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1. Einfache Warenproduktion
1.1.
Der
Begriff der Ware
In früheren Zeiten haben
sich die Menschen alles, was sie für ihren Unterhalt brauchten, selbst
hergestellt. Sie haben selbst den Acker bestellt, haben selbst
gesponnen und gewebt. Was sie nicht selbst erzeugen konnten, wurde von
den Handwerkern gemacht, die ins Haus kamen. Was erzeugt wurde, war
nicht für den Verkauf bestimmt, sondern wurde im Hause verbraucht.
Doch waren der Selbstversorgung Schranken gezogen, weil Salz, Gewürze
und Metallwaren gekauft werden mussten. Im großen gesehen, kann aber
gesagt werden, dass die "geschlossene Hauswirtschaft" imstande war,
weitgehend die Bedürfnisse durch eigene Erzeugung zu befriedigen.
Im Gegensatz dazu steht
die Produktion für den Markt. Die Produktion für den Markt nennen wir
Warenproduktion. Ware nennen wir nur einen Gebrauchsgegenstand, der
zum Zwecke des Verkaufs erzeugt wird. Das Getreide, das der Bauer
verbraucht, ist keine Ware. In älteren Zeiten waren die meisten
erzeugten Güter keine Ware; heute sind die meisten Güter Waren, weil
sie für den Markt produziert werden.
Die städtische
Bevölkerung erzeugt Waren. Die ArbeiterInnen in den Fabriken erzeugen
nicht unmittelbar für den eigenen Bedarf. Auch die kleinen
HandwerksmeisterInnen stellen Waren her. Die SchneiderInnen und
SchuhmacherInnen produzieren Kleider und Schuhe zum Verkaufen. Auch in
der Landwirtschaft dominiert heute die Warenproduktion. Das Futter
wird der Landwirt selber verfüttern, aber einen großen Teil des
Getreides, der produzierten Milch etc. wird er verkaufen.
Wir können zwei Formen
der menschlichen Wirtschaft unterscheiden: die Produktion für den
eigenen Bedarf und die Produktion für den Markt, die Warenproduktion.
Innerhalb der Warenproduktion ist wieder zwischen einfacher und
kapitalistischer Warenproduktion zu unterscheiden; die einfache
Warenproduktion unterscheidet sich von der kapitalistischen dadurch,
dass hier die EigentümerInnen der Arbeitsmittel gleichzeitig die
manuelle Arbeit leistet.
12
1.2.
Arbeitsteilung und Warentausch
In der Produktion für den
eigenen Bedarf erzeugt der Mensch alles, wessen er bedarf, selber. In
der Warenproduktion macht jeder nur eine bestimmte Ware.
Das Wesentliche an der
Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Die einzelnen Arbeiten sind
auf die einzelnen Menschen aufgeteilt. Die Grundlage der
handwerksmäßigen Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Am wenigsten
Arbeitsteilung ist in der geschlossenen Hauswirtschaft anzutreffen.
Aber auch hier werden gewisse Arbeiten von den Männern und gewisse
Arbeiten von den Frauen gemacht. Wenn wir in die Urzeit zurückgehen,
so sehen wir, dass der Feldbau zuerst eine Sache der Frauen war,
während die Männer mit Jagd, Fischfang und Viehzucht beschäftigt
waren.
Die erste Arbeitsteilung
war die Arbeitsteilung von Mann und Frau. In der Folgezeit bildete
sich die Arbeitsteilung weiter aus: das Landvolk erzeugte die
Nahrungsmittel, die die Stadt brauchte; die Stadt erzeugte dafür die
gewerblichen Gegenstände wie Werkzeuge, Kleider, Kochgeschirr usw. Wir
sehen hier die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Innerhalb der
Stadt entstand die Arbeitsteilung zwischen den Gewerben; später
innerhalb des Gewerbe selbst im Rahmen eines Unternehmens: die
Manufaktur.
Wir wollen uns jetzt die
einfache Warenproduktion ansehen. In der einfachen Warenproduktion
sind die Produkte Waren und werden verkauft.
Halten wir uns an ein
Beispiel: Ein Schuster verkauft seine Schuhe; er nimmt die Ware,
verkauft sie gegen Geld und kauft sich dafür die Waren, die er
braucht. Dafür gilt die Formel:
W - G - W
Das Geld spielt hier die
Rolle der Vermittlung. Die Vermittlung der Waren erfolgt durch Tausch.
Der Tausch wird erleichtert durch das Geld.
Eine Verteilung der
Produkte muss in einer handwerksmäßigen Warenproduktion durch
fortwährenden Tausch geschehen. Zwischen die Waren tritt als
Hilfsmittel das Geld; es wäre kompliziert, die Waren direkt
gegeneinander zu tauschen. Alle ArbeiterInnen arbeiten für die
Gesamtheit; jeder bekommt für seine Leistung von der Gesamtheit etwas.
Der einzelne lebt von Dingen, die andere erzeugt haben. Der Schumacher
leidet sich in Tuch, das die Tuchmacherin produziert hat; er ernährt
sich vom Getreide, das der Bauer anbaute usw. Seine Leistung für die
Gesellschaft ist, dass er ein bestimmtet Gut für sie erzeugt.
Die Frage ist nun: Was
leistet der einzelne Mensch für die Gesellschaft und was bekommt er
dafür? Er leistet für die Gesellschaft Arbeit. Er bekommt dafür von
der Gesellschaft das Getreide des Bauern, das Tuch der Tuchmacherin
usw. Der eine tauscht seine Arbeitsprodukte gegen die Produkte des
anderen. Wie geht es bei diesem Tausch zu? Das soll uns ein Beispiel
lehren: Ein Schuhmacher hat ein Paar Schuhe erzeugt. Er tauscht sie
aus und bekommt dafür Tuch. Der Schuhmacher hat zur Herstellung der
Schuhe 20 Stunden gearbeitet. Zur Herstellung des Tuches waren, so
nehmen wir an, 16 Stunden notwendig. Das würde bedeuten, dass der
Schuhmacher bei diesem Tausch einen Schaden von vier Arbeitsstunden
erlitten hat. Er hat für die Gesellschaft 20 Arbeitsstunden geleistet
und bekommt dafür ein Arbeitsprodukt, in dem nur 16 Arbeitsstunden
stecken.
Unsere Tuchmacherin
hingegen hat ein Arbeitsprodukt von 16 Stunden hingegeben und sie
bekommt dafür ein Produkt, worin 20 Arbeitsstunden stecken. Sie hat
beim Tausch vier Arbeitsstunden gewonnen.
Es kann also beim Tausch
geschehen, dass ein Produzent Produkte eintauscht, zu deren
Herstellung mehr oder weniger Arbeitsstunden notwendig waren als zur
Erzeugung seinen Produktes. In unserem Fall erleidet der Schuhmacher
einen Verlust von vier Arbeitsstunden. Wir nennen das einen
Tauschverlust. Die Tuchmacherin hat einen Gewinn von vier
Arbeitsstunden. Wir nennen das einen Tauschgewinn. Festzuhalten ist:
Was der eine Mensch verliert, das muss ein anderer gewinnen, so dass
sich das aufhebt.
Wie wäre es jetzt, wenn
kein Mensch einen Tauschgewinn und keiner einen Tauschverlust hätte?
Da müsste für ein Arbeitsprodukt, worin 16 Arbeitsstunden stecken, ein
Arbeitsprodukt von gleichfalls 16 Stunden getauscht werden. Ist ein
solcher Zustand möglich? Sehen wir uns wieder unser Beispiel an.
13
1.3.
Ausgleichstendenz in der einfachen Warenproduktion
Wenn in einem
Produktionszweig Tauschgewinne erzielt werden, werden diesem Zweig
Menschen zuströmen. Dort, wo die Tauschverluste sind, wir eher ein
Ausscheiden von ProduzentInnen zu bemerken sein. Oder mit anderen
Worten: Wo die Tauschgewinne sind, wird sich auch das Angebot erhöhen,
die Preise werden sinken, die Tauschgewinne werden kleiner werden und
schließlich verschwinden. Umgekehrt dort, wo Tauschverluste sind, wird
das Angebot sinken, die Preise werden steigen, der Tauschverlust wird
geringer werden und schließlich verschwinden. Wir können uns das in
Schlagworten ausgedrückt so vorstellen:
|
Schuhmacher |
Tuchmacherin |
|
|
|
|
Im Produkt stecken 20
Stunden |
Im Produkt stecken 16
Stunden |
|
Tauschverlust |
Tauschgewinn |
|
Abnahme der Zahl der
MeisterInnen |
Zuströmen von
Arbeitskräften |
|
Angebot an Schuhen
fällt |
Angebot an Tuch
steigt |
|
Preise steigen |
Preise sinken |
|
Tauschverlust wird
verschwinden |
Tauschgewinn wird
verschwinden |
Das Ergebnis dieser
Entwicklung wird sein, dass der Schuhmacher für sein Produkt, worin 20
Arbeitsstunden stecken, ein Produkt eintauschen kann, worin ebenso
viele Arbeitsstunden enthalten sind. Wir können daher den allgemeinen
Satz aufstellen: In der einfachen, d.h. handwerksmäßigen Produktion
besteht die Tendenz zur Verteilung der Arbeit in den einzelnen
Produktionszweigen in einem solchen Verhältnis, dass Waren
gegeneinander getauscht werden, zu deren Herstellung gleich viel
Arbeit notwendig ist. Es besteht also die Tendenz, Tauschgewinn und
Tauschverlust verschwinden zu machen. In der kapitalistischen
Gesellschaft besteht die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten.
14
1.4.
Der Wert
Die Warenpreise sind auch
unter den Bedingungen der handwerklichen Produktion bald höher, bald
niedriger gewesen. Der Marktpreis schwankte, je nach Angebot und
Nachfrage. Es bestand aber die Tendenz zum Ausgleich an einem
Marktpreis, der den Austausch der Waren zu Relationen sicherte, die
den aufgewendeten Arbeitsleistungen entsprachen. Es besteht die
Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an einen Preis, der bestimmt
ist durch die Menge Arbeit, die darin steckt. Es besteht die Tendenz,
dass Waren, zu deren Herstellung die gleiche Arbeit notwendig ist,
auch gleiche Preise erzielen.
Diesen Mittelpreis nun,
an dem sich die Warenpreise in der handwerksmäßigen Produktion
anzugleichen suchen, diesen Preis nennen wir den Wert der Waren.
Wir können also sagen:
1.
Unter dem Wert der Waren
verstehen wir jenen Preis, bei welchem der/die VerkäuferIn weder einen
Tauschgewinn hat noch einen Tauschverlust erleidet, sondern in der
Lage ist, das Produkt seiner Arbeit auszutauschen gegen andere
Arbeitsprodukte, zu deren Herstellung gleich viel Arbeit notwendig
war.
2.
In der einfachen
Wareproduktion besteht tatsächlich die Tendenz zur Angleichung der
Preise an diesen Wert der Waren.
Zu beachten ist: In der
kapitalistischen Wirtschaft gleicht sich der Marktpreis an den
Produktionspreis an, nicht an den Wert.
15
1.5.
Das Geld
Wir drücken die Preise in
Geld aus. Was ist das Geld? Das Geld war zunächst ein bestimmtes
Metall. Wie der Name schon sagt, wird "Geld" von "Gold" abgeleitet.
Wir benützen heute auch Papier als Geld, aber dieses Papier ist in
Wirklichkeit nur eine Anweisung aus Gold.
Der Wert der Banknote
beruht darauf, dass die Notenbank verpflichtet ist, den Kurs der
Banknote so zu halten, dass die Banknoten immer den Wert in Gold
haben, auf den sie lauten. Die Banknote ist eine Anweisung auf Gold;
für die Silber- und Nickelmünze gilt dasselbe. Es ist sichergestellt,
dass es möglich ist, für die Münzen Gold zu bekommen. Die Goldmünzen
selbst sind nichts anderes als eine Gewichtseinheit in Gold. Geld ist
zunächst Gold oder Anweisung auf Gold.
Wir messen den Wert
unseres Geldes immer, indem wir fragen: Wie viel Dollar oder Franken
ist es Wert? Das heißt, wie viel Gold ist es wert? Gold ist aber eine
Ware, die genau so durch Arbeit hervorgebracht werden muss, wie jede
andere Ware.
Nehmen wir an, die
Tuchmacherin verkauft eine Ware. Sie bekommt dafür Geld; dieses Geld
kann Gold sein oder eine Anweisung auf Gold. Sie tauscht also ein Tuch
aus gegen Gold. Wie viele Arbeitsstunden waren notwendig, um dieses
Gold hervorzubringen, das sie für das Tuch bekommen hat? Zur
Herstellung des Tuches waren 20 Arbeitsstunden notwendig. Stellte das
Gold weniger Arbeitsstunden dar, so hat die Tuchmacherin einen
Tauschverlust. Bekommt sie aber für das Tuch, worin 20 Arbeitsstunden
stecken, eine Goldmenge, worin 24 Arbeitsstunden enthalten sind, so
hat sie einen Tauschgewinn.
Wir sehen, es ist wie
beim Austausch anderer Waren. Auch hier können Tauschverluste und
Tauschgewinne auftreten. Der Wert der Ware ist aber jener Preis, bei
dem weder Tauschverluste noch Tauschgewinne auftreten. Was ist also
der Wer? Eine Goldmenge zu deren Hervorbringung ebensoviel
Arbeitsstunden notwendig sind wie zur Herstellung der Ware.
Ein Beispiel: Wir haben
Tuch, zu dessen Verfertigung 20 Stunden notwendig waren. Wir haben
Goldstücke, in denen fünf Arbeitsstunden stecken. Wie viele Goldstücke
ist dieses Tuch wert? Die Arbeitszeit, die notwendig war zur
Herstellung der Ware, wird dividiert durch die Arbeitszeit, die in der
Goldeinheit steckt.
Der Wert des Tuchs = 20
Arbeitsstunden : 5 Arbeitsstunden = 4 Goldstücke
Wert = Arbeitszeit zur
Herstellung der Ware : Arbeitszeit zur Herstellung der Goldeinheit
In einer handwerksmäßigen
Warenproduktion werden die Preise der Waren die Tendenz haben, sich
den Werten der Waren anzugleichen. Der Wert der einzelnen Ware wird
bestimmt durch die Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig
war.
16 16
1.6.
Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
Wir sprachen bis jetzt
von der Arbeitszeit. Es kann dabei aber nicht darauf ankommen, wie
viel der/die einzelne ArbeiterIn an Arbeitszeit braucht, sondern
darauf, was an Arbeitszeit im gesellschaftlichen Durchschnitt
notwendig ist. Die Gesellschaft braucht Kleiderstoffe. Sie muss bei
der Erzeugung fleißige und faule TuchweberInnen beschäftigen; solche
mit alten und solche mit neuen Webstühlen. Der Wert der Ware kann
nicht von der individuellen Arbeitszeit abhängen, sondern dieser Wert
kann nur bestimmt sein durch die gesellschaftlich notwendige
durchschnittliche Arbeitszeit. Wir müssen daher eine Korrektur unserer
früheren Formel vornehmen:
Wert =
gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit zur Herstellung der Ware :
gesell.
notw. Arbeitszeit
z. Herstellg. d. Goldeinheit
Es kann nicht auf die
Arbeitszeit schlechthin ankommen, sondern auf die gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit. Der Wert der einzelnen Waren ist also bestimmt
durch die durchschnittlich zu ihrer Herstellung gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit.
17
1.7.
Übertragener Wert und neugebildeter Wert
Nehmen wir den
Schuhmacher: Der Wert der Schuhe, die er erzeugt, ist bestimmt durch
die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Er braucht dazu Leder und
Werkzeuge. Dazu kommt sein Arbeitslohn. Der Wert der Schuhe muss daher
bestimmt sein durch die Arbeit, die im Leder steckt und durch die
Arbeit, die der Schuhmacher zur Herstellung der Schuhe aufwendet. Wenn
z.B. 100 Arbeitsstunden im Leder stecken und 80 Arbeitsstunden
notwendig sind zur Herstellung der Schuhe, so sind die fertigen Schuhe
180 Arbeitsstunden wert. In den Schuhen stecken zweierlei Werte:
1.
Der Wert, den die
Arbeitsmittel haben - darunter verstehen wir Rohstoffe, Hilfsstoffe,
Werkzeuge, Amortisation der Werkstätte usw.; er wird auf das
Arbeitsprodukt übertragen.
2.
Der neugebildete Wert,
das ist der Wert der zur Herstellung der Schuhe notwendigen Arbeit.
Der Wert der Ware =
übertragener Wert + neugebildeter Wert
Den übertragenen Wert hat
der Schuhmacher nicht geschaffen. Der übertragenen Wert wird bestimmt
durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zur Herstellung
dieser Arbeitsmittel - im weitesten Sinne - gebraucht wird.
18
1.8.
Summe der Preise = Summe der Werte
In der handwerksmäßigen
Warenproduktion besteht die Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an
den Wert. Die Preise der einzelnen Waren sind aber trotzdem vom Wert
verschieden. Die Summe der Preise aller Waren kann aber nicht kleiner
sein als der Wert aller dieser Waren. Die Summer der Preise in der
ganzen Gesellschaft muss gleich sein der Summer der Werte, weil die
Tauschgewinne und Tauschverluste sich aufheben müssen. Was der eine
Mensch verliert, muss der andere gewinnen. Das gilt auch für die
kapitalistische Warenproduktion.
2
2. Die kapitalistische Warenproduktion
2.1.
Wert der Arbeitskraft
Wodurch unterscheidet
sich die kapitalistische von der einfachen Warenproduktion? Die
kapitalistische Warenproduktion ist vor allem durch die Trennung der
Arbeitskraft von den EigentümerInnen der Arbeitsmittel
charakterisiert. Für sie ist wesentlich, dass einE UnternehmerIn da
ist, dem/der die Arbeitsmittel gehören. Diese UnternehmerInnen kaufen
(als Ware) die Arbeitskraft der ArbeiterInnen.
Wir stoßen damit auf eine
neue Ware, auf die Ware Arbeitskraft. Der Wert einer Ware - sagten wir
- hängt ab von der zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit.
Kann dieser Satz auch auf
die tägliche Arbeitszeit Anwendung finden? Die Arbeitskraft wird
täglich neu hergestellt durch Nahrung, die dem Körper zugeführt wird.
Wir müssen hier das Wort Nahrung im weitesten Sinne betrachten. Unter
"Nahrung" verstehen wir hier auch Kleidung, Wohnung und Ausgaben für
die Erhaltung der Familie. Die alten absterbenden Arbeitskräfte müssen
durch neue ersetzt werden. Zur ständigen Reproduktion
(Wiederherstellung) der Arbeitskraft gehört auch, dass die
ArbeiterInnenklasse in der Lage ist, Kinder aufzuziehen.
Damit die ArbeiterInnen
arbeitsfähig bleiben und um ihre Kinder aufzuziehen zu können, bis sie
selbst arbeitsfähig werden, müssen sie so viel Lohn bekommen, dass sie
sich eine bestimmte Menge Lebensmittel - im weitesten Sinne - kaufen
können. Zur Herstellung dieser Lebensmittel ist eine bestimmte
Arbeitszeit gesellschaftlich notwendig. Der Wert der Arbeitskraft ist
nun bestimmt durch diese Arbeitszeit. Dabei ist zu beachten, dass der
Wert der Arbeitskraft nicht der Lohn ist. Der Lohn ist der Preis der
Ware Arbeitskraft.
Bekommen die
ArbeiterInnen einen so niedrigen Lohn, dass sie nicht einmal die
notwendigen Lebensmittel für sich und ihre Familien kaufen können,
dann steht der Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft. Das wird sich
darin äußern, dass mit den Körpern der ArbeiterInnen Raubbau betrieben
wird. Große Kindersterblichkeit deutet darauf hin, dass der Lohn der
ArbeiterInnen nicht ausreicht, die Kinder aufzuziehen, dass also der
Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft steht.
Vom Wert der Arbeitskraft
zu sprechen, ist keine so einfache Sache. Der Wert der Arbeitskraft
ist bestimmt durch die Arbeitszeit, die gesellschaftlich dafür
notwendig ist, um sie wiederherzustellen - also zur Anschaffung der
notwendigen Lebensmittel. Aber was notwendige Lebensmittel sind, ist
nicht leicht zu ermitteln. Ein Mensch, der Schwerarbeit leistet, muss
mehr essen, als der Mensch, der am Schreibtisch sitzt. Die notwendigen
Lebensmittel sind nach der Beschaffenheit der Arbeit verschieden.
