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Vorwort zur
amerikanischen Ausgabe
Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich
John Reeds Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", und ich
möchte es den Arbeitern in aller Welt von ganzem Herzen empfehlen.
Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet
und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte. Es gibt eine
wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse,
die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der
Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind. Diese
Probleme werden gegenwärtig weit und breit diskutiert, aber bevor
man diese Ideen annimmt oder verwirft, muß man die ganze Bedeutung
einer solchen Entscheidung begriffen haben. Ohne Zweifel wird John
Reeds Buch zur Klärung dieser Frage beitragen, die das
Grundproblem der internationalen Arbeiterbewegung ist.
Geschrieben 1919.
N.
Lenin
  
Vorwort zur russischen Ausgabe
"Zehn Tage, die die Welt erschütterten" hat John Reed sein
ausgezeichnetes Buch benannt. Hier sind die ersten Tage der
Oktoberrevolution ungewöhnlich eindrucksvoll und stark
beschrieben. Es ist keine einfache Aufzählung von Tatsachen, keine
Sammlung von Dokumenten, es ist eine Reihe lebendiger, derart
typischer Szenen, daß jedem Teilnehmer der Revolution die analogen
Szenen, deren Zeuge er war, in Erinnerung kommen müssen. All diese
aus dem Leben gegriffenen Bilder können die Stimmung der Massen
gar nicht besser wiedergeben - eine Stimmung ,auf deren
Hintergrund jeder Akt der großen Revolution besonders klar
verständlich wird.
Auf den ersten Blick erscheint es seltsam, wie ein Ausländer, ein
Amerikaner, der die Sprache und den Alltag des Volkes nicht
kannte, dieses Buch schreiben konnte. Ausländer schreiben über
Sowjetrußland anders. Sie verstehen die sich vollziehenden
Ereignisse entweder überhaupt nicht oder greifen einzelne
Tatsachen heraus, die nicht immer typisch sind und verallgemeinern
diese.
Es
hat freilich sehr wenige Augenzeugen der Revolution gegeben.
John Reed war kein gleichgültiger Beobachter, er war ein
leidenschaftlicher Revolutionär, ein Kommunist, der den Sinn der
Ereignisse, den Sinn des großen Kampfes erfaßt hat.
Dieses Verstehen gab ihm jenen scharfen Blick, ohne den er ein
solches Buch niemals hätte schreiben können .Die Russen schreiben
auch anders über die Oktoberrevolution: sie geben entweder eine
Einschätzung der Revolution oder schildern jene Episoden, die sie
selbst miterlebt haben. Das Buch John Reeds vermittelt das
allgemeine Bild einer echten Volksrevolution, und daher wird es
eine besonders große Bedeutung für die Jugend haben, für die
künftigen Generationen, für diejenigen, für die die
Oktoberrevolution bereits Geschichte sein wird. Das Buch John
Reeds ist ein Epos eigener Art. John Reed hat sich mit der
russischen Revolution ganz verbunden. Sowjetrußland wurde ihm
vertraut und nahe. Er starb hier am Typhus und wurde unter der
Roten Mauer bestattet. Derjenige, der die Bestattung der Opfer der
Revolution so geschildert hat wie John Reed, ist dieser Ehre
würdig.
N.
Krupskaja
  
Vorwort des Autors
Dieses Buch ist ein Stück geballte Geschichte - Geschichte wie ich
sie selbst erlebt habe. Es will nichts anderes sein als ein
eingehender Tatsachenbericht der Novemberrevolution, in der die
Bolschewiki an der Spitze der Arbeiter und Soldaten die
Staatsmacht in Rußland ergriffen und in die Hände der Sowjets
legten.
Natürlich beschäftigt es sich zum größten Teil mit dem "Roten
Petrograd",der Hauptstadt und dem Herzen des Aufstandes. Aber der
Leser muß verstehen, daß alles, was in Petrograd geschah, früher
oder später, mehr oder weniger machtvoll, überall in Rußland seine
Wiederholung fand.
In
diesem Buch, dem ersten einer Serie, an der ich arbeite, muß ich
mich auf eine Chronik jener Ereignisse beschränken, die ich selbst
gesehen und erlebt habe oder von denen ich zuverlässige Berichte
erhielt. An den Anfang stelle ich zwei Kapitel, die in großen
Zügen den Hintergrund und die Ursachen der Novemberrevolution
umreißen. Ich bin mir darüber klar, daß diese beiden Kapitel
schwer zu lesen sind, aber sie sind notwendig, um die späteren
Ereignisse zu verstehen.
Beim Leser werden eine ganze Reihe Fragen auftauchen. Was ist
Bolschewismus? Wie sah die von den Bolschewiki aufgestellte
Regierung aus? Wenn die Bolschewiki vor der Novemberevolution die
Konstituierende Versammlung forderten, warum lösten sie sie
nachher mit Waffengewalt auf? Und wenn die Bourgeoisie gegen die
Konstituierende Versammlung war, bevor die Gefahr des
Bolschewismus für sie offensichtlich wurde, warum setzte sie sich
nachher so energisch dafür ein?
Diese und viele andere Fragen können in diesem Buch nicht
beantwortet werden. In einem weiteren Band, "Von Kornilow bis
Brest - Litowsk" (dieses Buch konnte J. R. nicht beenden. Es ist
nie erschienen. Anm. d. Red.), verfolge ich den Lauf der
Revolution bis zum Friedensschluß mit Deutschland. Dort erkläre
ich auch den Ursprung und die Tätigkeit der revolutionären
Organisationen, die Entwicklung im Denken und Fühlen der Massen,
die Auflösung der Konstituierenden Versammlung, die Struktur des
Sowjetstaates, den Verlauf und das Ergebnis der Verhandlungen von
Brest-Litowsk...
Wenn wir den Aufstieg der Bolschewiki betrachten, müssen wir
verstehen, daß das Wirtschaftsleben Rußlands und die russische
Armee nicht am 7. November1917desorganisiert wurden, sondern schon
Monate früher, als logisches Ergebnis eines Prozesses der
schon1915 einsetzte. Die korrupten Reaktionäre, die am Zarenhof
das Regiment führten, untergruben Rußland ganz systematisch, um
einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland herbeizuführen.
Der Waffenmangel an der Front, der im Sommer1915 zum großen
Rückzug führte, der Lebensmittelmangel an der Front und in den
Großstädten, der Zusammenbruch der Industrie und des
Verkehrswesens 1916 - all das waren, wie wir heute wissen,
einzelne Phasen einer gewaltigen Sabotageaktion. Allein die
Märzrevolution schob ihr in letzter Minute einen Riegel vor. Bei
einer grossen Revolution, in der hundertsechzig Millionen der am
schwersten unterdrückten Menschen in der Welt plötzlich ihre
Freiheit errangen, konnte es begreiflicherweise nicht ohne
Verwirrung abgehen. Und dennoch besserte sich in den ersten
Monaten des neuen Regimes die innere Lage und erhöhte sich auch
die Kampfkraft der Truppen. Aber die "Flitterwochen" waren kurz.
Die besitzenden Klassen wollten eine ausschließlich politische
Revolution, die dem Zaren die Macht nähme und sie ihnen gäbe. Sie
wollten aus Rußland eine konstitutionelle Republik machen wie
Frankreich oder die Vereinigten Staaten; oder eine
konstitutionelle Monarchie wie England. Die Massen des Volkes
dagegen wollten eine wirkliche Revolution in Industrie und
Landwirtschaft. William English Walling beschreibt in seinem
Buch"Rußlands Botschaft" die Stimmung der russischen Arbeiter, die
später fast ausnahmslos den Bolschewismus unterstützten.
