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1. Einleitung
Die Gegner des
Sozialismus, die Konservativen, haben sich einen originellen Trick
ausgedacht: Sie bezeichnen die sozialistische Idee als alt, verstaubt,
historisch überholt. Wie sollen ein Karl Marx oder ein Friedrich
Engels, die vor mehr als hundert Jahren gelebt haben, heute noch
Gültigkeit haben? Wie sollen also deren Aussagen, so behaupten die
Konservativen, in unserer modernen Zeit, im Zeitalter der Raumfahrt,
der Atomkraft, der Computer und neuen Technologien noch zutreffen? In
dieser plumpen Demagogie steckt ein wahrer Kern, der den Predigern des
Antisozialismus freilich verborgen bleibt:
Die Idee des Sozialismus
ist als Ausdruck einer zutiefst menschlichen Sehnsucht tatsächlich
uralt. Ihr Alter können wir aber nicht mit einer Jahreszahl angeben.
Die einzige korrekte Antwort lautet: Die Idee des Sozialismus ist so
alt wie Unterdrückung, Unrecht und Ausbeutung in der
Menschheitsgeschichte. Sie war in allen bisherigen
Klassengesellschaften (also Gesellschaften von Unterdrückern und
Unterdrückten) die Antwort auf das Elend der Unterdrückten und
Ausgebeuteten, die Vision einer Zukunftsgesellschaft der menschlichen
Geschwisterlichkeit und Solidarität.
Das Wort Sozialismus
kommt aus dem Lateinischen, von „socius“, das heißt „der Genosse“.
Unter Sozialismus verstehen wir daher eine Idee, Bewegung und
Gesellschaft, die eine Gemeinschaft von Genossinnen und Genossen, die
solidarisch und geschwisterlich leben, zum Ziel hat. Sozialismus war
zu allen Zeiten, trotz aller Wandlungen der sozialistischen Idee, das
Gegenteil von Ausbeutung und Unterdrückung.
Sozialismus stand und
steht daher in allen Gesellschaften im Widerspruch zu einer
konservativen, das heißt das Bestehende bewahrende und verteidigende
Geisteshaltung. Wer der Meinung war und ist, die bestehende Ordnung
sei gottgewollt oder entspricht der nicht zu ändernden Natur des
Menschen, konnte und kann nicht Sozialist sein.
Sozialismus ist
verbunden mit der Überzeugung, dass das Bestehende geändert werden
kann, dass Unfreiheit, Ausbeutung, Elend nicht sein müssen, sondern
überwunden werden können. Wie das zu geschehen hat, und wann, welche
Voraussetzungen gegeben sein müssen, und wie die sozialistische
Gesellschaft konkret aussieht – darüber gibt es in der Ideengeschichte
des Sozialismus eine verwirrende Vielfalt von Meinungen. Sie reicht
von jenen, die auf einen göttlichen Erlöser hoffen, bis zu den
modernen Sozialisten, die eine Verbindung zwischen der sozialistischen
Idee und der kämpfenden Arbeiterklasse herstellen.
Aus dieser Vielfalt der
sozialistischen Idee greifen wir nun Beispiele heraus: Sie alle werden
unter dem Begriff „utopische Vorläufer des Sozialismus“
zusammengefasst. Der Begriff „Utopie“ kommt von dem Titel des Buches
„Utopia“ (griech.: „Nirgendwo“), das der englische katholische
Humanist Thomas Morus im Jahr 1516 veröffentlichte. Wir werden darauf
in Kapitel 5 noch ausführlich eingehen. Dieses ursprünglich
griechische Wort ist auch in unserem Wortschatz in Verwendung und
bedeutet „Traumland“, „Schwärmerei“, aber auch „Wunschziel“.
Die Suche nach dem
Nirgendwo, dem Traumland, nach einer Utopie, entspringt also dem
Unbehagen mit der Gegenwart. Sie ist eine Reaktion auf die bestehenden
Missstände der jeweiligen Gesellschaft.
Ihre Bedeutung für
Sozialisten und Sozialistinnen von heute hat Josef Hindels wie folgt
formuliert:
„Die Sozialisten von
heute sind daher die Erben einer langen Reihe von Generationen, die in
der antiken, in der feudalmittelalterlichen, in der
frühkapitalistischen Gesellschaft im Kampf standen für die große,
faszinierende Idee des Sozialismus. Abgesehen von allen Irrtümern und
Illusionen, die diesen unreifen, frühen Sozialismus begleiteten, und
die später unter veränderten sozialökonomischen Verhältnissen
überwunden werden konnten, ist eines gleich geblieben:
- Die tiefe Sehnsucht
nach einer solidarischen Gesellschaft, in der das gemeinsame
brüderliche Wirken die Voraussetzung schafft für ein sinnvolles Leben,
frei von Unterdrückung und Ausbeutung.
- Wer im Sozialismus der
Gegenwart die Erben dieses jahrhundertelangen Ringens um die Befreiung
von Unterdrückung und Ausbeutung erkennt, wird daraus Folgerungen
ziehen:
- Ein sozialistische
Bewegung muss mehr sein als eine Partei. Sie darf sich auch nicht
damit begnügen, in vielen Bereichen besser zu sein als bürgerliche
Parteien, die das bestehende verteidigen.
- Ihr historisches Erbe
verpflichtet sie zum prinzipiellen Anderssein. Ohne die harten
Aufgaben der Tagespolitik zu vernachlässigen, darf sie nicht müde
werden, das große gesellschaftspolitische Ziel, für das so viele
Generationen gekämpft und gelitten haben, in den Mittelpunkt ihres
Wirkens zu stellen.
Der wissenschaftliche
Sozialismus, also der Marxismus, ist keine Sammlung einsamer
Gedankenblitze von Karl Marx und Friedrich Engels. Der
wissenschaftliche Sozialismus hat viele Vorgänger und sie waren
Anknüpfungspunkte für Marx und Engels. Die „Quellen des Marxismus“
(Lenin) gibt es in philosophischen Fragen, im ökonomischen Bereich,
aber auch beim Ziel einer gerechten und menschlichen Gesellschaft
Viele dieser
Sozialismusvorstellungen werden auf Widerspruch stoßen, zuviel
Elitäres und zuwenig Gleichheit ist dort zu finden. Und doch ist ihnen
eines gemeinsam und das ist auch ihre geschichtliche Bedeutung: sie
zeugen davon, dass in allen Klassengesellschaften
(Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus) die Menschen
mehr Gerechtigkeit wollten.
Gleich ist diesen
Vorläufern des Marxismus auch, dass die Kopfgeburten sind. Also nicht
die Auseinandersetzung der Klassen sollte eine ideale Gesellschaft
möglich machen, auch nicht die dabei gefällten Entscheidungen der
Massen, sondern ein vorher festgelegtes Bild einer besseren
Gesellschaft sollte verwirklicht werden.
So erdachten Philosophen
in ihren Studierstuben genau Pläne, wie diese neue Form des
Zusammenlebens organisiert sein sollte. Diese Ideen sollten dann
möglichst detailgetreu verwirklicht werden. Diese alten Formen des
Sozialismus hatten auch eine sehr enge Beziehung zur Religion.
Zeiten, in den besonders
viele Sozialismusmodelle erdacht wurden, waren stets Zeiten von
gesellschaftlichen Umbrüchen. So zum Beispiel das bereits
krisengeschüttelte Römerreich zur Zeit Christi. Immer dann, wenn das
Nichtfunktionieren der vorherrschenden Gesellschaft offensichtlich
wurde, hatten alternative Gesellschaftsmodelle Hochkonjunktur.
Ähnliches finden wir ja auch heutzutage wieder in vielen Bereichen der
Ökologiebewegung, was aber nicht heißt, dass es sich dabei um
sozialistische Utopien handelt.
Die folgenden Kapitel
behandeln nun einzelne sozialistischen Utopien. Wir haben für jede
Klassengesellschaft, die antike Sklavenhaltergesellschaft, die
mittelalterliche Feudalgesellschaft und die kapitalistische
Gesellschaft bedeutende Vertreter und ihre Utopien ausgewählt. Neben
der Darstellung des gesellschaftliche Hindergrundes und der
Beschreibung der einzelnen Utopien wird dann noch besonders auf die
Stellung der Frau in den einzelnen utopischen Gesellschaftsmodellen
eingegangen. „In einer gegebenen Gesellschaft ist der Grad der
weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen
Emanzipation.“ Hatte Charles Fourier, ebenfalls ein bedeutender
Utopist (siehe Kapitel 6.3), formuliert und Karl Marx hat diese
Erkenntnis übernommen. Wir werden es ebenfalls so halten.
Zusammenfassung
1. Utopien sind
Antworten auf gesellschaftliche Missstände. Sie sind Versuche, durch
die „Erfindung“ einer neuen, besseren Form des Zusammenlebens der
Menschen diese Missstände zu überwinden.
2. Vieles, was an Ideen
und Systemen da entwickelt wurde, mag falsch, komisch und
undurchführbar erscheinen. Aber die Utopisten verfügten weder über
eine Wissenschaft, die es ihnen ermöglichte, ihre Gesellschaft zu
analysieren und ihre Entwicklungsgesetze zu ergründen, noch über eine
gesellschaftliche Kraft (Arbeiterklasse), die als Trägerin des Kampfes
zur Überwindung der Missstände hätte wirken können.
3. Die einzelnen
utopischen System sind immer vor ihrem jeweiligen gesellschaftlichen
Hintergrund zu betrachten. Sie waren abhängig von den Bedingungen
unter denen sie lebten.
2

2. Platon und sein Idealstaat
21
2.1.
