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Jakob Rosner:

Der Austro-Faschismus

(nach: Jakob Rosner, Der Faschismus - Seine Wurzeln, sein Wesen, seine Ziele, Wien 1966, S. 239-255)

 

>> Hintergrund der Entstehung und Entwicklung des Austro-Faschismus

>> Einige Besonderheiten des Austro-Faschismus

>> Verbindungen mit dem Klerikalismus

>> Der zweite deutsche Staat

 

 

Hintergrund der Entstehung und Entwicklung des Austro-Faschismus

|239| Der Zusammenbruch und Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie (November 1918) stellte sowohl die Arbeiterklasse als auch die Bourgeoisie des deutschsprachigen Österreichs (damals offiziell Deutsch-Österreich genannt) vor außerordentlich komplizierte Probleme, vor Probleme, die in mannigfacher Hinsicht bedeutend ernsthaftere Widersprüche, innere Spannungen und Konflikte zum Inhalt hatten als die Probleme, vor denen die früher der Habsburgmonarchie angehörenden Völker standen. Während die Letzteren vor der, gewiss nicht leichten, aber positiven, von nationalem Pathos getragenen Aufgabe standen, entweder neue Nationalstaaten zu bilden (Tschechen-Slowaken, die Polen Galiziens gemeinsam mit den Polen des ehemaligen Zarenreiches und Deutschlands) oder sich in bereits bestehende Staaten einzuordnen (Serbien, Italien), war die Situation im deutschsprachigen Österreich viel undurchsichtiger, komplexer und verwickelter. Sie war es insbesonders vom Gesichtspunkte der Bourgeoisie, der hohen und höheren Bürokratie, der Spitzen der zusammengestutzten Armee, der Polizei und Gendarmerie sowie der Spitzen der kirchlichen Hierarchie, als vom Gesichtspunkte derjenigen Schichten, aus deren Mitte und mit deren Hilfe und Unterstützung der Austro-Faschimsus entstanden ist und sich zu einem  verhängnisvollen Faktor im Leben des österreichischen Volkes entwickelt hatte.

Bis 1918, bis zum Zusammenbruch der Doppelmonarchie, war das deutschsprachige Österreich – selbst wenn man das spezifische Gewicht der zweiten Reichshälfte, Ungarns, im Leben der Monarchie in Rechnung stellt – Zentrum eines Großstaates; seine Bourgeoisie hatte große Kapitalsanlagen und Beteiligungen in |240| Böhmen, Mähren, Galizien, der Bukowina, in Gebieten, die von „deutschösterreichischen“ Unternehmer und Großbanken in gewissem Maße als einen Art „innerer Kolonien“ behandelt wurden und aus denen sie nicht unbedeutende Extraprofite zogen. Die Großbourgeoisie des heutigen Österreichs hatte bis zum Zerfall der Monarchie darüber hinaus bedeutende industrielle und finanzielle sowie – im Bündnis mit dem Hof, der Hofkamarilla, der Armee und der hohen Bürokratie – auch machtpolitische „Interessen“ auf dem Balkan. Die österreichische Armee war die Armee eines großen Staates, die Kirche war die Kirche eines großen Staates und als solche selbst eine Großmacht. Wien war der Sitz zentraler Behörden, industrieller und großfinanzieller Apparate, die keine geringe „Machtvollkommenheit“ besaßen. Die Doppelmonarchie verfolgte imperialistische Ziele gegenüber dem Balkan, gegenüber der Türkei, gegenüber Italien und auch gegenüber dem zaristischen Russland. Überdies nahm sie – auch schon als Bundesgenosse des Hohenzollern-Deutschlands – teil an den großen imperialistischen „Affären“ und Auseinandersetzungen. All das war nun mit einem Schlage zu Ende!

Großbourgeoisie, Armee, Diplomatie, hohe Bürokratie und kirchliche Hierarchie standen nun vor den Ruinen ihrer „Macht und Herrlichkeit“, saßen nun auf einem Trümmerhaufen, sahen nun ihr Wirtschaftsreich und ihren Machtbereich in Scherben geschlagen. Zu alldem kam noch die Ungewissheit über die Gestaltung der Landesgrenzen (Ansprüche des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, wie das heutige Jugoslawien bis 1930 hieß, auf Kärnten, Auseinandersetzungen um das Burgenland, Südtirol, separatistische Tendenzen in Vorarlberg). Zu alldem kamen Gegensätze und Kämpfe zwischen Agrarkapital und dem Industrie- und Finanzkapital sowie Interessensgegensätze und Konkurrenzkämpfe zwischen den Neu- und Altreichen. Zu alldem kam die Konfusion in der nationalen Frage: irgendwie sträubte sich das Gefühl, Österreich als zu Deutschland gehörig zu betrachten, es bestand aber kein österreichisches Nationalbewusstsein – daher auch die Propaganda für den „Anschluss“ an Deutschland. Zu alldem gesellte sich noch – eine Zeit lang alles überschattend – der unterm dem Einfluss des Sieges der Sozialistischen Revolution in Russland erfolgte stürmische Vormarsch der Arbeiterbewegung und die Radikalisierung breitester Arbeitermassen. Zwar stand |241| die österreichische Arbeiterbewegung überwiegend unter der Führung der wortradikalen Austromarxisten und war dadurch in der Entfaltung ihrer revolutionären Energien behindert. Dennoch wurden das Großkapital und das Großagrariertum sowie deren ideologisch-politische Stützen und Wortführer in Angst versetzt, da sie in der Arbeiterschaft eine ernste Bedrohung des Bestandes der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erblickten. Vor diesem knapp und summarisch skizzierten Hintergrund muss die Entstehung und Entwicklung des Austro-Faschismus betrachtet werden.

