Start Über uns Themen Geschichte Marxismus
 

 

Politische Ökonomie I - Der Markt

 

1. Der Kostenpreis

1.1. Der Kreislauf von Ware und Geld

1.2. Das fixe und das zirkulierende Kapital

1.3. Die Berechnung des Kostenpreises

1.4. Verschiedenheit der Kostenpreise

 

2. Der Marktpreis

2.1. Individuelle Preise und Marktpreise

2.2. Die Angebotsfunktion

2.3. Die Nachfragefunktion

2.4. Der Markpreis

2.5. Veränderungen des Marktpreises infolge der Änderung der Angebotsfunktion

2.6. Veränderungen des Marktpreises infolge der Änderung der Nachfragefunktion

2.7. Die gesellschaftliche Bedeutung des Marktpreises

2.8. Abhängigkeit der Marktpreise von der Elastizität der Nachfrage

2.9. Staatliche Höchstpreise oder Nationalpreise

2.10. Marktpreisveränderungen und technischer Fortschritt

 

3. Kartelle und Trusts

3.1. Ausschaltung der freien Konkurrenz

3.2. Konkurrenz innerhalb des Kartells

3.3. Staatliche Höchstpreise beim Kartell

3.4. Trusts

3.5. Von der freien Konkurrenz zum privaten Monopol

3.6. Die Konzentration des Kapitals und der Antikapitalismus

 

4. Die Zölle und der Marktpreis

4.1. Weltmarktpreis und Inlandspreise

4.2. Der Einfluss des Zolls auf den Inlandspreis bei freier Konkurrenz

4.3. Der Einfluss des Zolls auf die Löhne

4.4. Die Kartelle und die Zölle

4.5. Export und Dumping

 

5. Der Arbeitslohn

5.1. Der Verkauf von Waren und Arbeitskraft

5.2. Preis der unorganisierten Arbeitskraft

5.3. Die Gewerkschaften

5.4. Veränderungen des Kostenpreises durch Lohnerhöhung bei gleich bleibender Arbeitsintensität

5.5. Produktionszweige mit und ohne Weltmarktkonkurrenz

5.6. Der Arbeitslohn in Produktionszweigen mit Weltmarktkonkurrenz

5.7. Der Arbeitslohn in Produktionszweigen ohne Weltmarktkonkurrenz

5.8. Gewerkschaften und technischer Fortschritt

5.9. Die Unternehmerverbände

 

6. Arbeitsintensität und Arbeitszeit

6.1. Die Arbeitskraft als Maschine

6.2. Das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitsintensität

6.3. Arbeitsintensität und Arbeitslosigkeit

6.4. Wochenlohn und Lebenslohn

6.5. Arbeitszeit und Arbeitsintensität

 

7. Kapitalzins und Unternehmergewinn

7.1. Die Banken

7.2. Der Zinsfuß

7.3. Kapitalisieren

 

8. Die Profitrate

8.1. Profitrate, Profit und Kapital

8.2. Der Ausgleich der Profitrate

8.3. Der Produktionspreis

 

9. Die Ausgleichung der Lohnsätze

 

10. Schlussbetrachtung

 

1

1. Der Kostenpreis

11

1.1. Der Kreislauf von Ware und Geld

Wir leben in einer Wirtschaft, die sich durch eine weitverzweigte Arbeitsteilung kennzeichnet. Ständig werden viele Millionen von Tauschakten vollzogen; für Geld werden Waren gekauft und Vermögen, die in Warenvorräten angelegt sind, werden in gleicher Weise in Geld zurückverwandelt. 

In einfachster Weise vollzieht sich der Umschlag des Handelskapitals. Der Kaufmann nimmt Geld (G), kauft dafür Ware (W) und verkauft diese Ware wieder weiter, wodurch die Rückverwandlung in Geld (G) erfolgt. Die Geldsumme, die am Schluss dieses Kreislaufes vorhanden ist, wird in der Regel größer sein als jene, über die der Kaufmann ursprünglich verfügte. Wir drücken dies dadurch aus, dass wir dem großen G ein kleines g hinzufügen. Die Formel für die Zirkulation des Handelskapitals lautet deshalb:

G à  W à G + g

Etwas komplizierter verläuft die Zirkulation des industriellen Kapitals. Der Fabrikant nimmt das Geld (G), geht damit auf den Markt und kauft Waren (W). Diese Waren bestehen einerseits aus den Produktionsmitteln (Pm), worunter Wirtschaftsgebäude, Maschinen und Rohstoffe zu verstehen sind, andererseits aus der notwendigen Arbeitskraft (Ak). Nun wird der Kreislauf des Geldes durch den Produktionsprozess (... P ...) unterbrochen, aus dem wieder Ware (W) hervorgeht. Diese Ware wird verkauft und verwandelt sich wieder in Geld (G). "Am Schlusse des Prozesses", sagt Marx, "befindet sich der Kapitalwert also wieder in derselben Form, worin er in ihn eintrat, kann ihn also wieder von neuem als Geldkapital eröffnen und durchlaufen." Die Form des Geldkapitals wurde durch diesen Zirkulationsprozess nicht verändert, wohl aber seine Größe. Da in der Geldsumme, die am Schluss des Kreislaufs vorhanden ist, der Profit des Unternehmers steckt, so wird sie größer sein als die ursprünglich vorhandene. Die Formel für die Zirkulation des industriellen Kapitals sieht so aus:

 G à W { Pm, Ak ... P … W à G + g

Es ist klar: In den Kostenpreis der Ware sind nicht nur die Auslagen für Rohstoffe und Arbeitskräfte einzurechnen, sondern es muss ein entsprechender Betrag für die Erneuerung der verwendeten Fabriksgelände, Maschinen und Werkzeuge zurückgelegt werden. Diesen Vorgang nennt man abschreiben oder amortisieren.

12 

1.2. Das fixe und das zirkulierende Kapital

Analysieren wir den Produktionsprozess, so finden wir, dass der Kapitalwert, der in den Produktionsmitteln steckt, in verschiedener Weise zirkuliert. Ein Teil der Produktionsmittel geht seinem Wert nach ganz in das neue Produkt ein, ein anderer Teil überträgt seinen Wert nur allmählich und stückweise auf die neuen Produkte.

Aus der verschiedenen Weise, worin die verschiedenen Teile des produktiven Kapitals ihren Wert auf das Produkt übertragen, entspringen, sagt Marx, "die Formbestimmtheiten von fixem und flüssigem Kapital." Aber nur das produktive Kapital kann sich in ein fixes (stehendes) und in ein zirkulierendes (umlaufendes, flüssiges) Kapital spalten; für das Waren- und Geldkapital besteht dieser Gegensatz nicht.

Als fixes Kapital bezeichnet man jenen Teil des Kapitals, der in den Wirtschaftsgebäuden, Maschinen, Werkzeugen, Transportmitteln usw. festgelegt ist. In dem Maße, als diese Arbeitsmittel gebraucht und abgenutzt werden, geht ein Teil ihres Wertes auf die neuen Produkte über. Der andere Teil des Wertes bleibt aber während der Funktionsdauer dieser Arbeitsmittel in ihnen fixiert.

Darum bezeichnen wir das in diesen Arbeitsmitteln angelegte Kapital als fixes oder stehendes Kapital. Der so "fixierte" Wert nimmt ständig ab, bis das Arbeitsmittel ausgedient hat. Während dieser Zeit wurde der Wert des Arbeitsmittels allmählich, stückweise auf die Produkte übertragen.

Allgemein dürfen wir sagen: Das fixe Kapital stellen jene Produktionsmittel dar, die nicht in dem Zeitraum verbraucht oder abgenutzt werden, in dem das Produkt fertiggestellt und aus dem Produktionsprozess als Ware abgestoßen wird. In derselben Zeit, während das fixe Kapital einmal umschlägt, schlägt das flüssige Kapital viele Male um.

Als zirkulierendes, umlaufendes oder flüssiges Kapital bezeichnen wir den Teil des produktiven Kapitals, der in Rohstoffen, Hilfsstoffen, der Arbeitskraft usw. steckt. Die Produktionsmittel, die das umlaufende Kapital darstellen, haben die Eigenschaft, dass sie in jedem Arbeitsprozess, worin sie eingehen, ganz verbraucht werden. Ihr Wert wird vollständig auf das neue Produkt übertragen. Ein Teil der Produktionsmittel - etwa das Leder, aus dem man Schuhe macht - geht stofflich in das Produkt über, aber ihr Wert bildet dennoch einen Teil des Wertes des neugeschaffenen Produkts.

Suchen wir nun diese Gedanken durch einige Beispiele zu veranschaulichen. Welches Kapital stellt ein Ochse dar? Das kommt auf seine Verwendung an: Wird ein Ochse als Arbeitstier verwendet, so ist er fixes Kapital. Es wird ja nicht in einem Arbeitsgang verbraucht, sondern nützt sich wie eine Maschine allmählich ab. Der Mastochse dagegen , den der Fleischhauer kauft und aushackt, ist zirkulierendes Kapital. Der Eisenbahnwaggon, der in aller Welt herumläuft, ist trotzdem kein laufendes, sondern fixes Kapital. Der Dünger, der nur für eine Produktionsperiode wirksam ist, stellt ein zirkulierendes Kapital dar. Erstreckt sich aber die Wirksamkeit des Düngers auf mehrere Ernten, so wird das aufgewendete Vermögen ein Bestandteil des fixen Kapitals.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

13

1.3. Die Berechnung des Kostenpreises

Die Produzenten führen in ihrem eigenen Interesse fallweise Kalkulationen durch, um den Kostenpreis eines Meterzenters (q) einer von ihnen geschaffenen Ware zu bestimmen. Wollen wir beispielsweise eine solche Kalkulation vornehmen, so müssen wir eine Annahme über die Leistungsfähigkeit eines industriellen Unternehmens treffen. Unterstellen wir, dass unser Betrieb bei voller Ausnützung der Leistungsfähigkeit (Kapazität) jährlich 1.000 q einer bestimmten Ware erzeugen kann. Die Fabriksanlagen kosten 100.000.- Schilling und sollen in fünfzig Jahren amortisiert werden. Die Maschinen, die 60.000.- kosten, sind in zehn Jahren zu amortisieren. Für Arbeitslöhne, Roh- und Hilfsstoffe haben wir pro Zentner auszugeben: 

Arbeitslohn: 6 S

Rohstoffe: 7 S

Hilfsstoffe: 2 S

Regien: 3 S

= Summe: 18 S

Ist damit unsere Kalkulation schon beendet? Nein, wir müssen jetzt noch die Amortisationskosten für die Gebäude und Maschinen berechnen. Die Rechnung lautet: Die Gebäude kosten 100.000 S und haben eine Lebensdauer von fünfzig Jahren. Wir müssen also jährlich 2.000 S zurücklegen, dann haben wir im Laufe von fünfzig Jahren diese 100.000 herangebracht. Wieviel müssen wir pro Zentner verdienen, um jährlich 2.000 S für die Gebäude zurücklegen zu können? Da wir jährlich 1.000 q erzeugen, müssen wir pro Zentner eine Gebäudeamortisation von 2 S zuschlagen.

Die Maschinen kosten 60.000 S und haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. Für die Amortisation der Maschinen müssen wir demnach jährlich ein Zehntel des Einkaufspreises der Maschinen, also 6.000 S, zurücklegen. Da wir jährlich 1.000 q erzeugen, so entfällt auf die Amortisation der Maschinen pro Zentner ein Beitrag von 6 S.

Zu dem vorhin errechneten Kostenpreis von 18 S kommen daher noch hinzu: 

Gebäude-Amortisation: 2 S

Maschinen-Amortisation: 6 S

= Summe: 8 S

Der Kostenpreis beträgt nach unserem Beispiel also 18 S + 8 S = 26 S.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

14

1.4. Verschiedenheit der Kostenpreise

Ein alte Erfahrung lehrt uns, dass die Kostenpreise der verschiedenen Unternehmungen keineswegs gleich hoch sind, sondern sehr starke Unterschiede aufweisen. Ihre Differenzierung wird durch folgende Einzelheiten bedingt: 

1. Die Verschiedenheit der technischen Einrichtung: Ein Betrieb mit leistungsfähigeren, modernen Maschinen wird billiger produzieren als ein Betrieb mit veralteten Maschinen.

2. Verschiedene Standorte: Ein Eisenwerk, das bei einem Kohlebergwerk liegt, wird billiger produzieren als ein Werk, das die Kohle von einem weit entfernten Bergwerk zuführen muss. Da ein Eisenwerk sehr viel Kohle braucht, erhöhen die Zufuhrkosten der Kohle den Kostenpreis des Eisens wesentlich.

3. Der durchschnittliche Beschäftigungsgrad des Betriebes: Der Grad der durchschnittlichen Kapazitätsausnützung spielt beim Kostenpreis eine große Rolle. Sehen wir uns doch die Berechnung im Punkt 1.3. an. Bei der Annahme, dass dieser Betrieb durch eine Krise seine Produktion um die Hälfte herabsetzen muss, wird die Gebäudeamortisation von 2 S auf 4 S und die Maschinenamortisation von 6 S auf 12 S steigen. Auch die Regien für Beleuchtung und Beheizung der Arbeitsräume belasten den Kostenpreis mehr, wenn der Betrieb nicht voll beschäftigt ist.

4. Die Größe des Betriebes: Großbetriebe haben in der Regel einen kleineren Kostenpreis pro Einheit als Kleinbetriebe. Sie können bessere Maschinen einstellen, können diese Maschinen besser ausnützen, haben geringere Amortisations- und Personalkosten.

5. Die Tüchtigkeit der Arbeitskräfte: Ein Betrieb, der umsichtig geleitet ist und der gute Arbeitskräfte beschäftigt, wird natürlich billiger produzieren als ein schlicht geleiteter Betrieb mit untüchtigen Arbeitern.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

2

2. Der Marktpreis 

21 

2.1. Individuelle Preise und Marktpreise

Unter dem individuellen Preis verstehen wir den Preis, den der einzelne Käufer für die einzelne Ware bezahlt. Jeder, der das Getriebe des Marktes kennt, weiß, dass diese individuellen Preise verschieden sind. Aber es besteht die Tendenz, die individuellen Preise anzugleichen. Seht euch einmal die Oberfläche eines Gewässers an, das vom Winde bewegt wird. Ist diese Oberfläche eine Ebene? Nein. Aber trotzdem hat das Wasser die Tendenz, eine Oberfläche zu bilden. Eine solche Tendenz besteht auch bei den Preisen.

Die individuellen Preise haben das Bestreben, sich einem Grundpreis anzupassen. Diesen Grundpreis, um den wirklichen Preise sozusagen pendeln, nennen wir den Marktpreis. Wir wollen nun das Entstehen, die Veränderungen und die Bedeutung des Marktpreises etwas näher betrachten.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

22

2.2. Die Angebotsfunktion 

Damit wir nicht mit abstrakten Vorstellungen arbeiten müssen, konstruieren wir zunächst einige konkrete Beispiele. Festzuhalten ist dabei, dass wir, um die Wirkung von Angebot und Nachfrage zu verstehen, freie Konkurrenz voraussetzen.

 

Unternehmer

Produktion bei voller Beschäftigung (q)

Kostenpreis eines Zentners

Hans Müller

380

8 S

Georg Schulz

320

9 S

Wenzel Prohaska

300

10 S

Ignaz Kohn

250

11 S

Eduard Schmidt

200

12 S

Wir nehmen an, dass es in einem bestimmten, für sich abgeschlossenen Wirtschaftsgebiet nur diese fünf Betriebe gäbe. Das Angebot würde sich so gestalten: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot in Zentnern:

8 S

380

9 S

700

10 S

1000

11 S

1250

12 S

1450

Unser Beispiel besagt: Beträgt der Marktpreis 8 S, so kann nur der Betrieb Hans Müller produzieren, dessen Kostenpreis so hoch ist wie der Marktpreis. Die Produktionskosten der anderen vier Betriebe sind höher als 8 S pro Meterzentner. Sie müssten daher, da kein Unternehmer dauernd mit Verlust arbeiten kann, die Produktion einstellen. Einem Marktpreis von 8 S entspricht in unserem Falle ein Angebot von 380 q. Stiege der Marktpreis von 8 auf 9 S, so könnte auch die Firma Schulz produzieren, deren Kostenpreis 9 S ist. Bei voller Ausnützung ihrer Kapazität erzeugen die beiden Firmen 700 q. Einem Marktpreis von 9 S entspräche daher ein Angebot von 700 q. Stiege der Marktpreis auf 10 S, so betrüge das Angebot 1.000 q usw., wie es unsere Zahlenreihe zeigt, die wir "Angebotsfunktion" nennen.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

23 

2.3. Die Nachfrage-Funktion

Eines Tages kommen die Käufer auf den Markt und finden, dass die Äpfel teurer geworden sind. Was werden sie tun? Sie werden weniger oder gar keine Äpfel kaufen. Das bedeutet: Die Nachfrage nach Äpfeln sinkt. Man sieht: Die Nachfrage ist vom Marktpreis abhängig, sie ist eine Funktion des Marktpreises. 

