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|201| Die Februarkämpfe in Österreich hatten nicht nur eine rein
österreichische Bedeutung, sie waren vielmehr ein sehr wichtiges Glied
in dem Abwehrkampf der internationalen Arbeiterklasse gegen die
Offensive des Faschismus auf die demokratischen Rechte und die
Freiheit der Völker. Sie stellten – nach dem bulgarischen
Septemberaufstand von 1923 – die erste bewaffnete Abwehraktion gegen
den Vormarsch des Faschismus dar. Sie fielen in eine Zeit, in der die
Abwehr des Faschismus zur Hauptaufgabe in einer ganzen Anzahl von
Ländern wurde. Zu gleicher Zeit ließ die französische
Monopolbourgeoisie ihre faschistischen Banden auf das Volk los und
versuchte, ihre faschistische Diktatur zu errichten. Aber die Arbeiter
von Paris erhoben sich, als zehntausende Faschisten am 6. Februar 1934
das Parlament zu stürmen versuchten, zum Schutz der französischen
Republik, und versperrten ihnen den Weg. Sie errichteten auf den
Straßen und vor allem in den Vororten von Paris Barrikaden. Der
faschistische Putschversuch wurde niedergeschlagen.
Um den Willen der
Arbeiterklasse zu bekunden, den Faschismus niemals an die Macht kommen
zu lassen, traten am 12. Februar, dem Tag, als die Kämpfe in
Österreich ausbrachen, mehr als 4,5 Millionen Arbeiter und
Angestellte, dem Rufe der französischen Kommunistischen Partei und der
Sozialistischen Partei sowie der Gewerkschaftsorganisationen folgend,
in den Generalstreik. Mehr als 1,3 Millionen Männer und Frauen
demonstrierten auf den Straßen der französischen Städte, ungeachtet
der Angriffe von Polizei und Gendarmerie, die auch von den
faschistischen Prügelhelden unterstützt wurden, ihren Willen zur
Verteidigung ihrer demokratischen Rechte. Nach offiziellen Angaben gab
es bei den Zusammenstößen zahlreiche Tote und Verwundete. Um den Preis
|202| dieser Opfer aber vermochte die französische
Arbeiterklasse die faschistischen Pläne zu durchkreuzen und den
faschistischen Umsturz zu verhindern. Die auf der Straße verwirklichte
Aktionseinheit führte schließlich – nach Überwindung großer
Schwierigkeiten – zum Abschluss eines Einheitsfrontabkommens zwischen
den beiden Arbeiterparteien Frankreichs und dann zur Bildung der
Volksfront mit demokratischen Mittelschichten, die bei den Wahlen von
1936 die Mehrheit errang und die erste Volksfrontregierung bilden
konnte.
Der völlig andersgeartete
Ausgang der Kämpfe in Frankreich und in Österreich vermittelte der
internationalen Arbeiterklasse wertvolle Lehren. Das französische Volk
verdankte seinen Sieg in erster Linie dem Umstand, dass es einen
mächtige Kommunistische Partei besaß, die sich wohlverdienter
Autorität in der Arbeiterschaft erfreute. Diese Partei verstand es
ferner unter Überwindung von linkem Sektierertum in den eigenen Reihen
durch eine erfolgreiche Massenarbeit auch die Anhänger der
Sozialistischen Partei zu mobilisieren und durch deren Druck die
widerstrebenden sozialistischen Partei- und Gewerkschaftsführer für
die Einheitsfront der Arbeiter zu gewinnen.
Die geeinte Arbeiterklasse
übte eine gewaltige Anziehungskraft auf die kleinbürgerlichen
Volksschichten aus und schuf damit die Voraussetzung des gemeinsamen
Kampfes zur Verteidigung der Demokratie gegen die Drohung des
Faschismus.
In Österreich zählte die
SPÖ etwa 650.000 Mitglieder und 1.500.000 Wähler und repräsentierte
somit 90 Prozent der Arbeiter, zwei Drittel der Bevölkerung Wiens und
die Mehrheit der Städter. So konnten die Führer der SPÖ behaupten,
dass die Einheit der Arbeiterklasse in ihren Reihen verwirklicht sei.
Aber gerade am Beispiel Österreichs zeigte sich, wie richtig Lenins
Lehre war, der immer wiederholte: „Die Einheit ist eine große Sache
und eine große Losung! Doch die Arbeitersache braucht die Einheit
unter den Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den
Gegnern und Verfälschern des Marxismus.“ (Werke, Bd. 20, S. 228)
Der Austromarxismus, die
SPÖ, verkörperte aber gerade diese falsche Einheit und spaltete die
revolutionäre Kampffront der Arbeiterklasse, So fehlte der
österreichischen Arbeiterklasse an entscheidenden Wendepunkten ihrer
Geschichte die revolutionäre Führung. So ging sie den Leidensweg von
der verpassten Revolution von 1918 zu der Aufrichtung der
faschistischen Diktatur im Februar 1934.
