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Hintergrund der Entstehung und Entwicklung
des Austro-Faschismus
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Der Zusammenbruch und Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie
(November 1918) stellte sowohl die Arbeiterklasse als auch die
Bourgeoisie des deutschsprachigen Österreichs (damals offiziell
Deutsch-Österreich genannt) vor außerordentlich komplizierte Probleme,
vor Probleme, die in mannigfacher Hinsicht bedeutend ernsthaftere
Widersprüche, innere Spannungen und Konflikte zum Inhalt hatten als
die Probleme, vor denen die früher der Habsburgmonarchie angehörenden
Völker standen. Während die Letzteren vor der, gewiss nicht leichten,
aber positiven, von nationalem Pathos getragenen Aufgabe standen,
entweder neue Nationalstaaten zu bilden (Tschechen-Slowaken, die Polen
Galiziens gemeinsam mit den Polen des ehemaligen Zarenreiches und
Deutschlands) oder sich in bereits bestehende Staaten einzuordnen
(Serbien, Italien), war die Situation im deutschsprachigen Österreich
viel undurchsichtiger, komplexer und verwickelter. Sie war es
insbesonders vom Gesichtspunkte der Bourgeoisie, der hohen und höheren
Bürokratie, der Spitzen der zusammengestutzten Armee, der Polizei und
Gendarmerie sowie der Spitzen der kirchlichen Hierarchie, als vom
Gesichtspunkte derjenigen Schichten, aus deren Mitte und mit deren
Hilfe und Unterstützung der Austro-Faschimsus entstanden ist und sich
zu einem verhängnisvollen Faktor im Leben des österreichischen Volkes
entwickelt hatte.
Bis 1918, bis zum Zusammenbruch der
Doppelmonarchie, war das deutschsprachige Österreich - selbst wenn man
das spezifische Gewicht der zweiten Reichshälfte, Ungarns, im Leben
der Monarchie in Rechnung stellt - Zentrum eines Großstaates; seine
Bourgeoisie hatte große Kapitalsanlagen und Beteiligungen in |240|
Böhmen, Mähren, Galizien, der Bukowina, in Gebieten, die von
"deutschösterreichischen" Unternehmer und Großbanken in gewissem Maße
als einen Art "innerer Kolonien" behandelt wurden und aus denen sie
nicht unbedeutende Extraprofite zogen. Die Großbourgeoisie des
heutigen Österreichs hatte bis zum Zerfall der Monarchie darüber
hinaus bedeutende industrielle und finanzielle sowie - im Bündnis mit
dem Hof, der Hofkamarilla, der Armee und der hohen Bürokratie - auch
machtpolitische "Interessen" auf dem Balkan. Die österreichische Armee
war die Armee eines großen Staates, die Kirche war die Kirche eines
großen Staates und als solche selbst eine Großmacht. Wien war der Sitz
zentraler Behörden, industrieller und großfinanzieller Apparate, die
keine geringe "Machtvollkommenheit" besaßen. Die Doppelmonarchie
verfolgte imperialistische Ziele gegenüber dem Balkan, gegenüber der
Türkei, gegenüber Italien und auch gegenüber dem zaristischen
Russland. Überdies nahm sie - auch schon als Bundesgenosse des
Hohenzollern-Deutschlands - teil an den großen imperialistischen
"Affären" und Auseinandersetzungen. All das war nun mit einem Schlage
zu Ende!
Großbourgeoisie, Armee, Diplomatie,
hohe Bürokratie und kirchliche Hierarchie standen nun vor den Ruinen
ihrer "Macht und Herrlichkeit", saßen nun auf einem Trümmerhaufen,
sahen nun ihr Wirtschaftsreich und ihren Machtbereich in Scherben
geschlagen. Zu alldem kam noch die Ungewissheit über die Gestaltung
der Landesgrenzen (Ansprüche des Königreiches der Serben, Kroaten und
Slowenen, wie das heutige Jugoslawien bis 1930 hieß, auf Kärnten,
Auseinandersetzungen um das Burgenland, Südtirol, separatistische
Tendenzen in Vorarlberg). Zu alldem kamen Gegensätze und Kämpfe
zwischen Agrarkapital und dem Industrie- und Finanzkapital sowie
Interessensgegensätze und Konkurrenzkämpfe zwischen den Neu- und
Altreichen. Zu alldem kam die Konfusion in der nationalen Frage:
irgendwie sträubte sich das Gefühl, Österreich als zu Deutschland
gehörig zu betrachten, es bestand aber kein österreichisches
Nationalbewusstsein - daher auch die Propaganda für den "Anschluss" an
Deutschland. Zu alldem gesellte sich noch - eine Zeit lang alles
überschattend - der unterm dem Einfluss des Sieges der Sozialistischen
Revolution in Russland erfolgte stürmische Vormarsch der
Arbeiterbewegung und die Radikalisierung breitester Arbeitermassen.
Zwar stand |241| die österreichische Arbeiterbewegung
überwiegend unter der Führung der wortradikalen Austromarxisten und
war dadurch in der Entfaltung ihrer revolutionären Energien behindert.
Dennoch wurden das Großkapital und das Großagrariertum sowie deren
ideologisch-politische Stützen und Wortführer in Angst versetzt, da
sie in der Arbeiterschaft eine ernste Bedrohung des Bestandes der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung erblickten. Vor diesem knapp und
summarisch skizzierten Hintergrund muss die Entstehung und Entwicklung
des Austro-Faschismus betrachtet werden.
