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Politische Ökonomie II - Die Arbeit

 

1. Einfache Warenproduktion

1.1. Der Begriff der Ware

1.2. Arbeitsteilung durch Warentausch

1.3. Ausgleichstendenz in der einfachen Warenproduktion

1.4. Der Wert

1.5. Das Geld

1.6. Die gesellschaftliche Arbeitszeit

1.7. Übertragender Wert und neugebildeter Wert

1.8. Die Summe der Preise und die Summe der Waren

 

2. Die kapitalistische Warenproduktion

2.1. Wert der Arbeitskraft

2.2. Der Mehrwert

2.3. Notwendige Arbeit und Mehrarbeit

2.4. Drei Formen der Ausbeutung

2.5. Mehrwert, Tauschgewinn und Tauschverlust

2.6. Die Mehrwertrate

2.7. Konstantes und variables Kapital

2.8. Mehrwertrate und Profitrate

2.9. Absoluter und relativer Mehrwert

2.10. Der Klassenkampf - ein Kampf um den Mehrwert

 

3. Wert und Preis in der kapitalistischen Gesellschaft

3.1. Wert und Preis bei gleicher Mehrwertrate, aber verschiedener organischer Zusammensetzung des Kapitals

3.2. Wert und Preis bei gleicher organischer Zusammensetzung des Kapitals, aber verschiedener Mehrwertrate

3.3. Die Aufteilung des Mehrwerts

 

4. Die Akkumulation des Kapitals

4.1. Die kapitalistische Akkumulation

4.2. Die Akkumulationsrate

4.3. Überakkumulation und Unterakkumulation

4.4. Akkumulation und Fortschritt zu höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals

4.5. Wirkung der höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals auf die Mehrwertrate

4.6. Höhere organische Zusammensetzung des Kapitals und Mehrarbeit

 

5. Die Konjunktur

5.1. Der industrielle Zyklus

5.2. Ursachen der Prosperität

5.3. Ursachen der Krise

 

6. Die Steuern

6.1. Arten der Steuern

6.2. Die Wirkung der Steuern auf die Mehrwertrate

6.3. Der Einfluss der Steuern auf den Arbeitslohn

6.4. Die Steuern und die Akkumulation des Kapitals

 

7. Der Imperialismus

7.1. Die Wurzeln des Imperialismus

7.2. Der monopolistische Kapitalismus

7.3. Der staatsmonopolistische Kapitalismus

 

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1. Einfache Warenproduktion

1.1. Der Begriff der Ware 

In früheren Zeiten haben sich die Menschen alles, was sie für ihren Unterhalt brauchten, selbst hergestellt. Sie haben selbst den Acker bestellt, haben selbst gesponnen und gewebt. Was sie nicht selbst erzeugen konnten, wurde von den Handwerkern gemacht, die ins Haus kamen. Was erzeugt wurde, war nicht für den Verkauf bestimmt, sondern wurde im Hause verbraucht. Doch waren der Selbstversorgung Schranken gezogen, weil Salz, Gewürze und Metallwaren gekauft werden mussten. Im großen gesehen, kann aber gesagt werden, dass die "geschlossene Hauswirtschaft" imstande war, weitgehend die Bedürfnisse durch eigene Erzeugung zu befriedigen.

Im Gegensatz dazu steht die Produktion für den Markt. Die Produktion für den Markt nennen wir Warenproduktion. Ware nennen wir nur einen Gebrauchsgegenstand, der zum Zwecke des Verkaufs erzeugt wird. Das Getreide, das der Bauer verbraucht, ist keine Ware. In älteren Zeiten waren die meisten erzeugten Güter keine Ware; heute sind die meisten Güter Waren, weil sie für den Markt produziert werden.

Die städtische Bevölkerung erzeugt Waren. Die ArbeiterInnen in den Fabriken erzeugen nicht unmittelbar für den eigenen Bedarf. Auch die kleinen HandwerksmeisterInnen stellen Waren her. Die SchneiderInnen und SchuhmacherInnen produzieren Kleider und Schuhe zum Verkaufen. Auch in der Landwirtschaft dominiert heute die Warenproduktion. Das Futter wird der Landwirt selber verfüttern, aber einen großen Teil des Getreides, der produzierten Milch etc. wird er verkaufen. 

Wir können zwei Formen der menschlichen Wirtschaft unterscheiden: die Produktion für den eigenen Bedarf und die Produktion für den Markt, die Warenproduktion. Innerhalb der Warenproduktion ist wieder zwischen einfacher und kapitalistischer Warenproduktion zu unterscheiden; die einfache Warenproduktion unterscheidet sich von der kapitalistischen dadurch, dass hier die EigentümerInnen der Arbeitsmittel gleichzeitig die manuelle Arbeit leistet.

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1.2. Arbeitsteilung und Warentausch

In der Produktion für den eigenen Bedarf erzeugt der Mensch alles, wessen er bedarf, selber. In der Warenproduktion macht jeder nur eine bestimmte Ware.

Das Wesentliche an der Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Die einzelnen Arbeiten sind auf die einzelnen Menschen aufgeteilt. Die Grundlage der handwerksmäßigen Warenproduktion ist die Arbeitsteilung. Am wenigsten Arbeitsteilung ist in der geschlossenen Hauswirtschaft anzutreffen. Aber auch hier werden gewisse Arbeiten von den Männern und gewisse Arbeiten von den Frauen gemacht. Wenn wir in die Urzeit zurückgehen, so sehen wir, dass der Feldbau zuerst eine Sache der Frauen war, während die Männer mit Jagd, Fischfang und Viehzucht beschäftigt waren. 

Die erste Arbeitsteilung war die Arbeitsteilung von Mann und Frau. In der Folgezeit bildete sich die Arbeitsteilung weiter aus: das Landvolk erzeugte die Nahrungsmittel, die die Stadt brauchte; die Stadt erzeugte dafür die gewerblichen Gegenstände wie Werkzeuge, Kleider, Kochgeschirr usw. Wir sehen hier die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land. Innerhalb der Stadt entstand die Arbeitsteilung zwischen den Gewerben; später innerhalb des Gewerbe selbst im Rahmen eines Unternehmens: die Manufaktur. 

Wir wollen uns jetzt die einfache Warenproduktion ansehen. In der einfachen Warenproduktion sind die Produkte Waren und werden verkauft. 

Halten wir uns an ein Beispiel: Ein Schuster verkauft seine Schuhe; er nimmt die Ware, verkauft sie gegen Geld und kauft sich dafür die Waren, die er braucht. Dafür gilt die Formel: 

W - G - W

Das Geld spielt hier die Rolle der Vermittlung. Die Vermittlung der Waren erfolgt durch Tausch. Der Tausch wird erleichtert durch das Geld. 

Eine Verteilung der Produkte muss in einer handwerksmäßigen Warenproduktion durch fortwährenden Tausch geschehen. Zwischen die Waren tritt als Hilfsmittel das Geld; es wäre kompliziert, die Waren direkt gegeneinander zu tauschen. Alle ArbeiterInnen arbeiten für die Gesamtheit; jeder bekommt für seine Leistung von der Gesamtheit etwas. Der einzelne lebt von Dingen, die andere erzeugt haben. Der Schumacher leidet sich in Tuch, das die Tuchmacherin produziert hat; er ernährt sich vom Getreide, das der Bauer anbaute usw. Seine Leistung für die Gesellschaft ist, dass er ein bestimmtet Gut für sie erzeugt. 

Die Frage ist nun: Was leistet der einzelne Mensch für die Gesellschaft und was bekommt er dafür? Er leistet für die Gesellschaft Arbeit. Er bekommt dafür von der Gesellschaft das Getreide des Bauern, das Tuch der Tuchmacherin usw. Der eine tauscht seine Arbeitsprodukte gegen die Produkte des anderen. Wie geht es bei diesem Tausch zu? Das soll uns ein Beispiel lehren: Ein Schuhmacher hat ein Paar Schuhe erzeugt. Er tauscht sie aus und bekommt dafür Tuch. Der Schuhmacher hat zur Herstellung der Schuhe 20 Stunden gearbeitet. Zur Herstellung des Tuches waren, so nehmen wir an, 16 Stunden notwendig. Das würde bedeuten, dass der Schuhmacher bei diesem Tausch einen Schaden von vier Arbeitsstunden erlitten hat. Er hat für die Gesellschaft 20 Arbeitsstunden geleistet und bekommt dafür ein Arbeitsprodukt, in dem nur 16 Arbeitsstunden stecken. 

Unsere Tuchmacherin hingegen hat ein Arbeitsprodukt von 16 Stunden hingegeben und sie bekommt dafür ein Produkt, worin 20 Arbeitsstunden stecken. Sie hat beim Tausch vier Arbeitsstunden gewonnen. 

Es kann also beim Tausch geschehen, dass ein Produzent Produkte eintauscht, zu deren Herstellung mehr oder weniger Arbeitsstunden notwendig waren als zur Erzeugung seinen Produktes. In unserem Fall erleidet der Schuhmacher einen Verlust von vier Arbeitsstunden. Wir nennen das einen Tauschverlust. Die Tuchmacherin hat einen Gewinn von vier Arbeitsstunden. Wir nennen das einen Tauschgewinn. Festzuhalten ist: Was der eine Mensch verliert, das muss ein anderer gewinnen, so dass sich das aufhebt. 

Wie wäre es jetzt, wenn kein Mensch einen Tauschgewinn und keiner einen Tauschverlust hätte? Da müsste für ein Arbeitsprodukt, worin 16 Arbeitsstunden stecken, ein Arbeitsprodukt von gleichfalls 16 Stunden getauscht werden. Ist ein solcher Zustand möglich? Sehen wir uns wieder unser Beispiel an.

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1.3. Ausgleichstendenz in der einfachen Warenproduktion 

Wenn in einem Produktionszweig Tauschgewinne erzielt werden, werden diesem Zweig Menschen zuströmen. Dort, wo die Tauschverluste sind, wir eher ein Ausscheiden von ProduzentInnen zu bemerken sein. Oder mit anderen Worten: Wo die Tauschgewinne sind, wird sich auch das Angebot erhöhen, die Preise werden sinken, die Tauschgewinne werden kleiner werden und schließlich verschwinden. Umgekehrt dort, wo Tauschverluste sind, wird das Angebot sinken, die Preise werden steigen, der Tauschverlust wird geringer werden und schließlich verschwinden. Wir können uns das in Schlagworten ausgedrückt so vorstellen: 

Schuhmacher

Tuchmacherin

 

 

Im Produkt stecken 20 Stunden

Im Produkt stecken 16 Stunden

Tauschverlust

Tauschgewinn

Abnahme der Zahl der MeisterInnen

Zuströmen von Arbeitskräften

Angebot an Schuhen fällt

Angebot an Tuch steigt

Preise steigen

Preise sinken

Tauschverlust wird verschwinden

Tauschgewinn wird verschwinden

Das Ergebnis dieser Entwicklung wird sein, dass der Schuhmacher für sein Produkt, worin 20 Arbeitsstunden stecken, ein Produkt eintauschen kann, worin ebenso viele Arbeitsstunden enthalten sind. Wir können daher den allgemeinen Satz aufstellen: In der einfachen, d.h. handwerksmäßigen Produktion besteht die Tendenz zur Verteilung der Arbeit in den einzelnen Produktionszweigen in einem solchen Verhältnis, dass Waren gegeneinander getauscht werden, zu deren Herstellung gleich viel Arbeit notwendig ist. Es besteht also die Tendenz, Tauschgewinn und Tauschverlust verschwinden zu machen. In der kapitalistischen Gesellschaft besteht die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten.

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1.4. Der Wert 

Die Warenpreise sind auch unter den Bedingungen der handwerklichen Produktion bald höher, bald niedriger gewesen. Der Marktpreis schwankte, je nach Angebot und Nachfrage. Es bestand aber die Tendenz zum Ausgleich an einem Marktpreis, der den Austausch der Waren zu Relationen sicherte, die den aufgewendeten Arbeitsleistungen entsprachen. Es besteht die Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an einen Preis, der bestimmt ist durch die Menge Arbeit, die darin steckt. Es besteht die Tendenz, dass Waren, zu deren Herstellung die gleiche Arbeit notwendig ist, auch gleiche Preise erzielen. 

Diesen Mittelpreis nun, an dem sich die Warenpreise in der handwerksmäßigen Produktion anzugleichen suchen, diesen Preis nennen wir den Wert der Waren. 

Wir können also sagen: 

1. Unter dem Wert der Waren verstehen wir jenen Preis, bei welchem der/die VerkäuferIn weder einen Tauschgewinn hat noch einen Tauschverlust erleidet, sondern in der Lage ist, das Produkt seiner Arbeit auszutauschen gegen andere Arbeitsprodukte, zu deren Herstellung gleich viel Arbeit notwendig war.

2. In der einfachen Wareproduktion besteht tatsächlich die Tendenz zur Angleichung der Preise an diesen Wert der Waren. 

Zu beachten ist: In der kapitalistischen Wirtschaft gleicht sich der Marktpreis an den Produktionspreis an, nicht an den Wert.

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1.5. Das Geld 

Wir drücken die Preise in Geld aus. Was ist das Geld? Das Geld war zunächst ein bestimmtes Metall. Wie der Name schon sagt, wird "Geld" von "Gold" abgeleitet. Wir benützen heute auch Papier als Geld, aber dieses Papier ist in Wirklichkeit nur eine Anweisung aus Gold. 

Der Wert der Banknote beruht darauf, dass die Notenbank verpflichtet ist, den Kurs der Banknote so zu halten, dass die Banknoten immer den Wert in Gold haben, auf den sie lauten. Die Banknote ist eine Anweisung auf Gold; für die Silber- und Nickelmünze gilt dasselbe. Es ist sichergestellt, dass es möglich ist, für die Münzen Gold zu bekommen. Die Goldmünzen selbst sind nichts anderes als eine Gewichtseinheit in Gold. Geld ist zunächst Gold oder Anweisung auf Gold. 

Wir messen den Wert unseres Geldes immer, indem wir fragen: Wie viel Dollar oder Franken ist es Wert? Das heißt, wie viel Gold ist es wert? Gold ist aber eine Ware, die genau so durch Arbeit hervorgebracht werden muss, wie jede andere Ware. 

Nehmen wir an, die Tuchmacherin verkauft eine Ware. Sie bekommt dafür Geld; dieses Geld kann Gold sein oder eine Anweisung auf Gold. Sie tauscht also ein Tuch aus gegen Gold. Wie viele Arbeitsstunden waren notwendig, um dieses Gold hervorzubringen, das sie für das Tuch bekommen hat? Zur Herstellung des Tuches waren 20 Arbeitsstunden notwendig. Stellte das Gold weniger Arbeitsstunden dar, so hat die Tuchmacherin einen Tauschverlust. Bekommt sie aber für das Tuch, worin 20 Arbeitsstunden stecken, eine Goldmenge, worin 24 Arbeitsstunden enthalten sind, so hat sie einen Tauschgewinn.

Wir sehen, es ist wie beim Austausch anderer Waren. Auch hier können Tauschverluste und Tauschgewinne auftreten. Der Wert der Ware ist aber jener Preis, bei dem weder Tauschverluste noch Tauschgewinne auftreten. Was ist also der Wer? Eine Goldmenge zu deren Hervorbringung ebensoviel Arbeitsstunden notwendig sind wie zur Herstellung der Ware. 

Ein Beispiel: Wir haben Tuch, zu dessen Verfertigung 20 Stunden notwendig waren. Wir haben Goldstücke, in denen fünf Arbeitsstunden stecken. Wie viele Goldstücke ist dieses Tuch wert? Die Arbeitszeit, die notwendig war zur Herstellung der Ware, wird dividiert durch die Arbeitszeit, die in der Goldeinheit steckt. 

Der Wert des Tuchs = 20 Arbeitsstunden : 5 Arbeitsstunden = 4 Goldstücke 

Wert = Arbeitszeit zur Herstellung der Ware : Arbeitszeit zur Herstellung der Goldeinheit 

In einer handwerksmäßigen Warenproduktion werden die Preise der Waren die Tendenz haben, sich den Werten der Waren anzugleichen. Der Wert der einzelnen Ware wird bestimmt durch die Arbeitszeit, die zur Herstellung der Ware notwendig war.

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1.6. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit

Wir sprachen bis jetzt von der Arbeitszeit. Es kann dabei aber nicht darauf ankommen, wie viel der/die einzelne ArbeiterIn an Arbeitszeit braucht, sondern darauf, was an Arbeitszeit im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig ist. Die Gesellschaft braucht Kleiderstoffe. Sie muss bei der Erzeugung fleißige und faule TuchweberInnen beschäftigen; solche mit alten und solche mit neuen Webstühlen. Der Wert der Ware kann nicht von der individuellen Arbeitszeit abhängen, sondern dieser Wert kann nur bestimmt sein durch die gesellschaftlich notwendige durchschnittliche Arbeitszeit. Wir müssen daher eine Korrektur unserer früheren Formel vornehmen: 

Wert = gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung der Ware : gesell. notw. Arbeitszeit z. Herstellg. d. Goldeinheit

Es kann nicht auf die Arbeitszeit schlechthin ankommen, sondern auf die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Der Wert der einzelnen Waren ist also bestimmt durch die durchschnittlich zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

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1.7. Übertragener Wert und neugebildeter Wert 

Nehmen wir den Schuhmacher: Der Wert der Schuhe, die er erzeugt, ist bestimmt durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Er braucht dazu Leder und Werkzeuge. Dazu kommt sein Arbeitslohn. Der Wert der Schuhe muss daher bestimmt sein durch die Arbeit, die im Leder steckt und durch die Arbeit, die der Schuhmacher zur Herstellung der Schuhe aufwendet. Wenn z.B. 100 Arbeitsstunden im Leder stecken und 80 Arbeitsstunden notwendig sind zur Herstellung der Schuhe, so sind die fertigen Schuhe 180 Arbeitsstunden wert. In den Schuhen stecken zweierlei Werte: 

1. Der Wert, den die Arbeitsmittel haben - darunter verstehen wir Rohstoffe, Hilfsstoffe, Werkzeuge, Amortisation der Werkstätte usw.; er wird auf das Arbeitsprodukt übertragen.

2. Der neugebildete Wert, das ist der Wert der zur Herstellung der Schuhe notwendigen Arbeit.

Der Wert der Ware = übertragener Wert + neugebildeter Wert

Den übertragenen Wert hat der Schuhmacher nicht geschaffen. Der übertragenen Wert wird bestimmt durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zur Herstellung dieser Arbeitsmittel - im weitesten Sinne - gebraucht wird.

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1.8. Summe der Preise = Summe der Werte 

In der handwerksmäßigen Warenproduktion besteht die Tendenz zur Angleichung der Marktpreise an den Wert. Die Preise der einzelnen Waren sind aber trotzdem vom Wert verschieden. Die Summe der Preise aller Waren kann aber nicht kleiner sein als der Wert aller dieser Waren. Die Summer der Preise in der ganzen Gesellschaft muss gleich sein der Summer der Werte, weil die Tauschgewinne und Tauschverluste sich aufheben müssen. Was der eine Mensch verliert, muss der andere gewinnen. Das gilt auch für die kapitalistische Warenproduktion. 

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2. Die kapitalistische Warenproduktion

2.1. Wert der Arbeitskraft 

Wodurch unterscheidet sich die kapitalistische von der einfachen Warenproduktion? Die kapitalistische Warenproduktion ist vor allem durch die Trennung der Arbeitskraft von den EigentümerInnen der Arbeitsmittel charakterisiert. Für sie ist wesentlich, dass einE UnternehmerIn da ist, dem/der die Arbeitsmittel gehören. Diese UnternehmerInnen kaufen (als Ware) die Arbeitskraft der ArbeiterInnen. 

Wir stoßen damit auf eine neue Ware, auf die Ware Arbeitskraft. Der Wert einer Ware - sagten wir - hängt ab von der zu ihrer Herstellung notwendigen Arbeitszeit. 

