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1. Imperialismus, Sozialismus und Befreiung
der unterdrückten Nationen
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Der Imperialismus ist die höchste Stufe der Entwicklung des
Kapitalismus. Das Kapital ist in den fortgeschrittenen Ländern
über den Rahmen des Nationalstaates hinausgewachsen; es hat
Monopole an Stelle der Konkurrenz gestellt und alle objektiven
Voraussetzungen für die Verwirklichung des Sozialismus
geschaffen. Deshalb steht in Westeuropa und in den Vereinigten
Staaten von Amerika der revolutionäre Kampf des Proletariats
um die Niederwerfung der kapitalistischen Regierungen und die
Expropriation der Bourgeoisie auf der Tagesordnung. Der
Imperialismus erzeugt einen solchen Kampf, indem er die
Klassengegensätze ungemein verschärft, die Lage der Massen in
ökonomischer Hinsicht - Trusts, Teuerung - sowie in
politischer Hinsicht verschlimmert, Wachstum des Militarismus,
Kriege, Verstärkung der Reaktion, Befestigung und Erweiterung
des nationalen Druckes und des kolonialen Raubes verursacht.
Der siegreiche Sozialismus muß die volle Demokratie
verwirklichen, folglich nicht nur vollständige
Gleichberechtigung der Nationen realisieren, sondern auch das
Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen durchführen,
das heißt das Recht auf freie politische Abtrennung
anerkennen. Sozialdemokratische Parteien, die durch ihre ganze
Tätigkeit sowohl jetzt als während und nach der Revolution
nicht zu beweisen imstande sein werden, daß sie die
unterjochten Nationen befreien und ihre eigenen Beziehungen zu
denselben auf dem Boden der freien Vereinigung aufbauen werden
- eine solche Vereinigung aber würde zur lügnerischen Phrase
|145| ohne die Freiheit der
Abtrennung - derartige Parteien würden Verrat am Sozialismus
begehen.
Allerdings ist die Demokratie eine
Staatsform, die mit dem Absterben des Staates überhaupt
ebenfalls verschwinden muß. Das aber wird erst dann eintreten,
wenn der siegreiche Sozialismus dem vollständigen Kommunismus
weichen wird.
2. Die
sozialistische Revolution und der Kampf um die Demokratie
Die sozialistische Revolution ist kein
einzelner Akt, keine einzelne Schlacht an einer Front, sondern
eine ganze Epoche schärfster Klassenkonflikte, eine lange
Reihe von Schlachten an allen Fronten, das heißt in allen
Fragen der Ökonomie sowie der Politik, Schlachten, welche nur
mit der Expropriation der Bourgeoisie enden können. Es wäre
ein großer Irrtum zu glauben, daß der Kampf um die Demokratie
imstande wäre, das Proletariat von der sozialistischen
Revolution abzulenken oder auch nur diese Revolution in den
Hintergrund zu schieben, zu verhüllen und dergleichen. Im
Gegenteil, wie der siegreiche Sozialismus, der nicht die
vollständige Demokratie verwirklicht, unmöglich ist, so kann
das Proletariat, das den in jeder Hinsicht konsequenten,
revolutionären Kampf um die Demokratie nicht führt, sich nicht
zum Siege über die Bourgeoisie vorbereiten.
Nicht weniger falsch wäre es, einen der
Punkte des demokratischen Programms, so zum Beispiel das
Selbstbestimmungsrecht der Nationen, fallenzulassen, und zwar
auf Grund seiner angeblichen "Undurchführbarkeit" oder seines
"illusorischen" Charakters wegen in der imperialistischen
Epoche. Die Behauptung, das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen sei im Rahmen des Kapitalismus undurchführbar, kann
entweder im absoluten ökonomischen oder relativen politischen
Sinne aufgefaßt werden
Im ersten Sinne ist diese Behauptung
theoretisch grundfalsch. In diesem Sinne ist im Rahmen des
Kapitalismus etwa das "Arbeitsgeld" oder die Abschaffung der
Krisen und dergleichen mehr undurchführbar. Aber es ist
falsch, daß das Selbstbestimmungsrecht der Nationen genauso
undurchführbar sei. Zweitens würde selbst das einzige
Beispiel der Abtren- |146| nung
Norwegens von Schweden im Jahre 1905 genügen, um die
"Undurchführbarkeit" in diesem Sinne zu widerlegen. Drittens
wäre es lächerlich zu bestreiten, daß bei einer kleinen
Veränderung der gegenseitigen politischen und strategischen
Beziehungen, zum Beispiel Deutschlands und Englands, heute
oder morgen die Konstituierung neuer Staaten - etwa eines
polnischen, indischen und ähnlichen - "durchführbar" sei.
Viertens korrumpierte das Finanzkapital in seinem Suchen nach
Expansion die "freieste" demokratische und republikanische
Regierung und die gewählten Beamten eines beliebigen, wenn
auch "unabhängigen" Landes, und wird sie auch künftig "frei"
korrumpieren.