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Einige Besonderheiten des Austro-Faschismus

Im Gegensatz zu Italien und Deutschland, wo der Faschismus und der Nationalsozialismus – im Großen gesehen – von allem Anfang an als aggressiv-imperialistische Bewegung mehr oder weniger offen einen scharfen Kampf auch gegen die bürgerlich-kapitalistischen Parteien führten – denen sie mangelnde und ungenügende Verfechtung der „nationalen“, das heißt der chauvinistisch-imperialistischen Ziele und Bestrebungen vorwarfen; im Gegensatz zu Italien und Deutschland, wo Faschismus und Nationalsozialismus von allem Anfang an oder zumindest schon sehr frühzeitig sich um eine zentrale Person (Mussolini, Hitler) gruppierten – was ein wichtiges Element für autoritäre, totalitäre faschistische Bewegungen ist – und nach Möglichkeit und Tunlichkeit zentral geleitet wurden; im Gegensatz ferner zu Italien und Deutschland, wo die faschistische, die nationalsozialistische Bewegung vom Beginn an oder zumindest schon frühzeitig den Charakter politischer Organisationen (wenn auch in Italien in der ersten faschistischen „Kampfzeit“ die „Sturmtrupps“ vorherrschend waren) mit ausgeprägt aggressiv-imperialistischen Programmen trugen: im Gegensatz hierzu ging die Entwicklung der faschistischen Bewegung in Österreich anders vor sich.

Schon bald nach dem Zusammenbruch der Monarchie kam es in Tirol, Kärnten, Ober- und Niederösterreich, Salzburg, der Steiermark und Vorarlberg zur Bildung von „freiwilligen“ Wehrformationen auf lokaler Basis. Die Zersplittertheit der faschistischen Keimzellen in Österreich kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Formationen die verschiedensten Namen hatten: Bürger-, Gemeinde- und Ortswehren (nach dem Zusammenbruch der Monarchie – in Tirol), Selbstschutzverband (1920 in Nieder- |242| österreich), Feld- und Flurwachen (1919 in Oberösterreich), Heimatschutzverband, Heimwehr (in anderen Bundesländern). Der Frontkämpferbund in Wien war überwiegend monarchistisch orientiert. An der Spitze der Wehrformationen standen hohe Reserveoffiziere, Aristokraten und christlichsoziale, aber auch großdeutsche, deutschnationale Politiker. In den zwanziger Jahren war der erste Landesführer der Wehrformationen in Oberösterreich der christlichsoziale Nationalrat Franz Gierlinger, Stellvertreter der deutschnationale Rechtsanwalt Slama. Führende Männer waren Graf Peter Revetera, Graf Botho Goreth, Oberst August Schedivy, General Theodor Weidinger, Gendarmeriedirektor Feldkirchner, Generalmajor Anton Schenk, um nur einige Namen zu nennen.

In Niederösterreich stand der Selbstschutzverband unter Führung von Freiherrn B. v. Ehrenfels, militärischer Leiter war Major Baron Karg-Bebenburg, der Aufbau der Wehrformationen lag in den Händen der Generalmajore Hess und Schubert. Nach dem 15. Juli 1927 fungierten als Landesleiter Ingenieur Julius Raab (damals zugleich christlichsozialer Abgeordneter) und Professor Zippe, deutschnationaler Abgeordneter. (Beide sind 1930 nach dem Korneuburger Eid ausgetreten.) In fast allen niederösterreichischen Bezirken waren ehemalige höhere Offiziere führend: Major Gredler, Generalmajor a.D. Hanno Freiherr v. Königsbrunn, Major Baar v. Baarenfels und andere.

In Kärnten standen an der Spitze der Formationen Feldmarschallleutnant Ludwig Hülgert, Oberst in Reserve Kliman, Oberstleutnant v. Schmeditz, Bankdirektor Anton Berger, General Kepretz, Oberstleutnant Karl Gressel und andere mehr. Diese Beispiele mögen genügen.

Die Zusammensetzung der Führung in den Bundesländern beitet überall das gleiche Bild. Und in allen Bundesländern bestanden enge Verbindungen der Heimwehr- und Heimatschutzorganisationen und -formationen zu den Landesregierungen und den Behörden. Auch in Italien und Deutschland wurde die faschistische und nationalsozialistische Bewegung von so manchen Regierungsbehörden, Spitzen der Armee und der Polizei gefördert und begünstigt. Aber im Gegensatz zu Österreich erfolgte in jenen genannten Ländern schon frühzeitig die politisch-„ideologische“ Trennung der faschistischen Bewegungen von den bürgerlichen |243| Parteien, was aber in Österreich nicht der Fall war, oder sich erst spät vollzogen hatte. Eine gewisse Distanzierung trat erst um das Jahr 1930 ein. Historiker heben die Tatsache hervor, dass die Heimwehr in einer gewissen Periode in ihren Reihen die Vertreter nahezu aller nichtmarxistischen Gruppen vereinigte: Christlichsoziale, Großdeutsche, Landbündler, Monarchisten, Anschlussfreunde und Anschlussgegner, radikale Antisemiten, Exponenten der Industrie, Studentenfreikorps und andere mehr. Die Heterogenität der „Anschauungen“ und die Gegensätzlichkeit der Interessen und der Ziele der verschiedenen antimarxistischen Gruppen und Schichten war nicht nur Ausdruck der Gegensätze, die innerhalb der herrschenden kapitalistischen Klasse bestanden, sondern darüber hinaus Ausdruck der Spannungen und Konflikte, von denen die österreichische Bourgeoisie als Ganzes, die durch den Zusammenbruch der Monarchie so tief gestürzt war und deren Aktionsradius innen- und außenpolitisch so sehr eingeengt wurde, beherrscht war. Im Nationalsozialismus verfolgten die aggressivsten Kreise des deutschen Groß- und Finanzkapitals und des Militarismus gleich nach der Niederlage im ersten Weltkrieg das Ziel der Gewinnung von Kolonien, der Bildung Großdeutschlands und der Eroberung der Weltherrschaft. Weitgespannte – wenn auch nicht so umfassende – imperialistische Ziele verfolgten auch die italienischen scharfmacherischen finanzkapitalistischen Gruppen und die Mussolini-Faschisten. In Österreich war die Lage anders: Die ökonomische und machtpolitische Basis der herrschenden Klasse Österreichs war eng und so schmal, dass sich die österreichische Bourgeoisie und ihre Gefolgschaft keine weitgesteckten imperialistischen Ziele stellen konnten – daher auch der Wirrwarr, das Chaotische und die Zerrissenheit in den Reihen des österreichischen Faschismus. Daher auch das Pendeln des österreichischen Faschismus zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und dem italienischen Faschismus und sehr oft sogar zur gleichen Zeit eine enge Zusammenarbeit mit beiden faschistischen Bewegungen, um sich auf diese Weise „Luft“ und Geltung zu verschaffen und einige Brosamen von den erhofften reichgedeckten Tischen der Anderen, der Stärkeren und Mächtigeren zu ergattern.

