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I. Einleitung. Müssen wir vorausschickend noch besonders
begründen, daß der Marxismus des Studiums wert ist?
In
einer Zeit des totalen Bankrotts aller bürgerlichen
Weltanschauungen, in einer Zeit, in der sich der geängstigte,
hilflose "Geistes-Mensch" wieder in den Schoß der
mittelalterlichen Kirche flüchtet, und das Haupt der katholischen
Christenheit in geradezu grotesken Rundbriefen dokumentiert, daß
es nicht von dieser Welt ist, in einer Zeit, in der alles fest
Geglaubte im Wirbel sprunghafter Entwicklung jählings dahinschießt,
Millionen selbst die schmälste Lebensbasis schwindet, und die
herrschende Klasse ausrufen kann: Mit uns die Sintflut! - in einer
solchen Zeit ist eine festgefügte, in sich geschlossene,
wissenschaftlich fundierte Weltanschauung, die die Gegenwart
begreifen und die Zukunft erkennen läßt, von größter
Lebenswichtigkeit. Daß aber gerade der Marxismus diese
Weltanschauung ist, bezeugt sowohl der vereinte Sprechchor seiner
wütenden Gegner, vom Papst über Severing bis Hitler, wie auch die
Tatsache, daß die welthistorische, erste Durchbrechung der
kapitalistischen Front durch die proletarische Revolution in der
Sowjetunion einzig unter der roten Fahne des Marxismus erfolgt
ist.
Aber zwischen den reaktionären Anti-Marxismus und den
revolutionären Marxismus, die sich offen als Todfeinde
gegenüberstehen, schiebt sich noch der reformistische
PseudoMarxismus: der hinterhältige Angriff auf den Marxismus unter
der Maske des Marx-Freundes. Da muß man schon in das innere Wesen
des Marxismus eingedrungen sein, um Original und Surrogat,
Wahrheit und Fälschung sicher unterscheiden zu können. Man kommt
also um ein ernsthaftes Studium des Marxismus nicht herum.
Zuerst gibt es da noch den sehr verbreiteten Irrtum zu bekämpfen,
als ob der Marxismus durch wissenschaftliches, literarisches
Studium vollauf errungen werden könnte. Der Marxismus ist nicht
nur in den Büchern und Schriften von Marx und Engels und ihrem
größten Schüler Lenin niedergelegt, sondern er ist vor allem auch
in der Bewegung des klassenbewußten Proletariats verkörpert. So
ist Marxismus Theorie und Praxis zugleich. Das bekannte Leninsche
Wort "Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre
Bewegung geben" kann man auch so lesen: ohne revolutionäre
Bewegung keine revolutionäre Theorie! Und das heißt, auf den
einzelnen angewandt, du kannst dir den Marxismus nicht
ausschließlich durch wissenschaftliches Studium, Bücher und
schulmäßige Unterweisung zu eigen machen, du mußt auch mit beiden
Füßen in die Praxis der marxistischen Bewegung hineinspringen. Es
ist der Rhythmus der proletarischen Massenbewegung, der dich mit
fortreißen muß, es ist die Praxis des sozialen, des politischen
und ökonomischen Geschehens, die du aktiv mitmachen mußt, um den
Lebenswert der marxistischen Lehre zu erkennen.
"In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, das heißt die
Wirklichkeit und Macht, die Diesseitigkeit seines Denkens
beweisen." (2. Feuerbach-These.) [1]
Das ist die Bedeutung der revolutionären, der praktisch-kritischen
Tätigkeit für das Studium des Marxismus. Gerade sein Losgelöstsein
von der revolutionären Massenbewegung läßt den intellektuellen
kleinbürgerlichen Außenseiter trotz alles noch so ehrlichen
Studiums nicht zum Marxisten werden. Er bleibt marxistischer
Individualist, während doch erst dem Kommunisten sich die
grundsätzliche Einheit vom marxistischen Wissen und Schaffen
offenbart, und daher nur in ihm der Marxismus wahrhaft lebendig
werden kann.
