Der Marxismus hatte im
ehemaligen Jugoslawien einen besonderen Stellenwert. Natürlich
entspringt auch das Konzept der Arbeiterselbstverwaltung Marxistischer
Überlegungen. Ich möchte versuchen, mich im folgenden Kapitel meiner
Arbeit ein wenig der Dialektik der Arbeiterselbstverwaltung widmen.
Bereits Lenin widmete
sich 1917 in „Staat und Revolution“
ausführlich den Fragen Staates. Nach Marxistischer Sicht ist der
Staat ein Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassen.
In Jugoslawien waren nun die marxistischen Denker mit der Situation
konfrontiert, dass es einen Widerspruch zwischen Selbstverwaltung und
Staat gibt. Dies ist aus dialektischer Sicht ja notwendig, denn ja
nur durch Widersprüche und deren Überwindung kann es eine
Weiterentwicklung geben.
Widerspruch zwischen
(starkem)
Staat und Selbstverwaltung
Worin besteht nun aber
dieser Widerspruch zwischen Staat und Selbstverwaltung? Jugoslawiens
Gesellschaft war durch die Anstrengungen charakterisiert, ein
zeitweiliges Gleichgewicht zwischen zwei unvereinbaren Elementen
herzustellen: zwischen dem Staat, der dem Kapitalismus entsprang und
sozusagen „geerbt“ wurde, und der Selbstverwaltung, der politischen
Form der neuen sozialistischen Gesellschaft.
Tatsächlich war der
Staat in Jugoslawien immer sehr stark und vereinte in seinen Händen
auch alle wesentlichen ökonomischen Funktionen. Das habe ich auch
Anfangs der Arbeit in den Charakteristika der Arbeiterselbstverwaltung
festgestellt. Als Beispiele für die Hoheit des Staates seien hier nur
Steuer – und Kreditsystem, Planung, und der Einsatz von
wirtschaftspolitischen Regulativen angeführt. Darüber hinaus verfügte
auch der jugoslawische Staat über den Löwenanteil an
vergegenständlichten Arbeit. Ein solch mächtiger Staat ruft natürlich
bürokratische Tendenzen hervor. So war es auch in Jugoslawien und
diese Tendenzen sollten der weiteren Entwicklung der
gesellschaftlichen Selbstverwaltung entgegenwirken. Marxistische
Theoretiker in Jugoslawien waren sich dieser Tatsache durchaus
bewusst. Aber gerade in diesem Widerspruch sahen sie die Chance, der
schrittweisen Überwindung des Staates, auch so wie es von Lenin in
„Staat und Revolution“ gefordert wird. Lenin schreibt in diesem Werk,
dass „die Arbeiterklasse die „fertige Staatsmaschine“ zerschlagen,
zerbrechen muss, und sich nicht einfach auf ihre Besitzergreifung
beschränken darf.“
Darüber hinaus schreibt Lenin, dass sich das Proletariat, oder besser
die Übergangsform, nämlich die vielzitierte „Diktatur des Proletariats“,
maximal verstärken muss, aber nicht durch bürokratisches Aufblähen des
Staatsapparates, sondern vielmehr durch die Hebung der Bewusstheit der
Massen, durch die immer größere Teilnahme der breiten werktätigen
Massen an der Staatsmacht auf immer mehr Gebieten.
So kann es laut Lenin zu einem Absterben des bürgerlichen Staates
kommen, denn die Organe des bürgerlichen Staates werden durch neue
Organe des sozialistischen Staates ersetzt.
