|
1. Der Kostenpreis
11
1.1.
Der Kreislauf von Ware und Geld
Wir leben in einer
Wirtschaft, die sich durch eine weitverzweigte Arbeitsteilung
kennzeichnet. Ständig werden viele Millionen von Tauschakten
vollzogen; für Geld werden Waren gekauft und Vermögen, die in
Warenvorräten angelegt sind, werden in gleicher Weise in Geld
zurückverwandelt.
In einfachster Weise
vollzieht sich der Umschlag des Handelskapitals. Der Kaufmann nimmt
Geld (G), kauft dafür Ware (W) und verkauft diese Ware wieder weiter,
wodurch die Rückverwandlung in Geld (G) erfolgt. Die Geldsumme, die am
Schluss dieses Kreislaufes vorhanden ist, wird in der Regel größer
sein als jene, über die der Kaufmann ursprünglich verfügte. Wir
drücken dies dadurch aus, dass wir dem großen G ein kleines g
hinzufügen. Die Formel für die Zirkulation des Handelskapitals lautet
deshalb:
G
à
W à
G + g
Etwas komplizierter
verläuft die Zirkulation des industriellen Kapitals. Der Fabrikant
nimmt das Geld (G), geht damit auf den Markt und kauft Waren (W).
Diese Waren bestehen einerseits aus den Produktionsmitteln (Pm),
worunter Wirtschaftsgebäude, Maschinen und Rohstoffe zu verstehen
sind, andererseits aus der notwendigen Arbeitskraft (Ak). Nun wird der
Kreislauf des Geldes durch den Produktionsprozess (... P ...)
unterbrochen, aus dem wieder Ware (W) hervorgeht. Diese Ware wird
verkauft und verwandelt sich wieder in Geld (G). „Am Schlusse des
Prozesses“, sagt Marx, „befindet sich der Kapitalwert also wieder in
derselben Form, worin er in ihn eintrat, kann ihn also wieder von
neuem als Geldkapital eröffnen und durchlaufen.“ Die Form des
Geldkapitals wurde durch diesen Zirkulationsprozess nicht verändert,
wohl aber seine Größe. Da in der Geldsumme, die am Schluss des
Kreislaufs vorhanden ist, der Profit des Unternehmers steckt, so wird
sie größer sein als die ursprünglich vorhandene. Die Formel für die
Zirkulation des industriellen Kapitals sieht so aus:
G
à
W
{
Pm, Ak ... P … W
à
G + g
Es ist klar: In den
Kostenpreis der Ware sind nicht nur die Auslagen für Rohstoffe und
Arbeitskräfte einzurechnen, sondern es muss ein entsprechender Betrag
für die Erneuerung der verwendeten Fabriksgelände, Maschinen und
Werkzeuge zurückgelegt werden. Diesen Vorgang nennt man abschreiben
oder amortisieren.
12
1.2. Das
fixe und das zirkulierende Kapital
Analysieren wir den
Produktionsprozess, so finden wir, dass der Kapitalwert, der in den
Produktionsmitteln steckt, in verschiedener Weise zirkuliert. Ein Teil
der Produktionsmittel geht seinem Wert nach ganz in das neue Produkt
ein, ein anderer Teil überträgt seinen Wert nur allmählich und
stückweise auf die neuen Produkte.
Aus der verschiedenen
Weise, worin die verschiedenen Teile des produktiven Kapitals ihren
Wert auf das Produkt übertragen, entspringen, sagt Marx, „die
Formbestimmtheiten von fixem und flüssigem Kapital.“ Aber nur das
produktive Kapital kann sich in ein fixes (stehendes) und in ein
zirkulierendes (umlaufendes, flüssiges) Kapital spalten; für das
Waren- und Geldkapital besteht dieser Gegensatz nicht.
Als fixes Kapital
bezeichnet man jenen Teil des Kapitals, der in den
Wirtschaftsgebäuden, Maschinen, Werkzeugen, Transportmitteln usw.
festgelegt ist. In dem Maße, als diese Arbeitsmittel gebraucht und
abgenutzt werden, geht ein Teil ihres Wertes auf die neuen Produkte
über. Der andere Teil des Wertes bleibt aber während der
Funktionsdauer dieser Arbeitsmittel in ihnen fixiert.
Darum bezeichnen wir das
in diesen Arbeitsmitteln angelegte Kapital als fixes oder stehendes
Kapital. Der so „fixierte“ Wert nimmt ständig ab, bis das
Arbeitsmittel ausgedient hat. Während dieser Zeit wurde der Wert des
Arbeitsmittels allmählich, stückweise auf die Produkte übertragen.
Allgemein dürfen wir
sagen: Das fixe Kapital stellen jene Produktionsmittel dar, die nicht
in dem Zeitraum verbraucht oder abgenutzt werden, in dem das Produkt
fertiggestellt und aus dem Produktionsprozess als Ware abgestoßen
wird. In derselben Zeit, während das fixe Kapital einmal umschlägt,
schlägt das flüssige Kapital viele Male um.
Als zirkulierendes,
umlaufendes oder flüssiges Kapital bezeichnen wir den Teil des
produktiven Kapitals, der in Rohstoffen, Hilfsstoffen, der
Arbeitskraft usw. steckt. Die Produktionsmittel, die das umlaufende
Kapital darstellen, haben die Eigenschaft, dass sie in jedem
Arbeitsprozess, worin sie eingehen, ganz verbraucht werden. Ihr Wert
wird vollständig auf das neue Produkt übertragen. Ein Teil der
Produktionsmittel – etwa das Leder, aus dem man Schuhe macht – geht
stofflich in das Produkt über, aber ihr Wert bildet dennoch einen Teil
des Wertes des neugeschaffenen Produkts.
