1)
Vorgeschichte der Gründung einer vierten Partei
Nach dem 2. Weltkrieg beherrschten drei politische
Parteien die politische Landschaft der jungen zweiten österreichischen
Republik. Diese drei vom Alliierten Rat geduldeten Parteien waren die
Österreichische Volkspartei (ÖVP), die Sozialistische Partei
Österreichs (SPÖ) und die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ).
Aufgrund der Verbotsgesetze wurden ehemalige
Nationalsozialisten vom aktiven politischen Leben ausgeschlossen.
Neben diesen Menschen gab es auch orientierungslose Kriegsheimkehrer,
Volksdeutsche aus anderen Ländern und national - liberal eingestellte
Bürgerliche, die in diesen drei politischen Gruppen keine Heimat
fanden. Dieses Gemisch bildete die sogenannte außerparlamentarische
Opposition und stellte sich als “latentes Stimmenreservoir einer
deutschnational gefärbten Partei”[1]
heraus. Nachdem im März 1948 von der österreichischen Regierung
beschlossen wurde, minder belastete ehemalige Nationalsozialisten
wieder wählen zu lassen, begann ein allseitiges Werben um diese
Wähler, auch von den Großparteien selbst.
1.1) Gegner der
NS-Gesetze aus dem nicht-nationalsozialistischen Lager
Ab 1947 ist in der öffentlichen Debatte ein neuer
Trend zu beobachten. Viele Intellektuelle und vor allem Journalisten
traten dafür ein, der außerparlamentarischen Opposition die Gründung
einer eigenen Partei aus staatspolitischen Gründen zu erlauben. Die
Grundidee der Befürworter war es, diese Menschen in das politische
Leben zu integrieren und sie so für die Österreichische Staatsidee zu
gewinnen. Vertreter dieser Denkrichtung waren unter anderen Herbert A.
Kraus und Viktor Reimann. Als Herausgeber der Zeitschrift “Berichte
und Informationen” verbreitete Kraus in seinen Artikeln die Meinung,
dass es aus Gründen der Anständigkeit und Versöhnung notwendig wäre,
die NS Verbotsgesetze aufzuheben. Darüber hinaus vertrat er die
Meinung, dass der Wahlausschluss der ehemaligen Nazis gegen die
demokratischen Grundprinzipien verstoße. Neben diesen
gesellschaftspolitischen Forderungen sah Kraus auch aus
wirtschaftspolitischer Sicht die Notwendigkeit einer neuen vierten
Partei. Mehr Kapitalismus, mehr Privatisierung und weniger
Verstaatlichte Industrie, sowie das Bekenntnis zur Leistungswirtschaft
sollte die neue vierte Kraft bringen.
Reimann war als Journalist bei den Salzburger
Nachrichten tätig. Seine politische Heimat war seit jeher das
nationale Lager. Der Katholik trat bereits 1939 der NSDAP bei. Später
trat Reimann dann zu einer oppositionellen katholischen Gruppe über
und wurde von den Nazis verhaftet und für über vier Jahre in ein
Konzentrationslager gesteckt. Aufgrund seiner KZ-Haft war Reimann im
Nachkriegsösterreich und vor allem bei den Alliierten über den
Verdacht der nationalsozialistischen Wiederbetätigung erhaben. Er
hielt die Nazi-Gefahr mit der Niederlage Hitlers gebannt und war davon
überzeugt, dass ehemalige Nationalsozialisten nicht an politische
Betätigung denken würden, wären sie in das politische System des neuen
Staates voll integriert. Er forderte daher in vielen Artikeln die
Beschränkung der NS Gesetze auf jene Personen, die während des Krieges
verbrecherische Taten setzten. Dieser Einstellung folgend kritisierte
er das Amnestiegesetz von 1948, weil es seiner Meinung nach “nicht
weitreichend genug war und noch immer zu viele Menschen vom Wahlrecht
ausgeschlossen waren”[2].
Mit ihren Forderungen nach einer Besserstellung für
ehemalige Nationalsozialisten sprachen die beiden prominenten
Journalisten vor allem die außerparlamentarische Opposition an. “Doch
auch unter Unternehmern und dem liberalen Bürgertum fanden sie mit
ihren wirtschaftsliberalen Konzepten viele Anhänger”[3].
1.2) Die
Verfassungstreue Vereinigung - VV
Diese Vereinigung war ein Sammelbecken für
ehemalige Nazis und Sympathisanten die der Meinung waren, dass die
Ausnahmegesetze verfassungswidrig seien. Gegründet wurde die VV im
Jahr 1948. Die österreichische Regierung verbot allerdings diese
Gruppe noch im selben Jahr wegen Wiederbetätigung. Dieses Verbot
wurden von Reimann und Kraus in ihren Zeitungen und Artikeln heftig
kritisiert. Daraufhin suchten die Mitglieder der jetzt illegalen VV
eine Annäherung an die beiden Journalisten. Obwohl vor allem Reimann
nicht ganz in dem Wunschkandidaten vieler ehemaligen Nazis entsprach,
überwogen doch die Vorteile, die eine Annäherung an die beiden für die
VV brachten. Sowohl Reimann als auch Kraus waren erklärte Gegner der
NS-Gesetze, deren Beseitigung ja das Ziel der VV war. Darüber hinaus
waren sie anerkannte und populäre Journalisten und aufgrund ihrer
Vergangenheit über den Verdacht der Wiederbetätigung erhaben. “Die
beiden Männer genossen das Vertrauen von Regierung und Alliierten”[4].
1948 begann sich also ein Zusammengehen der
liberalen Gegner der NS Gesetze um Reimann und Kraus, sowie der
ehemaligen Nationalsozialisten aus der Verfassungstreuen Vereinigung
abzuzeichnen.
2) Gründung
des Verbands der Unabhängigen - VdU
2.1) Die
Konstituierung des VdU
Das tatsächliche Zusammengehen der beiden Gruppen
vollzog sich am 26. März 1949 in Salzburg. Als Name wurde für die neue
Organisation Verband der Unabhängigen - VdU und zum ersten
Vorsitzenden Herbert A. Kraus gewählt. Man beschloss auch die
Einführung einer Parteizeitung namens “Neue Front”, deren
Chefredakteur Viktor Reimann wurde. Auffällig ist, dass der VdU
unüblicherweise ihren Hauptsitz nicht in Wien, sondern in Salzburg
hatte. Dies ist durchaus als Symbol für die ehemaligen
Nationalsozialisten zu sehen, deren Bewegung ja auch von Salzburg aus
in Österreich begann. Außerdem war Wien von den Russen besetzt. In
Salzburg hoffte man auf weniger Widerstand zu stoßen.
2.2) Die politische Herkunft der Parteiführung
Den Statuten folgend wurden Kraus vier
Stellvertreter zur Seite gestellt. Neben Viktor Reimann wurden die
drei ehemaligen NSDAP-Mitglieder J. Karoly, K. Hartleb und K. Winkler
in diese Funktion gewählt.
Die Verbandsleitung setzte sich zusammen
- aus nicht-nationalsozialistischen Intellektuellen
als Wortführer (Kraus und Reimann)
- ehemaligen Nazis, die sich noch immer nicht vom
NS Reich distanzierten wie Stüber, Pfeifer, Karoly, Hartleb und
Winkler. Alle diese Männer waren bereits 1932 bei der NSDAP und 1948
VV Mitglieder. Diese Hardliner bildeten den sogenannten “Gmundner
Kreis” und sahen sich als die wahren Vertreter des nationalen Lager.
- Heimkehrern und ehemaligen Wehrmachtssoldaten
(Oberst Gollob)
- Exponenten bereits bestehender, bisher politisch
heimatloser Gruppen, wie etwa den unabhängigen Betriebsräten
- ehemaligen Führern von Landbund und Großdeutscher
Volkspartei
Die ehemaligen Nationalsozialisten bildeten
gemeinsam mit den Heimkehrern eine prozentuelle Mehrheit in der
Verbandsleitung[5].
