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Die Theorie der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien

von Martin Müller

 

Der Marxismus hatte im ehemaligen Jugoslawien einen besonderen Stellenwert. Natürlich entspringt auch das Konzept der Arbeiterselbstverwaltung Marxistischer Überlegungen. Ich möchte versuchen, mich im folgenden Kapitel meiner Arbeit ein wenig der Dialektik der Arbeiterselbstverwaltung widmen.

Bereits Lenin widmete sich 1917 in „Staat und Revolution“[1] ausführlich den Fragen Staates.  Nach Marxistischer Sicht ist der Staat ein Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassen.[2] In Jugoslawien waren nun die marxistischen Denker mit der Situation konfrontiert, dass es einen Widerspruch zwischen Selbstverwaltung und Staat gibt. Dies ist aus dialektischer Sicht ja  notwendig, denn ja nur durch Widersprüche und deren Überwindung kann es eine Weiterentwicklung geben. 

Widerspruch zwischen (starkem) Staat und Selbstverwaltung

Worin besteht nun aber dieser Widerspruch zwischen Staat und Selbstverwaltung? Jugoslawiens Gesellschaft war durch die Anstrengungen charakterisiert, ein zeitweiliges Gleichgewicht zwischen zwei unvereinbaren Elementen herzustellen: zwischen dem Staat, der dem Kapitalismus entsprang und sozusagen „geerbt“ wurde, und der Selbstverwaltung, der politischen Form der neuen sozialistischen Gesellschaft.[3]

Tatsächlich war der Staat in Jugoslawien immer sehr stark und vereinte in seinen Händen auch alle wesentlichen ökonomischen Funktionen. Das habe ich auch Anfangs der Arbeit in den Charakteristika der Arbeiterselbstverwaltung festgestellt. Als Beispiele für die Hoheit des Staates seien hier nur Steuer – und Kreditsystem, Planung, und der Einsatz von wirtschaftspolitischen Regulativen angeführt. Darüber hinaus verfügte auch der jugoslawische Staat über den Löwenanteil an vergegenständlichten Arbeit. Ein solch mächtiger Staat ruft natürlich bürokratische Tendenzen hervor. So war es auch in Jugoslawien und diese Tendenzen sollten der weiteren Entwicklung der gesellschaftlichen Selbstverwaltung entgegenwirken. Marxistische Theoretiker in Jugoslawien waren sich dieser Tatsache durchaus bewusst. Aber gerade in diesem Widerspruch sahen sie die Chance, der schrittweisen Überwindung des Staates, auch so wie es von Lenin in „Staat und Revolution“ gefordert wird. Lenin schreibt in diesem Werk, dass „die Arbeiterklasse die „fertige Staatsmaschine“ zerschlagen, zerbrechen muss, und sich nicht einfach auf ihre Besitzergreifung beschränken darf.“[4]  Darüber hinaus schreibt Lenin, dass sich das Proletariat, oder besser die Übergangsform, nämlich die vielzitierte „Diktatur des Proletariats“, maximal verstärken muss, aber nicht durch bürokratisches Aufblähen des Staatsapparates, sondern vielmehr durch die Hebung der Bewusstheit der Massen, durch die immer größere Teilnahme der breiten werktätigen Massen an der Staatsmacht auf immer mehr Gebieten.[5] So kann es laut Lenin zu einem Absterben des bürgerlichen Staates kommen, denn die Organe des bürgerlichen Staates werden durch neue Organe des sozialistischen Staates ersetzt.

In Jugoslawien interpretierte zum Beispiel Mihailo Markovic die Selbstverwaltung als genau diesen von Lenin prophezeiten Prozess: „Die Staatsorgane beginnen schon jetzt, kontinuierlich in Organe der Selbstverwaltung überzugehen.“[6] Markovic weiter: „Der Widerspruch zwischen Staat und Selbstverwaltung wird demnach bei uns durch die schrittweise Überwindung des Staates durch die Organe der Selbstverwaltung gelöst werden.“[7] 