Weiters gibt es gelernte und ungelernte ArbeiterInnen. Zur
"Wiederherstellung" der gelernten Arbeit gehört auch, dass gelernte
Arbeitskraft produziert wird. Sie wird nur produziert, wenn die
ArbeiterInnen ihre Kindern etwas lernen lassen können. Es muss also
auch die Lehrzeit vergütet werden. Sie wird in Form höherer Löhne
bezahlt, wenn die ArbeiterInnen ihre Kinder wieder etwas lernen lassen
können. Es wird in Form höherer Löhne bezahlt, die die qualifizierten
ArbeiterInnen bekommen müssen. Die Arbeitszeit, die notwendig ist, um
die qualifizierte Arbeitskraft zu reproduzieren, ist größer als die
Arbeitszeit, die notwendig ist zur Reproduktion der ungelernten
Arbeitskraft. Daraus folgt, dass der Wert der unqualifizierten
Arbeitskraft größer ist als der Wert der unqualifizierten
Arbeitskraft.
Der Umfang der
"notwendigen Lebensmittel" wird somit beeinflusst durch: 1. die
Beschaffenheit der Arbeit (Schwerarbeit oder leichte Arbeit); 2. die
Qualifikation der Arbeit. Wir sprechen hier vom Wert der Arbeitskraft
- nicht von ihrem Preis. Es kann sein, dass zeitweise schwere
körperliche Arbeit schlechter bezahlt wird als leichte Arbeit;
entweder weil die gewerkschaftliche Organisation versagt oder weil das
Angebot größer ist.
Wir wiederholen: Der Wert
der Arbeitskraft wird genau so bestimmt wie der Wert jeder anderen
Ware. Die Arbeitskraft muss ständig reproduziert werden. Die
ArbeiterInnen brauchen dazu die notwendigen Lebensmittel im weitesten
Sinn. Die Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendig ist zur
Herstellung dieser Lebensmittel, bestimmt den Wert der Arbeitskraft.
22
2.2.
Der Mehrwert
Wir wollen einmal
annehmen, dass die KapitalistInnen ihre Waren zu ihrem Wert verkaufen.
Unter dieser Voraussetzung wollen wir die kapitalistische Produktion
betrachten. EinE KapitalistIn kauft die Arbeitskraft. Was bezahlt er
dafür? Er muss den ArbeiterInnen mindestens so viel zahlen, dass sie
sich die notwendigen Lebensmittel kaufen können. Wir nehmen an, dass
die ArbeiterInnen den Wert ihrer Arbeitkraft bekommen. Sagen wir,
dieser Wert beträgt bei einem/einer einzelnen ArbeiterIn 10 Schilling.
Außer der Arbeitskraft braucht der/die KapitalistIn noch Arbeitsmittel
im weitesten Sinne: Wenn der/die ArbeiterIn einen Tag arbeitet, so
verbraucht er/sie Rohstoffe und nützt Werkzeuge ab. Dieser Wert der
Arbeitsmittel muss auf das Produkt übertragen werden. Wir wollen
annehmen, dass der Wert der Arbeitsmittel 20 Schilling beträgt. Es
ergibt sich folgende Rechnung:
Wert der Arbeitsmittel,
20 S (übertragener Wert) + Wert der Arbeitskraft, 10 S (neugeschaffener
Wert) = 30 S
Der/die ArbeiterIn hat
nun einen Tag gearbeitet und am Abend ist das Produkt fertig. Was wird
nun dieses Produkt wert sein? 30 Schilling? Dann hätte ja das Ganze
für den/die KapitalistIn keinen Sinn gehabt. Nehmen wir daher an, der
Wert des Arbeitsproduktes sei 36 Schilling. Was ist da geschehen?
Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 20 Schilling auf das fertige
Produkt übertragen. 16 Schilling hat er durch seine Arbeit
hinzugefügt. Diese 16 Schilling, das ist der Wert, den der/die
ArbeiterIn in 8 Stunden seiner/ihrer Arbeit geschaffen hat. Der/die
ArbeiterIn hat ja aus dem Rohstoff, der 20 Schilling wert ist, eine
Ware geschaffen, die 36 Schilling wert ist. Der/die ArbeiterIn hat
aber nur 10 Schilling bekommen. Der neugebildete Wert ist um 6
Schilling größer als der Lohn des Arbeiters oder der Arbeiterin.
Dem/der UnternehmerIn bleiben 6 Schilling. Diese Rechnung lautet daher
nun:
20 S (Wert der
Arbeitmittel) +
10 S (Wert der
Arbeitskraft) +
6 S (Mehrwert)
------------------------------------------
= 36 S (Wert des
Arbeitsproduktes)
Die ArbeiterInnen
produzieren, indem sie erstens den Wert, der schon in den
Arbeitsmitteln enthalten ist, auf das Produkt übertragen, zweitens
darüber hinaus schaffen sie neuen Wert, denn das fertige
Arbeitsprodukt muss mehr wer sein als die in ihm verkörperten
Arbeitsmittel. In unserem Fall schafft der/die ArbeiterIn einen neuen
Wert von 16 Schilling. Aber er/sie selber bekommt niemals soviel, wie
er/sie schafft, sonst würde ja für die KapitalistInnen nichts übrig
bleiben.
Was die ArbeiterInnen
bekommen, ist nicht der Wert, den sie schaffen, sondern der Wert ihrer
Arbeitskraft. Sie bekommen in der Regel nur so viel, dass sie sich
arbeitsfähig erhalten können und ihre Kinder zu ernähren vermögen. Was
sie darüber hinaus schaffen, dass bekommen die KapitalistInnen. Das
ist der Mehrwert.
23
2.3.
Notwendige Arbeit und Mehrarbeit
Der Wert einer Ware ist
bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen
Arbeitszeit. Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 16 Schilling
erzeugt. Er/sie hat also in jeder Stunde einen Wert von 2 Schilling
geschaffen. Er/sie bekommt an Lohn 10 Schilling. Das ist der Wert, den
er/sie in fünf Arbeitsstunden geschaffen hat. Den KapitalistInnen
verbleibt der Wert, der in den letzten drei Arbeitsstunden geschaffen
wurde. Der Arbeitstag verteilt sich daher so, dass der/die ArbeiterIn
fünf Stunden für sich gearbeitet hat und drei Stunden für den/die
KapitalistIn.
Wir teilen den Arbeitstag
theoretisch in zwei Teile ein. In den ersten fünf Stunden des
Arbeitstages erzeugt der/die ArbeiterIn den Wert seiner Arbeitskraft.
Diesen Teil des Arbeitstages, in dem der/die ArbeiterIn den Wert der
notwendigen Lebensmittel erzeugt, nenn Marx die "notwendige Arbeit".
In den nächsten drei Stunden erzeugt der/die ArbeiterIn den Mehrwert.
Diesen Teil des Arbeitstages nennt Marx "die Mehrarbeit".
Acht Stunden ist die
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung des
Arbeitsproduktes. Fünf Stunden - das war die Zeit, die notwendig war,
um den Wert der Arbeitskraft zu erzeugen; wichtig ist, dies beiden
Begriffe von notwendiger Arbeitszeit nicht zu verwechseln.
Was bedeutet diese
Erkenntnis? In allen Gesellschaftsordnungen, die Klassencharakter
haben (das heißt, wo ein Klasse über eine andere herrscht und sie
ausbeutet), beruht der Reichtum der Herrschenden darauf, dass sie sich
die Arbeitskraft der Beherrschten aneignen. In welchen Formen das
geschieht, wollen wir nun betrachten.
24
2.4.
Drei Formen der Ausbeutung
1. Die ursprünglichste,
de brutalste Form der Ausbeutung ist die Sklaverei. Die BesitzerInnen
können mit ihren Sklaven und Sklavinnen machen, was sie wollen. Sie
lassen die Sklaven und Sklavinnen für sich arbeiten. Die Sklaven und
Sklavinnen bekommen keinen Lohn. Aber kluge SklavenhalterInnen werden
die Sklaven und Sklavinnen nicht verhungern lassen. Sie werden ihnen
zu essen geben, damit sie arbeitsfähig bleiben. Sie werden vielleicht
auch die Kinder der Sklaven und Sklavinnen aufziehen, um auch in
Zukunft Arbeitskräfte zu haben. Die SklavenhalterInnen werden also den
Sklaven und Sklavinnen so viel geben, wie notwendig ist, um sie
arbeitsfähig zu erhalten. Den BesitzerInnen bleibt das Mehrprodukt.
Das kann sich z.B. so
abspielen: Ein Herr hat Getreide ernten lassen. Davon bleibt ein Teil
weg für Viehfutter und für Saatgut; was übrigbleibt ist der
Reinertrag. Davon muss er aber den Sklaven und Sklavinnen zu essen
geben. Der verbleibende Rest gehört dem Herrn. Bildlich können wir das
so darstellen:
|
Rohertrag der Felder,
die von den SklavInnen bearbeitet werden |
|
| |
|
Mehrprodukt |
Lebensmittel der
SklavInnen |
Saatgut und
Viehfutter |
Wenn wir unsere frühere
Darstellung vom Mehrwert und diese Darstellung vergleichen, so finden
wir, dass sie fast gleich sind. Saatgut und Viehfutter, das entspricht
dem übertragenen Wert. Lebensmittel für die Sklaven und Sklavinnen,
das entspricht dem Wert der Arbeitskraft. Was hier Mehrprodukt ist,
das ist dort Mehrwert. Die Ausbeutung ist hier wie dort zu finden -
nur die Form ist verschieden. Die Sklaven und Sklavinnen sind Eigentum
der BesitzerInnen, die LohnarbeiterInnen hingegen sind freie Menschen.
Sie können ihre Arbeitskraft verkaufen, wem sie wollen. Wenn sie nicht
wollen, brauchen sie auch nicht zu arbeiten. Sie haben die Freiheit -
zu verhungern. Sie sind freie Menschen - sie sind auch "frei" von
Arbeitsmitteln. Sie müssen daher ihre Arbeitskraft verkaufen. Damit
geraten sie aber in die Abhängigkeit von UnternehmerInnen und werden
ausgebeutet wie einst die Sklaven und Sklavinnen.
2. Die zweite Form der
Ausbeutung ist die Leibeigenschaft. Der Bauer sitzt auf seinen
Feldern. Daneben ist das Feld des Herrn. Was muss der Bauer tun? Er
darf einige Tage auf seinem Feld arbeiten, die anderen Tage arbeitet
er auf dem Fremden. Was er auf seinem Feld erntet, gehört ihm. Auf
diese Weise gewinnt er die notwendigen Lebensmittel für sich und seine
Familie. Die anderen Tage leistet er unbezahlte Arbeit auf dem
Herrengut. Was der leibeigene Bauer dort erarbeitet, davon lebt der
Herr. Die Arbeitswoche des Leibeigenen teilt sich in zwei Teile:
|
Arbeit für sich |
Arbeit für den
Grundherrn |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Der Bauer war leibeigen,
darum musste er für den Herrn arbeiten. Die ArbeiterInnen sind freie
Menschen. Aber auch sie müssen, wie wir gesehen haben, Mehrarbeit
leisten. Wenn wir die Darstellung von der notwendigen Arbeit und
Mehrarbeit mit dieser Darstellung vergleichen, so finden wir keinen
wesentlichen Unterschied. Was hier "Arbeit für sich" ist, ist bei den
ArbeiterInnen "notwendige Arbeit"; was hier "Arbeit für den Herrn"
heißt, das ist bei den ArbeiterInnen die "Mehrarbeit". In Wirklichkeit
müssen also die heutigen ArbeiterInnen, die sich gegenüber den
Leibeigenen als freie Menschen dünken, fast ebenso für seine
UnternehmerInnen Mehrarbeit leisten wie einst der leibeigene Bauer für
seinen Gutsherrn. Der Unterschied aber ist, dass zur Zeit der
Leibeigenschaft die Ausbeutung klar sichtbar war - heute ist sie
verschleiert und für viele unsichtbar geworden.
3. Die dritte Form der
Ausbeutung ist die modernen Lohnarbeit. Wie sie sich vollzieht, haben
wir im vorangegangenen Abschnitt dargestellt.
Was uns diese
Untersuchung zeigt, ist folgendes: Die kapitalistische Gesellschaft
kennt keine SklavInnen und keine Leibeigenen mehr, aber sie hat die
Ausbeutung nicht beseitigt, sondern ihr bloß eine andere Form gegeben.
Die LohnarbeiterInnen bekommen immer nur einen Teil ihres
Arbeitsertrages. Sie arbeiten nur einen Teil der Woche für sich, die
übrige Zeit leisten sie Arbeit für die UnternehmerInnen.
Wir haben den bisherigen
Überlegungen die Annahme zugrunde gelegt, dass die UnternehmerInnen
die Waren zu ihrem Wert verkaufen. Damit haben wir die Sachlage
wesentlich vereinfacht; aber so leicht überschaubar liegen die Dinge
im Kapitalismus leider nicht. Der Preis der Ware ist nicht identisch
mit ihrem Wert.
25
2.5.
Mehrwert, Tauschgewinn und Tauschverlust
Angenommen, einE
UnternehmerIn ist in der angenehmen Lage, seine/ihre Ware zu einem
Preis verkaufen zu können, der höher ist als der Wert der Ware. Er/sie
macht in diesem Fall einen Tauschgewinn. Verkauft einE UnternehmerIn
die Ware zu ihrem Wert, so erzielt er/sie nur den Mehrwert. Wenn
er/sie zu einem Preis verkauft, der über dem Wert steht, so erlangt er
über den Mehrwert hinaus auch noch einen Tauschgewinn. In diesem Fall
können wir sagen:
Profit = Mehrwert +
Tauschgewinn
Nehmen wir unser altes
Beispiel: Der übertragene Wert ist 20 Schilling, der neugebildete Wert
ist 16 Schilling. Die Ware hat also einen Wert von 36 Schilling. Wenn
nun einE UnternehmerIn die Ware um 40 Schilling verkauft, so hat
er/sie einen Profit, der sich zusammensetzt aus einem Mehrwert von 6
Schilling und einem Tauschgewinn von 4 Schilling, zusammen also 10
Schilling.
Wenn die Nachfrage sinkt,
so kann es sein, dass einE UnternehmerIn dieselbe Ware um 32 Schilling
verkaufen muss. Das bedeutet, einE UnternehmerIn ist gezwungen, die
Ware unter ihrem Wert zu verkaufen. Er/sie erleidet einen
Tauschverlust von 4 Schilling. Jetzt lautet die Formel:
Profit = Mehrwert -
Tauschverlust
Setzen wir den Fall, ein
Eisenwerk verlauft seine Ware an ein Walzwerk. Der Eisenwerkbesitzer
erleidet einen Tauschverlust, den Gewinn hat daher der
Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne und die Summe der
Tauschverluste muss immer gleich groß sein.
Summe
der
Profite = Summe des Mehrwertverlusts,
den Gewinn hat daher der Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne
und die Summe der Tauschverluste muss immer gleich groß sein.
Summe
der
Profite = Summe des Mehrwerts
Der Profit des/der
einzelnen KapitalistIn muss nicht dem Mehrwert entsprechen, der in
seinem/ihrem Betrieb erzeugt wurde. Das wäre nur der Fall, wenn die
Waren zu ihrem Wert verkauft würden; dies geschieht aber in der Regel
nicht. Die UnternehmerInnen erzielen vielmehr wechselnd Tauschgewinne
und Tauschverluste. Der Profit des/der einzelnen UnternehmerIn ist
nicht nur abhängig vom Mehrwert, der gewonnen wird, sondern auch von
den Tauschgewinnen und Tauschverlusten. Für die gesamte
KapitalistInnenklasse ist der Profit dagegen ausschließlich vom
gewonnenen Mehrwert abhängig. Denn der Gesamtprofit ist gleich dem
Mehrwert, der in den Produktionsstätten erzeugt wird. Der Mehrwert ist
die Beute, die die KapitalistInnen auf Kosten der ArbeiterInnen
erzielen. Der Mehrwert entsteht nicht auf dem Markt, sondern in der
Betriebsstätte, in der Fabrik, am Bauplatz, auf dem Acker, im
Bergwerk, kurz: überall dort, wo einE ArbeiterIn für KapitalistInnen
arbeitet. Auf dem Markt gewinnen die einen und die anderen verlieren.
Aber das ist alles nur Kampf, der um den Mehrwert ausgefochten wird,
der von den ArbeiterInnen geschaffen wurde.
Die UnternehmerInnen, die
schlecht spekuliert haben, sagen dann zu den ArbeiterInnen: "Ihr redet
von Ausbeutung? Schaut doch meine Bücher an, ich verdiene gar nichts."
Worauf die ArbeiterInnen erwidern können: "Was wir erzeugt haben, war
mehr wert als das, was wir dafür bekamen. Es ist möglich, dass du
nichts verdienst, aber dann hast du eben den Mehrwert am Markt
verloren. Ist der Mehrwert, den wir geschaffen haben, nicht in deiner
Hand, so haben ihn eben andere KapitalistInnen. Für uns ist es gleich,
wer den Mehrwert hat. Tatsache ist, das der KapitalistInnenklasse als
Ganzes der Mehrwert geblieben ist."
Die UnternehmerInnen
wollen das nicht einsehen und dürfen es nicht einsehen, weil sie sonst
ihre Existenz aufs Spiel setzen. Sie sehen nur den Markt. Sie
anerkennen nur, dass einmal teuerer und einmal billiger verkauft
werden muss; einmal wird ein Tauschgewinn erzielt, einmal ergibt sich
ein Tauschverlust. Und daher, so glauben sie, komme der Profit. Eine
kindliche Vorstellung! Das womit geschachert wird, muss doch vorher
produziert worden sein. Worum die KapitalistInnen handeln und
feilschen, ist der Mehrwert. Dieser Mehrwert allein ist der Gegenstand
der Spekulation.
Beim Kaufen und Verkaufen
allein kann kein Wert entstehen. Der Gewinn der ganzen
KapitalistInnenklasse ist nur aus einer Tatsache zu erklären: aus der
Tatsache, dass sie auf dem Markt einen Ware vorfindet, die die
Eigenschaft hat, mehr an Wert zu produzieren, als sie selbst Wert ist.
Diese Ware ist die Arbeitskraft. Nur die Arbeitskraft erzeugt den
Mehrwert, über dessen Verteilung auf den Märkten gestritten wird.
Der Profit der einzelnen
KapitalistInnen und der Mehrwert, der im einzelnen Betrieb erzeugt
wird, sind zwei verschiedene Dinge. Wenn wir dagegen die
kapitalistische Gesellschaft als Ganzes betrachten, dann fallen Profit
und Mehrwert zusammen. Wir können daher den Profit der gesamten
KapitalistInnenklasse nicht aus Tauschgewinn und Tauschverlust
erklären. Bevor Handel getrieben werden kann, muss die Ware da sein.
Die Schaffung des Mehrwerts geht seinem Verwertungsprozess voran. Die
Quelle des Profits ist aber die menschliche Arbeitskraft.
26
2.6.
Die Mehrwertrate oder Ausbeutungsrate
Wenn wir die Gesellschaft
als Ganzes betrachten, so interessiert uns nur, wie viel die gesamte
KapitalistInnenklasse über den Wert der Arbeitskraft hinaus verdient.
Der Wert, den die ArbeiterInnen schaffen, zerfällt in zwei Teile: in
den Wert der Arbeitskraft und in den Mehrwert. Der Arbeitstag der
ArbeiterInnen zerfällt ebenfalls in zwei Teile: in die notwendige
Arbeit und in die Mehrarbeit.
Wenn wir nun messen
wollen, wie intensiv die ArbeiterInnen ausgebeutet werden, so müssen
wir fragen, was die ArbeiterInnen bekommen und was die KapitalistInnen
erhalten.
Wir müssen also die Menge
der Mehrarbeit vergleichen mit der Menge der notwendigen Arbeit oder
die Größe des Mehrwerts mit der Größe des Wertes der Arbeitskraft. Wir
suchen dazu einen Hilfsbegriff; dieser ist die Mehrwertrate oder die
Ausbeutungsrate. Diese Rate drückt hier ein Verhältnis aus und die
Formel der Mehrwertrate lautet:
Mehrwertrate = Mehrwert :
Wert der Arbeitskraft
oder
Mehrwertrate = Mehrarbeit
: notwendige Arbeit
Wollen wir die
Mehrwertrate in einem Prozentsatz ausdrücken, so verwenden wir die
Formel
(Mehrwert x 100) : Wert
der Arbeitskraft
Bleiben wir bei unserem
früheren Zahlenbeispiel, so kommen wir zu dem Ergebnis:
Mehrwert x 100 : Wert der
Arbeitskraft = 6 x 100 : 10 = 600 : 10 = 60%
Das heißt, der Mehrwert
ist in diesem Fall so groß wie 60 Prozent des Wertes der
Arbeitskraft.
