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1. Einfache Warenproduktion
1.1.
Der
Begriff der Ware
In früheren Zeiten haben
sich die Menschen alles, was sie für ihren Unterhalt brauchten, selbst
hergestellt. Sie haben selbst den Acker bestellt, haben selbst
gesponnen und gewebt. Was sie nicht selbst erzeugen konnten, wurde von
den Handwerkern gemacht, die ins Haus kamen. Was erzeugt wurde, war
nicht für den Verkauf bestimmt, sondern wurde im Hause verbraucht.
Doch waren der Selbstversorgung Schranken gezogen, weil Salz, Gewürze
und Metallwaren gekauft werden mussten. Im großen gesehen, kann aber
gesagt werden, dass die „geschlossene Hauswirtschaft“ imstande war,
weitgehend die Bedürfnisse durch eigene Erzeugung zu befriedigen.
Im Gegensatz dazu steht
die Produktion für den Markt. Die Produktion für den Markt nennen wir
Warenproduktion. Ware nennen wir nur einen Gebrauchsgegenstand, der
zum Zwecke des Verkaufs erzeugt wird. Das Getreide, das der Bauer
verbraucht, ist keine Ware. In älteren Zeiten waren die meisten
erzeugten Güter keine Ware; heute sind die meisten Güter Waren, weil
sie für den Markt produziert werden.
Die städtische
Bevölkerung erzeugt Waren. Die ArbeiterInnen in den Fabriken erzeugen
nicht unmittelbar für den eigenen Bedarf. Auch die kleinen
HandwerksmeisterInnen stellen Waren her. Die SchneiderInnen und
SchuhmacherInnen produzieren Kleider und Schuhe zum Verkaufen. Auch in
der Landwirtschaft dominiert heute die Warenproduktion. Das Futter
wird der Landwirt selber verfüttern, aber einen großen Teil des
Getreides, der produzierten Milch etc. wird er verkaufen.
Wir können zwei Formen
der menschlichen Wirtschaft unterscheiden: die Produktion für den
eigenen Bedarf und die Produktion für den Markt, die Warenproduktion.
Innerhalb der Warenproduktion ist wieder zwischen einfacher und
kapitalistischer Warenproduktion zu unterscheiden; die einfache
Warenproduktion unterscheidet sich von der kapitalistischen dadurch,
dass hier die EigentümerInnen der Arbeitsmittel gleichzeitig die
manuelle Arbeit leistet.
12
1.2.
Arbeitsteilung und Warentausch
In der Produktion für den
eigenen Bedarf erzeugt der Mensch alles, wessen er bedarf, selber. In
der Warenproduktion macht jeder nur eine bestimmte Ware.
Das Wesentliche an der
Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Die einzelnen Arbeiten sind
auf die einzelnen Menschen aufgeteilt. Die Grundlage der
handwerksmäßigen Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Am wenigsten
Arbeitsteilung ist in der geschlossenen Hauswirtschaft anzutreffen.
Aber auch hier werden gewisse Arbeiten von den Männern und gewisse
Arbeiten von den Frauen gemacht. Wenn wir in die Urzeit zurückgehen,
so sehen wir, dass der Feldbau zuerst eine Sache der Frauen war,
während die Männer mit Jagd, Fischfang und Viehzucht beschäftigt
waren.
Die erste Arbeitsteilung
war die Arbeitsteilung von Mann und Frau. In der Folgezeit bildete
sich die Arbeitsteilung weiter aus: das Landvolk erzeugte die
Nahrungsmittel, die die Stadt brauchte; die Stadt erzeugte dafür die
gewerblichen Gegenstände wie Werkzeuge, Kleider, Kochgeschirr usw. Wir
sehen hier die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Innerhalb der
Stadt entstand die Arbeitsteilung zwischen den Gewerben; später
innerhalb des Gewerbe selbst im Rahmen eines Unternehmens: die
Manufaktur.
Wir wollen uns jetzt die
einfache Warenproduktion ansehen. In der einfachen Warenproduktion
sind die Produkte Waren und werden verkauft.
Halten wir uns an ein
Beispiel: Ein Schuster verkauft seine Schuhe; er nimmt die Ware,
verkauft sie gegen Geld und kauft sich dafür die Waren, die er
braucht. Dafür gilt die Formel:
W – G – W
Das Geld spielt hier die
Rolle der Vermittlung. Die Vermittlung der Waren erfolgt durch Tausch.
Der Tausch wird erleichtert durch das Geld.
Eine Verteilung der
Produkte muss in einer handwerksmäßigen Warenproduktion durch
fortwährenden Tausch geschehen. Zwischen die Waren tritt als
Hilfsmittel das Geld; es wäre kompliziert, die Waren direkt
gegeneinander zu tauschen. Alle ArbeiterInnen arbeiten für die
Gesamtheit; jeder bekommt für seine Leistung von der Gesamtheit etwas.
Der einzelne lebt von Dingen, die andere erzeugt haben. Der Schumacher
leidet sich in Tuch, das die Tuchmacherin produziert hat; er ernährt
sich vom Getreide, das der Bauer anbaute usw. Seine Leistung für die
Gesellschaft ist, dass er ein bestimmtet Gut für sie erzeugt.
Die Frage ist nun: Was
leistet der einzelne Mensch für die Gesellschaft und was bekommt er
dafür? Er leistet für die Gesellschaft Arbeit. Er bekommt dafür von
der Gesellschaft das Getreide des Bauern, das Tuch der Tuchmacherin
usw. Der eine tauscht seine Arbeitsprodukte gegen die Produkte des
anderen. Wie geht es bei diesem Tausch zu? Das soll uns ein Beispiel
lehren: Ein Schuhmacher hat ein Paar Schuhe erzeugt. Er tauscht sie
aus und bekommt dafür Tuch. Der Schuhmacher hat zur Herstellung der
Schuhe 20 Stunden gearbeitet. Zur Herstellung des Tuches waren, so
nehmen wir an, 16 Stunden notwendig. Das würde bedeuten, dass der
Schuhmacher bei diesem Tausch einen Schaden von vier Arbeitsstunden
erlitten hat. Er hat für die Gesellschaft 20 Arbeitsstunden geleistet
und bekommt dafür ein Arbeitsprodukt, in dem nur 16 Arbeitsstunden
stecken.
