtliche Höchstpreise fest.
Die geschichtliche
Entwicklung lehrt uns aber, dass sich die Höchstpreise überall mehr
oder weniger als unwirksam erwiesen haben. Warum? Aufgrund der
bisherigen Untersuchungen des Marktpreises werden wir es leicht
verstehen. Der staatliche Höchstpreis verhindert die freie
Preisbildung. Er schaltet damit den "Regulator" Marktpreis aus, der
bekanntlich Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen hat. Der
Zweck des Höchstpreises ist es ja, die Preise möglichst niedrig zu
halten. Niedrige Preise - das bedeutet: geringes Angebot, große
Nachfrage. Der gewaltsam niedrig gehaltene staatliche Höchstpreis hat
daher zur Folge, dass die Nachfrage um vieles größer ist als das
Angebot. Es tritt Warenmangel ein. Die später kommenden Käufer gehen
leer aus. Das "Anstellen" oder "Schlangestehen", das wir aus dem
Weltkrieg so gut kennen, beginnt. Der unausrottbare Schleichhandel
durchbricht schließlich alle staatlichen Preisfestsetzungen.
Der Höchstpreis allein
versagt immer und muss immer versagen - denn der Marktpreis, den der
staatliche Höchstpreis ausschaltet, ist für die kapitalistische
Wirtschaft eine Notwendigkeit. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass
man die wirtschaftlichen Wirkungen aufheben könne, ohne deren Ursache
zu entfernen. Die Ursache aber ist: Die Anarchie der kapitalistischen
Wirtschaft.
Mit Preisbestimmungen
allein ist nichts getan. Wenn man den Marktpreis beseitigt, so muss
man auch die Produktion und Konsumtion staatlich regeln. Die Erfahrung
bestätigt auch, dass die Staaten, die gesetzliche Höchstpreise
einführten, sehr bald dazu übergehen mussten, auch die Verteilung der
Waren zu regeln. Man setzte im Weltkrieg in Österreich und in
Deutschland nicht nur die Preise fest, sondern ging bald dazu über,
auch die Größe der Lebensmittel ("Rationen") zu bestimmen, die die
Staatsbürger kaufen durften: man führte Lebensmittelkarten ein.
210
2.10.
Marktpreisveränderungen
und technischer Fortschritt
Der Marktpreis hat in der
kapitalistischen Wirtschaft die Funktion, Produktion und Verbrauch zu
regeln. Er hat aber daneben auch noch eine wichtige Aufgabe zu
erfüllen: er fördert den technischen Fortschritt. Wir haben es an
unseren früheren Beispielen gesehen: Der Marktpreis entscheidet
darüber, welche Betriebe produzieren können und welche nicht. Tritt
beispielsweise ein besser ausgestatteter Betrieb auf den Plan, der
einen niedrigeren Kostenpreis hat als die bestehenden Betriebe, so
steigt dadurch das Angebot. Das Steigen des Angebotes hat aber ein
Sinken des Marktpreises zur Folge. Jeder Betrieb, dessen Kostenpreis
höher ist als der Marktpreis, geht zugrunde. Die rückständigen,
schlecht geführten oder ungünstig gelegenen Betriebe werden also durch
den Konkurrenzkampf ausgeschaltet. So zwingt der Marktpreis den
Unternehmer bei Strafe des Untergangs zur technischen Vervollkommnung
seines Betriebes. Die Erzwingung des technischen Fortschrittes - das
ist das Große am Kapitalismus, das von seinen Lobrednern so sehr
gerühmt wird. Wir leugnen diese Leistung nicht, wie wissen aber auch,
dass diese rücksichtslose Erzwingung des technischen Fortschritts mit
ungeheuren Opfern erkauft wurde.
Ein Rückblick in die
Geschichte zeigt, dass sich der kapitalistische Konkurrenzkampf in
folgenden Formen abspielt:
1.
Der kapitalistische
Betrieb konkurrenziert den Handwerksbetrieb nieder: Beispiele dafür
lieferten die handwerksmäßigen Betriebe der Nagelschmiede,
Seifensieder und Färber. Sie sind fast gänzlich verschwunden. Auch die
Erzeugung von Schuhen, die früher eine Sache des Handwerks war, ist
heute fast ausschließlich auf die Fabriken übergegangen. Nur
Handwerke, bei denen es auf eine besondere Geschicklichkeit der Hände
ankommt, die man schwer durch Maschinenarbeit ersetzen kann, vermögen
dieser Konkurrenz standzuhalten.
2.
Die kapitalistische
Fabrik siegt über die kapitalistische Hausindustrie: Das bekannteste
Beispiel ist hier der Untergang der Hausweberei. Hier spielte sich ein
unerhört opferreicher, erschütternder Kampf ab. Nur durch Überarbeit
und erschreckend niedrige Löhne konnten sich die Weber einige Zeit
gegen die Konkurrenz behaupten. Dieses Elend der Weber schildert sehr
gut Gerhart Hauptmann in seiner Dichtung "Die Weber".
3.
Die technisch vollkommene
Fabrik siegt über die weniger gut eingerichteten Fabriken. Beispiel:
Die österreichische Metallindustrie ist vielfach der technisch
überlegenen Industrie des Auslandes erlegen.
Wir sehen: Auf diese
harte, unbarmherzige Weise erzwingt die kapitalistische Wirtschaft den
technische Fortschritt.
3
3. Kartelle und Trusts
31
3.1.
Ausschaltung der freien Konkurrenz
Die Konkurrenz, die sich
die Unternehmer untereinander machen, ist ihnen natürlich unangenehm.
Sie schmälert ja ihren Profit. Die Produzenten suchen sich daher diese
unleidliche Konkurrenz vom Hals zu schaffen; sie treffen eine
Preisvereinbarung. Nehmen wir an, die Unternehmer hätten vereinbart,
von nun an ihre Waren zu einem Preis von 11 Schilling pro Zentner
abzugeben. Wie würde sich nun die Marktlage gestalten? Setzen wir
unser früheres Beispiel fort:
|
Wenn der Marktpreis
beträgt... |
... dann beträgt das
Angebot... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
Angebot nach der
Preisvereinbarung: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
- |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
- |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
- |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
1250 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
1450 q |
Wir sehen: Die
Preisvereinbarung, die die Unternehmer getroffen haben, verändert die
Marktlage sehr wesentlich. Da die Unternehmer vereinbart haben, nicht
unter einem Marktpreis von 11 S zu verkaufen, so haben wir nun nach
Bildung des Kartells bei den Marktpreisen von 8, 9 und 10 S überhaupt
kein Angebot. Der Kartellpreis von 11 S hätte aber ein Angebot von
1.250 q zur Folge, da nun die vier Betriebe, deren Kostenpreis nicht
höher als 11 S ist, arbeiten können. Aber die Geschichte hat einen
Haken: bei einem Marktpreis von 11 S betrüge die Nachfrage nur 950 q.
Es blieben also 300 q unverkauft liegen. Die Unternehmer hätten zwar
jetzt einen höheren Preis, aber sie vermöchten fast ein Viertel der
erzeugten Waren nicht abzusetzen; ein unhaltbarer Zustand! Die
Unternehmer, deren Kostenpreis 8, 9 und 10 S beträgt, würden sagen:
Bevor wir die Waren liegen lassen, gehen wir wieder mit dem Preis
herunter. Das Kartell würde also gesprengt.
Dieses Beispiel lehrt
uns: Preisfestsetzungen allein reichen nicht aus. Es muss fast immer
auch die Produktion geregelt werden. In unserem Beispiel müssten sich
die vier Unternehmer einigen, nicht 1.250 q, sondern nur 950 q zu
erzeugen. Jedem der vier müsste eine bestimmte Quote (Teil)
vorgeschrieben werden, die er produzieren darf. Man spricht in einem
solchen Fall von "Kontingentierung" oder einem Quotenkartell.
Um kontrollieren zu
können, ob sich der einzelne Unternehmer auch an die vorgeschriebenen
Quoten halten und nicht mehr verkaufen, wird vielfach auch der Verkauf
von Waren vom Kartell besorgt. Das geschieht oft in Form eines
gemeinsamen Verkaufsbüros. Wo kein gemeinsames Verkaufslokal besteht,
wird der Verkauf dadurch geregelt, dass jedem Mitglied des Kartells
bestimmte Absatzgebiete zugewiesen werden. Man nennt die Rayonierung.
Dieses Kartell höherer
Ordnung, wo eine Preisvereinbarung, eine gemeinsame Regelung der
Produktion und ein gemeinsames Verkaufsbüro besteht, nennt man auch
Syndikat.
32
3.2.
Konkurrenz innerhalb des Kartells
Manche Leute sind der
Meinung, der Abschluss eines Kartellvertrages hebe die Konkurrenz der
Unternehmer untereinander auf. Das ist ein Irrtum. Das Kartell
verhindert zwar, dass die Konkurrenz die Marktpreise herabdrückt, aber
innerhalb des Kartells geht der Konkurrenzkampf in anderer Form
weiter. Wir haben es ja gesehen: Die Festsetzung höherer Kartellpreise
senkt die Nachfrage und macht eine Einschränkung der Produktion
notwendig. In unserem Beispiel müssten die Unternehmer die Produktion
um rund 25 Prozent verkleinern. Die Kapazität ihrer Betriebe wäre
nicht voll ausgenützt. Das erhöht bekanntlich den Kostenpreis. Jeder
Unternehmer ist deshalb bestrebt, bei der Aufteilung der Quoten eine
möglichst hohe Quote zugewiesen zu erhalten. Im Kartell selbst wird
also ein erbitterter Kampf um die Größe der Quoten geführt werden. Der
Betrieb mit der besten technischen Einrichtung und mit dem niedrigsten
Kostenpreis wir in diesem Kampf am mächtigsten sein, weil er auf den
Abschluss des Kartellvertrages am wenigsten angewiesen ist. Er kann ja
auch bei freier Konkurrenz bestehen. Er wird nur dann in das Kartell
gehen, wenn ihm eine große Quote bewilligt wird.
Diejenigen Unternehmer
aber, die wegen ihres kleinen, rückständigen Betriebes einen hohen
Kostenpreis haben und bei freier Konkurrenz mit wenig Gewinn oder gar
nicht produzieren können, werden sich auch mit einer kleineren Quote
zufrieden geben müssen. Man sieht: Auch innerhalb des Kartells
unterliegt der technisch rückständige Betrieb.
Aus dieser Tatsache
folgt: Da Kartellverträge meist nur für einige Jahre abgeschlossen
werden - sie sind gleichsam ein "Waffenstillstand", den sie als
bekriegende Unternehmer schließen, - so wird jeder Unternehmer
trachten, in der Zwischenzeit seinen Betrieb auszugestalten, um bei
der nächsten Abschließung des Kartellvertrages stärker auftrumpfen zu
können. Der Kampf um die Quote zwingt also die Unternehmer zum
technischen Fortschritt.
Damit die großen und
leistungsfähigeren Unternehmungen ihre Betriebe besser ausnützen
können, kaufen sie oft den kleineren Betrieben ihre Quote ab. Die
Großbetriebe können den kleinen Unternehmern ohne weiteres denselben
Gewinn geben, den diese früher hatten: Da sie in ihrem Großbetrieb
billiger produzieren als der Kleinbetrieb, dessen Quote sie kaufen,
bleibt ihnen immer noch ein Gewinn. Und in dem Maße, als sie durch den
Quotenkauf ihren Betrieb besser ausnützen können, sinkt ihr
Kostenpreis weiterhin. Sie machen also beide ein gutes Geschäft: der
Kleine hat denselben Gewinn wie früher und braucht nicht zu arbeiten -
der Große gewinnt dabei so viel, als er billiger produziert. Das
Ergebnis dieses Quotenkaufes ist: Stilllegung der rückständigen
Kleinbetriebe und Konzentration der Produktion in den technisch
vollkommensten Betrieben. Auch das Kartell fördert also den
technischen Fortschritt.
33
3.3.
Staatliche Höchstpreise beim Kartell
Wie wir früher gesehen
haben, sind staatliche Höchstpreise bei freier Konkurrenz immer
unwirksam und unhaltbar. Es muss zum Höchstpreis auch die Rationierung
treten.
Anders beim Kartell. Hier
sind staatliche Höchstpreise sehr wohl möglich, weil hier die
notwendige Rationierung schon vom Kartell selbst besorgt wurde und
wird. In unserem Beispiel, wo wir den Kartellpreis mit 11 S annahmen,
könnte der Staat diesen Preis ohne Gefahr auf 10 S herabsetzen. Was
geschähe? Die Nachfrage stiege von 950 auf 1.000 q. Der vierte
Betrieb, der einen Kostenpreis von 11 S hat, müsste die Produktion
einstellen und die anderen drei Betriebe müssten 1.000 q erzeugen,
wozu sie in der Lage wären.
Das liberale Argument,
dass Höchstpreise stets unwirksam seien, gilt nur für die freie
Konkurrenz. Da aber beim Kartell die Produktion dem Verbrauch
planmäßig angepasst wird, ist bis zu einem gewissen Grad der
staatliche Höchstpreis durchführbar.
34
3.4.
Trusts
Die Trusts sind zuerst in
Amerika entstanden. Den Anstoß dazu gab die Gesetzgebung. Das kam so:
Die amerikanischen Landwirte waren sehr unzufrieden, weil die Kartelle
die Preise für Industrieprodukte so emportrieben. Sie wandten sich an
den Staat um Hilfe gegen die Kartelle. Der Staat schritt schließlich
ein und aufgrund eines alten Gesetzes wurden die Kartelle verboten.
Die Kapitalisten, die über diese gesetzliche Verfügung empört waren,
dachten darüber nach, wie sie dieses profitstörende Gesetz umgehen
könnten. Sie fanden einen Ausweg: Da die kartellierten Unternehmen
fast ausschließlich Aktiengesellschaften waren, übertrugen die
Unternehmer nun alle Aktien einem Mann, der damit zum juristischen
Eigentümer all dieser Betriebe wurde. Er verwaltete nun alle Betriebe
von einer Stelle aus. Er setzte die Preise fest und teilte die Quoten
auf. Das Kartell, das gesetzlich verboten war, bestand in dieser Form
weiter. Diesen Vertrauensmann, dem die Aktien übertragen wurden,
nannte man "trustee", also Treuhänder. Daher der Name "Trust". So
verschmolz das Kapital gleichsam zu einem Riesenbetrieb - das Gesetz
gegen die Kartelle war machtlos. Auf diese Art entstand der Trust.