"Sie (die Arbeiter) sahen, daß sie selbst unter einer freien
Regierung, wenn sie in die Hand anderer Gesellschaftsklassen fiel,
unter Umständen weiter Hunger leiden würden...
Der russische Arbeiter ist revolutionär, aber er ist weder
gewalttätig noch dogmatisch, noch unintelligent.
Er
ist bereit, auf die Barrikaden zu gehen, aber er hat die
Barrikaden auch studiert, und er als einziger unter den Arbeitern
der ganzen Welt hat sie aus eigener Erfahrung kennen gelernt. Er
ist bereit und gewillt, seinen Unterdrücker, die
Kapitalistenklasse, bis zum Ende zu bekämpfen. Aber er übersieht
nicht das Bestehen anderer Klassen ,nur verlangt er, daß die
anderen Klassen sich in dem herannahenden erbitterten Kampf klar
auf die eine oder andere Seite stellen. Sie (die Arbeiter) waren
sich darüber einig, daß unsere (die amerikanischen) politischen
Institutionen besser sind als ihre eigenen, aber sie hatten keine
Lust, einen Despoten gegen einen anderen (d.h. die
Kapitalistenklasse) auszutauschen....
Die Arbeiter Rußlands ließen sich nicht dafür zu Hunderten
erschießen und hinrichten, in Moskau, in Riga, in Odessa, ließen
sich nicht zu Tausenden in jedes russische Gefängnis sperren, in
die schlimmsten Einöden und arktischen Gebiete verbannen, um dafür
das zweifelhafte Glück eines Arbeiters in Goldfields oder Cripple
Creek einzutauschen..."
Und so entwickelte sich in Rußland, inmitten eines Weltkrieges,
aus der politischen Revolution heraus die soziale Revolution, die
mit dem Sieg der Bolschewiki ihren Höhepunkt erreichte.
Mr. A. J. Sack, der Direktor des russischen Informationsbüros in
den Vereinigten Staaten und ein Gegner der Sowjetregierung, hat in
seinem Buch "Die Geburt der russischen Demokratie" folgendes zu
sagen:
"Die Bolschewiki bildeten ihr eigenes Kabinett mit Nikolaj Lenin
als Premier und Leo Trotzki als Außenminister: Schon bald nach der
Märzrevolution war es klar, daß es so kommen mußte. Die Geschichte
der Bolschewiki nach der Revolution ist eine Geschichte ihres
ständigen Wachstums..."
Ausländer, ganz besonders die Amerikaner, sprechen gern von der
"Unwissenheit" der russischen Arbeiter. Es ist wahr, sie hatten
nicht die politischen Erfahrungen der Völker des Westens, aber sie
waren Meister im freiwilligen Zusammenschluß.1917 gab es mehr als
zwölf Millionen Mitglieder der russischen Konsumgenossenschaften;
und die Sowjets selbst sind ein hervorragender Beweis für ihr
Organisationstalent. Außerdem gibt es wahrscheinlich in der ganzen
Welt kein anderes Volk, das so gut in der sozialistischen Theorie
und ihrer praktischen Anwendung geschult ist. William English
Walling charakterisierte es folgendermaßen: "Die russischen
Werktätigen können meist lesen und schreiben. Seit langem herrscht
im Land eine so große Unzufriedenheit, daß die Arbeiter ihre
Führer nicht nur unter den intelligentesten aus ihrer eigenen
Mitte suchen müssen ,sondern auch auf einen großen Teil der nicht
minder revolutionären gebildeten Klasse rechnen können, die sich
mit ihren Gedanken über die politische und soziale Umgestaltung
Rußlands den Arbeitern zugewandt hat..."
Viele Schriftsteller und Journalisten behaupten, um ihre
Gegnerschaft zur Sowjetregierung zu begründen ,die letzte Phase
der Revolution sei nichts anderes gewesen als ein Kampf der
"anständigen" Elemente gegen die brutalen Angriffe der
Bolschewiki. Tatsächlich war es aber so, daß die besitzenden
Klassen, als sie die ständig steigende Macht der revolutionären
Organisationen des Volkes erkannten, alles versuchten, um sie zu
vernichten und der Revolution Einhalt zu gebieten. Dazu war ihnen
jedes, auch das verzweifeltste Mittel recht. Um die
Kerenskiregierung und die Sowjets zugrunde zu richten, wurde das
Verkehrswesen desorganisiert, wurden innere Unruhen
heraufbeschworen. Um die Fabrikkomitees zu vernichten, wurden
Fabriken geschlossen, Brennstoff und Rohmaterial beiseite
geschafft. Um die Armeekomitees an der Front zu sprengen, wurde
die Todesstrafe wieder eingeführt und alles getan, um eine
militärische Niederlage heraufzubeschwören .Das alles war ein
guter Nährboden für die Bolschewiki. Sie riefen zum Klassenkampf
auf und verkündeten die Überlegenheit der Sowjets. Zwischen diesen
beiden Extremen standen die sogenannten gemäßigten Sozialisten,
die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, und einige kleinere
Parteien und Splittergruppen, die sie aus ganzem oder halbem
Herzen unterstützten. Auch diese Gruppen wurden von den
besitzenden Klassen angegriffen, aber durch ihre Theorien hatten
sie selbst ihre Widerstandskraft gelähmt.
Allgemein kann man sagen, daß die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre die Meinung vertraten, Rußland sei für eine
soziale Revolution wirtschaftlich noch nicht reif - Nur eine
politische Revolution sei möglich. Ihrer Meinung nach waren die
russischen Massen noch zu ungebildet , um die Macht zu übernehmen;
jeder Versuch in diese Richtung müsse unvermeidlich eine Reaktion
hervorrufen, die von skrupellosen Opportunisten dazu ausgenutzt
werden könnte, das alte Regime wieder herzustellen. Als nun die
"gemäßigten" Sozialisten zwangsläufig die Macht übernehmen mußten,
konnte es unter diesen Umständen nicht ausbleiben, daß sie sich
fürchteten, sie auszuüben.
Sie glaubte, Rußland müsse alle Phasen der politischen und
wirtschaftlichen Entwicklung durchlaufen, die auch Westeuropa
durchgemacht hatte, um schließlich zusammen mit der ganzen Welt in
den fertigen Sozialismus einzutreten. So stimmten sie natürlich
mit den besitzenden Klassen darin überein, daß Rußland zunächst
einmal ein parlamentarischer Staat werden müsse - allerdings mit
gewissen Fortschritten gegenüber den westlichen Demokratien.
Deshalb bestanden sie auch auf Teilnahme der besitzenden Klassen
an der Regierung. Von einer solchen Position zur eindeutigen
Unterstützung der Besitzenden war nur noch ein Schritt. Die
"gemäßigten" Sozialisten brauchten die Bourgeoisie. Die
Bourgeoisie dagegen brauchte die "gemäßigten" Sozialisten nicht.
So mußten also die sozialistischen Minister nach und nach ihr
gesamtes Programm preisgeben, während die besitzenden Klassen
immer mehr verlangten. Und schließlich, als die Bolschewiki diesem
ganzen faulen Kompromiß den Todesstoß versetzten, standen die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Kampf auf der Seite der
besitzenden Klassen...In fast jedem Land der Welt erleben wir
heute das gleiche. Statt, wie so oft behauptet wird, eine
zerstörende Kraft zu sein, waren die Bolschewiki meines Erachtens
die einzigen in Rußland, die ein konstruktives Programm
aufzuweisen hatten und auch über die Macht verfügten, um es
durchzusetzen. Hätten sie nicht in dem Augenblick die
Regierungsgewalt ergriffen, zweifle ich nicht im mindesten daran,
daß die Truppen des deutschen Kaiserreiches noch im Dezember in
Petrograd und Moskau einmarschiert wären und Rußland wieder den
Zaren auf dem Nacken gehabt hätte....
