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Monopolkapital, Markt und Macht 

Bedürfnisse und Zwänge des Kapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts

von Tibor Zenker

 

1. Die beste aller Welten?

2. Kapitalismus im 21. Jahrhundert

3. Neoliberalismus und Globalisierung

4. Staat und Monopolkapital

 

 

 

1. Die beste aller Welten? 

Zwei Gespenster gehen um in der Welt – sie heißen Globalisierung und Neoliberalismus. Diese Begriffe werden heute oft dazu verwendet, den angeblich besonders aggressiven, expansiven, grenzenlosen und internationalen Charakter des gegenwärtigen Kapitalismus zu beschreiben. Ihr Umhergeistern im öffentlichen Diskurs, in den Medien und in der Politik macht eines deutlich: der Kapitalismus wirft nach wie vor Fragen auf, auf die die Menschheit Antworten sucht. Auch in den fortgeschrittenen Industrieländern kratzen die Flexibilisierung der Arbeit, steigende Beschäftigungslosigkeit, Standortlogik, der Privatisierungsdruck, Marktliberalisierungen und Deregulierung an der Oberfläche und Oberflächlichkeit abstrahierter westlicher Wohlstandsgemeinschaften, während für die Menschen in den abhängigen Ländern Krieg, Unterernährung, Wasserknappheit, Obdachlosigkeit, mangelhafte medizinische Versorgung, verheerende sanitäre Verhältnisse, bildungspolitische Degradierung und Kinderarbeit Normalität in Permanenz darstellen. Dagegen regt sich Widerstand in den kapitalistischen Zentren wie in der Peripherie. „Eine andere Welt ist möglich“, postuliert die sogenannte globalisierungskritische Bewegung, denn Millionen Menschen wollen nicht glauben, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Die Geister scheiden sich dort, wo sich die Frage stellt, ob eine andere, eine „soziale“ Marktwirtschaft, ein anderer Kapitalismus möglich ist, oder, wie trotz der Rückschläge 1989/90 Marxistinnen und Marxisten meinen, ob nur systemtranszendente Ansätze kapitalistische Krisen und imperialistische Kriege schlussendlich überwinden können – gibt es nur die Alternativen „Sozialismus oder Barbarei?“ Die einen wollen das marxistische Kind nicht mit dem Bade ausschütten, die anderen nicht den kapitalistischen Greis. Lassen wir die Kirche zunächst einmal im globalen Dorf und untersuchen wir, wie es konkret bestellt ist um die Vergreisungserscheinungen. Wie präsentiert sich der Kapitalismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

 

2. Kapitalismus im 21. Jahrhundert 

2004 ist nicht 1848 und nicht 1916. Wer eine ernsthafte Kapitalismusanalyse vornehmen will, wird sich nicht darauf beschränken können, gewissenhaft Marx, Engels und Lenin zu rezitieren wie ein Volksschulkind ein Muttertagsgedicht. Vielmehr ist es nötig, deren Aussagenkomplexe der permanenten Revision zu unterziehen, zu überprüfen, anzupassen und neue Erscheinungen zu integrieren sowie Überholtes zu verwerfen. Ausgehend von Grunderkenntnissen über das Wesen des Kapitalismus müssen eben diese auf eine konkrete historische Phase angewandt werden. Nur dies wird der Max’schen Forderung nach gegenständlicher Wahrheit der Theorie und der Einheit dieser mit der Praxis gerecht. Was wären nun auffällige Merkmale des gegenwärtigen Kapitalismus, die hervorhebenswert erscheinen? 

a) Herausgebildet haben sich riesige Konzerne, wie es sich weder Marx noch Lenin erträumt hätten. Von gerade einmal den zehn größten Konzernen der Welt gehen über 12% der globalen Wirtschaftsleistung aus. Diese Konzerne haben den Kapitalismus weitgehend in der Hand, sie haben aufgrund ihrer ökonomischen Potenzen die Möglichkeit, weltweit über Marktsphären, Arbeitsbedingungen und Preise zu bestimmen. Sie bestimmen nicht nur über das Schicksal von Millionen ArbeitnehmerInnen, sondern auch über jenes der Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen, die in der EU nach wie vor über 99% aller Unternehmen stellen. Der Druck der Großkonzerne treibt jedes Jahr mehr KMUs in den Ruin, sowohl in Deutschland wie in Österreich wurden im vergangenen Jahr Rekordwerte erreicht. Doch die Übermacht der Großkonzerne weitet sich noch aus, durch transnationale Fusionen und Übernahmen, wie sie seit wenigen Jahren ein gigantisches Ausmaß erreicht haben, werden aus großen Konzernen noch größere, erwähnt seien exemplarisch die Zusammenschlüsse von Daimler-Benz und Chrysler oder von Exxon und Mobil. Das heißt, wir erleben nichts anderes, als die fortgesetzte Zentralisation und Konzentration des Kapitals und die Konzentration der Produktion – dieser Prozess muss eine stetige Beschleunigung erfahren. Das ökonomische Gewicht der heutigen transnationalen Konzerne übersteigt jenes von ganzen Staaten, so sind bei einer Gegenüberstellung von Umsätzen und dem jeweiligen BIP mittlerweile mehr Konzerne als Staaten unter den 100 größten Wirtschaftseinheiten der Welt. Diesen ökonomischen Relationen entspricht ein politisches Machtverhältnis. 