3) Die
Nationalratswahl 1949
3.1) Der Kampf um die
Zulassung
Bereits im Jahre 1944 beschloss der Alliierte Rat,
dass eine politische Partei erst von ihm genehmigt werden muss, bevor
sie zu einer Wahl zugelassen werden darf. Ziel dieser Verordnung war
es, die junge Republik und Demokratie keiner autoritären und
faschistischen Partei auszuliefern. Die ÖVP sah im VdU einen
Konkurrenten im bürgerlichen Lager und trat daher vehement gegen
dessen Zulassung zur Wahl auf. Die SPÖ hingegen, vor allem Adolf
Schärf und Oskar Helmer, intervenierte für eine Zulassung des VdU zur
Nationalratswahl 1949. Auch sie erwartete Stimmenverluste für die
Volkspartei. Tatsächlich wurde, nicht zuletzt aufgrund der Personen
Reimann und Kraus, dem VdU am 9. September die Erlaubnis erteilt, bei
den Nationalratswahlen 1949 als Wahlpartei anzutreten. Dem zufolge
trat der VdU bei der Wahl als WdU an. Es folgte ein intensiver
Wahlkampf in dem die WdU als totale Oppositionspartei auftrat.
Zielgruppe dieser von Kritik bestimmten Kampagne waren alle
Unzufriedenen der Zweiten Republik. In diesem Wahlkampf versuchten
übrigens auch die anderen Parteien, zum Teil auf beschämende Art und
Weise, die Stimmen der ehemaligen Nazis zu bekommen.
3.2) Das Wahlergebnis
Das ursprüngliche Ziel, alle ehemaligen Nazis als
Wähler zu gewinnen scheitere am intensiven Werben der anderen drei
Parteien. Dennoch errang die WdU einen beachtlichen Erfolg von 12% der
abgegebenen Stimmen. Dies entsprach 16 Nationalratsabgeordneten. Es
ist allerdings festzuhalten, dass die WdU-Wähler wenig gemeinsam
hatten”.[6]
4) Die
ersten Jahre des VdU im politischen System Österreichs
4.1)
Faschismusbegriff des VdU
Der VdU hatte ein natürliches Interesse die
Vergangenheit ihrer Zielgruppe, aber auch ihrer Funktionäre zu
entlasten. Dies erfolgte unter anderem durch eine besonderer Art der
Faschismusdefinition. Faschismus wurde sehr allgemein als Diktatur und
Unterdrückung Andersdenkender, Unterwerfung der Mehrheit durch eine
Minderheit, oder bloß als Hass, Intoleranz und „Geist der Rache“
charakterisiert.[7] Die
Erklärungen zum Thema Faschismus blieben immer ohne konkrete
Ausformungen und vor allem vollkommen vom Nationalsozialismus
losgelöst. In der Auffassung des VdU war nicht nur der
Nationalsozialismus faschistisch, sondern auch andere autoritäre
Systeme, wie der Stalinismus. Aber auch des „Rote Wien“ und die
damalige Regierung, die ehemalige Nazis das Wahlrecht verweigerte,
wurde von VdU Abgeordneten als faschistisch bezeichnet.[8]
Der Faschismusbegriff des VdU war das Produkt des
Wunsches, dem Nationalsozialismus und vor allem die Nazis zu entlasten
und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Dieser Begriff war
erforderlich, sowohl als Voraussetzung für die Argumentation gegen die
Entnazifizierungspolitik, als auch um die eigene politische Tradition
als 3. Kraft in der Tradition des nationalen Lagers der
Zwischenkriegszeit zu rechtfertigen.
4.2) Verharmlosung
des Nationalsozialismus
Eine bis heute beliebte Methode der Verharmlosung
des Nationalsozialismus ist die Gleichsetzung mit anderen politischen
Systemen. Beim VdU geschah dies aufgrund der bereits erläuteten
Faschismusdefinition. Mit der zum Teil absurden Gleichsetzung mit dem
Nationalsozialismus wurde dieser Verharmlost. So wurden zum Beispiel
die „KZ des Ostblocks als ärger als die der Nazi-Zeit“ bezeichnet.[9]
Das Programm der NSDAP wurde wegen seines „Idealismus“ gelobt.[10]
Eine weitere, sich bis heute haltende Verharmlosung des
Nationalsozialismus stellt die Betonung der angeblich guten
Wirtschaftsdaten dar. Folgendes Zitat eines VdU Abgeordneten im
Nationalrat soll dieses belegen: „Während des Krieges sind Steuern bis
zu 55% eingeführt worden, dafür ist aber schon 1938 und 1939 eine
Welle von Aufträgen in die Wirtschaft hineingekommen, .... heute haben
wir eine Steuer von 75 % und keine Welle von Aufträgen für die
Wirtschaft.“[11]
Unerwähnt blieben hier die, jeweils auf die Folgen des Faschismus
hinweisenden, Ursachen der unterschiedlichen ökonomischen Situation.
Gleichzeitig enthält diese Passage allerdings auch einen Hinweis auf
die gesellschaftlichen Gruppen, die vom Faschismus profitiert haben.
4.3) Widerstand
gegenüber der Entnazifizierung
Das gesamte Konstrukt an Faschismusdeutungen des
VdU konnte hier tagespolitisch genutzt werden. Es wurde versucht die
ehemaligen Nazis in die Reihe der Opfer des (neuen) Faschismus nach
1945 einzureihen. Die Grundthese lautet dabei, dass diese nicht für
die vom NS - Regime begangenen Verbrechen verantwortlich zu machen
seien, und daher nach 1945 nur aufgrund ihrer „politischen Gesinnung“[12]
verfolgt worden wären, und deshalb durch die Entnazifizierung im
selben Sinne, wie zuvor vom NS-Regime verfolgte Personen, Opfer
geworden seien. Häufig wurden dabei Nazis vom VdU als „Idealisten“[13]
dargestellt, die von der Parteispitze missbraucht worden seien.
Der Regierung in den ersten Jahre der 2. Republik
wurde deren demokratischer Charakter abgesprochen. vielmehr wurde die
2. Republik als „Koalitionsdiktatur“ oder als „Neofaschismus“
diffamiert.[14] Dieser
Argumentation folgend machte der VdU zu einer unterschiedslosen
Einstufung der Zeit zwischen 1934 bis 1949: „Wir lehnen die Hitlerzeit
genauso ab, wie die vorher und nachher.“[15]
Das eigentliche Faschismusproblem stellte dabei für
den VdU die Entnazifizierung dar, andere Faschismen gehörten der
Vergangenheit an, daher hätte sich demokratischer Widerstand hier zu
engagieren. Unter völliger Vernachlässigung der Ursachen, erschien so
die zeitlich begrenzte Ausschaltung der „Ehemalige“ aus dem
demokratischen Leben und den öffentlichen Institutionen als der neue
Faschismus.
5) Der VdU
ab 1950
Durch die radikale Oppositionspolitik des VdU
rückte die Regierungskoalition näher zusammen. Doch gerade diese
Oppositionsrolle war der einzige noch vorhandene Kitt des Verbandes.
In den 50ern erfolgten weitere Amnestierungen von ehemaligen
Nationalsozialisten. Die Großparteien warben weiterhin um diese
Menschen. Aufgrund der erreichten Integration lies in den 50ern
allmählich der Zustrom zum VdU nach.
5.1) Erste interne Konflikte im VdU
1950 brachen die ersten Konflikte innerhalb des
Verbandes auf. Kraus konnte sich nur knapp als Parteiobmann wieder
durchsetzten, Reimann hingegen wurde als Stellvertreter nicht wieder
gewählt. Der Ultranationale Scheuch wurde an seiner Stelle
Stellvertreter. Ein weiterer Rückschlag für Kraus war die Affäre
Gollob. Kraus schloss den ehemaligen Oberst aus dem Verband wegen
rechtsextremen Aussprüchen aus. “Auf Druck der Verbandsleitung musste
Kraus jedoch diesen Ausschluss rückgängig machen”[16].
1951 fand eine Bundespräsidentenwahl statt, bei
welcher der prominente Arzt Dr. Breitner als VdU-Kandidat auftrat.