Noch heute, ein Jahr nach der Konstituierung der Sowjetregierung,
gehört es zum sogenannten guten Ton, den bolschewistischen
Aufstand ein "Abenteuer" zu nennen. Ein Abenteuer war es, und
eines der herrlichsten, das die Menschheit aufzuweisen hat. Die
arbeitenden Massen haben die Geschichte in die Hand genommen und
alles ihren gewaltigen und doch leichtverständlichen Wünschen
untergeordnet. Der Apparat war vorhanden, mit dessen Hilfe der
Großgrundbesitz unter die Bauern aufgeteilt werden konnte. Es gab
die Fabrikkomitees und Gewerkschaften, um die Kontrolle der
Arbeiter über die Industrie in Gang zu bringen. In jedem Dorf, in
jeder Stadt, in jedem Bezirk, in jedem Gouvernement gab es Sowjets
der Arbeiter- , Soldaten- und Bauerndeputierten, bereit, die
örtliche Verwaltung in die Hand zu nehmen. Was man auch vom
Bolschewismus denken mag, unbestreitbar ist, daß die russische
Revolution eine der größten Taten in der Geschichte der Menschheit
ist und der Aufstieg der Bolschewiki ein Ereignis von weltweiter
Bedeutung. Ebenso wie die Historiker jeder Einzelheit aus der
Pariser Kommune nachspüren, werden sie auch wissen wollen, was
sich im November 1917 in Petrograd zutrug, welcher Geist die
Menschen beseelte, wie ihre Führer aussahen, wie sie sprachen und
wie sie handelten. Das hat mich bewogen, dieses Buch zu schreiben.
Im
Kampf waren meine Sympathien nicht neutral. Aber in meiner
Schilderung der Geschichte dieser großen Tage habe ich versucht,
die Ereignisse mit den Augen eines gewissenhaften Reporters zu
sehen, der nichts anderes will als die Wahrheit schreiben.
New York, 1. Januar 1919
J.
R.
  
Einführende Bemerkungen und Erklärungen
Dem Durchschnittsleser wird es schwer fallen, sich durch die
Vielfalt der russischen Organisationen - politische Gruppen,
Komitees, Zentralkomitees, Sowjets, Dumas und Verbände
durchzufinden. Deshalb möchte ich hier einige kurze Definitionen
und Erklärungen dazu geben.
Politische Parteien
Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung gab es in
Petrograd siebzehn Listen und in einigen Provinzstädten bis zu
vierzig; die folgende Übersicht über die Ziele und die
Zusammensetzung einiger politischer Parteien und Gruppen
beschränkt sich jedoch auf die in diesem Buch erwähnten. Ich kann
hier über ihr Programm und den allgemeinen Charakter ihrer
Anhänger nur das Wesentlichste sagen...
1.
Monarchisten verschiedener Schattierungen, Oktobristen usw. Diese
ehemals so mächtigen Gruppen bestanden als legale Parteien nicht
mehr; sie arbeiteten entweder illegal, oder ihre Mitglieder
schlossen sich den Kadetten an, die dem politischen Programm der
Monarchisten immer näher kamen. Ihre in diesem Buch genannten
Vertreter sind Rodsjanko und Schulgin.
2.
Kadetten. Diese Bezeichnung leitet sich von den Anfangsbuchstaben
des Namens "Konstitutionelle Demokraten" ab. Ihr offizieller Name
lautet "Partei der Volksfreiheit". Unter dem Zaren eine Partei der
Liberalen aus den Reihen der besitzenden Klassen, traten die
Kadetten damals als die große Partei der politischen Reformen auf
und entsprachen damit mehr oder weniger der Fortschrittspartei in
Amerika. Als im März 1917 die Revolution ausbrach, bildeten die
Kadetten die erste Provisorische Regierung. Das Kabinett der
Kadetten wurde im April gestürzt, weil es sich für die
imperialistischen Ziele der Alliierten aussprach, einschließlich
der imperialistischen Ziele der Zarenregierung. Je mehr die
Revolution einen sozialen und ökonomischen Charakter annahm, desto
konservativer wurden die Kadetten. Ihre Vertreter in diesem Buch
sind Miljukow, Winawer, Schazki.
2a. Bund von Männern der Öffentlichkeit. Nachdem die Kadetten
durch ihre Verbindung zur Konterrevolution Kornilows jede
Popularität verloren hatten, wurde in Moskau der "Bund von Männern
der Öffentlichkeit gebildet. Delegierte dieser Gruppe erhielten
Ministerposten im letzten Kabinett Kerenskis. Die Gruppe gab sich
als überparteilich aus, aber ihre intellektuellen Führer waren
Männer wie Rodsjanko und Schulgin. Dieser Gruppe gehörten die
"modernen" Bankiers, Kaufleute und Fabrikanten an, die klug genug
waren, um einzusehen, daß man die Sowjets mit ihren eigenen Waffen
bekämpfen mußte - mit der wirtschaftlichen Organisation. Typisch
für diese Gruppe sind Lianosow und Konowalow.
3.
Volkssozialisten oder Trudowiki (Gruppe der Arbeit). Zahlenmäßig
eine kleine Partei. Zu ihren Mitgliedern gehörten gemäßigte
Intellektuelle, die Führer der Genossenschaften und konservativen
Bauern. Obwohl sie vorgaben, Sozialisten zu sein, unterstützten
die Volkssozialisten in Wirklichkeit die Interessen des
Kleinbürgertums - der Beamten, Gewerbetreibenden usw. Sie
übernahmen als direktes Erbe die kompromißlerischen Traditionen
der "Gruppe der Arbeit" in der zaristischen Duma, der vor allem
Bauernvertreter angehört hatten. Kerenski war der Führer der
Trudowiki in der zaristischen Duma, als die Märzrevolution 1917
ausbrach. Die Volkssozialisten sind eine Nationalistische Partei.
Ihre Vertreter in diesem Buch sind Pschechonow und Tschaikowski.
4.
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands. Ursprünglich eine
marxistische Partei. Auf ihrem Parteitag von 1903 spaltete sie
sich über Fragen der Taktik in zwei Gruppen - die Mehrheit (Bolschinstwo)
und die Minderheit (Menschinstwo). Daraus ergaben sich die
Bezeichnungen "Bolschewiki" und "Menschewiki" - "Angehörige der
Mehrheit" und "Angehörige der Minderheit". Diese beiden Flügel
entwickelten sich zu voneinander unabhängigen Parteien, die sich
aber beide "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" nannten
und beide für sich in Anspruch nahmen, marxistisch zu sein. Seit
der Revolution waren die Bolschewiki zahlenmäßig in der Minderheit
und wurden erst im September 1917 wieder die Mehrheit.
a)
Menschewiki. Dieser Partei gehören Sozialisten aller
Schattierungen an, die der Meinung sind, die Gesellschaft müsse
durch eine natürliche Evolution zum Sozialismus gelangen und die
Arbeiterklasse müsse zunächst die politische Macht erobern. Auch
sie ist eine nationalistische Partei. Von jeher war sie die Partei
der sozialistischen Intellektuellen, die sich, unter dem
Bildungsmonopol der besitzenden Klassen erzogen, diesem Einfluß
nicht entziehen konnten und sich letzten Endes auf ihre Seite
stellten. Zu ihren Vertretern in diesem Buch gehören Dan, Liber,
Zereteli.
b)
Menschewiki - Internationalisten. Der radikale Flügel der
Menschewiki, Internationalisten und Gegner jeder Koalition mit den
besitzenden Klassen. Trotzdem waren sie nicht bereit, sich völlig
von den konservativen Menschewiki zu lösen. Sie sind Gegner der
von den Bolschewiki vertretenen Diktatur des Proletariats. Trotzki
war lange Mitglied dieser Gruppe. Zu ihren Führern gehören Martow
und Martynow.
c)
Bolschewiki. Heute nennen sie sich "Kommunistische Partei", um
ihre völlige Loslösung von der Tradition des "gemäßigten" oder
"parlamentarischen" Sozialismus zu dokumentieren, der bei den
Menschewiki und den sogenannten Mehrheitssozialisten aller Länder
vorherrscht. Die Bolschewiki forderten den sofortigen
proletarischen Aufstand, die Machtergreifung, um durch die
gewaltsame Übernahme der Industrie, des Bodens, der Naturschätze
und Finanzinstitutionen die Herbeiführung des Sozialismus zu
beschleunigen. Diese Partei vertritt in der Hauptsache den Willen
der Industriearbeiter, aber auch großer Teile der armen Bauern.
