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1. Einleitung
Ebenso wie der
Kapitalismus der freien Konkurrenz unweigerlich
Aktiengesellschaften, Trusts, Monopole und die Herrschaft des
Finanzkapitals – also den Imperialismus – hervorbringen muss, so
benötigt dieser Monopolkapitalismus zu seiner Aufrechterhaltung
der Verschmelzung ökonomischer Monopol- und politischer und
militärischer Staatsmacht. Die Weiterentwicklung des
Monopolkapitalismus bringt unweigerlich den staatsmonopolistischen
Kapitalismus hervor – es sind die Bedürfnisse wie die Zwänge des
Monopolkapitals, die dies bedingen. Das heißt, der monopolistische
Kapitalismus, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts den
Kapitalismus der freien Konkurrenz abgelöst hat, bedarf also zu
seiner weiteren Aufrechterhaltung der Vereinigung der ökonomischen
Macht der Monopole mit der politischen des imperialistischen
Staates. Die entstandene Verschmelzung, der staatsmonopolistische
Kapitalismus, stellt die einheitliche Macht im Interesse höchster
Monopolprofite und der Sicherung der imperialistischen Herrschaft
und Ausbeutung in Form einer weiteren Entfaltung des Monopols dar.
Der staatsmonopolistische Kapitalismus ist also die
Entwicklungsphase des Monopolkapitalismus, in der der
Monopolisierungsprozess durch die Verflechtung der Macht der
Monopole mit der des imperialistischen Staates auf die Spitze
getrieben wird. Der staatsmonopolistische Kapitalismus bringt die
dem Wesen des kapitalistischen Monopols entspringende Tendenz zur
Beherrschung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens im
Kapitalismus voll zur Entfaltung und verstärkt den parasitären,
faulenden, menschenfeindlichen und sterbenden Charakter des
Imperialismus. Dies macht den Stamokap auch zur letzten Phase des
imperialistischen Stadiums des Kapitalismus, zur unmittelbaren
Vorstufe des Sozialismus, in der die materiellen Bedingungen für
die soziale Revolution des Proletariats voll ausreifen. Der
Stamokap selbst zeichnet sich durch das zweckmäßige Verwachsen der
Monopolverbände der großen Konzerne mit den staatlichen Organen
aus. Dadurch entsteht eine effiziente politisch-ökonomische
Herrschaftsstruktur, die alle Bereiche durchdringt. Darüber hinaus
kennzeichnen die Mechanismen des Stamokap die durch die staatliche
Absicherung gesteigerte Machtposition der Großunternehmen, die
wechselseitige Einflussnahme von Politik und Wirtschaft, die im
Interesse eben der Monopole geschieht, sowie die Tendenz zum
Ausbau der Staatsgewalt in eine verstärkt autoritäre Richtung, die
mit der Militarisierung im Inneren wie nach außen, mit Aggression
und Reaktion, verknüpft ist.
Es war W. I. Lenin,
der den Begriff des „staatsmonopolistischen Kapitalismus" geprägt
und in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht hat. Aufbauend
auf den Erkenntnissen von Marx und Engels erfolgten die
theoretische Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus
und die inhaltliche Erarbeitung der Grundlagen der
Stamokap-Theorie auf Basis einer umfassenden Analyse des
gegenwärtigen Kapitalismus und seiner Entwicklungstendenzen durch
Lenin. Lenin schreibt im 1917 veröffentlichten Nachwort zu seinem
älteren Werk „Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie", dass der
Erste Weltkrieg „den monopolistischen Kapitalismus in einen
staatsmonopolistischen Kapitalismus verwandelte." Hier steht
erstmals das neue Wort für den bereits zuvor v.a. von Engels
teilweise inhaltlich umrissenen Begriff – soweit im Rahmen einer
wissenschaftlichen Vorgehensweise eben möglich. Es wäre jedoch
falsch und auch völlig absurd, hier irgendeine punktuelle
„Geburtsstunde" der Stamokap-Theorie definieren zu wollen, zumal
Lenin selbst ja auch kein „Theorie-System" explizit unter diesem
Oberbegriff zusammengefasst hat. Natürlich müssen Analyse und
Strategie Lenins, die ja anhand konkreter Ereignisse analog zur
Realität entstanden, in einer fortlaufenden Entwicklung verstanden
werden. Es gilt, die Positionen ständig zu überprüfen und die
politische und gesellschaftliche Situation mit größtmöglicher und
objektiver Genauigkeit festzustellen, um die marxistische Taktik
auf der einzig festen Grundlage, auf die sie stets gegründet sein
muss, aufzubauen, auf der Grundlage der Tatsachen. Festhalten
können wir jedenfalls, dass die zentralen Dokumente aus Lenins
Feder, wie z.B. seine Werke „Der Imperialismus als höchstes
Stadium des Kapitalismus" und „Staat und Revolution", in den