Unsere Tuchmacherin
hingegen hat ein Arbeitsprodukt von 16 Stunden hingegeben und sie
bekommt dafür ein Produkt, worin 20 Arbeitsstunden stecken. Sie hat
beim Tausch vier Arbeitsstunden gewonnen.
Es kann also beim Tausch
geschehen, dass ein Produzent Produkte eintauscht, zu deren
Herstellung mehr oder weniger Arbeitsstunden notwendig waren als zur
Erzeugung seinen Produktes. In unserem Fall erleidet der Schuhmacher
einen Verlust von vier Arbeitsstunden. Wir nennen das einen
Tauschverlust. Die Tuchmacherin hat einen Gewinn von vier
Arbeitsstunden. Wir nennen das einen Tauschgewinn. Festzuhalten ist:
Was der eine Mensch verliert, das muss ein anderer gewinnen, so dass
sich das aufhebt.
Wie wäre es jetzt, wenn
kein Mensch einen Tauschgewinn und keiner einen Tauschverlust hätte?
Da müsste für ein Arbeitsprodukt, worin 16 Arbeitsstunden stecken, ein
Arbeitsprodukt von gleichfalls 16 Stunden getauscht werden. Ist ein
solcher Zustand möglich? Sehen wir uns wieder unser Beispiel an.
13
1.3.
Ausgleichstendenz in der einfachen Warenproduktion
Wenn in einem
Produktionszweig Tauschgewinne erzielt werden, werden diesem Zweig
Menschen zuströmen. Dort, wo die Tauschverluste sind, wir eher ein
Ausscheiden von ProduzentInnen zu bemerken sein. Oder mit anderen
Worten: Wo die Tauschgewinne sind, wird sich auch das Angebot erhöhen,
die Preise werden sinken, die Tauschgewinne werden kleiner werden und
schließlich verschwinden. Umgekehrt dort, wo Tauschverluste sind, wird
das Angebot sinken, die Preise werden steigen, der Tauschverlust wird
geringer werden und schließlich verschwinden. Wir können uns das in
Schlagworten ausgedrückt so vorstellen:
|
Schuhmacher |
Tuchmacherin |
|
|
|
|
Im Produkt stecken 20
Stunden |
Im Produkt stecken 16
Stunden |
|
Tauschverlust |
Tauschgewinn |
|
Abnahme der Zahl der
MeisterInnen |
Zuströmen von
Arbeitskräften |
|
Angebot an Schuhen
fällt |
Angebot an Tuch
steigt |
|
Preise steigen |
Preise sinken |
|
Tauschverlust wird
verschwinden |
Tauschgewinn wird
verschwinden |
Das Ergebnis dieser
Entwicklung wird sein, dass der Schuhmacher für sein Produkt, worin 20
Arbeitsstunden stecken, ein Produkt eintauschen kann, worin ebenso
viele Arbeitsstunden enthalten sind. Wir können daher den allgemeinen
Satz aufstellen: In der einfachen, d.h. handwerksmäßigen Produktion
besteht die Tendenz zur Verteilung der Arbeit in den einzelnen
Produktionszweigen in einem solchen Verhältnis, dass Waren
gegeneinander getauscht werden, zu deren Herstellung gleich viel
Arbeit notwendig ist. Es besteht also die Tendenz, Tauschgewinn und
Tauschverlust verschwinden zu machen. In der kapitalistischen
Gesellschaft besteht die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten.
14
1.4.
Der Wert
Die Warenpreise sind auch
unter den Bedingungen der handwerklichen Produktion bald höher, bald
niedriger gewesen. Der Marktpreis schwankte, je nach Angebot und
Nachfrage. Es bestand aber die Tendenz zum Ausgleich an einem
Marktpreis, der den Austausch der Waren zu Relationen sicherte, die
den aufgewendeten Arbeitsleistungen entsprachen. Es besteht die
Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an einen Preis, der bestimmt
ist durch die Menge Arbeit, die darin steckt. Es besteht die Tendenz,
dass Waren, zu deren Herstellung die gleiche Arbeit notwendig ist,
auch gleiche Preise erzielen.
Diesen Mittelpreis nun,
an dem sich die Warenpreise in der handwerksmäßigen Produktion
anzugleichen suchen, diesen Preis nennen wir den Wert der Waren.
Wir können also sagen:
1.
Unter dem Wert der Waren
verstehen wir jenen Preis, bei welchem der/die VerkäuferIn weder einen
Tauschgewinn hat noch einen Tauschverlust erleidet, sondern in der
Lage ist, das Produkt seiner Arbeit auszutauschen gegen andere
Arbeitsprodukte, zu deren Herstellung gleich viel Arbeit notwendig
war.
2.
In der einfachen
Wareproduktion besteht tatsächlich die Tendenz zur Angleichung der
Preise an diesen Wert der Waren.
Zu beachten ist: In der
kapitalistischen Wirtschaft gleicht sich der Marktpreis an den
Produktionspreis an, nicht an den Wert.
15
1.5.
Das Geld
Wir drücken die Preise in
Geld aus. Was ist das Geld? Das Geld war zunächst ein bestimmtes
Metall. Wie der Name schon sagt, wird „Geld“ von „Gold“ abgeleitet.
Wir benützen heute auch Papier als Geld, aber dieses Papier ist in
Wirklichkeit nur eine Anweisung aus Gold.
Der Wert der Banknote
beruht darauf, dass die Notenbank verpflichtet ist, den Kurs der
Banknote so zu halten, dass die Banknoten immer den Wert in Gold
haben, auf den sie lauten. Die Banknote ist eine Anweisung auf Gold;
für die Silber- und Nickelmünze gilt dasselbe. Es ist sichergestellt,
dass es möglich ist, für die Münzen Gold zu bekommen. Die Goldmünzen
selbst sind nichts anderes als eine Gewichtseinheit in Gold. Geld ist
zunächst Gold oder Anweisung auf Gold.