Kann dieser Satz auch auf die tägliche Arbeitszeit Anwendung finden? Die Arbeitskraft wird täglich neu hergestellt durch Nahrung, die dem Körper zugeführt wird. Wir müssen hier das Wort Nahrung im weitesten Sinne betrachten. Unter "Nahrung" verstehen wir hier auch Kleidung, Wohnung und Ausgaben für die Erhaltung der Familie. Die alten absterbenden Arbeitskräfte müssen durch neue ersetzt werden. Zur ständigen Reproduktion (Wiederherstellung) der Arbeitskraft gehört auch, dass die ArbeiterInnenklasse in der Lage ist, Kinder aufzuziehen. 

Damit die ArbeiterInnen arbeitsfähig bleiben und um ihre Kinder aufzuziehen zu können, bis sie selbst arbeitsfähig werden, müssen sie so viel Lohn bekommen, dass sie sich eine bestimmte Menge Lebensmittel - im weitesten Sinne - kaufen können. Zur Herstellung dieser Lebensmittel ist eine bestimmte Arbeitszeit gesellschaftlich notwendig. Der Wert der Arbeitskraft ist nun bestimmt durch diese Arbeitszeit. Dabei ist zu beachten, dass der Wert der Arbeitskraft nicht der Lohn ist. Der Lohn ist der Preis der Ware Arbeitskraft. 

Bekommen die ArbeiterInnen einen so niedrigen Lohn, dass sie nicht einmal die notwendigen Lebensmittel für sich und ihre Familien kaufen können, dann steht der Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft. Das wird sich darin äußern, dass mit den Körpern der ArbeiterInnen Raubbau betrieben wird. Große Kindersterblichkeit deutet darauf hin, dass der Lohn der ArbeiterInnen nicht ausreicht, die Kinder aufzuziehen, dass also der Lohn unter dem Wert der Arbeitskraft steht. 

Vom Wert der Arbeitskraft zu sprechen, ist keine so einfache Sache. Der Wert der Arbeitskraft ist bestimmt durch die Arbeitszeit, die gesellschaftlich dafür notwendig ist, um sie wiederherzustellen - also zur Anschaffung der notwendigen Lebensmittel. Aber was notwendige Lebensmittel sind, ist nicht leicht zu ermitteln. Ein Mensch, der Schwerarbeit leistet, muss mehr essen, als der Mensch, der am Schreibtisch sitzt. Die notwendigen Lebensmittel sind nach der Beschaffenheit der Arbeit verschieden. Weiters gibt es gelernte und ungelernte ArbeiterInnen. Zur "Wiederherstellung" der gelernten Arbeit gehört auch, dass  gelernte Arbeitskraft produziert wird. Sie wird nur produziert, wenn die ArbeiterInnen ihre Kindern etwas lernen lassen können. Es muss also auch die Lehrzeit vergütet werden. Sie wird in Form höherer Löhne bezahlt, wenn die ArbeiterInnen ihre Kinder wieder etwas lernen lassen können. Es wird in Form höherer Löhne bezahlt, die die qualifizierten ArbeiterInnen bekommen müssen. Die Arbeitszeit, die notwendig ist, um die qualifizierte Arbeitskraft zu reproduzieren, ist größer als die Arbeitszeit, die notwendig ist zur Reproduktion der ungelernten Arbeitskraft. Daraus folgt, dass der Wert der unqualifizierten Arbeitskraft größer ist als der Wert der unqualifizierten Arbeitskraft. 

Der Umfang der "notwendigen Lebensmittel" wird somit beeinflusst durch: 1. die Beschaffenheit der Arbeit (Schwerarbeit oder leichte Arbeit); 2. die Qualifikation der Arbeit. Wir sprechen hier vom Wert der Arbeitskraft - nicht von ihrem Preis. Es kann sein, dass zeitweise schwere körperliche Arbeit schlechter bezahlt wird als leichte Arbeit; entweder weil die gewerkschaftliche Organisation versagt oder weil das Angebot größer ist. 

Wir wiederholen: Der Wert der Arbeitskraft wird genau so bestimmt wie der Wert jeder anderen Ware. Die Arbeitskraft muss ständig reproduziert werden. Die ArbeiterInnen brauchen dazu die notwendigen Lebensmittel im weitesten Sinn. Die Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendig ist zur Herstellung dieser Lebensmittel, bestimmt den Wert der Arbeitskraft.

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2.2. Der Mehrwert

Wir wollen einmal annehmen, dass die KapitalistInnen ihre Waren zu ihrem Wert verkaufen. Unter dieser Voraussetzung wollen wir die kapitalistische Produktion betrachten. EinE KapitalistIn kauft die Arbeitskraft. Was bezahlt er dafür? Er muss den ArbeiterInnen mindestens so viel zahlen, dass sie sich die notwendigen Lebensmittel kaufen können. Wir nehmen an, dass die ArbeiterInnen den Wert ihrer Arbeitkraft bekommen. Sagen wir, dieser Wert beträgt bei einem/einer einzelnen ArbeiterIn 10 Schilling. Außer der Arbeitskraft braucht der/die KapitalistIn noch Arbeitsmittel im weitesten Sinne: Wenn der/die ArbeiterIn einen Tag arbeitet, so verbraucht er/sie Rohstoffe und nützt Werkzeuge ab. Dieser Wert der Arbeitsmittel muss auf das Produkt übertragen werden. Wir wollen annehmen, dass der Wert der Arbeitsmittel 20 Schilling beträgt. Es ergibt sich folgende Rechnung: 

Wert der Arbeitsmittel, 20 S (übertragener Wert) + Wert der Arbeitskraft, 10 S (neugeschaffener Wert) = 30 S

Der/die ArbeiterIn hat nun einen Tag gearbeitet und am Abend ist das Produkt fertig. Was wird nun dieses Produkt wert sein? 30 Schilling? Dann hätte ja das Ganze für den/die KapitalistIn keinen Sinn gehabt. Nehmen wir daher an, der Wert des Arbeitsproduktes sei 36 Schilling. Was ist da geschehen? Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 20 Schilling auf das fertige Produkt übertragen. 16 Schilling hat er durch seine Arbeit hinzugefügt. Diese 16 Schilling, das ist der Wert, den der/die ArbeiterIn in 8 Stunden seiner/ihrer Arbeit geschaffen hat. Der/die ArbeiterIn hat ja aus dem Rohstoff, der 20 Schilling wert ist, eine Ware geschaffen, die 36 Schilling wert ist. Der/die ArbeiterIn hat aber nur 10 Schilling bekommen. Der neugebildete Wert ist um 6 Schilling größer als der Lohn des Arbeiters oder der Arbeiterin. Dem/der UnternehmerIn bleiben 6 Schilling. Diese Rechnung lautet daher nun: 

20 S (Wert der Arbeitmittel) +

10 S (Wert der Arbeitskraft) +

6 S (Mehrwert)

------------------------------------------

= 36 S (Wert des Arbeitsproduktes)

Die ArbeiterInnen produzieren, indem sie erstens den Wert, der schon in den Arbeitsmitteln enthalten ist, auf das Produkt übertragen, zweitens darüber hinaus schaffen sie neuen Wert, denn das fertige Arbeitsprodukt muss mehr wer sein als die in ihm verkörperten Arbeitsmittel. In unserem Fall schafft der/die ArbeiterIn einen neuen Wert von 16 Schilling. Aber er/sie selber bekommt niemals soviel, wie er/sie schafft, sonst würde ja für die KapitalistInnen nichts übrig bleiben. 

Was die ArbeiterInnen bekommen, ist nicht der Wert, den sie schaffen, sondern der Wert ihrer Arbeitskraft. Sie bekommen in der Regel nur so viel, dass sie sich arbeitsfähig erhalten können und ihre Kinder zu ernähren vermögen. Was sie darüber hinaus schaffen, dass bekommen die KapitalistInnen. Das ist der Mehrwert.

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2.3. Notwendige Arbeit und Mehrarbeit 

Der Wert einer Ware ist bestimmt durch die zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Der/die ArbeiterIn hat einen Wert von 16 Schilling erzeugt. Er/sie hat also in jeder Stunde einen Wert von 2 Schilling geschaffen. Er/sie bekommt an Lohn 10 Schilling. Das ist der Wert, den er/sie in fünf Arbeitsstunden geschaffen hat. Den KapitalistInnen verbleibt der Wert, der in den letzten drei Arbeitsstunden geschaffen wurde. Der Arbeitstag verteilt sich daher so, dass der/die ArbeiterIn fünf Stunden für sich gearbeitet hat und drei Stunden für den/die KapitalistIn. 

Wir teilen den Arbeitstag theoretisch in zwei Teile ein. In den ersten fünf Stunden des Arbeitstages erzeugt der/die ArbeiterIn den Wert seiner Arbeitskraft. Diesen Teil des Arbeitstages, in dem der/die ArbeiterIn den Wert der notwendigen Lebensmittel erzeugt, nenn Marx die "notwendige Arbeit". In den nächsten drei Stunden erzeugt der/die ArbeiterIn den Mehrwert. Diesen Teil des Arbeitstages nennt Marx "die Mehrarbeit". 

Acht Stunden ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zur Herstellung des Arbeitsproduktes. Fünf Stunden - das war die Zeit, die notwendig war, um den Wert der Arbeitskraft zu erzeugen; wichtig ist, dies beiden Begriffe von notwendiger Arbeitszeit nicht zu verwechseln. 

Was bedeutet diese Erkenntnis? In allen Gesellschaftsordnungen, die Klassencharakter haben (das heißt, wo ein Klasse über eine andere herrscht und sie ausbeutet), beruht der Reichtum der Herrschenden darauf, dass sie sich die Arbeitskraft der Beherrschten aneignen. In welchen Formen das geschieht, wollen wir nun betrachten.

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2.4. Drei Formen der Ausbeutung

1. Die ursprünglichste, de brutalste Form der Ausbeutung ist die Sklaverei. Die BesitzerInnen können mit ihren Sklaven und Sklavinnen machen, was sie wollen. Sie lassen die Sklaven und Sklavinnen für sich arbeiten. Die Sklaven und Sklavinnen bekommen keinen Lohn. Aber kluge SklavenhalterInnen werden die Sklaven und Sklavinnen nicht verhungern lassen. Sie werden ihnen zu essen geben, damit sie arbeitsfähig bleiben. Sie werden vielleicht auch die Kinder der Sklaven und Sklavinnen aufziehen, um auch in Zukunft Arbeitskräfte zu haben. Die SklavenhalterInnen werden also den Sklaven und Sklavinnen so viel geben, wie notwendig ist, um sie arbeitsfähig zu erhalten. Den BesitzerInnen bleibt das Mehrprodukt. 

Das kann sich z.B. so abspielen: Ein Herr hat Getreide ernten lassen. Davon bleibt ein Teil weg für Viehfutter und für Saatgut; was übrigbleibt ist der Reinertrag. Davon muss er aber den Sklaven und Sklavinnen zu essen geben. Der verbleibende Rest gehört dem Herrn. Bildlich können wir das so darstellen: 

Rohertrag der Felder, die von den SklavInnen bearbeitet werden

|                                                |                                                 |

Mehrprodukt

Lebensmittel der SklavInnen

Saatgut und Viehfutter

Wenn wir unsere frühere Darstellung vom Mehrwert und diese Darstellung vergleichen, so finden wir, dass sie fast gleich sind. Saatgut und Viehfutter, das entspricht dem übertragenen Wert. Lebensmittel für die Sklaven und Sklavinnen, das entspricht dem Wert der Arbeitskraft. Was hier Mehrprodukt ist, das ist dort Mehrwert. Die Ausbeutung ist hier wie dort zu finden - nur die Form ist verschieden. Die Sklaven und Sklavinnen sind Eigentum der BesitzerInnen, die LohnarbeiterInnen hingegen sind freie Menschen. Sie können ihre Arbeitskraft verkaufen, wem sie wollen. Wenn sie nicht wollen, brauchen sie auch nicht zu arbeiten. Sie haben die Freiheit - zu verhungern. Sie sind freie Menschen - sie sind auch "frei" von Arbeitsmitteln. Sie müssen daher ihre Arbeitskraft verkaufen. Damit geraten sie aber in die Abhängigkeit von UnternehmerInnen und werden ausgebeutet wie einst die Sklaven und Sklavinnen. 

2. Die zweite Form der Ausbeutung ist die Leibeigenschaft. Der Bauer sitzt auf seinen Feldern. Daneben ist das Feld des Herrn. Was muss der Bauer tun? Er darf einige Tage auf seinem Feld arbeiten, die anderen Tage arbeitet er auf dem Fremden. Was er auf seinem Feld erntet, gehört ihm. Auf diese Weise gewinnt er die notwendigen Lebensmittel für sich und seine Familie. Die anderen Tage leistet er unbezahlte Arbeit auf dem Herrengut. Was der leibeigene Bauer dort erarbeitet, davon lebt der Herr. Die Arbeitswoche des Leibeigenen teilt sich in zwei Teile: 

Arbeit für sich

Arbeit für den Grundherrn

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Bauer war leibeigen, darum musste er für den Herrn arbeiten. Die ArbeiterInnen sind freie Menschen. Aber auch sie müssen, wie wir gesehen haben, Mehrarbeit leisten. Wenn wir die Darstellung von der notwendigen Arbeit und Mehrarbeit mit dieser Darstellung vergleichen, so finden wir keinen wesentlichen Unterschied. Was hier "Arbeit für sich" ist, ist bei den ArbeiterInnen "notwendige Arbeit"; was hier "Arbeit für den Herrn" heißt, das ist bei den ArbeiterInnen die "Mehrarbeit". In Wirklichkeit müssen also die heutigen ArbeiterInnen, die sich gegenüber den Leibeigenen als freie Menschen dünken, fast ebenso für seine UnternehmerInnen Mehrarbeit leisten wie einst der leibeigene Bauer für seinen Gutsherrn. Der Unterschied aber ist, dass zur Zeit der Leibeigenschaft die Ausbeutung klar sichtbar war - heute ist sie verschleiert und für viele unsichtbar geworden. 

3. Die dritte Form der Ausbeutung ist die modernen Lohnarbeit. Wie sie sich vollzieht, haben wir im vorangegangenen Abschnitt dargestellt. 

Was uns diese Untersuchung zeigt, ist folgendes: Die kapitalistische Gesellschaft kennt keine SklavInnen und keine Leibeigenen mehr, aber sie hat die Ausbeutung nicht beseitigt, sondern ihr bloß eine andere Form gegeben. Die LohnarbeiterInnen bekommen immer nur einen Teil ihres Arbeitsertrages. Sie arbeiten nur einen Teil der Woche für sich, die übrige Zeit leisten sie Arbeit für die UnternehmerInnen. 

Wir haben den bisherigen Überlegungen die Annahme zugrunde gelegt, dass die UnternehmerInnen die Waren zu ihrem Wert verkaufen. Damit haben wir die Sachlage wesentlich vereinfacht; aber so leicht überschaubar liegen die Dinge im Kapitalismus leider nicht. Der Preis der Ware ist nicht identisch mit ihrem Wert.

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2.5. Mehrwert, Tauschgewinn und Tauschverlust 

Angenommen, einE UnternehmerIn ist in der angenehmen Lage, seine/ihre Ware zu einem Preis verkaufen zu können, der höher ist als der Wert der Ware. Er/sie macht in diesem Fall einen Tauschgewinn. Verkauft einE UnternehmerIn die Ware zu ihrem Wert, so erzielt er/sie nur den Mehrwert. Wenn er/sie zu einem Preis verkauft, der über dem Wert steht, so erlangt er über den Mehrwert hinaus auch noch einen Tauschgewinn. In diesem Fall können wir sagen: 

Profit = Mehrwert + Tauschgewinn

Nehmen wir unser altes Beispiel: Der übertragene Wert ist 20 Schilling, der neugebildete Wert ist 16 Schilling. Die Ware hat also einen Wert von 36 Schilling. Wenn nun einE UnternehmerIn die Ware um 40 Schilling verkauft, so hat er/sie einen Profit, der sich zusammensetzt aus einem Mehrwert von 6 Schilling und einem Tauschgewinn von 4 Schilling, zusammen also 10 Schilling. 

Wenn die Nachfrage sinkt, so kann es sein, dass einE UnternehmerIn dieselbe Ware um 32 Schilling verkaufen muss. Das bedeutet, einE UnternehmerIn ist gezwungen, die Ware unter ihrem Wert zu verkaufen. Er/sie erleidet einen Tauschverlust von 4 Schilling. Jetzt lautet die Formel: 

Profit = Mehrwert - Tauschverlust

Setzen wir den Fall, ein Eisenwerk verlauft seine Ware an ein Walzwerk. Der Eisenwerkbesitzer erleidet einen Tauschverlust, den Gewinn hat daher der Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne und die Summe der Tauschverluste muss immer gleich groß sein. 

Summe der Profite = Summe des Mehrwertverlusts, den Gewinn hat daher der Walzwerkbesitzer. Die Summe der Tauschgewinne und die Summe der Tauschverluste muss immer gleich groß sein.

Summe der Profite = Summe des Mehrwerts

Der Profit des/der einzelnen KapitalistIn muss nicht dem Mehrwert entsprechen, der in seinem/ihrem Betrieb erzeugt wurde. Das wäre nur der Fall, wenn die Waren zu ihrem Wert verkauft würden; dies geschieht aber in der Regel nicht. Die UnternehmerInnen erzielen vielmehr wechselnd Tauschgewinne und Tauschverluste. Der Profit des/der einzelnen UnternehmerIn ist nicht nur abhängig vom Mehrwert, der gewonnen wird, sondern auch von den Tauschgewinnen und Tauschverlusten. Für die gesamte KapitalistInnenklasse ist der Profit dagegen ausschließlich vom gewonnenen Mehrwert abhängig. Denn der Gesamtprofit ist gleich dem Mehrwert, der in den Produktionsstätten erzeugt wird. Der Mehrwert ist die Beute, die die KapitalistInnen auf Kosten der ArbeiterInnen erzielen. Der Mehrwert entsteht nicht auf dem Markt, sondern in der Betriebsstätte, in der Fabrik, am Bauplatz, auf dem Acker, im Bergwerk, kurz: überall dort, wo einE ArbeiterIn für KapitalistInnen arbeitet. Auf dem Markt gewinnen die einen und die anderen verlieren. Aber das ist alles nur Kampf, der um den Mehrwert ausgefochten wird, der von den ArbeiterInnen geschaffen wurde. 

Die UnternehmerInnen, die schlecht spekuliert haben, sagen dann zu den ArbeiterInnen: "Ihr redet von Ausbeutung? Schaut doch meine Bücher an, ich verdiene gar nichts." Worauf die ArbeiterInnen erwidern können: "Was wir erzeugt haben, war mehr wert als das, was wir dafür bekamen. Es ist möglich, dass du nichts verdienst, aber dann hast du eben den Mehrwert am Markt verloren. Ist der Mehrwert, den wir geschaffen haben, nicht in deiner Hand, so haben ihn eben andere KapitalistInnen. Für uns ist es gleich, wer den Mehrwert hat. Tatsache ist, das der KapitalistInnenklasse als Ganzes der Mehrwert geblieben ist." 

Die UnternehmerInnen wollen das nicht einsehen und dürfen es nicht einsehen, weil sie sonst ihre Existenz aufs Spiel setzen. Sie sehen nur den Markt. Sie anerkennen nur, dass einmal teuerer und einmal billiger verkauft werden muss; einmal wird ein Tauschgewinn erzielt, einmal ergibt sich ein Tauschverlust. Und daher, so glauben sie, komme der Profit. Eine kindliche Vorstellung! Das womit geschachert wird, muss doch vorher produziert worden sein. Worum die KapitalistInnen handeln und feilschen, ist der Mehrwert. Dieser Mehrwert allein ist der Gegenstand der Spekulation. 