Platon und seine Zeit
Zwischen 1000 und 700
Jahren vor Beginn unserer Zeitrechnung entstanden auf dem griechischen
Festland Stadtstaaten mit hochentwickelten Kulturen. Die
Warenproduktion war verhältnismäßig weit entwickelt, ebenso der
Warenhandel, der auf das gesamte ägäische Meer ausgedehnt wurde. Grund
und Boden war bereits Privateigentum, immer weiter schritt die Teilung
der Arbeit zwischen Ackerbau und Handwerk, Handel und Schifffahrt
fort. Die noch weitgehend aus der Zeit des Gemeineigentums stammende
politische Ordnung kam mehr und mehr in Widerspruch zu den sich
entwickelnden Differenzierungen der griechischen Gesellschaft. An
Stelle eines lockeren Bundes von nebeneinander lebenden Stämmen trat
die Verschmelzung zu einem einzigen Volk mit einem athenischen
allgemeinen Volksrecht als Verfassung
Neben Athen, wo 638
v.u.Z. der sich herausgebildete Adel das Königtum ablöste, entwickelte
sich auf der Peloponnes Sparta, ein kriegerischer Staat, in dem sich
das Königtum weit länger hielt, und wurde zum schärfsten Rivalen
Athens. In eben dieser Zeit wurde Geld als Zahlungsmittel eingeführt.
Im allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung wurde Athen das
wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Attikas. Die athenische
Bevölkerung wurde in drei Klassen – Adelige, Ackerbauern und
Handwerker – eingeteilt. Der Adel genoss das ausschließliche Recht zur
Besetzung politischer Ämter. Daneben kontrollierten die Adeligen
Athens den Seehandel (inklusive der offen geförderten Piraterie) und
konnten dadurch ungeheure Reichtümer ansammeln. Gleichzeitig führte
die sich entwickelnde Geldwirtschaft das Bauerntum in den Ruin.
Innerhalb weniger Jahre waren fast alle Bauern hoch verschuldet.
Sämtlicher Felder Attikas starrten von Pfandsäulen, Steinen, auf denen
verzeichnet stand, dass das Grundstück dem und dem um soundsoviel Geld
verpfändet war. Zahlreiche Bauern waren gezwungen, ihren Grund
zunächst zu verpachten (ein Sechstel des Ertrages bekam der Bauer,
fünf Sechstel der adelige Pachtherr), dann zu verkaufen. Konnten
dadurch die Schulden nicht getilgt werden, so blieb kein anderer
Ausweg, als zunächst die Kinder, dann die Frau und zuletzt sich selber
als Sklaven zu verkaufen. Diese und die bei den zahllosen Kampfzügen
Gefangenen wurden zur wirtschaftlichen Grundlage das antiken
Griechenlands: die antike Sklavenhaltergesellschaft.
Der Unmut der Bauern und
Armen wuchs. 624 v.u.Z. sah sich Drakon zur Erlassung eines besonders
strengen Strafrechtes gezwungen, um die Adelsherrschaft
aufrechtzuerhalten. Doch bereits 594 v.u.Z. musste der Adel abdanken.
Der neue Gesetzgeber Solon verfügte die entschädigungslose Aufhebung
aller Schulden auf Grundstücke, also die Enteignung der Reichen.
Schuldverträge wurden verboten, besonders solche, die die Bauern in
die Sklaverei führten. Die wegen Schulden ins Ausland Verkauften oder
Geflohenen wurden nach Athen zurückgeführt. Höchstmaße für Grundbesitz
wurden festgesetzt, damit nicht das gesamte Land Eigentum weniger
reich Menschen würde.
Solon teilte die Bürger
nach dem Ertrag ihrer Felder in vier Klassen ein. Der alte Adelsrat
wurde durch den „Rat der Vierhundert“ ersetzt. Alle Ämter konnten nur
aus den obersten drei, die höchsten bloß aus der ersten Klasse besetzt
werden, die vierte Klasse hatte nur das Recht, in dieser
Volksversammlung zu reden und zu stimmen. Allerdings hatte diese
vierte Klasse die Mehrheit. Die Sklavenarbeit blieb jedoch weiterhin
die wirtschaftliche Grundlage; die Sklaven blieben rechtlos.
Athen war also zu dieser
Zeit der mächtigste Staat im griechischen Raum. Aber auch der
meistgehasste. Schließlich kam es zum Krieg um die Vorherrschaft
zwischen dem sich stetig ausbreitenden Athen und den noch nicht
unterworfenen Staaten des Peloponnes unter Führung Spartas. Dieser
Kampf auf Leben und Tod war aber nicht nur ein Krieg gegen die
Vorherrschaft Athens, er war auch ein Krieg der Aristokratie
(Adelsherrschaft) gegen die Demokratie (Volksherrschaft). Athen war
der demokratischste Staat Griechenlands, Sparta der aristokratischste.
In allen Athen unterworfenen Staaten mussten vornehmlich die Adeligen
die Zeche zahlen; sie wurden in erster Linie geplündert, nicht das
Volk. In Athen selbst war die soziale Zersetzung, waren Gegensätze
zwischen arm und reich so weit gediehen, dass Athens Adelige und
Reiche mit Sparta, dem Landesfeind, liebäugelten und konspirierten.
Ein Sieg Spartas erschien ihnen das beste Mittel, die Herrschaft des
Volkes zu stürzen.
Der entscheidende Kampf
zwischen Athen und Sparta, der sogenannte Peloponnesische Krieg,
dauerte fast dreißig Jahre (431-404 v.u.Z.) und endete mit der
völligen Vernichtung der athenischen Macht. Athen wurde auf Attika
beschränkt und von Sparta abhängig. An die Stelle der Demokratie trat
die Herrschaft der „Tyrannen“, Diktatoren mit Unterstützung Spartas.
Dieser rasche Wechsel
verschiedener Herrschaftsformen – Königtum, Aristokratie, Demokratie
und Tyrannei – zwang regelrecht dazu, über die Ursachen des Gedeihens
und Verfallens von Staaten nachzudenken. Damit wurde die politische
Theorie geboren und kaum ein Lehrer der griechischen Jugend, kaum ein
Philosoph und Denker, kam um die Frage der besten Staatsform herum. In
eben diese Zeit wurde Platon hineingeboren und durch diese Ereignisse
sichtlich geprägt entstand auch sein uns hier interessierendes Werk „Politeia“
(„Der Staat“).
22
2.2.
Die Person Platon
Platon wurde 427 v.u.Z.
geboren, stammte aus dem athenischen Adel und gehörte damit zur
privilegierten Oberschicht. Er hatte seine aristokratischen Absichten
nie verleugnet und sich stets eine Abneigung gegen die Demokratie
bewahrt. Obwohl von seiner Herkunft her dazu bestimmt, politische
Funktionen zu übernehmen, nutze er seine angenehmen Vermögensumstände,
um sich Zeit seines Lebens der Dichtkunst und der Philosophie zu
widmen und durch Reisen seinen Horizont zu erweitern. Seine
Bekanntschaft mit dem berühmten Philosophen und Lehrer Sokrates –
vermutlich ab seinem 20. Lebensjahr – wurde für ihn entscheidend.
Platon widmete sich von da an völlig der Philosophie, wurde Sokrates’
berühmtester Schüler und trat in Athen als Lehrer auf.
Bezeichnend für Platon
war, dass er zwar ein System politischer Ideen, einen Idealstaat,
entwickelte, ihm aber nicht im geringsten einfiel, auch nur den
kleinsten Finger dafür zu rühren, seinen Ideen und Anschauungen durch
Teilnahme am politischen Leben zur Durchsetzung zu verhelfen. Vielmehr
hoffte er auf die Einsicht der Herrschenden, geleitet durch die
Weisheit der Philosophen. Doch die Herrscher kümmerten sich freilich
recht wenig um die Philosophen und ihre Ideen.
23
2.3.
„Politeia“
– Der Staat
Wie alle anderen Schüler
Sokrates’ schlug Platon einen Staat und eine Gesellschaft vor, in
denen das Privateigentum aufgehoben alle Bürger gleichgestellt sind.
Aber Platon war viel zu sehr Adeliger, um die Klassenunterschiede
aufheben zu wollen. Sein „Kommunismus“ war ein Kommunismus der
herrschenden Klasse. Wird erst das Privateigentum der Herrschenden
aufgehoben, so sagte er, dann hört jede Versuchung auf, das arbeitende
Volk auszubeuten. Dann werden sie einzig und allein danach trachten,
das Volk zu schützen und zu seinem Besten zu führen.
Für die Bauern,
Handwerker und Händler bestand im Staate Platons das Privateigentum
fort. Da die Grundlage der damaligen Produktion der Kleinbetrieb war,
wäre dort eine Abschaffung des Privatbesitzes nicht möglich gewesen.
Die Technik von Ackerbau und Handwerk war noch nicht so weit
entwickelt, dass gesellschaftliche Produktion möglich gewesen wäre. Es
gab zwar schon größere Betriebe, aber dort arbeiteten nur Sklaven und
auch diese sollte es in Platons Staat geben. Eine Abschaffung der
Sklaverei konnte er sich nicht vorstellen.
Die Herrschenden im
Staat waren die Wächter. Sie produzierten nicht, sondern werden vom
arbeitenden Volk erhalten. Die Wächter wurden besonders sorgfältig aus
den Besten und Tüchtigsten ausgewählt. Ausführlich beschrieb Platon
ihre Erziehung. Bewährte sich ein Wächter nicht, wurde er ohne Mitleid
aus dem Wächterstand ausgeschlossen. Umgekehrt konnte ein besonders
edler und tüchtiger unter den Bauern und Handwerkern auch in den
Wächterstand erhoben werden.
Neben der
Gütergemeinschaft für seine „Wächter“ verlangte Platon noch mehr.