Ein Trust ist also eine
große Aktiengesellschaft, die man aus verschiedenen, bisher
selbständigen Unternehmungen bildet. Manche Trusts schließen heute
fast alle Unternehmungen eines Produktionszweiges ein.
Der erste Grund zur
Trustbildung war, wie wir gesehen haben, das Gesetz gegen die
Kartelle. Aber auch wirtschaftliche Gründe fördern das Entstehen von
Trusts. Durch den Ankauf der Kartellquoten entstehen ja von selbst
solche Riesenunternehmungen. In dieser Weise entstanden etwa in
Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Trusts in der chemischen und
in der Stahlindustrie.
Die Schnelligkeit des
technischen Fortschrittes wird durch die Trusts noch gefördert, weil
die Trusts die rückständigen Betriebe viel radikaler ausschalten als
die freie Konkurrenz.
Der Trust hat einen
Monopolpreis. Wird er aber die Preise ganz willkürlich festsetzen
können? Nein, er wird auf die Nachfrage Rücksicht nehmen müssen. Der
Profit hängt ja nicht nur davon ab, wie teuer man verkauft, sondern
auch davon, wie viel man von einer Ware verkauft. Jedenfalls wird der
Trust die Preise immer so festsetzen, dass der größte Profit
herauskommt. Dabei ist, sozial gesehen, das Schlimme an der Sache,
dass man gerade bei unentbehrlichen, lebenswichtigen Waren, deren
Nachfrage eine geringe Elastizität hat, die Preise sehr hoch stellen
kann, ohne ein starkes Sinken der Nachfrage befürchten zu müssen.
Ebenso wie beim Kartell besteht auch beim Trust die Möglichkeit der
staatlichen Preisfestsetzung, weil der Trust Produktion und Verbrauch
selbst in Einklang bringt.
35
3.5.
Von der freien Konkurrenz zum privaten Monopol
Man kann die Entwicklung
des Kapitalismus darstellen als eine Entwicklung von der freien
Konkurrenz zum privaten Monopol. In den fünfziger und sechziger Jahren
des 19. Jahrhunderts waren Kartelle und Trusts unbekannt. Der
Kapitalismus jener Zeit war der Kapitalismus der freien Konkurrenz.
Seine sichtbaren Ergebnisse waren: großer technischer Fortschritt,
Verdrängung des Handwerks und der rückständigen Betriebe. Diese
Entwicklung hat auch das geistige Leben der Menschen beeinflusst. Man
sah den großen technischen Fortschritt, sah, wie die Konkurrenz der
Unternehmer untereinander die Preise herabdrückte, und sagte: Das darf
man nicht stören. Mögen sich auch einzelne bereichern - schließlich
kommt diese Entwicklung doch allen zugute. Der Staat darf hier nicht
eingreifen, den Staat kümmert die Wirtschaft nichts - er hat nur dafür
zu sorgen, dass das Eigentum beschützt wird und jeder wirtschaftliche
Freiheit habe (Lassalle verspottete diese Auffassung als die
"Nachtwächteridee des Staates"). Diese Auffassung von den Aufgaben des
Staates - das charakterisiert den Liberalismus. Da sich der Kampf um
die Staatsauffassung vor allem zwischen den Industriellen der
englischen Stadt Manchester und den Feudalen abgespielt hat, nennt man
ihn auch "Manchester-Liberalismus".
Noch während der Kampf um
die Nützlichkeit der freien Konkurrenz tobte, haben die Kapitalisten
die von ihnen so hoch gerühmte wirtschaftliche "Freiheit" selbst
aufgegeben: Sie gründeten Kartelle und Trusts und schalteten die freie
Konkurrenz aus.
Durch diese Entwicklung
gewinnt die Sache des Sozialismus! Denn jetzt ist der Gegensatz nicht
mehr: freie Konkurrenz oder planvolle Regelung der Wirtschaft, sondern
Privatmonopol oder Staatsmonopol. Die amerikanischen Sozialisten haben
dafür das Schlagwort geprägt: "Die Nation an die Stelle der Trusts!"
36
3.6.
Die Konzentration des Kapitals und der Antikapitalismus
Dies Entwicklung des
Kapitalismus ist, kurz dargestellt, folgende: Die Fabrikbetriebe
richten die Handwerker und die Hausindustrie zugrunde. Folge: Übergang
von der handwerksmäßigen zur fabriksmäßigen Produktion. Die Konkurrenz
der Fabrikbetriebe untereinander schaltet die schwachen und
rückständigen Betriebe aus: Die Produktion wird in großen
Unternehmungen zusammengeballt. Und dann kommt der nächste Schritt:
Die einzelnen Großbetriebe vereinigen sich zu Riesenunternehmungen,
die fast ganze Produktionszweige beherrschen: zu Trusts.
Diese Entwicklung, die
ungemein schmerzhaft ist und zahllose Opfer fordert, ruft natürlich
große Klagen hervor und löst viele Widerstände aus: So entsteht der
Antikapitalismus. Wir unterscheiden zwei Arten von Antikapitalismus:
1. den kleinbürgerlichen und 2. den proletarischen Antikapitalismus.
Der kleinbürgerliche
Antikapitalismus: Die Handwerker und die Angehörigen der Hausindustrie
wehren sich gegen die Fabrik, die sie ins Elend gebracht hat. Sie
wehren sich gegen die neue Entwicklung und wollen die "gute alte Zeit"
wieder haben. In ihrer Not rufen sie die Hilfe des Staates an. Dieser
sucht die Handwerker zu schützen. Da er aber die Errichtung von
Fabriken und die Verwendung der Maschinen nicht verbieten kann, sucht
er durch zünftlerische Maßnahmen das "Gewerbe zu retten": Es wird ein
Befähigungsnachweis, ein Konzessionszwang und ähnliches eingeführt.
Aber all das ist vergeblich. Diese kleinbürgerliche Bewegungen, die
mit ihrem Antlitz nach rückwärts gerichtet sind, die zurück ins
Mittelalter möchten, sind trotz ihres oft sehr lauten und revolutionär
anmutenden Geschreis reaktionär. Sie müssen daher versagen. Das
Zeitalter der Postkutsche, des Kienspans und des Nagelschmiedes ist
endgültig dahin. Die Entwicklung geht unaufhaltsam und unerbittlich
ihren Weg und der kleinbürgerliche Antikapitalismus bleibt auf der
Strecke.
Ganz anders sieht der
proletarische Antikapitalismus aus. Auch die Arbeiter stehen dem
Kapitalismus feindlich gegenüber. Aber sie sehen die Dinge anders. Die
Arbeiter wissen: im Großbetrieb kann man leichter eine Organisation
aufbauen als im Kleinbetrieb; im Großbetrieb ist der gewerkschaftliche
Kampf besser durchführbar und aussichtsreicher, die Einhaltung der
Arbeiterschutzgesetze und der gesundheitlichen Einrichtungen ist im
Großbetrieb besser zu überprüfen. Weiter verstehen die Arbeiter: der
Großbetrieb verbürgt einen gewaltigen Fortschritt in der Produktivität
der Arbeit; die Gütererzeugung steigt, die Waren werden billiger. Die
gesteigerte Produktivität der Arbeit ermöglicht eine Verkürzung der
Arbeitszeit und erleichtert Lohnkämpfe. Man sehe sich doch die
Geschichte der Arbeiterbewegung an. Noch in den achtziger Jahren des
19. Jahrhunderts bestand in Österreich der Elfstundentag und selbst
der wurde noch sehr mangelhaft durchgeführt. Heute kämpfen wir um die
35-Stunden-Woche.
Infolge der Billigkeit
der Waren kann heute der Arbeiter vieles kaufen, was früher nur für
den Reichen erschwinglich war.
Man sieht: Die
Konzentration der Produktion hat für den Arbeiter nicht nur schlechte
Seiten, sie verbessert auch seine Lebenshaltung. Aber der Arbeiter
weiß sehr gut, dass die Steigerung der Lebenshaltung im Kapitalismus
nicht Schritt hält mit der Steigerung der Ergiebigkeit der
menschlichen Arbeit und des gesellschaftlichen Reichtums. Der Arbeiter
erlebt es immer wieder, dass die Vervollkommnung der Maschinerie, die
ein gesellschaftlicher Fortschritt ist, zugleich Arbeitskräfte
entbehrlich macht und dadurch Arbeiter und Angestellte in das Elend
der Arbeitslosigkeit stößt. Der Arbeiter weiß aus bitterer Erfahrung,
dass die Planlosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise immer
wieder Wirtschaftskrisen hervorruft, die große Teile der
Arbeiterklasse angesichts des größten gesellschaftlichen Reichtums in
Not und Elend leben lassen. Die Arbeiter haben gerade in den letzten
Jahren erfahren, dass die Machtkämpfe der Kapitalistenklassen der
verschiedenen Länder die Menschheit ständig mit wahnwitzigen Ausgaben
für Kriegsrüstungen belasten und mit furchtbaren Kriegen bedrohen.
Die Arbeiterklasse steht
darum dem Kapitalismus in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Aber
was ihren Antikapitalismus vom kleinbürgerlichen unterscheidet, ist
vor allem das: der kleinbürgerliche Antikapitalismus schielt wehmütig
in die Vergangenheit - der proletarische Antikapitalismus blickt
siegesgewiss in die Zukunft. Der proletarische Antikapitalismus
erkennt, dass der Kapitalismus die Wirtschaftsform einer bestimmten
Entwicklungsstufe ist und sieht auch den Endpunkt dieser Entwicklung:
er weiß, dass die Konzentration der Produktion, die Zusammenballung
der Unternehmungen in einer Hand, den Sozialismus notwendig macht und
ermöglicht. Ist einmal die Wirtschaft in hohem Maße vertrustet, so ist
die Sozialisierung höchst einfach: der kapitalistische Verwaltungsrat
wird durch einen Verwaltungsrat der Nation ersetzt, der die Betriebe
im Interesse der gesamten Nation führt.
Es ist daher klar: Die
Arbeiterklasse, die die Dinge so sieht, hat zum Kapitalismus eine ganz
andere Einstellung als das Kleinbürgertum, das die Entwicklung nicht
versteht und nach der Wiederkehr der "guten alten Zeit" ruft.
4
4. Die Zölle und der Marktpreis
41
4.1.
Weltmarktpreis und Inlandspreise
Ein Großkaufmann führt
aus Brasilien Kaffee ein. Er muss dafür an der Staatsgrenze an unseren
Staat eine Abgabe entrichten. Diese Abgabe ist der Zoll. Der Kaufmann
trägt natürlich diesen Zoll nicht selbst. Er überwälzt ihn auf die
Konsumenten, indem er den Warenpreis um den Zollbetrag erhöht. Der
Zoll wird dadurch zur Steuer, für die die Bevölkerung zu bezahlen hat.
Welche Waren einem Zoll unterliegen und wie hoch dieser Zoll sein
soll, das bestimmen die gesetzgebenden Körperschaften jedes Landes.
Der Zoll kann
verschiedenen Zwecken dienen: Er kann nur deswegen eingehoben werden,
um dem Staat eine Einnahme zu verschaffen (eine moderne Variante der
Straßenräuberei) oder er kann zum Schutze heimischer Produktionszweige
gegen ausländische Konkurrenz eingeführt. Nach dieser Verschiedenheit
unterscheidet man vor allem zwei Arten von Zöllen: Schutzzölle und
Finanzzölle.
Schutzzölle - das sind
Zölle, die zum Schutz der heimischen Produktion eingeführt werden.
Finanzzölle - das sind
Zölle, die nur den Zweck haben, dem Staat Einnahmen zu verschaffen.
Viele Zölle sind beides
zugleich: Sie schützen die heimische Produktion und stärken die
Staatskassen.
Wie wirken die Zölle auf
die Warenpreise? Bleiben wir bei unserem Beispiel: Wir sagten, ein
österreichischer Kaufmann habe aus Brasilien Kaffee eingeführt. Zu
welchem Preis wird er den Kaffee dort eingekauft haben? Zum
brasilianischen Marktpreis. Die Kaffeepflanzer werden ihren Kaffee zu
einem einheitlichen Preis verkaufen. Der englische, französische oder
norwegische Kaufmann wird den Kaffee zum selben Preis kaufen, wie ihn
der österreichische Kaufmann kauft. Für die ganze Welt wird ein Preis
gelten. Man kann daher von einem Weltmarktpreis des Kaffees sprechen.
Der Preis des Kaffees
wird aber trotz des gleichen Einkaufspreises in den verschiedenen
Ländern verschieden hoch sein, weil die Zölle und die Transportkosten
unterschiedlich sind. Der Preis, zu dem jedes Land Kaffee einführt,
der sogenannte Einfuhrpreis, wird sich so zusammensetzen:
Weltmarktpreis + Transportkosten + Zölle. Da bei uns kein Kaffee
angebaut wird, wird der Inlandspreis gleich dem Einfuhrpreis sein.
Es ist klar: Je höher der
Kaffeezoll, umso höher der Preis des Kaffees. Da wir beim Kaffee keine
inländische Produktion haben, ist der Kaffeezoll ein reiner
Finanzzoll, der nur dem Staatsschatz zufällt.
42
4.2.