Beim Kaufen und Verkaufen allein kann kein Wert entstehen. Der Gewinn der ganzen KapitalistInnenklasse ist nur aus einer Tatsache zu erklären: aus der Tatsache, dass sie auf dem Markt einen Ware vorfindet, die die Eigenschaft hat, mehr an Wert zu produzieren, als sie selbst Wert ist. Diese Ware ist die Arbeitskraft. Nur die Arbeitskraft erzeugt den Mehrwert, über dessen Verteilung auf den Märkten gestritten wird. 

Der Profit der einzelnen KapitalistInnen und der Mehrwert, der im einzelnen Betrieb erzeugt wird, sind zwei verschiedene Dinge. Wenn wir dagegen die kapitalistische Gesellschaft als Ganzes betrachten, dann fallen Profit und Mehrwert zusammen. Wir können daher den Profit der gesamten KapitalistInnenklasse nicht aus Tauschgewinn und Tauschverlust erklären. Bevor Handel getrieben werden kann, muss die Ware da sein. Die Schaffung des Mehrwerts geht seinem Verwertungsprozess voran. Die Quelle des Profits ist aber die menschliche Arbeitskraft. 

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2.6. Die Mehrwertrate oder Ausbeutungsrate

Wenn wir die Gesellschaft als Ganzes betrachten, so interessiert uns nur, wie viel die gesamte KapitalistInnenklasse über den Wert der Arbeitskraft hinaus verdient. Der Wert, den die ArbeiterInnen schaffen, zerfällt in zwei Teile: in den Wert der Arbeitskraft und in den Mehrwert. Der Arbeitstag der ArbeiterInnen zerfällt ebenfalls in zwei Teile: in die notwendige Arbeit und in die Mehrarbeit. 

Wenn wir nun messen wollen, wie intensiv die ArbeiterInnen ausgebeutet werden, so müssen wir fragen, was die ArbeiterInnen bekommen und was die KapitalistInnen erhalten. 

Wir müssen also die Menge der Mehrarbeit vergleichen mit der Menge der notwendigen Arbeit oder die Größe des Mehrwerts mit der Größe des Wertes der Arbeitskraft. Wir suchen dazu einen Hilfsbegriff; dieser ist die Mehrwertrate oder die Ausbeutungsrate. Diese Rate drückt hier ein Verhältnis aus und die Formel der Mehrwertrate lautet:

Mehrwertrate = Mehrwert : Wert der Arbeitskraft 

oder 

Mehrwertrate = Mehrarbeit : notwendige Arbeit 

Wollen wir die Mehrwertrate in einem Prozentsatz ausdrücken, so verwenden wir die Formel 

(Mehrwert x 100) : Wert der Arbeitskraft 

Bleiben wir bei unserem früheren Zahlenbeispiel, so kommen wir zu dem Ergebnis: 

Mehrwert x 100 : Wert der Arbeitskraft = 6 x 100 : 10 = 600 : 10 = 60%

Das heißt, der Mehrwert ist in diesem Fall so groß wie 60 Prozent des Wertes der Arbeitskraft. 

Die Mehrwertrate zeigt uns das Verhältnis von Mehrwert und dem Wert der Arbeitskraft, sie zeigt uns also das Maß der Ausbeutung.

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2.7. Konstantes und variables Kapital

UnternehmerInnen brauchen zur Führung ihrer Betriebe Kapital. Sie müssen einerseits die Arbeitskraft und andererseits die Roh- und Hilfsstoffe kaufen. Diese Käufe haben verschiedenen Sinn. Wenn die KapitalistInnen die Arbeitskraft kaufen, so wächst dadurch sein Kapital, weil die Arbeitskraft, wie wir bereits wissen, die Eigenschaft hat, mehr an Wert zu produzieren, als sie selbst wert ist. Die UnternehmerInnen kaufen aber auch Rohstoffe. Wie steht es mit diesem Kapital? Diese Kapital bekommen sie in der Regel beim Verkauf der Ware wieder zurück; es bleibt seinem Umfang nach unverändert. 

Das Kapital der UnternehmerInnen teilt sich in zwei verschiedene Bestandteile. Der Teil, der zum Kauf der Arbeitskraft verwendet wird, bringt den Mehrwert hervor; den anderen Teil, den sie zum Kauf der Rohstoffe verwenden, bekommen sie unvermehrt zurück. Wir unterscheiden demnach: konstantes Kapital (beständig) sowie variables Kapital (veränderlich). 

Das für Rohstoffe und die sonstigen Betriebsmittel ausgegebene Kapital bleibt konstant. Das Kapital, das für die Arbeitskraft ausgegeben wird, vergrößert sich, es ist variabel. Das variable Kapital könnten wir auch Lohnkapital nennen. Das konstante Kapital könnten wir als Sachkapital bezeichnen. Diese Unterscheidung ist vom Standpunkt der Werttheorie aus gesehen und nicht mit der in der Betriebswirtschaft üblichen Unterscheidung in fixes und zirkulierendes Kapital zu verwechseln. 

Das variable Kapital ist der Teil, der verwendet wird, um die Ware Arbeitskraft zu kaufen, die allein die Eigenschaft hat, mehr Wert zu schaffen, als sie selbst wert ist. 

Das Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital ist sehr verschieden. Es gibt Industriezweige mit vielem konstanten und wenigem variablen Kapital und umgekehrt. Hüttenwerke werden viel konstantes Kapital brauchen. Dienstleistungsbetriebe brauchen verhältnismäßig wenig konstantes Kapital und viel variables Kapital. Die UnternehmerInnen sprechen da von einer hohen Lohnquote. 

Das Verhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital nennen wir nach Marx organische Zusammensetzung des Kapitals. Die Formel zur Errechnung der organischen Zusammensetzung lautet: 

konstantes Kapital

 

Sachkapital

----------------------------

oder

------------------

variables Kapital

 

Lohnkapital

Soll die organische Zusammensetzung des Kapitals in einem Prozentsatz erfasst werden, so ist folgende Formel zu verwenden: 

Sachkapital x 100

----------------------------

Lohnkapital

 

Sachkapital x 100

 

20 x 100

 

---------------------------

=

--------------

= 2000 : 10 = 200%

Lohnkapital

 

10

 

Die organische Zusammensetzung beträgt in unserem Beispiel 200 Prozent.

Marx spricht viel von dieser organischen Zusammensetzung und misst der Unterscheidung der beiden Kapitalteile größte Bedeutung bei. Er sieht beide Teile als eigene Organe an. 

Die technische Ausgestaltung der industriellen Betriebe wächst ständig; das bedeutet, dass das konstante Kapital schneller zunimmt als das variable. Jeder technische Fortschritt besteht darin, dass lebendige menschliche Arbeitskraft durch Sachkapital verdrängt wird. 

Denken wir an die Textilindustrie. Früher saßen unzählige Menschen an den Spinnrädern. Das konstante Kapital spielte eine untergeordnete Rolle. Nun haben wir die Spinnmaschinen, wodurch viel weniger ArbeiterInnen gebraucht werden. Das bedeutet, es gibt heute mehr Sachkapital und weniger Lohnkapital. Die Entwicklung geht dahin, den Anteil des Lohnkapitals zurückzudrängen. Der technische Fortschritt erzwingt eine immer höhere organische Zusammensetzung des Kapitals.

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2.8. Unterschiede von Mehrwertrate und Profitrate

Die Mehrwertrate ist das Verhältnis zwischen Mehrwert und Arbeitslohn. Die Profitrate ist das Verhältnis des Mehrwertes zum aufgewendeten Kapital. Die beiden Formeln unterscheiden sich wie folgt: 

 

 

Mehrwert

Mehrwertrate

=

------------------------

 

 

variables Kapital

 

 

 

Mehrwert

Profitrate

 =

---------------------------------------

 

 

konstantes + variables Kapital

Wenn wir die beiden Größen in Prozenten ausdrücken wollen, so müssen wir den Mehrwert mit 100 multiplizieren.

 

 

Mehrwert x 100

 

6 x 100

 

Mehrwertrate

=

----------------------

=

-------------

= 600 : 10 = 60%

 

 

var. Kapital

 

10

 

 

 

 

Mehrwert x 100

 

6 x 100

 

Profitrate

=

-----------------------

=

------------

= 600 : 30 = 20%

 

 

Konst. + var. Kap.

 

20 + 10

 

Die Mehrwertrate beträgt in unserem Beispiel also 60 Prozent, die Profitrate 20 Prozent.

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2.9. Absoluter und relativer Mehrwert

Wir haben den Arbeitstag in zwei Teile geteilt: in die notwendige Arbeit und die Mehrarbeit.

notwendige Arbeit:

Mehrarbeit:

5 Stunden

3 Stunden

Die KapitalistInnen haben das Bestreben, die Mehrarbeit zu verlängern. In welcher Weise kann das geschehen?

1. Durch Verlängerung des Arbeitstages. Nehmen wir in unserem Fall eine Verlängerung des Arbeitstages um eine Stunde an, so beträgt die Mehrarbeit vier Stunden. Die Mehrwertrate wird dadurch von 60 auf 80 Prozent gesteigert.

Bei einer achtstündigen Arbeitszeit zeigt die Rechnung folgendes Ergebnis: 

 

 

Mehrarbeit x 100

 

3 x 100

 

Mehrwertrate

=

------------------------

=

--------------

= 300 : 5 = 60%

 

 

notwendige Arbeit

 

5

 

Nach der Verlängerung der Arbeitszeit von acht auf neun Stunden sieht die Rechnung so aus: 

 

 

Mehrarbeit x 100

 

4 x 100

 

Mehrwertrate

=

------------------------

=

--------------

= 400 : 5 = 80%

 

 

notwendige Arbeit

 

5

 

Die UnternehmerInnen haben das Bestreben, die Arbeitszeit zu verlängern; die ArbeiterInnen haben natürlich das entgegengesetzte Interesse. Sie wollen die Zeit der Mehrarbeit verkürzen. Die Höhe der Mehrwertrate hängt also zunächst von der Länge der Arbeitszeit ab. Die KapitalistInnen zwingen die ArbeiterInnen, über die notwendige Arbeitszeit hinaus zu arbeiten; der Mehrwert ist das Resultat der Mehrarbeit. Marx nennt diesen Mehrwert den absoluten Mehrwert. 

2. Durch Intensivierung der Arbeit. Nehmen wir an, die Arbeitszeit würde acht Stunden betragen und eine Verlängerung des Arbeitstages nicht möglich sein: wird damit eine Vergrößerung des Mehrwerts unmöglich? Gibt es andere Methoden der Beeinflussung des Mehrwerts? Kann nicht die "notwendige" Arbeitszeit durch Intensivierung der Arbeit oder durch Verbesserung der Maschinen die notwendige Arbeitszeit - das ist die Arbeitszeit, de notwendig ist zur Beschaffung der Lebensmittel für die ArbeiterInnen - verkürzt, so kann der Mehrwert ohne Verlängerung des Arbeitstages vergrößert werden. Beträgt die notwendige Arbeit nicht fünf, sondern vier Stunden, so sieht unser Beispiel so aus: 

notwendige Arbeit:

Mehrarbeit:

4 Stunden

4 Stunden

Wie groß ist jetzt die Mehrwertrate? Wenden wir die Formel an, so kommen wie zu folgendem Ergebnis: 

 

 

Mehrarbeit x 100

 

4 x 100

 

Mehrwertrate

=

------------------------

=

--------------

= 400 : 4 = 100%

 

 

notwendige Arbeit

 

4

 

Die Mehrwertrate steigt in diesem Fall nicht durch eine Verlängerung des Arbeitstages, sondern durch eine andere Verteilung des Arbeitstages. Den ArbeiterInnen geht es nicht schlechter, sie bekommen soviel wie früher. Aber trotzdem hat sich der Grad der Ausbeutung verändert. Den Mehrwert, der durch technische Verbesserung oder Intensivierung der Arbeit gewonnen wird, nennt Marx den relativen Mehrwert. 

Demnach gibt es zwei Möglichkeiten, die Ausbeutungsrate zu vergrößern: durch Verlängerung der Arbeitszeit oder durch technischen Fortschritt und intensivere Arbeit. Der Mehrwert, der auf die erste Weise entsteht, ist der absolute Mehrwert; der Mehrwert, der dem technischen Fortschritt oder der Intensivierung der Arbeit zuzuschreiben ist, das ist der relative Mehrwert. 

Die Lohn- und GehaltsempfängerInnen sind diesem Druck nach einer Vergrößerung der Mehrwertrate ständig ausgesetzt. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist ein Kampf um die Mehrwertrate. Die Methoden in diesem Kampf ändern sich. In den Anfängen des Kapitalismus, als die ArbeiterInnen noch weitgehend wehrlos waren, wurde die Methode der Erzielung des absoluten Mehrwertes angewendet. Das war die Zeit, in der die ArbeiterInnen bis zum physischen Zusammenbruch arbeiten mussten. Dadurch wurde die Mehrwertrate vergrößert. Das Vorgehen der ArbeitgeberInnen führte schließlich zu unerträglichen Belastungen und die ArbeiterInnen setzten sich zur Wehr; auch in den bürgerlichen Kreisen machte sich gegen diese überlange Arbeitszeit, die die Volksgesundheit schädigte und jedes Geistesleben tötete, Widerstand bemerkbar. Der Kampf um die Verkürzung des Arbeitstages wurde damit eingeleitet; er zog sich durch die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Schrittweise kämpften die ArbeiterInnen den KapitalistInnen eine Verkürzung des Arbeitstages ab. Der erste Sieg war die 10-Stunden-Bill in England, womit für die großen Industrien (Textilindustrie) die Arbeitszeit für Frauen auf 10 Stunden beschränkt wurde. Das bedeutete praktisch auch eine Arbeitszeitverkürzung für die Männer, die in diesen Fabriken arbeiteten. Die Manchesterliberalen wollten den Männern keine Verkürzung der Arbeitszeit vorschreiben. Das wäre eine "Einschränkung der persönlichen Freiheit" gewesen. Nur den Frauen, die als minderwertig und schutzbedürftig betrachtet wurden, durfte so etwas zugemutet werden. 

Am Kontinent wurde die Arbeitszeitverkürzung erst später errungen. In Österreich kam es erst spät in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zur Einführung des 11-Stunden-Tages für Frauen und Männer. Das zog der Bildung des absoluten Mehrwertes eine Schranke. Erst als die Gewerkschaftsbewegung erstarkte, gelang es, in schweren Kämpfen weitere Verkürzungen des Arbeitstages durchzusetzen. So kam es schließlich zum 8-Stunden-Tag. Doch der Kampf um die Arbeitszeitverkürzung geht weiter. Derzeit kämpfen wir um die 35-Stunden-Woche, wobei wesentlich ist, dass Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich abzulehnen ist. 

So sahen sich die KapitalistInnen gezwungen, die Mehrwertrate auf andere Art und Weise zu vergrößern. Die Vergrößerung des Mehrwertes vollzieht sich nun durch die Benutzung der Technik und durch die Intensivierung der Arbeit. Je intensiver gearbeitet wird, um so kürzer ist die Zeit, die erforderlich ist, um das zu erzeugen, was die ArbeiterInnen bekommen - und: um so größer der Mehrwert für die KapitalistInnen. Die Mehrwertrate wird jetzt vergrößert durch die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit. In den Anfängen der Geschichte, als die Menschheit noch über keine Maschinen verfügt haben, vermochten sie dem Boden nur schwer abzuringen, was sie zum Leben brauchten. Da wurde bei der Arbeit kein Mehrwert geschaffen. Bildung von Mehrwert setzt voraus, dass einE ArbeiterIn mehr erzeugen kann, als sie/er selbst zum Leben braucht. Erst durch die Erfindung von Werkzeugen und Maschinen wird die Arbeit produktiver. Durch die technischen Hilfsmittel bringen nun die ArbeiterInnen so viel hervor, dass sie mehr schaffen als sie zum Leben brauchen. Alle Kultur beruht darauf, dass die Menschen mehr erzeugen, als sie brauchen. Damit entsteht zunächst die Möglichkeit, Mehrwert zu bilden. 

Erst wenn die ArbeiterInnen mehr hervorbringen können, als sie brauchen, um ihr Leben zu erhalten, besteht die Möglichkeit der Ausbeutung, sich anzueignen, was ein anderer geschaffen hat. Je mehr die Produktivität der Arbeit steigt, um so größer wird der Mehrwert.

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210 

2.10. Der Klassenkampf - ein Kampf um den Mehrwert

Oft hören wir Sätze wie diese: "Was soll der Streit und Kampf zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen? Es wäre doch viel schöner, wenn sich alle vertragen würden und der Streit nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit geschlichtet würde." Das klingt schön. Die entscheidende Frage aber ist: Was ist hier gerecht? Nach Ansicht der ArbeiterInnen wäre es gerecht, wenn sie alles bekämen, was sie produzieren. Das ist aber in der kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich, weil den UnternehmerInnen nicht bliebe. Den KapitalistInnen erscheint etwas anderes gerecht. Sie sagen: "Wir sind anständige Menschen, wir kaufen alles zu seinem Wert: das Essen, die Kohle und - die Arbeitskraft. Wir kaufen die Arbeitskraft zu ihrem vollen Wert; ich gebe den ArbeiterInnne so viel, wie sie brauchen zur Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft und zur Erhaltung ihrer Familien. Aber schaut euch die Leute an: sie leben ja nicht vernünftig. Da gibt es ArbeiterInnen, die gehen sonntags in die Berge. Das ist doch eine Verschwendung von Arbeitskraft, die eigentlich mir gehört. Und das soll ich bezahlen? Gerecht ist: Die ArbeiterInnen sollen nur bekommen, was zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft erforderlich ist. Der Mehrwert gehört von Rechts wegen mir. Es sind doch meine Maschinen, meine Rohstoffe, meine Hilfsstoffe, die die ArbeiterInnen benützen." Wie hat aber einE UnternehmerIn die Maschinen bekommen? Darauf können wir mit einer bekannten Stelle Goethes antworten: "Er hat sie vom Vater." - "Und der Vater?" - "Vom Großvater." - "Und woher hat er sie bekommen?" - "Er hat sie genommen!" 

Wir sehen also, die KapitalistInnen halten es für gerecht, die Lebenshaltung der ArbeiterInnen auf das physiologische Existenzminimum herabzudrücken. Ist die Lebenshaltung der ArbeiterInnen höher, so kommen sich die KapitalistInnen schon als WohltäterInnen vor, denen die ArbeiterInnen ihr schönes Leben zu verdanken haben. Die ArbeiterInnen denken natürlich darüber anders. Sie setzen sich mit Recht gegen die Ausbeutung zur Wehr und verlangen, dass sie alle bekommen, was sie schaffen. Aber die kapitalistische Gesellschaft beruht darauf, dass die Arbeiter eben nicht den vollen Mehrwert bekommen. 

Wie hoch soll also der Lohn sein? Soll er nur den Wert der Arbeitskraft abgelten oder nur dem vollen neugeschaffenen Wert entsprechen? Wo liegt die Grenze? Bei der Entscheidung dieser Frage versagen alle Maßstäbe der Gerechtigkeit. Die ArbeiterInnen wollen, dass es keinen Mehrwert für die KapitalistInnen gibt. Die KapitalistInnen wollen, dass es einen hohen Mehrwert gibt, und er bezahlt den ArbeiterInnen nur den Wert ihrer Arbeitskraft. Eine "Gerechtigkeit" gibt es da nicht. Kein Gericht kann bestimmen, was ein "gerechter" Lohn ist. Über Löhne entscheiden die Machtverhältnisse zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen. Die Höhe des Arbeitslohnes wird entschieden im Kampf zwischen Gewerkschaft und UnternehmerInnenverband, zwischen ArbeiterInnen und KapitalistInnen. 

Die Vorstellung, dieser Kampf sei nicht notwendig, es könne auch eine Regelung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit geben, ist absurd. Die kapitalistische Gesellschaft beruht auf der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere Klasse. Manch Gutgesinnte kommen und sagen: "Die kapitalistische Ordnung muss bleiben, aber wir wollen sie gerecht gestalten." Darauf ist zu sagen: "Es gibt keine gerechte Ausbeutung!" 