Je höher der Marktpreis, umso geringer die Nachfrage - und umgekehrt. Ein Beispiel: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt die Nachfrage:

8 S

1080 q

9 S

1050 q

10 S

1000 q

11 S

950 q

12 S

920 q

Unser Beispiel zeigt, dass den steigenden Marktpreisen eine sinkende Nachfrage entspricht. Die Änderung der Nachfrage wird bei den verschiedenen Waren verschieden sein. Steigen zum Beispiel die Preise für Äpfel, so sinkt die Nachfrage stark. Denn man kann die Äpfel durch ein anderes Obst ersetzen. Brot wird auch dann gekauft werden müssen, wenn die Brotpreise gestiegen sind. Das Brot ist für uns ein unentbehrliches Nahrungsmittel, das schwer zu ersetzen ist. Das Äpfelessen können wir uns eventuell abgewöhnen, das Brotessen nicht. 

Auch die Elastizität der Nachfrage wird daher verschieden sein. Bei Luxuswaren wird schon eine geringe Preisschwankung eine Änderung der Nachfrage hervorrufen. Bei lebenswichtigen Gebrauchsartikel dagegen werden Preisschwankungen die Nachfrage weniger stark beeinflussen. Allgemein dürfen wir sagen: Je unentbehrlicher eine Ware, desto weniger elastisch wird die Nachfrage sein - je entbehrlicher eine Ware, desto elastischer die Nachfrage.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

24

2.4. Der Marktpreis 

Wir versuchen nun, uns das Entstehen des Marktpreises durch die früheren Beispiele klarzumachen: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot

... dann beträgt die Nachfrage:

8 S

380 q

1080 q

9 S

700 q

1050 q

10 S

1000 q

1000 q

11 S

1250 q

950 q

12 S

1450 q

920 q

Wie hoch müsste nach diesem Beispiel der Marktpreis sein? Unterstellen wir einen Marktpreis von 8 S, so kann nach unserer früheren Annahme nur der Betrieb Hans Müller arbeiten, der einen Kostpreis von 8 S hat. Wir haben daher ein Angebot von 380 q. Die Nachfrage aber ist bei diesem wohlfeilen Preis groß. Sie beträgt laut Beispiel 1.080 q. Bei dieser Marktlage werden fast zwei Drittel der Kauflustigen keine Ware bekommen. Bei freier Konkurrenz ein unmöglicher Zustand. Was wird geschehen? Eine stürmische Nachfrage treibt die Preise empor. Steigt der Marktpreis auf 9 S, so kann auch der Betrieb Schulz arbeiten. Diesem Marktpreis entspricht ein Angebot von 700 q. Die Nachfrage wird durch die Preiserhöhung leicht gesenkt. Sie beträgt 1.050 q. Angebot und Nachfrage stehen aber immer noch in einem starken Missverhältnis. Folge: Die Preise werden weitersteigen. Steigt der Marktpreis auf 10 S, so kann auch der Betrieb Prohaska arbeiten. Das Angebot erhöht sich dadurch von 700 auf 1.000 q. Die Nachfrage sinkt infolge der neuerlichen Preiserhöhung von 1050 q auf 1.000 q. Wir sehen: nun sind Angebot und Nachfrage gleich. In unserem Fall müsste der Marktpreis 10 S betragen. Denn der Marktpreis ist derjenige Preis, bei dem Angebot und Nachfrage gleich groß sind. 

Was geschähe, wenn man versuchen wollte, den Marktpreis mit 11 S festzusetzen? Diese Preiserhöhung hätte eine Erhöhung des Angebotes von 1.000 q auf 1.250 q und eine Senkung der Nachfrage von auf 950 q zur Folge. 300 q Waren blieben unverkauft liegen. Das Überangebot würde den Marktpreis wieder auf 10 S herabdrücken. 

Werfen wir noch einen Blick auf unser Beispiel in 2.2. Dort sehen wir, dass die Betriebe Kohn und Schmidt einen Kostenpreis von 11 S und 12 S pro q haben. Sie könnten daher bei einem Marktpreis von 10 S nicht produzieren. Sie blieben auf der Strecke. Der Marktpreis entscheidet, wie uns dieses Beispiel lehrt, über das Schicksal der Betriebe. Betriebe, die eine schlechte technische Einrichtung, einen ungünstigen Standort oder eine unfähige Leitung haben, können bei freier Konkurrenz völlig ausgeschaltet werden. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

25

2.5. Veränderung des Marktpreises infolge der Änderung der Angebotsfunktion

Nehmen wir nun an, es wird eine neue Firma gegründet, die wir "Industrie AG" nennen. Die neue Firma hat eine Kapazität von 350 q und ist technisch so vorzüglich eingerichtet, dass es ihr gelingt, den Kostenpreis pro Zentner auf 7 S herabzudrücken. Was geschieht nun? Das Angebot wird steigen. Beispiel: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot vor und...

... nach Errichtung des neuen Betriebes...

... dann beträgt die Nachfrage:

8 S

380 q

730 q

1080 q

9 S

700 q

1050 q

1050 q

10 S

1000 q

1350 q

1000 q

11 S

1250 q

1600 q

950 q

12 S

1450 q

1800 q

920 q

Wir sehen: Das Angebot ist gestiegen. Nach Errichtung eines neuen Betriebes entspricht einem Marktpreis von 9 S ein Angebot von 1.050 q. Da die Nachfrage bei diesem Preis ebenfalls 1.050 q beträgt, so sind Angebot und Nachfrage gleich. Der Marktpreis wird nun 9 S betragen, er ist durch das Auftreten des neuen Betriebes um 1 S pro Zentner gesunken. 

Die allgemeine Regel, die wir auf Grund dieser Erfahrung aufstellen können, lautet: Wir sprechen von einer Erhöhung des Angebotes, wenn die Angebotsfunktion eine solche Veränderung erfährt, dass jedem Preis ein höheres Angebot entspricht als früher.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

26 

2.6. Veränderung des Marktpreises infolge Änderung der Nachfragefunktion

Setzen wir den Fall, dass durch eine Wirtschaftskrise das Einkommen der Volksmassen verringert wird. Die Nachfrage nach Waren wird sinken. Bei gleichem Marktpreis wird nun die Nachfrage kleiner sein als früher. Beispiel: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot...

... dann beträgt die Nachfrage:

Nachfrage in der Wirtschaftskrise:

8 S

380 q

1080 q

730 q

9 S

700 q

1050 q

700 q

10 S

1000 q

1000 q

670 q

11 S

1250 q

950 q

640 q

12 S

1450 q

920 q

600 q

Durch die geschwächte Kaufkraft ist die Nachfrage gesunken. Angebot und Nachfrage sind nun schon bei einem Marktpreis von 9 S gleich. Das heißt: Die gesunkene Nachfrage hat eine Senkung des Preises von 10 S auf 9 S herbeigeführt. 

Schlussfolgerung: Wir sprechen von einer verminderten Nachfrage, wenn die Nachfragefunktion eine solche Änderung erfährt, dass jedem Marktpreis eine kleinere Nachfrage entspricht als früher. 

Diese Betrachtung lehrt uns noch ein zweites: Durch das Sinken des Marktpreises, das durch die Krise bedingt ist, wird der Betrieb Prohaska gezwungen werden, die Produktion einzustellen, weil sein Kostenpreis höher als der nunmehrige Marktpreis ist. Unser Beispiel bestätigt die Erfahrung, dass die Krise technisch unvollkommene oder schlecht geleitete Betriebe zugrunde richtet. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

27

2.7. Die gesellschaftliche Bedeutung des Marktpreises

Stellen wir uns eine Bauernwirtschaft im Zeitalter der geschlossenen Hauswirtschaft vor. Infolge einer Missernte wächst wenig Korn. Was geschieht dann? Die Hausmutter wird ihren Familienmitglieder sagen: "Heuer ist wenig Korn gewachsen - wir müssen mit dem Brot sparen, damit wir bis zur nächsten Ernte das Auslangen finden." Und sie wird, wenn diese Ermahnung nichts nützt, die Sparsamkeit dadurch erzwingen, dass sie das Brot dünner schneidet. War die Kornernte gut, so wird die Hausfrau sagen: "Esst nur, heuer hatten wir einen so großen Erntesegen, dass wir bis zur nächsten Ernte reichlich eingedeckt sind." 

Wie ist es in einem kapitalistischen Staat? Da gibt es auch schlechte Ernten. Wer passt hier den Verbrauch der schlechten Ernte an? Die kapitalistische Gesellschaft wirtschaftet völlig planlos - anarchisch. Hier sorgt keine Hausmutter dafür, dass mit dem Brot gespart wird, wenn eine schlechte Ernte war. Wer also regelt in der kapitalistischen Gesellschaft den Verbrauch? - Der Marktpreis. 

War eine schlechte Getreideernte, so sinkt das Angebot von Getreide. Geringeres Angebot bei unverminderter Nachfrage - das bedeutet: Steigen der Preise. Höhere Preise senken die Nachfrage. Der höhere Marktpreis zwingt also die Volksmassen, weniger Brot zu essen. Die Schwankungen des Marktpreises regeln in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung die Anpassung des Verbrauches an die Produktion. 

Aber dieses Verfahren der Verbrauchsanpassung mit Hilfe des Marktpreises hat auch eine besondere soziale Wirkung: Die kapitalistische Regelung zwingt nur diejenigen, weniger Brot zu essen, die arm sind. Die Reichen können sich auch bei hohen Brotpreisen so viel kaufen, wie sie wollen.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

28

2.8. Abhängigkeit der Marktpreise von der Elastizität der Nachfrage

Die Weinernte ist schlecht geraten. Es ist wenig Wein da. Der Weinkonsum muss eingeschränkt werden. Wie bringt man das dem Weintrinker bei? In der geschlossenen Hauswirtschaft ist das höchst einfach: Die Hausmutter wird dem Herrn Gemahl und den anderen weintrinkenden Familienmitgliedern heuer weniger Wein vorsetzen. 

Anders im Kapitalismus. Hier müssen die Preise so hoch gestellt werden (welcher Mechanismus das besorgt, haben wir bereits dargestellt), dass weniger Wein und vielleicht mehr Bier oder Schnaps getrunken wird. Dasselbe ist der Fall, wenn weniger Brot in der Welt vorhanden ist: Die höheren Preise müssen den Brotgenuss eindämmen. 

Da man aber dem Brotgenuss viel schwerer entsagen kann als etwa dem Genuss des Weines - die Elastizität der Nachfrage ist bei unentbehrlichen Artikeln sehr klein - so kann die Einschränkung des Brotkonsums nur durch sehr bedeutende Preiserhöhungen erreicht werden. Beim Wein wird schon eine kleinere Preiserhöhung genügen, um die Nachfrage zu senken. Die allgemeine Regel, die wir aus diesen Erfahrungen ableiten können, lautet: Je weniger elastisch die Nachfrage, desto stärkerer Preisschwankungen bedarf es, um die Anpassung des Verbrauches an die Produktion zu erzwingen. 

Bei guter Getreideernte muss die Preissenkung ziemlich große sein, damit sie eine gesteigerte Nachfrage nach sich zieht. Denn es ist klar: Im Brotessen sind die Menschen nicht so leicht unmäßig wie beim Weintrinken. Wird der Weinpreis gesenkt, so steigt - vorausgesetzt unveränderte Preise anderer Getränke - gewiss der Weinkonsum gewaltig. Sinkt aber der Brotpreis, so steigt der Brotkonsum nicht annähernd so rasch wie der Weinkonsum. Beim Brot müssen schon bedeutende Preissenkungen vorgenommen werden, um eine wesentliche Konsumsteigerung zu erreichen. Sehr gute Ernten können deshalb die Landwirte in eine schlechte Lage bringen. Denn um die Nachfrage zu steigern, sind oft so große Preissenkungen notwendig, dass die Preisverluste viel größer sind als der Gewinn, der durch die gute Ernte entstanden ist. Das ist einer der wirtschaftlichen Gründe, dass oft große Teile der Ernte einfach vernichtet werden. Dass es vom kapitalistischen Standpunkt aus "vernünftig" sein kann, Unmengen von Lebensmitteln zu vernichten, beweist nur, wie unvernünftig und widersinnig das kapitalistische Wirtschaftsordnung ist.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

29

2.9. Staatliche Höchstpreise oder Nationalpreise

Zu gewissen Zeiten sind den Regierungen Preissteigerungen unerwünscht. Hätte man beispielsweise im Weltkrieg den Preissteigerungen freien Lauf gelassen, so wäre eine unerträgliche Teuerung eingetreten. Dies hätte Empörung und Kriegmüdigkeit zur Folge gehabt. Die Regierung musste deshalb diese Preiserhöhungen zu verhindern suchen: sie setzte amtliche Höchstpreise fest. 

Die geschichtliche Entwicklung lehrt uns aber, dass sich die Höchstpreise überall mehr oder weniger als unwirksam erwiesen haben. Warum? Aufgrund der bisherigen Untersuchungen des Marktpreises werden wir es leicht verstehen. Der staatliche Höchstpreis verhindert die freie Preisbildung. Er schaltet damit den "Regulator" Marktpreis aus, der bekanntlich Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen hat. Der Zweck des Höchstpreises ist es ja, die Preise möglichst niedrig zu halten. Niedrige Preise - das bedeutet: geringes Angebot, große Nachfrage. Der gewaltsam niedrig gehaltene staatliche Höchstpreis hat daher zur Folge, dass die Nachfrage um vieles größer ist als das Angebot. Es tritt Warenmangel ein. Die später kommenden Käufer gehen leer aus. Das "Anstellen" oder "Schlangestehen", das wir aus dem Weltkrieg so gut kennen, beginnt. Der unausrottbare Schleichhandel durchbricht schließlich alle staatlichen Preisfestsetzungen. 

Der Höchstpreis allein versagt immer und muss immer versagen - denn der Marktpreis, den der staatliche Höchstpreis ausschaltet, ist für die kapitalistische Wirtschaft eine Notwendigkeit. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man die wirtschaftlichen Wirkungen aufheben könne, ohne deren Ursache zu entfernen. Die Ursache aber ist: Die Anarchie der kapitalistischen Wirtschaft. 

Mit Preisbestimmungen allein ist nichts getan. Wenn man den Marktpreis beseitigt, so muss man auch die Produktion und Konsumtion staatlich regeln. Die Erfahrung bestätigt auch, dass die Staaten, die gesetzliche Höchstpreise einführten, sehr bald dazu übergehen mussten, auch die Verteilung der Waren zu regeln. Man setzte im Weltkrieg in Österreich und in Deutschland nicht nur die Preise fest, sondern ging bald dazu über, auch die Größe der Lebensmittel ("Rationen") zu bestimmen, die die Staatsbürger kaufen durften: man führte Lebensmittelkarten ein.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

210

2.10. Marktpreisveränderungen und technischer Fortschritt

Der Marktpreis hat in der kapitalistischen Wirtschaft die Funktion, Produktion und Verbrauch zu regeln. Er hat aber daneben auch noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: er fördert den technischen Fortschritt. Wir haben es an unseren früheren Beispielen gesehen: Der Marktpreis entscheidet darüber, welche Betriebe produzieren können und welche nicht. Tritt beispielsweise ein besser ausgestatteter Betrieb auf den Plan, der einen niedrigeren Kostenpreis hat als die bestehenden Betriebe, so steigt dadurch das Angebot. Das Steigen des Angebotes hat aber ein Sinken des Marktpreises zur Folge. Jeder Betrieb, dessen Kostenpreis höher ist als der Marktpreis, geht zugrunde. Die rückständigen, schlecht geführten oder ungünstig gelegenen Betriebe werden also durch den Konkurrenzkampf ausgeschaltet. So zwingt der Marktpreis den Unternehmer bei Strafe des Untergangs zur technischen Vervollkommnung seines Betriebes. Die Erzwingung des technischen Fortschrittes - das ist das Große am Kapitalismus, das von seinen Lobrednern so sehr gerühmt wird. Wir leugnen diese Leistung nicht, wie wissen aber auch, dass diese rücksichtslose Erzwingung des technischen Fortschritts mit ungeheuren Opfern erkauft wurde. 

Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass sich der kapitalistische Konkurrenzkampf in folgenden Formen abspielt:

1. Der kapitalistische Betrieb konkurrenziert den Handwerksbetrieb nieder: Beispiele dafür lieferten die handwerksmäßigen Betriebe der Nagelschmiede, Seifensieder und Färber. Sie sind fast gänzlich verschwunden. Auch die Erzeugung von Schuhen, die früher eine Sache des Handwerks war, ist heute fast ausschließlich auf die Fabriken übergegangen. Nur Handwerke, bei denen es auf eine besondere Geschicklichkeit der Hände ankommt, die man schwer durch Maschinenarbeit ersetzen kann, vermögen dieser Konkurrenz standzuhalten.

2. Die kapitalistische Fabrik siegt über die kapitalistische Hausindustrie: Das bekannteste Beispiel ist hier der Untergang der Hausweberei. Hier spielte sich ein unerhört opferreicher, erschütternder Kampf ab. Nur durch Überarbeit und erschreckend niedrige Löhne konnten sich die Weber einige Zeit gegen die Konkurrenz behaupten. Dieses Elend der Weber schildert sehr gut Gerhart Hauptmann in seiner Dichtung "Die Weber".

3. Die technisch vollkommene Fabrik siegt über die weniger gut eingerichteten Fabriken. Beispiel: Die österreichische Metallindustrie ist vielfach der technisch überlegenen Industrie des Auslandes erlegen.