Der Einfluss des Zolles auf den Inlandspreis bei freier Konkurrenz
Die österreichischen
Bauern klagen, dass sie im Getreideanbau der ausländischen Konkurrenz
unterliegen. Um dieser Gefahr vorzubeugen, haben wir Getreidezölle
eingeführt. Wie wirken sich diese Zölle aus? Das soll uns wieder ein
Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir an, beim Weizen verhalten sich
Marktpreis, Angebot und Nachfrage folgendermaßen:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot an inländischem Weizen... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
39 S |
1,950.000 q |
7,000.000 q |
|
40 S |
2,000.000 q |
6,900.000 q |
|
41 S |
2,050.000 q |
6,800.000 q |
Wir nehmen weiter an,
dass der Weltmarktpreis 37 S und Zoll und Transportkosten 3 S
betragen. Der Einfuhrpreis des Weizens wäre demnach 40 S.
Wie hoch würde in diesem
Fall der Inlandspreis sein? Wird er höher sein als 40 S? Nein, denn
stünde der Marktpreis über dem Einfuhrpreis, so würde man Weizen aus
dem Ausland einführen. Wird der Marktpreis niedriger als 40 S sein?
Auch nicht. Die Bauern haben keine Ursache, unter dem Einfuhrpreis zu
verkaufen, sie bringen ja ihren Weizen bei einem Preis von 40 S
spielend an. Die Nachfrage, die diesem Preis entspricht, ist ja noch
immer dreimal größer als das Angebot.
Würde der Zoll um einen
Schilling erhöht, so stiege der Einfuhrpreis auf 41 S. Die Landwirte
könnten jetzt ihren Weizen auch um 41 S verkaufen.
Man sieht: Die
Weizenbauern unseres Beispieles vermögen die Zölle voll ausnützen; sie
können ihre Inlandspreise immer den Einfuhrpreisen angleichen. Das
bedeutet: Eine Zollerhöhung verteuert den Konsumenten nicht nur den
Weizen, der aus dem Auslande eingeführt wird, sondern auch den
inländischen. Der Konsument zahlt sowohl dem Staat als auch dem
Landwirt den Weizenzoll.
Nicht jeder Zoll muss die
Inlandspreise in der geschilderten Weise beeinflussen: Es kann, wie
das folgende Beispiel zeigt, auch anders sein:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot heimischen Roggens... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
28 S |
3,900.000 q |
4,000.000 q |
|
29 S |
3,950.000 q |
3,950.000 q |
|
30 S |
4,000.000 q |
3,900.000 q |
|
31 S |
4,050.000 q |
3,850.000 q |
Der Weltmarktpreis des
Roggens beträgt nach unserem Beispiel 28 S; dazu kommen Zoll- und
Transportkosten von 3 S. Der Einfuhrpreis des Roggens beträgt sonach
31 S.
Wie hoch wird nun der
Inlandspreis des Roggens sein? Die Bauern werden versuchen, den
Inlandspreis dem Einfuhrpreis anzugleichen; sie werden also 31 S pro
Zentner verlangen. Folge: Bein einem Marktpreis von 31 S ist die
Nachfrage weit kleiner als das Angebot des heimischen Roggens. Es
bliebe der Roggen unverkauft liegen. Der wirkliche Inlandspreis müsste
29 S sein, weil nur bei diesem Preis Angebot und Nachfrage gleich groß
sind; das heißt: nur bei einem Preis von 29 S kann der heimische
Roggen im Inland abgesetzt werden.
Wir sehen: Der
Weizenbauer hat den Inlandspreis an den Einfuhrzoll anzugleichen
vermocht; der Roggenbauer kann dies nicht. Für den Weizenbauer war der
Zoll von Vorteil, dem Roggenbauer dagegen brachte der Zoll in diesem
Fall keinen Gewinn. Daraus folgt: nicht jeder Zoll erhöht den
Inlandspreis um den vollen Zollbetrag. Bei Waren, die im Inland nicht
oder in nicht genügender Menge erzeugt werden, um den Bedarf zu
decken, wird der Inlandspreis gleich dem Einfuhrpreis sein. Wo dagegen
der heimische Bedarf überreichlich durch die heimische Produktion
gedeckt wird, dort kann es auch vorkommen, dass - wie bei unserem
Roggenbeispiel - unter dem Einfuhrpreis verkauft werden muss. Nur
staatliche Einfuhrbeschränkungen könnten erwirken, dass der
Inlandspreis höher als der Einfuhrpreis sein kann.
43
4.3.
Der Einfluss des Zolles auf die Löhne
Es gibt
Produktionszweige, die der Weltmarktkonkurrenz unterliegen. Ihre
Inlandspreise können daher nie höher sein als der Einfuhrpreis. Gingen
sie mit ihrem Preis über den Einfuhrpreis hinaus, so würde man die
Waren vom Ausland einführen. Mit dieser Tatsache müssen auch die
Arbeiter bei Lohnkämpfen rechnen. Beispiel: Wäre bei einer Ware, die
der Konkurrenz des Weltmarktes unterliegt, der Kostenpreis gleich dem
Einfuhrpreis, so wäre es schwierig, in dieser Industrie eine
Lohnerhöhung durchzusetzen. Erzwänge eine starke Gewerkschaft wirklich
ein Lohnerhöhung, so würde diese Industrie auf dem Weltmarkt
konkurrenzunfähig; die Unternehmer würden sich vielleicht gezwungen
sehen, ihre Betriebe zu sperren; die Arbeiter würden arbeitslos. Falls
hier nicht eine Erhöhung der Arbeitsintensität oder eine Verbesserung
der technischen Einrichtungen möglich wäre, so gäbe es, wollte man
eine Lohnerhöhung durchsetzen, nur einen Ausweg: die Einführung oder
die Erhöhung eines Schutzzolles. Eine Zollerhöhung, das wäre eine
Erhöhung des Einfuhrpreises. Der höhere Einfuhrpreis ermöglichte auch
einen höheren Inlandspreis. Dank einer Zollerhöhung könnte also eine
Lohnforderung erfüllbar werden, die man ohne Zoll nicht gewähren
könnte.
Das gilt aber nur unter
einer Voraussetzung: dass es sich um einen Produktionszweig handelt,
bei dem es möglich ist, den Inlandspreis an den Einfuhrpreis
anzugleichen. Es müsste sich also um eine Produktion handeln, die den
inländischen Bedarf nur annähernd deckt, oder es müssten Kartelle
bestehen, die die Angleichung des Inlandspreises an den Einfuhrpreis
durchzusetzen vermöchten.
Zu bedenken ist aber,
dass Schutzzölle ein höchst gefährliches Mittel zur Erreichung von
Lohnforderungen sind. Erstens: eine solche Lohnerhöhung geht immer auf
Kosten der Konsumenten. Zweitens: wenn das viele Gewerkschaften
machen, so werden diese Schutzzölle eine Teuerung zur Folge haben, die
den Arbeitern mehr wegnimmt als ihnen die Lohnerhöhung bringt. Und
weiter: Schutzzölle eines Landes rufen Schutzzölle in anderen Ländern
hervor. Verhindert Österreich durch hohe Schutzzölle die Einfuhr
ungarischen Weines, so werden sich die Ungarn gegen die Einfuhr
österreichischer Industrieprodukte absperren. Das kann zu einer
empfindlichen Schädigung der Industrie führen, die auf den fremden
Markt angewiesen ist.
Das Verlangen nach einem
Schutzzoll darf daher von den Gewerkschaften nur nach reiflicher
Erwägung und nur in Ausnahmefällen gestellt werden.
44
4.4.
Die Kartelle und Zölle
Wir haben früher gesagt,
dass nicht jeder Zoll den Inlandspreis um den vollen Zollbetrag
erhöhe. Das gilt aber nur, solange keine Kartelle bestehen. Das soll
uns wieder ein Beispiel veranschaulichen:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
Wir setzen einen
Weltmarktpreis von 9 S voraus und nehmen an, dass Transportkosten und
Zoll 2 S betragen. Das ergibt einen Einfuhrpreis von 11 S. Wie hoch
wird der Inlandspreis sein? Besteht kein Kartell, so wird sich ein
Inlandspreis von 10 S bilden, weil bei diesem Preis Angebot und
Nachfrage gleich groß sind. Würden die Kaufleute versuchen, ihren
Preis dem Einfuhrpreis anzugleichen und 11 S verlangen, so bliebe, wie
unser Beispiels zeigt, Ware unverkauft liegen. Um alle Waren absetzen
zu können, müsste man einen Marktpreis von 10 S haben.
Anders, wenn ein Kartell
besteht. Das Kartell begnügt sich bekanntlich nicht damit,
einheitliche Preise festzusetzen, sondern es passt auch die Produktion
dem Bedarf an. Das heißt: Wenn, wie in unserem Falle, einem Marktpreis
von 11 S ein Angebot von 1.250 q und eine Nachfrage von 950 q
entspricht, so werden sich die Unternehmer einigen und nur 950 q
erzeugen. Sie können dann einen Marktpreis von 11 S halten und es
bleibt keine Ware unverkauft. Das bedeutet: Das Kartell, das die
Erzeugung dem Verbrauch anpasst, kann mit dem Preis bis zum
Einfuhrpreis gehen; es kann also den Zoll voll ausnützen. Das
Entstehen von Kartellen verstärkt daher den Ruf nach Schutzzöllen.
45
4.5.
Export und Dumping
Das Verlangen nach Zöllen
wird noch durch einen anderen Umstand erhöht: durch die Konkurrenz auf
dem Weltmarkt. Die Unternehmer, die exportieren, müssen im Ausland zu
Weltmarktpreisen verkaufen. Sie müssen deshalb im Ausland oft billiger
verkaufen als im Inland. Dies gilt schon bei freier Konkurrenz. Wo
Kartelle bestehen, wird dieser Preisunterschied noch größer. Die
Kartelle werden - gestützt auf hohe Zölle - versuchen, die
Inlandspreise emporzutreiben. Die Spannung zwischen Inlands- und
Weltmarktpreisen wir noch erhöht. Hohe Preise bedeuten ein Sinken der
Nachfrage. Man müsste daher die Produktion einschränken. Um nun die
Kapazität des Betriebes möglichst ausnützen zu können, erzeugt man
mehr Waren und wirft den übrigbleibenden Teil zu einem sehr niedrigen
Preis - oft zu einem Verlustpreis - auf den Auslandsmarkt. Man nennt
dieses Verkaufen zu Schleuderpreisen "Dumping". Es ist klar: je höher
die Schutzzölle, umso höher die Inlandspreise, desto leichter das
Dumping.
Das Dumping hängt
einleuchtenderweise sehr von der Größe des Inlandsmarktes ab. Hat man,
wie zum Beispiel in Amerika, einen großen Inlandsmarkt, so kann man im
Inland so viel Gewinn machen, um den kleinen Prozentsatz von Waren,
den man auf den Auslandsmarkt wirft, möglichst billig zu verkaufen.
Hat man einen kleinen Inlandsmarkt, so kann man unmöglich im Inland so
viel profitieren, um Schleuderexport betreiben zu können. Ein Land,
das 90 Prozent der Produkte im Inland absetzt, kann die entbehrlichen
10 Prozent sehr billig ins Ausland abliefern. Ein Land hingegen, das
nur 30 Prozent im Inland absetzt, kann an diesen 30 Prozent nicht so
viel profitieren, um 70 Prozent zu Schleuderpreisen ans Ausland
verkaufen zu können. Die österreichische Industrie, die in hohem Maße
auf den Auslandsmarkt angewiesen ist, kann auch bei hohen Schutzzöllen
keinen starken Schleuderexport betreiben. Diese Länder, die selber
nicht viel Dumping betreiben können, werden die Opfer der anderen
Länder, die dies können.
5
5. Der Arbeitslohn
51
5.1.
Der Verkauf von Waren
und Arbeitskraft
Die Waren, die zum
Verkauf angeboten werden, sind verschiedener Art. Es gibt materielle
Güter, wie Brot, Schuhe, Kleider und sogenannte Dienstleistungen. Die
Eisenbahn, mit der ich fahre, verkauft mir einen bestimmten Dienst,
dasselbe tut das Theater oder der vorlesende Dichter. Der Arbeiter
verkauft seine Arbeitskraft. Was ist zwischen dem Verkauf einer
Dienstleistung und dem Verkauf der Arbeitskraft für ein Unterschied?
Beispiel: Der Bote, der mir einen Brief an einen bestimmten Ort
bringt, verkauft mir damit nur eine Dienstleistung. Er steht mir sonst
nicht als Lohnarbeiter gegenüber, sondern sozusagen als "Unternehmer",
der mir nur einen bestimmten Dienst leistet. Wenn sich aber der Bote
nicht für eine bestimmte Leistung, sondern für eine bestimmte Zeit zur
Verfügung stellte, würde er seine Arbeitskraft verkaufen. Der
Privatlehrer, der Stunden gibt, verkauft nur seine Dienstleistung. Der
Lehrer, der an einer Schule wirkt, verkauft seine Arbeitskraft. Der
Bauer und der Handwerker sind keine Lohnarbeiter. Der Sklave war
selbst Ware, es kann daher bei ihm vom Verkauf seiner Arbeitskraft
keine Rede sein. Der mittelalterliche Geselle war Lohnarbeiter, aber
er hatte die Lohnarbeit nicht als Lebensberuf: er wurde ja später
selbst Meister. Die Lohnarbeit im großen Ausmaße ist eben das
Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaft.
52
5.2.
Preis der unorganisierten Arbeitskraft
Die Existenz des
Arbeiters hängt davon ab, ob und zu welchem Preis er seine
Arbeitskraft zu verkaufen mag. Den Preis der "Ware Arbeitskraft" nennt
man Lohn oder Gehalt. Wie bei jeder anderen Ware, so wird auch der
Preis der Ware Arbeitskraft durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Ist
das Angebot auf dem Arbeitsmarkt groß und die Nachfrage gering, so
werden die Löhne gedrückt - übersteigt aber die Nachfrage das Angebot,
so werden die Löhne steigen.
Zur Zeit der Entstehung
des Kapitalismus war das Angebot an Arbeitskräften groß. Ursache:
durch das Niederkonkurrieren der Hausindustrie wurden viele
Arbeitskräfte freigesetzt. Außerdem wuchs die Bevölkerung sehr rasch.