b) Erleben wir also die Herausbildung riesiger Konzerne, so ist dieselbe Entwicklung im Bereich der Finanzkonzerne noch gravierender und folgenreicher. Die großen Banken und Versicherungen sammeln ungeheure Kapitalsummen und verteilen sie wieder. Dadurch bestimmen sie über das Wohl der gesamten Wirtschaft. Die Mehrheit der KMUs ist ohne die Kredite der Banken nicht lebensfähig, aber auch die Konzerne stehen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis. Wenn ihnen die Banken das Vertrauen und die Unterstützung entziehen, wird deutlich, dass auch Großkonzerne wie Fiat, Boeing, Worldcom oder Parmalat auf tönernen Füßen stehen. Banken und Versicherungen halten Aktienanteile an großen Industrie- und Handelsunternehmen, in deren Aufsichtsräten ihre Spitzenmanager auch direkte Kontrollfunktionen ausüben. Wird hier einerseits Bank- und Industriekapital bei bestimmender Rolle der Finanzkonzerne strukturell verknüpft, so erleben wir andererseits eine gewisse Verselbständigung und Beschleunigung der Finanzmärkte, wodurch die Produktionssphäre grotesker Weise zunehmend durch rein spekulative Abstraktionen bestimmt wird. 

c) Seit Lenins Analyse hat sich die Bedeutung des Kapitalexports einerseits weiter verstärkt, andererseits jedoch gewandelt. Nach wie vor werden seitens der Konzerne der Industriestaaten zwar große Summen produktiven Kapitals und Leihkapitals in die abhängigen Länder exportiert, wodurch diese einerseits in Abhängigkeit gehalten werden und andererseits in den Zentren „überschüssiges“ Kapital doch noch verwertet wird, der Großteil der FDI-Kapitalströme verbleibt heute jedoch in den Ländern der Triade, in den USA, Japan und v.a. der EU. Dies wird zum Mittel der monopolistischen Konkurrenz, es werden andere Unternehmen aufgekauft, Märkte zusammengelegt und Quoten übernommen, Arbeitsplätze eingespart und der eigene Konzern dadurch profitabler gemacht. Dies steigert wiederum die Übermacht der ohnedies bereits bestimmenden Großkonzerne stetig in einem bedeutenderen Ausmaß. 

d) Durch transnationale Fusionen und Übernahmen erlebt der Kapitalismus eine stetige Internationalisierung. Die Konzerne sind bemüht, nationale Schranken zu überwinden, es bilden sich Konzerne, die tatsächlich global agieren können und dies auch tun. Weltweit eröffnen sie sich und übernehmen sie Märkte über das Mittel des Kapitalexports, was wiederum den Warenexport begünstigt. Die kapitalistische Internationalisierung erfasst mit der tendenziellen Herausbildung eines globalen Produktionsverbunds auch den Arbeitsprozess selbst. Weltweit können die Konzerne in anderen Ländern Privatisierungen, Marktliberalisierungen und die staatliche Investitionspolitik in eine Richtung lenken, die ihnen zugute kommt. Die großen Konzerne stehen untereinander zwar in Konkurrenz, nützen aber kollektiv zur Umsetzung ihrer gemeinsamen Interessen ihre internationalen Organisationsformen wie WTO, Weltbank, IWF oder EU. 

e) Analog zu dieser ökonomischen Aufteilung der Welt unter den Großkonzernen sind auch politische Ansätze ihrer jeweiligen Nationalstaaten bzw. von Bündnissen wie EU oder NATO zu sehen. Nicht nur die Wirtschaft und die nationalen Unternehmen der abhängigen Länder der Peripherie und Semiperipherie werden unmittelbar unter die Kontrolle der großen Konzerne der Industriestaaten gebracht, sondern mittelbar auch diese Staaten selbst. Wo der ökonomische Druck in Form von Kredit- und Investitionspolitik nicht ausreicht, kommt auch die überlegene Militärmaschinerie der Industriestaaten zum Einsatz, um politisch kooperative Regierungen zu erhalten, sei es in Jugoslawien, in Afghanistan oder im Irak. Auch hier stehen die fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten untereinander in einem widersprüchlichen Verhältnis, das sowohl durch Kooperation wie durch Konkurrenz geprägt ist. 