Wir sehen: Auf diese harte, unbarmherzige Weise erzwingt die kapitalistische Wirtschaft den technische Fortschritt.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

3 

3. Kartelle und Trusts

31

3.1. Ausschaltung der freien Konkurrenz

Die Konkurrenz, die sich die Unternehmer untereinander machen, ist ihnen natürlich unangenehm. Sie schmälert ja ihren Profit. Die Produzenten suchen sich daher diese unleidliche Konkurrenz vom Hals zu schaffen; sie treffen eine Preisvereinbarung. Nehmen wir an, die Unternehmer hätten vereinbart, von nun an ihre Waren zu einem Preis von 11 Schilling pro Zentner abzugeben. Wie würde sich nun die Marktlage gestalten? Setzen wir unser früheres Beispiel fort: 

Wenn der Marktpreis beträgt...

... dann beträgt das Angebot...

... dann beträgt die Nachfrage:

Angebot nach der Preisvereinbarung:

8 S

380 q

1080 q

-

9 S

700 q

1050 q

-

10 S

1000 q

1000 q

-

11 S

1250 q

950 q

1250 q

12 S

1450 q

920 q

1450 q

Wir sehen: Die Preisvereinbarung, die die Unternehmer getroffen haben, verändert die Marktlage sehr wesentlich. Da die Unternehmer vereinbart haben, nicht unter einem Marktpreis von 11 S zu verkaufen, so haben wir nun nach Bildung des Kartells bei den Marktpreisen von 8, 9 und 10 S überhaupt kein Angebot. Der Kartellpreis von 11 S hätte aber ein Angebot von 1.250 q zur Folge, da nun die vier Betriebe, deren Kostenpreis nicht höher als 11 S ist, arbeiten können. Aber die Geschichte hat einen Haken: bei einem Marktpreis von 11 S betrüge die Nachfrage nur 950 q. Es blieben also 300 q unverkauft liegen. Die Unternehmer hätten zwar jetzt einen höheren Preis, aber sie vermöchten fast ein Viertel der erzeugten Waren nicht abzusetzen; ein unhaltbarer Zustand! Die Unternehmer, deren Kostenpreis 8, 9 und 10 S beträgt, würden sagen: Bevor wir die Waren liegen lassen, gehen wir wieder mit dem Preis herunter. Das Kartell würde also gesprengt. 

Dieses Beispiel lehrt uns: Preisfestsetzungen allein reichen nicht aus. Es muss fast immer auch die Produktion geregelt werden. In unserem Beispiel müssten sich die vier Unternehmer einigen, nicht 1.250 q, sondern nur 950 q zu erzeugen. Jedem der vier müsste eine bestimmte Quote (Teil) vorgeschrieben werden, die er produzieren darf. Man spricht in einem solchen Fall von "Kontingentierung" oder einem Quotenkartell. 

Um kontrollieren zu können, ob sich der einzelne Unternehmer auch an die vorgeschriebenen Quoten halten und nicht mehr verkaufen, wird vielfach auch der Verkauf von Waren vom Kartell besorgt. Das geschieht oft in Form eines gemeinsamen Verkaufsbüros. Wo kein gemeinsames Verkaufslokal besteht, wird der Verkauf dadurch geregelt, dass jedem Mitglied des Kartells bestimmte Absatzgebiete zugewiesen werden. Man nennt die Rayonierung. 

Dieses Kartell höherer Ordnung, wo eine Preisvereinbarung, eine gemeinsame Regelung der Produktion und ein gemeinsames Verkaufsbüro besteht, nennt man auch Syndikat.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

32 

3.2. Konkurrenz innerhalb des Kartells

Manche Leute sind der Meinung, der Abschluss eines Kartellvertrages hebe die Konkurrenz der Unternehmer untereinander auf. Das ist ein Irrtum. Das Kartell verhindert zwar, dass die Konkurrenz die Marktpreise herabdrückt, aber innerhalb des Kartells geht der Konkurrenzkampf in anderer Form weiter. Wir haben es ja gesehen: Die Festsetzung höherer Kartellpreise senkt die Nachfrage und macht eine Einschränkung der Produktion notwendig. In unserem Beispiel müssten die Unternehmer die Produktion um rund 25 Prozent verkleinern. Die Kapazität ihrer Betriebe wäre nicht voll ausgenützt. Das erhöht bekanntlich den Kostenpreis. Jeder Unternehmer ist deshalb bestrebt, bei der Aufteilung der Quoten eine möglichst hohe Quote zugewiesen zu erhalten. Im Kartell selbst wird also ein erbitterter Kampf um die Größe der Quoten geführt werden. Der Betrieb mit der besten technischen Einrichtung und mit dem niedrigsten Kostenpreis wir in diesem Kampf am mächtigsten sein, weil er auf den Abschluss des Kartellvertrages am wenigsten angewiesen ist. Er kann ja auch bei freier Konkurrenz bestehen. Er wird nur dann in das Kartell gehen, wenn ihm eine große Quote bewilligt wird. 

Diejenigen Unternehmer aber, die wegen ihres kleinen, rückständigen Betriebes einen hohen Kostenpreis haben und bei freier Konkurrenz mit wenig Gewinn oder gar nicht produzieren können, werden sich auch mit einer kleineren Quote zufrieden geben müssen. Man sieht: Auch innerhalb des Kartells unterliegt der technisch rückständige Betrieb. 

Aus dieser Tatsache folgt: Da Kartellverträge meist nur für einige Jahre abgeschlossen werden - sie sind gleichsam ein "Waffenstillstand", den sie als bekriegende Unternehmer schließen, - so wird jeder Unternehmer trachten, in der Zwischenzeit seinen Betrieb auszugestalten, um bei der nächsten Abschließung des Kartellvertrages stärker auftrumpfen zu können. Der Kampf um die Quote zwingt also die Unternehmer zum technischen Fortschritt. 

Damit die großen und leistungsfähigeren Unternehmungen ihre Betriebe besser ausnützen können, kaufen sie oft den kleineren Betrieben ihre Quote ab. Die Großbetriebe können den kleinen Unternehmern ohne weiteres denselben Gewinn geben, den diese früher hatten: Da sie in ihrem Großbetrieb billiger produzieren als der Kleinbetrieb, dessen Quote sie kaufen, bleibt ihnen immer noch ein Gewinn. Und in dem Maße, als sie durch den Quotenkauf ihren Betrieb besser ausnützen können, sinkt ihr Kostenpreis weiterhin. Sie machen also beide ein gutes Geschäft: der Kleine hat denselben Gewinn wie früher und braucht nicht zu arbeiten - der Große gewinnt dabei so viel, als er billiger produziert. Das Ergebnis dieses Quotenkaufes ist: Stilllegung der rückständigen Kleinbetriebe und Konzentration der Produktion in den technisch vollkommensten Betrieben. Auch das Kartell fördert also den technischen Fortschritt. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

33

3.3. Staatliche Höchstpreise beim Kartell

Wie wir früher gesehen haben, sind staatliche Höchstpreise bei freier Konkurrenz immer unwirksam und unhaltbar. Es muss zum Höchstpreis auch die Rationierung treten. 

Anders beim Kartell. Hier sind staatliche Höchstpreise sehr wohl möglich, weil hier die notwendige Rationierung schon vom Kartell selbst besorgt wurde und wird. In unserem Beispiel, wo wir den Kartellpreis mit 11 S annahmen, könnte der Staat diesen Preis ohne Gefahr auf 10 S herabsetzen. Was geschähe? Die Nachfrage stiege von 950 auf 1.000 q. Der vierte Betrieb, der einen Kostenpreis von 11 S hat, müsste die Produktion einstellen und die anderen drei Betriebe müssten 1.000 q erzeugen, wozu sie in der Lage wären. 

Das liberale Argument, dass Höchstpreise stets unwirksam seien, gilt nur für die freie Konkurrenz. Da aber beim Kartell die Produktion dem Verbrauch planmäßig angepasst wird, ist bis zu einem gewissen Grad der staatliche Höchstpreis durchführbar.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

34

3.4. Trusts

Die Trusts sind zuerst in Amerika entstanden. Den Anstoß dazu gab die Gesetzgebung. Das kam so: Die amerikanischen Landwirte waren sehr unzufrieden, weil die Kartelle die Preise für Industrieprodukte so emportrieben. Sie wandten sich an den Staat um Hilfe gegen die Kartelle. Der Staat schritt schließlich ein und aufgrund eines alten Gesetzes wurden die Kartelle verboten. Die Kapitalisten, die über diese gesetzliche Verfügung empört waren, dachten darüber nach, wie sie dieses profitstörende Gesetz umgehen könnten. Sie fanden einen Ausweg: Da die kartellierten Unternehmen fast ausschließlich Aktiengesellschaften waren, übertrugen die Unternehmer nun alle Aktien einem Mann, der damit zum juristischen Eigentümer all dieser Betriebe wurde. Er verwaltete nun alle Betriebe von einer Stelle aus. Er setzte die Preise fest und teilte die Quoten auf. Das Kartell, das gesetzlich verboten war, bestand in dieser Form weiter. Diesen Vertrauensmann, dem die Aktien übertragen wurden, nannte man "trustee", also Treuhänder. Daher der Name "Trust". So verschmolz das Kapital gleichsam zu einem Riesenbetrieb - das Gesetz gegen die Kartelle war machtlos. Auf diese Art entstand der Trust. 

Ein Trust ist also eine große Aktiengesellschaft, die man aus verschiedenen, bisher selbständigen Unternehmungen bildet. Manche Trusts schließen heute fast alle Unternehmungen eines Produktionszweiges ein. 

Der erste Grund zur Trustbildung war, wie wir gesehen haben, das Gesetz gegen die Kartelle. Aber auch wirtschaftliche Gründe fördern das Entstehen von Trusts. Durch den Ankauf der Kartellquoten entstehen ja von selbst solche Riesenunternehmungen. In dieser Weise entstanden etwa in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg die Trusts in der chemischen und in der Stahlindustrie. 

Die Schnelligkeit des technischen Fortschrittes wird durch die Trusts noch gefördert, weil die Trusts die rückständigen Betriebe viel radikaler ausschalten als die freie Konkurrenz. 

Der Trust hat einen Monopolpreis. Wird er aber die Preise ganz willkürlich festsetzen können? Nein, er wird auf die Nachfrage Rücksicht nehmen müssen. Der Profit hängt ja nicht nur davon ab, wie teuer man verkauft, sondern auch davon, wie viel man von einer Ware verkauft. Jedenfalls wird der Trust die Preise immer so festsetzen, dass der größte Profit herauskommt. Dabei ist, sozial gesehen, das Schlimme an der Sache, dass man gerade bei unentbehrlichen, lebenswichtigen Waren, deren Nachfrage eine geringe Elastizität hat, die Preise sehr hoch stellen kann, ohne ein starkes Sinken der Nachfrage befürchten zu müssen. Ebenso wie beim Kartell besteht auch beim Trust die Möglichkeit der staatlichen Preisfestsetzung, weil der Trust Produktion und Verbrauch selbst in Einklang bringt.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

35 

3.5. Von der freien Konkurrenz zum privaten Monopol

Man kann die Entwicklung des Kapitalismus darstellen als eine Entwicklung von der freien Konkurrenz zum privaten Monopol. In den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts waren Kartelle und Trusts unbekannt. Der Kapitalismus jener Zeit war der Kapitalismus der freien Konkurrenz. Seine sichtbaren Ergebnisse waren: großer technischer Fortschritt, Verdrängung des Handwerks und der rückständigen Betriebe. Diese Entwicklung hat auch das geistige Leben der Menschen beeinflusst. Man sah den großen technischen Fortschritt, sah, wie die Konkurrenz der Unternehmer untereinander die Preise herabdrückte, und sagte: Das darf man nicht stören. Mögen sich auch einzelne bereichern - schließlich kommt diese Entwicklung doch allen zugute. Der Staat darf hier nicht eingreifen, den Staat kümmert die Wirtschaft nichts - er hat nur dafür zu sorgen, dass das Eigentum beschützt wird und jeder wirtschaftliche Freiheit habe (Lassalle verspottete diese Auffassung als die "Nachtwächteridee des Staates"). Diese Auffassung von den Aufgaben des Staates - das charakterisiert den Liberalismus. Da sich der Kampf um die Staatsauffassung vor allem zwischen den Industriellen der englischen Stadt Manchester und den Feudalen abgespielt hat, nennt man ihn auch "Manchester-Liberalismus". 

Noch während der Kampf um die Nützlichkeit der freien Konkurrenz tobte, haben die Kapitalisten die von ihnen so hoch gerühmte wirtschaftliche "Freiheit" selbst aufgegeben: Sie gründeten Kartelle und Trusts und schalteten die freie Konkurrenz aus. 

Durch diese Entwicklung gewinnt die Sache des Sozialismus! Denn jetzt ist der Gegensatz nicht mehr: freie Konkurrenz oder planvolle Regelung der Wirtschaft, sondern Privatmonopol oder Staatsmonopol. Die amerikanischen Sozialisten haben dafür das Schlagwort geprägt: "Die Nation an die Stelle der Trusts!"

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

36 

3.6. Die Konzentration des Kapitals und der Antikapitalismus

Dies Entwicklung des Kapitalismus ist, kurz dargestellt, folgende: Die Fabrikbetriebe richten die Handwerker und die Hausindustrie zugrunde. Folge: Übergang von der handwerksmäßigen zur fabriksmäßigen Produktion. Die Konkurrenz der Fabrikbetriebe untereinander schaltet die schwachen und rückständigen Betriebe aus: Die Produktion wird in großen Unternehmungen zusammengeballt. Und dann kommt der nächste Schritt: Die einzelnen Großbetriebe vereinigen sich zu Riesenunternehmungen, die fast ganze Produktionszweige beherrschen: zu Trusts. 

Diese Entwicklung, die ungemein schmerzhaft ist und zahllose Opfer fordert, ruft natürlich große Klagen hervor und löst viele Widerstände aus: So entsteht der Antikapitalismus. Wir unterscheiden zwei Arten von Antikapitalismus: 1. den kleinbürgerlichen und 2. den proletarischen Antikapitalismus. 

Der kleinbürgerliche Antikapitalismus: Die Handwerker und die Angehörigen der Hausindustrie wehren sich gegen die Fabrik, die sie ins Elend gebracht hat. Sie wehren sich gegen die neue Entwicklung und wollen die "gute alte Zeit" wieder haben. In ihrer Not rufen sie die Hilfe des Staates an. Dieser sucht die Handwerker zu schützen. Da er aber die Errichtung von Fabriken und die Verwendung der Maschinen nicht verbieten kann, sucht er durch zünftlerische Maßnahmen das "Gewerbe zu retten": Es wird ein Befähigungsnachweis, ein Konzessionszwang und ähnliches eingeführt. Aber all das ist vergeblich. Diese kleinbürgerliche Bewegungen, die mit ihrem Antlitz nach rückwärts gerichtet sind, die zurück ins Mittelalter möchten, sind trotz ihres oft sehr lauten und revolutionär anmutenden Geschreis reaktionär. Sie müssen daher versagen. Das Zeitalter der Postkutsche, des Kienspans und des Nagelschmiedes ist endgültig dahin. Die Entwicklung geht unaufhaltsam und unerbittlich ihren Weg und der kleinbürgerliche Antikapitalismus bleibt auf der Strecke. 

Ganz anders sieht der proletarische Antikapitalismus aus. Auch die Arbeiter stehen dem Kapitalismus feindlich gegenüber. Aber sie sehen die Dinge anders. Die Arbeiter wissen: im Großbetrieb kann man leichter eine Organisation aufbauen als im Kleinbetrieb; im Großbetrieb ist der gewerkschaftliche Kampf besser durchführbar und aussichtsreicher, die Einhaltung der Arbeiterschutzgesetze und der gesundheitlichen Einrichtungen ist im Großbetrieb besser zu überprüfen. Weiter verstehen die Arbeiter: der Großbetrieb verbürgt einen gewaltigen Fortschritt in der Produktivität der Arbeit; die Gütererzeugung steigt, die Waren werden billiger. Die gesteigerte Produktivität der Arbeit ermöglicht eine Verkürzung der Arbeitszeit und erleichtert Lohnkämpfe. Man sehe sich doch die Geschichte der Arbeiterbewegung an. Noch in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts bestand in Österreich der Elfstundentag und selbst der wurde noch sehr mangelhaft durchgeführt. Heute kämpfen wir um die 35-Stunden-Woche. Infolge der Billigkeit der Waren kann heute der Arbeiter vieles kaufen, was früher nur für den Reichen erschwinglich war. 

Man sieht: Die Konzentration der Produktion hat für den Arbeiter nicht nur schlechte Seiten, sie verbessert auch seine Lebenshaltung. Aber der Arbeiter weiß sehr gut, dass die Steigerung der Lebenshaltung im Kapitalismus nicht Schritt hält mit der Steigerung der Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit und des gesellschaftlichen Reichtums. Der Arbeiter erlebt es immer wieder, dass die Vervollkommnung der Maschinerie, die ein gesellschaftlicher Fortschritt ist, zugleich Arbeitskräfte entbehrlich macht und dadurch Arbeiter und Angestellte in das Elend der Arbeitslosigkeit stößt. Der Arbeiter weiß aus bitterer Erfahrung, dass die Planlosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise immer wieder Wirtschaftskrisen hervorruft, die große Teile der Arbeiterklasse angesichts des größten gesellschaftlichen Reichtums in Not und Elend leben lassen. Die Arbeiter haben gerade in den letzten Jahren erfahren, dass die Machtkämpfe der Kapitalistenklassen der verschiedenen Länder die Menschheit ständig mit wahnwitzigen Ausgaben für Kriegsrüstungen belasten und mit furchtbaren Kriegen bedrohen. 

