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"Der Faschismus erstrebt die
zügelloseste Ausbeutung der Massen, tritt aber mit einer raffinierten
antikapitalistischen Demagogie an sie heran ... Aber welche Maske der
Faschismus auch aufsetzen, in welcher Form auch auftreten und auf
welchem Wege auch immer er zur Macht gelangen mag: Der Faschismus -
das ist die grausamste Offensive des Kapitals gegen die werktätigen
Massen ... das ist der zügelloseste Chauvinismus und Raubkrieg ... das
ist der schlimmste Feind der Arbeiterklasse und aller Werktätigen!"
(Georgi Dimitroff, 2. August 1935)
Dimitroff, ein bekannter bulgarischer Arbeiterfunktionär, legte klar
den wahren Charakter des Faschismus dar. Von solch klaren Definitionen
sind jedoch heute viele Analytiker weit entfernt. Zwar sind die
Verbrechen des Faschismus bereits allgemein bekannt, wenig ist jedoch
davon zu hören, wer eigentlich Interesse an der faschistischen
Machtübernahme hatte und wer die Nazis jahrelang finanzierte. Beliebt
sind heute rein psychologische Erklärungsmuster. Der Faschismus hätte
eben durch sein pompöses Auftreten (Aufmärsche, Uniformen...) enorme
Anziehungskraft gehabt. Obwohl uns heute der inszenierte Pomp und die
Phantasieuniformen lächerlich vorkommen, mag das Ganze in der Zeit der
Wirtschaftskrise wohl angekommen sein. Eine weitere Rolle spielen die
charismatischen Führungspersönlichkeiten, die Massen wie durch Hypnose
auf ihre Seite brachten. Während dieser Ansatz durchaus noch mit
Massenphänomenen arbeitet, konzentrieren sich einzelne ganz auf die
faschistischen Führungspersönlichkeiten. Kindheitstrauma und
Sexualneurosen werden von Einzelpersonen für die Terrorherrschaft
verantwortlich gemacht. Mögen solche Phänomene ja durchaus die Ursache
sein, dass sich einzelne an diesem System beteiligten oder es sogar
organisierten, die faschistische Machtübernahme lässt sich wohl nicht
durch Persönlichkeitsstörungen erklären.
Weiters wird oft argumentiert, der Faschismus sei ein typisch
deutsches und österreichisches Phänomen, da diese Völker besonders
autoritätshörig seien. Dabei wird jedoch vollkommen übersehen, dass es
nahezu in jedem europäischem Land eine faschistische Partei gab, an
deren Machtübernahme das nationale Kapital jedoch meist nicht
interessiert war und die somit wieder in der Bedeutungslosigkeit
versanken. Auch muss darauf hingewiesen werden, dass die NSDAP bei
demokratischen Wahlen nie die absolute Mehrheit erreichte und
zahlreiche Deutsche und Österreicher aktiven Widerstand leisteten.
Ein typisches Merkmal für die faschistische Ideologie sind die ihr
innewohnenden Feindbilder. Der deutsche Faschismus vertrat einen
extremen Antisemitismus, womit von den ungelösten sozialen Problemen
und der schließlich verlorenen strategischen Lage abgelenkt werden
sollte. Jüdinnen mussten in den Konzentrationslagern wie Sklaven für
deutsche Konzerne arbeiten. Auch die Leichen der Opfer der
industriellen Massenvernichtung wurden noch nach wirtschaftlichen
Prinzipien verwendet (Goldzähne, Haare als Isoliermaterial...). Allen
faschistischen Parteien war die Gegnerschaft gegen die demokratischen
Parteien und besonders der Antikommunismus zu eigen. Eine besonderes
Merkmal des Antikommunismus war (und ist auch noch heute), dass
eindeutig nichtkommunistische Personen als Wegbereiter des Kommunismus
dargestellt wurden. Auch die Gewerkschaften wurden verboten, für
Klassenkampf sollte kein Platz mehr im Führerstaat sein. Den Rest der
faschistischen Ideologie bildet ein Sammelsurium aus irrationalen
rassistischen, nationalistischen und militaristischen Anschauungen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das " Führerprinzip". Ein kultisch
verehrter starker Mann soll alle Probleme des Landes lösen, oft kommt
dazu noch ein Ständestaatsmodell nach mittelalterlichem Vorbild. Die
Frau wurde auf die Rolle der Gebärerin von Kriegern beschränkt, die
einem rassistischem Ideal entsprechen sollten.