Diese fünf Punkte kennzeichnen dem Inhalt nach die Hauptcharakteristika des gegenwärtigen Kapitalismus. Sie kennzeichnen diesen nach wie vor als Imperialismus, wenngleich sich einiges seit Lenins klassischer Imperialismusanalyse verändert hat. Folgende Punkte sind explizit herauszustreichen: 1. Die Entwicklung der technischen Seite der Produktivkräfte bringt qualitativ Neues hervor. Einerseits ermöglichen neue Technologien die Internationalisierung des Produktionsprozesses selbst, andererseits ist mit dem „Fortschritt“ ein militärisches Potenzial verknüpft, das sowohl die militärische Übermacht der imperialistischen Staaten und v.a. der USA gewaltig steigert als auch den Homo sapiens vor die Möglichkeit der Selbstvernichtung stellt, vor die Möglichkeit des gemeinsamen Untergangs der Menschheit. 2. Die industrielle Reservearmee wird zum stehenden Heer Beschäftigungsloser, die für den Kapitalismus zeitlebens unnütz sind und in keiner Statistik aufscheinen. Das betrifft ganze Kontinente wie Afrika, das betrifft aber auch in Europa junge Menschen, die bereits zu Beginn ihres erwerbsfähigen Alters schlicht und ergreifend nicht gebraucht werden (d.h. nicht verwertbar sind), genauso wie ältere Menschen und nicht zuletzt Frauen, die aus der (normalen) Erwerbsarbeit gedrängt werden. 3. Wie angesprochen erfasst die kapitalistische Internationalisierung (nicht als Zustand, sondern als Prozess) nach dem Waren- und Kapitalverkehr auch den Produktionsprozess selbst, wenngleich sich dies in einem frühen Stadium befindet. 4. Ebenfalls bereits oben angesprochen wurde die fortgeschrittene Entkoppelung der Finanzmärkte von der Produktionssphäre, d.h. von der Realwirtschaft. 5. 1989/90 markiert einen Wendepunkt für den internationalen Kapitalismus – der Wegfall der Systemkonkurrenz in Europa, einer durchaus realen Bedrohung, verändert die Rahmenbedingungen, die für den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts wesentlich waren, dramatisch. – Es sind dies alles Veränderungen, die auf Basis der Grundeigenschaften des Imperialismus vor sich gehen. Welche Formen sie annehmen, soll als nächstes untersucht werden. Was ist das spezifisch Neue, was als „Neoliberalismus“ und „Globalisierung“ verkauft wird bzw. werden soll?

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3. Neoliberalismus und Globalisierung 

Es ist mittlerweile fast schon Allgemeingut linker Kapitalismuskritik, aus dem „Kommunistischen Manifest“ zu zitieren, wenn das Thema „Globalisierung“ lautet. Üblicherweise wird auf die folgende prophetische Stelle verwiesen: „Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumption aller Länder kosmopolitisch gestaltet. (...) Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.[1] Das schreiben Marx und Engels um die Jahreswende 1847/48 über den international agierenden Kapitalismus. Und das ist es hintergründig und wesentlich eben auch tatsächlich – in seiner fortlaufenden Entwicklung – was heute gerne als „Globalisierung“ bezeichnet wird. Natürlich ist es widersinnig, darauf zu insistieren, dass sich seither nichts verändert hätte. Auf Basis der technischen Entwicklung der Produktivkräfte gibt es heute Möglichkeiten, die sich Marx wohl nie hätte träumen lassen – egal, ob es um Flugverkehr, Atomphysik, Gentechnik oder moderne Informationstechnologien geht. Dennoch ist offensichtlich, was der Inhalt der sogenannten „Globalisierung“ ist. Möglichst kurz gefasst bedeutet „Globalisierung“ also die fortgeführte kapitalistische Internationalisierung, die Etappe, die nun auch den Produktionsprozess selbst einbezieht – und dies freilich nicht ohne Rückwirkungen. Die Gesamtheit der mit dem Terminus „Globalisierung“ bezeichneten heutigen Erscheinungen kann definiert werden als die kapitalistische Form der Vergesellschaftung der Arbeit, die weltweite Maßstäbe erreicht hat. 

Welche Auswirkungen diese Internationalisierung des Produktionsprozesses wiederum fördert, liegt auf der Hand: Extraprofite für das Monopolkapital auf der einen Seite, internationalisierter Arbeitsmarkt- und Lohndruck, massive Arbeitsplatzvernichtung oder auch weltweit vorläufig institutionalisierte Entwicklungsunterschiede etc. auf der anderen Seite – das alles ist ja auch unabhängig vom verwendeten Oberbegriff. Es geht also in Wirklichkeit um eine bereits seit Jahrhunderten fortlaufende Entwicklung, deren grundsätzliche Gesetzmäßigkeiten, die Marx und Engels in ihrer Tendenz erkannt haben, die Lenin mit seiner Imperialismustheorie in ein System gebracht hat und die eben nicht nur nach wie vor Gültigkeit haben, sondern deren Prinzipien sich sogar kontinuierlich verstärken und ausweiten. Hier also von einer übergeordneten „Globalisierung“ zu sprechen, die nur in die „richtige Bahn“ zu lenken sei, über deren ursächliche Hintergründe – namentlich den Imperialismus – aber zu schweigen, ginge an den Kernpunkten der Kapitalismusanalyse nicht nur weiträumig vorbei, sondern negiert sie geradezu. Warum also dieser Begriff? Hans-Jürgen Burchardt hat die Antwort schon vor acht Jahren gegeben: „Die Globalisierungsthese rekrutiert ihre Argumente hauptsächlich aus sichtbaren Oberflächenphänomenen und basiert auf einer Überinterpretation von realen Tendenzen. Mit ihrem Defizit an wissenschaftlicher Analyse scheint sie eher ein ideologisches Konstrukt eines neoliberalen Globalisierungskonzepts zu sein, welches dann in gewendeter Form als Kritik präsentiert wird. Aber auch wenn die Globalisierungsthese im Kleide einer Kapitalismuskritik daherkommt, muss sie negiert werden. Denn ihre manchmal schon fast hysterisch anmutenden Überzeichnungen haben die konkrete Auswirkung, den Nationalstaat von seinem politischen Mandat als Verantwortlichen für die soziale Integration zu entbinden.[2] 

