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Utopische Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus

 

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1. Einleitung

Die Gegner des Sozialismus, die Konservativen, haben sich einen originellen Trick ausgedacht: Sie bezeichnen die sozialistische Idee als alt, verstaubt, historisch überholt. Wie sollen ein Karl Marx oder ein Friedrich Engels, die vor mehr als hundert Jahren gelebt haben, heute noch Gültigkeit haben? Wie sollen also deren Aussagen, so behaupten die Konservativen, in unserer modernen Zeit, im Zeitalter der Raumfahrt, der Atomkraft, der Computer und neuen Technologien noch zutreffen? In dieser plumpen Demagogie steckt ein wahrer Kern, der den Predigern des Antisozialismus freilich verborgen bleibt: 

Die Idee des Sozialismus ist als Ausdruck einer zutiefst menschlichen Sehnsucht tatsächlich uralt. Ihr Alter können wir aber nicht mit einer Jahreszahl angeben. Die einzige korrekte Antwort lautet: Die Idee des Sozialismus ist so alt wie Unterdrückung, Unrecht und Ausbeutung in der Menschheitsgeschichte. Sie war in allen bisherigen Klassengesellschaften (also Gesellschaften von Unterdrückern und Unterdrückten) die Antwort auf das Elend der Unterdrückten und Ausgebeuteten, die Vision einer Zukunftsgesellschaft der menschlichen Geschwisterlichkeit und Solidarität. 

Das Wort Sozialismus kommt aus dem Lateinischen, von „socius“, das heißt „der Genosse“. Unter Sozialismus verstehen wir daher eine Idee, Bewegung und Gesellschaft, die eine Gemeinschaft von Genossinnen und Genossen, die solidarisch und geschwisterlich leben, zum Ziel hat. Sozialismus war zu allen Zeiten, trotz aller Wandlungen der sozialistischen Idee, das Gegenteil von Ausbeutung und Unterdrückung. 

Sozialismus stand und steht daher in allen Gesellschaften im Widerspruch zu einer konservativen, das heißt das Bestehende bewahrende und verteidigende Geisteshaltung. Wer der Meinung war und ist, die bestehende Ordnung sei gottgewollt oder entspricht der nicht zu ändernden Natur des Menschen, konnte und kann nicht Sozialist sein. 

Sozialismus ist verbunden mit der Überzeugung, dass das Bestehende geändert werden kann, dass Unfreiheit, Ausbeutung, Elend nicht sein müssen, sondern überwunden werden können. Wie das zu geschehen hat, und wann, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, und wie die sozialistische Gesellschaft konkret aussieht – darüber gibt es in der Ideengeschichte des Sozialismus eine verwirrende Vielfalt von Meinungen. Sie reicht von jenen, die auf einen göttlichen Erlöser hoffen, bis zu den modernen Sozialisten, die eine Verbindung zwischen der sozialistischen Idee und der kämpfenden Arbeiterklasse herstellen. 

Aus dieser Vielfalt der sozialistischen Idee greifen wir nun Beispiele heraus: Sie alle werden unter dem Begriff „utopische Vorläufer des Sozialismus“ zusammengefasst. Der Begriff „Utopie“ kommt von dem Titel des Buches „Utopia“ (griech.: „Nirgendwo“), das der englische katholische Humanist Thomas Morus im Jahr 1516 veröffentlichte. Wir werden darauf in Kapitel 5 noch ausführlich eingehen. Dieses ursprünglich griechische Wort ist auch in unserem Wortschatz in Verwendung und bedeutet „Traumland“, „Schwärmerei“, aber auch „Wunschziel“. 

Die Suche nach dem Nirgendwo, dem Traumland, nach einer Utopie, entspringt also dem Unbehagen mit der Gegenwart. Sie ist eine Reaktion auf die bestehenden Missstände der jeweiligen Gesellschaft. 

Ihre Bedeutung für Sozialisten und Sozialistinnen von heute hat Josef Hindels wie folgt formuliert: 

„Die Sozialisten von heute sind daher die Erben einer langen Reihe von Generationen, die in der antiken, in der feudalmittelalterlichen, in der frühkapitalistischen Gesellschaft im Kampf standen für die große, faszinierende Idee des Sozialismus. Abgesehen von allen Irrtümern und Illusionen, die diesen unreifen, frühen Sozialismus begleiteten, und die später unter veränderten sozialökonomischen Verhältnissen überwunden werden konnten, ist eines gleich geblieben: 

- Die tiefe Sehnsucht nach einer solidarischen Gesellschaft, in der das gemeinsame brüderliche Wirken die Voraussetzung schafft für ein sinnvolles Leben, frei von Unterdrückung und Ausbeutung.

- Wer im Sozialismus der Gegenwart die Erben dieses jahrhundertelangen Ringens um die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung erkennt, wird daraus Folgerungen ziehen:

- Ein sozialistische Bewegung muss mehr sein als eine Partei. Sie darf sich auch nicht damit begnügen, in vielen Bereichen besser zu sein als bürgerliche Parteien, die das bestehende verteidigen.

- Ihr historisches Erbe verpflichtet sie zum prinzipiellen Anderssein. Ohne die harten Aufgaben der Tagespolitik zu vernachlässigen, darf sie nicht müde werden, das große gesellschaftspolitische Ziel, für das so viele Generationen gekämpft und gelitten haben, in den Mittelpunkt ihres Wirkens zu stellen. 

Der wissenschaftliche Sozialismus, also der Marxismus, ist keine Sammlung einsamer Gedankenblitze von Karl Marx und Friedrich Engels. Der wissenschaftliche Sozialismus hat viele Vorgänger und sie waren Anknüpfungspunkte für Marx und Engels. Die „Quellen des Marxismus“ (Lenin) gibt es in philosophischen Fragen, im ökonomischen Bereich, aber auch beim Ziel einer gerechten und menschlichen Gesellschaft 

Viele dieser Sozialismusvorstellungen werden auf Widerspruch stoßen, zuviel Elitäres und zuwenig Gleichheit ist dort zu finden. Und doch ist ihnen eines gemeinsam und das ist auch ihre geschichtliche Bedeutung: sie zeugen davon, dass in allen Klassengesellschaften (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) die Menschen mehr Gerechtigkeit wollten. 

Gleich ist diesen Vorläufern des Marxismus auch, dass die Kopfgeburten sind. Also nicht die Auseinandersetzung der Klassen sollte eine ideale Gesellschaft möglich machen, auch nicht die dabei gefällten Entscheidungen der Massen, sondern ein vorher festgelegtes Bild einer besseren Gesellschaft sollte verwirklicht werden. 

So erdachten Philosophen in ihren Studierstuben genau Pläne, wie diese neue Form des Zusammenlebens organisiert sein sollte. Diese Ideen sollten dann möglichst detailgetreu verwirklicht werden. Diese alten Formen des Sozialismus hatten auch eine sehr enge Beziehung zur Religion. 

Zeiten, in den besonders viele Sozialismusmodelle erdacht wurden, waren stets Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen. So zum Beispiel das bereits krisengeschüttelte Römerreich zur Zeit Christi. Immer dann, wenn das Nichtfunktionieren der vorherrschenden Gesellschaft offensichtlich wurde, hatten alternative Gesellschaftsmodelle Hochkonjunktur. Ähnliches finden wir ja auch heutzutage wieder in vielen Bereichen der Ökologiebewegung, was aber nicht heißt, dass es sich dabei um sozialistische Utopien handelt. 

Die folgenden Kapitel behandeln nun einzelne sozialistischen Utopien. Wir haben für jede Klassengesellschaft, die antike Sklavenhaltergesellschaft, die mittelalterliche Feudalgesellschaft und die kapitalistische Gesellschaft bedeutende Vertreter und ihre Utopien ausgewählt. Neben der Darstellung des gesellschaftliche Hindergrundes und der Beschreibung der einzelnen Utopien wird dann noch besonders auf die Stellung der Frau in den einzelnen utopischen Gesellschaftsmodellen eingegangen. „In einer gegebenen Gesellschaft ist der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation.“ Hatte Charles Fourier, ebenfalls ein bedeutender Utopist (siehe Kapitel 6.3), formuliert und Karl Marx hat diese Erkenntnis übernommen. Wir werden es ebenfalls so halten.

 

Zusammenfassung

1. Utopien sind Antworten auf gesellschaftliche Missstände. Sie sind Versuche, durch die „Erfindung“ einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens der Menschen diese Missstände zu überwinden.

2. Vieles, was an Ideen und Systemen da entwickelt wurde, mag falsch, komisch und undurchführbar erscheinen. Aber die Utopisten verfügten weder über eine Wissenschaft, die es ihnen ermöglichte, ihre Gesellschaft zu analysieren und ihre Entwicklungsgesetze zu ergründen, noch über eine gesellschaftliche Kraft (Arbeiterklasse), die als Trägerin des Kampfes zur Überwindung der Missstände hätte wirken können.

3. Die einzelnen utopischen System sind immer vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund zu betrachten. Sie waren abhängig von den Bedingungen unter denen sie lebten.