Die Mehrwertrate zeigt
uns das Verhältnis von Mehrwert und dem Wert der Arbeitskraft, sie
zeigt uns also das Maß der Ausbeutung.
27
2.7.
Konstantes und variables Kapital
UnternehmerInnen brauchen
zur Führung ihrer Betriebe Kapital. Sie müssen einerseits die
Arbeitskraft und andererseits die Roh- und Hilfsstoffe kaufen. Diese
Käufe haben verschiedenen Sinn. Wenn die KapitalistInnen die
Arbeitskraft kaufen, so wächst dadurch sein Kapital, weil die
Arbeitskraft, wie wir bereits wissen, die Eigenschaft hat, mehr an
Wert zu produzieren, als sie selbst wert ist. Die UnternehmerInnen
kaufen aber auch Rohstoffe. Wie steht es mit diesem Kapital? Diese
Kapital bekommen sie in der Regel beim Verkauf der Ware wieder zurück;
es bleibt seinem Umfang nach unverändert.
Das Kapital der
UnternehmerInnen teilt sich in zwei verschiedene Bestandteile. Der
Teil, der zum Kauf der Arbeitskraft verwendet wird, bringt den
Mehrwert hervor; den anderen Teil, den sie zum Kauf der Rohstoffe
verwenden, bekommen sie unvermehrt zurück. Wir unterscheiden demnach:
konstantes Kapital (beständig) sowie variables Kapital
(veränderlich).
Das für Rohstoffe und die
sonstigen Betriebsmittel ausgegebene Kapital bleibt konstant. Das
Kapital, das für die Arbeitskraft ausgegeben wird, vergrößert sich, es
ist variabel. Das variable Kapital könnten wir auch Lohnkapital
nennen. Das konstante Kapital könnten wir als Sachkapital bezeichnen.
Diese Unterscheidung ist vom Standpunkt der Werttheorie aus gesehen
und nicht mit der in der Betriebswirtschaft üblichen Unterscheidung in
fixes und zirkulierendes Kapital zu verwechseln.
Das variable Kapital ist
der Teil, der verwendet wird, um die Ware Arbeitskraft zu kaufen, die
allein die Eigenschaft hat, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst wert
ist.
Das Verhältnis zwischen
konstantem und variablem Kapital ist sehr verschieden. Es gibt
Industriezweige mit vielem konstanten und wenigem variablen Kapital
und umgekehrt. Hüttenwerke werden viel konstantes Kapital brauchen.
Dienstleistungsbetriebe brauchen verhältnismäßig wenig konstantes
Kapital und viel variables Kapital. Die UnternehmerInnen sprechen da
von einer hohen Lohnquote.
Das Verhältnis zwischen
konstantem und variablem Kapital nennen wir nach Marx organische
Zusammensetzung des Kapitals. Die Formel zur Errechnung der
organischen Zusammensetzung lautet:
|
konstantes Kapital |
|
Sachkapital |
|
---------------------------- |
oder |
------------------ |
|
variables Kapital |
|
Lohnkapital |
Soll die organische
Zusammensetzung des Kapitals in einem Prozentsatz erfasst werden, so
ist folgende Formel zu verwenden:
|
Sachkapital x 100 |
|
---------------------------- |
|
Lohnkapital |
|
Sachkapital x 100 |
|
20 x 100 |
|
|
--------------------------- |
= |
-------------- |
= 2000 : 10 = 200% |
|
Lohnkapital |
|
10 |
|
Die organische
Zusammensetzung beträgt in unserem Beispiel 200 Prozent.
Marx spricht viel von
dieser organischen Zusammensetzung und misst der Unterscheidung der
beiden Kapitalteile größte Bedeutung bei. Er sieht beide Teile als
eigene Organe an.
Die technische
Ausgestaltung der industriellen Betriebe wächst ständig; das bedeutet,
dass das konstante Kapital schneller zunimmt als das variable. Jeder
technische Fortschritt besteht darin, dass lebendige menschliche
Arbeitskraft durch Sachkapital verdrängt wird.
Denken wir an die
Textilindustrie. Früher saßen unzählige Menschen an den Spinnrädern.
Das konstante Kapital spielte eine untergeordnete Rolle. Nun haben wir
die Spinnmaschinen, wodurch viel weniger ArbeiterInnen gebraucht
werden. Das bedeutet, es gibt heute mehr Sachkapital und weniger
Lohnkapital. Die Entwicklung geht dahin, den Anteil des Lohnkapitals
zurückzudrängen. Der technische Fortschritt erzwingt eine immer höhere
organische Zusammensetzung des Kapitals.
28
2.8.
Unterschiede von Mehrwertrate und Profitrate
Die Mehrwertrate ist das
Verhältnis zwischen Mehrwert und Arbeitslohn. Die Profitrate ist das
Verhältnis des Mehrwertes zum aufgewendeten Kapital. Die beiden
Formeln unterscheiden sich wie folgt:
|
|
|
Mehrwert |
|
Mehrwertrate |
= |
------------------------ |
|
|
|
variables Kapital |
|
|
|
Mehrwert |
|
Profitrate |
= |
--------------------------------------- |
|
|
|
konstantes +
variables Kapital |
Wenn wir die beiden
Größen in Prozenten ausdrücken wollen, so müssen wir den Mehrwert mit
100 multiplizieren.
|
|
|
Mehrwert x 100 |
|
6 x 100 |
|
|
Mehrwertrate |
= |
---------------------- |
= |
------------- |
= 600 : 10 = 60% |
|
|
|
var. Kapital |
|
10 |
|
|
|
|
Mehrwert x 100 |
|
6 x 100 |
|
|
Profitrate |
= |
----------------------- |
= |
------------ |
= 600 : 30 = 20% |
|
|
|
Konst. + var. Kap. |
|
20 + 10 |
|
Die Mehrwertrate beträgt
in unserem Beispiel also 60 Prozent, die Profitrate 20 Prozent.
29
2.9.
Absoluter und relativer Mehrwert
Wir haben den Arbeitstag
in zwei Teile geteilt: in die notwendige Arbeit und die Mehrarbeit.
|
notwendige Arbeit: |
Mehrarbeit: |
|
5 Stunden |
3 Stunden |
Die KapitalistInnen haben
das Bestreben, die Mehrarbeit zu verlängern. In welcher Weise kann das
geschehen?
1. Durch Verlängerung des
Arbeitstages. Nehmen wir in unserem Fall eine Verlängerung des
Arbeitstages um eine Stunde an, so beträgt die Mehrarbeit vier
Stunden. Die Mehrwertrate wird dadurch von 60 auf 80 Prozent
gesteigert.
Bei einer achtstündigen
Arbeitszeit zeigt die Rechnung folgendes Ergebnis:
|
|
|
Mehrarbeit x 100 |
|
3 x 100 |
|
|
Mehrwertrate |
= |
------------------------ |
= |
-------------- |
= 300 : 5 = 60% |
|
|
|
notwendige Arbeit |
|
5 |
|
Nach der Verlängerung der
Arbeitszeit von acht auf neun Stunden sieht die Rechnung so aus:
|
|
|
Mehrarbeit x 100 |
|
4 x 100 |
|
|
Mehrwertrate |
= |
------------------------ |
= |
-------------- |
= 400 : 5 = 80% |
|
|
|
notwendige Arbeit |
|
5 |
|
Die UnternehmerInnen
haben das Bestreben, die Arbeitszeit zu verlängern; die ArbeiterInnen
haben natürlich das entgegengesetzte Interesse. Sie wollen die Zeit
der Mehrarbeit verkürzen. Die Höhe der Mehrwertrate hängt also
zunächst von der Länge der Arbeitszeit ab. Die KapitalistInnen zwingen
die ArbeiterInnen, über die notwendige Arbeitszeit hinaus zu arbeiten;
der Mehrwert ist das Resultat der Mehrarbeit. Marx nennt diesen
Mehrwert den absoluten Mehrwert.
2. Durch Intensivierung
der Arbeit. Nehmen wir an, die Arbeitszeit würde acht Stunden betragen
und eine Verlängerung des Arbeitstages nicht möglich sein: wird damit
eine Vergrößerung des Mehrwerts unmöglich? Gibt es andere Methoden der
Beeinflussung des Mehrwerts? Kann nicht die "notwendige" Arbeitszeit
durch Intensivierung der Arbeit oder durch Verbesserung der Maschinen
die notwendige Arbeitszeit - das ist die Arbeitszeit, de notwendig ist
zur Beschaffung der Lebensmittel für die ArbeiterInnen - verkürzt, so
kann der Mehrwert ohne Verlängerung des Arbeitstages vergrößert
werden. Beträgt die notwendige Arbeit nicht fünf, sondern vier
Stunden, so sieht unser Beispiel so aus:
|
notwendige Arbeit: |
Mehrarbeit: |
|
4 Stunden |
4 Stunden |
Wie groß ist jetzt die
Mehrwertrate? Wenden wir die Formel an, so kommen wie zu folgendem
Ergebnis:
|
|
|
Mehrarbeit x 100 |
|
4 x 100 |
|
|
Mehrwertrate |
= |
------------------------ |
= |
-------------- |
= 400 : 4 = 100% |
|
|
|
notwendige Arbeit |
|
4 |
|
Die Mehrwertrate steigt
in diesem Fall nicht durch eine Verlängerung des Arbeitstages, sondern
durch eine andere Verteilung des Arbeitstages. Den ArbeiterInnen geht
es nicht schlechter, sie bekommen soviel wie früher. Aber trotzdem hat
sich der Grad der Ausbeutung verändert. Den Mehrwert, der durch
technische Verbesserung oder Intensivierung der Arbeit gewonnen wird,
nennt Marx den relativen Mehrwert.
Demnach gibt es zwei
Möglichkeiten, die Ausbeutungsrate zu vergrößern: durch Verlängerung
der Arbeitszeit oder durch technischen Fortschritt und intensivere
Arbeit. Der Mehrwert, der auf die erste Weise entsteht, ist der
absolute Mehrwert; der Mehrwert, der dem technischen Fortschritt oder
der Intensivierung der Arbeit zuzuschreiben ist, das ist der relative
Mehrwert.
Die Lohn- und
GehaltsempfängerInnen sind diesem Druck nach einer Vergrößerung der
Mehrwertrate ständig ausgesetzt. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist
ein Kampf um die Mehrwertrate. Die Methoden in diesem Kampf ändern
sich. In den Anfängen des Kapitalismus, als die ArbeiterInnen noch
weitgehend wehrlos waren, wurde die Methode der Erzielung des
absoluten Mehrwertes angewendet. Das war die Zeit, in der die
ArbeiterInnen bis zum physischen Zusammenbruch arbeiten mussten.
Dadurch wurde die Mehrwertrate vergrößert. Das Vorgehen der
ArbeitgeberInnen führte schließlich zu unerträglichen Belastungen und
die ArbeiterInnen setzten sich zur Wehr; auch in den bürgerlichen
Kreisen machte sich gegen diese überlange Arbeitszeit, die die
Volksgesundheit schädigte und jedes Geistesleben tötete, Widerstand
bemerkbar. Der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstages wurde damit
eingeleitet; er zog sich durch die Geschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts. Schrittweise kämpften die ArbeiterInnen den
KapitalistInnen eine Verkürzung des Arbeitstages ab. Der erste Sieg
war die 10-Stunden-Bill in England, womit für die großen Industrien
(Textilindustrie) die Arbeitszeit für Frauen auf 10 Stunden beschränkt
wurde. Das bedeutete praktisch auch eine Arbeitszeitverkürzung für die
Männer, die in diesen Fabriken arbeiteten. Die Manchesterliberalen
wollten den Männern keine Verkürzung der Arbeitszeit vorschreiben. Das
wäre eine "Einschränkung der persönlichen Freiheit" gewesen. Nur den
Frauen, die als minderwertig und schutzbedürftig betrachtet wurden,
durfte so etwas zugemutet werden.
Am Kontinent wurde die
Arbeitszeitverkürzung erst später errungen. In Österreich kam es erst
spät in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zur Einführung des
11-Stunden-Tages für Frauen und Männer. Das zog der Bildung des
absoluten Mehrwertes eine Schranke. Erst als die Gewerkschaftsbewegung
erstarkte, gelang es, in schweren Kämpfen weitere Verkürzungen des
Arbeitstages durchzusetzen. So kam es schließlich zum 8-Stunden-Tag.
Doch der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung geht weiter. Derzeit
kämpfen wir um die 35-Stunden-Woche, wobei wesentlich ist, dass
Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich abzulehnen ist.
So sahen sich die
KapitalistInnen gezwungen, die Mehrwertrate auf andere Art und Weise
zu vergrößern. Die Vergrößerung des Mehrwertes vollzieht sich nun
durch die Benutzung der Technik und durch die Intensivierung der
Arbeit. Je intensiver gearbeitet wird, um so kürzer ist die Zeit, die
erforderlich ist, um das zu erzeugen, was die ArbeiterInnen bekommen -
und: um so größer der Mehrwert für die KapitalistInnen. Die
Mehrwertrate wird jetzt vergrößert durch die Verkürzung der
notwendigen Arbeitszeit. In den Anfängen der Geschichte, als die
Menschheit noch über keine Maschinen verfügt haben, vermochten sie dem
Boden nur schwer abzuringen, was sie zum Leben brauchten. Da wurde bei
der Arbeit kein Mehrwert geschaffen. Bildung von Mehrwert setzt
voraus, dass einE ArbeiterIn mehr erzeugen kann, als sie/er selbst zum
Leben braucht. Erst durch die Erfindung von Werkzeugen und Maschinen
wird die Arbeit produktiver. Durch die technischen Hilfsmittel bringen
nun die ArbeiterInnen so viel hervor, dass sie mehr schaffen als sie
zum Leben brauchen. Alle Kultur beruht darauf, dass die Menschen mehr
erzeugen, als sie brauchen. Damit entsteht zunächst die Möglichkeit,
Mehrwert zu bilden.
Erst wenn die
ArbeiterInnen mehr hervorbringen können, als sie brauchen, um ihr
Leben zu erhalten, besteht die Möglichkeit der Ausbeutung, sich
anzueignen, was ein anderer geschaffen hat. Je mehr die Produktivität
der Arbeit steigt, um so größer wird der Mehrwert.
210
2.10.
Der Klassenkampf - ein Kampf um den Mehrwert
Oft hören wir Sätze wie
diese: "Was soll der Streit und Kampf zwischen ArbeiterInnen und
KapitalistInnen? Es wäre doch viel schöner, wenn sich alle vertragen
würden und der Streit nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit
geschlichtet würde." Das klingt schön. Die entscheidende Frage aber
ist: Was ist hier gerecht? Nach Ansicht der ArbeiterInnen wäre es
gerecht, wenn sie alles bekämen, was sie produzieren. Das ist aber in
der kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich, weil den
UnternehmerInnen nicht bliebe. Den KapitalistInnen erscheint etwas
anderes gerecht. Sie sagen: "Wir sind anständige Menschen, wir kaufen
alles zu seinem Wert: das Essen, die Kohle und - die Arbeitskraft. Wir
kaufen die Arbeitskraft zu ihrem vollen Wert; ich gebe den
ArbeiterInnne so viel, wie sie brauchen zur Wiederherstellung ihrer
Arbeitskraft und zur Erhaltung ihrer Familien. Aber schaut euch die
Leute an: sie leben ja nicht vernünftig. Da gibt es ArbeiterInnen, die
gehen sonntags in die Berge. Das ist doch eine Verschwendung von
Arbeitskraft, die eigentlich mir gehört. Und das soll ich bezahlen?
Gerecht ist: Die ArbeiterInnen sollen nur bekommen, was zur
Reproduktion ihrer Arbeitskraft erforderlich ist. Der Mehrwert gehört
von Rechts wegen mir. Es sind doch meine Maschinen, meine Rohstoffe,
meine Hilfsstoffe, die die ArbeiterInnen benützen." Wie hat aber einE
UnternehmerIn die Maschinen bekommen? Darauf können wir mit einer
bekannten Stelle Goethes antworten: "Er hat sie vom Vater." - "Und der
Vater?" - "Vom Großvater." - "Und woher hat er sie bekommen?" - "Er
hat sie genommen!"
Wir sehen also, die
KapitalistInnen halten es für gerecht, die Lebenshaltung der
ArbeiterInnen auf das physiologische Existenzminimum herabzudrücken.
Ist die Lebenshaltung der ArbeiterInnen höher, so kommen sich die
KapitalistInnen schon als WohltäterInnen vor, denen die ArbeiterInnen
ihr schönes Leben zu verdanken haben. Die ArbeiterInnen denken
natürlich darüber anders. Sie setzen sich mit Recht gegen die
Ausbeutung zur Wehr und verlangen, dass sie alle bekommen, was sie
schaffen. Aber die kapitalistische Gesellschaft beruht darauf, dass
die Arbeiter eben nicht den vollen Mehrwert bekommen.
Wie hoch soll also der
Lohn sein? Soll er nur den Wert der Arbeitskraft abgelten oder nur dem
vollen neugeschaffenen Wert entsprechen? Wo liegt die Grenze? Bei der
Entscheidung dieser Frage versagen alle Maßstäbe der Gerechtigkeit.
Die ArbeiterInnen wollen, dass es keinen Mehrwert für die
KapitalistInnen gibt. Die KapitalistInnen wollen, dass es einen hohen
Mehrwert gibt, und er bezahlt den ArbeiterInnen nur den Wert ihrer
Arbeitskraft. Eine "Gerechtigkeit" gibt es da nicht. Kein Gericht kann
bestimmen, was ein "gerechter" Lohn ist. Über Löhne entscheiden die
Machtverhältnisse zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen. Die Höhe
des Arbeitslohnes wird entschieden im Kampf zwischen Gewerkschaft und
UnternehmerInnenverband, zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen.
Die Vorstellung, dieser
Kampf sei nicht notwendig, es könne auch eine Regelung nach den
Grundsätzen der Gerechtigkeit geben, ist absurd. Die kapitalistische
Gesellschaft beruht auf der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere
Klasse. Manch Gutgesinnte kommen und sagen: "Die kapitalistische
Ordnung muss bleiben, aber wir wollen sie gerecht gestalten." Darauf
ist zu sagen: "Es gibt keine gerechte Ausbeutung!"
Die Bürgerlichen haben
ganze Theorien aufgestellt über den gerechten Lohn. Sie sagen: "Die
UnternehmerInnen stellen ihre Gebäude und ihre Maschinen zur
Verfügung, dafür müssen sie doch etwas bekommen." Wir erwidern:
"Gebäude und Maschinen müssen, wenn sie verbraucht sind, wieder
hergestellt werden. Es muss daher so viel zurückgelegt werden, dass
wieder neue Maschinen gekauft und neue Gebäude errichtet werden
können. Diese Amortisationsquote besteht zu Recht; dafür muss in jeder
Gesellschaft gesorgt werden; der Profit der UnternehmerInnen reicht
aber darüber hinaus."
Im Kampf um den Lohn wird
über die Verteilung dessen, was die ArbeiterInnen produziert haben,
entschieden. Da die ArbeiterInnen alles bekommen wollen, was sie
produziert haben, und die KapitalistInnen ihren Profit, "ihren"
Mehrwert haben wollen, so kann es hier nur eines geben: Kampf! Dieser
Kampf wird so lange währen, bis die EigentümerInnen der Arbeitskraft
auch die EigentümerInnen der Arbeitsmittel sind. Solange die
kapitalistische Gesellschaft besteht, ist darum der Klassenkampf eine
unaufhebbare Tatsache.
3
3. Wert und Preis in der kapitalistischen Gesellschaft
3.1.