Die Herrschaft des Finanzkapitals, wie des
Kapitals überhaupt, ist durch keinerlei Umgestaltungen
auf dem Gebiete der politischen Demokratie zu beseitigen. Und
das Selbstbestimmungsrecht der Nationen liegt ganz und
ausschließlich auf diesem Gebiete. Aber diese Herrschaft des
Finanzkapitals hebt nicht im mindesten die Bedeutung der
politischen Demokratie als einer freieren, weiteren und
klareren Form der Klassenunterdrückung und der
Klassenkämpfe auf. Daher führen alle Ausführungen über die "
Undurchführbarkeit" im ökonomischen Sinne einer der
Forderungen der politischen Demokratie unter dem Kapitalismus
zu einer theoretisch falschen Definition der allgemeinen und
grundlegenden Beziehungen des Kapitalismus zur politischen
Demokratie überhaupt.
Im zweiten Falle ist diese Behauptung
unvollständig und ungenau. Denn nicht nur das
Selbstbestimmungsrecht der Nationen, sondern alle
grundlegenden Forderungen der politischen Demokratie sind beim
Imperialismus nur unvollständig, verstümmelt und als eine
seltene Ausnahme (zum Beispiel die Abtrennung Norwegens von
Schweden im Jahre 1905) "durchführbar". Die Forderung der
sofortigen Befreiung der Kolonien, die von allen
revolutionären Sozialdemokraten aufgestellt wird, ist
ebenfalls beim Kapitalismus ohne eine Reihe von Revolutionen
"undurchführbar". Aber daraus folgt keinesfalls der Verzicht
der Sozialdemokratie auf den sofortigen und entschiedenen
Kampf für alle diese Forderungen. Das wäre ja nur in
die Hand der Bourgeoisie und Reaktion gespielt. Ganz im
Gegenteil, man muß alle diese Forderungen nicht reformistisch,
sondern entschieden revolutionär formulieren, sich nicht auf
den Rahmen der bürgerlichen Legalität beschränken, sondern
diesen Rahmen zerbrechen, sich nicht mit dem parlamentarischen
Auftreten und |147| äußerlichen
Protesten begnügen, sondern die Massen mit in den aktiven
Kampf hineinziehen, den Kampf um jede demokratische Forderung
bis zum direkten Ansturm des Proletariats auf die Bourgeoisie
verbreiten und anfachen, das heißt ihn zur sozialistischen
Revolution, die die Bourgeoisie expropriiert, führen. Die
sozialistische Revolution kann nicht nur aus einem großen
Streik oder einer Straßendemonstration oder einem
Hungeraufstand, einer Militärempörung oder einer Meuterei in
den Kolonien, sondern aus einer beliebigen politischen Krise,
wie der Dreyfus-Affäre oder dem Zaberninzident, oder im
Zusammenhang mit dem Referendum in der Frage der Abtrennung
der unterdrückten Nationen und ähnlichem mehr aufflammen.
Die Verstärkung der nationalen Unterjochung
in der Ära des Imperialismus bedingt für die Sozialdemokraten
nicht den Verzicht auf den "utopischen", wie ihn die
Bourgeoisie bezeichnet, Kampf für die Freiheit der Abtrennung
der Nationen, sondern ganz im Gegenteil eine verstärkte
Ausnutzung aller Konflikte, die auch auf diesem Boden
entstehen, als Veranlassung für Massenaktionen und
revolutionäre Kampfe gegen die Bourgeoisie.
3. Bedeutung
des Selbstbestimmungsrechts der Nationen und seine Beziehung
zur Föderation
Das Selbstbestimmungsrecht der Nationen
bedeutet ausschließlich das Recht auf Unabhängigkeit im
politischen Sinne, auf die Freiheit der politischen Abtrennung
von der unterdrückenden Nation. Konkret bedeutet diese
Forderung der politischen Demokratie die volle Freiheit der
Agitation für die Abtrennung und die Lösung der Frage über die
Abtrennung durch das Referendum der betreffenden, d.h. der
unterdrückten Nation, so daß diese Forderung nicht der
Forderung der Abtrennung, der Zerstückelung, der Bildung
kleiner Staaten gleich ist. Sie ist nur ein folgerichtiger
Ausdruck für den Kampf gegen jegliche nationale Unterjochung.
Je mehr die demokratische Organisation des Staates bis zur
vollständigen Freiheit der Abtrennung ausgestaltet ist, desto
seltener und schwächer wird in der Praxis das Bestreben nach
Abtrennung sein, denn die Vorteile der großen Staaten sind
sowohl vom Standpunkt des ökono- |148|
mischen Fortschritts als auch von demjenigen der Interessen
der Massen zweifellos, wobei diese Vorteile mit dem
Kapitalismus steigen. Die Anerkennung des
Selbstbestimmungsrechts ist nicht gleichbedeutend mit der
Anerkennung des Prinzips der Föderation. Man kann ein
entschiedener Gegner dieses Prinzips, ein Anhänger des
demokratischen Zentralismus sein, aber der nationalen
Nichtgleichberechtigung die Föderation als den einzigen Weg
zum vollständigen demokratischen Zentralismus vorziehen.