Wir messen den Wert
unseres Geldes immer, indem wir fragen: Wie viel Dollar oder Franken
ist es Wert? Das heißt, wie viel Gold ist es wert? Gold ist aber eine
Ware, die genau so durch Arbeit hervorgebracht werden muss, wie jede
andere Ware.
Nehmen wir an, die
Tuchmacherin verkauft eine Ware. Sie bekommt dafür Geld; dieses Geld
kann Gold sein oder eine Anweisung auf Gold. Sie tauscht also ein Tuch
aus gegen Gold. Wie viele Arbeitsstunden waren notwendig, um dieses
Gold hervorzubringen, das sie für das Tuch bekommen hat? Zur
Herstellung des Tuches waren 20 Arbeitsstunden notwendig. Stellte das
Gold weniger Arbeitsstunden dar, so hat die Tuchmacherin einen
Tauschverlust. Bekommt sie aber für das Tuch, worin 20 Arbeitsstunden
stecken, eine Goldmenge, worin 24 Arbeitsstunden enthalten sind, so
hat sie einen Tauschgewinn.
Wir sehen, es ist wie
beim Austausch anderer Waren. Auch hier können Tauschverluste und
Tauschgewinne auftreten. Der Wert der Ware ist aber jener Preis, bei
dem weder Tauschverluste noch Tauschgewinne auftreten. Was ist also
der Wer? Eine Goldmenge zu deren Hervorbringung ebensoviel
Arbeitsstunden notwendig sind wie zur Herstellung der Ware.
Ein Beispiel: Wir haben
Tuch, zu dessen Verfertigung 20 Stunden notwendig waren. Wir haben
Goldstücke, in denen fünf Arbeitsstunden stecken. Wie viele Goldstücke
ist dieses Tuch wert? Die Arbeitszeit, die notwendig war zur
Herstellung der Ware, wird dividiert durch die Arbeitszeit, die in der
Goldeinheit steckt.
Der Wert des Tuchs = 20
Arbeitsstunden : 5 Arbeitsstunden = 4 Goldstücke
Wert = Arbeitszeit zur
Herstellung der Ware : Arbeitszeit zur Herstellung der Goldeinheit
In einer handwerksmäßigen
Warenproduktion werden die Preise der Waren die Tendenz haben, sich
den Werten der Waren anzugleichen. Der Wert der einzelnen Ware wird
bestimmt durch die Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig
war.
16 16
1.6.
Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
Wir sprachen bis jetzt
von der Arbeitszeit. Es kann dabei aber nicht darauf ankommen, wie
viel der/die einzelne ArbeiterIn an Arbeitszeit braucht, sondern
darauf, was an Arbeitszeit im gesellschaftlichen Durchschnitt
notwendig ist. Die Gesellschaft braucht Kleiderstoffe. Sie muss bei
der Erzeugung fleißige und faule TuchweberInnen beschäftigen; solche
mit alten und solche mit neuen Webstühlen. Der Wert der Ware kann
nicht von der individuellen Arbeitszeit abhängen, sondern dieser Wert
kann nur bestimmt sein durch die gesellschaftlich notwendige
durchschnittliche Arbeitszeit. Wir müssen daher eine Korrektur unserer
früheren Formel vornehmen:
Wert =
gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit zur Herstellung der Ware :
gesell.
notw. Arbeitszeit
z. Herstellg. d. Goldeinheit
Es kann nicht auf die
Arbeitszeit schlechthin ankommen, sondern auf die gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit. Der Wert der einzelnen Waren ist also bestimmt
durch die durchschnittlich zu ihrer Herstellung gesellschaftlich
notwendige Arbeitszeit.
17
1.7.
Übertragener Wert und neugebildeter Wert
Nehmen wir den
Schuhmacher: Der Wert der Schuhe, die er erzeugt, ist bestimmt durch
die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Er braucht dazu Leder und
Werkzeuge. Dazu kommt sein Arbeitslohn. Der Wert der Schuhe muss daher
bestimmt sein durch die Arbeit, die im Leder steckt und durch die
Arbeit, die der Schuhmacher zur Herstellung der Schuhe aufwendet. Wenn
z.B. 100 Arbeitsstunden im Leder stecken und 80 Arbeitsstunden
notwendig sind zur Herstellung der Schuhe, so sind die fertigen Schuhe
180 Arbeitsstunden wert. In den Schuhen stecken zweierlei Werte:
1.
Der Wert, den die
Arbeitsmittel haben – darunter verstehen wir Rohstoffe, Hilfsstoffe,
Werkzeuge, Amortisation der Werkstätte usw.; er wird auf das
Arbeitsprodukt übertragen.
2.
Der neugebildete Wert,
das ist der Wert der zur Herstellung der Schuhe notwendigen Arbeit.
Der Wert der Ware =
übertragener Wert + neugebildeter Wert
Den übertragenen Wert hat
der Schuhmacher nicht geschaffen. Der übertragenen Wert wird bestimmt
durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zur Herstellung
dieser Arbeitsmittel – im weitesten Sinne – gebraucht wird.
18
1.8.
Summe der Preise = Summe der Werte
In der handwerksmäßigen
Warenproduktion besteht die Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an
den Wert. Die Preise der einzelnen Waren sind aber trotzdem vom Wert
verschieden. Die Summe der Preise aller Waren kann aber nicht kleiner
sein als der Wert aller dieser Waren. Die Summer der Preise in der
ganzen Gesellschaft muss gleich sein der Summer der Werte, weil die
Tauschgewinne und Tauschverluste sich aufheben müssen. Was der eine
Mensch verliert, muss der andere gewinnen. Das gilt auch für die
kapitalistische Warenproduktion.
2
2. Die kapitalistische Warenproduktion
2.1.
Wert der Arbeitskraft
Wodurch unterscheidet
sich die kapitalistische von der einfachen Warenproduktion? Die
kapitalistische Warenproduktion ist vor allem durch die Trennung der
Arbeitskraft von den EigentümerInnen der Arbeitsmittel
charakterisiert. Für sie ist wesentlich, dass einE UnternehmerIn da
ist, dem/der die Arbeitsmittel gehören. Diese UnternehmerInnen kaufen
(als Ware) die Arbeitskraft der ArbeiterInnen.