Wert und Preis bei gleicher Mehrwertrate, aber verschiedener
organischer Zusammensetzung des Kapitals
Wir nehmen an, dass es in
einem Land nur drei Produktionszweige gibt und dass jeder eine
Mehrwertrate von 50 Prozent hat. Wir fassen die charakteristischen
Kapital- und Erfolgszahlen dieser drei Zweige in einer Tabelle
zusammen, wobei wir mit c das konstante Kapital, mit v das variable
Kapital, mit m der Mehrwert, mit W der Wert, mit PR die Profitrate und
mit PPr der Produktionspreis bezeichnen.
|
|
C |
|
v |
|
m |
|
W |
PR |
Profit |
PPr |
|
I. |
80 |
+ |
20 |
+ |
10 |
= |
110 |
10% |
20 |
120 |
|
II. |
60 |
+ |
40 |
+ |
20 |
= |
120 |
20% |
20 |
120 |
|
III. |
40 |
+ |
60 |
+ |
30 |
= |
130 |
30% |
20 |
120 |
|
|
180 |
+ |
120 |
+ |
60 |
= |
360 |
20% |
60 |
360 |
Produktionspreis =
Kostenpreis + Durchschnittsprofit
Die drei
Produktionszweige
unterschieden sich zunächst durch die organische Zusammensetzung ihres
Kapitals. Wir sagen, die organische Zusammensetzung des Kapitals ist
hoch, wenn ein sehr großer Teil des Kapitals auf das konstante Kapital
entfällt. Im ersten
Produktionszweig
ist also die organische Zusammensetzung hoch. Das konstante Kapital
beträgt 400 Prozent des variablen. Die Formel zur Berechnung der
organischen Zusammensetzung lautet:
|
c x 100 |
|
80 x 100 |
|
|
|
-------------- |
= |
--------------- |
= |
800 : 20 = 400% |
|
v |
|
20 |
|
|
Im zweiten
Produktionszweig ist die
organische Zusammensetzung des Kapitals niedriger; das konstante
Kapital beträgt 150 Prozent.
Im dritten
Produktionszweig unseres
Beispiels ist die organische Zusammensetzung des Kapitals noch
niedriger: der Anteil des konstanten Kapitals macht hier nur 66,67
Prozent aus.
Wir sind von der Annahme ausgegangen,
dass die Ausbeutung in allen drei
Produktionszweigen
gleich groß ist (Mehrwertrate von 50 Prozent). Trotzdem sind, wie
unser Beispiel zeigt, Mehrwert, Wert und Profitrate verschieden hoch.
Im ersten Zweig haben wie eine Profitrate von 10 Prozent, im zweiten
von 20 Prozent und im dritten von 30 Prozent.
Wie ist dies zu erklären? Offenbar
nur aufgrund der Verschiedenheit der Zusammensetzung des Kapitals. Bei
gleichem Grad der Ausbeutung der ArbeiterInnen ist die Profitrate umso
höher, je niedriger die organische Zusammensetzung des Kapitals ist.
Warum? Weil der Mehrwert ausschließlich dem variablen Kapital zu
danken ist. Je größer das variable Kapital, umso größer muss (bei
gleicher Rate der Ausbeutung) der Mehrwert sein.
Betrachten wir nun die Globalsummen.
Der gesamte Mehrwert beträgt 60; die Summe der Profite ist ebenfalls
60. Der Gesamtwert ist 360, die Summe der Produktionspreise ist auch
360. Im Bereich der ganzen Gesellschaft sind also die Profite gleich
dem Mehrwert; die Preise sind gleich dem Wert der Waren.
Ist es in unserem Fall
wahrscheinlich, dass jede der drei KapitalistInnengruppen die Waren zu
ihrem Wert verkaufen? Nein! Da würden die KapitalistInnen des I.
Produktionszweiges
eine Profitrate von nur 10 Prozent haben, die KapitalistInnen des III.
aber eine von 30 Prozent. Unter solchen Bedingungen werden die
UnternehmerInnen der Produktionsgruppe I nicht bereit sein, ihr
Kapital zum Einsatz zu bringen. Sie werden auf einer Profitrate
bestehen, die ihnen den gleichen Ertrag liefert wie anderen Gruppen.
Durch ihr Verhalten werden sie einen Ausgleich zwischen den
Profitraten erzwingen. Tatsächlich besteht in der kapitalistischen
Gesellschaft die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten. Dieser
Ausgleich wird sich so vollziehen:
|
I.
Produktionszweig |
III.
Produktionszweig |
|
|
|
|
Profitrate: 10 Prozent |
Profitrate: 30 Prozent |
|
Kapital strömt ab |
Kapital strömt zu |
|
Produktion sinkt |
Produktion steigt |
|
Angebot sinkt |
Angebot steigt |
|
Preis steigt |
Preis sinkt |
|
Profit steigt |
Profit sinkt |
In unserem Beispiel wird sich die
Durchschnittsprofitrate auf 20 Prozent ausgleichen, denn das ist die
gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate. Die gesellschaftliche
Durchschnittsprofitrate ist das Verhältnis des in der ganzen
Gesellschaft erzeugten Mehrwerts zum aufgewendeten Kapital.
Betrachten wir unser Beispiel: Wenn
die KapitalistInnen des
Produktionszweiges
I die Waren zu ihrem Wert verkaufen würden, so bekämen sie 110. Die
Profitrate wäre 10 Prozent. Da aber die Tendenz zur Angleichung der
Profitraten zur gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate wirksam
wird (in unserem Fall 20 Prozent), können die KapitalistInnen dieses
Zweiges ihre Waren um 120 verkaufen. Sie verkaufen also ihre Waren
über dem Wert: Sie bekommen trotz der hohen organischen
Zusammensetzung des Kapitals soviel Profit wie die KapitalistInnen
anderer
Produktionszweige. Wir sehen
also, die Produktionspreise der Gruppe I liegen über dem Wert der
Waren. Die Ausgleichung der Profitraten bewirkt, dass diese
KapitalistInnengruppe ihre Ware über dem Wert verkaufen kann. Ihr
Profit ist größer als der Mehrwert. Sie machen einen Tauschgewinn.
Nehmen wir den III.
Produktionszweig.
Das ist der Zweig mit niedriger organischer Zusammensetzung des
Kapitals. Würde hier zum Wert verkauft, so betrüge die Profitrate 30
Prozent. So eine Verschiedenheit der Profithöhe kann sich nicht
dauernd behaupten. In diesem Produktionszweig werden die Profite durch
Kapitalzufluss, der ein höheres Warenangebot zur Folge hat, sinken,
bis auch hier nur der Durchschnittsprofit zu erzielen ist. Diese
KapitalistInnen müssen ihre Waren unter dem Wert verkaufen (um 120).
Sie erleiden einen Tauschverlust von 10, ihr Profit ist auch nur 20.
Der Tauschverlust des III. Produktionszweiges ist gerade so groß wie
der Tauschgewinn der Gruppe I.
Anders liegen die Verhältnisse im
Produktionszweig II. Hier haben wir eine Industrie mit normaler
organischer Zusammensetzung des Kapitals vor uns. Hier ist der Preis
gleich dem Wert; der Profit ist gleich dem Mehrwert.
Wir können aus diesen Beispielen
folgende Erkenntnis ableiten: In der kapitalistischen Gesellschaft
besteht die Tendenz zur Angleichung der Profitraten. Die Waren werden
zu individuellen Preisen verkauft; diese zeigen die Tendenz, sich an
den Marktpreis anzugleichen. Die Marktpreise gleichen sich wieder an
den Produktionspreis an. Wie steht dieser Produktionspreis zum Wert
der Ware?
In Produktionszweigen mit hoher
organischer Zusammensetzung des Kapitals ist der Produktionspreis
höher als der Wert. Hier erzielen die KapitalistInnen Tauschgewinne.
In Produktionszweigen mit niedriger organischer Zusammensetzung des
Kapitals ist der Produktionspreis niedriger als der Wert. Hier
erleiden die KapitalistInnen Tauschverluste. In Produktionszweigen mit
mittlerer organischer Zusammensetzung des Kapitals ist er
Produktionspreis gleich dem Wert. Hier wird weder Tauschgewinn erzielt
noch ein Tauschverlust vorhanden sein. In der Gesellschaft als Ganzes
genommen ist die Summe aller Produktionspreise gleich der Summe aller
Werte.
Worin besteht der Unterschied
zwischen der handwerksmäßigen Warenproduktion und der kapitalistischen
Warenproduktion? In der handwerksmäßigen oder einfachen
Warenproduktion zeigen die Preise die Tendenz, sich dem Wert der Waren
anzugleichen. Die Preise erstellen sich grundsätzlich so, dass jeder
Mensch, der zehn Stunden Arbeit hergibt, dafür eine Ware eintauschen
kann, worin ebenfalls zehn Arbeitsstunden stecken.
Das gilt nicht mehr für die
kapitalistische Produktion. Den industriellen UnternehmerInnen
interessiert nicht, wie viel Arbeit in seiner Ware steckt, sondern ihn
interessiert nur das aufgewendete Kapital. Die KapitalistInnen wollen
für gleiches Kapital gleichen Profit haben. Infolge dieser Tendenz ist
das Verhältnis von Preis und Wert kompliziert. Der Preis der Ware ist
nicht nur abhängig vom Wert, sondern auch von der organischen
Zusammensetzung des Kapitals, das bei der Erzeugung der Ware
mitwirkt.
Wozu brauchen wir aber dann zur
Erklärung der ökonomischen Vorgänge in der Gegenwart eine Werttheorie?
Genügt es nicht, sich nur mit dem Produktionspreis zu beschäftigen?
Nein, die Gesetzmäßigkeit, die wir dabei finden können, erklärt nur
die Ausgleichung der Profite. Ungeklärt bliebe, wodurch die Höhe der
gesellschaftlichen Durchschnittsprofite bestimmt ist. Durch die
Ausgleichung zur Durchschnittsprofitrate wird der Mehrwert nur gleich
verteilt. Aber damit ist nicht erklärt, wie groß dieser Mehrwert ist.
Das lässt sich nur bestimmten aus dem Verhältnis zwischen Mehrarbeit
und notwendiger Arbeit. Der Mehrwert ist die Beute, die die
KapitalistInnen der ArbeiterInnenklasse abnehmen. Die ArbeiterInnen
erzeugen mehr Wert als die in Form des Lohnes bekommen. Der über den
Lohn hinaus erzeugte Überschuss, das ist der Gewinn der
KapitalistInnen. Von der Produktionsstätte weg gehen die
UnternehmerInnen auf den Markt und teilen sich die Beute nach der
Größe des aufgewendeten Kapitals auf. Ehe sie aber die Beute teilen
können, muss sie da sein; bevor es Profit geben kann. Muss es
Mehrarbeit gegeben haben. Wie sich diese Teilung vollzieht, hat uns
unser Beispiel gezeigt: Alle KapitalistInnen zusammen haben den
ArbeiterInnen 60 abgenommen und verteilen diesen Gewinn nun durch das
Spiel auf dem Markt. Dabei machen die Produktionszweige mit hoher
organischer Zusammensetzung des Kapitals Tauschgewinne auf Kosten der
Produktionszweige mit niedriger organischer Zusammensetzung.
Wie wirkt unser Beispiel in einem
internationalen Rahmen? Der Mehrwert wird von allen ArbeiterInnen der
Welt erzeugt. Die KapitalistInnen eines Landes bekommen nicht nur den
Mehrwert, der in ihrem Land erzeugt wurde. Sie können sich durch
Tauschgewinne auch den Mehrwert anderer Länder aneignen oder sie
müssen in Form von Tauschverlusten Teile ihres Mehrwertes an andere
Länder abgeben. Die Industrieländer werden Tauschgewinne erzielen; die
Agrarländer, die technisch rückständigen Länder, werden Tauschverluste
erleiden. Das sind die Länder, die uns z.B. Baumwolle, Kaffee oder
Kautschuk liefern.
Die Länder, die über entwickelte
technische Apparate verfügen, die hochkapitalistischen Länder, sind im
Verhältnis zur Zahl der beschäftigten ArbeiterInnen viel reicher als
die rückständigen.
Das ist ein sehrwichtiges
wirtschaftliches Gesetz; wir haben es bei unseren Auseinandersetzungen
mit den KapitalistInnen zu beachten.
Die KapitalistInnen sagen: "Wozu denn
diese Theorie über den Mehrwert? Ihr bezeichnet als Mehrwert, was den
UnternehmerInnen nach Abwicklung des wirtschaftlichen Prozesses
bleibt, wobei ihr das Ergebnis mit der Beschäftigung von
Arbeitskräften in Zusammenhang bringt. Aber diese Abhängigkeit vom
Aufwand an variablem Kapital lässt sich nicht nachweisen. Die Profite
gleichen sich im Verhältnis zum aufgewendeten Gesamtkapital aus." "Das
heißt nun", so sagen nun die KapitalistInnen weiter, "dass eure
Mehrwerttheorie falsch ist, denn das konstante Kapital produziert
genau so Mehrwert wie das variable. Ob man das Kapital in Maschinen
anlegt oder in Arbeitkraft, ist gleich."
Diese Behauptungen stützen sich auf
eine richtige Beobachtung. Das Kapital hat für die einzelne
Kapitalistin oder den einzelnen Kapitalisten die Macht, Profit an
sich zu ziehen, weil sich die KapitalistInnen den Profit nach dem
aufgewendeten Kapital aufteilen. Aber das ist der Mehrwert anderer
UnternehmerInnen, das Produkt anderer variabler Kapitalteile. Die
KapitalistInnen beschließen nicht die gleiche Aufteilung; sie ist das
Ergebnis des Spiels auf dem Markt. Die Vorstellung der KapitalistInnen,
dass das konstante Kapital Mehrwert produziere, hält einer Überprüfung
nicht stand. Wenn Menschen zusammen auf die Jagd gehen und
vereinbaren, jeder bringt eine Anzahl von Gewehren mit und die
erlegten Hasen werden aufgeteilt nach der Anzahl der mitgebrachten
Gewehre, wird wohl niemand folgern, dass die Gewehre die Hasen
produzieren.
Unsere bisherige Untersuchung stützte
sich auf die Annahme einer gleichen Rate der Ausbeutung; wir haben bei
unserem Beispiel die Voraussetzung gemacht, dass die Mehrwertrate
überall 50 Prozent betrage. In Wirklichkeit ist aber die Ausbeutung
verschieden; dieser Punkt bedarf noch einer weiteren Betrachtung.
32
3.2. Wert und Preis
bei gleicher organischer Zusammensetzung des Kapitals, aber bei
verschiedener Mehrwertrate
Wir wollen uns zunächst klarmachen,
wie die Sache aussieht, wenn die organische Zusammensetzung des
Kapitals in allen Produktionszweigen gleich, die Mehrwertrate (MR)
aber verschieden ist.
|
|
C |
|
v |
|
m |
|
W |
MR |
PR |
Profit |
PPr |
|
I. |
100 |
+ |
50 |
+ |
50 |
= |
200 |
100% |
31,3% |
30 |
180 |
|
II. |
100 |
+ |
50 |
+ |
30 |
= |
180 |
60% |
20% |
30 |
180 |
|
III. |
100 |
+ |
50 |
+ |
10 |
= |
160 |
20% |
6,7% |
30 |
180 |
|
|
300 |
+ |
150 |
+ |
90 |
= |
540 |
60% |
20% |
90 |
540 |
Den Zahlen liegt die Annahme
zugrunde, dass die ArbeiterInnen verschieden stark ausgebeutet werden.
Das entspricht der Wirklichkeit. Die HeimarbeiterInnen werden
sicherlich mehr ausgebeutet als jene, die eine gute Gewerkschaft
haben.
I. Produktionszweig: Die Ausbeutung
der ArbeiterInnen ist hier am stärksten, daher eine hohe
Mehrwertrate.
II. Produktionszweig: Dies Ausbeutung
ist hier geringer, die Mehrwertrate deshalb auch entsprechend
niedriger.
III: Produktionszweig: Die Ausbeutung
ist hier am geringsten; die Mehrwertrate ist daher auch am
niedrigsten.
Die Profitraten zeigen entsprechend
starke Abweichungen voneinander. Kann ein solcher Zustand dauernd
aufrecht bleiben? Nein! Sobald sich in der Gruppe I eine
überdurchschnittlich hohe Profitrate ergibt, wird Kapital zuströmen,
der Profit wird sinken. Bei Gruppe III wird Kapital abfließen, das
Angebot wird sinken, die Preise und damit die Profite werden steigen.
Wir sehen, der Produktionszweig I
erzeugt eine Ware, deren Wert 200 ist. Die UnternehmerInnen sind aber
gezwungen, diese Ware um 180 zu verkaufen. Die Produktionszweige mit
der stärksten Ausbeutung werden durch die Profitrate gezwungen, unter
dem Wer zu verkaufen. Sie werden dadurch auf die
Durchschnittsprofitrate herunter gedrückt.
Im Produktionszweig II haben wir eine
durchschnittliche Ausbeutung vor uns. Hier ist der Wert gleich dem
Preis.
Die Ware der Produktionszweiges III
hat einen Wert von 160. Der Preis ist aber 180. Die KapitalistInnen
dieses Zweiges verkaufen ihre Waren über dem Wert. Das ist der
Produktionszweig mit der geringsten Ausbeutung der ArbeiterInnen.
Es herrscht eine geradezu "ideale
Gerechtigkeit". UnternehmerInnen, die die ArbeiterInnen stark
ausbeuten, erleiden einen Tauschverlust; UnternehmerInnen aber, die
ihre ArbeiterInnen weniger ausbeuten (weil die Gewerkschaften ihren
Bestrebungen ein unüberwindbares Hindernis entgegenstellen), erzielen
einen Tauschgewinn. Das geschieht natürlich nicht bewusst, sondern
durch die automatisch wirkende Ausgleichungstendenz zur
Durchschnittsprofitrate. Wir sehen folgendes Gesetz am Werk: In den
Produktionszweigen mit hoher Ausbeutungsrate ist der Preis niedriger
als der Wert und der Profit niedriger als der Mehrwert. Da erlangen
die UnternehmerInnen einen Tauschverlust. In Produktionszweigen mit
mittlerer Ausbeutungsrate ist der Preis gleich dem Wert und der Profit
gleich dem Mehrwert. In den Produktionszweigen mit niedriger
Ausbeutungsrate ist der Preis höher als der Wert und der Profit höher
als der Mehrwert.
Wir stoßen auf eine wichtige
Erkenntnis. Es gibt Produktionszweige mit starken und solche mit
schwachen Gewerkschaften. Werden die Waren zu ihrem Wert verkauft,
dann müssen die Profite dort hoch sein, wo die Ausbeutung am stärksten
ist. Die moderne Industriewirtschaft kennt diese einfache Bezeichnung
zwischen Ausbeutung und Profit nicht mehr. Durch das Spiel des Marktes
werden die Profite einander angeglichen. Es weichen die Preise der
Waren von ihrem Wert ab und durch diese Abweichung werden die
KapitalistInnen, die die ArbeiterInnen am stärksten ausbeuten,
gezwungen, in Form von Tauschverlusten einen Teil des Mehrwerts an
Produktionszweige abzutreten, in denen die Ausbeutung geringer ist.
Für diesen Ausgleichprozess lassen sich einleuchtende Beispiele
liefern: Bei den HeimarbeiterInnen ist die Ausbeutung stark, bei den
ZeitungssetzerInnen ist die Ausbeutung geringer. Die Folge wäre: die
UnternehmerInnen, welche HeimarbeiterInnen beschäftigen, hätten hohe
Profite, die Druckereibetriebe niedrige.
Die Rentabilitätsnachweise zeigen
aber ein abweichendes Bild: Druckereien werfen hohe Erträge ab. Die in
der Heimarbeit beschäftigten Menschen werden zwar stark ausgebeutet,
aber der Mehrwert bleibt nicht den KapitalistInnen, die sie ausbeuten;
diese UnternehmerInnen müssen einen Teil ihrer Profite an jene
abgeben, die weniger ausbeuten. Auch international gesehen ist die
Ausbeutung der ArbeiterInnen ganz verschieden groß.
Der Kapitalismus ist nicht in der
Lage, allen Arbeitskräften die gleiche Mehrwertrate aufzuerlegen. Hier
ist die Ausbeutung größer, dort ist sie kleiner. In Form der
Profitrate teilen sich dann die KapitalistInnen den Mehrwert
gleichmäßig auf. Das geschieht natürlich nicht bewusst - aber es
geschieht. Diejenigen Produktionszweige, in denen die Profitrate am
höchsten ist, geben einen Teil ihres Mehrwertes ab an
Produktionszweige, in denen die Ausbeutung geringer ist.