Obwohl er im ersten Wahlgang einen gewissen Erfolg feiern konnte,
wurde die Frage nach einer Stimmempfehlung im zweiten Wahlgang zum
neuerlichen Zankapfel innerhalb des VdU.
5.2) Flügelkämpfe im
VdU
Das Grundproblem des VdU war das fehlende
eindeutige Profil. Obwohl die Führung um Kraus immer das Liberale und
Sozialreformistische in den Vordergrund stellte, war der
deutschnationale Gedanke immer vorhanden. Während Kraus und die Seinen
im Nationalen eine Art Lippenbekenntnis sahen, war die für den
Großteil der Funktionäre die elementare Frage. Einer weiteren Gruppe
ging es um die Nationalsozialisten, “deren Besserstellung sie als
nationale Aufgabe sahen.”[17].
6) Bündnis mit der "Aktion zur politischen
Erneuerung"
1952 wurde die ÖVP-Organisation “Junge Front” wegen
“zu weit rechts stehender Ideologie”[18]
aus der Volkspartei ausgeschlossen. Als eigenständige, allerdings noch
schwache Gruppe nannten sich diese Interessengemeinschaft von
ehemaligen Soldaten und Nazis “Aktion zur politischen Erneuerung”. Der
VdU nahm mit dieser Gruppe Verhandlungen auf, um sie zu einer Gruppe
des dritten Lagers zu machen. Diese Verschmelzung wurde beschlossen
und einer Abmachung zufolge sollte weder der damalige VdU-Obmann
Herbert A. Kraus, noch der Chef der Aktion, Dr. Srochwitz, Obmann des
neuen Verbandes sein. Diesem Beschluss Rechnung tragend wurde Max
Stendebach neuer Vorsitzender und Herbert Kraus wurde einer der
Stellvertreter. “Alles in allen war dies ein Ruck nach Rechts, weil
auch der extreme Stüber zum Stellvertreter gewählt wurde”[19].
7) Die Nationalratswahl 1953 und die
erste Chance auf Regierungsbeteiligung
Der VdU trat gemeinsam mit der Aktion wieder als
WdU an. Im Wahlkampf präsentierte sich die WdU als deutschnationale
Opposition, die vor allem die SPÖ attackierte, weil man in der ÖVP
einen möglichen Koalitionspartner sah. Das Ergebnis dieser Wahl war
allerdings enttäuschend. Die WdU erreicht trotz Fusion mit der Aktion
nur mehr 10,4 % der Stimmen und verlor zwei Nationalratsmandate. Drei
Hauptgründe werden für diese Niederlage genannt: Die ehemaligen Nazis
sind mittlerweile in auch in allen anderen Parteien integriert. Der
VdU erschien den Wählern als zerstrittener Haufen und das Bündnis mit
der rechts -konservativen Aktion schreckte viele Antiklerikale und
Liberale ab.
Trotzdem wurden nach dieser Wahl
Koalitionsverhandlungen geführt, in denen “auf Vorschlag der ÖVP”[20]
auch der VdU integriert wurde. Allerdings lehnte es der damalige
Bundespräsident Theodor Körner ab, den VdU mit Regierungsvollmacht
auszustatten.
Zuvor gab es neben Widerstand an einer VdU-Regierungsbeteiligung
aus den Reihen von SPÖ und ÖVP auch Gegner aus dem VdU selbst. Getreu
dem Motto: “Wie wollen nicht mitarbeiten, sondern das System
stürzten!”[21], trat vor
allem Stüber vehement gegen eine Regierungsbeteiligung des Verbandes
auf. Dieser Konflikt vertieft die Gräben zwischen liberalen und
nationalen Flügel des Verbandes. 1953 schließlich wird Stüber sogar
aus der Partei ausgeschlossen. Um die “Nationalen etwas zu
besänftigen"[22] wird
1954 ein neues Parteiprogramm, das sogenannte "Ausseer Programm",
beschlossen, in dem Österreich als deutscher Staat bezeichnet wird,
dessen Politik zum Nutzen des gesamten deutschen Volkes zu sein hat.
8) 1955: Staatsvertrag und Wiederbelebung
der nationalen Basis
1955 war ein Wendepunkt im nationalen Lager.
Einerseits konnten jetzt ohne Kontrolle durch die Alliierten Artikeln
und Aufsätze verfasst werden, andererseits war das Fernziel
Zusammenschluss mit Deutschland unmöglich geworden. “Die VdU
Bundesverbandsleitung empfiehlt der VdU-Nationalratsfraktion
Zustimmung zum Staatsvertrag”[23].
Nach dessen Inkrafttreten meint Herbert A. Kraus, dass nun mit dem
Wegfall der Kontrolle durch die Alliierten der Weg für einen
Zusammenschluss mit “wichtigen neuen, für das politische Leben zu
gewinnenden Kräften”[24]
frei sei. In der Tat begannen sich nach dem Abzug der Alliierten eine
Vielzahl von nationalen Organisationen neu zu gründen. Der Ring
Freiheitlicher Studenten, die Landmannschaft, der Alpenverein und der
Österreichische Turnerbund sind nur einige dieser nationalen
Vorfeldorganisationen. An der Basis sammelten sich also wieder
vermehrt nationale Kräfte. Der nationale Flügel des VdU empfand dies
als Stärkung und wollte sich nicht länger mit einer Partei zufrieden
geben, die zwar nationale Grundsätze in ihrem Programm hatte,
allerdings auch liberale Kräfte im Führungsteam hatte.
9) Vom VdU
zur FPÖ
9.1) Der VdU in der
Krise
Nach der Landtagswahl von 1954 war aufgrund der
massiven Verluste des VdU klar, dass der Verband eine gravierende
Reform notwendig haben würde. Sein Ziel der Besserstellung der
ehemaligen Nationalsozialisten war im Grunde verwirklicht. Der VdU als
Mittel zum Zweck hatte sich überholt. Der Streit zwischen Liberalen
und Nationalen war immer ein öffentlicher gewesen, und so erweckte der
VdU bei der Bevölkerung nie ein einheitliches Bild. Seit 1953 drängte
sich der nationale Flügel im VdU immer mehr in den Vordergrund und
traute sich nun auch politisch aufzutreten. Nach 1955 fühlten sie
sich, gestärkt durch den Rückzug der alliierten Besatzungsmächte und
der damit verbundenen Wiederbelebung der nationalen Basis, stark
genug, um auf die liberalen Aushängeschilder Kraus und Reimann
endgültig verzichten zu können.
9.2) Anton
Reinthallers Freiheitspartei
Anfang 1955 gründete der ehemalige
nationalsozialistische Minister Anton Reinthaller ohne Absprache mit
dem VdU die national orientierte Freiheitspartei. Reinthaller trat
bereits 1930 vom Landbund zur NSDAP über. Er war bis 1938 einer der
wichtigsten Vertreter der gemäßigten Nationalsozialisten. Unter
Seiß-Inquart wurde er Landwirtschaftsminister. Hitler holte ihn 1939
als Unterstaatssekretär ins Reichsministerium für Ernährung und
Landwirtschaft. Darüber hinaus war er SS-Obergruppenführer, Träger des
Ehrenwinkels der SS und des goldenen Abzeichen der NSDAP. “1950 und
1952 wurde er zu Haftstrafen wegen Hochverrates verurteilt”[25].
Reinthaller war also kein kleiner minder belasteter Mitläufer, sondern
ein überzeugter Nazi gewesen. Nun, nach seiner Haftentlassung und dem
Abzug der Alliierten strebte er mit seiner Freiheitspartei die
Neuordnung des nationalen Lagers an.