Alles, was Privatinteressen, Streit oder Zwietracht erzeugen konnte,
sollte ausgeschlossen werden. Konsequent forderte er daher die
Aufhebung der Einzelehe und die Gemeinschaft von Frauen und Kindern.
Platon lässt es Sokrates im Gespräch mit Glaukon darlegen:
„Diese Frauen müssen allen Männern gemeinsam gehören, keine darf mit
keinem allein beisammen sein, und ebenso sind die Kinder gemeinsam:
weder kennt der Vater sein Kind, noch das Kind seinen Vater.“
„Diese Forderung erscheint mir noch viel unglaublicher in ihrer
Durchführbarkeit und ihrem Nutzen als die erste.“
„Über den Nutzen werden wir nicht lange streiten, denn die
Gemeinsamkeit der Frauen und Kinder ist, wenn sie möglich ist, das
größte Gut. Aber über die Durchführbarkeit wird es einen harten Kampf
geben.“
Doch Platon gestattete
seinen Wächtern nicht gänzlich regellosen Geschlechtsverkehr.
Stattdessen herrschte ein Prinzip: die Zuchtwahl.
„Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Frauen mit den besten
Männern möglichst oft zusammenkommen, umgekehrt die schwächsten am
wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen
nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll. Das alles
muss aber geheim gehalten werden, außer bei den Herrschern, soll die
Herde der Wächter möglichst ohne Hader leben.“
Die Betreuung und
Erziehung der Kinder übernahm der Staat:
„Um
die jeweils geborenen Kinder nehmen sich dann die Behörden an, die
dazu bestellt sind; sie bestehen aus Frauen oder Männern oder aus
beiden gemischt – denn es gibt auch Ämter, die Frauen und Männer
gemeinsam führen.“
„Ja!“
„Sie
übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu
Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder
der Schwächeren oder irgendwie Missgestaltete verbergen sie an einem
geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört.“
„Wenn anders das Geschlecht der Wächter rein erhalten werden soll!“
„Sie
werden sich auch um die Ernährung kümmern, die Mütter in das
Säuglingsheim führen, wenn sie Milch haben, aber alle
Verhaltensmaßregeln treffen, dass keine ihr Kind erkennt, werden auch
andere Frauen, die Milch haben, hinbringen, wenn jene zu wenig Milch
haben; sie werden sich auch um die Mütter kümmern, dass nur müßige
Zeit säugen, während sie das Wachen und die anderen Mühen den Ammen
und Wärterinnen übergeben.“
„Du
erleichterst den Frauen der Wächter das Kinderbekommen sehr!“
Ganz offensichtlich
hatte sich Platon bei der Entwicklung dieser Idee an dem Staat Sparta
orientiert, denn Sparta hatte diese Forderungen teilweise praktiziert.
In einem weiteren
wesentlichen Bereich stellt Platon eine Forderung auf, die für
damalige Begriffe undurchführbar schien: die völlige Gleichstellung
von Mann und Frau, die Zulassung der letzteren zu allen Ämtern,
gleiche Erziehung für Knaben und Mädchen – allerdings nur innerhalb
des Wächterstandes. Platon leitete diese Forderung aus der Tatsache
ab, dass Mann und Frau von Natur aus gleich Anlagen haben, die – bei
gleicher Erziehung – auch zu beruflicher und gesellschaftlicher
Gleichstellung führen müssen. Kindererziehung ist kein Hindernis, das
übernimmt der Staat. Haushaltsarbeiten sind der arbeitenden Klasse
zugewiesen.
„Kann man nun irgendein Lebewesen zum gleichen Zweck gebrauchen, wenn
man ihm nicht dieselbe Erziehung und Ausbildung gibt?“
„Das
ist unmöglich!“
„Wenn wir also den Frauen dieselben Aufgaben stellen wie den Männern,
müssen wir sie auch genauso erziehen!“
„Ja!“
„Die
Männer wurden geistiger und körperlicher Erziehung unterworfen.“
„Ja!“
„So
müssen wir auch den Frauen die Erziehung in diesen zwei Gebieten und
dazu eine Kriegsausbildung geben und sie in gleicher Weise verwenden?“
„Das
ergibt sich offensichtlich aus deinen Worten.“
„Es
gibt also keinen öffentlichen Beruf, der nur für eine Frau oder nur
für einen Mann geeignet wäre, sondern die Anlagen sind in beiden
Geschlechtern gleich verteilt und die Frau hat, nach ihrer Anlage, an
allen Berufen Anteil, ebenso der Mann, überall aber ist die Frau
schwächer als der Mann.“
Die Führung des Staates
übernehmen die Philosophen, die fast das ganze Leben dafür ausgebildet
werden. Sie bilden die oberste Schicht der Wächter.
„Ehe
nicht das Geschlecht der Philosophen Herr des Staates wird, werden
nicht Staaten noch Bürger ein Ende des Leides finden, noch wird die
Verfassung, die wir uns im Mythos geistig gestaltet haben, in der
Wirklichkeit ihre Erfüllung finden.“
„Wunderbar hast du, mein Sokrates, die Herrscher herausgearbeitet, wie
ein Bildhauer seine Statuen.“
„Aber auch die Herrscherinnen, mein Glaukon! Denn nichts, glaube mir,
habe ich über Männer gesagt, was nicht auch für Frauen gilt, soweit
ihre Anlage sie dazu befähigt.“
„Mit
Recht, wenn sie an allem mit den Männern gleichen Anteil nehmen, wie
wir dargelegt haben.“
24
2.4.
Zusammenfassung
1.
Platons Idealstaat hat
die Struktur einer kommunistischen Gesellschaft, die sich allerdings –
trotz einiger Parallelen und Übereinstimmungen – mit dem modernen
Sozialismus kaum in Einklang bringen lässt. Der moderne Sozialismus
strebt eine klassenlose, soziale und politische Demokratie an. Platons
Idealstaat ist eine straff hierarchisch organisierte Diktatur, deren
wirtschaftliche Grundlage eine ArbeiterInnenkaste und deren
Herrschaftsinstrument eine Kriegerkaste bildet. Die Diktatur, die
Platon vorschwebt, ist eine absolute und totale, die das Denken,
Fühlen, Leben jedes Kastenmitglieds in jeder Einzelheit regelt und vor
allem darüber wacht, dass die Stabilität der Gesellschaft nicht durch
fremde oder neue Ideen gestört wird. Sein Kommunismus ist ein
konservativer, staatserhaltender.Abschaffung des Privateigentums,
Gleichstellung von Mann und Frau, staatlicher Kindererziehung – all
das gilt nur für den Wächterstand. Die herrschende Klasse in Platons
Staat produziert nicht, sie wird durch das arbeitende Volk erhalten,
das sie jedoch weder ausbeutet noch unterdrückt. Es ist kein
Kommunismus der Produktionsmittel (wie ihn der moderne Sozialismus
anstrebt), sondern ein Kommunismus der Genussmittel, des Konsumierens.
2.
Die Aufhebung der
Einzelehe ist das logische Ergebnis eines Kommunismus des Konsums. Es
wäre höchst inkonsequent, wenn alle Genüsse gemeinsam sein sollen, den
geschlechtlichen davon auszuschließen. Die Gleichstellung de Frau wird
durch die Zuweisung von Haushaltsarbeiten und Kindererziehung an das
arbeitende Volk ermöglicht. Solange es nicht möglich war, diese
Arbeiten, insbesondere den Haushalt durch Maschinen besorgen zu
lassen, konnte die Emanzipation der Frau auf anderer Grundlage nicht
erreicht werden.
3.
Platon hatte sich die
Schaffung seines Idealstaates nicht als Ergebnis eines sozialen oder
wirtschaftlichen Prozesses vorgestellt; er sollte vielmehr durch die
Weisheit der Philosophen als Herrscher hervorgebracht werden. Die
Vorstellung einer durch ökonomisch-technischen Fortschritt und
Klassenkampf hervorgebrachten gesellschaftlichen Umwälzung war ihm
ebenso fremd wie allen anderen Denkern der Antike.
4.
Die große Bedeutung von
Platons Idealstaat liegt darin, dass er die erste philosophische und
systematische Entwicklung und Verteidigung einer kommunistischen
Gesellschaft ist, die wir kennen.
3
3. Das Urchristentum
31
3.1.
Die gesellschaftlichen Wurzeln des Christentums
Ähnliche Entwicklungen,
wie wir sie am Beispiel des Aufstiegs und Falls Athens schon im
vorigen Kapitel beschrieben haben, verschonten auch nicht das damals
weltbeherrschende Rom. Zum Zeitpunkt des Entstehens des Christentums
umfasste das Römische Reich halb England, Spanien, Frankreich, Teile
Deutschlands und Österreichs bis zur Donau, große Teile der heutigen
südslawischen Staaten, Bulgarien, Rumänien, die Türkei, Kleinasien,
Griechenland, die gesamte nordafrikanische Küste und klarerweise
Italien – kurz: es handelte sich um ein riesiges Imperium. Doch
bereits zum Zeitpunkt seiner höchsten Macht nach außen gärte es im
Römischen Reich, setzte der innere soziale Zerfall ein.
Etwa um den Beginn
unserer Zeitrechnung lagen auch die letzten Zuckungen der römischen
Republik und setzte die Alleinherrschaft einzelner Kaiser ein.
Aristokratie und Demokratie hatten sich als bankrott erwiesen. Der
Kern des Volkes, die freie Bauernschaft, war verkümmert, in vielen
Gegenden völlig verschwunden, in anderen zu Pächtern großer
Grundbesitzer herabgedrückt. Die ewigen Eroberungskriege, die mit
bäuerlichen Milizheeren geführt wurden, ruinierten die Wirtschaft der
Bauern, während Großgrundbesitzer, die mit Sklaven produzierten, immer
mächtiger und reicher wurden. Gerade diese Kriege lieferten ja laufend
Nachschub an Sklaven. Kein Wunder also, dass die Sklavenwirtschaft
rasch überhand nahm und die freien Bauern verdrängte. Diese
besitzlosen Bauern zogen in die Großstädte, wo sie zusammen mit
freigelassenen Sklaven die unterste Schicht der Bevölkerung bildeten.
