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Utopische Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus

 

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1. Einleitung

Die Gegner des Sozialismus, die Konservativen, haben sich einen originellen Trick ausgedacht: Sie bezeichnen die sozialistische Idee als alt, verstaubt, historisch überholt. Wie sollen ein Karl Marx oder ein Friedrich Engels, die vor mehr als hundert Jahren gelebt haben, heute noch Gültigkeit haben? Wie sollen also deren Aussagen, so behaupten die Konservativen, in unserer modernen Zeit, im Zeitalter der Raumfahrt, der Atomkraft, der Computer und neuen Technologien noch zutreffen? In dieser plumpen Demagogie steckt ein wahrer Kern, der den Predigern des Antisozialismus freilich verborgen bleibt: 

Die Idee des Sozialismus ist als Ausdruck einer zutiefst menschlichen Sehnsucht tatsächlich uralt. Ihr Alter können wir aber nicht mit einer Jahreszahl angeben. Die einzige korrekte Antwort lautet: Die Idee des Sozialismus ist so alt wie Unterdrückung, Unrecht und Ausbeutung in der Menschheitsgeschichte. Sie war in allen bisherigen Klassengesellschaften (also Gesellschaften von Unterdrückern und Unterdrückten) die Antwort auf das Elend der Unterdrückten und Ausgebeuteten, die Vision einer Zukunftsgesellschaft der menschlichen Geschwisterlichkeit und Solidarität. 

Das Wort Sozialismus kommt aus dem Lateinischen, von "socius", das heißt "der Genosse". Unter Sozialismus verstehen wir daher eine Idee, Bewegung und Gesellschaft, die eine Gemeinschaft von Genossinnen und Genossen, die solidarisch und geschwisterlich leben, zum Ziel hat. Sozialismus war zu allen Zeiten, trotz aller Wandlungen der sozialistischen Idee, das Gegenteil von Ausbeutung und Unterdrückung. 

Sozialismus stand und steht daher in allen Gesellschaften im Widerspruch zu einer konservativen, das heißt das Bestehende bewahrende und verteidigende Geisteshaltung. Wer der Meinung war und ist, die bestehende Ordnung sei gottgewollt oder entspricht der nicht zu ändernden Natur des Menschen, konnte und kann nicht Sozialist sein. 

Sozialismus ist verbunden mit der Überzeugung, dass das Bestehende geändert werden kann, dass Unfreiheit, Ausbeutung, Elend nicht sein müssen, sondern überwunden werden können. Wie das zu geschehen hat, und wann, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, und wie die sozialistische Gesellschaft konkret aussieht - darüber gibt es in der Ideengeschichte des Sozialismus eine verwirrende Vielfalt von Meinungen. Sie reicht von jenen, die auf einen göttlichen Erlöser hoffen, bis zu den modernen Sozialisten, die eine Verbindung zwischen der sozialistischen Idee und der kämpfenden Arbeiterklasse herstellen. 

Aus dieser Vielfalt der sozialistischen Idee greifen wir nun Beispiele heraus: Sie alle werden unter dem Begriff "utopische Vorläufer des Sozialismus" zusammengefasst. Der Begriff "Utopie" kommt von dem Titel des Buches "Utopia" (griech.: "Nirgendwo"), das der englische katholische Humanist Thomas Morus im Jahr 1516 veröffentlichte. Wir werden darauf in Kapitel 5 noch ausführlich eingehen. Dieses ursprünglich griechische Wort ist auch in unserem Wortschatz in Verwendung und bedeutet "Traumland", "Schwärmerei", aber auch "Wunschziel". 

Die Suche nach dem Nirgendwo, dem Traumland, nach einer Utopie, entspringt also dem Unbehagen mit der Gegenwart. Sie ist eine Reaktion auf die bestehenden Missstände der jeweiligen Gesellschaft. 

Ihre Bedeutung für Sozialisten und Sozialistinnen von heute hat Josef Hindels wie folgt formuliert: 

"Die Sozialisten von heute sind daher die Erben einer langen Reihe von Generationen, die in der antiken, in der feudalmittelalterlichen, in der frühkapitalistischen Gesellschaft im Kampf standen für die große, faszinierende Idee des Sozialismus. Abgesehen von allen Irrtümern und Illusionen, die diesen unreifen, frühen Sozialismus begleiteten, und die später unter veränderten sozialökonomischen Verhältnissen überwunden werden konnten, ist eines gleich geblieben: 

- Die tiefe Sehnsucht nach einer solidarischen Gesellschaft, in der das gemeinsame brüderliche Wirken die Voraussetzung schafft für ein sinnvolles Leben, frei von Unterdrückung und Ausbeutung.

- Wer im Sozialismus der Gegenwart die Erben dieses jahrhundertelangen Ringens um die Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung erkennt, wird daraus Folgerungen ziehen:

- Ein sozialistische Bewegung muss mehr sein als eine Partei. Sie darf sich auch nicht damit begnügen, in vielen Bereichen besser zu sein als bürgerliche Parteien, die das bestehende verteidigen.

- Ihr historisches Erbe verpflichtet sie zum prinzipiellen Anderssein. Ohne die harten Aufgaben der Tagespolitik zu vernachlässigen, darf sie nicht müde werden, das große gesellschaftspolitische Ziel, für das so viele Generationen gekämpft und gelitten haben, in den Mittelpunkt ihres Wirkens zu stellen. 

Der wissenschaftliche Sozialismus, also der Marxismus, ist keine Sammlung einsamer Gedankenblitze von Karl Marx und Friedrich Engels. Der wissenschaftliche Sozialismus hat viele Vorgänger und sie waren Anknüpfungspunkte für Marx und Engels. Die "Quellen des Marxismus" (Lenin) gibt es in philosophischen Fragen, im ökonomischen Bereich, aber auch beim Ziel einer gerechten und menschlichen Gesellschaft 

Viele dieser Sozialismusvorstellungen werden auf Widerspruch stoßen, zuviel Elitäres und zuwenig Gleichheit ist dort zu finden. Und doch ist ihnen eines gemeinsam und das ist auch ihre geschichtliche Bedeutung: sie zeugen davon, dass in allen Klassengesellschaften (Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) die Menschen mehr Gerechtigkeit wollten. 

Gleich ist diesen Vorläufern des Marxismus auch, dass die Kopfgeburten sind. Also nicht die Auseinandersetzung der Klassen sollte eine ideale Gesellschaft möglich machen, auch nicht die dabei gefällten Entscheidungen der Massen, sondern ein vorher festgelegtes Bild einer besseren Gesellschaft sollte verwirklicht werden. 

So erdachten Philosophen in ihren Studierstuben genau Pläne, wie diese neue Form des Zusammenlebens organisiert sein sollte. Diese Ideen sollten dann möglichst detailgetreu verwirklicht werden. Diese alten Formen des Sozialismus hatten auch eine sehr enge Beziehung zur Religion. 

Zeiten, in den besonders viele Sozialismusmodelle erdacht wurden, waren stets Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen. So zum Beispiel das bereits krisengeschüttelte Römerreich zur Zeit Christi. Immer dann, wenn das Nichtfunktionieren der vorherrschenden Gesellschaft offensichtlich wurde, hatten alternative Gesellschaftsmodelle Hochkonjunktur. Ähnliches finden wir ja auch heutzutage wieder in vielen Bereichen der Ökologiebewegung, was aber nicht heißt, dass es sich dabei um sozialistische Utopien handelt. 

Die folgenden Kapitel behandeln nun einzelne sozialistischen Utopien. Wir haben für jede Klassengesellschaft, die antike Sklavenhaltergesellschaft, die mittelalterliche Feudalgesellschaft und die kapitalistische Gesellschaft bedeutende Vertreter und ihre Utopien ausgewählt. Neben der Darstellung des gesellschaftliche Hindergrundes und der Beschreibung der einzelnen Utopien wird dann noch besonders auf die Stellung der Frau in den einzelnen utopischen Gesellschaftsmodellen eingegangen. "In einer gegebenen Gesellschaft ist der Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen Emanzipation." Hatte Charles Fourier, ebenfalls ein bedeutender Utopist (siehe Kapitel 6.3), formuliert und Karl Marx hat diese Erkenntnis übernommen. Wir werden es ebenfalls so halten.

 

Zusammenfassung

1. Utopien sind Antworten auf gesellschaftliche Missstände. Sie sind Versuche, durch die "Erfindung" einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens der Menschen diese Missstände zu überwinden.

2. Vieles, was an Ideen und Systemen da entwickelt wurde, mag falsch, komisch und undurchführbar erscheinen. Aber die Utopisten verfügten weder über eine Wissenschaft, die es ihnen ermöglichte, ihre Gesellschaft zu analysieren und ihre Entwicklungsgesetze zu ergründen, noch über eine gesellschaftliche Kraft (Arbeiterklasse), die als Trägerin des Kampfes zur Überwindung der Missstände hätte wirken können.

3. Die einzelnen utopischen System sind immer vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Hintergrund zu betrachten. Sie waren abhängig von den Bedingungen unter denen sie lebten.

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2. Platon und sein Idealstaat

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2.1. Platon und seine Zeit

Zwischen 1000 und 700 Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung entstanden auf dem griechischen Festland Stadtstaaten mit hochentwickelten Kulturen. Die Warenproduktion war verhältnismäßig weit entwickelt, ebenso der Warenhandel, der auf das gesamte ägäische Meer ausgedehnt wurde. Grund und Boden war bereits Privateigentum, immer weiter schritt die Teilung der Arbeit zwischen Ackerbau und Handwerk, Handel und Schifffahrt fort. Die noch weitgehend aus der Zeit des Gemeineigentums stammende politische Ordnung kam mehr und mehr in Widerspruch zu den sich entwickelnden Differenzierungen der griechischen Gesellschaft. An Stelle eines lockeren Bundes von nebeneinander lebenden Stämmen trat die Verschmelzung zu einem einzigen Volk mit einem athenischen allgemeinen Volksrecht als Verfassung

Neben Athen, wo 638 v.u.Z. der sich herausgebildete Adel das Königtum ablöste, entwickelte sich auf der Peloponnes Sparta, ein kriegerischer Staat, in dem sich das Königtum weit länger hielt, und wurde zum schärfsten Rivalen Athens. In eben dieser Zeit wurde Geld als Zahlungsmittel eingeführt. Im allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung wurde Athen das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Attikas. Die athenische Bevölkerung wurde in drei Klassen - Adelige, Ackerbauern und Handwerker - eingeteilt. Der Adel genoss das ausschließliche Recht zur Besetzung politischer Ämter. Daneben kontrollierten die Adeligen Athens den Seehandel (inklusive der offen geförderten Piraterie) und konnten dadurch ungeheure Reichtümer ansammeln. Gleichzeitig führte die sich entwickelnde Geldwirtschaft das Bauerntum in den Ruin. Innerhalb weniger Jahre waren fast alle Bauern hoch verschuldet. Sämtlicher Felder Attikas starrten von Pfandsäulen, Steinen, auf denen verzeichnet stand, dass das Grundstück dem und dem um soundsoviel Geld verpfändet war. Zahlreiche Bauern waren gezwungen, ihren Grund zunächst zu verpachten (ein Sechstel des Ertrages bekam der Bauer, fünf Sechstel der adelige Pachtherr), dann zu verkaufen. Konnten dadurch die Schulden nicht getilgt werden, so blieb kein anderer Ausweg, als zunächst die Kinder, dann die Frau und zuletzt sich selber als Sklaven zu verkaufen. Diese und die bei den zahllosen Kampfzügen Gefangenen wurden zur wirtschaftlichen Grundlage das antiken Griechenlands: die antike Sklavenhaltergesellschaft.

Der Unmut der Bauern und Armen wuchs. 624 v.u.Z. sah sich Drakon zur Erlassung eines besonders strengen Strafrechtes gezwungen, um die Adelsherrschaft aufrechtzuerhalten. Doch bereits 594 v.u.Z. musste der Adel abdanken. Der neue Gesetzgeber Solon verfügte die entschädigungslose Aufhebung aller Schulden auf Grundstücke, also die Enteignung der Reichen. Schuldverträge wurden verboten, besonders solche, die die Bauern in die Sklaverei führten. Die wegen Schulden ins Ausland Verkauften oder Geflohenen wurden nach Athen zurückgeführt. Höchstmaße für Grundbesitz wurden festgesetzt, damit nicht das gesamte Land Eigentum weniger reich Menschen würde.

Solon teilte die Bürger nach dem Ertrag ihrer Felder in vier Klassen ein. Der alte Adelsrat wurde durch den "Rat der Vierhundert" ersetzt. Alle Ämter konnten nur aus den obersten drei, die höchsten bloß aus der ersten Klasse besetzt werden, die vierte Klasse hatte nur das Recht, in dieser Volksversammlung zu reden und zu stimmen. Allerdings hatte diese vierte Klasse die Mehrheit. Die Sklavenarbeit blieb jedoch weiterhin die wirtschaftliche Grundlage; die Sklaven blieben rechtlos.

Athen war also zu dieser Zeit der mächtigste Staat im griechischen Raum. Aber auch der meistgehasste. Schließlich kam es zum Krieg um die Vorherrschaft zwischen dem sich stetig ausbreitenden Athen und den noch nicht unterworfenen Staaten des Peloponnes unter Führung Spartas. Dieser Kampf auf Leben und Tod war aber nicht nur ein Krieg gegen die Vorherrschaft Athens, er war auch ein Krieg der Aristokratie (Adelsherrschaft) gegen die Demokratie (Volksherrschaft). Athen war der demokratischste Staat Griechenlands, Sparta der aristokratischste. In allen Athen unterworfenen Staaten mussten vornehmlich die Adeligen die Zeche zahlen; sie wurden in erster Linie geplündert, nicht das Volk. In Athen selbst war die soziale Zersetzung, waren Gegensätze zwischen arm und reich so weit gediehen, dass Athens Adelige und Reiche mit Sparta, dem Landesfeind, liebäugelten und konspirierten. Ein Sieg Spartas erschien ihnen das beste Mittel, die Herrschaft des Volkes zu stürzen.

Der entscheidende Kampf zwischen Athen und Sparta, der sogenannte Peloponnesische Krieg, dauerte fast dreißig Jahre (431-404 v.u.Z.) und endete mit der völligen Vernichtung der athenischen Macht. Athen wurde auf Attika beschränkt und von Sparta abhängig. An die Stelle der Demokratie trat die Herrschaft der "Tyrannen", Diktatoren mit Unterstützung Spartas.

Dieser rasche Wechsel verschiedener Herrschaftsformen - Königtum, Aristokratie, Demokratie und Tyrannei - zwang regelrecht dazu, über die Ursachen des Gedeihens und Verfallens von Staaten nachzudenken. Damit wurde die politische Theorie geboren und kaum ein Lehrer der griechischen Jugend, kaum ein Philosoph und Denker, kam um die Frage der besten Staatsform herum. In eben diese Zeit wurde Platon hineingeboren und durch diese Ereignisse sichtlich geprägt entstand auch sein uns hier interessierendes Werk "Politeia" ("Der Staat").