Viele Söhne und Töchter von Bauern, Landarbeitern und Häuslern konnten
in der Landwirtschaft keine Arbeit finden. Sie wanderten in die Städte
ab. Die Arbeiter waren damals unorganisiert. Es gab keine Gewerkschaft
und keine Arbeitslosenunterstützung. Wie hat sich nun der Preis für
die Ware Arbeitskraft gebildet? Das große Angebot senkte natürlich den
Preis. Die Arbeitslosen, die vor den Toren der Fabriken standen, boten
sich den Unternehmern billig an. Sie drückten dadurch die Löhne der
Beschäftigten herab. Die Löhne waren in dieser Zeit erschreckend
niedrig und die Arbeitsbedingungen erbärmlich schlecht.
Dieser Lohndruck ging oft
so weit, dass die Arbeiter nicht mehr imstande waren, zu arbeiten,
sondern es vorzogen, zu stehlen oder betteln zu gehen.
Die Löhne können bei
mangelnder Organisation der Arbeiterschaft bis zum physiologischen
Existenzminimum sinken. Kann es anders sein? Ja, wenn ein Mangel an
Arbeitern herrscht, machen sich die Unternehmer auf dem Arbeitsmarkt
einander Konkurrenz. In diesem Fall können die Löhne auch bei
unorganisierter Arbeitskraft steigen.
Das ist in Zeiten guten
Geschäftsganges zeitweilig wirklich geschehen; aber vor allem bei
gelernten Arbeitern. Bei ungelernten Arbeitern herrscht fast ständig
ein Überangebot an Arbeitskraft. Die Löhne der Hilfsarbeiter sind
daher in der Regel niedrig. Im Kapitalismus gibt es ja fast immer
Arbeitslose: die sogenannte industrielle Reservearmee. Es besteht ganz
selten ein Mangel an Arbeitern. Meist ist das Gegenteil der Fall: es
ist ein großer Überschuss an Arbeitskraft vorhanden. Nur in der
Landwirtschaft herrscht oft Mangel, weil dort sind die Löhne besonders
schlecht.
53
5.3.
Die Gewerkschaften
Wodurch wirken die
Gewerkschaften? Karl Marx hat einmal ihre Tätigkeit auf folgende
Formel gebracht: "Die Gewerkschaften wirken durch die Kooperation der
Arbeitenden mit den Arbeitslosen." Das erste, was die Gewerkschaften
tun müssen, ist: die Arbeiter zur Solidarität zu erziehen, damit sie
sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Zweitens: man muss es den
Arbeitslosen auch möglich machen, den Arbeitenden keine
Schmutzkonkurrenz machen zu müssen: man muss sie unterstützen.
Die Gewerkschaften müssen
die Arbeiter lehren, dass es schlecht, würdelos und unsittliche ist,
die Klassengenossen zu unterbieten. Und sie müssen es den Arbeitslosen
durch gewerkschaftliche oder staatliche Unterstützung möglich machen,
während der Zeit der Arbeitslosigkeit ihr Leben zu fristen, ohne dem
Kapitalisten um niedrigen Lohn die Arbeitskraft anbieten zu müssen.
Die Gewerkschaften waren
sich über diese ihre Aufgabe stets klar. Sie haben sich immer bemüht,
das Solidaritätsgefühl und das Selbstbewusstsein der Arbeiter zu heben
und haben arbeitslose Mitglieder nach Möglichkeit unterstützt. Die
erste Form der Unterstützung waren die Reiseunterstützungen. Erst
später vermochten die Gewerkschaften eine kleine
Arbeitslosenunterstützung auszubezahlen. Seit 1918 haben wir in
Österreich eine staatliche Arbeitslosenunterstützung durchgesetzt. Das
ist sehr bedeutsam. An die Stelle der wilden Konkurrenz ist nun ein
Zustand getreten, der die Arbeitslosen nicht mehr zwingt, sich um
einen Schundlohn verkaufen zu müssen. Das ist eine der großen
Leistungen unserer Gewerkschaften. Sie strukturelle Krise, die wir in
Österreich in den 20er Jahren hatten, ist ein Beispiel dafür, wie
günstig sich das für die Arbeiter auswirkt. Trotz einer ungeheuren
Arbeitslosigkeit vermochten die Arbeiter ihre Löhne zu behaupten.
Früher dagegen, in der Zeit der unorganisierten Arbeitskraft, hat
schon eine kleinere Arbeitslosigkeit zu einem Zusammenbruch der Löhne,
zu einer Verelendung der Arbeiter geführt.
54
5.4.
Veränderung des Kostenpreises durch Lohnerhöhung bei gleichbleibender
Arbeitsintensität
Wir suchen uns die
Wirkung einer Lohnerhöhung durch folgendes Beispiel anschaulich zu
machen:
|
Zahl der Arbeiter bei
voller Ausnützung der Kapazität |
Sachkosten pro
Zentner |
Produkt per Arbeiter
und Woche |
|
Mayer: 2000 |
9.50 S |
11 q |
|
Schulz: 1500 |
10 S |
10 q |
|
Schmidt: 1000 |
10.50 S |
9 q |
|
Prohaska: 500 |
11 S |
8 q |
|
Bei einem Wochenlohn
von…
|
40 S
|
s + l (in
S): |
Kostenpreis: |
|
9.50 + 3.60 |
13.10 S |
|
10 + 4 |
14 S |
|
10.50 + 4.40
|
14.90 S |
|
11 + 5 |
16 S |
|
50 S
|
s + l (in
S): |
Kostenpreis: |
|
9.50 + 4.50 |
14 S |
|
10 + 5 |
15 S |
|
10.50 + 5.50 |
16 S |
|
11 + 6.20 |
17.20 S |
|
60 S
|
s + l (in
S): |
Kostenpreis: |
|
9.50 + 5.40 |
14.90 S |
|
10 + 6 |
16 S |
|
10.50 + 6.60 |
17.10 S |
|
11 + 7.50 |
18.50 S |
|
(s
= Sachkosten pro Zentner, l = Arbeitslohn pro Zentner) |
Was lehrt uns dieses
Beispiel? Wir sehen daraus, dass die Höhe des Arbeitslohnes den
Kostenpreis des Produkts nicht unwesentlich beeinflusst. Beträgt der
Wochenlohn 40 S, so hat der Betrieb Mayer einen Kostenpreis von 13,10
S, steigt der Lohn auf 50 S, so erhöht sich der Kostenpreis auf 14 S
und bei einem Wochenlohn von 60 S beträgt der Kostenpreis schon 14,90
S. Eine Lohnerhöhung von 40 auf 60 S würde also den Kostenpreis eines
Zentners um 1,80 S erhöhen. Bei den kleineren Betrieben würden sich
Lohnerhöhungen noch stärker auswirken. Beim Betrieb Prohaska würde
eine Erhöhung des Wochenlohnes von 40 auf 60 S den Kostenpreis von 16
auf 18,60 S steigern, das ist eine Erhöhung um 2,50 S pro Zentner.
55
5.5.
Produktionszweige mit und ohne Weltmarktkonkurrenz
Es gibt
Produktionszweige, die der Weltmarktkonkurrenz unterliegen, und
solche, die ihr nicht unterliegen. Beispiele: Die Metallindustrie
Österreichs setzt einen Teil ihrer Waren im Ausland ab, sie arbeitet
also für den Weltmarkt. Ihre Preise sind abhängig vom Weltmarktpreis.
Das gilt auch für die Waren, die im Inland verkauft werden. Denn der
Einfuhrpreis ist gleich: Weltmarktpreis + Transportkosten + Zölle. Und
die Inlandspreise können bestenfalls gleich dem Einfuhrpreis sein -
niemals höher. Stünden die Inlandspreise über den Einfuhrpreisen, so
führte man ja die Ware aus dem Ausland ein. Das hier Gesagte trifft
für alle Produktionszweige zu, die mit dem Ausland im Konkurrenzkampf
stehen.
Es gibt auch Waren und
Dienstleistungen, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen. Zum
Beispiel: Gas und elektrischer Strom, Theater, Zeitungen, Straßenbahn,
frisches Brot, usw. Die Eisenbahnen unterliegen nur teilweise einer
Auslandskonkurrenz: im Transitverkehr. Würden unsere Eisenbahnen zu
hohe Frachtgebühren festsetzen, so führten wahrscheinlich die Ungarn
und Rumänen ihre Fracht durch Tschechien und die Slowakei.
Es gibt also zwei
verschiedene Produktionszweige: solche, die der Auslandskonkurrenz
unterliegen, und solche, die ihr nicht unterliegen. Die Preise der
Produkte, die im Kampf mit der ausländischen Konkurrenz stehen, sind
vom Weltmarktpreis abhängig; die Produktionszweige, die nur für den
lokalen Markt arbeiten, sind bei der Preisabstimmung vom
Weltmarktpreis unabhängig.
56
5.6.
Der Arbeitslohn in Produktionszweigen, die unter Konkurrenz des
Weltmarktes stehen
Nehmen wir an, der
Weltmarktpreis einer Ware beträgt 16 S. Bei einem Wochenlohn von 40 S
könnten bei diesem Preis noch alle vier Betriebe arbeiten; Prohaska
allerdings ohne Gewinn, weil er einen Kostenpreis von 16 S hat.
Gelänge es den Arbeitern, den Wochenlohn auf 50 S zu erhöhen, so
stiegen, wie unser Beispiel zeigt, auch die Kostenpreise. Prohaska
hätte nun einen Kostenpreis von 17,20 S. Er ist nur bei einem
Marktpreis von 16 S konkurrenzfähig und müsste daher sperren. Schmidt,
der bei einem Wochenlohn von 40 S noch mit Gewinn arbeitete, hätte nun
keinen Gewinn mehr. Würde der Wochenlohn auf 60 S erhöht, so müsste
auch Schmidt den Betrieb schließen, weil sein Kostenpreis über dem
Marktpreis stände. Es ergibt sich demnach für die Nachfrage nach
Arbeitskräften folgendes Bild:
|
Beträgt der
Wochenlohn... |
... dann beträgt die
Arbeitskräfte-Nachfrage: |
|
40 S |
5000 |
|
50 S |
4500 |
|
60 S |
3500 |
Wir sehen: es ist bei der
Ware Arbeitskraft wie bei den anderen Waren: steigender Preis senkt
die Nachfrage nach Arbeitskräften und umgekehrt.
Der Preis der Waren
konnte sich durch die Lohnerhöhung nicht erhöhen, weil dies die
Weltmarktkonkurrenz unmöglich macht. Diese Lohnerhöhungen müssten, wie
unsere Aufstellung beweist, durch vermehrte Arbeitslosigkeit erkauft
werden. Die weit verbreitete Vorstellung, dass jede Lohnerhöhung eine
Erhöhung der Warenpreise nach sich ziehe, weil die Unternehmer die
höhere Belastung auf die Konsumenten überwälzen, ist falsch. Bei
Waren, die der Auslandskonkurrenz unterliegen oder die für den
Weltmarkt erzeugt werden, können Lohnerhöhungen nicht immer durch
Preiserhöhungen kompensiert werden.
Die Gewerkschaften, die
Lohnforderungen stellen, müssen sich daher vorher sehr genau über die
Lage der Industrie und über den Geschäftsgang informieren. In Zeiten
guten Geschäftsganges steigen die Weltmarktpreise. In diesem Fall wird
die durch die Lohnerhöhung erzeugte Arbeitslosigkeit ganz gering. In
Zeiten stockenden Geschäftsganges und sinkender Weltmarktpreise können
Lohnerhöhungen eine Arbeitslosigkeit hervorrufen. Dies trifft
natürlich nur dann zu, wenn es wirklich nicht möglich wäre, die
Lohnerhöhung durch Verringerung des Unternehmerprofits oder der
Handelsgewinne zu kompensieren. Die erfahrenen Gewerkschafter wissen,
dass dies meist der Fall ist.
57
5.7.
Produktionszweige, die ohne Weltmarktkonkurrenz für den lokalen Markt
arbeiten
Betrachten wir die
folgende Aufstellung im Zusammenhang mit Punkt 5.4.:
|
Beträgt der
Marktpreis...
|
|
|
|
|
13,10 S |
|
14 S |
|
15 S |
|
16 S |
|
17,20 S |
|
18,20 S |
|
... dann beträgt das
Angebot der Waren bei einem Wochenlohn von...
|
40 S: |
50 S: |
60 S: |
|
22.000 q |
- |
- |
|
37.000 q |
22.000 q |
- |
|
46.000 q |
37.000 q |
22.000 q |
|
50.000 q |
46.000 q |
37.000 q |
|
- |
50.000 q |
46.000 q |
|
- |
- |
50.000 q |
|
Was lehr uns dieses
Beispiel? Wir haben früher festgestellt, dass der Betrieb Mayer bei
Wochenlöhnen von 40 S einen Kostenpreis von 13,10 S hat. Die drei
anderen Betriebe haben Kostenpreise von 14, 14,90 und 16 S. Beträgt
also der Marktpreis pro Zentner 13,10 S, so kann nur der Betrieb Mayer
produzieren und selbst er arbeitet ohne Gewinn. Da dieser Betrieb
2.000 Arbeiter beschäftigt, die nach unserer Annahme pro Kopf und
Woche 11 q erzeugen, so entspricht einem Marktpreis von 13,10 S ein
wöchentliches Angebot von 2.000 x 11 q = 22.000 q. Würde der
Wochenlohn auf 50 S erhöht, so stiege der Kostenpreis Mayers auf 14 S,
Schulz’ auf 15 S, Schmidts auf 16 S und Prohaskas auf 17,20 S. Bei
einem Marktpreis von 13,10 S könnte bei diesem Wochenlohn kein
einziger Betrieb arbeiten und wir hätten überhaupt kein Angebot an
Waren. Dasselbe trifft natürlich bei einem Wochenlohn von 60 S zu.
Stiege aber der Marktpreis von 13,10 S auf 14 S, so könnte bei einem
Wochenlohn von 40 S neben dem Betrieb Mayer auch der Betrieb Schulz
arbeiten. Diesem Marktpreis entspräche daher ein Angebot von 37.000 q.
Stiege der Wochenlohn auf 50 S, so sänke das Angebot auf 22.000 q usw.