Eben von diesem Standpunkt aus zog der
Zentralist Marx sogar die Föderation zwischen Irland und
England der Gewaltunterjochung Irlands durch England vor.
Das Ziel des Sozialismus ist nicht nur
Aufhebung der Kleinstaaterei und jeder Absonderung von
Nationen, nicht nur Annäherung der Nationen, sondern auch ihre
Verschmelzung. Und eben, um dieses Ziel zu erreichen, müssen
wir einerseits die Massen über den reaktionären Charakter der
Idee von Renner und Bauer (sogenannte "national-kulturelle
Autonomie") aufklären, anderseits aber die Befreiung der
unterdrückten Nationen nicht in allgemeinen weitschweifigen
Phrasen, nicht in nichtssagenden Deklamationen, nicht in der
Form der Vertröstung auf den Sozialismus, sondern in einem
klar und präzis formulierten politischen Programm fordern, und
zwar in spezieller Bezugnahme auf die Feigheit und Heuchelei
der "Sozialisten" der unterdrückenden Nationen. Wie die
Menschheit zur Abschaffung der Klassen nur durch die
Übergangsperiode der Diktatur der unterdrückten Klasse kommen
kann, so kann sie zur unvermeidlichen Verschmelzung der
Nationen nur durch die Übergangsperiode der völligen
Befreiung. das heißt Abtrennungsfreiheit aller unterdrückten
Nationen kommen.
4. Die
proletarische, revolutionäre Fragestellung des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen
Nicht nur die Forderung des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen, sondern alle
Punkte unseres demokratischen Minimalprogramms wurden noch im
17. und 18. Jahrhundert von dem Kleinbürgertum aufgestellt.
Und das Kleinbürgertum stellt sie alle jetzt noch
utopisch auf. Es beachtet |149| den
Klassenkampf und seine Verstärkung unter dem Regime der
Demokratie nicht, es glaubt an den "friedlichen Kapitalismus".
Genauso ist die das Volk irreführende Utopie der friedlichen
Vereinigung der gleichberechtigten Nationen beim Imperialismus
die von den Kautskyanern verteidigt wird
Als Gegengewicht zu dieser
spießbürgerlichen opportunistischen Utopie muß das Programm
der Sozialdemokratie als das Grundlegende, Wesentliche und
Unvermeidliche beim Imperialismus die Einteilung der Nationen
in unterdrückte und unterdrückende hervorheben.
Das Proletariat der unterdrückenden
Nationen kann sich mit den allgemeinen, schablonenhaften, von
jedem Pazifisten wiederholten Phrasen gegen Annexionen und für
die Gleichberechtigung der Nationen überhaupt nicht begnügen.
Das Proletariat kann nicht an der für die imperialistische
Bourgeoisie besonders unangenehmen Frage der Grenzen
des Staates, die auf nationaler Unterjochung beruhen,
stillschweigend vorbeigehen. Es kann sich des Kampfes gegen
die gewaltsame Zurückhaltung der unterjochten Nationen in den
Grenzen des vorhandenen Staates nicht enthalten, und eben dies
heißt für das Selbstbestimmungsrecht der Nationen kämpfen. Das
Proletariat muß die Freiheit der politischen Abtrennung der
von "seiner" Nation unterdrückten Kolonien und Nationen
fordern. Andernfalls wird der Internationalismus des
Proletariats zu leeren Worten; weder Vertrauen noch
Klassensolidarität unter den Arbeitern der unterdrückten und
der unterdrückenden Nation sind möglich; die Heuchelei der
reformistischen und Kautskyschen Vertreter des
Selbstbestimmungsrechts, die sich über die von "ihren eigenen
Nationen" unterdrückten und in "ihrem eigenen" Staate
gewaltsam zurückgehaltenen Nationen ausschweigen, bleibt dabei
immer noch unentlarvt.
Anderseits müssen die Sozialisten der
unterdrückten Nationen auf die vollständige und
bedingungslose, auch organisatorische Einheit der Arbeiter der
unterdrückten Nation mit denen der unterdrückenden Nation
besonders bestehen und sie ins Leben rufen. Ohne dies ist es
unmöglich, auf der selbständigen Politik des Proletariats
sowie auf seiner Klassensolidarität mit dem Proletariat der
anderen Länder bei all den verschiedenen Streichen,
Verrätereien und Gaunereien der Bourgeoisie zu bestehen. Denn
die Bourgeoisie der unterdrückten Nationen mißbraucht
beständig die Losungen der nationalen Befreiung um die
Arbeitet zu betrügen: in |150| der
inneren Politik benutzt sie diese Losungen zur reaktionären
Verständigung mit der Bourgeoisie der herrschenden Nation (zum
Beispiel die Polen in Osterreich und Rußland, die eine
Abmachung mit der Reaktion treffen zur Unterdrückung der Juden
und Ukrainer); in der äußeren Politik bemüht sie sich, sich
mit einer der wetteifernden imperialistischen Regierungen zu
verständigen, um ihre räuberischen Ziele zu verwirklichen (die
Politik der kleinen Balkanstaaten u.a.m.).