Aus dem Gesagten ergibt sich
folgendes: Tauschgewinn erlangen die Produktionszweige mit hoher
organischer Zusammensetzung des Kapitals auf Kosten derjenigen mit
niedriger organischer Zusammensetzung. Tauschgewinne erlangen
Produktionszweige mit niedriger Ausbeutungsrate auf Kosten derjenigen
mit hoher Ausbeutungsrate. Dies fällt in hohem Maße zusammen.
Die Industrieländer sind Länder mit
hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals und niedriger
Ausbeutungsrate. Die Agrarländer, das sind Länder mit niedriger
organischer Zusammensetzung des Kapitals und hoher Ausbeutungsrate.
Die Industrieländer eignen sich einen Teil des Mehrwertes an, der in
den industriell rückständigen Ländern erzeugt wird. Diese Tatsache ist
von großer geschichtlicher Bedeutung.
33
3.3. Aufteilung des
Mehrwertes
Wir haben unsere Untersuchungen auf
der Annahme aufgebaut, dass der ganze Mehrwert gleichmäßig auf die
KapitalistInnen verteilt wird und zwar nach dem Prinzip: auf
gleichviel Kapital gleicher Profit. Von dieser Regel gibt es aber
Ausnahmen. Die wichtigsten stellen die landwirtschaftlichen
Grundrenten dar. Im Gegensatz zur Industrie ist in der Landwirtschaft
die Tendenz zum Ausgleich der Profitraten nicht voll wirksam. Dieser
Tatsache müssen wir Rechnung tragen.
Das Wertprodukt teilt sich zunächst
in zwei Teile: in den übertragenen Wert und in den neugebildeten Wert.
Der neugebildete Wert zerfällt wieder in den Wert der Arbeitskraft und
den Mehrwert. Dieser Mehrwert schließt nun allesin sich ein, was in
der kapitalistischen Gesellschaft als scharf voneinander getrennte
Einkommensquellen erscheint: den UnternehmerInnengewinn der
FabrikantInnen, den Kapitalzins der Banken, die Grundrente der
GrundeigentümerInnen, die Steuern, die der Staat bekommt. Auf diese
Weise wird der Mehrwert aufgeteilt - und zwar im Weg der
Auseinandersetzung auf dem Markt. Das ganze komplizierte Spiel der
kapitalistischen Gesellschaft, das an der Oberfläche sichtbar ist, ist
ein Kampf um den Mehrwert. Der Mehrwert wird in den Fabriken und in
den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben geschaffen. Um diesen
Mehrwert kämpfen dann die verschiedenen Gruppen der Selbständigen.
Durch Tauschgewinne eignet sich einE KapitalistIn an, was in anderen
Betrieben erzeugt wurde; ein Land eignet sich den Mehrwert an, der in
einem anderen Land erzeugt wurde. Der Profit bleibt den
UnternehmerInnen nicht allein, sie müssen ihn mit vielen anderen
industriellen und landwirtschaftlichen Gruppen teilen: mit dem Staat,
der die Steuern bekommt; mit den GrundeigentümerInnen, die die
Grundrente beziehen; mit den Banken, die den Kapitalzins einstreifen.
Bei der Aufteilung entstehen Kämpfe unter den KapitalistInnen. Alle
wollen einen möglichst großen Anteil am Profit haben. Kompliziert wird
das ganze Spiel noch durch die Spekulation z.B. an den Börsen. Die
Aufmerksamkeit der bürgerlichen NationalökonomInnen ist nur auf diesen
Kampf um den Mehrwert gerichtet, wir aber verstehen, dass der Mehrwert
geschaffen sein muss, ehe um ihn gekämpft werden kann.
Die kapitalistische Gesellschaft
teilt sich in Klassen und jede dieser Klassen hat ihren besonderen
Anteil an dem erzeugten Wert:
Der Wert der Arbeitskraft fällt der
ArbeiterInnenklasse zu.
Den UnternehmerInnengewinn stecken
die Industriellen ein.
Die Grundrente bekommen die
GrundeigentümerInnen.
Der Kapitalzins wird zum Erträgnis
des Bankkapitals.
Die Steuer holt sich die Bürokratie.
Alle Klassen außerhalb der
ArbeitnehmerInnen leben vom Mehrwert und haben ein gemeinsames
Interesse, dass der Mehrwert, den sie teilen, möglichst groß sei.
Andererseits herrschen unter ihnen die schärfsten Gegensätze, weil
alle ein möglichst großes Stück vom Mehrwert haben will. Die
Industriellen ärgern sich, wenn der Kapitalzins hoch ist. Der Kampf um
den Kapitalszins - das ist der Kampf zwischen Industrie- und
Bankkapital. Die Geschichte des Kapitalismus ist voll von solchen
Kämpfen. Der Kampf gegen den Adel, das war der Kampf der Industriellen
und Banken gegen die Bürokratie, denn gegen die Steuern kämpfen die
UnternehmerInnen immer. Es gibt Zeiten, da die einzelnen Klassen, die
vom Mehrwert leben, in diesem Kampf in solche Wut geraten, dass sie
sich mit den ArbeiterInnen verbinden - als z.B. das Bürgertum gegen
den Feudalismus kämpfte.
Aber dieses Zusammengehen anderer
Klassen mit den ArbeiterInnen dauert nie lange. Die vom Mehrwert
lebenden Klassen bemerken bald, dass es nicht so wichtig ist, um den
Anteil am Mehrwert zu kämpfen, als dafür zu sorgen, dass Mehrwert
vorhanden ist. Dann verbünden sie sich alle gegen die ArbeiterInnen.
Solange die ArbeiterInnen schwach
sind, denken die einzelnen Schichten der vom Mehrwert lebenden Klassen
mehr an die Verteilung des Mehrwerts; da ist der Gegensatz unter ihnen
stark. Das ist die Zeit, da die ArbeiterInnen ihre fallweisen
Verbündeten sind. Wenn aber die ArbeiterInnenbewegung stark ist,
erinnern sie sich daran, dass sie alle zusammen vom Mehrwert leben und
erkennen, dass ihr Streit keinen Sinn mehr haben wird, wenn kein
Mehrwert da ist. Dann schließen sie sich alle gegen die
ArbeiterInnenklasse zusammen. Für die ArbeiterInnen ist es wichtig,
diese Gegensätze der anderen untereinander auszunützen, aber sie
dürfen nie vergessen, dass all diese Gruppen nur vom Mehrwert der
ArbeiterInnen leben. Im entscheidenden Moment werden sie alle auf der
anderen Seite der Barrikade zu finden sein.
4
4.
Die Akkumulation des Kapitals
414.1.
Akkumulation
Das Wort "Akkumulation" stammt aus
dem Lateinischen. Es bedeutet "Anhäufung"; in den nächsten Kapiteln
beschäftigen wir uns mit der Anhäufung von Kapital.
Die KapitalistInnen ermitteln in der
Regel am Ende des Jahres ihren Profit. Was macht er damit? Sie
verwenden ihn zum Teil für den Kauf von Konsumgütern, den anderen Teil
akkumulieren sie; sie verwenden ihn, um ihr Kapital zu vergrößern.
Mehr zu haben als bisher, ist das Ziel. Der Kapitalzuwachs wird
normalerweise zur Vergrößerung oder technischen Vervollkommnung des
eigenen Betriebes verwendet.
Muss es eine Akkumulation geben? In
der kapitalistischen Gesellschaft muss akkumuliert werden - sonst
würden die Mittel fehlen, um neue Betriebe zu errichten oder die alten
auszugestalten. Die SpießbürgerInnen sagen, nur jene KapitalistInnen
sind nützlich, die "viel Geld unter die Leute kommen lassen." Ihr
Ideal ist einE KapitalistIn, die/der nicht akkumuliert, sondern alles
verbraucht. In Wirklichkeit legt auch einE KapitalistIn, die/der
spart, sein Geld nicht in den Strumpf. Entweder sie/er gibt es für
Luxus aus oder führt das Kapital der Produktion zu. Das Geld kommt
also auf jeden Fall "unter die Leute." Im ersten Fall kommt es der
Luxusindustrie zugute, im anderen Fall wird es anderen
Industriezweigen zugeführt. Wesentlich ist, ob das Geld im Inland oder
im Ausland ausgegeben wird. Doch darüber sprechen wir später.
Die Akkumulation des Kapitals ist
notwendig, um Vergrößerungen und technische Verbesserungen des
Produktionsapparates vornehmen zu können. Wird viel akkumuliert, dann
wächst der Produktionsapparat schnell; wird wenig akkumuliert, dann
bleibt er zurück. Werden die Betriebe schnell vergrößert, dann wird
auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen. Wenn wir daher die
Wahl haben, in welcher Form das Geld unter die Leute kommen soll, so
ziehen wir die Akkumulation vor.
Die Bevölkerung der Erde wächst. Es
sind von Jahr zu Jahr mehr Menschen da, für die es Wohnung, Kleidung
und Lebensmittel geben muss; es sind auch mehr Arbeitskräfte
vorhanden, die Arbeit suchen. Diese Menschen können nur mit Gütern
versorgt und beschäftigt werden, wenn der Produktionsapparat wächst.
Jede Gesellschaft mit wachsender Bevölkerung muss die
Erzeugungsstätten vergrößern, um die vorhandenen Arbeitskräfte
verwerten zu können. Im Kapitalismus geschieht das durch die
Akkumulation des Kapitals.
EinE KapitalistIn kann mit dem
Mehrwert machen, was sie/er will. Das Wachstum des
Produktionsapparates hängt davon ab, wie viel die KapitalistInnen
akkumulieren. In Wirklichkeit kommen die KapitalistInnen im Wege ihrer
privatwirtschaftlichen Akkumulation einer gesellschaftlichen
Notwendigkeit nach; dieser wichtige Prozess vollzieht sich aber im
Kapitalismus völlig ungeregelt. Dass diese wichtige Frage der
Anpassung des Produktionsapparates an die Bevölkerung in der
kapitalistischen Gesellschaft nicht mit Überlegung und Vorbedacht
geregelt wird, ist ein neuer Beweis für die Anarchie der
kapitalistischen Gesellschaft.
In der kapitalistischen Gesellschaft
bleibt es den KapitalistInnen überlassen, nach Gutdünken zu
akkumulieren. Der Produktionsapparat wächst von Jahr zu Jahr. Immer
gewaltiger wird die Industrie. Den ArbeiterInnen tritt ein immer
mächtiger werdender Produktionsapparat gegenüber; er gehört den
KapitalistInnen und nicht den ArbeiterInnen. Die Erzeugungsstätten,
die die ArbeiterInnen durch den Mehrwert geschaffen haben, treten
ihnen als fremde Macht gegenüber. Die Akkumulation hat zwar eine
Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften, aber auch eine steigende
Mach der KapitalistInnen zur Folge.
42
4.2. Die
Akkumulationsrate
Unter der Akkumulationsrate verstehen
wir das Verhältnis des akkumulierten Mehrwerts zum ganzen Mehrwert.
Ist das Akkumulieren völlig im Belieben der KapitalistInnen gelegen?
Nein! Die KapitalistInnen werden durch die am Markt wirksame Kraft der
Konkurrenz zur Akkumulation getrieben. Es ist nicht so, dass die
KapitalistInnen nur aus Frömmigkeit sparen. Wenn sie nicht
akkumulieren, so können sie ihren Produktionsapparat nicht vergrößern
und verbessern; ein Zurückbleiben im Konkurrenzkampf aber kann
Vernichtung bedeuten. Es besteht also ein gewisser Zwang zur
Akkumulation.
Wie ist es, wenn durch Kartelle die
Konkurrenz ausgeschaltet wird? Grundsätzlich wird dadurch kaum etwas
verändert. In der Auseinandersetzung um die Kartellquote geht der
Kampf weiter; das ist eine Veränderung der Form nach, aber nicht des
Inhalts. Wer akkumuliert, kann seinen Betrieb ausbauen und sich dann
eine höhere Quote erkämpfen. Wer nicht akkumuliert, geht zugrunde.
43
4.3.
Überakkumulation und Unterakkumulation
Jede Gesellschaft muss ihren
Produktionsapparat vergrößern. In der kapitalistischen Gesellschaft
erfolgt dies auf dem Wege der Akkumulation. Sie muss akkumulieren,
weil ihre Bevölkerung wächst. Nun ist es möglich, dass die Bevölkerung
schneller wächst und das Tempo der Akkumulation nicht ausreicht. Ein
Teil der Arbeitswilligen kann unter solchen Umständen keine Arbeit
finden; es herrscht Arbeitslosigkeit. Es ist weniger akkumuliert
worden, als akkumuliert werden hätte müssen, um die Bevölkerung zu
beschäftigen. Diesen Zustand bezeichnen wir als Unterakkumulation.
Wenn die Bevölkerung langsamer wächst und sehr viel Kapital
akkumuliert wird, so tritt ein Mangel an Arbeitskräften ein. In einem
solchen Fall sprechen wir von einer Überakkumulation.
Unterakkumulation - das bedeutet
Arbeitslosigkeit, niedrige Arbeitslöhne, Mangel an Kapital. Der
Kapitalmangel wird eine Zinsfußerhöhung auslösen, wodurch fremdes
Kapital veranlasst wird, einzuströmen. Dadurch wird der Zustand der
Unterakkumulation ausgeglichen.
Überakkumulation - das bedeutet
Mangel an Arbeitskräften, hohe Arbeitslöhne, reichliche
Kapitalversorgung, die den Zinsfuß drückt.
44
4.4. Akkumulation
und Fortschritt zu höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals
Die KapitalistInnen akkumulieren
jedes Jahr einen großen Teil ihres Mehrwerts. Was machen sie mit
diesem Teil? Dieser Teil des Mehrwerts wird zu einem Teil in
konstantes und zum anderen Teil in variables Kapital verwandelt.
Industrielle UnternehmerInnen kaufen neue Maschinen; sie beschaffen
Rohstoffe und werden neue ArbeiterInnen aufnehmen. Wird dieses
Verhältnis zwischen dem Wachstum des konstanten und variablen Kapitals
unveränderlich sein? Das soll uns ein Beispiel lehren: EinE
KapitalistIn hat einen Mehrwert von 600. Davon konsumiert sie/er 300,
300 werden akkumuliert. Davon vergrößert sie/er um 200 das konstante
und um 100 das variable Kapital. Ein Jahr später hat die/der
KapitalistIn wieder einen Mehrwert von 600. Wieder wird sie/er 300
akkumulieren. Wie werden sich diese 300 aufteilen? Diesmal wird sich
schon der inzwischen eingetretene technische Fortschritt bemerkbar
machen. Da es bessere Maschinen gibt, werden verhältnismäßig weniger
ArbeiterInnen gebraucht. Die/der UnternehmerIn wird nun einen größeren
Teil des Mehrwerts dem konstanten Kapital zuschlagen und einen
kleineren Teil dem variablen. So ist es in jedem Betrieb. Ein immer
größerer Teil des Mehrwerts wird zur Vergrößerung des konstanten
Kapitals verwendet und ein kleiner Teil zur Vergrößerung des
variablen. Daraus folgt: Durch die Akkumulation vollzieht sich eine
Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Es kann sogar
sein, dass der akkumulierte Mehrwert zur Gänze der Vergrößerung des
konstanten Kapitals nutzbar gemacht wird.
Jedes Jahr wird akkumuliert; aber
jedes Jahr wird ein größerer Teil zur Vergrößerung des konstanten
Kapitals verwendet. Durch die Akkumulation wächst das konstante
Kapital viel schneller als das variable. Welche Wirkung hat das?
|
c |
v |
m |
Org. Z. (in %) |
Profitrate |
|
200 |
100 |
50 |
200 |
16,6% |
|
600 |
200 |
100 |
300 |
12,5% |
|
1200 |
300 |
150 |
400 |
10% |
(c = konstantes
Kapital, v = variables Kapital, m = Mehrwert, org. Z. = organische
Zusammensetzung in Prozenten)
In unserem Beispiel steigt die
organische Zusammensetzung des Kapitals. Wenn nun die Mehrwertrate
unverändert bleibt, dann hat diese höhere Zusammensetzung die Wirkung,
dass die Profitrate sinkt. Verursacht wird diese Reduktion durch die
ständige Verringerung des Kapitalanteils.
Die einzelnen KapitalistInnen erhöhen
fortwährend die organische Zusammensetzung des Kapitals. Die
Konkurrenz zwingt sie, so billig wie möglich zu produzieren. Sie
müssen daher akkumulieren und den Betrieb technisch verbesseren.
Technische Verbesserung bedeutet Erhöhung der organischen
Zusammensetzung. Sie erscheint den einzelnen UnternehmerInnen als
Erhöhung ihre Profits. In Wirklichkeit hat es aber die Wirkung, dass
mit der höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals die
Profitrate sinkt.
Mit der ständigen Akkumulation geht
die Entwicklung zu einer höheren organischen Zusammensetzung des
Kapitals Hand in Hand. Aber diese veränderte Zusammensetzung des
Kapitals hat zur Folge, dass bei gleichbleibender Rate der Ausbeutung
die Profitrate sinkt. Den KapitalistInnen wird diese böse Tendenz
natürlich fühlbar. Sie merken, dass es immer schwieriger wird, eine
hohe Profitrate zu haben. Was ist die Folge? Die KapitalistInnen
setzen sich gegen das Sinken der Profitrate zur Wehr. Das erste Mittel
dazu sind Kartelle und Trusts. Die KapitalistInnen machen aber die
Erfahurng, dass die Profitrate auf Dauer doch nicht zu halten ist,
wenn die Ausbeutung unverändert bleibt. Es gibt gegen das Sinken der
Profitrate nur eine wirksame Waffe: die Ausbeutung der ArbeiterInnen
zu vergrößern.
45
4.5. Wirkung der
höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals auf die Mehrwertrate
Betrachten wir kurz, wie dieser
Fortschritt zur höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals auf
die Mehrwertrate wirkt. Es steckt darin die Tendenz zur Herbeiführung
von Arbeitslosigkeit, weil das konstante Kapital rascher zunimmt als
das variable. Die Tatsache, dass vom akkumulierten Mehrwert ein immer
größerer Teil zur Vergrößerung des konstanten Kapitals verwendet wird
und ein immer kleinerer Teil zum variablen Kapital geschlagen wird,
verlangsamt von Jahr zu Jahr die Zuwachsrate des variablen Kapitals.
Nehmen wir an, dass die Zahl der arbeitssuchenden Menschen jährlich um
zwei Prozent wächst. Wenn nun das variable Kapital um weniger als zwei
Prozent wächst, so tritt Unterakkumulation ein. Das heißt
Arbeitslosigkeit, Lohndruck und steigender Kapitalzins. Der
Fortschritt zur Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals
hat - vorausgesetzt, dass die Ausbeutung gleich bleibt - die Tendenz,
die Profitrate zu senken. Da sich die KapitalistInnen gegen das Sinken
des Profits wehren, hat dieses Sinken des variablen Kapitals die
Tendenz, die Ausbeutung zu vergrößern, die Mehrwertrate zu erhöhen.
Wir sehen also: auf der einen Seite die höhere organische
Zusammensetzung des Kapitals, die zum Sinken des Profits führt, auf
der anderen Seite veranlasst das die KapitalistInnen zu stärkerer
Ausbeutung der ArbeiterInnen. Die stärkere Ausbeutung wird
erleichtert, weil das Anwachsen des konstanten Kapitals bewirkt, dass
ArbeiterInnen überflüssig werden und damit der Lohndruck zunimmt.
46
4.6. Höhere
organische Zusammensetzung des Kapitals und Mehrarbeit
Der Fortschritt zu höherer
organischer Zusammensetzung des Kapitals geht mit der Entwicklung der
technischen Leistungsfähigkeit Hand in Hand. Sie bewirkt, dass
dieselbe Ware in einer kürzeren Arbeitszeit hergestellt werden kann.
Die Menschen können daher in immer kürzerer Zeit die "notwendigen
Lebensmittel" produzieren. Bliebe in der kapitalistischen Gesellschaft
die Mehrwertrate unverändert, so müsste die Bereicherung der
Gesellschaft durch den technischen Fortschritt den ArbeiterInnen und
KapitalistInnen in gleicher Weise zufallen. Es müssten sich der
Wohlstand und das Einkommen der ArbeiterInnen gleichmäßig heben. Ein
Steigen der Mehrwertrate bedeutet aber, dass der Zuwachs vor allem den
KapitalistInnen zugute kommt.
