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Die Fragen nach Sinn, Bedeutung und Möglichkeiten
eines geschlechtergerechten Sprachgebrauchs bleiben bis heute
umstritten – auch in der politischen Linken. Wir wollen uns daher
diesen Fragestellungen widmen und im Folgenden aufzeigen, wie einige
brauchbare Leitlinien aussehen könnten. Beginnen möchten wir aber mit
der Behandlung von zwei oft gehörten „Argumenten“ von Gegnerinnen (die
gibt es auch) und Gegnern eines geschlechtergerechten Sprachgebrauchs.
Zwei Einwände
„Haben wir keine anderen Probleme?“ – Die
haben wir gewiss. Doch als SozialistInnen müssen wir wissen, dass
einzelne Widersprüche und Gegensätze im Kapitalismus sich nicht
grundsätzlich in eine Schlange der Notwendigkeiten reihen lassen.
Widersprüche, die neben dem kapitalistischen Grundwiderspruch zwischen
Kapital und Arbeit bestehen, lösen sich nicht mit diesem en passant.
Sie haben von diesem unabhängige Komponenten, die auch unabhängig und
konkret bekämpft werden müssen. Zwar geben wir uns nicht der Illusion
hin, dass der Geschlechtergegensatz im Rahmen des Kapitalismus
tatsächlich überwunden werden kann, aber auch in der Frage der
Frauenemanzipation und -befreiung gilt, dass unmittelbare
Verbesserungen in der bürgerlichen Gesellschaft erreicht werden
können, die sodann auch die materiellen Voraussetzungen für die
Überwindung jeglicher Ungleichheit und jeglicher Unterdrückung des
Menschen durch den Menschen sein werden. Daher kann auch hier kaum
gegeneinander abgewogen werden, denn es gilt, auf allen Ebenen alle
Ressourcen allen Fragestellungen zu widmen – dies nicht zuletzt
deshalb, weil sie eben zusammen zu guter letzt einen
gesellschaftlichen Kontext ergeben, der in seiner Gesamtheit zu
überwinden ist.
„Das bewirkt doch nichts!“ – Kein Mensch
wird so naiv sein, zu glauben, dass über die Veränderung der Sprache
allein jene materiellen Veränderungen erfolgen, die zur Gleichheit der
Geschlechter führen. Doch es ist keineswegs eine idealistische
Herangehensweise, diesbezüglich einen Beitrag zu erwarten. Die
Gesellschaft materialistisch-dialektisch zu erklären, bedeutet nicht,
alles auf einer Einbahnstraße aufgrund der ökonomischen Basis zu
erklären, sondern die Beziehung zwischen Basis und Überbau eben
dialektisch, d.h. interaktiv zu fassen. Das bedeutet, dass hier eine
wechselseitige Beziehung herrscht, von der Marx und Engels ja nur
sagten, dass die Basis das in letzter Instanz bestimmende Element sei
– dies heißt aber eben nicht, dass es keine Rückwirkung gibt. Somit
ist die Sprache nicht nur ein Produkt, eine Widerspiegelung der
materiellen Bedingungen der Gesellschaft, sondern sie selbst
reproduziert diese. Es besteht die Möglichkeit, in die Reproduktion
einzugreifen. Zwar bestimmt das Sein das Bewusstsein, doch ermöglicht
die eine oder die andere Bewusstwerdung dem Menschen die Veränderung
seines Seins. Der Mensch ist nicht ausgeliefertes und wehrloses Opfer
seines Seins, sondern er selbst ist das gestaltende Subjekt, wenn er
sich dessen bewusst ist. Und jede Idee wird zur materiellen Gewalt,
wenn sie die Menschen ergreift. Die Propagierung und die Verwendung
einer geschlechtergerechten Sprache ist kein Selbstzweck, sondern ein
aktiver Teil der Bewusstseinsbildung, die wiederum dazu befähigt,
Materielles zu schaffen.
Praktische Beispiele eines geschlechtergerechten Sprachgebrauchs
Im Folgenden möchten wir anhand einiger Beispiele
und Fragestellungen aufzeigen, wie ein geschlechtergerechter
Sprachgebrauch funktionieren kann. Es geschieht dies in gedrängter
Form und manches muss einstweilen unbehandelt bleiben. Dennoch mögen
diese gängigsten Fragestellungen nachzeichnen, worin es im Kern geht:
um Sichtbarkeit, Bewusstsein und Dekonstruktion männlich dominierter
Strukturen auf allen Ebenen und in allen Bereichen.