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2.2. Die Person Platon

Platon wurde 427 v.u.Z. geboren, stammte aus dem athenischen Adel und gehörte damit zur privilegierten Oberschicht. Er hatte seine aristokratischen Absichten nie verleugnet und sich stets eine Abneigung gegen die Demokratie bewahrt. Obwohl von seiner Herkunft her dazu bestimmt, politische Funktionen zu übernehmen, nutze er seine angenehmen Vermögensumstände, um sich Zeit seines Lebens der Dichtkunst und der Philosophie zu widmen und durch Reisen seinen Horizont zu erweitern. Seine Bekanntschaft mit dem berühmten Philosophen und Lehrer Sokrates - vermutlich ab seinem 20. Lebensjahr - wurde für ihn entscheidend. Platon widmete sich von da an völlig der Philosophie, wurde Sokrates’ berühmtester Schüler und trat in Athen als Lehrer auf.

Bezeichnend für Platon war, dass er zwar ein System politischer Ideen, einen Idealstaat, entwickelte, ihm aber nicht im geringsten einfiel, auch nur den kleinsten Finger dafür zu rühren, seinen Ideen und Anschauungen durch Teilnahme am politischen Leben zur Durchsetzung zu verhelfen. Vielmehr hoffte er auf die Einsicht der Herrschenden, geleitet durch die Weisheit der Philosophen. Doch die Herrscher kümmerten sich freilich recht wenig um die Philosophen und ihre Ideen.

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2.3. "Politeia" - Der Staat

Wie alle anderen Schüler Sokrates’ schlug Platon einen Staat und eine Gesellschaft vor, in denen das Privateigentum aufgehoben alle Bürger gleichgestellt sind. Aber Platon war viel zu sehr Adeliger, um die Klassenunterschiede aufheben zu wollen. Sein "Kommunismus" war ein Kommunismus der herrschenden Klasse. Wird erst das Privateigentum der Herrschenden aufgehoben, so sagte er, dann hört jede Versuchung auf, das arbeitende Volk auszubeuten. Dann werden sie einzig und allein danach trachten, das Volk zu schützen und zu seinem Besten zu führen.

Für die Bauern, Handwerker und Händler bestand im Staate Platons das Privateigentum fort. Da die Grundlage der damaligen Produktion der Kleinbetrieb war, wäre dort eine Abschaffung des Privatbesitzes nicht möglich gewesen. Die Technik von Ackerbau und Handwerk war noch nicht so weit entwickelt, dass gesellschaftliche Produktion möglich gewesen wäre. Es gab zwar schon größere Betriebe, aber dort arbeiteten nur Sklaven und auch diese sollte es in Platons Staat geben. Eine Abschaffung der Sklaverei konnte er sich nicht vorstellen.

Die Herrschenden im Staat waren die Wächter. Sie produzierten nicht, sondern werden vom arbeitenden Volk erhalten. Die Wächter wurden besonders sorgfältig aus den Besten und Tüchtigsten ausgewählt. Ausführlich beschrieb Platon ihre Erziehung. Bewährte sich ein Wächter nicht, wurde er ohne Mitleid aus dem Wächterstand ausgeschlossen. Umgekehrt konnte ein besonders edler und tüchtiger unter den Bauern und Handwerkern auch in den Wächterstand erhoben werden.

Neben der Gütergemeinschaft für seine "Wächter" verlangte Platon noch mehr. Alles, was Privatinteressen, Streit oder Zwietracht erzeugen konnte, sollte ausgeschlossen werden. Konsequent forderte er daher die Aufhebung der Einzelehe und die Gemeinschaft von Frauen und Kindern. Platon lässt es Sokrates im Gespräch mit Glaukon darlegen:

"Diese Frauen müssen allen Männern gemeinsam gehören, keine darf mit keinem allein beisammen sein, und ebenso sind die Kinder gemeinsam: weder kennt der Vater sein Kind, noch das Kind seinen Vater."

"Diese Forderung erscheint mir noch viel unglaublicher in ihrer Durchführbarkeit und ihrem Nutzen als die erste."

"Über den Nutzen werden wir nicht lange streiten, denn die Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder ist, wenn sie möglich ist, das größte Gut. Aber über die Durchführbarkeit wird es einen harten Kampf geben."

Doch Platon gestattete seinen Wächtern nicht gänzlich regellosen Geschlechtsverkehr. Stattdessen herrschte ein Prinzip: die Zuchtwahl.

"Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Frauen mit den besten Männern möglichst oft zusammenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll. Das alles muss aber geheim gehalten werden, außer bei den Herrschern, soll die Herde der Wächter möglichst ohne Hader leben."

Die Betreuung und Erziehung der Kinder übernahm der Staat:

"Um die jeweils geborenen Kinder nehmen sich dann die Behörden an, die dazu bestellt sind; sie bestehen aus Frauen oder Männern oder aus beiden gemischt - denn es gibt auch Ämter, die Frauen und Männer gemeinsam führen."

"Ja!"

"Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie Missgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört."

"Wenn anders das Geschlecht der Wächter rein erhalten werden soll!"

"Sie werden sich auch um die Ernährung kümmern, die Mütter in das Säuglingsheim führen, wenn sie Milch haben, aber alle Verhaltensmaßregeln treffen, dass keine ihr Kind erkennt, werden auch andere Frauen, die Milch haben, hinbringen, wenn jene zu wenig Milch haben; sie werden sich auch um die Mütter kümmern, dass nur müßige Zeit säugen, während sie das Wachen und die anderen Mühen den Ammen und Wärterinnen übergeben."

"Du erleichterst den Frauen der Wächter das Kinderbekommen sehr!"

Ganz offensichtlich hatte sich Platon bei der Entwicklung dieser Idee an dem Staat Sparta orientiert, denn Sparta hatte diese Forderungen teilweise praktiziert.

In einem weiteren wesentlichen Bereich stellt Platon eine Forderung auf, die für damalige Begriffe undurchführbar schien: die völlige Gleichstellung von Mann und Frau, die Zulassung der letzteren zu allen Ämtern, gleiche Erziehung für Knaben und Mädchen - allerdings nur innerhalb des Wächterstandes. Platon leitete diese Forderung aus der Tatsache ab, dass Mann und Frau von Natur aus gleich Anlagen haben, die - bei gleicher Erziehung - auch zu beruflicher und gesellschaftlicher Gleichstellung führen müssen. Kindererziehung ist kein Hindernis, das übernimmt der Staat. Haushaltsarbeiten sind der arbeitenden Klasse zugewiesen.

"Kann man nun irgendein Lebewesen zum gleichen Zweck gebrauchen, wenn man ihm nicht dieselbe Erziehung und Ausbildung gibt?"

"Das ist unmöglich!"

"Wenn wir also den Frauen dieselben Aufgaben stellen wie den Männern, müssen wir sie auch genauso erziehen!"

"Ja!"

"Die Männer wurden geistiger und körperlicher Erziehung unterworfen."

"Ja!"

"So müssen wir auch den Frauen die Erziehung in diesen zwei Gebieten und dazu eine Kriegsausbildung geben und sie in gleicher Weise verwenden?"

"Das ergibt sich offensichtlich aus deinen Worten."

"Es gibt also keinen öffentlichen Beruf, der nur für eine Frau oder nur für einen Mann geeignet wäre, sondern die Anlagen sind in beiden Geschlechtern gleich verteilt und die Frau hat, nach ihrer Anlage, an allen Berufen Anteil, ebenso der Mann, überall aber ist die Frau schwächer als der Mann."

Die Führung des Staates übernehmen die Philosophen, die fast das ganze Leben dafür ausgebildet werden. Sie bilden die oberste Schicht der Wächter.

"Ehe nicht das Geschlecht der Philosophen Herr des Staates wird, werden nicht Staaten noch Bürger ein Ende des Leides finden, noch wird die Verfassung, die wir uns im Mythos geistig gestaltet haben, in der Wirklichkeit ihre Erfüllung finden."

"Wunderbar hast du, mein Sokrates, die Herrscher herausgearbeitet, wie ein Bildhauer seine Statuen."

"Aber auch die Herrscherinnen, mein Glaukon! Denn nichts, glaube mir, habe ich über Männer gesagt, was nicht auch für Frauen gilt, soweit ihre Anlage sie dazu befähigt."

"Mit Recht, wenn sie an allem mit den Männern gleichen Anteil nehmen, wie wir dargelegt haben."

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2.4. Zusammenfassung

1. Platons Idealstaat hat die Struktur einer kommunistischen Gesellschaft, die sich allerdings - trotz einiger Parallelen und Übereinstimmungen - mit dem modernen Sozialismus kaum in Einklang bringen lässt. Der moderne Sozialismus strebt eine klassenlose, soziale und politische Demokratie an. Platons Idealstaat ist eine straff hierarchisch organisierte Diktatur, deren wirtschaftliche Grundlage eine ArbeiterInnenkaste und deren Herrschaftsinstrument eine Kriegerkaste bildet. Die Diktatur, die Platon vorschwebt, ist eine absolute und totale, die das Denken, Fühlen, Leben jedes Kastenmitglieds in jeder Einzelheit regelt und vor allem darüber wacht, dass die Stabilität der Gesellschaft nicht durch fremde oder neue Ideen gestört wird. Sein Kommunismus ist ein konservativer, staatserhaltender.Abschaffung des Privateigentums, Gleichstellung von Mann und Frau, staatlicher Kindererziehung - all das gilt nur für den Wächterstand. Die herrschende Klasse in Platons Staat produziert nicht, sie wird durch das arbeitende Volk erhalten, das sie jedoch weder ausbeutet noch unterdrückt. Es ist kein Kommunismus der Produktionsmittel (wie ihn der moderne Sozialismus anstrebt), sondern ein Kommunismus der Genussmittel, des Konsumierens.

2. Die Aufhebung der Einzelehe ist das logische Ergebnis eines Kommunismus des Konsums. Es wäre höchst inkonsequent, wenn alle Genüsse gemeinsam sein sollen, den geschlechtlichen davon auszuschließen. Die Gleichstellung de Frau wird durch die Zuweisung von Haushaltsarbeiten und Kindererziehung an das arbeitende Volk ermöglicht. Solange es nicht möglich war, diese Arbeiten, insbesondere den Haushalt durch Maschinen besorgen zu lassen, konnte die Emanzipation der Frau auf anderer Grundlage nicht erreicht werden.

3. Platon hatte sich die Schaffung seines Idealstaates nicht als Ergebnis eines sozialen oder wirtschaftlichen Prozesses vorgestellt; er sollte vielmehr durch die Weisheit der Philosophen als Herrscher hervorgebracht werden. Die Vorstellung einer durch ökonomisch-technischen Fortschritt und Klassenkampf hervorgebrachten gesellschaftlichen Umwälzung war ihm ebenso fremd wie allen anderen Denkern der Antike.

4. Die große Bedeutung von Platons Idealstaat liegt darin, dass er die erste philosophische und systematische Entwicklung und Verteidigung einer kommunistischen Gesellschaft ist, die wir kennen.

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3. Das Urchristentum

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3.1. Die gesellschaftlichen Wurzeln des Christentums

Ähnliche Entwicklungen, wie wir sie am Beispiel des Aufstiegs und Falls Athens schon im vorigen Kapitel beschrieben haben, verschonten auch nicht das damals weltbeherrschende Rom. Zum Zeitpunkt des Entstehens des Christentums umfasste das Römische Reich halb England, Spanien, Frankreich, Teile Deutschlands und Österreichs bis zur Donau, große Teile der heutigen südslawischen Staaten, Bulgarien, Rumänien, die Türkei, Kleinasien, Griechenland, die gesamte nordafrikanische Küste und klarerweise Italien - kurz: es handelte sich um ein riesiges Imperium. Doch bereits zum Zeitpunkt seiner höchsten Macht nach außen gärte es im Römischen Reich, setzte der innere soziale Zerfall ein.

Etwa um den Beginn unserer Zeitrechnung lagen auch die letzten Zuckungen der römischen Republik und setzte die Alleinherrschaft einzelner Kaiser ein. Aristokratie und Demokratie hatten sich als bankrott erwiesen. Der Kern des Volkes, die freie Bauernschaft, war verkümmert, in vielen Gegenden völlig verschwunden, in anderen zu Pächtern großer Grundbesitzer herabgedrückt. Die ewigen Eroberungskriege, die mit bäuerlichen Milizheeren geführt wurden, ruinierten die Wirtschaft der Bauern, während Großgrundbesitzer, die mit Sklaven produzierten, immer mächtiger und reicher wurden. Gerade diese Kriege lieferten ja laufend Nachschub an Sklaven. Kein Wunder also, dass die Sklavenwirtschaft rasch überhand nahm und die freien Bauern verdrängte. Diese besitzlosen Bauern zogen in die Großstädte, wo sie zusammen mit freigelassenen Sklaven die unterste Schicht der Bevölkerung bildeten.

Aber solange es die demokratische Republik gab, bedeutete diese Massenarmut nicht notwendigerweise Massenelend. Die Massen freier Bürger besaßen nichts anderes als die politische Macht, und sie wussten von dieser sehr wohl zu leben, indem sie Reiche sowie die abgabenpflichtigen unterworfenen Gebiete kräftig auspressten. Alle Versuche von Reformen, die diesen Besitzlosen Grund und Boden geben sollten, scheiterten. Einerseits am Widerstand der Großgrundbesitzer, andererseits aus dem ökonomischen Grund der Überlegenheit der Sklavenwirtschaft. Nicht zuletzt trug aber auch die Verkommenheit des Lumpenproletariats, das es vorzog, sich in den Städten bei "Brot und Spielen" zu amüsieren, das ihre dazu bei.

Der Hass der Großgrundbesitzer und Reichen wuchs ebenso wie in Athen und an die Stelle der Demokratie trat die Alleinherrschaft des Kaisers. Mit der politischen Macht versiegte auch die einzige Erwerbsquelle des römischen Proletariats. Grauenhaftes, bislang unbekanntes Massenelend entwickelte sich in der römischen Gesellschaft und wurde zur brennenden sozialen Frage. Der Verfall des Bauerntums bildete den Vorboten des ökonomische Verfalls der gesamten Gesellschaft.

Mit den Bauern waren auch die Soldaten des Milizheeres verschwunden. Ein Söldnerheer entstand, das zwar im Einsatz gegen innere Unruhen unbezwinglich war, bald aber Mühe hatte, den äußeren Feind - die Germanen - abzuwehren, die immer stärker gegen Rom drängten. Mit dem militärischen Verfall wurden auch Eroberungskriege immer seltener, die Verteidigungskriege brachten mehr Verluste als Gefangene, die Zufuhr an Sklaven wurde immer spärlicher und damit brach die wirtschaftliche Grundlage der Landwirtschaft zusammen. Die Sklaverei wurde bloße Luxussklaverei, mit anderen Worten, die Sklaverei hörte auf, die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft zu sein.

Der Niedergang der Sklavenwirtschaft bedeutete keineswegs den Neuaufstieg der freien Bauernschaft. Vielmehr wurde der Großgrundbesitz nun in kleine Landstriche geteilt und gegen bestimmte Abgaben und Leistungen an die sogenannten Kolonenbauern verpachtet, die Vorgänger der mittelalterlichen Hörigen.