Wir sehen: Bei höheren
Arbeitslöhnen sind die Angebotsfunktion, das heißt, gleichen Preisen
entspricht ein geringeres Angebot. Wenn die Nachfrage keine
Veränderung erfährt, so muss in diesem Falle der Marktpreis steigen.
Der höhere Marktpreis ruft ein höheres Angebot hervor, so dass die
Nachfrage befriedigt werden kann. Aber ein Steigen der Marktpreise als
Folge einer Lohnerhöhung, das bedeutet: die Lohnerhöhung wird auf die
Konsumenten abgewälzt. In den Produktionszweigen, die keiner
Weltmarktkonkurrenz unterliegen, entspricht das auch unserer
Erfahrung. Wenn aber die Marktpreise steigen, so wird die Nachfrage
nach Waren etwas sinken. Es wird auch hier auf die Lohnerhöhung eine
kleine Arbeitslosigkeit folgen, die aber von geringerer Bedeutung ist.
Bei Waren mit einer kleinen Elastizität der Nachfrage wird der
Rückgang des Konsums gering sein; die der Lohnerhöhung folgende
Arbeitslosigkeit ist unbedeutend. Bei den Waren mit einer großen
Elastizität der Nachfrage (Luxusartikel) wird der Rückgang des Konsums
durch die Preiserhöhung groß sein. Hier kann eigentlich nur ein Teil
der Lohnerhöhung auf die Konsumenten abgewälzt werden.
Zusammenfassend können
wir feststellen: In Produktionszweigen, die einer Auslandskonkurrenz
unterliegen, können Lohnerhöhungen nicht immer durch Preiserhöhungen
hereingebracht werden, weil der Inlandspreis nie höher als der
Einfuhrpreis sein kann. Hier führen Lohnerhöhungen bei unveränderter
Technik, gleichbleibender Arbeitsintensität und keiner Preiserhöhung
auf dem Weltmarkt oft Arbeitslosigkeit herbei.
In Produktionszweigen,
die keiner ausländischen Konkurrenz unterliegen, können Lohnerhöhungen
sehr häufig auf die Konsumenten überwälzt werden. In den Industrien,
wo die Lohnerhöhungen auf die Konsumenten überwälzt werden können, ist
im allgemeinen der gewerkschaftliche Kampf leichter, weil die
Unternehmer nachgiebiger sind, wenn die Lohnerhöhung nicht auf Kosten
des Profits geht.
58
5.8.
Gewerkschaften und technischer Fortschritt
Die Gewerkschaften setzen
Lohnerhöhungen durch. Das birgt, wie wir gesehen haben, auch für die
Arbeiter Gefahren ins sich: Preiserhöhungen und Arbeitslosigkeit. Noch
größer ist aber die Gefahr für den Unternehmer: wird durch die
Lohnerhöhung sein Kostenpreis höher als der
Marktpreis, so
droht im der Untergang.
Die Unternehmer suchen
sich daher gegen die Wirkungen von Lohnerhöhungen zu wehren. Sie
besitzen vor allem zwei Möglichkeiten der Rettung: 1. Sie können die
Sachkosten herabsetzen durch eine bessere technische Ausgestaltung des
Betriebes. 2. Durch eine Steigerung der Arbeitsintensität können
Lohnkosten vermindert werden.
Indem die Gewerkschaft
eine Lohnerhöhung durchsetzt, zwingt sie den Besitzer eines
rückständigen Betriebes zur technischen Verbesserung und zur Erhöhung
der Arbeitsintensität. Nur wem das gelingt, der bleibt im
Konkurrenzkampf am Leben. Sind keine Gewerkschaften da, so macht sich
der Unternehmer lieber durch Lohndruck konkurrenzfähig; das ist
einfacher und billiger.
Für Betriebe, die für den
Weltmarkt produzieren, ist die Gefahr des Unterliegens im
Konkurrenzkampf besonders groß, weil sie die Lohnerhöhungen nicht auf
die Konsumenten umwälzen können. Ihr Preis ist ja durch den
Weltmarktpreis bestimmt. Gerade für diese Betriebe besteht der
stärkste Zwang zur technischen Vervollkommnung. Dort, wo die Preise
für die Arbeitskräfte hoch sind, wie in Amerika vor der Krise, kann
der Unternehmer nur konkurrenzfähig bleiben, wenn er die Technik
ständig verbessert. In Indien zum Beispiel, wo die Arbeitskraft billig
ist, ist wenig Zwang zur technischen Verbesserung vorhanden - dort
drückt man lieber die Löhne noch tiefer. Bei hohen Löhnen muss ach die
Arbeitsintensität gesteigert werden.
Der gewerkschaftliche
Kampf hat also zur Folge, dass die technisch rückständigen Betriebe im
Konkurrenzkampf unterliegen: er beschleunigt die Konkurrenz der
Produktion und fördert den technischen Fortschritt. Das ist ja der
Grund, warum gerade die kleinen oder unfähigen Unternehmer die größte
Angst vor den Gewerkschaften haben.
59
5.9.
Die Unternehmerverbände
Was ist der Unterschied
zwischen Kartell und Unternehmerverband? Im Kartell organisieren sich
die Unternehmer als Verkäufer ihrer Waren. Sie setzen einheitliche
Preise fest, regeln die Produktion durch Festlegung von Quoten und
bestimmen die Verkaufsbedingungen.
Anders im
Unternehmerverband. Hier organisieren sich die Unternehmer als Käufer
der Arbeitskraft. Sie vereinbaren welche Löhne sie bezahlen werden.
Es gibt auch
Industriezweige, wo das Kartell gleichzeitig Unternehmerverband ist.
Das kommt aber nicht nur vereinzelt vor.
Die Unternehmerverbände
sind erst nach den Gewerkschaften entstanden. Sie sind gegründet
worden als Abwehrmittel gegen die Gewerkschaften. Sie sind der
Widerpart der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sagen: Kein
Unternehmer darf weniger bezahlen, als wir vereinbarten; die
Unternehmerverbände erwidern: Kein Unternehmer darf mehr an Lohn
bezahlen, als wir festsetzen.
Das Entstehen der
Unternehmerverbände hatte eine Änderung des gewerkschaftlichen Kampfes
zur Folge.
Früher kämpften die
Gewerkschaften so: In einem Betrieb wurde zum Mittel des Streiks
gegriffen, um die Forderung durchzusetzen. Die anderen Betriebe
arbeiten weiter und unterstützen die Streikenden. War bei dem einen
Meister der Streik siegreich beendet, so kam der andere Meister dran
und in dieser Weise ging es der Reihe nach fort. Man nannte dieses
System Zirkularstreiks. Besonders die Buchdrucker und Tischler übten
diese Praxis. Diese Streikmethode hatte viele Vorteile: 1. Da nur eine
kleine Zahl von Arbeitern im Streik stand, war der Streik leichter zu
führen und man konnte die Streikenden besser unterstützen. 2. Da die
Unternehmer Angst haben mussten, während des Streiks ihre Kunden an
die Konkurrenz zu verlieren, deren Betrieb nicht stillstand, waren sie
eher zum Nachgeben bereit. 3. Da man die Streiks einzeln durchführte,
konnte man die Lohnforderungen der Leistungsfähigkeit der einzelnen
Betriebe anpassen.
Den Unternehmern waren
Zirkularstreiks höchst unangenehm. Sie schritten zur Abwehr, indem sie
Unternehmerverbände gründeten; sie setzten der einheitlichen Aktion
der Arbeiter die einheitliche Aktion der Unternehmer entgegen. Damit
wurden die Zirkularstreiks unmöglich. Nun standen die Gewerkschaften
nicht mehr den einzelnen Unternehmern, sondern dem Unternehmerverband
gegenüber. Streikten die Arbeiter in einem Betrieb, so wurden auch die
Arbeiter in den anderen Betrieben ausgesperrt. Um den Lohnkampf
beizulegen, musste man einen gemeinsamen Vertrag, einen
Kollektivvertrag, abschließen. Zunächst umfassten diese
Unternehmerverbände nur die Unternehmer eines Ortes. Doch dies nützte
wenig: denn nun führten die Arbeiter die Zirkularstreiks ortsweise
durch. Besonders die deutschen Bauarbeiter übten diese Praxis gut und
mit Erfolg aus. Einmal streikten die Bauarbeiter in Berlin, dann in
Leipzig, später in Dresden usw. Folge: die Unternehmer gründeten
Landes- und Reichsverbände.
Die Unternehmerverbände
hatten die Wirkung, dass sich das Vertragsgebiet stets erweiterte.
Zuerst schloss man den Vertrag mit dem einzelnen Meister, dann mit den
Unternehmern einer Stadt, jetzt mit den Unternehmern eines ganzen
Landes. Diese Verbreiterung des Vertragsgebietes veränderte die Natur
der gewerkschaftlichen Kämpfe. Der Kampf wurde schwieriger und die
Verbreiterung des Kampffeldes wurde den Arbeitern durch die
Unternehmer aufgezwungen.
Die Entwicklung der
Unternehmerverbände hat dazu geführt, dass Lohnkämpfe oft zu
historisch bedeutsamen Ereignissen wurden. Eine wirtschaftliche
Auseinandersetzung, die ein ganzes Land betrifft, ist eine ganz andere
Sache, als ein Streik bei einem einzelnen Meister.
Die Entwicklung der
Unternehmerverbände hat noch eine andere, sehr bedeutsame Wirkung
gehabt: dadurch, dass jetzt die Lohnverträge für ganze Länder
abgeschlossen werden, können die Gewerkschaften ihre Forderungen nicht
mehr der Leistungsfähigkeit des einzelnen Betriebes anpassen. Folge:
der Unternehmerverband wird im Interesse seiner kleinen Mitglieder nur
einer Lohnerhöhung zustimmen, die sich auch die rückständigen und
kleinen Betriebe leisten können. Das liegt ja auch im Interesse der
Großen: bei niedrigen Löhnen machen sie mehr Profit. Aber so ganz
gleich sind die Interessen von kleinen und großen Betrieben doch
nicht. Die großen sind meist viel eher geneigt, die Lohnerhöhungen zu
bewilligen. Warum? Ihnen bringt die durch einen Streik erzwungene
Betriebsstilllegung viel mehr Schaden als den kleinen. Außerdem können
sie die Lohnerhöhungen viel leichter bewilligen als die rückständigen
Kleinbetriebe. Richtet die Lohnerhöhung die kleinen Betriebe zugrunde,
so stört das die großen nicht - wenigstens sind sie die Konkurrenz
los. Die kleinen und unfähigen Unternehmer, die einen schlecht
eingerichteten oder schlecht geleiteten Betrieb haben, sind daher die
ärgsten Scharfmacher. Die großen sind meist - nicht aus sozialer
Einsicht, sondern aus purem Geschäftsinteresse - eher zu einer
Lohnerhöhung bereit. Dieser, in den verschiedenen Interessen
begründete Gegensatz, führt oft zu einer Sprengung des
Unternehmerverbandes. Gerade die tüchtigsten Unternehmer, die dank
ihres guten Betriebes die Lohnerhöhung leicht auf sich nehmen können,
und die die anderen niederzukonkurrieren vermögen, springen gerne aus
dem Unternehmerverband aus.
Allerdings ist
festzustellen, dass die Unternehmerverbände allmählich organisatorisch
stärker werden und damit das Ausspringen der Tüchtigen immer seltener
wird. Man fürchtet die Rache des starken Verbandes. Andererseits hat
der Unternehmer auch Angst vor den Gewerkschaften, die heute allzu
mächtig sind und ihm gefährlich werden könnten. Die Unternehmer halten
daher oft gegen ihr persönliches Interesse dem Unternehmerverband die
Treue. Es wird dann vom Unternehmerverband doch eine einheitliche
Politik gemacht, mit dem Ziel, die Löhne so festzusetzen, dass es auch
die kleinen Betriebe aushalten. Das wirkt auf den technischen
Fortschritt hemmend, weil bei niedrigen Löhnen auch rückständige
Betriebe bestehen können.
Mit der Entwicklung zum
Reichsverband der Unternehmer verschwindet auch die Rücksicht auf den
Standort des Betriebes. Dass der Standort für das Unternehmen nicht
gleichgültig ist, haben wir schon früher gesagt. Solange
Einzelverträge abgeschlossen wurden, konnte die Gewerkschaft darauf
Rücksicht nehmen. Da aber die ungünstig gelegenen Betriebe auf Dauer
nicht durch Lohndruck zu retten waren, gingen sie vielfach zugrunde.
Das bedeutet: der gewerkschaftliche Kampf förderte die Konzentration
der Betriebe auf den günstigeren Standorten. Der Unternehmerverband
aber, der dafür eintritt, dass die Arbeiter in den günstigen
Standorten nicht mehr Lohn bekommen als Arbeiter in den ungünstigen
Standorten, hemmt damit diese Konzentration.
6
6. Arbeitsintensität und Arbeitszeit
61
6.1.
Die Arbeitskraft der Maschine
In einer Fabrik wird
Kohle verheizt und mit dem so erzeugten Dampf wird die Dampfmaschine
in Gang gesetzt. Die Kohle wird also in Energie umgewandelt und diese
Energie überträgt sich auf die Arbeitsmaschine. Jeder Maschine muss
man Energie zuführen, wenn sie etwas leisten soll.
Der menschliche Körper
ist wie eine Maschine. Man muss ihm Energie in Form von Nahrung
zuführen. Diese Energie wird dann verwandelt in die Arbeit, die der
Körper leistet; sie dient zum Teil zur Aufrechterhaltung des
Lebensprozesses, zum anderen Teil der Arbeit, die geleistet wird. Auch
hier besteht ein Verhältnis zwischen der Nahrung, die konsumiert wird,
und der Arbeit, die geleistet werden soll. Für eine bestimmte Menge
Nahrung kann eine bestimmte Menge Arbeit geleistet werden.