Einige Besonderheiten des
Austro-Faschismus
Im Gegensatz zu Italien und
Deutschland, wo der Faschismus und der Nationalsozialismus - im Großen
gesehen - von allem Anfang an als aggressiv-imperialistische Bewegung
mehr oder weniger offen einen scharfen Kampf auch gegen die
bürgerlich-kapitalistischen Parteien führten - denen sie mangelnde und
ungenügende Verfechtung der "nationalen", das heißt der
chauvinistisch-imperialistischen Ziele und Bestrebungen vorwarfen; im
Gegensatz zu Italien und Deutschland, wo Faschismus und
Nationalsozialismus von allem Anfang an oder zumindest schon sehr
frühzeitig sich um eine zentrale Person (Mussolini, Hitler)
gruppierten - was ein wichtiges Element für autoritäre, totalitäre
faschistische Bewegungen ist - und nach Möglichkeit und Tunlichkeit
zentral geleitet wurden; im Gegensatz ferner zu Italien und
Deutschland, wo die faschistische, die nationalsozialistische Bewegung
vom Beginn an oder zumindest schon frühzeitig den Charakter
politischer Organisationen (wenn auch in Italien in der ersten
faschistischen "Kampfzeit" die "Sturmtrupps" vorherrschend waren) mit
ausgeprägt aggressiv-imperialistischen Programmen trugen: im Gegensatz
hierzu ging die Entwicklung der faschistischen Bewegung in Österreich
anders vor sich.
Schon bald nach dem Zusammenbruch
der Monarchie kam es in Tirol, Kärnten, Ober- und Niederösterreich,
Salzburg, der Steiermark und Vorarlberg zur Bildung von "freiwilligen"
Wehrformationen auf lokaler Basis. Die Zersplittertheit der
faschistischen Keimzellen in Österreich kommt auch darin zum Ausdruck,
dass die Formationen die verschiedensten Namen hatten: Bürger-,
Gemeinde- und Ortswehren (nach dem Zusammenbruch der Monarchie - in
Tirol), Selbstschutzverband (1920 in Nieder- |242| österreich),
Feld- und Flurwachen (1919 in Oberösterreich), Heimatschutzverband,
Heimwehr (in anderen Bundesländern). Der Frontkämpferbund in Wien war
überwiegend monarchistisch orientiert. An der Spitze der
Wehrformationen standen hohe Reserveoffiziere, Aristokraten und
christlichsoziale, aber auch großdeutsche, deutschnationale Politiker.
In den zwanziger Jahren war der erste Landesführer der Wehrformationen
in Oberösterreich der christlichsoziale Nationalrat Franz Gierlinger,
Stellvertreter der deutschnationale Rechtsanwalt Slama. Führende
Männer waren Graf Peter Revetera, Graf Botho Goreth, Oberst August
Schedivy, General Theodor Weidinger, Gendarmeriedirektor Feldkirchner,
Generalmajor Anton Schenk, um nur einige Namen zu nennen.
In Niederösterreich stand der
Selbstschutzverband unter Führung von Freiherrn B. v. Ehrenfels,
militärischer Leiter war Major Baron Karg-Bebenburg, der Aufbau der
Wehrformationen lag in den Händen der Generalmajore Hess und Schubert.
Nach dem 15. Juli 1927 fungierten als Landesleiter Ingenieur Julius
Raab (damals zugleich christlichsozialer Abgeordneter) und Professor
Zippe, deutschnationaler Abgeordneter. (Beide sind 1930 nach dem
Korneuburger Eid ausgetreten.) In fast allen niederösterreichischen
Bezirken waren ehemalige höhere Offiziere führend: Major Gredler,
Generalmajor a.D. Hanno Freiherr v. Königsbrunn, Major Baar v.
Baarenfels und andere.
In Kärnten standen an der Spitze
der Formationen Feldmarschallleutnant Ludwig Hülgert, Oberst in
Reserve Kliman, Oberstleutnant v. Schmeditz, Bankdirektor Anton
Berger, General Kepretz, Oberstleutnant Karl Gressel und andere mehr.
Diese Beispiele mögen genügen.
Die Zusammensetzung der Führung in
den Bundesländern beitet überall das gleiche Bild. Und in allen
Bundesländern bestanden enge Verbindungen der Heimwehr- und
Heimatschutzorganisationen und -formationen zu den Landesregierungen
und den Behörden. Auch in Italien und Deutschland wurde die
faschistische und nationalsozialistische Bewegung von so manchen
Regierungsbehörden, Spitzen der Armee und der Polizei gefördert und
begünstigt. Aber im Gegensatz zu Österreich erfolgte in jenen
genannten Ländern schon frühzeitig die politisch-"ideologische"
Trennung der faschistischen Bewegungen von den bürgerlichen |243|
Parteien, was aber in Österreich nicht der Fall war, oder sich erst
spät vollzogen hatte. Eine gewisse Distanzierung trat erst um das Jahr
1930 ein. Historiker heben die Tatsache hervor, dass die Heimwehr in
einer gewissen Periode in ihren Reihen die Vertreter nahezu aller
nichtmarxistischen Gruppen vereinigte: Christlichsoziale,
Großdeutsche, Landbündler, Monarchisten, Anschlussfreunde und
Anschlussgegner, radikale Antisemiten, Exponenten der Industrie,
Studentenfreikorps und andere mehr. Die Heterogenität der
"Anschauungen" und die Gegensätzlichkeit der Interessen und der Ziele
der verschiedenen antimarxistischen Gruppen und Schichten war nicht
nur Ausdruck der Gegensätze, die innerhalb der herrschenden
kapitalistischen Klasse bestanden, sondern darüber hinaus Ausdruck der
Spannungen und Konflikte, von denen die österreichische Bourgeoisie
als Ganzes, die durch den Zusammenbruch der Monarchie so tief gestürzt
war und deren Aktionsradius innen- und außenpolitisch so sehr
eingeengt wurde, beherrscht war. Im Nationalsozialismus verfolgten die
aggressivsten Kreise des deutschen Groß- und Finanzkapitals und des
Militarismus gleich nach der Niederlage im ersten Weltkrieg das Ziel
der Gewinnung von Kolonien, der Bildung Großdeutschlands und der
Eroberung der Weltherrschaft. Weitgespannte - wenn auch nicht so
umfassende - imperialistische Ziele verfolgten auch die italienischen
scharfmacherischen finanzkapitalistischen Gruppen und die
Mussolini-Faschisten. In Österreich war die Lage anders: Die
ökonomische und machtpolitische Basis der herrschenden Klasse
Österreichs war eng und so schmal, dass sich die österreichische
Bourgeoisie und ihre Gefolgschaft keine weitgesteckten
imperialistischen Ziele stellen konnten - daher auch der Wirrwarr, das
Chaotische und die Zerrissenheit in den Reihen des österreichischen
Faschismus. Daher auch das Pendeln des österreichischen Faschismus
zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und dem italienischen
Faschismus und sehr oft sogar zur gleichen Zeit eine enge
Zusammenarbeit mit beiden faschistischen Bewegungen, um sich auf diese
Weise "Luft" und Geltung zu verschaffen und einige Brosamen von den
erhofften reichgedeckten Tischen der Anderen, der Stärkeren und
Mächtigeren zu ergattern.