Jahren 1917 bzw. 1918 erstmals veröffentlicht wurden. Ebenso wenig
darf der Fehler gemacht werden, Lenin losgelöst von Marx und
Engels zu sehen, ist doch die Lenin’sche Etappe des Marxismus die
einzige konsequente Weiterführung des wissenschaftlichen
Sozialismus in einer Zeit, in der andere wichtige DenkerInnen wie
z.B. Karl Kautsky, Otto Bauer oder Georgi Plechanow theoretisch
und praktisch falsche Wege beschritten. Lenin verweist auch schon
auf die zentrale Bedeutung dieser Entwicklung für den Weg zum
Sozialismus. Dieser ist nämlich „nichts anderes als der nächste
Schritt vorwärts," er ist ein „staatskapitalistisches Monopol, das
zum Nutzen des ganzen Volkes angewandt wird und dadurch aufgehört
hat, kapitalistisches Monopol zu sein." (LW 25, S. 369) Lenin
greift folgerichtig die Einschätzung, die bereits Marx über die
Entwicklung des durch eine „Finanzoligarchie" geprägten
Monopolkapitalismus getroffen hat, wieder auf und stellt fest,
dass der Imperialismus in seiner staatsmonopolistischen Phase
„charakterisiert werden muss als Übergangskapitalismus oder,
richtiger, als sterbender Kapitalismus." (LW 22, 307) Das soll für
uns als SozialistInnen das Hauptinteresse ausmachen, nämlich die
Tatsache, dass dem staatmonopolistischen Kapitalismus innewohnende
Potenzial und die materiellen Voraussetzungen, die in Richtung
Sozialismus weisen, „denn das Monopol ... bedeutet den Übergang
von der kapitalistischen zu einer höheren ökonomischen
Gesellschaftsformation." (LW 22, S. 304)
2
2. Die
Herausbildung des Stamokap
„Durch die
Zerschlagung der Kleinproduktion bewirkt das Kapital eine
Steigerung der Arbeitsproduktivität und die Schaffung einer
Monopolstellung der Vereinigungen der Großkapitalisten. Die
Produktion selbst wird immer mehr zur gesellschaftlichen
Produktion – Hunderttausende und Millionen von Arbeitern werden zu
einem planmäßigen Wirtschaftsorganismus zusammengefasst – das
Produkt der gemeinsamen Arbeit aber eignet sich eine Handvoll
Kapitalisten an. Es wachsen die Anarchie der Produktion, die
Krisen, die tolle Jagd nach Märkten, die Existenzunsicherheit für
die Masse der Bevölkerung. Die kapitalistische Ordnung, die die
Abhängigkeit der Arbeiter vom Kapital steigert, schafft
gleichzeitig die gewaltige Macht der vereinigten Arbeit." (LW 9,
S. 6 f.) So fasst Lenin kurz und bündig die Vorgänge im modernen
Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen, diese
Entwicklung führte schließlich zur vollen Entfaltung des
monopolistischen Kapitalismus – des Imperialismus – als
staatsmonopolistischer Kapitalismus. Die Herausbildung der
staatsmonopolistischen Phase des Imperialismus ist als Prozess zu
verstehen, der mit dem Ersten Weltkrieg einsetzt und nach dem
Zweiten Weltkrieg seinen Abschluss findet. Aber der Reihe nach –
wie steht es inhaltlich um die Herausbildung zunächst des
Monopolkapitalismus? Lenin schreibt: „Der Imperialismus erwuchs
als Weiterentwicklung und direkte Fortsetzung der
Grundeigenschaften des Kapitalismus überhaupt. Zum
kapitalistischen Imperialismus aber wurde der Kapitalismus erst
auf einer bestimmten, sehr hohen Entwicklungsstufe, als einige
seiner Grundeigenschaften in ihr Gegenteil umzuschlagen begannen,
als sich auf der ganzen Linie die Züge einer Übergangsperiode vom
Kapitalismus zu einer höheren ökonomischen Gesellschaftsformation
herausbildeten und sichtbar wurden. Ökonomisch ist das
Grundlegende in diesem Prozess die Ablösung der kapitalistischen
freien Konkurrenz durch die kapitalistischen Monopole. Die freie
Konkurrenz ist die Grundeigenschaft des Kapitalismus und der
Warenproduktion überhaupt; das Monopol ist der direkte Gegensatz
zur freien Konkurrenz, aber diese begann sich vor unseren Augen
zum Monopol zu wandeln, indem sie die Großproduktion schuf, den
Kleinbetrieb verdrängte, die großen Betriebe durch noch größere
ersetzt, die Konzentration der Produktion und des Kapitals so weit
trieb, dass daraus das Monopol entstand und entsteht, nämlich:
Kartelle, Syndikate, Trusts und das mit ihnen verschmelzende
Kapital eines Dutzends von Banken, die mit Milliarden schalten und
walten." (LW 22, S. 269 f.) Konkret umreißt Lenin die Bedingungen
des Imperialismus nun mit den folgenden Punkten: „1. Konzentration
der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe
Entwicklungsstufe erreicht hat, dass sie Monopole schafft, die im
Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung
des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer
Finanzoligarchie auf der Basis dieses ‚Finanzkapitals’; 3. der
Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders
wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale
monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich
teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die
kapitalistischen Großmächte ist beendet. Der Imperialismus ist der
Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der
Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der
Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der
Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die
Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten
kapitalistischen Länder abgeschlossen ist." (LW 2, S. 270 f.) Dies
sind auch die zentralen Gegebenheiten des heutigen Kapitalismus,
auch der staatsmonopolistische Kapitalismus ist und bleibt nichts
anderes als aggressiver und repressiver Kapitalismus in seinem
imperialistischen Stadium. Am grundlegenden Charakter des Stamokap
ändern auch weitgehende Planmäßigkeit der Produktion sogar im
internationalen Rahmen und ein zeitweise auftretender wesentlicher
Anteil verstaatlichter Bereiche in der Wirtschaft nichts. Vielmehr
geht daraus nur hervor, dass hier die Keime einer höheren
ökonomischen Ordnung angelegt sind, denn der staatsmonopolistische
Kapitalismus ist nichts weiter als die höchste Stufe und die
letzte Phase des Imperialismus. Die Vereinigung von ökonomischer
Monopol- und politischer Staatsmacht hat diese Prinzipien nun
teilweise gewandelt, teilweise verstärkt. Umgekehrt erwächst der
staatsmonopolistische Kapitalismus als unabdingbare Notwendigkeit
eben auch auf Basis dieser materiellen historischen Begebenheiten,
seine Herausbildung ist schlussendlich auf die
dialektisch-materialistischen Entwicklungsgesetze, derer sich die
kapitalistische Produktionsweise nicht entziehen kann,
zurückzuführen. Die konkreten ursächlichen
Begründungszusammenhänge für die Herausbildung des
staatsmonopolistischen Kapitalismus bedingen und durchdringen
einander natürlich und sind daher auch nicht immer klar
voneinander zu trennen, grob können wir aber sagen, dass dafür 1.
die Verschärfung des kapitalistischen Grundwiderspruchs im
monopolistischen Kapitalismus, 2. der imperialistischen Kampf um
die Vorherrschaft sowie 3. die allgemeine Krise des Kapitalismus
aufgrund der Verschärfung der zyklischen Krisen, aufgrund der
Weltkriege und der unmittelbaren Konfrontation mit dem Sozialismus
verantwortlich sind. In der Konfrontation mit den Widersprüchen
des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus erweist sich die
Verschmelzung von monopolistischer ökonomischer und staatlicher
Macht für die Bourgeoisie zunächst offensiv wie defensiv zwar als
zweckmäßig, doch die „Dialektik der Geschichte ist gerade die,
dass ... die Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den
staatsmonopolistischen Kapitalismus ... die Menschheit dem
Sozialismus außerordentlich nahe gebracht hat." (LW 25, S. 370)
3
3.
Kernaussagen der Stamokap-Theorie
3.1. Die
Grundbedingungen des Stamokap
Die mit dem Ersten
Weltkrieg initiierte Entwicklung war also nachhaltig imstande,
„einerseits den Gang der Weltgeschichte ungeheuer zu beschleunigen
und andererseits weltumfassende Krisen, wirtschaftliche,
politische, nationale und internationale Krisen von ungeahnter
Intensität hervorzurufen." (LW 23, S. 313) Die Monopole benötigen
nun den Staat mit seinem umfassenden Macht- und
Unterdrückungsapparat, mit seinen Potenzen zur Zentralisation
materieller und finanzieller Mittel zur Regulierung des
Wirtschaftslebens im nationalen und internationalen Maßstab, zur
Sicherung einer hohen Kapitalverwertung zu Lasten der Werktätigen,
um die Errungenschaften des wissenschaftlich-technischen
Fortschritts zur Stärkung ihrer Position im Kampf gegen den
Sozialismus (im historischen Kontext also auch konkret in der
Auseinandersetzung mit der Sowjetunion) und zur Erhöhung ihrer
Profite zu nutzen, um die ArbeiterInnenklasse mit raffinierteren
und besser getarnten Mitteln als bisher auszubeuten und unter
ihrer Kontrolle zu halten, um die vom Kolonialjoch befreiten
Völker in neokolonialistischer Manier beherrschen und ausplündern
zu können, sowie um im Kampf gegen die Monopole anderer Staaten zu
bestehen. Die Bourgeoisie hat ihre Gefährdung durch die „schlechte
politische Hülle des Kapitalismus" mit dem staatsmonopolistischen
Kapitalismus vorerst überwunden, und bedient sich nun umfassend
und durchdringend der „denkbar besten Hülle", nämlich des Staates.