Sind wir uns erst einmal über diese grundsätzliche Einheit klar
geworden, so kann kein Schaden daraus entstehen, wenn wir uns
zeitweilig auf die Behandlung der einen Seite im Erwerb des
Marxismus beschränken. Das heißt, wir betrachten in folgendem nur
die Seite des marxistischen Studiums, die sich aus der
Durcharbeitung der Schriften von Marx, Engels und Lenin ergibt.
Natürlich kann es sich hier auch nur um eine Anregung, eine
vorbereitende Einführung handeln.
II. Der Marxismus als Ganzes und seine Teile
Schon bei der Erörterung der Grundfrage: Was ist der Marxismus?
müssen wir gewisse irrige Antworten zurückweisen. Da der
Pseudo-Marxismus -und das ist in erster Linie der Reformismus - im
besten Falle nur einzelne Sätze des Marxismus anerkennen will,
geht er davon aus, den Marxismus selbst als ein Stückwerk, als ein
wissenschaftliches Einzelstück zu betrachten. So ist ihm der
Marxismus etwa nur Forschungsmethode oder eine Spezialwissenschaft
(vielleicht Ökonomie oder, etwas breiter gefaßt, Soziologie). Da
hatte aber seinerzeit schon der alte Bebel im Schlußwort seines
Buches "Die Frau und der Sozialismus" den wahren Sachverhalt bei
weitem richtiger gesehen:
"Der Sozialismus ist die mit klarem Bewußtsein und voller
Erkenntnis auf alle Gebiete menschlicher Tätigkeit angewandte
Wissenschaft." [2]
Was Bebel hier Sozialismus nennt, ist als wissenschaftlicher
Sozialismus oder Kommunismus nichts anderes als Marxismus. Der
Marxismus ist eben nicht eine x-beliebige Einzelwissenschaft,
sondern die Universalwissenschaft, oder, populär gesprochen, eine
Weltanschauung. Denn die marxistische Weltanschauung ist keine
Wolkenkuckucksheim-Spekulation, keine Spintisiererei und
Hirnweberei aus mystischen Urgründen und überweltlichen Ideen,
sondern die wissenschaftliche Weltanschauung des dialektischen
Materialismus, in der sich der Mensch über Wesen und Entwicklung
der ihn umgebenden Erscheinungswelt wissenschaftlich klarzuwerden
sucht.
Indem ich irgendwelche Tatsachen und Tatsachenkomplexe unter
folgenden Gesichtspunkten betrachte:
erstens wissenschaftlich (das heißt systematisch gegliedert und
folgerichtig aufgebaut),
zweitens materialistisch (das heißt in ihrer natürlichen
Bedingtheit und Wesenheit, also ohne übernatürliche Glaubenssätze
und jenseitige Voraussetzung),
drittens dialektisch (das heißt in ihrem revolutionären,
sprunghaften Entwicklungsprozeß), also nicht als starre,
unveränderliche Gegebenheit,
viertens proletarisch-kommunistisch (das heißt in ihrer Auswirkung
und Auswertung für den proletarischen Befreiungskampf), so habe
ich
sie "marxistisch" betrachtet, wozu aber, wie wir bereits sahen,
noch kommen muß, daß ich nicht nur "betrachtend" verbleibe, nicht
nur begreife, sondern auch tätig ein- und angreife. Der Marxismus
ist insofern nicht nur Weltanschauung, sondern Weltveränderung:
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es
kommt aber darauf an, sie zu verändern." ( l l. Feuerbach-These.)
[3]
Aus der Betonung der Weltveränderung im Marxschen Schaffen geht
schon hervor, daß der Schwerpunkt des Marxismus nicht in der
Naturforschung, sondern in der Gesellschaftsforschung liegt. Da
alle ernsthafte Gesellschaftswissenschaft in erster Linie
Geschichtswissenschaft ist, ergibt sich die materialistische
Geschichtsauffassung als der wichtigste Teil der marxistischen
Weltanschauung.