Diese Tatsache muss man
berücksichtigen, wenn man von einer Steigerung der Arbeitsintensität
spricht. Man betrachtet oft den Menschen als reine Maschine. Man
sollte aber bedenken, dass der Mensch eine Maschine besonderer Art
ist: er hat ein Gehirn und seine Arbeitsleistung hängt auch von
seelischen Zuständen ab. Wenn ein Arbeiter viele Sorgen hat, kann er
weniger leistungsfähig sein. Diese "organische" Maschine kennt auch
das Gefühl der Ermüdung. Der Mensch muss dann aufhören zu arbeiten und
einige Zeit ruhen. Der Mensch braucht Arbeitspausen und freie Zeit.
Gibt man dem Körper diese Erholungszeit nicht, so wird er krank und
kann schließlich zugrunde gehen. Man sieht: Arbeitspausen sind für den
Körper ebenso notwendig wie die Zufuhr von Nahrung.
62
6.2.
Das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitsintensität
Steigerung der
Arbeitsproduktivität - das bedeutet, dass der Arbeiter bei gleicher
Arbeitskraftaufwendung mehr produziert. Unter Steigerung der
Arbeitsintensität verstehen wir die stärkere Ausnützung der
Arbeitskraft innerhalb einer gegebenen Arbeitszeit. Das erste Mittel
dazu ist der Wille des Arbeiters, sein größerer Fleiß. Oft diktiert
auch die Maschine die Arbeitsintensität. Die Geschwindigkeit, mit der
die Maschine läuft, nimmt mit der fortschreitenden Technik zu. Das
steigert die Arbeitsintensität.
Die
Arbeitsleistung extensiv vergrößern heißt: die Arbeitszeit verlängern.
Zwischen der
Arbeitsintensität und dem Arbeitslohn besteht vielfach eine
Wechselwirkung. Betrachten wir dies näher:
1. Abhängigkeit der
Arbeitsintensität vom Arbeitslohn:
Die Arbeitsintensität
hängt ab von der Nahrung. Wenn der Mensch schlecht ernährt wird, so
wird seine Arbeitskraft geringer. Der gut ernährte Arbeiter kann mehr
leisten als der schlecht ernährte. Beispiel: Die Hungerzeit der
Nachkriegsjahre hatte eine sehr geringe Arbeitsintensität zur Folge.
Die Arbeitsintensität
hängt auch vom seelischen Zustand ab. Der notleidende, sorgenerfüllte
Arbeiter wird weniger leisten als der gutbezahlte, lebensfrohe
Arbeiter. Die Erfahrung bestätigt dies: Je höher die Löhne, desto
höher die Arbeitsintensität. Beweis: England, Amerika. Asien hat die
niedrigsten Löhne, aber auch die geringste Arbeitsintensität. Ein
englischer Arbeiter leistet ungefähr soviel wie drei Kulis. Daraus
folgt: Über die Arbeitsintensität entscheidet zunächst die Höhe des
Lohnes.
2. Abhängigkeit des
Lohnes von der Arbeitsintensität:
Durch höhere
Arbeitsintensität wird der Kostenpreis der Ware gesenkt. Der
Unternehmer macht dadurch mehr Profit, es ist deshalb auch leichter,
eine Lohnerhöhung durchzusetzen.
Nehmen wir an, eine
Industrie arbeite für den Weltmarkt. Ist der Weltmarktpreis niedrig,
so kann durch eine Lohnerhöhung der Industriezweig seine
Konkurrenzfähigkeit teilweise verlieren. Die Folgen werden
Betriebssperrungen und Arbeitslosigkeit sein. Setzt man dagegen
gleichzeitig mit der Lohnerhöhung eine Intensivierung der Arbeit
durch, so erhöht sich der Kostenpreis nicht und die Gefahr einer
Arbeitslosigkeit vermindert sich. Das zeigt: Bei steigender
Arbeitsintensität kann man Lohnerhöhungen erzielen, die man bei
unveränderter Arbeitsintensität nicht durchzusetzen vermag.
Wie ist es in
Produktionszweigen, die für den Inlandsmarkt produzieren? Da hat die
gesteigerte Arbeitsintensität den Vorteil, dass man Lohnerhöhungen
durchsetzen kann, ohne eine Verteuerung der Waren und ohne eine
Arbeitslosigkeit hervorzurufen.
Nehmen wir die Produktion
für den Weltmarkt. Wenn wir in Österreich eine kleinere
Arbeitsintensität haben als in Deutschland, können wir da - bei
gleicher Technik - die gleichen Löhne wie die deutschen Arbeiter
haben? Nein, wenn unsere Arbeitsintensität geringer ist, so müssen bei
uns auch die Löhne niedriger sein, sonst sind ja unsere Unternehmer
nicht konkurrenzfähig. Nur wenn wir dieselbe Arbeitsintensität haben,
können wir auch dieselben Löhne haben. In allen Industrien, die für
den Weltmarkt arbeiten, ist der Arbeitslohn bestimmt durch die
Arbeitsintensität. Je höher die Arbeitsintensität, desto höher kann
der Arbeitslohn sein, ohne dass die Industrie in ihrer
Konkurrenzfähigkeit gefährdet wird.
In Produktionszweigen,
die für den Inlandsmarkt arbeiten und die keiner Auslandskonkurrenz
unterliegen, kann man Lohnerhöhungen durchsetzen, ohne dass die
Arbeitsintensität eine Steigerung erfährt. Das bedeutet aber oft eine
Steigerung der Preise und bei Waren mit großer Elastizität der
Nachfrage auch Arbeitslosigkeit. Bei Waren mit geringer Elastizität,
etwa bei Brot, wird die Konsumeinschränkung gering sein, so dass hier
trotz der Preissteigerung keine Arbeitslosigkeit zu befürchten ist.
Wir sehen auch hier
wieder den Unterschied zwischen Produktion für den Weltmarkt und der
Produktion für den lokalen Markt.
Die Erfahrung bestätigt
diese Zusammenhänge zwischen fortschreitender Steigerung der
Arbeitsintensität und Erhöhung der Arbeitslöhne. Vor 100 Jahren war
die Arbeitsintensität noch so gering, dass man unmöglich hohe Löhne
hätte bezahlen können wie heute. Die geschichtliche Entwicklung ist
so: Die Arbeiter erringen höhere Löhne, das befähigt sie zu höherer
Arbeitsleistung. Die Unternehmer führen bessere Maschinen ein: das
verlangt höhere Arbeitsintensität und ermöglicht höhere Löhne. Eines
bedingt das andere. Nur die Erhöhung der Löhne ermöglicht eine
Steigerung der Arbeitsintensität; nur die Erhöhung der
Arbeitsintensität ermöglicht eine Steigerung der Löhne.
63
6.3.
Arbeitsintensität und Arbeitslosigkeit
Viele Arbeiter haben die
Vorstellung, dass, wenn jeder im Betrieb stehende Arbeiter weniger
arbeiten würde, weniger Arbeitslose wären. Ist das richtig? Bei
Produktionszweigen, die für den lokalen Markt arbeiten und keiner
ausländischen Konkurrenz unterliegen, kann dies ein Mittel zur
Verringerung der Arbeitslosigkeit sein. Beispiel: Wenn die
Bäckereiarbeiter weniger leisten, wird zwar auch der Brotpreis
steigen, aber da das Brot eine geringe Elastizität der Nachfrage hat,
wird der Konsumrückgang gering sein. Hier kann also durch eine
Verringerung der Arbeitsintensität eine Verringerung der
Arbeitslosigkeit bewirkt werden - allerdings auf Kosten der
Konsumenten.
In welchem Maße dies
möglich ist, hängt von der Elastizität der Nachfrage der Ware ab. Bei
Waren, deren Nachfrage einer großen Elastizität unterliegt, ist es
nicht möglich, die Arbeitslosigkeit durch Verringerung der
Arbeitsintensität zu vermindern. Hier würde die Preiserhöhung einen so
großen Konsumrückgang nach sich ziehen, dass keine neuen Arbeiter
eingestellt werden könnten - trotz Verringerung der Arbeitsintensität.
Wir müssen also auch hier
wohl unterscheiden, ob es sich um einen Produktionszweig handelt, der
für den Weltmarkt produziert, oder um einen Produktionszweig, der für
den lokalen Markt arbeitet.
Das spielt auch eine
Rolle bei den Auseinandersetzungen um die Entlohnungsmethoden, so zum
Beispiel in der Frage des Zeit- und Akkordlohnes. Wo wird die
Arbeitsintensität größer sein? Zweifellos beim Stücklohn. Die
Unternehmer werden daher zum Akkordlohn drängen. Besonders tun sie es
dort, wo es auf den Fleiß der Arbeiter ankommt. Beim "laufenden Band",
wo die Maschinerie das Arbeitstempo erzwingt, haben die Unternehmer
kein Interesse an dem Stücklohn. Wie stehen die Arbeiter dazu? In
Industrien, die nur für den Inlandsmarkt arbeiten, werden die Arbeiter
gegen den Stücklohn kämpfen - es kommt ja auf die Steigerung der
Arbeitsintensität nicht so sehr an. In Produktionszweigen aber, die
für den Weltmarkt arbeiten, hat man meist den Stücklohn eingeführt,
weil dadurch die Arbeitsintensität erhöht wird, woran ja in gewisser
Beziehung auch die Arbeiter interessiert sind. Durch die geringe
Arbeitsintensität würde die Konkurrenzfähigkeit der Industrie auf dem
Weltmarkt zerstört, und das hätte Arbeitslosigkeit zur Folge. Das
Interesse der Arbeiter an einer Steigerung der Arbeitsintensität ist
aber, wie uns der nächste Paragraph zeigen wird, begrenzt.
64
6.4.
Wochenlohn und Lebenslohn
Wochenlohn - das ist der
Lohn, den der Arbeiter in einer Woche verdient.
Lebenslohn - das ist der
Lohn, den der Arbeiter Zeit seines Lebens verdient.
Die hohe
Arbeitsintensität ermöglicht einen hohen Wochenlohn. Das ist ihr
Vorteil. Eine andere Frage aber ist, ob die hohe Arbeitsintensität
nicht die Arbeitsfähigkeit des Arbeiters verkürzt. Ford zahlt hohe
Löhne und hat daher eine hohe Arbeitsintensität. Aber es ist sehr
fraglich, ob diese Arbeitsintensität nicht zur Folge hat, dass die
Arbeiter sehr früh arbeitsunfähig werden. Wir wissen ja aus Erfahrung,
dass Arbeiter, die verhältnismäßig viel arbeiten, früher verbraucht
werden. Diese Gefahr wird noch vergrößert durch die Gleichmäßigkeit
der Arbeit, wodurch immer dieselben Körperteile angestrengt werden.
Wie schädlich diese gleichmäßige Arbeit ist, das beweist wohl die
Tatsache, dass Fabriksarbeiter in der Regel früher altern als die
Bauern.
Die Gefahr der Steigerung
der Arbeitsintensität liegt darin, dass dadurch zwar der Wochelohn des
Arbeiters höher, sein Lebenslohn aber geringer wird. Hier steckt die
wahre Gefahr der übersteigerten Arbeitsintensität. Es ist ein Irrtum,
zu glauben, dass die Erhöhung der Arbeitsintensität zur Verringerung
der Löhne führt. Wahr aber ist: Bei großer Arbeitsintensität wird der
Wochelohn hoch sein, aber es besteht die Gefahr, dass der Arbeiter
früh arbeitsunfähig wird. Das ist etwas, was die bürgerliche
Arbeitswissenschaft nicht berücksichtigen will. Der heutige Arbeiter
ist - im Gegensatz zum Sklaven, den sein Herr aus eigenem Interesse
schonte - frei. Das bedeutet: niemand kümmert sich um seine
Arbeitsfähigkeit. Ist ein Arbeiter früh verbraucht, so macht das dem
Unternehmer nichts. Er wird einen anderen Arbeiter aufnehmen. Der
Unternehmer ist nur daran interessiert, wie viel der Arbeiter in einer
Woche leisten kann. Das ist eine falsche Rechnung, nicht nur für den
Arbeiter, sondern auch für die Gesellschaft. Denn wenn ein Arbeiter
infolge einer zu großen Arbeitsintensität arbeitsunfähig wird, so muss
ihn ja die Gesellschaft erhalten. Die kapitalistischen Bestrebungen
gehen darauf hinaus, die Arbeitsfähigkeit intensiv auszunützen; die
Kosten, die eine Überbeanspruchung über eine längere Zeit verursacht,
überlassen die Unternehmer dem Staat. Noch größer wird diese Gefahr
dadurch, dass mit der Arbeitsintensität auch die Unfallgefahr größer
wird. Das beweist uns die Statistik. Um nicht behindert zu sein in der
raschen Arbeit, nehmen die Arbeiter oft die Schutzvorrichtungen weg.
Man soll in einem solchen Fall nicht über die "unvorsichtigen"
Arbeiter schimpfen, sondern soll untersuchen, ob nicht zu niedrige
Akkordlöhne oder ein anderes Antreibersystem an der hastenden Arbeit
schuld sind.
Fassen wir zusammen: Die
Erhöhung der Arbeitsintensität hat für die Arbeiter ihre großen
Vorteile. Insbesondere in den Produktionszweigen, die in
Weltmarktkonkurrenz stehen, ist sie eine Voraussetzung, um zu höheren
Löhnen zu gelangen.
Auf der anderen Seite
muss man sehen, dass die Steigerung der Arbeitsintensität nicht
ungefährlich ist: erhöhte Unfallgefahr und Verkürzung der
Lebensfähigkeit. Man kann aber nicht grundsätzlich gegen Stückarbeit
sein, weil sonst die Arbeitsintensität zu gering wäre. Es gibt hier
kein allgemein gültiges Schema. Man muss im einzelnen Fall abwägen,
was das Richtige ist. In Österreich, wo die Arbeitsintensität kleiner
ist als in den meisten Ländern, mit denen wir konkurrieren, wäre eine
Politik in Richtung auf eine Verminderung der Arbeitsintensität
gefährlich. Da bei uns die Löhne niedriger sind als in anderen
Ländern, ist schon dadurch die Arbeitsintensität kleiner. Unsere
Politik muss sein: Steigerung der Arbeitsintensität durch höhere
Löhne. Eine niedrigere Arbeitsintensität darf nicht unser Ideal sein.