„Daher begründet das Kapital, nachdem es ... von dieser besten
Hülle Besitz ergriffen hat, seine Macht derart zuverlässig, derart
sicher, dass kein Wechsel, weder der Personen noch der
Institutionen noch der Parteien der bürgerlich-demokratischen
Republik, diese Macht erschüttern kann." (LW 25, S. 405)
In der Vereinigung
der Macht der Monopole mit der Macht des imperialistischen Staates
zu einem Herrschaftsmechanismus zur Sicherung hoher
Monopolprofite, zur Rettung der kapitalistischen Ordnung und zum
Kampf gegen die revolutionären Kräfte besteht also das
grundsätzliche Wesen des staatsmonopolistischen Kapitalismus, er
ist die „Vereinigung der Riesenmacht des Kapitalismus mit der
Riesenmacht des Staates zu einem einzigen Mechanismus." (LW 24, S.
401) Unter diesen Bedingungen, der höchsten Form des bürgerlichen
Staates, „übt der Reichtum seine Macht indirekt, aber umso
sicherer aus. Einerseits in der Form der direkten
Beamtenkorruption, ... andrerseits in der Form der Allianz von
Regierung und Börse [heute: Banken; Anm.], die sich um so leichter
vollzieht, je mehr die Staatsschulden steigen und je mehr
Aktiengesellschaften nicht nur den Transport, sondern auch die
Produktion selbst in ihren Händen konzentrieren und wiederum in
der Börse ihren Mittelpunkt finden." (MEW 21, S. 167) Durch die
Vereinigung der Macht der Monopole mit der Macht des Staates wird
die Monopolisierung auf die Spitze getrieben. Indem die Monopole
die ökonomischen und politischen Machtpotenzen des Staates zur
Sicherung ihrer Reproduktion und Kapitalverwertung mobilisieren,
wird der ihrem Wesen entspringende Drang zur absoluten
Beherrschung des wirtschaftlichen und politischen Lebens in der
kapitalistischen Gesellschaft noch umfassender durchgesetzt. Die
neue Qualität der Monopolisierung im staatsmonopolistischen
Kapitalismus bedeutet also, dass die wachsende
finanzkapitalistische Monopolmacht staatliche Züge erhält, der
staatsmonopolistische Kapitalismus ist jene Stufe des
Monopolkapitalismus, die infolge ihres erreichten hohen Niveaus
der Vergesellschaftung und der Monopolisierung die Einbeziehung
des Staates in alle Bereiche, Phasen und Ebenen des ökonomischen
und sozialen Reproduktionsprozesses der Gesellschaft erforderlich
macht und dementsprechende Strukturen der Verflechtung der
Institutionen und Apparate des bürgerlichen Staates mit jenen der
monopolistisch beherrschten Wirtschaft und der Monopole
unmittelbar herausbildet. Die Grundzüge der Monopolherrschaft, wie
Aufhebung der freien Konkurrenz, Erzielung von Monopolprofit,
monopolistische Konzentration und Zentralisation sowie
internationale Expansion, erhalten durch die Vereinigung der Macht
der Monopole mit der Macht des Staates also eine staatliche
Absicherung.
32
3.2. Die Rolle der
Großunternehmen
Charakteristisch für
den staatsmonopolistischen Kapitalismus ist neben der
unmittelbaren Verflechtung von Politik und Wirtschaft vor allem
also die bestimmende Rolle der Großunternehmen. Lenin beschreibt
„die Herrschaft der Monopolverbände der Großunternehmer" als
„grundlegende Besonderheit des jüngsten Kapitalismus." (LW 22, S.
264) Diether Dehm und Horst Heininger stellen das Ausmaß der
umfassenden Machtposition der transnationalen Konzerne – wie es
sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts darstellt – folgendermaßen
dar: „Der transnationale Aktionsradius der Konzerne und der
unregulierte Kapitaltransfer schaffen eine politische Allmacht,
die eine noch nie da gewesene Globaldiktatur aufschimmern lässt.
Wer Standorte gegeneinander ausspielen kann, wer darüber
entscheidet, wo Betriebe ausgebaut oder geschlossen, wo
Arbeitsplätze erhalten oder vernichtet werden, welche Währung
steigt und welche ruiniert wird, welcher Tropenwald zur Wüste,
welches Gebiet durch Hunger, Bürgerkrieg oder Seuchen entvölkert
wird – der kann die eigenen Interessen politisch und militärisch,
auf der Erde und im All durchsetzen." (taz, 6.10.2001) In jeder
Branche spielt nur eine kleine Anzahl großer Unternehmen eine
bedeutende Rolle, diese Unternehmen nehmen tatsächlich eine
umfassend dominierende Stellung auf globaler Ebene ein. Im
folgenden eine Übersicht über die größten transnationalen
Konzerne, ihre Beschäftigungszahlen und ihre Umsätze.