Aber solange es die
demokratische Republik gab, bedeutete diese Massenarmut nicht
notwendigerweise Massenelend. Die Massen freier Bürger besaßen nichts
anderes als die politische Macht, und sie wussten von dieser sehr wohl
zu leben, indem sie Reiche sowie die abgabenpflichtigen unterworfenen
Gebiete kräftig auspressten. Alle Versuche von Reformen, die diesen
Besitzlosen Grund und Boden geben sollten, scheiterten. Einerseits am
Widerstand der Großgrundbesitzer, andererseits aus dem ökonomischen
Grund der Überlegenheit der Sklavenwirtschaft. Nicht zuletzt trug aber
auch die Verkommenheit des Lumpenproletariats, das es vorzog, sich in
den Städten bei „Brot und Spielen“ zu amüsieren, das ihre dazu bei.
Der Hass der
Großgrundbesitzer und Reichen wuchs ebenso wie in Athen und an die
Stelle der Demokratie trat die Alleinherrschaft des Kaisers. Mit der
politischen Macht versiegte auch die einzige Erwerbsquelle des
römischen Proletariats. Grauenhaftes, bislang unbekanntes Massenelend
entwickelte sich in der römischen Gesellschaft und wurde zur
brennenden sozialen Frage. Der Verfall des Bauerntums bildete den
Vorboten des ökonomische Verfalls der gesamten Gesellschaft.
Mit den Bauern waren
auch die Soldaten des Milizheeres verschwunden. Ein Söldnerheer
entstand, das zwar im Einsatz gegen innere Unruhen unbezwinglich war,
bald aber Mühe hatte, den äußeren Feind – die Germanen – abzuwehren,
die immer stärker gegen Rom drängten. Mit dem militärischen Verfall
wurden auch Eroberungskriege immer seltener, die Verteidigungskriege
brachten mehr Verluste als Gefangene, die Zufuhr an Sklaven wurde
immer spärlicher und damit brach die wirtschaftliche Grundlage der
Landwirtschaft zusammen. Die Sklaverei wurde bloße Luxussklaverei, mit
anderen Worten, die Sklaverei hörte auf, die wirtschaftliche Grundlage
der Gesellschaft zu sein.
Der Niedergang der
Sklavenwirtschaft bedeutete keineswegs den Neuaufstieg der freien
Bauernschaft. Vielmehr wurde der Großgrundbesitz nun in kleine
Landstriche geteilt und gegen bestimmte Abgaben und Leistungen an die
sogenannten Kolonenbauern verpachtet, die Vorgänger der
mittelalterlichen Hörigen.
Die römische
Bevölkerung, durch zahlreiche Kriege immer mehr dezimiert, verarmte
zusehends. Um Soldaten und Kolonen zu bekommen, mussten die
herrschenden Klassen immer mehr Ausländer, „Barbaren“, wie sie sie
nannten, ins Reich ziehen lassen. Doch Landwirtschaft und Handwerk,
Kunst, Kultur und Wissenschaft verfielen weiter. Dieser
gesellschaftliche Niedergang erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte
und endete mit dem völligen Zerfall des riesigen Römischen Reiches zu
Beginn der Völkerwanderung (ca. 5. Jahrhundert). Dich in diesem
allgemeinen Zerfall entstand eine neue gesellschaftliche Macht: das
Christentum.
32
3.2.
Das Wesen des Urchristentums
Josef Hindels beschreibt
in seinem Buch „Einführung in die Ideengeschichte des Sozialismus“,
dass auch das Christentum Vorläufer hatte, die sozialistischen
Inhalte, wenn auch in religiösen Begriffen verkleidet, predigten:
Oft wird Jesus als
erster Sozialist, werden seine Jünger als erste Sozialistengeneration
bezeichnet. Aber es gab bereits Jahrhunderte vor dem Entstehen des
Christentums sozialistische Ideen. (...)
Aber die bedeutendsten
unter den Propheten verherrlichten die Frühzeit Israels, als es noch
kein Privateigentum, keine sozialen Kontraste zwischen arm und reich
gab. Viele ihrer frommen Prophezeiungen sind, entkleiden wir sie der
mystisch-religiösen Formen, der frommen, sich ständig auf Gott
berufenden Sprache sozialkritische Anklagen, revolutionäre, gegen die
Privilegierten gerichtete Manifeste, die sozialistische Ideen
enthalten.
In Zeiten großer innerer
und äußerer Spannungen, angesichts wachsender Not der Armen und
weitgehender Konzentration des Reichtums in wenigen Händen, traten die
altisraelitischen Propheten auf, mahnten zur Umkehr, zur sozialen
Neuorientierung.
Im Jahre 765 v. u. Z.
erscheint einer der bedeutendsten dieser Propheten, Amos, auf einem
religiösen Fest und schleudert im Namen Gottes seinen Fluch gegen die
Reichen, deren Treiben das Land dem verdienten Untergang zuführen
werde. Er sagt unter anderem:
„Ich will Feuer in Juda
schicken, das soll die Paläste in Jerusalem verzehren.“
Aber die Propheten
beschränkten sich nicht darauf, die bestehende Gesellschaft
anzuklagen, ihre rechtlichen Einrichtungen zu demaskieren, die
Klassengegensätze bloßzulegen. Sie entwarfen auch immer unter Berufung
auf Gott die strahlende Vision einer sozialistischen Gesellschaft.
Jeder wird, so hieß es in ihren Prophezeiungen , friedlich unter einem
Weinstock oder Feigenbaum leben. Der Frieden zwischen Völkern wurde in
engen Zusammenhang gebracht mit der Aufhebung der sozialen
Ungerechtigkeit, der Privilegien der Reichen. Das Land sollten alle
zum Erbbesitz erhalten, und es unter den einzelnen – Einheimische wie
Fremde – verlosen.
Vom Gemeineigentum ist
freilich noch nicht die Rede. Bei dem damaligen, primitiven Stand
landwirtschaftlicher Produktion war die individuelle Bearbeitung des
Ackerlandes zweckmäßig. Die Propheten plädierten für einen
Sozialismus, der dieser niedrigen Stufe der Entwicklung der
Produktivkräfte entsprach. Aber ideengeschichtlich ist entscheidend,
dass sie die Privilegien der Reichen beseitigen wollten, eine
Gesellschaft ohne Klassenunterschiede herbeisehnten.
Da die Armen,
zersplittert und unfähig zu Aktionen, eine solche Gesellschaft nicht
erkämpfen konnten, blieb den Propheten nur der Glaube an die
Gerechtigkeit Gottes, an das Kommen eines Erlösers. Aber ihr
religiöser Glaube hinderte sie nicht, die Reichen und Mächtigen zu
verfluchen, ihnen zu drohen, zu versuchen, sie zumindest
einzuschüchtern, sie aus Angst nachgiebiger zu machen. Es war dies
eine eigenartige, den damaligen Gesellschaftsverhältnissen
entsprechende Form des Klassenkampfes, dessen Ideologen die Propheten
waren.
Dass das Christentum im
Römischen Reich Fuß fassen konnte und sich von Stadt zu Stadt
ausbreitete, erklärt sich aus dem gesellschaftlichen Niedergang und
dem Massenelend des städtischen Proletariats. Hunger, Elend und Not
waren so groß geworden, dass keinem Sterblichen, auch nicht dem
mächtigsten Kaiser, zugetraut wurde, hier Abhilfe zu schaffen. Nur
eine übermenschliche Macht, ein vom Himmel und von Gott Gesandter
könnte dies tun. Der Glaube an den Erlöser, der auf Erden das Paradies
errichten würde, war geboren, der Glaube an Jesus Christus.
Doch nicht nur der
gepredigte Hass auf die Reichen schaffte dem Christentum unter den
Armen ungeheure Popularität. Neben der Vision eines „Paradieses auf
Erden“, aus dem später Erlösung in einem Leben nach dem Tod wurde, war
es vor allem das praktische Wirken der Urchristen. Karl Kautsky
schildert in seinem Buch „Vorläufer des neueren Sozialismus“ ein
Beispiel für eine urchristliche Gemeinde, die Essener:
„Josephus berichtet,
„den Reichtum halten sie für nichts, hingegen rühmen sie sehr die
Gemeinschaft der Güter, und man findet keinen unter ihnen, der reicher
wäre als der andere. Sie haben das Gesetz, dass alle, die in ihren
Orden eintreten wollen, ihre Güter zum gemeinsamen Gebrauch darreichen
müssen, daher man bei ihnen weder Mangel noch Überfluss merkt, sondern
sie haben alles gemein wie Brüder. Sie wohnen nicht in einer Stadt
zusammen, sondern haben in allen Städten ihre besonderen Häuser, und
wenn Leute, die ihres Ordens sind, anderswoher zu ihnen kommen, teilen
sie mit denselben ihren Besitz, und diese können ihn wie ihr eigens
Gut gebrauchen. Sie kehren ohne weiteres beieinander ein, auch wenn
sie einander nie gesehen haben, und tun als ob sie ihr Leben lang in
vertrautem Verkehr gewesen wären. Wenn sie über Land reisen, nehmen
sie nichts mit als eine Waffe gegen die Räuber. In jeder Stadt haben
sie einen Gastmeister, der den Fremden Kleider und Lebensmittel
austeilt. (...) Sie treiben keinen Handel miteinander, sondern wenn
jemand einen, der einen Mangel hat, etwas gibt, empfängt er hingegen
wieder von ihm, was er bedarf. Und wenn er auch nichts dafür bieten
kann, so mag er doch ohne Scheu, von wem er will, begehren, was er
braucht.“
Es war dies also
wiederum ein Kommunismus des Konsumierens, der Genussmittel. Das
großstädtische Proletariat war der Arbeit entwöhnt, ihr Vorbild waren
die „Lilien, die nicht säen und nicht spinnen und doch gedeihen.“
Daher strebten sie nach Einführung eines völligen Kommunismus unter
Verdammung der Reichen. So heißt es in der Apostelgeschichte in der
Bibel:
„Alle wurden von Furcht
ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Zeichen und Wunder.
Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und
hatten vieles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon
allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie
einmütig im Tempel, hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des
Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der
Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden
sollten“
Aus dem
Lukas-Evangelium:
„Als Jesus das hörte,
sagte er: Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, verteil
das Geld an die Armen und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel
haben; dann komm und folge mir nach! Der Mann aber wurde sehr traurig,
als er das hörte; denn er war überaus reich. Jesus sah ihn an und
sagte: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich
Gottes zu kommen. Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als
dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“
Aus der Bergpredigt,
Matthäus-Evangelium 5-7:
„Als Jesus die vielen
Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich zu seine Jünger
traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. (...)
Selig, die arm sind vor
Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden,
denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt
anwende, denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und
dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. (...)“
Doch diese Art von
Kommunismus lief darauf hinaus, dass alle Produktionsmittel in
Genussmittel verwandelt und an die Armen verteilt werden sollten. Wäre
dies konsequent betrieben worden, hätte das das Ende jeglicher
Produktion bedeutet. So kam es in der Praxis dazu, dass die
Produktionsmittel Privateigentum bleiben durften, die erzeugten
Produkte jedoch Gemeingut wurden. Damit konnten auch Wohlhabende zu
Christen werden, brauchten sie ja bloß Teile ihres Einkommens der
Christengemeinde abtreten. Schritt für Schritt wurden dadurch die
urchristlichen, sozialrevolutionären Ideen verwässert.
Noch ein Aspekt sei hier
erwähnt: Der Kommunismus des Konsums und Genusses verlangte auch nach
Aufhebung von Familie und Einzelehe, was auf zwei Wegen erreicht
werden konnten: durch Gemeinschaft der Frauen und Kinder oder durch
Verzicht auf sexuellen Verkehr, durch das Zölibat. Essener und
Urchristen wählten den zweiten Weg und huldigten der Ehelosigkeit und
Enthaltsamkeit. Allerdings, es gab auch vereinzelt christliche Sekten,
die die wesentlich lebenslustigere Form der Aufhebung von Ehe und
Familie lehrten und praktizierten (z. B. die Adamiten im 2.
Jahrhundert). Wenn es auch durch das Zölibat nicht gelang, das
Familienleben völlig aufzuheben, so waren doch die urchristlichen
Sekten bestrebt, es bis zu einem gewissen Grad einzudämmen. Gewisse
Tätigkeiten wurden daher gemeinsam verrichtet, so die Einnahme der
gemeinsamen Mahlzeiten.
33
3.3.
Zusammenfassung
1.
Die Entstehung und
Ausbreitung des Urchristentums wurzelt im Niedergang des Römischen
Reiches, vor allem in der ungeheuren Zahl an verarmten, im Elend
lebenden, städtischen Lumpenproletariern. Die Vorläufer des
Urchristentums reichen allerdings bis zu den altisraelischen Propheten
zurück.
2.
Angesichts des
Massenelendes findet die Lehre vom göttlichen Erlöser rasche
Verbreitung. Charakteristisch ist der abgrundtiefe Hass gegen die
Reichen. In den ersten urchristlichen Gemeinden wird versucht, durch
Gütergemeinschaft (Kommunismus des Konsums) das kommende „Paradies auf
Erden“ vorwegzunehmen. Die daraus abgeleitete Gemeinschaft von Frauen
und Kindern, also die Aufhebung der Familie und der Einzelehe wird
durch das Zölibat und durch Enthaltsamkeit versucht zu erreichen.
3.
Mit dem Anwachsen zur
Massenbewegung und dem Herausbilden einer Bürokratie sowie einer
Priesterschicht bei gleichzeitiger Zunahme an Macht und Reichtum
werden sozialrevolutionäre Inhalte kontinuierlich entschärft und
uminterpretiert. Die entstehende Amtskirche wird zur Stütze der
Herrschenden des Staates. Die Armen, Unterdrückten und Ausgebeuteten
werden auf ein besseres Jenseits verwiesen.
4.
Die sozialrevolutionären
Ideen leben an der Basis weiter und spielen immer wieder in der
Geschichte eine bedeutende Rolle, zum Beispiel in den
Ketzerbewegungen, der Reformation, den Bauerkriegen oder der heutigen
Befreiungstheologie in Lateinamerika.
5.
Während Christen sich
bei ihrem Eintreten für eine menschlichere, bessere Gesellschaft auf
religiöse Motive berufen, leitet sich der moderne Sozialismus von
historischen und soziologischen Erkenntnissen ab, die wissenschaftlich
überprüfbar sind, was bei religiösen Vorstellungen unmöglich ist.
4

4. Der mittelalterliche Kommunismus
41
4.1
Die gesellschaftlichen Voraussetzungen – Der Feudalismus
Die Sklavenwirtschaft
hatte in Römerreich zur Zeit der Germanenkriege immer mehr an Boden
verloren und war durch die Kolonenbauern ersetzt worden. Doch kaum
hatten sich die germanischen Stämme auf den Trümmern des Römerreiches
niedergelassen, drängten kriegerische Reiter- und Seevölker von allen
Seiten nach Europa: Awaren, Madjaren, Normannen, Slawen, Araber,
Sarazenen u. a. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert wurde Europa durch
ununterbrochene Kriegszüge überfallen und ständig bedroht. An die
Requirierung neuer Sklaven war nicht zu denken, vielmehr wurden die
Germanen selbst wieder beliebtes Objekt für Sklavenjäger und
-händler.
Die germanischen Staaten
mussten sich daher von vornherein darauf einrichten, ohne Sklaven zu
produzieren. Da es nicht an Land, sondern an Menschen, die dieses
bearbeiteten, fehlte, versuchten adelige und kirchliche Grundbesitzer,
die Bauern möglichst an ihr Land zu binden. Sie machten sie von sich
abhängig, zins- und dienstpflichtig. Dafür mussten die Besitzer den
Bauern all diejenigen Lasten abnehmen, die eine ordentliche
Bauernwirtschaft unmöglich machten, besonders den Kriegsdienst.
Riesige herrenlose Landstriche wurden von Kirche und Adel einfach in
Beschlag genommen und als Lehen (Leihgabe) an Getreue verteilt, die
dafür Kriegsdienste leisteten. Und auch diese trachteten ihrerseits
danach, möglichst viele Bauern anzuwerben. Alle Mittel, moralische und
unmoralische, gesetzliche und strafbare, wurden rücksichtslos im Kampf
um die Bauern und danach vor allem gegen die Abwerbung durch andere
Grundeigentümer eingesetzt. Die Bauern wurden an die Scholle
gefesselt, sie wurden Hörige.
Im Gegensatz zu den
Sklaven waren die Hörigen des Mittelalters aber nicht vollkommen
rechtlos. Ihre Leistungen und Lieferungen waren festgelegt (wenn sie
auch laufend von ihren Herren, den Äbten und Bischöfen
miteingeschlossen, schamlos betrogen wurden). Und: der Hörige war
nicht allein. Jeder Bauer, ob frei oder hörig, gehörte einer
Marktgenossenschaft an, in der er einen Rückhalt fand und Widerstand
leisten konnte – was zur Genüge auch getan wurde. Das ganze
Mittelalter ist voll von Klassenkämpfen zwischen Bauern und
Grundherren.
Noch besser jedoch ging
es den Städten. Sie hatten bald überall die Hörigkeit und
Grundherrlichkeit abgeschüttelt. Handel und Handwerk nahmen einen
raschen Aufschwung. Damit änderte sich der Charakter kommunistischer
und proletarischer Bewegungen. In der Antike gab es unterhalb des
Proletariats noch eine tiefergestellte Klasse: die Sklaven, von deren
Arbeit schlussendlich auch das Lumpenproletariat lebte.
Anders im Mittelalter:
das Proletariat war die unterste Klasse. Keine war mehr unter ihr, auf
deren Kosten sie leben könnte. Deshalb war der schmarotzende Teil, das
Lumpenproletariat, auch gering. Vielmehr entwickelten sich unter den
Handwerkern, die ihre Existenz und ihr Ansehen aus der Arbeit bezogen,
ein Kommunismus des Konsums, aber schon auf Basis eigener Arbeit und
die der GenossInnen, der sich stark auf urchristliche Ideen berief.
Und am Land, wo Haushalt und Produktion noch unter einem Dach
erfolgten, praktizierte man selbst in großen landwirtschaftlichen
Betrieben eine kommunismusähnliche Lebensweise. Dies war die
Grundlage, auf der der sogenannte „klösterliche Kommunismus“ entstand.