Von Anfang an standen die österreichischen Wehrverbände in enger Verbindung mit reichsdeutschen militaristischen und paramilitärischen Verbänden, besonders mit der Orgesch (Organisation |244| Escherich). Die österreichischen Wehrformationen bekamen, besonders in der ersten Zeit, Waffen aus Bayern. In dem von der Heimwehr offiziell herausgegebene Buch „Heimatschutz in Österreich“ wird darüber gesagt:

„Anfang 1920 wurde von der Formation Escherich in Bayern, die als bayrischer Heimatdienst an der Niederwerfung der Räteherrschaft hervorragenden Anteil genommen hatte, Major Hörl nach Linz entsendet, um als Fachmann und Berater an der Aufstellung der Selbstschutzformationen in Österreich mitzuwirken. Die Bildung von solchen Formationen in Österreich war für den bayrischen Nachbarn von besonderer Bedeutung.“ (Heimatschutz in Österreich, Wien 1935, S. 62)

Nebenbei, an dieser „autoritativen“ Erklärung ist zweierlei bemerkenswert. Erstens das offizielle Eingeständnis, dass die Heimwehrbewegung mit tatkräftiger Hilfe des Auslandes auf- und ausgebaut wurde. Zweitens die Heimwehr- und Heimatschutzformationen hatten lange Zeit hindurch in der Öffentlichkeit als ihr Ziel angegeben: Schutz vor den von den Fronten zurückflutenden Soldaten, Schutz vor Einfällen fremder Truppen in österreichische Grenzgebiete und Schutz vor etwaigen „Lebensmittelplünderungen“. In den angeführten offiziellen Auslassungen wird jedoch einbekannt, dass es bei der Aufstellung der Wehrformationen gegen die Arbeiterschaft und gegen die Arbeiterbewegung als solche gegangen ist.

Escherich sandte auch seinen Stellvertreter Landtagsabgeordneten Kanzler aus Rosenheim, Bayern, nach Österreich, der im Frühjahr 1920 die nach ihm benannte Organisatione „Orka“ (Organisatione Kanzler) bildete, in der der Heimatschutzverband Kärnten und die Heimwehr Tirols vereinigt waren. Ludendorff, der um jene Zeit auch mit Hitler zusammengearbeitet hatte, nahm 1923 an einer Heimwehrführer-Tagung in Kärnten teil. Besonders umfassend war die „Hilfe“ des reichsdeutschen „Terrorfachmannes“ (wie ihn der englische Publizist Gedye nannt) und Mitorganisators des Mordes an Karl Liebknecht und Rosa Luxembrug, des Majors Waldemar Papst. Er war 1920 der Hauptorganisator der Tiroler Heimwehren und ab 1922 bis 1930 „Berater“ und einer der Hauptorganisatoren der gesamtösterreichischen Heimwehrbewegung. Während seiner Betätigung in Österreich bezog Papst sein Gehalt (12.000 Reichsmark) direkt aus dem Fonds des deutschen Auswärtigen Amtes, wie die Biographin Stresemanns, Anneliese Thimme, versichert. (Zitiert bei Universi- |245| täts-Dozent Dr. Ludwig Jedlicka: Österreich 1918-1938, in der Sammelschrift „Österreichische Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht“, Seite 42-43) Eine Zeitlanf hatten auch „Kreise der reichsdeutschen Reichswehr“ starkes Interesse an dem „Erstarken der Heimwehr in Österreich“. (Ebenda)

Neben den Verbindungen mit den deutschen Wehrverbänden und rechtsgerichteten deutschen Kreisen bahnten sich nach dem „Marsch auf Rom“ (1922) auch Verbdindungen mit dem italienischen Faschismus an. Die Salzburger Schutzformationen, in denen auch der Schwager Hermann Görings, Notar Dr. Franz Hueber, eine lange Zeit „markant hervorgetreten“ war, standen beispielsweise in den ersten Jahren nach ihrer Bildung in enger Verbindung mit der Orgesch, gerieten aber später auch unter italienisch-faschistischen Einfluss. Einer der führenden Männer der Salzburger Heimwehr, namens Elshuber, unternahm eine Italienreise und nach seiner Rückkehr begann er „begeistert“ italienisch-faschistische „Ideen“ zu verbreiten. Nach Mussolinis Regierungsübernahme erlenten Angehörige der Salzburger Heimwehren die italienische Sprache, „um die Auswirkungen des faschistischen Systems in Italien aus eigener Anschauung studieren zu können“. (Heimatschutz in Österreich, Wien 1935, Seite 182-183)