Wir stoßen damit auf eine
neue Ware, auf die Ware Arbeitskraft. Der Wert einer Ware – sagten wir
– hängt ab von der zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit.
Kann dieser Satz auch auf
die tägliche Arbeitszeit Anwendung finden? Die Arbeitskraft wird
täglich neu hergestellt durch Nahrung, die dem Körper zugeführt wird.
Wir müssen hier das Wort Nahrung im weitesten Sinne betrachten. Unter
„Nahrung“ verstehen wir hier auch Kleidung, Wohnung und Ausgaben für
die Erhaltung der Familie. Die alten absterbenden Arbeitskräfte müssen
durch neue ersetzt werden. Zur ständigen Reproduktion
(Wiederherstellung) der Arbeitskraft gehört auch, dass die
ArbeiterInnenklasse in der Lage ist, Kinder aufzuziehen.
Damit die ArbeiterInnen
arbeitsfähig bleiben und um ihre Kinder aufzuziehen zu können, bis sie
selbst arbeitsfähig werden, müssen sie so viel Lohn bekommen, dass sie
sich eine bestimmte Menge Lebensmittel – im weitesten Sinne – kaufen
können. Zur Herstellung dieser Lebensmittel ist eine bestimmte
Arbeitszeit gesellschaftlich notwendig. Der Wert der Arbeitskraft ist
nun bestimmt durch diese Arbeitszeit. Dabei ist zu beachten, dass der
Wert der Arbeitskraft nicht der Lohn ist. Der Lohn ist der Preis der
Ware Arbeitskraft.
Bekommen die
ArbeiterInnen einen so niedrigen Lohn, dass sie nicht einmal die
notwendigen Lebensmittel für sich und ihre Familien kaufen können,
dann steht der Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft. Das wird sich
darin äußern, dass mit den Körpern der ArbeiterInnen Raubbau betrieben
wird. Große Kindersterblichkeit deutet darauf hin, dass der Lohn der
ArbeiterInnen nicht ausreicht, die Kinder aufzuziehen, dass also der
Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft steht.
Vom Wert der Arbeitskraft
zu sprechen, ist keine so einfache Sache. Der Wert der Arbeitskraft
ist bestimmt durch die Arbeitszeit, die gesellschaftlich dafür
notwendig ist, um sie wiederherzustellen – also zur Anschaffung der
notwendigen Lebensmittel. Aber was notwendige Lebensmittel sind, ist
nicht leicht zu ermitteln. Ein Mensch, der Schwerarbeit leistet, muss
mehr essen, als der Mensch, der am Schreibtisch sitzt. Die notwendigen
Lebensmittel sind nach der Beschaffenheit der Arbeit verschieden.
Weiters gibt es gelernte und ungelernte ArbeiterInnen. Zur
„Wiederherstellung“ der gelernten Arbeit gehört auch, dass gelernte
Arbeitskraft produziert wird. Sie wird nur produziert, wenn die
ArbeiterInnen ihre Kindern etwas lernen lassen können. Es muss also
auch die Lehrzeit vergütet werden. Sie wird in Form höherer Löhne
bezahlt, wenn die ArbeiterInnen ihre Kinder wieder etwas lernen lassen
können. Es wird in Form höherer Löhne bezahlt, die die qualifizierten
ArbeiterInnen bekommen müssen. Die Arbeitszeit, die notwendig ist, um
die qualifizierte Arbeitskraft zu reproduzieren, ist größer als die
Arbeitszeit, die notwendig ist zur Reproduktion der ungelernten
Arbeitskraft. Daraus folgt, dass der Wert der unqualifizierten
Arbeitskraft größer ist als der Wert der unqualifizierten
Arbeitskraft.
Der Umfang der
„notwendigen Lebensmittel“ wird somit beeinflusst durch: 1. die
Beschaffenheit der Arbeit (Schwerarbeit oder leichte Arbeit); 2. die
Qualifikation der Arbeit. Wir sprechen hier vom Wert der Arbeitskraft
– nicht von ihrem Preis. Es kann sein, dass zeitweise schwere
körperliche Arbeit schlechter bezahlt wird als leichte Arbeit;
entweder weil die gewerkschaftliche Organisation versagt oder weil das
Angebot größer ist.
Wir wiederholen: Der Wert
der Arbeitskraft wird genau so bestimmt wie der Wert jeder anderen
Ware. Die Arbeitskraft muss ständig reproduziert werden. Die
ArbeiterInnen brauchen dazu die notwendigen Lebensmittel im weitesten
Sinn. Die Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendig ist zur
Herstellung dieser Lebensmittel, bestimmt den Wert der Arbeitskraft.
22
2.2.
Der Mehrwert
Wir wollen einmal
annehmen, dass die KapitalistInnen ihre Waren zu ihrem Wert verkaufen.
Unter dieser Voraussetzung wollen wir die kapitalistische Produktion
betrachten. EinE KapitalistIn kauft die Arbeitskraft. Was bezahlt er
dafür? Er muss den ArbeiterInnen mindestens so viel zahlen, dass sie
sich die notwendigen Lebensmittel kaufen können. Wir nehmen an, dass
die ArbeiterInnen den Wert ihrer Arbeitkraft bekommen. Sagen wir,
dieser Wert beträgt bei einem/einer einzelnen ArbeiterIn 10 Schilling.
Außer der Arbeitskraft braucht der/die KapitalistIn noch Arbeitsmittel
im weitesten Sinne: Wenn der/die ArbeiterIn einen Tag arbeitet, so
verbraucht er/sie Rohstoffe und nützt Werkzeuge ab. Dieser Wert der
Arbeitsmittel muss auf das Produkt übertragen werden. Wir wollen
annehmen, dass der Wert der Arbeitsmittel 20 Schilling beträgt. Es
ergibt sich folgende Rechnung:
Wert der Arbeitsmittel,
20 S (übertragener Wert) + Wert der Arbeitskraft, 10 S (neugeschaffener
Wert) = 30 S
Der/die ArbeiterIn hat
nun einen Tag gearbeitet und am Abend ist das Produkt fertig. Was wird
nun dieses Produkt wert sein? 30 Schilling? Dann hätte ja das Ganze
für den/die KapitalistIn keinen Sinn gehabt. Nehmen wir daher an, der
Wert des Arbeitsproduktes sei 36 Schilling. Was ist da geschehen?
Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 20 Schilling auf das fertige
Produkt übertragen. 16 Schilling hat er durch seine Arbeit
hinzugefügt. Diese 16 Schilling, das ist der Wert, den der/die
ArbeiterIn in 8 Stunden seiner/ihrer Arbeit geschaffen hat. Der/die
ArbeiterIn hat ja aus dem Rohstoff, der 20 Schilling wert ist, eine
Ware geschaffen, die 36 Schilling wert ist. Der/die ArbeiterIn hat
aber nur 10 Schilling bekommen. Der neugebildete Wert ist um 6
Schilling größer als der Lohn des Arbeiters oder der Arbeiterin.
Dem/der UnternehmerIn bleiben 6 Schilling. Diese Rechnung lautet daher
nun:
20 S (Wert der
Arbeitmittel) +
10 S (Wert der
Arbeitskraft) +
6 S (Mehrwert)
------------------------------------------
= 36 S (Wert des
Arbeitsproduktes)
Die ArbeiterInnen
produzieren, indem sie erstens den Wert, der schon in den
Arbeitsmitteln enthalten ist, auf das Produkt übertragen, zweitens
darüber hinaus schaffen sie neuen Wert, denn das fertige
Arbeitsprodukt muss mehr wer sein als die in ihm verkörperten
Arbeitsmittel. In unserem Fall schafft der/die ArbeiterIn einen neuen
Wert von 16 Schilling. Aber er/sie selber bekommt niemals soviel, wie
er/sie schafft, sonst würde ja für die KapitalistInnen nichts übrig
bleiben.
Was die ArbeiterInnen
bekommen, ist nicht der Wert, den sie schaffen, sondern der Wert ihrer
Arbeitskraft. Sie bekommen in der Regel nur so viel, dass sie sich
arbeitsfähig erhalten können und ihre Kinder zu ernähren vermögen. Was
sie darüber hinaus schaffen, dass bekommen die KapitalistInnen. Das
ist der Mehrwert.
23
2.3.
Notwendige Arbeit und Mehrarbeit
Der Wert einer Ware ist
bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen
Arbeitszeit. Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 16 Schilling
erzeugt. Er/sie hat also in jeder Stunde einen Wert von 2 Schilling
geschaffen. Er/sie bekommt an Lohn 10 Schilling. Das ist der Wert, den
er/sie in fünf Arbeitsstunden geschaffen hat. Den KapitalistInnen
verbleibt der Wert, der in den letzten drei Arbeitsstunden geschaffen
wurde. Der Arbeitstag verteilt sich daher so, dass der/die ArbeiterIn
fünf Stunden für sich gearbeitet hat und drei Stunden für den/die
KapitalistIn.
Wir teilen den Arbeitstag
theoretisch in zwei Teile ein. In den ersten fünf Stunden des
Arbeitstages erzeugt der/die ArbeiterIn den Wert seiner Arbeitskraft.
Diesen Teil des Arbeitstages, in dem der/die ArbeiterIn den Wert der
notwendigen Lebensmittel erzeugt, nenn Marx die „notwendige Arbeit“.
In den nächsten drei Stunden erzeugt der/die ArbeiterIn den Mehrwert.
Diesen Teil des Arbeitstages nennt Marx „die Mehrarbeit“.
Acht Stunden ist die
gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung des
Arbeitsproduktes. Fünf Stunden – das war die Zeit, die notwendig war,
um den Wert der Arbeitskraft zu erzeugen; wichtig ist, dies beiden
Begriffe von notwendiger Arbeitszeit nicht zu verwechseln.
Was bedeutet diese
Erkenntnis? In allen Gesellschaftsordnungen, die Klassencharakter
haben (das heißt, wo ein Klasse über eine andere herrscht und sie
ausbeutet), beruht der Reichtum der Herrschenden darauf, dass sie sich
die Arbeitskraft der Beherrschten aneignen. In welchen Formen das
geschieht, wollen wir nun betrachten.
24
2.4.
Drei Formen der Ausbeutung
1. Die ursprünglichste,
de brutalste Form der Ausbeutung ist die Sklaverei. Die BesitzerInnen
können mit ihren Sklaven und Sklavinnen machen, was sie wollen. Sie
lassen die Sklaven und Sklavinnen für sich arbeiten. Die Sklaven und
Sklavinnen bekommen keinen Lohn. Aber kluge SklavenhalterInnen werden
die Sklaven und Sklavinnen nicht verhungern lassen. Sie werden ihnen
zu essen geben, damit sie arbeitsfähig bleiben. Sie werden vielleicht
auch die Kinder der Sklaven und Sklavinnen aufziehen, um auch in
Zukunft Arbeitskräfte zu haben. Die SklavenhalterInnen werden also den
Sklaven und Sklavinnen so viel geben, wie notwendig ist, um sie
arbeitsfähig zu erhalten. Den BesitzerInnen bleibt das Mehrprodukt.
Das kann sich z.B. so
abspielen: Ein Herr hat Getreide ernten lassen. Davon bleibt ein Teil
weg für Viehfutter und für Saatgut; was übrigbleibt ist der
Reinertrag. Davon muss er aber den Sklaven und Sklavinnen zu essen
geben. Der verbleibende Rest gehört dem Herrn. Bildlich können wir das
so darstellen:
|
Rohertrag der Felder,
die von den SklavInnen bearbeitet werden |
|
| |
|
Mehrprodukt |
Lebensmittel der
SklavInnen |
Saatgut und
Viehfutter |
Wenn wir unsere frühere
Darstellung vom Mehrwert und diese Darstellung vergleichen, so finden
wir, dass sie fast gleich sind. Saatgut und Viehfutter, das entspricht
dem übertragenen Wert. Lebensmittel für die Sklaven und Sklavinnen,
das entspricht dem Wert der Arbeitskraft. Was hier Mehrprodukt ist,
das ist dort Mehrwert. Die Ausbeutung ist hier wie dort zu finden –
nur die Form ist verschieden. Die Sklaven und Sklavinnen sind Eigentum
der BesitzerInnen, die LohnarbeiterInnen hingegen sind freie Menschen.
