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Arnold Reisberg:

Die internationale Bedeutung der Februarkämpfe

(Eingefügte Seitenzahlen verweisen auf: Arnold Reisberg, Februar 1934 - Hintergründe und Folgen, Wien 1974, S. 201-204)

 

|201| Die Februarkämpfe in Österreich hatten nicht nur eine rein österreichische Bedeutung, sie waren vielmehr ein sehr wichtiges Glied in dem Abwehrkampf der internationalen Arbeiterklasse gegen die Offensive des Faschismus auf die demokratischen Rechte und die Freiheit der Völker. Sie stellten – nach dem bulgarischen Septemberaufstand von 1923 – die erste bewaffnete Abwehraktion gegen den Vormarsch des Faschismus dar. Sie fielen in eine Zeit, in der die Abwehr des Faschismus zur Hauptaufgabe in einer ganzen Anzahl von Ländern wurde. Zu gleicher Zeit ließ die französische Monopolbourgeoisie ihre faschistischen Banden auf das Volk los und versuchte, ihre faschistische Diktatur zu errichten. Aber die Arbeiter von Paris erhoben sich, als zehntausende Faschisten am 6. Februar 1934 das Parlament zu stürmen versuchten, zum Schutz der französischen Republik, und versperrten ihnen den Weg. Sie errichteten auf den Straßen und vor allem in den Vororten von Paris Barrikaden. Der faschistische Putschversuch wurde niedergeschlagen.

Um den Willen der Arbeiterklasse zu bekunden, den Faschismus niemals an die Macht kommen zu lassen, traten am 12. Februar, dem Tag, als die Kämpfe in Österreich ausbrachen, mehr als 4,5 Millionen Arbeiter und Angestellte, dem Rufe der französischen Kommunistischen Partei und der Sozialistischen Partei sowie der Gewerkschaftsorganisationen folgend, in den Generalstreik. Mehr als 1,3 Millionen Männer und Frauen demonstrierten auf den Straßen der französischen Städte, ungeachtet der Angriffe von Polizei und Gendarmerie, die auch von den faschistischen Prügelhelden unterstützt wurden, ihren Willen zur Verteidigung ihrer demokratischen Rechte. Nach offiziellen Angaben gab es bei den Zusammenstößen zahlreiche Tote und Verwundete. Um den Preis |202| dieser Opfer aber vermochte die französische Arbeiterklasse die faschistischen Pläne zu durchkreuzen und den faschistischen Umsturz zu verhindern. Die auf der Straße verwirklichte Aktionseinheit führte schließlich – nach Überwindung großer Schwierigkeiten – zum Abschluss eines Einheitsfrontabkommens zwischen den beiden Arbeiterparteien Frankreichs und dann zur Bildung der Volksfront mit demokratischen Mittelschichten, die bei den Wahlen von 1936 die Mehrheit errang und die erste Volksfrontregierung bilden konnte.

Der völlig andersgeartete Ausgang der Kämpfe in Frankreich und in Österreich vermittelte der internationalen Arbeiterklasse wertvolle Lehren. Das französische Volk verdankte seinen Sieg in erster Linie dem Umstand, dass es einen mächtige Kommunistische Partei besaß, die sich wohlverdienter Autorität in der Arbeiterschaft erfreute. Diese Partei verstand es ferner unter Überwindung von linkem Sektierertum in den eigenen Reihen durch eine erfolgreiche Massenarbeit auch die Anhänger der Sozialistischen Partei zu mobilisieren und durch deren Druck die widerstrebenden sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsführer für die Einheitsfront der Arbeiter zu gewinnen.

Die geeinte Arbeiterklasse übte eine gewaltige Anziehungskraft auf die kleinbürgerlichen Volksschichten aus und schuf damit die Voraussetzung des gemeinsamen Kampfes zur Verteidigung der Demokratie gegen die Drohung des Faschismus.

In Österreich zählte die SPÖ etwa 650.000 Mitglieder und 1.500.000 Wähler und repräsentierte somit 90 Prozent der Arbeiter, zwei Drittel der Bevölkerung Wiens und die Mehrheit der Städter. So konnten die Führer der SPÖ behaupten, dass die Einheit der Arbeiterklasse in ihren Reihen verwirklicht sei. Aber gerade am Beispiel Österreichs zeigte sich, wie richtig Lenins Lehre war, der immer wiederholte: „Die Einheit ist eine große Sache und eine große Losung! Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den Gegnern und Verfälschern des Marxismus.“ (Werke, Bd. 20, S. 228)

Der Austromarxismus, die SPÖ, verkörperte aber gerade diese falsche Einheit und spaltete die revolutionäre Kampffront der Arbeiterklasse, So fehlte der österreichischen Arbeiterklasse an entscheidenden Wendepunkten ihrer Geschichte die revolutionäre Führung. So ging sie den Leidensweg von der verpassten Revolution von 1918 zu der Aufrichtung der faschistischen Diktatur im Februar 1934.