Suchen wir nun diese
Gedanken durch einige Beispiele zu veranschaulichen. Welches Kapital
stellt ein Ochse dar? Das kommt auf seine Verwendung an: Wird ein
Ochse als Arbeitstier verwendet, so ist er fixes Kapital. Es wird ja
nicht in einem Arbeitsgang verbraucht, sondern nützt sich wie eine
Maschine allmählich ab. Der Mastochse dagegen , den der Fleischhauer
kauft und aushackt, ist zirkulierendes Kapital. Der Eisenbahnwaggon,
der in aller Welt herumläuft, ist trotzdem kein laufendes, sondern
fixes Kapital. Der Dünger, der nur für eine Produktionsperiode wirksam
ist, stellt ein zirkulierendes Kapital dar. Erstreckt sich aber die
Wirksamkeit des Düngers auf mehrere Ernten, so wird das aufgewendete
Vermögen ein Bestandteil des fixen Kapitals.
13
1.3. Die Berechnung
des Kostenpreises
Die Produzenten führen in
ihrem eigenen Interesse fallweise Kalkulationen durch, um den
Kostenpreis eines Meterzenters (q) einer von ihnen geschaffenen Ware
zu bestimmen. Wollen wir beispielsweise eine solche Kalkulation
vornehmen, so müssen wir eine Annahme über die Leistungsfähigkeit
eines industriellen Unternehmens treffen. Unterstellen wir, dass unser
Betrieb bei voller Ausnützung der Leistungsfähigkeit (Kapazität)
jährlich 1.000 q einer bestimmten Ware erzeugen kann. Die
Fabriksanlagen kosten 100.000.- Schilling und sollen in fünfzig Jahren
amortisiert werden. Die Maschinen, die 60.000.- kosten, sind in zehn
Jahren zu amortisieren. Für Arbeitslöhne, Roh- und Hilfsstoffe haben
wir pro Zentner auszugeben:
Arbeitslohn: 6 S
Rohstoffe: 7 S
Hilfsstoffe: 2 S
Regien: 3 S
= Summe: 18 S
Ist damit unsere
Kalkulation schon beendet? Nein, wir müssen jetzt noch die
Amortisationskosten für die Gebäude und Maschinen berechnen. Die
Rechnung lautet: Die Gebäude kosten 100.000 S und haben eine
Lebensdauer von fünfzig Jahren. Wir müssen also jährlich 2.000 S
zurücklegen, dann haben wir im Laufe von fünfzig Jahren diese 100.000
herangebracht. Wieviel müssen wir pro Zentner verdienen, um jährlich
2.000 S für die Gebäude zurücklegen zu können? Da wir jährlich 1.000 q
erzeugen, müssen wir pro Zentner eine Gebäudeamortisation von 2 S
zuschlagen.
Die Maschinen kosten
60.000 S und haben eine Lebensdauer von zehn Jahren. Für die
Amortisation der Maschinen müssen wir demnach jährlich ein Zehntel des
Einkaufspreises der Maschinen, also 6.000 S, zurücklegen. Da wir
jährlich 1.000 q erzeugen, so entfällt auf die Amortisation der
Maschinen pro Zentner ein Beitrag von 6 S.
Zu dem vorhin errechneten
Kostenpreis von 18 S kommen daher noch hinzu:
Gebäude-Amortisation: 2 S
Maschinen-Amortisation: 6 S
= Summe: 8 S
Der Kostenpreis beträgt
nach unserem Beispiel also 18 S + 8 S = 26 S.
14
1.4.
Verschiedenheit der Kostenpreise
Ein alte Erfahrung lehrt
uns, dass die Kostenpreise der verschiedenen Unternehmungen keineswegs
gleich hoch sind, sondern sehr starke Unterschiede aufweisen. Ihre
Differenzierung wird durch folgende Einzelheiten bedingt:
1.
Die Verschiedenheit der
technischen Einrichtung: Ein Betrieb mit leistungsfähigeren, modernen
Maschinen wird billiger produzieren als ein Betrieb mit veralteten
Maschinen.
2.
Verschiedene Standorte:
Ein Eisenwerk, das bei einem Kohlebergwerk liegt, wird billiger
produzieren als ein Werk, das die Kohle von einem weit entfernten
Bergwerk zuführen muss. Da ein Eisenwerk sehr viel Kohle braucht,
erhöhen die Zufuhrkosten der Kohle den Kostenpreis des Eisens
wesentlich.
3.
Der durchschnittliche
Beschäftigungsgrad des Betriebes: Der Grad der durchschnittlichen
Kapazitätsausnützung spielt beim Kostenpreis eine große Rolle. Sehen
wir uns doch die Berechnung im Punkt 1.3. an. Bei der Annahme, dass
dieser Betrieb durch eine Krise seine Produktion um die Hälfte
herabsetzen muss, wird die Gebäudeamortisation von 2 S auf 4 S und die
Maschinenamortisation von 6 S auf 12 S steigen. Auch die Regien für
Beleuchtung und Beheizung der Arbeitsräume belasten den Kostenpreis
mehr, wenn der Betrieb nicht voll beschäftigt ist.
4.