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2. Platon und sein Idealstaat

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2.1. Platon und seine Zeit

Zwischen 1000 und 700 Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung entstanden auf dem griechischen Festland Stadtstaaten mit hochentwickelten Kulturen. Die Warenproduktion war verhältnismäßig weit entwickelt, ebenso der Warenhandel, der auf das gesamte ägäische Meer ausgedehnt wurde. Grund und Boden war bereits Privateigentum, immer weiter schritt die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Handwerk, Handel und Schifffahrt fort. Die noch weitgehend aus der Zeit des Gemeineigentums stammende politische Ordnung kam mehr und mehr in Widerspruch zu den sich entwickelnden Differenzierungen der griechischen Gesellschaft. An Stelle eines lockeren Bundes von nebeneinander lebenden Stämmen trat die Verschmelzung zu einem einzigen Volk mit einem athenischen allgemeinen Volksrecht als Verfassung

Neben Athen, wo 638 v.u.Z. der sich herausgebildete Adel das Königtum ablöste, entwickelte sich auf der Peloponnes Sparta, ein kriegerischer Staat, in dem sich das Königtum weit länger hielt, und wurde zum schärfsten Rivalen Athens. In eben dieser Zeit wurde Geld als Zahlungsmittel eingeführt. Im allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung wurde Athen das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Attikas. Die athenische Bevölkerung wurde in drei Klassen – Adelige, Ackerbauern und Handwerker – eingeteilt. Der Adel genoss das ausschließliche Recht zur Besetzung politischer Ämter. Daneben kontrollierten die Adeligen Athens den Seehandel (inklusive der offen geförderten Piraterie) und konnten dadurch ungeheure Reichtümer ansammeln. Gleichzeitig führte die sich entwickelnde Geldwirtschaft das Bauerntum in den Ruin. Innerhalb weniger Jahre waren fast alle Bauern hoch verschuldet. Sämtlicher Felder Attikas starrten von Pfandsäulen, Steinen, auf denen verzeichnet stand, dass das Grundstück dem und dem um soundsoviel Geld verpfändet war. Zahlreiche Bauern waren gezwungen, ihren Grund zunächst zu verpachten (ein Sechstel des Ertrages bekam der Bauer, fünf Sechstel der adelige Pachtherr), dann zu verkaufen. Konnten dadurch die Schulden nicht getilgt werden, so blieb kein anderer Ausweg, als zunächst die Kinder, dann die Frau und zuletzt sich selber als Sklaven zu verkaufen. Diese und die bei den zahllosen Kampfzügen Gefangenen wurden zur wirtschaftlichen Grundlage das antiken Griechenlands: die antike Sklavenhaltergesellschaft.

Der Unmut der Bauern und Armen wuchs. 624 v.u.Z. sah sich Drakon zur Erlassung eines besonders strengen Strafrechtes gezwungen, um die Adelsherrschaft aufrechtzuerhalten. Doch bereits 594 v.u.Z. musste der Adel abdanken. Der neue Gesetzgeber Solon verfügte die entschädigungslose Aufhebung aller Schulden auf Grundstücke, also die Enteignung der Reichen. Schuldverträge wurden verboten, besonders solche, die die Bauern in die Sklaverei führten. Die wegen Schulden ins Ausland Verkauften oder Geflohenen wurden nach Athen zurückgeführt. Höchstmaße für Grundbesitz wurden festgesetzt, damit nicht das gesamte Land Eigentum weniger reich Menschen würde.

Solon teilte die Bürger nach dem Ertrag ihrer Felder in vier Klassen ein. Der alte Adelsrat wurde durch den „Rat der Vierhundert“ ersetzt. Alle Ämter konnten nur aus den obersten drei, die höchsten bloß aus der ersten Klasse besetzt werden, die vierte Klasse hatte nur das Recht, in dieser Volksversammlung zu reden und zu stimmen. Allerdings hatte diese vierte Klasse die Mehrheit. Die Sklavenarbeit blieb jedoch weiterhin die wirtschaftliche Grundlage; die Sklaven blieben rechtlos.

Athen war also zu dieser Zeit der mächtigste Staat im griechischen Raum. Aber auch der meistgehasste. Schließlich kam es zum Krieg um die Vorherrschaft zwischen dem sich stetig ausbreitenden Athen und den noch nicht unterworfenen Staaten des Peloponnes unter Führung Spartas. Dieser Kampf auf Leben und Tod war aber nicht nur ein Krieg gegen die Vorherrschaft Athens, er war auch ein Krieg der Aristokratie (Adelsherrschaft) gegen die Demokratie (Volksherrschaft). Athen war der demokratischste Staat Griechenlands, Sparta der aristokratischste. In allen Athen unterworfenen Staaten mussten vornehmlich die Adeligen die Zeche zahlen; sie wurden in erster Linie geplündert, nicht das Volk. In Athen selbst war die soziale Zersetzung, waren Gegensätze zwischen arm und reich so weit gediehen, dass Athens Adelige und Reiche mit Sparta, dem Landesfeind, liebäugelten und konspirierten. Ein Sieg Spartas erschien ihnen das beste Mittel, die Herrschaft des Volkes zu stürzen.

Der entscheidende Kampf zwischen Athen und Sparta, der sogenannte Peloponnesische Krieg, dauerte fast dreißig Jahre (431-404 v.u.Z.) und endete mit der völligen Vernichtung der athenischen Macht. Athen wurde auf Attika beschränkt und von Sparta abhängig. An die Stelle der Demokratie trat die Herrschaft der „Tyrannen“, Diktatoren mit Unterstützung Spartas.

Dieser rasche Wechsel verschiedener Herrschaftsformen – Königtum, Aristokratie, Demokratie und Tyrannei – zwang regelrecht dazu, über die Ursachen des Gedeihens und Verfallens von Staaten nachzudenken. Damit wurde die politische Theorie geboren und kaum ein Lehrer der griechischen Jugend, kaum ein Philosoph und Denker, kam um die Frage der besten Staatsform herum. In eben diese Zeit wurde Platon hineingeboren und durch diese Ereignisse sichtlich geprägt entstand auch sein uns hier interessierendes Werk „Politeia“ („Der Staat“).

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2.2. Die Person Platon

Platon wurde 427 v.u.Z. geboren, stammte aus dem athenischen Adel und gehörte damit zur privilegierten Oberschicht. Er hatte seine aristokratischen Absichten nie verleugnet und sich stets eine Abneigung gegen die Demokratie bewahrt. Obwohl von seiner Herkunft her dazu bestimmt, politische Funktionen zu übernehmen, nutze er seine angenehmen Vermögensumstände, um sich Zeit seines Lebens der Dichtkunst und der Philosophie zu widmen und durch Reisen seinen Horizont zu erweitern. Seine Bekanntschaft mit dem berühmten Philosophen und Lehrer Sokrates – vermutlich ab seinem 20. Lebensjahr – wurde für ihn entscheidend. Platon widmete sich von da an völlig der Philosophie, wurde Sokrates’ berühmtester Schüler und trat in Athen als Lehrer auf.

Bezeichnend für Platon war, dass er zwar ein System politischer Ideen, einen Idealstaat, entwickelte, ihm aber nicht im geringsten einfiel, auch nur den kleinsten Finger dafür zu rühren, seinen Ideen und Anschauungen durch Teilnahme am politischen Leben zur Durchsetzung zu verhelfen. Vielmehr hoffte er auf die Einsicht der Herrschenden, geleitet durch die Weisheit der Philosophen. Doch die Herrscher kümmerten sich freilich recht wenig um die Philosophen und ihre Ideen.

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2.3. „Politeia“ – Der Staat

Wie alle anderen Schüler Sokrates’ schlug Platon einen Staat und eine Gesellschaft vor, in denen das Privateigentum aufgehoben alle Bürger gleichgestellt sind. Aber Platon war viel zu sehr Adeliger, um die Klassenunterschiede aufheben zu wollen. Sein „Kommunismus“ war ein Kommunismus der herrschenden Klasse. Wird erst das Privateigentum der Herrschenden aufgehoben, so sagte er, dann hört jede Versuchung auf, das arbeitende Volk auszubeuten. Dann werden sie einzig und allein danach trachten, das Volk zu schützen und zu seinem Besten zu führen.

Für die Bauern, Handwerker und Händler bestand im Staate Platons das Privateigentum fort. Da die Grundlage der damaligen Produktion der Kleinbetrieb war, wäre dort eine Abschaffung des Privatbesitzes nicht möglich gewesen. Die Technik von Ackerbau und Handwerk war noch nicht so weit entwickelt, dass gesellschaftliche Produktion möglich gewesen wäre. Es gab zwar schon größere Betriebe, aber dort arbeiteten nur Sklaven und auch diese sollte es in Platons Staat geben. Eine Abschaffung der Sklaverei konnte er sich nicht vorstellen.

Die Herrschenden im Staat waren die Wächter. Sie produzierten nicht, sondern werden vom arbeitenden Volk erhalten. Die Wächter wurden besonders sorgfältig aus den Besten und Tüchtigsten ausgewählt. Ausführlich beschrieb Platon ihre Erziehung. Bewährte sich ein Wächter nicht, wurde er ohne Mitleid aus dem Wächterstand ausgeschlossen. Umgekehrt konnte ein besonders edler und tüchtiger unter den Bauern und Handwerkern auch in den Wächterstand erhoben werden.