Die Bürgerlichen haben ganze Theorien aufgestellt über den gerechten Lohn. Sie sagen: "Die UnternehmerInnen stellen ihre Gebäude und ihre Maschinen zur Verfügung, dafür müssen sie doch etwas bekommen." Wir erwidern: "Gebäude und Maschinen müssen, wenn sie verbraucht sind, wieder hergestellt werden. Es muss daher so viel zurückgelegt werden, dass wieder neue Maschinen gekauft und neue Gebäude errichtet werden können. Diese Amortisationsquote besteht zu Recht; dafür muss in jeder Gesellschaft gesorgt werden; der Profit der UnternehmerInnen reicht aber darüber hinaus." 

Im Kampf um den Lohn wird über die Verteilung dessen, was die ArbeiterInnen produziert haben, entschieden. Da die ArbeiterInnen alles bekommen wollen, was sie produziert haben, und die KapitalistInnen ihren Profit, "ihren" Mehrwert haben wollen, so kann es hier nur eines geben: Kampf! Dieser Kampf wird so lange währen, bis die EigentümerInnen der Arbeitskraft auch die EigentümerInnen der Arbeitsmittel sind. Solange die kapitalistische Gesellschaft besteht, ist darum der Klassenkampf eine unaufhebbare Tatsache. 

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3 

3. Wert und Preis in der kapitalistischen Gesellschaft

3.1. Wert und Preis bei gleicher Mehrwertrate, aber verschiedener organischer Zusammensetzung des Kapitals

Wir nehmen an, dass es in einem Land nur drei Produktionszweige gibt und dass jeder eine Mehrwertrate von 50 Prozent hat. Wir fassen die charakteristischen Kapital- und Erfolgszahlen dieser drei Zweige in einer Tabelle zusammen, wobei wir mit c das konstante Kapital, mit v das variable Kapital, mit m der Mehrwert, mit W der Wert, mit PR die Profitrate und mit PPr der Produktionspreis bezeichnen. 

 

C

 

v

 

m

 

W

PR

Profit

PPr

I.

80

+

20

+

10

=

110

10%

20

120

II.

60

+

40

+

20

=

120

20%

20

120

III.

40

+

60

+

30

=

130

30%

20

120

 

180

+

120

+

60

=

360

20%

60

360

Produktionspreis = Kostenpreis + Durchschnittsprofit

Die drei Produktionszweige unterschieden sich zunächst durch die organische Zusammensetzung ihres Kapitals. Wir sagen, die organische Zusammensetzung des Kapitals ist hoch, wenn ein sehr großer Teil des Kapitals auf das konstante Kapital entfällt. Im ersten Produktionszweig ist also die organische Zusammensetzung hoch. Das konstante Kapital beträgt 400 Prozent des variablen. Die Formel zur Berechnung der organischen Zusammensetzung lautet: 

c x 100

 

80 x 100

 

 

--------------

=

---------------

=

800 : 20 = 400%

v

 

20

 

 

Im zweiten Produktionszweig ist die organische Zusammensetzung des Kapitals niedriger; das konstante Kapital beträgt 150 Prozent. 

Im dritten Produktionszweig unseres Beispiels ist die organische Zusammensetzung des Kapitals noch niedriger: der Anteil des konstanten Kapitals macht hier nur 66,67 Prozent aus. 

Wir sind von der Annahme ausgegangen, dass die Ausbeutung in allen drei Produktionszweigen gleich groß ist (Mehrwertrate von 50 Prozent). Trotzdem sind, wie unser Beispiel zeigt, Mehrwert, Wert und Profitrate verschieden hoch. Im ersten Zweig haben wie eine Profitrate von 10 Prozent, im zweiten von 20 Prozent und im dritten von 30 Prozent. 

Wie ist dies zu erklären? Offenbar nur aufgrund der Verschiedenheit der Zusammensetzung des Kapitals. Bei gleichem Grad der Ausbeutung der ArbeiterInnen ist die Profitrate umso höher, je niedriger die organische Zusammensetzung des Kapitals ist. Warum? Weil der Mehrwert ausschließlich dem variablen Kapital zu danken ist. Je größer das variable Kapital, umso größer muss (bei gleicher Rate der Ausbeutung) der Mehrwert sein. 

Betrachten wir nun die Globalsummen. Der gesamte Mehrwert beträgt 60; die Summe der Profite ist ebenfalls 60. Der Gesamtwert ist 360, die Summe der Produktionspreise ist auch 360. Im Bereich der ganzen Gesellschaft sind also die Profite gleich dem Mehrwert; die Preise sind gleich dem Wert der Waren. 

Ist es in unserem Fall wahrscheinlich, dass jede der drei KapitalistInnengruppen die Waren zu ihrem Wert verkaufen? Nein! Da würden die KapitalistInnen des I. Produktionszweiges eine Profitrate von nur 10 Prozent haben, die KapitalistInnen des III. aber eine von 30 Prozent. Unter solchen Bedingungen werden die UnternehmerInnen der Produktionsgruppe I nicht bereit sein, ihr Kapital zum Einsatz zu bringen. Sie werden auf einer Profitrate bestehen, die ihnen den gleichen Ertrag liefert wie anderen Gruppen. Durch ihr Verhalten werden sie einen Ausgleich zwischen den Profitraten erzwingen. Tatsächlich besteht in der kapitalistischen Gesellschaft die Tendenz zur Ausgleichung der Profitraten. Dieser Ausgleich wird sich so vollziehen: 

I. Produktionszweig

III. Produktionszweig

 

 

Profitrate: 10 Prozent

Profitrate: 30 Prozent

Kapital strömt ab

Kapital strömt zu

Produktion sinkt

Produktion steigt

Angebot sinkt

Angebot steigt

Preis steigt

Preis sinkt

Profit steigt

Profit sinkt

In unserem Beispiel wird sich die Durchschnittsprofitrate auf 20 Prozent ausgleichen, denn das ist die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate. Die gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate ist das Verhältnis des in der ganzen Gesellschaft erzeugten Mehrwerts zum aufgewendeten Kapital. 

Betrachten wir unser Beispiel: Wenn die KapitalistInnen des Produktionszweiges I die Waren zu ihrem Wert verkaufen würden, so bekämen sie 110. Die Profitrate wäre 10 Prozent. Da aber die Tendenz zur Angleichung der Profitraten zur gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate wirksam wird (in unserem Fall 20 Prozent), können die KapitalistInnen dieses Zweiges ihre Waren um 120 verkaufen. Sie verkaufen also ihre Waren über dem Wert: Sie bekommen trotz der hohen organischen Zusammensetzung des Kapitals soviel Profit wie die KapitalistInnen anderer Produktionszweige. Wir sehen also, die Produktionspreise der Gruppe I liegen über dem Wert der Waren. Die Ausgleichung der Profitraten bewirkt, dass diese KapitalistInnengruppe ihre Ware über dem Wert verkaufen kann. Ihr Profit ist größer als der Mehrwert. Sie machen einen Tauschgewinn. 

Nehmen wir den III. Produktionszweig. Das ist der Zweig mit niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals. Würde hier zum Wert verkauft, so betrüge die Profitrate 30 Prozent. So eine Verschiedenheit der Profithöhe kann sich nicht dauernd behaupten. In diesem Produktionszweig werden die Profite durch Kapitalzufluss, der ein höheres Warenangebot zur Folge hat, sinken, bis auch hier nur der Durchschnittsprofit zu erzielen ist. Diese KapitalistInnen müssen ihre Waren unter dem Wert verkaufen (um 120). Sie erleiden einen Tauschverlust von 10, ihr Profit ist auch nur 20. Der Tauschverlust des III. Produktionszweiges ist gerade so groß wie der Tauschgewinn der Gruppe I. 

Anders liegen die Verhältnisse im Produktionszweig II. Hier haben wir eine Industrie mit normaler organischer Zusammensetzung des Kapitals vor uns. Hier ist der Preis gleich dem Wert; der Profit ist gleich dem Mehrwert. 

Wir können aus diesen Beispielen folgende Erkenntnis ableiten: In der kapitalistischen Gesellschaft besteht die Tendenz zur Angleichung der Profitraten. Die Waren werden zu individuellen Preisen verkauft; diese zeigen die Tendenz, sich an den Marktpreis anzugleichen. Die Marktpreise gleichen sich wieder an den Produktionspreis an. Wie steht dieser Produktionspreis zum Wert der Ware? 

In Produktionszweigen mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals ist der Produktionspreis höher als der Wert. Hier erzielen die KapitalistInnen Tauschgewinne. In Produktionszweigen mit niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals ist der Produktionspreis niedriger als der Wert. Hier erleiden die KapitalistInnen Tauschverluste. In Produktionszweigen mit mittlerer organischer Zusammensetzung des Kapitals ist er Produktionspreis gleich dem Wert. Hier wird weder Tauschgewinn erzielt noch ein Tauschverlust vorhanden sein. In der Gesellschaft als Ganzes genommen ist die Summe aller Produktionspreise gleich der Summe aller Werte. 

Worin besteht der Unterschied zwischen der handwerksmäßigen Warenproduktion und der kapitalistischen Warenproduktion? In der handwerksmäßigen oder einfachen Warenproduktion zeigen die Preise die Tendenz, sich dem Wert der Waren anzugleichen. Die Preise erstellen sich grundsätzlich so, dass jeder Mensch, der zehn Stunden Arbeit hergibt, dafür eine Ware eintauschen kann, worin ebenfalls zehn Arbeitsstunden stecken. 

Das gilt nicht mehr für die kapitalistische Produktion. Den industriellen UnternehmerInnen interessiert nicht, wie viel Arbeit in seiner Ware steckt, sondern ihn interessiert nur das aufgewendete Kapital. Die KapitalistInnen wollen für gleiches Kapital gleichen Profit haben. Infolge dieser Tendenz ist das Verhältnis von Preis und Wert kompliziert. Der Preis der Ware ist nicht nur abhängig vom Wert, sondern auch von der organischen Zusammensetzung des Kapitals, das bei der Erzeugung der Ware mitwirkt. 

Wozu brauchen wir aber dann zur Erklärung der ökonomischen Vorgänge in der Gegenwart eine Werttheorie? Genügt es nicht, sich nur mit dem Produktionspreis zu beschäftigen? Nein, die Gesetzmäßigkeit, die wir dabei finden können, erklärt nur die Ausgleichung der Profite. Ungeklärt bliebe, wodurch die Höhe der gesellschaftlichen Durchschnittsprofite bestimmt ist. Durch die Ausgleichung zur Durchschnittsprofitrate wird der Mehrwert nur gleich verteilt. Aber damit ist nicht erklärt, wie groß dieser Mehrwert ist. Das lässt sich nur bestimmten aus dem Verhältnis zwischen Mehrarbeit und notwendiger Arbeit. Der Mehrwert ist die Beute, die die KapitalistInnen der ArbeiterInnenklasse abnehmen. Die ArbeiterInnen erzeugen mehr Wert als die in Form des Lohnes bekommen. Der über den Lohn hinaus erzeugte Überschuss, das ist der Gewinn der KapitalistInnen. Von der Produktionsstätte weg gehen die UnternehmerInnen auf den Markt und teilen sich die Beute nach der Größe des aufgewendeten Kapitals auf. Ehe sie aber die Beute teilen können, muss sie da sein; bevor es Profit geben kann. Muss es Mehrarbeit gegeben haben. Wie sich diese Teilung vollzieht, hat uns unser Beispiel gezeigt: Alle KapitalistInnen zusammen haben den ArbeiterInnen 60 abgenommen und verteilen diesen Gewinn nun durch das Spiel auf dem Markt. Dabei machen die Produktionszweige mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals Tauschgewinne auf Kosten der Produktionszweige mit niedriger organischer Zusammensetzung. 

Wie wirkt unser Beispiel in einem internationalen Rahmen? Der Mehrwert wird von allen ArbeiterInnen der Welt erzeugt. Die KapitalistInnen eines Landes bekommen nicht nur den Mehrwert, der in ihrem Land erzeugt wurde. Sie können sich durch Tauschgewinne auch den Mehrwert anderer Länder aneignen oder sie müssen in Form von Tauschverlusten Teile ihres Mehrwertes an andere Länder abgeben. Die Industrieländer werden Tauschgewinne erzielen; die Agrarländer, die technisch rückständigen Länder, werden Tauschverluste erleiden. Das sind die Länder, die uns z.B. Baumwolle, Kaffee oder Kautschuk liefern. 

Die Länder, die über entwickelte technische Apparate verfügen, die hochkapitalistischen Länder, sind im Verhältnis zur Zahl der beschäftigten ArbeiterInnen viel reicher als die rückständigen. 

Das ist ein sehrwichtiges wirtschaftliches Gesetz; wir haben es bei unseren Auseinandersetzungen mit den KapitalistInnen zu beachten. 

Die KapitalistInnen sagen: "Wozu denn diese Theorie über den Mehrwert? Ihr bezeichnet als Mehrwert, was den UnternehmerInnen nach Abwicklung des wirtschaftlichen Prozesses bleibt, wobei ihr das Ergebnis mit der Beschäftigung von Arbeitskräften in Zusammenhang bringt. Aber diese Abhängigkeit vom Aufwand an variablem Kapital lässt sich nicht nachweisen. Die Profite gleichen sich im Verhältnis zum aufgewendeten Gesamtkapital aus." "Das heißt nun", so sagen nun die KapitalistInnen weiter, "dass eure Mehrwerttheorie falsch ist, denn das konstante Kapital produziert genau so Mehrwert wie das variable. Ob man das Kapital in Maschinen anlegt oder in Arbeitkraft, ist gleich." 

Diese Behauptungen stützen sich auf eine richtige Beobachtung. Das Kapital hat für die einzelne Kapitalistin oder den  einzelnen Kapitalisten die Macht, Profit an sich zu ziehen, weil sich die KapitalistInnen den Profit nach dem aufgewendeten Kapital aufteilen. Aber das ist der Mehrwert anderer UnternehmerInnen, das Produkt anderer variabler Kapitalteile. Die KapitalistInnen beschließen nicht die gleiche Aufteilung; sie ist das Ergebnis des Spiels auf dem Markt. Die Vorstellung der KapitalistInnen, dass das konstante Kapital Mehrwert produziere, hält einer Überprüfung nicht stand. Wenn Menschen zusammen auf die Jagd gehen und vereinbaren, jeder bringt eine Anzahl von Gewehren mit und die erlegten Hasen werden aufgeteilt nach der Anzahl der mitgebrachten Gewehre, wird wohl niemand folgern, dass die Gewehre die Hasen produzieren. 

Unsere bisherige Untersuchung stützte sich auf die Annahme einer gleichen Rate der Ausbeutung; wir haben bei unserem Beispiel die Voraussetzung gemacht, dass die Mehrwertrate überall 50 Prozent betrage. In Wirklichkeit ist aber die Ausbeutung verschieden; dieser Punkt bedarf noch einer weiteren Betrachtung.

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 32

3.2. Wert und Preis bei gleicher organischer Zusammensetzung des Kapitals, aber bei verschiedener Mehrwertrate

Wir wollen uns zunächst klarmachen, wie die Sache aussieht, wenn die organische Zusammensetzung des Kapitals in allen Produktionszweigen gleich, die Mehrwertrate (MR) aber verschieden ist. 

 

C

 

v

 

m

 

W

MR

PR

Profit

PPr

I.

100

+

50

+

50

=

200

100%

31,3%

30

180

II.

100

+

50

+

30

=

180

60%

20%

30

180

III.

100

+

50

+

10

=

160

20%

6,7%

30

180

 

300

+

150

+

90

=

540

60%

20%

90

540

Den Zahlen liegt die Annahme zugrunde, dass die ArbeiterInnen verschieden stark ausgebeutet werden. Das entspricht der Wirklichkeit. Die HeimarbeiterInnen werden sicherlich mehr ausgebeutet als jene, die eine gute Gewerkschaft haben.

I. Produktionszweig: Die Ausbeutung der ArbeiterInnen ist hier am stärksten, daher eine hohe Mehrwertrate. 

II. Produktionszweig: Dies Ausbeutung ist hier geringer, die Mehrwertrate deshalb auch entsprechend niedriger. 

III: Produktionszweig: Die Ausbeutung ist hier am geringsten; die Mehrwertrate ist daher auch am niedrigsten. 

Die Profitraten zeigen entsprechend starke Abweichungen voneinander. Kann ein solcher Zustand dauernd aufrecht bleiben? Nein! Sobald sich in der Gruppe I eine überdurchschnittlich hohe Profitrate ergibt, wird Kapital zuströmen, der Profit wird sinken. Bei Gruppe III wird Kapital abfließen, das Angebot wird sinken, die Preise und damit die Profite werden steigen. 

Wir sehen, der Produktionszweig I erzeugt eine Ware, deren Wert 200 ist. Die UnternehmerInnen sind aber gezwungen, diese Ware um 180 zu verkaufen. Die Produktionszweige mit der stärksten Ausbeutung werden durch die Profitrate gezwungen, unter dem Wer zu verkaufen. Sie werden dadurch auf die Durchschnittsprofitrate herunter gedrückt. 

Im Produktionszweig II haben wir eine durchschnittliche Ausbeutung vor uns. Hier ist der Wert gleich dem Preis. 

Die Ware der Produktionszweiges III hat einen Wert von 160. Der Preis ist aber 180. Die KapitalistInnen dieses Zweiges verkaufen ihre Waren über dem Wert. Das ist der Produktionszweig mit der geringsten Ausbeutung der ArbeiterInnen. 

Es herrscht eine geradezu "ideale Gerechtigkeit". UnternehmerInnen, die die ArbeiterInnen stark ausbeuten, erleiden einen Tauschverlust; UnternehmerInnen aber, die ihre ArbeiterInnen weniger ausbeuten (weil die Gewerkschaften ihren Bestrebungen ein unüberwindbares Hindernis entgegenstellen), erzielen einen Tauschgewinn. Das geschieht natürlich nicht bewusst, sondern durch die automatisch wirkende Ausgleichungstendenz zur Durchschnittsprofitrate. Wir sehen folgendes Gesetz am Werk: In den Produktionszweigen mit hoher Ausbeutungsrate ist der Preis niedriger als der Wert und der Profit niedriger als der Mehrwert. Da erlangen die UnternehmerInnen einen Tauschverlust. In Produktionszweigen mit mittlerer Ausbeutungsrate ist der Preis gleich dem Wert und der Profit gleich dem Mehrwert. In den Produktionszweigen mit niedriger Ausbeutungsrate ist der Preis höher als der Wert und der Profit höher als der Mehrwert. 

Wir stoßen auf eine wichtige Erkenntnis. Es gibt Produktionszweige mit starken und solche mit schwachen Gewerkschaften. Werden die Waren zu ihrem Wert verkauft, dann müssen die Profite dort hoch sein, wo die Ausbeutung am stärksten ist. Die moderne Industriewirtschaft kennt diese einfache Bezeichnung zwischen Ausbeutung und Profit nicht mehr. Durch das Spiel des Marktes werden die Profite einander angeglichen. Es weichen die Preise der Waren von ihrem Wert ab und durch diese Abweichung werden die KapitalistInnen, die die ArbeiterInnen am stärksten ausbeuten, gezwungen, in Form von Tauschverlusten einen Teil des Mehrwerts an Produktionszweige abzutreten, in denen die Ausbeutung geringer ist. Für diesen Ausgleichprozess lassen sich einleuchtende Beispiele liefern: Bei den HeimarbeiterInnen ist die Ausbeutung stark, bei den ZeitungssetzerInnen ist die Ausbeutung geringer. Die Folge wäre: die UnternehmerInnen, welche HeimarbeiterInnen beschäftigen, hätten hohe Profite, die Druckereibetriebe niedrige. 