Die Tatsache, daß der Kampf gegen eine
imperialistische Regierung für die nationale Freiheit unter
bestimmten Bedingungen von einer andern "Großmacht" für ihre
ebenfalls imperialistischen Ziele ausgenutzt werden kann, kann
die Sozialdemokratie ebensowenig bewegen, auf die Anerkennung
des Selbstbestimmungsrechts der Nationen zu verzichten, wie
die mehrfachen Fälle der Ausnutzung der republikanischen
Losungen durch die Bourgeoisie in ihrer politischen Betrügerei
und Finanzräuberei zum Beispiel in romanischen Ländern die
Sozialdemokratie auf ihren Republikanismus zu verzichten
bewegen können.(1)
5. Marxismus
und Proudhonismus in der Nationalfrage
Im Gegensatz zu den kleinbürgerlichen
Demokraten sah Marx in allen demokratischen Forderungen
ausnahmslos nicht etwas Absolutes, sondern
|151| einen historischen Ausdruck des von der
Bourgeoisie geleiteten Kampfes der Volksmassen gegen den
Feudalismus. Es gibt keine der demokratischen Forderungen, die
nicht unter bestimmten Umständen als Werkzeug des Betruges
gegen die Arbeiter von seiten der Bourgeoisie dienen konnte
oder gedient hätte. Daher wäre es theoretisch grundsätzlich
falsch, eine der politischen Forderungen der Demokratie,
nämlich das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, in dieser
Hinsicht auszusondern und den übrigen Forderungen
entgegenzustellen. In der Praxis kann das Proletariat nur dann
seine Selbständigkeit bewahren, wenn es den Kampf für alle
demokratischen Forderungen, die Republik nicht ausgenommen,
dem revolutionären Kampf für die Niederwerfung der Bourgeoisie
unterordnet. Anderseits, im Gegensatz zu den Proudhonisten,
die das nationale Problem "im Namen der sozialen Revolution"
verneinten, hob Marx in erster Linie, indem er hauptsächlich
die Interessen des Klassenkampfes des Proletariats in den
fortgeschrittenen Ländern im Auge hatte, das grundlegende
Prinzip des Internationalismus und des Sozialismus hervor: Nie
kann ein Volk. das andre Völker unterdrückt, frei sein.
Eben vom Standpunkt des Interesses der
revolutionären Bewegung der deutschen Arbeiter forderte Marx
im Jahre 1848, daß die siegreiche Demokratie Deutschlands die
Freiheit der von den Deutschen unterjochten Völker verkünden
und verwirklichen solle. Eben vom Standpunkt des
revolutionären Kampfes der englischen Arbeiter forderte Marx
im Jahre 1869 die Abtrennung Irlands von England, wobei er
hinzufügte: "obgleich nach der Trennung Föderation
kommen mag". Nur durch die Aufstellung einer solchen Forderung
erzog Marx die Arbeiter Englands im wirklich internationalen
Geiste. Nur auf diese Weise konnte er den Opportunisten und
dem bürgerlichen Reformismus, der bis heute, nach Ablauf eines
halben Jahrhunderts, diese irländische "Reform" nicht
verwirklicht hat, eine revolutionäre Lösung der gegebenen
historischen Aufgabe entgegenstellen. Nur so war Marx
imstande, im Gegensatz zu den Verteidigern des Kapitals,
welche die Freiheit der Abtrennung der kleinen Nationen als
eine Utopie und als undurchführbar erklärten und nicht nur die
ökonomische, sondern auch die politische Konzentration als
fortschrittlich bezeichneten, die Fortschrittlichkeit dieser
Konzentration nicht imperialistisch zu vertreten. Nur
so war er imstande, die |152|
Annäherung der Nationen nicht auf dem Wege der Vergewaltigung,
sondern der freien Vereinigung der Proletarier aller Länder zu
verteidigen. Nur so war es Marx möglich, der äußerlichen, oft
heuchlerischen Anerkennung der Gleichberechtigung und des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen den revolutionären Kampf
der Massen auch auf dem Gebiete der nationalen Frage
entgegenzustellen.