Anton Rintelen, der als Landeshauptmann der Steiermark die Heimwehr kräftig gefördert hatte, später aber zu den Nationalsozialisten überging und in den nationalsozialistischen Putsch vom 25. Juli 1934 (Ermordung von Dollfuß) verwickelt war, hebt in seinen Erinnerungen hervor, dass der „Sieg“ der Faschisten in Italien dem österreichischen Heimatschutz „mächtige Impulse gegeben hat“. (Anton Rintelen: Erinnerungen an Österreichs Weg, Seite 116)

Allgemein kann gesagt werden, das bis zum Regierungsantritt Hitlers in Deutschland (30. Januar 1933) in der österreichischen Heimwehr sich italienisch-faschistische und deutsch-nationalsozialistische „Einflüsse“ kreuzten, die Verbindungen durcheinanderliefen, was aber zugleich zu Spaltungen (die steirische Heimwehr segelte schon frühzeitig im nationalsozialistischen Fahrwasser), zu Zersplitterungen, inneren Auseinandersetzungen und vielen Wirrungen führte. Besonders groß war das Durcheinander in der Wiener Heimwehrbewegung. Dort gab es lange Zeit hindurch drei von einander getrennte Gruppen. Erstens die „Wiener Heimwehr“ |246| unter dem Deutschmeistermajor Emil Fey, die „österreichisch-vaterländisch“ orientiert war, wenn es auch nicht an zweideutigen Kontakten zu deutsch-nationalsozialistischen Kreisen fehlte; zweitens die „Wiener Heimatschützer“, zum großen Teil aus ehemaligen Frontkämpfern rekrutiert; Stabsleiter war Major a.D. Fritz Lahr. Die Gruppe Lahr betonte die Notwendigkeit der politischen Orientierung und prpagierte italienisch-faschistische „Prinzipien“. Und drittens eine Wiener Gruppe des Steirischen Heimatschutzes, die deutshc-national, nationalsozialistisch, ausgerichtet war. Auch nach der Einigung dieser drei Gruppen (unter der Bundesführerschaft des Fürsten Starhemberg) kam es wiederholt zu Zerwürfnissen und Zänkereien zwischen Starhemberg und Fey.

Nach 1927, als die Heimwehr an den Ausbau der Organisation ging und ihr die Mittel, die ihr die einheimische Industrie und die Finanz zur Verfügung stellten, nicht mehr genügten und sie in „steigendem Maße auf Geldquellen vom Ausland angewiesen“ war, geriet die Heimwehr stärker „in das Kraftfeld jener Großmacht, die eine Art Schutzherrschaft über den Donauraum zu übernehmen trachtete, nämlich Italien.“ (Univ.Dozent Dr. Ludwig Jedlicka, Österreich 1919-1938, in der oben zitierten Sammelschrift, Seite 43)

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Verbindungen mit dem Klerikalismus 

Kirchlich-klerikale Kreise sahen vom Anfang an in der Heimwehrbewegung „Schutz und Schild“ gegen den „Marxismus und Bolschewismus“, gegen das Vordringen der Arbeiterbewegung, und hielten ihre schützende Hand über die Heimwehren. Die Verbindungen zwischen Klerikalen und der Heimwehr waren schon deshalb so eng, weil ja einflussreiche christlichsoziale Politiker führende Positionen in den Heimwehren hatten. Besonders Prälat Seipel war der Schutzpatron der Heimwehr, in der er den „starken Arm“, die „paramilitärische Kraft“ einer antimarxistischen Einheitsfront erblickte.

Der 15. Juli 1927 (große Arbeiterdemonstration in Wien, Brand des Justizpalastes) gab der Heimwehr einen bedeutenden Auftrieb; um diese Zeit verstärkte sich auch die Zusammenarbeit zwischen dem Klerikalismus und den Heimwehren. Die Fahnen der Heimwehrformationen wurden von Würdenträgern der römisch-katholischen Kirche gesegnet. Der amerikanische Historiker Charles A. Gulick führt in seinem Werk „Österreich von Habsburg zu |247| Hitler“ Erklärungen katholischer Geistlicher an, die zeigen, welche große Bedeutung die Klerikalen der Heimwehrbewegung beimaßen und wie groß die Erwartungen waren, die sie an diese knüpften. So sagte ein Geistlicher: „Die Heimwehrbewegung ist eine heilige Bewegung, weil sie ein neues Österreich will, weil sie das Land vom atheistischen Marxismus befreien will, der unsere Kultur zerstört. Wir sind die neuen Kreuzfahrer gegen den Marxismus.“ – Bei einer der üblichen Sonntags-Fahnenweihen sagte ein Geistlicher, dass „der Geist des Lichtes und der warmen Liebe über der Heimwehr ist.“. Und wieder ein anderer Geistlicher: „Ich sage euch als Pfarrer im Namen Gottes: die Heimwehr ist eine heilige, eine gottgewollte Bewegung“. (Gulick, Band III, Seite 75)

Es setzte aber auch ein Prozess der stärkeren Politisierung der Heimwehr ein, der stärkeren Unterstreichung ihres Eigengewichtes, der allmählichen Distanzierung von den bürgerlichen Parteien, ein verstärkter Kampf gegen Parlamentarismus und den „Parteienstaat“. Noch im Dezember 1928 erklärte Seipel in einer Versammlung in Graz: „Nichts ist falscher, als wenn behauptet wird, die Heimwehrbewegung bedrohe irgendwie die Demokratie. Im Gegenteil! Die Sehnsucht nach wahrer Demokratie ist eine der stärksten Triebkräfte der Heimwehrbewegung.“ (Zitiert nach Leopold Kunschak: Österreich 1918-1934, Seite 99)