In Jugoslawien
interpretierte zum Beispiel Mihailo
Markovic die Selbstverwaltung als genau diesen von Lenin prophezeiten
Prozess: „Die Staatsorgane beginnen schon jetzt, kontinuierlich in
Organe der Selbstverwaltung überzugehen.“
Markovic weiter: „Der Widerspruch zwischen Staat und Selbstverwaltung
wird demnach bei uns durch die schrittweise Überwindung des Staates
durch die Organe der Selbstverwaltung gelöst werden.“
Selbstverwaltung
und (zentralistische) Lenkung
Einen weiteren
Widerspruch kann man zwischen Selbstverwaltung und zentralistischer
Lenkung erkennen. Wenn man Selbstverwaltung nur auf das Niveau der
lokalen Organe beschränkt und man Lenkung als strikt bürokratisches,
zentralistisches Planen versteht, so befinden sich diese beiden
Prinzipien der sozialistischen Gesellschaft in unüberbrückbaren
Widerspruch. Disziplin und Autorität, die das Planen brauch scheinen
Freiheit und Initiativen des Einzelnen, aber auch des Kollektivs,
auszuschließen. Markovic sieht aber auch hier, eine dialektische
Entwicklung: „Dennoch wird dieser Widerspruch allmählich eliminiert,
und zwar in dem Maße, wie sich die Selbstverwaltung auch auf die
zentralen Organe der Gesellschaft ausweitet und das zentrale
Planungssystem entbürokratisiert und mit dezentralisierten Planen in
Übereinstimmung bringt.“ Sowohl die „die wissenschaftliche Kenntnis
der realen Situation der Gesellschaft“
als auch die marxistisch – gesetzmäßigen Tendenzen der
gesellschaftlichen Weiterentwicklung, aber auch die Ziele und Werte
jedes einzelnen Kollektivs tragen das ihre dazu bei, diese angestrebte
Übereinstimmung zu erreichen. Dazu müssen aber auch die
Rahmenbedingungen abseits der ökonomischen Lage geschaffen werden. Um
ein affirmatives Verhältnis der „Volksmassen“ zu den sozialistischen
Gesellschaftsmodell zu erreichen bedarf es eines hohen Niveau der
Gesellschaftswissenschaften und ihre Anwendung in den Planungsprozess,
ein hohes Bildungsniveau der Bevölkerung und ein hohes sozialistisches
Bewusstsein der Kollektive und der einzelnen Produzenten. In
Jugoslawien sahen Ende der 60er Jahre viele diese Möglichkeiten. So
auch Mihailo Markovic In der Zukunft sollte sich das jedoch nicht
bewahrheiten.
Selbstverwaltung und
Waren-Geld-Beziehungen
In Jugoslawien, das ja
für sich beanspruchte einen eigenen Weg zum Endziel der klassenlosen
Gesellschaft zu gehen, war man auch mit dem Problem beschäftigt, deren
Lösung auch in den (anderen) Realsozialistischen Ländern nicht
gefunden wurde: Die Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen.
Wie bereits Karl Marx
analysierte, liegt der Waren-Geld-Beziehung das Prinzip der
ökonomischen Notwendigkeit zugrunde, das Prinzip des möglichst hohen
Gewinn. „Das ist wirklich ein objektiver Widerspruch.
[Denn]
Selbstverwaltung ist das Prinzip der Freiheit des Menschen, das
Prinzip der Initiative des Subjekts, das zur Verwirklichung gewisser
humaner Werte führt,“
meint Markovic. Aus marxistischer Sicht ist eines der größten Probleme
der Selbstverwaltung auf dem Wege zur Überwindung der
Waren-Geld-Beziehungen, die Gefahr, dass eine dauerhafte Beibehaltung
der Geldwirtschaft eine Degradierung des philosophischen Konzepts der
Selbstverwaltung zu einer rein wirtschaftlichen Genossenschaft, wie
sie ja auch im Kapitalismus üblich ist. Für Markovic kann es die
Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen nur dann geben, wenn das Motiv
zu verdienen und das Motiv des Besitzes als Motor menschlicher
Tätigkeit überwunden wird. Möglich wird dies, „in dem die Gesellschaft
sich von materieller Armut und Bedürftigkeit befreit, sofern sie bei
ihren Mitgliedern Bedürfnisse höherer Ordnung entwickelt, als da sind:
das Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit, nach politischen
Engagement, nach Kultur und Kunst, nach Erkenntnis, nach engen humanen
Beziehungen mit anderen Menschen.“
Gründe des Scheiterns
In folgenden möchte ich
– eher losgelöst vom konkreten Fall Jugoslawien – mögliche Gründe für
ein Scheitern des Zieles über die Selbstverwaltung zur Klasselosen
Gesellschaft zu gelangen aus theoriepolitischer Sicht anführen. Dies
soll keine Analyse der Verhältnisse in Jugoslawien während der
Arbeiterselbstverwaltung sein, denn dazu müssten ökonomische Daten und
realpolitische Ereignisse, etwa der Nationalitätenkonflikt
miteinbezogen werden.