9.3) Die Gründung der
FPÖ
Die Freiheitspartei verstand sich selbst als
Übergangslösung. Ziel Reinthallers war es, aus allen nationalen
Kräften, also vor allem VdU und Freiheitspartei, eine gemeinsame
nationale Partei zu gründen. Am 6. 2. 1955 hielt der VdU seinen
Bundesverbandstag ab. Auf dieser Versammlung kam es zum endgültigen
Bruch zwischen Liberalen und Nationalen. Aus Protest zogen die rechten
Landesparteiobmänner von Tirol, Kärnten und der Steiermark aus. Mit
ihnen verließen weitere 44 der 148 Delegierten den Parteitag. Im Juni
1955 trat der VdU Kärnten geschlossen zur Freiheitspartei über. Kurze
Zeit später folgten die Landesorganisationen Salzburg und Vorarlberg
dem Kärntner Vorbild. Zulauf bekam Reinthaller auch von einer Gruppe
um Fritz Ursin und einer Gruppe von Anhängern Stübers, die sich der
Freiheitspartei anschlossen. Aufgrund dieser Situation begann der VdU
mit der Freiheitspartei zu verhandeln. Im Herbst 1955 trat bei der
Landtagswahl in Oberösterreich zum ersten Mal die “Freiheitliche
Wahlgemeinschaft” an. Diese Wahlgemeinschaft wurde zur Grundlage einer
neuen Partei. Vollzogen wird diese Parteigründung am 17. Oktober 1955.
“An diesem Tag beschließen Stendebach und Reinthaller die Fusion von
VdU und Freiheitspartei zur Freiheitlichen Partei Österreichs, FPÖ”[26].
Die beiden Obmänner einigten sich auf den ehemaligen Nazi Franz Rainer
als Übergangsvorsitzenden bis zum ersten Parteitag 1956. Zu dessen
Stellvertretern wurden Reinthaller, Stendebach und Gredler bestimmt.
Vorläufig war eine Doppelmitgliedschaft bei VdU und Freiheitspartei
erlaubt. Am 7. und 8. April fand schließlich der konstituierende
Parteitag der FPÖ im Wiener Hotel "Weißer Hahn" statt. Auf diesem
Parteitag fielen einige Richtungsweisende Entscheidungen. Als Obmann
kandidierten Anton Reinthaller und der von Herbert A. Kraus massiv
unterstütze Max Stendebach. Das Wahlergebnis war eindeutig: Von 124
Delegierten gaben 117 Reinthaller und 3 Stendebach ihre Stimme. Zu
Reinthallers Stellvertretern wurden Stendebach, Gredler und eine
weiterer ehemaliger Nazi, nämlich Zechmann gewählt. Reinthaller hatte
sein Ziel, eine neue nationale Partei mit nationaler Führung zu
bilden, erreicht. Kraus hingegen war endgültig gescheitert. Kurz
nachdem Reinthaller zum Obmann gewählt worden war, traten einige
Liberalen aus der Partei aus, unter ihnen Herbert Kraus und Viktor
Reimann. Sie begründeten diesen Schritt damit, dass die Partei von
Rechtsextremisten und Nationalsozialisten übernommen wurde, welche die
liberalen Kräfte der Partei eliminieren werden. Kraus wörtlich:
“‘Unter dem Titel einer Sammlung einer breiten Basis ist aber nun
eine vornehmlich auf die Vergangenheit ausgerichtete Partei auf
engster Basis entstanden. Die offiziellen Erklärungen der FPÖ von
‚Absage an den Extremismus’ und ‚Partei der Mitte‘ entspringen dem
Bedürfnis nach einer sehr notwendig gewordenen Tarnung‘”[27].Ein
ehemaliger hoher Funktionär der NSDAP war nun wieder ein Parteiführer
und somit Exponent des nationalen Lagers in Österreich. Aber er war
nicht der einzige vorbelastete Funktionär in der FPÖ, zahlreiche
andere waren es ebenfalls, wie z. B. Klaus Mahnert und Reinhold Huber,
die beide Blutordensträger der NSDAP waren, ersterer war auch
Gauleiter in Innsbruck[28].
10) Die FPÖ im politischen System
Österreichs
10.1) Die FPÖ unter Anton Reinthaller (1956-1958)
Reinthaller war vorerst auf das Obmann-Amt gar
nicht versessen, weil er fürchtete, dass er, als ehemaliger hoher
Funktionär des Hitlersystems, der Partei im Ansehen schaden könnte.
Doch unter anderem auch Bundeskanzler Julius Raab bestärkten ihn in
seiner Position und vermochten ihn dazu zu überreden, sein Amt auch
weiterhin auszuführen. Unter Reinthaller präsentierte sich die FPÖ
ausschließlich als konservativ-deutschnationale Kraft, an liberalem
Gedankengut hatten sie wenig Interesse. In ihrem ersten Parteiprogramm[29]
wird sogar das negative Bild des “Liberalismus alter Schule”
gezeichnet, indem behauptet wird, dass er “alles dem freien Spiel der
Kräfte überlassen wollte und damit die wirtschaftlich Starken
begünstige.”[30] Weiters
wurde die österreichische Nation als Konstrukt von 1945 abgelehnt und
man wolle alle Bestrebungen, die auf die Loslösung Österreichs vom
Deutschtum gerichtet sind, abwehren. Außerdem bekannte sich die FPÖ
“’zur sozialen Volksgemeinschaft’”[31],
was in der Tradition der deutschnationalen Gruppierungen der
Zwischenkriegszeit stand. In der Zwischenkriegszeit verband man damit
auch “eine negative Seite”, nämlich, dass volksfremde, schädliche
Einflüsse und Fremdkörper, z. B. das Judentum, abgewehrt werden
müssen."[32]. Nach
Reinthallers baldigem Tod 1958 übernahm sein “politischer Ziehsohn”[33]
Friedrich Peter die Partei.
10.2) Die liberalen
Ansätze der FPÖ unter Friedrich Peter
Nach Reinthallers Tod 1958 kandidierten unter
anderem auch drei ehemalige Nationalsozialisten um seine Nachfolge.
Neben dem letztlich gewählten Friedrich Peter, traten “der ehemalige
NSDAP-Bürgermeister von Wien, Hermann Neubacher”, und “der ehemalige
Nazi-General Rendulic”[34]
an. Friedrich Peter selbst war SS-Obersturmbannführer und gehörte der
1. SS-Infanteriebrigade an, die 1941/42 in der Sowjetunion hinter der
Front “Partisanen, tatsächliche und angebliche Unterstützer, vor allem
aber Juden” tötete[35].
Er bekannte schon zuvor, dass er freiwillig gegangen ist, “’und dem
Vaterland zu dienen, war zu keiner Zeit eine Schande‘”[36].
Andreas Mölzer schrieb zur Wahl von Peter, dass seine Vergangenheit
garantieren würde, dass er die politische Linie einhalten werde.
Durch den politischen Alltag der sechziger Jahre
musste sich der neue Parteiobmann Friedrich Peter etwas einfallen
lassen. Die FPÖ hatte, ebenso wie zuvor der VdU, kaum eine politische
Bedeutung und wurde von den Großparteien SPÖ und ÖVP nur als
Druckmittel missbraucht, aber kaum ernst genommen. Aus diesem Grund
fand in der Parteispitze ein Umdenken statt, wodurch sich die Partei
von der nationalen Linie etwas verabschiedete und liberalere
Positionen eingenommen wurden. Peter erkannte von Anfang an, dass die
größte Repression für eine Weiterentwicklung der Partei ihre nationale
Geschichte und die nationalen Traditionsverbände und
Vorfeldorganisationen darstellten, die der FPÖ ihren Nazigeruch
anhaften ließen. Durch dieses Umschwenken des politischen Kurses
fühlten sich die “deutschnationalen Kräfte” und Aktivisten aus den
“starken ‚nationalen’ Studentenbewegungen”[37]
vor den Kopf gestoßen. Diese radikalen Kräfte spalteten sich
schließlich von der FPÖ ab und gründeten die ‚Nationaldemokratische
Partei’. Diese Partei konnte trotz ihrer Einstellung aufgrund ihres
Extremismus den nationalen Teil der FPÖ nicht für sich einnehmen. 1988
wurde die vom Verfassungsgerichtshof wegen “Verstoßes gegen die
Bestimmungen des Staatsvertrages und des Verbotsgesetzes”[38]
verboten.
Nachdem die liberalere Position der Partei zu
keinem Wahlerfolg verhalf, wurde beim Bundesparteitag von 1968 klar,
dass Peter sich noch mehr vom Nationalismus distanzieren werde. Um vor
allem mit der SPÖ zu einer möglichen Kooperation zu gelangen, stellte
Peter zunehmend die (deutsch-)nationalen Wurzeln der Partei in Frage.