Die römische Bevölkerung, durch zahlreiche Kriege immer mehr dezimiert, verarmte zusehends. Um Soldaten und Kolonen zu bekommen, mussten die herrschenden Klassen immer mehr Ausländer, "Barbaren", wie sie sie nannten, ins Reich ziehen lassen. Doch Landwirtschaft und Handwerk, Kunst, Kultur und Wissenschaft verfielen weiter. Dieser gesellschaftliche Niedergang erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte und endete mit dem völligen Zerfall des riesigen Römischen Reiches zu Beginn der Völkerwanderung (ca. 5. Jahrhundert). Dich in diesem allgemeinen Zerfall entstand eine neue gesellschaftliche Macht: das Christentum.

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3.2. Das Wesen des Urchristentums

Josef Hindels beschreibt in seinem Buch "Einführung in die Ideengeschichte des Sozialismus", dass auch das Christentum Vorläufer hatte, die sozialistischen Inhalte, wenn auch in religiösen Begriffen verkleidet, predigten:

Oft wird Jesus als erster Sozialist, werden seine Jünger als erste Sozialistengeneration bezeichnet. Aber es gab bereits Jahrhunderte vor dem Entstehen des Christentums sozialistische Ideen. (...)

Aber die bedeutendsten unter den Propheten verherrlichten die Frühzeit Israels, als es noch kein Privateigentum, keine sozialen Kontraste zwischen arm und reich gab. Viele ihrer frommen Prophezeiungen sind, entkleiden wir sie der mystisch-religiösen Formen, der frommen, sich ständig auf Gott berufenden Sprache sozialkritische Anklagen, revolutionäre, gegen die Privilegierten gerichtete Manifeste, die sozialistische Ideen enthalten.

In Zeiten großer innerer und äußerer Spannungen, angesichts wachsender Not der Armen und weitgehender Konzentration des Reichtums in wenigen Händen, traten die altisraelitischen Propheten  auf, mahnten zur Umkehr, zur sozialen Neuorientierung.

Im Jahre 765 v. u. Z. erscheint einer der bedeutendsten dieser Propheten, Amos, auf einem religiösen Fest und schleudert im Namen Gottes seinen Fluch gegen die Reichen, deren Treiben das Land dem verdienten Untergang zuführen werde. Er sagt unter anderem:

"Ich will Feuer in Juda schicken, das soll die Paläste in Jerusalem verzehren."

Aber die Propheten beschränkten sich nicht darauf, die bestehende Gesellschaft anzuklagen, ihre rechtlichen Einrichtungen zu demaskieren, die Klassengegensätze bloßzulegen. Sie entwarfen auch immer unter Berufung auf Gott die strahlende Vision einer sozialistischen Gesellschaft. Jeder wird, so hieß es in ihren Prophezeiungen , friedlich unter einem Weinstock oder Feigenbaum leben. Der Frieden zwischen Völkern wurde in engen Zusammenhang gebracht mit der Aufhebung der sozialen Ungerechtigkeit, der Privilegien der Reichen. Das Land sollten alle zum Erbbesitz erhalten, und es unter den einzelnen - Einheimische wie Fremde - verlosen.

Vom Gemeineigentum ist freilich noch nicht die Rede. Bei dem damaligen, primitiven Stand landwirtschaftlicher Produktion war die individuelle Bearbeitung des Ackerlandes zweckmäßig. Die Propheten plädierten für einen Sozialismus, der dieser niedrigen Stufe der Entwicklung der Produktivkräfte entsprach. Aber ideengeschichtlich ist entscheidend, dass sie die Privilegien der Reichen beseitigen wollten, eine Gesellschaft ohne Klassenunterschiede herbeisehnten.

Da die Armen, zersplittert und unfähig zu Aktionen, eine solche Gesellschaft nicht erkämpfen konnten, blieb den Propheten nur der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes, an das Kommen eines Erlösers. Aber ihr religiöser Glaube hinderte sie nicht, die Reichen und Mächtigen zu verfluchen, ihnen zu drohen, zu versuchen, sie zumindest einzuschüchtern, sie aus Angst nachgiebiger zu machen. Es war dies eine eigenartige, den damaligen Gesellschaftsverhältnissen entsprechende Form des Klassenkampfes, dessen Ideologen die Propheten waren.

Dass das Christentum im Römischen Reich Fuß fassen konnte und sich von Stadt zu Stadt ausbreitete, erklärt sich aus dem gesellschaftlichen Niedergang und dem Massenelend des städtischen Proletariats. Hunger, Elend und Not waren so groß geworden, dass keinem Sterblichen, auch nicht dem mächtigsten Kaiser, zugetraut wurde, hier Abhilfe zu schaffen. Nur eine übermenschliche Macht, ein vom Himmel und von Gott Gesandter könnte dies tun. Der Glaube an den Erlöser, der auf Erden das Paradies errichten würde, war geboren, der Glaube an Jesus Christus.

Doch nicht nur der gepredigte Hass auf die Reichen schaffte dem Christentum unter den Armen ungeheure Popularität. Neben der Vision eines "Paradieses auf Erden", aus dem später Erlösung in einem Leben nach dem Tod wurde, war es vor allem das praktische Wirken der Urchristen. Karl Kautsky schildert in seinem Buch "Vorläufer des neueren Sozialismus" ein Beispiel für eine urchristliche Gemeinde, die Essener:

"Josephus berichtet, "den Reichtum halten sie für nichts, hingegen rühmen sie sehr die Gemeinschaft der Güter, und man findet keinen unter ihnen, der reicher wäre als der andere. Sie haben das Gesetz, dass alle, die in ihren Orden eintreten wollen, ihre Güter zum gemeinsamen Gebrauch darreichen müssen, daher man bei ihnen weder Mangel noch Überfluss merkt, sondern sie haben alles gemein wie Brüder. Sie wohnen nicht in einer Stadt zusammen, sondern haben in allen Städten ihre besonderen Häuser, und wenn Leute, die ihres Ordens sind, anderswoher zu ihnen kommen, teilen sie mit denselben ihren Besitz, und diese können ihn wie ihr eigens Gut gebrauchen. Sie kehren ohne weiteres beieinander ein, auch wenn sie einander nie gesehen haben, und tun als ob sie ihr Leben lang in vertrautem Verkehr gewesen wären. Wenn sie über Land reisen, nehmen sie nichts mit als eine Waffe gegen die Räuber. In jeder Stadt haben sie einen Gastmeister, der den Fremden Kleider und Lebensmittel austeilt. (...) Sie treiben keinen Handel miteinander, sondern wenn jemand einen, der einen Mangel hat, etwas gibt, empfängt er hingegen wieder von ihm, was er bedarf. Und wenn er auch nichts dafür bieten kann, so mag er doch ohne Scheu, von wem er will, begehren, was er braucht."

Es war dies also wiederum ein Kommunismus des Konsumierens, der Genussmittel. Das großstädtische Proletariat war der Arbeit entwöhnt, ihr Vorbild waren die "Lilien, die nicht säen und nicht spinnen und doch gedeihen." Daher strebten sie nach Einführung eines völligen Kommunismus unter Verdammung der Reichen. So heißt es in der Apostelgeschichte in der Bibel:

"Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten vieles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten"

Aus dem Lukas-Evangelium:

"Als Jesus das hörte, sagte er: Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, verteil das Geld an die Armen und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber wurde sehr traurig, als er das hörte; denn er war überaus reich. Jesus sah ihn an und sagte: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt."

Aus der Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 5-7:

"Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich zu seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. (...)

Selig, die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwende, denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. (...)"

Doch diese Art von Kommunismus lief darauf hinaus, dass alle Produktionsmittel in Genussmittel verwandelt und an die Armen verteilt werden sollten. Wäre dies konsequent betrieben worden, hätte das das Ende jeglicher Produktion bedeutet. So kam es in der Praxis dazu, dass die Produktionsmittel Privateigentum bleiben durften, die erzeugten Produkte jedoch Gemeingut wurden. Damit konnten auch Wohlhabende zu Christen werden, brauchten sie ja bloß Teile ihres Einkommens der Christengemeinde abtreten. Schritt für Schritt wurden dadurch die urchristlichen, sozialrevolutionären Ideen verwässert.

Noch ein Aspekt sei hier erwähnt: Der Kommunismus des Konsums und Genusses verlangte auch nach Aufhebung von Familie und Einzelehe, was auf zwei Wegen erreicht werden konnten: durch Gemeinschaft der Frauen und Kinder oder durch Verzicht auf sexuellen Verkehr, durch das Zölibat. Essener und Urchristen wählten den zweiten Weg und huldigten der Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit. Allerdings, es gab auch vereinzelt christliche Sekten, die die wesentlich lebenslustigere Form der Aufhebung von Ehe und Familie lehrten und praktizierten (z. B. die Adamiten im 2. Jahrhundert). Wenn es auch durch das Zölibat nicht gelang, das Familienleben völlig aufzuheben, so waren doch die urchristlichen Sekten bestrebt, es bis zu einem gewissen Grad einzudämmen. Gewisse Tätigkeiten wurden daher gemeinsam verrichtet, so die Einnahme der gemeinsamen Mahlzeiten.

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3.3. Zusammenfassung

1. Die Entstehung und Ausbreitung des Urchristentums wurzelt im Niedergang des Römischen Reiches, vor allem in der ungeheuren Zahl an verarmten, im Elend lebenden, städtischen Lumpenproletariern. Die Vorläufer des Urchristentums reichen allerdings bis zu den altisraelischen Propheten zurück.

2. Angesichts des Massenelendes findet die Lehre vom göttlichen Erlöser rasche Verbreitung. Charakteristisch ist der abgrundtiefe Hass gegen die Reichen. In den ersten urchristlichen Gemeinden wird versucht, durch Gütergemeinschaft (Kommunismus des Konsums) das kommende "Paradies auf Erden" vorwegzunehmen. Die daraus abgeleitete Gemeinschaft von Frauen und Kindern, also die Aufhebung der Familie und der Einzelehe wird durch das Zölibat und durch Enthaltsamkeit versucht zu erreichen.

3. Mit dem Anwachsen zur Massenbewegung und dem Herausbilden einer Bürokratie sowie einer Priesterschicht bei gleichzeitiger Zunahme an Macht und Reichtum werden sozialrevolutionäre Inhalte kontinuierlich entschärft und uminterpretiert. Die entstehende Amtskirche wird zur Stütze der Herrschenden des Staates. Die Armen, Unterdrückten und Ausgebeuteten werden auf ein besseres Jenseits verwiesen.

4. Die sozialrevolutionären Ideen leben an der Basis weiter und spielen immer wieder in der Geschichte eine bedeutende Rolle, zum Beispiel in den Ketzerbewegungen, der Reformation, den Bauerkriegen oder der heutigen Befreiungstheologie in Lateinamerika.

5. Während Christen sich bei ihrem Eintreten für eine menschlichere, bessere Gesellschaft auf religiöse Motive berufen, leitet sich der moderne Sozialismus von historischen und soziologischen Erkenntnissen ab, die wissenschaftlich überprüfbar sind, was bei religiösen Vorstellungen unmöglich ist.

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4. Der mittelalterliche Kommunismus

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4.1 Die gesellschaftlichen Voraussetzungen - Der Feudalismus

Die Sklavenwirtschaft hatte in Römerreich zur Zeit der Germanenkriege immer mehr an Boden verloren und war durch die Kolonenbauern ersetzt worden. Doch kaum hatten sich die germanischen Stämme auf den Trümmern des Römerreiches niedergelassen, drängten kriegerische Reiter- und Seevölker von allen Seiten nach Europa: Awaren, Madjaren, Normannen, Slawen, Araber, Sarazenen u. a. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert wurde Europa durch ununterbrochene Kriegszüge überfallen und ständig bedroht. An die Requirierung neuer Sklaven war nicht zu denken, vielmehr wurden die Germanen selbst wieder beliebtes Objekt für Sklavenjäger und -händler.

Die germanischen Staaten mussten sich daher von vornherein darauf einrichten, ohne Sklaven zu produzieren. Da es nicht an Land, sondern an Menschen, die dieses bearbeiteten, fehlte, versuchten adelige und kirchliche Grundbesitzer, die Bauern möglichst an ihr Land zu binden. Sie machten sie von sich abhängig, zins- und dienstpflichtig. Dafür mussten die Besitzer den Bauern all diejenigen Lasten abnehmen, die eine ordentliche Bauernwirtschaft unmöglich machten, besonders den Kriegsdienst. Riesige herrenlose Landstriche wurden von Kirche und Adel einfach in Beschlag genommen und als Lehen (Leihgabe) an Getreue verteilt, die dafür Kriegsdienste leisteten. Und auch diese trachteten ihrerseits danach, möglichst viele Bauern anzuwerben. Alle Mittel, moralische und unmoralische, gesetzliche und strafbare, wurden rücksichtslos im Kampf um die Bauern und danach vor allem gegen die Abwerbung durch andere Grundeigentümer eingesetzt. Die Bauern wurden an die Scholle gefesselt, sie wurden Hörige.

Im Gegensatz zu den Sklaven waren die Hörigen des Mittelalters aber nicht vollkommen rechtlos. Ihre Leistungen und Lieferungen waren festgelegt (wenn sie auch laufend von ihren Herren, den Äbten und Bischöfen miteingeschlossen, schamlos betrogen wurden). Und: der Hörige war nicht allein. Jeder Bauer, ob frei oder hörig, gehörte einer Marktgenossenschaft an, in der er einen Rückhalt fand und Widerstand leisten konnte - was zur Genüge auch getan wurde. Das ganze Mittelalter ist voll von Klassenkämpfen zwischen Bauern und Grundherren.

Noch besser jedoch ging es den Städten. Sie hatten bald überall die Hörigkeit und Grundherrlichkeit abgeschüttelt. Handel und Handwerk nahmen einen raschen Aufschwung. Damit änderte sich der Charakter kommunistischer und proletarischer Bewegungen. In der Antike gab es unterhalb des Proletariats noch eine tiefergestellte Klasse: die Sklaven, von deren Arbeit schlussendlich auch das Lumpenproletariat lebte.

Anders im Mittelalter: das Proletariat war die unterste Klasse. Keine war mehr unter ihr, auf deren Kosten sie leben könnte. Deshalb war der schmarotzende Teil, das Lumpenproletariat, auch gering. Vielmehr entwickelten sich unter den Handwerkern, die ihre Existenz und ihr Ansehen aus der Arbeit bezogen, ein Kommunismus des Konsums, aber schon auf Basis eigener Arbeit und die der GenossInnen, der sich stark auf urchristliche Ideen berief. Und am Land, wo Haushalt und Produktion noch unter einem Dach erfolgten, praktizierte man selbst in großen landwirtschaftlichen Betrieben eine kommunismusähnliche Lebensweise. Dies war die Grundlage, auf der der sogenannte "klösterliche Kommunismus" entstand.