Eines der größten
theoretischen Probleme der Selbstverwaltung, dass sich ja auch in
Jugoslawien nicht lösen lies, ist das Anwachsen der Bürokratie und
lokale bürokratische Tendenzen. Es besteht die Gefahr, dass informelle
Bürokraten – Cliquen entstehen, zusammengesetzt aus technischen
Führern und Funktionären der politischen Institutionen und
Organisationen und sich alle Macht im Betrieb an sich reißen. Diese
Cliquen missbrauchen ihre Funktionen und ihren Einfluss um die völlige
Kontrolle über die Entscheidungen und um materielle Privilegien für
sich und die von ihnen Begünstigten zu erlangen. So passierte es auch
in Jugoslawien sehr häufig. Das führte zu einer weiten Passivierung
und Demobilisierung der Massen, manchmal zu einer tiefen
Demoralisierung des Kollektivs.
Zur Lösung dieses
Problems können keinerlei äußere Maßnahmen entscheidende Wirkungen
haben. Dieses Konzept ginge nur auf, wenn sich die Arbeiterklasse im
jeweiligen Fach politisch und kulturell rüstet und sich ihrer Stellung
in der Gesellschaft bewusst sein würde. Selbstverwaltung bedeutet auch
Selbstverantwortung und eine gewisse Weise der Eigenständigkeit. Hier
wurden seitens des jugoslawischen Regimes Fehler gemacht. (Wenn man
davon ausgeht, das es auch Ziel der Regierung war, die klassenlose
Gesellschaft zu erreichen, was man durchaus bezweifeln kann) Die
Entwicklung einer freien öffentlichen Kritik und das Insistieren auf
der moralischen und rechtlichen Verantwortung jedes und jeder
einzelnen sollte eigentlich vorausgesetzt sein, wurde aber nicht immer
und in allen Fällen gefördert, sondern war zum Teil auch untersagt.
Auch aus dem ebenfalls
bereits angesprochenen Widerspruch zwischen Waren-Geld-Beziehungen und
Selbstverwaltung ergaben sich theoretische Knackpunkte, die auch in
der Realität nicht gelöst wurden.
Da auch in den
selbstverwalteten Betrieben der Wert ständig nach dem Erfolg bei der
Realisierung von Gewinn bemessen wurde und das Hautinteresse der
Arbeiter meist der bestmögliche Verdienst blieb, wurde nicht ein
„andere Menschentyp“ geschaffen, der nach sozialistischen Idealen
lebte, sondern das Resultat war eine Gesellschaft und eine Mentalität,
die sich nicht wenig von der im Kapitalismus unterschied. Auch diese
Menschen strebten danach möglichst viel zu haben und zu besitzen und
der geistige Pauperismus blieb erhalten.
Aus marxistischer Sicht
hat der Gedanke der Arbeiterselbstverwaltung natürlich etwas für sich.
Und alle oben angeführten Probleme traten auch bei den anderen
Realsozialistischen Ländern auf. Ich halte es daher für durchaus
denkbar, dass eine weitere Entwicklung der Arbeiterselbstverwaltung
hin zur gesellschaftlichen Selbstverwaltung der Weg zur Realisierung
der klassenlosen Gesellschaft ist. Dazu bedarf es aber, heute wie
1917, der bereits von Lenin in „Staat und Revolution“ formulierten
Rahmenbedingungen: das Absterben des Staates, die Umwandlung der
zentralen Staatsorgane in Organe der Selbstverwaltung, das Anheben der
kulturellen und politischen Bildung der Arbeiterklasse und die
Eliminierung lokaler Bürokraten-Cliquen,
schließlich die schrittweise Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen
und der einseitig materiellen Motivierung im Produktionsprozess.