Neben der Gütergemeinschaft für seine „Wächter“ verlangte Platon noch mehr. Alles, was Privatinteressen, Streit oder Zwietracht erzeugen konnte, sollte ausgeschlossen werden. Konsequent forderte er daher die Aufhebung der Einzelehe und die Gemeinschaft von Frauen und Kindern. Platon lässt es Sokrates im Gespräch mit Glaukon darlegen:

„Diese Frauen müssen allen Männern gemeinsam gehören, keine darf mit keinem allein beisammen sein, und ebenso sind die Kinder gemeinsam: weder kennt der Vater sein Kind, noch das Kind seinen Vater.“

„Diese Forderung erscheint mir noch viel unglaublicher in ihrer Durchführbarkeit und ihrem Nutzen als die erste.“

„Über den Nutzen werden wir nicht lange streiten, denn die Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder ist, wenn sie möglich ist, das größte Gut. Aber über die Durchführbarkeit wird es einen harten Kampf geben.“

Doch Platon gestattete seinen Wächtern nicht gänzlich regellosen Geschlechtsverkehr. Stattdessen herrschte ein Prinzip: die Zuchtwahl.

„Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Frauen mit den besten Männern möglichst oft zusammenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll. Das alles muss aber geheim gehalten werden, außer bei den Herrschern, soll die Herde der Wächter möglichst ohne Hader leben.“

Die Betreuung und Erziehung der Kinder übernahm der Staat:

„Um die jeweils geborenen Kinder nehmen sich dann die Behörden an, die dazu bestellt sind; sie bestehen aus Frauen oder Männern oder aus beiden gemischt – denn es gibt auch Ämter, die Frauen und Männer gemeinsam führen.“

„Ja!“

„Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie Missgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört.“

„Wenn anders das Geschlecht der Wächter rein erhalten werden soll!“

„Sie werden sich auch um die Ernährung kümmern, die Mütter in das Säuglingsheim führen, wenn sie Milch haben, aber alle Verhaltensmaßregeln treffen, dass keine ihr Kind erkennt, werden auch andere Frauen, die Milch haben, hinbringen, wenn jene zu wenig Milch haben; sie werden sich auch um die Mütter kümmern, dass nur müßige Zeit säugen, während sie das Wachen und die anderen Mühen den Ammen und Wärterinnen übergeben.“

„Du erleichterst den Frauen der Wächter das Kinderbekommen sehr!“

Ganz offensichtlich hatte sich Platon bei der Entwicklung dieser Idee an dem Staat Sparta orientiert, denn Sparta hatte diese Forderungen teilweise praktiziert.

In einem weiteren wesentlichen Bereich stellt Platon eine Forderung auf, die für damalige Begriffe undurchführbar schien: die völlige Gleichstellung von Mann und Frau, die Zulassung der letzteren zu allen Ämtern, gleiche Erziehung für Knaben und Mädchen – allerdings nur innerhalb des Wächterstandes. Platon leitete diese Forderung aus der Tatsache ab, dass Mann und Frau von Natur aus gleich Anlagen haben, die – bei gleicher Erziehung – auch zu beruflicher und gesellschaftlicher Gleichstellung führen müssen. Kindererziehung ist kein Hindernis, das übernimmt der Staat. Haushaltsarbeiten sind der arbeitenden Klasse zugewiesen.

„Kann man nun irgendein Lebewesen zum gleichen Zweck gebrauchen, wenn man ihm nicht dieselbe Erziehung und Ausbildung gibt?“

„Das ist unmöglich!“

„Wenn wir also den Frauen dieselben Aufgaben stellen wie den Männern, müssen wir sie auch genauso erziehen!“

„Ja!“

„Die Männer wurden geistiger und körperlicher Erziehung unterworfen.“

„Ja!“

„So müssen wir auch den Frauen die Erziehung in diesen zwei Gebieten und dazu eine Kriegsausbildung geben und sie in gleicher Weise verwenden?“

„Das ergibt sich offensichtlich aus deinen Worten.“

„Es gibt also keinen öffentlichen Beruf, der nur für eine Frau oder nur für einen Mann geeignet wäre, sondern die Anlagen sind in beiden Geschlechtern gleich verteilt und die Frau hat, nach ihrer Anlage, an allen Berufen Anteil, ebenso der Mann, überall aber ist die Frau schwächer als der Mann.“

Die Führung des Staates übernehmen die Philosophen, die fast das ganze Leben dafür ausgebildet werden. Sie bilden die oberste Schicht der Wächter.

„Ehe nicht das Geschlecht der Philosophen Herr des Staates wird, werden nicht Staaten noch Bürger ein Ende des Leides finden, noch wird die Verfassung, die wir uns im Mythos geistig gestaltet haben, in der Wirklichkeit ihre Erfüllung finden.“

„Wunderbar hast du, mein Sokrates, die Herrscher herausgearbeitet, wie ein Bildhauer seine Statuen.“

„Aber auch die Herrscherinnen, mein Glaukon! Denn nichts, glaube mir, habe ich über Männer gesagt, was nicht auch für Frauen gilt, soweit ihre Anlage sie dazu befähigt.“

„Mit Recht, wenn sie an allem mit den Männern gleichen Anteil nehmen, wie wir dargelegt haben.“

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2.4. Zusammenfassung

1. Platons Idealstaat hat die Struktur einer kommunistischen Gesellschaft, die sich allerdings – trotz einiger Parallelen und Übereinstimmungen – mit dem modernen Sozialismus kaum in Einklang bringen lässt. Der moderne Sozialismus strebt eine klassenlose, soziale und politische Demokratie an. Platons Idealstaat ist eine straff hierarchisch organisierte Diktatur, deren wirtschaftliche Grundlage eine ArbeiterInnenkaste und deren Herrschaftsinstrument eine Kriegerkaste bildet. Die Diktatur, die Platon vorschwebt, ist eine absolute und totale, die das Denken, Fühlen, Leben jedes Kastenmitglieds in jeder Einzelheit regelt und vor allem darüber wacht, dass die Stabilität der Gesellschaft nicht durch fremde oder neue Ideen gestört wird. Sein Kommunismus ist ein konservativer, staatserhaltender.Abschaffung des Privateigentums, Gleichstellung von Mann und Frau, staatlicher Kindererziehung – all das gilt nur für den Wächterstand. Die herrschende Klasse in Platons Staat produziert nicht, sie wird durch das arbeitende Volk erhalten, das sie jedoch weder ausbeutet noch unterdrückt. Es ist kein Kommunismus der Produktionsmittel (wie ihn der moderne Sozialismus anstrebt), sondern ein Kommunismus der Genussmittel, des Konsumierens.

2. Die Aufhebung der Einzelehe ist das logische Ergebnis eines Kommunismus des Konsums. Es wäre höchst inkonsequent, wenn alle Genüsse gemeinsam sein sollen, den geschlechtlichen davon auszuschließen. Die Gleichstellung de Frau wird durch die Zuweisung von Haushaltsarbeiten und Kindererziehung an das arbeitende Volk ermöglicht. Solange es nicht möglich war, diese Arbeiten, insbesondere den Haushalt durch Maschinen besorgen zu lassen, konnte die Emanzipation der Frau auf anderer Grundlage nicht erreicht werden.

3. Platon hatte sich die Schaffung seines Idealstaates nicht als Ergebnis eines sozialen oder wirtschaftlichen Prozesses vorgestellt; er sollte vielmehr durch die Weisheit der Philosophen als Herrscher hervorgebracht werden. Die Vorstellung einer durch ökonomisch-technischen Fortschritt und Klassenkampf hervorgebrachten gesellschaftlichen Umwälzung war ihm ebenso fremd wie allen anderen Denkern der Antike.

4. Die große Bedeutung von Platons Idealstaat liegt darin, dass er die erste philosophische und systematische Entwicklung und Verteidigung einer kommunistischen Gesellschaft ist, die wir kennen.

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3. Das Urchristentum

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3.1. Die gesellschaftlichen Wurzeln des Christentums

Ähnliche Entwicklungen, wie wir sie am Beispiel des Aufstiegs und Falls Athens schon im vorigen Kapitel beschrieben haben, verschonten auch nicht das damals weltbeherrschende Rom. Zum Zeitpunkt des Entstehens des Christentums umfasste das Römische Reich halb England, Spanien, Frankreich, Teile Deutschlands und Österreichs bis zur Donau, große Teile der heutigen südslawischen Staaten, Bulgarien, Rumänien, die Türkei, Kleinasien, Griechenland, die gesamte nordafrikanische Küste und klarerweise Italien – kurz: es handelte sich um ein riesiges Imperium. Doch bereits zum Zeitpunkt seiner höchsten Macht nach außen gärte es im Römischen Reich, setzte der innere soziale Zerfall ein.

Etwa um den Beginn unserer Zeitrechnung lagen auch die letzten Zuckungen der römischen Republik und setzte die Alleinherrschaft einzelner Kaiser ein. Aristokratie und Demokratie hatten sich als bankrott erwiesen. Der Kern des Volkes, die freie Bauernschaft, war verkümmert, in vielen Gegenden völlig verschwunden, in anderen zu Pächtern großer Grundbesitzer herabgedrückt. Die ewigen Eroberungskriege, die mit bäuerlichen Milizheeren geführt wurden, ruinierten die Wirtschaft der Bauern, während Großgrundbesitzer, die mit Sklaven produzierten, immer mächtiger und reicher wurden. Gerade diese Kriege lieferten ja laufend Nachschub an Sklaven. Kein Wunder also, dass die Sklavenwirtschaft rasch überhand nahm und die freien Bauern verdrängte. Diese besitzlosen Bauern zogen in die Großstädte, wo sie zusammen mit freigelassenen Sklaven die unterste Schicht der Bevölkerung bildeten.