So ist das Mittelalter voll von einer verwirrenden Vielfalt dieser auch "Ketzerbewegungen" genannten, meist religiös verschleierten Bewegungen. Zum Verständnis, warum gerade aus dem kirchlichen, religiösen Bereich zahllose kommunistische Sekten entstanden, einige Vorbemerkungen: 

Nachdem die Christenverfolgungen aufgehört haben und die Kirche zur Staatskirche geworden war, bildeten viele Christengemeinden gemeinsame Produktions- und Lebensgemeinschaften, die späteren Klöster. Mit dem Aufkommen von Handwerk und Handel erwuchs diesen Klöstern bald arge Konkurrenz. So hörten die Klöster auf, selber zu produzieren, aus Produktionsgenossenschaften wurden Ausbeutergenossenschaften, die ungeheure Reichtümer anhäuften. Am schlimmsten vor allem: der Papst und seine Mannen. Bernt Engelmann beschreibt das in seinem alternativen Geschichtsbuch "Wir Untertanen", das Geschichtswissenschaft "von unten" betreibt, so:

"Korrupter als die Kurfürsten waren nur noch die römischen Kardinäle jener Zeit, und entsprechend waren auch die Päpste, die sie wählten: geldgierige, genusssüchtige, absolut skrupel- und schamlose Gestalten, die vor keinem Verbrechen zurückschreckten. Sie glichen mehr Mafia-Bossen unserer Tage als einem Oberhaupt der abendländischen Christenheit mit dem Anspruch, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein.

Bei solcher Führung ist es kaum verwunderlich, dass auch die kirchlichen Einrichtungen in Deutschland völlig verkommen waren. Sie ähnelten, um bei dem Beispiel der Mafia zu bleiben, in vieler Hinsicht deren Organisation, zumal wenn sie mit immer neuen Tricks und Einschüchterungsmethoden pfennigweise Millionen aus dem Volk pressten, nicht etwa zu gutem Zweck, sondern nahezu ausschließlich zur Finanzierung des luxuriösen und lasterhaften Lebens der Bandenchefs sowie deren Verwandtschaft, Leibgarde, Gangsterliebchen und juristischen Ratgebern, sprich Kurfürsten, deren Neffen, Nichten, unehelichen Kindern, Prälaten, Offizieren, Mätressen und Räten. Und wie die Mafia heute, so scheute damals die Kurie, wenn es um fette Pfründe, Erbschaften oder politischen Einfluss ging, vor absolut nichts zurück, nicht vor Verrat und Meuchelmord, nicht vor Ausrottung ganzer Sippen durch Gift oder Dolch und auch nicht vor Wucher, Zuhälterei großen Stils, Hehlerei, Mädchenhandel oder anderen unchristlichen, aber einträglichen Verbrechen.

Bei alledem war die niedrige Geistlichkeit, das Heer der Kapläne, einfache Mönche und Laienbrüder, nur das Fußvolk, das mit den Krumen zufrieden sein musste, die von der Herren Tisch fielen. Doch diese "ausführenden Organe" waren zugleich eine Landplage, denn ihnen oblag es ja, das Geld einzutreiben, das ihre Oberen verprassten."

Auf diesem Boden fanden alle, die gegen Reichtum und Ausbeutung predigten, reichlich Anhängerschaft. Auch innerhalb der Kirche regte sich Widerstand gegen den allmächtigen Papst. Urchristliche Ideale wurden neu verkündet, Bettlerorden verdammten Reichtum und Besitz. Der Papst erklärte solche Bewegungen zu "Ketzern" und ließ sie durch die Inquisition erbarmungslos verfolgen. Hunderttausende wurden "in Gottes Namen" auf dem Scheiterhaufen verbrannt, wegen ihrer angeblichen "Irrlehren" verdammt, gefoltert und hingerichtet. Neben Orden wie dem der Franziskaner, die die Kirche von innen reformieren wollten, gab es Ketzerbewegungen, die gegen die Kirche kämpften und solche, die nur für sich abgeschlossen nach eigenen Idealen leben wollten. Für den Papst waren sie alle gleich: eine Bedrohung seiner Macht.

Es würde den hiesigen Rahmen sprengen, im Detail auf die ungeheure Vielzahl dieser Ketzerbewegungen einzugehen. Teilweise ist es auch sehr schwierig, exakte Unterscheidungen zu treffen, gingen sie doch oft ineinander über, spalteten sich, zerfielen und entstanden neu mit anderem Namen und an einem anderen Ort. In der Regel lassen sie sich aber durch folgende allgemeine Merkmale charakterisieren:

1. Diese Bewegungen traten im Gewande religiöser Erneuerungsbewegungen auf, die ihre Betonung stark auf urchristliche Ideale legten.

2. Sehr oft wurden die zunächst "nur" religiösen Bewegungen zum Kristallisationspunkt sozialer Unzufriedenheiten, Spannungen und Konflikten. Bauernscharen schlossen sich ihnen häufig an. Dadurch richtete sich der Kampf nicht mehr bloß gegen die Ausbeutung durch die Kirche, sondern generell gegen jegliche Form von Ausbeutung, also auch gegen die weltlichen Feudalherren. Diese Bauernkrieg beherrschten das Bild des Mittelalters.

3. Die meisten der Ketzerbewegungen blieben lokal beschränkt, das heißt, sie richteten sich nur gegen die lokalen Feudalherren. Die wirtschaftliche Situation der Bauern, ihre schlechte Organisation und Bewaffnung führte über kurz oder lang zu Niederlagen, die in entsetzlichen Blutbädern endeten.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier nur einige dieser Bewegungen genannt: Waldenser, Katharer, Albigenser, Humiliaten, Beginen, Begharden, Lollarden, Lombarden, Joachimiten, Patarener, Apostoliker, lombardische Paupers, Arnoldisten, Wilhelmiten, Luziferianer, Dolcinäer, Hussiten u. a. Die wohl bekanntesten waren die aufständischen Bauern unter der Führung Thomas Münzers im sogenannten "Deutschen Bauernkrieg" sowie die Anhänger Jan Hus’ in Böhmen. Unser Beispiel sind im Folgenden die Dolcinäer.

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4.2 Die Dolcinäer

Im Jahr 1058 entstand in Mailand eine sehr starke ketzerische und kommunistische Bewegung, die Apostelbrüder. Sie ging von den untersten Volksschichten aus und richtete sich gegen den reichen Klerus und den städtischen Adel. Die Apostelbrüder predigten strenge Armut und Buße. Ihre Mitglieder gaben jeden Besitz den Armen und lebten von milden Gaben. Rasch breitete sich diese Bewegung nach Spanien, Frankreich und Deutschland aus und wurde trotz streng geheimgehaltener Zusammentreffen zum großen Ärgernis für die Kirche. Obwohl zunächst der Bruch mit der Kirche vermieden wurde, setzten immer brutalere Verfolgungen durch das Papsttum und seine Handlanger ein. Doch genau das Gegenteil deren Intention trat ein. Der Bund löste sich nicht auf, sondern erhielt stetig mehr Zulauf. Als ihr Gründer Gherardo Segarelli im Jahr 1300 am Scheiterhaufen verbrannt wurde, trat an seine Stelle ein Mann, der die Kirche das Fürchten lehren sollte: Fra Dolcino. Dolcino war selbst Franziskanermönch, der sich aber 1291 den Apostelbrüdern anschloss. Nachdem er aus dem Orden ausgetreten war, lernte er die Nonne Margherita von Trenk kennen, begeisterte sie für seine Ideen und floh mit ihr in die Lombardei, wo sich beide an die Spitze der Apostelbrüder stellten, die von da an "Dolcinäer" genannt wurden. Dolcino rief zum Kampf gegen den Papst auf und setzte seine Hoffnungen auf weltliche Herrscher, die Konflikte mit dem Papst hatten. Doch Hilfe kam von ganz anderer Stelle: die Bauern erhoben sich und stellten sich an Dolcinos Seite.

Die Gegensätze zwischen Bauern und Grundherren hatten sich so verschärft, Unterdückung und Ausbeutung waren so unerträglich, dass der Aufruf Dolcinos das Pulverfass zur Explosion brachte. In Scharen liefen die Bauern zu den Dolcinäern. 1303 begannen sie einen Aufstand gegen die Herrschenden, der bis 1307 dauern sollte. Bald zog eine Armee von 5000 Männern und Frauen durch Norditalien und errang Sieg um Sieg. Karl Kautsky schreibt:

"Die Schwestern oder Weiber waren weder ungeeigneter oder ungeschickter zu diesen Heldentaten als die Männer. Sie steckten sich in Männerkleider, ließen sich in der Reihe der Soldaten mit anführen und fochten ebenso mutig und verzweifelt wie die Männer.

Die Ausbeuter der Gegend vergaßen ihre internen Zwistigkeiten; die Bischöfe von Vercelli und Novara sowie die dortigen Adeligen und Städte rüsten ein Heer gegen die Aufständischen aus; aber der Feldzug endete mit völliger Niederlage der Armee der Ausbeuter, die kaum hinter den Mauern der Städte sicher waren.

Nun schwoll Dolcinos Macht noch gewaltiger an - aber Dolcino, dieser so energische, glänzende Feldherr, nutzte nicht den Moment, wo seine Gegner nicht mehr wagten, ihm im offenen Feld entgegenzutreten, um weiter zu marschieren und die Empörung allgemein zu machen, sondern er blieb in dem Tal der Sesia, in dem die Empörung begonnen hatte, und begnügte sich, Klöster, Landsitze und Städtchen zu plündern und zu zerstören."

Gerade die Bauern sollten Dolcinos Verhängnis werden. Die Apostelbrüder träumten von der Umgestaltung der gesamten Gesellschaft, die Bauern hingegen konnten diesen Idealen nur teilweise etwas abgewinnen. Schon kleine Zugeständnisse der Grundherren - weniger Abgaben, Verzicht auf gewisse Dienste - genügten, um sie zufrieden zu stellen. Und noch etwas kam hinzu: die Bauern hatten nur lokale Interesse, den Aufstand ins ganze Land zu tragen, daran lag ihnen nichts. So erhob sich Landstrich um Landstrich, jeder für sich allein, und schloss für sich allein wieder Frieden. In dieser Zersplitterung war es ein leichtes für die päpstliche und weltliche Zentralmacht, ihre Gegner schließlich niederzuwerfen. Dolcinos Schicksal war besiegelt. Kautsky dazu:

"Die kommunistische Erhebung blieb eine lokale; aber ihre Gegner wussten wohl, dass sie mehr als lokale Bedeutung habe. Die große internationale Macht der damaligen Zeit, das Papsttum, griff ein und organisierte einen Kreuzzug gegen die Rebellen. Und nun war deren Schicksal besiegelt. Da sie sich in der Ebene nicht mehr halten konnten, zogen sie sich ins Gebirge zurück, von wo aus sie einen Guerillakrieg mit den Kreuzzüglern unterhielten. Dolcinos glänzendes Feldherrntalent und das Heldentum seiner Genossen leistete Bewundernswürdiges in diesem Kampfe. Nur ein Beispiel: Einmal wollten 200 Bürger von Trivero eine plündernde Schar der Dolcinisten angreifen, wurden aber von 30 Weibern in die Flucht geschlagen.

Mehrmals gelang es den Bedrängten noch, ihre Gegner in offener Feldschlacht zu schlagen, öfter fügten sie ihnen großen Schaden durch Hinterhalte und Überrumpelungen zu. Aber trotzdem schloss sich der eiserne Ring der Bedränger immer fester um die kommunistischen Schwärmer, die gleichzeitig immer mehr jeden Halt unter dem Landvolk verloren, das anfing, sie zu hassen wegen der Verwüstungen und Leiden, die der Krieg über das Land verhängte.

Das Kreuzheer verzichtete darauf, sie mit Waffen zu besiegen, und beschränkte sich darauf, sie auszuhungern (im Winter 1306 bis 1307).

Ihre Sache war verloren, aber ihr Widerstand dauerte fort. Und so groß war die Furcht vor diesen kühnen Streitern, dass die belagernde Soldateska, trotz ihrer Übermacht, erst dann den Mut zum Sturme auf die belagerte Stellung fand, als einige Überläufer verrieten, dass die Eingeschlossenen vor Schwäche unfähig geworden seien, ihre Waffen zu gebrauchen.

Am 23. März 1307 erfolgte der Sturm. Ein Schlachten war’s und keine Schlacht zu nennen. Die Belagerten weigerten sich, Pardon zu nehmen, sie rafften ihre letzten Kräfte zu einem Kampfe der Verzweiflung zusammen, aber die meisten von ihnen waren so schwach, dass sie nicht einmal mehr stehen konnten, und so bildete ihr Widerstand nur den Vorwand für ein furchtbares Blutbad. Von den 1900, die bis zum Schluss ausgehalten hatten, wurden fast alle niedergemetzelt, wenige entkamen und nur wenige wurden gefangen genommen, darunter Dolcino und Margherita, deren Schonung der Bischof ausdrücklich befohlen hatte, das ihm der schnelle Tod auf dem Schlachtfeld zu geringe Strafe für sie zu sein schien.

Der Jubel aller päpstlich Gesinnten über das endliche Ausstampfen des gefährlichen Feuerbrandes war groß. Äußerlich war die Erhebung eine rein lokale gewesen, aber das Papsttum begriff ihre internationale Bedeutung besser als die Bauern des Dalfesia.

Ein Triumph blieb jedoch der siegreichen Kirche versagt. Was ihr so oft gelungen, hier versuchte sie es vergeblich, die Ketzer durch Folterqualen zum Widerruf der Irrlehren zu bewegen. Standhaft trotzten Dolcino und Margherita den Martern, die der grausame Richter über sie verhängte; kein Laut des Schmerzes entfuhr dem gläubigen Weibe, kein Wort der Klage noch des Unwillens ihrem hartherzigen Leidensgenossen. Nicht das Schinden und Lodern von Teilen ihrer Körper, nicht das Zerquetschen und Stacheln mittels Torturpillen und Zangen konnten den gepressten Lippen Widerruf oder Flehen abnötigen.

Sie wurden zur gewöhnlichen Strafe für Ketzer, zum Flammentod verurteilt. Dolcinos Hinrichtung fand am 2. Juni 1307 in Vercelli statt. Margherita war verurteilt, der Exekution zuzusehen. Auch in diesem entsetzlichen Moment blieb das heldenmütige Weib standhaft. Noch einmal, aber ebenso vergeblich wurden beide zum Widerruf ermahnt, worauf, des Unglücklichen Seelenqual zu steigern, die Knechte Margherita ergriffen und an ihr auf einem Gerüst, dem Lohfeuer des Scheiterhaufens von Dolcino gegenüber, während der Agonie desselben jeden Spott und Torturmechanismus übten. Margherita wurde später in Biella verbrannt. So endete die erste kommunistische Erhebung in der mittelalterlichen Gesellschaft."

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4.3. Zusammenfassung

1. Das ganze Mittelalter ist geprägt durch Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Grundherren, weltlicher Macht und Papsttum, innerkirchlichen Auseinandersetzungen und nationale Gegensätze.

2. Eine Vielzahl von sogenannten "Ketzerbewegungen" versuchen die Kirche auf ihre urchristlichen Werte zurückzuführen, predigen Armut, Besitzlosigkeit und verdammen vor allem das habgierige, prunksüchtige Papsttum und seine Amtskirche. Diese jedoch verfolgen die Ketzer unerbittlich mit der Inquisition.