Es ist für das Studium des Marxismus geradezu unerläßlich, im
Marxismus gewisse Hauptgebiete zu unterscheiden. Lenin hat in
seinem sehr lesenswerten populären Aufsatz "Drei Quellen und drei
Bestandteile des Marxismus" (1913) [4] die Philosophie, die
Ökonomie und den Sozialismus als solche drei Bestandteile
dargestellt. Wir möchten in Anlehnung an diese Einteilung, die
bereits auf Engels zurückgeht (siehe Engels, "Die Entwicklung des
Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft"), die marxistische
Philosophie, die marxistische politische Ökonomie und die Lehre
vom Klassenkampf und vom Sozialismus unterscheiden. Nur darf man
nie vergessen, daß diese drei Gebiete nicht in gleicher Weise
nebeneinander geordnet stehen. Die marxistische Philosophie stellt
ja eigentlich bereits das Ganze des Marxismus dar. Aus ihrer
Grundlehre ergibt sich erst das besondere Gewicht, das auf die
Aufdeckung der ökonomischen Grundlagen bei allen
gesellschaftlichen Erscheinungen gelegt werden muß. Daher
erstreckte sich die wissenschaftliche Hauptarbeit von Marx auf
spezielle ökonomische Untersuchungen (Marx, "Das Kapital"). Und
insoweit rechtfertigt sich nun auch die Hervorhebung der
marxistischen politischen Ökonomie als eines besonderen
Hauptteiles. Die ökonomische Kritik ist für Marx jedoch nur Mittel
zum Zweck. Dieser Zweck aber - die Befreiung des Proletariats -
ist eine ausgesprochen politische Aufgabe. Und somit haben wir die
Lehre vom Klassenkampf und vom Sozialismus als dritten Abschnitt.
Ihre Grundlehren erwachsen natürlich auch unmittelbar aus dem
Studium der marxistischen Welt- und Geschichtsauffassung. Im
historischen Materialismus stehen ja das Wesen der Klasse, des
Klassenstaates und des Klassenkampfes im Mittelpunkt aller
Untersuchung. Daher kann man auch das Studium der Lehre vom
Klassenkampf und Sozialismus sogleich an die Durcharbeitung des
ersten Abschnittes anschließen.
Einen guten Oberblick über den Gesamtinhalt des Marxismus finden
wir bei Lenin in seinem 1914 für ein russisches Lexikon
geschriebenen Aufsatz "Karl Marx" [5], auch die größere
Streitschrift von Engels, "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
Wissenschaft", gibt einen Gesamtumriß des Lehrgebäudes des
Marxismus, wenn da natürlich auch besonders die Teile in den
Vordergrund geschoben worden sind, in denen sich eine
Richtigstellung der Dühringschen Irrtümer notwendig machte.
III. Die marxistische Philosophie (dialektischer Materialismus)
Wollen wir die Weltanschauung des Marxismus kennen lernen, so
haben wir uns zuerst mit dem Gegensatz Idealismus und
Materialismus zu befassen. Es ist das nichts anderes als die
Gegenüberstellung aller übernatürlichen Weltbilder und der
natürlichen Weltanschauung. Marx hat einmal (sicherlich auch im
Rückblick auf seine eigene Entwicklung) gesagt: "Die Kritik der
Religion ist die Voraussetzung aller Kritik" (1844). [6] Auch der
geistige Entwicklungsgang von Engels, wie er durch seine
Jugendbriefe illustriert wird, zeigt anschaulich, in wie
unablässiger, zum Teil geradezu quälerischer Selbstkritik der
religiös erzogene Jüngling zum atheistischen Materialisten wurde.
Dem Manne, der ihm - wie Marx - in diesem Werdegang einen
entscheidenden Anstoß gegeben hat, hat Engels in seinem Büchlein
"Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen
Philosophie" (1888) ein unvergängliches Denkmal gesetzt. In dieser
Schrift und in Engels' "Anti-Dühring" (Engels' "Entwicklung des
Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" ist ein Auszug der
wichtigsten Kapitel dieser Schrift!) finden wir die ausführlichste
Darstellung der Weltanschauung des Marxismus. Eine wesentliche
Ergänzung nach der naturwissenschaftlichen Seite hin brachte die
Veröffentlichung eines großen Fragments aus Engels' Nachlaß
"Dialektik und Natur", [7] (s. Marx-Engels-Archiv II. Band, 1927).
