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Anna Seghers:

Der Weg durch den Februar

 

Nach den Februarkämpfen 1934 verbrachte die deutsche Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983), in Wirklichkeit Netty Radvanyi, einige Zeit in Österreich, um die politische Situation, Atmosphäre und die Prozesse gegen verschiedene Februarkämpfer zu verfolgen. Als Ergebnis ihres Lokalaugenscheins liegen zwei Texte vor: einerseits die Erzählung "Der letzte Weg des Koloman Wallisch" (Juni 1934) sowie andererseits der Roman "Der Weg durch den Februar" (1935). Der Held dieses Roman ist das österreichische Proletariat, dessen Schicksal an einer Reihe von unabhängigen, aber ähnlichen Handlungssträngen nachgezeichnet wird. Gezeigt werden die Zersplitterung, die mangelhafte Organisierung im Großen sowie die Orientierungslosigkeit nach dem Februar 1934, als viele beginnen, zwischen Sozialdemokratie und KPÖ zu schwanken. Ebenfalls gezeigt wird jedoch, wie aus der Niederlage der Geist und die Gewissheit des Sieges der antifaschistischen ArbeiterInnen und der sozialistischen Idee (neu) geboren werden. - Der unten folgende Textausschnitt behandelt den in Graz angesiedelten Handlungsstrang um den Arbeitslosen Willaschek. Er wird von der austrofaschistischen Justiz des Mordes angeklagt und schließlich auch verurteilt. Willascheks Prozess, quasi der Höhepunkt des Romans, wenngleich die Hauptstränge in Wien zusammenlaufen, wird hier teilweise wiedergegeben.

Er spürte rechts und links auf seinen Armen die Fingerspitzen seines Verteidigers. Er zog die Arme nach vorn und verschränkte sie auf der Brust. Er hielt sich jetzt ganz gerade. Er war todmüde. Seine Kehle war trocken, als hätte er selbst stundenlang gesprochen. Sein Herz begann jetzt gegen die Rippen zu klopfen, als fühle es, dass es gefangen war in diesem aufrechten, aber bedrohten Körper.

"Sowenig wir mit unnötiger Härte gegen Mitbürger vorgehen wollen, in denen wir nur ein Opfer ihrer Führung und jahrelanger Irrleitung sehen, von denen wir aber annehmen, dass sie künftig dem Ruf zu gesunder und friedlicher Mitarbeit am Volksganzen folgen werden, sowenig können wir solche Elemente schonen, die wirklich so faul oder erkrankt sind, dass sie Bessere gefährden und deshalb ausgemerzt werden können."

Es geht zu Ende, sagte sich Willaschek, sie sollen alle verflucht sein.

"... aus diesen Erwägungen heraus stelle ich folgende Anträge:

Martin Holzer Sohn, dem wir seine Jugend zugute halten, ferner den Umstand, dass ihn sein eigener Vater mitgenommen du angestiftet hat, ferner, weil sein Tatanteil zweifelhaft ist, ein Jahr Kerker.

Jakob Weber in Anbetracht seines hohen Alters und seiner Unbescholtenheit zwei Jahre Kerker.

Martin Holzer Vater, der einerseits seinen Sohn mitgenommen und vermutlich den ersten, nicht tödlichen Schuss abgegeben hat, andererseits unbescholten und gut beleumundet ist, vier Jahre Kerker.

Willaschek, der auf den bereits verletzten, auf dem Boden liegenden Mann drei Schüsse abgegeben hat, von denen einer den Tod herbeigeführt hat, zwölf Jahre Kerker..."

Mühelos, ohne sichtbaren Ruck, hatte die Stimme ausgesetzt. Aber die Aufmerksamkeit war zu gespannt und tief, um gleichzeitig mit der Stimme abzubrechen. Jetzt wurde die Stille wahrnehmbar in ihrer ganzen Wucht. Man hörte eine Frau zweimal seufzen. Jetzt wurde der Hohlraum sichtbar im blau und weißen Saal in seiner ganzen Leere, in die man eine Bank mit vier Männern geschoben hatte. Der junge und der alte Holzer rückten aneinander in einer kaum wahrnehmbaren, doch von allen ertappten Bewegung. Der alte Weber kratzte sich am Ohr. Willaschek saß aufrecht, an ihm war nichts zu sehen. Er konnte den Speichel, der ihm im Mund zusammenlief, weder Schlucken noch ausspucken. Sein Verteidiger hatte sich vornübergebeugt und flüsterte ihm zu: "Das war ja bloß der Antrag." Nicht um seine Hände abzuschütteln, reckte sich Willaschek, sondern weil alle aufstanden. Die Pause vor den Plädoyers hatte begonnen. Willaschek spürte schon die harte Hand der Wache auf seinem Arm. Der Kronleuchter erlosch, bis auf einen Schwaden grauen, glitzernden Nebels. Willaschek hörte in seinem Rücken das Schlürfen und Flüstern der den Saal verlassenden Menschen. Jetzt wurde es Willaschek klar, dass sich keine Stimme aus dem Zuhörerraum für ihn erhoben hatte, dem Antrag entgegen. Es wurde ihm klar, dass ihm zwölf Jahre unweigerlich bestimmt waren. Er verlor jetzt seinen Stolz und verfluchte sein Leben.