Sie können ihre Arbeitskraft verkaufen, wem sie wollen. Wenn sie nicht
wollen, brauchen sie auch nicht zu arbeiten. Sie haben die Freiheit –
zu verhungern. Sie sind freie Menschen – sie sind auch „frei“ von
Arbeitsmitteln. Sie müssen daher ihre Arbeitskraft verkaufen. Damit
geraten sie aber in die Abhängigkeit von UnternehmerInnen und werden
ausgebeutet wie einst die Sklaven und Sklavinnen.
2. Die zweite Form der
Ausbeutung ist die Leibeigenschaft. Der Bauer sitzt auf seinen
Feldern. Daneben ist das Feld des Herrn. Was muss der Bauer tun? Er
darf einige Tage auf seinem Feld arbeiten, die anderen Tage arbeitet
er auf dem Fremden. Was er auf seinem Feld erntet, gehört ihm. Auf
diese Weise gewinnt er die notwendigen Lebensmittel für sich und seine
Familie. Die anderen Tage leistet er unbezahlte Arbeit auf dem
Herrengut. Was der leibeigene Bauer dort erarbeitet, davon lebt der
Herr. Die Arbeitswoche des Leibeigenen teilt sich in zwei Teile:
|
Arbeit für sich |
Arbeit für den
Grundherrn |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Der Bauer war leibeigen,
darum musste er für den Herrn arbeiten. Die ArbeiterInnen sind freie
Menschen. Aber auch sie müssen, wie wir gesehen haben, Mehrarbeit
leisten. Wenn wir die Darstellung von der notwendigen Arbeit und
Mehrarbeit mit dieser Darstellung vergleichen, so finden wir keinen
wesentlichen Unterschied. Was hier „Arbeit für sich“ ist, ist bei den
ArbeiterInnen „notwendige Arbeit“; was hier „Arbeit für den Herrn“
heißt, das ist bei den ArbeiterInnen die „Mehrarbeit“. In Wirklichkeit
müssen also die heutigen ArbeiterInnen, die sich gegenüber den
Leibeigenen als freie Menschen dünken, fast ebenso für seine
UnternehmerInnen Mehrarbeit leisten wie einst der leibeigene Bauer für
seinen Gutsherrn. Der Unterschied aber ist, dass zur Zeit der
Leibeigenschaft die Ausbeutung klar sichtbar war – heute ist sie
verschleiert und für viele unsichtbar geworden.
3. Die dritte Form der
Ausbeutung ist die modernen Lohnarbeit. Wie sie sich vollzieht, haben
wir im vorangegangenen Abschnitt dargestellt.
Was uns diese
Untersuchung zeigt, ist folgendes: Die kapitalistische Gesellschaft
kennt keine SklavInnen und keine Leibeigenen mehr, aber sie hat die
Ausbeutung nicht beseitigt, sondern ihr bloß eine andere Form gegeben.
Die LohnarbeiterInnen bekommen immer nur einen Teil ihres
Arbeitsertrages. Sie arbeiten nur einen Teil der Woche für sich, die
übrige Zeit leisten sie Arbeit für die UnternehmerInnen.
Wir haben den bisherigen
Überlegungen die Annahme zugrunde gelegt, dass die UnternehmerInnen
die Waren zu ihrem Wert verkaufen. Damit haben wir die Sachlage
wesentlich vereinfacht; aber so leicht überschaubar liegen die Dinge
im Kapitalismus leider nicht. Der Preis der Ware ist nicht identisch
mit ihrem Wert.
25
2.5.
Mehrwert, Tauschgewinn und Tauschverlust
Angenommen, einE
UnternehmerIn ist in der angenehmen Lage, seine/ihre Ware zu einem
Preis verkaufen zu können, der höher ist als der Wert der Ware. Er/sie
macht in diesem Fall einen Tauschgewinn. Verkauft einE UnternehmerIn
die Ware zu ihrem Wert, so erzielt er/sie nur den Mehrwert. Wenn
er/sie zu einem Preis verkauft, der über dem Wert steht, so erlangt er
über den Mehrwert hinaus auch noch einen Tauschgewinn. In diesem Fall
können wir sagen:
Profit = Mehrwert +
Tauschgewinn
Nehmen wir unser altes
Beispiel: Der übertragene Wert ist 20 Schilling, der neugebildete Wert
ist 16 Schilling. Die Ware hat also einen Wert von 36 Schilling. Wenn
nun einE UnternehmerIn die Ware um 40 Schilling verkauft, so hat
er/sie einen Profit, der sich zusammensetzt aus einem Mehrwert von 6
Schilling und einem Tauschgewinn von 4 Schilling, zusammen also 10
Schilling.
Wenn die Nachfrage sinkt,
so kann es sein, dass einE UnternehmerIn dieselbe Ware um 32 Schilling
verkaufen muss. Das bedeutet, einE UnternehmerIn ist gezwungen, die
Ware unter ihrem Wert zu verkaufen. Er/sie erleidet einen
Tauschverlust von 4 Schilling. Jetzt lautet die Formel:
Profit = Mehrwert –
Tauschverlust
Setzen wir den Fall, ein
Eisenwerk verlauft seine Ware an ein Walzwerk. Der Eisenwerkbesitzer
erleidet einen Tauschverlust, den Gewinn hat daher der
Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne und die Summe der
Tauschverluste muss immer gleich groß sein.
Summe
der
Profite = Summe des Mehrwertverlusts,
den Gewinn hat daher der Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne
und die Summe der Tauschverluste muss immer gleich groß sein.