So ist das Mittelalter
voll von einer verwirrenden Vielfalt dieser auch „Ketzerbewegungen“
genannten, meist religiös verschleierten Bewegungen. Zum Verständnis,
warum gerade aus dem kirchlichen, religiösen Bereich zahllose
kommunistische Sekten entstanden, einige Vorbemerkungen:
Nachdem die
Christenverfolgungen aufgehört haben und die Kirche zur Staatskirche
geworden war, bildeten viele Christengemeinden gemeinsame Produktions-
und Lebensgemeinschaften, die späteren Klöster. Mit dem Aufkommen von
Handwerk und Handel erwuchs diesen Klöstern bald arge Konkurrenz. So
hörten die Klöster auf, selber zu produzieren, aus
Produktionsgenossenschaften wurden Ausbeutergenossenschaften, die
ungeheure Reichtümer anhäuften. Am schlimmsten vor allem: der Papst
und seine Mannen. Bernt Engelmann beschreibt das in seinem
alternativen Geschichtsbuch „Wir Untertanen“, das
Geschichtswissenschaft „von unten“ betreibt, so:
„Korrupter als die
Kurfürsten waren nur noch die römischen Kardinäle jener Zeit, und
entsprechend waren auch die Päpste, die sie wählten: geldgierige,
genusssüchtige, absolut skrupel- und schamlose Gestalten, die vor
keinem Verbrechen zurückschreckten. Sie glichen mehr Mafia-Bossen
unserer Tage als einem Oberhaupt der abendländischen Christenheit mit
dem Anspruch, Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein.
Bei solcher Führung ist
es kaum verwunderlich, dass auch die kirchlichen Einrichtungen in
Deutschland völlig verkommen waren. Sie ähnelten, um bei dem Beispiel
der Mafia zu bleiben, in vieler Hinsicht deren Organisation, zumal
wenn sie mit immer neuen Tricks und Einschüchterungsmethoden
pfennigweise Millionen aus dem Volk pressten, nicht etwa zu gutem
Zweck, sondern nahezu ausschließlich zur Finanzierung des luxuriösen
und lasterhaften Lebens der Bandenchefs sowie deren Verwandtschaft,
Leibgarde, Gangsterliebchen und juristischen Ratgebern, sprich
Kurfürsten, deren Neffen, Nichten, unehelichen Kindern, Prälaten,
Offizieren, Mätressen und Räten. Und wie die Mafia heute, so scheute
damals die Kurie, wenn es um fette Pfründe, Erbschaften oder
politischen Einfluss ging, vor absolut nichts zurück, nicht vor Verrat
und Meuchelmord, nicht vor Ausrottung ganzer Sippen durch Gift oder
Dolch und auch nicht vor Wucher, Zuhälterei großen Stils, Hehlerei,
Mädchenhandel oder anderen unchristlichen, aber einträglichen
Verbrechen.
Bei alledem war die
niedrige Geistlichkeit, das Heer der Kapläne, einfache Mönche und
Laienbrüder, nur das Fußvolk, das mit den Krumen zufrieden sein
musste, die von der Herren Tisch fielen. Doch diese „ausführenden
Organe“ waren zugleich eine Landplage, denn ihnen oblag es ja, das
Geld einzutreiben, das ihre Oberen verprassten.“
Auf diesem Boden fanden
alle, die gegen Reichtum und Ausbeutung predigten, reichlich
Anhängerschaft. Auch innerhalb der Kirche regte sich Widerstand gegen
den allmächtigen Papst. Urchristliche Ideale wurden neu verkündet,
Bettlerorden verdammten Reichtum und Besitz. Der Papst erklärte solche
Bewegungen zu „Ketzern“ und ließ sie durch die Inquisition
erbarmungslos verfolgen. Hunderttausende wurden „in Gottes Namen“ auf
dem Scheiterhaufen verbrannt, wegen ihrer angeblichen „Irrlehren“
verdammt, gefoltert und hingerichtet. Neben Orden wie dem der
Franziskaner, die die Kirche von innen reformieren wollten, gab es
Ketzerbewegungen, die gegen die Kirche kämpften und solche, die nur
für sich abgeschlossen nach eigenen Idealen leben wollten. Für den
Papst waren sie alle gleich: eine Bedrohung seiner Macht.
Es würde den hiesigen
Rahmen sprengen, im Detail auf die ungeheure Vielzahl dieser
Ketzerbewegungen einzugehen. Teilweise ist es auch sehr schwierig,
exakte Unterscheidungen zu treffen, gingen sie doch oft ineinander
über, spalteten sich, zerfielen und entstanden neu mit anderem Namen
und an einem anderen Ort. In der Regel lassen sie sich aber durch
folgende allgemeine Merkmale charakterisieren:
1. Diese
Bewegungen traten im Gewande religiöser Erneuerungsbewegungen auf, die
ihre Betonung stark auf urchristliche Ideale legten.
2.
Sehr oft
wurden die zunächst „nur“ religiösen Bewegungen zum
Kristallisationspunkt sozialer Unzufriedenheiten, Spannungen und
Konflikten. Bauernscharen schlossen sich ihnen häufig an. Dadurch
richtete sich der Kampf nicht mehr bloß gegen die Ausbeutung durch die
Kirche, sondern generell gegen jegliche Form von Ausbeutung, also auch
gegen die weltlichen Feudalherren. Diese Bauernkrieg beherrschten das
Bild des Mittelalters.
3.
Die
meisten der Ketzerbewegungen blieben lokal beschränkt, das heißt, sie
richteten sich nur gegen die lokalen Feudalherren. Die wirtschaftliche
Situation der Bauern, ihre schlechte Organisation und Bewaffnung
führte über kurz oder lang zu Niederlagen, die in entsetzlichen
Blutbädern endeten.
Ohne Anspruch auf
Vollständigkeit seien hier nur einige dieser Bewegungen genannt:
Waldenser, Katharer, Albigenser, Humiliaten, Beginen, Begharden,
Lollarden, Lombarden, Joachimiten, Patarener, Apostoliker,
lombardische Paupers, Arnoldisten, Wilhelmiten, Luziferianer,
Dolcinäer, Hussiten u. a. Die wohl bekanntesten waren die
aufständischen Bauern unter der Führung Thomas Münzers im sogenannten
„Deutschen Bauernkrieg“ sowie die Anhänger Jan Hus’ in Böhmen. Unser
Beispiel sind im Folgenden die Dolcinäer.
42
4.2
Die Dolcinäer
Im Jahr 1058 entstand in
Mailand eine sehr starke ketzerische und kommunistische Bewegung, die
Apostelbrüder. Sie ging von den untersten Volksschichten aus und
richtete sich gegen den reichen Klerus und den städtischen Adel. Die
Apostelbrüder predigten strenge Armut und Buße. Ihre Mitglieder gaben
jeden Besitz den Armen und lebten von milden Gaben. Rasch breitete
sich diese Bewegung nach Spanien, Frankreich und Deutschland aus und
wurde trotz streng geheimgehaltener Zusammentreffen zum großen
Ärgernis für die Kirche. Obwohl zunächst der Bruch mit der Kirche
vermieden wurde, setzten immer brutalere Verfolgungen durch das
Papsttum und seine Handlanger ein. Doch genau das Gegenteil deren
Intention trat ein. Der Bund löste sich nicht auf, sondern erhielt
stetig mehr Zulauf. Als ihr Gründer Gherardo Segarelli im Jahr 1300 am
Scheiterhaufen verbrannt wurde, trat an seine Stelle ein Mann, der die
Kirche das Fürchten lehren sollte: Fra Dolcino. Dolcino war selbst
Franziskanermönch, der sich aber 1291 den Apostelbrüdern anschloss.
Nachdem er aus dem Orden ausgetreten war, lernte er die Nonne
Margherita von Trenk kennen, begeisterte sie für seine Ideen und floh
mit ihr in die Lombardei, wo sich beide an die Spitze der
Apostelbrüder stellten, die von da an „Dolcinäer“ genannt wurden.
Dolcino rief zum Kampf gegen den Papst auf und setzte seine Hoffnungen
auf weltliche Herrscher, die Konflikte mit dem Papst hatten. Doch
Hilfe kam von ganz anderer Stelle: die Bauern erhoben sich und
stellten sich an Dolcinos Seite.
Die Gegensätze zwischen
Bauern und Grundherren hatten sich so verschärft, Unterdückung und
Ausbeutung waren so unerträglich, dass der Aufruf Dolcinos das
Pulverfass zur Explosion brachte. In Scharen liefen die Bauern zu den
Dolcinäern. 1303 begannen sie einen Aufstand gegen die Herrschenden,
der bis 1307 dauern sollte. Bald zog eine Armee von 5000 Männern und
Frauen durch Norditalien und errang Sieg um Sieg. Karl Kautsky
schreibt:
„Die Schwestern oder
Weiber waren weder ungeeigneter oder ungeschickter zu diesen
Heldentaten als die Männer. Sie steckten sich in Männerkleider, ließen
sich in der Reihe der Soldaten mit anführen und fochten ebenso mutig
und verzweifelt wie die Männer.
Die Ausbeuter der Gegend
vergaßen ihre internen Zwistigkeiten; die Bischöfe von Vercelli und
Novara sowie die dortigen Adeligen und Städte rüsten ein Heer gegen
die Aufständischen aus; aber der Feldzug endete mit völliger
Niederlage der Armee der Ausbeuter, die kaum hinter den Mauern der
Städte sicher waren.