Die Rentabilitätsnachweise zeigen aber ein abweichendes Bild: Druckereien werfen hohe Erträge ab. Die in der Heimarbeit beschäftigten Menschen werden zwar stark ausgebeutet, aber der Mehrwert bleibt nicht den KapitalistInnen, die sie ausbeuten; diese UnternehmerInnen müssen einen Teil ihrer Profite an jene abgeben, die weniger ausbeuten. Auch international gesehen ist die Ausbeutung der ArbeiterInnen ganz verschieden groß. 

Der Kapitalismus ist nicht in der Lage, allen Arbeitskräften die gleiche Mehrwertrate aufzuerlegen. Hier ist die Ausbeutung größer, dort ist sie kleiner. In Form der Profitrate teilen sich dann die KapitalistInnen den Mehrwert gleichmäßig auf. Das geschieht natürlich nicht bewusst - aber es geschieht. Diejenigen Produktionszweige, in denen die Profitrate am höchsten ist, geben einen Teil ihres Mehrwertes ab an Produktionszweige, in denen die Ausbeutung geringer ist. 

Aus dem Gesagten ergibt sich folgendes: Tauschgewinn erlangen die Produktionszweige mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals auf Kosten derjenigen mit niedriger organischer Zusammensetzung. Tauschgewinne erlangen Produktionszweige mit niedriger Ausbeutungsrate auf Kosten derjenigen mit hoher Ausbeutungsrate. Dies fällt in hohem Maße zusammen. 

Die Industrieländer sind Länder mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals und niedriger Ausbeutungsrate. Die Agrarländer, das sind Länder mit niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals und hoher Ausbeutungsrate. Die Industrieländer eignen sich einen Teil des Mehrwertes an, der in den industriell rückständigen Ländern erzeugt wird. Diese Tatsache ist von großer geschichtlicher Bedeutung.

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3.3. Aufteilung des Mehrwertes

Wir haben unsere Untersuchungen auf der Annahme aufgebaut, dass der ganze Mehrwert gleichmäßig auf die KapitalistInnen verteilt wird und zwar nach dem Prinzip: auf gleichviel Kapital gleicher Profit. Von dieser Regel gibt es aber Ausnahmen. Die wichtigsten stellen die landwirtschaftlichen Grundrenten dar. Im Gegensatz zur Industrie ist in der Landwirtschaft die Tendenz zum Ausgleich der Profitraten nicht voll wirksam. Dieser Tatsache müssen wir Rechnung tragen.  

Das Wertprodukt teilt sich zunächst in zwei Teile: in den übertragenen Wert und in den neugebildeten Wert. Der neugebildete Wert zerfällt wieder in den Wert der Arbeitskraft und den Mehrwert. Dieser Mehrwert schließt nun allesin sich ein, was in der kapitalistischen Gesellschaft als scharf voneinander getrennte Einkommensquellen erscheint: den UnternehmerInnengewinn der FabrikantInnen, den Kapitalzins der Banken, die Grundrente der GrundeigentümerInnen, die Steuern, die der Staat bekommt. Auf diese Weise wird der Mehrwert aufgeteilt - und zwar im Weg der Auseinandersetzung auf dem Markt. Das ganze komplizierte Spiel der kapitalistischen Gesellschaft, das an der Oberfläche sichtbar ist, ist ein Kampf um den Mehrwert. Der Mehrwert wird in den Fabriken und in den land- und forstwirtschaftlichen Betrieben geschaffen. Um diesen Mehrwert kämpfen dann die verschiedenen Gruppen der Selbständigen. Durch Tauschgewinne eignet sich einE KapitalistIn an, was in anderen Betrieben erzeugt wurde; ein Land eignet sich den Mehrwert an, der in einem anderen Land erzeugt wurde. Der Profit bleibt den UnternehmerInnen nicht allein, sie müssen ihn mit vielen anderen industriellen und landwirtschaftlichen Gruppen teilen: mit dem Staat, der die Steuern bekommt; mit den GrundeigentümerInnen, die die Grundrente beziehen; mit den Banken, die den Kapitalzins einstreifen. Bei der Aufteilung entstehen Kämpfe unter den KapitalistInnen. Alle wollen einen möglichst großen Anteil am Profit haben. Kompliziert wird das ganze Spiel noch durch die Spekulation z.B. an den Börsen. Die Aufmerksamkeit der bürgerlichen NationalökonomInnen ist nur auf diesen Kampf um den Mehrwert gerichtet, wir aber verstehen, dass der Mehrwert geschaffen sein muss, ehe um ihn gekämpft werden kann. 

Die kapitalistische Gesellschaft teilt sich in Klassen und jede dieser Klassen hat ihren besonderen Anteil an dem erzeugten Wert:

Der Wert der Arbeitskraft fällt der ArbeiterInnenklasse zu.

Den UnternehmerInnengewinn stecken die Industriellen ein.

Die Grundrente bekommen die GrundeigentümerInnen.

Der Kapitalzins wird zum Erträgnis des Bankkapitals.

Die Steuer holt sich die Bürokratie. 

Alle Klassen außerhalb der ArbeitnehmerInnen leben vom Mehrwert und haben ein gemeinsames Interesse, dass der Mehrwert, den sie teilen, möglichst groß sei. Andererseits herrschen unter ihnen die schärfsten Gegensätze, weil alle ein möglichst großes Stück vom Mehrwert haben will. Die Industriellen ärgern sich, wenn der Kapitalzins hoch ist. Der Kampf um den Kapitalszins - das ist der Kampf zwischen Industrie- und Bankkapital. Die Geschichte des Kapitalismus ist voll von solchen Kämpfen. Der Kampf gegen den Adel, das war der Kampf der Industriellen und Banken gegen die Bürokratie, denn gegen die Steuern kämpfen die UnternehmerInnen immer. Es gibt Zeiten, da die einzelnen Klassen, die vom Mehrwert leben, in diesem Kampf in solche Wut geraten, dass sie sich mit den ArbeiterInnen verbinden - als z.B. das Bürgertum gegen den Feudalismus kämpfte. 

Aber dieses Zusammengehen anderer Klassen mit den ArbeiterInnen dauert nie lange. Die vom Mehrwert lebenden Klassen bemerken bald, dass es nicht so wichtig ist, um den Anteil am Mehrwert zu kämpfen, als dafür zu sorgen, dass Mehrwert vorhanden ist. Dann verbünden sie sich alle gegen die ArbeiterInnen. 

Solange die ArbeiterInnen schwach sind, denken die einzelnen Schichten der vom Mehrwert lebenden Klassen mehr an die Verteilung des Mehrwerts; da ist der Gegensatz unter ihnen stark. Das ist die Zeit, da die ArbeiterInnen ihre fallweisen Verbündeten sind. Wenn aber die ArbeiterInnenbewegung stark ist, erinnern sie sich daran, dass sie alle zusammen vom Mehrwert leben und erkennen, dass ihr Streit keinen Sinn mehr haben wird, wenn kein Mehrwert da ist. Dann schließen sie sich alle gegen die ArbeiterInnenklasse zusammen. Für die ArbeiterInnen ist es wichtig, diese Gegensätze der anderen untereinander auszunützen, aber sie dürfen nie vergessen, dass all diese Gruppen nur vom Mehrwert der ArbeiterInnen leben. Im entscheidenden Moment werden sie alle auf der anderen Seite der Barrikade zu finden sein. 

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4. Die Akkumulation des Kapitals

414.1. Akkumulation

Das Wort "Akkumulation" stammt aus dem Lateinischen. Es bedeutet "Anhäufung"; in den nächsten Kapiteln beschäftigen wir uns mit der Anhäufung von Kapital. 

Die KapitalistInnen ermitteln in der Regel am Ende des Jahres ihren Profit. Was macht er damit? Sie verwenden ihn zum Teil für den Kauf von Konsumgütern, den anderen Teil akkumulieren sie; sie verwenden ihn, um ihr Kapital zu vergrößern. Mehr zu haben als bisher, ist das Ziel. Der Kapitalzuwachs wird normalerweise zur Vergrößerung oder technischen Vervollkommnung des eigenen Betriebes verwendet. 

Muss es eine Akkumulation geben? In der kapitalistischen Gesellschaft muss akkumuliert werden - sonst würden die Mittel fehlen, um neue Betriebe zu errichten oder die alten auszugestalten. Die SpießbürgerInnen sagen, nur jene KapitalistInnen sind nützlich, die "viel  Geld unter die Leute kommen lassen." Ihr Ideal ist einE KapitalistIn, die/der nicht akkumuliert, sondern alles verbraucht. In Wirklichkeit legt auch einE KapitalistIn, die/der spart, sein Geld nicht in den Strumpf. Entweder sie/er gibt es für Luxus aus oder führt das Kapital der Produktion zu. Das Geld kommt also auf jeden Fall "unter die Leute." Im ersten Fall kommt es der Luxusindustrie zugute, im anderen Fall wird es anderen Industriezweigen zugeführt. Wesentlich ist, ob das Geld im Inland oder im Ausland ausgegeben wird. Doch darüber sprechen wir später. 

Die Akkumulation des Kapitals ist notwendig, um Vergrößerungen und technische Verbesserungen des Produktionsapparates vornehmen zu können. Wird viel akkumuliert, dann wächst der Produktionsapparat schnell; wird wenig akkumuliert, dann bleibt er zurück. Werden die Betriebe schnell vergrößert, dann wird auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen. Wenn wir daher die Wahl haben, in welcher Form das Geld unter die Leute kommen soll, so ziehen wir die Akkumulation vor. 

Die Bevölkerung der Erde wächst. Es sind von Jahr zu Jahr mehr Menschen da, für die es Wohnung, Kleidung und Lebensmittel geben muss; es sind auch mehr Arbeitskräfte vorhanden, die Arbeit suchen. Diese Menschen können nur mit Gütern versorgt und beschäftigt werden, wenn der Produktionsapparat wächst. Jede Gesellschaft mit wachsender Bevölkerung muss die Erzeugungsstätten vergrößern, um die vorhandenen Arbeitskräfte verwerten zu können. Im Kapitalismus geschieht das durch die Akkumulation des Kapitals. 

EinE KapitalistIn kann mit dem Mehrwert machen, was sie/er will. Das Wachstum des Produktionsapparates hängt davon ab, wie viel die KapitalistInnen akkumulieren. In Wirklichkeit kommen die KapitalistInnen im Wege ihrer privatwirtschaftlichen Akkumulation einer gesellschaftlichen Notwendigkeit nach; dieser wichtige Prozess vollzieht sich aber im Kapitalismus völlig ungeregelt. Dass diese wichtige Frage der Anpassung des Produktionsapparates an die Bevölkerung in der kapitalistischen Gesellschaft nicht mit Überlegung und Vorbedacht geregelt wird, ist ein neuer Beweis für die Anarchie der kapitalistischen Gesellschaft. 

In der kapitalistischen Gesellschaft bleibt es den KapitalistInnen überlassen, nach Gutdünken zu akkumulieren. Der Produktionsapparat wächst von Jahr zu Jahr. Immer gewaltiger wird die Industrie. Den ArbeiterInnen tritt ein immer mächtiger werdender Produktionsapparat gegenüber; er gehört den KapitalistInnen und nicht den ArbeiterInnen. Die Erzeugungsstätten, die die ArbeiterInnen durch den Mehrwert geschaffen haben, treten ihnen als fremde Macht gegenüber. Die Akkumulation hat zwar eine Steigerung der Nachfrage nach Arbeitskräften, aber auch eine steigende Mach der KapitalistInnen zur Folge.

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4.2. Die Akkumulationsrate

Unter der Akkumulationsrate verstehen wir das Verhältnis des akkumulierten Mehrwerts zum ganzen Mehrwert. Ist das Akkumulieren völlig im Belieben der KapitalistInnen gelegen? Nein! Die KapitalistInnen werden durch die am Markt wirksame Kraft der Konkurrenz zur Akkumulation getrieben. Es ist nicht so, dass die KapitalistInnen nur aus Frömmigkeit sparen. Wenn sie nicht akkumulieren, so können sie ihren Produktionsapparat nicht vergrößern und verbessern; ein Zurückbleiben im Konkurrenzkampf aber kann Vernichtung bedeuten. Es besteht also ein gewisser Zwang zur Akkumulation. 

Wie ist es, wenn durch Kartelle die Konkurrenz ausgeschaltet wird? Grundsätzlich wird dadurch kaum etwas verändert. In der Auseinandersetzung um die Kartellquote geht der Kampf weiter; das ist eine Veränderung der Form nach, aber nicht des Inhalts. Wer akkumuliert, kann seinen Betrieb ausbauen und sich dann eine höhere Quote erkämpfen. Wer nicht akkumuliert, geht zugrunde.

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4.3. Überakkumulation und Unterakkumulation 

Jede Gesellschaft muss ihren Produktionsapparat vergrößern. In der kapitalistischen Gesellschaft erfolgt dies auf dem Wege der Akkumulation. Sie muss akkumulieren, weil ihre Bevölkerung wächst. Nun ist es möglich, dass die Bevölkerung schneller wächst und das Tempo der Akkumulation nicht ausreicht. Ein Teil der Arbeitswilligen kann unter solchen Umständen keine Arbeit finden; es herrscht Arbeitslosigkeit. Es ist weniger akkumuliert worden, als akkumuliert werden hätte müssen, um die Bevölkerung zu beschäftigen. Diesen Zustand bezeichnen wir als Unterakkumulation. Wenn die Bevölkerung langsamer wächst und sehr viel Kapital akkumuliert wird, so tritt ein Mangel an Arbeitskräften ein. In einem solchen Fall sprechen wir von einer Überakkumulation. 

Unterakkumulation - das bedeutet Arbeitslosigkeit, niedrige Arbeitslöhne, Mangel an Kapital. Der Kapitalmangel wird eine Zinsfußerhöhung auslösen, wodurch fremdes Kapital veranlasst wird, einzuströmen. Dadurch wird der Zustand der Unterakkumulation ausgeglichen. 

Überakkumulation - das bedeutet Mangel an Arbeitskräften, hohe Arbeitslöhne, reichliche Kapitalversorgung, die den Zinsfuß drückt.

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4.4. Akkumulation und Fortschritt zu höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals 

Die KapitalistInnen akkumulieren jedes Jahr einen großen Teil ihres Mehrwerts. Was machen sie mit diesem Teil? Dieser Teil des Mehrwerts wird zu einem Teil in konstantes und zum anderen Teil in variables Kapital verwandelt. Industrielle UnternehmerInnen kaufen neue Maschinen; sie beschaffen Rohstoffe und werden neue ArbeiterInnen aufnehmen. Wird dieses Verhältnis zwischen dem Wachstum des konstanten und variablen Kapitals unveränderlich sein? Das soll uns ein Beispiel lehren: EinE KapitalistIn hat einen Mehrwert von 600. Davon konsumiert sie/er 300, 300 werden akkumuliert. Davon vergrößert sie/er um 200 das konstante und um 100 das variable Kapital. Ein Jahr später hat die/der KapitalistIn wieder einen Mehrwert von 600. Wieder wird sie/er 300 akkumulieren. Wie werden sich diese 300 aufteilen? Diesmal wird sich schon der inzwischen eingetretene technische Fortschritt bemerkbar machen. Da es bessere Maschinen gibt, werden verhältnismäßig weniger ArbeiterInnen gebraucht. Die/der UnternehmerIn wird nun einen größeren Teil des Mehrwerts dem konstanten Kapital zuschlagen und einen kleineren Teil dem variablen. So ist es in jedem Betrieb. Ein immer größerer Teil des Mehrwerts wird zur Vergrößerung des konstanten Kapitals verwendet und ein kleiner Teil zur Vergrößerung des variablen. Daraus folgt: Durch die Akkumulation vollzieht sich eine Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Es kann sogar sein, dass der akkumulierte Mehrwert zur Gänze der Vergrößerung des konstanten Kapitals nutzbar gemacht wird. 

Jedes Jahr wird akkumuliert; aber jedes Jahr wird ein größerer Teil zur Vergrößerung des konstanten Kapitals verwendet. Durch die Akkumulation wächst das konstante Kapital viel schneller als das variable. Welche Wirkung hat das? 

c

v

m

Org. Z. (in %)

Profitrate

200

100

50

200

16,6%

600

200

100

300

12,5%

1200

300

150

400

10%

(c = konstantes Kapital, v = variables Kapital, m = Mehrwert, org. Z. = organische Zusammensetzung in Prozenten)

In unserem Beispiel steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals. Wenn nun die Mehrwertrate unverändert bleibt, dann hat diese höhere Zusammensetzung die Wirkung, dass die Profitrate sinkt. Verursacht wird diese Reduktion durch die ständige Verringerung des Kapitalanteils. 

Die einzelnen KapitalistInnen erhöhen fortwährend die organische Zusammensetzung des Kapitals. Die Konkurrenz zwingt sie, so billig wie möglich zu produzieren. Sie müssen daher akkumulieren und den Betrieb technisch verbesseren. Technische Verbesserung bedeutet Erhöhung der organischen Zusammensetzung. Sie erscheint den einzelnen UnternehmerInnen als Erhöhung ihre Profits. In  Wirklichkeit hat es aber die Wirkung, dass mit der höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals die Profitrate sinkt. 

Mit der ständigen Akkumulation geht die Entwicklung zu einer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals Hand in Hand. Aber diese veränderte Zusammensetzung des Kapitals hat zur Folge, dass bei gleichbleibender Rate der Ausbeutung die Profitrate sinkt. Den KapitalistInnen wird diese böse Tendenz natürlich fühlbar. Sie merken, dass es immer schwieriger wird, eine hohe Profitrate zu haben. Was ist die Folge? Die KapitalistInnen setzen sich gegen das Sinken der Profitrate zur Wehr. Das erste Mittel dazu sind Kartelle und Trusts. Die KapitalistInnen machen aber die Erfahurng, dass die Profitrate auf Dauer doch nicht zu halten ist, wenn die Ausbeutung unverändert bleibt. Es gibt gegen das Sinken der Profitrate nur eine wirksame Waffe: die Ausbeutung der ArbeiterInnen zu vergrößern.

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4.5. Wirkung der höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals auf die Mehrwertrate

Betrachten wir kurz, wie dieser Fortschritt zur höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals auf die Mehrwertrate wirkt. Es steckt darin die Tendenz zur Herbeiführung von Arbeitslosigkeit, weil das konstante Kapital rascher zunimmt als das variable. Die Tatsache, dass vom akkumulierten Mehrwert ein immer größerer Teil zur Vergrößerung des konstanten Kapitals verwendet wird und ein immer kleinerer Teil zum variablen Kapital geschlagen wird, verlangsamt von Jahr zu Jahr die Zuwachsrate des variablen Kapitals. Nehmen wir an, dass die Zahl der arbeitssuchenden Menschen jährlich um zwei Prozent wächst. Wenn nun das variable Kapital um weniger als zwei Prozent wächst, so tritt Unterakkumulation ein. Das heißt Arbeitslosigkeit, Lohndruck und steigender Kapitalzins. Der Fortschritt zur Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals hat - vorausgesetzt, dass die Ausbeutung gleich bleibt - die Tendenz, die Profitrate zu senken. Da sich die KapitalistInnen gegen das Sinken des Profits wehren, hat dieses Sinken des variablen Kapitals die Tendenz, die Ausbeutung zu vergrößern, die Mehrwertrate zu erhöhen. Wir sehen also: auf der einen Seite die höhere organische Zusammensetzung des Kapitals, die zum Sinken des Profits führt, auf der anderen Seite veranlasst das die KapitalistInnen zu stärkerer Ausbeutung der ArbeiterInnen. Die stärkere Ausbeutung wird erleichtert, weil das Anwachsen des konstanten Kapitals bewirkt, dass ArbeiterInnen überflüssig werden und damit der Lohndruck zunimmt.