Die Arbeiterklasse steht darum dem Kapitalismus in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Aber was ihren Antikapitalismus vom kleinbürgerlichen unterscheidet, ist vor allem das: der kleinbürgerliche Antikapitalismus schielt wehmütig in die Vergangenheit - der proletarische Antikapitalismus blickt siegesgewiss in die Zukunft. Der proletarische Antikapitalismus erkennt, dass der Kapitalismus die Wirtschaftsform einer bestimmten Entwicklungsstufe ist und sieht auch den Endpunkt dieser Entwicklung: er weiß, dass die Konzentration der Produktion, die Zusammenballung der Unternehmungen in einer Hand, den Sozialismus notwendig macht und ermöglicht. Ist einmal die Wirtschaft in hohem Maße vertrustet, so ist die Sozialisierung höchst einfach: der kapitalistische Verwaltungsrat wird durch einen Verwaltungsrat der Nation ersetzt, der die Betriebe im Interesse der gesamten Nation führt. 

Es ist daher klar: Die Arbeiterklasse, die die Dinge so sieht, hat zum Kapitalismus eine ganz andere Einstellung als das Kleinbürgertum, das die Entwicklung nicht versteht und nach der Wiederkehr der "guten alten Zeit" ruft.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

4 

4. Die Zölle und der Marktpreis

41

4.1. Weltmarktpreis und Inlandspreise 

Ein Großkaufmann führt aus Brasilien Kaffee ein. Er muss dafür an der Staatsgrenze an unseren Staat eine Abgabe entrichten. Diese Abgabe ist der Zoll. Der Kaufmann trägt natürlich diesen Zoll nicht selbst. Er überwälzt ihn auf die Konsumenten, indem er den Warenpreis um den Zollbetrag erhöht. Der Zoll wird dadurch zur Steuer, für die die Bevölkerung zu bezahlen hat. Welche Waren einem Zoll unterliegen und wie hoch dieser Zoll sein soll, das bestimmen die gesetzgebenden Körperschaften jedes Landes. 

Der Zoll kann verschiedenen Zwecken dienen: Er kann nur deswegen eingehoben werden, um dem Staat eine Einnahme zu verschaffen (eine moderne Variante der Straßenräuberei) oder er kann zum Schutze heimischer Produktionszweige gegen ausländische Konkurrenz eingeführt. Nach dieser Verschiedenheit unterscheidet man vor allem zwei Arten von Zöllen: Schutzzölle und Finanzzölle. 

Schutzzölle - das sind Zölle, die zum Schutz der heimischen Produktion eingeführt werden. 

Finanzzölle - das sind Zölle, die nur den Zweck haben, dem Staat Einnahmen zu verschaffen. 

Viele Zölle sind beides zugleich: Sie schützen die heimische Produktion und stärken die Staatskassen. 

Wie wirken die Zölle auf die Warenpreise? Bleiben wir bei unserem Beispiel: Wir sagten, ein österreichischer Kaufmann habe aus Brasilien Kaffee eingeführt. Zu welchem Preis wird er den Kaffee dort eingekauft haben? Zum brasilianischen Marktpreis. Die Kaffeepflanzer werden ihren Kaffee zu einem einheitlichen Preis verkaufen. Der englische, französische oder norwegische Kaufmann wird den Kaffee zum selben Preis kaufen, wie ihn der österreichische Kaufmann kauft. Für die ganze Welt wird ein Preis gelten. Man kann daher von einem Weltmarktpreis des Kaffees sprechen. 

Der Preis des Kaffees wird aber trotz des gleichen Einkaufspreises in den verschiedenen Ländern verschieden hoch sein, weil die Zölle und die Transportkosten unterschiedlich sind. Der Preis, zu dem jedes Land Kaffee einführt, der sogenannte Einfuhrpreis, wird sich so zusammensetzen: Weltmarktpreis + Transportkosten + Zölle. Da bei uns kein Kaffee angebaut wird, wird der Inlandspreis gleich dem Einfuhrpreis sein. 

Es ist klar: Je höher der Kaffeezoll, umso höher der Preis des Kaffees. Da wir beim Kaffee keine inländische Produktion haben, ist der Kaffeezoll ein reiner Finanzzoll, der nur dem Staatsschatz zufällt.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

42 

4.2. Der Einfluss des Zolles auf den Inlandspreis bei freier Konkurrenz

Die österreichischen Bauern klagen, dass sie im Getreideanbau der ausländischen Konkurrenz unterliegen. Um dieser Gefahr vorzubeugen, haben wir Getreidezölle eingeführt. Wie wirken sich diese Zölle aus? Das soll uns wieder ein Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir an, beim Weizen verhalten sich Marktpreis, Angebot und Nachfrage folgendermaßen: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot an inländischem Weizen...

... dann beträgt die Nachfrage:

39 S

1,950.000 q

7,000.000 q

40 S

2,000.000 q

6,900.000 q

41 S

2,050.000 q

6,800.000 q

Wir nehmen weiter an, dass der Weltmarktpreis 37 S und Zoll und Transportkosten 3 S betragen. Der Einfuhrpreis des Weizens wäre demnach 40 S. 

Wie hoch würde in diesem Fall der Inlandspreis sein? Wird er höher sein als 40 S? Nein, denn stünde der Marktpreis über dem Einfuhrpreis, so würde man Weizen aus dem Ausland einführen. Wird der Marktpreis niedriger als 40 S sein? Auch nicht. Die Bauern haben keine Ursache, unter dem Einfuhrpreis zu verkaufen, sie bringen ja ihren Weizen bei einem Preis von 40 S spielend an. Die Nachfrage, die diesem Preis entspricht, ist ja noch immer dreimal größer als das Angebot. 

Würde der Zoll um einen Schilling erhöht, so stiege der Einfuhrpreis auf 41 S. Die Landwirte könnten jetzt ihren Weizen auch um 41 S verkaufen. 

Man sieht: Die Weizenbauern unseres Beispieles vermögen die Zölle voll ausnützen; sie können ihre Inlandspreise immer den Einfuhrpreisen angleichen. Das bedeutet: Eine Zollerhöhung verteuert den Konsumenten nicht nur den Weizen, der aus dem Auslande eingeführt wird, sondern auch den inländischen. Der Konsument zahlt sowohl dem Staat als auch dem Landwirt den Weizenzoll. 

Nicht jeder Zoll muss die Inlandspreise in der geschilderten Weise beeinflussen: Es kann, wie das folgende Beispiel zeigt, auch anders sein: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot heimischen Roggens...

... dann beträgt die Nachfrage:

28 S

3,900.000 q

4,000.000 q

29 S

3,950.000 q

3,950.000 q

30 S

4,000.000 q

3,900.000 q

31 S

4,050.000 q

3,850.000 q

Der Weltmarktpreis des Roggens beträgt nach unserem Beispiel 28 S; dazu kommen Zoll- und Transportkosten von 3 S. Der Einfuhrpreis des Roggens beträgt sonach 31 S. 

Wie hoch wird nun der Inlandspreis des Roggens sein? Die Bauern werden versuchen, den Inlandspreis dem Einfuhrpreis anzugleichen; sie werden also 31 S pro Zentner verlangen. Folge: Bein einem Marktpreis von 31 S ist die Nachfrage weit kleiner als das Angebot des heimischen Roggens. Es bliebe der Roggen unverkauft liegen. Der wirkliche Inlandspreis müsste 29 S sein, weil nur bei diesem Preis Angebot und Nachfrage gleich groß sind; das heißt: nur bei einem Preis von 29 S kann der heimische Roggen im Inland abgesetzt werden. 

Wir sehen: Der Weizenbauer hat den Inlandspreis an den Einfuhrzoll anzugleichen vermocht; der Roggenbauer kann dies nicht. Für den Weizenbauer war der Zoll von Vorteil, dem Roggenbauer dagegen brachte der Zoll in diesem Fall keinen Gewinn. Daraus folgt: nicht jeder Zoll erhöht den Inlandspreis um den vollen Zollbetrag. Bei Waren, die im Inland nicht oder in nicht genügender Menge erzeugt werden, um den Bedarf zu decken, wird der Inlandspreis gleich dem Einfuhrpreis sein. Wo dagegen der heimische Bedarf überreichlich durch die heimische Produktion gedeckt wird, dort kann es auch vorkommen, dass - wie bei unserem Roggenbeispiel - unter dem Einfuhrpreis verkauft werden muss. Nur staatliche Einfuhrbeschränkungen könnten erwirken, dass der Inlandspreis höher als der Einfuhrpreis sein kann. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

43 

4.3. Der Einfluss des Zolles auf die Löhne

Es gibt Produktionszweige, die der Weltmarktkonkurrenz unterliegen. Ihre Inlandspreise können daher nie höher sein als der Einfuhrpreis. Gingen sie mit ihrem Preis über den Einfuhrpreis hinaus, so würde man die Waren vom Ausland einführen. Mit dieser Tatsache müssen auch die Arbeiter bei Lohnkämpfen rechnen. Beispiel: Wäre bei einer Ware, die der Konkurrenz des Weltmarktes unterliegt, der Kostenpreis gleich dem Einfuhrpreis, so wäre es schwierig, in dieser Industrie eine Lohnerhöhung durchzusetzen. Erzwänge eine starke Gewerkschaft wirklich ein Lohnerhöhung, so würde diese Industrie auf dem Weltmarkt konkurrenzunfähig; die Unternehmer würden sich vielleicht gezwungen sehen, ihre Betriebe zu sperren; die Arbeiter würden arbeitslos. Falls hier nicht eine Erhöhung der Arbeitsintensität oder eine Verbesserung der technischen Einrichtungen möglich wäre, so gäbe es, wollte man eine Lohnerhöhung durchsetzen, nur einen Ausweg: die Einführung oder die Erhöhung eines Schutzzolles. Eine Zollerhöhung, das wäre eine Erhöhung des Einfuhrpreises. Der höhere Einfuhrpreis ermöglichte auch einen höheren Inlandspreis. Dank einer Zollerhöhung könnte also eine Lohnforderung erfüllbar werden, die man ohne Zoll nicht gewähren könnte. 

Das gilt aber nur unter einer Voraussetzung: dass es sich um einen Produktionszweig handelt, bei dem es möglich ist, den Inlandspreis an den Einfuhrpreis anzugleichen. Es müsste sich also um eine Produktion handeln, die den inländischen Bedarf nur annähernd deckt, oder es müssten Kartelle bestehen, die die Angleichung des Inlandspreises an den Einfuhrpreis durchzusetzen vermöchten. 

Zu bedenken ist aber, dass Schutzzölle ein höchst gefährliches Mittel zur Erreichung von Lohnforderungen sind. Erstens: eine solche Lohnerhöhung geht immer auf Kosten der Konsumenten. Zweitens: wenn das viele Gewerkschaften machen, so werden diese Schutzzölle eine Teuerung zur Folge haben, die den Arbeitern mehr wegnimmt als ihnen die Lohnerhöhung bringt. Und weiter: Schutzzölle eines Landes rufen Schutzzölle in anderen Ländern hervor. Verhindert Österreich durch hohe Schutzzölle die Einfuhr ungarischen Weines, so werden sich die Ungarn gegen die Einfuhr österreichischer Industrieprodukte absperren. Das kann zu einer empfindlichen Schädigung der Industrie führen, die auf den fremden Markt angewiesen ist. 

Das Verlangen nach einem Schutzzoll darf daher von den Gewerkschaften nur nach reiflicher Erwägung und nur in Ausnahmefällen gestellt werden.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

44

4.4. Die Kartelle und Zölle

Wir haben früher gesagt, dass nicht jeder Zoll den Inlandspreis um den vollen Zollbetrag erhöhe. Das gilt aber nur, solange keine Kartelle bestehen. Das soll uns wieder ein Beispiel veranschaulichen: 

Beträgt der Marktpreis...

... dann beträgt das Angebot...

... dann beträgt die Nachfrage:

8 S

380 q

1080 q

9 S

700 q

1050 q

10 S

1000 q

1000 q

11 S

1250 q

950 q

12 S

1450 q

920 q

Wir setzen einen Weltmarktpreis von 9 S voraus und nehmen an, dass Transportkosten und Zoll 2 S betragen. Das ergibt einen Einfuhrpreis von 11 S. Wie hoch wird der Inlandspreis sein? Besteht kein Kartell, so wird sich ein Inlandspreis von 10 S bilden, weil bei diesem Preis Angebot und Nachfrage gleich groß sind. Würden die Kaufleute versuchen, ihren Preis dem Einfuhrpreis anzugleichen und 11 S verlangen, so bliebe, wie unser Beispiels zeigt, Ware unverkauft liegen. Um alle Waren absetzen zu können, müsste man einen Marktpreis von 10 S haben. 

Anders, wenn ein Kartell besteht. Das Kartell begnügt sich bekanntlich nicht damit, einheitliche Preise festzusetzen, sondern es passt auch die Produktion dem Bedarf an. Das heißt: Wenn, wie in unserem Falle, einem Marktpreis von 11 S ein Angebot von 1.250 q und eine Nachfrage von 950 q entspricht, so werden sich die Unternehmer einigen und nur 950 q erzeugen. Sie können dann einen Marktpreis von 11 S halten und es bleibt keine Ware unverkauft. Das bedeutet: Das Kartell, das die Erzeugung dem Verbrauch anpasst, kann mit dem Preis bis zum Einfuhrpreis gehen; es kann also den Zoll voll ausnützen. Das Entstehen von Kartellen verstärkt daher den Ruf nach Schutzzöllen.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

45

4.5. Export und Dumping

Das Verlangen nach Zöllen wird noch durch einen anderen Umstand erhöht: durch die Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Die Unternehmer, die exportieren, müssen im Ausland zu Weltmarktpreisen verkaufen. Sie müssen deshalb im Ausland oft billiger verkaufen als im Inland. Dies gilt schon bei freier Konkurrenz. Wo Kartelle bestehen, wird dieser Preisunterschied noch größer. Die Kartelle werden - gestützt auf hohe Zölle - versuchen, die Inlandspreise emporzutreiben. Die Spannung zwischen Inlands- und Weltmarktpreisen wir noch erhöht. Hohe Preise bedeuten ein Sinken der Nachfrage. Man müsste daher die Produktion einschränken. Um nun die Kapazität des Betriebes möglichst ausnützen zu können, erzeugt man mehr Waren und wirft den übrigbleibenden Teil zu einem sehr niedrigen Preis - oft zu einem Verlustpreis - auf den Auslandsmarkt. Man nennt dieses Verkaufen zu Schleuderpreisen "Dumping". Es ist klar: je höher die Schutzzölle, umso höher die Inlandspreise, desto leichter das Dumping. 

Das Dumping hängt einleuchtenderweise sehr von der Größe des Inlandsmarktes ab. Hat man, wie zum Beispiel in Amerika, einen großen Inlandsmarkt, so kann man im Inland so viel Gewinn machen, um den kleinen Prozentsatz von Waren, den man auf den Auslandsmarkt wirft, möglichst billig zu verkaufen. Hat man einen kleinen Inlandsmarkt, so kann man unmöglich im Inland so viel profitieren, um Schleuderexport betreiben zu können. Ein Land, das 90 Prozent der Produkte im Inland absetzt, kann die entbehrlichen 10 Prozent sehr billig ins Ausland abliefern. Ein Land hingegen, das nur 30 Prozent im Inland absetzt, kann an diesen 30 Prozent nicht so viel profitieren, um 70 Prozent zu Schleuderpreisen ans Ausland verkaufen zu können. Die österreichische Industrie, die in hohem Maße auf den Auslandsmarkt angewiesen ist, kann auch bei hohen Schutzzöllen keinen starken Schleuderexport betreiben. Diese Länder, die selber nicht viel Dumping betreiben können, werden die Opfer der anderen Länder, die dies können. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

5

5. Der Arbeitslohn

51

5.1. Der Verkauf von Waren und Arbeitskraft

Die Waren, die zum Verkauf angeboten werden, sind verschiedener Art. Es gibt materielle Güter, wie Brot, Schuhe, Kleider und sogenannte Dienstleistungen. Die Eisenbahn, mit der ich fahre, verkauft mir einen bestimmten Dienst, dasselbe tut das Theater oder der vorlesende Dichter. Der Arbeiter verkauft seine Arbeitskraft. Was ist zwischen dem Verkauf einer Dienstleistung und dem Verkauf der Arbeitskraft für ein Unterschied? Beispiel: Der Bote, der mir einen Brief an einen bestimmten Ort bringt, verkauft mir damit nur eine Dienstleistung. Er steht mir sonst nicht als Lohnarbeiter gegenüber, sondern sozusagen als "Unternehmer", der mir nur einen bestimmten Dienst leistet. Wenn sich aber der Bote nicht für eine bestimmte Leistung, sondern für eine bestimmte Zeit zur Verfügung stellte, würde er seine Arbeitskraft verkaufen. Der Privatlehrer, der Stunden gibt, verkauft nur seine Dienstleistung. Der Lehrer, der an einer Schule wirkt, verkauft seine Arbeitskraft. Der Bauer und der Handwerker sind keine Lohnarbeiter. Der Sklave war selbst Ware, es kann daher bei ihm vom Verkauf seiner Arbeitskraft keine Rede sein. Der mittelalterliche Geselle war Lohnarbeiter, aber er hatte die Lohnarbeit nicht als Lebensberuf: er wurde ja später selbst Meister. Die Lohnarbeit im großen Ausmaße ist eben das Kennzeichen der kapitalistischen Gesellschaft. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

52

5.2. Preis der unorganisierten Arbeitskraft 

Die Existenz des Arbeiters hängt davon ab, ob und zu welchem Preis er seine Arbeitskraft zu verkaufen mag. Den Preis der "Ware Arbeitskraft" nennt man Lohn oder Gehalt. Wie bei jeder anderen Ware, so wird auch der Preis der Ware Arbeitskraft durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Ist das Angebot auf dem Arbeitsmarkt groß und die Nachfrage gering, so werden die Löhne gedrückt - übersteigt aber die Nachfrage das Angebot, so werden die Löhne steigen. 