Die Größe des Betriebes:
Großbetriebe haben in der Regel einen kleineren Kostenpreis pro
Einheit als Kleinbetriebe. Sie können bessere Maschinen einstellen,
können diese Maschinen besser ausnützen, haben geringere
Amortisations- und Personalkosten.
5.
Die Tüchtigkeit der
Arbeitskräfte: Ein Betrieb, der umsichtig geleitet ist und der gute
Arbeitskräfte beschäftigt, wird natürlich billiger produzieren als ein
schlicht geleiteter Betrieb mit untüchtigen Arbeitern.
2
2.
Der Marktpreis
21
2.1.
Individuelle Preise und Marktpreise
Unter dem individuellen
Preis verstehen wir den Preis, den der einzelne Käufer für die
einzelne Ware bezahlt. Jeder, der das Getriebe des Marktes kennt,
weiß, dass diese individuellen Preise verschieden sind. Aber es
besteht die Tendenz, die individuellen Preise anzugleichen. Seht euch
einmal die Oberfläche eines Gewässers an, das vom Winde bewegt wird.
Ist diese Oberfläche eine Ebene? Nein. Aber trotzdem hat das Wasser
die Tendenz, eine Oberfläche zu bilden. Eine solche Tendenz besteht
auch bei den Preisen.
Die individuellen Preise
haben das Bestreben, sich einem Grundpreis anzupassen. Diesen
Grundpreis, um den wirklichen Preise sozusagen pendeln, nennen wir den
Marktpreis. Wir wollen nun das Entstehen, die Veränderungen und die
Bedeutung des Marktpreises etwas näher betrachten.
22
2.2. Die
Angebotsfunktion
Damit wir nicht mit
abstrakten Vorstellungen arbeiten müssen, konstruieren wir zunächst
einige konkrete Beispiele. Festzuhalten ist dabei, dass wir, um die
Wirkung von Angebot und Nachfrage zu verstehen, freie Konkurrenz
voraussetzen.
|
Unternehmer |
Produktion bei voller
Beschäftigung (q) |
Kostenpreis eines
Zentners |
|
Hans Müller |
380 |
8 S |
|
Georg Schulz |
320 |
9 S |
|
Wenzel Prohaska |
300 |
10 S |
|
Ignaz Kohn |
250 |
11 S |
|
Eduard Schmidt |
200 |
12 S |
Wir nehmen an, dass es in
einem bestimmten, für sich abgeschlossenen Wirtschaftsgebiet nur diese
fünf Betriebe gäbe. Das Angebot würde sich so gestalten:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot in Zentnern: |
|
8 S |
380 |
|
9 S |
700 |
|
10 S |
1000 |
|
11 S |
1250 |
|
12 S |
1450 |
Unser Beispiel besagt:
Beträgt der Marktpreis 8 S, so kann nur der Betrieb Hans Müller
produzieren, dessen Kostenpreis so hoch ist wie der Marktpreis. Die
Produktionskosten der anderen vier Betriebe sind höher als 8 S pro
Meterzentner. Sie müssten daher, da kein Unternehmer dauernd mit
Verlust arbeiten kann, die Produktion einstellen. Einem Marktpreis von
8 S entspricht in unserem Falle ein Angebot von 380 q. Stiege der
Marktpreis von 8 auf 9 S, so könnte auch die Firma Schulz produzieren,
deren Kostenpreis 9 S ist. Bei voller Ausnützung ihrer Kapazität
erzeugen die beiden Firmen 700 q. Einem Marktpreis von 9 S entspräche
daher ein Angebot von 700 q. Stiege der Marktpreis auf 10 S, so
betrüge das Angebot 1.000 q usw., wie es unsere Zahlenreihe zeigt, die
wir „Angebotsfunktion“ nennen.
23
2.3. Die Nachfrage-Funktion
Eines Tages kommen die
Käufer auf den Markt und finden, dass die Äpfel teurer geworden sind.
Was werden sie tun? Sie werden weniger oder gar keine Äpfel kaufen.
Das bedeutet: Die Nachfrage nach Äpfeln sinkt. Man sieht: Die
Nachfrage ist vom Marktpreis abhängig, sie ist eine Funktion des
Marktpreises.
Je höher der Marktpreis,
umso geringer die Nachfrage – und umgekehrt. Ein Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
1080 q |
|
9 S |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
|
11 S |
950 q |
|
12 S |
920 q |
Unser Beispiel zeigt,
dass den steigenden Marktpreisen eine sinkende Nachfrage entspricht.
Die Änderung der Nachfrage wird bei den verschiedenen Waren
verschieden sein. Steigen zum Beispiel die Preise für Äpfel, so sinkt
die Nachfrage stark. Denn man kann die Äpfel durch ein anderes Obst
ersetzen. Brot wird auch dann gekauft werden müssen, wenn die
Brotpreise gestiegen sind. Das Brot ist für uns ein unentbehrliches
Nahrungsmittel, das schwer zu ersetzen ist. Das Äpfelessen können wir
uns eventuell abgewöhnen, das Brotessen nicht.
Auch die Elastizität der
Nachfrage wird daher verschieden sein. Bei Luxuswaren wird schon eine
geringe Preisschwankung eine Änderung der Nachfrage hervorrufen. Bei
lebenswichtigen Gebrauchsartikel dagegen werden Preisschwankungen die
Nachfrage weniger stark beeinflussen. Allgemein dürfen wir sagen: Je
unentbehrlicher eine Ware, desto weniger elastisch wird die Nachfrage
sein – je entbehrlicher eine Ware, desto elastischer die Nachfrage.