Der Deutschnationalismus als entscheidende Komponente verliert in der
Parteispitze immer mehr an Bedeutung. Das Ischler Parteiprogramm der
FPÖ von 1968 beschränkte das Deutschtum vorsichtig auf eine “Volks-
und Kulturgemeinschaft.”[39]
Dieser Umschwung ergab sich nicht zuletzt auch aus der Tatsache
heraus, dass Meinungsumfragen “ein zunehmendes Bekenntnis zur
österreichischen Nation auch bei FPÖ-Anhängern registrierten”[40].
Trotzdem machte sich das Nicht-loslassen vom
nationalen Gedankengut auch beim Parteiprogramm von 1985 bemerkbar.
Die Parteispitze schaffte es nicht, die liberalen Ideen in den
Parteiprogrammen umzusetzen und einen deutlichen Schlussstrich unter
den Nationalismus zu setzen. Die liberalen Parteiobmänner schafften es
immer nur ein Programm der Kompromisse zusammen zu stellen.
Erstmals bildete sich in dem 1971 konstituierten
“Attersee-Kreis” eine liberale Strömung in der Partei[41].
Dieser war von ehemaligen Funktionären des im Zuge der 68er Bewegung
für kurze Zeit liberal gewordenen RFS gegründet worden. Die Kritik
ihrerseits richtete sich vor allem gegen die betont
nationalkonservative Haltung der Führungsfunktionäre. Nach diesem
einigermaßen gelungenen Imagewandel der FPÖ, versuchte Peter auf
parteipolitischer Ebene den großen Durchbruch zur Regierungsfähigkeit
zu schaffen. Ein wesentliches Mittel dazu schien eine Wahlrechtsreform
zu sein, die ein Mandat für die FPÖ gleich “billig” machen sollte, wie
für die Großparteien. Wieder versuchte Peter die Annäherung an die
Großparteien, und auch mit Erfolg. Nachdem Vereinbarungen 1962 mit der
ÖVP nicht zur Zufriedenheit beider durchgesetzt werden konnten, gelang
Peter um so leichter die Zusammenarbeit mit der SPÖ im Jahre 1963.
Einer der größten Skandale während der engen Zusammenarbeit mit der
SPÖ war sicher der Fall Franz Olah. Aufgrund seiner Aktion scheiterte
auch die von beiden Seiten ernsthaft ins Auge gefasste Koalition, denn
er hatte dafür gesorgt, dass die FPÖ eine Million Schilling aus den
Mitteln der sozialistischen Fraktion erhält. Diese Tatsachen
veranlassten Mitglieder der FPÖ, von ihrem eingeschlagenen “Linkskurs”
wieder abzuschweifen. Der nationale Flügel der Partei um den Tiroler
Obmann Klaus Mahnert verlangte sogar die Abwahl Peters.[42]
Während der Alleinregierung der ÖVP verstärkte die
FPÖ aber ihre Tendenzen nach einer Öffnung zu den beiden Seiten
wieder. In den siebziger Jahren wurde schließlich von den Großparteien
festgestellt, dass die FPÖ nunmehr doch regierungsfähig ist. 1973 kam
es im “Freiheitlichen Manifest zur Gesellschaftspolitik” auch dazu,
dass die “Verschiedenartigkeit der Menschen” festgestellt wurde,
ebenso dass die Minderheiten Rechte haben, vor allem “sich frei zu
einem bestimmten Volk zu bekennen”[43]
zu dürfen. Trotz solcher Aussagen konnte man sich auch hier nicht von
der “’deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft’” und der
“’Erbgesundheitspflege’”[44]
trennen. Außerdem sprach sich die Partei dabei aus, dass die
Gastarbeiteranzahl gering zu halten sei und eine Assimilierungspolitik
abzulehnen sei. Daneben gaben noch einige Aussagen von
Parteimitgliedern, die dem rechten Flügel angehörten, oder Skandale,
wie z. B. die Begrüßung des Ortstafelsturms, Gelegenheit, den
liberalen Tendenzen in der Partei keinen Glauben zu schenken. Vor
allem die Peter-Wiesenthal Affäre[45]
trug sehr wenig zu diesem neuen Image bei. Auch wenn sich Peter
anstrengte, die liberalen Ideen in der FPÖ durchzusetzen, schlugen
seine Versuche fehl. Obwohl sich einige rechte Parteiangehörige der
NDP anschlossen, andere aus der Partei ausgeschlossen wurden, setzte
sich der liberale Gedanke nicht in der Partei und der Parteibasis
durch, kam es zu keiner Identifizierung. Im Gegenteil konnten die
nationalen Einstellungen trotz aller Versuche nicht aus der Partei
gebannt werden.
In der FPÖ auch öffentlich Stimmen gegen Peter
laut. Hauptvertreter dieser Tendenz waren Alexander Götz, 1973 mit
Hilfe der Grazer ÖVP zum Bürgermeister gewählt, wie auch der Obmann
des Ringes Freiheitlicher Jugend (RFJ), Jörg Haider, der 1976
Landesparteisekretär der FPÖ in Kärnten wurde. Aufgrund einer
wachsenden Anzahl von Vorwürfen legte Peter 1978 seine Obmannfunktion
zurück. Ein halbes Jahr nach seinem großen Wahlerfolg in Graz wurde
Alexander Götz am Bundesparteitag am 29. September 1978 Nachfolger von
Friedrich Peter.
10.3) Neuerlicher
Rechtsruck der FPÖ unter Alexander Götz
Unter Götz wurde wieder ein nationalistischer Kurs
eingeschlagen und die liberalistischen Ideen wieder zurückgedrängt.
Götz strukturierte seine Partei jetzt in Richtung Protest- und
Reformbewegung. Die Ära Götz wurde oft als Zwischenakt in der FPÖ-
Entwicklung aufgefasst. In Dingen wie der Positionierung im
politischen System, Oppositionsstil oder der programmatischen Linie
kann man eindeutig Parallelen zur Haider-FPÖ erkennen. Unter Götz
schlug die Partei wieder einen konservativen, radikalen Kurs ein, der
aber keinerlei Erfolge mit sich zog. Ein Beweis für den Rechtsruck ist
auch die zur Schau gestellte HJ-Mitgliedschaft des
Bundesparteiobmanns. Aufgrund seines Führungsstils konnte sich Götz
aber nicht lange an der Parteispitze halten. Nach den Wahlen 1979
setzte ein Umdenken in der FPÖ ein. Aufgrund parteiinterner Kritik
entschloss sich Götz zu seinem Rücktritt als Parteiobmann.
10.4) Die liberale
Phase der FPÖ unter Norbert Steger
Sein Nachfolger wurde im März 1980 Norbert Steger,
der wieder versuchte, die liberalen Ideen in der Partei durchzusetzen.
Er hatte aber schon von Anfang an ein schweres Los, er wurde schon zu
Beginn seiner Obmannschaft von den Angehörigen des rechten Flügels,
unter ihnen Otto Scrinzi, Ex-Obmann Alexander Götz und Jörg Haider,
attackiert. Vor allem Haider versuchte durch öffentliche und
parteiinterne Aussagen, Stegers Ansehen zu zerstören. Aufgrund dieser
Vorkommnisse stellte der FPÖ-Bundesparteivorstand fest, dass Haider
durch sein Handeln einen Grund für seinen Parteiausschluss gesetzt
habe. Ausgerechnet Steger selbst verhindert den Ausschluss Haiders.
Wie schon unter Peter wurde ein Kurs eingeschlagen,
der zwischen Liberalismus und Nationalismus pendelte, es konnte das
nationale Element nicht zurückgedrängt werden.
Trotz des schlechtesten Wahlergebnisses 1983 für
die FPÖ, wurde sie zur Regierungspartei, obwohl es sowohl in der SPÖ,
weil die kleine Koalition für einige Mitglieder “im Widerspruch zur
antifaschistischen Haltung der SPÖ”[46]
stand, als auch in der eigenen Partei Widerstand, vor allem von
Haider, gab.