Der Name "Bolschewiki" darf keinesfalls mit "Maximalisten"
übersetzt werden. Die Maximalisten sin eine besondere Gruppe
(Siehe Absatz 5b).Zu den Führern der Bolschewiki gehören Lenin,
Trotzki, Lunatscharski.
d)
Vereinigte Sozialdemokraten - Internationalisten, auch als Gruppe
"Nowaja Shisn" (Neues Leben) nach ihrer sehr einflußreichen
Zeitung bekannt. Eine kleine Gruppe von Intellektuellen. Außer den
persönlichen Anhängern Gorkis, des Führers dieser Gruppe, gehören
ihr kaum Arbeiter an. Die Gruppe vertritt fast das gleiche
Programm wie die Menschewiki - Internationalisten, unterscheidet
sich aber von ihnen dadurch, daß sie sich weder den Bolschewiki
noch den Menschewiki anschlossen.
e)
Jedinstwo. Eine sehr kleine, im Verschwinden begriffene Gruppe,
der fast nur die persönlichen Anhänger Plechanows angehören
Plechanow war einer der Pioniere der russischen
sozialdemokratischen Bewegung in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts und ihr größter Theoretiker. Als alter Mann nahm
Plechanow eine extrem patriotische Haltung ein und war sogar den
Menschewiki zu konservativ. Nach dem bolschewistischen Aufstand
löste sich die Gruppe Jedinstwo auf.
6.
Sozialrevolutionäre Partei. Ihren Anfangsbuchstaben nach nannte
man sie "SR". Ursprünglich war sie die revolutionäre Partei der
Bauern, die Partei der "Kampforganisationen" - der Terroristen.
Nach der Märzrevolution strömten ihr viele Mitglieder zu, die
niemals Sozialisten waren. Nunmehr traten sie dafür ein, daß
lediglich das Privateigentum an Grund und Boden abgeschafft werden
solle. Die Eigentümer sollten irgendwie entschädigt werden.
Schließlich zwang die immer revolutionärer werdende Stimmung unter
den Bauern die Sozialrevolutionäre, ihre "Entschädigungsklausel"
fallenzulassen. Daraufhin verliessen im Herbst 1917 die jüngeren
und stürmischeren Intellektuellen die Partei und schlossen sich
zur "linken sozialrevolutionären Partei" zusammen. Die alte
Partei, die später von den radikalen Gruppen immer die "rechte
sozialrevolutionäre Partei" genannt wurde, verfolgte die gleiche
Politik wie die Menschewiki und arbeitete mit ihnen zusammen.
Schließlich wurden die rechten Sozialrevolutionäre zu Vertretern
der wohlhabenden Bauern, der Intellektuellen und der politisch
ungeschulten Bevölkerung entlegener ländlicher Gebiete. Es gab
unter ihnen jedoch eine größere Vielfalt politischer und
ökonomische Schattierungen als unter den Menschewiki. Zu ihren in
diesem Buch erwähnten Führern zählten: Awxentjew, Goz, Kerenski,
Tschernow, "Babuschka" Breschowskaja.
g)
Linke Sozialrevolutionäre. Obwohl sie theoretisch dem
bolschewistischen Programm der Diktatur des Proletariats
zustimmten, zögerten sie anfangs, sich der rücksichtslosen Taktik
der Bolschewiki anzuschließen. Die linken Sozialrevolutionäre
blieben jedoch in der Sowjetregierung und übernahmen Posten im
Kabinett, insbesondere das Volkskomissariat für Landwirtschaft.
Sie verließen die Regierung mehrere Male, kehrten aber immer
wieder zurück. Die Bauern, die in immer größerer Zahl die rechten
Sozialrevolutionäre verließen, schlossen sich den linken
Sozialrevolutionären an, die somit zur großen Bauernpartei wurden.
Sie unterstützten die Sowjetregierung und traten für die
entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes und seine
Übergabe an die Bauern ein. Zu ihren Führern gehören Spiridonowa,
Karelin, Kamkow, Kalagajew.
h)
Maximalisten . Eine Splittergruppe der Sozialrevolutionären Partei
in der Revolution von 1905. Damals führten sie eine machtvolle
Bauernbewegung, die für die sofortige Durchführung eines
sozialistischen Maximalprogramms eintrat. Jetzt eine unbedeutende
Gruppe bäuerlicher Anarchisten.
Parlamentarische Gepflogenheiten
Die Verfahrensregeln bei russischen Versammlungen und Kongressen
sind den kontinentalen Gepflogenheiten ähnlicher als den unseren.
Die erste Handlung ist im allgemeinen die Wahl eines Präsidiums.
Das Präsidium ist ein Komitee, das den Vorsitz über die
Versammlung innehat. Ihm gehören Vertreter der an der Versammlung
teilnehmenden Gruppen und politischen Parteien im Verhältnis zu
ihrer Mitgliederzahl an. Das Präsidium stellt die Geschäftsordnung
auf, und jedes seiner Mitglieder kann vom Vorsitzenden
aufgefordert werden, zeitweise die Versammlung zu leiten. Jede
Frage wird erst allgemein aufgeworfen und dann diskutiert. Zum
Abschluß der Debatte bringen die verschiedenen Parteien
Resolutionen ein, über die einzeln abgestimmt wird. Es kann
geschehen, und geschieht auch meistens, daß die Geschäftsordnung
schon in der ersten halben Stunde über den Haufen geworfen wird.
Unter Berufung auf besondere "Dringlichkeit", die von der
Versammlung fast immer anerkannt wird, kann jeder aufstehen und
sich zu jedem beliebigen Thema äußern. Die Versammlung wird von
den Massen der Teilnehmer beherrscht. Dem Versammlungsleiter
bleibt weiter nichts zu tun, als mit einer Glocke Ordnung zu
schaffen und die Redner anzusagen. Die Hauptarbeit der Tagungen
wird in den Fraktionssitzungen der verschiedenen Gruppen und
Parteien geleistet, die fast immer geschlossen abstimmen und von
Fraktionsführern vertreten werden. Das führt jedoch dazu, daß bei
jeder neuen wichtigen Frage, bei jeder Abstimmung, die Tagung
unterbrochen werden muß, damit sich die verschiedenen Gruppen und
Parteien zu einer Fraktionsbesprechung zusammenfinden können. Die
Versammlungsteilnehmer sind sehr laut, bekunden den Rednern ihren
Beifall oder ihr Mißfallen und machen jede vom Präsidium
festgelegte Ordnung zunichte. Zu den üblichen Zurufen gehören "Prossim!"
(Bitte! Weitermachen!),"Prawilno!" "Eto werno!" (Sehr richtig!