Lassen wir vier kubanische Wissenschafter zusammenfassen, womit wir es im Rahmen des Internationalisierungsprozesses zu tun haben: „Das Wesen der Transformationen, die sich im heutigen Imperialismus vollziehen, besteht vor allem im Niederreißen der nationalen Barrieren – ökonomisch, politisch, ideologisch und kulturell –, ... die heute die freie und ungehinderte Entwicklung der Monopole und einer Finanzoligarchie behindern, die eine eiserne Kontrolle über die die Weltwirtschaft bewegenden Fäden ausübt und die mit Hilfe einer transnationalen Machtmaschinerie die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen von weltweiter Bedeutung trifft. (...) Die Monopole halten ihre Verschmelzung mit den imperialistischen Staaten aufrecht, aber heute handelt es sich um die transnationalen Monopole. Diese Verschmelzung realisiert sich geradewegs als ein Moment des Prozesses der Transnationalisierung.[3] Um Missverständnissen, die hier möglich sein könnten, vorzubeugen, sind an dieser Stelle utopische Zukunftsvorstellungen, wie sie z.T. verbreitet sind oder von bürgerlichen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern herbeigeredet werden sollen, klar als unmöglich zu qualifizieren: Was es trotz eindeutig zu konstatierender Tendenzen in der Entwicklung der Monopole niemals geben wird, das ist ein „Weltstaat“ oder eine Weltgesellschaft der gesamten Menschheit, der analog zu heutigen Nationalstaaten hinter der gleichen bürgerlich-demokratischen Maske sodann den „friedlichen“ Imperialismus des globalen Monopols darstellt. Wesentlich ist, das transnationale Agieren der Konzerne nicht mit einem tatsächlich transnationalen Charakter zu verwechseln (auch wenn es vereinzelt multinationale Konzerne gibt). Der Kapitalismus gibt natürlich von Beginn an vor, dass er international wirkt. Das heißt aber nicht, dass es einen kapitalistischen Postimperialismus geben kann, der zwischenimperialistische Gegensätze aufhebt. Eine diesbezügliche Theorie, die in den letzten Jahren eine gewisse Popularität erlangt hat, ist jene der „Empire“-Autoren Michael Hardt und Antonio Negri. Sie schreiben: „Das Konzept des Empires ist grundlegend durch das Fehlen von Beschränkungen bestimmt: Die Regeln des Empire haben keine Grenzen. Zunächst und vor allem setzt das Konzept des Empires also ein Regime, das effektiv die räumliche Totalität erfasst, oder genauer über die gesamte ‚zivilisierte' Welt herrscht. Keine territorialen Beschränkungen begrenzen seine Herrschaft. (...) Schließlich, obwohl die Praxis des Empires beständig in Blut gebadet ist, ist das Konzept des Empires immer dem Frieden gewidmet – ein unaufhörlicher und universeller Frieden außerhalb der Geschichte.[4] Hier wird vorgegeben, wir würden – verwirklicht durch die „Globalisierung“ – in einer Periode des Postimperialismus leben. Hardt und Negri behaupten: „Die volle Verwirklichung des Weltmarktes ist notwendigerweise das Ende des Imperialismus.[5] Das ist in jedem Fall blanker Unsinn: Es gibt gegenwärtig keine „volle Verwirklichung des Weltmarktes“  (und der potentielle war schon zu Marx’ Zeiten realisiert), aber auch in sich geschlossen bleibt diese (also theoretische) Sichtweise unschlüssig. Daneben liefern die Autoren auch einerseits keinerlei substanziell neuen – über Marx, Lenin oder Gramsci hinausgehenden – Erkenntnisse und Perspektiven und bleiben größtenteils sogar weit zurück und nur im idealistisch-utopistischen Bereich. Andererseits werden in der Analyse grundlegende Zusammenhänge und Gegensätze des Imperialismus verklärt oder – sozusagen per Dekret – für aufgelöst erklärt (empirische Daten oder Fakten liefern die beiden nirgends). Es wird hier eine gewisse Verständnisresistenz für die politische Ökonomie des Kapitalismus an den Tag gelegt und das Wesen (oder besser: der Hintergrund) der „Globalisierung“ nicht erfasst – und das alles wird dann noch mit einem äußerst vagen, postmodern inspirierten Esperanto terminologisch geschmückt. Diese Theorie kommt dem Versuch gleich, im 21. Jahrhundert das Rad neu zu erfinden, und das Ergebnis – ist viereckig. 