In der Abendpause ereignete sich im Grazer Gericht folgendes: Als Willaschek aus dem Saal durch den Korridor geführt wurde, spürte er, wie jemand schnell seine Hand drückte. Er spürte, dass etwas in seiner Hand zurückblieb. Er quetschte unwillkürlich die Finger zusammen. Er schob das Stück Papier in den Ärmel, er drückte den Arm an die Brust. Wessen Hand ihn berührt hatte, wusste er nicht, er hätte nicht sagen können, ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte.

Er verlangte auszutreten. Im Abort war es finster. Das herzförmige Türloch war von dem Rücken des Wachpostens zugedeckt. Willaschek schwitzte vor Wut, er konnte nichts erkennen. Endlich machte de Wachposten eine kleine Drehung, so dass ein Ritzchen Licht nach innen kam.

Die Schrift am oberen Rand war dick und verwischt: Mittelexer und Niklas waren vor der Herstellung verhaftet worden - ungeübte Hände hatten das Flugblatt unter ungleichmäßigem Druck abgezogen. Sonst hätte es Willaschek leichter gehabt, den Anfang zusammenzubringen: "Nicht jeder ist ein Dimitroff, aber jeder kann von ihm lernen."

Dann flog Willaschek über die nächsten Zeilen: Anweisungen für das Verhalten der Angeklagten vor Gericht. Diese Anweisungen kamen für Willaschek zu spät. Er verstand aber, dass er als Vermittler gedacht war. Er prägte sich alles hastig ein. Am unteren Rand war die Schrift zu dünn, unter zu leichtem Druck abgezogen. Da war es gut, dass Willaschek den letzten Satz nach den ersten Worten ohnedies kannte: "Die Angeklagten von heute werden die Richter von morgen sein."

Willaschek dachte einen Augenblick nach, ob er alles behalten hatte, dann zerfetzte er das Blatt.

Später, im Licht der Kronleuchter, saß Willaschek mit unbedecktem Gesicht, auf jedem Knie eine Faust. Er hielt sich aufrecht, als lehne er sich an eine Bergwand. Er hatte die Lippen von den Zähnen gezogen. Er blickte mit Zähnen und Augen auf die Geschworenenbank. Von dorther erwartete er nichts, sie waren einander feind, und es war gut, dass es klar wurde. Eine ältere Frau war darunter, mit einer Brille und einem braunen Kleid. Sie sah manchmal den jungen Holzer mitleidig an. Sie sah dick und gut aus, nach Mutter. Ihn aber, Willaschek, sah sie an, als ob sie ihn am liebsten ungeboren wünschte.

Es rauschte und knisterte im Saal, bis sich alle Zuhörer niedergesetzt hatten. Willaschek drehte ihnen entschlossen sein Gesicht entgegen. Es wurde sofort heiß von ihren Blicken. Zwischen ihnen und ihm war nichts. Er hatte sich auch um das Protokoll unnütz gesorgt, sie hatten längst begriffen, dass man ihn nur betrogen hatte. Ihre Blicke blieben auf ihm, auch wenn er sein Gesicht wegdrehte.

Die Kronleuchter wurden auf groß gedreht. Willaschek reckte sich; er blickte ruhig nach allen Seiten. Ein wildes Kristallgefunkel hüpfte über Bänke und Gesichter. Es war sein Tag. Alles Licht war für ihn. Für ihn waren alle gekommen. Der alte Holzer neben ihm verstand nichts, der kaute an seinem Schnurrbart und dachte angstvoll an sein Strafmaß. Die schwarzen Fledermäuse hinter dem Richtertisch gähnten.

Über Willascheks schutzlose Schultern, über die Anklagebank, über den ganzen Hohlraum zwischen Anklagebank und Geschworenenbank fiel der Schatten des Mannes, an den ihn das Flugblatt erinnert hatte. Heute und künftig war er allen Verhandlungen beigegeben bis zum Ablauf dieser Zeiten.