Zur Zeit der Entstehung des Kapitalismus war das Angebot an Arbeitskräften groß. Ursache: durch das Niederkonkurrieren der Hausindustrie wurden viele Arbeitskräfte freigesetzt. Außerdem wuchs die Bevölkerung sehr rasch. Viele Söhne und Töchter von Bauern, Landarbeitern und Häuslern konnten in der Landwirtschaft keine Arbeit finden. Sie wanderten in die Städte ab. Die Arbeiter waren damals unorganisiert. Es gab keine Gewerkschaft und keine Arbeitslosenunterstützung. Wie hat sich nun der Preis für die Ware Arbeitskraft gebildet? Das große Angebot senkte natürlich den Preis. Die Arbeitslosen, die vor den Toren der Fabriken standen, boten sich den Unternehmern billig an. Sie drückten dadurch die Löhne der Beschäftigten herab. Die Löhne waren in dieser Zeit erschreckend niedrig und die Arbeitsbedingungen erbärmlich schlecht. 

Dieser Lohndruck ging oft so weit, dass die Arbeiter nicht mehr imstande waren, zu arbeiten, sondern es vorzogen, zu stehlen oder betteln zu gehen. 

Die Löhne können bei mangelnder Organisation der Arbeiterschaft bis zum physiologischen Existenzminimum sinken. Kann es anders sein? Ja, wenn ein Mangel an Arbeitern herrscht, machen sich die Unternehmer auf dem Arbeitsmarkt einander Konkurrenz. In diesem Fall können die Löhne auch bei unorganisierter Arbeitskraft steigen. 

Das ist in Zeiten guten Geschäftsganges zeitweilig wirklich geschehen; aber vor allem bei gelernten Arbeitern. Bei ungelernten Arbeitern herrscht fast ständig ein Überangebot an Arbeitskraft. Die Löhne der Hilfsarbeiter sind daher in der Regel niedrig. Im Kapitalismus gibt es ja fast immer Arbeitslose: die sogenannte industrielle Reservearmee. Es besteht ganz selten ein Mangel an Arbeitern. Meist ist das Gegenteil der Fall: es ist ein großer Überschuss an Arbeitskraft vorhanden. Nur in der Landwirtschaft herrscht oft Mangel, weil dort sind die Löhne besonders schlecht. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

53

5.3. Die Gewerkschaften

Wodurch wirken die Gewerkschaften? Karl Marx hat einmal ihre Tätigkeit auf folgende Formel gebracht: "Die Gewerkschaften wirken durch die Kooperation der Arbeitenden mit den Arbeitslosen." Das erste, was die Gewerkschaften tun müssen, ist: die Arbeiter zur Solidarität zu erziehen, damit sie sich nicht gegenseitig Konkurrenz machen. Zweitens: man muss es den Arbeitslosen auch möglich machen, den Arbeitenden keine Schmutzkonkurrenz machen zu müssen: man muss sie unterstützen. 

Die Gewerkschaften müssen die Arbeiter lehren, dass es schlecht, würdelos und unsittliche ist, die Klassengenossen zu unterbieten. Und sie müssen es den Arbeitslosen durch gewerkschaftliche oder staatliche Unterstützung möglich machen, während der Zeit der Arbeitslosigkeit ihr Leben zu fristen, ohne dem Kapitalisten um niedrigen Lohn die Arbeitskraft anbieten zu müssen. 

Die Gewerkschaften waren sich über diese ihre Aufgabe stets klar. Sie haben sich immer bemüht, das Solidaritätsgefühl und das Selbstbewusstsein der Arbeiter zu heben und haben arbeitslose Mitglieder nach Möglichkeit unterstützt. Die erste Form der Unterstützung waren die Reiseunterstützungen. Erst später vermochten die Gewerkschaften eine kleine Arbeitslosenunterstützung auszubezahlen. Seit 1918 haben wir in Österreich eine staatliche Arbeitslosenunterstützung durchgesetzt. Das ist sehr bedeutsam. An die Stelle der wilden Konkurrenz ist nun ein Zustand getreten, der die Arbeitslosen nicht mehr zwingt, sich um einen Schundlohn verkaufen zu müssen. Das ist eine der großen Leistungen unserer Gewerkschaften. Sie strukturelle Krise, die wir in Österreich in den 20er Jahren hatten, ist ein Beispiel dafür, wie günstig sich das für die Arbeiter auswirkt. Trotz einer ungeheuren Arbeitslosigkeit vermochten die Arbeiter ihre Löhne zu behaupten. Früher dagegen, in der Zeit der unorganisierten Arbeitskraft, hat schon eine kleinere Arbeitslosigkeit zu einem Zusammenbruch der Löhne, zu einer Verelendung der Arbeiter geführt. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

54

5.4. Veränderung des Kostenpreises durch Lohnerhöhung bei gleichbleibender Arbeitsintensität

Wir suchen uns die Wirkung einer Lohnerhöhung durch folgendes Beispiel anschaulich zu machen: 

Zahl der Arbeiter bei voller Ausnützung der Kapazität

Sachkosten pro Zentner

Produkt per Arbeiter und Woche

Mayer: 2000

9.50 S

11 q

Schulz: 1500

10 S

10 q

Schmidt: 1000

10.50 S

9 q

Prohaska: 500

11 S

8 q

 

Bei einem Wochenlohn von…

40 S

s + l (in S):

Kostenpreis:

9.50 + 3.60

13.10 S

10 + 4

14 S

10.50 + 4.40

14.90 S

11 + 5

16 S

 

50 S

s + l (in S):

Kostenpreis:

9.50 + 4.50

14 S

10 + 5

15 S

10.50 + 5.50

16 S

11 + 6.20

17.20 S

 

60 S

s + l (in S):

Kostenpreis:

9.50 + 5.40

14.90 S

10 + 6

16 S

10.50 + 6.60

17.10 S

11 + 7.50

18.50 S

 

(s = Sachkosten pro Zentner, l = Arbeitslohn pro Zentner)

Was lehrt uns dieses Beispiel? Wir sehen daraus, dass die Höhe des Arbeitslohnes den Kostenpreis des Produkts nicht unwesentlich beeinflusst. Beträgt der Wochenlohn 40 S, so hat der Betrieb Mayer einen Kostenpreis von 13,10 S, steigt der Lohn auf 50 S, so erhöht sich der Kostenpreis auf 14 S und bei einem Wochenlohn von 60 S beträgt der Kostenpreis schon 14,90 S. Eine Lohnerhöhung von 40 auf 60 S würde also den Kostenpreis eines Zentners um 1,80 S erhöhen. Bei den kleineren Betrieben würden sich Lohnerhöhungen noch stärker auswirken. Beim Betrieb Prohaska würde eine Erhöhung des Wochenlohnes von 40 auf 60 S den Kostenpreis von 16 auf 18,60 S steigern, das ist eine Erhöhung um 2,50 S pro Zentner.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

55 

5.5. Produktionszweige mit und ohne Weltmarktkonkurrenz

Es gibt Produktionszweige, die der Weltmarktkonkurrenz unterliegen, und solche, die ihr nicht unterliegen. Beispiele: Die Metallindustrie Österreichs setzt einen Teil ihrer Waren im Ausland ab, sie arbeitet also für den Weltmarkt. Ihre Preise sind abhängig vom Weltmarktpreis. Das gilt auch für die Waren, die im Inland verkauft werden. Denn der Einfuhrpreis ist gleich: Weltmarktpreis + Transportkosten + Zölle. Und die Inlandspreise können bestenfalls gleich dem Einfuhrpreis sein - niemals höher. Stünden die Inlandspreise über den Einfuhrpreisen, so führte man ja die Ware aus dem Ausland ein. Das hier Gesagte trifft für alle Produktionszweige zu, die mit dem Ausland im Konkurrenzkampf stehen. 

Es gibt auch Waren und Dienstleistungen, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen. Zum Beispiel: Gas und elektrischer Strom, Theater, Zeitungen, Straßenbahn, frisches Brot, usw. Die Eisenbahnen unterliegen nur teilweise einer Auslandskonkurrenz: im Transitverkehr. Würden unsere Eisenbahnen zu hohe Frachtgebühren festsetzen, so führten wahrscheinlich die Ungarn und Rumänen ihre Fracht durch Tschechien und die Slowakei. 

Es gibt also zwei verschiedene Produktionszweige: solche, die der Auslandskonkurrenz unterliegen, und solche, die ihr nicht unterliegen. Die Preise der Produkte, die im Kampf mit der ausländischen Konkurrenz stehen, sind vom Weltmarktpreis abhängig; die Produktionszweige, die nur für den lokalen Markt arbeiten, sind bei der Preisabstimmung vom Weltmarktpreis unabhängig.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

56 

5.6. Der Arbeitslohn in Produktionszweigen, die unter Konkurrenz des Weltmarktes stehen

Nehmen wir an, der Weltmarktpreis einer Ware beträgt 16 S. Bei einem Wochenlohn von 40 S könnten bei diesem Preis noch alle vier Betriebe arbeiten; Prohaska allerdings ohne Gewinn, weil er einen Kostenpreis von 16 S hat. Gelänge es den Arbeitern, den Wochenlohn auf 50 S zu erhöhen, so stiegen, wie unser Beispiel zeigt, auch die Kostenpreise. Prohaska hätte nun einen Kostenpreis von 17,20 S. Er ist nur bei einem Marktpreis von 16 S konkurrenzfähig und müsste daher sperren. Schmidt, der bei einem Wochenlohn von 40 S noch mit Gewinn arbeitete, hätte nun keinen Gewinn mehr. Würde der Wochenlohn auf 60 S erhöht, so müsste auch Schmidt den Betrieb schließen, weil sein Kostenpreis über dem Marktpreis stände. Es ergibt sich demnach für die Nachfrage nach Arbeitskräften folgendes Bild: 

Beträgt der Wochenlohn...

... dann beträgt die Arbeitskräfte-Nachfrage:

40 S

5000

50 S

4500

60 S

3500

Wir sehen: es ist bei der Ware Arbeitskraft wie bei den anderen Waren: steigender Preis senkt die Nachfrage nach Arbeitskräften und umgekehrt. 

Der Preis der Waren konnte sich durch die Lohnerhöhung nicht erhöhen, weil dies die Weltmarktkonkurrenz unmöglich macht. Diese Lohnerhöhungen müssten, wie unsere Aufstellung beweist, durch vermehrte Arbeitslosigkeit erkauft werden. Die weit verbreitete Vorstellung, dass jede Lohnerhöhung eine Erhöhung der Warenpreise nach sich ziehe, weil die Unternehmer die höhere Belastung auf die Konsumenten überwälzen, ist falsch. Bei Waren, die der Auslandskonkurrenz unterliegen oder die für den Weltmarkt erzeugt werden, können Lohnerhöhungen nicht immer durch Preiserhöhungen kompensiert werden.

Die Gewerkschaften, die Lohnforderungen stellen, müssen sich daher vorher sehr genau über die Lage der Industrie und über den Geschäftsgang informieren. In Zeiten guten Geschäftsganges steigen die Weltmarktpreise. In diesem Fall wird die durch die Lohnerhöhung erzeugte Arbeitslosigkeit ganz gering. In Zeiten stockenden Geschäftsganges und sinkender Weltmarktpreise können Lohnerhöhungen eine Arbeitslosigkeit hervorrufen. Dies trifft natürlich nur dann zu, wenn es wirklich nicht möglich wäre, die Lohnerhöhung durch Verringerung des Unternehmerprofits oder der Handelsgewinne zu kompensieren. Die erfahrenen Gewerkschafter wissen, dass dies meist der Fall ist. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

57 

5.7. Produktionszweige, die ohne Weltmarktkonkurrenz für den lokalen Markt arbeiten

Betrachten wir die folgende Aufstellung im Zusammenhang mit Punkt 5.4.: 

Beträgt der Marktpreis...

 

 

13,10 S

14 S

15 S

16 S

17,20 S

18,20 S

 

... dann beträgt das Angebot der Waren bei einem Wochenlohn von...

40 S:

50 S:

60 S:

22.000 q

-

-

37.000 q

22.000 q

-

46.000 q

37.000 q

22.000 q

50.000 q

46.000 q

37.000 q

-

50.000 q

46.000 q

-

-

50.000 q

 

Was lehr uns dieses Beispiel? Wir haben früher festgestellt, dass der Betrieb Mayer bei Wochenlöhnen von 40 S einen Kostenpreis von 13,10 S hat. Die drei anderen Betriebe haben Kostenpreise von 14, 14,90 und 16 S. Beträgt also der Marktpreis pro Zentner 13,10 S, so kann nur der Betrieb Mayer produzieren und selbst er arbeitet ohne Gewinn. Da dieser Betrieb 2.000 Arbeiter beschäftigt, die nach unserer Annahme pro Kopf und Woche 11 q erzeugen, so entspricht einem Marktpreis von 13,10 S ein wöchentliches Angebot von 2.000 x 11 q = 22.000 q. Würde der Wochenlohn auf 50 S erhöht, so stiege der Kostenpreis Mayers auf 14 S, Schulz’ auf 15 S, Schmidts auf 16 S und Prohaskas auf 17,20 S. Bei einem Marktpreis von 13,10 S könnte bei diesem Wochenlohn kein einziger Betrieb arbeiten und wir hätten überhaupt kein Angebot an Waren. Dasselbe trifft natürlich bei einem Wochenlohn von 60 S zu. Stiege aber der Marktpreis von 13,10 S auf 14 S, so könnte bei einem Wochenlohn von 40 S neben dem Betrieb Mayer auch der Betrieb Schulz arbeiten. Diesem Marktpreis entspräche daher ein Angebot von 37.000 q. Stiege der Wochenlohn auf 50 S, so sänke das Angebot auf 22.000 q usw.

Wir sehen: Bei höheren Arbeitslöhnen sind die Angebotsfunktion, das heißt, gleichen Preisen entspricht ein geringeres Angebot. Wenn die Nachfrage keine Veränderung erfährt, so muss in diesem Falle der Marktpreis steigen. Der höhere Marktpreis ruft ein höheres Angebot hervor, so dass die Nachfrage befriedigt werden kann. Aber ein Steigen der Marktpreise als Folge einer Lohnerhöhung, das bedeutet: die Lohnerhöhung wird auf die Konsumenten abgewälzt. In den Produktionszweigen, die keiner Weltmarktkonkurrenz unterliegen, entspricht das auch unserer Erfahrung. Wenn aber die Marktpreise steigen, so wird die Nachfrage nach Waren etwas sinken. Es wird auch hier auf die Lohnerhöhung eine kleine Arbeitslosigkeit folgen, die aber von geringerer Bedeutung ist. Bei Waren mit einer kleinen Elastizität der Nachfrage wird der Rückgang des Konsums gering sein; die der Lohnerhöhung folgende Arbeitslosigkeit ist unbedeutend. Bei den Waren mit einer großen Elastizität der Nachfrage (Luxusartikel) wird der Rückgang des Konsums durch die Preiserhöhung groß sein. Hier kann eigentlich nur ein Teil der Lohnerhöhung auf die Konsumenten abgewälzt werden. 

Zusammenfassend können wir feststellen: In Produktionszweigen, die einer Auslandskonkurrenz unterliegen, können Lohnerhöhungen nicht immer durch Preiserhöhungen hereingebracht werden, weil der Inlandspreis nie höher als der Einfuhrpreis sein kann. Hier führen Lohnerhöhungen bei unveränderter Technik, gleichbleibender Arbeitsintensität und keiner Preiserhöhung auf dem Weltmarkt oft Arbeitslosigkeit herbei. 

In Produktionszweigen, die keiner ausländischen Konkurrenz unterliegen, können Lohnerhöhungen sehr häufig auf die Konsumenten überwälzt werden. In den Industrien, wo die Lohnerhöhungen auf die Konsumenten überwälzt werden können, ist im allgemeinen der gewerkschaftliche Kampf leichter, weil die Unternehmer nachgiebiger sind, wenn die Lohnerhöhung nicht auf Kosten des Profits geht. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

58

5.8. Gewerkschaften und technischer Fortschritt

Die Gewerkschaften setzen Lohnerhöhungen durch. Das birgt, wie wir gesehen haben, auch für die Arbeiter Gefahren ins sich: Preiserhöhungen und Arbeitslosigkeit. Noch größer ist aber die Gefahr für den Unternehmer: wird durch die Lohnerhöhung sein Kostenpreis höher als der Marktpreis, so droht im der Untergang. 