Tabelle: Die größten
transnationalen Konzerne (Umsätze in Mrd. US-Dollar)
|
Unternehmen |
Staat |
Branche |
Umsatz |
Beschäftigte |
|
ExxonMobil |
USA |
Öl, Petrochemie |
206,083 |
97.900 |
|
Wal-Mart Stores |
USA |
Handel |
191,329 |
1.300.000 |
|
General Motors |
USA |
Fahrzeugbau |
184,632 |
386.000 |
|
Ford Motor Company |
USA |
Fahrzeugbau |
170,058 |
350.117 |
|
DaimlerChrysler |
D |
Fahrzeugbau |
152,446 |
416.501 |
|
Royal Dutch Shell |
GB/NL |
Öl, Petrochemie |
149,146 |
95.365 |
|
British Petroleum |
GB |
Öl, Petrochemie |
148,062 |
107.200 |
|
General Electric |
USA |
Elektronik |
129,853 |
313.000 |
|
Toyota Motor Corp. |
JAP |
Fahrzeugbau |
125,575 |
210.709 |
|
Chevron Texaco |
USA |
Öl, Petrochemie |
117,095 |
69.265 |
Quelle: United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD)
– World Investment Report 2002
Die Umsätze dieser
Konzerne erreichen Größenordnungen, die dem Gesamt-BIP von ganzen
Staaten gleichkommen. Unter den 100 größten Wirtschaftsmächten
sind mittlerweile mehr Unternehmen als Staaten. Der größte
Konzern, General Motors, folgt laut einer Rangliste, die das
„Institute for Policy Studies" (Washington D.C.) im Jahr 2000
erstellt hat, nur knapp hinter Österreich (21.) und unmittelbar
vor Dänemark (24.), DaimlerChrysler auf Platz 28 lässt mit seinen
400.000 Angestellten Polen (29.) mit seinen rund 40 Millionen
EinwohnerInnen hinter sich. Die beiden Schweizer Unternehmen
Nestlé (86.) und Credit Suisse (88.) setzten 1999 gemeinsam knapp
100 Milliarden US-Dollar um, was beinahe 40% des BIPs der Schweiz
(18.) entsprach. Der Anteil der 200 größten Unternehmen an der
globalen Wirtschaftsleistung betrug im selben Jahr 27%, wobei sich
hier wiederum eine bezeichnende 50:50-Teilung zwischen den 10
größten TNCs und den folgenden 190 beobachten lässt. Die
Prinzipien dieser Relationen, die die Machtposition der
Großunternehmen beeindruckend unterstreichen, werden weiterhin
kontinuierlich verstärkt.
Innerhalb dieser
Gruppe der Großunternehmen ist eine kontinuierliche Konzentration
und Zentralisation des Kapitals und die daraus folgende weiter
fortschreitende Konzentration der Produktion zu beobachten.
Zusammenschlüsse großer Konzerne zu noch größeren, zumeist
transnationalen Unternehmen stehen auf der Tagesordnung. Als
aktuellere Beispiele wären etwa die Fusionen (z.T. in Wirklichkeit
eher simple Übernahmen) von Daimler-Benz und Chrysler, von British
Petroleum und Amoco, von Vodafone und Mannesmann, von
Hewlett-Packard und Compaq, von Pfizer und Pharmacia oder von AOL
und Time-Warner zu nennen. In dieses Schema passen auch – um auch
österreichische Unternehmen anzuführen – die Übernahme der Bank
Austria durch die deutsche HypoVereinsbank oder der Billa-Märkte
durch den REWE-Konzern ebenso wie z.B. umgekehrt die fortlaufende
weltweite Expansion des Baustoffkonzerns Wienerberger, der in
seinem Bereich inzwischen zum „Global Player" avanciert ist. Die
wirklich großen Fusionen spielen sich freilich in ganz anderen
finanziellen Dimensionen ab. Das Jahr mit dem größten
„Gesamtumsatz" bezüglich Fusionen und Übernahmen war bislang 1999
mit insgesamt 3,6 Billionen US-Dollar. (Financial Times,
28.1.2000) Es darf jedoch damit gerechnet werden, dass dieser
„Rekord" nicht allzu lange halten wird. Dass ausgerechnet WorldCom,
jenes Unternehmen, das aus der größten Fusion dieses Jahres
hervorging, im Sommer 2002 für die größte Firmenpleite in der
Geschichte der USA sorgte, verdeutlicht die Aggressivität der
Auseinandersetzung zwischen den Großunternehmen, die nicht nur zu
immer größeren Fusionen oder Übernahmen, sondern unweigerlich auch
zu immer größeren Insolvenzen führen muss.