Summe
der
Profite = Summe des Mehrwerts
Der Profit des/der
einzelnen KapitalistIn muss nicht dem Mehrwert entsprechen, der in
seinem/ihrem Betrieb erzeugt wurde. Das wäre nur der Fall, wenn die
Waren zu ihrem Wert verkauft würden; dies geschieht aber in der Regel
nicht. Die UnternehmerInnen erzielen vielmehr wechselnd Tauschgewinne
und Tauschverluste. Der Profit des/der einzelnen UnternehmerIn ist
nicht nur abhängig vom Mehrwert, der gewonnen wird, sondern auch von
den Tauschgewinnen und Tauschverlusten. Für die gesamte
KapitalistInnenklasse ist der Profit dagegen ausschließlich vom
gewonnenen Mehrwert abhängig. Denn der Gesamtprofit ist gleich dem
Mehrwert, der in den Produktionsstätten erzeugt wird. Der Mehrwert ist
die Beute, die die KapitalistInnen auf Kosten der ArbeiterInnen
erzielen. Der Mehrwert entsteht nicht auf dem Markt, sondern in der
Betriebsstätte, in der Fabrik, am Bauplatz, auf dem Acker, im
Bergwerk, kurz: überall dort, wo einE ArbeiterIn für KapitalistInnen
arbeitet. Auf dem Markt gewinnen die einen und die anderen verlieren.
Aber das ist alles nur Kampf, der um den Mehrwert ausgefochten wird,
der von den ArbeiterInnen geschaffen wurde.
Die UnternehmerInnen, die
schlecht spekuliert haben, sagen dann zu den ArbeiterInnen: „Ihr redet
von Ausbeutung? Schaut doch meine Bücher an, ich verdiene gar nichts.“
Worauf die ArbeiterInnen erwidern können: „Was wir erzeugt haben, war
mehr wert als das, was wir dafür bekamen. Es ist möglich, dass du
nichts verdienst, aber dann hast du eben den Mehrwert am Markt
verloren. Ist der Mehrwert, den wir geschaffen haben, nicht in deiner
Hand, so haben ihn eben andere KapitalistInnen. Für uns ist es gleich,
wer den Mehrwert hat. Tatsache ist, das der KapitalistInnenklasse als
Ganzes der Mehrwert geblieben ist.“
Die UnternehmerInnen
wollen das nicht einsehen und dürfen es nicht einsehen, weil sie sonst
ihre Existenz aufs Spiel setzen. Sie sehen nur den Markt. Sie
anerkennen nur, dass einmal teuerer und einmal billiger verkauft
werden muss; einmal wird ein Tauschgewinn erzielt, einmal ergibt sich
ein Tauschverlust. Und daher, so glauben sie, komme der Profit. Eine
kindliche Vorstellung! Das womit geschachert wird, muss doch vorher
produziert worden sein. Worum die KapitalistInnen handeln und
feilschen, ist der Mehrwert. Dieser Mehrwert allein ist der Gegenstand
der Spekulation.
Beim Kaufen und Verkaufen
allein kann kein Wert entstehen. Der Gewinn der ganzen
KapitalistInnenklasse ist nur aus einer Tatsache zu erklären: aus der
Tatsache, dass sie auf dem Markt einen Ware vorfindet, die die
Eigenschaft hat, mehr an Wert zu produzieren, als sie selbst Wert ist.
Diese Ware ist die Arbeitskraft. Nur die Arbeitskraft erzeugt den
Mehrwert, über dessen Verteilung auf den Märkten gestritten wird.
Der Profit der einzelnen
KapitalistInnen und der Mehrwert, der im einzelnen Betrieb erzeugt
wird, sind zwei verschiedene Dinge. Wenn wir dagegen die
kapitalistische Gesellschaft als Ganzes betrachten, dann fallen Profit
und Mehrwert zusammen. Wir können daher den Profit der gesamten
KapitalistInnenklasse nicht aus Tauschgewinn und Tauschverlust
erklären. Bevor Handel getrieben werden kann, muss die Ware da sein.
Die Schaffung des Mehrwerts geht seinem Verwertungsprozess voran. Die
Quelle des Profits ist aber die menschliche Arbeitskraft.
26
2.6.
Die Mehrwertrate oder Ausbeutungsrate
Wenn wir die Gesellschaft
als Ganzes betrachten, so interessiert uns nur, wie viel die gesamte
KapitalistInnenklasse über den Wert der Arbeitskraft hinaus verdient.
Der Wert, den die ArbeiterInnen schaffen, zerfällt in zwei Teile: in
den Wert der Arbeitskraft und in den Mehrwert. Der Arbeitstag der
ArbeiterInnen zerfällt ebenfalls in zwei Teile: in die notwendige
Arbeit und in die Mehrarbeit.
Wenn wir nun messen
wollen, wie intensiv die ArbeiterInnen ausgebeutet werden, so müssen
wir fragen, was die ArbeiterInnen bekommen und was die KapitalistInnen
erhalten.
Wir müssen also die Menge
der Mehrarbeit vergleichen mit der Menge der notwendigen Arbeit oder
die Größe des Mehrwerts mit der Größe des Wertes der Arbeitskraft. Wir
suchen dazu einen Hilfsbegriff; dieser ist die Mehrwertrate oder die
Ausbeutungsrate. Diese Rate drückt hier ein Verhältnis aus und die
Formel der Mehrwertrate lautet:
Mehrwertrate = Mehrwert :
Wert der Arbeitskraft
oder
Mehrwertrate = Mehrarbeit
: notwendige Arbeit
Wollen wir die
Mehrwertrate in einem Prozentsatz ausdrücken, so verwenden wir die
Formel
(Mehrwert x 100) : Wert
der Arbeitskraft
Bleiben wir bei unserem
früheren Zahlenbeispiel, so kommen wir zu dem Ergebnis:
Mehrwert x 100 : Wert der
Arbeitskraft = 6 x 100 : 10 = 600 : 10 = 60%
Das heißt, der Mehrwert
ist in diesem Fall so groß wie 60 Prozent des Wertes der
Arbeitskraft.
Die Mehrwertrate zeigt
uns das Verhältnis von Mehrwert und dem Wert der Arbeitskraft, sie
zeigt uns also das Maß der Ausbeutung.
27
2.7.