Von Anfang an standen die
österreichischen Wehrverbände in enger Verbindung mit reichsdeutschen
militaristischen und paramilitärischen Verbänden, besonders mit der
Orgesch (Organisation |244| Escherich). Die österreichischen
Wehrformationen bekamen, besonders in der ersten Zeit, Waffen aus
Bayern. In dem von der Heimwehr offiziell herausgegebene Buch
"Heimatschutz in Österreich" wird darüber gesagt:
"Anfang 1920 wurde von der
Formation Escherich in Bayern, die als bayrischer Heimatdienst an der
Niederwerfung der Räteherrschaft hervorragenden Anteil genommen hatte,
Major Hörl nach Linz entsendet, um als Fachmann und Berater an der
Aufstellung der Selbstschutzformationen in Österreich mitzuwirken. Die
Bildung von solchen Formationen in Österreich war für den bayrischen
Nachbarn von besonderer Bedeutung." (Heimatschutz in Österreich, Wien
1935, S. 62)
Nebenbei, an dieser "autoritativen"
Erklärung ist zweierlei bemerkenswert. Erstens das offizielle
Eingeständnis, dass die Heimwehrbewegung mit tatkräftiger Hilfe des
Auslandes auf- und ausgebaut wurde. Zweitens die Heimwehr- und
Heimatschutzformationen hatten lange Zeit hindurch in der
Öffentlichkeit als ihr Ziel angegeben: Schutz vor den von den Fronten
zurückflutenden Soldaten, Schutz vor Einfällen fremder Truppen in
österreichische Grenzgebiete und Schutz vor etwaigen
"Lebensmittelplünderungen". In den angeführten offiziellen
Auslassungen wird jedoch einbekannt, dass es bei der Aufstellung der
Wehrformationen gegen die Arbeiterschaft und gegen die
Arbeiterbewegung als solche gegangen ist.
Escherich sandte auch seinen
Stellvertreter Landtagsabgeordneten Kanzler aus Rosenheim, Bayern,
nach Österreich, der im Frühjahr 1920 die nach ihm benannte
Organisatione "Orka" (Organisatione Kanzler) bildete, in der der
Heimatschutzverband Kärnten und die Heimwehr Tirols vereinigt waren.
Ludendorff, der um jene Zeit auch mit Hitler zusammengearbeitet hatte,
nahm 1923 an einer Heimwehrführer-Tagung in Kärnten teil. Besonders
umfassend war die "Hilfe" des reichsdeutschen "Terrorfachmannes" (wie
ihn der englische Publizist Gedye nannt) und Mitorganisators des
Mordes an Karl Liebknecht und Rosa Luxembrug, des Majors Waldemar
Papst. Er war 1920 der Hauptorganisator der Tiroler Heimwehren und ab
1922 bis 1930 "Berater" und einer der Hauptorganisatoren der
gesamtösterreichischen Heimwehrbewegung. Während seiner Betätigung in
Österreich bezog Papst sein Gehalt (12.000 Reichsmark) direkt aus dem
Fonds des deutschen Auswärtigen Amtes, wie die Biographin Stresemanns,
Anneliese Thimme, versichert. (Zitiert bei Universi- |245|
täts-Dozent Dr. Ludwig Jedlicka: Österreich 1918-1938, in der
Sammelschrift "Österreichische Zeitgeschichte im
Geschichtsunterricht", Seite 42-43) Eine Zeitlanf hatten auch "Kreise
der reichsdeutschen Reichswehr" starkes Interesse an dem "Erstarken
der Heimwehr in Österreich". (Ebenda)
Neben den Verbindungen mit den
deutschen Wehrverbänden und rechtsgerichteten deutschen Kreisen
bahnten sich nach dem "Marsch auf Rom" (1922) auch Verbdindungen mit
dem italienischen Faschismus an. Die Salzburger Schutzformationen, in
denen auch der Schwager Hermann Görings, Notar Dr. Franz Hueber, eine
lange Zeit "markant hervorgetreten" war, standen beispielsweise in den
ersten Jahren nach ihrer Bildung in enger Verbindung mit der Orgesch,
gerieten aber später auch unter italienisch-faschistischen Einfluss.