Die Stellung des Marxismus zur Religion wird erschöpfend und
populär beleuchtet in dem kleinen Büchlein von Lenin "Über
Religion" (Kleine Lenin-Bibliothek, Band 4) [8].
Der Materialismus von Marx und Engels ist kein metaphysisches
Hirngespinst - wie das Max Adler und andere glauben machen wollten
-, es werden da keinerlei Spekulationen, keine phantastischen
Aussagen über verborgene Qualitäten des Weltstoffes usw. gemacht.
Die Weltwirklichkeit als objektive Realität, das ist der einfache
und klare Ausgangspunkt der "materialistischen" Betrachtung von
Marx-Engels. So kennzeichnete auch Lenin den Sachverhalt in seiner
großen Streitschrift "Materialismus und Empiriokritizismus" (1909)
in dem Satz: "Die Anerkennung der objektiven Gesetzmäßigkeit der
Natur und der annähernd richtigen Widerspiegelung dieser
Gesetzmäßigkeit im Kopf des Menschen ist Materialismus." [9] In
der Entwicklung der Weltwirklichkeit, insbesondere der sogenannten
belebten Natur, sehen wir die Stufenfolge auch der geistigen
Erscheinungen auftauchen: das materielle Sein bedingt alles
Geistige.
Gegenüber der Behauptung (von Adler u. a.), daß der Marxismus
keine erkenntniskritische Einstellung besäße, daß ihm der Kantsche
Standpunkt nicht klargeworden sei, wonach alles Erkennen nur
beschränktes subjektives Erkennen sei, wird gerade die Lektüre der
Schrift von Engels über Feuerbach in Verbindung mit Marx'
Feuerbach-Thesen [10] zur Genüge erweisen, daß sich Marx und
Engels sehr wohl über die Relativität der menschlichen
Einzelerfahrung klargewesen sind, daß sie aber andererseits auch
anerkannten, daß alle Fehlschlüsse einer in die Irre gehenden
Subjektivität in steigendem Maße durch die menschliche Praxis, das
heißt durch die gesellschaftliche Entwicklung selbst, korrigiert
werden. Der Materialismus von Marx und Engels bekommt daher sein
besonderes und entscheidendes Gesicht durch die Dialektik, denn
das ist die Lehre von der ständigen revolutionären Entwicklung
alles Seins (in der Natur, Geschichte und im Denken). Man lese
darüber vor allem das 2. Kapitel in Engels' "Entwicklung des
Sozialismus..."
Wichtig ist, daß der Entwicklungsbegriff des Marxismus nicht nur
gleichförmig-stetige Veränderungen kennt, sondern, daß er in den
sprunghaft auftretenden Entwicklungsmomenten entscheidende
Knotenpunkte der Entwicklungslinie erfaßt. Revolutionen sind also
Teilstücke der Evolution!
Am häufigsten haben sich natürlich Marx und Engels über den
wichtigsten Teil ihrer Weltanschauung, über ihre revolutionäre
Geschichtsauffassung ausgesprochen. In meinem Quellenbuch:
Marx-Engels über den historischen Materialismus, Teil 1 und 2,
sind die wichtigsten Stellen aus allen ihren Schriften zur
Veranschaulichung der Geschichtsauffassung von Marx-Engels
vereinigt worden, zusammen mit noch sieben größeren Aufsätzen von
ihnen, die Grundgedanken des historischen Materialismus
aussprechen. [11] Von überragender Bedeutung ist dabei der von
Marx und Engels 1845/46 gemeinsam verfaßte erste Teil der
deutschen Ideologie (Gegensatz von materialistischer und
idealistischer Anschauung). Aus dem zweiten Teil des Quellenbuches
dürften die Leser in erster Linie interessieren die Briefe von
Engels über historischen Materialismus (1890-1894), und vor allem
das berühmte, nicht oft genug zu lesende Vorwort von Marx zur
Kritik der politischen Ökonomie (1859).