24
2.4. Der Marktpreis
Wir versuchen nun, uns
das Entstehen des Marktpreises durch die früheren Beispiele
klarzumachen:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
Wie hoch müsste nach
diesem Beispiel der Marktpreis sein? Unterstellen wir einen Marktpreis
von 8 S, so kann nach unserer früheren Annahme nur der Betrieb Hans
Müller arbeiten, der einen Kostpreis von 8 S hat. Wir haben daher ein
Angebot von 380 q. Die Nachfrage aber ist bei diesem wohlfeilen Preis
groß. Sie beträgt laut Beispiel 1.080 q. Bei dieser Marktlage werden
fast zwei Drittel der Kauflustigen keine Ware bekommen. Bei freier
Konkurrenz ein unmöglicher Zustand. Was wird geschehen? Eine
stürmische Nachfrage treibt die Preise empor. Steigt der Marktpreis
auf 9 S, so kann auch der Betrieb Schulz arbeiten. Diesem Marktpreis
entspricht ein Angebot von 700 q. Die Nachfrage wird durch die
Preiserhöhung leicht gesenkt. Sie beträgt 1.050 q. Angebot und
Nachfrage stehen aber immer noch in einem starken Missverhältnis.
Folge: Die Preise werden weitersteigen. Steigt der Marktpreis auf 10
S, so kann auch der Betrieb Prohaska arbeiten. Das Angebot erhöht sich
dadurch von 700 auf 1.000 q. Die Nachfrage sinkt infolge der
neuerlichen Preiserhöhung von 1050 q auf 1.000 q. Wir sehen: nun sind
Angebot und Nachfrage gleich. In unserem Fall müsste der Marktpreis 10
S betragen. Denn der Marktpreis ist derjenige Preis, bei dem Angebot
und Nachfrage gleich groß sind.
Was geschähe, wenn man
versuchen wollte, den Marktpreis mit 11 S festzusetzen? Diese
Preiserhöhung hätte eine Erhöhung des Angebotes von 1.000 q auf 1.250
q und eine Senkung der Nachfrage von auf 950 q zur Folge. 300 q Waren
blieben unverkauft liegen. Das Überangebot würde den Marktpreis wieder
auf 10 S herabdrücken.
Werfen wir noch einen
Blick auf unser Beispiel in 2.2. Dort sehen wir, dass die Betriebe
Kohn und Schmidt einen Kostenpreis von 11 S und 12 S pro q haben. Sie
könnten daher bei einem Marktpreis von 10 S nicht produzieren. Sie
blieben auf der Strecke. Der Marktpreis entscheidet, wie uns dieses
Beispiel lehrt, über das Schicksal der Betriebe. Betriebe, die eine
schlechte technische Einrichtung, einen ungünstigen Standort oder eine
unfähige Leitung haben, können bei freier Konkurrenz völlig
ausgeschaltet werden.
25
2.5.
Veränderung des
Marktpreises infolge der Änderung der Angebotsfunktion
Nehmen wir nun an, es
wird eine neue Firma gegründet, die wir „Industrie AG“ nennen. Die
neue Firma hat eine Kapazität von 350 q und ist technisch so
vorzüglich eingerichtet, dass es ihr gelingt, den Kostenpreis pro
Zentner auf 7 S herabzudrücken. Was geschieht nun? Das Angebot wird
steigen. Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot vor und... |
... nach Errichtung
des neuen Betriebes... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
|
8 S |
380 q |
730 q |
1080 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
1050 q |
|
10 S |
1000 q |
1350 q |
1000 q |
|
11 S |
1250 q |
1600 q |
950 q |
|
12 S |
1450 q |
1800 q |
920 q |
Wir sehen: Das Angebot
ist gestiegen. Nach Errichtung eines neuen Betriebes entspricht einem
Marktpreis von 9 S ein Angebot von 1.050 q. Da die Nachfrage bei
diesem Preis ebenfalls 1.050 q beträgt, so sind Angebot und Nachfrage
gleich. Der Marktpreis wird nun 9 S betragen, er ist durch das
Auftreten des neuen Betriebes um 1 S pro Zentner gesunken.
Die allgemeine Regel, die
wir auf Grund dieser Erfahrung aufstellen können, lautet: Wir sprechen
von einer Erhöhung des Angebotes, wenn die Angebotsfunktion eine
solche Veränderung erfährt, dass jedem Preis ein höheres Angebot
entspricht als früher.
26
2.6.
Veränderung des
Marktpreises infolge Änderung der Nachfragefunktion
Setzen wir den Fall, dass
durch eine Wirtschaftskrise das Einkommen der Volksmassen verringert
wird. Die Nachfrage nach Waren wird sinken. Bei gleichem Marktpreis
wird nun die Nachfrage kleiner sein als früher. Beispiel:
|
Beträgt der
Marktpreis... |
... dann beträgt das
Angebot... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
Nachfrage in der
Wirtschaftskrise: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
730 q |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
700 q |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
670 q |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
640 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
600 q |
Durch die geschwächte
Kaufkraft ist die Nachfrage gesunken. Angebot und Nachfrage sind nun
schon bei einem Marktpreis von 9 S gleich. Das heißt: Die gesunkene
Nachfrage hat eine Senkung des Preises von 10 S auf 9 S
herbeigeführt.