Nun schwoll Dolcinos
Macht noch gewaltiger an – aber Dolcino, dieser so energische,
glänzende Feldherr, nutzte nicht den Moment, wo seine Gegner nicht
mehr wagten, ihm im offenen Feld entgegenzutreten, um weiter zu
marschieren und die Empörung allgemein zu machen, sondern er blieb in
dem Tal der Sesia, in dem die Empörung begonnen hatte, und begnügte
sich, Klöster, Landsitze und Städtchen zu plündern und zu zerstören.“
Gerade die Bauern
sollten Dolcinos Verhängnis werden. Die Apostelbrüder träumten von der
Umgestaltung der gesamten Gesellschaft, die Bauern hingegen konnten
diesen Idealen nur teilweise etwas abgewinnen. Schon kleine
Zugeständnisse der Grundherren – weniger Abgaben, Verzicht auf gewisse
Dienste – genügten, um sie zufrieden zu stellen. Und noch etwas kam
hinzu: die Bauern hatten nur lokale Interesse, den Aufstand ins ganze
Land zu tragen, daran lag ihnen nichts. So erhob sich Landstrich um
Landstrich, jeder für sich allein, und schloss für sich allein wieder
Frieden. In dieser Zersplitterung war es ein leichtes für die
päpstliche und weltliche Zentralmacht, ihre Gegner schließlich
niederzuwerfen. Dolcinos Schicksal war besiegelt. Kautsky dazu:
„Die kommunistische
Erhebung blieb eine lokale; aber ihre Gegner wussten wohl, dass sie
mehr als lokale Bedeutung habe. Die große internationale Macht der
damaligen Zeit, das Papsttum, griff ein und organisierte einen
Kreuzzug gegen die Rebellen. Und nun war deren Schicksal besiegelt. Da
sie sich in der Ebene nicht mehr halten konnten, zogen sie sich ins
Gebirge zurück, von wo aus sie einen Guerillakrieg mit den
Kreuzzüglern unterhielten. Dolcinos glänzendes Feldherrntalent und das
Heldentum seiner Genossen leistete Bewundernswürdiges in diesem
Kampfe. Nur ein Beispiel: Einmal wollten 200 Bürger von Trivero eine
plündernde Schar der Dolcinisten angreifen, wurden aber von 30 Weibern
in die Flucht geschlagen.
Mehrmals gelang es den
Bedrängten noch, ihre Gegner in offener Feldschlacht zu schlagen,
öfter fügten sie ihnen großen Schaden durch Hinterhalte und
Überrumpelungen zu. Aber trotzdem schloss sich der eiserne Ring der
Bedränger immer fester um die kommunistischen Schwärmer, die
gleichzeitig immer mehr jeden Halt unter dem Landvolk verloren, das
anfing, sie zu hassen wegen der Verwüstungen und Leiden, die der Krieg
über das Land verhängte.
Das Kreuzheer
verzichtete darauf, sie mit Waffen zu besiegen, und beschränkte sich
darauf, sie auszuhungern (im Winter 1306 bis 1307).
Ihre Sache war verloren,
aber ihr Widerstand dauerte fort. Und so groß war die Furcht vor
diesen kühnen Streitern, dass die belagernde Soldateska, trotz ihrer
Übermacht, erst dann den Mut zum Sturme auf die belagerte Stellung
fand, als einige Überläufer verrieten, dass die Eingeschlossenen vor
Schwäche unfähig geworden seien, ihre Waffen zu gebrauchen.
Am 23. März 1307
erfolgte der Sturm. Ein Schlachten war’s und keine Schlacht zu nennen.
Die Belagerten weigerten sich, Pardon zu nehmen, sie rafften ihre
letzten Kräfte zu einem Kampfe der Verzweiflung zusammen, aber die
meisten von ihnen waren so schwach, dass sie nicht einmal mehr stehen
konnten, und so bildete ihr Widerstand nur den Vorwand für ein
furchtbares Blutbad. Von den 1900, die bis zum Schluss ausgehalten
hatten, wurden fast alle niedergemetzelt, wenige entkamen und nur
wenige wurden gefangen genommen, darunter Dolcino und Margherita,
deren Schonung der Bischof ausdrücklich befohlen hatte, das ihm der
schnelle Tod auf dem Schlachtfeld zu geringe Strafe für sie zu sein
schien.
Der Jubel aller
päpstlich Gesinnten über das endliche Ausstampfen des gefährlichen
Feuerbrandes war groß. Äußerlich war die Erhebung eine rein lokale
gewesen, aber das Papsttum begriff ihre internationale Bedeutung
besser als die Bauern des Dalfesia.
Ein Triumph blieb jedoch
der siegreichen Kirche versagt. Was ihr so oft gelungen, hier
versuchte sie es vergeblich, die Ketzer durch Folterqualen zum
Widerruf der Irrlehren zu bewegen. Standhaft trotzten Dolcino und
Margherita den Martern, die der grausame Richter über sie verhängte;
kein Laut des Schmerzes entfuhr dem gläubigen Weibe, kein Wort der
Klage noch des Unwillens ihrem hartherzigen Leidensgenossen. Nicht das
Schinden und Lodern von Teilen ihrer Körper, nicht das Zerquetschen
und Stacheln mittels Torturpillen und Zangen konnten den gepressten
Lippen Widerruf oder Flehen abnötigen.
Sie wurden zur
gewöhnlichen Strafe für Ketzer, zum Flammentod verurteilt. Dolcinos
Hinrichtung fand am 2.
Juni 1307 in Vercelli statt.
Margherita war
verurteilt, der Exekution zuzusehen. Auch in diesem entsetzlichen
Moment blieb das heldenmütige Weib standhaft. Noch einmal, aber ebenso
vergeblich wurden beide zum Widerruf ermahnt, worauf, des
Unglücklichen Seelenqual zu steigern, die Knechte Margherita ergriffen
und an ihr auf einem Gerüst, dem Lohfeuer des Scheiterhaufens von
Dolcino gegenüber, während der Agonie desselben jeden Spott und
Torturmechanismus übten. Margherita wurde später in Biella verbrannt.
So endete die erste kommunistische Erhebung in der mittelalterlichen
Gesellschaft.“
43
4.3.
Zusammenfassung
1.
Das ganze
Mittelalter ist geprägt durch Auseinandersetzungen zwischen Bauern und
Grundherren, weltlicher Macht und Papsttum, innerkirchlichen
Auseinandersetzungen und nationale Gegensätze.
2. Eine
Vielzahl von sogenannten „Ketzerbewegungen“ versuchen die Kirche auf
ihre urchristlichen Werte zurückzuführen, predigen Armut,
Besitzlosigkeit und verdammen vor allem das habgierige, prunksüchtige
Papsttum und seine Amtskirche. Diese jedoch verfolgen die Ketzer
unerbittlich mit der Inquisition.
3. Gerade die
Kirchenreformbestrebungen sind oft der Anlass für Bauernaufstände.
Diese nehmen die Kritik an der besitzenden Kirche ernst und weiten sie
auf alle Besitzenden aus. Den Herrschende gelingt es immer wieder die
schlecht ausgerüsteten unkoordiniert vorgehenden Rebellen
niederzuschlagen.
4. Einzelne
Bewegungen versuchen die Kirche von innen zu reformieren, andere
bekämpfen sie mit allen Mitteln, dritte versuchen für sich allein
kommunistischen Lebensweisen zu realisieren. Allen gemeinsam ist ihre
tiefe Gesellschaftskritik und die Suche nach Formen gemeinschaftlichen
Zusammenlebens.
5
5. Utopia
–
Die Insel des Thomas Morus
51
5.1
Thomas Morus und seine Zeit
England machte zur Zeit
von Thomas Morus (im 16. Jahrhundert) gigantische ökonomische
Umwälzungen durch. Die feudale Gesellschaft verfiel mehr und mehr und
musste dem aufkommenden Kapitalismus Platz machen. Das Ende der
Leibeigenschaft brachte neue Formen des Produzierens mit sich. Da
keine Leibeigenen (und damit keine Abgaben an die Grundherren) mehr
existierten, musste anstelle dieser die Arbeit von LohnarbeiterInnen
verrichtet werden. Die Grundherren zogen es daher aus Kostengründen
vor, ihren Boden entweder zu zerstückeln und zu verpachten oder den
gesamten Grund einem kapitalistischen Großpächter zur Bearbeitung
überlassen.
Zur selben Zeit erlebte
die englische Wollindustrie und damit die Schafzucht einen ungeheuren
Aufschwung. Schafzucht wurde zum einträglichsten Erwerb. Also gingen
die Grundherren dazu über, Bauern und Pächter rücksichtslos zu
vertreiben und aus Ackerland riesige Weidegebiete zu schaffen. Das und
die Tatsache, dass Schafzucht nur sehr wenige ArbeiterInnen brauchte,
führte dazu, dass das Proletariat rasend schnell anwuchs. Da aber die
Industrien noch nicht existierten, die diese Massen als Arbeitskräfte
benötigt hätten, verbreitete sich ein noch nie dagewesenes Massenelend
über England. Es erschreckte und beschäftigte alle, die daraus nicht
unmittelbar Gewinn zogen und wurde zur brennenden sozialen Frage.
Die Antwort darauf fiel
folgendermaßen aus: von unten, der „Basis“, erlebten kommunistische
Sekten eine Wiederbelebung, erreichten aber nie größere Bedeutung. Von
oben, den Herrschenden, reagierte man darauf mit einer beispiellos
grausamen, brutalen und zynischen Gesetzgebung, der
„Blutgesetzgebung“.
Wer also arbeitslos (und
daher meistens bettelnd) erwischt wurde, wurde verhaftet, bis aufs
Blut ausgepeitscht und musste schwören „sich an die Arbeit zu setzen".
Welch unüberbietbarer Zynismus: Dieses Gesetz aus dem Jahr 1530 wurde
1536 wegen Wirkungslosigkeit verschärft: bei zweiter Ertappung wurde
die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten. Beim
dritten „Rückfall“ wurde der betroffene als „schwerer Verbrecher und
Feind des Gemeinwesens“ hingerichtet. Unter König Heinrich VIII.
(1509-1547) wurde auf diese Weise laut Chronik an 72000 Personen das
Todesurteil vollstreckt. Eine wahnwitzige Methode zur Lösung des
Arbeitslosenproblems. Nur ein einziger –Thomas Morus – war kühn und
weitsichtig genug, über kommunistische Sekten und Blutgesetzgebung
hinauszudenken und einen Staat zu ersinnen, der den Weg zum
Fortschritt wies.