Durch den fehlenden Rückhalt wurde die Koalition
immer wieder von Rückschlägen beeinträchtigt. Vor allem die
Reder-Frischenschlager-Affäre schadete dem Ansehen der
Regierungsparteien. Anfang 1985 begrüßte der als liberal geltende
Frischenschlager den SS-Kriegsverbrecher Walter Reder am Grazer
Flughafen per Handschlag, worauf der FPÖ ein Naheverhältnis zum
Nationalsozialismus unterstellt wurde. Vor allem durch die Reaktionen
einiger Parteimitglieder der FPÖ, die der Aktion Frischenschlagers
Beifall zollten, wurde diese Vermutung bestätigt. Durch die massive
Kritik auch aus dem Ausland gestand Frischenschlager seinen Fehler
ein, wofür er vor allem von Haider Kritik erntete.
Im Parteiprogramm, das im gleichen Jahr entworfen
wurde, lässt sich der Weg zwischen Liberalismus und Nationalismus
deutlich erkennen. So wurde einerseits, zum letzten Mal, die ‚Volks-
und Kulturgemeinschaft’ aufgenommen, andererseits wurde das erste Mal
festgehalten, dass “der ‚Missbrauch nationaler Gefühle für totalitäre
oder imperialistische Ziele’”[47]
abgelehnt und verurteilt wird. So wird einerseits auf die Bedeutung
der Minderheiten in Österreich für das Land hingewiesen, andererseits
sprach man sich aber gleichzeitig dagegen aus, dass ausländischen
Arbeitskräften die Rechte österreichischer Staatsbürger verliehen
werden, und massiv auch gegen “eine Assimilierung von Gastarbeitern in
Österreich”[48]. Es
fanden zwar weit mehr liberale Ideen in dem Parteiprogramm Platz als
nationale, doch die Partei distanzierte sich nicht vom
deutschnationalen Gedankengut. Abgesehen davon wurde auf das
Parteiprogramm von Stegers Nachfolger Haider kaum mehr eingegangen.
Besonders durch die Geisteshaltung einiger
Funktionäre, die sich selbst ins rechte Lager stellten, konnte sich
weder unter Peter, noch unter Steger eine Wandlung ergeben. Ein
Beispiel ist der ehemalige “Kärntner Nationalratsabgeordnete und
stellvertretende Parteiobmann Dr. Otto Scrinzi”[49],
der ein illegales Mitglied der NSDAP und ein SA-Führer war. Er sprach
sich gegen die österreichische Nation und den Nationalfeiertag aus und
vertritt daneben einen Rassenantisemitismus. Obwohl er sich durch
Aussagen, wie “’Ich war immer rechts, auch in der NSDAP‘”[50]
selbst ins Abseits stellte und auch die Bundesparteileitung seinen
Parteiausschluss verlangte, trennte sich die Kärntner FPÖ nie völlig
von ihm, Scrinzi trat 1986 selbst aus der Partei aus.
11.) Die
Obmannschaft Jörg Haiders und die Abkehr vom Liberalismus
Als am Parteitag in Innsbruck am 13. und 14.
September 1986 Haider zum Parteiobmann gewählt wurde, war durch die
Geschehnisse auf diesem Parteitag klar, dass es “auf den unteren
Ebenen der Partei weiterhin zu Kontakten zwischen FPÖ-Funktionären und
Vertretern des organisierten Rechtsextremismus”[51]
gekommen ist, diese Wahl eine grundsätzliche Entscheidung über den
künftigen Parteikurs war. Steger wurde der Tod gewünscht und es wurde
ihm mit Erschießen und Vergasen gedroht. In der Folge verließen viele
liberale Parteiangehörige die FPÖ. Die letzten gingen schließlich
1993, wobei betont wurde, dass sich “die Freiheitlichen unter Haider”[52]
vom Parteiprogramm entfernt hatten und nicht sie. Durch den neuen
Obmann änderte sich auch die Politik der Partei, denn es wurde zum
Ziel Protestwähler und “das traditionelle Wählerpotential der
Freiheitlichen, die deutschnationalen und rechten Wähler”[53]
zu gewinnen und an die Partei zu binden.
Die Wählerschaft der Deutschnationalen und
diejenigen, die am rechten Rand stehen, kann man natürlich am besten
mit Gleichgesinnten ködern, weshalb auch in den achtziger und
neunziger Jahren einschlägig bekannte Personen als Kandidaten
antraten. Ein Beispiel ist der Rechtsextremist Robert Dürr[54],
der im Oktober 1987 zur burgenländischen Landtagswahl antrat, wegen
seiner Mitautorenschaft bei “der neonazistischen Zeitschrift ‚Sieg’”[55]
als Spitzenkandidat zurücktreten musste.
Seitdem Jörg Haider an der Spitze der FPÖ stand,
begann sich die Partei von einer Kleinst- zu einer Mittelpartei zu
entwickeln, gewann in knapp 15 Jahren kontinuierlich dazu. Auch die
Aussage, des 1989 zum Landeshauptmann gewählten Jörg Haider am 13.
Juni 1991 “über die ordentliche Beschäftigungspolitik”, die zu seiner
Abwahl und zur “politischen Isolation der FPÖ”[56]
auch im Ausland führte, konnte nur kurzfristig den Aufstieg der FPÖ
aufhalten. Im Zuge der Aussage von Haider, die ihm fast eine Anzeige
wegen Wiederbetätigung eingebracht hatte, stellte das
Oberlandesgericht Wien fest, “dass es in der FPÖ ‚braunes Gedankengut‘
gebe”[57]. Im Überblick
über ihre Geschichte wird auf der Homepage der FPÖ dazu nur kurz
Stellung genommen und die Aussage Haiders nicht einmal erwähnt. Durch
den Satz “SPÖ und ÖVP erzwingen in Kärnten mit tatkräftiger
Unterstützung von Bundeskanzler Franz Vranitzky die Abwahl Jörg
Haiders als Landeshauptmann”[58],
werden die wahren Gründe gut verschleiert und können sogar den
Eindruck erwecken, dass die damaligen Regierungsparteien und vor allem
der ehemalige Bundeskanzler ohne wesentlichen Gründen diese Abwahl
durchführten, diese also als reine Schikane ausgelegt werden kann.
Auch Zeitzeugen sehen in den letzten Jahren durch
Aussagen von FPÖ-Mitgliedern, allen voran von Jörg Haider, immer mehr
Angleichungen an die nationalsozialistische Zeit. Nach dem ehemaligen
Generalsekretär der Vereinigung Österreichischer Industrieller, Dr.
Curt Fetzer, der selbst Sekretär des deutschen Reichskanzlers Brüning
war, beschwört Haider die Erinnerung an Hitler herauf[59].
11.1) Die Wandlung
der freiheitlichen Politik unter Jörg Haider
Obwohl sich die Wählerschaft der FPÖ um einiges
steigerte, schadete es der Partei auch nicht, gewisse Elemente, die
seit ihrem Bestehen unangetastet waren, zu verändern. So wandelte sich
die Partei von einer deutschnationalen in eine ‚österreichnationale’,
was durch das Anti-Ausländer-Volksbergehren ausgedrückt wurde. Im
August 1995 sprach sich Haider auch “erstmals gegen die
‚Deutschtümelei’ aus”[60].
Im Zuge dessen wurde der Österreich-Patriotismus großgeschrieben und
versucht dies auch in dem neuen Parteiprogramm von 1997 auszudrücken.
Darin wurde erstmals auf die Schlagworte Volks- und Kulturgemeinschaft
verzichtet, womit das Programm den Anschein erhebt wirklich auf
deutschnationale Elemente zu verzichten, trotzdem sind versteckte
Hinweise darauf zu finden, wie z. B. die Aussage, “’dass die
überwiegende Mehrheit der Österreicher der deutschen Volksgruppe
angehört’”[61]. Mit dem
Argument des Österreich-Bewusstseins spricht sich die Partei auch
gegen die Einwanderung und die Praxis der Asylgesetzgebung aus,
‚multikulturelle Experimente’[62]
werden abgelehnt. Dabei wird auch die Religion zur Hilfe genommen.