Schlussfolgerung: Wir
sprechen von einer verminderten Nachfrage, wenn die Nachfragefunktion
eine solche Änderung erfährt, dass jedem Marktpreis eine kleinere
Nachfrage entspricht als früher.
Diese Betrachtung lehrt
uns noch ein zweites: Durch das Sinken des Marktpreises, das durch die
Krise bedingt ist, wird der Betrieb Prohaska gezwungen werden, die
Produktion einzustellen, weil sein Kostenpreis höher als der
nunmehrige Marktpreis ist. Unser Beispiel bestätigt die Erfahrung,
dass die Krise technisch unvollkommene oder schlecht geleitete
Betriebe zugrunde richtet.
27
2.7.
Die gesellschaftliche
Bedeutung des Marktpreises
Stellen wir uns eine
Bauernwirtschaft im Zeitalter der geschlossenen Hauswirtschaft vor.
Infolge einer Missernte wächst wenig Korn. Was geschieht dann? Die
Hausmutter wird ihren Familienmitglieder sagen: „Heuer ist wenig Korn
gewachsen – wir müssen mit dem Brot sparen, damit wir bis zur nächsten
Ernte das Auslangen finden.“ Und sie wird, wenn diese Ermahnung nichts
nützt, die Sparsamkeit dadurch erzwingen, dass sie das Brot dünner
schneidet. War die Kornernte gut, so wird die Hausfrau sagen: „Esst
nur, heuer hatten wir einen so großen Erntesegen, dass wir bis zur
nächsten Ernte reichlich eingedeckt sind.“
Wie ist es in einem
kapitalistischen Staat? Da gibt es auch schlechte Ernten. Wer passt
hier den Verbrauch der schlechten Ernte an? Die kapitalistische
Gesellschaft wirtschaftet völlig planlos – anarchisch. Hier sorgt
keine Hausmutter dafür, dass mit dem Brot gespart wird, wenn eine
schlechte Ernte war. Wer also regelt in der kapitalistischen
Gesellschaft den Verbrauch? – Der Marktpreis.
War eine schlechte
Getreideernte, so sinkt das Angebot von Getreide. Geringeres Angebot
bei unverminderter Nachfrage – das bedeutet: Steigen der Preise.
Höhere Preise senken die Nachfrage. Der höhere Marktpreis zwingt also
die Volksmassen, weniger Brot zu essen. Die Schwankungen des
Marktpreises regeln in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung die
Anpassung des Verbrauches an die Produktion.
Aber dieses Verfahren der
Verbrauchsanpassung mit Hilfe des Marktpreises hat auch eine besondere
soziale Wirkung: Die kapitalistische Regelung zwingt nur diejenigen,
weniger Brot zu essen, die arm sind. Die Reichen können sich auch bei
hohen Brotpreisen so viel kaufen, wie sie wollen.
28
2.8.
Abhängigkeit der
Marktpreise von der Elastizität der Nachfrage
Die Weinernte ist
schlecht geraten. Es ist wenig Wein da. Der Weinkonsum muss
eingeschränkt werden. Wie bringt man das dem Weintrinker bei? In der
geschlossenen Hauswirtschaft ist das höchst einfach: Die Hausmutter
wird dem Herrn Gemahl und den anderen weintrinkenden
Familienmitgliedern heuer weniger Wein vorsetzen.
Anders im Kapitalismus.
Hier müssen die Preise so hoch gestellt werden (welcher Mechanismus
das besorgt, haben wir bereits dargestellt), dass weniger Wein und
vielleicht mehr Bier oder Schnaps getrunken wird. Dasselbe ist der
Fall, wenn weniger Brot in der Welt vorhanden ist: Die höheren Preise
müssen den Brotgenuss eindämmen.
Da man aber dem
Brotgenuss viel schwerer entsagen kann als etwa dem Genuss des Weines
– die Elastizität der Nachfrage ist bei unentbehrlichen Artikeln sehr
klein – so kann die Einschränkung des Brotkonsums nur durch sehr
bedeutende Preiserhöhungen erreicht werden. Beim Wein wird schon eine
kleinere Preiserhöhung genügen, um die Nachfrage zu senken. Die
allgemeine Regel, die wir aus diesen Erfahrungen ableiten können,
lautet: Je weniger elastisch die Nachfrage, desto stärkerer
Preisschwankungen bedarf es, um die Anpassung des Verbrauches an die
Produktion zu erzwingen.
Bei guter Getreideernte
muss die Preissenkung ziemlich große sein, damit sie eine gesteigerte
Nachfrage nach sich zieht. Denn es ist klar: Im Brotessen sind die
Menschen nicht so leicht unmäßig wie beim Weintrinken. Wird der
Weinpreis gesenkt, so steigt – vorausgesetzt unveränderte Preise
anderer Getränke – gewiss der Weinkonsum gewaltig. Sinkt aber der
Brotpreis, so steigt der Brotkonsum nicht annähernd so rasch wie der
Weinkonsum. Beim Brot müssen schon bedeutende Preissenkungen
vorgenommen werden, um eine wesentliche Konsumsteigerung zu erreichen.