Die Unternehmer suchen sich daher gegen die Wirkungen von Lohnerhöhungen zu wehren. Sie besitzen vor allem zwei Möglichkeiten der Rettung: 1. Sie können die Sachkosten herabsetzen durch eine bessere technische Ausgestaltung des Betriebes. 2. Durch eine Steigerung der Arbeitsintensität können Lohnkosten vermindert werden. 

Indem die Gewerkschaft eine Lohnerhöhung durchsetzt, zwingt sie den Besitzer eines rückständigen Betriebes zur technischen Verbesserung und zur Erhöhung der Arbeitsintensität. Nur wem das gelingt, der bleibt im Konkurrenzkampf am Leben. Sind keine Gewerkschaften da, so macht sich der Unternehmer lieber durch Lohndruck konkurrenzfähig; das ist einfacher und billiger. 

Für Betriebe, die für den Weltmarkt produzieren, ist die Gefahr des Unterliegens im Konkurrenzkampf besonders groß, weil sie die Lohnerhöhungen nicht auf die Konsumenten umwälzen können. Ihr Preis ist ja durch den Weltmarktpreis bestimmt. Gerade für diese Betriebe besteht der stärkste Zwang zur technischen Vervollkommnung. Dort, wo die Preise für die Arbeitskräfte hoch sind, wie in Amerika vor der Krise, kann der Unternehmer nur konkurrenzfähig bleiben, wenn er die Technik ständig verbessert. In Indien zum Beispiel, wo die Arbeitskraft billig ist, ist wenig Zwang zur technischen Verbesserung vorhanden - dort drückt man lieber die Löhne noch tiefer. Bei hohen Löhnen muss ach die Arbeitsintensität gesteigert werden. 

Der gewerkschaftliche Kampf hat also zur Folge, dass die technisch rückständigen Betriebe im Konkurrenzkampf unterliegen: er beschleunigt die Konkurrenz der Produktion und fördert den technischen Fortschritt. Das ist ja der Grund, warum gerade die kleinen oder unfähigen Unternehmer die größte Angst vor den Gewerkschaften haben. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

59

5.9. Die Unternehmerverbände

Was ist der Unterschied zwischen Kartell und Unternehmerverband? Im Kartell organisieren sich die Unternehmer als Verkäufer ihrer Waren. Sie setzen einheitliche Preise fest, regeln die Produktion durch Festlegung von Quoten und bestimmen die Verkaufsbedingungen. 

Anders im Unternehmerverband. Hier organisieren sich die Unternehmer als Käufer der Arbeitskraft. Sie vereinbaren welche Löhne sie bezahlen werden. 

Es gibt auch Industriezweige, wo das Kartell gleichzeitig Unternehmerverband ist. Das kommt aber nicht nur vereinzelt vor. 

Die Unternehmerverbände sind erst nach den Gewerkschaften entstanden. Sie sind gegründet worden als Abwehrmittel gegen die Gewerkschaften. Sie sind der Widerpart der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sagen: Kein Unternehmer darf weniger bezahlen, als wir vereinbarten; die Unternehmerverbände erwidern: Kein Unternehmer darf mehr an Lohn bezahlen, als wir festsetzen. Das Entstehen der Unternehmerverbände hatte eine Änderung des gewerkschaftlichen Kampfes zur Folge. Früher kämpften die Gewerkschaften so: In einem Betrieb wurde zum Mittel des Streiks gegriffen, um die Forderung durchzusetzen. Die anderen Betriebe arbeiten weiter und unterstützen die Streikenden. War bei dem einen Meister der Streik siegreich beendet, so kam der andere Meister dran und in dieser Weise ging es der Reihe nach fort. Man nannte dieses System Zirkularstreiks. Besonders die Buchdrucker und Tischler übten diese Praxis. Diese Streikmethode hatte viele Vorteile: 1. Da nur eine kleine Zahl von Arbeitern im Streik stand, war der Streik leichter zu führen und man konnte die Streikenden besser unterstützen. 2. Da die Unternehmer Angst haben mussten, während des Streiks ihre Kunden an die Konkurrenz zu verlieren, deren Betrieb nicht stillstand, waren sie eher zum Nachgeben bereit. 3. Da man die Streiks einzeln durchführte, konnte man die Lohnforderungen der Leistungsfähigkeit der einzelnen Betriebe anpassen. 

Den Unternehmern waren Zirkularstreiks höchst unangenehm. Sie schritten zur Abwehr, indem sie Unternehmerverbände gründeten; sie setzten der einheitlichen Aktion der Arbeiter die einheitliche Aktion der Unternehmer entgegen. Damit wurden die Zirkularstreiks unmöglich. Nun standen die Gewerkschaften nicht mehr den einzelnen Unternehmern, sondern dem Unternehmerverband gegenüber. Streikten die Arbeiter in einem Betrieb, so wurden auch die Arbeiter in den anderen Betrieben ausgesperrt. Um den Lohnkampf beizulegen, musste man einen gemeinsamen Vertrag, einen Kollektivvertrag, abschließen. Zunächst umfassten diese Unternehmerverbände nur die Unternehmer eines Ortes. Doch dies nützte wenig: denn nun führten die Arbeiter die Zirkularstreiks ortsweise durch. Besonders die deutschen Bauarbeiter übten diese Praxis gut und mit Erfolg aus. Einmal streikten die Bauarbeiter in Berlin, dann in Leipzig, später in Dresden usw. Folge: die Unternehmer gründeten Landes- und Reichsverbände. 

Die Unternehmerverbände hatten die Wirkung, dass sich das Vertragsgebiet stets erweiterte. Zuerst schloss man den Vertrag mit dem einzelnen Meister, dann mit den Unternehmern einer Stadt, jetzt mit den Unternehmern eines ganzen Landes. Diese Verbreiterung des Vertragsgebietes veränderte die Natur der gewerkschaftlichen Kämpfe. Der Kampf wurde schwieriger und die Verbreiterung des Kampffeldes wurde den Arbeitern durch die Unternehmer aufgezwungen. 

Die Entwicklung der Unternehmerverbände hat dazu geführt, dass Lohnkämpfe oft zu historisch bedeutsamen Ereignissen wurden. Eine wirtschaftliche Auseinandersetzung, die ein ganzes Land betrifft, ist eine ganz andere Sache, als ein Streik bei einem einzelnen Meister. 

Die Entwicklung der Unternehmerverbände hat noch eine andere, sehr bedeutsame Wirkung gehabt: dadurch, dass jetzt die Lohnverträge für ganze Länder abgeschlossen werden, können die Gewerkschaften ihre Forderungen nicht mehr der Leistungsfähigkeit des einzelnen Betriebes anpassen. Folge: der Unternehmerverband wird im Interesse seiner kleinen Mitglieder nur einer Lohnerhöhung zustimmen, die sich auch die rückständigen und kleinen Betriebe leisten können. Das liegt ja auch im Interesse der Großen: bei niedrigen Löhnen machen sie mehr Profit. Aber so ganz gleich sind die Interessen von kleinen und großen Betrieben doch nicht. Die großen sind meist viel eher geneigt, die Lohnerhöhungen zu bewilligen. Warum? Ihnen bringt die durch einen Streik erzwungene Betriebsstilllegung viel mehr Schaden als den kleinen. Außerdem können sie die Lohnerhöhungen viel leichter bewilligen als die rückständigen Kleinbetriebe. Richtet die Lohnerhöhung die kleinen Betriebe zugrunde, so stört das die großen nicht - wenigstens sind sie die Konkurrenz los. Die kleinen und unfähigen Unternehmer, die einen schlecht eingerichteten oder schlecht geleiteten Betrieb haben, sind daher die ärgsten Scharfmacher. Die großen sind meist - nicht aus sozialer Einsicht, sondern aus purem Geschäftsinteresse - eher zu einer Lohnerhöhung bereit. Dieser, in den verschiedenen Interessen begründete Gegensatz, führt oft zu einer Sprengung des Unternehmerverbandes. Gerade die tüchtigsten Unternehmer, die dank ihres guten Betriebes die Lohnerhöhung leicht auf sich nehmen können, und die die anderen niederzukonkurrieren vermögen, springen gerne aus dem Unternehmerverband aus. 

Allerdings ist festzustellen, dass die Unternehmerverbände allmählich organisatorisch stärker werden und damit das Ausspringen der Tüchtigen immer seltener wird. Man fürchtet die Rache des starken Verbandes. Andererseits hat der Unternehmer auch Angst vor den Gewerkschaften, die heute allzu mächtig sind und ihm gefährlich werden könnten. Die Unternehmer halten daher oft gegen ihr persönliches Interesse dem Unternehmerverband die Treue. Es wird dann vom Unternehmerverband doch eine einheitliche Politik gemacht, mit dem Ziel, die Löhne so festzusetzen, dass es auch die kleinen Betriebe aushalten. Das wirkt auf den technischen Fortschritt hemmend, weil bei niedrigen Löhnen auch rückständige Betriebe bestehen können. 

Mit der Entwicklung zum Reichsverband der Unternehmer verschwindet auch die Rücksicht auf den Standort des Betriebes. Dass der Standort für das Unternehmen nicht gleichgültig ist, haben wir schon früher gesagt. Solange Einzelverträge abgeschlossen wurden, konnte die Gewerkschaft darauf Rücksicht nehmen. Da aber die ungünstig gelegenen Betriebe auf Dauer nicht durch Lohndruck zu retten waren, gingen sie vielfach zugrunde. Das bedeutet: der gewerkschaftliche Kampf förderte die Konzentration der Betriebe auf den günstigeren Standorten. Der Unternehmerverband aber, der dafür eintritt, dass die Arbeiter in den günstigen Standorten nicht mehr Lohn bekommen als Arbeiter in den ungünstigen Standorten, hemmt damit diese Konzentration. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

6

6. Arbeitsintensität und Arbeitszeit

61

6.1. Die Arbeitskraft der Maschine

In einer Fabrik wird Kohle verheizt und mit dem so erzeugten Dampf wird die Dampfmaschine in Gang gesetzt. Die Kohle wird also in Energie umgewandelt und diese Energie überträgt sich auf die Arbeitsmaschine. Jeder Maschine muss man Energie zuführen, wenn sie etwas leisten soll. 

Der menschliche Körper ist wie eine Maschine. Man muss ihm Energie in Form von Nahrung zuführen. Diese Energie wird dann verwandelt in die Arbeit, die der Körper leistet; sie dient zum Teil zur Aufrechterhaltung des Lebensprozesses, zum anderen Teil der Arbeit, die geleistet wird. Auch hier besteht ein Verhältnis zwischen der Nahrung, die konsumiert wird, und der Arbeit, die geleistet werden soll. Für eine bestimmte Menge Nahrung kann eine bestimmte Menge Arbeit geleistet werden. 

Diese Tatsache muss man berücksichtigen, wenn man von einer Steigerung der Arbeitsintensität spricht. Man betrachtet oft den Menschen als reine Maschine. Man sollte aber bedenken, dass der Mensch eine Maschine besonderer Art ist: er hat ein Gehirn und seine Arbeitsleistung hängt auch von seelischen Zuständen ab. Wenn ein Arbeiter viele Sorgen hat, kann er weniger leistungsfähig sein. Diese "organische" Maschine kennt auch das Gefühl der Ermüdung. Der Mensch muss dann aufhören zu arbeiten und einige Zeit ruhen. Der Mensch braucht Arbeitspausen und freie Zeit. Gibt man dem Körper diese Erholungszeit nicht, so wird er krank und kann schließlich zugrunde gehen. Man sieht: Arbeitspausen sind für den Körper ebenso notwendig wie die Zufuhr von Nahrung.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

62

6.2. Das Verhältnis von Arbeitslohn und Arbeitsintensität

Steigerung der Arbeitsproduktivität - das bedeutet, dass der Arbeiter bei gleicher Arbeitskraftaufwendung mehr produziert. Unter Steigerung der Arbeitsintensität verstehen wir die stärkere Ausnützung der Arbeitskraft innerhalb einer gegebenen Arbeitszeit. Das erste Mittel dazu ist der Wille des Arbeiters, sein größerer Fleiß. Oft diktiert auch die Maschine die Arbeitsintensität. Die Geschwindigkeit, mit der die Maschine läuft, nimmt mit der fortschreitenden Technik zu. Das steigert die Arbeitsintensität. Die Arbeitsleistung extensiv vergrößern heißt: die Arbeitszeit verlängern. Zwischen der Arbeitsintensität und dem Arbeitslohn besteht vielfach eine Wechselwirkung. Betrachten wir dies näher:

1. Abhängigkeit der Arbeitsintensität vom Arbeitslohn:

Die Arbeitsintensität hängt ab von der Nahrung. Wenn der Mensch schlecht ernährt wird, so wird seine Arbeitskraft geringer. Der gut ernährte Arbeiter kann mehr leisten als der schlecht ernährte. Beispiel: Die Hungerzeit der Nachkriegsjahre hatte eine sehr geringe Arbeitsintensität zur Folge.

Die Arbeitsintensität hängt auch vom seelischen Zustand ab. Der notleidende, sorgenerfüllte Arbeiter wird weniger leisten als der gutbezahlte, lebensfrohe Arbeiter. Die Erfahrung bestätigt dies: Je höher die Löhne, desto höher die Arbeitsintensität. Beweis: England, Amerika. Asien hat die niedrigsten Löhne, aber auch die geringste Arbeitsintensität. Ein englischer Arbeiter leistet ungefähr soviel wie drei Kulis. Daraus folgt: Über die Arbeitsintensität entscheidet zunächst die Höhe des Lohnes.

2. Abhängigkeit des Lohnes von der Arbeitsintensität:

Durch höhere Arbeitsintensität wird der Kostenpreis der Ware gesenkt. Der Unternehmer macht dadurch mehr Profit, es ist deshalb auch leichter, eine Lohnerhöhung durchzusetzen.

Nehmen wir an, eine Industrie arbeite für den Weltmarkt. Ist der Weltmarktpreis niedrig, so kann durch eine Lohnerhöhung der Industriezweig seine Konkurrenzfähigkeit teilweise verlieren. Die Folgen werden Betriebssperrungen und Arbeitslosigkeit sein. Setzt man dagegen gleichzeitig mit der Lohnerhöhung eine Intensivierung der Arbeit durch, so erhöht sich der Kostenpreis nicht und die Gefahr einer Arbeitslosigkeit vermindert sich. Das zeigt: Bei steigender Arbeitsintensität kann man Lohnerhöhungen erzielen, die man bei unveränderter Arbeitsintensität nicht durchzusetzen vermag.

Wie ist es in Produktionszweigen, die für den Inlandsmarkt produzieren? Da hat die gesteigerte Arbeitsintensität den Vorteil, dass man Lohnerhöhungen durchsetzen kann, ohne eine Verteuerung der Waren und ohne eine Arbeitslosigkeit hervorzurufen.

Nehmen wir die Produktion für den Weltmarkt. Wenn wir in Österreich eine kleinere Arbeitsintensität haben als in Deutschland, können wir da - bei gleicher Technik - die gleichen Löhne wie die deutschen Arbeiter haben? Nein, wenn unsere Arbeitsintensität geringer ist, so müssen bei uns auch die Löhne niedriger sein, sonst sind ja unsere Unternehmer nicht konkurrenzfähig. Nur wenn wir dieselbe Arbeitsintensität haben, können wir auch dieselben Löhne haben. In allen Industrien, die für den Weltmarkt arbeiten, ist der Arbeitslohn bestimmt durch die Arbeitsintensität. Je höher die Arbeitsintensität, desto höher kann der Arbeitslohn sein, ohne dass die Industrie in ihrer Konkurrenzfähigkeit gefährdet wird.

In Produktionszweigen, die für den Inlandsmarkt arbeiten und die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, kann man Lohnerhöhungen durchsetzen, ohne dass die Arbeitsintensität eine Steigerung erfährt. Das bedeutet aber oft eine Steigerung der Preise und bei Waren mit großer Elastizität der Nachfrage auch Arbeitslosigkeit. Bei Waren mit geringer Elastizität, etwa bei Brot, wird die Konsumeinschränkung gering sein, so dass hier trotz der Preissteigerung keine Arbeitslosigkeit zu befürchten ist.

Wir sehen auch hier wieder den Unterschied zwischen Produktion für den Weltmarkt und der Produktion für den lokalen Markt.

