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Actio est reactio

Der US-Imperialismus als Ursache des Terrors

von Tibor Zenker

 

Die Attentate vom 11. September 2001 auf das WTC und das Pentagon waren der US-Regierung Ausgangspunkt für den globalen „Krieg gegen den Terror". Der selbsternannte Weltpolizist bestimmte sogleich, wer ein Schurkenstaat ist, und teilte die internationale Staatengemeinschaft in sein Gut/Böse-Schema. Statt geschwächt gingen die USA aus den Anschlägen gestärkt hervor, sie konnten sich auf eine bemerkenswerte Geschlossenheit nach innen wie nach außen verlassen und hatten ihre weltweite Hegemonie gefestigt. Die „neue Weltordnung", die sich mit dem Ende der UdSSR herausgebildet hatte, mit dem politischen, ökonomischen und militärischen Machtzentrum USA wurde de facto auf ein neues Level gehoben. Diese Entwicklung ist als Spirale zu betrachten, denn umgekehrt war es gerade dieses außenpolitische Selbstverständnis der USA, was zu den Attentaten des 11. September geführt hatte. Hier reproduzieren US-Politik und antiimperialistischer Widerstand einander in einem stetigen Prozess, die Logik dieser Entwicklung generiert ständig und im globalen Ausmaß Militarisierung, autokratische Herrschaftsmechanismen, die Negation von Menschenrechten sowie nicht zuletzt jene imperialistischen Zusammenhänge, die auch die Staatengemeinschaft als Ausdruck kapitalistischer Beziehungen und Ausbeutungsverhältnisse erscheinen lässt. Es ist der Imperialismus, der unweigerlich in kapitalistische Zentren und abhängige Peripherie differenzieren muss, diese Verhältnisse werden kontinuierlich vertieft. In diesen Verhältnissen manifestieren sich zwei entscheidende Widersprüche staatsmonopolistischer Herrschaftsstrukturen, nämlich einerseits eben der Widerspruch zwischen den imperialistischen Zentren und den Völkern in den neokolonialen und abhängigen Ländern und andererseits jener zwischen den einzelnen imperialistischen Zentren und ihren dazugehörigen Monopolen in ihrem Kampf um Absatzmärkte, Rohstoffquellen und Einflusssphären.

Die Anschläge vom 11. September müssen also vor dem oben beschriebenen Hintergrund betrachtet werden. In ihrer Intention waren diese Attentate antiimperialistisch – freilich nicht im Sinne des sozialistischen Antiimperialismus, sondern sozusagen ein religiös motivierter oder zumindest getragener. Karl Marx hielt zum Wesen der Religion fest: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend." Religiosität ist als durch die gesellschaftlichen Verhältnisse produziertes Weltbewusstsein zu verstehen, im konkreten Fall ist der islamische Fundamentalismus Ausdruck aristokratischer Staatsgebilde im Kontext mit für die Herrschaftsschicht notwendige imperialistische – ökonomische wie militärische – Verbindungen, die eine Reihe von Regimes im Nahen und Mittleren Osten zu Kollaborateuren der großen Erdölkonzerne und deren ausführenden Arm, der USA, machen. Saudi-Arabien, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, aber auch die Türkei sind wesentliche strategische Partner der USA in jener Region, wo der Großteil der weltweiten Ölreserven zu finden ist. Der Widerstand gegen diese Zusammenhänge, gegen den Ölimperialismus und seine korrupten Komplizen unter den adeligen Machthabern äußert sich vor dem Hintergrund spätfeudaler Strukturen beinahe zwingend als religiöse Reaktion. Diese materiellen Bedingungen des Monopolkapitalismus sind es, die den fundamentalistischen Islam zu einem wichtigen gesellschaftlichen Faktor werden ließen. Jener Erklärungsansatz hingegen, der dem Islam per se expansive oder intolerante Charaktereigenschaften zuschreiben will, geht wohl an der Wahrheit vorbei. Es ist der US-Imperialismus selbst, der den Boden für islamische Befreiungsbewegungen oder Terrororganisationen bereitet, so nimmt es kein Wunder, dass diese die „Achse des Bösen" zwischen Pentagon und Wallstreet sehen.

Das vorrangige Ziel der Außenpolitik der USA ist die Absicherung der Herrschaft der US-Monopole. Einerseits müssen die bestehenden Partnerschaften gepflegt werden, d.h. dort, wo sich ein Regime als kooperativ im Sinne imperialistischer Zweckmäßigkeit erweist, muss dieses entsprechend behandelt werden. Umfassende demokratische Defizite werden bei Verbündeten gekonnt übersehen, so z.B. bei Saudi-Arabien oder Pakistan. Wo es den US-Interessen nützlich ist, sind Freiheit und Selbstbestimmungsrecht den USA plötzlich nichts mehr wert – davon können KurdInnen und PalästinenserInnen ein Lied singen. Andererseits gibt es nach der Eingliederung Afghanistans nun noch zwei weiße Flecken auf der Karte des amerikanischen Eroberungsfeldzuges: den Irak und den Iran. In beiden Staaten waren imperialistische Marionettenregimes gestürzt worden, die den internationalen Ölkonzernen dienten. Die Baath-Partei im Irak sowie die islamische Revolution im Iran entzogen die nationalen Ölquellen dem direkten Zugriff der US-Monopole, die Einnahmen durch das Ölgeschäft wurden für Sozial-, Gesundheits- und Bildungssysteme verwendet und nicht mehr von einer aristokratischen Oberschicht angeeignet. Klar, dass die USA die Regierungen in Teheran und Bagdad durch kooperativere ersetzen möchten – dass es jedoch die USA selbst waren, die Saddam Hussein bis 1988 umfassend unterstützten, illustriert das in der US-Außenpolitik wiederkehrende „Zauberlehrling"-Element.

Ähnlich lief es in Afghanistan: Nach dem Sturz des afghanischen Königs, eines imperialistischen Strohmanns, ging die neue Regierung ab 1973 daran, das Land zu modernisieren. An dieser Stelle trat die Reaktion im Bündnis mit dem Imperialismus auf den Plan. Den paramilitärischen, radikal-islamischen Mujaheddin, die von Pakistan unterstützt, von Saudi-Arabien finanziert und von den USA ausgebildet und ausgerüstet wurden, schloss sich auch Osama bin Laden, Sohn einer reichen saudi-arabischen Familie, an und pflegte Kontakte zum CIA. Aus dem Bürgerkrieg gingen schlussendlich die fundamentalistischen Taliban, in deren Umfeld sich bin Laden bewegte, als Sieger hervor. Das ungebrochene Interesse des US-Monopolkapitals an Afghanistan gründet sich auf dessen strategische Lage, konkret geht es um den Zugang zu unerschlossenen zentralasiatischen Erdgas- und Ölfeldern. Tatsächlich waren es amerikanische Konzerne und staatliche Organisationen, die das Taliban-Regime finanziell und strukturell unterstützten – auch noch nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998, als sich bin Laden mit seiner Al Qaida erstmals gegen seinen „Schöpfer" gewandt hatte. Das zweite Mal, der 11. September, war die logische Konsequenz, die USA bekamen die Rechnung präsentiert für ihr skrupelloses, heuchlerisches Vorgehen und ihre opportunistische Bündnispolitik. Die Gewaltspirale von Krieg und Terrorismus wurde noch einmal beschleunigt. Die US-Politik und der Terror stehen in einem dialektischen Verhältnis, das dem Imperialismus systemimmanent sein muss.

 

 

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