IV. Die marxistische politische Ökonomie
Die ökonomische Lehre des Marxismus liegt in den großen
ökonomischen Hauptwerken von Marx - dem "Kapital" und den
"Theorien über den Mehrwert" - in systematischem Aufbau vor. Doch
der Leser wird da gut tun, sich zuerst einmal aus den beiden
kleineren Schriften von Marx -"Lohnarbeit und Kapital" und "Lohn,
Preis und Profit" - die ökonomischen Grundlehren des Marxismus
herauszuarbeiten. Eine Unterstützung dabei gibt mein "Wegweiser
zum Studium der ökonomischen Grundlehren von Karl Marx" (2.
Auflage 1931). Aus den dort im Anhang abgedruckten Besprechungen
des I. "Kapital"-Bandes aus der Feder von Engels und des II. und
III. Bandes von Rosa Luxemburg gewinnt der Leser sodann eine gute
vorläufige Obersicht über das Hauptwerk von Marx. Marx hat einmal
einem wenig wissenschaftlich geschulten Freunde den Rat gegeben,
zuerst das 8., 11., 12., 13. und 24. Kapitel des I. Bandes zu
lesen. Aber man sollte doch nicht davon ablassen, auch das ganze
Werk in seinem mächtigen Aufbau auf sich wirken zu lassen und sich
den Eingang durch die gewißlich nicht ganz leicht zu erschließende
Pforte der ersten Kapitel ("Ware und Geld") zu erzwingen.
Alle ökonomischen Untersuchungen von Marx drehen sich im
wesentlichen um zwei Punkte, die auch heute noch den Ausgangspunkt
jeder grundsätzlichen Kritik des Kapitalismus bilden müssen:
1. worin besteht die kapitalistische Ausbeutung?
2. was ist der Weg der kapitalistischen Entwicklung?
Die Entschleierung des Geheimnisses vom Mehrwert nennt Engels eine
Großtat, durch die der Sozialismus eine Wissenschaft wurde. Es ist
ja keine Frage, daß das Wesen der Ausbeutung in überaus
geschickter Weise im Mechanismus des kapitalistischen Systems
versteckt ist. Daß diese ungeheure Produktionsmaschine des
Kapitalismus einzig durch die Knochen von Millionen und aber
Millionen Proletariern geheizt wird, das wollen viele Proletarier
noch nicht einsehen und befinden sich doch selbst bereits in dem
feurigen Ofen. Es ist eben die Hauptaufgabe des Reformismus, die
kapitalistische Ausbeutung zu verhüllen. Die ganze
sozialdemokratische und gewerkschaftliche Lohntheorie ist ein
ebenso blödes wie gemeingefährliches Anti-Marx-Sammelsurium.
Der 2. Hauptangriffspunkt des Marxismus gegen den Kapitalismus
bezieht sich auf die zwangsläufige Entwicklung der
kapitalistischen Produktionsweise. Die Tatsache, daß die
Güterproduktionsmaschine des Kapitalismus ökonomisch immer
rückständiger, unproduktiver und für die Gesellschaft ruinierender
wird, das ist Marx' Lehre von der Akkumulation des Kapitals, die
sowohl die Verelendungstheorie wie die Lehre von der
unvermeidlichen Umwandlung der kapitalistischen in die
sozialistische Gesellschaft in sich faßt. Eine wissenschaftliche
Untersuchung, die jetzt, in der Zeit der fürchterlichsten Krise,
die je in der Welt getobt hat, von ganz besonderem Interesse für
jeden Werktätigen ist. Die Akkumulation des Kapitals mußte mit
innerer Notwendigkeit den Kapitalismus in seine allgemeine Krise
hineintreiben, die aber in ihrer schärfsten Zuspitzung für das
Proletariat zum Ausgangspunkt seiner Befreiung aus den Fesseln des
Kapitalismus werden wird. Einen meisterhaften Überblick über die
Gesamtlinie der ökonomischen Entwicklung gibt das 3. Kapitel von
Engels, "Entwicklung des Sozialismus...".