Willaschek legte die Hände vors Gesicht, aber nur um ruhig nachzudenken. Nichts hatte aufgehört für ihn, alles fing heute abend erst für ihn an. Er spürte, wie Mittelexers schmale Augen, listig und zufrieden, seinen Anfang beobachteten. Rund um ihn herum wurde das Leben dichter.

Willaschek war nicht erregt, als sein eigener Verteidiger anfing, mit seiner dünnen, jungen Stimme, als letzter der drei Verteidiger. Er hatte auch begriffen, dass ihn die drei Verteidiger untereinander verpackelt hatten. Einer musste wohl daran glauben, da doch ein Mensch getötet wurde. Willaschek war der richtige, um ihn grämte niemand, er hatte keine Frau und keine Braut und keine Mutter, er hatte keinen Anhang. Er erwartete auch jetzt nicht mehr einen Ruf aus den Zuhörerreihen. Alle diese Männer und Frauen hatten wohl Angehörige, die in Prozesse verwickelt waren. Heute waren noch alle von der Verfolgung eingeschüchtert, die Zukunft ungewiss. Nicht an ihnen, an ihm war es, zu sprechen, der keine Angehörigen hatte und nichts zu verlieren. Er hatten den Augenblick verpasst, in dem der Angeklagte noch einmal das Wort erhält. Er hatte diesem Verteidiger gehorcht, der ihn gewarnt hatte, seine Sache nicht noch mehr zu verpatzen. Jetzt konnte ihn niemand mehr hindern, etwas laut herauszurufen, bevor er in die Zelle zurück musste. Er grübelte in seine Hände hinein, was er rufen wollte. Es sollte scharf und laut sein. Er zog die Hände vom Gesicht. Die Geschworenenbank war leer. Die Geschworenen hatte zur Beratung den Saal verlassen. Er fürchtete sich nicht, wenn er auch seine zwölf absitzen musste. Er war jung, er würde auch dann noch jung sein. Er blickte ruhig gegen die Zuhörer. Sie sollten ihn bald hören. Sie werden ihn nicht vergessen. Er wird auch noch glücklich sein können. Irgendein Mädchen, hell- oder dunkelhaarig, dessen Gesicht er noch gar nicht kennt, wird heranwachsen, ebenso schön wie dieses Mädchen neben Frau Holzer, er wird sie eines Tages treffen, und sie werden Mann und Frau sein.

Sein Verteidiger beugte sich über ihn und flüsterte: "Machen S’ sich keine Sorgen, wir legen Berufung ein." Die Geschworenen kamen zurück, zuerst die braune Frau mit der Brille. Alle standen zur Urteilsverkündung auf: "Martin Holzer - ein Jahr, Weber - zwei Jahre, der alte Holzer - vier Jahre, Willaschek - zwölf Jahre." Wieder blieben alle stehen, als hindere sie eine Erwartung, sich zu setzen oder einfach auseinanderzugehen. Willascheks Herz klopfte, es war ihm nichts anderes eingefallen, er sagte: "Wir werden die Richter von morgen sein." Seine Stimme war rau und schwer verständlich. Nur die vorderste Reihe verstand, was er gesagt hatte, die übrigen fragten auf der Treppe und der Straße und auch am nächsten Tag: "Was hat der Willaschek gesagt?"

Unruhig und beklommen standen die Menschen unter den Kastanien beisammen. Sie umdrängten Frau Holzer und Martins Mädchen. Sie wurden schließlich auseinandergejagt. Manche wurden jetzt plötzlich wild und fluchten.

Willaschek ging zwischen zwei Wachposten den Korridor hinunter. Er ärgerte sich, weil er nicht kaut genug gerufen hatte. Sonst war er ruhig. In diesem Augenblick hatte das Urteil für seine Schultern kein Gewicht. Vielleicht wird noch oft, vielleicht schon heute nacht, ein neuer Anfall von Verzweiflung sein Herz erschüttern. Jetzt aber war er froh. Ruhig und unverwirrbar, wie die Allerstärksten durch das Leben gehen, ging er von der Gerichtssaaltür bis zur Haupttreppe. Jetzt stehen sie unter den Kastanien herum, jetzt umdrängen sie Frau Holzer und Martin Mädchen, sie gedenken seiner, beim Heimweg, beim Abendessen und morgen bei der Arbeit. Er kennt die Seinen, und die Seinen kennen ihn.

 

 

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