Ebenso änderte sich die Haltung der Partei in der EU-Frage zu Beginn
der neunziger Jahre. Schon bei der Gründung der Partei, auch als VdU,
sprach sie sich “am frühesten und kräftigsten für eine europäische
Integration” aus, wobei auch in den Programmen “ein sehr starkes
Bekenntnis zum europäischen Bundesstaat”[63]
festgehalten wurde. So wandelte sie sich von einer “Europa-Partei” hin
“zu einer EU-kritischen bzw. ablehnenden”[64].
Inwieweit diese Wandlung nur wahltaktisch war, kann man nicht mit
hundertprozentiger Sicherheit beantworten. Doch es ist sehr
auffallend, dass ausgerechnet in dieser kurzen Zeit sich die FPÖ auf
ihr Österreichbewusstsein besinnt und kurz darauf, vor dem
EG/EU-Beitritt, auch ihre jahrzehntelange Pro-Europahaltung aufgibt
und damit eine entgegengesetzte Haltung zu den Regierungsparteien
annimmt. Auffallend ist auch, dass die Argumente gegen die EG/EU
“hauptsächlich ‚nationale’ Argumente” waren und auch vor einem
“kulturell einheitlichen Europa”[65]
gewarnt wurde. Abgesehen von der Kritik, dass die EU den
ÖsterreicherInnen zuviel Geld kosten würde, wurde auch gegen die
EU-Osterweiterung Stellung bezogen, wobei vor allem mit den
Schlagworten Arbeitslosigkeit und Ausländerzuwanderung gearbeitet
wurde.
dass sich die Partei unter Haider gewandelt hat,
zeigt nicht nur, dass sich 1993 die letzten Liberalen von der Partei
abspalteten, sondern auch, dass die FPÖ dem Ausschluss aus der
Liberalen Internationalen durch einen Austritt zuvorkam und schon
vorher ihren Fürsprecher, die deutsche FDP, verlor[66].
Bei dem Punkt Ausländer begannen die Freiheitlichen
schon vor der Aufnahme in das Parteiprogramm von 1997 zu arbeiten. Sie
waren nicht unwesentlich an der Verschärfung der Asylgesetzgebung
beteiligt, da durch die Aufnahme des Themas in Österreich durch die
Freiheitlichen sich auch die Regierungsparteien damit beschäftigen
mussten. Durch den großen Erfolg, den die FPÖ, auch mit Hilfe der
Kronen Zeitung, in der Ausländerfrage erzielte, mussten die
Großparteien darauf reagieren, weshalb auch sie zu schärferen
Maßnahmen griffen, um nicht total im Abseits zu stehen und bei den
Wahlen zu verlieren.
Ein Mittel gegen die Zuwanderung von Ausländern und
die ‚Überfremdung’ ist für die Freiheitlichen eine ordentliche
Familienpolitik. Schon seit 1994 arbeitet die FPÖ dahingehend
österreichische Familien zu unterstützen, um ausländischen Familien
keinen Platz mehr zu lassen und die Notwendigkeit vom Holen von
Gastarbeitern sinken zu lassen. Ein weiteres Argument gegen den Zuzug
von Ausländern ist ihre angebliche hohe Kriminalitätsrate.
12.)
Nationalsozialistische und rechtsextreme Aussagen freiheitlicher
Politiker
Das die FPÖ einen Ruck ins rechte Lager vollzogen
hat, läßt sich auch durch die “wesentlichen Positionen des
Rechtsextremismusbegriffs”[67],
die Willibald Ingo Holzer aufgestellt hat, bestätigen. Seitdem Haider
an der Macht ist, treffen diese Merkmale, “Volksgemeinschaft, Kritik
der Demokratie, starker Staat, integraler Nationalismus, nationales
Geschichtsbild, Schaffung von Sündenböcken und Feindbildern sowie
aggressiv-autoritäre Denk- und Verhaltensmuster”[68],
besonders stark auf diese Partei zu. Ebenfalls kommen Ethnozentrismus,
Ethnopluralismus und die Ausgrenzung von Fremden, Antisozialismus und
solidarische Leistungsgesellschaft, immer wieder vor[69].
Einige Parteimitglieder berufen sich auch auf die
biologische Komponente, die eindeutig einzuordnen ist, nachdem sich
auch die Nationalsozialisten darauf beriefen. Um den Anschein zu
wahren nicht rechtsextrem zu sein, berufen sich diese Personen auch
gerne auf Wissenschaftler, wie z. B. auf den Verhaltensforscher Konrad
Lorenz, den Psychologen Hans Jürgen Eysenck, den
Erziehungswissenschaftler Arthur B. Jensen und vor allem auf den
Lorenz-Schüler, den Humantheologen Irenäus Eibl-Eibesfeldt und seine
Theorien[70]. Auf
Eibl-Eibesfeldt, der besonders gerne mit der den Menschen angeborenen
Fremdenscheu, Xenophobie, mit der in weiterer Folge eine Assimilation
von Ausländern unwahrscheinlich wird, arbeitet, berufen sich die
Freiheitlichen besonders gerne, vor allem auch Jörg Haider und Andreas
Mölzer.
Ein wichtiges Argument ist, dass die Menschen nicht
gleich sind, es demnach nur “’verschiedene Völker und verschiedene
Rassen’”[71] gibt. In der
Verhaltensforschung werden verschieden Triebe herangezogen um diese
Ansichten zu stützen und die Nation hervorzuheben. Diese Triebe, der
Territorialtrieb, der Dominanztrieb, der Besitztrieb, der
Aggressionstrieb, der Gemeinschaftstrieb und der Sexualtrieb, werden
alle “mit konkreten politischen und sozialen Aussagen verknüpft”[72].
Ebenso spielt der Ethnopluralismus eine wichtige Komponente in der
Argumentation, wobei zwar Minderheiten verbal anerkannt werden, doch
sich jede Volksgruppe gesondert entwickelt und alle für sich bleiben
sollen[73]. In Zuge
dessen wird auch eine multikulturelle Gesellschaft abgelehnt. Um sich
nicht mehr der alten, verrufenen Termini bedienen zu müssen, werden
auch neue Wörter in diesen Themenbereich eingeführt, die, wie z. B.
die ‚kulturelle Identität’, oder das ‚Recht auf Heimat’, das auch im
neuen Parteiprogramm festgehalten wurde, besser klingen, aber im
Prinzip nichts anderes aussagen, als die alten, es werden somit die
alten Argumente in ein neues Gewand eingebettet.
Vor allem Andreas Mölzer ist ein großer Anhänger
von Eibl-Eibesfeldt, er berief sich immer wieder auf seine Thesen und
er verwendete auch sein Vokabular, das auch bei anderen
FPÖ-Politikern, wie z. B. bei Hilmar Kabas, Kriemhild Trattnig und
Gertraud Repp auftauchte[74].
Anscheinend dürfte ihm das Wort ‚Umvolkung’, das aus der Rassentheorie
kommt, und schon in der NS-Zeit verwendet wurde, besonders gut
gefallen, da er es bei Vorträgen und Artikeln häufig verwendete. Auch
die Argumente gegen die Aufnahme von Ausländern von Eibl-Eibesfeldt
ähneln jenen der Wahlkämpfe der FPÖ[75].
Doch anscheinend haben manche Freiheitliche aus der Entrüstung über
die ‚Umvolkung’ von Andreas Mölzer nichts gelernt, denn noch im Juli
1998 wurde dieses Wort vom FPÖ-Nationalratsmandatar Franz Lafer
gebraucht. Selbst die anschließende Aufregung hinderte die Partei
nicht daran, den Mandatar und seine Aussage zu verteidigen und die
Aufregung als lächerlich zu bezeichnen[76].
Zum Bereich der Äußerungen von FPÖ-Funktionären ist
damit in dieser Arbeit genug geschrieben worden, man könnte die Liste
aber ohne große Probleme weiterführen. Allerdings sind noch zwei
Beispiele bemerkenswert. Das erste ist die Aussage des Initiators des
Lorenzer Kreises, Raimund Wimmer. Wimmer äußerte sich in der
ORF-Sendung ‚Inlandsreport’ eindeutig rassistisch, indem er auch das
entsprechende Vokabular wie ‚Neger’ und ‚Pollaken’ verwendete[77].