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4.6. Höhere organische Zusammensetzung des Kapitals und Mehrarbeit

Der Fortschritt zu höherer organischer Zusammensetzung des Kapitals geht mit der Entwicklung der technischen Leistungsfähigkeit Hand in Hand. Sie bewirkt, dass dieselbe Ware in einer kürzeren Arbeitszeit hergestellt werden kann. Die Menschen können daher in immer kürzerer Zeit die "notwendigen Lebensmittel" produzieren. Bliebe in der kapitalistischen Gesellschaft die Mehrwertrate unverändert, so müsste die Bereicherung der Gesellschaft durch den technischen Fortschritt den ArbeiterInnen und KapitalistInnen in gleicher Weise zufallen. Es müssten sich der Wohlstand und das Einkommen der ArbeiterInnen gleichmäßig heben. Ein Steigen der Mehrwertrate bedeutet aber, dass der Zuwachs vor allem den KapitalistInnen zugute kommt. 

Der technische Fortschritt bewirkt, dass die "notwendige Arbeitszeit" immer kürzer wird. Wenn nun der Arbeitstag gleich lang bleibt, so steigt durch die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit die für die KapitalistInenn geleistete Mehrarbeit. 

Wir sind bei dem entscheidenden Punkt des Verteilungsprozesses des Sozialprodukts im Kapitalismus angelangt. Der technische Fortschritt bewirkt eine Bereicherung der Gesellschaft. Aber wem fällt der dadurch geschaffene Reichtum zu? Nehmen wir eine bäuerliche Wirtschaft und untersuchen wir, wie sich hier der technische Fortschritt auswirkt. Wenn durch die Verbesserung des Saatgutes oder durch bessere Maschinen der Ertrag der Felder gesteigert wird, so haben der Bauer und die Bäuerin davon den Gewinn. Es gibt für sie zwei Möglichkeiten: Sie werden, wenn sie gleichviel Zeit aufwenden wir früher, einen größeren Ertrag haben. Sie können also ihre Lebenshaltung heben. Oder aber sie werden jetzt weniger abreiten und Dank des technischen Fortschritts denselben Ertrag haben wie früher. 

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Arbeitskraft eine Ware. Die ArbeiterInnen sind nicht EigentümerInnen der Produktionsmittel, sie sind gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Die Arbeitskraft ist also eine Ware und der Preis hängt vom Marktpreis der Ware ab. Durch Erfindung arbeitssparender Maschinen wird die Nachfrage nach der Arbeitskraft verringert. Jede Maschine hat daher die Tendenz, die Löhne zu drücken. Auch in der kapitalistischen Gesellschaft bedeutet natürlich die Erfindung einer arbeitssparenden Maschine, dass die Gesellschaft als Ganzes reicher wird. Da aber gleichzeitig die Arbeitskraft eine Ware ist, so bewirkt der Ersatz der menschlichen Arbeitskraft durch die Maschine einen Druck auf den Arbeitslohn. In der kapitalistischen Gesellschaft kommt die Bereicherung durch die Maschinen nicht allen Menschen gleichmäßig zugute; sie fällt nur den BesitzerInnen der Produktionsmittel zu, den KapitalistInnen. Die ArbeiterInnen haben entweder nichts davon oder nur sehr wenig. Oft sind sie durch die Maschinen arbeitslos und verelenden. 

Arbeitssparende Maschinen heißen höhere organische Zusammensetzung des Kapitals. Höhere organische Zusammensetzung des Kapitals, das bedeutet Sinken des Profits. Das Sinken des Profits wird von den KapitalistInnen abgewehrt durch stärkere Ausbeutung, durch die Erhöhung der Mehrwertrate. 

Was den Reichtum der Gesellschaft begründet, wird zu Mittel, die Ausbeutungsrate in die Höhe zu treiben. Die Wirkung muss nicht gerade sein, dass es dadurch den ArbeiterInnen schlechter geht als vorher, aber an dem Reichtum, der der Menschheit durch den technischen Fortschritt zufällt, haben die KapitalistInnen den Löwenanteil. 

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5. Die Konjunktur

5.1. Der industrielle Zyklus

"Konjunktur" ist am einfachsten mit unserem Wort "Geschäftsgang" gleichzusetzen. Es wird von guter und schlechter Konjunktur gesprochen. In der kapitalistischen Gesellschaft unterliegt häufig auch jeder einzelne Industriezweig besonderen konjunkturellen Einflüssen. So kann gleichzeitig die Metallindustrie eine schlechte und die Bierbrauereien eine gute Konjunktur haben. Wir sprechen von der Konjunktur eines Geschäftszweiges. Aber die Erfahrung lehrt, dass in der kapitalistischen Gesellschaft zeitweise fast alle Produktionszweige gleichzeitig gute oder schlechte Konjunktur haben. Wir können also auch von einer "allgemeinen" Konjunktur sprechen. 

Verfolgen wir die Geschichte des Kapitalismus im 19. Jahrhundert, so bemerken wir ganz merkwürdige Gesetzmäßigkeiten. Perioden guter Konjunktur wechseln mit solchen schlechten Geschäftsganges, und zwar etwa in einem Rhythmus von zehn zu zehn Jahren. Zeiten des Aufschwungs sind Zeiten des Wohlbefindens der Wirtschaft. Wir nennen einen solchen Zeitabschnitt eine Periode der Prosperität (prosper [lat.]: glücklich). 

Die Prosperität befruchtet die Wirtschaft - sie erfasst immer weitere Teile der Wirtschaft und erreicht ihre Vollendung in der Zeit der Hochkonjunktur. Diese aber endet gewöhnlich mit einem Krach. Das beginnt zuerst an der Börse, wo plötzlich die Kurse der Aktien sinken. Der Absatz geht zurück, Betriebe werden stillgelegt, ArbeiterInnen entlassen - es kommt die Krise. Der Krise folgt eine Periode der Stagnation; mehrere Jahre lang liegt die Wirtschaft darnieder. Der Absatz ist schlecht, die Betriebe können nicht ausgenützt werden, daher herrschen Arbeitslosigkeit und Lohndruck vor. Diesen Zustand nennen wir Depression, diese Depression dauert einige Jahre. Nach einigen Jahren beginnt sich die Wirtschaft wieder zu heben, der Absatz bessert sich, die Preise steigen und eine neue Periode der Prosperität wird eingeleitet. Dieser folgt wieder die Hochkonjunktur, der Hochkonjunktur die Krise usw. Das ist der normale Ablauf der wirtschaftlichen Entwicklung.

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5.2. Ursachen der Prosperität 

Gehen wir von einer Periode der Prosperität aus; guter Geschäftsgang herrscht vor und die Nachfrage nach Waren ist groß; In der Regel tritt ein solcher Zustand ein, wenn in der Gesellschaft der Produktionsapparat schnell erneuert, erweitert und vervollkommnet wird. Ein Beispiel liefern die Prosperitätsjahre zwischen 1890 und 1901. 1890 war eine Krise, die von London ausgegangen war. Nach ein paar Jahren Depression kann eine deutlich Erholung. Es war die Zeit, in der sich die Verwendung von Elektrizität durchsetzte. Die Pferdebahnen wurden durch elektrische Straßenbahnen ersetzt, elektrische Aufzüge und Krane wurden eingeführt; in den Fabriken bürgerte sich die elektrische Kraftgewinnung und Kraftübertragung ein. Das bedeutet eine große Nachfrage nach Produktionsmitteln. Aber wenn es in diesen Industrien die Geschäfte gut gehen, so heißt das, dass die ArbeiterInnen mehr Beschäftigung haben, dass sie verdienen und mehr Lebensmittel, mehr Kleider und mehr Wäsche kaufen werden. Daher geht es dann auch der Kleider- und Wäscheindustrie gut. Und wenn es in diesen Produktionszweigen gut geht, so kaufen auch sie mehr ein, was wieder einen guten Geschäftsgang in anderen Produktionszweigen zur Folge hat. Das bedeutet: die Prosperität nimmt von den Produktionsmittelindustrien ihre Ausgang und überträgt sich von dort auf die anderen Produktionszweige. 

1901 bis 1907 war es ganz ähnlich. Auch während dieser Zeit vollzog sich eine weitgehende technische Umgestaltung; ihre Kennzeichen waren das Aufkommen der Automobile und eine technische Umwälzung im Schiffsbau. Die Dampfmaschinen auf den Schiffen wurde durch Dieselmotoren ersetzt. Das bedeutete wieder große Investitionen und großen Bedarf an Produktionsmitteln. Der gute Geschäftsgang in den Produktionsmittelindustrie blieb nicht ohne Einfluss auf die übrigen Gebiete des wirtschaftlichen Lebens. Auch hier wurde die Prosperität zunächst durch die technischen Erneuerungen eingeleitet. Der erhöhten Nachfrage nach Produktionsmitteln folgt eine starke Nachfrage nach Konsummitteln. 

Die Prosperität wird in allen diesen Fällen durch ein Steigen der Preise eingeleitet. Es gibt Menschen, die wünschen sich niedrige Preise und eine geringe Arbeitslosigkeit; aber diese beiden Erscheinungen hat in einer kapitalistischen Gesellschaft nie gleichzeitig gegeben. Niedrige Preise gehen Hand in Hand mit Arbeitslosigkeit; hohe Preise sind Zeiten geringer Arbeitslosigkeit. Die ArbeiterInnen sehen sich immer vor dieses Dilemma gestellt. 

Die Prosperität ist eine Periode der Teuerung. Die Teuerung selbst wird zu einem die Prosperität fördernden Faktor. In Zeiten sinkender Preise kaufen die Kaufleute immer nur so viel, als sie gerade brauchen. Wenn die Preise steigen, beeilen sie sich mit dem Einkaufen. Bei steigenden Preise spekulieren sie à la Hausse. Sie kaufen mehr, als sie brauchen. Der Absatz steigt und damit steigen die Preise; die Arbeitslosigkeit ist in solchen Zeiten gering und der Lohndruck spielt eine untergeordnete Rolle. In den Zeiten der Prosperität sind die Lohnkämpfe am besten zu führen. Je mehr die Preise steigen ,desto stärker wird die Nachfrage nach Waren; erstens wird à la Hausse spekuliert und werden Waren auf Vorrat gekauft, zweitens hat eine größere Nachfrage nach Arbeitskräften zur Folge, es können höhere Arbeitslöhne erreicht werden, die Konsumkraft der ArbeiterInnen steigt. Daraus entsteht eine stürmische Nachfrage nach Waren und daraus resultiert schließlich die Hochkonjunktur. Es gibt nun zwar Klagen über die Teuerung, aber es ist keine Arbeitslosigkeit vorhanden. Besonders die KapitalistInnen, die hohe Profite einstecken, sind äußerst zufrieden; die Vergnügungs- und Nachtlokale sind überfüllt. Aber während die KapitalistInnen noch in bester Laune sind, setzen sich in der Wirtschaft schon Faktoren durch, die zur Krise führen.

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5.3. Ursachen der Krise

Die Prosperität ist eine Zeit steigender Preise und erhöhter Profite. Während sich aber die Prosperität zur Hochkonjunktur fortentwickelt, beginnen die Faktoren, die zur Krise treiben, an Bedeutung zu gewinnen. 

1. Die ArbeiterInnen sind gut beschäftigt, die Arbeitslosigkeit ist klein. Die KapitalistInnen, die viele Aufträge haben, fürchten Streiks. Sie sind daher eher geneigt, Lohnerhöhungen zu gewähren. Der Grad der Ausbeutung wird dadurch vermindert. In der Prosperität macht sich eine Tendenz zur Senkung der Mehrwertrate bemerkbar. In diesen Perioden werden Arbeitszeitverkürzungen durchgeführt und Lohnerhöhungen erkämpft. 

2. Die Zeit der Prosperität zeichnet sich aber auch durch die Häufung technischer Neuerungen aus. Jede technische Vervollkommnung bedeutet Fortschritte zu einer höheren organischen Zusammensetzung des Kapitals. Die Tendenz zur Senkung der Mehrwertrate und zu einer höheren organischen Zusammensetzung beginnen in gleicher Weise einen Druck auf die Profite auszuüben. Die Profitrate steigt zwar in der Anlaufzeit der Prosperität, aber wenn die Mehrwertrate sich senkt und die organische Zusammensetzung steigt, so muss der Moment eintreten, da die Profitrate zu sinken beginnt. 

3. Die Prosperität ist eine Zeit von überaus großem Kapitalbedarf. Alle KapitalistInnen wollen in dieser Zeit ihre Betriebe erweitern. KapitalistInnen, die ihr Geld in den Banken liegen haben, ziehen dieses Geld von dort zurück, weil sie es für ihr Geschäft brauchen. Das Angebot an Kapital wird kleiner, die Nachfrage größer. Der Zinsfuß wird daher steigen. Zeiten der Prosperität sind immer Zeiten des steigenden Zinsfußes. 

4. In der kapitalistischen Gesellschaft wird die Industrie in Zeiten der Prosperität schnell erweitert. Aber es ist nicht möglich, Produktion in Landwirtschaft und Bergbau im gleichen Tempo wie die industrielle Produktion auszudehnen. Es kann die Zahl der Baumwollspindeln sehr schnell vermehrt werden, aber der Anbau von Baumwolle kann nicht ebenso leicht vergrößert werden. Ähnlich ist es auch im Bergbau. Die Erweiterung der Kohlegewinnung erfordert eine gewisse Zeit; die Vergrößerung der Industrie ist viel schneller durchzuführen. Daher tritt in der Zeit der Prosperität der Zustand ein, dass Landwirtschaft und Bergbau sich nicht im gleichen Tempo entwickeln wie die Industrie. In solchen Zeiten ist daher der Bedarf an landwirtschaftlichen und bergbaulichen Rohstoffen überdurchschnittlich groß. Die Preise der Rohstoffe steigen schneller als die Preise der Industrieprodukte und daraus resultiert schließlich ein Steigen der Grundrente. 

Die Profitrate als Ganzes steigt während der Prosperität. Aber schon vollziehen sich folgende Veränderungen:

1. ein Sinken der Mehrwertrate 

2. das Steigen der organischen Zusammensetzung des Kapitals. Dadurch beginnt sich auch die Profitrate zu vermindern. Dazu treten als weitere Wirkungen ein Steigen der Grundrente und des Zinsfußes. Beides drückt auf den UnternehmerInnengewinn. Im Verlauf der Prosperität gewinnt also die Tendenz, den UnternehmerInnengewinn zu senken, an Bedeutung. Noch während die Prosperität im Gange ist, beginnen sich diese Wirkungen bereits zu zeigen, und zwar besonders dort, wo eine Abhängigkeit vom Zinsfuß besteht. So zum Beispiel im Baugewerbe. Es wird nur solange gebaut, als die Mietzinse die Verzinsung des Gebäudekapitals sichern. Je höher der veranlagte Kapitalzins, um so weniger rentiert es sich, zu bauen, wenn nicht gleichzeitig auch die Mietzinse steigen. Da in Zeiten der Prosperität der Zinsfuß sehr hoch ist, hört in dieser Periode die Bautätigkeit allmählich auf und darin kommt immer das erste Zeichen einer Krise zum Ausdruck. Die Bauindustrie ist in allen kapitalistischen Ländern jener Produktionszweig, der die meisten ArbeiterInnen beschäftigt. Die Einstellung der Bautätigkeit bewirkt deshalb in der Regel eine fühlbare Verschlechterung am Arbeitsmarkt. Die Konsumkraft der BauarbeiterInnen sinkt und das bekommen auch die anderen Produktionszweige zu spüren. Die Verminderung der Bautätigkeit wird damit zum Signal, dass das Ende der Hochkonjunktur ankündigt. Noch dauert zunächst die Hochkonjunktur an und die KapitalistInnen trösten sich, dass "nur" die Bauindustrie eine Krise habe. Aber bald kommt der Moment, da der Druck der gestiegenen Grundrente und des hohen Zinsfußes doch bewirken, dass die Profite sinken. Das wird zuerst fühlbar an der Börse. Der Kurs der Aktien hängt von der Höhe der Dividende und des Zinsfußes ab. In der Zeit der Prosperität steigen die Kurse der Aktien, weil die Dividenden steigen. Es wird à la Hausse spekuliert. Aber bald tritt der Moment ein, von dem an das Steigen des Zinsfußes nicht mehr kompensiert wird durch das Steigen der Dividende. Dann müssen die Aktienkurse fallen. Das Steigen des Zinsfußes und der organischen Zusammensetzung des Kapitals drückt auf den Profit. 

Es wird offensichtlich, dass das Aktienkaufen keinen Sinn mehr hat, weil bei einem so hohen Zinsfuß das Geld besser in einer Bank angelegt ist. Die eingetretene Überspitzung der Kursbildung an der Börse wird offenbar und an dem Tag, an dem die KapitalistInnen das bemerken, kommt der große Börsenkrach. Das ist der jeweilige "schwarze Freitag". Der Börsenkrach ist der Anfang der Krise. 

Jetzt ändert sich schlagartig das ganze Bild; die Stimmung schlägt plötzlich um. Die Geschäfte der Produktionsmittelindustrie gehen gut, solange die Industrie Betriebsverbesserungen und Vergrößerungen vornimmt. An dem Tage, da die Investitionstätigkeit aufhört, gerät die Maschinenindustrie ins Stocken. Börsenkrisen haben immer die Wirkung, dass zunächst das Investieren aufhört, das Kapital wird ja durch die Ausgabe neuer Aktien geschaffen; dieser Weg ist ungangbar, sobald die Krise akut wird. Neue Aktien werden nicht angebracht und daher kann sich das Aktienkapital nicht vermehren. Infolgedessen hört die Gründertätigkeit auf; neue Aktiengesellschaften werden nicht mehr gegründet, alte werden nicht erweitert. Die Industrie kann sich kein Geld mehr zum Ausbau der Betriebe verschaffen. 

Die Absatzstockung in den Produktionsmittelindustrien greift deshalb um sich. Im Baugewerbe war sie schon vorher da. In den Produktionsmittelindustrien werden jetzt viele tausend ArbeiterInnen entlassen und diese breiten Massen fallen plötzlich als zahlungsfähige KundInnen aus. Die Krise greift jetzt auf die Konsumindustrie über. Der Abstieg ist in vollem Gang. Die Absatzkrise bewirkt Arbeitslosigkeit und Lohndruck. Der Fortschritt zur höheren Zusammensetzung des Kapitals bewirkt ein Sinken der Profitrate, sobald die Minderung des Mehrwerts pro eingesetzter Kapitaleinheit nicht durch verstärkte Ausbeutung kompensiert wird. In der Prosperität wird die bereits "kritisch" gewordene Lage noch überdeckt. In dem Moment aber, da sich das Sinken der Profitrate durchsetzt, kommt die Zeit des Krachs und der Depression. Aber so wie die Prosperität die Depression erzeugt, so erzeugt die Depression wieder die Prosperität. 

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6. Die Steuern

 616.1. Arten der Steuern

Wir unterscheiden zunächst folgende Gruppen von Steuern: 

Die Personalsteuern - das sind Steuern, die nicht einem Erwerbsunternehmen oder einer Ware auferlegt werden, sondern einer Person. Hierher gehören die unserem Land übliche Einkommenssteuer, die Vermögenssteuer und eine besondere Art von Vermögenssteuer. Die Erbschaftssteuer. 

Die Ertragssteuern: Sie werden vom Ertrag des Kapitals oder vom Ertrag, den Objekte einbringen, gezahlt. Arten dieser Steuer sind: Gewerbesteuer, Körperschaftssteuer, Grundsteuer, Rentensteuer. 

Die Aufwandssteuern stellen eine dritte große Gruppe von Steuern dar; durch sie wird der Verbrauch oder irgendein Aufwand besteuert. Unsere Warenumsatzsteuer zum Beispiel ist eine Steuer, die jedwede Art von Verbrauch trifft, gleichgültig, ob es sich dabei um materielle Waren oder um Dienstleistungen handelt. Zu den Aufwandsteuern zählen alle Arten von Konsumsteuern, also neben der Warenumsatzsteuer die Getränkesteuer, die Luxussteuer usw. 