Wie verhält es sich mit dem Neoliberalismus? „Neoliberalismus kennzeichnet Ideologie, Programm und Praxis des Umbaus der bisherigen keynesianisch bestimmten staatlichen Formierung der kapitalistischen Vergesellschaftung. Insofern ist Neoliberalismus wesentlicher ideeller und praktisch staatlicher Teil der sich neu herausbildenden Verhältnisse – und daher nicht gut geeignet das neue Ganze im Kern zu bezeichnen. (...) Weder verschwindet der Stamokap unvermittelt mit der Transnationalisierung von Produktion und Kapitalanlagen, noch verändert dies unmittelbar seine innergesellschaftliche Funktion.[6] Es geht um eine ökonomische Umstrukturierung des staatmonopolistischen Kapitalismus, Leo Mayer meint: „Der staatsmonopolistische Herrschafts- und Machtapparat wird in einem Prozess der De-Nationalisierung, der Umwandlung des Nationalstaates und der Herausbildung transnationaler ... Regulierungseinrichtungen so angepasst, dass dem transnationalen Kapital unter den Bedingungen der Weltmarktkonkurrenz optimale Verwertungsbedingungen geboten werden. (...) Im Konzept des Neoliberalismus formulieren sich die Interessen des weltmarktorientierten transnationalen Finanzkapitals an weltweiter freier Zirkulation des Kapitals, Öffnung der Märkte und Aufhebung des nationalen oder sozialen Schutzes der Kosten der Arbeitskraft.[7] Ausgehend von diesen Beobachtungen Mayers ist es jedoch wesentlich, eine Form, die sich ein Grundprinzip gibt, nicht mit eben diesem Grundprinzip zu verwechseln. Es geht keineswegs um den Abbau oder die Auflösung staatsmonopolistischer Zusammenhänge, sondern um Wandlungen, darum, den Imperialismus effizienter zu gestalten. Manfred Sohn z.B. meint: „Das, was mit der Etikette Neoliberalismus verkauft wird, ist politisch keine neue Erscheinung, sondern im wesentlichen ein neuer Ausdruck für die ungehemmte Neuentfaltung des nach innen repressiven und nach außen aggressiven Wesens des Imperialismus.“[8] Ähnlich argumentiert Hans Heinz Holz, er spricht von einer „Deregulierungspolitik ... , die sich unter dem Namen des ‚Neoliberalismus’ ein ideologisches Deckmäntelchen schuf. Tatsächlich hat die neue Praxis des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft mit dem klassischen Liberalismus wenig gemein, sondern ist nur eine neue Art der Instrumentalisierung der Staatsfunktionen für die Interessen des großen Kapitals.[9] Es geht gewisser Maßen um „regulierte Deregulierung“. Und noch eine Argumentationslinie wollen wir in diesem Zusammenhang eröffnen (bzw. eigentlich gleich wieder schließen): Bisweilen wird behauptet, dass die Inhalte des Neoliberalismus (Deregulierung, Privatisierung) die Rolle des Staates so signifikant verändert haben, dass der staatsmonopolistische Kapitalismus überholt sei, und die Staatsausgabenquote in bezug auf das BIP (oder auch das BSP) muss als Indikator herhalten. Abgesehen davon, dass diese abstrahiert eher untauglich ist, das Machtinstrument Staat in seiner Beziehung zu den Monopolen zu charakterisieren, würde auch damit die These des „Abbaus“ des Stamokap nicht wirklich gestützt: Die Staatsquote in Prozent des BIP betrug in Österreich 1990 48,5%, stieg bis 1995 auf 52,6% und bleibt seit 1997 relativ konstant über 51% (2002: 51,6%). Die Beispiele anderer Staaten zeigen sogar einen deutlichen Anstieg (Vergleich 1990 und 1999), so etwa bei der Schweiz von 33,1% auf 38,5%, bei Deutschland von 43,8% auf 45,6% (2002: 48,9%) oder bei Japan von 31,3 auf 38,1%. 

Was können und müssen wir aber hier anmerken? Wenn sich die Staatseinnahmen und -ausgaben in Relation zum BIP kaum verändern oder sogar steigen und es dennoch spürbar Sozialabbau, Selbstbehalte, Bildungsgebühren und den staatlichen Rückzug aus der Pensionssicherung gibt– wo kommt das Geld, das offenkundig da sein muss, dann hin? Der Staat nimmt hier seine unmittelbarste Rolle im staatsmonopolistischen Kapitalismus wahr: Er sichert und fördert vermehrt die Akkumulationsbedingungen des transnationalen Monopolkapitals durch entsprechende Ausgaben, Subventionen, Zuwendungen, Erleichterungen etc. sowie im Sinne der imperialistischen Militarisierung. Auf der anderen Seite müssen dann logischerweise die Aufwendungen zugunsten der Lohnabhängigen zurückgenommen werden bzw. für die Masse der ArbeitnehmerInnen die Steuern erhöht werden – klassische kapitalistische Umverteilungspolitik „von unten nach oben“ über den Staatshaushalt. „Mehr privat – weniger Staat“ ist also nur bedingt gültig bzw. nur dort und so weit, wo und wie es dem Monopolkapital nützt. 