Aber solange es die demokratische Republik gab, bedeutete diese Massenarmut nicht notwendigerweise Massenelend. Die Massen freier Bürger besaßen nichts anderes als die politische Macht, und sie wussten von dieser sehr wohl zu leben, indem sie Reiche sowie die abgabenpflichtigen unterworfenen Gebiete kräftig auspressten. Alle Versuche von Reformen, die diesen Besitzlosen Grund und Boden geben sollten, scheiterten. Einerseits am Widerstand der Großgrundbesitzer, andererseits aus dem ökonomischen Grund der Überlegenheit der Sklavenwirtschaft. Nicht zuletzt trug aber auch die Verkommenheit des Lumpenproletariats, das es vorzog, sich in den Städten bei „Brot und Spielen“ zu amüsieren, das ihre dazu bei.

Der Hass der Großgrundbesitzer und Reichen wuchs ebenso wie in Athen und an die Stelle der Demokratie trat die Alleinherrschaft des Kaisers. Mit der politischen Macht versiegte auch die einzige Erwerbsquelle des römischen Proletariats. Grauenhaftes, bislang unbekanntes Massenelend entwickelte sich in der römischen Gesellschaft und wurde zur brennenden sozialen Frage. Der Verfall des Bauerntums bildete den Vorboten des ökonomische Verfalls der gesamten Gesellschaft.

Mit den Bauern waren auch die Soldaten des Milizheeres verschwunden. Ein Söldnerheer entstand, das zwar im Einsatz gegen innere Unruhen unbezwinglich war, bald aber Mühe hatte, den äußeren Feind – die Germanen – abzuwehren, die immer stärker gegen Rom drängten. Mit dem militärischen Verfall wurden auch Eroberungskriege immer seltener, die Verteidigungskriege brachten mehr Verluste als Gefangene, die Zufuhr an Sklaven wurde immer spärlicher und damit brach die wirtschaftliche Grundlage der Landwirtschaft zusammen. Die Sklaverei wurde bloße Luxussklaverei, mit anderen Worten, die Sklaverei hörte auf, die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft zu sein.

Der Niedergang der Sklavenwirtschaft bedeutete keineswegs den Neuaufstieg der freien Bauernschaft. Vielmehr wurde der Großgrundbesitz nun in kleine Landstriche geteilt und gegen bestimmte Abgaben und Leistungen an die sogenannten Kolonenbauern verpachtet, die Vorgänger der mittelalterlichen Hörigen.

Die römische Bevölkerung, durch zahlreiche Kriege immer mehr dezimiert, verarmte zusehends. Um Soldaten und Kolonen zu bekommen, mussten die herrschenden Klassen immer mehr Ausländer, „Barbaren“, wie sie sie nannten, ins Reich ziehen lassen. Doch Landwirtschaft und Handwerk, Kunst, Kultur und Wissenschaft verfielen weiter. Dieser gesellschaftliche Niedergang erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte und endete mit dem völligen Zerfall des riesigen Römischen Reiches zu Beginn der Völkerwanderung (ca. 5. Jahrhundert). Dich in diesem allgemeinen Zerfall entstand eine neue gesellschaftliche Macht: das Christentum.

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3.2. Das Wesen des Urchristentums

Josef Hindels beschreibt in seinem Buch „Einführung in die Ideengeschichte des Sozialismus“, dass auch das Christentum Vorläufer hatte, die sozialistischen Inhalte, wenn auch in religiösen Begriffen verkleidet, predigten:

Oft wird Jesus als erster Sozialist, werden seine Jünger als erste Sozialistengeneration bezeichnet. Aber es gab bereits Jahrhunderte vor dem Entstehen des Christentums sozialistische Ideen. (...)

Aber die bedeutendsten unter den Propheten verherrlichten die Frühzeit Israels, als es noch kein Privateigentum, keine sozialen Kontraste zwischen arm und reich gab. Viele ihrer frommen Prophezeiungen sind, entkleiden wir sie der mystisch-religiösen Formen, der frommen, sich ständig auf Gott berufenden Sprache sozialkritische Anklagen, revolutionäre, gegen die Privilegierten gerichtete Manifeste, die sozialistische Ideen enthalten.

In Zeiten großer innerer und äußerer Spannungen, angesichts wachsender Not der Armen und weitgehender Konzentration des Reichtums in wenigen Händen, traten die altisraelitischen Propheten  auf, mahnten zur Umkehr, zur sozialen Neuorientierung.

Im Jahre 765 v. u. Z. erscheint einer der bedeutendsten dieser Propheten, Amos, auf einem religiösen Fest und schleudert im Namen Gottes seinen Fluch gegen die Reichen, deren Treiben das Land dem verdienten Untergang zuführen werde. Er sagt unter anderem:

„Ich will Feuer in Juda schicken, das soll die Paläste in Jerusalem verzehren.“

Aber die Propheten beschränkten sich nicht darauf, die bestehende Gesellschaft anzuklagen, ihre rechtlichen Einrichtungen zu demaskieren, die Klassengegensätze bloßzulegen. Sie entwarfen auch immer unter Berufung auf Gott die strahlende Vision einer sozialistischen Gesellschaft. Jeder wird, so hieß es in ihren Prophezeiungen , friedlich unter einem Weinstock oder Feigenbaum leben. Der Frieden zwischen Völkern wurde in engen Zusammenhang gebracht mit der Aufhebung der sozialen Ungerechtigkeit, der Privilegien der Reichen. Das Land sollten alle zum Erbbesitz erhalten, und es unter den einzelnen – Einheimische wie Fremde – verlosen.

Vom Gemeineigentum ist freilich noch nicht die Rede. Bei dem damaligen, primitiven Stand landwirtschaftlicher Produktion war die individuelle Bearbeitung des Ackerlandes zweckmäßig. Die Propheten plädierten für einen Sozialismus, der dieser niedrigen Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Aber ideengeschichtlich ist entscheidend, dass sie die Privilegien der Reichen beseitigen wollten, eine Gesellschaft ohne Klassenunterschiede herbeisehnten.

Da die Armen, zersplittert und unfähig zu Aktionen, eine solche Gesellschaft nicht erkämpfen konnten, blieb den Propheten nur der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes, an das Kommen eines Erlösers. Aber ihr religiöser Glaube hinderte sie nicht, die Reichen und Mächtigen zu verfluchen, ihnen zu drohen, zu versuchen, sie zumindest einzuschüchtern, sie aus Angst nachgiebiger zu machen. Es war dies eine eigenartige, den damaligen Gesellschaftsverhältnissen entsprechende Form des Klassenkampfes, dessen Ideologen die Propheten waren.

Dass das Christentum im Römischen Reich Fuß fassen konnte und sich von Stadt zu Stadt ausbreitete, erklärt sich aus dem gesellschaftlichen Niedergang und dem Massenelend des städtischen Proletariats. Hunger, Elend und Not waren so groß geworden, dass keinem Sterblichen, auch nicht dem mächtigsten Kaiser, zugetraut wurde, hier Abhilfe zu schaffen. Nur eine übermenschliche Macht, ein vom Himmel und von Gott Gesandter könnte dies tun. Der Glaube an den Erlöser, der auf Erden das Paradies errichten würde, war geboren, der Glaube an Jesus Christus.

Doch nicht nur der gepredigte Hass auf die Reichen schaffte dem Christentum unter den Armen ungeheure Popularität. Neben der Vision eines „Paradieses auf Erden“, aus dem später Erlösung in einem Leben nach dem Tod wurde, war es vor allem das praktische Wirken der Urchristen. Karl Kautsky schildert in seinem Buch „Vorläufer des neueren Sozialismus“ ein Beispiel für eine urchristliche Gemeinde, die Essener:

„Josephus berichtet, „den Reichtum halten sie für nichts, hingegen rühmen sie sehr die Gemeinschaft der Güter, und man findet keinen unter ihnen, der reicher wäre als der andere. Sie haben das Gesetz, dass alle, die in ihren Orden eintreten wollen, ihre Güter zum gemeinsamen Gebrauch darreichen müssen, daher man bei ihnen weder Mangel noch Überfluss merkt, sondern sie haben alles gemein wie Brüder. Sie wohnen nicht in einer Stadt zusammen, sondern haben in allen Städten ihre besonderen Häuser, und wenn Leute, die ihres Ordens sind, anderswoher zu ihnen kommen, teilen sie mit denselben ihren Besitz, und diese können ihn wie ihr eigens Gut gebrauchen. Sie kehren ohne weiteres beieinander ein, auch wenn sie einander nie gesehen haben, und tun als ob sie ihr Leben lang in vertrautem Verkehr gewesen wären. Wenn sie über Land reisen, nehmen sie nichts mit als eine Waffe gegen die Räuber. In jeder Stadt haben sie einen Gastmeister, der den Fremden Kleider und Lebensmittel austeilt. (...) Sie treiben keinen Handel miteinander, sondern wenn jemand einen, der einen Mangel hat, etwas gibt, empfängt er hingegen wieder von ihm, was er bedarf. Und wenn er auch nichts dafür bieten kann, so mag er doch ohne Scheu, von wem er will, begehren, was er braucht.“

Es war dies also wiederum ein Kommunismus des Konsumierens, der Genussmittel. Das großstädtische Proletariat war der Arbeit entwöhnt, ihr Vorbild waren die „Lilien, die nicht säen und nicht spinnen und doch gedeihen.“ Daher strebten sie nach Einführung eines völligen Kommunismus unter Verdammung der Reichen. So heißt es in der Apostelgeschichte in der Bibel:

„Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten vieles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten“

Aus dem Lukas-Evangelium:

„Als Jesus das hörte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber wurde sehr traurig, als er das hörte; denn er war überaus reich. Jesus sah ihn an und sagte: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“

Aus der Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 5-7:

„Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich zu seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. (...)

Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwende, denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. (...)“

Doch diese Art von Kommunismus lief darauf hinaus, dass alle Produktionsmittel in Genussmittel verwandelt und an die Armen verteilt werden sollten. Wäre dies konsequent betrieben worden, hätte das das Ende jeglicher Produktion bedeutet. So kam es in der Praxis dazu, dass die Produktionsmittel Privateigentum bleiben durften, die erzeugten Produkte jedoch Gemeingut wurden. Damit konnten auch Wohlhabende zu Christen werden, brauchten sie ja bloß Teile ihres Einkommens der Christengemeinde abtreten. Schritt für Schritt wurden dadurch die urchristlichen, sozialrevolutionären Ideen verwässert.

Noch ein Aspekt sei hier erwähnt: Der Kommunismus des Konsums und Genusses verlangte auch nach Aufhebung von Familie und Einzelehe, was auf zwei Wegen erreicht werden konnten: durch Gemeinschaft der Frauen und Kinder oder durch Verzicht auf sexuellen Verkehr, durch das Zölibat. Essener und Urchristen wählten den zweiten Weg und huldigten der Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit. Allerdings, es gab auch vereinzelt christliche Sekten, die die wesentlich lebenslustigere Form der Aufhebung von Ehe und Familie lehrten und praktizierten (z. B. die Adamiten im 2. Jahrhundert). Wenn es auch durch das Zölibat nicht gelang, das Familienleben völlig aufzuheben, so waren doch die urchristlichen Sekten bestrebt, es bis zu einem gewissen Grad einzudämmen. Gewisse Tätigkeiten wurden daher gemeinsam verrichtet, so die Einnahme der gemeinsamen Mahlzeiten.

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3.3. Zusammenfassung

1. Die Entstehung und Ausbreitung des Urchristentums wurzelt im Niedergang des Römischen Reiches, vor allem in der ungeheuren Zahl an verarmten, im Elend lebenden, städtischen Lumpenproletariern. Die Vorläufer des Urchristentums reichen allerdings bis zu den altisraelischen Propheten zurück.

2. Angesichts des Massenelendes findet die Lehre vom göttlichen Erlöser rasche Verbreitung. Charakteristisch ist der abgrundtiefe Hass gegen die Reichen. In den ersten urchristlichen Gemeinden wird versucht, durch Gütergemeinschaft (Kommunismus des Konsums) das kommende „Paradies auf Erden“ vorwegzunehmen. Die daraus abgeleitete Gemeinschaft von Frauen und Kindern, also die Aufhebung der Familie und der Einzelehe wird durch das Zölibat und durch Enthaltsamkeit versucht zu erreichen.

3. Mit dem Anwachsen zur Massenbewegung und dem Herausbilden einer Bürokratie sowie einer Priesterschicht bei gleichzeitiger Zunahme an Macht und Reichtum werden sozialrevolutionäre Inhalte kontinuierlich entschärft und uminterpretiert. Die entstehende Amtskirche wird zur Stütze der Herrschenden des Staates. Die Armen, Unterdrückten und Ausgebeuteten werden auf ein besseres Jenseits verwiesen.

4. Die sozialrevolutionären Ideen leben an der Basis weiter und spielen immer wieder in der Geschichte eine bedeutende Rolle, zum Beispiel in den Ketzerbewegungen, der Reformation, den Bauerkriegen oder der heutigen Befreiungstheologie in Lateinamerika.

5. Während Christen sich bei ihrem Eintreten für eine menschlichere, bessere Gesellschaft auf religiöse Motive berufen, leitet sich der moderne Sozialismus von historischen und soziologischen Erkenntnissen ab, die wissenschaftlich überprüfbar sind, was bei religiösen Vorstellungen unmöglich ist.

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4. Der mittelalterliche Kommunismus

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4.1 Die gesellschaftlichen Voraussetzungen – Der Feudalismus

Die Sklavenwirtschaft hatte in Römerreich zur Zeit der Germanenkriege immer mehr an Boden verloren und war durch die Kolonenbauern ersetzt worden. Doch kaum hatten sich die germanischen Stämme auf den Trümmern des Römerreiches niedergelassen, drängten kriegerische Reiter- und Seevölker von allen Seiten nach Europa: Awaren, Madjaren, Normannen, Slawen, Araber, Sarazenen u. a. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert wurde Europa durch ununterbrochene Kriegszüge überfallen und ständig bedroht. An die Requirierung neuer Sklaven war nicht zu denken, vielmehr wurden die Germanen selbst wieder beliebtes Objekt für Sklavenjäger und -händler.

Die germanischen Staaten mussten sich daher von vornherein darauf einrichten, ohne Sklaven zu produzieren. Da es nicht an Land, sondern an Menschen, die dieses bearbeiteten, fehlte, versuchten adelige und kirchliche Grundbesitzer, die Bauern möglichst an ihr Land zu binden. Sie machten sie von sich abhängig, zins- und dienstpflichtig. Dafür mussten die Besitzer den Bauern all diejenigen Lasten abnehmen, die eine ordentliche Bauernwirtschaft unmöglich machten, besonders den Kriegsdienst. Riesige herrenlose Landstriche wurden von Kirche und Adel einfach in Beschlag genommen und als Lehen (Leihgabe) an Getreue verteilt, die dafür Kriegsdienste leisteten. Und auch diese trachteten ihrerseits danach, möglichst viele Bauern anzuwerben. Alle Mittel, moralische und unmoralische, gesetzliche und strafbare, wurden rücksichtslos im Kampf um die Bauern und danach vor allem gegen die Abwerbung durch andere Grundeigentümer eingesetzt. Die Bauern wurden an die Scholle gefesselt, sie wurden Hörige.

Im Gegensatz zu den Sklaven waren die Hörigen des Mittelalters aber nicht vollkommen rechtlos. Ihre Leistungen und Lieferungen waren festgelegt (wenn sie auch laufend von ihren Herren, den Äbten und Bischöfen miteingeschlossen, schamlos betrogen wurden). Und: der Hörige war nicht allein. Jeder Bauer, ob frei oder hörig, gehörte einer Marktgenossenschaft an, in der er einen Rückhalt fand und Widerstand leisten konnte – was zur Genüge auch getan wurde. Das ganze Mittelalter ist voll von Klassenkämpfen zwischen Bauern und Grundherren.

Noch besser jedoch ging es den Städten. Sie hatten bald überall die Hörigkeit und Grundherrlichkeit abgeschüttelt. Handel und Handwerk nahmen einen raschen Aufschwung. Damit änderte sich der Charakter kommunistischer und proletarischer Bewegungen. In der Antike gab es unterhalb des Proletariats noch eine tiefergestellte Klasse: die Sklaven, von deren Arbeit schlussendlich auch das Lumpenproletariat lebte.

Anders im Mittelalter: das Proletariat war die unterste Klasse. Keine war mehr unter ihr, auf deren Kosten sie leben könnte. Deshalb war der schmarotzende Teil, das Lumpenproletariat, auch gering. Vielmehr entwickelten sich unter den Handwerkern, die ihre Existenz und ihr Ansehen aus der Arbeit bezogen, ein Kommunismus des Konsums, aber schon auf Basis eigener Arbeit und die der GenossInnen, der sich stark auf urchristliche Ideen berief. Und am Land, wo Haushalt und Produktion noch unter einem Dach erfolgten, praktizierte man selbst in großen landwirtschaftlichen Betrieben eine kommunismusähnliche Lebensweise. Dies war die Grundlage, auf der der sogenannte „klösterliche Kommunismus“ entstand.

So ist das Mittelalter voll von einer verwirrenden Vielfalt dieser auch „Ketzerbewegungen“ genannten, meist religiös verschleierten Bewegungen. Zum Verständnis, warum gerade aus dem kirchlichen, religiösen Bereich zahllose kommunistische Sekten entstanden, einige Vorbemerkungen: 

Nachdem die Christenverfolgungen aufgehört haben und die Kirche zur Staatskirche geworden war, bildeten viele Christengemeinden gemeinsame Produktions- und Lebensgemeinschaften, die späteren Klöster. Mit dem Aufkommen von Handwerk und Handel erwuchs diesen Klöstern bald arge Konkurrenz. So hörten die Klöster auf, selber zu produzieren, aus Produktionsgenossenschaften wurden Ausbeutergenossenschaften, die ungeheure Reichtümer anhäuften. Am schlimmsten vor allem: der Papst und seine Mannen. Bernt Engelmann beschreibt das in seinem alternativen Geschichtsbuch „Wir Untertanen“, das Geschichtswissenschaft „von unten“ betreibt, so:

„Korrupter als die Kurfürsten waren nur noch die römischen Kardinäle jener Zeit, und entsprechend waren auch die Päpste, die sie wählten: geldgierige, genusssüchtige, absolut skrupel- und schamlose Gestalten, die vor keinem Verbrechen zurückschreckten. Sie glichen mehr Mafia-Bossen unserer Tage als einem Oberhaupt der abendländischen Christenheit mit dem Anspruch, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein.