Welche sind nun die geläufigsten Problemstellungen
in der Frage des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs? Am häufigsten
sind wir heute mit Formulierungen konfrontiert, die vorgeben, in der
männlichen Form die weibliche zu inkludieren. Dies ist auch dann
abzulehnen, wenn etwa zu Beginn eines Textes explizit angeführt wird,
dass im Folgenden die männlichen Formen das weibliche Geschlecht
„mitmeinen“. Dieses vorgebliche „Mitmeinen“ kann nun sowohl im
Singular wie im Plural von Wörtern bzw. Formulierungen der Fall sein.
Wortbildungen und Formulierungen im Singular
Gang und Gebe ist etwa, dass Politiker (und manchmal auch Politikerinnen) die gewagte
Behauptung aufstellen, „der Wähler wird entscheiden“ – das tut er wohl
nicht, denn die Mehrheit der österreichischen Wahlbevölkerung ist
weiblich.
Grundsätzlich sind wir der Ansicht, dass es
notwendig ist, die Geschlechter explizit zu benennen. Das bedeutet für
Singular-Formulierungen, die sich an beide Geschlechter richten oder
beide einschließen sollen, dass auch das weibliche Geschlecht explizit
anzuführen ist. Somit müsste – wenn wir bei obigem Beispiel bleiben –
die Formulierung „die Wählerin und der Wähler“ gewählt werden. Eine
andere Möglichkeit wäre, dies zu verkürzen und „die/der WählerIn“ zu
verwenden. Von selbst versteht sich, dass immer der korrekte Artikel
zu verwenden ist, dies ist auch bei neutralen Wörtern zu beachten:
also z.B. „die Werktätige“ oder „der Werktätige“. Analog gilt dies
natürlich bei unbestimmten Artikeln, hier besteht bei manchen Wörtern
sogar die Möglichkeit des weiteren Verkürzens, als z.B. statt „eine
Wählerin oder ein Wähler“ einfach „einE WählerIn“ zu schreiben und
somit neben dem großen „I“ auch das große „E“ anzuwenden.
Offensichtlich ist freilich, dass die Verkürzung
nur für den niedergeschriebenen Text, nicht aber für die gesprochene
Sprache möglich ist, wenn Missverständnisse vermieden werden sollen.
Darüber hinaus gilt im Singular-Fall wohl, dass die Verkürzung
mitunter nur bei konkretem Platzmangel sinnvoll ist, da zumindest mit
dem doppelten Artikel die Lesbarkeit eines Textes nicht unbedingt
erhöht wird. Daneben gibt es auch Ausnahmen, so z.B. den Fall „Arzt
und Ärztin“ – „ÄrztIn“ erscheint eher weniger zielführend. Ähnliches
kann sich bei Fremdwörtern ergeben: „Magistra und Magister“. Wenn
möglich sollte also der ersten Variante (vollständige Paarform) der
Vorzug gegeben werden, wobei es durchaus zu begrüßen ist, die
weibliche Form zuerst zu nennen und beide Formen sodann je nachdem
durch ein „und“ oder ein „oder“ zu verknüpfen. Diese Reihung hat
nichts mit „Höflichkeit“ („Ladies first“ oder Ähnliches...) zu tun,
sondern basiert auf dem Gedanken, dass eine gesellschaftlich gegebene
Vorrangstellung des Mannes gegenüber der Frau nicht auch noch
schriftlich reproduziert werden soll.
Daneben gibt es Wörter, die grundsätzlich einen
geschlechtstragenden Charakter haben – z.B. den „Fachmann“. Hier ist
es durchaus richtig, von der „Fachfrau“ zu sprechen. Ebenso sind
Konstrukte wie die „Frau Landeshauptmann“, wie sich das die
ÖVP-Politikerin Klasnic vorstellt, abzulehnen – wir bevorzugen sowieso
die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ;-)
Wortbildungen und Formulierungen im Plural
Wesentlich häufiger als die Singular-Problematik
ist der Fall, im Plural die Frauen angeblich „mitzumeinen“. Dies ist
zum Beispiel der Fall in dem Aufruf „Proletarier aller Länder,
vereinigt euch!“ – natürlich wollten Marx und Engels hier die
Proletarierinnen nicht ausschließen, aber auch sie waren freilich
Kinder ihrer Zeit. Grundsätzlich gibt es in diesen Fällen nun die
Möglichkeit, entweder das Geschlecht sichtbar zu machen oder es zu
neutralisieren.