Der technische Fortschritt bewirkt,
dass die "notwendige Arbeitszeit" immer kürzer wird. Wenn nun der
Arbeitstag gleich lang bleibt, so steigt durch die Verkürzung der
notwendigen Arbeitszeit die für die KapitalistInenn geleistete
Mehrarbeit.
Wir sind bei dem entscheidenden Punkt
des Verteilungsprozesses des Sozialprodukts im Kapitalismus angelangt.
Der technische Fortschritt bewirkt eine Bereicherung der Gesellschaft.
Aber wem fällt der dadurch geschaffene Reichtum zu? Nehmen wir eine
bäuerliche Wirtschaft und untersuchen wir, wie sich hier der
technische Fortschritt auswirkt. Wenn durch die Verbesserung des
Saatgutes oder durch bessere Maschinen der Ertrag der Felder
gesteigert wird, so haben der Bauer und die Bäuerin davon den Gewinn.
Es gibt für sie zwei Möglichkeiten: Sie werden, wenn sie gleichviel
Zeit aufwenden wir früher, einen größeren Ertrag haben. Sie können
also ihre Lebenshaltung heben. Oder aber sie werden jetzt weniger
abreiten und Dank des technischen Fortschritts denselben Ertrag haben
wie früher.
In der kapitalistischen Gesellschaft
ist die Arbeitskraft eine Ware. Die ArbeiterInnen sind nicht
EigentümerInnen der Produktionsmittel, sie sind gezwungen, ihre
Arbeitskraft zu verkaufen. Die Arbeitskraft ist also eine Ware und der
Preis hängt vom Marktpreis der Ware ab. Durch Erfindung
arbeitssparender Maschinen wird die Nachfrage nach der Arbeitskraft
verringert. Jede Maschine hat daher die Tendenz, die Löhne zu drücken.
Auch in der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet natürlich die
Erfindung einer arbeitssparenden Maschine, dass die Gesellschaft als
Ganzes reicher wird. Da aber gleichzeitig die Arbeitskraft eine Ware
ist, so bewirkt der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch die
Maschine einen Druck auf den Arbeitslohn. In der kapitalistischen
Gesellschaft kommt die Bereicherung durch die Maschinen nicht allen
Menschen gleichmäßig zugute; sie fällt nur den BesitzerInnen der
Produktionsmittel zu, den KapitalistInnen. Die ArbeiterInnen haben
entweder nichts davon oder nur sehr wenig. Oft sind sie durch die
Maschinen arbeitslos und verelenden.
Arbeitssparende Maschinen heißen
höhere organische Zusammensetzung des Kapitals. Höhere organische
Zusammensetzung des Kapitals, das bedeutet Sinken des Profits. Das
Sinken des Profits wird von den KapitalistInnen abgewehrt durch
stärkere Ausbeutung, durch die Erhöhung der Mehrwertrate.
Was den Reichtum der Gesellschaft
begründet, wird zu Mittel, die Ausbeutungsrate in die Höhe zu treiben.
Die Wirkung muss nicht gerade sein, dass es dadurch den ArbeiterInnen
schlechter geht als vorher, aber an dem Reichtum, der der Menschheit
durch den technischen Fortschritt zufällt, haben die KapitalistInnen
den Löwenanteil.
5
5.
Die Konjunktur
5.1. Der
industrielle Zyklus
"Konjunktur" ist am einfachsten mit
unserem Wort "Geschäftsgang" gleichzusetzen. Es wird von guter und
schlechter Konjunktur gesprochen. In der kapitalistischen Gesellschaft
unterliegt häufig auch jeder einzelne Industriezweig besonderen
konjunkturellen Einflüssen. So kann gleichzeitig die Metallindustrie
eine schlechte und die Bierbrauereien eine gute Konjunktur haben. Wir
sprechen von der Konjunktur eines Geschäftszweiges. Aber die Erfahrung
lehrt, dass in der kapitalistischen Gesellschaft zeitweise fast alle
Produktionszweige gleichzeitig gute oder schlechte Konjunktur haben.
Wir können also auch von einer "allgemeinen" Konjunktur sprechen.
Verfolgen wir die Geschichte des
Kapitalismus im 19. Jahrhundert, so bemerken wir ganz merkwürdige
Gesetzmäßigkeiten. Perioden guter Konjunktur wechseln mit solchen
schlechten Geschäftsganges, und zwar etwa in einem Rhythmus von zehn
zu zehn Jahren. Zeiten des Aufschwungs sind Zeiten des Wohlbefindens
der Wirtschaft. Wir nennen einen solchen Zeitabschnitt eine Periode
der Prosperität (prosper [lat.]: glücklich).
Die Prosperität befruchtet die
Wirtschaft - sie erfasst immer weitere Teile der Wirtschaft und
erreicht ihre Vollendung in der Zeit der Hochkonjunktur. Diese aber
endet gewöhnlich mit einem Krach. Das beginnt zuerst an der Börse, wo
plötzlich die Kurse der Aktien sinken. Der Absatz geht zurück,
Betriebe werden stillgelegt, ArbeiterInnen entlassen - es kommt die
Krise. Der Krise folgt eine Periode der Stagnation; mehrere Jahre lang
liegt die Wirtschaft darnieder. Der Absatz ist schlecht, die Betriebe
können nicht ausgenützt werden, daher herrschen Arbeitslosigkeit und
Lohndruck vor. Diesen Zustand nennen wir Depression, diese Depression
dauert einige Jahre. Nach einigen Jahren beginnt sich die Wirtschaft
wieder zu heben, der Absatz bessert sich, die Preise steigen und eine
neue Periode der Prosperität wird eingeleitet. Dieser folgt wieder die
Hochkonjunktur, der Hochkonjunktur die Krise usw. Das ist der normale
Ablauf der wirtschaftlichen Entwicklung.
52
5.2. Ursachen der
Prosperität
Gehen wir von einer Periode der
Prosperität aus; guter Geschäftsgang herrscht vor und die Nachfrage
nach Waren ist groß; In der Regel tritt ein solcher Zustand ein, wenn
in der Gesellschaft der Produktionsapparat schnell erneuert, erweitert
und vervollkommnet wird. Ein Beispiel liefern die Prosperitätsjahre
zwischen 1890 und 1901. 1890 war eine Krise, die von London
ausgegangen war. Nach ein paar Jahren Depression kann eine deutlich
Erholung. Es war die Zeit, in der sich die Verwendung von Elektrizität
durchsetzte. Die Pferdebahnen wurden durch elektrische Straßenbahnen
ersetzt, elektrische Aufzüge und Krane wurden eingeführt; in den
Fabriken bürgerte sich die elektrische Kraftgewinnung und
Kraftübertragung ein. Das bedeutet eine große Nachfrage nach
Produktionsmitteln. Aber wenn es in diesen Industrien die Geschäfte
gut gehen, so heißt das, dass die ArbeiterInnen mehr Beschäftigung
haben, dass sie verdienen und mehr Lebensmittel, mehr Kleider und mehr
Wäsche kaufen werden. Daher geht es dann auch der Kleider- und
Wäscheindustrie gut. Und wenn es in diesen Produktionszweigen gut
geht, so kaufen auch sie mehr ein, was wieder einen guten
Geschäftsgang in anderen Produktionszweigen zur Folge hat. Das
bedeutet: die Prosperität nimmt von den Produktionsmittelindustrien
ihre Ausgang und überträgt sich von dort auf die anderen
Produktionszweige.
1901 bis 1907 war es ganz ähnlich.
Auch während dieser Zeit vollzog sich eine weitgehende technische
Umgestaltung; ihre Kennzeichen waren das Aufkommen der Automobile und
eine technische Umwälzung im Schiffsbau. Die Dampfmaschinen auf den
Schiffen wurde durch Dieselmotoren ersetzt. Das bedeutete wieder große
Investitionen und großen Bedarf an Produktionsmitteln. Der gute
Geschäftsgang in den Produktionsmittelindustrie blieb nicht ohne
Einfluss auf die übrigen Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Auch
hier wurde die Prosperität zunächst durch die technischen Erneuerungen
eingeleitet. Der erhöhten Nachfrage nach Produktionsmitteln folgt eine
starke Nachfrage nach Konsummitteln.
Die Prosperität wird in allen diesen
Fällen durch ein Steigen der Preise eingeleitet. Es gibt Menschen, die
wünschen sich niedrige Preise und eine geringe Arbeitslosigkeit; aber
diese beiden Erscheinungen hat in einer kapitalistischen Gesellschaft
nie gleichzeitig gegeben. Niedrige Preise gehen Hand in Hand mit
Arbeitslosigkeit; hohe Preise sind Zeiten geringer Arbeitslosigkeit.
Die ArbeiterInnen sehen sich immer vor dieses Dilemma gestellt.
Die Prosperität ist eine Periode der
Teuerung. Die Teuerung selbst wird zu einem die Prosperität fördernden
Faktor. In Zeiten sinkender Preise kaufen die Kaufleute immer nur so
viel, als sie gerade brauchen. Wenn die Preise steigen, beeilen sie
sich mit dem Einkaufen. Bei steigenden Preise spekulieren sie à la
Hausse. Sie kaufen mehr, als sie brauchen. Der Absatz steigt und damit
steigen die Preise; die Arbeitslosigkeit ist in solchen Zeiten gering
und der Lohndruck spielt eine untergeordnete Rolle. In den Zeiten der
Prosperität sind die Lohnkämpfe am besten zu führen. Je mehr die
Preise steigen ,desto stärker wird die Nachfrage nach Waren; erstens
wird à la Hausse spekuliert und werden Waren auf Vorrat gekauft,
zweitens hat eine größere Nachfrage nach Arbeitskräften zur Folge, es
können höhere Arbeitslöhne erreicht werden, die Konsumkraft der
ArbeiterInnen steigt. Daraus entsteht eine stürmische Nachfrage nach
Waren und daraus resultiert schließlich die Hochkonjunktur. Es gibt
nun zwar Klagen über die Teuerung, aber es ist keine Arbeitslosigkeit
vorhanden. Besonders die KapitalistInnen, die hohe Profite einstecken,
sind äußerst zufrieden; die Vergnügungs- und Nachtlokale sind
überfüllt. Aber während die KapitalistInnen noch in bester Laune sind,
setzen sich in der Wirtschaft schon Faktoren durch, die zur Krise
führen.
53
5.3. Ursachen der
Krise
Die Prosperität ist eine Zeit
steigender Preise und erhöhter Profite. Während sich aber die
Prosperität zur Hochkonjunktur fortentwickelt, beginnen die Faktoren,
die zur Krise treiben, an Bedeutung zu gewinnen.
1. Die ArbeiterInnen sind gut
beschäftigt, die Arbeitslosigkeit ist klein. Die KapitalistInnen, die
viele Aufträge haben, fürchten Streiks. Sie sind daher eher geneigt,
Lohnerhöhungen zu gewähren. Der Grad der Ausbeutung wird dadurch
vermindert. In der Prosperität macht sich eine Tendenz zur Senkung der
Mehrwertrate bemerkbar. In diesen Perioden werden
Arbeitszeitverkürzungen durchgeführt und Lohnerhöhungen erkämpft.
2. Die Zeit der Prosperität zeichnet
sich aber auch durch die Häufung technischer Neuerungen aus. Jede
technische Vervollkommnung bedeutet Fortschritte zu einer höheren
organischen Zusammensetzung des Kapitals. Die Tendenz zur Senkung der
Mehrwertrate und zu einer höheren organischen Zusammensetzung beginnen
in gleicher Weise einen Druck auf die Profite auszuüben. Die
Profitrate steigt zwar in der Anlaufzeit der Prosperität, aber wenn
die Mehrwertrate sich senkt und die organische Zusammensetzung steigt,
so muss der Moment eintreten, da die Profitrate zu sinken beginnt.
3. Die Prosperität ist eine Zeit von
überaus großem Kapitalbedarf. Alle KapitalistInnen wollen in dieser
Zeit ihre Betriebe erweitern. KapitalistInnen, die ihr Geld in den
Banken liegen haben, ziehen dieses Geld von dort zurück, weil sie es
für ihr Geschäft brauchen. Das Angebot an Kapital wird kleiner, die
Nachfrage größer. Der Zinsfuß wird daher steigen. Zeiten der
Prosperität sind immer Zeiten des steigenden Zinsfußes.
4. In der kapitalistischen
Gesellschaft wird die Industrie in Zeiten der Prosperität schnell
erweitert. Aber es ist nicht möglich, Produktion in Landwirtschaft und
Bergbau im gleichen Tempo wie die industrielle Produktion auszudehnen.
Es kann die Zahl der Baumwollspindeln sehr schnell vermehrt werden,
aber der Anbau von Baumwolle kann nicht ebenso leicht vergrößert
werden. Ähnlich ist es auch im Bergbau. Die Erweiterung der
Kohlegewinnung erfordert eine gewisse Zeit; die Vergrößerung der
Industrie ist viel schneller durchzuführen. Daher tritt in der Zeit
der Prosperität der Zustand ein, dass Landwirtschaft und Bergbau sich
nicht im gleichen Tempo entwickeln wie die Industrie. In solchen
Zeiten ist daher der Bedarf an landwirtschaftlichen und bergbaulichen
Rohstoffen überdurchschnittlich groß. Die Preise der Rohstoffe steigen
schneller als die Preise der Industrieprodukte und daraus resultiert
schließlich ein Steigen der Grundrente.
Die Profitrate als Ganzes steigt
während der Prosperität. Aber schon vollziehen sich folgende
Veränderungen:
1. ein Sinken der Mehrwertrate
2. das Steigen der organischen
Zusammensetzung des Kapitals. Dadurch beginnt sich auch die Profitrate
zu vermindern. Dazu treten als weitere Wirkungen ein Steigen der
Grundrente und des Zinsfußes. Beides drückt auf den
UnternehmerInnengewinn. Im Verlauf der Prosperität gewinnt also die
Tendenz, den UnternehmerInnengewinn zu senken, an Bedeutung. Noch
während die Prosperität im Gange ist, beginnen sich diese Wirkungen
bereits zu zeigen, und zwar besonders dort, wo eine Abhängigkeit vom
Zinsfuß besteht. So zum Beispiel im Baugewerbe. Es wird nur solange
gebaut, als die Mietzinse die Verzinsung des Gebäudekapitals sichern.
Je höher der veranlagte Kapitalzins, um so weniger rentiert es sich,
zu bauen, wenn nicht gleichzeitig auch die Mietzinse steigen. Da in
Zeiten der Prosperität der Zinsfuß sehr hoch ist, hört in dieser
Periode die Bautätigkeit allmählich auf und darin kommt immer das
erste Zeichen einer Krise zum Ausdruck. Die Bauindustrie ist in allen
kapitalistischen Ländern jener Produktionszweig, der die meisten
ArbeiterInnen beschäftigt. Die Einstellung der Bautätigkeit bewirkt
deshalb in der Regel eine fühlbare Verschlechterung am Arbeitsmarkt.
Die Konsumkraft der BauarbeiterInnen sinkt und das bekommen auch die
anderen Produktionszweige zu spüren. Die Verminderung der Bautätigkeit
wird damit zum Signal, dass das Ende der Hochkonjunktur ankündigt.
Noch dauert zunächst die Hochkonjunktur an und die KapitalistInnen
trösten sich, dass "nur" die Bauindustrie eine Krise habe. Aber bald
kommt der Moment, da der Druck der gestiegenen Grundrente und des
hohen Zinsfußes doch bewirken, dass die Profite sinken. Das wird
zuerst fühlbar an der Börse. Der Kurs der Aktien hängt von der Höhe
der Dividende und des Zinsfußes ab. In der Zeit der Prosperität
steigen die Kurse der Aktien, weil die Dividenden steigen. Es wird à
la Hausse spekuliert. Aber bald tritt der Moment ein, von dem an das
Steigen des Zinsfußes nicht mehr kompensiert wird durch das Steigen
der Dividende. Dann müssen die Aktienkurse fallen. Das Steigen des
Zinsfußes und der organischen Zusammensetzung des Kapitals drückt auf
den Profit.
Es wird offensichtlich, dass das
Aktienkaufen keinen Sinn mehr hat, weil bei einem so hohen Zinsfuß das
Geld besser in einer Bank angelegt ist. Die eingetretene Überspitzung
der Kursbildung an der Börse wird offenbar und an dem Tag, an dem die
KapitalistInnen das bemerken, kommt der große Börsenkrach. Das ist der
jeweilige "schwarze Freitag". Der Börsenkrach ist der Anfang der
Krise.
Jetzt ändert sich schlagartig das
ganze Bild; die Stimmung schlägt plötzlich um. Die Geschäfte der
Produktionsmittelindustrie gehen gut, solange die Industrie
Betriebsverbesserungen und Vergrößerungen vornimmt. An dem Tage, da
die Investitionstätigkeit aufhört, gerät die Maschinenindustrie ins
Stocken. Börsenkrisen haben immer die Wirkung, dass zunächst das
Investieren aufhört, das Kapital wird ja durch die Ausgabe neuer
Aktien geschaffen; dieser Weg ist ungangbar, sobald die Krise akut
wird. Neue Aktien werden nicht angebracht und daher kann sich das
Aktienkapital nicht vermehren. Infolgedessen hört die Gründertätigkeit
auf; neue Aktiengesellschaften werden nicht mehr gegründet, alte
werden nicht erweitert. Die Industrie kann sich kein Geld mehr zum
Ausbau der Betriebe verschaffen.
Die Absatzstockung in den
Produktionsmittelindustrien greift deshalb um sich. Im Baugewerbe war
sie schon vorher da. In den Produktionsmittelindustrien werden jetzt
viele tausend ArbeiterInnen entlassen und diese breiten Massen fallen
plötzlich als zahlungsfähige KundInnen aus. Die Krise greift jetzt auf
die Konsumindustrie über. Der Abstieg ist in vollem Gang. Die
Absatzkrise bewirkt Arbeitslosigkeit und Lohndruck. Der Fortschritt
zur höheren Zusammensetzung des Kapitals bewirkt ein Sinken der
Profitrate, sobald die Minderung des Mehrwerts pro eingesetzter
Kapitaleinheit nicht durch verstärkte Ausbeutung kompensiert wird. In
der Prosperität wird die bereits "kritisch" gewordene Lage noch
überdeckt. In dem Moment aber, da sich das Sinken der Profitrate
durchsetzt, kommt die Zeit des Krachs und der Depression. Aber so wie
die Prosperität die Depression erzeugt, so erzeugt die Depression
wieder die Prosperität.
6
6.
Die Steuern
616.1.
Arten der Steuern
Wir unterscheiden zunächst folgende
Gruppen von Steuern:
Die Personalsteuern - das sind
Steuern, die nicht einem Erwerbsunternehmen oder einer Ware auferlegt
werden, sondern einer Person. Hierher gehören die unserem Land übliche
Einkommenssteuer, die Vermögenssteuer und eine besondere Art von
Vermögenssteuer. Die Erbschaftssteuer.
Die Ertragssteuern: Sie werden vom
Ertrag des Kapitals oder vom Ertrag, den Objekte einbringen, gezahlt.
Arten dieser Steuer sind: Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer,
Grundsteuer, Rentensteuer.
Die Aufwandssteuern stellen eine
dritte große Gruppe von Steuern dar; durch sie wird der Verbrauch oder
irgendein Aufwand besteuert. Unsere Warenumsatzsteuer zum Beispiel ist
eine Steuer, die jedwede Art von Verbrauch trifft, gleichgültig, ob es
sich dabei um materielle Waren oder um Dienstleistungen handelt. Zu
den Aufwandsteuern zählen alle Arten von Konsumsteuern, also neben der
Warenumsatzsteuer die Getränkesteuer, die Luxussteuer usw.
Die Aufwandsteuern sind also
verschiedener Art. Sie treffen zum Beispiel den einzelnen Konsum. Da
werden sie Konsumsteuern genannt. Oder sie treffen den produktiven
Aufwand, das heißt den Aufwand in einem Geschäft, in einer
Unternehmung. Unsere Gebäudesteuer war einmal eine Ertragssteuer.
Heute ist sie eine Steuer auf den Mietaufwand. Lohnabgaben, die die
UnternehmerInnen für die beschäftigten ArbeiterInnen bezahlen müssen,
sind Steuern auf den produktiven Aufwand.