Morus wurde 1478
geboren, studierte in Oxford und erlangte dort eine umfassende
humanistische Bildung, die er Zeit seines Lebens vertiefte. Durch
Zwang seines Vaters ergriff er den Rechtsanwaltsberuf und wurde
angesehener Advokat Londoner Kaufleute. Diese Kontakte vermittelten
ihm tiefe Einblicke in die ökonomischen Zusammenhänge Englands. 1504
wurde er Parlamentarier. Er reiste als englischer Gesandter in die
Niederlande, wo er „Utopia“ schrieb. In diesem Buch geht er im ersten
Teil seiner Kritik an Englands Verhältnissen an Schärfe und
Eindringlichkeit an äußerste Grenze dessen, was er als anerkannter
Politiker sagen konnte, ohne seinen Kopf zu riskieren. Morus’ Buch
erregte in weiten Kreisen der Bevölkerung großes Aufsehen. 1518 wurde
er an den Hof des Königs berufen und bekleidete dort verschiedene
Funktionen (heute vergleichbar mit Ministerämtern), 1529 wurde er
Lordkanzler und somit Regierungschef. 1535 wurde er nach einem
Konflikt mit dem König wegen dessen Ehescheidungsplänen enthauptet.
Thomas Morus war einer
der bedeutendsten Humanisten. Er vereinte tiefe Einsicht in die
ökonomischen Verhältnisse seiner Zeit mit einer umfassenden
humanistischen und philosophischen Bildung sowie praktischer
politischer Erfahrung in seiner Person. Trotzdem war er alles andere
als ein Freund der Volksbewegungen. Vielmehr setzte er auf die
Einsicht des Königs, von dem er sich Verbesserungen und Reformen
erhoffte, die jedoch nie eintraten.
52
5.2.
Die Insel Utopia
Bürgerliche Gelehrte
hatten Morus’ Werk als „heiteren Scherz einer heiteren Seele“, als
„phantastisches Gedankenspiel“, als „amüsante Abwandlung von Platons
Idealstaat“ u. ä. bezeichnet und damit ihre Unfähigkeit in
Einschätzung und Erkennen der Bedeutung dieser Schrift offenbart.
Morus’ Staatsidee stellte eine völlig neue Stufe frühsozialistischer
Werke dar. Bislang waren nur der kommunale Kommunismus (Urchristentum,
Ketzerbewegung) und ein Kommunismus, der sich auf einen Teil der
Bevölkerung beschränkt (wie Platons Wächtergemeinschaft), bekannt.
Morus war der erste, der den Kommunismus auf den ganzen Staat
ausdehnte und die Basis des Gemeineigentums an Produktionsmitteln
voraussetzte.
Morus hat – wie Platon –
sein Werk in Form eines Gespräches aufgebaut. Die scharfe Kritik an
den bestehenden Verhältnissen Englands und die tiefe Sympathie für
einen kommunistische Gesellschaft legt Morus dabei einer fiktiven
Person, Raphael Hythlodaeus, in den Mund. Er selbst hingegen trat in
dieser Schrift als Anhänger des Bestehenden auf, wahrscheinlich aus
Rücksicht auf seine berufliche Stellung.
Die Erzählung beginnt
mit Morus’ Bericht von seiner Reise in die Niederlande 1515. Bei einem
Besuch bei seinem Freund Peter Giles lernt er einen weitgereisten und
hochgebildeten Seefahrer, eben Raphael Hythlodaeus, kennen. Im
Gespräch fragt ihn Morus, warum er seine Kenntnisse nicht in den
Dienst eines Fürsten stelle. Damit ist Gelegenheit gegeben, Englands
Verhältnisse tiefgreifend zu kritisieren. Dann schildert Hythlodaeus
den Staat Utopia und das Leben seiner Bewohner.
Ackerbau, Handwerk –
Arbeitszeit
Ackerland ist den
Städten so zweckmäßig zugeteilt, dass keine auf irgendeiner Seite über
weniger als zwölf Meilen Bodenfläche verfügt, wohl aber jede da und
dort über beträchtlich mehr, nämlich an den Stellen, wo die Städte in
weiteren Abstand auseinanderliegen. Keine Stadt wünscht ihr Gebiet
auszudehnen; denn sie betrachten sich nur als Bebauer, nicht als
Besitzer dessen, was sie haben. Auf dem Land finden sich Höfe, die
über die Felder hin zweckmäßig verteilt und mit landwirtschaftlichen
Geräten ausgestattet sind; bewohnt werden sie von Städtern, die
abwechslungsweise dorthin übersiedeln. Kein bäuerlicher Haushalt
besteht aus weniger als vierzig Männern und Frauen, wozu zwei
grundhörige Sklaven kommen; an der Spitze eines jeden wird ein
zuverlässiger, erfahrener Hausvater und eine ebensolche Hausmutter
gestellt. Je dreißig Haushaltungen unterstehen einem Phylarchen. Aus
jedem ziehen jährlich zwanzig Personen in die Stadt zurück, nämlich
die, die ihre zwei Jahre auf dem Land abgeleistet haben; an ihre
Stelle treten ebenso viele Neue aus der Stadt, um von denen, die ein
Jahr dort waren und sich deshalb auf Landwirtschaft besser verstehen,
eingedrillt zu werden und im folgenden Jahr andererseits andere
anzulernen. Man verhütet damit, dass alle dort gleicherweise Neulinge
und im Bauern ungeübt sind und infolge ihrer Unkenntnis die Ernte
verpfuscht wird. An diesem Brauch, die Bauern ständig zu wechseln,
halten sie zwar als Regel fest, damit niemand gegen seinen Willen
gezwungen sei, ein etwas anstrengenderes Leben länger fortzusetzen;
viele aber, die von der Natur aus Freude an der Landwirtschaft haben,
dürfen auf ihre Beute mehr als die Pflichtjahre dort zubringen.
Die Bauern besorgen das
Feld, ziehen Vieh auf, rüsten Holz zu und führen es auf dem bequemsten
Wege in die Stadt, zu Wasser und zu Lande.
Wiewohl sie wissen – sie
können dies nämlich ganz genau wissen – wieviel Lebensmittel ihre
Stadt samt Umgebung konsumiert, so säen sie doch viel mehr aus und
ziehen mehr Tiere auf als für den Bedarf ihrer eigenen Leute, um den
Überschuss den Nachbarn zukommen zu lassen. Alle Gerätschaften, die
auf dem Lande fehlen, fordern sie bei der Stadt an, und ohne langes
Austauschen und ohne Schererei, erhalten sie das Nötige von den
städtischen Behörden; denn jeden Monat, meist an einem Festtag, trifft
man sich zu einer Besprechung. Steht die Ernte bevor, so melden die
bäuerlichen Phylarchen den Behörden in der Stadt, wie viele Bürger zu
ihnen herauszuschicken wären; da die verlangte Zahl genau auf den
Termin zur Verfügung steht, erledigen sie die ganze Ernte sozusagen an
einem einzigen schönen Tag.
Allen Männern und Frauen
ist eine Tätigkeit gemeinsam: der Ackerbau; auf ihn versteht sich
jeder Staatsbürger, von Jugend auf lernt ihn jeder, teils in der
Schule theoretisch, teils praktisch auf den der Stadt benachbarten
Ländereien, wohin man die Kinder wie zum Spazierengehen hinausführt –
sie schauen aber nicht nur zu, sondern legen auch Hand an, was
gleichzeitig eine sinnvolle körperliche Übung abgibt. Außer für den
Ackerbau, den – wie gesagt – alle kennen, wird jedermann für eine
besondere Tätigkeit ausgebildet. In der Regel handelt es sich um die
Herstellung von Wolltuch oder Leinwand oder um den Beruf des
Steinmetzen, des Schmieds oder des Zimmermann; denn sonst gibt es dort
kein Handwerk, das eine nennenswerte Zahl von Leuten beanspruchte –
die Kleider nämlich stellt sich jede Familie selbst her.
Von den erwähnten
anderen Berufen lernen sämtliche Utopier einen, die Frauen so gut wie
die Männer; doch üben jene als die Schwächeren die leichteren
Tätigkeiten aus. Gewöhnlich stellen sie Wolltücher und Leinwand her;
den Männern sind die übrigen, anstrengenderen Arbeiten anvertraut. In
der Regel lernen alle den Beruf des Vaters, weil es die meisten von
Natur dazu zieht. Gelüstet einen etwas anderes, so wird er in
irgendeine Familie innerhalb des Handwerks, für das er schwärmt, durch
Adoption eingereiht, wobei nicht nur sein Vater, sondern auch die
Behörde darauf sieht, dass er unter die Gewalt eines soliden und
angesehenen Familienvorstandes kommt. Wünscht einer noch einen zweiten
Beruf zu erlernen, nachdem er in einem anderen ausgebildet ist, so
darf er das, beherrscht er dann beide, so übt er aus, welchen Beruf er
will, außer wenn die Stadt den einen mehr benötigt als den anderen.
Weil sie nämlich de
Arbeit nur während sechs Stunden obliegen, meint man vielleicht, es
müsse Mangel an de notwendigen Dingen entstehen. Dem ist aber nicht
so, vielmehr bleibt zur Herstellung aller Erzeugnisse, die
unentbehrlich oder zweckmäßig sind, nicht nur genug, sondern übergenug
Zeit.
Weil also alle ein
nützliches Handwerk treiben und diesen selbst mit weniger Arbeit
auskommt, können sie bei dem Überfluss an allen Erzeugnissen, ohne
weiteres etwa zur Ausbesserung der Straßen, wenn diese abgenützt sind,
eine gewaltige Menge Arbeiter auf die Beine bringen; gibt es nicht
einmal Derartiges zu tun, so setzen sie oft auch offiziell die
Arbeitszeit herab; denn die Behörden schinden die Bürger nicht mit
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