Obwohl diese Aussage einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, trat
Wimmer bei den folgenden oberösterreichischen Gemeinderatswahlen in
seiner Heimatgemeinde als Kandidat an[78].
Die zweite, bemerkenswerte, Aussage die auch nicht mehr in die
Kategorie ‚Ausrutscher’ eingeordnet werden darf, tätigte ein Kärntner
Ortsobmann. Er sagte, für Simon Wiesenthal müsse man “keinen Ofen
bauen, denn es gäbe für ihn ‚im Jörgl seiner Pfeife Platz’”[79].
13.)
Rechtsextreme Ansichten in Publikationen von Freiheitlichen
FunktionärInnen
Die rechtsextreme Haltung des Großteils der FPÖ
lässt sich nicht nur durch Kontakte einiger Funktionäre mit
Rechtsextremen über kulturelle, sportliche und akademische Vereine “im
Vorfeld der FPÖ”[80] und
durch verbale Belege beweisen[81],
sondern auch durch Publikationen. Vor allem seit der Gründung des
Freiheitlichen Bildungswerkes – Politische Akademie der FPÖ im Jahre
1972 stieg die Anzahl der Veröffentlichungen von Parteimitgliedern in
einschlägigen Blättern.
Rechtsextreme Ansichten einiger FPÖ-Funktionäre
lassen sich nicht nur an den “Parteiinternen Schriften und
Publikationen, wie etwa Parteizeitungen, Publikationen des Lorenzer
Kreises (eine innerparteiliche Gruppe der FPÖ) oder das “Kärntner
Grenzland-Jahrbuch” zeigen”[82],
sondern auch daran, dass einige Freiheitliche in einschlägig bekannten
Zeitschriften ihre Artikel veröffentlichen. In solchen Zeitschriften,
wie in Deutschland die rechtsradikale ‚Mut’, oder in Österreich die
‚Sieg’, die ‚Aula’[83]
oder auch ‚Der Völkerfreund’[84],
werden auch die Thesen von bereits zitierten Wissenschaftlern
veröffentlicht, wobei sich wieder Eibel-Eibesfeldt großer Beliebtheit
erfreut.
Vor allem die Aula hat sich in den letzten Jahren
immer mehr ins rechte Lager gestellt. Sie repräsentiert, “das
deutschnationale bis rechtsextreme Milieu in Österreich”[85].
Während der Obmannschaft Stegers, gegen den die Aula Partei ergriff,
stand die Zeitschrift immer für Artikeln von FPÖ-Mitgliedern zu
Verfügung, die sich gegen Steger richteten. Mit der Machtübernahme von
Haider änderte sich die Haltung der Aula, wofür sich vor allem Andreas
Mölzer verantwortlich zeigte, dem schließlich über die Aula und den
Kärntner Nachrichten ein Aufstieg in die FPÖ gelang. Die Aula rühmte
sich schließlich selbst, am Aufstieg Haiders mitverantwortlich zu
sein. Außerdem hegt sie gute Kontakte zu Burschenschaften, zu
Revisionisten wie David Irving und auch zu rechtsextremen Gruppen in
Frankreich und Deutschland[86].
Im Kärntner Grenzland Jahrbuch 1989, wo im Prinzip
die ganze Geschichte der Naziherrschaft und des Krieges neu
geschrieben wurde, wird die Schuld am Krieg den Alliierten in die
Schuhe geschoben, die Leiden der Bevölkerung werden hervorgehoben, der
Holocaust verschwiegen[87].
Jörg Haider als damaliger Landesparteiobmann war für die
Veröffentlichung und Gestaltung des Buches verantwortlich. Die
Aussagen, die in diesem Buch getroffen wurden, erfüllen den Tatbestand
der Wiederbetätigung, doch wurde eine Anzeige von der
Staatsanwaltschaft zurückgelegt[88].
Der Lorenzer Kreis, der sich aus einigen
FPÖ-Funktionären aus Oberösterreich zusammensetzte, vertrat ebenfalls
rechtsextreme Ansichten, die er in der Lorenzer Erklärung festhielt.
So sprach man sich gegen den “Gleichheitsgedanken und den
Freiheitsbegriff der Französischen Revolution”[89]
aus, war aber der Meinung, dass es “angeblich biologisch ‚vorgegebene
Unterschiede’” gibt, die auch “auf die menschliche Würde’ ausgedehnt
wurden”[90]. Es gab
wieder ein Bekenntnis zum deutschen Kulturkreis, es wurde der Wunsch
nach kinderreichen ‚deutschen’ Familien[91]
geäußert und die multikulturellen Entwicklungen abgelehnt. Außerdem
gab es noch Stellungnahmen zur Kultur und zur Annäherung an die EG,
wobei man sich für eine Annäherung mit dem deutschen Kulturkreis
aussprach, aber auf der anderen Seite große Angst vor der damit
verbundenen befürchteten ‚Überfremdung’ hatte. Aber auch die der FPÖ
nahestehenden Zeitungen ‚Neue Freie Zeitung’ und die ‚Kärntner
Nachrichten’, in denen schon 1990 Andreas Mölzer vor einer ‚Umvolkung’
warnte, beteiligen sich vor allem an der Auseinandersetzung mit
Ausländern. Bemerkenswert ist dabei auch welche Personen bei diesen
Zeitungen beschäftigt sind, wie z. B. der ehemalige ‚Aula’-Schriftleiter
Werner Widmann[92].
Andreas Mölzer veröffentlichte seine Ansichten gerne in der ‚Aula’, er
und Jörg Haider waren beide Chefredakteure in den Kärntner
Nachrichten.
Martin Müller
[80]
Zum Beispiel geriet der RFS (Ring Freiheitlicher Studenten) bei der
Borodajkewycz-Affäre ins schiefe Licht. Taras Borodajkewycz, der
1934 der NSDAP beigetreten war, hielt „an der Hochschule für
Welthandel Vorlesungen in Zeitgeschichte ” (Scharsach, Hans-Hennig;
Haiders Clan. Wie Gewalt entsteht, Wien 19953), die er seiner
Gesinnung nach nationalsozialistisch, antisemitisch,
antiösterreichisch und antidemokratisch abhielt. Aus diesem Grund
wurde er verurteilt, was ihn aber trotzdem nicht davon abhielt seine
Einstellung öffentlich bekannt zu geben. Daraufhin wurde am 31. März
1965 eine Demonstration abgehalten, wobei der RFS eine
Gegenveranstaltung organisierte. Dabei kam es zum ersten politischen
Opfer der Nachkriegszeit, Ernst Kirchweger. Daneben kamen zahlreiche
Mitglieder des RFS zur FPÖ und bekleideten dort auch führende Ämter.
Nicht nur Jörg Haider war Mitglied des RFS, auch z. B. Gerd Honsik.
Gerd Honsik gründete “die vom Innenministerium als politische Partei
nicht anerkannte ‚Volksbewegung‘” (ebd., S. 60). Diese Organisation
hatte die Wahlplattform ‚Ausländer-Halt-Bewegung‘ ins Leben gerufen.
Außerdem gehörten noch einige Zeitschriften dazu und es wurden
‚Kaderschulungen‘ und ‚Wehrsportübungen‘ veranstaltet (ebd., S. 60).
Gemeinsam mit Gottfried Küssel, einem engen Freund von Hans-Jörg
Schimanek, Sohn des gleichnamigen FPÖ-Funktionärs, versuchte er
seinen Nachwuchs unter Fußball-Hooligans zu rekrutieren.
Aber der Studentenverband ist nicht die einzige
Organisation, aus der die FPÖ ihre Anhänger bezieht. Zahlreiche
Jugend- und Akademikerverbände sowie Burschenschaften geben ein
recht breites Feld an möglichen Rekrutierungsfeldern ab, wobei auch
die Frage der Gesinnung nicht mehr gestellt werden muss.
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