Ungefähr im gleichen Sinne – wenn auch zweideutiger und hintergründiger – sprach um die gleiche Zeit auch der damalige Führer der Heimwehr, Dr. Steidle. Aber mit den zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der damit im Zusammenhang stehenden Zuspitzung der politischen Lage verschärfte sich auch die politische Aggressivität der Heimwehr, wuchs aber auch das „ideologische“ Durcheinander (soweit man bei der Heimwehr überhaupt von einer eigenständigen „Ideologie“ sprechen kann“. In der ersten Hälfte Mai 1930 führte Steidle in einer Rede aus:

„Das Gift steckt zu tief im Volkskörper drinnen, um durch parlamentarische Arzneien ausgeschieden zu werden. Der heutige Parteienstaat ist unfähig, es erfolgreich mit einem Feind wie dem Austromarxismus aufzunehmen ... Wir sind die Sturmtruppen der Revolution, die Patrioten, die der Diktatur der Auflösung die Diktatur des Wiederaufbaus entgegenstellen. In Zeiten ernstester Gefahr können nur einige herrschen, nicht aber große Körperschaften ... Wir wollen das Ende der französischen Revolution auf deutschem Boden, nötigenfalls durch eine deutsche Revolution.“ Und am 18. Mai desselben Jahres sagte Steidle in seiner Rede in Korneuburg (vor der Verkündung des Eides) unter anderem: „Die schicksalsschwere Frage für die Heimwehr lautet: Will sie wie |248| bisher bloß Einpeitscher politischer Parteien sein oder will sie sich – um ein Schlagwort zu gebrauchen – für das faschistische System erklären? Das ist eine klare und einfache Formulierung.“ (Zitiert nach Gulick, Band III, Seite 161 bis 162)

Nach dieser Rede proklamierte Steidle das faschistische Heimwehrprogramm und nahm den Versammelten den Eid (Korneuburger Eid) ab. Dieser Eid, der offiziell als „Richtung und Gesetz des Heimatschutzes“, der Heimwehr, charakterisiert wurde, hat folgenden Wortlaut:

„Wir wollen Österreich von Grund aus erneuern!

Wir wollen den Volksstaat des Heimatschutzes.

Wir fordern von jedem Kameraden:

Den unverzagten Glauben ans Vaterland,

den rastlosen Eifer der Mitarbeit und

die leidenschaftliche Liebe zur Heimat.

Wir wollen nach der Macht im Staate greifen und zum Wohl des gesamten Volkes Staat und Wirtschaft neu ordnen.

Wir müssen eigenen Vorteil vergessen, müssen alle Bindungen und Forderungen der Parteien unserem Kampfziele unterordnen, da wir der Gemeinschaft des deutschen Volkes dienen wollen!

Wir verwerfen den westlichen demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat!

Wir wollen an seine Stelle die Selbstverwaltung der Stände setzen und eine starke Staatsführung, die nicht aus Parteienvertretern, sondern aus den führenden Personen der großen Stände und aus den fähigsten und den bewährtesten Männern unserer Volksbewegung gebildet wird.

Wir kämpfen gegen die Zersetzung unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf und liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung.

Wir wollen auf berufsständischer Grundlage die Selbstverwaltung der Wirtschaft verwirklichen. Wir werden den Klassenkampf überwinden, die soziale Würde und Gerechtigkeit herstellen.

Wir wollen durch eine bodenstarke und gemeinnützige Wirtschaft den Wohlstand unseres Volkes heben.

Der Staat ist die Verkörperung des Volksganzen, seine Macht und Führung wacht darüber, dass die Stände den Notwendigkeiten der Volksgemeinschaft eingeordnet bleiben.

Jeder Kamerad fühle und bekenne sich als Träger der neuen deutschen Staatsgesinnung; er sei bereit, Gut und Blut einzusetzen, er kenne die drei Gewalten:

den Gottesglauben,

seinen eigenen harten Willen,

das Wort seiner Führer.“

|249| Es ist bezeichnend, dass dieser Eid, dieses „neue Programm der Heimwehrbewegung, das direkt vom italienischen Faschismus inspiriert war – Papst und Steidle, die beiden damals einflussreichsten „Führer“ der Heimwehr, besuchten im März und April 1930, also kurz vor der Korneuburger Tagung, Italien; letzterer kam sogar von dort (wie Gedye in seinem Buch „Die Bastionen fielen“, Seite 45, versichert) mit Maschinengewehren und Geldmitteln zurück – gleichzeitig ein eindeutiges Bekenntnis zum Deutschtum ablegt.

Die Ständekonzeption der Heimwehr leitete sich vom italienisch-faschistischen Corporativsystem ab, aber auch vom katholischen Stände-Gedanken und der ständischen „Ganzheitslehre“, wie sie von Othmar Spann und seinem Schüler Dr. Walter Heinrich vertreten wurde. Der katholische Stände-Gedanke war gegen den Klassenkampf und gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung gerichtet und trug in sich gewisse autoritäre Inhalte, war aber nicht bis zur letzten Konsequenz aggressiv gegen die landläufige bürgerliche Demokratie. Für die Spann-Schule liegen die Dinge anders. In seinem Werk „Das Ständewesen“ schreibt Dr. Walter Heinrich:

„Der ständische Gedanke steht im Gegensatz zur Demokratie; denn Demokratie heißt: die Teilnahme aller Glieder des Staates (der Gesellschaft) an dessen Führung; darüber hinaus: gleiche Anteilnahme aller an der Staatsführung, an der Verrichtung der staatlichen Aufgaben oder an der Bildung des Staatswillens. Da aber der Staat ein eigenwurzeliger Stand mit arteigener Verrichtung ist, erweist sich die Anteilnahme aller als unmöglich.“ (Seite 41)

Die Ständestaat-Konzeption der Heimwehr basierte auf der Staatsauffassung, wie sie von Spann-Heinrich entwickelt wurde. Dr. Heinrich schrieb im „Ständewesen“:

„Der Staat ist der Repräsentant des Gesamtinhaltes, der Lebenserfordernis der völkischen Kultur und trägt die geschichtliche Verantwortung für deren Darlegung in den Ständen. Er ist die geschichtliche Aktuierung oder Verwirklichung aller Inhalte des nationalen Lebens“, oder wie Spann sagt, „die Gegenwart aller geistigen Elemente des Lebens“.