Schlussendlich kann – trotz durchaus substanziellen Inhalts – vom Neoliberalismus keineswegs als einer umfassend neuen Phase kapitalistischer Entwicklung gesprochen werden, sondern nur von Auswirkungen eines logischen fortlaufenden Prozesses. Insofern birgt die Reduzierung der Kritik auf den „Neoliberalismus“ die Gefahr, dass die Ursache übersehen wird: der Imperialismus selbst. Eine Oberflächenbeschreibung ist und ersetzt keine Inhaltsanalyse. Daher darf die inhaltliche Klarheit in Sprache und Terminologie nicht verwässert werden, und in eine solche Richtung würde es führen, „wenn sich die gesellschaftspolitische Kritik auf den ‚Neoliberalismus’ konzentriert, wenn eine Wortschöpfung reaktionärer Ideologie ... für bare Münze und Erscheinungen für das Wesen genommen werden. Nicht der Imperialismus liegt im theoretischen Visier, sondern vielmehr eine derzeit dominierende, durch ihre besondere kapitalistische Nacktheit auffallende Variante. Mit der Kampfansage an den ‚Neoliberalismus’ und damit, dass die Selbstaussage einer apologetischen Verlegenheitsideologie bürgerlicher Ökonomen akzeptiert  (und übernommen) wird, kann das Wesen des Gemeinten, nämlich eine Erscheinungsform des staatsmonopolistischen Kapitalismus zu sein, verschleiert und können Illusionen über den ‚Markt’ genährt werden.[10] Hier sei nachdrücklich angemerkt, dass dies von äußerster Wichtigkeit ist: Das Gegenstück zum Neoliberalismus mag der Keynesianismus sein. Der staatsmonopolistische Imperialismus, mit dem wir es nach wie vor zu tun haben, verlangt aber eine andere Alternative – und die heißt Sozialismus. Der Neoliberalismus ist also nicht Erklärungsansatz, sondern umgekehrt erklärt er sich aufgrund materieller Bedingungen der Weltwirtschaft, der Interessen der riesigen transnationalen Monopole und der globalen politischen Situation, die sich herausgebildet haben und dem Keynesianismus, der „sozialen Marktwirtschaft“ und dem „Sozialstaat“ die materielle Grundlage, aber bis zu einem gewissen Grad auch die Notwendigkeit entziehen müssen. Nicht zuletzt auch das Ende der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten und somit des Systemstreits in Europa war in dieser Hinsicht förderlich. Der Neoliberalismus ist vor diesem Hintergrund als imperialistische Konteroffensive zu sehen. Und dass die imperialistische Offensive auch im militärischen Sinne zu verstehen ist, beweisen außenpolitisches Vorgehen und Selbstverständnis der USA sowie die Militarisierung der EU. Frank Deppe stellt fest, dass etwa der imperialistische Krieg „neuen Typs“ wie jener gegen Jugoslawien 1999 oder in Afghanistan 2002 eine Form ist des „Neoliberalismus im Übergang von der Marktliberalisierung zur politischen (auch militärischen) Disziplinierung, denn die Marktliberalisierung hat die Widersprüche, die sie überwinden wollte, keineswegs aufgehoben, sondern eher noch verstärkt und neue Widersprüche und Konflikte erzeugt. Daher tritt nun die Seite der politischen Repression sehr viel stärker in den Vordergrund.[11] Das Resultat ist also die Effektivierung aggressiver und repressiver staatsmonopolistischer Mechanismen, es zeigt sich in aller Deutlichkeit, dass, wie schon Karl Liebknecht formulierte, der Imperialismus für repressiven Militarismus nach Innen und aggressiven Militarismus nach Außen steht: nach Außen also Kosovo, Afghanistan und Irak, nach Innen Genua 2001. Was die rein ökonomisch-soziale Seite betrifft, so manifestiert sich der „neoliberale Umbau“ nun z.B. in der Senkung der Kosten der Arbeitskraft, allgemeinem Sozial- und Lohnabbau, der weiteren Schwächung der Gewerkschaften, allgemeiner Kostenentlastung entsprechend den Interessen des Monopolkapitals sowie – nicht zuletzt – eben umfassenden Privatisierungen. Letztere zeigen, dass neoliberale Konzeptionen gegenwärtig die globale Hegemonie innehaben, wie das Beispiel GATS zeigt. Diese internationale Dimension zeugt wiederum jedoch nur davon, dass die Entwicklung des Kapitalismus seit langem seine fortlaufende Internationalisierung beinhaltet.

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4. Staat und Monopolkapital 

Der bürgerliche Staat als Geschäftsausschuss des Monopolkapitals erhält also neue Aufgaben. Er muss Marktöffnungen und Privatisierungen ermöglichen. Die nationalen Regierungen sind es, deren politischer Dreh- und Angelpunkt nun sein muss, die Entfaltungsbedingungen des transnationalen Monopolkapitals zu optimieren – und der imperialistische Staat muss vermehrt fähig sein, die Interessen der Monopole tatsächlich weltweit geltend zu machen. Vor diesem Hintergrund wäre es Unsinn, zu behaupten, die Rolle des Staates ändere sich qualitativ durch einen nachhaltigen Bedeutungsverlust. Das Gegenteil ist der Fall, die Staaten der imperialistischen Zentren bleiben Handlungsträger des Monopolkapitalismus in seinen supranationalen Gremien, die als Mittel der fortlaufenden Internationalisierung mit dem Gesicht einer faktischen Kontinentalisierung oder Blockbildung dienen, so z.B. in WTO, IWF, Weltbank, UNCTAD, NATO, EU etc. Nach wie vor ist der Staat mit seiner Steuer- und Investitionspolitik wichtigstes Instrument der Beschleunigung der Kapitalakkumulation. Letztlich bleibt „neoliberale Deregulierung" daher nichts anderes als Regulierung im Zusammenspiel staatlichen Handelns und monopolkapitalistischer Wirtschaftskraft – also das Grundprinzip staatsmonopolistischer Herrschaft. Die staatsmonopolistische Phase des Imperialismus steht also hinter den Wesensmerkmalen und ist das eigentliche Wesen der „neoliberalen Globalisierung“, die zwar als Prinzip erscheint, aber in Wirklichkeit nur eine Ausdrucksform ist. Zwei der Aufgaben staatlicher Politik wollen wir nun herausnehmen, nämlich die Privatisierung profitabler Staatsbetriebe sowie die Öffnung bisher staatlich gesicherter Bereiche für die Profitmacherei. 