Wie irrational das Weltbild der Faschistischen auch war, sie schafften
es, sich in ihrer Propaganda nicht als Lobby der Monopolherrn und der
Rüstungsindustrie darzustellen, sondern als Bewegung, die ein
korruptes Zeitalter überwinden will, wenn auch mit archaischen Idealen
und die besonders was für den "kleinen Mann" übrig hat. Die NSDAP,
anfangs eine obskure Kleingruppe von rassistischen Spinnern, wurde
durch einflussreiche Förderer und die propagandistische Verarbeitung
von sozialen Problemen zur Massenpartei.
Den Kern der Anhängerschaft bildeten deklassierte Kleinbürger. Sie
sahen sich in der Mangel zwischen Großkapital und Arbeiterbewegung.
Obwohl immer stärker verarmend und wirtschaftlich bedeutungslos,
wollten sie sich weiterhin von der Arbeiterklasse abgrenzen. Die Nazis
boten ihnen eine Verschwörungstheorie als ideologische Basis, nach der
ein Zusammenhang zwischen der angeblich jüdisch geführten
Arbeiterbewegung und dem angeblich jüdisch kontrolliertem Teil des
Großkapital bestehen soll.
Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Änderungen im
NSDAP-Parteiprogramm. Wurde anfangs noch die "Abschaffung der
Zinsknechtschaft" gefordert, so wurde der Passus später in
"Abschaffung der jüdischen Zinsknechtschaft" abgeändert, gegen andere
Formen der Zinsknechtschaft war offensichtlich nichts mehr
einzuwenden.
Italien war das erste Land, in dem der Faschismus die Macht übernahm.
Das Wesen des Faschismus lässt sich daher gut am Beispiel dieses
Landes darstellen. Italien hatte nach dem l. Weltkrieg seinen Einfluss
auf Überseegebiete verloren, das italienische Kapital hatte geringere
Rohstoffquellen und Absatzmärkte.
Die italienische Arbeiterklasse begann sich verstärkt zu organisieren.
Das Volk hatte genug von den Kriegshetzern und Kriegsgewinnlern des l.
Wettkrieges. Ländereien von Großgrundbesitzern wurden besetzt.
Andererseits gab es viele Offiziere, die durch den Frieden Beruf und
Ansehen verloren hatten.
Diese wurden von den Großgrund- und Fabriksbesitzern angeheuert, um in
Kampfbünden gegen die Streikenden vorzugehen. Da es nicht sehr
motiviert, auf Befehl der Kapitalisten gegen Streikende
einzuschreiten, erklärten die Kampfbündler (ital. fascio: "Bund";
daher ev. Faschisten), für den Schutz des Abendlandes vor dem
Bolschewismus zu kämpfen. Sie behaupteten jedoch auch, gegen die
herrschende Dekadenz vorgehen zu wollen, und eine sozial gerechte
Ordnung einführen zu wollen.
Das römische Reich sollte wiedererrichtet werden. Durch diese
Programmatik bekamen sie rasch neue Anhänger, die sich eine
Verbesserung ihrer sozialen Lage erhofften.
Mit den Kampfbünden konnten zwar die Streikenden bekämpft werden, die
Kapitalisten wollten jedoch Gewerkschaften und Arbeiterparteien ganz
verbieten und Kolonien erobern, aus denen sie Rohstoffe und billige
Arbeitskräfte gewinnen konnten. Daher wurden die Kampfbünde zur
faschistischen Partei umorganisiert, die die Macht im Staat erkämpfen
sollte. Bei Wahlen konnten sie keine Mehrheit erzielen, aber durch die
massive Unterstützung durch das Finanzkapital und den militärisch
organisierten "Marsch auf Rom" erlangten die Faschisten die Macht.
Soziale Errungenschaften wurden rückgängig gemacht, Gewerkschaften und
Arbeiterparteien verboten und mit dem II. Weltkrieg sollten neue
Kolonien für das Kapital erobert werden. Die faschistische
Terrorherrschaft richtete sich nicht nur gegen die Arbeiterklasse,
sondern gegen breite Bevölkerungsschichten, wie Bauern,
fortschrittliche Künstler und Intellektuelle.