Wenn aber die gleiche Anteilnahme aller an der Staatsführung nicht möglich sei, wer soll also „führend“ sein? Heinrich antwortet darauf: „Jeder Stand hat eine persönlich-menschliche Seite ... Auch der Staat wird ... getragen durch einen bestimmten Menschenkreis, eine staatstragende Schicht ... Jede geschichtliche Gesellschaft trägt in sich die Tendenz, eine solche Menschenschicht hervorzubringen, die Träger der staatlichen Verrichtungen und der dafür |250| erforderlichen Qualitäten ist. An diesem staatstragenden Menschenkreis hängt das Schicksal des Staates und damit auch die Geschichte der völkischen Kultur.“ Heinrich zitiert Spann, bei dem es heißt, der staatstragende Stand bestehe „aus einem Sachverständigenkreis, der aber nicht gekennzeichnet ist durch Beamtengeist und Beamtentum, sondern durch den schöpferischen Gedanken der Organisation, den staatsgestaltenden Gedanken; ferner durch Kriegergeist und Kriegertum auf Grund eigener Erziehung zum Führer hinaus über bloßes Beamtentum. Alle echte staatsmännische Sachverständigkeit muss unterbaut werden durch die Tugend der Tapferkeit“. (Heinrich, Seite 41 bis 43)

Österreichische wirtschaftliche Kreise waren zunächst über die Absicht, an die Errichtung des Ständestaates heranzugehen, nicht sonderlich begeistert. In einer Grundsatzerklärung vom Oktober 1933 erhob die Handelskammer Bedenken gegen die Pläne, die Ständeordnung „einzuführen“. Die Handelskammer fasste ihren Standpunkt wie folgt zusammen:

„Einen Staat, der sich auf die Ständeordnung und die Rechte der Stände stützt, gibt es nicht. An einem Vorbild für eine Verfassung auf ständischer Grundlage fehlt es daher. In der heutigen Zeit überspitzter politischer Leidenschaften erscheint ein Sprung ins Dunkel besonders gefährlich. Der beabsichtigte ständische Aufbau ist daher vorsichtig zu beginnen, schrittweise vorzunehmen und in natürlicher Entwicklung weiter auszubauen. Dieser Ausbau wird deshalb an bereits bestehende ständische Einrichtungen anzuknüpfen haben. Die Landwirtschaft, die Gütererzeugung und -verteilung besitzen bereits solche öffentlich rechtliche Körperschaften, die sich wie die Handelskammer fast ein Jahrhundert lang bewährt haben.“ (Zitiert nach Friedrich Funder: Als Österreich den Sturm bestand, Seite 189 bis 190)

Das heißt, wenn schon ständische Ordnung, dann gegründet auf die „bewährten“ Organe und Organisationen der Industrie, der Landwirtschaft und des Handels!

Am 20. Jänner 1934, als die Regierung bereits intensiver die Bildung der Ständeordnung in Angriff nahm, richtete der Hauptverband der Industrie offiziell ein Schreiben an den Kanzler Dollfuß, in dem er seine Stellungnahme umriss:

„Die Industrie erkennt den Zug der Zeit nach Neugestaltung des Rahmens für das politische und wirtschaftliche Geschehen im Staate. Sie begrüßt daher die Initiative der Regierung, die durch das Programm der Ständeverfassung diesen Bestrebungen ein festes Ziel vorgezeichnet hat.“ Die Industrie erwartet sich davon: „1. Auf dem Gebiete der Gesetzgebung können neben den kulturellen und sozialen auch die wirtschaftlichen Interessen verlässlichere Wahrung finden als früher. |251| 2. Der Arbeitsfriede kann durch endgültige Ausscheidung des Klassenkampfes vor künftigen Erschütterungen bewahrt, die seelische  Beziehung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wiederum inniger geknüpft und auf diese Weise das Gefühl wechselseitiger Verbundenheit in beiden Teilen gestärkt, damit aber auch in allen Zweigen der Wirtschaft die heimische Schaffenskraft zu höchster Entfaltung und Ergiebigkeit gesteigert werden.“ Der Hauptverband verlangte, „dass bei allen ständischen Einrichtungen ... die Stellung der selbständig, unter eigener Verantwortung Arbeitenden in Stadt und Land ausreichend gesichert“ wird und dass „die Industrie den ihrer Bedeutung entsprechenden Platz“ findet. (Ebenda, Seite 187 bis 189)

Die Stände- und Staatsauffassung der Heimwehr deckte sich im großen und ganzen mit den faschistischen „Anschauungen“, wie sie den Bedürfnissen des Großkapitals entsprachen. Da aber die Heimwehr in einem Staat zu handeln hatte, in dem für imperialistische Welteroberungspläne und -ziele kein Raum war, nahm das faschistische „Gedankengut“ der Heimwehr Zuflucht zu klerikalen, bigotten „Idealen“, wodurch ein Durcheinander und Chaos entstand, aus dem „weltanschaulich“ nur schwerlich, wenn überhaupt, ein Ausweg zu finden war. Daher war auch der Versuch, dem Austro-Faschismus durch die Bildung der „Vaterländischen Front“ eine Massenbasis zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die „Vaterländische Front“ war und blieb ein künstliches Gebilde, von „oben“ aufgebläht, ohne wirkliche Wurzeln im Volke.