3. Gerade die Kirchenreformbestrebungen sind oft der Anlass für Bauernaufstände. Diese nehmen die Kritik an der besitzenden Kirche ernst und weiten sie auf alle Besitzenden aus. Den Herrschende gelingt es immer wieder die schlecht ausgerüsteten unkoordiniert vorgehenden Rebellen niederzuschlagen.

4. Einzelne Bewegungen versuchen die Kirche von innen zu reformieren, andere bekämpfen sie mit allen Mitteln, dritte versuchen für sich allein kommunistischen Lebensweisen zu realisieren. Allen gemeinsam ist ihre tiefe Gesellschaftskritik und die Suche nach Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens.

 

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5. Utopia - Die Insel des Thomas Morus

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5.1 Thomas Morus und seine Zeit

England machte zur Zeit von Thomas Morus (im 16. Jahrhundert) gigantische ökonomische Umwälzungen durch. Die feudale Gesellschaft verfiel mehr und mehr und musste dem aufkommenden Kapitalismus Platz machen. Das Ende der Leibeigenschaft brachte neue Formen des Produzierens mit sich. Da keine Leibeigenen (und damit keine Abgaben an die Grundherren) mehr existierten, musste anstelle dieser die Arbeit von LohnarbeiterInnen verrichtet werden. Die Grundherren zogen es daher aus Kostengründen vor, ihren Boden entweder zu zerstückeln und zu verpachten oder den gesamten Grund einem kapitalistischen Großpächter zur Bearbeitung überlassen.

Zur selben Zeit erlebte die englische Wollindustrie und damit die Schafzucht einen ungeheuren Aufschwung. Schafzucht wurde zum einträglichsten Erwerb. Also gingen die Grundherren dazu über, Bauern und Pächter rücksichtslos zu vertreiben und aus Ackerland riesige Weidegebiete zu schaffen. Das und die Tatsache, dass Schafzucht nur sehr wenige ArbeiterInnen brauchte, führte dazu, dass das Proletariat rasend schnell anwuchs. Da aber die Industrien noch nicht existierten, die diese Massen als Arbeitskräfte benötigt hätten, verbreitete sich ein noch nie dagewesenes Massenelend über England. Es erschreckte und beschäftigte alle, die daraus nicht unmittelbar Gewinn zogen und wurde zur brennenden sozialen Frage.

Die Antwort darauf fiel folgendermaßen aus: von unten, der "Basis", erlebten kommunistische Sekten eine Wiederbelebung, erreichten aber nie größere Bedeutung. Von oben, den Herrschenden, reagierte man darauf mit einer beispiellos grausamen, brutalen und zynischen Gesetzgebung, der "Blutgesetzgebung".

Wer also arbeitslos (und daher meistens bettelnd) erwischt wurde, wurde verhaftet, bis aufs Blut ausgepeitscht und musste schwören "sich an die Arbeit zu setzen". Welch unüberbietbarer Zynismus: Dieses Gesetz aus dem Jahr 1530 wurde 1536 wegen Wirkungslosigkeit verschärft: bei zweiter Ertappung wurde die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten. Beim dritten "Rückfall" wurde der betroffene als "schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens" hingerichtet. Unter König Heinrich VIII. (1509-1547) wurde auf diese Weise laut Chronik an 72000 Personen das Todesurteil vollstreckt. Eine wahnwitzige Methode zur Lösung des Arbeitslosenproblems. Nur ein einziger -Thomas Morus - war kühn und weitsichtig genug, über kommunistische Sekten und Blutgesetzgebung hinauszudenken und einen Staat zu ersinnen, der den Weg zum Fortschritt wies.

Morus wurde 1478 geboren, studierte in Oxford und erlangte dort eine umfassende humanistische Bildung, die er Zeit seines Lebens vertiefte. Durch Zwang seines Vaters ergriff er den Rechtsanwaltsberuf und wurde angesehener Advokat Londoner Kaufleute. Diese Kontakte vermittelten ihm tiefe Einblicke in die ökonomischen Zusammenhänge Englands. 1504 wurde er Parlamentarier. Er reiste als englischer Gesandter in die Niederlande, wo er "Utopia" schrieb. In diesem Buch geht er im ersten Teil seiner Kritik an Englands Verhältnissen an Schärfe und Eindringlichkeit an äußerste Grenze dessen, was er als anerkannter Politiker sagen konnte, ohne seinen Kopf zu riskieren. Morus’ Buch erregte in weiten Kreisen der Bevölkerung großes Aufsehen. 1518 wurde er an den Hof des Königs berufen und bekleidete dort verschiedene Funktionen (heute vergleichbar mit Ministerämtern), 1529 wurde er Lordkanzler und somit Regierungschef. 1535 wurde er nach einem Konflikt mit dem König wegen dessen Ehescheidungsplänen enthauptet.

Thomas Morus war einer der bedeutendsten Humanisten. Er vereinte tiefe Einsicht in die ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit mit einer umfassenden humanistischen und philosophischen Bildung sowie praktischer politischer Erfahrung in seiner Person. Trotzdem war er alles andere als ein Freund der Volksbewegungen. Vielmehr setzte er auf die Einsicht des Königs, von dem er sich Verbesserungen und Reformen erhoffte, die jedoch nie eintraten.

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5.2. Die Insel Utopia 

Bürgerliche Gelehrte hatten Morus’ Werk als "heiteren Scherz einer heiteren Seele", als "phantastisches Gedankenspiel", als "amüsante Abwandlung von Platons Idealstaat" u. ä. bezeichnet und damit ihre Unfähigkeit in Einschätzung und Erkennen der Bedeutung dieser Schrift offenbart. Morus’ Staatsidee stellte eine völlig neue Stufe frühsozialistischer Werke dar. Bislang waren nur der kommunale Kommunismus (Urchristentum, Ketzerbewegung) und ein Kommunismus, der sich auf einen Teil der Bevölkerung beschränkt (wie Platons Wächtergemeinschaft), bekannt. Morus war der erste, der den Kommunismus auf den ganzen Staat ausdehnte und die Basis des Gemeineigentums an Produktionsmitteln voraussetzte. 

Morus hat - wie Platon - sein Werk in Form eines Gespräches aufgebaut. Die scharfe Kritik an den bestehenden Verhältnissen Englands und die tiefe Sympathie für einen kommunistische Gesellschaft legt Morus dabei einer fiktiven Person, Raphael Hythlodaeus, in den Mund. Er selbst hingegen trat in dieser Schrift als Anhänger des Bestehenden auf, wahrscheinlich aus Rücksicht auf seine berufliche Stellung. 

Die Erzählung beginnt mit Morus’ Bericht von seiner Reise in die Niederlande 1515. Bei einem Besuch bei seinem Freund Peter Giles lernt er einen weitgereisten und hochgebildeten Seefahrer, eben Raphael Hythlodaeus, kennen. Im Gespräch fragt ihn Morus, warum er seine Kenntnisse nicht in den Dienst eines Fürsten stelle. Damit ist Gelegenheit gegeben, Englands Verhältnisse tiefgreifend zu kritisieren. Dann schildert Hythlodaeus den Staat Utopia und das Leben seiner Bewohner. 

Ackerbau, Handwerk - Arbeitszeit 

Ackerland ist den Städten so zweckmäßig zugeteilt, dass keine auf irgendeiner Seite über weniger als zwölf Meilen Bodenfläche verfügt, wohl aber jede da und dort über beträchtlich mehr, nämlich an den Stellen, wo die Städte in weiteren Abstand auseinanderliegen. Keine Stadt wünscht ihr Gebiet auszudehnen; denn sie betrachten sich nur als Bebauer, nicht als Besitzer dessen, was sie haben. Auf dem Land finden sich Höfe, die über die Felder hin zweckmäßig verteilt und mit landwirtschaftlichen Geräten ausgestattet sind; bewohnt werden sie von Städtern, die abwechslungsweise dorthin übersiedeln. Kein bäuerlicher Haushalt besteht aus weniger als vierzig Männern und Frauen, wozu zwei grundhörige Sklaven kommen; an der Spitze eines jeden wird ein zuverlässiger, erfahrener Hausvater und eine ebensolche Hausmutter gestellt. Je dreißig Haushaltungen unterstehen einem Phylarchen. Aus jedem ziehen jährlich zwanzig Personen in die Stadt zurück, nämlich die, die ihre zwei Jahre auf dem Land abgeleistet haben; an ihre Stelle treten ebenso viele Neue aus der Stadt, um von denen, die ein Jahr dort waren und sich deshalb auf Landwirtschaft besser verstehen, eingedrillt zu werden und im folgenden Jahr andererseits andere anzulernen. Man verhütet damit, dass alle dort gleicherweise Neulinge und im Bauern ungeübt sind und infolge ihrer Unkenntnis die Ernte verpfuscht wird. An diesem Brauch, die Bauern ständig zu wechseln, halten sie zwar als Regel fest, damit niemand gegen seinen Willen gezwungen sei, ein etwas anstrengenderes Leben länger fortzusetzen; viele aber, die von der Natur aus Freude an der Landwirtschaft haben, dürfen auf ihre Beute mehr als die Pflichtjahre dort zubringen. 

Die Bauern besorgen das Feld, ziehen Vieh auf, rüsten Holz zu und führen es auf dem bequemsten Wege in die Stadt, zu Wasser und zu Lande. 

Wiewohl sie wissen - sie können dies nämlich ganz genau wissen - wieviel Lebensmittel ihre Stadt samt Umgebung konsumiert, so säen sie doch viel mehr aus und ziehen mehr Tiere auf als für den Bedarf ihrer eigenen Leute, um den Überschuss den Nachbarn zukommen zu lassen. Alle Gerätschaften, die auf dem Lande fehlen, fordern sie bei der Stadt an, und ohne langes Austauschen und ohne Schererei, erhalten sie das Nötige von den städtischen Behörden; denn jeden Monat, meist an einem Festtag, trifft man sich zu einer Besprechung. Steht die Ernte bevor, so melden die bäuerlichen Phylarchen den Behörden in der Stadt, wie viele Bürger zu ihnen herauszuschicken wären; da die verlangte Zahl genau auf den Termin zur Verfügung steht, erledigen sie die ganze Ernte sozusagen an einem einzigen schönen Tag. 

Allen Männern und Frauen ist eine Tätigkeit gemeinsam: der Ackerbau; auf ihn versteht sich jeder Staatsbürger, von Jugend auf lernt ihn jeder, teils in der Schule theoretisch, teils praktisch auf den der Stadt benachbarten Ländereien, wohin man die Kinder wie zum Spazierengehen hinausführt - sie schauen aber nicht nur zu, sondern legen auch Hand an, was gleichzeitig eine sinnvolle körperliche Übung abgibt. Außer für den Ackerbau, den - wie gesagt - alle kennen, wird jedermann für eine besondere Tätigkeit ausgebildet. In der Regel handelt es sich um die Herstellung von Wolltuch oder Leinwand oder um den Beruf des Steinmetzen, des Schmieds oder des Zimmermann; denn sonst gibt es dort kein Handwerk, das eine nennenswerte Zahl von Leuten beanspruchte - die Kleider nämlich stellt sich jede Familie selbst her. 

Von den erwähnten anderen Berufen lernen sämtliche Utopier einen, die Frauen so gut wie die Männer; doch üben jene als die Schwächeren die leichteren Tätigkeiten aus. Gewöhnlich stellen sie Wolltücher und Leinwand her; den Männern sind die übrigen, anstrengenderen Arbeiten anvertraut. In der Regel lernen alle den Beruf des Vaters, weil es die meisten von Natur dazu zieht. Gelüstet einen etwas anderes, so wird er in irgendeine Familie innerhalb des Handwerks, für das er schwärmt, durch Adoption eingereiht, wobei nicht nur sein Vater, sondern auch die Behörde darauf sieht, dass er unter die Gewalt eines soliden und angesehenen Familienvorstandes kommt. Wünscht einer noch einen zweiten Beruf zu erlernen, nachdem er in einem anderen ausgebildet ist, so darf er das, beherrscht er dann beide, so übt er aus, welchen Beruf er will, außer wenn die Stadt den einen mehr benötigt als den anderen. 

Weil sie nämlich de Arbeit nur während sechs Stunden obliegen, meint man vielleicht, es müsse Mangel an de notwendigen Dingen entstehen. Dem ist aber nicht so, vielmehr bleibt zur Herstellung aller Erzeugnisse, die unentbehrlich oder zweckmäßig sind, nicht nur genug, sondern übergenug Zeit. 

Weil also alle ein nützliches Handwerk treiben und diesen selbst mit weniger Arbeit auskommt, können sie bei dem Überfluss an allen Erzeugnissen, ohne weiteres etwa zur Ausbesserung der Straßen, wenn diese abgenützt sind, eine gewaltige Menge Arbeiter auf die Beine bringen; gibt es nicht einmal Derartiges zu tun, so setzen sie oft auch offiziell die Arbeitszeit herab; denn die Behörden schinden die Bürger nicht mit überflüssiger Arbeit, da dieser Staat vor allem das Ziel verfolgt, jeden Bürger, soweit es die Bedürfnisse der Allgemeinheit erlauben, möglichst ausgiebig vom körperlichen Frondienst zu entlasten zugunsten der freien Entfaltung und Pflege des Geistes: darauf nämlich beruht, wie sie glauben, das Glück des Daseins. 

Freizeit - Bildung

Die ganze Zeit zwischen der Arbeit einerseits, dem Schlafen und Essen andererseits bleibt jedem zu freier Verfügung, nicht damit er sie zechend oder faulenzend missbrauche, sondern, frei von seinem Beruf, sie nach Herzenslust für eine andere Betätigung gut verwende. Diese Freizeit widmen sie meist Studien. Es pflegen nämlich jeden Tag vor Sonnenaufgang öffentliche Lehrkurse stattzufinden, zu deren Besuch nur die verpflichtet sind, welche eigens zu wissenschaftlicher Ausbildung ausersehen wurden; doch strömen aus allen Ständen Männer sowohl wie Frauen scharenweise herbei, um je nach ihrem natürlichen Interesse den einen oder anderen Kurs zu hören. Immerhin, wer auch diese Zeit lieber in seinem Beruf zubringt - und das ist bei vielen der Fall, deren Geist nicht zu den Höhen der Wissenschaft aufsteigen mag - darf das ruhig tun, ja man lobt ihn noch als nützliches Glied des Staates. 

Zentrale Planwirtschaft

Im amaurotischen Staat, zu dem, wie ich sagte, einmal im Jahr je drei Abgeordnete aus allen Städten zusammentreten, wird zunächst festgestellt, was ein jeder Ort im Überfluss besitzt, und was umgekehrt irgendwo schlecht geraten ist; dann behebt man sofort durch den Überschuss des einen den Mangel des anderen. Die Städte besorgen diesen Ausgleich ohne Entschuldigung und erhalten von den Beschenkten keine Gegenleistung, sondern wenn sie vom Eigenen irgendeiner Stadt geben, ohne von ihr etwas zu verlangen, so erhalten sie von einer anderen, der sie nichts leisteten, die fehlenden Produkte. So ist die ganze Insel wie eine einzige Familie. 