Einer der führenden Männer der Salzburger Heimwehr, namens Elshuber,
unternahm eine Italienreise und nach seiner Rückkehr begann er
"begeistert" italienisch-faschistische "Ideen" zu verbreiten. Nach
Mussolinis Regierungsübernahme erlenten Angehörige der Salzburger
Heimwehren die italienische Sprache, "um die Auswirkungen des
faschistischen Systems in Italien aus eigener Anschauung studieren zu
können". (Heimatschutz in Österreich, Wien 1935, Seite 182-183)
Anton Rintelen, der als
Landeshauptmann der Steiermark die Heimwehr kräftig gefördert hatte,
später aber zu den Nationalsozialisten überging und in den
nationalsozialistischen Putsch vom 25. Juli 1934 (Ermordung von
Dollfuß) verwickelt war, hebt in seinen Erinnerungen hervor, dass der
"Sieg" der Faschisten in Italien dem österreichischen Heimatschutz
"mächtige Impulse gegeben hat". (Anton Rintelen: Erinnerungen an
Österreichs Weg, Seite 116)
Allgemein kann gesagt werden, das
bis zum Regierungsantritt Hitlers in Deutschland (30. Januar 1933) in
der österreichischen Heimwehr sich italienisch-faschistische und
deutsch-nationalsozialistische "Einflüsse" kreuzten, die Verbindungen
durcheinanderliefen, was aber zugleich zu Spaltungen (die steirische
Heimwehr segelte schon frühzeitig im nationalsozialistischen
Fahrwasser), zu Zersplitterungen, inneren Auseinandersetzungen und
vielen Wirrungen führte. Besonders groß war das Durcheinander in der
Wiener Heimwehrbewegung. Dort gab es lange Zeit hindurch drei von
einander getrennte Gruppen. Erstens die "Wiener Heimwehr" |246|
unter dem Deutschmeistermajor Emil Fey, die
"österreichisch-vaterländisch" orientiert war, wenn es auch nicht an
zweideutigen Kontakten zu deutsch-nationalsozialistischen Kreisen
fehlte; zweitens die "Wiener Heimatschützer", zum großen Teil aus
ehemaligen Frontkämpfern rekrutiert; Stabsleiter war Major a.D. Fritz
Lahr. Die Gruppe Lahr betonte die Notwendigkeit der politischen
Orientierung und prpagierte italienisch-faschistische "Prinzipien".
Und drittens eine Wiener Gruppe des Steirischen Heimatschutzes, die
deutshc-national, nationalsozialistisch, ausgerichtet war. Auch nach
der Einigung dieser drei Gruppen (unter der Bundesführerschaft des
Fürsten Starhemberg) kam es wiederholt zu Zerwürfnissen und Zänkereien
zwischen Starhemberg und Fey.
Nach 1927, als die Heimwehr an den
Ausbau der Organisation ging und ihr die Mittel, die ihr die
einheimische Industrie und die Finanz zur Verfügung stellten, nicht
mehr genügten und sie in "steigendem Maße auf Geldquellen vom Ausland
angewiesen" war, geriet die Heimwehr stärker "in das Kraftfeld jener
Großmacht, die eine Art Schutzherrschaft über den Donauraum zu
übernehmen trachtete, nämlich Italien." (Univ.Dozent Dr. Ludwig
Jedlicka, Österreich 1919-1938, in der oben zitierten Sammelschrift,
Seite 43)
Verbindungen mit dem Klerikalismus
Kirchlich-klerikale Kreise sahen
vom Anfang an in der Heimwehrbewegung "Schutz und Schild" gegen den
"Marxismus und Bolschewismus", gegen das Vordringen der
Arbeiterbewegung, und hielten ihre schützende Hand über die
Heimwehren. Die Verbindungen zwischen Klerikalen und der Heimwehr
waren schon deshalb so eng, weil ja einflussreiche christlichsoziale
Politiker führende Positionen in den Heimwehren hatten. Besonders
Prälat Seipel war der Schutzpatron der Heimwehr, in der er den
"starken Arm", die "paramilitärische Kraft" einer antimarxistischen
Einheitsfront erblickte.
Der 15. Juli 1927 (große
Arbeiterdemonstration in Wien, Brand des Justizpalastes) gab der
Heimwehr einen bedeutenden Auftrieb; um diese Zeit verstärkte sich
auch die Zusammenarbeit zwischen dem Klerikalismus und den Heimwehren.
Die Fahnen der Heimwehrformationen wurden von Würdenträgern der
römisch-katholischen Kirche gesegnet. Der amerikanische Historiker
Charles A. Gulick führt in seinem Werk "Österreich von Habsburg zu
|247| Hitler" Erklärungen katholischer Geistlicher an, die zeigen,
welche große Bedeutung die Klerikalen der Heimwehrbewegung beimaßen
und wie groß die Erwartungen waren, die sie an diese knüpften. So
sagte ein Geistlicher: "Die Heimwehrbewegung ist eine heilige
Bewegung, weil sie ein neues Österreich will, weil sie das Land vom
atheistischen Marxismus befreien will, der unsere Kultur zerstört. Wir
sind die neuen Kreuzfahrer gegen den Marxismus." - Bei einer der
üblichen Sonntags-Fahnenweihen sagte ein Geistlicher, dass "der Geist
des Lichtes und der warmen Liebe über der Heimwehr ist.". Und wieder
ein anderer Geistlicher: "Ich sage euch als Pfarrer im Namen Gottes:
die Heimwehr ist eine heilige, eine gottgewollte Bewegung". (Gulick,
Band III, Seite 75)
Es setzte aber auch ein Prozess der
stärkeren Politisierung der Heimwehr ein, der stärkeren
Unterstreichung ihres Eigengewichtes, der allmählichen Distanzierung
von den bürgerlichen Parteien, ein verstärkter Kampf gegen
Parlamentarismus und den "Parteienstaat". Noch im Dezember 1928
erklärte Seipel in einer Versammlung in Graz: "Nichts ist falscher,
als wenn behauptet wird, die Heimwehrbewegung bedrohe irgendwie die
Demokratie. Im Gegenteil! Die Sehnsucht nach wahrer Demokratie ist
eine der stärksten Triebkräfte der Heimwehrbewegung." (Zitiert nach
Leopold Kunschak: Österreich 1918-1934, Seite 99)
Ungefähr im gleichen Sinne - wenn
auch zweideutiger und hintergründiger - sprach um die gleiche Zeit
auch der damalige Führer der Heimwehr, Dr. Steidle. Aber mit den
zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und der damit im
Zusammenhang stehenden Zuspitzung der politischen Lage verschärfte
sich auch die politische Aggressivität der Heimwehr, wuchs aber auch
das "ideologische" Durcheinander (soweit man bei der Heimwehr
überhaupt von einer eigenständigen "Ideologie" sprechen kann". In der
ersten Hälfte Mai 1930 führte Steidle in einer Rede aus:
"Das Gift steckt zu tief im
Volkskörper drinnen, um durch parlamentarische Arzneien ausgeschieden
zu werden. Der heutige Parteienstaat ist unfähig, es erfolgreich mit
einem Feind wie dem Austromarxismus aufzunehmen ... Wir sind die
Sturmtruppen der Revolution, die Patrioten, die der Diktatur der
Auflösung die Diktatur des Wiederaufbaus entgegenstellen. In Zeiten
ernstester Gefahr können nur einige herrschen, nicht aber große
Körperschaften ... Wir wollen das Ende der französischen Revolution
auf deutschem Boden, nötigenfalls durch eine deutsche Revolution." Und
am 18. Mai desselben Jahres sagte Steidle in seiner Rede in Korneuburg
(vor der Verkündung des Eides) unter anderem: "Die schicksalsschwere
Frage für die Heimwehr lautet: Will sie wie |248| bisher bloß
Einpeitscher politischer Parteien sein oder will sie sich - um ein
Schlagwort zu gebrauchen - für das faschistische System erklären? Das
ist eine klare und einfache Formulierung." (Zitiert nach Gulick, Band
III, Seite 161 bis 162)
Nach dieser Rede proklamierte
Steidle das faschistische Heimwehrprogramm und nahm den Versammelten
den Eid (Korneuburger Eid) ab. Dieser Eid, der offiziell als "Richtung
und Gesetz des Heimatschutzes", der Heimwehr, charakterisiert wurde,
hat folgenden Wortlaut:
"Wir wollen Österreich von Grund
aus erneuern!
Wir wollen den Volksstaat des
Heimatschutzes.
Wir fordern von jedem Kameraden:
Den unverzagten Glauben ans
Vaterland,
den rastlosen Eifer der Mitarbeit
und
die leidenschaftliche Liebe zur
Heimat.
Wir wollen nach der Macht im Staate
greifen und zum Wohl des gesamten Volkes Staat und Wirtschaft neu
ordnen.
Wir müssen eigenen Vorteil
vergessen, müssen alle Bindungen und Forderungen der Parteien unserem
Kampfziele unterordnen, da wir der Gemeinschaft des deutschen Volkes
dienen wollen!
Wir verwerfen den westlichen
demokratischen Parlamentarismus und den Parteienstaat!
Wir wollen an seine Stelle die
Selbstverwaltung der Stände setzen und eine starke Staatsführung, die
nicht aus Parteienvertretern, sondern aus den führenden Personen der
großen Stände und aus den fähigsten und den bewährtesten Männern
unserer Volksbewegung gebildet wird.
Wir kämpfen gegen die Zersetzung
unseres Volkes durch den marxistischen Klassenkampf und
liberal-kapitalistische Wirtschaftsgestaltung.
Wir wollen auf berufsständischer
Grundlage die Selbstverwaltung der Wirtschaft verwirklichen. Wir
werden den Klassenkampf überwinden, die soziale Würde und
Gerechtigkeit herstellen.
Wir wollen durch eine bodenstarke
und gemeinnützige Wirtschaft den Wohlstand unseres Volkes heben.
Der Staat ist die Verkörperung des
Volksganzen, seine Macht und Führung wacht darüber, dass die Stände
den Notwendigkeiten der Volksgemeinschaft eingeordnet bleiben.
Jeder Kamerad fühle und bekenne
sich als Träger der neuen deutschen Staatsgesinnung; er sei bereit,
Gut und Blut einzusetzen, er kenne die drei Gewalten:
den Gottesglauben,
seinen eigenen harten Willen,
das Wort seiner Führer."
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Es ist bezeichnend, dass dieser Eid, dieses "neue Programm der
Heimwehrbewegung, das direkt vom italienischen Faschismus inspiriert
war - Papst und Steidle, die beiden damals einflussreichsten "Führer"
der Heimwehr, besuchten im März und April 1930, also kurz vor der
Korneuburger Tagung, Italien; letzterer kam sogar von dort (wie Gedye
in seinem Buch "Die Bastionen fielen", Seite 45, versichert) mit
Maschinengewehren und Geldmitteln zurück - gleichzeitig ein
eindeutiges Bekenntnis zum Deutschtum ablegt.
Die Ständekonzeption der Heimwehr
leitete sich vom italienisch-faschistischen Corporativsystem ab, aber
auch vom katholischen Stände-Gedanken und der ständischen
"Ganzheitslehre", wie sie von Othmar Spann und seinem Schüler Dr.
Walter Heinrich vertreten wurde. Der katholische Stände-Gedanke war
gegen den Klassenkampf und gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung
gerichtet und trug in sich gewisse autoritäre Inhalte, war aber nicht
bis zur letzten Konsequenz aggressiv gegen die landläufige bürgerliche
Demokratie. Für die Spann-Schule liegen die Dinge anders. In seinem
Werk "Das Ständewesen" schreibt Dr. Walter Heinrich:
"Der ständische Gedanke steht im
Gegensatz zur Demokratie; denn Demokratie heißt: die Teilnahme aller
Glieder des Staates (der Gesellschaft) an dessen Führung; darüber
hinaus: gleiche Anteilnahme aller an der Staatsführung, an der
Verrichtung der staatlichen Aufgaben oder an der Bildung des
Staatswillens. Da aber der Staat ein eigenwurzeliger Stand mit
arteigener Verrichtung ist, erweist sich die Anteilnahme aller als
unmöglich." (Seite 41)
Die Ständestaat-Konzeption der
Heimwehr basierte auf der Staatsauffassung, wie sie von Spann-Heinrich
entwickelt wurde. Dr. Heinrich schrieb im "Ständewesen":
"Der Staat ist der Repräsentant des
Gesamtinhaltes, der Lebenserfordernis der völkischen Kultur und trägt
die geschichtliche Verantwortung für deren Darlegung in den Ständen.