62
6.2. Die Wirkung
der Steuern auf die Warenpreise
Bezahlen einzelne Geschäftsleute,
denen eine Steuer auferlegt wird, die Steuer selbst oder sind sie in
der Lage, die Steuer zu überwälzen? Diese Frage ist steuerpolitisch
von größter Bedeutung. Gehen wir von folgendem Beispiel aus: Bei der
Einfuhr von Bier wird ein Zoll eingehoben und in dieser Form wird auch
das ausländische Bier besteuert. Der Bierpreis wird von den Brauereien
um den Betrag der Steuer erhöht und deshalb zahlen in letzter Linie
die BiertrinkerInnen die Steuer. Die Brauerei kann also in diesem Fall
die Steuer überwälzen. Die/der BrauereiunternehmerIn bezahlt die
Steuer an den Staat; aber getragen wird sie von den KonsumentInnen.
Die Steuer wird zwar den BierbrauerInnen auferlegt, aber von Anfang an
besteht die Absicht, sie den BiertrinkerInnen anzulasten. Wir müssen
daher bei unseren Untersuchungen die SteuerzahlerInnen von den
SteuerträgerInnen unterscheiden.
Eine Steuer, die in der Regel auf die
KonsumentInnen überwälzt wird, wird eine indirekte Steuer genannt.
Indirekte Steuern sind im allgemeinen alle Konsumsteuern, wobei die
Steuer nicht nur auf inländische Güter, sondern auch auf ausländische
Konsumwaren gelegt wird.
Wie steht es mit der
Lohnsummensteuer? Diese Abgabe bezahlen alle inländischen
UnternehmerInnen, die ArbeiterInnen beschäftigen. Die vom Ausland
kommenden Waren werden durch diese Steuer nicht betroffen; die bei der
Erzeugung der Waren im Ausland aufgewendeten Löhne bleiben
"steuerfrei". Hier muss unterschieden werden, ob es sich um Waren
handelt, die der ausländischen Konkurrenz unterliegen oder nicht.
Nehmen wir unser Beispiel vom Mehl. Österreichische MehlhändlerInnen
können nicht mehr verlangen als z.B. ungarische MehlhändlerInnen, die
diese Abgabe nicht bezahlen müssen. Der Einfuhrpreis des Mehls setzt
sich aus Weltmarktpreis + Zoll + Transportkosten zusammen. Da im
Inland nicht über dem Einfuhrpreis verkauft werden kann, wird durch
die Lohnsummensteuer der Mehlpreis nicht beeinflusst. Wenn wir in
Österreich die Lohnsummensteuer aufheben, wird dadurch der Mehlpreis
nicht vermindert, da die HändlerInnen auch dann nicht unter dem
Einfuhrpreis verkaufen. Die Lohnsummensteuer kann also in diesem Fall
nicht auf die KonsumentInnen überwälzt werden.
Aus der Verallgemeinerung dieses
Falls lässt sich folgender Schluss ziehen: Die Aufwandssteuern können,
wenn es sich um Waren handelt, die mit ausländischen Waren
konkurrieren, nur dann auf die VerbraucherInnen überwälzt werden, wenn
auch die ausländischen Waren durch die Steuer getroffen werden. Wollen
wir die Möglichkeit der Steuerüberwälzung überprüfen, so ist
klarzustellen, ob es sich um Waren handelt, die der ausländischen
Konkurrenz unterliegen. Mit dem Ausland konkurriert, was transportabel
ist. Mehl unterliegt der ausländischen Konkurrenz - Milch oder Brot in
der Regel nicht, weil diese Nahrungsmittel nicht weit transportiert
werden können. Lokale Dienstleistungen unterliegen ebenfalls nicht der
Auslandskonkurrenz. Das Theater hat zum Beispiel keine ausländische
Konkurrenz. Wenn ich in Wien lebe, werde ich auch in Wien ins Theater
gehen - auch wenn das Theater in Berlin billiger wäre. Es gibt also
Dinge, die ihrer Natur nach einen bestimmten lokalen Markt haben.
Selbst dort, wo es sich um Waren
handelt, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, wird die
Überwälzung der Steuer nicht immer voll möglich sein. Warum? Weil, wie
wir schon früher gelernt haben, auf die Gestaltung der Nachfrage
Rücksicht genommen werden muss. Wir eine hohe Theaterabgabe zur Gänze
überwälzt, so kann es geschehen, dass der Theaterbesuch katastrophal
sinkt. Wie weit eine Steuer überwälzt werden kann, hängt daher auch
von der Elastizität der Nachfrage ab.
Betrachten wir von diesem
Gesichtspunkt die Wirksamkeit von Personalsteuern. Die Selbständigen
bezahlen Einkommenssteuer oder Gewerbe- bzw. Körperschaftssteuer. Die
Einkommenssteuer, die die UnternehmerInnen bezahlen, ist verschieden
hoch. Sie hängt von der Höhe des erzielten Ertrags ab. Würden alle
SchuherzeugerInnen von der Einkommenssteuer in gleicher Weise
belastet, so könnten sie die Steuer überwälzen, ohne dass dabei die
Konkurrenzfähigkeit verändert würde. Bezahlt aber eine oder einer der
UnternehmerInnen mehr als einE KollegIn, so kann sie/er die höhere
Steuer nicht einfach überwälzen; diejenigen, die weniger Steuer
bezahlen, können die Waren billiger auf den Markt bringen. Die
Einkommenssteuer, welche die UnternehmerInnen in ganz
unterschiedlicher Weise belastet, kann daher nicht oder nur zum Teil
überwälzt werden. Ganz klar wird dies, wenn wir die
Aktiengesellschaften betrachten. Die Einkommenssteuer trifft nicht die
Aktiengesellschaft, sondern die/den AktionärIn. Sie spielt in der
Berechnung der Produktionskosten gar keine Rolle. Was die einzelnen
AktionärInnen an Einkommenssteuer bezahlen, geht in die Kostenrechnung
der Aktiengesellschaft nicht ein.
Was bei der Überwälzung der
Einkommenssteuer gilt, trifft auch im Fall der Vermögens- und
Erbschaftssteuer zu. Im allgemeinen können wir sagen, dass die
Personalsteuern, die nicht nach dem Gesamtvermögen der Unternehmungen,
sondern nach dem Vermögen der einzelnen TeilhaberInnen bemessen
werden, nicht überwälzt werden können. Das ist ihr großer Vorzug. Hier
sind die SteuerzahlerInnen auch SteuerträgerInnen. Daher werden diese
Steuern direkte Steuern genannt.
Jetzt müssen wir noch die
Ertragssteuern betrachten. Diese Steuern treffen nicht die einzelnen
Steuerpflichtigen, sondern die Unternehmungen. Daher könnten wir hier
annehmen, dass diese Steuern überwälzt werden können. Hier müssen wir
unterscheiden, ob es sich um Waren handelt, die der ausländischen
Konkurrenz unterliegen oder nicht. Da die Ertragssteuer nur die
inländischen Waren treffen, können diese Steuern auf Waren, die der
Auslandskonkurrenz unterliegen, nicht überwälzt werden. Dagegen kann
die Ertragssteuer überwälzt werden, wenn es sich um Waren handelt, die
nicht mit dem Ausland konkurrieren, sondern nur Produkte des lokalen
Marktes sind (Brot, Zeitungen, Theater usw.). In welchem Ausmaß die
Überwälzung möglich ist, hängt auch von der Elastizität der Nachfrage
ab und davon, wie stark die Steuer die einzelnen Unternehmungen
trifft. Ist die Steuer für die verschiedenen Unternehmungen
verschieden, so sind der Überwälzung durch die Konkurrenzrücksichten
Grenzen gesetzt. Progressive Steuern sind daher nicht in ihrer vollen
Schärfe abwälzbar.
Zusammenfassend können wir sagen:
1. Die Personalsteuern können im
allgemeinen nicht überwälzt werden. Hier sind SteuerzahlerInnen und
SteuerträgerInnen identisch. Diese Steuern werden direkte Steuern
genannt.
2. Ertragssteuern: Bei diesen Steuern
ist die Möglichkeit der Überwälzung verschieden. Wo eine ausländische
Konkurrenz besteht, können Ertragssteuern nicht überwälzt werden. Bei
Waren und Dienstleistungen, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen,
kann es zu einer Überwälzung kommen, vorausgesetzt, die Belastung ist
eine gleichmäßige und die Elastizität der Nachfrage gering. Soweit
diese Voraussetzungen fehlen, ist nur eine teilweise Überwälzung
möglich.
3. Aufwandsteuern: Bei Waren, die
keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, können die Aufwandssteuern
soweit überwälzt werden, als es die Elastizität der Nachfrage zulässt.
Bei den Waren, die mit dem Ausland konkurrieren, hängt die Möglichkeit
der Überwälzung davon ab, ob die Steuern nur die inländischen oder
auch die ausländischen Waren belasten. Liegt die Steuer auch auf den
ausländischen Waren, so kann sie ganz oder teilweise überwälzt werden.
Die UnternehmerInnen bezahlen die Steuern, die KonsumentInnen tragen
sie. Darum werden diese Steuern auch indirekte Steuern genannt.
Wir haben bisher den Einfluss der
Steuern auf die Warenpreise untersucht - nun wollen wir sehen, welchen
Einfluss die Steuern auf den Arbeitslohn ausüben.
63
6.3. Einfluss der
Steuern auf den Arbeitslohn
Wenn die UnternehmerInnen in der Lage
sind, die Steuern, die sie bezahlen müssen, einfach den KonsumentInnen
aufzubürden, so bezeichnen wir diesen Vorgang als eine Überwälzung der
Steuern. Die UnternehmerInnen können aber auch versuchen, eine
Steuerbelastung dadurch zu vermindern, indem sie die Arbeitslöhne
verkürzen. In diesem Fall werden die Steuern auf die ArbeiterInnen
rückgewälzt.
Warenumsatzsteuern, die sowohl
inländische wie ausländische Waren treffen, können auf die
VerbraucherInnen überwälzt werden. Die UnternehmerInnen zahlen die
Steuern, aber sie tragen sie nicht - sie wälzen sie ab. Wie wird das
auf die ArbeiterInnen jener Industriezweige wirken, deren Waren durch
die Steuern getroffen werden? Verteuert die Steuer die Waren sehr
wesentlich, so kann eine Absatzkrise ausgelöst werden; die
Mindestbeschäftigung kann sich als eine Schädigung der ArbeiterInnen
erweisen. Diese Wirkung soll nicht überschätzt werden. Bei Mehl ist
bekanntlich die Elastizität der Nachfrage klein: auch dann, wenn eine
Steuer darauf liegt, müssen die Menschen Mehl und Brot essen. Der
Rückgang der Beschäftigung wird in diesen Fällen eher gering sein.
Jedenfalls verdient festgehalten zu werden, dass eine gewisse
Schädigung der ArbeiterInnen (wir sehen sie in diesem Zusammenhang nur
als ProduzentInnen) durch eine solche Steuer eintreten kann.
Wenden wir uns nun jenen Steuern zu,
deren Überwälzung auf Schwierigkeiten stößt, wie etwa die
Lohnsummensteuer oder eine hohe Vermögenssteuer. Es ist klar, dass
Steuern, die nicht überwälzt werden können, weder die KonsumentInnen
noch die Beschäftigten treffen, sondern zunächst die UnternehmerInnen
treffen. Welche Wirkung hat dies? Es gibt immer gute und schlechte
Betriebe; Betriebe mit niedrigem und solche mit hohem Kostenpreis. Die
Steuer, die von der Unternehmung getragen werden muss, bedeutet eine
Erhöhung des Kostenpreises. Die guten Betriebe halten das aus. Die
Betriebe, die früher einen kleinen Profit haben, haben vielleicht
jetzt keinen Profit mehr; die schlechten Betriebe können unter
Umständen nicht mehr existieren. Solche Betriebe werden zur Schließung
gezwungen und die dort Beschäftigten werden arbeitslos.
Im allgemeinen können wir sagen, dass
Steuern, die wirklich fühlbar sind und nicht überwälzt werden können,
zur Einstellung schwacher Unternehmungen und zur Schaffung von
Arbeitslosen führen können. Die Wirkung der Steuern hängt natürlich
auch von der organischen Zusammensetzung des Kapitals ab. Unsere
Lohnsummensteuer macht zwei Prozent des Arbeitslohnes aus. In der
Großindustrie wird das ungefähr 0,5 Prozent der Produktionskosten
ausmachen. Da ist nicht viel. Aber es gibt Produktionszweige, wo zwei
Prozent des Arbeitslohnes mehr bedeuten. Im Bergbau zum Beispiel macht
der Arbeitslohn mehr als 50 Prozent der Produktionskosten aus. Dort
sind zwei Prozent vom Arbeitslohn schon ein Prozent der
Produktionskosten. Das ist fühlbar und kann für ein schlechtes
Bergwerk die Existenz in Frage stellen. Allerdings soll vermerkt
werden, dass die UnternehmerInnen bei jeder Steuerbelastung, die sie
trifft, jammern und ihren Zusammenbruch als unabwendbar bezeichnen.
Die tatsächliche Wirkung der Steuern darf in dieser Beziehung also
nicht überschätzt werden.
Steuern haben also nicht nur eine
Wirkung auf die Warenpreise, sondern auch auf die Arbeitslöhne. Die
UnternehmerInnen können die Steuern nicht nur überwälzen auf
KonsumentInnen, sie können sie auch rückwälzen auf die ArbeiterInnen.
Steuern, die überwälzt werden können auf die KonsumentInnen, sind für
die ArbeiterInnen nicht so gefährlich. Wenn die Besteuerung die
Produktionskosten steigert, so bleibt weniger Raum für die Löhne.
64
6.4. Die Steuern
und die Akkumulation des Kapitals
Werden die UnternehmerInnen durch
eine hohe Einkommenssteuer belastet, so wird sich in der Regel eine
Verlangsamung der Akkumulation bemerkbar machen. Das beeinflusst die
Nachfrage nach Arbeitskräften. Gibt es Mittel, diese nachteilige
Wirkung zu verhindern? In diesem Zusammenhang kommt es offenbar darauf
an, wie die Steuereinnahmen verwendet werden. Werden die Steuererträge
einfach konsumiert, dann bleibt die Verringerung der Akkumulation, die
Minderung der Nachfrage nach Arbeitskräften und der Druck auf die
Löhne bestehen. Anders liegen die Dinge, wenn die öffentliche Hand
sich dazu entschließt, selbst zu akkumulieren. In diesem Fall bedeutet
die Steuer nichts anderes, als dass an die Stelle der Akkumulation der
KapitalistInnen die Akkumulation des Staates oder der Gemeinde tritt.
Wenn wir beispielsweise in Wien hohe Steuern einheben und damit
Wohnhäuser oder Straßenbahnen bauen, so vollzieht die öffentliche Hand
eine Art produktiver Akkumulation. Die KapitalistInnen akkumulieren
zwar weniger, aber dafür kann die Gemeinde mehr ArbeiterInnen
beschäftigen. Die Einhebung einer hohen Abgabe in den Luxuslokalen
kann bewirken, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften (KellnerInnen)
gedrückt wird. Wird diese Abgabe aber verwendet, um Häuser oder
Straßenbahnen zu bauen, so steigt die Nachfrage nach BauerbeiterInnen
und StraßenbahnerInnen. Gesunde Volkswohnungen und leistungsfähige
Verkehrsmittel sind wichtiger als Luxuslokale; werden die
Steuererträgnisse akkumuliert, so bedeutet dies keine Verlangsamung
der Nachfrage nach Arbeitskräften, sondern höchstens eine
Verschiebung.
Wir sehen, dass es keineswegs ratsam
ist, sich auf einige Schlagworte festzulegen. Im allgemeinen wird von
den ArbeiterInnen verlangt, die reichen Leute mögen mit vielen und
hohen Steuern belastet. In der kapitalistischen Gesellschaft hat eine
solche Maßnahme aber verschiedene Wirkungen. Wird eine hohe
Vermögensabgabe eingeführt und ausschließlich zugunsten der
staatlichen Apparatur verwendet, so muss das für die ArbeiterInnen
kein Gewinn sein. Denn Kapital, das schon akkumuliert war, wird dem
wirtschaftlichen Kreislauf entzogen und die Verringerung des Kapitals
schränkt die Beschäftigungsmöglichkeiten ein. Eine Vermögensabgabe ist
nur dann von Vorteil, wenn sie nicht zu konsumtiven, sondern zu
produktiven Zwecken verwendet wird. Jede starke Besteuerung, auch wenn
sie zunächst nur die KapitalistInnen trifft, wird zu einer Gefahr für
die ArbeiterInnen, wenn das Steuererträgnis konsumiert und nicht
produktiven Zwecken zugeführt wird. Die Verwendung von Steuern ist für
die ArbeiterInnen mindestens ebenso wichtig wie die Art der
Steueraufbringung. Das trifft auch für eine sozialistische
Gesellschaft zu und hat größte Bedeutung.
In der kapitalistischen Gesellschaft
ist die Besteuerung Gegenstand des Klassenkampfes. Das war immer so:
In der Feudalherrschaft bestimmten Adelige das Steuersystem. Dann kam
die Bourgeoisie zur Macht. Sie hat ihr klassisches Steuersystem in den
indirekten Steuern gefunden, sie besteuerte den Konsum. Steuern auf
Mehl, Salz, Tabak, Wein treffen die Massen. Durch das System der
indirekten Steuern befreit sich die Bourgeoisie fast von allen
Leistungen und versucht, die Lasten des Staatshaushaltes dem Volk
aufzuerlegen.
Es muss jedoch auch vor einer
Überschätzung der Steuerpolitik gewarnt werden. Insbesondere bei den
direkten Steuern ist das häufig der Fall. Bismarck hat einmal gesagt:
"Das einzig Wichtige sind die indirekten Steuern, und über die reden
die Leute nicht." Es ist wahr, über die Warenumsatzsteuer spricht bei
uns kein Mensch, obwohl sie das Drückendste ist. Wenn die
Einkommenssteuer um nur 1 Prozent erhöht wird, so erzeugt dies Unmut -
4 Prozent Warenumsatzsteuer hingegen führen zu keinerlei Aufregung.
Diese Steuer steckt eben im Preis der Waren, sie wird unsichtbar.
Direkte Steuern sind das einzig Ehrliche in der Steuerpolitik,
indirekte Steuern sind Betrug. Aber eben weil die direkten Steuern
sichtbar sind, werden sie als drückend empfunden.
Übrigens: Auch hier ist wieder auf
den Unterschied zwischen proletarischem und kleinbürgerlichem
Antikapitalismus zu verweisen: Die KleinbürgerInnen sind der Meinung,
durch die Steuerpolitik könnten Einkommensverschiedenheiten
ausgeglichen werden; sie verlangen daher eine starke Besteuerung der
Reichen, sind aber gleichzeitig dagegen, dass der Staat oder die
Gemeinden diese Steuern produktiv verwenden. Diese Einstellung ist
falsch. Der proletarische Antikapitalismus ist sich darüber klar, dass
die planmäßige Wegsteuerung hoher Einkommen einmal in Frage kommen
kann; aber das darf nur geschehen, sobald das Geld, das den
KapitalistInnen durch die Steuern weggenommen wird, für produktivere
Zwecke verwendet wird. Ein solche radikale Steuerpolitik ist
allerdings nur möglich, wenn gleichzeitig an die Stelle der
kapitalistischen Akkumulation die sozialistische tritt.
7
7.
Der Imperialismus
Mit "Imperialismus" werden zumeist
verschiedene Ausdehnungsbestrebungen von Nationen bezeichnet. Dabei
kommt es nicht auf die Mittel an, derer sich die Politik dabei
bedient, um ihr Ziel zu erreichen: die Ausdehnung des Machtbereiches;
neben der nackten militärischen Gewalt kann auch die wirtschaftliche
und kulturelle Durchdringung eine wichtige Rolle spielen.
Ökonomisch betrachtet ist der
Imperialismus das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus. Seinem
ökonomischen Wesen nach löst der Imperialismus als monopolbildender
Kapitalismus den Kapitalismus der freien Konkurrenz ab. Dass dem
Kapitalismus die Tendenz zur Monopolbildung inneliegt, haben wir ja
schon zuvor bei der "Lehre vom Markt" aufgezeigt. Dieser Prozess
beginnt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.