Wochen und Monate vor dem
Ausbruch der Februarkämpfe hatte das ZK der KPÖ den Generalstreik, die
Bewaffnung der Arbeiter und die revolutionäre |203| Erhebung
propagiert. Die Kommunisten hatten immer wieder darauf hingewiesen,
dass es unmöglich und irreal sei, den Kampf plötzlich an einem
bestimmten Tag proklamieren zu wollen, sondern dass man die
Arbeiterschaft durch Teilkämpfe dazu mobilisieren müsste. Im Februar
selbst standen die Kommunisten ihren Mann und lieferten Beispiele von
Heldenmut, wenngleich der geschlossene, exklusive Charakter des
Schutzbundes der Teilnahme von Kommunisten Schranken setzte. Wo immer
Kommunisten waren, sind sie in der vordersten Reihe der Kämpfer
gestanden. Überall haben die Kommunisten versucht, die Schutzbündler
aus ihren Stellungen heraus zum Angriff zu bringen. Wo
sozialdemokratische Funktionäre sabotierten, versuchten Kommunisten
den Kampf zu organisieren. Obwohl die KPÖ in den Jahren der
antifaschistischen Mobilisierung vor 1934 Mitglieder und Einfluss
gewonnen hatte, hatte sie bei weitem noch nicht die Kraft, die Führung
des Kampfes zu übernehmen, ihm einen anderen Charakter zu geben und
ihn zum Sieg zu führen. Erst die Februarkämpfe öffneten vielen
tausenden Arbeitern die Augen über die verderbliche Politik ihrer
bisherigen sozialdemokratischen Führung und brachten sie in die Reihen
der KPÖ, deren Politik in den vergangenen Jahren nun durch bittere
Erfahrungen als richtig bestätigt worden war.
Der unterschiedliche
Ausgang der Kämpfe in Österreich und in Frankreich zeigte deutlich,
welche Einheit die Arbeiterklasse braucht: nicht die passive Einheit
in der Organisation mit Unterwerfung unter die opportunistische
Führung, sondern die aktive Einheit im Kampf, wie sie von den
Kommunisten propagiert und organisiert wird. Die Lehre haben uns die
Helden der Februarkämpfe von Österreich und Paris hinterlassen: Das
höchste Gebot ist die kämpfende Einheit der Arbeiterklasse.
Ungeachtet ihres Ausganges
waren und bleiben die Februarkämpfe in Österreich eine der großen und
wichtigen Klassenauseinandersetzungen in der Geschichte der
internationalen Arbeiterbewegung. Sie haben nicht nur einen Wendepunkt
in der Entwicklung der österreichischen Arbeiterschaft eingeleitet,
sondern waren auch ein schwerer Schlag gegen die Politik und die
Theorie der Sozialdemokratie und der II. Internationale. Sie führten
dazu, dass viele Arbeiter die Notwendigkeit des revolutionären
Klassenkampfes erkannten. Die Kämpfe des Februar haben wesentlich dazu
beigetragen, die Niedergedrücktheit, die mancherorts nach dem Schock
der Hitlerschen Machtergreifung in Deutschland Platz ergriffen hatte,
zu zerstreuen und neuen Kampfesmut in die Reihen der Arbeiterklasse zu
tragen. In diesem Sinne leiteten sie eine neue Etappe in der
internationalen Arbeiterbewegung ein, för- |204| derten und
verstärkten sie die Entschlossenheit zur antifaschistischen
Gegenoffensive.
Sie haben bewiesen, dass es
eine Alternative gegen die kampflose Kapitulation vor dem Faschismus
gibt. Sie waren eine anschauliche Warnung nicht nur für die
österreichische Bourgeoisie, sondern auch für die Bourgeoisie aller
Länder. Sie haben der französischen Arbeiterklasse in ihrem Kampf
gegen die drohende faschistische Diktatur bestärkt, sie waren ein
leuchtendes Beispiel für die Kämpfer der spanischen Republik gegen die
faschistischen Aufständischen, sie fanden ihren Widerhall in der
Widerstandsbewegung gegen die Aggression Hitler-Deutschlands, und sie
haben weit über die Grenzen Europas hinaus für die
antiimperialistische Volksfront in den unterdrückten und
Kolonialländern Asiens und Lateinamerikas gewirkt.
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