V. Die Lehre vom Klassenkampf und vom Sozialismus
Hier wartet auf den Leser die Fülle der größeren und kleineren
politischen Zeit- und Streitschriften von Marx und Engels: "Das
Kommunistische Manifest", "Grundsätze des Kommunismus", "Die
Inaugural-Adresse", die "Klassenkämpfe in Frankreich", "Der 18.
Brumaire", "Revolution und Konterrevolution" (behandelt die
deutschen Ereignisse von 1848), "Der Bürgerkrieg in Frankreich"
und vor allem Lenins "Staat und Revolution", "Der Imperialismus",
der "Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus" und "Über
den Reformismus" [12]. Wertvolle Fingerzeige geben auch die beiden
Kritiken von Marx und Engels zum Gothaer Programm (1875) und von
Engels am Vorentwurf zum Erfurter Programm (1891). (Sie sind als
"Programm-Kritiken" in einem Bändchen zusammen mit einer größeren
Anzahl politischer Beurteilungen und Ratschläge von Marx und
Engels in ihrem Kampf gegen den politischen Opportunismus in der
alten deutschen Sozialdemokratie vereinigt worden. [13]) Der
politische Marxismus gipfelt in der Lehre vom proletarischen
Klassenkampf und seinem Ziel: die Aufrichtung der proletarischen
Diktatur.
Alle historischen Darstellungen von Marx und Engels sind in erster
Linie Klarlegungen bestimmter Klassenverhältnisse, die erst die
politischen Formen und Zielsetzungen begreifen lassen. (Siehe zum
Beispiel Engels: "Der deutsche Bauernkrieg".) Für den Marxisten
sind alle diese Schriften prachtvolles Anschauungs- und
Beweismaterial für die Richtigkeit der materialistischen
Geschichtsauffassung. Die Anwendung des Marxismus auf die
Gegenwart zeigt ausgiebig das Programm der Kommunistischen
Internationale (1928).
Zum Abschluß
Das Studium des Marxismus wird sich in erster Linie durch eine
Lektüre ausgewählter Schriften von Marx, Engels und Lenin
vollziehen, wobei die vorliegende Literatur nach ihren besonderen
Schwierigkeits- und Wichtigkeitsgraden in gewisse konzentrische
Studienkreise einzuordnen ist. In der ersten Stufe werden wir vor
allem zu berücksichtigen haben: Engels "Entwicklung des
Sozialismus", Lenin "Über Religion", Marx "Lohnarbeit und Kapital"
und "Lohn, Preis und Profit", Marx-Engels "Das Kommunistische
Manifest", Engels "Die Grundsätze des Kommunismus" (ein in Fragen
und Antworten aufgebauter Vorentwurf zum Kommunistischen Manifest)
und Lenin "Staat und Revolution"; als politische Ergänzung dazu
das Programm der Kommunistischen Internationale. Bei einem zweiten
Anlauf wird man zweckentsprechend hinzunehmen die Lektüre von
Engels "Feuerbach ...", Marx-Engels "Über den historischen
Materialismus", Marx "Das Kapital" (den ersten Band), Lenin
"Imperialismus" [14] und "Der linke Radikalismus, die
Kinderkrankheit im Kommunismus" [15], ..., Marx-Engels
"Programm-Kritiken", Marx "Der Bürgerkrieg in Frankreich" (Marx'
berühmte Denkschrift über die Pariser Kommune 1871). Bei einer
dritten, noch umfangreicheren Wanderung durch das Gebiet des
Marxismus würde man dann auch hineinziehen: Lenins sehr
umfangreiche Kampfschrift gegen allen offenen und versteckten
Idealismus in der modernen Philosophie "Materialismus und
Empiriokritizismus" (erschienen 1909), den 2. und 3. Band von
Marx' "Kapital", die übrigen historischen Schriften von Marx und