Bei solcher Führung ist es kaum verwunderlich, dass auch die kirchlichen Einrichtungen in Deutschland völlig verkommen waren. Sie ähnelten, um bei dem Beispiel der Mafia zu bleiben, in vieler Hinsicht deren Organisation, zumal wenn sie mit immer neuen Tricks und Einschüchterungsmethoden pfennigweise Millionen aus dem Volk pressten, nicht etwa zu gutem Zweck, sondern nahezu ausschließlich zur Finanzierung des luxuriösen und lasterhaften Lebens der Bandenchefs sowie deren Verwandtschaft, Leibgarde, Gangsterliebchen und juristischen Ratgebern, sprich Kurfürsten, deren Neffen, Nichten, unehelichen Kindern, Prälaten, Offizieren, Mätressen und Räten. Und wie die Mafia heute, so scheute damals die Kurie, wenn es um fette Pfründe, Erbschaften oder politischen Einfluss ging, vor absolut nichts zurück, nicht vor Verrat und Meuchelmord, nicht vor Ausrottung ganzer Sippen durch Gift oder Dolch und auch nicht vor Wucher, Zuhälterei großen Stils, Hehlerei, Mädchenhandel oder anderen unchristlichen, aber einträglichen Verbrechen.

Bei alledem war die niedrige Geistlichkeit, das Heer der Kapläne, einfache Mönche und Laienbrüder, nur das Fußvolk, das mit den Krumen zufrieden sein musste, die von der Herren Tisch fielen. Doch diese „ausführenden Organe“ waren zugleich eine Landplage, denn ihnen oblag es ja, das Geld einzutreiben, das ihre Oberen verprassten.“

Auf diesem Boden fanden alle, die gegen Reichtum und Ausbeutung predigten, reichlich Anhängerschaft. Auch innerhalb der Kirche regte sich Widerstand gegen den allmächtigen Papst. Urchristliche Ideale wurden neu verkündet, Bettlerorden verdammten Reichtum und Besitz. Der Papst erklärte solche Bewegungen zu „Ketzern“ und ließ sie durch die Inquisition erbarmungslos verfolgen. Hunderttausende wurden „in Gottes Namen“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wegen ihrer angeblichen „Irrlehren“ verdammt, gefoltert und hingerichtet. Neben Orden wie dem der Franziskaner, die die Kirche von innen reformieren wollten, gab es Ketzerbewegungen, die gegen die Kirche kämpften und solche, die nur für sich abgeschlossen nach eigenen Idealen leben wollten. Für den Papst waren sie alle gleich: eine Bedrohung seiner Macht.

Es würde den hiesigen Rahmen sprengen, im Detail auf die ungeheure Vielzahl dieser Ketzerbewegungen einzugehen. Teilweise ist es auch sehr schwierig, exakte Unterscheidungen zu treffen, gingen sie doch oft ineinander über, spalteten sich, zerfielen und entstanden neu mit anderem Namen und an einem anderen Ort. In der Regel lassen sie sich aber durch folgende allgemeine Merkmale charakterisieren:

1. Diese Bewegungen traten im Gewande religiöser Erneuerungsbewegungen auf, die ihre Betonung stark auf urchristliche Ideale legten.

2. Sehr oft wurden die zunächst „nur“ religiösen Bewegungen zum Kristallisationspunkt sozialer Unzufriedenheiten, Spannungen und Konflikten. Bauernscharen schlossen sich ihnen häufig an. Dadurch richtete sich der Kampf nicht mehr bloß gegen die Ausbeutung durch die Kirche, sondern generell gegen jegliche Form von Ausbeutung, also auch gegen die weltlichen Feudalherren. Diese Bauernkrieg beherrschten das Bild des Mittelalters.

3. Die meisten der Ketzerbewegungen blieben lokal beschränkt, das heißt, sie richteten sich nur gegen die lokalen Feudalherren. Die wirtschaftliche Situation der Bauern, ihre schlechte Organisation und Bewaffnung führte über kurz oder lang zu Niederlagen, die in entsetzlichen Blutbädern endeten.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier nur einige dieser Bewegungen genannt: Waldenser, Katharer, Albigenser, Humiliaten, Beginen, Begharden, Lollarden, Lombarden, Joachimiten, Patarener, Apostoliker, lombardische Paupers, Arnoldisten, Wilhelmiten, Luziferianer, Dolcinäer, Hussiten u. a. Die wohl bekanntesten waren die aufständischen Bauern unter der Führung Thomas Münzers im sogenannten „Deutschen Bauernkrieg“ sowie die Anhänger Jan Hus’ in Böhmen. Unser Beispiel sind im Folgenden die Dolcinäer.

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4.2 Die Dolcinäer

Im Jahr 1058 entstand in Mailand eine sehr starke ketzerische und kommunistische Bewegung, die Apostelbrüder. Sie ging von den untersten Volksschichten aus und richtete sich gegen den reichen Klerus und den städtischen Adel. Die Apostelbrüder predigten strenge Armut und Buße. Ihre Mitglieder gaben jeden Besitz den Armen und lebten von milden Gaben. Rasch breitete sich diese Bewegung nach Spanien, Frankreich und Deutschland aus und wurde trotz streng geheimgehaltener Zusammentreffen zum großen Ärgernis für die Kirche. Obwohl zunächst der Bruch mit der Kirche vermieden wurde, setzten immer brutalere Verfolgungen durch das Papsttum und seine Handlanger ein. Doch genau das Gegenteil deren Intention trat ein. Der Bund löste sich nicht auf, sondern erhielt stetig mehr Zulauf. Als ihr Gründer Gherardo Segarelli im Jahr 1300 am Scheiterhaufen verbrannt wurde, trat an seine Stelle ein Mann, der die Kirche das Fürchten lehren sollte: Fra Dolcino. Dolcino war selbst Franziskanermönch, der sich aber 1291 den Apostelbrüdern anschloss. Nachdem er aus dem Orden ausgetreten war, lernte er die Nonne Margherita von Trenk kennen, begeisterte sie für seine Ideen und floh mit ihr in die Lombardei, wo sich beide an die Spitze der Apostelbrüder stellten, die von da an „Dolcinäer“ genannt wurden. Dolcino rief zum Kampf gegen den Papst auf und setzte seine Hoffnungen auf weltliche Herrscher, die Konflikte mit dem Papst hatten. Doch Hilfe kam von ganz anderer Stelle: die Bauern erhoben sich und stellten sich an Dolcinos Seite.

Die Gegensätze zwischen Bauern und Grundherren hatten sich so verschärft, Unterdückung und Ausbeutung waren so unerträglich, dass der Aufruf Dolcinos das Pulverfass zur Explosion brachte. In Scharen liefen die Bauern zu den Dolcinäern. 1303 begannen sie einen Aufstand gegen die Herrschenden, der bis 1307 dauern sollte. Bald zog eine Armee von 5000 Männern und Frauen durch Norditalien und errang Sieg um Sieg. Karl Kautsky schreibt:

„Die Schwestern oder Weiber waren weder ungeeigneter oder ungeschickter zu diesen Heldentaten als die Männer. Sie steckten sich in Männerkleider, ließen sich in der Reihe der Soldaten mit anführen und fochten ebenso mutig und verzweifelt wie die Männer.

Die Ausbeuter der Gegend vergaßen ihre internen Zwistigkeiten; die Bischöfe von Vercelli und Novara sowie die dortigen Adeligen und Städte rüsten ein Heer gegen die Aufständischen aus; aber der Feldzug endete mit völliger Niederlage der Armee der Ausbeuter, die kaum hinter den Mauern der Städte sicher waren.