Selbstverwaltung und (zentralistische) Lenkung

Einen weiteren Widerspruch kann man zwischen Selbstverwaltung und zentralistischer Lenkung erkennen. Wenn man Selbstverwaltung nur auf das Niveau der lokalen Organe beschränkt und man Lenkung als strikt bürokratisches, zentralistisches Planen versteht, so befinden sich diese beiden Prinzipien der sozialistischen Gesellschaft in unüberbrückbaren Widerspruch. Disziplin und Autorität, die das Planen brauch scheinen Freiheit und Initiativen des Einzelnen, aber auch des Kollektivs, auszuschließen. Markovic sieht aber auch hier, eine dialektische Entwicklung: „Dennoch wird dieser Widerspruch allmählich eliminiert, und zwar in dem Maße, wie sich die Selbstverwaltung auch auf die zentralen Organe der Gesellschaft ausweitet und das zentrale Planungssystem entbürokratisiert und mit dezentralisierten Planen in Übereinstimmung bringt.“ Sowohl die „die wissenschaftliche Kenntnis der realen Situation der Gesellschaft“[8] als auch die marxistisch – gesetzmäßigen Tendenzen der gesellschaftlichen Weiterentwicklung, aber auch die Ziele und Werte jedes einzelnen Kollektivs tragen das ihre dazu bei, diese angestrebte Übereinstimmung zu erreichen. Dazu müssen aber auch die Rahmenbedingungen abseits der ökonomischen Lage geschaffen werden. Um ein affirmatives Verhältnis der „Volksmassen“ zu den sozialistischen Gesellschaftsmodell zu erreichen bedarf es eines hohen Niveau der Gesellschaftswissenschaften und ihre Anwendung in den Planungsprozess, ein hohes Bildungsniveau der Bevölkerung und ein hohes sozialistisches Bewusstsein der Kollektive und der einzelnen Produzenten. In Jugoslawien sahen Ende der 60er Jahre viele diese Möglichkeiten. So auch Mihailo Markovic In der Zukunft sollte sich das jedoch nicht bewahrheiten. 

Selbstverwaltung und Waren-Geld-Beziehungen 

In Jugoslawien, das ja für sich beanspruchte einen eigenen Weg zum Endziel der klassenlosen Gesellschaft zu gehen, war man auch mit dem Problem beschäftigt, deren Lösung auch in den (anderen) Realsozialistischen Ländern nicht gefunden wurde: Die Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen.

Wie bereits Karl Marx analysierte, liegt der Waren-Geld-Beziehung das Prinzip der ökonomischen Notwendigkeit zugrunde, das Prinzip des möglichst hohen Gewinn. „Das ist wirklich ein objektiver Widerspruch. [Denn] Selbstverwaltung ist das Prinzip der Freiheit des Menschen, das Prinzip der Initiative des Subjekts, das zur Verwirklichung gewisser humaner Werte führt,“[9] meint Markovic. Aus marxistischer Sicht ist eines der größten Probleme der Selbstverwaltung auf dem Wege zur Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen, die Gefahr, dass eine dauerhafte Beibehaltung der Geldwirtschaft eine Degradierung des philosophischen Konzepts der Selbstverwaltung zu einer rein wirtschaftlichen Genossenschaft, wie sie ja auch im Kapitalismus üblich ist. Für Markovic kann es die Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen nur dann geben, wenn das Motiv zu verdienen und das Motiv des Besitzes als Motor menschlicher Tätigkeit überwunden wird. Möglich wird dies, „in dem die Gesellschaft sich von materieller Armut und Bedürftigkeit befreit, sofern sie bei ihren Mitgliedern Bedürfnisse höherer Ordnung entwickelt, als da sind: das Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit, nach politischen Engagement, nach Kultur und Kunst, nach Erkenntnis, nach engen humanen Beziehungen mit anderen Menschen.“[10]

Gründe des Scheiterns

In folgenden möchte ich – eher losgelöst vom konkreten Fall Jugoslawien – mögliche Gründe für ein Scheitern des Zieles über die Selbstverwaltung zur Klasselosen Gesellschaft zu gelangen aus theoriepolitischer Sicht anführen. Dies soll keine Analyse der Verhältnisse in Jugoslawien während der Arbeiterselbstverwaltung sein, denn dazu müssten ökonomische Daten und realpolitische Ereignisse, etwa der Nationalitätenkonflikt miteinbezogen werden.