Sehr gute Ernten können deshalb die Landwirte in eine schlechte Lage
bringen. Denn um die Nachfrage zu steigern, sind oft so große
Preissenkungen notwendig, dass die Preisverluste viel größer sind als
der Gewinn, der durch die gute Ernte entstanden ist. Das ist einer der
wirtschaftlichen Gründe, dass oft große Teile der Ernte einfach
vernichtet werden. Dass es vom kapitalistischen Standpunkt aus
„vernünftig“ sein kann, Unmengen von Lebensmitteln zu vernichten,
beweist nur, wie unvernünftig und widersinnig das kapitalistische
Wirtschaftsordnung ist.
29
2.9.
Staatliche Höchstpreise
oder Nationalpreise
Zu gewissen Zeiten sind
den Regierungen Preissteigerungen unerwünscht. Hätte man
beispielsweise im Weltkrieg den Preissteigerungen freien Lauf
gelassen, so wäre eine unerträgliche Teuerung eingetreten. Dies hätte
Empörung und Kriegmüdigkeit zur Folge gehabt. Die Regierung musste
deshalb diese Preiserhöhungen zu verhindern suchen: sie setzte
amtliche Höchstpreise fest.
Die geschichtliche
Entwicklung lehrt uns aber, dass sich die Höchstpreise überall mehr
oder weniger als unwirksam erwiesen haben. Warum? Aufgrund der
bisherigen Untersuchungen des Marktpreises werden wir es leicht
verstehen. Der staatliche Höchstpreis verhindert die freie
Preisbildung. Er schaltet damit den „Regulator“ Marktpreis aus, der
bekanntlich Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen hat. Der
Zweck des Höchstpreises ist es ja, die Preise möglichst niedrig zu
halten. Niedrige Preise – das bedeutet: geringes Angebot, große
Nachfrage. Der gewaltsam niedrig gehaltene staatliche Höchstpreis hat
daher zur Folge, dass die Nachfrage um vieles größer ist als das
Angebot. Es tritt Warenmangel ein. Die später kommenden Käufer gehen
leer aus. Das „Anstellen“ oder „Schlangestehen“, das wir aus dem
Weltkrieg so gut kennen, beginnt. Der unausrottbare Schleichhandel
durchbricht schließlich alle staatlichen Preisfestsetzungen.
Der Höchstpreis allein
versagt immer und muss immer versagen – denn der Marktpreis, den der
staatliche Höchstpreis ausschaltet, ist für die kapitalistische
Wirtschaft eine Notwendigkeit. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass
man die wirtschaftlichen Wirkungen aufheben könne, ohne deren Ursache
zu entfernen. Die Ursache aber ist: Die Anarchie der kapitalistischen
Wirtschaft.
Mit Preisbestimmungen
allein ist nichts getan. Wenn man den Marktpreis beseitigt, so muss
man auch die Produktion und Konsumtion staatlich regeln. Die Erfahrung
bestätigt auch, dass die Staaten, die gesetzliche Höchstpreise
einführten, sehr bald dazu übergehen mussten, auch die Verteilung der
Waren zu regeln. Man setzte im Weltkrieg in Österreich und in
Deutschland nicht nur die Preise fest, sondern ging bald dazu über,
auch die Größe der Lebensmittel („Rationen“) zu bestimmen, die die
Staatsbürger kaufen durften: man führte Lebensmittelkarten ein.
210
2.10.
Marktpreisveränderungen
und technischer Fortschritt
Der Marktpreis hat in der
kapitalistischen Wirtschaft die Funktion, Produktion und Verbrauch zu
regeln. Er hat aber daneben auch noch eine wichtige Aufgabe zu
erfüllen: er fördert den technischen Fortschritt. Wir haben es an
unseren früheren Beispielen gesehen: Der Marktpreis entscheidet
darüber, welche Betriebe produzieren können und welche nicht. Tritt
beispielsweise ein besser ausgestatteter Betrieb auf den Plan, der
einen niedrigeren Kostenpreis hat als die bestehenden Betriebe, so
steigt dadurch das Angebot. Das Steigen des Angebotes hat aber ein
Sinken des Marktpreises zur Folge. Jeder Betrieb, dessen Kostenpreis
höher ist als der Marktpreis, geht zugrunde. Die rückständigen,
schlecht geführten oder ungünstig gelegenen Betriebe werden also durch
den Konkurrenzkampf ausgeschaltet. So zwingt der Marktpreis den
Unternehmer bei Strafe des Untergangs zur technischen Vervollkommnung
seines Betriebes. Die Erzwingung des technischen Fortschrittes – das
ist das Große am Kapitalismus, das von seinen Lobrednern so sehr
gerühmt wird. Wir leugnen diese Leistung nicht, wie wissen aber auch,
dass diese rücksichtslose Erzwingung des technischen Fortschritts mit
ungeheuren Opfern erkauft wurde.
Ein Rückblick in die
Geschichte zeigt, dass sich der kapitalistische Konkurrenzkampf in
folgenden Formen abspielt:
1.
Der kapitalistische
Betrieb konkurrenziert den Handwerksbetrieb nieder: Beispiele dafür
lieferten die handwerksmäßigen Betriebe der Nagelschmiede,
Seifensieder und Färber. Sie sind fast gänzlich verschwunden. Auch die
Erzeugung von Schuhen, die früher eine Sache des Handwerks war, ist
heute fast ausschließlich auf die Fabriken übergegangen. Nur
Handwerke, bei denen es auf eine besondere Geschicklichkeit der Hände
ankommt, die man schwer durch Maschinenarbeit ersetzen kann, vermögen
dieser Konkurrenz standzuhalten.
2.