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Der zweite deutsche Staat

Der „neue“ Kurs der Heimwehr stieß auf die engen Grenzen des klein gewordenen Österreichs, die der Herausbildung einer eigenständigen österreichischen aktiven Aspiration imperialistisch-militärischer Expansion entgegenstanden. Das Dollfuß-Schuschnigg-Regime, die Heimwehr, flüchteten aus diesem Dilemma in die Konzeption, Österreich wäre der zweite deutsche Staat, eine Konzeption, die antiösterreichisch, antinational war und ist. Die Heimwehr, Dollfuß, Schuschnigg, Starhemberg erstrebten ein „starkes“ Österreich, das auf Deutschland und Italien gestützt, neuerlich nach Südosteuropa expandieren sollte und so an den zu erwartenden „Errungenschaften“ des deutschen und des italienischen Imperialismus zu partizipieren. So wie jeder Faschismus,, so war auch der Austro-Faschismus imperialistisch orientiert –, da aber der Imperialismus in Österreich |252| „in der Luft hing“, keine reale Basis hatte, suchte er einen Ausweg in der Anlehnung an „stärkere“ Staaten. Der Widerspruch zwischen „Traum“ und Realität trieb den Austro-Faschismus in eine Art der „Romantisierung“ der „Mission“ Österreich auf Führung nicht nur im ehemaligen „Raum“ der Monarchie, sondern auch in Deutschland. Nicht von ungefähr klingt das offizielle Geschichtswerk der Heimwehr in folgendes sentimental-schwulstige Bekenntnis aus:

„Seit Königgrätz“ – das heißt seit der Niederlage Österreichs im österreichisch-preußischen Krieg 1866 – „hatte Österreich keine deutsche Politik mehr betrieben. Die Anschlussbewegung hätte das Verschwinden Österreichs zur Folge gehabt. Diesem Gedanken der Selbstverneinung war nun“ – nach dem Februar 1934, dem „Sieg“ der Heimwehr – „ein Ideal der Selbstbehauptung gegenübergestellt worden. Das erneuerte Österreich sollte sich für seine deutsche Aufgabe bereithalten, die Kräfte sammeln und bewahren, um Österreich seinen uralten Anspruch auf eine führende Stelle im Rahmen des deutschen Volkes in dem Augenblick zu sichern, in dem die endgültige Entscheidung über das Schicksal des Deutschtums fallen wird. Das Reich, dessen Träger und Kern das österreichische Deutschtum durch Jahrhunderte war, kann erst wieder erstehen, wenn Österreich in ihm den gebührenden Platz als Führer und Wegweiser einnimmt. Das österreichische Deutschtum wird die Aufgabe erfüllen, an der Preußen ... gescheitert ist. ... Das deutsche Volks kann seine geschichtliche Mission der Durchdringung und Kolonisation des europäischen Ostens und Südostens nicht von Berlin und über Berlin erfüllen. Der Zwang der geschichtlichen Erfüllung muss das Deutschtum zurück nach Wien, zurück zum alten Reichsgedanken führen. Aber die Geschichte verläuft nicht in Jahren und Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten. Niemand weiß, ob die Augen eines heute Lebenden die Renaissance des uralten heiligen Reichsgedankens schauen werden. Dass aber Österreich die Aufgabe hat, sich für den großen Tag bereit zu halten, an dem das Deutschtum unter den ruhmreichen Fahnen der österreichischen Heimat zur Erfüllung seiner geschichtlichen Sendung schreiten wird, ist gewiss. Es ist wahrer Dienst am deutschen Volk, Österreich stark und fähig zu machen, seine historische Mission zu erfüllen, wenn einmal die große Stunde schlägt. Dass Österreich sich auf seine alte Aufgabe als Streiter für ein wahrhaft deutsches christliches Wesen wieder besonnen hat und dass Hunderttausende in diesem Kampf ihren Lebensinhalt gefunden haben, ist der zähen Arbeit des Heimatschutzes zu danken...“ (Heimatschutz in Österreich, Wien 1935, Seite 325 bis 326)

Dollfuß und Schuschnigg und die Heimwehr machten größte Anstrengungen, um ihr System der Brutalität und des Terrors „christlich“-klerikal zu maskieren und zu umkleiden, um ihre imperialistischen Aspirationen in ein klerikal-„religiöses“ Mäntelchen zu hüllen. In dieser Verquickung und Verschmelzung von |253| faschistischen imperialistischen Wünschen und Klerikalismus kam auch die Ohnmächtigkeit der herrschenden Klassen Österreichs in der Praxis zum Ausdruck.

Auch Dollfuß und Schuschnigg unterstrichen aufdringlich und zudringlich den deutschen Charakter Österreichs und auch sie „träumten“ von einer „Sendung“ Österreichs im Osten und Südosten Europas, von der „christlich-deutschen Mission“ Österreichs. Richard Schmitz, eine der Säulen des Ständesystems, sprach dies ziemlich unverblümt als Zeuge im Prozess gegen Guido Schmidt aus. Er wies darauf hin, dass „gerade in Österreich“ von altersher eine Tradition bestand, die an die „Idee des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation anknüpfte ... Sie musste von selbst wiedererstehen, als das alte Österreich-Ungarn zerrissen war und der kleine Rumpfstaat hilflos und verstümmelt übrigblieb. Auf irgendeine Art musste sohin eine Anlehnung gefunden werden...“ (Der Hochverratsprozess gegen Dr. Guido Schmidt vor dem Wiener Volksgericht. Die gerichtlichen Protokolle. Seite 196)