Sehr wahr!), "Dowolno!" (Genug!), "Doloi!" (Abtreten!) , "Posor!"
(Schande!) und "Ticho!" (Ruhe!).
Massenorganisationen
1.
Sowjets. Das Wort Sowjet bedeutet "Rat". Unter dem Zaren wurde der
Reichsrat "Gossudarstwenny Sowjet" genannt. Seit der Revolution
versteht man aber unter Sowjet immer mehr ein von den Mitgliedern
der wirtschaftlichen Organisationen der Werktätigen gewähltes
Parlament den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und
Bauerndeputierten. Ich habe also nur diese spezifischen
Organisationen mit dem Wort Sowjet bezeichnet und an allen anderen
Stellen das Wort mit "Rat" übersetzt. Neben den örtlichen Sowjets,
die in jeder Stadt und jedem Dorf Rußlands gewählt werden - in den
Großstädten außerdem Sowjets der Stadtbezirke (Rayons) - , gibt es
auch Bezirks- und Gouvernementssowjets (oblastnyje oder
gubernskije) und das Zentralexekutivkomitee der Gesamtrussischen
Sowjets in der Hauptstadt, nach den Anfangsbuchstaben ZEK genannt
(siehe auch weiter unten "Zentralkomitees").Fast überall vereinten
sich nach der Märzrevolution die Sowjets der Arbeiterdeputierten
und die der Soldatendeputierten. In besonderen Fragen, die sich
auf ihre spezifischen Interessen bezogen, traten die Sektionen der
Arbeiter und Soldaten auch weiterhin gesondert zusammen. Die
Sowjets der Bauerndeputierten schlossen sich den anderen erst nach
der Machtergreifung durch die Bolschewiki an. Auch sie waren wie
die Arbeiter und Soldaten organisiert, mit einem Gesamtrussischen
Exekutivkomitee der Bauernsowjets in der Hauptstadt.
2.
Gewerkschaften. Obwohl meist in Form von Industriegewerkschaften
organisiert, nannten sich die russischen Gewerkschaften noch immer
Fachverbände. Zur Zeit der bolschewistischen Revolution hatten sie
vier Millionen Mitglieder. Auch die Gewerkschaften waren in einem
gesamtrussischen Verband zusammengeschlossen, einer Art Russischer
Arbeiterföderation, mit einem Zentralexekutivkomitee in der
Hauptstadt.
3.
Fabrikkomitees. Diese waren spontan entstandene Organisationen,
von den Arbeitern in den Fabriken gebildet, um die Kontrolle über
die Industrie auszuüben. Sie nutzten das administrative Chaos, das
die Revolution mit sich gebracht hatte, um sich eine feste
Position zu schaffen. Ihre Funktion bestand darin, durch
revolutionäre Aktionen die Fabriken in die eigenen Hände zu nehmen
und zu leiten. Die Fabrikkomitees hatten auch ihre gesamtrussische
Organisation mit einem Zentralkomitee in Petrograd, das mit den
Gewerkschaften zusammenarbeitete.
4.
Dumas. Das Wort Duma bedeutet mehr oder weniger "beratende
Körperschaft". Die alte zaristische Duma, die in etwas
demokratisierter Form noch sechs Monate nach der Revolution
bestand, starb im September 1917 eines natürlichen Todes. Die
Stadtduma, die in diesem Buch eine Rolle spielt, war der
reorganisierte Stadtrat, häufig auch "städtische Selbstverwaltung"
genannt. Sie wurde in direkter und geheimer Wahl gewählt, und wenn
sie während der bolschewistischen Revolution die Unterstützung der
Massen verlor, dann liegt das hauptsächlich daran, daß mit der
aufsteigenden Macht der Organisationen, die sich auf ökonomische
Gruppen stützten, alle rein politischen Vertretungen an Einfluß
verloren.
5.
Semstwos. Dieser Name läßt sich mehr oder weniger mit "Landräte"
übersetzen. Unter dem Zaren waren die Semstwos halb politische,
halb soziale Körperschaften, mit verschwindend kleinen
administrativen Funktionen. Sie wurden zum größten Teil von
intellektuellen Liberalen aus der Grundbesitzerklasse beherrscht.
Ihre wichtigste Funktion war die Schaffung von Schulen und
sozialen Einrichtungen für Bauern. Während des Krieges nahmen die
Semstwos allmählich die gesamte Versorgung der Armee mit
Lebensmitteln und Kleidung sowie die Käufe aus dem Ausland in die
Hand. Sie leisteten unter den Soldaten eine Arbeit, die mehr oder
weniger der Tätigkeit des Christlichen Vereins junger Männer an
der Front entspricht. Nach der Märzrevolution wurden die Semstwos
demokratisiert, weil man beabsichtigte, ihnen die örtlichen
Regierungsorgane in den ländlichen Gebieten zu übertragen. Sie
konnten aber ebensowenig wie die Stadtdumas gegen die Sowjets
aufkommen.
6.
Genossenschaften. Darunter sind die Konsumgenossenschaften der
Arbeiter und Bauern zu verstehen, die vor der Revolution in
Rußland mehrere Millionen Mitglieder hatten. Von Liberalen und
"gemäßigten" Sozialisten gegründet, wurden die Genossenschaften
nicht von den revolutionären sozialistischen Gruppen unterstützt,
da sie eine Ersatzlösung gegen über der völligen Übernahme und der
Verteilung in die Hände der Werktätigen darstellten. Nach der
Märzrevolution vergrößerten sich die Genossenschaften rasch. Sie
wurden von den Volkssozialisten, Menschewiki und
Sozialrevolutionären beherrscht und spielten bis zur
bolschewistischen Revolution die Rolle einer konservativen
politischen Kraft. Trotzdem darf man nicht übersehen, daß die
Genossenschaften Rußland mit Lebensmitteln versorgten, als der
alte Handels- und Verkehrsapparat zusammengebrochen war.
7.
Armeekomitees. Die Armeekomitees wurden von den Soldaten an der
Front gebildet, um den reaktionären Einfluß der Offiziere des
alten Regimes zu bekämpfen. Jede Kompanie, jedes Regiment, Jede
Brigade und Division, jedes Korps hatte ein eigenes Komitee. Als
Dachorganisation wurde ein Armeekomitee gewählt. Das Zentrale
Armeekomitee arbeitete mit dem Generalstab zusammen. Der durch die
Revolution verursachte administrative Zusammenbruch in der Armee
lud fast die gesamte Arbeit der Quartiermeister und in einigen
Fällen sogar den Befehl der Truppen auf die Schultern des
Armeekomitees.
8.
Flottenkomitees. Die entsprechende Organisation in der Flotte.
Zentralkomitees
Im
Frühjahr und Sommer 1917 wurden in Petrograd gesamtrussische
Kongresse der verschiedenartigsten Organisationen abgehalten. Es
gab Nationalkongresse der Arbeiter-, der Soldaten- und der
Bauernsowjets, der Gewerkschaften, der Fabrikkomitees, der Armee-
und Flottenkomitees - außerdem Kongresse jedes Zweiges innerhalb
der Armee und Flotte, Kongresse der Genossenschaften, der
Nationalitäten usw. Jeder dieser Kongresse wählte ein
Zentralkomitee oder ein Zentralexekutivkomitee, um die besonderen
Interessen seiner Organisationen am Sitz der Regierung zu wahren.
Als dann die Provisorische Regierung von Tag zu Tag schwächer
wurde, mußten die Zentralkomitees eine immer größere
administrative Macht in ihre eigenen Hände nehmen.