Die Aufwandsteuern sind also verschiedener Art. Sie treffen zum Beispiel den einzelnen Konsum. Da werden sie Konsumsteuern genannt. Oder sie treffen den produktiven Aufwand, das heißt den Aufwand in einem Geschäft, in einer Unternehmung. Unsere Gebäudesteuer war einmal eine Ertragssteuer. Heute ist sie eine Steuer auf den Mietaufwand. Lohnabgaben, die die UnternehmerInnen für die beschäftigten ArbeiterInnen bezahlen müssen, sind Steuern auf den produktiven Aufwand.

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6.2. Die Wirkung der Steuern auf die Warenpreise 

Bezahlen einzelne Geschäftsleute, denen eine Steuer auferlegt wird, die Steuer selbst oder sind sie in der Lage, die Steuer zu überwälzen? Diese Frage ist steuerpolitisch von größter Bedeutung. Gehen wir von folgendem Beispiel aus: Bei der Einfuhr von Bier wird ein Zoll eingehoben und in dieser Form wird auch das ausländische Bier besteuert. Der Bierpreis wird von den Brauereien um den Betrag der Steuer erhöht und deshalb zahlen in letzter Linie die BiertrinkerInnen die Steuer. Die Brauerei kann also in diesem Fall die Steuer überwälzen. Die/der BrauereiunternehmerIn bezahlt die Steuer an den Staat; aber getragen wird sie von den KonsumentInnen. Die Steuer wird zwar den BierbrauerInnen auferlegt, aber von Anfang an besteht die Absicht, sie den BiertrinkerInnen anzulasten. Wir müssen daher bei unseren Untersuchungen die SteuerzahlerInnen von den SteuerträgerInnen unterscheiden. 

Eine Steuer, die in der Regel auf die KonsumentInnen überwälzt wird, wird eine indirekte Steuer genannt. Indirekte Steuern sind im allgemeinen alle Konsumsteuern, wobei die Steuer nicht nur auf inländische Güter, sondern auch auf ausländische Konsumwaren gelegt wird. 

Wie steht es mit der Lohnsummensteuer? Diese Abgabe bezahlen alle inländischen UnternehmerInnen, die ArbeiterInnen beschäftigen. Die vom Ausland kommenden Waren werden durch diese Steuer nicht betroffen; die bei der Erzeugung der Waren im Ausland aufgewendeten Löhne bleiben "steuerfrei". Hier muss unterschieden werden, ob es sich um Waren handelt, die der ausländischen Konkurrenz unterliegen oder nicht. Nehmen wir unser Beispiel vom Mehl. Österreichische MehlhändlerInnen können nicht mehr verlangen als z.B. ungarische MehlhändlerInnen, die diese Abgabe nicht bezahlen müssen. Der Einfuhrpreis des Mehls setzt sich aus Weltmarktpreis + Zoll + Transportkosten zusammen. Da im Inland nicht über dem Einfuhrpreis verkauft werden kann, wird durch die Lohnsummensteuer der Mehlpreis nicht beeinflusst. Wenn wir in Österreich die Lohnsummensteuer aufheben, wird dadurch der Mehlpreis nicht vermindert, da die HändlerInnen auch dann nicht unter dem Einfuhrpreis verkaufen. Die Lohnsummensteuer kann also in diesem Fall nicht auf die KonsumentInnen überwälzt werden. 

Aus der Verallgemeinerung dieses Falls lässt sich folgender Schluss ziehen: Die Aufwandssteuern können, wenn es sich um Waren handelt, die mit ausländischen Waren konkurrieren, nur dann auf die VerbraucherInnen überwälzt werden, wenn auch die ausländischen Waren durch die Steuer getroffen werden. Wollen wir die Möglichkeit der Steuerüberwälzung überprüfen, so ist klarzustellen, ob es sich um Waren handelt, die der ausländischen Konkurrenz unterliegen. Mit dem Ausland konkurriert, was transportabel ist. Mehl unterliegt der ausländischen Konkurrenz - Milch oder Brot in der Regel nicht, weil diese Nahrungsmittel nicht weit transportiert werden können. Lokale Dienstleistungen unterliegen ebenfalls nicht der Auslandskonkurrenz. Das Theater hat zum Beispiel keine ausländische Konkurrenz. Wenn ich in Wien lebe, werde ich auch in Wien ins Theater gehen - auch wenn das Theater in Berlin billiger wäre. Es gibt also Dinge, die ihrer Natur nach einen bestimmten lokalen Markt haben. 

Selbst dort, wo es sich um Waren handelt, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, wird die Überwälzung der Steuer nicht immer voll möglich sein. Warum? Weil, wie wir schon früher gelernt haben, auf die Gestaltung der Nachfrage Rücksicht genommen werden muss. Wir eine hohe Theaterabgabe zur Gänze überwälzt, so kann es geschehen, dass der Theaterbesuch katastrophal sinkt. Wie weit eine Steuer überwälzt werden kann, hängt daher auch von der Elastizität der Nachfrage ab. 

Betrachten wir von diesem Gesichtspunkt die Wirksamkeit von Personalsteuern. Die Selbständigen bezahlen Einkommenssteuer oder Gewerbe- bzw. Körperschaftssteuer. Die Einkommenssteuer, die die UnternehmerInnen bezahlen, ist verschieden hoch. Sie hängt von der Höhe des erzielten Ertrags ab. Würden alle SchuherzeugerInnen von der Einkommenssteuer in gleicher Weise belastet, so könnten sie die Steuer überwälzen, ohne dass dabei die Konkurrenzfähigkeit verändert würde. Bezahlt aber eine oder einer der UnternehmerInnen mehr als einE KollegIn, so kann sie/er die höhere Steuer nicht einfach überwälzen; diejenigen, die weniger Steuer bezahlen, können die Waren billiger auf den Markt bringen. Die Einkommenssteuer, welche die UnternehmerInnen in ganz unterschiedlicher Weise belastet, kann daher nicht oder nur zum Teil überwälzt werden. Ganz klar wird dies, wenn wir die Aktiengesellschaften betrachten. Die Einkommenssteuer trifft nicht die Aktiengesellschaft, sondern die/den AktionärIn. Sie spielt in der Berechnung der Produktionskosten gar keine Rolle. Was die einzelnen AktionärInnen an Einkommenssteuer bezahlen, geht in die Kostenrechnung der Aktiengesellschaft nicht ein. 

Was bei der Überwälzung der Einkommenssteuer gilt, trifft auch im Fall der Vermögens- und Erbschaftssteuer zu. Im allgemeinen können wir sagen, dass die Personalsteuern, die nicht nach dem Gesamtvermögen der Unternehmungen, sondern nach dem Vermögen der einzelnen TeilhaberInnen bemessen werden, nicht überwälzt werden können. Das ist ihr großer Vorzug. Hier sind die SteuerzahlerInnen auch SteuerträgerInnen. Daher werden diese Steuern direkte Steuern genannt. 

Jetzt müssen wir noch die Ertragssteuern betrachten. Diese Steuern treffen nicht die einzelnen Steuerpflichtigen, sondern die Unternehmungen. Daher könnten wir hier annehmen, dass diese Steuern überwälzt werden können. Hier müssen wir unterscheiden, ob es sich um Waren handelt, die der ausländischen Konkurrenz unterliegen oder nicht. Da die Ertragssteuer nur die inländischen Waren treffen, können diese Steuern auf Waren, die der Auslandskonkurrenz unterliegen, nicht überwälzt werden. Dagegen kann die Ertragssteuer überwälzt werden, wenn es sich um Waren handelt, die nicht mit dem Ausland konkurrieren, sondern nur Produkte des lokalen Marktes sind (Brot, Zeitungen, Theater usw.). In welchem Ausmaß die Überwälzung möglich ist, hängt auch von der Elastizität der Nachfrage ab und davon, wie stark die Steuer die einzelnen Unternehmungen trifft. Ist die Steuer für die verschiedenen Unternehmungen verschieden, so sind der Überwälzung durch die Konkurrenzrücksichten Grenzen gesetzt. Progressive Steuern sind daher nicht in ihrer vollen Schärfe abwälzbar. 

Zusammenfassend können wir sagen: 

1. Die Personalsteuern können im allgemeinen nicht überwälzt werden. Hier sind SteuerzahlerInnen und SteuerträgerInnen identisch. Diese Steuern werden direkte Steuern genannt. 

2. Ertragssteuern: Bei diesen Steuern ist die Möglichkeit der Überwälzung verschieden. Wo eine ausländische Konkurrenz besteht, können Ertragssteuern nicht überwälzt werden. Bei Waren und Dienstleistungen, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, kann es zu einer Überwälzung kommen, vorausgesetzt, die Belastung ist eine gleichmäßige und die Elastizität der Nachfrage gering. Soweit diese Voraussetzungen fehlen, ist nur eine teilweise Überwälzung möglich. 

3. Aufwandsteuern: Bei Waren, die keiner Auslandskonkurrenz unterliegen, können die Aufwandssteuern soweit überwälzt werden, als es die Elastizität der Nachfrage zulässt. Bei den Waren, die mit dem Ausland konkurrieren, hängt die Möglichkeit der Überwälzung davon ab, ob die Steuern nur die inländischen oder auch die ausländischen Waren belasten. Liegt die Steuer auch auf den ausländischen Waren, so kann sie ganz oder teilweise überwälzt werden. Die UnternehmerInnen bezahlen die Steuern, die KonsumentInnen tragen sie. Darum werden diese Steuern auch indirekte Steuern genannt. 

Wir haben bisher den Einfluss der Steuern auf die Warenpreise untersucht - nun wollen wir sehen, welchen Einfluss die Steuern auf den Arbeitslohn ausüben.

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6.3. Einfluss der Steuern auf den Arbeitslohn

Wenn die UnternehmerInnen in der Lage sind, die Steuern, die sie bezahlen müssen, einfach den KonsumentInnen aufzubürden, so bezeichnen wir diesen Vorgang als eine Überwälzung der Steuern. Die UnternehmerInnen können aber auch versuchen, eine Steuerbelastung dadurch zu vermindern, indem sie die Arbeitslöhne verkürzen. In diesem Fall werden die Steuern auf die ArbeiterInnen rückgewälzt. 

Warenumsatzsteuern, die sowohl inländische wie ausländische Waren treffen, können auf die VerbraucherInnen überwälzt werden. Die UnternehmerInnen zahlen die Steuern, aber sie tragen sie nicht - sie wälzen sie ab. Wie wird das auf die ArbeiterInnen jener Industriezweige wirken, deren Waren durch die Steuern getroffen werden? Verteuert die Steuer die Waren sehr wesentlich, so kann eine Absatzkrise ausgelöst werden; die Mindestbeschäftigung kann sich als eine Schädigung der ArbeiterInnen erweisen. Diese Wirkung soll nicht überschätzt werden. Bei Mehl ist bekanntlich die Elastizität der Nachfrage klein: auch dann, wenn eine Steuer darauf liegt, müssen die Menschen Mehl und Brot essen. Der Rückgang der Beschäftigung wird in diesen Fällen eher gering sein. Jedenfalls verdient festgehalten zu werden, dass eine gewisse Schädigung der ArbeiterInnen (wir sehen sie in diesem Zusammenhang nur als ProduzentInnen) durch eine solche Steuer eintreten kann. 

Wenden wir uns nun jenen Steuern zu, deren Überwälzung auf Schwierigkeiten stößt, wie etwa die Lohnsummensteuer oder eine hohe Vermögenssteuer. Es ist klar, dass Steuern, die nicht überwälzt werden können, weder die KonsumentInnen noch die Beschäftigten treffen, sondern zunächst die UnternehmerInnen treffen. Welche Wirkung hat dies? Es gibt immer gute und schlechte Betriebe; Betriebe mit niedrigem und solche mit hohem Kostenpreis. Die Steuer, die von der Unternehmung getragen werden muss, bedeutet eine Erhöhung des Kostenpreises. Die guten Betriebe halten das aus. Die Betriebe, die früher einen kleinen Profit haben, haben vielleicht jetzt keinen Profit mehr; die schlechten Betriebe können unter Umständen nicht mehr existieren. Solche Betriebe werden zur Schließung gezwungen und die dort Beschäftigten werden arbeitslos. 

Im allgemeinen können wir sagen, dass Steuern, die wirklich fühlbar sind und nicht überwälzt werden können, zur Einstellung schwacher Unternehmungen und zur Schaffung von Arbeitslosen führen können. Die Wirkung der Steuern hängt natürlich auch von der organischen Zusammensetzung des Kapitals ab. Unsere Lohnsummensteuer macht zwei Prozent des Arbeitslohnes aus. In der Großindustrie wird das ungefähr 0,5 Prozent der Produktionskosten ausmachen. Da ist nicht viel. Aber es gibt Produktionszweige, wo zwei Prozent des Arbeitslohnes mehr bedeuten. Im Bergbau zum Beispiel macht der Arbeitslohn mehr als 50 Prozent der Produktionskosten aus. Dort sind zwei Prozent vom Arbeitslohn schon ein Prozent der Produktionskosten. Das ist fühlbar und kann für ein schlechtes Bergwerk die Existenz in Frage stellen. Allerdings soll vermerkt werden, dass die UnternehmerInnen bei jeder Steuerbelastung, die sie trifft, jammern und ihren Zusammenbruch als unabwendbar bezeichnen. Die tatsächliche Wirkung der Steuern darf in dieser Beziehung also nicht überschätzt werden. 

Steuern haben also nicht nur eine Wirkung auf die Warenpreise, sondern auch auf die Arbeitslöhne. Die UnternehmerInnen können die Steuern nicht nur überwälzen auf KonsumentInnen, sie können sie auch rückwälzen auf die ArbeiterInnen. Steuern, die überwälzt werden können auf die KonsumentInnen, sind für die ArbeiterInnen nicht so gefährlich. Wenn die Besteuerung die Produktionskosten steigert, so bleibt weniger Raum für die Löhne.

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6.4. Die Steuern und die Akkumulation des Kapitals

Werden die UnternehmerInnen durch eine hohe Einkommenssteuer belastet, so wird sich in der Regel eine Verlangsamung der Akkumulation bemerkbar machen. Das beeinflusst die Nachfrage nach Arbeitskräften. Gibt es Mittel, diese nachteilige Wirkung zu verhindern? In diesem Zusammenhang kommt es offenbar darauf an, wie die Steuereinnahmen verwendet werden. Werden die Steuererträge einfach konsumiert, dann bleibt die Verringerung der Akkumulation, die Minderung der Nachfrage nach Arbeitskräften und der Druck auf die Löhne bestehen. Anders liegen die Dinge, wenn die öffentliche Hand sich dazu entschließt, selbst zu akkumulieren. In diesem Fall bedeutet die Steuer nichts anderes, als dass an die Stelle der Akkumulation der KapitalistInnen die Akkumulation des Staates oder der Gemeinde tritt. Wenn wir beispielsweise in Wien hohe Steuern einheben und damit Wohnhäuser oder Straßenbahnen bauen, so vollzieht die öffentliche Hand eine Art produktiver Akkumulation. Die KapitalistInnen akkumulieren zwar weniger, aber dafür kann die Gemeinde mehr ArbeiterInnen beschäftigen. Die Einhebung einer hohen Abgabe in den Luxuslokalen kann bewirken, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften (KellnerInnen) gedrückt wird. Wird diese Abgabe aber verwendet, um Häuser oder Straßenbahnen zu bauen, so steigt die Nachfrage nach BauerbeiterInnen und StraßenbahnerInnen. Gesunde Volkswohnungen und leistungsfähige Verkehrsmittel sind wichtiger als Luxuslokale; werden die Steuererträgnisse akkumuliert, so bedeutet dies keine Verlangsamung der Nachfrage nach Arbeitskräften, sondern höchstens eine Verschiebung. 

Wir sehen, dass es keineswegs ratsam ist, sich auf einige Schlagworte festzulegen. Im allgemeinen wird von den ArbeiterInnen verlangt, die reichen Leute mögen mit vielen und hohen Steuern belastet. In der kapitalistischen Gesellschaft hat eine solche Maßnahme aber verschiedene Wirkungen. Wird eine hohe Vermögensabgabe eingeführt und ausschließlich zugunsten der staatlichen Apparatur verwendet, so muss das für die ArbeiterInnen kein Gewinn sein. Denn Kapital, das schon akkumuliert war, wird dem wirtschaftlichen Kreislauf entzogen und die Verringerung des Kapitals schränkt die Beschäftigungsmöglichkeiten ein. Eine Vermögensabgabe ist nur dann von Vorteil, wenn sie nicht zu konsumtiven, sondern zu produktiven Zwecken verwendet wird. Jede starke Besteuerung, auch wenn sie zunächst nur die KapitalistInnen trifft, wird zu einer Gefahr für die ArbeiterInnen, wenn das Steuererträgnis konsumiert und nicht produktiven Zwecken zugeführt wird. Die Verwendung von Steuern ist für die ArbeiterInnen mindestens ebenso wichtig wie die Art der Steueraufbringung. Das trifft auch für eine sozialistische Gesellschaft zu und hat größte Bedeutung. 

In der kapitalistischen Gesellschaft ist die Besteuerung Gegenstand des Klassenkampfes. Das war immer so: In der Feudalherrschaft bestimmten Adelige das Steuersystem. Dann kam die Bourgeoisie zur Macht. Sie hat ihr klassisches Steuersystem in den indirekten Steuern gefunden, sie besteuerte den Konsum. Steuern auf Mehl, Salz, Tabak, Wein treffen die Massen. Durch das System der indirekten Steuern befreit sich die Bourgeoisie fast von allen Leistungen und versucht, die Lasten des Staatshaushaltes dem Volk aufzuerlegen. 

Es muss jedoch auch vor einer Überschätzung der Steuerpolitik gewarnt werden. Insbesondere bei den direkten Steuern ist das häufig der Fall. Bismarck hat einmal gesagt: "Das einzig Wichtige sind die indirekten Steuern, und über die reden die Leute nicht." Es ist wahr, über die Warenumsatzsteuer spricht bei uns kein Mensch, obwohl sie das Drückendste ist. Wenn die Einkommenssteuer um nur 1 Prozent erhöht wird, so erzeugt dies Unmut - 4 Prozent Warenumsatzsteuer hingegen führen zu keinerlei Aufregung. Diese Steuer steckt eben im Preis der Waren, sie wird unsichtbar. Direkte Steuern sind das einzig Ehrliche in der Steuerpolitik, indirekte Steuern sind Betrug. Aber eben weil die direkten Steuern sichtbar sind, werden sie als drückend empfunden. 

Übrigens: Auch hier ist wieder auf den Unterschied zwischen proletarischem und kleinbürgerlichem Antikapitalismus zu verweisen: Die KleinbürgerInnen sind der Meinung, durch die Steuerpolitik könnten Einkommensverschiedenheiten ausgeglichen werden; sie verlangen daher eine starke Besteuerung der Reichen, sind aber gleichzeitig dagegen, dass der Staat oder die Gemeinden diese Steuern produktiv verwenden. Diese Einstellung ist falsch. Der proletarische Antikapitalismus ist sich darüber klar, dass die planmäßige Wegsteuerung hoher Einkommen einmal in Frage kommen kann; aber das darf nur geschehen, sobald das Geld, das den KapitalistInnen durch die Steuern weggenommen wird, für produktivere Zwecke verwendet wird. Ein solche radikale Steuerpolitik ist allerdings nur möglich, wenn gleichzeitig an die Stelle der kapitalistischen Akkumulation die sozialistische tritt.

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7. Der Imperialismus 

Mit "Imperialismus" werden zumeist verschiedene Ausdehnungsbestrebungen von Nationen bezeichnet. Dabei kommt es nicht auf die Mittel an, derer sich die Politik dabei bedient, um ihr Ziel zu erreichen: die Ausdehnung des Machtbereiches; neben der nackten militärischen Gewalt kann auch die wirtschaftliche und kulturelle Durchdringung eine wichtige Rolle spielen. 