Konstantes und variables Kapital
UnternehmerInnen brauchen
zur Führung ihrer Betriebe Kapital. Sie müssen einerseits die
Arbeitskraft und andererseits die Roh- und Hilfsstoffe kaufen. Diese
Käufe haben verschiedenen Sinn. Wenn die KapitalistInnen die
Arbeitskraft kaufen, so wächst dadurch sein Kapital, weil die
Arbeitskraft, wie wir bereits wissen, die Eigenschaft hat, mehr an
Wert zu produzieren, als sie selbst wert ist. Die UnternehmerInnen
kaufen aber auch Rohstoffe. Wie steht es mit diesem Kapital? Diese
Kapital bekommen sie in der Regel beim Verkauf der Ware wieder zurück;
es bleibt seinem Umfang nach unverändert.
Das Kapital der
UnternehmerInnen teilt sich in zwei verschiedene Bestandteile. Der
Teil, der zum Kauf der Arbeitskraft verwendet wird, bringt den
Mehrwert hervor; den anderen Teil, den sie zum Kauf der Rohstoffe
verwenden, bekommen sie unvermehrt zurück. Wir unterscheiden demnach:
konstantes Kapital (beständig) sowie variables Kapital
(veränderlich).
Das für Rohstoffe und die
sonstigen Betriebsmittel ausgegebene Kapital bleibt konstant. Das
Kapital, das für die Arbeitskraft ausgegeben wird, vergrößert sich, es
ist variabel. Das variable Kapital könnten wir auch Lohnkapital
nennen. Das konstante Kapital könnten wir als Sachkapital bezeichnen.
Diese Unterscheidung ist vom Standpunkt der Werttheorie aus gesehen
und nicht mit der in der Betriebswirtschaft üblichen Unterscheidung in
fixes und zirkulierendes Kapital zu verwechseln.
Das variable Kapital ist
der Teil, der verwendet wird, um die Ware Arbeitskraft zu kaufen, die
allein die Eigenschaft hat, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst wert
ist.
Das Verhältnis zwischen
konstantem und variablem Kapital ist sehr verschieden. Es gibt
Industriezweige mit vielem konstanten und wenigem variablen Kapital
und umgekehrt. Hüttenwerke werden viel konstantes Kapital brauchen.
Dienstleistungsbetriebe brauchen verhältnismäßig wenig konstantes
Kapital und viel variables Kapital. Die UnternehmerInnen sprechen da
von einer hohen Lohnquote.
Das Verhältnis zwischen
konstantem und variablem Kapital nennen wir nach Marx organische
Zusammensetzung des Kapitals. Die Formel zur Errechnung der
organischen Zusammensetzung lautet:
|
konstantes Kapital |
|
Sachkapital |
|
---------------------------- |
oder |
------------------ |
|
variables Kapital |
|
Lohnkapital |
Soll die organische
Zusammensetzung des Kapitals in einem Prozentsatz erfasst werden, so
ist folgende Formel zu verwenden:
|
Sachkapital x 100 |
|
---------------------------- |
|
Lohnkapital |
|
Sachkapital x 100 |
|
20 x 100 |
|
|
--------------------------- |
= |
-------------- |
= 2000 : 10 = 200% |
|
Lohnkapital |
|
10 |
|
Die organische
Zusammensetzung beträgt in unserem Beispiel 200 Prozent.
Marx spricht viel von
dieser organischen Zusammensetzung und misst der Unterscheidung der
beiden Kapitalteile größte Bedeutung bei. Er sieht beide Teile als
eigene Organe an.
Die technische
Ausgestaltung der industriellen Betriebe wächst ständig; das bedeutet,
dass das konstante Kapital schneller zunimmt als das variable. Jeder
technische Fortschritt besteht darin, dass lebendige menschliche
Arbeitskraft durch Sachkapital verdrängt wird.
Denken wir an die
Textilindustrie. Früher saßen unzählige Menschen an den Spinnrädern.
Das konstante Kapital spielte eine untergeordnete Rolle. Nun haben wir
die Spinnmaschinen, wodurch viel weniger ArbeiterInnen gebraucht
werden. Das bedeutet, es gibt heute mehr Sachkapital und weniger
Lohnkapital. Die Entwicklung geht dahin, den Anteil des Lohnkapitals
zurückzudrängen. Der technische Fortschritt erzwingt eine immer höhere
organische Zusammensetzung des Kapitals.
28
2.8.
Unterschiede von Mehrwertrate und Profitrate
Die Mehrwertrate ist das
Verhältnis zwischen Mehrwert und Arbeitslohn. Die Profitrate ist das
Verhältnis des Mehrwertes zum aufgewendeten Kapital. Die beiden
Formeln unterscheiden sich wie folgt:
|
|
|
Mehrwert |
|
Mehrwertrate |
= |
------------------------ |
|
|
|
variables Kapital |
|
|
|
Mehrwert |
|
Profitrate |
= |
--------------------------------------- |
|
|
|
konstantes +
variables Kapital |
Wenn wir die beiden
Größen in Prozenten ausdrücken wollen, so müssen wir den Mehrwert mit
100 multiplizieren.
|
|
|
Mehrwert x 100 |
|
6 x 100 |
|
|
Mehrwertrate |
= |
---------------------- |
= |
------------- |
= 600 : 10 = 60% |
|
|
|
var. Kapital |
|
10 |
|
|
|
|
Mehrwert x 100 |
|
6 x 100 |
|
|
Profitrate |
= |
----------------------- |
= |
------------ |
= 600 : 30 = 20% |
|
|
|
Konst. + var. Kap. |
|
20 + 10 |
|
Die Mehrwertrate beträgt
in unserem Beispiel also 60 Prozent, die Profitrate 20 Prozent.
29
2.9.
Absoluter und relativer Mehrwert
Wir haben den Arbeitstag
in zwei Teile geteilt: in die notwendige Arbeit und die Mehrarbeit.
|
notwendige Arbeit: |
Mehrarbeit: |
|
5 Stunden |
3 Stunden |
Die KapitalistInnen haben
das Bestreben, die Mehrarbeit zu verlängern. In welcher Weise kann das
geschehen?
|