Er ist die geschichtliche Aktuierung oder Verwirklichung aller Inhalte
des nationalen Lebens", oder wie Spann sagt, "die Gegenwart aller
geistigen Elemente des Lebens".
Wenn aber die gleiche Anteilnahme
aller an der Staatsführung nicht möglich sei, wer soll also "führend"
sein? Heinrich antwortet darauf: "Jeder Stand hat eine
persönlich-menschliche Seite ... Auch der Staat wird ... getragen
durch einen bestimmten Menschenkreis, eine staatstragende Schicht ...
Jede geschichtliche Gesellschaft trägt in sich die Tendenz, eine
solche Menschenschicht hervorzubringen, die Träger der staatlichen
Verrichtungen und der dafür |250| erforderlichen Qualitäten
ist. An diesem staatstragenden Menschenkreis hängt das Schicksal des
Staates und damit auch die Geschichte der völkischen Kultur." Heinrich
zitiert Spann, bei dem es heißt, der staatstragende Stand bestehe "aus
einem Sachverständigenkreis, der aber nicht gekennzeichnet ist durch
Beamtengeist und Beamtentum, sondern durch den schöpferischen Gedanken
der Organisation, den staatsgestaltenden Gedanken; ferner durch
Kriegergeist und Kriegertum auf Grund eigener Erziehung zum Führer
hinaus über bloßes Beamtentum. Alle echte staatsmännische
Sachverständigkeit muss unterbaut werden durch die Tugend der
Tapferkeit". (Heinrich, Seite 41 bis 43)
Österreichische wirtschaftliche
Kreise waren zunächst über die Absicht, an die Errichtung des
Ständestaates heranzugehen, nicht sonderlich begeistert. In einer
Grundsatzerklärung vom Oktober 1933 erhob die Handelskammer Bedenken
gegen die Pläne, die Ständeordnung "einzuführen". Die Handelskammer
fasste ihren Standpunkt wie folgt zusammen:
"Einen Staat, der sich auf die
Ständeordnung und die Rechte der Stände stützt, gibt es nicht. An
einem Vorbild für eine Verfassung auf ständischer Grundlage fehlt es
daher. In der heutigen Zeit überspitzter politischer Leidenschaften
erscheint ein Sprung ins Dunkel besonders gefährlich. Der
beabsichtigte ständische Aufbau ist daher vorsichtig zu beginnen,
schrittweise vorzunehmen und in natürlicher Entwicklung weiter
auszubauen. Dieser Ausbau wird deshalb an bereits bestehende
ständische Einrichtungen anzuknüpfen haben. Die Landwirtschaft, die
Gütererzeugung und -verteilung besitzen bereits solche öffentlich
rechtliche Körperschaften, die sich wie die Handelskammer fast ein
Jahrhundert lang bewährt haben." (Zitiert nach Friedrich Funder: Als
Österreich den Sturm bestand, Seite 189 bis 190)
Das heißt, wenn schon ständische
Ordnung, dann gegründet auf die "bewährten" Organe und Organisationen
der Industrie, der Landwirtschaft und des Handels!
Am 20. Jänner 1934, als die
Regierung bereits intensiver die Bildung der Ständeordnung in Angriff
nahm, richtete der Hauptverband der Industrie offiziell ein Schreiben
an den Kanzler Dollfuß, in dem er seine Stellungnahme umriss:
"Die Industrie erkennt den Zug der
Zeit nach Neugestaltung des Rahmens für das politische und
wirtschaftliche Geschehen im Staate. Sie begrüßt daher die Initiative
der Regierung, die durch das Programm der Ständeverfassung diesen
Bestrebungen ein festes Ziel vorgezeichnet hat." Die Industrie
erwartet sich davon: "1. Auf dem Gebiete der Gesetzgebung können neben
den kulturellen und sozialen auch die wirtschaftlichen Interessen
verlässlichere Wahrung finden als früher. |251| 2. Der
Arbeitsfriede kann durch endgültige Ausscheidung des Klassenkampfes
vor künftigen Erschütterungen bewahrt, die seelische Beziehung
zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern wiederum inniger geknüpft und
auf diese Weise das Gefühl wechselseitiger Verbundenheit in beiden
Teilen gestärkt, damit aber auch in allen Zweigen der Wirtschaft die
heimische Schaffenskraft zu höchster Entfaltung und Ergiebigkeit
gesteigert werden." Der Hauptverband verlangte, "dass bei allen
ständischen Einrichtungen ... die Stellung der selbständig, unter
eigener Verantwortung Arbeitenden in Stadt und Land ausreichend
gesichert" wird und dass "die Industrie den ihrer Bedeutung
entsprechenden Platz" findet. (Ebenda, Seite 187 bis 189)
Die Stände- und Staatsauffassung
der Heimwehr deckte sich im großen und ganzen mit den faschistischen
"Anschauungen", wie sie den Bedürfnissen des Großkapitals entsprachen.
Da aber die Heimwehr in einem Staat zu handeln hatte, in dem für
imperialistische Welteroberungspläne und -ziele kein Raum war, nahm
das faschistische "Gedankengut" der Heimwehr Zuflucht zu klerikalen,
bigotten "Idealen", wodurch ein Durcheinander und Chaos entstand, aus
dem "weltanschaulich" nur schwerlich, wenn überhaupt, ein Ausweg zu
finden war. Daher war auch der Versuch, dem Austro-Faschismus durch
die Bildung der "Vaterländischen Front" eine Massenbasis zu schaffen,
von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die "Vaterländische Front"
war und blieb ein künstliches Gebilde, von "oben" aufgebläht, ohne
wirkliche Wurzeln im Volke.