Der imperialistische Krieg der Jahre
1914-1916 und der durch ihn aufgedeckte Augiasstall von
Heuchelei der Opportunisten und Kautskyaner haben aufs
anschaulichste die Richtigkeit dieser Politik von Marx
bewiesen. Diese Politik soll als Muster für alle
fortgeschrittenen Länder gelten, denn jedes von ihnen
unterdrückt jetzt fremde Nationen.(2)
6. Drei Typen
von Ländern in Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen
Es sind drei Haupttypen von Ländern in
dieser Hinsicht zu unterscheiden:
I. Die fortgeschrittenen kapitalistischen
Länder Westeuropas und die Vereinigten Staaten von Amerika.
Die bürgerlich-fortschrittliche nationale Bewegung ist hier
längst beendet. Jede dieser "großen" Mächte unterdrückt fremde
Nationen in den Kolonien sowie im eigenen Lande. Die Aufgaben
des Proletariats der herrschenden Nationen sind hier eben
|153| dieselben, wie sie im 19
Jahrhundert in England in bezug auf Irland waren.(3)
II. Osteuropa: Österreich, der Balkan und
insbesondere Rußland. Hier hat das 20. Jahrhundert besonders
die bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen entwickelt
und den nationalen Kampf verschärft. Das Proletariat dieser
Länder kann die Aufgaben der konsequenten Durchführung der
bürgerlich-demokratischen Revolution nicht erfüllen und den
sozialistischen Revolutionen der anderen Länder nicht
beistehen, ohne das Selbstbestimmungsrecht der Nationen zu
verteidigen. Besonders schwierig und wichtig ist hier die
Aufgabe der Verschmelzung des Klassenkampfes der Arbeiter der
unterdrückten und der der unterdrückenden Nationen.
III. Die Halbkolonien, wie China, Persien,
die Türkei. und alle Kolonien mit einer Bevölkerung von zirka
1.000 Millionen Menschen. Die bürgerlich-demokratischen
Bewegungen sind hier teilweise kaum im Anfangsstadium,
teilweise noch lange nicht beendet. Die Sozialisten haben
nicht nur die bedingungslose und sofortige Befreiung der
Kolonien zu fordern - diese Forderung bedeutet aber politisch
nichts anderes als die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts
der Nationen - sondern sie |154|
müssen auch revolutionäre Elemente in den
bürgerlich-demokratischen nationalen Befreiungsbewegungen in
diesen Ländern entschieden unterstützen und ihrer Auflehnung,
ihren Aufständen, respektive ihrem revolutionären Kriege gegen
die sie unterjochenden imperialistischen Staaten beistehen.
7. Der
Sozialchauvinismus und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen
Die imperialistische Epoche und der Krieg
1914-1916 haben die Aufgabe des Kampfes gegen den Chauvinismus
und Nationalismus in den fortgeschrittenen Ländern besonders
hervorgehoben. In bezug auf die Frage des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen gibt es zwei
Hauptschattierungen unter den Sozialchauvinisten, das heißt
den Opportunisten und Kautskyanern, die den imperialistischen,
reaktionären Krieg durch den Begriff der
"Vaterlandsverteidigung" zu beschönigen suchen.
Einerseits sehen wir die direkten Diener
der Bourgeoisie, welche die Annexionen verteidigen, weil der
Imperialismus und die politische Konzentration fortschrittlich
seien, und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen ablehnen,
weil es utopisch, illusorisch, spießbürgerlich usw. sei. Dazu
gehören: Cunow, Lensch, Parvus und die äußersten Opportunisten
in Deutschland, ein Teil der Fabier und Führer der
Trade-Unions in England, in Rußland die Opportunisten
Semkowski, Libman, Jurkewitsch u.a.m., die gegen das
Selbstbestimmungsrecht auftreten und so die alten Annexionen
des Zarismus (Finnland etc.) verteidigen.
Anderseits sehen wir die Kautskyaner, zu
denen auch Vandervelde, Renaudel und mehrere Pazifisten
Englands und Frankreichs gehören. Sie treten ein für die
Einheit mit den ersteren und unterscheiden sich von diesen in
der Praxis nicht, da sie das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen nur äußerlich und heuchlerisch verteidigen. Sie
finden, "es sei zuviel verlangt" (Kautsky, "Die Neue Zeit"',
16. IV. 15), wenn man die Forderung der Freiheit der
politischen Abtrennung aufstellt; sie bestehen nicht auf der
Notwendigkeit der revolutionären Taktik der Sozialisten gerade
der unterdrückenden Nationen, ganz im Gegenteil, sie
vertuschen deren revolutionäre Pflichten, rechtfertigen ihren
Opportunismus, erleichtern ihren Betrug an den Völkern,
vermeiden gerade die Frage der Grenzen |155|
des Staates, der die nichtgleichberechtigten Nationen
gewaltsam unter seiner Herrschaft zurückhält, usw.
Die einen wie die andern sind die gleichen
Opportunisten, die den Marxismus prostituieren, indem sie jede
Fähigkeit, die theoretische Bedeutung und praktische
Unentbehrlichkeit der Taktik von Marx, die durch das Beispiel
Irlands erläutert wurde, zu begreifen, verloren haben.