Schuschnigg verwahrte sich wiederholt dagegen, dass er oder Dollfuß „undeutsch“ gedacht hätten: „Engelbert Dollfuß hat“ – schreibt Schuschnigg – „bei seiner Regierungsübernahme am 27. Mai 1932 erklärt: Es muss alle Welt verstehen, dass wir uns als selbständiger deutscher Staat, bedingt durch das Blut, die Geschichte und die geographische Lage unserer Heimat, der engsten Verbundenheit und Freundschaft mit dem Deutschen Reich bewusst sind, einer Freundschaft, die berechtigt und verpflichtet. – Im April 1933 erklärte er: Wir Österreicher sind uns unserer Schicksalsverbundenheit mit dem gesamten deutschen Volk voll und ganz bewusst ... Ich verweise auf den Leitsatz, den ich selbst am 29. Mai 1935 vor dem österreichischen Bundestag gesprochen habe: Österreich hat nie ein Zweifel darüber gelassen und wird es, solange wir leben, auch in alle Zukunft nicht tun, dass es sich als deutscher Staat bekennt.“ (Dr. Kurt Schuschnigg: Österreichs Erneuerung, Band 2, Seite 219)

In einem anderen Buch schrieb Schuschnigg: „Wir halten uns nach wie vor berufen, Brücke und Mittler zwischen Völkern und Staaten zu bilden, die einst zum Bereich des alten Österreich gehörten und die nunmehr ihr selbständiges, eigenstaatliches Leben führen. Diese vermittelnde Aufgabe ist auf wirtschaftspolitischem wie auch kulturpolitischem Gebiet gelegen ... Wir haben die weitere, dieser Aufgabe gleichgeordnete Bestimmung, die Verbindung zum großen deutschen Kulturkreis aufrechtzuerhalten und durch unseren freien, unabhängigen, deutschen Staat ... dem gesamten Volk, zu dem wir gehören und zu dem wir uns bekennen, seiner geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung, somit auch seiner Stellung in der Welt zu dienen.“ (Dr. Kurt Schuschnigg: Dreimal Österreich, Seite 270 bis 271)

|254| Bei der Erfüllung dieser Doppelrolle (in gewissen Grenzen Verfolgung eigenständiger Ziele und zugleich Gemeinschaft mit Deutschland, auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland, um so aus der Sackgasse, in der sich die herrschende Klasse Österreichs befand, herauszukommen) kam es zu Gegensätzlichkeiten zwischen dem österreichischen Faschismus, der sich auch religiöser Züge zu bedienen suchte, und dem Nationalsozialismus, wobei sich die österreichischen Faschisten eine gewisse Rückendeckung bei den italienischen Faschisten zu sichern suchten. Aber trotz aller Gegensätzlichkeiten war das Dollfuß-Schuschnigg-Regime, war die Heimwehr keine wirklich nationale österreichische Bewegung, sondern in letzter Konsequenz Helfershelfer des deutsch-faschistischen Imperialismus.

Der italienische Faschismus suchte seinerseits, sich Österreichs (und auch Horthy-Ungarns) zu bedienen, um Positionen in Südosteuropa zu erobern und zu erweitern und sich auf diese Weise auch in seiner Zusammenarbeit mit dem deutschen Imperialismus und Nationalsozialismus das Rückgrat zu stärken. Der italienische Faschismus stand in einem gewissen Macht- und Konkurrenzkampf mit dem deutschen Imperialismus-Nationalsozialismus und bemühte sich gleichzeitig um eine feste Zusammenarbeit mit ihm. Das kam auch im Verhältnis des Mussolini-Faschismus zu Österreich zum Ausdruck. Das faschistische Italien bestritt nicht den „deutschen Charakter“ Österreichs. Schuschnigg zitiert aus einen Artikel Mussolinis „La missione storica dell’ Austria“ (Die historische Mission Österreichs“) im „Popolo d’Italia“ vom 13. Februar 1935, in dem es heißt:

„Ich glaube, dass mit dem Ablauf der Jahre, mit dem Wiedererstarken des Staates, mit der Erholung der Wirtschaft, jedermann sich davon überzeugen wird, dass Österreich leben kann; es kann daher ein zweiter deutscher Staat in Europa leben, deutsch, aber Herr seines eigenen Schicksals (puo esistere un secondo Stato tedesco in Europa, tedesco, ma padrone del suo destino.“ (Ebenda, Seite 270)

Im Verhältnis des österreichischen zum deutschen Faschismus kamen ebenfalls die inneren Spannungen und Konflikte zum Ausdruck, von denen die herrschende Klasse Österreichs beherrscht war. Sie glaubte durch die Zerschlagung der Arbeiterbewegung, durch die Annullierung der Freiheitsrechte der Massen des Volkes und die Errichtung eines |255| „christlichen, ständisch gegliederten Staates“, durch die Stützung auf das faschistische Italien und ein ausgeklügeltes System der Zusammenarbeit mit dem deutschen Imperialismus-Nationalsozialismus ihre eigene Schwäche zu überwinden, „zum Zuge“ kommen und irgendwie an der erhofften großen Beute der faschistischen Großstaaten mitgenießen zu können. Die Rechnung ging auch in Österreich nicht auf. Der österreichische Faschismus, bieder „christlich“, grausam und heißhungrig nach mehr Profit und mehr Macht für die große Bourgeoisie, ging zugrunde. Er wurde im Grunde zweimal geschlagen: 1938 vom Nationalsozialismus und 1945 teilte er das Schicksal seines feindlichen Bruders – des nationalsozialistischen Deutschlands – und seines treulosen Gönners, des italienischen Faschismus.

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