Gegenwärtige Privatisierungen sind nicht zu begreifen, ohne den Charakter der Verstaatlichung von Betrieben nach dem Zweiten Weltkrieg offen zu legen. Gerade in Österreich wird deutlich, worin der Zweck kapitalistischer Verstaatlichung liegt. 1946 beschloss der Nationalrat die Verstaatlichung der Großbanken, des Erz- und Kohlebergbaus, der Erdölförderung und der Raffinerien, der Eisen- und Stahlwerke sowie der Elektro- und Chemieindustrie. Eine strategische Ergänzung dazu war das weitgehende Staatsmonopol im Transportwesen (Bahn, Luftfahrt, Binnenschifffahrt). Eine Regelung der Organisationsform der verstaatlichten Betriebe im Sinne einer echten Vergesellschaftung oder auch nur einer Selbstverwaltung in minimalen Ansätzen wurde freilich nie beschlossen, der Charakter der Aktiengesellschaften blieb – nunmehr eben zu 100% im Eigentum des Staates – aufrecht. Der Mehrwert landete und landet über den „Umweg“ des Staatshaushalts als hilfreiches Regulativ schlussendlich erst wieder in den Taschen der Bourgeoisie. In ihrer Form spielten die verstaatlichten Betriebe eine wesentliche Rolle als billige, d.h. unter dem Weltmarktpreis zuliefernde Rohstofflieferanten und Grundstoffproduzenten für den Wiederaufbau der Privatwirtschaft, der Einstieg in die Endfertigung war der verstaatlichten Industrie folgerichtig weitgehend untersagt. Nun, da in Österreich die Kapitalherrschaft – im Vergleich zu den führenden kapitalistischen Staaten spät aber doch – weitestgehend konsolidiert ist, können jene Betriebe, die inzwischen entsprechende Profite garantieren können und ihre Aufgaben erfüllt haben, wieder offen privatisiert werden. So einfach ist das und nicht einmal jemandem wie Konrad Paul Liessmann gelingt es, die Hintergründe zu übersehen: „Hinter der Rhetorik des Reformgeists zeichnet sich mitunter ein eindeutiger Sinn der Reformen ab: Aus öffentlichem Eigentum soll Privateigentum, aus öffentlichen Angelegenheiten sollen Privatangelegenheiten werden. Der Reformgeist hält die res publica dann am besten gewahrt, wenn sie zu einer res privata geworden ist, und ist davon überzeugt, dass die Verfolgung privater Laster durch die unsichtbare Hand des gnädigen Marktes stets in öffentliche Tugenden mündet. (…) Nicht immer, aber ziemlich oft geht es dabei letztlich um eine Verschiebung von Eigentumsverhältnissen zugunsten von Vermögen und Kapital. Dieses wird in der Regel dann auch von allen schmerzhaften Reformen ausgenommen, wenn es nicht ohnehin unmittelbar von diesen profitiert.[12] Die Verstaatlichung in Österreich war also ein wesentlicher Faktor zur Herausbildung des staatsmonopolistischen Herrschaftssystems, nachdem der Nationalsozialismus in Österreich das ökonomische Fundament hierzu gelegt hatte. Der US-Imperialismus zog auf diesem im freien Europa die Mauern hoch, die EU setzt noch den Stacheldraht drauf – und die Privatisierungen der Gegenwart sind der logische Abschluss dieses Prozesses.

Privatisierungen sind freilich – z.T. antizipiert – die konsequente und logische Antwort auf die kapitalistische Akkumulationskrise. Das internationale Monopolkapital benötige einen „stetigen Strom an Einnahmen“, schreibt das „Handelsblatt“[13] – außerhalb der Düsseldorfer Re(d)aktion wird dies „Profitrate“ genannt. Nun ist der Kapitalismus aber nicht dazu in der Lage, deren Stetigkeit zu garantieren, d.h., das Großkapital muss sich seine Monopolprofite sichern – auf Kosten der KMUs, der Kommunen, der Menschen als ArbeitnehmerInnen und KonsumentInnen sowie der weniger entwickelten Länder der Peripherie und Semiperipherie. Und der Staat ist es, der die Akkumulationsbedingungen zu optimieren hat. Zentral ist hierbei die Frage der Privatisierung der öffentlichen Grundversorgung. Das Wort Grundversorgung impliziert, dass es um Bereiche der unmittelbaren menschlichen Existenz geht – um Überlebensfragen. Wer kein Geld hat, kauft sich vielleicht keinen PC, kein Handy oder keinen Chrysler Voyager – aber wer in Europa kann schon ohne Wasser, Strom oder medizinische Versorgung überleben? Wer kann es sich leisten, von der Kommunikation ausgeschlossen zu sein, und sei es nur die lahme Briefpost? Das bedeutet, hier eröffnet sich für das Monopolkapital ein Bereich, der für die Menschen unabdingbar ist, der daher auch – sofern die Menschen nicht absolut verarmen – einen „stetigen Strom an Einnahmen“ garantiert. Was kann lukrativer sein, als öffentliche Verkehrsmittel in die Hand zu bekommen? Was wertvoller, als die Abfallentsorgung? Was profitabler, als die Gewährleistung der Brandbekämpfung durch die Feuerwehr nur gegen Cash? Am Endpunkt dieser Entwicklung kann nur die Totalprivatisierung des Wiener Zentralfriedhofs stehen – auch das ist ein todsicheres Geschäft.