Die Erfahrung bestätigt diese Zusammenhänge zwischen fortschreitender Steigerung der Arbeitsintensität und Erhöhung der Arbeitslöhne. Vor 100 Jahren war die Arbeitsintensität noch so gering, dass man unmöglich hohe Löhne hätte bezahlen können wie heute. Die geschichtliche Entwicklung ist so: Die Arbeiter erringen höhere Löhne, das befähigt sie zu höherer Arbeitsleistung. Die Unternehmer führen bessere Maschinen ein: das verlangt höhere Arbeitsintensität und ermöglicht höhere Löhne. Eines bedingt das andere. Nur die Erhöhung der Löhne ermöglicht eine Steigerung der Arbeitsintensität; nur die Erhöhung der Arbeitsintensität ermöglicht eine Steigerung der Löhne.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

63

6.3. Arbeitsintensität und Arbeitslosigkeit

Viele Arbeiter haben die Vorstellung, dass, wenn jeder im Betrieb stehende Arbeiter weniger arbeiten würde, weniger Arbeitslose wären. Ist das richtig? Bei Produktionszweigen, die für den lokalen Markt arbeiten und keiner ausländischen Konkurrenz unterliegen, kann dies ein Mittel zur Verringerung der Arbeitslosigkeit sein. Beispiel: Wenn die Bäckereiarbeiter weniger leisten, wird zwar auch der Brotpreis steigen, aber da das Brot eine geringe Elastizität der Nachfrage hat, wird der Konsumrückgang gering sein. Hier kann also durch eine Verringerung der Arbeitsintensität eine Verringerung der Arbeitslosigkeit bewirkt werden - allerdings auf Kosten der Konsumenten.

In welchem Maße dies möglich ist, hängt von der Elastizität der Nachfrage der Ware ab. Bei Waren, deren Nachfrage einer großen Elastizität unterliegt, ist es nicht möglich, die Arbeitslosigkeit durch Verringerung der Arbeitsintensität zu vermindern. Hier würde die Preiserhöhung einen so großen Konsumrückgang nach sich ziehen, dass keine neuen Arbeiter eingestellt werden könnten - trotz Verringerung der Arbeitsintensität.

Wir müssen also auch hier wohl unterscheiden, ob es sich um einen Produktionszweig handelt, der für den Weltmarkt produziert, oder um einen Produktionszweig, der für den lokalen Markt arbeitet.

Das spielt auch eine Rolle bei den Auseinandersetzungen um die Entlohnungsmethoden, so zum Beispiel in der Frage des Zeit- und Akkordlohnes. Wo wird die Arbeitsintensität größer sein? Zweifellos beim Stücklohn. Die Unternehmer werden daher zum Akkordlohn drängen. Besonders tun sie es dort, wo es auf den Fleiß der Arbeiter ankommt. Beim "laufenden Band", wo die Maschinerie das Arbeitstempo erzwingt, haben die Unternehmer kein Interesse an dem Stücklohn. Wie stehen die Arbeiter dazu? In Industrien, die nur für den Inlandsmarkt arbeiten, werden die Arbeiter gegen den Stücklohn kämpfen - es kommt ja auf die Steigerung der Arbeitsintensität nicht so sehr an. In Produktionszweigen aber, die für den Weltmarkt arbeiten, hat man meist den Stücklohn eingeführt, weil dadurch die Arbeitsintensität erhöht wird, woran ja in gewisser Beziehung auch die Arbeiter interessiert sind. Durch die geringe Arbeitsintensität würde die Konkurrenzfähigkeit der Industrie auf dem Weltmarkt zerstört, und das hätte Arbeitslosigkeit zur Folge. Das Interesse der Arbeiter an einer Steigerung der Arbeitsintensität ist aber, wie uns der nächste Paragraph zeigen wird, begrenzt.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

64

6.4. Wochenlohn und Lebenslohn

Wochenlohn - das ist der Lohn, den der Arbeiter in einer Woche verdient.

Lebenslohn - das ist der Lohn, den der Arbeiter Zeit seines Lebens verdient.

Die hohe Arbeitsintensität ermöglicht einen hohen Wochenlohn. Das ist ihr Vorteil. Eine andere Frage aber ist, ob die hohe Arbeitsintensität nicht die Arbeitsfähigkeit des Arbeiters verkürzt. Ford zahlt hohe Löhne und hat daher eine hohe Arbeitsintensität. Aber es ist sehr fraglich, ob diese Arbeitsintensität nicht zur Folge hat, dass die Arbeiter sehr früh arbeitsunfähig werden. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass Arbeiter, die verhältnismäßig viel arbeiten, früher verbraucht werden. Diese Gefahr wird noch vergrößert durch die Gleichmäßigkeit der Arbeit, wodurch immer dieselben Körperteile angestrengt werden. Wie schädlich diese gleichmäßige Arbeit ist, das beweist wohl die Tatsache, dass Fabriksarbeiter in der Regel früher altern als die Bauern.

Die Gefahr der Steigerung der Arbeitsintensität liegt darin, dass dadurch zwar der Wochelohn des Arbeiters höher, sein Lebenslohn aber geringer wird. Hier steckt die wahre Gefahr der übersteigerten Arbeitsintensität. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass die Erhöhung der Arbeitsintensität zur Verringerung der Löhne führt. Wahr aber ist: Bei großer Arbeitsintensität wird der Wochelohn hoch sein, aber es besteht die Gefahr, dass der Arbeiter früh arbeitsunfähig wird. Das ist etwas, was die bürgerliche Arbeitswissenschaft nicht berücksichtigen will. Der heutige Arbeiter ist - im Gegensatz zum Sklaven, den sein Herr aus eigenem Interesse schonte - frei. Das bedeutet: niemand kümmert sich um seine Arbeitsfähigkeit. Ist ein Arbeiter früh verbraucht, so macht das dem Unternehmer nichts. Er wird einen anderen Arbeiter aufnehmen. Der Unternehmer ist nur daran interessiert, wie viel der Arbeiter in einer Woche leisten kann. Das ist eine falsche Rechnung, nicht nur für den Arbeiter, sondern auch für die Gesellschaft. Denn wenn ein Arbeiter infolge einer zu großen Arbeitsintensität arbeitsunfähig wird, so muss ihn ja die Gesellschaft erhalten. Die kapitalistischen Bestrebungen gehen darauf hinaus, die Arbeitsfähigkeit intensiv auszunützen; die Kosten, die eine Überbeanspruchung über eine längere Zeit verursacht, überlassen die Unternehmer dem Staat. Noch größer wird diese Gefahr dadurch, dass mit der Arbeitsintensität auch die Unfallgefahr größer wird. Das beweist uns die Statistik. Um nicht behindert zu sein in der raschen Arbeit, nehmen die Arbeiter oft die Schutzvorrichtungen weg. Man soll in einem solchen Fall nicht über die "unvorsichtigen" Arbeiter schimpfen, sondern soll untersuchen, ob nicht zu niedrige Akkordlöhne oder ein anderes Antreibersystem an der hastenden Arbeit schuld sind.

Fassen wir zusammen: Die Erhöhung der Arbeitsintensität hat für die Arbeiter ihre großen Vorteile. Insbesondere in den Produktionszweigen, die in Weltmarktkonkurrenz stehen, ist sie eine Voraussetzung, um zu höheren Löhnen zu gelangen.

Auf der anderen Seite muss man sehen, dass die Steigerung der Arbeitsintensität nicht ungefährlich ist: erhöhte Unfallgefahr und Verkürzung der Lebensfähigkeit. Man kann aber nicht grundsätzlich gegen Stückarbeit sein, weil sonst die Arbeitsintensität zu gering wäre. Es gibt hier kein allgemein gültiges Schema. Man muss im einzelnen Fall abwägen, was das Richtige ist. In Österreich, wo die Arbeitsintensität kleiner ist als in den meisten Ländern, mit denen wir konkurrieren, wäre eine Politik in Richtung auf eine Verminderung der Arbeitsintensität gefährlich. Da bei uns die Löhne niedriger sind als in anderen Ländern, ist schon dadurch die Arbeitsintensität kleiner. Unsere Politik muss sein: Steigerung der Arbeitsintensität durch höhere Löhne. Eine niedrigere Arbeitsintensität darf nicht unser Ideal sein. Nur gegen Übertreibung müssen wir uns wenden. Aber wenn die Arbeitsintensität durch höhere Löhne gesteigert wird, ist kaum eine Lebensverkürzung der Arbeiter zu befürchten.

Eine Beobachtung der gewerkschaftlichen Lohnkämpfe zeigt allerdings, dass fallweise Gruppen von Arbeitnehmern dazu übergehen, ihre Arbeitsintensität bewusst zu beschränken. Zu diesem Verhalten sehen sie sich häufig dadurch veranlasst, weil die Unternehmer den Stücklohn herabsetzen, sobald die Lohnempfänger intensiver arbeiten. Die Verringerung der Arbeitsintensität ist in diesem Fall eine berechtigte Notwehr gegen eine schlechte Unternehmerpolitik. In Industrien, die für den Weltmarkt arbeiten, ist auch diese Einschränkung mit Vorsicht anzuwenden. Zu erwägen ist, dass die Arbeitsintensität auch im Zusammenhang steht mit der Arbeitszeit.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

65 

6.5. Arbeitszeit und Arbeitsintensität

Wann wir die Arbeitsintensität am stärksten sein? Nicht zu Beginn des Arbeitstages, sondern in den folgenden Stunden, wenn sich die Muskeln an die Bewegung gewöhnt haben, wenn sie "eingearbeitet" sind. Im Verlauf des Tages tritt dann eine Ermüdung ein. Die Arbeitsintensität wird gegen Ende des Arbeitstages sinken. Je länger die Arbeitszeit, desto geringer die Arbeitsintensität. Die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit wird die Arbeitsintensität erhöhen.

Wir haben früher gehört: Die hohe Arbeitsintensität erhöht den Wochenlohn, aber sie verkürzt unter Umständen den Lebenslohn. Das muss nicht so sein. Wenn ich die Arbeitsintensität erhöhe und gleichzeitig die Arbeitszeit verkürze, so muss die höhere Arbeitsintensität keine Verkürzung des Lebens nach sich ziehen. Die Arbeitsintensität kann also nur dann ohne Gefahr eines Raubbaues gesteigert werden, wenn man gleichzeitig die Arbeitszeit herabsetzt.

Es lassen sich einige Feststellungen über die Wechselwirkung zwischen Arbeitszeit und Arbeitsintensität machen. Erstens: die Verkürzung der Arbeitszeit macht es möglich, die Arbeit zu intensivieren. Zweitens: die Verkürzung der Arbeitszeit gestattet es, die Arbeitsintensität zu steigern, ohne Verkürzung des Lebens des Arbeiters. Drittens ist zu bedenken: eine Verkürzung der Arbeitszeit ohne Erhöhung der Arbeitsintensität hätte in Produktionszweigen, die für den Weltmarkt arbeiten oder der Weltmarktkonkurrenz unterliegen, Arbeitslosigkeit und Lohndruck zur Folge.

In manchen Industrien ist die Arbeitsintensität von der Maschine diktiert. Hier wird durch eine Verkürzung der Arbeitszeit keine Steigerung der Arbeitsintensität eintreten; dafür wird der Unternehmer trachten, die Maschine zu verbessern. Dort, wo der Arbeitsprozess schon weitgehend automatisiert ist, tritt also nicht sofort mit der Verkürzung der Arbeitszeit eine Erhöhung der Arbeitsintensität ein. Anders, wo die Arbeit noch nicht so stark automatisiert ist, dort wird der Verkürzung der Arbeitszeit sehr bald eine Erhöhung der Arbeitsintensität folgen.

Wenn aber die Arbeitszeitverkürzung ohnehin aufgewogen wird durch gesteigerte Leistung, hat dann der Kampf um kurze Arbeitszeit einen Sinn? Ja, die kurze Arbeitszeit ist für den Arbeiter viel vorteilhafter. Das Leben des Arbeiters beginnt ja erst nach der Arbeitszeit. Marx zitiert einmal ein Flugblatt aus dem Jahre 1840, worin es heißt: "Reichtum ist Zeit, über die man verfügt, sonst nichts."

Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hat man in Österreich bis zu 14 Stunden gearbeitet, 12 Stunden waren normal. Als der Elfstundentag eingeführt wurde, hat man noch viele Ausnahmen gemacht. Erst in den neunziger Jahren wurde der Kampf um den Zehnstundentag begonnen. Heute haben wir den Achtstundentag. Die Arbeitszeitverkürzung ist mit einer großen Steigerung der Arbeitsintensität erkauft worden. Sie ist ein ungeheurer Fortschritt. Erst damit beginnt der Arbeiter als Kulturmensch zu leben.

Soll man die 48 Stunden in fünf oder sechs Tagen arbeiten? Da bei uns am Samstag nur bis Mittag gearbeitet wird, rentiert sich die Anheizung der Dampfkessel nicht. Die Unternehmer sind deshalb dafür, die 48 Stunden in fünf Tagen zu arbeiten. Der freie Samstag entspricht auch den Wünschen der Arbeiter. Zwei freie Tage in der Woche bedeuten, wenn sie richtig verbracht werden, sehr viel für die Gesundheit und die kulturelle Weiterbildung der Arbeiter.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

7 

7. Kapitalzins und Unternehmergewinn

71

7.1. Die Banken

Die Fabrikanten benötigen zur Führung ihrer Unternehmungen Geld, und zwar zu verschiedenen Zeiten verschieden viel. Nehmen wir eine Spielwarenfabrik. Sie braucht das meiste Geld im Herbst, wenn sie für den Weihnachtsmarkt produziert. Nach Weihnachten, wenn ihr dann die Händler die Lieferungen bezahlen, bekommt diese Fabrik mehr Geld herein. Da aber zu dieser Zeit die Produktion einen Tiefstand erreicht, hat der Spielwarenfabrikant jetzt überschüssiges Geld. Wir sehen: Vor Weihnachten hatte er weniger Geld, nach Weihnachten hat er mehr als erforderlich. Zuerst hat er sich das Geld geborgt, später legt er Geld in die Bank ein.

Beim Landwirt wird es gerade umgekehrt sein. Er wird im Herbst, nach dem Verkauf der Ernte, überschüssiges Geld haben, im Frühjahr aber wieder Geld brauchen. Er wird also im Herbst Geld in die Bank einlegen und im Frühjahr von der Bank Geld abheben oder borgen.

Die Banken haben also eine wichtige Funktion: sie vermitteln Geld. Sie saugen das augenblicklich an bestimmten Stellen der Wirtschaft überschüssiges Geld auf und leiten es in jene Produktionszweige, die es gerade benötigen. In unserem Beispiel wird der Landwirt Zinsen bekommen, der Spielwarenfabrikant wird Zinsen bezahlen müssen. Werden diese Zinsen gleich hoch sein? Der Fabrikant wird einen höheren Zins bezahlen müssen, als der Landwirt bekommt. Die Bank muss ja bei diesem Geschäft etwas verdienen. Sie hat Verwaltungskosten und will auch einen Gewinn haben.

Die Einleger bekommen Zinsen. Diese Zinsen nennt die Bank Passivzinsen. Die Kreditnehmer bezahlen Zinsen. Diese Zinsen heißen Aktivzinsen.

Man kann durch diese Einrichtung eine Menge flüssigen Geldes verwerten. Hat man keine andere Verwertung für sein Geld, so legt man es in eine Bank ein und bekommt dafür Zinsen. Die Kapitalisten ziehen daraus den Schluss, dass das Geld die "natürliche Eigenschaft" habe, sich zu vermehren. Woher kommen in Wahrheit die Zinsen? Sie kommen von der Arbeit. In unserem Fall zahlt die Zinsen, die der Landwirt erhält, der Spielwarenfabrikant. Woher der Fabrikant dieses Geld nimmt, werden wir später noch genau untersuchen.

Es gibt Leute, die sagen, alles Unglück in der Welt komme daher, dass die Kapitalisten ihr Geld unproduktiv in den Banken liegen haben (Schwundgeldtheorie). Diese Leute verstehen nicht, dass auch heute kein Kapitalist sein Geld brachliegen lässt. Er gibt ja sein überschüssiges Geld der Bank und die Bank muss sich beeilen, das Geld sofort weiterzugeben. Wie könnte sie denn sonst dem Einleger Zinsen zahlen? Sie muss, um die Passivzinsen entrichten zu können, Aktivzinsen hereinbekommen. Sie ist also gezwungen, das Geld sofort jemandem zu borgen, der es für seinen Betrieb braucht. Durch den Mechanismus der Banken wird es produktiv verwertet.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

72 

7.2. Der Zinsfuß

Wie jeder Preis ist auch der Zinsfuß - der Preis für Leihgeld - Veränderungen unterworfen; seine Höhe hängt von Angebot und Nachfrage ab. Bei gutem Geschäftsgang braucht der Unternehmer viel Geld. Die Nachfrage nach Fremdkapital steigt und der Zinsfuß wird daher erhöht. Bei schlechtem Geschäftsgang schränken die Unternehmer ihre Produktion ein. Es ist daher genug flüssiges Geld vorhanden. Das Angebot von Geld ist groß, die Nachfrage ist klein. Der Preis für Leihgeld sinkt, der Zinsfuß ist niedrig.

Die Veränderung des Zinsfußes haben aber nicht nur den Zweck, das Angebot von Leihgeld und die Nachfrage von Kredit im Inland in Übereinstimmung zu bringen. Der Zinsfuß ist auch das Mittel, um die internationalen Geld- und Kreditbewegungen zu beeinflussen. Es gibt kapitalarme und kapitalreiche Länder. Kapitalarme Länder müssen bestrebt sein, durch einen hohen Zinsfuß von auswärts Geld ins Land zu locken. Dabei spielt natürlich auch die Frage ob das Geld in diesem Land sicher ist, eine große Rolle. Ein Land, zu dessen Bestand man wenig Vertrauen hat, wird nur dann ausländische Kredite anziehen, wenn es einen hohen Zinsfuß bietet.