Nun schwoll Dolcinos Macht noch gewaltiger an – aber Dolcino, dieser so energische, glänzende Feldherr, nutzte nicht den Moment, wo seine Gegner nicht mehr wagten, ihm im offenen Feld entgegenzutreten, um weiter zu marschieren und die Empörung allgemein zu machen, sondern er blieb in dem Tal der Sesia, in dem die Empörung begonnen hatte, und begnügte sich, Klöster, Landsitze und Städtchen zu plündern und zu zerstören.“

Gerade die Bauern sollten Dolcinos Verhängnis werden. Die Apostelbrüder träumten von der Umgestaltung der gesamten Gesellschaft, die Bauern hingegen konnten diesen Idealen nur teilweise etwas abgewinnen. Schon kleine Zugeständnisse der Grundherren – weniger Abgaben, Verzicht auf gewisse Dienste – genügten, um sie zufrieden zu stellen. Und noch etwas kam hinzu: die Bauern hatten nur lokale Interesse, den Aufstand ins ganze Land zu tragen, daran lag ihnen nichts. So erhob sich Landstrich um Landstrich, jeder für sich allein, und schloss für sich allein wieder Frieden. In dieser Zersplitterung war es ein leichtes für die päpstliche und weltliche Zentralmacht, ihre Gegner schließlich niederzuwerfen. Dolcinos Schicksal war besiegelt. Kautsky dazu:

„Die kommunistische Erhebung blieb eine lokale; aber ihre Gegner wussten wohl, dass sie mehr als lokale Bedeutung habe. Die große internationale Macht der damaligen Zeit, das Papsttum, griff ein und organisierte einen Kreuzzug gegen die Rebellen. Und nun war deren Schicksal besiegelt. Da sie sich in der Ebene nicht mehr halten konnten, zogen sie sich ins Gebirge zurück, von wo aus sie einen Guerillakrieg mit den Kreuzzüglern unterhielten. Dolcinos glänzendes Feldherrntalent und das Heldentum seiner Genossen leistete Bewundernswürdiges in diesem Kampfe. Nur ein Beispiel: Einmal wollten 200 Bürger von Trivero eine plündernde Schar der Dolcinisten angreifen, wurden aber von 30 Weibern in die Flucht geschlagen.

Mehrmals gelang es den Bedrängten noch, ihre Gegner in offener Feldschlacht zu schlagen, öfter fügten sie ihnen großen Schaden durch Hinterhalte und Überrumpelungen zu. Aber trotzdem schloss sich der eiserne Ring der Bedränger immer fester um die kommunistischen Schwärmer, die gleichzeitig immer mehr jeden Halt unter dem Landvolk verloren, das anfing, sie zu hassen wegen der Verwüstungen und Leiden, die der Krieg über das Land verhängte.

Das Kreuzheer verzichtete darauf, sie mit Waffen zu besiegen, und beschränkte sich darauf, sie auszuhungern (im Winter 1306 bis 1307).

Ihre Sache war verloren, aber ihr Widerstand dauerte fort. Und so groß war die Furcht vor diesen kühnen Streitern, dass die belagernde Soldateska, trotz ihrer Übermacht, erst dann den Mut zum Sturme auf die belagerte Stellung fand, als einige Überläufer verrieten, dass die Eingeschlossenen vor Schwäche unfähig geworden seien, ihre Waffen zu gebrauchen.

Am 23. März 1307 erfolgte der Sturm. Ein Schlachten war’s und keine Schlacht zu nennen. Die Belagerten weigerten sich, Pardon zu nehmen, sie rafften ihre letzten Kräfte zu einem Kampfe der Verzweiflung zusammen, aber die meisten von ihnen waren so schwach, dass sie nicht einmal mehr stehen konnten, und so bildete ihr Widerstand nur den Vorwand für ein furchtbares Blutbad. Von den 1900, die bis zum Schluss ausgehalten hatten, wurden fast alle niedergemetzelt, wenige entkamen und nur wenige wurden gefangen genommen, darunter Dolcino und Margherita, deren Schonung der Bischof ausdrücklich befohlen hatte, das ihm der schnelle Tod auf dem Schlachtfeld zu geringe Strafe für sie zu sein schien.

Der Jubel aller päpstlich Gesinnten über das endliche Ausstampfen des gefährlichen Feuerbrandes war groß. Äußerlich war die Erhebung eine rein lokale gewesen, aber das Papsttum begriff ihre internationale Bedeutung besser als die Bauern des Dalfesia.

Ein Triumph blieb jedoch der siegreichen Kirche versagt. Was ihr so oft gelungen, hier versuchte sie es vergeblich, die Ketzer durch Folterqualen zum Widerruf der Irrlehren zu bewegen. Standhaft trotzten Dolcino und Margherita den Martern, die der grausame Richter über sie verhängte; kein Laut des Schmerzes entfuhr dem gläubigen Weibe, kein Wort der Klage noch des Unwillens ihrem hartherzigen Leidensgenossen. Nicht das Schinden und Lodern von Teilen ihrer Körper, nicht das Zerquetschen und Stacheln mittels Torturpillen und Zangen konnten den gepressten Lippen Widerruf oder Flehen abnötigen.

Sie wurden zur gewöhnlichen Strafe für Ketzer, zum Flammentod verurteilt. Dolcinos Hinrichtung fand am 2. Juni 1307 in Vercelli statt. Margherita war verurteilt, der Exekution zuzusehen. Auch in diesem entsetzlichen Moment blieb das heldenmütige Weib standhaft. Noch einmal, aber ebenso vergeblich wurden beide zum Widerruf ermahnt, worauf, des Unglücklichen Seelenqual zu steigern, die Knechte Margherita ergriffen und an ihr auf einem Gerüst, dem Lohfeuer des Scheiterhaufens von Dolcino gegenüber, während der Agonie desselben jeden Spott und Torturmechanismus übten. Margherita wurde später in Biella verbrannt. So endete die erste kommunistische Erhebung in der mittelalterlichen Gesellschaft.“

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4.3. Zusammenfassung

1. Das ganze Mittelalter ist geprägt durch Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Grundherren, weltlicher Macht und Papsttum, innerkirchlichen Auseinandersetzungen und nationale Gegensätze.

2. Eine Vielzahl von sogenannten „Ketzerbewegungen“ versuchen die Kirche auf ihre urchristlichen Werte zurückzuführen, predigen Armut, Besitzlosigkeit und verdammen vor allem das habgierige, prunksüchtige Papsttum und seine Amtskirche. Diese jedoch verfolgen die Ketzer unerbittlich mit der Inquisition.

3. Gerade die Kirchenreformbestrebungen sind oft der Anlass für Bauernaufstände. Diese nehmen die Kritik an der besitzenden Kirche ernst und weiten sie auf alle Besitzenden aus. Den Herrschende gelingt es immer wieder die schlecht ausgerüsteten unkoordiniert vorgehenden Rebellen niederzuschlagen.

4. Einzelne Bewegungen versuchen die Kirche von innen zu reformieren, andere bekämpfen sie mit allen Mitteln, dritte versuchen für sich allein kommunistischen Lebensweisen zu realisieren. Allen gemeinsam ist ihre tiefe Gesellschaftskritik und die Suche nach Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

 

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5. Utopia Die Insel des Thomas Morus

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5.1 Thomas Morus und seine Zeit

England machte zur Zeit von Thomas Morus (im 16. Jahrhundert) gigantische ökonomische Umwälzungen durch. Die feudale Gesellschaft verfiel mehr und mehr und musste dem aufkommenden Kapitalismus Platz machen. Das Ende der Leibeigenschaft brachte neue Formen des Produzierens mit sich. Da keine Leibeigenen (und damit keine Abgaben an die Grundherren) mehr existierten, musste anstelle dieser die Arbeit von LohnarbeiterInnen verrichtet werden. Die Grundherren zogen es daher aus Kostengründen vor, ihren Boden entweder zu zerstückeln und zu verpachten oder den gesamten Grund einem kapitalistischen Großpächter zur Bearbeitung überlassen.

Zur selben Zeit erlebte die englische Wollindustrie und damit die Schafzucht einen ungeheuren Aufschwung. Schafzucht wurde zum einträglichsten Erwerb. Also gingen die Grundherren dazu über, Bauern und Pächter rücksichtslos zu vertreiben und aus Ackerland riesige Weidegebiete zu schaffen. Das und die Tatsache, dass Schafzucht nur sehr wenige ArbeiterInnen brauchte, führte dazu, dass das Proletariat rasend schnell anwuchs. Da aber die Industrien noch nicht existierten, die diese Massen als Arbeitskräfte benötigt hätten, verbreitete sich ein noch nie dagewesenes Massenelend über England. Es erschreckte und beschäftigte alle, die daraus nicht unmittelbar Gewinn zogen und wurde zur brennenden sozialen Frage.

Die Antwort darauf fiel folgendermaßen aus: von unten, der „Basis“, erlebten kommunistische Sekten eine Wiederbelebung, erreichten aber nie größere Bedeutung. Von oben, den Herrschenden, reagierte man darauf mit einer beispiellos grausamen, brutalen und zynischen Gesetzgebung, der „Blutgesetzgebung“.

Wer also arbeitslos (und daher meistens bettelnd) erwischt wurde, wurde verhaftet, bis aufs Blut ausgepeitscht und musste schwören „sich an die Arbeit zu setzen". Welch unüberbietbarer Zynismus: Dieses Gesetz aus dem Jahr 1530 wurde 1536 wegen Wirkungslosigkeit verschärft: bei zweiter Ertappung wurde die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten. Beim dritten „Rückfall“ wurde der betroffene als „schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens“ hingerichtet. Unter König Heinrich VIII. (1509-1547) wurde auf diese Weise laut Chronik an 72000 Personen das Todesurteil vollstreckt. Eine wahnwitzige Methode zur Lösung des Arbeitslosenproblems. Nur ein einziger –Thomas Morus – war kühn und weitsichtig genug, über kommunistische Sekten und Blutgesetzgebung hinauszudenken und einen Staat zu ersinnen, der den Weg zum Fortschritt wies.

