1. Die
internationale Bedeutung der Oktoberrevolution
Der 7.
November 1917 ist der Beginn des größten Umschwungs
in der Geschichte der Menschheit. Der entscheidende
Sieg der russischen Arbeiter, Bauern und Soldaten
über die verbündeten Gutsbesitzer und Kapitalisten
hat das Gesicht der Erde verändert. Heute gibt es
keine bedeutsam politische Erscheinung in der Welt,
die nicht durch die Existenz der Sowjetunion
beeinflußt wird. Eine neue Epoche in der Geschichte
der Klassenkämpfe hat begonnen.
Betrachten wir die Bewegungen aller unterdrückten
Klassen im Weltmaßstab, so sehen wir, daß sie seit
der Errichtung der proletarischen Diktatur in
Rußland einen anderen Charakter tragen als früher.
Kolonialaufstände gab es auch vor dem 7. November
1917. Bereits vor dem Weltkrieg gärte es in Marokko.
In der Türkei und in China vollzogen sich nationale
Revolutionen. Zweifellos wäre es auch ohne die
Existenz Sowjetrußlands zu einer großen Umwälzung in
China, zu gewaltigen Befreiungskämpfen in allen
afrikanischen und asiatischen Kolonien gekommen.
Aber die Macht der imperialistischen Unterdrücker
ist zehnmal schwächer, die Kraft der revolutionären
Kolonialvölker ist zehnmal stärker, seitdem in
Sowjetrußland das Proletariat herrscht.
Es gab
auch vor dem Weltkrieg eine nationale Frage. In ganz
Europa kämpften unterdrückte Minderheiten um ihr
Selbstbestimmungsrecht. Die Existenz der Sowjetunion
verleiht heute den Bewegungen der unterdrückten
Nationalitäten auf dem Balkan, in der
Tschechoslowakei, in Polen einen neuen Inhalt. Durch
ihr bloßes Bestehen verstärkt und verschärft die
Sowjetmacht den Widerstand aller unterdrückten
Nationen.
Große
Schichten der Bauernschaft in Europa und auf der
ganzen Welt waren schon vor 1914 mit ihrer Lage
unzufrieden. Die Existenz der Sowjetunion liefert
den werktätigen Bauern aller Länder ein lebendiges
Bild dafür, daß ihre Interessen an der Seite des
Proletariats tausendmal besser befriedigt werden als
unter dem Joch der Bourgeoisie. Das Bündnis des
Proletariats mit dem Bauerntum gewinnt zum ersten
Male für die Volksmassen nicht nur der
rückständigen, sondern auch der kapitalistischen
Länder einen konkreten Sinn, seitdem Hammer und
Sichel das Wappen für ein Sechstel der Erdoberfläche
geworden sind.
Vor
allem aber beginnt mit dem 7. November 1917 eine
neue Epoche für den Klassenkampf des Proletariats in
den fortgeschrittensten Industrieländern. Die
internationale Arbeiterklasse beginnt immer mehr zu
begreifen, daß in dieser Epoche nicht mehr
Teilreformen, nicht mehr geringfügige Veränderungen
innerhalb des Kapitalismus das Ziel des
Klassenkampfes sind, sondern die Eroberung der
politischen Macht, die Errichtung der
Sowjetrepublik. Die Ziele des proletarischen
Klassenkampfes, sein Charakter, seine Methoden und
seine Aussichten sind seit dem 7. November 1917 aufs
tiefste verändert. Das ist die größte Bedeutung des
russischen Oktoberumsturzes.