Der Output dieser Vorgängen für die Ebene der „KonsumentInnen“ ist klar: es kommt – entgegen allen Versprechungen – zu Qualitätsverlusten, Preissteigerungen und (z.T. bewusst herbeigeführten) Versorgungsengpässen, viele Menschen werden sozial und kulturell vermehrt aus der (angeblichen Wohlstands-)Gesellschaft gedrängt. Was in Wirklichkeit absehbar war, führt dennoch zu Überraschungen bei den Betroffenen, in Kalifornien (Energiewirtschaft) genauso wie in Großbritannien (Bahn, Gesundheitswesen) oder Potsdam (Wasserwirtschaft) – tja, „Willkommen im freien Markt!“ – Doch das alles verursacht Widerstand: in Cochabamba genauso wie in Seattle, Genua und sogar in Salzburg. Darauf folgt imperialistische Repression, denn Gewalt – in welcher Form immer – bleibt Vermittlungsmechanismus der „neoliberalen Globalisierung“.

Fassen wir zusammen. Alle, ja ausnahmslos alle Bereiche des menschlichen Lebens sollen den Gesetzen des unfreien Marktes untergeordnet werden, damit das Monopolkapital seine Akkumulationsbedingungen stetig optimiert. Der mit den Monopolen verwachsene staatliche Machtapparat sichert dies juristisch und im Zweifelsfall militärisch ab. Vielleicht abschließend doch wenigstens einmal Lenin zitieren? – „Ist das Monopol einmal zustande gekommen und schaltet und waltet es mit Milliarden, so durchdringt es mit absoluter Unvermeidlichkeit alle Gebiete des öffentlichen Lebens, ganz unabhängig von der politischen Struktur und beliebigen anderen ‚Details’.[14] Damit ist schon klar, dass es eine berechtigte Frage ist, wie es sein kann, dass die menschliche Gesundheit zur Ware werden soll. Und wie kann es sein, dass die Altersversorgung Marktgesetzen untergeordnet wird? Wie kann das Grundrecht auf Wohnen und wie jenes auf Bildung zur Ware werden? Diese Fragen abstrakt zu behandeln, ermöglicht humanistische, verantwortungsbewusste Entgegnungen auf Basis allgemeiner Vorstellungen von Gerechtigkeit. Um diese Fragen konkret anzugehen, kann jedoch die übergeordnete Frage nicht ausgeklammert werden: Warum und unter welchen Bedingungen ist der Mensch mit seiner Arbeitskraft eine Ware? 


 

Fußnoten:

[1] Marx, Karl/Engels Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW 4, S. 465 f.

[2] Burchardt, Hans-Jürgen: Die Globalisierungsthese – von der kritischen Analyse zum politischen Opportunismus. In: Das Argument 21/1996, S. 751 f.

[3] Cervantes Martinez, Rafael/Gil Chamizo, Felipe/Regalado Alvarez, Roberto/Zardoya Loureda, Rubén: Transnacionalización y Desnacionalización. Havanna 1998, S. 24

[4] Hardt, Michael/Negri, Antonio: Empire. Cambridge (Mass.)/London 2000, S. xiv f.

[5] ebd., S. 332 f.

[6] Miehe, Jörg: Imperialismus heute – neue Entwicklungen und Tendenzen. In: Unsere Zeit, 24.9.1999

[7] Mayer, Leo: Ein Beitrag zur Analyse des heutigen Imperialismus. In: Unsere Zeit, 16.3.2001

[8] Sohn, Manfred: Zur Dialektik politischer und ökonomischer Momente in der Imperialismusanalyse. In: Großmachts- und Kriegspolitik heute, Bonn, 1997, S. 37

[9] Holz, Hans Heinz: Imperialismus im 21. Jahrhundert. In: Unsere Zeit, 8.2.2002

[10] Gudopp, Wolf-Dieter: Über den Imperialismus und „die Periode der Weltkriege“ (Rosa Luxemburg). In: Großmachts- und Kriegspolitik heute, Bonn 1997, S. 89 f.

[11] Deppe, Frank: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. In: Junge Welt, 7.9.1999

[12] Liessmann, Konrad Paul: Karl Marx im Reformhaus. In: Der Standard, 2.1.2004

[13] zitiert nach: Volksstimme 33/2003

[14] Lenin, W. I.: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. In: LW 22, S. 241

 

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