Was die Annexionen anbetrifft, so ist diese
Frage im Zusammenhang mit dem Krieg besonders aktuell
geworden. Aber was bedeutet eigentlich Annexion? Es ist
leicht, sich davon zu überzeugen, daß jeder Protest gegen
Annexionen nichts anderes als entweder die Anerkennung des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen bedeutet oder eine leere
pazifistische Phrase ist, die den Status quo verteidigt und
jede Gewalt, sei sie auch revolutionärer Natur,
verabscheut. Ähnliche Phrasen sind grundsätzlich falsch und
mit dem Marxismus unvereinbar.
8. Die
konkreten Aufgaben des Proletariats in der nächsten Zukunft
Die sozialistische Revolution kann in der
nächsten Zukunft beginnen. In diesem Falle wäre die sofortige
Aufgabe des Proletariats die Erkämpfung der politischen Macht,
die Expropriation der Banken und die Verwirklichung anderer
diktatorischer Maßregeln. Die Bourgeoisie - und besonders die
Intelligenz vom Typus der Fabier und Kautskyaner - wird sich
bemühen, die Revolution in solch einem Augenblick zu
zerstückeln und zu bremsen, indem sie ihr beschränkte
demokratische Ziele vorschreiben wird. Wenn alle rein
demokratischen Forderungen imstande sind, beim schon
beginnenden Ansturm der Proletarier gegen die Grundlagen der
Macht der Bourgeoisie der Revolution im gewissen Sinne im Wege
zu stehen, so wird die Notwendigkeit, die Freiheit aller
unterjochten Völker (das heißt das Selbstbestimmungsrecht) zu
verkünden und zu verwirklichen, ebenso aktuell während der
sozialistischen Revolution, wie sie es für den Sieg der
bürgerlich-demokratischen Revolution war, zum Beispiel in
Deutschland im Jahre 1848 oder in Rußland im Jahre 1905.
|156|
Möglicherweise werden aber bis zum Beginn der sozialistischen
Revolution noch 5, 10 oder noch mehr Jahre verfließen. Es wird
auf der Tagesordnung eine solche revolutionäre Erziehung der
Massen stehen, die die Zugehörigkeit der Sozialchauvinisten
und Opportunisten zur Arbeiterpartei, ebenso wie deren Sieg,
ähnlich wie in den Jahren 1914-1916, unmöglich machen wird.
Die Sozialisten werden den Massen zu
erklären haben, daß die Sozialisten Englands, welche die
Freiheit der Abtrennung der Kolonien sowie Irlands nicht
fordern, die Sozialisten Deutschlands, welche ebenfalls die
Freiheit der Abtrennung der Kolonien sowie Elsaß-Lothringens,
der Polen und der Dänen nicht fordern, die unmittelbare
revolutionäre Propaganda und revolutionäre Massenaktion gegen
die nationale Unterdrückung nicht verbreiten und solche
Vorkommnisse wie den Zaberninzident nicht zur breitesten
illegalen Propaganda unter dem Proletariat der unterdrückenden
Nation, zu Straßendemonstrationen und revolutionären
Massenaktionen ausnutzen, die Sozialisten Rußlands, welche die
Freiheit der Abtrennung Finnlands, Polens, der Ukraine u.a.
nicht verlangen, usw. daß solche Sozialisten als Chauvinisten,
als Lakaien der von Blut und Schmutz triefenden
imperialistischen Monarchien und imperialistischen Bourgeoisie
handeln.
9. Die
Stellungnahme der russischen und polnischen Sozialdemokratie
und der Zweiten Internationale zum Selbstbestimmungsrecht der
Nationen
Die Meinungsverschiedenheiten unter den
revolutionären Sozialdemokraten Rußlands und Polens in der
Frage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen traten schon im
Jahre 1903 auf dem Parteitag hervor, auf dem das Programm der
SDAP Rußlands angenommen wurde und gegen die Proteste der
Delegierten der polnischen Sozialdemokratie auch der Paragraph
9 des Programms angenommen wurde, der das
Selbstbestimmungsrecht der Nationen formuliert. Seither wurde
von den Vertretern der polnischen Sozialdemokratie nie die
Forderung wiederholt, den Paragraphen 9 aus dem Programm zu
entfernen oder ihn irgendwie anders zu |157|
formulieren. In Rußland, wo zu den unterjochten Nationen nicht
weniger als 57 Prozent der Gesamtbevölkerung (mehr als 100
Millionen) gehören, wo diese Nationen hauptsächlich die
Grenzgebiete des Staates bewohnen, wo ein Teil dieser Nationen
sich oft auf einer höheren Stufe der Kultur befindet als die
Großrussen, wo die politischen Verhältnisse besonders
barbarisch sind und nicht selten an das Mittelalter erinnern,
wo die bürgerlich-demokratische Revolution noch nicht
vollendet ist - in Rußland ist die Anerkennung des Rechts der
vom Zarismus unterjochten Nationen auf die Freiheit der
Abtrennung von Rußland für die Sozialdemokratie, ihrer
demokratischen und sozialistischen Aufgaben wegen, eine
bedingungslose Pflicht. Unsere Partei, die im Januar 1912
wiederaufgebaut worden ist, hat im Jahre 1913 eine Resolution
angenommen, die das Selbstbestimmungsrecht der Nationen
wiederholt und es gerade im obenerwähnten Sinne erläutert.