2. Die Macht der Arbeiterklasse
Zwischen dem Erscheinen des Kommunistischen
Manifestes und dem russischen Oktoberumsturz liegen
fast siebzig Jahre des proletarischen
Klassenkampfes. Eine Reihe proletarischer
Revolutionen fand in den verschiedensten Ländern
statt. Bis zum 7. November 1917 endeten alle diese
Revolutionen nach einem längeren oder kürzeren Kampf
mit einer entscheidenden Niederlage. Die Pariser
Kommune ging in Blut und Feuer unter. Die russische
Revolution von 1905 endete in den Orgien des weißen
Terrors. Die russische Februarrevolution von 1917
drohte ergebnislos im Sande zu verlaufen. Zum ersten
Male hat das Proletariat am 7. November 1917 nicht
nur eine weltgeschichtliche Sekunde lang, sondern
für die Dauer die Macht ergriffen. Zum ersten Male
hat das Proletariat nicht nur eine Schlacht, sondern
einen ganzen Krieg, den schwersten, grausamsten,
opferreichsten Krieg gegen die Ausbeuter der ganzen
Welt gewonnen.
Diese
Lehre muß unauslöschlich vor den Augen jedes
Kommunisten stehen. Diese Lehre müssen wir
unaufhörlich der ganzen Arbeiterklasse einprägen.
Diese Lehre ziehen, angstvoll und wuterfüllt, alle
Ausbeuter. Wodurch erklärt sich der wütende Haß
aller Kapitalisten gegen die Sowjetunion? Er erklärt
sich daraus, daß die Arbeiterklasse, die man
verachtete, deren Klassenkampf man verspottete,
deren Sieg man für unmöglich hielt, zum ersten Male
die Macht in die Hände nahm und rücksichtslos gegen
ihre Feinde anwandte.
Das
russische Proletariat hat gesiegt, weil es sich in
jahrzehntelangen Kämpfen den unerschütterlichen
Willen zur Macht erworben hat. Eine Reihe
proletarischer Revolutionen nach dem Weltkrieg ging
zugrunde, weil die Arbeiterklasse in Westeuropa
diesen Willen zur Macht noch nicht besitzt. Darum
wurden die proletarischen Erhebungen in Finnland,
Ungarn, Deutschland" Bulgarien und Italien
niedergeschlagen. Die Erweckung des Willens zur
Macht ist die wichtigste Aufgabe der Kommunisten in
der kommenden Ära der proletarischen Revolutionen in
Westeuropa.
3. Sowjetrußland nach acht Jahren
proletarischer Diktatur
Als die Spartakisten nach dem 9. November 1918 von
den deutschen Volksbeauftragten die sofortige
Aufnahme der Beziehungen mit Sowjetrußland
verlangten, antwortete Kautsky, diese Forderung sei
sinnlos , da die Sowjetmacht "nach ganz
zuverlässigen Informationen" in spätestens sechs
Wochen gestürzt sein werde. Inzwischen sind nicht
nur sechs Wochen, sondern sieben Jahre vergangen.
Gestürzt wurden die sozialdemokratischen
Volksbeauftragten, und an der Spitze der deutschen
Novemberrepublik steht heute der Feldmarschall
Hindenburg. Kautsky hingegen sitzt in Wien und
schreibt dort, ganz wie vor acht Jahren,
Hetzbroschüren gegen Sowjetrußland, die niemand mehr
ernst nimmt.
Die
russischen Arbeiter und Bauern aber warfen die
Konterrevolultion mit der Waffe in der Hand nieder,
wehrten die Intervention der ausländischen
Imperialisten ab, beendeten siegreich den
Bürgerkrieg, überwanden unter Anspannung aller
Kräfte die Hungersnot und arbeiten heute mit größter
Kraft am Aufbau des Sozialismus.
Vier
Jahre sind vergangen, seitdem unter Führung Lenins
die neue Wirtschaftspolitik begonnen wurde. Die
Politik der russischen Kommunisten führte nicht zum
Sturz der Sowjetmacht, sondern zu ihrem Aufstieg,
der sich viel rascher entwickelt, als die
Bolschewiki selbst glaubten.
Die
Großindustrie produzierte im Jahre 1920 17 Prozent
des Vorkriegsniveaus, heute produziert, sie 70
Prozent. Die landwirtschaftliche Produktion fiel im
Jahre 1921 auf 50 Prozent der Vorkriegsnorm, heute
beträgt sie 80 Prozent. Die Inflation ist
vollständig liquidiert. Das Sowjetgeld ist heute
stabiler als das englische Pfund.