Nachdem der eigen Bedarf genügend gedeckt und gesichert ist - nach ihrer Ansicht braucht es dazu wegen des ungewissen Ertrags der nächsten Ernte eine Vorsorge auf zwei Jahre - exportieren sie aus dem Rest große Mengen Getreide, Honig, Wolle, Leinwand, Holz, Scharlach, Purpur, Felle, Wachs, Talg, Leder auch Vieh. Den siebenten Teil dieser Warenmenge schenken sie den Armen des belieferten Landes; das übrige verkaufen sie zum mäßigen Preis. 

Die ganze Stadt zerfällt in vier Teile; in der Mitte jedes Viertels liegt der Markt für alles. Dorthin bringt jede Familie die Erzeugnisse ihrer Arbeit in bestimmte Gebäude; die einzelnen Warengattungen sind gesondert auf Magazine verteilt. In diesem lässt sich jeder Haushaltsvorstand geben, was er für die Seinen braucht, und ohne Zahlung, ohne die geringste Entschuldigung bekommt er alles mit, was er verlangt. 

An die erwähnten Marktplätze schließen sich solche für Lebensmittel an. Dorthin bringt man neben Gemüse, Obst und Brot auch Fisch und was von Vierfüßlern und Vögeln essbar ist, aus den unweit vor der Stadt gelegenen Schlachthäusern. 

Familie, Ehe

Die Frauen heiraten nicht vor dem achtzehnten Lebensjahr, die Männer erst, wenn sie noch weitere vier Jahre zurückgelegt haben. Wir einem Mann oder einer Frau nachgewiesen, dass sie vor der Ehe insgeheim ihre Lust befriedigten, so werden er oder sie schwer bestraft und ihnen wird die Ehe gänzlich untersagt, wenn nicht die Gnade des Präsidenten ihnen die Buße erlässt. 

Bei der Wahl einer Gattin beobachtet sie in vollem Ernst einen, wie uns schien, sehr unpassenden Brauch. Das Weib nämlich, sei es ein Mädchen oder eine Witwe, wird von einer würdigen und angesehenen Frau dem Freier nackt gezeigt, und seinerseits wird von einem rechtschaffenen Mann dem Mädchen der Freier im Adamskostüm vor Augen gestellt. 

Denn nicht alle Männer sind so vernünftig, dass sie nur auf den Charakter sehen, und auch in den Ehen der Vernünftigen bedeuten körperliche Vorzüge keine unwichtige Zugabe zu den geistigen Qualitäten. 

Dies war bei den Utopiern umso mehr geboten, weil sie allein in jenen Gegenden sich mit je einer Gattin begnügten und eine Ehe dort selten anders als durch den Tod gelöst wird, außer wenn Ehebruch vorliegt oder unerträgliches Benehmen. Denn dem so beleidigten Teil erlaubt der Senat den Gatten zu wechseln; der andere hat auf Lebenszeit ehrlos und ehelos zugleich zu bleiben. Aber sonst sich von einer Frau, die nichts Böses begangen hat, gegen ihren Willen zu scheiden, weil ihrem Leib ein Unglück zugestoßen ist, dulden sie unter keinen Umständen. 

Hie und da freilich, wenn die Charaktere der Gatten nicht recht zueinander passen und beide einen anderen Menschen gefunden haben, mit dem sie ein erfreulicheres Leben zu führen hoffen, dürfen sie sich in beidseitigem Einverständnis trennen und eine neue Ehe eingehen. Immerhin nicht ohne Einwilligung des Senates, dieser aber erlaubt eine Scheidung erst, wenn die Senatoren und ihre Frauen den Fall genau untersucht haben. 

Der Älteste, wie gesagt, herrscht über die Familie, als Untergebene stehen den Männern die Gattinnen, den Eltern die Kinder und überhaupt die Jüngeren den Älteren zur Verfügung. 

An einer Ehefrau besorgt der Mann die Züchtigung, an Kindern tun es die Eltern, außer wenn sie so Schlimmes verübt haben, dass im Interesse der Moral eine Bestrafung von Amts wegen nötig ist. Aber in der Regel ahnden sie selbst die schwersten Vergehen nur mit Versklavung. 

Sklaven 

Ihre Sklaven stammen weder aus einem Kriege - oder die Utopier müssten ihn selbst geführt haben - noch sind es Kinder von Sklaven, noch solche, die sie bei anderen Völkern auf dem Markte kaufen können, sondern entweder eigene Leute, die für ein Vergehen in den Sklavenstand versetzt wurden, oder solche - und das kommt häufiger vor - die in auswärtigen Staaten eine Missetat mit dem Tode hätten bezahlen sollen: derartige holen sie nämlich viele, manchmal gegen eine kleine Entschädigung, manchmal überlässt man sie ihnen auch umsonst. Sklaven dieser Art müssen nicht nur ohne Pause arbeiten, sondern auch in Fesseln; dabei behandeln sie die eigenen Leute härter, weil sie umso nichtswürdiger seien und umso abschreckendere Strafen verdienten, je weniger sie trotz einer so hervorragenden Erziehung zur Rechtlichkeit sich vor einen Fehltritt hätten in acht nehmen können.

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5.3. Die Stellung Utopias in der Geschichte des Sozialismus

Morus entwickelte als erster eine kommunistisch Gesellschaft, die er den zu seiner Zeit entstehenden modernen Staaten anzupassen versucht. Nicht nur Teile der Gesellschaft, nicht nur bloße, örtliche begrenzte Gemeinden, sondern der ganze Staat und seine ganze Bevölkerung werden von Morus’ Kommunismus erfasst. 

Morus ist der erste, der die Bedingungen findet, unter denen Arbeit für alle (Recht auf Arbeit) zur Grundlage von Wohlstand im Sinne der abreitenden Menschen wird: durch das Gemeineigentum an Produktionsmitteln. Diese bildet die Grundlage der gesamten Gesellschaft Utopias. 

Da dieser Kommunismus nun auf neuer Basis steht, muss er nicht mehr Auswege aus dem Dilemma Ehe und Familie suchen. Der Widerspruch zwischen einem Kommunismus des Genusses und der Privatheit von Sexualität muss weder durch die Aufhebung der Einzelehe noch durch die Einführung des Zölibats gelöst werden. In Utopia hören Familie und Ehe auf, wirtschaftliche Einheiten zu sein, die auf Herrschaft des Gatten und Vaters beruhen, da die Produktionsmittel Gemeinbesitz sind. Morus ist als in diesem Punkt höchst inkonsequent, die bevorzugte Stellung des Mannes innerhalb der Familie beizubehalten, er bleibt hier bei den gängigen Vorstellungen des 16. Jahrhunderts. 

Dennoch geht Morus in Frauenfragen teilweise durchaus über das Denken seiner Zeit hinaus. Jede Frau muss einen Beruf erlernen, kein Beruf ist reine Männersache, nicht einmal der des Soldaten, des Priesters und des Politikers. Frauen nehmen auch an allen demokratischen Vorgängen teil, auch widmen sie den Großteil ihrer Freizeit wissenschaftlicher Bildung - alles Vorstellungen, die zu Zeiten Morus’ undenkbar waren. 

Morus’ Utopia ist die erste kommunistische Gesellschaft, die der Wissenschaft große Bedeutung beimisst. Im Gegensatz zu Platon, wo die Wissenschaft das Monopol der Aristokratie (der Wächter, insbesondere der Philosophen) ist, ist bei Morus die Wissenschaft - wie seine gesamte Gesellschaft - demokratisch und jedem und jeder zugänglich. Während bei den Ketzerbewegungen Wissenschaftsfeindlichkeit herrschte (sie war einerseits Privileg der Herrschenden, wurde andererseits für ihr praktisches Leben in kleiner Gemeinschaft nicht benötigt), tritt in Utopia die Wissenschaft in den Dienst der Gesellschaft zur Planung und Leitung des Staatswesens. 

Fassen wir zusammen: der Kommunismus bei Morus ist ausgedehnt auf das Gebiet eines großen nationalen Staates, seine Basis ist das Gemeineigentum an Produktionsmitteln, Ehe und Familie werden mit kommunistischer Lebensweise in Einklang gebracht, die Frau erhält Zugang zu allen gesellschaftlichen Bereichen, das Staatswesen ist durch und durch demokratisch, die Wirtschaft ist zentral geplant und gelenkt. Diese Punkte unterscheiden Morus’ Kommunismus von allen vorherigen Formen, sie sind Anliegen des modernen Sozialismus. 

Mit Utopia beginnt der moderne Sozialismus. Alle nachfolgenden Sozialismusmodelle sind vor Marx und Engels nicht darüber hinausgekommen. 

Trotzdem bleibt Morus’ Werk eine Form des utopischen Sozialismus. Nicht eine Volksbewegung, nicht eine Klassenauseinandersetzung führte zu diesem Gesellschaftssystem. Die Weisheit des Staatsgründers und ersten Fürsten von Utopia war der Grund. Daher findet sich auch bei allen utopischen Sozialisten der Hang zur möglichst detaillierten Ausmalung eines besseren Staatswesens, um so die Herrschenden leichter zur Einsicht zu bringen.

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5.4. Anhang

Thomas Campanella: Der Sonnenstaat 

In den Jahren zwischen 1620 und 1623 erschient in Frankfurt/Main das Buch "Philosophia realis", verfasst vom Dominikanermönch Thomas Campanella (1568-1639). Ein Teil des Buches heißt "Der Sonnenstaat" und beschreibt ein utopisches Staatsgebilde. Campanellas Sonnenstaat ist eine der kühnsten, vollständigsten und schönsten Utopien, die je geschrieben worden sind. Er berücksichtigte alle sozialen Beziehungen zwischen den "Solariern", bis in die kleinsten Details beschreibt er deren Leben. 

Aber trotz zahlloser Parallelen zu Utopia besteht ein großer wesentlicher Unterschied: Morus war Staatsmann, er kannte die sozialen Verhältnisse. Sein Gesellschaftsmodell ist die Antwort auf bestehende Missstände, das Ergebnis genauer Beobachtungen über die Wurzeln des Elends und die Schlussfolgerungen daraus. 

Campanella hingegen kannte die Welt nicht. Fast die ganze Zeit seines Lebens verbrachte er im Kloster oder im Gefängnis. Sein Werk entstand aus dem Studium antiker Schriften (z. B. Platon) sowie Reiseberichte über seltsame Sitten der zu seiner Zeit entdeckten Völker Asiens und Amerikas. Campanella baute seinen Staat ohne Rücksicht auf bestehende Verhältnisse in der Festen Überzeugung, dass die Völker ihn nur kennen lernen müssten, um ihn flugs zu verwirklichen. 

Der Jesuitenstaat 

Nach der Entdeckung Südamerikas und dessen Inbesitznahme durch die Spanier, Portugiesen und Niederländer kamen mit den Eroberern und Händlern auch christliche Missionare dorthin. Von 1610 bis 1769 existierte im heutigen Paraguay ein eigenartiger Staat (der sog. "Jesuitenstaat"), der der Versuch des Jesuitenordens gewesen sein soll, die Gedanken von Morus, Campanella u. a. in die Tat umzusetzen. 

Es gibt sehr unterschiedliche Einschätzungen dieses "Heiligen Experiments", auch unter sozialistischen AutorInnen. Wir können hier weder Entstehung noch Art des Zusammenlebens im "real existierenden Sozialismus" des Jesuitenstaates beschrieben und analysieren. Fest steht: Im Jesuitenstaat gab es für die indianische Bevölkerung einen primitiven Kommunismus des Konsums, ähnlich dem der Urchristen. Aber über den Indianern gab es die autoritär regierenden Jesuiten, die alles bestimmten. Sie bildeten eine von den Indianern sich bewusst absondernde Herrscherkaste, die den urchristlichen und sozialistischen Vorstellungen widersprach. Auch mussten die Indianer den größten Teil ihrer Produkte an die herrschenden Jesuiten abliefern, die sich daran bereicherten. 

Dennoch ist der Jesuitenstaat ideengeschichtlich interessant, erbrachte doch gerade ein Teil der Kirche den Beweis, dass kommunistische Gesellschaftsformen existieren können, die ja besonders von der Kirche erbittert verfolgt wurden (vgl. Kapitel 4).

 

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6. Utopische Sozialisten im Kapitalismus in der Zeit vor Marx und Engels

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6.1. Die Bürgerliche Revolution

Der utopische Sozialismus entfaltete sich zur vollem Blüte am Boden kapitalistischer Verhältnisse (Mitte 18. Jahrhundert bis Mitte 19. Jahrhundert). Aus dem Feudalismus entstand immer deutlicher der Kapitalismus, jedoch war dies keine friedliche, sondern eine blutige, keine evolutionäre, sondern eine revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft. In gewaltigen Revolutionen wurde die verfaulte Feudalgesellschaft zerschlagen, um Platz zu machen für den Siegeszug des Kapitalismus. 

Der Kampf Bürgertum gegen Feudaladel spiegelte sich in den Kämpfen der damaligen Revolutionäre als Kampf um die Befreiung der gesamten Menschheit wider. Neue naturwissenschaftliche Entdeckungen drängten die bis dahin alles beherrschende Theologie zurück. Es entstand die Philosophie der Aufklärung, die Philosophie der Vernunft (lat. "ratio", daher auch Rationalismus). Auf allen Gebieten sollte künftig die Vernunft regieren. Der Vernunftstaat, die Vernunftreligion wurden geschaffen. Alles, Privilegien, Traditionen, Institutionen, wurden vor den Richtstuhl der Vernunft gezerrt. Was unvernünftig erschien, sollte beseitigt werden. Die Parole "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" aus der Französischen Revolution 1789 schien den neuen gesellschaftlichen Fortschritt anzukündigen. 

Aber die Bürgerliche Revolution zeigte bald ihre Grenzen. Vernünftig war, was vor allem den Profitinteresse des Bürgertums diente. Freiheit bedeutete vor allem Freiheit für die Entfaltung des Kapitalismus. Gleichheit bedeutete zwar, dass die überalterten Privilegien des Feudaladels fielen, aber an ihre Stelle traten die Privilegien der Kapitalisten. Leibeigenschaft und Hörigkeit fielen, aber wurden ersetzt durch die Ausbeutung der "freien" LohnarbeiterInnen. 

Der utopische Sozialismus stellte einen geistigen und literarischen Protest gegen die Grenzen der Bürgerlichen Revolution dar. Er drückte die Enttäuschung der Armen und weiterhin Entrechteten über die nicht erfüllten Versprechen des siegreichen Bürgertums aus. Er war die erste große Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft. Denn "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" sollte für alle gelten, auch die im Elend lebenden, rücksichtslos ausgebeuteten ArbeiterInnen. 16-Stunden-Tag, Kinderarbeit ab dem 4. Lebensjahr, niedrigste Löhne, bei Bedarf angestellt, dann wieder gefeuert usw. - das war deren Realität. Die große französische Parole galt nur für das Bürgertum. 