Die Entfaltung des großrussischen
Chauvinismus unter der Bourgeoisie sowie unter den
opportunistischen Sozialisten (Rubanowitsch, Plechanow,
"Nasche Delo" u.a.m.) in den Jahren 1914-1916 veranlaßt uns,
um so mehr auf dieser Forderung zu bestehen und gleichzeitig
zu erklären, daß diejenigen, die diese Forderung ablehnen,
praktisch den Chauvinismus der Großrussen sowie den Zarismus
unterstützen. Unsere Partei erklärt, daß sie für ein solches
Auftreten gegen das Selbstbestimmungsrecht jedwede
Verantwortung aufs entschiedenste ablehnt.
In der neuesten Formulierung der Position
der polnischen Sozialdemokratie in der Nationalfrage
(Erklärung auf der Zimmerwalder Konferenz) sind folgende
Gedanken enthalten:
Diese Erklärung geißelt die deutsche usw.
Regierung, weil sie die "polnischen Länder" wie ein Pfand im
künftigen Spiel der Kompensationen behandeln, "ohne dem
polnischen Volk die Entscheidung über seine Geschicke
einzuräumen". "Die polnische Sozialdemokratie legt den
entschiedensten und feierlichsten Protest ein gegen dieses
Zerschneiden und Zerfleischen eines ganzen Landes." Sie
geißelt die Sozialisten, welche den Hohenzollern .. . "die
Erlösung der unterdrückten Völker übertrugen". Sie spricht die
Überzeugung aus, daß nur die Teilnahme an diesem
bevorstehenden Kampf des revolutionären internationalen
Proletariats um den Sozialismus "die Fesseln der nationalen
Unterdrückung sprengen und jede Fremdherrschaft aufheben wird,
dem polnischen Volke |158| die Möglichkeit einer
freien, allseitigen Entwicklung als einem
gleichberechtigten Glied in der Internationale der Völker
sichern wird". Sie erkennt den Krieg "für die Polen"
als "doppelt brudermörderischen" (Bulletin der ISK Nr.
2, 27. IX. 1915, Bern, S. 15).
Von der Anerkennung des
Selbstbestimmungsrechts unterscheiden sich diese von uns
unterstrichenen Sätze im Grunde genommen nicht. Sie leiden nur
an einer größeren Weitschweifigkeit und Unbestimmtheit der
politischen Formulierungen als die Mehrzahl der Programme und
Resolutionen der zweiten Internationale.
Jeder Versuch, diese Gedanken politisch
klar zu formulieren und ihre Anwendung auf die kapitalistische
oder auch nur sozialistische Ordnung zu bestimmen, wird die
Irrigkeit der Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts der
Nationen von Seiten der polnischen Sozialdemokratie noch
anschaulicher beweisen,
Der Beschluß des Londoner internationalen
sozialistischen Kongresses im Jahre 1896, der das
Selbstbestimmungsrecht der Nationen anerkennt, muß auf Grund
der oben aufgestellten Thesen ergänzt werden, mit dem Hinweis
1. auf die besondere Unentbehrlichkeit dieser Forderung unter
der Herrschaft des Imperialismus 2. auf die historische
Bedingtheit und den Klassencharakter aller Forderungen der
politischen Demokratie, der vorliegenden nicht ausgenommen 3.
auf die Notwendigkeit, die konkreten Aufgaben der
Sozialdemokratie der unterdrückenden Nationen von denen der
Sozialdemokratie der unterdrückten zu unterscheiden 4. auf die
inkonsequente, rein äußerliche und infolgedessen in ihrer
politischen Bedeutung heuchlerische Anerkennung des
Selbstbestimmungsrechts der Nationen von seiten der
Opportunisten und Kautskyaner: 5. auf die tatsächliche
Ähnlichkeit zwischen den Chauvinisten und denjenigen
Sozialdemokraten, besonders der Nationen der "Großmächte"
(Großrussen, Anglo-Amerikaner, Deutsche, Franzosen, Italiener,
Japaner u. a.), die nicht auf der Freiheit der Abtrennung der
Kolonien und Nationen bestehen, welche von "ihren" Nationen
unterdrückt werden; 6. auf die Notwendigkeit, den Kampf für
diese sowie für alle grundlegenden Forderungen der politischen
Demokratie dem unmittelbaren revolutionären Massenkampf für
die Beseitigung der kapitalistischen Ordnung und für die
Verwirklichung des Sozialismus unterzuordnen.