Wenn wir beim Beispiel der „Proletarier“ bleiben
und als Synonym die „Arbeiter“ heranziehen, dann wäre letzteres der
Fall, wenn im Plural etwa von „Arbeitenden“ gesprochen würde. Diese
Neutralisierung bleibt jedoch nur zweite Wahl und ist so gesehen bei
längeren Texten hin und wieder als Alternative zu verwenden.
Grundsätzlich ist der Sichtbarmachung der Vorzug zu geben.
Somit liegt für die gesprochene Sprache auf der
Hand, dass von „Arbeiterinnen und Arbeitern“ zu sprechen ist – dies
wird als „vollständige Paarform“ oder „Splitting“ bezeichnet. Diese
Formulierung ist grundsätzlich auch für geschriebene Texte
heranzuziehen, freilich wird in der Praxis häufig auf „ArbeiterInnen“
verkürzt, was durchaus ebenso legitim und oft auch sinnvoller ist.
Anzumerken ist, dass das große Binnen-„I“ aufgrund der
grammatikalischen „Falschheit“ bislang freilich noch auf weniger
Akzeptanz stößt. So ist etwa klar, dass es sich z.B. in
wissenschaftlichen Arbeiten auf Universitätsebene erst durchsetzen
muss. Das bedeutet aber nicht, dass wir darauf verzichten, sondern
dass wir für die Anerkennung eintreten müssen. Je öfter etwas
verwendet wird, desto eher wird es auch akzeptiert.
Um wieder Grenzfälle, bei denen die weibliche Form
nicht nur im Anhängen des „-innen“ besteht, anzusprechen, möchten wir
abermals die MedizinerInnen heranziehen. Wenn wir die Formulierung „ÄrztInnen“
verwenden, dann fällt zwar das „e“ der Ärzte unter den Tisch, dies
erscheint uns aber als erlässlich. Die Form „ÄrztInnen“ ist in
Ordnung. Hingegen würden wir z.B. empfehlen, die in der Landwirtschaft
tätigen Menschen nicht in einem Wort zu verkürzen, sondern eben von
„Bäuerinnen und Bauern“ zu sprechen.
Es gilt Analoges bezüglich der Pluralbildung
übrigens auch für zusammengesetzte Wörter, wobei hier logischerweise
immer die Variante mit dem großen „I“ zu verwenden ist – also z.B. „ArbeiterInnenklasse“.
Sollten hier allzu „komplexe“ Wörter entstehen, so z.B. für die
„Sklavenhaltergesellschaft“ sodann „SklavInnenhalterInnengesellschaft“,
so kann in Betracht gezogen werden, sinnvolle Umformulierungen
vorzunehmen. In diesem Fall z.B. „SklavInnen haltende Gesellschaft“
oder „auf SklavInnenarbeit basierende Gesellschaft“.
Geschlechtergerecht zu formulieren ist nicht
unbedingt das Gleiche wie geschlechtsneutral zu formulieren. Damit hat
auch der Plural mit dem großen „I“ aus unserer Sicht inhaltliche
Grenzen. So ist es freilich sinnvoll und richtig, auch bei aus
sozialistischer Sicht negativ besetzten Personengruppen wie z.B. „UnternehmerInnen“
das große „I“ beizubehalten, aber z.B. in bezug auf das Dritte Reich
von „NationalsozialistInnen“ zu sprechen, drängt sich vor dem
historischen Hintergrund und dem Charakter des reaktionären und
konkret antifeministischen NS-Regimes nicht unbedingt auf. Dies ist
aber ein Punkt, der keinen Anspruch auf Grundsätzlichkeit erhebt und
auch anders gehandhabt werden kann, zumal es zu unterschiedlichen
historischen Begebenheiten auch unterschiedliche Ansichten gibt.