Nur gegen Übertreibung müssen wir uns wenden. Aber wenn die
Arbeitsintensität durch höhere Löhne gesteigert wird, ist kaum eine
Lebensverkürzung der Arbeiter zu befürchten.
Eine Beobachtung der
gewerkschaftlichen Lohnkämpfe zeigt allerdings, dass fallweise Gruppen
von Arbeitnehmern dazu übergehen, ihre Arbeitsintensität bewusst zu
beschränken. Zu diesem Verhalten sehen sie sich häufig dadurch
veranlasst, weil die Unternehmer den Stücklohn herabsetzen, sobald die
Lohnempfänger intensiver arbeiten. Die Verringerung der
Arbeitsintensität ist in diesem Fall eine berechtigte Notwehr gegen
eine schlechte Unternehmerpolitik. In Industrien, die für den
Weltmarkt arbeiten, ist auch diese Einschränkung mit Vorsicht
anzuwenden. Zu erwägen ist, dass die Arbeitsintensität auch im
Zusammenhang steht mit der Arbeitszeit.
65
6.5.
Arbeitszeit und Arbeitsintensität
Wann wir die
Arbeitsintensität am stärksten sein? Nicht zu Beginn des Arbeitstages,
sondern in den folgenden Stunden, wenn sich die Muskeln an die
Bewegung gewöhnt haben, wenn sie "eingearbeitet" sind. Im Verlauf des
Tages tritt dann eine Ermüdung ein. Die Arbeitsintensität wird gegen
Ende des Arbeitstages sinken. Je länger die Arbeitszeit, desto
geringer die Arbeitsintensität. Die Verkürzung der täglichen
Arbeitszeit wird die Arbeitsintensität erhöhen.
Wir haben früher gehört:
Die hohe Arbeitsintensität erhöht den Wochenlohn, aber sie verkürzt
unter Umständen den Lebenslohn. Das muss nicht so sein. Wenn ich die
Arbeitsintensität erhöhe und gleichzeitig die Arbeitszeit verkürze, so
muss die höhere Arbeitsintensität keine Verkürzung des Lebens nach
sich ziehen. Die Arbeitsintensität kann also nur dann ohne Gefahr
eines Raubbaues gesteigert werden, wenn man gleichzeitig die
Arbeitszeit herabsetzt.
Es lassen sich einige
Feststellungen über die Wechselwirkung zwischen Arbeitszeit und
Arbeitsintensität machen. Erstens: die Verkürzung der Arbeitszeit
macht es möglich, die Arbeit zu intensivieren. Zweitens: die
Verkürzung der Arbeitszeit gestattet es, die Arbeitsintensität zu
steigern, ohne Verkürzung des Lebens des Arbeiters. Drittens ist zu
bedenken: eine Verkürzung der Arbeitszeit ohne Erhöhung der
Arbeitsintensität hätte in Produktionszweigen, die für den Weltmarkt
arbeiten oder der Weltmarktkonkurrenz unterliegen, Arbeitslosigkeit
und Lohndruck zur Folge.
In manchen Industrien ist
die Arbeitsintensität von der Maschine diktiert. Hier wird durch eine
Verkürzung der Arbeitszeit keine Steigerung der Arbeitsintensität
eintreten; dafür wird der Unternehmer trachten, die Maschine zu
verbessern. Dort, wo der Arbeitsprozess schon weitgehend automatisiert
ist, tritt also nicht sofort mit der Verkürzung der Arbeitszeit eine
Erhöhung der Arbeitsintensität ein. Anders, wo die Arbeit noch nicht
so stark automatisiert ist, dort wird der Verkürzung der Arbeitszeit
sehr bald eine Erhöhung der Arbeitsintensität folgen.
Wenn aber die
Arbeitszeitverkürzung ohnehin aufgewogen wird durch gesteigerte
Leistung, hat dann der Kampf um kurze Arbeitszeit einen Sinn? Ja, die
kurze Arbeitszeit ist für den Arbeiter viel vorteilhafter. Das Leben
des Arbeiters beginnt ja erst nach der Arbeitszeit. Marx zitiert
einmal ein Flugblatt aus dem Jahre 1840, worin es heißt: "Reichtum ist
Zeit, über die man verfügt, sonst nichts."
Bis in die achtziger
Jahre des 19. Jahrhunderts hat man in Österreich bis zu 14 Stunden
gearbeitet, 12 Stunden waren normal. Als der Elfstundentag eingeführt
wurde, hat man noch viele Ausnahmen gemacht. Erst in den neunziger
Jahren wurde der Kampf um den Zehnstundentag begonnen. Heute haben wir
den Achtstundentag. Die Arbeitszeitverkürzung ist mit einer großen
Steigerung der Arbeitsintensität erkauft worden. Sie ist ein
ungeheurer Fortschritt. Erst damit beginnt der Arbeiter als
Kulturmensch zu leben.
Soll man die 48 Stunden
in fünf oder sechs Tagen arbeiten? Da bei uns am Samstag nur bis
Mittag gearbeitet wird, rentiert sich die Anheizung der Dampfkessel
nicht. Die Unternehmer sind deshalb dafür, die 48 Stunden in fünf
Tagen zu arbeiten. Der freie Samstag entspricht auch den Wünschen der
Arbeiter. Zwei freie Tage in der Woche bedeuten, wenn sie richtig
verbracht werden, sehr viel für die Gesundheit und die kulturelle
Weiterbildung der Arbeiter.
7
7. Kapitalzins und Unternehmergewinn
71
7.1.
Die Banken
Die Fabrikanten benötigen
zur Führung ihrer Unternehmungen Geld, und zwar zu verschiedenen
Zeiten verschieden viel. Nehmen wir eine Spielwarenfabrik. Sie braucht
das meiste Geld im Herbst, wenn sie für den Weihnachtsmarkt
produziert. Nach Weihnachten, wenn ihr dann die Händler die
Lieferungen bezahlen, bekommt diese Fabrik mehr Geld herein. Da aber
zu dieser Zeit die Produktion einen Tiefstand erreicht, hat der
Spielwarenfabrikant jetzt überschüssiges Geld. Wir sehen: Vor
Weihnachten hatte er weniger Geld, nach Weihnachten hat er mehr als
erforderlich. Zuerst hat er sich das Geld geborgt, später legt er Geld
in die Bank ein.
Beim Landwirt wird es
gerade umgekehrt sein. Er wird im Herbst, nach dem Verkauf der Ernte,
überschüssiges Geld haben, im Frühjahr aber wieder Geld brauchen. Er
wird also im Herbst Geld in die Bank einlegen und im Frühjahr von der
Bank Geld abheben oder borgen.
Die Banken haben also
eine wichtige Funktion: sie vermitteln Geld. Sie saugen das
augenblicklich an bestimmten Stellen der Wirtschaft überschüssiges
Geld auf und leiten es in jene Produktionszweige, die es gerade
benötigen. In unserem Beispiel wird der Landwirt Zinsen bekommen, der
Spielwarenfabrikant wird Zinsen bezahlen müssen. Werden diese Zinsen
gleich hoch sein? Der Fabrikant wird einen höheren Zins bezahlen
müssen, als der Landwirt bekommt. Die Bank muss ja bei diesem Geschäft
etwas verdienen. Sie hat Verwaltungskosten und will auch einen Gewinn
haben.
Die Einleger bekommen
Zinsen. Diese Zinsen nennt die Bank Passivzinsen. Die Kreditnehmer
bezahlen Zinsen. Diese Zinsen heißen Aktivzinsen.
Man kann durch diese
Einrichtung eine Menge flüssigen Geldes verwerten. Hat man keine
andere Verwertung für sein Geld, so legt man es in eine Bank ein und
bekommt dafür Zinsen. Die Kapitalisten ziehen daraus den Schluss, dass
das Geld die "natürliche Eigenschaft" habe, sich zu vermehren. Woher
kommen in Wahrheit die Zinsen? Sie kommen von der Arbeit. In unserem
Fall zahlt die Zinsen, die der Landwirt erhält, der
Spielwarenfabrikant. Woher der Fabrikant dieses Geld nimmt, werden wir
später noch genau untersuchen.
Es gibt Leute, die sagen,
alles Unglück in der Welt komme daher, dass die Kapitalisten ihr Geld
unproduktiv in den Banken liegen haben (Schwundgeldtheorie). Diese
Leute verstehen nicht, dass auch heute kein Kapitalist sein Geld
brachliegen lässt. Er gibt ja sein überschüssiges Geld der Bank und
die Bank muss sich beeilen, das Geld sofort weiterzugeben. Wie könnte
sie denn sonst dem Einleger Zinsen zahlen? Sie muss, um die
Passivzinsen entrichten zu können, Aktivzinsen hereinbekommen. Sie ist
also gezwungen, das Geld sofort jemandem zu borgen, der es für seinen
Betrieb braucht. Durch den Mechanismus der Banken wird es produktiv
verwertet.
72
7.2.
Der Zinsfuß
Wie jeder Preis ist auch
der Zinsfuß - der Preis für Leihgeld - Veränderungen unterworfen;
seine Höhe hängt von Angebot und Nachfrage ab. Bei gutem Geschäftsgang
braucht der Unternehmer viel Geld. Die Nachfrage nach Fremdkapital
steigt und der Zinsfuß wird daher erhöht. Bei schlechtem Geschäftsgang
schränken die Unternehmer ihre Produktion ein. Es ist daher genug
flüssiges Geld vorhanden. Das Angebot von Geld ist groß, die Nachfrage
ist klein. Der Preis für Leihgeld sinkt, der Zinsfuß ist niedrig.
Die Veränderung des
Zinsfußes haben aber nicht nur den Zweck, das Angebot von Leihgeld und
die Nachfrage von Kredit im Inland in Übereinstimmung zu bringen. Der
Zinsfuß ist auch das Mittel, um die internationalen Geld- und
Kreditbewegungen zu beeinflussen. Es gibt kapitalarme und
kapitalreiche Länder. Kapitalarme Länder müssen bestrebt sein, durch
einen hohen Zinsfuß von auswärts Geld ins Land zu locken. Dabei spielt
natürlich auch die Frage ob das Geld in diesem Land sicher ist, eine
große Rolle. Ein Land, zu dessen Bestand man wenig Vertrauen hat, wird
nur dann ausländische Kredite anziehen, wenn es einen hohen Zinsfuß
bietet.
Die allgemeine Regel ist:
Die Differenzierung zwischen den Zinssätzen bietet die Möglichkeit,
den Kapitalmangel und den Kapitalüberschuss auszugleichen. Wenn ein
Land guten und ein anderes Land schlechten Geschäftsgang hat, so wird
im Land des guten Geschäftsganges der Zinsfuß steigen. Die Folge davon
ist, dass flüssige Gelder des Landes mit schlechtem Geschäftsgang
angezogen werden. So wird der notwendige Ausgleich geschaffen.
Der Zinsfuß hat dieselbe
Funktion zu erfüllen wie der Marktpreis: er muss Angebot und Nachfrage
in Einlang bringen. Der Zinsfuß kann daher nicht willkürlich
festgesetzt werden. Setzte man etwa den Zinsfuß zu tief herab, so wird
nicht nur der Kapitalfluss unterbunden; selbst das heimische Kapital
kann dadurch veranlasst werden, ins Ausland abzuwandern. So wenig man
in der kapitalistischen Gesellschaft den Preis willkürlich regeln
kann, ebenso wenig kann man auch den Zinsfuß beeinflussen.
Marktpreis - Kostenpreis
= Profit
Die Kapitalisten rechnen
damit, dass jede Menge verfügbaren Geldes einen Zinsertrag abwirft;
sie betrachten dies als natürliche Eigenschaft des Geldes.
Wirft das in einem
Betrieb investierte Kapital nicht mehr Profit ab, als das gleiche
Kapital als Einlage in einem Kreditinstitut an Zinsen bringen würde,
so sagt der Unternehmer: "Wozu führe ich sorgenbeschwert dieses
Geschäft? Wenn ich mein Geld in die Bank einlege, bekomme ich mühelos
dasselbe."
Der Kapitalist betrachtet
daher nur das als Gewinn, was über die Zinsen hinausgeht. Der Profit
wird als ein aus zwei gesonderten Bestandteilen bestehendes Ganzes
angesehen:
Profit = Kapitalzins +
Unternehmergewinn
Wenn der Kapitalist mit
ausgeborgtem Geld arbeitet, bekommt die Band den Kapitalzins, der
Unternehmer den Unternehmergewinn. Arbeitet ein Unternehmer mit
eigenem Geld - was ja auch vorkommt - so bekommt er beides. Die
Unternehmer führen aber trotzdem ihre Bücher so, als ob sie den
Kapitalzins an jemand abführen müssten: sie betrachten nur diesen Teil
des Gewinnes, der über den Kapitalzins hinausgeht als ihren
Unternehmergewinn. Da aber heute in der Regel zum großen Teil mit
fremden Geld gearbeitet wird, verzweigt sich der Gewinn mannigfach:
der Unternehmergewinn verbleibt dem Unternehmer; der Kapitalzins
gehört der Bank; die Bank muss aber wieder einen Teil des
Kapitalzinses an die Einleger weitergeben.
73
7.3.
Das Kapitalisieren
Aufgrund eines
überlieferten Vertrages kann jemand das Recht haben, vom Eigentümer
eines Grundstückes jährlich eine bestimmte Geldsumme zu verlangen.
Nehmen wir an, diese Summe wäre 1.600 S. Man wird in diesem Fall
sagen, dass auf dem Grundstück eine Reallast von 1.600 S liegt.