Der zweite deutsche Staat
Der "neue" Kurs der Heimwehr stieß
auf die engen Grenzen des klein gewordenen Österreichs, die der
Herausbildung einer eigenständigen österreichischen aktiven Aspiration
imperialistisch-militärischer Expansion entgegenstanden. Das
Dollfuß-Schuschnigg-Regime, die Heimwehr, flüchteten aus diesem
Dilemma in die Konzeption, Österreich wäre der zweite deutsche Staat,
eine Konzeption, die antiösterreichisch, antinational war und ist. Die
Heimwehr, Dollfuß, Schuschnigg, Starhemberg erstrebten ein "starkes"
Österreich, das auf Deutschland und Italien gestützt, neuerlich nach
Südosteuropa expandieren sollte und so an den zu erwartenden
"Errungenschaften" des deutschen und des italienischen Imperialismus
zu partizipieren. So wie jeder Faschismus,, so war auch der
Austro-Faschismus imperialistisch orientiert -, da aber der
Imperialismus in Österreich |252| "in der Luft hing", keine
reale Basis hatte, suchte er einen Ausweg in der Anlehnung an
"stärkere" Staaten. Der Widerspruch zwischen "Traum" und Realität
trieb den Austro-Faschismus in eine Art der "Romantisierung" der
"Mission" Österreich auf Führung nicht nur im ehemaligen "Raum" der
Monarchie, sondern auch in Deutschland. Nicht von ungefähr klingt das
offizielle Geschichtswerk der Heimwehr in folgendes
sentimental-schwulstige Bekenntnis aus:
"Seit Königgrätz" - das heißt seit
der Niederlage Österreichs im österreichisch-preußischen Krieg 1866 -
"hatte Österreich keine deutsche Politik mehr betrieben. Die
Anschlussbewegung hätte das Verschwinden Österreichs zur Folge gehabt.
Diesem Gedanken der Selbstverneinung war nun" - nach dem Februar 1934,
dem "Sieg" der Heimwehr - "ein Ideal der Selbstbehauptung
gegenübergestellt worden. Das erneuerte Österreich sollte sich für
seine deutsche Aufgabe bereithalten, die Kräfte sammeln und bewahren,
um Österreich seinen uralten Anspruch auf eine führende Stelle im
Rahmen des deutschen Volkes in dem Augenblick zu sichern, in dem die
endgültige Entscheidung über das Schicksal des Deutschtums fallen
wird. Das Reich, dessen Träger und Kern das österreichische Deutschtum
durch Jahrhunderte war, kann erst wieder erstehen, wenn Österreich in
ihm den gebührenden Platz als Führer und Wegweiser einnimmt. Das
österreichische Deutschtum wird die Aufgabe erfüllen, an der Preußen
... gescheitert ist. ... Das deutsche Volks kann seine geschichtliche
Mission der Durchdringung und Kolonisation des europäischen Ostens und
Südostens nicht von Berlin und über Berlin erfüllen. Der Zwang der
geschichtlichen Erfüllung muss das Deutschtum zurück nach Wien, zurück
zum alten Reichsgedanken führen. Aber die Geschichte verläuft nicht in
Jahren und Jahrzehnten, sondern in Jahrhunderten. Niemand weiß, ob die
Augen eines heute Lebenden die Renaissance des uralten heiligen
Reichsgedankens schauen werden. Dass aber Österreich die Aufgabe hat,
sich für den großen Tag bereit zu halten, an dem das Deutschtum unter
den ruhmreichen Fahnen der österreichischen Heimat zur Erfüllung
seiner geschichtlichen Sendung schreiten wird, ist gewiss. Es ist
wahrer Dienst am deutschen Volk, Österreich stark und fähig zu machen,
seine historische Mission zu erfüllen, wenn einmal die große Stunde
schlägt. Dass Österreich sich auf seine alte Aufgabe als Streiter für
ein wahrhaft deutsches christliches Wesen wieder besonnen hat und dass
Hunderttausende in diesem Kampf ihren Lebensinhalt gefunden haben, ist
der zähen Arbeit des Heimatschutzes zu danken..." (Heimatschutz in
Österreich, Wien 1935, Seite 325 bis 326)
Dollfuß und Schuschnigg und die
Heimwehr machten größte Anstrengungen, um ihr System der Brutalität
und des Terrors "christlich"-klerikal zu maskieren und zu umkleiden,
um ihre imperialistischen Aspirationen in ein klerikal-"religiöses"
Mäntelchen zu hüllen. In dieser Verquickung und Verschmelzung von
|253| faschistischen imperialistischen Wünschen und Klerikalismus
kam auch die Ohnmächtigkeit der herrschenden Klassen Österreichs in
der Praxis zum Ausdruck.