Pronomen und der Sonderfall „,man“
Wie ist es mit Pronomen? Hier sind diverse
Formulierungen zu vermeiden und durch andere zu ersetzen. Anstatt z.B.
einfach nur „jeder“ zu schreiben gibt es einerseits logischerweise die
Möglichkeit „jede und jeder“ zu schreiben, oder aber ganz anders zu
formulieren. Im Fall von „jeder“ (noch viel mehr gilt dies für
„jedermann“) könnte einerseits „jeder Mensch“ geschrieben werden oder
ganz einfach eine Formulierung mit „alle“ gefunden werden.
Grenzfälle sind wohl die Worte „jemand“ und
„niemand“. Hier ist es zwar nicht mehr so offensichtlich, aber dennoch
ist hier das Wort „Mann“ versteckt. Bisweilen wird zu diesen Worten
keine Veränderung vorgeschlagen, dennoch erscheint es möglich, z.B.
das Wort „niemand“ durch „kein Mensch“ zu ersetzen oder andere
kreative Umformulierungen vorzunehmen.
Deutlicher tritt die Herkunft des Wortes „man“ aus
dem Wort „Mann“ hervor. Dieses Wort erscheint unbedingt als ein zu
ersetzendes. Es gibt diesbezüglich verschiedene Möglichkeiten.
Je nach dem Inhalt des jeweiligen Satzes kann
dieser entweder in eine Passivform umgewandelt werden, oder aber es
besteht die sinngemäße Möglichkeit, statt vom unpersönlichen „man“ von
„wir“ zu sprechen oder in einer direkten Ansprache die Anredeformen
„du“ oder „Sie“ zu verwenden.
Ebenfalls üblich – aber etwas umstrittener – ist
die Möglichkeit, statt „man“ einfach ein kleingeschriebenes „frau“ zu
verwenden (wenn nur Frauen gemeint sind) oder dem „man“ dieses „frau“
voranzustellen (wenn beide Geschlechter gemeint sind, also „frau/man“).
Im letzteren Fall wir manchmal das „man“ auch durch „mensch“
(ebenfalls kleingeschrieben) ersetzt – auch das ist nicht allzu
anerkannt, aber auch dies erscheint uns möglich.
Grundsätzlich dürfte aber die Variante der
kompletten Umformulierung die sinnvollste sein, sofern nicht durch
eine der letztgenannten Möglichkeiten etwas Bestimmtes hervorgehoben
werden soll.
Diskriminierende Bezeichnungen
Völlig klar ist, dass Formulierungen die
herabwürdigend oder diskriminierend empfunden werden, abzulehnen sind.
So sollte z.B. nicht von einem „schönen“ oder „schwachen Geschlecht“
gesprochen, sondern diese mehr oder minder „poetischen“ Umschreibungen
auf den Punkt gebracht werden – das Wort heißt „Frauen“.
Ebenfalls zu vermeiden sind etwa die übersteigerte
Bezeichnung „Dame“ oder die patriarchale Verniedlichung des
„Fräuleins“ – dies ist ein „junge Frau“ und sonst nichts.
Bisweilen ergibt sich Derartiges auch in älteren
zusammengesetzten Wörtern, die auf -fräulein, -mädchen oder -schwester
enden, so z.B. beim „Dienstmädchen“. Auch das ist zu beachten.
Manche Herabwürdigungen ergeben sich auch aus dem
Kontext: Wenn z.B. die männlichen ORF-Sportkommentatoren zum 100. Mal
von den „österreichischen Ski-Mädchen“ sprechen, dann ist es nur noch
ein kleiner Schritt zu den „Ski-Häschen“ oder „Haserln“ – und dann
grüßen eh schon die Playboy-Bunnies...
Schlussbemerkung
Obige Vorschläge behandeln nur einige Aspekte und
decken nur ein gewisses Spektrum der Möglichkeiten ab – sie sind davon
entfernt, in irgendeiner Weise eine vollständige Sammlung von
Formulierungen, von unmittelbaren Schablonen zu sein. Es ist dies aber
eine Anleitung zu Handeln. Anhand der gängigsten „Probleme“ sind die
Lösungswege nachgezeichnet. Es liegt an jedem einzelnen Menschen, den
zugrunde liegenden Gedanken der Gleichberechtigung und v.a. des
Sichtbarmachens von Frauen zu verinnerlichen und in der Praxis
eigenständig und auch kreativ anzuwenden.
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