Wieviel muss man dafür bekommen, wenn dieses Recht auf die Rente
verkauft werden soll? Die Verkaufssumme muss so hoch sein, dass der
Zinsertrag davon 1.600 S beträgt. Die Berechnungsformel lautet:
Kapital = (100 x Ertrag)
: Zinsfuß = 100 x 1600 : 8 = 160.000 : 8 = 20.000
Bei einem Zinsfuß von 8
Prozent muss die Verkaufssumme 20.000 S betragen. Diese Rechnung nennt
man Kapitalisieren. Man errechnet den Wert eines Kapitals, das, gegen
Zinsen angelegt, einen bestimmten Zinsertrag bringt. Die Höhe des
Kapitals hängt, wie diese Rechnung lehrt, sehr wesentlich von der Höhe
des Zinsfußes ab. Wenn wir in unserem Beispiel einen Zinsfuß von 4
Prozent annehmen, beträgt die Kapitalsumme nicht 20.000 S, sondern
40.000 S.
8
8. Die Profitrate
81
8.1.
Profitrate = Profit : Kapital
Das Verhältnis zwischen
erzieltem Profit und aufgewendetem Kapital wird in der Profitrate
ausgedrückt. Die absolute Größe des Profits sagt uns wenig. Man muss
immer vergleichen, wie groß der Kapitalaufwand war, mit dem diese
Profitsumme erzielt wurde. In dieser drückt man die Profitrate in
Prozenten aus:
Profitrate in Prozent =
(Profit x 100) : Kapital = 3000 x 100 : 15.000 = 20
Wenn wir annehmen, das
jemand bei einem Kapitalaufwand von 15.000 S zum Beispiel 3.000 S
Profit erzielt hat, so beträgt die Profitrate 20 Prozent.
Die Profitrate ist bei
verschiedenen Unternehmungen des gleichen Industriezweiges verschieden
hoch; auch in den verschiedenen Industriezweigen variiert die
Profitrate. Im nachstehenden wollen wir zunächst von der
Durchschnittsprofitrate sprechen.
82
8.2.
Die Ausgleichung der Profitrate
Die Kapitalisten haben
das Bestreben, ihr Kapital in jenen Industriezweigen und Betrieben
anzulegen, wo die Profitrate hoch ist. Industriezwiege mit hohen
Profitraten werden eine reichliche Kapitalversorgung zu verzeichnen
haben; es strömt ihnen von den Industriezweigen mit niedriger
Profitrate Kapital zu. In den Produktionszweigen, die mit Kapital
reichlich versorgt sind, wird die Produktion vergrößert. Die
vergrößerte Produktion hat zur Folge, dass auf dem Markt mehr Waren
angeboten werden; das gesteigerte Angebot an Waren wird den Preis und
damit den Profit senken. Der Kapitalzustrom löst eine Minderung der
Profitrate aus. Die gegenteilige Entwicklung wird sich in den
Produktionszweigen vollziehen, die eine niedrige Profitrate haben.
Dort wird Kapital abfließen. Das führt zu einer Verringerung der
Produktion; das Angebot an Waren sinkt.
Das sinkende Angebot hat,
wie wir wissen, steigende Preise und damit steigenden Profit zur
Folge. In diesem Produktionszweig wird daher die Profitrate steigen.
Die eben geschilderte Entwicklung führt also zu einer Ausgleichung der
Profitrate. Machen wir uns das durch folgende schematische Darstellung
klar:
|
Metallindustrie
|
Bierbrauerei |
|
Profitrate niedrig |
Profitrate hoch |
|
Kapital fließt ab |
Kapital strömt zu |
|
Produktion
verkleinert |
Produktion vergrößert |
|
Angebot sinkt |
Angebot steigt |
|
Preise steigen |
Preise sinken |
|
Profitrate steigt |
Profitrate sinkt |
Unser Bild zeigt, dass in
der Metallindustrie, wo die Profitrate niedrig ist, infolge des
Kapitalabflusses die Profitrate steigen wird - in der Bierbrauerei, wo
die Profitrate hoch ist, wird sie infolge des Zustromes von Kapital
sinken. Es besteht die Tendenz, die Profitrate auszugleichen.
Die Entwicklung, die sich
bei freier Konkurrenz mit Naturnotwendigkeit vollzieht, wird gehemmt
durch Kartelle. Bleiben wir bei unserem Beispiel: Wenn die Banken an
den Profiten der Brauereien interessiert sind, werden sie das
Errichten neuer Brauereien durch Kreditverweigerung zu hemmen suchen.
Dadurch kann dieser Ausgleich der Profitrate eine Zeitlang verhindert
werden. Aber wenn die Brauereien ein gutes Geschäft machen und eine
höhere Profitrate haben als andere Industrien, so wird man schließlich
doch neue Brauereien bauen. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Entweder
man nimmt die neuen Betriebe in das Kartell auf (das bedeutet: Kürzung
der einzelnen Quoten zugunsten des neuen Betriebes) oder man tritt in
Konkurrenz. Die Banken können in diesem Fall das Ausgleichen der
Profitrate zwar erschweren, aber nicht dauernd verhindern.
In der kapitalistischen
Gesellschaft herrscht eben Anarchie. Der eine Produktionszweig wird
vergrößert, der andere bleibt zurück. Dadurch entstehen fortwährend
Missverhältnisse und Krisen. Aber schließlich ist auch in der
kapitalistischen Gesellschaft eine "Automatik" wirksam, die dafür
sorgt, dass die Disproportionalitäten nicht verewigt werden. Diese
Automatik wird von der Profitrate ausgelöst. Ist beispielsweise von
einem Produkt zuwenig erzeugt worden, so wird die stürmische Nachfrage
nach diesem Produkt den Preis emportreiben. Steigender Preis bedeutet
aber auch eine steigende Profitrate. Die hohe Profitrate lockt neues
Kapital an. Die Produktion wird weiter vergrößert. In kurzer Zeit wird
das Angebot so groß sein, dass die Nachfrage befriedigt werden kann.
Wurde von einer Ware
zuviel erzeugt, so setzt die entgegengesetzte Entwicklung ein: In
diesem Fall ist also das Angebot an Waren groß, die Nachfrage gering.
Die Marktpreise werden sinken. Sinkende Preise bedeuten sinkende
Profitrate. Das Kapital wird daher in andere Produktionszweige
abwandern. Die Produktion wird sich verringern. Sie wird so weit
sinken, bis Angebot und Nachfrage in Einklang stehen.
Wir sehen: die Tendenz
zum Ausgleich der Profitrate regelt die Entwicklung der verschiedenen
Produktionszweige.
Freilich, diese Regelung
der Wirtschaft durch die Profitrate hat einen großen Nachteil: sie
hinkt immer hinten nach. Ob man ein erzeugtes Produkt braucht oder
nicht, das zeigt sich erst am Markt. Braucht man es, dann steigt der
Profit; benötigt man es nicht, dann ist der Profit niedrig. Und erst
dann beginnt der Ausgleichsmechanismus zu wirken.
83
8.3.
Der Produktionspreis
Der Preis, zu dem eine
Ware verkauft wird, setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus dem
Kostenpreis und aus dem Profit.
Preis = Kostenpreis +
Profit
Der Profit wird von
Betrieb zu Betrieb in verschiedenen Produktionszweigen verschieden
sein. Es besteht aber die Tendenz, die Profitraten auszugleichen. Die
Profitrate, an die sich die tatsächlich erzielbaren anzugleichen
suchen, nennen wir die "gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate".
Der Profit, den der einzelne Kapitalist beim Verkaufen seiner Waren
erzielt, kann groß oder klein sein. Aber es besteht die ständige
Tendenz zur Angleichung an die gesellschaftliche
Durchschnittsprofitrate. Ist der Profit so hoch wie die
gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate, so nennen wir diesen Profit
"Durchschnittsprofit". Was wir hier als Durchschnittsprofit
bezeichnen, das ist in der Sprache der Unternehmer der (bürgerliche)
"Gewinn".
Den Preis einer Ware, bei
dem der Kapitalist den Durchschnittsprofit verdient, bezeichnen wir
als den "Produktionspreis". Der Produktionspreis ist demnach
Kostenpreis + Durchschnittsprofit.
Die Waren werden meist
nicht zum Produktionspreis verkauft. Auf dem Markt gibt es nur
individuelle Preise mit individuellem Kostenpreis und Profit. Aber es
besteht die Tendenz, die Preise anzugleichen an die Produktionspreise.
Wir kennen jetzt drei Arten von Preisen: individuelle Preise,
Marktpreise, Produktionspreise.
Der Produktionspreis ist
nicht der Preis, zu dem Waren verkauft werden, aber er ist jener, dem
sich die Marktpreise anzunähern suchen. Der Produktionspreis ist
gleichsam der mittlere Preis, um den die Marktpreise pendeln.
Wenn es gelingt, den
Profit über dem Durchschnittsprofit zu halten, so steht der Marktpreis
über dem Produktionspreis. Die Kapitalisten versuchen, durch Kartelle
und Trusts den Kapitalzufluss zu bestimmten Industrien zu hemmen, um
dadurch eine höhere Profitrate zu erreichen. Gelingt dies, so stehen
die Marktpreise über dem Produktionspreis. Dauernd ist dieser Zustand
in der Regel nicht aufrechtzuerhalten.
Eine Bank kann das
Entstehen neuer Konkurrenzbetriebe durch Verweigerung der Kredite
erschweren. Dies gelingt allerdings nur dann, wenn die Banken
einheitlich vorgehen. Sobald eine andere Bank den Kredit hergibt, ist
die Neuerrichtung von Betrieben nicht zu verhindern. In der Praxis ist
das Zusammenwirken der Banken ziemlich üblich geworden. In dem Maße,
als die Banken mächtiger werden, nimmt auch dieses einheitliche
Vorgehen zu, da sie es nicht wagen, einander Konkurrenz zu machen.
9
9. Die Ausgleichung der Lohnsätze
Nehmen wir an, die Löhne
wären bei den Maurern besonders hoch und bei den Metallarbeitern sehr
niedrig. Was würde geschehen? Die jungen Burschen werden das
Maurerhandwerk lernen wollen; nur wenige werden sich für das Gewerbe
der Metallverarbeitung entscheiden. Nach drei Jahren werden bei den
Maurern viele Gehilfen da sein. Das große Angebot an Arbeitern wird
die Löhne der Maurer etwas drücken. Der Anreiz, Maurer zu werden, wird
dadurch geringer. Bei den Metallarbeitern dagegen wird ein Mangel an
gelernten Arbeitern eintreten, da zuwenig junge Menschen dieses
Gewerbe erlernt haben. Infolge des geringen Angebotes von
Metallarbeitern werden ihre Löhne steigen. So wird ein gewisser
Ausgleich der Lohnsätze hergestellt.
Dieses Gesetz wirkt
fortwährend - es gibt aber durch alle möglichen Faktoren beeinflusst.
Es gilt für alle Berufe. In gut bezahlte Berufe strömen Menschen zu,
schlecht bezahlte Berufe werden gemieden. So wie durch das Hin- und
Herströmen des Kapitals der Ausgleich der Profitrate entsteht, so
entsteht durch den Arbeitsplatzwechsel eine Tendenz zur Ausgleichung
der Lohnsätze. Nicht zu übersehen ist die Tatsache, das bei der
Berufswahl neben den Entlohnungsfragen auch andere Erwägungen
mitbestimmend sind.
Dazu kommt, dass sich die
Menschen in ihren Vorausschätzungen auch irren. Vor wenigen Jahren
waren die Metallarbeiter gut bezahlt, daher strömten junge
Arbeitskräfte in diese Berufe. Heute sind diese Arbeitergruppen wieder
schlechter entlohnt. Die Eltern haben also falsch "spekuliert". Noch
bevor ihre Söhne ausgelernt waren, sind die Löhne schon gesunken. Die
Löhne der Bauindustrie lagen dagegen viele Jahre danieder; der
Maurerberuf wurde gemieden. Heute sind die Maurer beschäftigt und gut
bezahlt. Die Ausbildung qualifizierter Arbeitskräfte dauert drei bis
vier Jahre. Die Konjunkturschwankungen vollziehen sich aber oft in
kürzeren Zeitspannen. Diese Umstände hemmen den Ausgleichsmechanismus.
Die Verteilung der jungen Arbeitskräfte kann sich niemals den
Erfordernissen richtig anpassen, weil sich die Verhältnisse in den
einzelnen Industriezwiegen zu rasch ändern. Auf die Dauer können sich
andererseits große Lohndifferenzen nicht behaupten.
10
10. Schlussbetrachtung
Wir sind bei unseren
bisherigen Betrachtungen vom Markt - vom Kauf und Verkauf -
ausgegangen. Marktpreise, Durchschnittsprofite, Ausgleichung der
Lohnsätze - all diese Begriffe gehören zur Lehre vom Markt. Es war die
Lehre von den Beziehungen der Menschen als Käufer und Verkäufer. Unter
diesem Begriff können wir den eben abgeschlossenen ersten Teil unserer
nationalökonomischen Darstellung zusammenfassen. Das große Gesetz der
Lehre vom Markt ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage.
Die Lehre vom Markt ist
die Betrachtungsweise jeder Nationalökonomie. Was uns von der
bürgerlichen Auffassung trennt, ist der Umstand, dass wir dabei nicht
stehen bleiben. Die bürgerliche Nationalökonomie begnügt sich damit.
Sie sagt: Die Menschen kaufen und verkaufen und dabei gewinnen sie ihr
Einkommen. Die sozialistische Theorie begnügt sich damit nicht. Sie
geht von der Erkenntnis aus, dass die Waren, ehe sie auf den Markt
kommen, produziert sein müssen. Auf dem Markt wird nur verteilt, was
vorher durch Arbeit geschaffen wurde. Deshalb ist es auch
erforderlich, unseren bisherigen Untersuchungen einen zweiten Teil,
die "Lehre von der Arbeit", anzuschließen. Die sozialistische
Literatur beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Lehre von der
Arbeit und nicht mit der Lehre vom Markt. Die sozialistische
Darstellung geht auch immer von der Arbeit aus und kommt erst dann zum
Markt. Wir gingen den entgegengesetzten Weg: wir gingen vom Markt aus,
weil wir es aus pädagogischen Gründen für zweckmäßig hielten, an den
Erfahrungen des täglichen Lebens anzuknüpfen. Der Abschnitt
"Politische Ökonomie II" behandelt daher die Lehre von der Arbeit.
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