Aber
nicht nur der wirtschaftliche Vormarsch an sich ist
von Wichtigkeit, sondern die Richtung dieses
Vormarsches zum Sozialismus. Innerhalb des
allgemeinen Aufstiegs wachsen die sozialistischen
Elemente der Wirtschaft stärker als die
kapitalistischen. Die Genossenschaften vereinigen
jetzt über 30 Millionen Mitglieder. Der Handel, der
zu Beginn der neuen Wirtschaftspolitik vom
Privatkapital beherrscht wurde, ist jetzt vom
Sowjetstaat und von den Genossenschaften bis zu drei
Vierteln erobert. Das Bank und Kreditsystem, der
Transport sind fast bis zu 100 Prozent in den Händen
des Staates konzentriert. Der Lohn der Arbeiter, der
noch vor drei Jahren auf 42 Prozent der
Vorkriegsnorm gefallen war, hat bereits jetzt eine
Durchschnittshöhe von 80 Prozent überflügelt. 62
Prozent sämtlicher Produktionsmittel, in der
Großindustrie sogar bis zu 99 Prozent, sind in den
Händen des proletarischen Staates konzentriert.
Hunderttausende klassenbewußte Arbeiter und Bauern
leiten den Staat. Allein in die Sowjets werden
alljährlich über eine Million Arbeiter und Bauern
gewählt.
Eine
neue Generation der Arbeiter- und Bauernschaft
wächst unter Führung des Kommunistischen
Jugendverbandes mit seinen 12 Millionen Mitgliedern
heran.
Sogar
die Feinde Sowjetrußlands müssen die ungeheuren
Erfolge der proletarischen Diktatur auf kulturellem
Gebiete anerkennen.
Zweifellos bestehen noch Schwierigkeiten auf dem
Wege des sozialistischen Aufbaues der Sowjetunion.
Der Sozialismus kann nicht in einem einzigen Lande
restlos verwirklicht werden, sein Aufbau kann nur
begonnen werden, solange nicht das Proletariat in
mehreren fortgeschrittenen Ländern die Macht
ergriffen hat. Die Russische Kommunistische Partei
sieht klar die Quellen möglicher Gefahren:
Intervention ausländischer Kapitalisten, bestimmte
Gegensätze zwischen Proletariat und einzelnen
Schichten der Bauernschaft, Gefahr einer Lockerung
der Verbindungen zwischen dem russischen Zentrum und
den nationalen Grenzgebieten, Gefahr einer Loslösung
des Staatsapparates von der Kontrolle der
Kommunistischen Partei, Gefahr einer vorübergehenden
Entfernung zwischen der Partei und den Bedürfnissen
der breiten Massen.
Gerade
weil die KPR diese Gefahren klar sieht, findet sie
in jeder gegebenen Etappe der Entwicklung die
notwendigen Maßnahmen und Mittel, um ihnen
entgegenzutreten. Auf diese Weise wendet sie den
Leninismus an als Lenkerin des Sowjetstaates, als
Führerin der russischen Arbeiterklasse, als die
siegreiche Vorhut des internationalen Proletariats.
Trotz
der furchtbarsten Schwierigkeiten sind die Erfolge
der Sowjetmacht nach acht Jahren proletarischer
Diktatur so gewaltig, daß sogar die internationale
Sozialdemokratie gezwungen wird, die Losungen ihrer
Antisowjetkampagne zu ändern. Sie führt ihren
antibolschewistischen Kampf bereits nicht mehr mit
der Berufung auf "den Sturz der Sowjetmacht nach
sechs Wochen", sondern unter der Flagge der
Verteidigung gegen den "Roten Imperialismus". Die
Sozialverräter erblicken die Hauptgefahr nicht mehr
in der Schwäche, sondern in der Stärke der
Sowjetunion.
Damit
dienen die sozialdemokratischen Führer den
Interessen des internationalen Kapitals, das in
Locarno eine imperialistische Weltfront gegen die
Sowjetunion geschaffen hat.