Karl Marx wies im
„Kapital" auf diese Entwicklung hin, die sich abzeichnet „durch
das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion
selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist
schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der
Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich ...
die planmäßige Ausbeutung der Erde, ... die Verschlingung aller
Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale
Charakter des kapitalistischen Regimes." (MEW 23, S. 790) Die
fortlaufende Marktkonzentration und Zentralisation kann man am
Beispiel des österreichischen Bankensektors zeigen. Die folgende
Statistik belegt recht deutlich, worin der Charakter dieser
Entwicklung, die sich zuletzt durch die Übernahme der PSK durch
die BAWAG manifestierte, besteht. Die wenigen marktbeherrschenden
Institute bauen ihre Vormachstellung weiter aus, auch innerhalb
der „Top-10" der mächtigsten Institute ist zu beobachten, wie sich
die Marktanteile kontinuierlich zugunsten der größten Banken
verschieben. Lenin dazu: „In dem Maße, wie sich das Bankwesen und
seine Konzentration in wenigen Instituten entwickeln, wachsen die
Banken aus bescheidenen Vermittlern zu allmächtigen
Monopolinhabern an." (LW 22, S. 214)
Tabelle:
Marktkonzentration im österreichischen Bankensektor
|
|
Marktanteil 1998 |
Marktanteil 1999 |
Marktanteil 2000 |
Marktanteil 2001 |
Top-10
KI
|
57,5 |
59,4 |
67,2 |
69,3 |
|
Top-5 KI |
49,0 |
50,5 |
59,3 |
60,7 |
|
Top-4 KI |
45,0 |
46,3 |
56,4 |
57,5 |
|
Top-3 KI |
40,8 |
42,2 |
49,9 |
49,9 |
|
Top-2 KI |
35,7 |
36,7 |
42,0 |
41,8 |
Quelle:
Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien
Am Beispiel der
bereits angesprochenen Übernahme der Bank Austria durch die
HypoVereinsbank kann man die durch fortlaufende Fusionen und
Übernahmen geprägte Entwicklungen auf transnationaler Ebene
exemplarisch nachvollziehen. Fünf ursprünglich voneinander
unabhängige österreichische und deutsche Institute wurden binnen
10 Jahren schlussendlich in einer international agierenden Hand
vereinigt:
Tabelle: Fusionen
und Übernahmen im österreichischen und bayrischen Bankensektor
|
1990 |
Länderbank |
Zentralsparkasse |
Creditanstalt
BV |
Hypothekenbank |
Bay.
Vereinsbank |
|
1991 |
Z-LB Bank
Austria |
Creditanstalt
BV |
Hypothekenbank |
Bay. Vereinsbank |
|
1997 |
Bank Austria
- CA |
Bayerische
HypoVereinsbank |
|
2000 |
HypoVereinsbank Gruppe |
Damit entstand die
drittgrößte Bankengruppe Europas mit einer Bilanzsumme jenseits
von 600 Milliarden US-Dollar und über 70.000 Angestellten. Die
HypoVereinsbank ist gleichzeitig ein gutes Beispiel für die
Entwicklung und Rolle des Finanzkapitals, dessen
Entstehungsgeschichte Lenin mit den Worten „Konzentration der
Produktion, daraus erwachsende Monopole, Verschmelzung oder
Verwachsen der Banken mit der Industrie" (LW 22, S. 229) umreißt.
Lenin zitiert dazu weiters Rudolf Hilferding, wenngleich er
ansonsten wahrlich nicht überall mit ihm inhaltlich übereinstimmt:
„Ein immer wachsender Teil des Kapitals der Industrie gehört nicht
den Industriellen, die es anwenden. Sie erhalten die Verfügung
über das Kapital nur durch die Bank, die ihnen gegenüber den
Eigentümer vertritt. Anderseits muss die Bank einen immer
wachsenden Teil ihrer Kapitalien in der Industrie fixieren. Sie
wird damit in immer größerem Umfang industrieller Kapitalist. Ich
nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform, das auf diese
Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist, das
Finanzkapital. Das Finanzkapital ist also Kapital in der Verfügung
der Banken und in der Verwendung der Industriellen" (Das
Finanzkapital, Wien 1910, S. 301). So auch bei der HypoVereinsbank,
deren Beteiligungen und Verflechtungen – im Sinne obiger
Definition Hilferdings – tatsächlich unterschiedlichste Bereiche
umfassen, u.a. ist sie z.B. auch Mehrheitseigentümerin des bereits
erwähnten Bausstoffunternehmens Wienerberger, hält bzw. hielt
beträchtliche Anteile am Elektronikkonzern Grundig oder der
Münchener Spaten-Brauerei und beteiligt sich global – vornehmlich
in Entwicklungsländern – an Kraftwerksprojekten und im Bergbau.
Auf der anderen Seite herrscht auch eine wechselseitige Beziehung
mit der Münchener Rück-Versicherung, die einen großen Teil (25%)
der Aktien der HypoVereinsbank besitzt.