Wochen und Monate vor dem Ausbruch der Februarkämpfe hatte das ZK der KPÖ den Generalstreik, die Bewaffnung der Arbeiter und die revolutionäre |203| Erhebung propagiert. Die Kommunisten hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass es unmöglich und irreal sei, den Kampf plötzlich an einem bestimmten Tag proklamieren zu wollen, sondern dass man die Arbeiterschaft durch Teilkämpfe dazu mobilisieren müsste. Im Februar selbst standen die Kommunisten ihren Mann und lieferten Beispiele von Heldenmut, wenngleich der geschlossene, exklusive Charakter des Schutzbundes der Teilnahme von Kommunisten Schranken setzte. Wo immer Kommunisten waren, sind sie in der vordersten Reihe der Kämpfer gestanden. Überall haben die Kommunisten versucht, die Schutzbündler aus ihren Stellungen heraus zum Angriff zu bringen. Wo sozialdemokratische Funktionäre sabotierten, versuchten Kommunisten den Kampf zu organisieren. Obwohl die KPÖ in den Jahren der antifaschistischen Mobilisierung vor 1934 Mitglieder und Einfluss gewonnen hatte, hatte sie bei weitem noch nicht die Kraft, die Führung des Kampfes zu übernehmen, ihm einen anderen Charakter zu geben und ihn zum Sieg zu führen. Erst die Februarkämpfe öffneten vielen tausenden Arbeitern die Augen über die verderbliche Politik ihrer bisherigen sozialdemokratischen Führung und brachten sie in die Reihen der KPÖ, deren Politik in den vergangenen Jahren nun durch bittere Erfahrungen als richtig bestätigt worden war.

Der unterschiedliche Ausgang der Kämpfe in Österreich und in Frankreich zeigte deutlich, welche Einheit die Arbeiterklasse braucht: nicht die passive Einheit in der Organisation mit Unterwerfung unter die opportunistische Führung, sondern die aktive Einheit im Kampf, wie sie von den Kommunisten propagiert und organisiert wird. Die Lehre haben uns die Helden der Februarkämpfe von Österreich und Paris hinterlassen: Das höchste Gebot ist die kämpfende Einheit der Arbeiterklasse.

Ungeachtet ihres Ausganges waren und bleiben die Februarkämpfe in Österreich eine der großen und wichtigen Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Sie haben nicht nur einen Wendepunkt in der Entwicklung der österreichischen Arbeiterschaft eingeleitet, sondern waren auch ein schwerer Schlag gegen die Politik und die Theorie der Sozialdemokratie und der II. Internationale. Sie führten dazu, dass viele Arbeiter die Notwendigkeit des revolutionären Klassenkampfes erkannten. Die Kämpfe des Februar haben wesentlich dazu beigetragen, die Niedergedrücktheit, die mancherorts nach dem Schock der Hitlerschen Machtergreifung in Deutschland Platz ergriffen hatte, zu zerstreuen und neuen Kampfesmut in die Reihen der Arbeiterklasse zu tragen. In diesem Sinne leiteten sie eine neue Etappe in der internationalen Arbeiterbewegung ein, för- |204| derten und verstärkten sie die Entschlossenheit zur antifaschistischen Gegenoffensive.

Sie haben bewiesen, dass es eine Alternative gegen die kampflose Kapitulation vor dem Faschismus gibt. Sie waren eine anschauliche Warnung nicht nur für die österreichische Bourgeoisie, sondern auch für die Bourgeoisie aller Länder. Sie haben der französischen Arbeiterklasse in ihrem Kampf gegen die drohende faschistische Diktatur bestärkt, sie waren ein leuchtendes Beispiel für die Kämpfer der spanischen Republik gegen die faschistischen Aufständischen, sie fanden ihren Widerhall in der Widerstandsbewegung gegen die Aggression Hitler-Deutschlands, und sie haben weit über die Grenzen Europas hinaus für die antiimperialistische Volksfront in den unterdrückten und Kolonialländern Asiens und Lateinamerikas gewirkt.

 

Literatur zum Faschismus

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