4. Der Umschwung im westeuropäischen
Proletariat
Während
sich in Locarno die Herrscher von Versailles mit den
Kapitalisten des besiegten Deutschlands zur
Vorbereitung des Angriffskrieges gegen Sowjetrußland
vereinigt haben, während die sozialdemokratischen
Führer ihre antibolschewistische Kampagne
verstärken, vollzieht sich in den Reihen der
westeuropäischen Arbeiterschaft eine tiefgehende
Wandlung. Die Resultate von acht Jahren der
proletarischen Diktatur üben ihre Wirkung auf das
Klassenbewußtsein aller Arbeiter der Welt aus. Der
Wiederaufstieg der russischen Wirtschaft, ihre
Entwicklung zum Sozialismus zeigt der
internationalen Arbeiterklasse, daß die
sozialdemokratischen Führer sie über Sowjetrußland
belogen haben. Hunderttausende und Millionen von
Arbeitern, die dem Sowjetstaat noch vor zwei Jahren
mit Mißtrauen oder Gleichgültigkeit
gegenüberstanden, beginnen, sich für seine Erfolge
zu interessieren. Innerhalb der sozialdemokratischen
Parteien selbst erwacht die Aufmerksamkeit für
Sowjetrußland. Die Entsendung von
Arbeiterdelegationen aus England, Deutschland,
Schweden, der Tschechoslowakei, Österreich und
Belgien ist der Beginn einer Neuorientierung des
internationalen Proletariats gegenüber Sowjetrußland.
Die
Idee der Arbeiterdelegationen, die Sympathie für
Sowjetrußland ergreifen immer breitere Massen. Das
ist eine Erscheinung von größter Bedeutung für die
Zukunft des proletarischen Klassenkampfes. Der
Anschauungsunterricht der proletarischen Diktatur
wirkt stärker für den Sozialismus, als es 70 Jahre
geduldiger Agitationsarbeit bis zum November 1917
vermochten.
Die
Frage Sowjetrußlands wird zur Trennungslinie
zwischen den reaktionären Führern und den
sozialdemokratischen Arbeitern im Betrieb. Sie ist
der Anfang einer Klassendifferenzierung von größtem
Umfang innerhalb der sozialdemokratischen Parteien.
ln England, der Hochburg des europäischen
Kapitalismus, erwiesen sich die neuen,
sowjetfreundlichen Strömungen der Arbeiterschaft
bereits jetzt als stärker als die opportunistischen
Traditionen der Sozialdemokratie. Der englische
Gewerkschaftskongreß hat sich mit überwältigender
Mehrheit für das Bündnis mit dem russischen
Proletariat ausgesprochen. In Deutschland sehen wir
nur ersten Keime einer ähnlichen Bewegung. Es ist
die Aufgabe unserer Partei, diese Entwicklung mit
allen Kräften zu beschleunigen. Das ist der
eigentliche Sinn jener großen politischen
Umstellung, die wir mit der letzten Parteikonferenz
abgeschlossen haben. Beginnende Sympathie für
Sowjetrußland, Herstellung der internationalen
Einheitsfront des Proletariats, Zerschlagung der
Koalition mit der Bourgeoisie, Kampf um die
Errichtung der proletarischen Diktatur - das sind
die vier großen Etappen, vor denen das
internationale Proletariat steht. Die
lnternationalisierung der russischen Revolution vom
7. November 1917 - das ist der Inhalt der
gegenwärtigen Geschichtsepoche.
5. Die Rolle der bolschewistischen
Partei
Wie kommt es, daß die proletarische Revolution nicht
in einem der modernsten Industrieländer wie Amerika,
England oder Deutschland zum ersten Mal siegte,
sondern in dem rückständigen, bäuerlichen Rußland?