Scheinbar grotesker
Weise wird jedoch zur Zeit nicht zuletzt die HypoVereinsbank
selbst als Übernahmekandidatin am Bankensektor gehandelt. Dies
gründet sich auf die unvermindert aggressive Expansionspolitik und
den daraus entstehenden Druck amerikanischer, britischer,
französischer und Schweizer Banken, aber auch nicht zuletzt der
Deutschen Bank. Die Summen, die von Seiten des Kapitals der
Industrieländer jährlich für transnationale Unternehmensübernahmen
aufgewendet werden müssen, erreichen folgerichtig mittlerweile
astronomische Höhen und steigen dennoch weiterhin an:
Tabelle: Ausgaben
für grenzüberschreitende Unternehmensübernahmen (in Mrd. US-$)
Region/Staat
|
1997 |
1998 |
1999 |
EU-15
|
142,1 |
284,4 |
497,7 |
|
USA |
80,9 |
137,4 |
112,4 |
|
Japan |
2,7 |
1,3 |
9,8 |
|
Industrieländer |
272 |
511,4 |
677,3 |
Quelle: UN Conference on Trade and Development – World Investment
Report 2000
Die Großunternehmen
stehen grundsätzlich in einem widersprüchlichen Verhältnis aus
Konkurrenz und Kooperation zueinander, wodurch sie innerhalb ihrer
eigenen Systematik zwingend „eine Reihe besonders krasser und
schroffer Widersprüche, Reibungen und Konflikte" erzeugen, denn
die „Monopole beseitigen nicht die freie Konkurrenz, aus der sie
erwachsen, sondern bestehen über und neben ihr." (LW 22, S. 270)
So sind wesentliche Charakteristika des staatsmonopolistischen
Kapitalismus einerseits die (auf anderer Ebene) fortgesetzte
Auseinandersetzung zwischen den Unternehmen innerhalb des Monopols
und natürlich zwischen dem Monopolkapital verschiedener Staaten
sowie andererseits die zielgerichtete Kooperation und
Verständigung unter den Monopolen bezüglich der Verteilung von
Absatzgebieten, Festsetzung von Preisen und Mengen der zu
erzeugenden Produkte, sowie über Vereinbarungen über
Verkaufsbedingungen und Zahlungstermine, was nicht zuletzt auch
wieder negative Auswirkungen auf die Situation der ArbeiterInnen –
z.B. in Form der Verstärkung des (internationalisierten)
Lohndrucks und der Gefährdung von Arbeitsplätzen – hat. Wenn von
der Einschränkung oder gar Aufhebung der freien Konkurrenz durch
die Monopolisierung die Rede ist, so bezieht sich das auf die
Konkurrenz unter den Unternehmen, aber natürlich keineswegs auf
jene unter den ArbeiterInnen, was ja auch eine Grundvoraussetzung
der kapitalistischen Lohnarbeit ist. Die Konkurrenz unter den
ArbeiterInnen wird gezielt und kontinuierlich verschärft auf Basis
der Möglichkeiten internationaler Monopole und der
Internationalisierung der Produktion.
Durch ihre große
Marktmacht aufgrund ihres Charakters verfügen die Großunternehmen
nicht erst im staatsmonopolistischen Kapitalismus über wesentliche
Rentabilitätsvorteile gegenüber anderen kleineren Unternehmen,
wodurch – wie bereits angesprochen – „die freie Konkurrenz ... die
Konzentration der Produktion und des Kapitals so weit trieb", dass
sie kontinuierlich „den Kleinbetrieb verdrängte, die großen
Betriebe durch noch größere ersetzte." (LW 22, S. 270) Diese so
von Lenin beschriebene Entwicklung führte im letzten Viertel des
19. Jahrhunderts zur Herausbildung der Macht der Monopole und
erfährt aber bis heute aufgrund der kapitalistischen
Entwicklungsgesetze eine ständige Prekarisierung, denn eine
größere Konzentration des Kapitals beschleunigt die Aufsaugung
kleinerer Unternehmen und umgekehrt: die Zentralisation verstärkt
die Akkumulation des individuellen Kapitals und verschärft somit
den Prozess der Konzentration.
33
3.3. Die staatliche
Einflussnahme auf die Wirtschaft
Von primärer
Notwendigkeit für das „Funktionieren" des staatsmonopolistischen
Kapitalismus sind staatliche Eingriffe in die kapitalistische
Produktionsweise, aber auch in die kapitalistische Reproduktion.
Diese Regulierungen – die freilich immer im Sinne der Monopole
geschehen – manifestieren sich in der staatlichen Steuerpolitik,
in Subventionen und Investitionen, in der Erteilung staatlicher
Aufträge, durch Exportrückvergütungen sowie durch die Verteilungs-
und Sozialpolitik. Nur durch diese staatlichen Einflüsse noch
gewährleistet, den kapitalistischen Grundwiderspruch zwischen
gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung zu
entschärfen und zu verschleiern und somit das System als Ganzes
aufrechtzuerhalten. Der Staat muss zunehmend in den
Reproduktionsprozess eingreifen. Der Anteil am Nationalprodukt,
den der Staat umverteilt, und das Ausmaß der öffentlichen
Finanzierung ist ständig gewachsen und wird weiter wachsen. Die
Intervention ist jetzt nicht mehr zufällig, auf Einzelperioden
beschränkt oder nur von außen bedingt, sondern sie wird
Normalzustand und dringt auch mehr und mehr in die unmittelbare
Kapitalverwertung vor. Gerade unter den Bedingungen der
fortgesetzten wissenschaftlich-technischen Revolution sind trotz
des immensen Reichtums der Großunternehmen zwecks Erhaltung deren
Verwertungsbedingungen staatliche Ausgaben erforderlich, um
kostenintensive produktivitätssteigernde Investitionen der
Großunternehmen mitzufinanzieren (etwa „Standortsicherung" durch
Steuererleichterungen oder Subventionen). Als Beispiel dafür, in
welch geradezu bizarrer Weise und in welchem Ausmaß der Staat für
optimale Bedingungen für die Konzerne sorgt, ist die folgende
Tabelle geeignet. Sie gibt eine Untersuchung der AK Oberösterreich
von 1998 wieder und zeigt, wie einige ausgewählte Großunternehmen
in Österreich unter Ausnützung aller von staatlicher Seite in
ihrem Sinne geschaffenen „Gestaltungsmöglichkeiten"
(Wertberichtigungen, Investitionsfreibeträge etc.) schlussendlich
von immensen Millionengewinnen ausgehend Steuern zahlen, die sich
nur im Promillebereich und somit weniger tausend Euro bewegen.