Der Kampf der Sozialdemokratie der kleinen
Nationen insbesondere |159| der
polnischen Sozialdemokratie, gegen die das Volk betrügenden
nationalistischen Losungen ihrer Bourgeoisie führte sie zur
Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen.
Die Übertragung dieses Standpunktes auf die
gesamte Internationale wäre theoretisch falsch; es hieße den
Proudhonismus an Stelle des Marxismus setzen und wäre eine
unbewußte Unterstützung des gefährlichsten Chauvinismus und
Opportunismus der großstaatlichen Nationen.
Die Redaktion des "Sozial-Demokrat",
Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands
Postskriptum. In der soeben erschienenen
"Neuen Zeit" vom 3. März 1916 reicht Kautsky dem Vertreter des
schmutzigsten deutschen Chauvinismus, Austerlitz, offen die
christliche Versöhnungshand, indem er für das habsburgische
Österreich die Freiheit der Abtrennung der unterdrückten
Nationen ablehnt, für Russisch-Polen aber, um
Hindenburg und Wilhelm II einen Lakaiendienst zu erweisen,
anerkennt. Eine bessere Selbstentlarvung des Kautskymus könnte
man sich schwerlich wünschen!
Fußnoten von Lenin
(1)
Selbstverständlich ist es ganz lächerlich, das
Selbstbestimmungsrecht darum abzulehnen, weil daraus angeblich
die Anerkennung der "Vaterlandsverteidigung" hervorgehen muß.
Mit demselben Recht - das heißt mit demselben Unrecht -
berufen sich die Sozialchauvinisten in den Jahren 1914-1916,
um die "Vaterlandsverteidigung" zu rechtfertigen, auf jede
beliebige Forderung der Demokratie (zum Beispiel die der
Republik) oder auf jede beliebige Formulierung des Kampfes
gegen die nationale Unterdrückung. Der Marxismus lehnt die
Vaterlandsverteidigung im imperialistischen Krieg 1914 bis
1916 auf Grund einer konkret-historischen Analyse der
Bedeutung dieses Krieges ab, und nicht ausgehend von einem
"allgemeinen Prinzip" oder einem einzelnen Programmpunkt.
Ebenso hat der Marxismus, auf Grund einer solchen Analyse, in
Europa die Landesverteidigung zum Beispiel in solchen Kriegen
wie denen der Großen Französischen Revolution oder der
Garibaldianer anerkannt. <=
(2) Oft
wird behauptet - zum Beispiel letzthin von dem deutschen
Chauvinisten Lensch in Nr. 8 und 9 der "Glocke" -, daß das
negative Verhalten von Marx zur Nationalbewegung einiger
Völker, wie zum Beispiel zur Bewegung der Tschechen im Jahre
1848 die Unnötigkeit des Anerkennens des
Selbstbestimmungsrechts vom Standpunkt des Marxismus beweise.
Das ist aber falsch. Denn im Jahre 1848 waren ebenso
historische wie politische Gründe vorhanden, um zwischen
"reaktionäre und revolutionären demokratischen" Nationen zu
unterscheiden. Marx hatte recht, als er die ersten verurteilte
und für die zweiten Partei ergriff. Das Selbstbestimmungsrecht
ist eine der Forderungen der Demokratie, die natürlich dem
Kriterium der Gesamtinteressen der Demokratie unterliegt. In
den Jahren 1848 und den folgenden forderten diese
Gesamtinteressen in erster Linie den Kampf gegen den Zarismus.
<=
(3) In
einigen Kleinstaaten, die am Kriege 1914-1916 nicht beteiligt
sind, wie zum Beispiel Holland und die Schweiz, nutzt die
Bourgeoisie energisch die Losung des Selbstbestimmungsrechts
der Nationen aus, um die Teilnahme an dem jetzigen
imperialistischen Kriege zu rechtfertigen. Das ist einer der
Beweggründe, die der Sozialdemokratie solcher Länder zur
Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen Anstoß
gaben. Die richtige proletarische Politik, nämlich die
Ablehnung der "Vaterlandsverteidigung" im imperialistischen
Kriege, rechtfertigen sie mit Hilfe unrichtiger Argumente. Man
erhält in der Theorie eine Verstümmelung des Marxismus und in
der Praxis eine Art kleinstaatlicher Beschränktheit,
die Ignorierung von Hunderten von Millionen einer
Bevölkerung, die von großstaatlichen Nationen unterjocht sind.
Genosse Gorter hat unrecht, wenn er in seiner prächtigen
Broschüre "Der Imperialismus, der Weltkrieg und die
Sozialdemokratie" das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts
ablehnt. Aber praktisch wendet er ganz richtig eben
dieses Prinzip an, wenn er die sofortige "politische und
nationale Unabhängigkeit" Niederländisch-Indiens fordert und
die holländischen Opportunisten dafür geißelt, daß sie auf die
Aufstellung dieser Forderung und auf den Kampf für dieselbe
verzichten. <= |