Auch Dollfuß und Schuschnigg
unterstrichen aufdringlich und zudringlich den deutschen Charakter
Österreichs und auch sie "träumten" von einer "Sendung" Österreichs im
Osten und Südosten Europas, von der "christlich-deutschen Mission"
Österreichs. Richard Schmitz, eine der Säulen des Ständesystems,
sprach dies ziemlich unverblümt als Zeuge im Prozess gegen Guido
Schmidt aus. Er wies darauf hin, dass "gerade in Österreich" von
altersher eine Tradition bestand, die an die "Idee des Heiligen
Römischen Reiches Deutscher Nation anknüpfte ... Sie musste von selbst
wiedererstehen, als das alte Österreich-Ungarn zerrissen war und der
kleine Rumpfstaat hilflos und verstümmelt übrigblieb. Auf irgendeine
Art musste sohin eine Anlehnung gefunden werden..." (Der
Hochverratsprozess gegen Dr. Guido Schmidt vor dem Wiener
Volksgericht. Die gerichtlichen Protokolle. Seite 196)
Schuschnigg verwahrte sich
wiederholt dagegen, dass er oder Dollfuß "undeutsch" gedacht hätten:
"Engelbert Dollfuß hat" - schreibt Schuschnigg - "bei seiner
Regierungsübernahme am 27. Mai 1932 erklärt: Es muss alle Welt
verstehen, dass wir uns als selbständiger deutscher Staat, bedingt
durch das Blut, die Geschichte und die geographische Lage unserer
Heimat, der engsten Verbundenheit und Freundschaft mit dem Deutschen
Reich bewusst sind, einer Freundschaft, die berechtigt und
verpflichtet. - Im April 1933 erklärte er: Wir Österreicher sind uns
unserer Schicksalsverbundenheit mit dem gesamten deutschen Volk voll
und ganz bewusst ... Ich verweise auf den Leitsatz, den ich selbst am
29. Mai 1935 vor dem österreichischen Bundestag gesprochen habe:
Österreich hat nie ein Zweifel darüber gelassen und wird es, solange
wir leben, auch in alle Zukunft nicht tun, dass es sich als deutscher
Staat bekennt." (Dr. Kurt Schuschnigg: Österreichs Erneuerung, Band 2,
Seite 219)
In einem anderen Buch schrieb
Schuschnigg: "Wir halten uns nach wie vor berufen, Brücke und Mittler
zwischen Völkern und Staaten zu bilden, die einst zum Bereich des
alten Österreich gehörten und die nunmehr ihr selbständiges,
eigenstaatliches Leben führen. Diese vermittelnde Aufgabe ist auf
wirtschaftspolitischem wie auch kulturpolitischem Gebiet gelegen ...
Wir haben die weitere, dieser Aufgabe gleichgeordnete Bestimmung, die
Verbindung zum großen deutschen Kulturkreis aufrechtzuerhalten und
durch unseren freien, unabhängigen, deutschen Staat ... dem gesamten
Volk, zu dem wir gehören und zu dem wir uns bekennen, seiner geistigen
und wirtschaftlichen Entwicklung, somit auch seiner Stellung in der
Welt zu dienen." (Dr. Kurt Schuschnigg: Dreimal Österreich, Seite 270
bis 271)
|254|
Bei der Erfüllung dieser Doppelrolle (in gewissen Grenzen Verfolgung
eigenständiger Ziele und zugleich Gemeinschaft mit Deutschland, auch
mit dem nationalsozialistischen Deutschland, um so aus der Sackgasse,
in der sich die herrschende Klasse Österreichs befand, herauszukommen)
kam es zu Gegensätzlichkeiten zwischen dem österreichischen
Faschismus, der sich auch religiöser Züge zu bedienen suchte, und dem
Nationalsozialismus, wobei sich die österreichischen Faschisten eine
gewisse Rückendeckung bei den italienischen Faschisten zu sichern
suchten. Aber trotz aller Gegensätzlichkeiten war das
Dollfuß-Schuschnigg-Regime, war die Heimwehr keine wirklich nationale
österreichische Bewegung, sondern in letzter Konsequenz Helfershelfer
des deutsch-faschistischen Imperialismus.
Der italienische Faschismus suchte
seinerseits, sich Österreichs (und auch Horthy-Ungarns) zu bedienen,
um Positionen in Südosteuropa zu erobern und zu erweitern und sich auf
diese Weise auch in seiner Zusammenarbeit mit dem deutschen
Imperialismus und Nationalsozialismus das Rückgrat zu stärken. Der
italienische Faschismus stand in einem gewissen Macht- und
Konkurrenzkampf mit dem deutschen Imperialismus-Nationalsozialismus
und bemühte sich gleichzeitig um eine feste Zusammenarbeit mit ihm.
Das kam auch im Verhältnis des Mussolini-Faschismus zu Österreich zum
Ausdruck. Das faschistische Italien bestritt nicht den "deutschen
Charakter" Österreichs. Schuschnigg zitiert aus einen Artikel
Mussolinis "La missione storica dell’ Austria" (Die historische
Mission Österreichs") im "Popolo d’Italia" vom 13. Februar 1935, in
dem es heißt:
"Ich glaube, dass mit dem Ablauf
der Jahre, mit dem Wiedererstarken des Staates, mit der Erholung der
Wirtschaft, jedermann sich davon überzeugen wird, dass Österreich
leben kann; es kann daher ein zweiter deutscher Staat in Europa leben,
deutsch, aber Herr seines eigenen Schicksals (puo esistere un secondo
Stato tedesco in Europa, tedesco, ma padrone del suo destino."
(Ebenda, Seite 270)
Im Verhältnis des österreichischen
zum deutschen Faschismus kamen ebenfalls die inneren Spannungen und
Konflikte zum Ausdruck, von denen die herrschende Klasse Österreichs
beherrscht war. Sie glaubte durch die Zerschlagung der
Arbeiterbewegung, durch die Annullierung der Freiheitsrechte der
Massen des Volkes und die Errichtung eines |255| "christlichen,
ständisch gegliederten Staates", durch die Stützung auf das
faschistische Italien und ein ausgeklügeltes System der Zusammenarbeit
mit dem deutschen Imperialismus-Nationalsozialismus ihre eigene
Schwäche zu überwinden, "zum Zuge" kommen und irgendwie an der
erhofften großen Beute der faschistischen Großstaaten mitgenießen zu
können. Die Rechnung ging auch in Österreich nicht auf. Der
österreichische Faschismus, bieder "christlich", grausam und
heißhungrig nach mehr Profit und mehr Macht für die große Bourgeoisie,
ging zugrunde. Er wurde im Grunde zweimal geschlagen: 1938 vom
Nationalsozialismus und 1945 teilte er das Schicksal seines
feindlichen Bruders - des nationalsozialistischen Deutschlands - und
seines treulosen Gönners, des italienischen Faschismus.
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