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Vor
einiger Zeit ist uns ein Artikel in die Hände geraten, in dem Enrico
Leone - in der ihm allzu häufig eigenen nebelhaften und verwickelten
Form - einige Gemeinplätze über Kultur und Intellektualismus und ihrem
Verhältnis zum Proletariat wiederholte. Leone stellt ihnen die Praxis,
das historische Faktum, gegenüber, durch die die Klasse mit eigenen
Händen die Zukunft vorbereite. Wir glauben, man tut gut daran, dieses
Thema wieder aufzugreifen, das auch schon früher im Grido behandelt
wurde und vor allem in der Avanguardia eine mehr theoretische
Behandlung, durch die Polemik zwischen Bordiga aus Neapel und unserem
Tasca, erfuhr.
Wir
bringen zwei Zitate in Erinnerung: das eine von Novalis: »Die höchste
Aufgabe der Bildung ist, sich seines transzendentalen Selbst zu
bemächtigen, das Ich seines Ichs zugleich zu sein. Um so weniger
befremdlich ist der Mangel an vollständigem Sinn und Verstand für
andre. Ohne vollendetes Selbstverständnis wird man nie andere wahrhaft
verstehen lernen.« Das andere, das wir hier dem Inhalt nach kurz
wiedergeben, ist von G. B. Vico. Er interpretiert den berühmten
Ausspruch von Solon »Erkenne dich selbst«, den später Sokrates
übernahm, philosophisch. Vico behauptete, daß Solon mit diesem
Ausspruch die Plebejer zum Nachdenken hätte anhalten wollen, die
glaubten, tierischen Ursprungs zu sein, die Adeligen dagegen seien
göttlicher Herkunft; sie sollten erkennen, daß sie menschlicher Natur
seien wie die Adligen, und sollten fordern, mit jenen im bürgerlichen
Recht gleichgestellt zu werden. Und Vico setzt dann dieses Bewußtsein
der menschlichen Gleichheit von Plebejern und Adligen als Ursache und
historische Begründung für die Entstehung der demokratischen
Republiken der Antike.
Wir
haben keinesfalls diese beiden Zitate aufs Geratewohl herangeholt. Sie
scheinen uns die Prinzipien anzudeuten oder auch vage auszudrücken und
zu definieren, auf denen sich auch im Sozialismus ein rechtes
Verständnis des Begriffs Kultur gründen sollte.
Man
muß sich abgewöhnen, die Kultur als enzyklopädisches Wissen zu
begreifen, wobei der Mensch nur wie ein Gefäß betrachtet wird, das mit
empirischen Daten und rohen, unzusammenhängenden Fakten anzufüllen
ist; er muß sie in seinem Gehirn wie in den Spalten eines Wörterbuchs
anordnen, um dann bei jeder Gelegenheit auf die verschiedenen Reize
der Außenwelt reagieren zu können. Diese Form der Kultur ist wahrhaft
schädlich, besonders für das Proletariat. Die Folge davon sind
verschrobene Leute, die sich der übrigen Menschheit überlegen dünken,
weil sie in ihrem Gedächtnis eine gewisse Anzahl von Daten aufgehäuft
haben, die sie bei jeder Gelegenheit vor sich herplappern, um so
nachgerade eine Mauer zwischen sich und den anderen aufzurichten. Die
Folge ist jener gewisse dämpfige und farblose Intellektualismus, der -
treffend von Romain Rolland gegeißelt - ein ganzes Rudel von
Eingebildeten und Phantasten erzeugte, die das gesellschaftliche Leben
mehr zerstören als der Tuberkelbazillus und die Syphilis die Schönheit
und Gesundheit des Körpers zerstören können. Das Studentlein mit
seinen wenigen Latein- und Geschichtskenntnissen und der
Winkeladvokat, dem es gelungen ist, der Unlust und dem Schlendrian der
Professoren einen lumpigen Doktortitel zu entreißen, sie glauben, auch
dem besten Facharbeiter überlegen zu sein und sich von ihm zu
unterscheiden, der im Leben eine genau umrissene, unentbehrliche
Aufgabe erfüllt und in seiner Tätigkeit hundertmal mehr wert ist als
die anderen. Ihre Tätigkeit ist keine Kultur, sie ist Pedanterie, sie
ist keine Intelligenz, sondern Intellekt, und dagegen reagiert man zu
Recht.
Kultur
ist etwas ganzes anderes. Sie ist Organisation, Disziplin des eigenen
Ichs, Besitz der eigenen Persönlichkeit, Eroberung eines höheren
Bewußtseins, mit dessen Hilfe es gelingt, den eigenen geschichtlichen
Wert zu begreifen, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte
und Pflichten. Aber all das kann nicht auf dem Wege spontaner
Entwicklung erfolgen, durch willensunabhängige Aktionen und
Reaktionen, wie in der Natur bei Pflanzen und Tieren, wo jedes
einzelne, vom Gesetz der Dinge bestimmt, die eignen Organe unbewußt
selektiert und spezifiziert.
Der
Mensch ist vor allem Geist, geschichtliche Schöpfung und nicht Natur.