Morus wurde 1478 geboren, studierte in Oxford und erlangte dort eine umfassende humanistische Bildung, die er Zeit seines Lebens vertiefte. Durch Zwang seines Vaters ergriff er den Rechtsanwaltsberuf und wurde angesehener Advokat Londoner Kaufleute. Diese Kontakte vermittelten ihm tiefe Einblicke in die ökonomischen Zusammenhänge Englands. 1504 wurde er Parlamentarier. Er reiste als englischer Gesandter in die Niederlande, wo er „Utopia“ schrieb. In diesem Buch geht er im ersten Teil seiner Kritik an Englands Verhältnissen an Schärfe und Eindringlichkeit an äußerste Grenze dessen, was er als anerkannter Politiker sagen konnte, ohne seinen Kopf zu riskieren. Morus’ Buch erregte in weiten Kreisen der Bevölkerung großes Aufsehen. 1518 wurde er an den Hof des Königs berufen und bekleidete dort verschiedene Funktionen (heute vergleichbar mit Ministerämtern), 1529 wurde er Lordkanzler und somit Regierungschef. 1535 wurde er nach einem Konflikt mit dem König wegen dessen Ehescheidungsplänen enthauptet.

Thomas Morus war einer der bedeutendsten Humanisten. Er vereinte tiefe Einsicht in die ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit mit einer umfassenden humanistischen und philosophischen Bildung sowie praktischer politischer Erfahrung in seiner Person. Trotzdem war er alles andere als ein Freund der Volksbewegungen. Vielmehr setzte er auf die Einsicht des Königs, von dem er sich Verbesserungen und Reformen erhoffte, die jedoch nie eintraten.

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5.2. Die Insel Utopia 

Bürgerliche Gelehrte hatten Morus’ Werk als „heiteren Scherz einer heiteren Seele“, als „phantastisches Gedankenspiel“, als „amüsante Abwandlung von Platons Idealstaat“ u. ä. bezeichnet und damit ihre Unfähigkeit in Einschätzung und Erkennen der Bedeutung dieser Schrift offenbart. Morus’ Staatsidee stellte eine völlig neue Stufe frühsozialistischer Werke dar. Bislang waren nur der kommunale Kommunismus (Urchristentum, Ketzerbewegung) und ein Kommunismus, der sich auf einen Teil der Bevölkerung beschränkt (wie Platons Wächtergemeinschaft), bekannt. Morus war der erste, der den Kommunismus auf den ganzen Staat ausdehnte und die Basis des Gemeineigentums an Produktionsmitteln voraussetzte. 

Morus hat – wie Platon – sein Werk in Form eines Gespräches aufgebaut. Die scharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen Englands und die tiefe Sympathie für einen kommunistische Gesellschaft legt Morus dabei einer fiktiven Person, Raphael Hythlodaeus, in den Mund. Er selbst hingegen trat in dieser Schrift als Anhänger des Bestehenden auf, wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine berufliche Stellung. 

Die Erzählung beginnt mit Morus’ Bericht von seiner Reise in die Niederlande 1515. Bei einem Besuch bei seinem Freund Peter Giles lernt er einen weitgereisten und hochgebildeten Seefahrer, eben Raphael Hythlodaeus, kennen. Im Gespräch fragt ihn Morus, warum er seine Kenntnisse nicht in den Dienst eines Fürsten stelle. Damit ist Gelegenheit gegeben, Englands Verhältnisse tiefgreifend zu kritisieren. Dann schildert Hythlodaeus den Staat Utopia und das Leben seiner Bewohner. 

Ackerbau, Handwerk – Arbeitszeit 

Ackerland ist den Städten so zweckmäßig zugeteilt, dass keine auf irgendeiner Seite über weniger als zwölf Meilen Bodenfläche verfügt, wohl aber jede da und dort über beträchtlich mehr, nämlich an den Stellen, wo die Städte in weiteren Abstand auseinanderliegen. Keine Stadt wünscht ihr Gebiet auszudehnen; denn sie betrachten sich nur als Bebauer, nicht als Besitzer dessen, was sie haben. Auf dem Land finden sich Höfe, die über die Felder hin zweckmäßig verteilt und mit landwirtschaftlichen Geräten ausgestattet sind; bewohnt werden sie von Städtern, die abwechslungsweise dorthin übersiedeln. Kein bäuerlicher Haushalt besteht aus weniger als vierzig Männern und Frauen, wozu zwei grundhörige Sklaven kommen; an der Spitze eines jeden wird ein zuverlässiger, erfahrener Hausvater und eine ebensolche Hausmutter gestellt. Je dreißig Haushaltungen unterstehen einem Phylarchen. Aus jedem ziehen jährlich zwanzig Personen in die Stadt zurück, nämlich die, die ihre zwei Jahre auf dem Land abgeleistet haben; an ihre Stelle treten ebenso viele Neue aus der Stadt, um von denen, die ein Jahr dort waren und sich deshalb auf Landwirtschaft besser verstehen, eingedrillt zu werden und im folgenden Jahr andererseits andere anzulernen. Man verhütet damit, dass alle dort gleicherweise Neulinge und im Bauern ungeübt sind und infolge ihrer Unkenntnis die Ernte verpfuscht wird. An diesem Brauch, die Bauern ständig zu wechseln, halten sie zwar als Regel fest, damit niemand gegen seinen Willen gezwungen sei, ein etwas anstrengenderes Leben länger fortzusetzen; viele aber, die von der Natur aus Freude an der Landwirtschaft haben, dürfen auf ihre Beute mehr als die Pflichtjahre dort zubringen. 

Die Bauern besorgen das Feld, ziehen Vieh auf, rüsten Holz zu und führen es auf dem bequemsten Wege in die Stadt, zu Wasser und zu Lande. 

Wiewohl sie wissen – sie können dies nämlich ganz genau wissen – wieviel Lebensmittel ihre Stadt samt Umgebung konsumiert, so säen sie doch viel mehr aus und ziehen mehr Tiere auf als für den Bedarf ihrer eigenen Leute, um den Überschuss den Nachbarn zukommen zu lassen. Alle Gerätschaften, die auf dem Lande fehlen, fordern sie bei der Stadt an, und ohne langes Austauschen und ohne Schererei, erhalten sie das Nötige von den städtischen Behörden; denn jeden Monat, meist an einem Festtag, trifft man sich zu einer Besprechung. Steht die Ernte bevor, so melden die bäuerlichen Phylarchen den Behörden in der Stadt, wie viele Bürger zu ihnen herauszuschicken wären; da die verlangte Zahl genau auf den Termin zur Verfügung steht, erledigen sie die ganze Ernte sozusagen an einem einzigen schönen Tag. 

Allen Männern und Frauen ist eine Tätigkeit gemeinsam: der Ackerbau; auf ihn versteht sich jeder Staatsbürger, von Jugend auf lernt ihn jeder, teils in der Schule theoretisch, teils praktisch auf den der Stadt benachbarten Ländereien, wohin man die Kinder wie zum Spazierengehen hinausführt – sie schauen aber nicht nur zu, sondern legen auch Hand an, was gleichzeitig eine sinnvolle körperliche Übung abgibt. Außer für den Ackerbau, den – wie gesagt – alle kennen, wird jedermann für eine besondere Tätigkeit ausgebildet. In der Regel handelt es sich um die Herstellung von Wolltuch oder Leinwand oder um den Beruf des Steinmetzen, des Schmieds oder des Zimmermann; denn sonst gibt es dort kein Handwerk, das eine nennenswerte Zahl von Leuten beanspruchte – die Kleider nämlich stellt sich jede Familie selbst her. 

Von den erwähnten anderen Berufen lernen sämtliche Utopier einen, die Frauen so gut wie die Männer; doch üben jene als die Schwächeren die leichteren Tätigkeiten aus. Gewöhnlich stellen sie Wolltücher und Leinwand her; den Männern sind die übrigen, anstrengenderen Arbeiten anvertraut. In der Regel lernen alle den Beruf des Vaters, weil es die meisten von Natur dazu zieht. Gelüstet einen etwas anderes, so wird er in irgendeine Familie innerhalb des Handwerks, für das er schwärmt, durch Adoption eingereiht, wobei nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörde darauf sieht, dass er unter die Gewalt eines soliden und angesehenen Familienvorstandes kommt. Wünscht einer noch einen zweiten Beruf zu erlernen, nachdem er in einem anderen ausgebildet ist, so darf er das, beherrscht er dann beide, so übt er aus, welchen Beruf er will, außer wenn die Stadt den einen mehr benötigt als den anderen. 

Weil sie nämlich de Arbeit nur während sechs Stunden obliegen, meint man vielleicht, es müsse Mangel an de notwendigen Dingen entstehen. Dem ist aber nicht so, vielmehr bleibt zur Herstellung aller Erzeugnisse, die unentbehrlich oder zweckmäßig sind, nicht nur genug, sondern übergenug Zeit. 

Weil also alle ein nützliches Handwerk treiben und diesen selbst mit weniger Arbeit auskommt, können sie bei dem Überfluss an allen Erzeugnissen, ohne weiteres etwa zur Ausbesserung der Straßen, wenn diese abgenützt sind, eine gewaltige Menge Arbeiter auf die Beine bringen; gibt es nicht einmal Derartiges zu tun, so setzen sie oft auch offiziell die Arbeitszeit herab; denn die Behörden schinden die Bürger nicht mit übe