Die wichtigsten in diesem Buch erwähnten Zentralkomitees sind:
Der Verband der Verbände. Während der Revolution von 1905 bildeten
Professor Miljukow und andere Liberale Verbände freiberuflicher
Intellektueller - Ärzte, Juristen usw. Diese vereinigten sich zu
einer zentralen Organisation, dem Verband der Verbände. 1905
kämpfte der Verband der Verbände auf der Seite der revolutionären
Demokratie; 1917 dagegen wandte er sich gegen den
bolschewistischen Aufstand und stellte sich an die Spitze der
Regierungsangestellten, die gegen die Autorität der Sowjets
streikten.
Zentralexekutivkomitee. Gesamtrussisches Zentralexekutivkomitee
der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.
Zentroflot. "Zentralflotte" - das zentrale Flottenkomitee.
Wikshel. Gesamtrussisches Exekutivkomitee des
Eisenbahnerverbandes. Genannt nach seinen Anfangsbuchstaben.
Andere Organisationen
Rote Garden. Die bewaffneten Fabrikarbeiter Rußlands. Die Roten
Garden entstanden zum erstenmal in der Revolution von 1905 und
erschienen erneut in den Märztagen 1917 auf dem Schauplatz, als
eine Kraft gebraucht wurde, um Ruhe und Ordnung in den Städten zu
wahren. Sie waren bewaffnet, und jeder Versuch der Provisorischen
Regierung , sie zu entwaffnen, blieb mehr oder weniger erfolglos.
In jeder großen Krise der Revolution erschienen die Roten Garden
auf der Straße, ungeschult und undiszipliniert, aber von
revolutionärem Elan erfüllt.
Weiße Garden. Freiwillige aus den Kreisen der Bourgeoisie, die in
den letzten Etappen der Revolution in Erscheinung traten, um das
Privateigentum, das die Bolschewiki abschaffen wollten, zu
verteidigen. Sehr viele von ihnen waren Studenten.
Jekinzy. Die sogenannte Wilde Division in der Armee Sie bestand
aus Angehörigen mohammedanischer Stämme aus Mittelasien, die
Kornilow persönlich zugetan waren. Sie waren wegen ihres blinden
Gehorsams und ihrer grausamen Kriegsführung bekannt.
"Todesbataillone" oder "Stoßbataillone". Im allgemeinen ist das
Frauenbataillon in der Welt als Todesbataillon bekannt, aber es
gab auch Männerbataillone dieser Art. Sie wurden im Sommer1917 von
Kerenski gebildet, um durch Beispiele von Heldentum die Disziplin
und Kampfkraft in der Armee zu erhöhen. Die Todesbataillone wurden
zumeist aus fanatisch patriotischen jungen Menschen gebildet. Zum
größten Teil waren es Söhne aus den besitzenden Klassen.
Offiziersverband. Eine Organisation der reaktionären Offiziere in
der Armee, dazu bestimmt, die wachsende Macht der Armeekomitees
politisch zu bekämpfen.
Ritter des heiligen Georg. Das Georgskreuz wurde für hervorragende
Verdienste in der Schlacht verliehen. Die Träger dieses Ordens
waren automatisch Georgsritter. Diese Organisation spielte
hauptsächlich als Vorkämpfer militärischer Ideale eine Rolle.
Bauernverband. 1905 war der Bauernverband eine revolutionäre
Bauernorganisation.. 1917 war er jedoch zum politischen
Interessenvertreter der wohlhabenden Bauern geworden und bekämpfte
die wachsende Macht und die revolutionären Ziele der Sowjets der
Bauerndeputierten.
Zeitrechnung und Schreibweise
Ich habe in diesem Buch überall unseren Kalender benutzt und nicht
den russischen, der dreizehn Tage zurückliegt. In der Schreibweise
der russischen Wörter und Namen habe ich nicht versucht, mich an
wissenschaftliche Transkriptionsregeln zu halten, sondern habe
eine Schreibweise gewählt, die dem englischen Leser die Aussprache
am leichtesten klarmachen kann.
Quellen
Das Material in diesem Buch stammt zu einem großen Teil aus meinen
eigenen Notizen. Darüber hinaus habe ich mich aber auch auf ein
wahllos zusammengetragenes Archiv mehrerer Hundert russischer
Zeitungen gestützt, die über fast jeden Tag der geschilderten
Zeitspanne Meldungen enthalten. Außerdem benutzte ich eine
Sammlung der englischen Zeitung "Russian Daily News" und der
beiden französischen Zeitungen "Journal de Russie" und "Entente".
Viel wertvoller als diese Zeitungen ist allerdings das "Bulletin
de la Presse", täglich vom französischen Informationsbüro in
Petrograd herausgegeben, das über alle wichtigen Ereignisse, Reden
und Kommentare der russischen Presse berichtet. Von diesem
Bulletin habe ich eine nahezu vollständige Sammlung vom Frühjahr
1917 bis Ende Januar 1918.Daneben habe ich fast jede Proklamation,
jedes Dekret und jede Ankündigung , die von Mitte September 1917
bis Januar1918 in den Straßen Petrograds angeschlagen wurden,
gesammelt; ebenso die offiziellen Veröffentlichungen aller Dekrete
und Befehle der Regierung sowie die offizielle Veröffentlichung
der Geheimabkommen und anderer Dokumente, die im Außenministerium
gefunden wurden, als es die Bolschewiki übernahmen.
  
I. Hintergrund
Gegen Ende September 1917 besuchte mich ein ausländischer
Professor der Soziologie in Petrograd. Ihm war von Männern der
Wirtschaft und von Intellektuellen erzählt worden, daß die
Revolution im Abebben sei. Der Herr Professor schrieb darüber
einen Artikel und durchreiste dann das Land; er besuchte
Fabrikstädte und Dorfgemeinden, wo zu seinem großen Erstaunen die
Revolution ihren Schritt eher zu beschleunigen schien. Unter den
Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer
öfter der Ruf: "Alles Land den Bauern!" "Alle Fabriken den
Arbeitern!" Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so
hätte erhören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem
Frieden die Rede war... Der Herr Professor war verwirrt; ohne
Grund; beide Beobachtungen waren richtig. Die besitzenden Klassen
wurden konservativer, die Volksmassen radikaler.
In
den Reihen der Geschäftswelt und in der Intelligenz herrschte
allgemein das Gefühl, daß die Revolution weit genug gegangen sei
und schon zu lange währe; daß es an der Zeit sei, Ruhe zu
schaffen. Dieser Auffassung waren auch die herrschenden
"gemäßigten" sozialistischen Gruppen, die Menschewiki- "Oboronzy"
und Sozialrevolutionäre, die die Provisorische Kerenskiregierung
unterstützten. Am14. Oktober erklärte das offizielle Organ der
"gemäßigten" Sozialisten:
"Das Drama der Revolution hat zwei Akte: Die Zerstörung der alten
Ordnung und die Schaffung der neuen. Der erste Akt hat lange genug
gedauert. Jetzt ist es an der Zeit, den zweiten zu beginnen und
ihn so schnell als möglich zu Ende zu führen. Von einem großen
Revolutionär stammt das Wort: "Eilen wir uns Freunde, die
Revolution zu beenden. Wer sie zu lange währen läßt, läuft Gefahr,
um ihre Früchte zu kommen"...."
Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen waren dagegen der festen
Überzeugung, Daß der "erste Akt" noch lange nicht zu Ende gespielt
war. An der Front stießen überall Armeekomitees mit den Offizieren
zusammen, die sich noch immer nicht gewöhnen konnten, die Soldaten
als Menschen zu behandeln; im Hinterland wurden die von den Bauern
gewählten Bodenkomitees eingesperrt, wo sie sich unterfingen, die
von der Regierung angeordneten Bestimmungen über den Grund und
Boden durchzuführen; und die Arbeiter in der Fabriken mußten einen
schweren Kampf gegen schwarze Listen und Aussperrungen führen. Die
zurückkehrenden politischen Verbannten wurden als "unerwünschte
Bürger" nicht ins Land hineingelassen, und in manchen Fällen
wurden Menschen, die aus dem Auslande in ihre Dörfer
zurückkehrten, wegen der im Jahre1905 begangenen politischen
Handlungen verfolgt und eingekerkert. Auf die mannigfaltige
Unzufriedenheit des Volkes hatten die "gemäßigten" Sozialisten nur
eine Antwort: Die Konstituierende Versammlung abzuwarten, die im
Dezember zusammentreten sollte. Aber die Massen waren damit nicht
zufrieden. Die Konstituierende Versammlung war gut und schön, doch
es gab gewisse klar umrissene Dinge, um derentwillen die russische
Revolution gemacht worden war, für die die revolutionären
Märtyrer, die in den Massengräbern des Marsfeldes lagen, ihr Blut
vergossen hatten; diese galt es zu verwirklichen, mit oder ohne
Konstituierende Versammlung: Frieden, Land, Kontrolle der Arbeiter
über die Industrie. Die Konstituierende Versammlung war bisher
immer wieder vertagt worden - und würde wahrscheinlich noch einmal
vertagt werden, so lange vielleicht, bis das Volk ruhig genug
geworden war, um auf einen Teil seiner Forderungen zu verzichten.
Acht Monate Revolution waren bereits ins Land gegangen, und wenig
genug zu sehen.....Inzwischen begannen die Soldaten, die
Friedensfrage auf eigene Faust zu lösen, indem sie einfach
desertierten; die Bauern brannten die Gutshäuser nieder und
setzten sich in den Besitz der großen Güter; die Arbeiter
streikten....Die Fabrikanten, Gutsbesitzer und Offiziere der Armee
setzten ihren ganzen Einfluß ein, um jedes demokratische
Zugeständnis zu verhindern.... Die Politik der Provisorischen
Regierung schwankte zwischen wertlosen Reformen und brutaler
Unterdrückung. Ein Befehl des sozialistischen Arbeitsministers
ordnete an, daß die Arbeiterkomitees fortan nur nach Feierabend
zusammentreten dürften. Bei den Truppen an der Front wurden die
"Agitatoren" der oppositionellen politischen Parteien verhaftet,
die radikalen Zeitungen verboten und die Todesstrafe gegen
revolutionäre Propagandisten angewandt. Versuche wurden
unternommen, die Roten Garden zu entwaffnen. Kosaken wurden in die
Provinzen geschickt, damit sie dort die Ordnung
wiederherstellten.....
Diese Maßnahmen wurden von den "gemäßigten" Sozialisten und ihren
Führern im Ministerium, die die Zusammenarbeit mit den besitzenden
Klassen für notwendig hielten, gutgeheißen. Die Volksmassen
wandten sich in schnellem Tempo von ihnen ab und gingen zu den
Bolschewiki über, die für Frieden, Land für die Kontrolle der
Arbeiter über die Industrie und für eine Regierung der
Arbeiterklasse waren. Im September 1917 spitzten sich die Dinge
zur Krise zu. Gegen den überwältigenden Willen des Landes gelang
es Kernski und den "gemäßigten" Sozialisten, eine
Koalitionsregierung mit den besitzenden Klassen zu errichten; das
Resultat war, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das
Vertrauen des Volkes endgültig verloren. Ein Artikel im "Rabotschi
Put" (Der Arbeiterweg) um die Mitte des Oktobers unter dem Titel
"Die sozialistischen Minister" brachte die Meinung der Volksmassen
wie folgt zum Ausdruck:
"Hier eine Liste ihrer Leistungen:
Zereteli: entwaffnete die Arbeiter mit Hilfe des Generals Polowzew,
brachte den revolutionären Soldaten eine Niederlage bei und
stimmte der Todesstrafe in der Armee zu.
Skobelew: begann mit dem Versprechen, eine hundertprozentige
Steuer auf die Profite der Kapitalisten zu legen, und endete - und
endete mit dem Versuch, die Arbeiterkomitees in den Werkstätten
und Fabriken aufzulösen.
Awxentjew: warf einige Hundert Bauern ins Gefängnis, die
Mitglieder der Bodenkomitees, und unterdrückte Dutzende von
Arbeiter- und Soldatenzeitungen.
Tschernow: unterzeichnete das Kaiserliche Manifest, das die
Auflösung des finnischen Landtages anordnete.
Sawinkow: schloß ein offenes Bündnis mit dem General Kornilow.
Wenn es diesem Retter des Landes nicht gelang, Petrograd zu
verraten, so ist das auf Gründe zurückzuführen, die seinem Einfluß
nicht unterlagen.
Sarudny: kerkerte mit Zustimmung Alexinskis und Kerenskis Tausende
revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Matrosen ein.
Nikitin: handelte als ordinärer Polizist gegen die Eisenbahner.
Kerenski: über den sagt man am besten gar nichts. Die Liste seiner
Leistungen würde zu lang werden....."
Ein Delegiertenkongress der Baltischen Flotte in Helsingfors
beschloß eine Resolution, die wie folgt begann:
"Wir fordern die sofortige Entfernung des ,Sozialisten` und
politischen Abenteurers Kerenski aus der Provisorischen Regierung,
der die große Revolution und mit ihr die revolutionären Massen
durch seine schamlosen politischen Erpressungen im Interesse der
Bourgeoisie zugrunde richtet..."
Das unmittelbare Ergebnis alles dessen war der Aufstieg der
Bolschewiki.....