71
7.1. Die Wurzeln
des Imperialismus
Der Kapitalismus brauchte für seinen
Produktionsapparat in immer größerem Maße Rohstoffe, die in den
ursprünglich kapitalistischen Ländern nicht erzeugt werden konnten
oder aber nicht in genügendem Ausmaß zur Verfügung standen. Das
Bestreben der kapitalistischen Mächte ging deshalb dahin, Gebiete zu
erobern, wo jene Rohstoffe zu finden waren, die gebraucht wurden. In
der älteren Kolonialzeit, vor Beginn des 19. Jahrhunderts, wurden
diese Rohstoffe einfach geraubt. Der moderne Imperialismus suchte in
den Ländern, die er eroberte, die Produktion von Rohstoffen
sicherzustellen. Er errichtete Baumwoll-, Kaffee- oder Teeplantagen
und baute die Bergwerke aus.
Folgende Voraussetzungen mussten
dafür geschaffen werden:
1. Die kapitalistische Produktion
setzt Privateigentum an Produktionsmitteln voraus und Arbeitskräfte,
die als LohnarbeiterInnen verfügbar sind. Um in den Kolonialländern
die kapitalistische Produktionsweise durchzusetzen, musste folgendes
getan werden:
-
Aneignung der Naturschätze, der
Goldlager, der Ölquellen und des Bodens, auf dem Plantagen errichtet
werden konnten. Dies geschah durch einfachen Raub oder durch
Schwindelverträge. Es wurde mit Glasperlen, Schnaps oder ähnlich
wertlosen Dingen von den einheimischen Menschen Grund erworben.
-
Es mussten Menschen gefunden werden,
die bereit waren, in diesen neuen Unternehmungen für Lohn zu arbeiten.
Dies war nicht leicht. In den tropischen Gebieten brauchten die
Menschen nicht sehr viel, um leben zu können. Sie benötigten wenig
Kleidung und das Essen bot die Natur in reicher Fülle. Die dortige
Bevölkerung musste somit zur Arbeit gezwungen werden.
2. Was die KapitalistInnen in zweiter
Linie in den Kolonien suchten, waren Absatzmärkte für die Waren, die
in den Mutterländern erzeugt wurden. Wir wissen, dass der Kapitalismus
periodisch an Absatzstockungen leidet. In Zeiten einer Depression
suchten die KapitalistInnen nach Mitteln, um ihre Waren abzusetzen.
Einen Weg dazu bot die Gewinnung von Kolonien. Der Kapitalismus hatte
schrittweise die Welt für seine Waren erschlossen. Er zwang fremde
Länder, europäische Handelsniederlassungen in ihrem Bereich zu dulden.
Wo die "friedliche" Durchdringung versagte, hat sich der Kapitalismus
die Länder stets gewaltsam unterworfen.
Die Tendenz, sich Absatzgebiete zu
erschließen, wurde durch verschiedene andere Umstände verstärkt, vor
allem durch das Schutzzollsystem. Alle Agrarländer haben das
Bestreben, sich zu industrialisieren, weil die Industrieländer
Tauschgewinne auf Kosten der Agrarländer machen. Jede
Industrialisierung entzieht den alten Industrieländern Märkte. Sie
mussten sich daher neue Märkte erschließen; dabei waren sie bestrebt,
diese Gebiete ihrem Schutzzollsystem einzugliedern.
Noch ein Punkt verdient festgehalten
zu werden. Länder, die bestrebt sind, sich zu industrialisieren,
können daran gehindert werden, wenn sie der Herrschaft eines
entwickelten Industrielandes unterworfen sind. Wäre Ägypten
selbständig geblieben, so hätte sich dort eine Baumwollindustrie
entwickelt. Aber solange die englischen Truppen in Ägypten standen,
wurde diese Konkurrenz für das englische Mutterland nicht zugelassen.
Für England war es durchaus vorteilhaft, die Baumwolle in England zu
verarbeiten und die daraus erzeugten Waren Ägypten zu verkaufen. Das
ist die zweite Absicht: Absatzgebiete werden erobert, daran gehindert,
sich zu industrialisieren und gegen andere Staaten abgesperrt.
3. Ein weiteres Motiv ist das
Bedürfnis nach Kapitalexport. Das Kapital sucht in den Kolonien
Anlagemöglichkeiten, weil dort höhere Profite winken. Länder mit
niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals haben, wie wir
wissen, eine höhere Profitrate. Aber das Kapital ist ängstlich,
dorthin zu gehen, ohne durch Kriegsschiffe und Soldaten des eigenen
Staates geschützt zu sein. Daher wurden diese Länder zuerst
unterworfen.
In welchen Formen vollzog sich nun
dieser Export des Kapitals? Es wurden gewöhnlich Aktiengesellschaften
gegründet, die damit begannen, in fremden Ländern Eisenbahnen zu
bauen. Ein Beispiel dafür war der Bau der Bagdadbahn vor dem Ersten
Weltkrieg.
Am sichersten fühlt sich das Kapital
dort, wo die Länder vollständig unterworfen sind. Die Anlage von
Kapital in fremden Ländern diente nicht nur dem Zweck, sich eine
höhere Profitrate zu sichern. Es ist zugleich auch ein Mittel der
heimischen Industrie, den Absatz zu erweitern. Als Deutschland in der
Türkei eine Eisenbahn baute, lieferte es auch alle Eisenbahnschienen,
Waggons usw. Der Kapitalexport ist zum wichtigsten Mittel der
Machtpolitik der Großmächte geworden. Das geht so weit, dass dabei
sogar das ursprünglich verfolgte Ziel verschoben wurde.
Die Sicherung der Kapitalanlage in
fremden Ländern und des Absatzes der Waren wurde zum Gegenstand der
auswärtigen Politik der kapitalistischen Staaten. Diese Politik wurde
mitunter mit dem Wort "Dollardiplomatie" bezeichnet. Den Vereinigten
Staaten wurde vorgeworfen, dass sie bei ihrer Politik nur in Dollar
denken und nur die Sorge haben, den amerikanischen KapitalistInnen
Gelegenheit zum Kapitalexport zu geben. Die USA nahmen an der Türkei
kein anderes Interesse als eine gute Gelegenheit, eine gute
Kapitalanlage zu finden; das gleiche Interesse hatten sie an Mexiko
und anderen lateinamerikanischen Staaten. Wurden irgendwo Erdölquellen
gefunden, so waren sofort die amerikanischen KapitalistInnen da, um
sie sich anzueignen. Wollte die Regierung eines solchen Staates die
Naturschätze seines Landes nicht freiwillig dem US-Kapital überlassen,
so "brach" eben ein Aufstand aus, der willfährige Männer an die Macht
brachte. Zuerst besorgten die USA die Waffenlieferungen, dann folgte
der Maschinenexport für die Erdölquellen.
Die europäische Politik bediente sich
zu dieser Zeit noch andere Mittel. Sie war aber ebenso offen und
brutal wie die "Dollardiplomatie". In den letzten Jahren vor dem
Ersten Weltkrieg drehte sich die ganze auswärtige Politik Europas um
den Eisenbahnbau in der Türkei; um die Möglichkeit der Errichtung von
Industrien, der Erschließung von Bergwerken, und immer spielte dabei
die Frage der Lieferung von Waren in diese Gebiete eine entscheidende
Rolle. Das Streben, eigenes Kapital in fremden Ländern anzulegen, um
eine höhere Profitrate zu erreichen und Absatzgebiete für eigene Waren
zu finden - das ist zur eigentlich treibenden Kraft des Imperialismus
geworden.
72
7.2. Der
Imperialismus als monopolistischer Kapitalismus
Das wichtigste marxistische Werk über
den Imperialismus ist Lenins Mitte 1917 veröffentlichte Schrift "Der
Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (Lenin-Werke, Bd.
XXII, S. 189-309). Lenin untersucht darin die Prozesse der Ökonomie
und Politik beim Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum
Monopolkapitalismus - dem Imperialismus.
"Das Monopol ist die für den
Imperialismus charakteristische Gestalt des grundlegenden
kapitalistischen Produktionsverhältnisses. (...) Es entsteht im
Ergebnis des Wirkens der ökonomischen Grundgesetze des Kapitalismus
auf der Grundlage der Aufhebung der freien Konkurrenz durch eine hohe
Konzentration und Zentralisation von Produktion und Kapital. Sein Ziel
besteht in der Realisierung eines möglichst hohen Monopolprofits. Zu
seinen Grundeigenschaften gehören Anwendung von Gewalt und
Aggressivität."
(LW, Bd. XXII, S. 270
f.)
Lenin weist darauf hin, dass der
Imperialismus als Monopolstadium des Kapitalismus durch fünf
grundlegende Merkmale gekennzeichnet ist:
1.
Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe
Stufe erreicht hat, dass Monopolunternehmen entstehen, die im
Wirtschaftsleben der kapitalistischen Länder eine entscheidende Rolle
spielen.
2.
Verschmelzen des Bankkapitals mit dem Industriekapital zum
sogenannten Finanzkapital und Entstehen einer Finanzoligarchie.
3.
Der Kapitalexport gewinnt gegenüber dem Warenexport eine
besonders große Bedeutung.
4.
Es bilden sich große, internationale Monopole heraus, die die
kapitalistische Welt untereinander ökonomisch aufteilen.
5.
Die territoriale Aufteilung der Welt unter die
imperialistischen Mächte ist beendet, der Kampf um die Neuaufteilung
hat begonnen.
Die Herausbildung der Monopole bildet
die Grundlage und Ursache des aggressiven Charakters des
Imperialismus. Das Monopol ist seinem Wesen nach ein expansives und
aggressives kapitalistisches Macht- und Herrschaftsverhältnis. Es
realisiert sich im Monopolprofit. Dieser kann nicht dauerhaft erzielt
werden, wenn das Monopol seine Machtposition in der Wirtschaft nicht
durch ständigen Expansionsdrang absichert. Einmal eingenommene
Monopolstellungen müssen gehalten und neue ständig erobert werden.
Anders kann sich ein Monopol gegen andere nicht behaupten. Um sein
Ziel zu erreichen, wendet es rücksichtslos alle Mittel an - bis zum
Krieg.
Wichtig ist noch: Im Kapitalismus der
freien Konkurrenz bildet das ökonomische Gesetz die
Regulierungsmechanismen der Wirtschaft und damit der Gesellschaft.
Beim Monopolkapitalismus reicht das nicht mehr aus. Zur weiteren
Aufrechterhaltung der Macht bedarf es vielmehr der Vereinigung der
Macht der Monopole mit der des imperialistischen Staates. Der
staatsmonopolistische Kapitalismus entsteht.
Der staatsmonopolistische
Kapitalismus ist die Verschmelzung der Macht der Monopole mit der
Macht des Staates zu einer einheitlichen Macht im Interesse höchster
Monopolprofite und der Sicherung der imperialistischen Herrschaft und
Ausbeutung. Dies bedeutet eine weiter Entfaltung des Monopols.
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7.3. Der staatsmonopolistische Kapitalismus
Der
staatsmonopolistische Kapitalismus (Stamokap) ist jene
Entwicklungsphase des Monopolkapitalismus (also des
Imperialismus), in der der Monopolisierungsprozess durch die
Verflechtung der Macht der Monopole mit der des imperialistischen
Staates auf die Spitze getrieben wird. Der Stamokap bringt die dem
Wesen des kapitalistischen Monopols entspringende Tendenz zur
Beherrschung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens im
Kapitalismus voll zur Entfaltung und verstärkt den parasitären,
faulenden, menschenfeindlichen und sterbenden Charakter des
Imperialismus.
Elemente des Stamokap
entstanden bereits mit dem Übergang des Kapitalismus der freien
Konkurrenz zum Imperialismus. Seine erste Ausprägung fand er als
staatsmonopolistischer Kriegskapitalismus im Ersten Weltkrieg. Der
Eintritt des Kapitalismus in seine allgemeine Krise, die sich in
diesem Prozess vollziehenden Erschütterungen des kapitalistischen
Systems auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, die zunehmende
Labilität des Imperialismus und Kriege beschleunigten die
Entwicklung des Stamokap. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er sich
in den Hauptländern des Imperialismus voll herausgebildet und
verstärkte sich auch im internationalen Rahmen. Hauptursachen für
die Entstehung und Entwicklung des Stamokap sind: die Verschärfung
der Widersprüche des Kapitalismus, insbesondere des
Grundwiderspruchs des Kapitalismus; die Zunahme der Labilität des
imperialistischen Systems unter dem Einfluss der allgemeinen Krise
des Kapitalismus und der wissenschaftlich-technischen Revolution.
Unter den Bedingungen des Kapitalismus bewirkt die
wissenschaftlich-technische Revolution, dass der
Produktionsprozess einen ausgeprägt gesellschaftlichen Charakter
erhält, während sich wenige Multimilliardäre durch fortschreitende
Monopolisierung einen immer größer werdenden Teil des
gesellschaftlichen Reichtums privat aneignen; die Wirtschaft wird
zu einem komplizierten Mechanismus, in dem alle Bereiche
miteinander verflochten und voneinander abhängig sind; gewaltige
Investitionen in Wissenschaft, Forschung, Bildungswesen u.a.
Bereichen sind für die erweiterte Reproduktion des Kapitals
erforderlich. Diese Erfordernisse übersteigen die materiellen
Möglichkeiten selbst der stärksten privaten Monopole bei der
Sicherung von Monopolprofiten, so dass zur Aufrechterhaltung ihrer
Herrschaft eine den Profitinteressen unterworfene Lenkung,
Verteilung und Umverteilung der materiellen Ressourcen im
gesamtwirtschaftlichen Maßstab durchgesetzt wird. In Verbindung
mit diesen Prozessen drückt sich in der Entwicklung des Stamokap
zugleich die Reaktion des Imperialismus auf die Herausforderung
des Sozialismus aus. Er ist unter Ausnutzung der
wissenschaftlich-technischen Revolution und gestützt auf einen
starken, hochorganisierten Produktionsmechanismus bestrebt, mit
Hilfe des Staates alle Hilfsquellen im gesamtnationalen Maßstab zu
mobilisieren, das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung zu
beschleunigen und eine relativ hohe Effektivität der Produktion zu
sichern, die Werktätigen dem Einfluss der monopolistischen
Bourgeoisie zu unterwerfen und zugleich dem wachsenden Einfluss
des Sozialismus zu begegnen.
Wesentliche Merkmale
des Stamokap sind: die Verschmelzung der Macht der Monopole mit
der Macht des imperialistischen Staates zu einem Gesamtmechanismus
im Interesse des Profits, der Machterhaltung und -ausweitung sowie
der äußeren Expansion des Monopolkapitals; die durch die
vereinigte Macht von Staat und Monopolen vorangetriebene
Konzentration und Zentralisation des Kapitals in den Händen der
Finanzoligarchie; die Herausbildung und Zunahme
staatsmonopolistischen Kapitaleigentum; die Regulierung und
Steuerung der Finanz-, Konjunktur-, Lohn- und Einkommenspolitik,
eines großen Teils der Investitionstätigkeit, der Entwicklung
entscheidender Gebiete in Wissenschaft und Forschung durch den
imperialistischen Staat zugunsten und im Interesse der Monopole;
die auf diesem Weg betriebene Umverteilung eines immer größer
werdenden Teils des Nationaleinkommens (der vor allem in Form von
Steuern beim Staat konzentriert wird) im Interesse des
Monopolkapitals. Der imperialistische Staat wird damit eine große
ökonomische Potenz und zum größten Ausbeuter der
ArbeiterInnenklasse und aller anderen Werktätigen. Das ökonomische
Hauptmerkmal des Stamokap ist durch die staatliche Aktivität
potenzierte Konzentration und Zentralisation des Kapitals und der
Produktion in den Händen der Finanzoligarchie. Es entwickelt sich
eine staatsmonopolistische Regulierung, die ihrem Wesen nach eine
Regulierung der Profitaneignung und -verwendung und damit der
monopolistischen Ausbeutungsverhältnisse ist. Sie umfasst die
privatwirtschaftliche Regulierung durch die Monopole und die
staatliche Regulierung. Die Untergrabung und Aushöhlung der
bürgerlichen Demokratie ist ein Wesensmerkmal des Stamokap. Der
Stamokap drängt in zunehmendem Maße zu totalitären
Herrschaftsmethoden. Es verstärken sich die reaktionären,
antidemokratischen Tendenzen. Die ökonomische Tätigkeit des
imperialistischen Staates ist ihrem Charakter nach stets politisch
orientiert. Dadurch, dass der imperialistische Staat unmittelbar
in den Reproduktionsprozess des Kapitals einbezogen wird, bilden
sich neue Wechselbeziehungen zwischen Ökonomie und Politik heraus.
Alle wirtschaftlichen Probleme nehmen einen ausgeprägten
politischen Charakter an und werden zum Gegenstand harter
Klassenauseinandersetzungen im nationalen und internationalen
Rahmen. Da auch die ArbeiterInnenklasse in ihrem ökonomischen
Kampf der vereinigten Macht der Monopole und des Staates
unmittelbar gegenübersteht, nimmt dieser ebenfalls immer mehr
politischen Charakter an, wie das die Klassenauseinandersetzungen
in den Hauptländern des Imperialismus zeigen. Der Stamokap erhöht
die Aggressivität des Imperialismus. Durch die Verschmelzung der
Monopolmacht mit der Staatsmacht wird das aggressive Wesen der
Monopole noch unmittelbarer auf die Staatspolitik übertragen. Ein
riesigen Teil der nationalen Reichtümer verwenden die
imperialistischen Staaten für die Vorbereitung und Führung von
Kriegen. Die Rüstungskonzerne verschaffen sich riesige, vom Staat
garantierte Profite. Die Militarisierung aller Lebensbereiche
nimmt zu. Der militärisch-industrielle Komplex wird zur Stoßkraft
des Imperialismus, die die Reaktion in der Innen- und Außenpolitik
der bürgerlichen Staaten ermuntert.
Die
staatsmonopolistische Regulierung ist nicht imstande, die spontan
wirkenden Kräfte des kapitalistischen Marktes zu bändigen und die
Labilität der kapitalistischen Produktionsweise zu beseitigen. Die
wissenschaftlich-technische Revolution beschleunigt den Prozess
der Vergesellschaftung der Produktion, was unter den Bedingungen
des Kapitalismus dazu führt, dass die antagonistischen sozialen
Widersprüche in noch größerer Schärfe reproduziert werden. Es
spitzen sich nicht nur alle bisherigen Widersprüche des
Kapitalismus zu, es entstehen auch neue: der Widerspruch zwischen
den außerordentlichen Möglichkeiten, die die
wissenschaftlich-technische Revolution eröffnet, und den
Bemühungen des Kapitalismus, zu verhindern, dass diese
Möglichkeiten im Interesse der ganzen Gesellschaft genutzt werden;
der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der
modernen Produktion und dem staatsmonopolistischen Charakter ihrer
Regulierung; die ständige Verschärfung nicht nur des Widerspruchs
zwischen Kapital und Arbeit, sondern auch die Vertiefung des
Antagonismus zwischen den Interessen der überwiegenden Mehrheit
des Volkes und der Finanzoligarchie. Es erhöht sich der Grad der
Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, während die
MonopolkapitalistInnen die Hauptvorteile aus dem Einsatz moderner
Produktivkräfte ziehen. Das alles führt zu einer Verschärfung der
sozialen Antagonismen, zur Verstärkung der wirtschaftlichen
Schwierigkeiten der wichtigsten kapitalistischen Mächte, zu einer
chronischen Währungs- und Finanzkrise, zu Arbeitslosigkeit, zu
einer Zuspitzung der Gegensätze zwischen den imperialistischen
Mächten.
Offener als in der vergangenen Zeit tritt die wachsende
ökonomische, politische und soziale Labilität des Imperialismus
hervor. Dringender denn je offenbart sich die Notwendigkeit, die
kapitalistischen durch die sozialistischen Produktionsverhältnisse
abzulösen. Durch den hohen Grad der Vergesellschaftung der
Produktion, durch die Entstehung des staatlichen Eigentums an
Produktionsmitteln, durch den Zwang zur Regulierung und Steuerung
von Wirtschaftsprozessen zur Aufrechterhaltung der
privatkapitalistischen Aneignung der Resultate der Produktion und
zur Unterwerfung des gesamten gesellschaftlichen Lebens unter die
Profit- und Machtinteressen einer kleinen Schicht von
MonopolkapitalistInnen beweist der Stamokap die historische
Überlebtheit der kapitalistischen Gesellschaft, die Notwendigkeit,
dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion durch
gesellschaftliches Eigentum und gesamtgesellschaftliche Planung im
Interesse des werktätigen Volkes zu entsprechen und die politische
Macht der Arbeiterklasse zu errichten. Er schafft somit die
vollständigen materiellen Voraussetzungen für den Übergang zum
Sozialismus.
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