Ökonomisch betrachtet ist der Imperialismus das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus. Seinem ökonomischen Wesen nach löst der Imperialismus als monopolbildender Kapitalismus den Kapitalismus der freien Konkurrenz ab. Dass dem Kapitalismus die Tendenz zur Monopolbildung inneliegt, haben wir ja schon zuvor bei der "Lehre vom Markt" aufgezeigt. Dieser Prozess beginnt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

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7.1. Die Wurzeln des Imperialismus 

Der Kapitalismus brauchte für seinen Produktionsapparat in immer größerem Maße Rohstoffe, die in den ursprünglich kapitalistischen Ländern nicht erzeugt werden konnten oder aber nicht in genügendem Ausmaß zur Verfügung standen. Das Bestreben der kapitalistischen Mächte ging deshalb dahin, Gebiete zu erobern, wo jene Rohstoffe zu finden waren, die gebraucht wurden. In der älteren Kolonialzeit, vor Beginn des 19. Jahrhunderts, wurden diese Rohstoffe einfach geraubt. Der moderne Imperialismus suchte in den Ländern, die er eroberte, die Produktion von Rohstoffen sicherzustellen. Er errichtete Baumwoll-, Kaffee- oder Teeplantagen und baute die Bergwerke aus. 

Folgende Voraussetzungen mussten dafür geschaffen werden: 

1. Die kapitalistische Produktion setzt Privateigentum an Produktionsmitteln voraus und Arbeitskräfte, die als LohnarbeiterInnen verfügbar sind. Um in den Kolonialländern die kapitalistische Produktionsweise durchzusetzen, musste folgendes getan werden: 

-         Aneignung der Naturschätze, der Goldlager, der Ölquellen und des Bodens, auf dem Plantagen errichtet werden konnten. Dies geschah durch einfachen Raub oder durch Schwindelverträge. Es wurde mit Glasperlen, Schnaps oder ähnlich wertlosen Dingen von den einheimischen Menschen Grund erworben.

-         Es mussten Menschen gefunden werden, die bereit waren, in diesen neuen Unternehmungen für Lohn zu arbeiten. Dies war nicht leicht. In den tropischen Gebieten brauchten die Menschen nicht sehr viel, um leben zu können. Sie benötigten wenig Kleidung und das Essen bot die Natur in reicher Fülle. Die dortige Bevölkerung musste somit zur Arbeit gezwungen werden. 

2. Was die KapitalistInnen in zweiter Linie in den Kolonien suchten, waren Absatzmärkte für die Waren, die in den Mutterländern erzeugt wurden. Wir wissen, dass der Kapitalismus periodisch an Absatzstockungen leidet. In Zeiten einer Depression suchten die KapitalistInnen nach Mitteln, um ihre Waren abzusetzen. Einen Weg dazu bot die Gewinnung von Kolonien. Der Kapitalismus hatte schrittweise die Welt für seine Waren erschlossen. Er zwang fremde Länder, europäische Handelsniederlassungen in ihrem Bereich zu dulden. Wo die "friedliche" Durchdringung versagte, hat sich der Kapitalismus die Länder stets gewaltsam unterworfen. 

Die Tendenz, sich Absatzgebiete zu erschließen, wurde durch verschiedene andere Umstände verstärkt, vor allem durch das Schutzzollsystem. Alle Agrarländer haben das Bestreben, sich zu industrialisieren, weil die Industrieländer Tauschgewinne auf Kosten der Agrarländer machen. Jede Industrialisierung entzieht den alten Industrieländern Märkte. Sie mussten sich daher neue Märkte erschließen; dabei waren sie bestrebt, diese Gebiete ihrem Schutzzollsystem einzugliedern. 

Noch ein Punkt verdient festgehalten zu werden. Länder, die bestrebt sind, sich zu industrialisieren, können daran gehindert werden, wenn sie der Herrschaft eines entwickelten Industrielandes unterworfen sind. Wäre Ägypten selbständig geblieben, so hätte sich dort eine Baumwollindustrie entwickelt. Aber solange die englischen Truppen in Ägypten standen, wurde diese Konkurrenz für das englische Mutterland nicht zugelassen. Für England war es durchaus vorteilhaft, die Baumwolle in England zu verarbeiten und die daraus erzeugten Waren Ägypten zu verkaufen. Das ist die zweite Absicht: Absatzgebiete werden erobert, daran gehindert, sich zu industrialisieren und gegen andere Staaten abgesperrt. 

3. Ein weiteres Motiv ist das Bedürfnis nach Kapitalexport. Das Kapital sucht in den Kolonien Anlagemöglichkeiten, weil dort höhere Profite winken. Länder mit niedriger organischer Zusammensetzung des Kapitals haben, wie wir wissen, eine höhere Profitrate. Aber das Kapital ist ängstlich, dorthin zu gehen, ohne durch Kriegsschiffe und Soldaten des eigenen Staates geschützt zu sein. Daher wurden diese Länder zuerst unterworfen. 

In welchen Formen vollzog sich nun dieser Export des Kapitals? Es wurden gewöhnlich Aktiengesellschaften gegründet, die damit begannen, in fremden Ländern Eisenbahnen zu bauen. Ein Beispiel dafür war der Bau der Bagdadbahn vor dem Ersten Weltkrieg. 

Am sichersten fühlt sich das Kapital dort, wo die Länder vollständig unterworfen sind. Die Anlage von Kapital in fremden Ländern diente nicht nur dem Zweck, sich eine höhere Profitrate zu sichern. Es ist zugleich auch ein Mittel der heimischen Industrie, den Absatz zu erweitern. Als Deutschland in der Türkei eine Eisenbahn baute, lieferte es auch alle Eisenbahnschienen, Waggons usw. Der Kapitalexport ist zum wichtigsten Mittel der Machtpolitik der Großmächte geworden. Das geht so weit, dass dabei sogar das ursprünglich verfolgte Ziel verschoben wurde. 

Die Sicherung der Kapitalanlage in fremden Ländern und des Absatzes der Waren wurde zum Gegenstand der auswärtigen Politik der kapitalistischen Staaten. Diese Politik wurde mitunter mit dem Wort "Dollardiplomatie" bezeichnet. Den Vereinigten Staaten wurde vorgeworfen, dass sie bei ihrer Politik nur in Dollar denken und nur die Sorge haben, den amerikanischen KapitalistInnen Gelegenheit zum Kapitalexport zu geben. Die USA nahmen an der Türkei kein anderes Interesse als eine gute Gelegenheit, eine gute Kapitalanlage zu finden; das gleiche Interesse hatten sie an Mexiko und anderen lateinamerikanischen Staaten. Wurden irgendwo Erdölquellen gefunden, so waren sofort die amerikanischen KapitalistInnen da, um sie sich anzueignen. Wollte die Regierung eines solchen Staates die Naturschätze seines Landes nicht freiwillig dem US-Kapital überlassen, so "brach" eben ein Aufstand aus, der willfährige Männer an die Macht brachte. Zuerst besorgten die USA die Waffenlieferungen, dann folgte der Maschinenexport für die Erdölquellen. 

Die europäische Politik bediente sich zu dieser Zeit noch andere Mittel. Sie war aber ebenso offen und brutal wie die "Dollardiplomatie". In den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg drehte sich die ganze auswärtige Politik Europas um den Eisenbahnbau in der Türkei; um die Möglichkeit der Errichtung von Industrien, der Erschließung von Bergwerken, und immer spielte dabei die Frage der Lieferung von Waren in diese Gebiete eine entscheidende Rolle. Das Streben, eigenes Kapital in fremden Ländern anzulegen, um eine höhere Profitrate zu erreichen und Absatzgebiete für eigene Waren zu finden - das ist zur eigentlich treibenden Kraft des Imperialismus geworden.

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7.2. Der Imperialismus als monopolistischer Kapitalismus

Das wichtigste marxistische Werk über den Imperialismus ist Lenins Mitte 1917 veröffentlichte Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" (Lenin-Werke, Bd. XXII, S. 189-309). Lenin untersucht darin die Prozesse der Ökonomie und Politik beim Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus - dem Imperialismus. 

"Das Monopol ist die für den Imperialismus charakteristische Gestalt des grundlegenden kapitalistischen Produktionsverhältnisses. (...) Es entsteht im Ergebnis des Wirkens der ökonomischen Grundgesetze des Kapitalismus auf der Grundlage der Aufhebung der freien Konkurrenz durch eine hohe Konzentration und Zentralisation von Produktion und Kapital. Sein Ziel besteht in der Realisierung eines möglichst hohen Monopolprofits. Zu seinen Grundeigenschaften gehören Anwendung von Gewalt und Aggressivität." (LW, Bd. XXII, S. 270 f.) 

Lenin weist darauf hin, dass der Imperialismus als Monopolstadium des Kapitalismus durch fünf grundlegende Merkmale gekennzeichnet ist: 

1.      Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Stufe erreicht hat, dass Monopolunternehmen entstehen, die im Wirtschaftsleben der kapitalistischen Länder eine entscheidende Rolle spielen.

2.      Verschmelzen des Bankkapitals mit dem Industriekapital zum sogenannten Finanzkapital und Entstehen einer Finanzoligarchie.

3.      Der Kapitalexport gewinnt gegenüber dem Warenexport eine besonders große Bedeutung.

4.      Es bilden sich große, internationale Monopole heraus, die die kapitalistische Welt untereinander ökonomisch aufteilen.

5.      Die territoriale Aufteilung der Welt unter die imperialistischen Mächte ist beendet, der Kampf um die Neuaufteilung hat begonnen. 

Die Herausbildung der Monopole bildet die Grundlage und Ursache des aggressiven Charakters des Imperialismus. Das Monopol ist seinem Wesen nach ein expansives und aggressives kapitalistisches Macht- und Herrschaftsverhältnis. Es realisiert sich im Monopolprofit. Dieser kann nicht dauerhaft erzielt werden, wenn das Monopol seine Machtposition in der Wirtschaft nicht durch ständigen Expansionsdrang absichert. Einmal eingenommene Monopolstellungen müssen gehalten und neue ständig erobert werden. Anders kann sich ein Monopol gegen andere nicht behaupten. Um sein Ziel zu erreichen, wendet es rücksichtslos alle Mittel an - bis zum Krieg. 

Wichtig ist noch: Im Kapitalismus der freien Konkurrenz bildet das ökonomische Gesetz die Regulierungsmechanismen der Wirtschaft und damit der Gesellschaft. Beim Monopolkapitalismus reicht das nicht mehr aus. Zur weiteren Aufrechterhaltung der Macht bedarf es vielmehr der Vereinigung der Macht der Monopole mit der des imperialistischen Staates. Der staatsmonopolistische Kapitalismus entsteht. 

Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist die Verschmelzung der Macht der Monopole mit der Macht des Staates zu einer einheitlichen Macht im Interesse höchster Monopolprofite und der Sicherung der imperialistischen Herrschaft und Ausbeutung. Dies bedeutet eine weiter Entfaltung des Monopols.

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7.3. Der staatsmonopolistische Kapitalismus

Der staatsmonopolistische Kapitalismus (Stamokap) ist jene Entwicklungsphase des Monopolkapitalismus (also des Imperialismus), in der der Monopolisierungsprozess durch die Verflechtung der Macht der Monopole mit der des imperialistischen Staates auf die Spitze getrieben wird. Der Stamokap bringt die dem Wesen des kapitalistischen Monopols entspringende Tendenz zur Beherrschung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus voll zur Entfaltung und verstärkt den parasitären, faulenden, menschenfeindlichen und sterbenden Charakter des Imperialismus.

Elemente des Stamokap entstanden bereits mit dem Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Imperialismus. Seine erste Ausprägung fand er als staatsmonopolistischer Kriegskapitalismus im Ersten Weltkrieg. Der Eintritt des Kapitalismus in seine allgemeine Krise, die sich in diesem Prozess vollziehenden Erschütterungen des kapitalistischen Systems auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, die zunehmende Labilität des Imperialismus und Kriege beschleunigten die Entwicklung des Stamokap. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er sich in den Hauptländern des Imperialismus voll herausgebildet und verstärkte sich auch im internationalen Rahmen. Hauptursachen für die Entstehung und Entwicklung des Stamokap sind: die Verschärfung der Widersprüche des Kapitalismus, insbesondere des Grundwiderspruchs des Kapitalismus; die Zunahme der Labilität des imperialistischen Systems unter dem Einfluss der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der wissenschaftlich-technischen Revolution. Unter den Bedingungen des Kapitalismus bewirkt die wissenschaftlich-technische Revolution, dass der Produktionsprozess einen ausgeprägt gesellschaftlichen Charakter erhält, während sich wenige Multimilliardäre durch fortschreitende Monopolisierung einen immer größer werdenden Teil des gesellschaftlichen Reichtums privat aneignen; die Wirtschaft wird zu einem komplizierten Mechanismus, in dem alle Bereiche miteinander verflochten und voneinander abhängig  sind; gewaltige Investitionen in Wissenschaft, Forschung, Bildungswesen u.a. Bereichen sind für die erweiterte Reproduktion des Kapitals erforderlich. Diese Erfordernisse übersteigen die materiellen Möglichkeiten selbst der stärksten privaten Monopole bei der Sicherung von Monopolprofiten, so dass zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft eine den Profitinteressen unterworfene Lenkung, Verteilung und Umverteilung der materiellen Ressourcen im gesamtwirtschaftlichen Maßstab durchgesetzt wird. In Verbindung mit diesen Prozessen drückt sich in der Entwicklung des Stamokap zugleich die Reaktion des Imperialismus auf die Herausforderung des Sozialismus aus. Er ist unter Ausnutzung der wissenschaftlich-technischen Revolution und gestützt auf einen starken, hochorganisierten Produktionsmechanismus bestrebt, mit Hilfe des Staates alle Hilfsquellen im gesamtnationalen Maßstab zu mobilisieren, das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung zu beschleunigen und eine relativ hohe Effektivität der Produktion zu sichern, die Werktätigen dem Einfluss der monopolistischen Bourgeoisie zu unterwerfen und zugleich dem wachsenden Einfluss des Sozialismus zu begegnen.

Wesentliche Merkmale des Stamokap sind: die Verschmelzung der Macht der Monopole mit der Macht des imperialistischen Staates zu einem Gesamtmechanismus im Interesse des Profits, der Machterhaltung und -ausweitung sowie der äußeren Expansion des Monopolkapitals; die durch die vereinigte Macht von Staat und Monopolen vorangetriebene Konzentration und Zentralisation des Kapitals in den Händen der Finanzoligarchie; die Herausbildung und Zunahme staatsmonopolistischen Kapitaleigentum; die Regulierung und Steuerung der Finanz-, Konjunktur-, Lohn- und Einkommenspolitik, eines großen Teils der Investitionstätigkeit, der Entwicklung entscheidender Gebiete in Wissenschaft und Forschung durch den imperialistischen Staat zugunsten und im Interesse der Monopole; die auf diesem Weg betriebene Umverteilung eines immer größer werdenden Teils des Nationaleinkommens (der vor allem in Form von Steuern beim Staat konzentriert wird) im Interesse des Monopolkapitals. Der imperialistische Staat wird damit eine große ökonomische Potenz und zum größten Ausbeuter der ArbeiterInnenklasse und aller anderen Werktätigen. Das ökonomische Hauptmerkmal des Stamokap ist durch die staatliche Aktivität potenzierte Konzentration und Zentralisation des Kapitals und der Produktion in den Händen der Finanzoligarchie. Es entwickelt sich eine staatsmonopolistische Regulierung, die ihrem Wesen nach eine Regulierung der Profitaneignung und -verwendung und damit der monopolistischen Ausbeutungsverhältnisse ist. Sie umfasst die privatwirtschaftliche Regulierung durch die Monopole und die staatliche Regulierung. Die Untergrabung und Aushöhlung der bürgerlichen Demokratie ist ein Wesensmerkmal des Stamokap. Der Stamokap drängt in zunehmendem Maße zu totalitären Herrschaftsmethoden. Es verstärken sich die reaktionären, antidemokratischen Tendenzen. Die ökonomische Tätigkeit des imperialistischen Staates ist ihrem Charakter nach stets politisch orientiert. Dadurch, dass der imperialistische Staat unmittelbar in den Reproduktionsprozess des Kapitals einbezogen wird, bilden sich neue Wechselbeziehungen zwischen Ökonomie und Politik heraus. Alle wirtschaftlichen Probleme nehmen einen ausgeprägten politischen Charakter an und werden zum Gegenstand harter Klassenauseinandersetzungen im nationalen und internationalen Rahmen. Da auch die ArbeiterInnenklasse in ihrem ökonomischen Kampf der vereinigten Macht der Monopole und des Staates unmittelbar gegenübersteht, nimmt dieser ebenfalls immer mehr politischen Charakter an, wie das die Klassenauseinandersetzungen in den Hauptländern des Imperialismus zeigen. Der Stamokap erhöht die Aggressivität des Imperialismus. Durch die Verschmelzung der Monopolmacht mit der Staatsmacht wird das aggressive Wesen der Monopole noch unmittelbarer auf die Staatspolitik übertragen. Ein riesigen Teil der nationalen Reichtümer verwenden die imperialistischen Staaten für die Vorbereitung und Führung von Kriegen. Die Rüstungskonzerne verschaffen sich riesige, vom Staat garantierte Profite. Die Militarisierung aller Lebensbereiche nimmt zu. Der militärisch-industrielle Komplex wird zur Stoßkraft des Imperialismus, die die Reaktion in der Innen- und Außenpolitik der bürgerlichen Staaten ermuntert.

Die staatsmonopolistische Regulierung ist nicht imstande, die spontan wirkenden Kräfte des kapitalistischen Marktes zu bändigen und die Labilität der kapitalistischen Produktionsweise zu beseitigen. Die wissenschaftlich-technische Revolution beschleunigt den Prozess der Vergesellschaftung der Produktion, was unter den Bedingungen des Kapitalismus dazu führt, dass die antagonistischen sozialen Widersprüche in noch größerer Schärfe reproduziert werden. Es spitzen sich nicht nur alle bisherigen Widersprüche des Kapitalismus zu, es entstehen auch neue: der Widerspruch zwischen den außerordentlichen Möglichkeiten, die die wissenschaftlich-technische Revolution eröffnet, und den Bemühungen des Kapitalismus, zu verhindern, dass diese Möglichkeiten im Interesse der ganzen Gesellschaft genutzt werden; der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der modernen Produktion und dem staatsmonopolistischen Charakter ihrer Regulierung; die ständige Verschärfung nicht nur des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, sondern auch die Vertiefung des Antagonismus zwischen den Interessen der überwiegenden Mehrheit des Volkes und der Finanzoligarchie. Es erhöht sich der Grad der Ausbeutung der ArbeiterInnenklasse, während die MonopolkapitalistInnen die Hauptvorteile aus dem Einsatz moderner Produktivkräfte ziehen. Das alles führt zu einer Verschärfung der sozialen Antagonismen, zur Verstärkung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten der wichtigsten kapitalistischen Mächte, zu einer chronischen Währungs- und Finanzkrise, zu Arbeitslosigkeit, zu einer Zuspitzung der Gegensätze zwischen den imperialistischen Mächten.

Offener als in der vergangenen Zeit tritt die wachsende ökonomische, politische und soziale Labilität des Imperialismus hervor. Dringender denn je offenbart sich die Notwendigkeit, die kapitalistischen durch die sozialistischen Produktionsverhältnisse abzulösen. Durch den hohen Grad der Vergesellschaftung der Produktion, durch die Entstehung des staatlichen Eigentums an Produktionsmitteln, durch den Zwang zur Regulierung und Steuerung von Wirtschaftsprozessen zur Aufrechterhaltung der privatkapitalistischen Aneignung der Resultate der Produktion und zur Unterwerfung des gesamten gesellschaftlichen Lebens unter die Profit- und Machtinteressen einer kleinen Schicht von MonopolkapitalistInnen beweist der Stamokap die historische Überlebtheit der kapitalistischen Gesellschaft, die Notwendigkeit, dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion durch gesellschaftliches Eigentum und gesamtgesellschaftliche Planung im Interesse des werktätigen Volkes zu entsprechen und die politische Macht der Arbeiterklasse zu errichten. Er schafft somit die vollständigen materiellen Voraussetzungen für den Übergang zum Sozialismus.

 

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