Engels (so Engels' "Der deutsche Bauernkrieg" usw.). Natürlich
haben wir hier aus der Fülle des Schrifttums von Marx, Engels und
Lenin bei weitem nicht alles nehmen können. Es ist klar, daß man
auch aus den anderen, hier nicht aufgeführten Schriften
außerordentlich viel über den Marxismus lernen kann. [18]
Auf alle Fälle soll man sich klar sein, daß man den Marxismus aus
den Quellen erarbeiten muß. Wir sagten einmal (im Vorwort zu
Marx-Engels "Über historischen Materialismus", Teil 1): "Ein Satz
von Marx ist gemeinhin wichtiger und aufschlußreicher als zwanzig
Sätze über ihn." Wir möchten hier hinzufügen, daß ein Buch von
Marx oder Engels, gründlich und allseitig erfaßt, uns tiefer in
den Marxismus hineinführt als soundso viele Schriften von Marx und
Engels, die nur so obenhin gelesen, nur durchgeblättert worden
sind. Die peinliche Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit der
jeweiligen Lektüre muß gerade beim Studium des
Marxismus-Leninismus die erste Regel sein. Lieber weniger, aber
besser.
Anmerkungen:
1) Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Schriften in zwei
Bänden, Dietz Verlag, Berlin 1957, Bd. II, S. 376.
2) August Bebel, "Die Frau und der Sozialismus", Dietz Verlag,
Berlin 1946, S. 624.
3) Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. II, S. 378.
4) Abgedruckt im Anhang zu Lenin, "Karl Marx" (Kleine
Leninbibliothek, Bd. 1. 1931); W. I. Lenin,
"Marx-Engels-Marxismus", Verlag für fremdsprachige Literatur,
Moskau 1947, S. 54-60.
5) Ebenda, S. 7-38.
6) Marx/Engels, "Die heilige Familie . . .", S. 11.
7) Friedrich Engels, "Dialektik der Natur", Dietz Verlag, Berlin
1952.
8) Neu erschienen: Dietz Verlag, Berlin 1956.
9) W. I. Lenin, "Materialismus und Empiriokritizismus", Dietz
Verlag, Berlin 1949. S. 144.
10) Diese äußerst wichtigen 11 Aphorismen von Marx finden sich in
Engels' "Feuerbach" (neu: Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd.
II, S. 376 bis 378).
11) Vgl. I. Kapitel des vorliegenden Sammelwerkes ("Einführungen
in das marxistische Schrifttum"). Vorwort zum Quellenbuch:
Marx-Engels über den historischen Materialismus.
12) Lenin behandelt hier in zwei Artikeln aus den Jahren 1915 und
1916 den reformistischen Zusammenbruch der II. Internationale. Die
erste grundlegende Auseinandersetzung mit der Theorie des
Reformismus im deutschen Schrifttum siehe bei Rosa Luxemburg,
"Sozialreform oder Revolution" (1899, Neuauflage 1919).
13) Vgl. I. Kapitel des vorliegenden Sammelwerkes!
14) Eine 1916 entstandene Schrift, die ein Gesamtbild der
kapitalistischen Weltwirtschaft in ihren internationalen
Wechselbeziehungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt mit einer
sehr anschaulichen Herausarbeitung der fünf Hauptmerkmale des
Imperialismus. Man vergleiche damit den von Lenin 1917
vorgeschlagenen Zusatz zum russischen Parteiprogramm (siehe Lenin:
"Karl Marx")
15) Diese von Lenin 1920 verfaßte Schrift trägt den Untertitel
"Versuch einer populären Darstellung der marxistischen Strategie
und Taktik".
16) Gerade für marxistische Selbstbildung bieten auch die Hefte
der "Marxistischen Arbeiterschule" ein geeignetes Studienmaterial.
(Zur Zeit erscheint - seit November 1930 - je ein Kursus über
Politische Ökonomie und Geschichte der Arbeiterbewegung.) |