Sonst ließe sich nicht erklären, warum - da es immer Ausgebeutete und
Ausbeuter gegeben hat, immer Produzenten von Reichtum und egoistische
Konsumenten dieses Reichtums - sich der Sozialismus noch nicht
verwirklicht hat. Das bedeutet, daß nur Schritt für Schritt, Schicht
um Schicht die Menschheit das Bewußtsein des eigenen Werts erlangt und
sich das Recht erworben hat, unabhängig von den Vorstellungen und
Vorrechten von Minderheiten zu leben, die sich geschichtlich früher
durchsetzten. Und dieses Bewußtsein hat sich nicht unter dem brutalen
Stachel physiologischer Notwendigkeiten entwickelt. Vielmehr haben
erst einige, dann eine ganze Klasse, über die Ursache gewisser
Tatsachen und über die besten Mittel nachgedacht, aus ihnen statt
Anlässen zur Unterdrückung Momente der Rebellion und des
gesellschaftlichen Wiederaufbaus zu machen. Das bedeutet, daß jeder
Revolution eine intensive kritische Arbeit vorausging, daß zunächst
widerspenstige Menschen kulturell und »ideologisch« durchdrungen
wurden, Menschen, die nur bedacht waren, täglich, stündlich ihre
eigenen ökonomischen und politischen Probleme für sich allein zu
lösen, ohne mit den anderen, die sich in der gleichen Lage befinden,
solidarisch zu erklären. Das letzte, uns nächste Beispiel, ist die
Französische Revolution. Die vorausgegangene kulturelle Periode der
Aufklärung, so sehr von den unbeschwerten Kritikern der theoretischen
Vernunft diffamiert, war keineswegs oder zumindest nicht nur ein
Gefasel oberflächlicher enzyklopädischer Geister, die von allem und
jedem mit gleicher Unerschütterlichkeit redeten und glaubten, nur dann
Menschen ihres Zeitalters zu sein, wenn sie die Große Enzyklopädie
D'Alemberts und Diderots gelesen hatten. Es war keineswegs nur ein
Phänomen pedantischen und unfruchtbaren Intellektualismus, wie wir ihn
geißelten und der seinen höchsten Ausdruck in den Volkshochschulen
schlimmster Güte findet. Die Aufklärung war selbst eine großartige
Revolution, die - wie De Sanctis scharfsinnig in seiner Geschichte der
italienischen Literatur bemerkt - sich in ganz Europa als
einheitliches Bewußtsein herausgebildet hatte, als eine bürgerliche
geistige Internationale, die in jedem ihrer Teile die gemeinsamen
Unglücksfälle und Schmerzen fühlte und die die beste Vorbereitung für
den blutigen Aufstand war, der sich dann in Frankreich abspielte.
In
Italien, Frankreich, in Deutschland diskutierte man die gleichen
Probleme, die gleichen Institutionen, die gleichen Prinzipien. Jede
neue Komödie Voltaires, jedes neue Pamphlet war wie ein Funke, der
längs der von Staat zu Staat, von Land zu Land gespannten Drähte
übersprang und Zustimmende und Ablehnende überall und zu gleicher Zeit
fand. Die Bajonette der napoleonischen Armeen fanden bereits den Weg
von einem unsichtbaren Heer von Büchern und Broschüren geebnet, die
von Paris seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgeschwärmt
waren und Menschen und Institutionen für die notwendigen Erneuerungen
vorbereitet hatten. Später, als die französischen Ereignisse das
Bewußtsein geschärft hatten, genügte ein Volksaufstand in Paris, um
ähnliche Aufstände in Mailand, Wien und in kleineren Zentren
auszulösen. All das scheint natürlich, spontan und leicht; es wäre
hingegen unvorstellbar, wenn nicht die kulturellen Faktoren bekannt
wären, die zu jenen Gefühlen beitrugen, die für eine gemeinsam
geglaubte Sache sich zu entladen bereit waren.
Das
gleiche Phänomen wiederholt sich heute beim Sozialismus. Durch die
Kritik an der kapitalistischen Zivilisation hat sich das einheitliche
Bewußtsein des Proletariats gebildet oder ist im Begriff sich zu
bilden, und Kritik bedeutet Kultur, und nicht bloß spontane und
naturalistische Entwicklung. Kritik heißt eben jenes Bewußtsein des
Ich, das Novalis als Ziel der Kultur bezeichnete; ein Ich, das sich
den anderen entgegenstellt, sich differenziert und - nachdem es sich
ein Ziel gesteckt hat - die Tatsachen und Ereignisse nicht nur an sich
und für sich beurteilt, sondern auch als vorwärtstreibende oder
rückwärtsdrängende Werte. Sich selbst erkennen, heißt selbst sein,
heißt Herr seiner selbst sein, sich unterscheiden, aus dem Chaos
heraustreten, heißt ein Element der Ordnung sein, aber der eigenen
Ordnung und der eigenen, einem Ideal zugewandten Disziplin. Und dies
erreicht man nicht, wenn man nicht auch die anderen kennt: ihre
Geschichte, die Serie ihrer Anstrengungen, zu sein, was sie sind, die
Zivilisation zu gründen, die sie gegründet haben und die wir durch
unsere Zivilisation ablösen wollen. Es bedeutet zu wissen, was die
Natur und ihre Gesetze sind, um die Gesetze zu kennen, die den Geist
regieren. Und all dies lernen, ohne das letzte Ziel aus den Augen zu
verlieren: besser sich selbst durch die anderen und die anderen durch
sich selbst kennenzulernen.
Wenn
es stimmt, daß die Universalgeschichte eine Kette von Anstrengungen
ist, die der Mensch unternommen hat, um sich von Privilegien,
Vorurteilen und Götzenverehrung zu befreien, so ist nicht zu
verstehen, weshalb das Proletariat, das dieser Kette einen weiteren
Ring hinzufügen will, nicht vissen darf, wie und warum, wer sein
Vorgänger gewesen ist und welchen es aus diesem Wissen ziehen könnte.
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