Die utopischen Sozialisten stellen dieser düsteren Wirklichkeit des Kapitalismus eine strahlende Vision einer von ihnen konstruierten Gesellschaft gegenüber. Sie sind das Bindeglied zwischen bürgerlicher Aufklärungsphilosophie und dem modernen wissenschaftlichen Sozialismus. Stellvertretend für eine ganze Reihe haben wir drei der bedeutendsten unter ihnen ausgewählt: die Franzosen Saint-Simon und Fourier sowie den Engländer Robert Owen. In ihren Werken finden wie all diejenigen Tendenzen wieder, die sich in der Bürgerlichen Revolution nicht durchsetzen konnten.

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6.2. Claude Henri de Saint-Simon (1760-1825) 

Saint-Simon war ein französischer Graf aus altem Adel. Stark beeinflusst von den Ideen der Aufklärung und der französischen brach er mit seiner feudalen Herkunft. Als einer der ersten sah er in der bürgerlichen Revolution nicht bloß den Kampf zwischen Adel und Bürgertum, sondern einen Klassenkampf zwischen Adel, Bürgertum und Besitzlosen. 

Mir diesen genialen Erkenntnissen überragte er alle Köpfe seiner Zeit, die in der Französischen Revolution einen bloßen Kampf der Ideen, Ideale und Persönlichkeiten sahen. Saint-Simon formulierte als erster die tatsächlich dahinter stehenden materiellen Interessen. 

1802 veröffentlichte er seine "Genfer Briefe", worin er seine Lehren begründete, die sich weniger mit den Plänen der Zukunftsgesellschaft als mit einer tiefgreifenden Gesellschaftskritik beschäftigten. Er forderte darin das Recht auf Arbeit für alle Menschen und gelangte zur Erkenntnis, dass es notwendig sei, so rasch und nachdrücklich wie möglich das leibliche und geistige Wohl der zahlreichsten und ärmsten Klasse zu heben. 

Die Menschen teilte er in drei Klassen ein: 

1. Die Weisen (Naturwissenschafter und Ingenieure)

2. Die Eigentümer der Produktionsmittel

3. Die große Masse der einfachen arbeitenden Menschen

Die beiden letzten Klassen rief Saint-Simon auf, den Weisen Studien ohne Alterssorgen zu ermöglichen und ihnen die wesentlichen Entscheidungen zu überlassen. Diese würden letztendlich eine harmonische, sozialistische Gesellschaft verwirklichen. Die geistige Gewalt sollten die Weisen besitzen, das Volk sollte sich hingegen seine Vertreter für die Tagespolitik wählen.

In Übereinstimmung mit Marx und Engels nahm er also die überragende Bedeutung der Entwicklung der Produktivkräfte und des damit verbundenen technischen Fortschrittes im Dienst der Befreiung der Menschheit, für die Verwirklichung des Sozialismus vorweg. Allerdings hatte diese Vorstellung eine Schwäche: Die Weisen wurden als über den Klassengegensätzen schwebende Wesen glorifiziert. Saint-Simons Sozialismus sollte daher nicht das Werk der Arbeiterklasse, sondern das Ergebnis der Vernunft der Wissenschafter sein. 

Späte entwickelte Saint-Simon eine noch ausgeprägtere autoritär-technokratische Variante des Sozialismus. Mit aller Schärfe trat er gegen die "Müßigen" auf, womit er die Adeligen und die Großgrundbesitzer meinte, also jene, die ohne zu arbeiten, Einkünfte bezogen. Ihnen stellte er die "Industriellen" gegenüber, definierte aber diesen Begriff sehr eigenwillig. "Industrielle", das waren alle, die Werte schufen, die die Gesellschaft reicher und moderner machen. Darunter verstand er Fabrikanten und Handelsherren ebenso wie die von ihnen ausgebeuteten ArbeiterInnen. 

Da er das grenzenlose Elend der ArbeiterInnen kannte, konnte er sich nicht vorstellen, dass diese ihre Lage aus eigener Kraft verändern könnten. Damit hatte er in einem gewissen Sinn nicht unrecht, denn die Arbeiterklasse war damals zahlenmäßig noch schwächer, organisatorisch unerfahren und ungebildet. Daher appellierte er an Wissenschafter, Fabrikanten, Bankiers und Geistliche, den ArbeiterInnen doch den Sozialismus zu bringen, zumindest aber die allgemeine Wohlfahrt zu fördern. 

Heute erscheinen uns solche Auffassung als lächerlich, ja reaktionär. Aber zu Saint-Simons Zeit revolutionierten sie die Gemüter und bereiteten den Boden für die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus vor. Saint-Simons Schüler gingen weit über die Lehren ihres Meisters hinaus. Sie verlangten anstelle der "freien Konkurrenz" des Kapitalismus Plan- und Gemeinwirtschaft.

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6.3. Charles Fourier (1772-1837)

Charles Fourier stammte aus einer Tuchhändlerfamilie. Gegen seinen Willen wurde er gezwungen, die Kaufmannslehre zu absolvieren. Er war dann kaufmännischer Angestellter in untergeordneter Stellung, bis ihm wohlhabende Freunde ermöglichten, sich ganz seinen schriftstellerisch-sozialistischen Tätigkeiten zu widmen. 

Fouriers Stärke lag in seiner Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft. Seine Angriffe konzentrierte er vor allem auf das Handelskapital. Offensichtlich geprägt durch seine eigen Lebensgeschichte zählte er zahllose Methoden auf, mit deren Hilfe sich die Kaufleute bereicherten, die es auch noch verstanden, am eigenen Bankrott zu verdienen. Obwohl die damalige Gesellschaft eine andere war, ist vieles seiner Kritik an der Herrschaft des Bürgertums noch immer aktuell. Rücksichtslos entlarvte er die bürgerliche Heuchelei auf allen Lebensgebieten. Brillant war seine Kritik an der bürgerlichen Sexualmoral, mutig war sein Kampf für die Gleichberechtigung der Frau. Fourier formulierte als erster: "Allgemein lässt sich die These aufstellen: Der soziale Fortschritt vollzieht sich entsprechend den Fortschritten in der Befreiung der Frau; und der Verfall der Gesellschaft vollzieht sich entsprechend der Abnahme der Freiheit der Frau. Die Unterjochung der Frau gereicht den Männern keineswegs zum Vorteil." 

Ohne die materialistische Geschichtsauffassung zu kennen (sie wurde erst von Marx und Engels formuliert), kam er ihr doch schon sehr nahe. Im Gegensatz zu bürgerlichen Historiker sah Fourier im Geschichtsprozess einen dialektischen Vorgang (ebenfalls im Vorgriff auf Marx und Engels). Jede Geschichtsperiode, so lehrte er, hat ihren aufsteigenden und ihren niedergehenden Ast. 

Fourier behauptete, das "Gesetz der sozialen Anziehung" entdeckt zu haben, mit dessen Hilfe es möglich sei, die Gesellschaft optimal zu organisieren. Seine Vorstellung von dieser neuen Gesellschaft war zum Teil naiv-utopisch. So behauptete er u. a., dass dann das Klima überall tropisch wird, Raubtiere werden aussterben und an Stelle z. B. des Hais wird der menschenfreundliche Anti-Hai treten usw. Zum anderen waren seine Erkenntnisse weit vorausblickend, in die Nähe der späteren Ansichten von Marx und Engels kommend. Ihm kam es vor allem darauf an, die Entfremdung zu beseitigen, die Arbeitwelt zu vermenschlichen und Natur und Mensch zu versöhnen. Fouriers märchenhafte Erzählungen drückten seine tiefe Sehnsucht nach einer harmonischen, menschlicheren und solidarischen Welt aus. 

Ausführlichst entwickelte er die Pläne seiner neuen Gesellschaft. Je 1500 bis 1800 Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts sollten gemeinsam eine sogenannte "Phalanx" bilden, gemeinsam alle landwirtschaftlichen, industriellen und häuslichen Arbeiten verrichten und gemeinsam in einem großen, herrlichen Palast, dem "Phalansterium", wohnen. Anstelle von Arbeitsteilung tritt der ständige Wechsel der Beschäftigung, niemand sollte länger als zwei Stunden im gleichen Bereich arbeiten. Die Klassengegensätze fallen weg, die Ausbeutung des Menschen durch andere Menschen ebenso. 

Einzig und allein die Umsetzung bereitete ihm Probleme. Fourier setzte nicht auf den Kampf de Arbeiterklasse, sondern auf die gültige Unterstützung durch einen reichen Förderer und die sofort einsetzende Werbewirkung der ersten funktionierenden Gemeinschaft. Lange Zeit hoffte Fourier darauf, den Bankier Rothschild von der Unsittlichkeit des Kapitalismus überzeugen und als Geldgeber gewinnen zu können. Täglich zu bestimmter Stunde wartete er auf die eintreffende Million - aber vergeblich. Auch plante er in Aachen einen Kongress der Könige und Kapitalisten zusammenzurufen, um sie zu überzeugen. Doch Fourier starb, ohne seine Ideen verwirklichen zu können.

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6.4. Robert Owen (1771-1858)

In England war zu Owens Zeit der Kapitalismus in Europa am weitesten entwickelt - und mit ihm auch das Elend der Arbeitermassen. Erstmals begann sich das Proletariat gegen die fortschreitende Verelendung zu wehren, allerdings mit untauglichen Mitteln: Statt Kapitalisten zu bekämpfen, richtete sich der Hass der unreifen, im Klassenkampf unerfahrenen ArbeiterInnen gegen die Maschinen. Durch deren Zerstörung, also durch "Maschinenstürmerei", glaubten sie den technologisch-industriellen Fortschritt und damit den Siegeszug des Kapitalismus aufhalten zu können. In den Maschinen sahen sie ihren Feind, der ihnen Arbeit und damit Einkommen wegnahm. Sie erkannten noch nicht, dass die Maschinen auch ihnen nützen werden, wenn sie nicht mehr den Profitinteressen der Kapitalisten dienen.

Obwohl Sohne eines Fabrikanten war Robert Owen von Jugend an bestrebt, die furchtbaren Lebensumstände der ArbeiterInnen zu beseitigen, ihnen zu helfen. Owen war unter den utopischen Sozialisten der große Praktiker, der kühne Organisator. Hätte Owen einige Jahrzehnte später gelebt, er wäre sicher ein bedeutender aktiver Marxist geworden. Aber die Unreife der Arbeiterklasse führte dazu, dass er mit utopischen Mitteln sein sozialistisches Ziel zu erreichen versuchte. Owen ging von dem Grundsatz aus, der Charakter des Menschen sei da Produkt aus angeborenen Anlagen und den Lebensumständen. So erkannte er richtig, dass die schlechten Eigenschaften des Menschen ein Produkt der schlechten gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, sind. Er wollte sie in einem Milieu leben lassen, dass es ihnen ermöglichte, gute Menschen zu werden.

Mit 19 Jahren wurde Owen Direktor einer Baumwollspinnerei. Später leitete er als Partner seines Schwiegervaters einen Großbetrieb in New Larnak (Schottland), der bald weltberühmt wurde. Owen richtete für seine ArbeiterInnen und ihre Familien Speise- und Erholungsheime ein, sorgte für Kindergärten und Schulen, baute ihnen gesunde Wohnungen. Während seine Konkurrenten 13 bis 14 Stunden täglich arbeiten ließen, wurde in New Larnak nur 10 ½ Stunde gearbeitet. Als eine Baumwollkrise zu viermonatigen Produktionsstillstand zwang, erhielten die ArbeiterInnen ihren vollen Lohn weitergezahlt. Owen war der Gründer von Kleinkindschulen. "Vom zweiten Lebensjahr an kamen die Kinder in diese Schulen, wo sie sich so gut unterhielten, dass sie kaum wieder heimzubringen waren." (Friedrich Engels). Bald umfasste dieser Musterbetrieb 2500 Köpfe, in Owens Musterkolonie waren Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis unbekannte Dinge. Solange Owen als Wohltäter, als sozialer Reformer auftrat, erntete er viel Erfolg. Auch das Bürgertum spendete bewundernd Applaus. Seine Sozialleistungen waren für die damalige Zeit unerhört aufregende, nicht für möglich gehaltene Reformen.

Aber Owen wollte sich mit seinem sozialen Musterbetrieb nicht zufrieden geben. Sein Ziel war anfangs nicht die Schaffung einer neuen, sozialistischen Gesellschaft, sondern die Verbesserung der bestehenden. Als sein Appelle an die Fürsten und Herren der Welt nichts fruchteten, wandte er sich direkt an die ArbeiterInnen. Aber er forderte sie nicht zum Kampf gegen das Kapital auf, sondern zu verschiedenen Formen der Selbsthilfe: Im Jahr 1817 machte er in einer großen Versammlung in London den Vorschlag, Heimkolonien zu gründen. In diesen sollten ca. 500 bis 3000 Personen sich zu einer selbstständigen Gemeinde zusammentun und in gemeinsamer, genossenschaftlicher Arbeit alle zum Leben notwendigen Güter herstellen. Diese Heimkolonien sollten die auf Privateigentum beruhenden kapitalistischen Unternehmungen verdrängen und eine neue Form der Weltwirtschaft vorbereiten.

Soweit Owens Einrichtungen funktionierten, vermochten sie nur bei einem Teil der Arbeiterschaft das schlimmste Elend zu lindern. Die Struktur der kapitalistischen Klassengesellschaft wurde dadurch nicht berührt. Owen glich einem Arzt, der nur die äußeren Symptome einer Krankheit behandelte, weil er aber die Krankheitsursache nicht kannte, konnte er gegen sie nichts unternehmen.

Nach einem Streit mit seinem Kompagnon verließ Owen New Larnak und ging nach Nordamerika. Dort versuchte er solche Heimkolonien zu gründen, die aber alle infolge der mangelnden ideologischen Beziehung der ArbeiterInnen zu Owens Gesellschaftsideen scheiterten. Auch die Gründung einer Tauschbank, durch die Owen das Metallgeld beseitigen wollte - es sollte dort jedeR ArbeiterIn seine/ihre Erzeugnisse unmittelbar gegen andere Waren eintauschen können - brachte nur Misserfolge. Die unerbittliche Konkurrenz der Kapitalisten setzte seinen illusionären Bemühungen ein Ende und trieb Owen in den Ruin.

Nach England zurückgekehrt schloss sich Owen vorübergehend der entstehenden Gewerkschaftsbewegung an. Er war es, der das Gesetz zur Beschränkung der Frauen- und Kinderarbeit durchsetzte. In seinen letzten Lebensjahren konzentrierte er sich auf die theoretisch-schriftstellerische Tätigkeit. In seinem Buch "Die neue moralische Welt" vollzog er seinen Übergang zum Engagement für den Sozialismus. Sein Hauptargument (im Gleichklang mit dem wissenschaftlichen Sozialismus) lautete: die hohe Entwicklung der Technik erlaubt eine ausreichende Befriedigung der Bedürfnisse aller.