Die kapitalistische
Fabrik siegt über die kapitalistische Hausindustrie: Das bekannteste
Beispiel ist hier der Untergang der Hausweberei. Hier spielte sich ein
unerhört opferreicher, erschütternder Kampf ab. Nur durch Überarbeit
und erschreckend niedrige Löhne konnten sich die Weber einige Zeit
gegen die Konkurrenz behaupten. Dieses Elend der Weber schildert sehr
gut Gerhart Hauptmann in seiner Dichtung „Die Weber“.
3.
Die technisch vollkommene
Fabrik siegt über die weniger gut eingerichteten Fabriken. Beispiel:
Die österreichische Metallindustrie ist vielfach der technisch
überlegenen Industrie des Auslandes erlegen.
Wir sehen: Auf diese
harte, unbarmherzige Weise erzwingt die kapitalistische Wirtschaft den
technische Fortschritt.
3
3. Kartelle und Trusts
31
3.1.
Ausschaltung der freien Konkurrenz
Die Konkurrenz, die sich
die Unternehmer untereinander machen, ist ihnen natürlich unangenehm.
Sie schmälert ja ihren Profit. Die Produzenten suchen sich daher diese
unleidliche Konkurrenz vom Hals zu schaffen; sie treffen eine
Preisvereinbarung. Nehmen wir an, die Unternehmer hätten vereinbart,
von nun an ihre Waren zu einem Preis von 11 Schilling pro Zentner
abzugeben. Wie würde sich nun die Marktlage gestalten? Setzen wir
unser früheres Beispiel fort:
|
Wenn der Marktpreis
beträgt... |
... dann beträgt das
Angebot... |
... dann beträgt die
Nachfrage: |
Angebot nach der
Preisvereinbarung: |
|
8 S |
380 q |
1080 q |
– |
|
9 S |
700 q |
1050 q |
– |
|
10 S |
1000 q |
1000 q |
– |
|
11 S |
1250 q |
950 q |
1250 q |
|
12 S |
1450 q |
920 q |
1450 q |
Wir sehen: Die
Preisvereinbarung, die die Unternehmer getroffen haben, verändert die
Marktlage sehr wesentlich. Da die Unternehmer vereinbart haben, nicht
unter einem Marktpreis von 11 S zu verkaufen, so haben wir nun nach
Bildung des Kartells bei den Marktpreisen von 8, 9 und 10 S überhaupt
kein Angebot. Der Kartellpreis von 11 S hätte aber ein Angebot von
1.250 q zur Folge, da nun die vier Betriebe, deren Kostenpreis nicht
höher als 11 S ist, arbeiten können. Aber die Geschichte hat einen
Haken: bei einem Marktpreis von 11 S betrüge die Nachfrage nur 950 q.
Es blieben also 300 q unverkauft liegen. Die Unternehmer hätten zwar
jetzt einen höheren Preis, aber sie vermöchten fast ein Viertel der
erzeugten Waren nicht abzusetzen; ein unhaltbarer Zustand! Die
Unternehmer, deren Kostenpreis 8, 9 und 10 S beträgt, würden sagen:
Bevor wir die Waren liegen lassen, gehen wir wieder mit dem Preis
herunter. Das Kartell würde also gesprengt.
Dieses Beispiel lehrt
uns: Preisfestsetzungen allein reichen nicht aus. Es muss fast immer
auch die Produktion geregelt werden. In unserem Beispiel müssten sich
die vier Unternehmer einigen, nicht 1.250 q, sondern nur 950 q zu
erzeugen. Jedem der vier müsste eine bestimmte Quote (Teil)
vorgeschrieben werden, die er produzieren darf. Man spricht in einem
solchen Fall von „Kontingentierung“ oder einem Quotenkartell.
Um kontrollieren zu
können, ob sich der einzelne Unternehmer auch an die vorgeschriebenen
Quoten halten und nicht mehr verkaufen, wird vielfach auch der Verkauf
von Waren vom Kartell besorgt. Das geschieht oft in Form eines
gemeinsamen Verkaufsbüros. Wo kein gemeinsames Verkaufslokal besteht,
wird der Verkauf dadurch geregelt, dass jedem Mitglied des Kartells
bestimmte Absatzgebiete zugewiesen werden. Man nennt die Rayonierung.
Dieses Kartell höherer
Ordnung, wo eine Preisvereinbarung, eine gemeinsame Regelung der
Produktion und ein gemeinsames Verkaufsbüro besteht, nennt man auch
Syndikat.
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3.2.
Konkurrenz innerhalb des Kartells
Manche Leute sind der
Meinung, der Abschluss eines Kartellvertrages hebe die Konkurrenz der
Unternehmer untereinander auf. Das ist ein Irrtum. Das Kartell
verhindert zwar, dass die Konkurrenz die Marktpreise herabdrückt, aber
innerhalb des Kartells geht der Konkurrenzkampf in anderer Form
weiter. Wir haben es ja gesehen: Die Festsetzung höherer Kartellpreise
senkt die Nachfrage und macht eine Einschränkung der Produktion
notwendig. In unserem Beispiel müssten die Unternehmer die Produktion
um rund 25 Prozent verkleinern. Die Kapazität ihrer Betriebe wäre
nicht voll ausgenützt. Das erhöht bekanntlich den Kostenpreis. Jeder
Unternehmer ist deshalb bestrebt, bei der Aufteilung der Quoten eine
möglichst hohe Quote zugewiesen zu erhalten. Im Kartell selbst wird
also ein erbitterter Kampf um die Größe der Quoten geführt werden. Der
Betrieb mit der besten technischen Einrichtung und mit dem niedrigsten
Kostenpreis wir in diesem Kampf am mächtigsten sein, weil er auf den
Abschluss des Kartellvertrages am wenigsten angewiesen ist. Er kann ja
auch bei freier Konkurrenz bestehen. Er wird nur dann in das Kartell
gehen, wenn ihm eine große Quote bewilligt wird.