Eines der größten theoretischen Probleme der Selbstverwaltung, dass sich ja auch in Jugoslawien nicht lösen lies, ist das Anwachsen der Bürokratie und lokale bürokratische Tendenzen. Es besteht die Gefahr, dass informelle Bürokraten – Cliquen entstehen, zusammengesetzt  aus technischen Führern und Funktionären der politischen Institutionen und Organisationen und sich alle Macht im Betrieb an sich reißen. Diese Cliquen missbrauchen ihre Funktionen und ihren Einfluss um die völlige Kontrolle über die Entscheidungen und um materielle Privilegien für sich und die von ihnen Begünstigten zu erlangen. So passierte es auch in Jugoslawien sehr häufig. Das führte zu einer weiten Passivierung und Demobilisierung der Massen, manchmal zu einer tiefen Demoralisierung des Kollektivs.

Zur Lösung dieses Problems können keinerlei äußere Maßnahmen entscheidende Wirkungen haben. Dieses Konzept ginge nur auf, wenn sich die Arbeiterklasse im jeweiligen Fach politisch und kulturell rüstet und sich ihrer Stellung in der Gesellschaft bewusst sein würde. Selbstverwaltung bedeutet auch Selbstverantwortung und eine gewisse Weise der Eigenständigkeit. Hier wurden seitens des jugoslawischen Regimes Fehler gemacht. (Wenn man davon ausgeht, das es auch Ziel der Regierung war, die klassenlose Gesellschaft zu erreichen, was man durchaus bezweifeln kann) Die Entwicklung einer freien öffentlichen Kritik und das Insistieren auf der moralischen und rechtlichen Verantwortung jedes und jeder einzelnen sollte eigentlich vorausgesetzt sein, wurde aber nicht immer und in allen Fällen gefördert, sondern war zum Teil auch untersagt.

Auch aus dem ebenfalls bereits angesprochenen Widerspruch zwischen Waren-Geld-Beziehungen und Selbstverwaltung ergaben sich theoretische Knackpunkte, die auch in der Realität nicht gelöst wurden.

Da auch in den selbstverwalteten Betrieben der Wert ständig nach dem Erfolg bei der Realisierung von Gewinn bemessen wurde und das Hautinteresse der Arbeiter meist der bestmögliche Verdienst blieb, wurde nicht ein „andere Menschentyp“ geschaffen, der nach sozialistischen Idealen lebte, sondern das Resultat war eine Gesellschaft und eine Mentalität, die sich nicht wenig von der im Kapitalismus unterschied. Auch diese Menschen strebten danach möglichst viel zu haben und zu besitzen und der geistige Pauperismus blieb erhalten. 

Aus marxistischer Sicht hat der Gedanke der Arbeiterselbstverwaltung natürlich etwas für sich. Und alle oben angeführten Probleme traten auch bei den anderen Realsozialistischen Ländern auf. Ich halte es daher für durchaus denkbar, dass eine weitere Entwicklung der Arbeiterselbstverwaltung hin zur gesellschaftlichen Selbstverwaltung der Weg zur Realisierung der klassenlosen Gesellschaft ist. Dazu bedarf es aber, heute wie 1917, der bereits von Lenin in „Staat und Revolution“ formulierten Rahmenbedingungen: das Absterben des Staates, die Umwandlung der zentralen Staatsorgane in Organe der Selbstverwaltung, das Anheben der kulturellen und politischen Bildung der Arbeiterklasse und die Eliminierung lokaler Bürokraten-Cliquen, schließlich die schrittweise Überwindung der Waren-Geld-Beziehungen und der einseitig materiellen Motivierung im Produktionsprozess.


Fußnoten:

[1] Lenin; Staat und Revolution; 1917, Werke Band 25

[2] vgl. etwa ebenda; Seite 398f

[3] vgl. Markovic, Mihailo: Der Sinn der Selbstverwaltung, In: Mandel, Ernest (Hg.): Arbeiterkontrolle, Arbeiterräte, Arbeiterselbstverwaltung, Frankfurt am Main, 1971, Seiten 359

[4] Lenin; Staat und Revolution; 1917; Werke Bd. 25; S. 427

[5] vgl. ebenda Seite 489

[6] Markovic, Mihailo: Der Sinn der Selbstverwaltung In: Mandel, Ernest (Hg.): Arbeiterkontrolle, Arbeiterräte, Arbeiterselbstverwaltung, Frankfurt am Main, 1971, Seite 360

[7] ebenda

[8] ebenda

[9] ebenda Seite 362

[10] ebenda

 

 

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