Dennoch blieb er Utopist: "Die Menschheit ist bisher im Irrtum gewesen. Alle Menschen haben eine Binde vor den Augen gehabt. Ich brauche ihnen nur die Binde von den Augen zu nehmen und sie werden sofort einsehen, dass die neue moralische Welt viel schöner und besser ist als die alte unmoralische Welt, in der wir uns abrackern und abquälen und tausendfaches Ungemach erleiden."

 

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7. Von der Utopie zur Wissenschaft

Die Vorstellungen der utopischen Sozialisten hatten jahrzehntelang die ArbeiterInnenbewegung beherrscht. Die utopischen Sozialisten erkannten nicht, dass erst im entwickelten Kapitalismus das Proletariat die einzige wirkliche gesellschaftliche Kraft ist, die den Kapitalismus zu beseitigen vermag. Auf der einen Seite entwickelte sich die ArbeiterInnenbewegung, der proletarische Klassenkampf, auf der anderen Seite standen die frühsozialistischen Lehren. Beide waren nicht vereinigt. Es entstand die dringende Notwendigkeit, sozialistische Theorien und ArbeiterInnenbewegung zu vereinigen, das heißt, es entstand die Notwendigkeit, der Arbeiterklasse eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, die ihr den Weg zum Sturz des Kapitalismus und zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung wies. Das getan zu haben, ist das historische Verdienst von Marx und Engels, den wissenschaftlichen Begründern des Sozialismus, des Marxismus.

Die utopischen Sozialisten glaubten, die von ihnen festgestellten und kritisierten Mängel der Gesellschaft ihrer Zeit seien Irrtümer. Es genüge, so dachten sie, die Menschen über diesen Irrtum aufzuklären und schon würde deren Einsicht die Mängel beseitigen und die Voraussetzungen für die bestmögliche, für die sozialistische Gesellschaft schaffen. Erst Marx und Engels wiesen mit den von ihnen entwickelten wissenschaftlichen Methoden nach, dass diese Mängel wie Elend, Unterdrückung und Ausbeutung, keine "Irrtümer" sind, sondern die Folgen bestimmter ökonomischer Verhältnisse.

Im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten meinten Marx und Engels nicht, dass reiche Gönner der ArbeiterInnenklasse von außen helfen müssten. Um bestehende Gesellschaftsverhältnisse grundlegend zu verändern, mussten zunächst die Entwicklungsgesetze derselben aufgedeckt werden. Aufbauend auf Philosophen, Wirtschaftstheorien und neugewonnenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vor ihnen, gaben uns Marx und Engels das Werkzeug zu dieser großen historischen Aufgabe in die Hand: den dialektischen Materialismus und die politische Ökonomie. Diese großartige Leistung schmälert jedoch nicht - Marx und Engels werden nicht müde, das zu betonen - die bedeutenden Vorarbeiten der utopischen Sozialisten.

Karl Marx formulierte in seinem ersten Entwurf zum Buch "Bürgerkrieg in Frankreich" 1871:

Alle sozialistischen Gründer von Sekten gehören einer Zeit an, in der weder die Arbeiterklasse genügend geübt und organisiert war durch die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft selbst, um auf die Bühne der Weltgeschichte als historischer Akteur aufzutreten, noch die materiellen Bedingungen ihrer Emanzipation in der alten Welt selbst genügend herangereift waren. Ihr Elend bestand, aber noch nicht die Bedingungen für ihre eigene Bewegung. Die utopischen Gründer von Sekten, die in ihrer Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft das Ziel der sozialen Bewegung klar beschrieben - die Beseitigung des Systems der Lohnarbeit mit allen seinen ökonomischen Bedingungen der Klassenherrschaft fanden weder in der Gesellschaft selbst die materiellen Bedingungen ihrer Umgestaltung, noch in der Arbeiterklasse die organisierte Macht und das Bewusstsein der Bewegung. Sie versuchten, die fehlenden historischen Bedingungen der Bewegung durch phantastische Bilder und Pläne einer neuen Gesellschaft zu kompensieren, in deren Propaganda sie das wahre Mittel des Heils sahen. Von dem Moment an, da die Bewegung der Arbeiterklasse Wirklichkeit wurde, schwanden die phantastischen Utopien, nicht weil die Arbeiterklasse das Ziel aufgegeben hatte, das diese Utopien anstrebte, sondern weil sie die wirklichen Mittel gefunden hatte, sie zu verwirklichen, weil an die Stelle phantastischer Utopien die wirkliche Einsicht in die historischen Bedingungen der Bewegung trat und die Kräfte für eine Kampforganisation der Arbeiterklasse sich immer mehr zu sammeln begannen. Aber die beiden Endziele der von den Utopisten verkündeten Bewegung sind auch die von der Pariser Revolution und von der Internationale verkündeten Endziele. Nur die Mittel sind verschieden, und die wirklichen Bedingungen der Bewegung sind nicht mehr von utopischen Fabeln umwölkt.

Unsere Aufgabe besteht nun, wie Josef Hindels in seinem Buch "Der Sozialismus kommt nicht von selbst" feststellt, darin:

Ein guter Marxist zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er ehrfürchtig wiederholte, was Marx und Engels einst geschrieben haben, sondern er erprobt seine eigenen Fähigkeiten, indem er die Marxsche Methode in der Gegenwart schöpferisch anwendet, um all das zu erkennen, was es zur Zeit der Altmeister des wissenschaftlichen Sozialismus noch nicht gegeben hat. Diese Feststellung darf freilich nicht missverstanden werden: Wörtliche Wiedergabe aus den Werken von Marx und Engels sind bei der Darstellung ihrer Lehren unvermeidlich. Aber während die "Kerzelweiber" das Zitieren zu einer Kulthaltung gemacht haben, ist den schöpferischen Marxisten die Anwendung der Marxschen Denkmethode das Wesentliche.

Und noch deutlicher wird Hindels im von ihm verfassten ersten Lehrbrief der SJ-Akademie 1947:

Leider gibt es unter den Sozialisten noch immer viele Nichtmarxisten. Sie wissen nichts von den Entwicklungsgesetzen der kapitalistischen Wirtschaft, sie haben sich nie ernsthaft mit Fragen beschäftigt, welches die Voraussetzungen für den Sieg des Sozialismus sind. Sie sind Sozialisten, weil sie fühlen, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung schlecht ist, dass eine andere, bessere an ihre Stelle treten muss Manche meinen, die Kraft des Sozialismus sei so unwiderstehlich, sein Siegeszug so sicher, dass jedes Beschäftigen mit Theorie nur Zeitvergeudung sei. Diese Auffassung ist ebenso falsch wie schädlich. Die Bourgeoisie ist auf geistigem Gebiet noch stärker als wir. Sie ist eine erfahrene, herrschgewohnte Klasse, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Privilegien Wissenschaftler, Lehrer, Schriftsteller und Journalisten kaufen kann. In allen kapitalistischen Staaten stehen Schule und Kirche im Dienste des Bürgertums. Auch die Familie stärkt, oft gegen ihren Willen, die bürgerliche Denkungsart, die bürgerlichen Vorurteile. Gegen diesen gewaltigen Feind kann sich die Arbeiterklasse nur behupten, wenn sie ihre Politik, ihre Strategie und Taktik im Klassenkampf von wissenschaftlichen Grundsätzen bestimmten lässt. Es ist sinnlos, gegen die kapitalistische Gesellschaft Sturm zu laufen. Man muss ihre Entwicklungsgesetze kennen, um sie wirksam bekämpfen zu können. Die Siege und Niederlagen, die Erfolge und Rückschläge des internationalen Proletariats müssen wissenschaftliche erforscht, aus ihnen müssen Lehren für die Zukunft gezogen werden. Der wissenschaftliche Sozialismus darf nicht neben der praktisch-politischen Arbeit, sozusagen als Fleißaufgabe betrieben werden. Unsere Altmeister und mit ihnen alle großen Denker und Führer der Arbeiterbewegung haben im wissenschaftlichen Sozialismus stets eine Waffe gesehen, deren sich das Proletariat im Klassenkampf bedient. So wollen auch wir den wissenschaftlichen Sozialismus auffassen.

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8. Anhang

Trotz der Existenz des wissenschaftlichen Sozialismus hörten damit die sozialistischen Utopien im vormarx’schen Sinne nicht auf. Aber es gab nun eine Wissenschaft, vor deren strengen Prüfung sie nicht standhalten konnten. Mit dem Vormarsch des Marxismus wurden sie zugleich auf unbedeutende Sekten beschränkt. Ein Beispiel aus der Geschichte der österreichischen ArbeiterInnenbewegung:

 

Pierre Ramus: Die Utopie aus dem Klosterneuburger Schrebergarten

"In eine öde Welt des Abgrunds, der Verzweiflung und des Elends blickt das Menschenauge nach dem Abschluss des Weltkrieges." So beginnt Rudolf Großmann, der sich Pierre Ramus nannte, die Zentralfigur des österreichischen Anarchismus der Zwischenkriegszeit, sein utopisches Konzept, mit dem er die verelendeten Alpenrepublikaner in ein Volks von glücklich-bescheidenen anarchistischen Schrebergärtnern verwandeln wollte.

Ramus war wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg in sein Heimatland Österreich zurückgekehrt, nachdem er jahrelang in Amerika und England als Redakteur anarchistischer Blätter gelebt hatte. Der glühende Anhänger Kropotkins und Tolstois ließ sich zusammen mit seiner russischen Lebensgefährtin in einem Einfamilienhaus in Klosterneuburg nieder, versuchte vergeblich die Reste des seit Hainfeld aus der sozialdemokratischen Partei verdrängten österreichischen Arbeiteranarchismus neu zu formieren und ernährte sich vorwiegend vom Ertrag seines Gartens. 1914 wurde der Antimilitarist und Pazifist Ramus präventiv verhaftet und verbrachte den größten Teil des Krieges im Gefängnis.

Während der "österreichischen Revolution" sah auch Ramus wie alle anderen Weltverbesserer die große Chance, seine Ideen doch noch zu verwirklichen. Doch gerieten die Anarchisten, von den vereinten Marxisten bald aus dem Arbeiterrat wegen ihrer angeblichen Ablehnung des Klassenkampfes ausgeschlossen, schnell wieder in die gleiche Außenseiterposition wie vor dem Krieg. Lediglich Ramus, der ein blendender Redner gewesen sein soll, gewann durch seine Vorträge und Schriften einen gewissen Einfluss auf die sozialdemokratische und kommunistische Jugend.

Bei der allgemeinen Hochkonjunktur utopischer Konzepte in den Jahren der revolutionären Nachkriegskrise konnte es nicht ausbleiben, dass auch Ramus eine detaillierte Vision der neuen Welt nach seinen Vorstellungen verfasste. Seine "Neuschöpfung der Gesellschaft durch den kommunistischen Anarchismus", 1921 in erster, 1923 in zweiter "verbesserter" Auflage im Eigenverlag erschienen, ist ein einzigartiges Zeitdokument von allerdings beträchtlicher unfreiwilliger Komik.

Die Revolution geht bei Ramus schnell und kostet ihn nur einen einzigen Satz: "Nachdem größere, heute bereits vorhandene Minoritätsmassen innerhalb der Gesellschaft jegliches Machtvorrecht des Monopoleigentums und der Staatsgewalt für null und nichtig in ihrem Gesamtbereich erklärt haben, beginnen die praktischen Arbeiten der Reorganisation des sozialen Lebens." Sämtliche Produktionsmittel werden nun "persönliches oder gemeinschaftliches Eigentum der sie Benützenden". Das Geld ist ebenso abgeschafft wie der Staat. Statt der bisherigen "Zwangsorganisation" bilden sich "freie Gemeinschaften", die die Produktion nach dem Prinzip des Gildensozialismus in branchenweiser Selbstverwaltung organisieren und ihre Produkte untereinander in natura austauschen. Je 10.000 Menschen bilden eine Kommune, die danach trachtet, sich möglichst selbst zu versorgen. "Allmählich werden die größeren Städte demoliert und abgetragen. Wohl bleiben sie im Übergang noch in ähnlicher Weise wie bisher bevölkert, aber je mehr sich die neue Ordnung des Lebens einarbeitet, desto mehr entvölkern sich die Städte, und schließlich sinken sie rapid zu Vorratsorten und Lagerräumen, zu Werkstätten- und Industriezentren herab, die die Menschen nach Verlauf ihrer sozial nötigen Arbeitszeit verlassen, sich nach ihren Siedlungskommunen zurück begebend. Je mehr die letzteren sich zu Gartenstädten entwickelten, desto mehr verfallen die Städte", hoffte der großstadtfeindliche Klosterneuburger.

In den im Umkreis der ehemaligen Städte entstehenden Siedlungskommunen "besitzt jede Familie ihr eigenes Häuschen, das einen Mindestraum für sechs bis acht Köpfe, für Eltern, zwei oder drei Kindern und Großeltern umfasst. Jedes Häuschen ist laut besonderem Wunsch der Bewohner erbaut. Dasselbe steht immer inmitten eines rund 1.000 Quadratmeter umfassenden Gemüse- und Obstgartens, der nach Anzahl der Familienmitglieder größer oder kleiner sein kann. Zwischen den einzelnen Häusern sind die gemeinsamen Weidewiesen für das Kleinvieh, das für den individuellen Bedarf gezüchtet wird. Außerhalb desselben befinden sich die gemeinschaftlichen Korn-, Weizen- und Haferfelder (...) Wald und Fluss und deren Benützung sind Gemeinschaftseigentum."

Die wichtigste Zentralinstanz im Kleingärtnerkommunismus ist der "Arbeitsrat für kommunale Statistik", dem die besten Fachleute angehören und der die Aufgabe hat, "das gesamte soziale Leben in allen Einzelheiten mathematisch-statistisch zu analysieren und tabellarisch festzustellen", um daraus die Dauer der gesellschaftlich notwendigen Arbeit zu berechnen und für den Ausgleich der Bedürfnisse und Ressourcen zu sorgen. Alle sonstigen öffentlichen Angelegenheiten entscheidet "die viermal im Jahr zusammentretende Volksgemeinschaft" aller mehr als 25jährigen Mitglieder einer Kommune; Minoritäten brauchen sich allerdings nicht an die Mehrheitsbeschlüsse halten. Darüber hinaus entsenden alle Gilden und Betriebe der Kommune Delegierte zum "Konvent für sozialen Fortschritt", der die Beschlüsse der Majorität und Minorität der Volksgemeinschaft auszuführen hat.

Wer Sonderbedürfnisse hat, kann eigene Gilden bilden und so kollektiv ihre Befriedigung organisieren. Allgemeine öffentliche Bedürfnisse wie das Ausleeren der Senkgruben zur Düngung der Gärten werden freiwillig von den Gemeinschaftsmitglieder geleistet. Schmarotzer lässt man zwar nicht verhungern, man entzieht ihnen jedoch "jeden Verkehr höherer Art mit den übrigen Gruppenmitgliedern."

In den zwanziger Jahren initiierten die Anarchisten verschiedene Siedlungsprojekte in der Umgebung Wiens. Sobald die "Revolutionäre" freilich in ihren real-utopischen Häuschen saßen, schwand ihre kommunistische Überzeugung dahin, und die entpuppten sich meist als ganz gewöhnliche Kleinbürger.

 

 

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