Lenin hat uns gelehrt, daß die proletarische
Revolution nicht ausschließlich das Resultat der
inneren Entwicklung dieses oder jenes einzelnen
Landes ist, sondern daß sie das Resultat der
Gegensätze im Weltsystem des Imperialismus ist. Die
proletarische Revolution siegt nicht dort zuerst, wo
die Industrie, die Kultur, die Demokratie am
höchsten entwickelt sind, sondern dort, wo die Kette
des Weltimperialismus am schwächsten ist, wo sie am
leichtesten gesprengt werden kann. Im Jahre 1917 war
die Kette des Weltimperialismus in Rußland schwächer
als in den anderen Ländern. Sie riß, weil sich in
Rußland die gewaltigste Volksrevolution entfaltete,
an deren Spitze ein revolutionäres Proletariat
marschierte, das mit 120 Millionen ausgebeuteten und
unterdrückten Bauern verbündet war. Der
Zusammenbruch des Zarismus, der verlorene Krieg, die
Erhebung der Bauernmassen, die Rebellion der aus
Bauern und Arbeitern zusammengesetzten zaristischen
Armee, die Empörung der unterdrückten Nationen,
schließlich der heroische Kampf des klassenbewußten
Industrieproletariats schufen eine unmittelbar
revolutionäre Situation von einzigartiger Schärfe.
Im gleichen Augenblick waren die Feinde des
Proletariats aufs äußerste geschwächt. Die
zaristischen Gutsbesitzer waren durch die
Februarrevolution gestürzt, die kapitalistische
Demokratie hatte noch keine Zeit gefunden, ihre
Macht zu befestigen, die ausländischen Imperialisten
waren durch ihre eigenen Gegensätze gespalten, durch
den Weltkrieg gelähmt.
Die
günstigsten Bedingungen waren für den Sieg des
Proletariats geschaffen. Und dennoch kann man heute
mit Bestimmtheit sagen, daß die Arbeiterklasse am 7.
November 1917 nicht die Macht erobert hätte, wenn
nicht noch ein letzter Faktor vorhanden gewesen
wäre, dessen Eingriff die Entscheidung herbeiführte
und damit der Weltgeschichte eine neue Richtung
verlieh. Dieser Faktor war die Russische
Kommunistische Partei, die Partei der Bolschewiki,
unter Führung Lenins.
Nur die
Bolschewiki waren imstande, in den acht Monaten vom
Februar bis zum 0ktober, Schritt für Schritt die
Massen gegen die kapitalistische Kerenski-Demokratie
zu mobilisieren, strategische Manöver der
Arbeiterklasse gegen die Konterrevolution zu leiten,
alle Kräfte der Revolution zusammenzufassen auf das
eine Ziel der proletarischen Machtergreifung zu
konzentrieren und in den entscheidenden Stunden des
Oktobers den Aufstand zu organisieren. Ohne die
Partei der Bolschewiki hätten die Menschewisten die
Oberhand in den Sowjets behalten. Die russische
Bourgeoisie hätte sich mit den deutschen Generälen,
die bereits in Riga standen, vereinigt; der Aufstand
und die elementaren Erhebungen der Bauernschaft
wären in einem Meer von Blut erstickt worden.
Der 7.
November 1917 ist die gewaltigste Verkörperung der
Leninschen Lehre von der führenden Rolle der
bolschewistischen Partei in der proletarischen
Revolution. Diese Lehre des Oktoberumsturzes bildet
das genaue Gegenstück zur Hauptlehre der deutschen
Novemberrevolution. Die erste deutsche Revolution
ging nach fünf Jahren verzweifelter Massenkämpfe von
den Noske-Tagen über den Kapp-Putsch bis zur
sächsischen Oktoberniederlage und zum Hamburger
Aufstand von 1923 zugrunde, weil dem deutschen
Proletariat die Führung, die Partei von
Bolschewisten, fehlte, die imstande gewesen wäre,
den Kampf der Massen zu leiten und zu organisieren.
Den 7.
November 1917 begreifen heißt nicht nur seine
Früchte, sondern auch seine Wurzeln erkennen. Diese
Wurzeln liegen in dem jahrzehntelangen Kampf, den
Lenin und die alte Garde des Bolschewismus für die
Herausbildung einer revolutionären Partei führten.
Die Voraussetzungen für den Oktobersieg wurden in
den Jahren von 1907 bis 1914, in der Periode
zwischen der Niederlage der ersten Revolution und
dem Beginn des Weltkrieges, geschaffen.