Diejenigen Unternehmer
aber, die wegen ihres kleinen, rückständigen Betriebes einen hohen
Kostenpreis haben und bei freier Konkurrenz mit wenig Gewinn oder gar
nicht produzieren können, werden sich auch mit einer kleineren Quote
zufrieden geben müssen. Man sieht: Auch innerhalb des Kartells
unterliegt der technisch rückständige Betrieb.
Aus dieser Tatsache
folgt: Da Kartellverträge meist nur für einige Jahre abgeschlossen
werden – sie sind gleichsam ein „Waffenstillstand“, den sie als
bekriegende Unternehmer schließen, - so wird jeder Unternehmer
trachten, in der Zwischenzeit seinen Betrieb auszugestalten, um bei
der nächsten Abschließung des Kartellvertrages stärker auftrumpfen zu
können. Der Kampf um die Quote zwingt also die Unternehmer zum
technischen Fortschritt.
Damit die großen und
leistungsfähigeren Unternehmungen ihre Betriebe besser ausnützen
können, kaufen sie oft den kleineren Betrieben ihre Quote ab. Die
Großbetriebe können den kleinen Unternehmern ohne weiteres denselben
Gewinn geben, den diese früher hatten: Da sie in ihrem Großbetrieb
billiger produzieren als der Kleinbetrieb, dessen Quote sie kaufen,
bleibt ihnen immer noch ein Gewinn. Und in dem Maße, als sie durch den
Quotenkauf ihren Betrieb besser ausnützen können, sinkt ihr
Kostenpreis weiterhin. Sie machen also beide ein gutes Geschäft: der
Kleine hat denselben Gewinn wie früher und braucht nicht zu arbeiten –
der Große gewinnt dabei so viel, als er billiger produziert. Das
Ergebnis dieses Quotenkaufes ist: Stilllegung der rückständigen
Kleinbetriebe und Konzentration der Produktion in den technisch
vollkommensten Betrieben. Auch das Kartell fördert also den
technischen Fortschritt.
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3.3.
Staatliche Höchstpreise beim Kartell
Wie wir früher gesehen
haben, sind staatliche Höchstpreise bei freier Konkurrenz immer
unwirksam und unhaltbar. Es muss zum Höchstpreis auch die Rationierung
treten.
Anders beim Kartell. Hier
sind staatliche Höchstpreise sehr wohl möglich, weil hier die
notwendige Rationierung schon vom Kartell selbst besorgt wurde und
wird. In unserem Beispiel, wo wir den Kartellpreis mit 11 S annahmen,
könnte der Staat diesen Preis ohne Gefahr auf 10 S herabsetzen. Was
geschähe? Die Nachfrage stiege von 950 auf 1.000 q. Der vierte
Betrieb, der einen Kostenpreis von 11 S hat, müsste die Produktion
einstellen und die anderen drei Betriebe müssten 1.000 q erzeugen,
wozu sie in der Lage wären.
Das liberale Argument,
dass Höchstpreise stets unwirksam seien, gilt nur für die freie
Konkurrenz. Da aber beim Kartell die Produktion dem Verbrauch
planmäßig angepasst wird, ist bis zu einem gewissen Grad der
staatliche Höchstpreis durchführbar.
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3.4.
Trusts
Die Trusts sind zuerst in
Amerika entstanden. Den Anstoß dazu gab die Gesetzgebung. Das kam so:
Die amerikanischen Landwirte waren sehr unzufrieden, weil die Kartelle
die Preise für Industrieprodukte so emportrieben. Sie wandten sich an
den Staat um Hilfe gegen die Kartelle. Der Staat schritt schließlich
ein und aufgrund eines alten Gesetzes wurden die Kartelle verboten.
Die Kapitalisten, die über diese gesetzliche Verfügung empört waren,
dachten darüber nach, wie sie dieses profitstörende Gesetz umgehen
könnten. Sie fanden einen Ausweg: Da die kartellierten Unternehmen
fast ausschließlich Aktiengesellschaften waren, übertrugen die
Unternehmer nun alle Aktien einem Mann, der damit zum juristischen
Eigentümer all dieser Betriebe wurde. Er verwaltete nun alle Betriebe
von einer Stelle aus. Er setzte die Preise fest und teilte die Quoten
auf. Das Kartell, das gesetzlich verboten war, bestand in dieser Form
weiter. Diesen Vertrauensmann, dem die Aktien übertragen wurden,
nannte man „trustee“, also Treuhänder. Daher der Name „Trust“. So
verschmolz das Kapital gleichsam zu einem Riesenbetrieb – das Gesetz
gegen die Kartelle war machtlos. Auf diese Art entstand der Trust.
Ein Trust ist also eine
große Aktiengesellschaft, die man aus verschiedenen, bisher
selbständigen Unternehmungen bildet. Manche Trusts schließen heute
fast alle Unternehmungen eines Produktionszweiges ein.
Der erste Grund zur
Trustbildung war, wie wir gesehen haben, das Gesetz gegen die
Kartelle |