Die allgemeine Regel ist: Die Differenzierung zwischen den Zinssätzen bietet die Möglichkeit, den Kapitalmangel und den Kapitalüberschuss auszugleichen. Wenn ein Land guten und ein anderes Land schlechten Geschäftsgang hat, so wird im Land des guten Geschäftsganges der Zinsfuß steigen. Die Folge davon ist, dass flüssige Gelder des Landes mit schlechtem Geschäftsgang angezogen werden. So wird der notwendige Ausgleich geschaffen.

Der Zinsfuß hat dieselbe Funktion zu erfüllen wie der Marktpreis: er muss Angebot und Nachfrage in Einlang bringen. Der Zinsfuß kann daher nicht willkürlich festgesetzt werden. Setzte man etwa den Zinsfuß zu tief herab, so wird nicht nur der Kapitalfluss unterbunden; selbst das heimische Kapital kann dadurch veranlasst werden, ins Ausland abzuwandern. So wenig man in der kapitalistischen Gesellschaft den Preis willkürlich regeln kann, ebenso wenig kann man auch den Zinsfuß beeinflussen. 

Marktpreis - Kostenpreis = Profit

Die Kapitalisten rechnen damit, dass jede Menge verfügbaren Geldes einen Zinsertrag abwirft; sie betrachten dies als natürliche Eigenschaft des Geldes.

Wirft das in einem Betrieb investierte Kapital nicht mehr Profit ab, als das gleiche Kapital als Einlage in einem Kreditinstitut an Zinsen bringen würde, so sagt der Unternehmer: "Wozu führe ich sorgenbeschwert dieses Geschäft? Wenn ich mein Geld in die Bank einlege, bekomme ich mühelos dasselbe."

Der Kapitalist betrachtet daher nur das als Gewinn, was über die Zinsen hinausgeht. Der Profit wird als ein aus zwei gesonderten Bestandteilen bestehendes Ganzes angesehen: 

Profit = Kapitalzins + Unternehmergewinn

Wenn der Kapitalist mit ausgeborgtem Geld arbeitet, bekommt die Band den Kapitalzins, der Unternehmer den Unternehmergewinn. Arbeitet ein Unternehmer mit eigenem Geld - was ja auch vorkommt - so bekommt er beides. Die Unternehmer führen aber trotzdem ihre Bücher so, als ob sie den Kapitalzins an jemand abführen müssten: sie betrachten nur diesen Teil des Gewinnes, der über den Kapitalzins hinausgeht als ihren Unternehmergewinn. Da aber heute in der Regel zum großen Teil mit fremden Geld gearbeitet wird, verzweigt sich der Gewinn mannigfach: der Unternehmergewinn verbleibt dem Unternehmer; der Kapitalzins gehört der Bank; die Bank muss aber wieder einen Teil des Kapitalzinses an die Einleger weitergeben. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

73

7.3. Das Kapitalisieren

Aufgrund eines überlieferten Vertrages kann jemand das Recht haben, vom Eigentümer eines Grundstückes jährlich eine bestimmte Geldsumme zu verlangen. Nehmen wir an, diese Summe wäre 1.600 S. Man wird in diesem Fall sagen, dass auf dem Grundstück eine Reallast von 1.600 S liegt. Wieviel muss man dafür bekommen, wenn dieses Recht auf die Rente verkauft werden soll? Die Verkaufssumme muss so hoch sein, dass der Zinsertrag davon 1.600 S beträgt. Die Berechnungsformel lautet: 

Kapital = (100 x Ertrag) : Zinsfuß = 100 x 1600 : 8 = 160.000 : 8 = 20.000

Bei einem Zinsfuß von 8 Prozent muss die Verkaufssumme 20.000 S betragen. Diese Rechnung nennt man Kapitalisieren. Man errechnet den Wert eines Kapitals, das, gegen Zinsen angelegt, einen bestimmten Zinsertrag bringt. Die Höhe des Kapitals hängt, wie diese Rechnung lehrt, sehr wesentlich von der Höhe des Zinsfußes ab. Wenn wir in unserem Beispiel einen Zinsfuß von 4 Prozent annehmen, beträgt die Kapitalsumme nicht 20.000 S, sondern 40.000 S. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

8

8. Die Profitrate

81

8.1. Profitrate = Profit : Kapital

Das Verhältnis zwischen erzieltem Profit und aufgewendetem Kapital wird in der Profitrate ausgedrückt. Die absolute Größe des Profits sagt uns wenig. Man muss immer vergleichen, wie groß der Kapitalaufwand war, mit dem diese Profitsumme erzielt wurde. In dieser drückt man die Profitrate in Prozenten aus: 

Profitrate in Prozent = (Profit x 100) : Kapital = 3000 x 100 : 15.000 = 20

Wenn wir annehmen, das jemand bei einem Kapitalaufwand von 15.000 S zum Beispiel 3.000 S Profit erzielt hat, so beträgt die Profitrate 20 Prozent.

Die Profitrate ist bei verschiedenen Unternehmungen des gleichen Industriezweiges verschieden hoch; auch in den verschiedenen Industriezweigen variiert die Profitrate. Im nachstehenden wollen wir zunächst von der Durchschnittsprofitrate sprechen.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

82

8.2. Die Ausgleichung der Profitrate

Die Kapitalisten haben das Bestreben, ihr Kapital in jenen Industriezweigen und Betrieben anzulegen, wo die Profitrate hoch ist. Industriezwiege mit hohen Profitraten werden eine reichliche Kapitalversorgung zu verzeichnen haben; es strömt ihnen von den Industriezweigen mit niedriger Profitrate Kapital zu. In den Produktionszweigen, die mit Kapital reichlich versorgt sind, wird die Produktion vergrößert. Die vergrößerte Produktion hat zur Folge, dass auf dem Markt mehr Waren angeboten werden; das gesteigerte Angebot an Waren wird den Preis und damit den Profit senken. Der Kapitalzustrom löst eine Minderung der Profitrate aus. Die gegenteilige Entwicklung wird sich in den Produktionszweigen vollziehen, die eine niedrige Profitrate haben. Dort wird Kapital abfließen. Das führt zu einer Verringerung der Produktion; das Angebot an Waren sinkt.

Das sinkende Angebot hat, wie wir wissen, steigende Preise und damit steigenden Profit zur Folge. In diesem Produktionszweig wird daher die Profitrate steigen. Die eben geschilderte Entwicklung führt also zu einer Ausgleichung der Profitrate. Machen wir uns das durch folgende schematische Darstellung klar: 

Metallindustrie

 

Bierbrauerei

Profitrate niedrig

Profitrate hoch

Kapital fließt ab

Kapital strömt zu

Produktion verkleinert

Produktion vergrößert

Angebot sinkt

Angebot steigt

Preise steigen

Preise sinken

Profitrate steigt

Profitrate sinkt

Unser Bild zeigt, dass in der Metallindustrie, wo die Profitrate niedrig ist, infolge des Kapitalabflusses die Profitrate steigen wird - in der Bierbrauerei, wo die Profitrate hoch ist, wird sie infolge des Zustromes von Kapital sinken. Es besteht die Tendenz, die Profitrate auszugleichen.

Die Entwicklung, die sich bei freier Konkurrenz mit Naturnotwendigkeit vollzieht, wird gehemmt durch Kartelle. Bleiben wir bei unserem Beispiel: Wenn die Banken an den Profiten der Brauereien interessiert sind, werden sie das Errichten neuer Brauereien durch Kreditverweigerung zu hemmen suchen. Dadurch kann dieser Ausgleich der Profitrate eine Zeitlang verhindert werden. Aber wenn die Brauereien ein gutes Geschäft machen und eine höhere Profitrate haben als andere Industrien, so wird man schließlich doch neue Brauereien bauen. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt die neuen Betriebe in das Kartell auf (das bedeutet: Kürzung der einzelnen Quoten zugunsten des neuen Betriebes) oder man tritt in Konkurrenz. Die Banken können in diesem Fall das Ausgleichen der Profitrate zwar erschweren, aber nicht dauernd verhindern.

In der kapitalistischen Gesellschaft herrscht eben Anarchie. Der eine Produktionszweig wird vergrößert, der andere bleibt zurück. Dadurch entstehen fortwährend Missverhältnisse und Krisen. Aber schließlich ist auch in der kapitalistischen Gesellschaft eine "Automatik" wirksam, die dafür sorgt, dass die Disproportionalitäten nicht verewigt werden. Diese Automatik wird von der Profitrate ausgelöst. Ist beispielsweise von einem Produkt zuwenig erzeugt worden, so wird die stürmische Nachfrage nach diesem Produkt den Preis emportreiben. Steigender Preis bedeutet aber auch eine steigende Profitrate. Die hohe Profitrate lockt neues Kapital an. Die Produktion wird weiter vergrößert. In kurzer Zeit wird das Angebot so groß sein, dass die Nachfrage befriedigt werden kann.

Wurde von einer Ware zuviel erzeugt, so setzt die entgegengesetzte Entwicklung ein: In diesem Fall ist also das Angebot an Waren groß, die Nachfrage gering. Die Marktpreise werden sinken. Sinkende Preise bedeuten sinkende Profitrate. Das Kapital wird daher in andere Produktionszweige abwandern. Die Produktion wird sich verringern. Sie wird so weit sinken, bis Angebot und Nachfrage in Einklang stehen.

Wir sehen: die Tendenz zum Ausgleich der Profitrate regelt die Entwicklung der verschiedenen Produktionszweige.

Freilich, diese Regelung der Wirtschaft durch die Profitrate hat einen großen Nachteil: sie hinkt immer hinten nach. Ob man ein erzeugtes Produkt braucht oder nicht, das zeigt sich erst am Markt. Braucht man es, dann steigt der Profit; benötigt man es nicht, dann ist der Profit niedrig. Und erst dann beginnt der Ausgleichsmechanismus zu wirken.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

83

8.3. Der Produktionspreis

Der Preis, zu dem eine Ware verkauft wird, setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus dem Kostenpreis und aus dem Profit.

Preis = Kostenpreis + Profit

Der Profit wird von Betrieb zu Betrieb in verschiedenen Produktionszweigen verschieden sein. Es besteht aber die Tendenz, die Profitraten auszugleichen. Die Profitrate, an die sich die tatsächlich erzielbaren anzugleichen suchen, nennen wir die "gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate". Der Profit, den der einzelne Kapitalist beim Verkaufen seiner Waren erzielt, kann groß oder klein sein. Aber es besteht die ständige Tendenz zur Angleichung an die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate. Ist der Profit so hoch wie die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate, so nennen wir diesen Profit "Durchschnittsprofit". Was wir hier als Durchschnittsprofit bezeichnen, das ist in der Sprache der Unternehmer der (bürgerliche) "Gewinn".

Den Preis einer Ware, bei dem der Kapitalist den Durchschnittsprofit verdient, bezeichnen wir als den "Produktionspreis". Der Produktionspreis ist demnach Kostenpreis + Durchschnittsprofit.

Die Waren werden meist nicht zum Produktionspreis verkauft. Auf dem Markt gibt es nur individuelle Preise mit individuellem Kostenpreis und Profit. Aber es besteht die Tendenz, die Preise anzugleichen an die Produktionspreise. Wir kennen jetzt drei Arten von Preisen: individuelle Preise, Marktpreise, Produktionspreise.

Der Produktionspreis ist nicht der Preis, zu dem Waren verkauft werden, aber er ist jener, dem sich die Marktpreise anzunähern suchen. Der Produktionspreis ist gleichsam der mittlere Preis, um den die Marktpreise pendeln.

Wenn es gelingt, den Profit über dem Durchschnittsprofit zu halten, so steht der Marktpreis über dem Produktionspreis. Die Kapitalisten versuchen, durch Kartelle und Trusts den Kapitalzufluss zu bestimmten Industrien zu hemmen, um dadurch eine höhere Profitrate zu erreichen. Gelingt dies, so stehen die Marktpreise über dem Produktionspreis. Dauernd ist dieser Zustand in der Regel nicht aufrechtzuerhalten.

Eine Bank kann das Entstehen neuer Konkurrenzbetriebe durch Verweigerung der Kredite erschweren. Dies gelingt allerdings nur dann, wenn die Banken einheitlich vorgehen. Sobald eine andere Bank den Kredit hergibt, ist die Neuerrichtung von Betrieben nicht zu verhindern. In der Praxis ist das Zusammenwirken der Banken ziemlich üblich geworden. In dem Maße, als die Banken mächtiger werden, nimmt auch dieses einheitliche Vorgehen zu, da sie es nicht wagen, einander Konkurrenz zu machen. 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

9 

9. Die Ausgleichung der Lohnsätze

Nehmen wir an, die Löhne wären bei den Maurern besonders hoch und bei den Metallarbeitern sehr niedrig. Was würde geschehen? Die jungen Burschen werden das Maurerhandwerk lernen wollen; nur wenige werden sich für das Gewerbe der Metallverarbeitung entscheiden. Nach drei Jahren werden bei den Maurern viele Gehilfen da sein. Das große Angebot an Arbeitern wird die Löhne der Maurer etwas drücken. Der Anreiz, Maurer zu werden, wird dadurch geringer. Bei den Metallarbeitern dagegen wird ein Mangel an gelernten Arbeitern eintreten, da zuwenig junge Menschen dieses Gewerbe erlernt haben. Infolge des geringen Angebotes von Metallarbeitern werden ihre Löhne steigen. So wird ein gewisser Ausgleich der Lohnsätze hergestellt.

Dieses Gesetz wirkt fortwährend - es gibt aber durch alle möglichen Faktoren beeinflusst. Es gilt für alle Berufe. In gut bezahlte Berufe strömen Menschen zu, schlecht bezahlte Berufe werden gemieden. So wie durch das Hin- und Herströmen des Kapitals der Ausgleich der Profitrate entsteht, so entsteht durch den Arbeitsplatzwechsel eine Tendenz zur Ausgleichung der Lohnsätze. Nicht zu übersehen ist die Tatsache, das bei der Berufswahl neben den Entlohnungsfragen auch andere Erwägungen mitbestimmend sind.

Dazu kommt, dass sich die Menschen in ihren Vorausschätzungen auch irren. Vor wenigen Jahren waren die Metallarbeiter gut bezahlt, daher strömten junge Arbeitskräfte in diese Berufe. Heute sind diese Arbeitergruppen wieder schlechter entlohnt. Die Eltern haben also falsch "spekuliert". Noch bevor ihre Söhne ausgelernt waren, sind die Löhne schon gesunken. Die Löhne der Bauindustrie lagen dagegen viele Jahre danieder; der Maurerberuf wurde gemieden. Heute sind die Maurer beschäftigt und gut bezahlt. Die Ausbildung qualifizierter Arbeitskräfte dauert drei bis vier Jahre. Die Konjunkturschwankungen vollziehen sich aber oft in kürzeren Zeitspannen. Diese Umstände hemmen den Ausgleichsmechanismus. Die Verteilung der jungen Arbeitskräfte kann sich niemals den Erfordernissen richtig anpassen, weil sich die Verhältnisse in den einzelnen Industriezwiegen zu rasch ändern. Auf die Dauer können sich andererseits große Lohndifferenzen nicht behaupten.

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

10 

10. Schlussbetrachtung

Wir sind bei unseren bisherigen Betrachtungen vom Markt - vom Kauf und Verkauf - ausgegangen. Marktpreise, Durchschnittsprofite, Ausgleichung der Lohnsätze - all diese Begriffe gehören zur Lehre vom Markt. Es war die Lehre von den Beziehungen der Menschen als Käufer und Verkäufer. Unter diesem Begriff können wir den eben abgeschlossenen ersten Teil unserer nationalökonomischen Darstellung zusammenfassen. Das große Gesetz der Lehre vom Markt ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Die Lehre vom Markt ist die Betrachtungsweise jeder Nationalökonomie. Was uns von der bürgerlichen Auffassung trennt, ist der Umstand, dass wir dabei nicht stehen bleiben. Die bürgerliche Nationalökonomie begnügt sich damit. Sie sagt: Die Menschen kaufen und verkaufen und dabei gewinnen sie ihr Einkommen. Die sozialistische Theorie begnügt sich damit nicht. Sie geht von der Erkenntnis aus, dass die Waren, ehe sie auf den Markt kommen, produziert sein müssen. Auf dem Markt wird nur verteilt, was vorher durch Arbeit geschaffen wurde. Deshalb ist es auch erforderlich, unseren bisherigen Untersuchungen einen zweiten Teil, die "Lehre von der Arbeit", anzuschließen. Die sozialistische Literatur beschäftigt sich fast ausschließlich mit der Lehre von der Arbeit und nicht mit der Lehre vom Markt. Die sozialistische Darstellung geht auch immer von der Arbeit aus und kommt erst dann zum Markt. Wir gingen den entgegengesetzten Weg: wir gingen vom Markt aus, weil wir es aus pädagogischen Gründen für zweckmäßig hielten, an den Erfahrungen des täglichen Lebens anzuknüpfen. Der Abschnitt "Politische Ökonomie II" behandelt daher die Lehre von der Arbeit.

 

zum Inhaltsverzeichnis: Ökonomie I

zur Übersicht: Marxismus-Einführung

 

Stamokap-Strömung in der SJÖ - politbuero@stamokap.org