Wir
feiern heute zugleich mit dem achten Jahrestag des
Oktoberumsturzes die zwanzigste Wiederkehr der
ersten russischen Revolution von 1905. Das Jahr 1905
war nach Lenins Wort die "Generalprobe" für den
0ktoberumsturz. Auf Grund der ungeheuren Erfahrungen
dieser Generalprobe schufen die Bolschewiki ihre
revolutionäre Theorie, arbeiteten sie die allseitige
leninistische Taktik zur Eroberung und Führung der
Massen heraus, sammelten und erzogen sie die
eisernen Arbeiterkader, die späteren Leiter des
Umsturzes.
Vom
historischen Standpunkt betrachtet, war der gesamte
bisherige Verlauf der deutschen Revolution vom
November 191 8 bis zum 0ktober 1925 nur eine
"Generalprobe" für die kommende zweite deutsche
Revolution. Wir haben unser 1905 bereits hinter uns,
aber unser 1917 steht noch vor uns.
Unsere
Partei arbeitet jetzt an der Schaffung der
Voraussetzungen für den deutschen Oktober. Auf Grund
der Erfahrungen unserer ersten Revolution müssen wir
eine Partei herausbilden, die imstande ist, das
deutsche Proletariat zum Kampf um die Macht zu
führen. Wir befinden uns in einer ähnlichen Periode,
wie sie der russische Bolschewismus zwischen 1907
und 1914 durchmachte.
Allerdings bestehen grundlegende Unterschiede
zwischen der deutschen und der russischen
Revolution. Der Kapitalismus ist im industriellen
Deutschland unendlich viel stärker als im
rückständigen Rußland. Seine Stärke spiegelt sich in
dem großen Einfluß wider, den die
sozialdemokratischen Führer auf das Proletariat noch
ausüben. Die Politik der deutschen Sozialdemokratie
ist noch viel gefährlicher, viel reaktionärer, als
es die des russischen Menschewismus war.
Darum
besteht die Hauptaufgabe der Kommunisten in
Deutschland in der Zerschlagung des Einflusses der
sozialdemokratischen Führer auf das deutsche
Proletariat, insbesondere auf die
Gewerkschaftsbewegung.
Der
Unterschied zwischen der deutschen und der
russischen Revolution ist nicht einseitig in der
stärkeren Macht des deutschen Kapitalismus zu
suchen. Auch das Proletariat ist in Deutschland
stärker, als es in dem kleinbürgerlichen Rußland
war. Beide Fronten, sowohl die der Revolution als
die der Gegenrevolution, sind in Deutschland breiter
und fester. Darum ist die Revolution in Deutschland
langwieriger, komplizierter und mühevoller als in
Rußland.
Das
deutsche Proletariat ist vor allem deshalb stärker,
weil es bereits die Erfahrungen der drei russischen
Revolutionen und der achtjährigen Praxis der
proletarischen Diktatur in der Sowjetunion besitzt.
Das deutsche Proletariat hat zwei Weltmächte zu
Verbündeten, die zur Zeit des russischen
Oktoberumsturzes noch nicht bestanden. Sein erster
Verbündeter ist die Sowjetunion selbst.
Die
zweite Weltmacht, die an unserer Seite steht, ist
die Kommunistische Internationale. Die Komintern,
deren erste Anfänge von Lenin mitten im
imperialistischen Weltkrieg geschaffen wurden, ist
das revolutionäre Kind des Sieges vom 7. November
1917. Sie vereinigt die Lehren des revolutionären
Marxismus mit den Erfahrungen des russischen
Bolschewismus, die Lehren des Sieges der
Sowjetrevolution mit den Ergebnissen des Kampfes der
internationalen Arbeiterklasse. Sie ist unser
größter Führer.
Mehr
denn je muß der achte Gedenktag des 7. November
allen Kommunisten, allen revolutionären Arbeitern
die prophetischen Worte ins Gedächtnis rufen, die
Lenin im Jahre 1919 schrieb: Die Komintern ist der
Keim für die Weltunion Sozialistischer
Sowjetrepubliken!
Die Rote Fahne (Berlin), Nr. 258 vom 7. November
1925
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