Schließlich wurde der Faschismus durch den Widerstand des Volkes
zerschlagen, Mussolini errichtete mit Hilfe deutscher
Besatzungstruppen einen von Hitlerdeutschland abhängigen
Marionettenstaat. Der glühende Nationalist Mussolini rief fremde
Truppen ins Land.
Anhand dieser kurzen historischen Betrachtung sehen wir sehr gut,
gegen wen der Faschismus gerichtet war und in wessen Interesse er
arbeitete, nämlich im Interesse von Teilen des Kapitals und gegen das
Interesse aller Werktätigen. Müssen wir bei den vorher angeführten
Erklärungsansätzen, die ja teilweise ihren wahren Kern haben mögen,
nicht die Frage stellen, ob sie uns nicht vom wahren Wesen des
Faschismus ablenken?
Die wohl beste Faschismusdefinition lieferte uns Dimitroff: "Der
Faschismus an der Macht ... ist ... die offene terroristische Diktatur
der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten
imperialistischen Elemente des Finanzkapitals".
Wir haben nun klar erkannt, dass der Faschismus ein eindeutig
kapitalistisches Phänomen ist. Wieso verwendete dann aber die NSDAP
die Worte "sozialistisch" und "Arbeiterpartei? Dimitroff hat in den zu
Beginn des Textes zitierten Worten auf die antikapitalistische
Demagogie der Faschisten hingewiesen. Durch die damals offensichtliche
Krise des Kapitalismus musste sich die faschistische Bewegung in ihrer
Propaganda teilweise vom Kapitalismus distanzieren. Die Erklärungen
der Nazitheoretiker, was "Nationalsozialismus" eigentlich sein soll,
bestehen meist aus einer Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und
Unternehmern, die den Klassenkampf ablösen soll.
Jedoch stießen gerade vor der Machtübernahme viele Menschen zum
Faschismus, die tatsächlich eine sozialere Gesellschaftsordnung und
antikapitalistisches Engagement erhofften. Die faschistischen Führer
erkannten die Wichtigkeit gerade dieser sozialpolitisch
argumentierenden Aktivisten, konnten damit doch wesentlich breitere
Bevölkerungsschichten angesprochen werden als durch bloßen Rassismus.
Nach der Machtübernahme wurde diese Menschen jedoch zur Gefahr für den
Faschismus. Was wäre, wenn sie die versprochenen sozialen
Veränderungen nun wirklich einfordern würden? So wurden schließlich
sogar zahlreiche Repräsentanten dieses Flügels ermordet (Strasser).
Man darf jedoch nicht den Fehler machen, den "linken" Flügel der NSDAP
positiv zu bewerten. So wahren auch seine Vertreter radikale Rassisten
und organisierten Überfälle auf Gewerkschafter und Anschläge gegen
Kundgebungen der Arbeiterparteien. Sie waren am Aufstieg des
Faschismus beteiligt, auch wenn sie schließlich seine Opfer werden
sollten.
Der Faschismus erfüllte für das Kapital zwei Hauptaufgaben: Einerseits
waren die Faschisten schon vor der Machtübernahme als Schlägertrupps
gegen die Arbeiterorganisationen nützlich, andererseits konnte nach
der Machtübernahme der Staat ganz im Interesse der aggressivsten
Kapitalfraktion umgebaut werden. An einer faschistischen
Machtübernahme waren keineswegs alle Teile des Kapitals interessiert,
sondern eben nur eine bestimmte Fraktion und das wieder nur in einigen
Ländern. War zwar der Faschismus die Diktatur dieser einen
Kapitalfraktion, so hörte der Kampf zwischen den Kapitalfraktionen
keineswegs auf. Das kann man an den fortdauernden Auseinandersetzungen
innerhalb des faschistischen Systems erkennen, so wurde Mussolini
schließlich von seiner eigenen Partei entmachtet.
Für die heutiges Situation ist wichtig, rechtsextreme Ansätze bereits
im Anfangsstadium zu bekämpfen und v.a. auf die sozialen Ursachen
eingehen, die solche Ideen zum Massenphänomen werden lassen!
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