Tabelle:
Gewinnsteuern ausgewählter Großunternehmen in Österreich (Beträge
in Euro)
|
Unternehmen |
Jahresüberschuss |
Gewinnsteuern |
Prozent |
|
Immuno AG
(Baxter) |
16,6 Mio. |
950 |
0,01 |
|
Steyrermühl |
15,4 Mio. |
2.335 |
0,02 |
|
Spar |
18 Mio. |
30.875 |
0,18 |
|
Lauda Air |
3,3 Mio. |
23.942 |
0,72 |
|
Ericsson Austria
AG |
6,3 Mio. |
208.599 |
3,3 |
Quelle: AK
Oberösterreich
Wenn wir bedenken,
dass die Steuerbelastung bei einem mittleren Bruttoeinkommen
eines/einer ArbeitnehmerIn von monatlich etwa 1.600 € zum
Zeitpunkt obiger Erhebungen (1998) ca. 11,5 % ausmacht, dann
erkennen wir schon recht deutlich, dass die staatliche
Steuerpolitik für eine Umverteilung von „unten nach oben" sorgt.
Zum anderen muss –
eben angesichts eines zwingend eintretenden Dilemmas für das
Kapital und dann auch den Staat – über staatliche Nachfragepolitik
für eine Kompensation des Rückgangs der Binnennachfrage gesorgt
werden, der mit der monopolistischen Aneignung gesellschaftlichen
Reichtums verbunden ist: Denn die Konjunktur und das
Durchschnittseinkommen mögen in manchen Ländern zwar steigen – die
ungerechte Verteilung des Reichtums wird jedoch kontinuierlich
noch ungerechter, was gleichsam eine Gesetzmäßigkeit im
Kapitalismus darstellt. „Der Reichtum wächst in der
kapitalistischen Gesellschaft mit unglaublicher Geschwindigkeit –
zugleich mit der Verelendung der Arbeitermassen." (LW 18, S. 405)
Marx erklärt dies mit dem allgemeinen Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation, das in antagonistischer Weise konkreter Ausdruck der
Wirksamkeit des ökonomischen Grundgesetztes des Kapitalismus – des
Mehrwertgesetzes – ist: „Es bedingt eine der Akkumulation von
Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von
Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von
Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und
moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der
Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert." MEW 23,
S. 675)
Zur Veranschaulichung
im Folgenden eine Statistik, die zeigt, wie sich das theoretisch
errechnete Durchschnittseinkommen pro Kopf und Jahr in der
Realität jeweils auf die reichsten und die ärmsten 20% der
Bevölkerung aufteilt. Vom mathematischen Mittelwert ausgehend
verteilt sich das tatsächliche Einkommen unverhältnismäßig
zugunsten der ohnehin bereits reicheren Bevölkerungsschichten, der
Graben zwischen Arm und Reich wird kontinuierlich breiter, obwohl
die Durchschnittslöhne scheinbar steigen. Diese Tatsache gründet
sich wie gesagt als absolute Notwendigkeit innerhalb der Logik
kapitalistischer Verhältnisse und ist innerhalb dieses Rahmens
auch nicht lösbar. Diese ganze Polarisierung, die ungleichmäßige
Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, hat freilich auch
eine internationale Ebene, es besteht ein deutliches Gefälle
zwischen den kapitalistischen Zentren, den entwickelten
Industriestaaten (v.a. EU, USA, Japan) und den
Entwicklungsländern, der „Peripherie", was sich die
KapitalistInnenklasse – wie bereits dargelegt – ebenfalls zunutze
macht.
Tabelle:
Jahreseinkommen pro Kopf in ausgewählten Staaten (Beträge in
US-Dollar)
|
Region, Staat oder
Staatengruppe |
durchschnittliches
Einkommen/Kopf |
Einkommen der reichsten 20% |
Einkommen der ärmsten 20% |
|
Europäische Union |
19.619,2 |
| |