Seit dem März 1917, als der Ansturm der Arbeiter und Soldaten auf
den Taurischen Palast die widerstrebende Reichsduma zwang, die
Macht in Rußland zu übernehmen, waren es die Massen des Volkes,
die Arbeiter, Soldaten und Bauern, die jeden Wechsel im Fortgang
der Revolution erzwangen. Sie stürzten das Ministerium Miljukows;
ihr Sowjet war es, der der Welt die russischen Friedensvorschläge
verkündete: "Keine Annexionen, keine Entschädigungen,
Selbstbestimmungsrecht der Völker!" und wieder, im Juli, war es
die spontane Erhebung des unorganisierten Proletariats, das zum
zweiten Male den Taurischen Palast stürmte und die Forderung
erhob: Übernahme der Regierungsgewalt in Rußland durch die
Sowjets. Die Bolschewiki, zu der Zeit eine kleine politische
Sekte, stellten sich an die Spitze der Bewegung. Das Ergebnis des
völligen Mißerfolgs der Erhebung war, daß sich die öffentliche
Meinung gegen sie kehrte. Ihre führerlosen Massen fluteten in das
Wiborgviertel zurück, das Saint Antoine von Petrograd. Dann folgte
eine wilde Bolschewistenhetze: Hunderte wurden eingekerkert,
darunter Trotzki, Frau Kollontai und Kamenew; Lenin und Sinojew
mußten sich verbergen, gehetzt von der Justiz; die
bolschewistischen Zeitungen wurden unterdrückt. Provokateure und
Reaktionäre wurden nicht müde, die Bolschewiki als deutsche
Agenten zu bezeichnen, bis sich in der ganzen Welt Leute fanden,
die das glaubten. Aber die Provisorische Regierung konnte ihre
Anklagen nicht beweisen; die Dokumente, die die prodeutsche
Verschwörertätigkeit der Bolschewiki beweisen sollten, wurden als
Fälschungen enthüllt. Und die Bolschewiki wurden, einer nach dem
anderen, aus den Gefängnissen entlassen, ohne jeden Prozeß, gegen
nominelle oder ohne jede Bürgschaft, bis nur sechs Verhaftete
übrigblieben. Die Machtlosigkeit und Unentschlossenheit der
ständig wechselnden Provisorischen Regierung war allein schon ein
unwiderlegbares Argument. Die Bolschewiki stellten erneut die den
Massen so wertvolle Losung auf: "Alle Macht den Sowjets!", und sie
taten das nicht aus Selbstsucht; zu der Zeit gehörte die Mehrheit
in den Sowjets den "gemäßigten" Sozialisten, ihren wütendsten
Gegnern. Doch mehr noch; sie übernahmen die elementaren, einfachen
wünsche der Arbeiter, Soldaten und Bauern und schufen daraus ihr
Aktionsprogramm. Und während die sozialpatriotischen Menschewiki
und Sozialrevolutionäre sich in der Politik des Kompromisses mit
der Bourgeoisie verwirrten, eroberten die Bolschewiki schnell die
russischen Massen. Im Juli waren sie noch gehetzt und verachtet,
im September waren die Arbeiter der Hauptstadt, die Matrosen der
Baltischen Flotte und die Soldaten bereits fast ganz auf ihrer
Seite. Die Kommunalwahlen, die im September in den großen Städten
stattfanden, waren dafür bezeichnend; nur acht Prozent der
Gewählten waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegenüber mehr
als siebzig Prozent im Juni... Es bleibt ein Umstand, der geeignet
ist, den nichtrussischen Beobachter zu verwirren: das
Zentralexekutivkomitee der Sowjets, die zentralen Armee- und
Flottenkomitees und die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften,
vor allem die der Post - und Telegrafenarbeiter und der
Eisenbahner, waren den Bolschewiki entschieden feindlich. Alle
diese Zentralkomitees waren in der Mitte des Sommers oder sogar
vorher gewählt worden, als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre
noch eine ungeheure Anhängerschaft hatten; jetzt schoben sie
Neuwahlen immer wieder hinaus oder verhinderten sie sogar. So
hätte beispielsweise den Bestimmungen der Sowjets der Arbeiter-
und Soldatendeputierten gemäß der Gesamtrussische Sowjetkongreß
zum September einberufen werden müssen; doch das
Zentralexekutivkomitee wollte ihn nicht zusammentreten lassen
unter dem Vorwand, daß die Konstituierende Versammlung in
spätestens zwei Monaten tagen würde, womit, so deuteten sie an,
die Aufgabe der Sowjets erledigt wäre und sie abzutreten hätten.
Mittlerweile eroberten die Bolschewiki im ganzen Lande einen nach
dem anderen die örtlichen Sowjets, die lokalen
Gewerkschaftsorganisationen und die unteren Soldaten- und
Matrosenmassen. Die Bauernsowjets blieben noch konservativ, weil
in den rückständigen ländlichen Gebieten das politische Bewußtsein
sich nur langsam entwickelte; außerdem hatte seit einer ganzen
Generation die Agitation in den Händen der Sozialrevolutionäre
gelegen......Doch selbst unter den Bauern begann sich ein
revolutionärer Flügel zu bilden. Das zeigte sich klar im Oktober,
als sich der linke Flügel der Sozialrevolutionäre abspaltete und
eine neue politische Partei bildete, die Partei der linken
Sozialrevolutionäre. Gleichzeitig waren allenthalben Anzeichen
vorhanden, daß die Reaktion wieder Selbstvertrauen gewann. In der
Troizki- Komödie in Petrograd wurde beispielsweise eine Burleske
mit dem Titel "Die Sünden des Zaren" von einer Monarchistengruppe
gestört, die die Schauspieler zu lynchen drohte, weil sie "den
Zaren beleidigt" hatten. Gewisse Zeitungen begannen nach einem
"russischen Napoleon" zu rufen. Es war damals bei der bürgerlichen
Intelligenz üblich, die Arbeiterdeputierten als "Hundedeputierte"
zu bezeichnen. Am 15. Oktober hatte ich eine Unterhaltung mit
einem russischen Großkapitalisten, Stepan Georgijewitsch Lianosow,
bekannt als der "russische Rockefeller", seiner politischen
Parteizugehörigkeit nach ein Kadett. "Die Revolution", sagte
dieser, "ist eine Krankheit. Früher oder später werden die fremden
Mächte eingreifen müssen, gerade so, wie man eingreifen muß, um
ein krankes Kind zu heilen oder es laufen zu lehren. Natürlich
wird das mehr oder weniger unangenehm sein, aber die Nationen
müssen sich klar werden über die Gefahr des Bolschewismus in ihren
eigenen Ländern, über die Gefährlichkeit so ansteckender Ideen wie
die der proletarischen Diktatur und der sozialen Weltrevolution...
es besteht eine Möglichkeit daß das Eingreifen nicht notwendig
ist: das Transportwesen ist zerstört, die Fabriken schließen ihre
Tore, die Deutschen sind im Vormarsch. Der Hunger und die
Niederlage möchten vielleicht das russische Volk zur Vernunft
bringe..."
Herr Lianosow erklärte entschieden, daß sich die Kaufleute und
Fabrikanten unter keinen Umständen mit der Existenz der
Fabrikkomitees abfinden oder zugeben könnten, daß die Arbeiter
irgendeinen Einfluß auf die Leitung der Industrie gewinnen. "Was
die Bolschewiki anbelangt, so könnte man mit ihnen auf zweierlei
Art fertig werden: die Regierung kann Petrograd räumen, dann den
Belagerungszustand erklären, womit der Militärkommandant des
Gebietes die Möglichkeit erhalten würde, mit diesen Herrschaften,
ungehindert durch gesetzliche Formalitäten, abzurechnen.....Oder
aber, falls die Konstituierende Versammlung irgendwelche
utopischen Neigungen zeigen sollte, kann sie mit Waffengewalt
auseinandergetrieben werden..."
Der Winter rückte heran - der schreckliche russische Winter. Ich
hörte Kapitalisten über ihn wie folgt sprechen: "Der Winter war
immer Rußlands bester Freund. Vielleicht wird er uns jetzt von der
Revolution befreien." An der frierenden Front fuhren die Armeen
fort, zu hungern und zu sterben, ohne Begeisterung. Der
Eisenbahnverkehr brach zusammen, die Lebensmittel wurden knapp,
die Fabriken schlossen die Tore. Die verzweifelten Massen
beschuldigten die Bourgeoisie, das Leben des Volkes zu sabotieren
und die Niederlage an der Front herbeizuführen. Riga war
preisgegeben worden, unmittelbar nachdem der General Kornilow in
aller Öffentlichkeit erklärt hatte: "Vielleicht ist Riga der
Preis, den wir zahlen müssen, um das Land zum Bewußtsein seiner
Pflicht zu bringen." Für Amerikaner mag es unglaublich klingen,
daß der Klassenkampf sich dermaßen zuspitzen kann. Aber ich habe
persönlich an der Nordfront mit Offizieren gesprochen, die offen
den militärischen Zusammenbruch der Zusammenarbeit mit den
Soldatenkomitees vorzogen. Der Sekretär der Petrograder
Organisation der Kadettenpartei erzählte mir, daß der
Zusammenbruch des ökonomischen Lebens des Landes ein Teil der
Kampagne war, die die Revolution diskreditieren sollte. Ein
Ententediplomat, dessen Namen ich zu verschweigen versprochen
habe, bestätigte mir dies aus eigener Kenntnis. Ich weiß von
gewissen Kohlenbergwerken in der Nähe von Charkow, die von ihren
Besitzern in Brand gesteckt und unter Wasser gesetzt wurden, von
Textilfabriken in Moskau, deren Ingenieure die Maschinen vor ihrer
Flucht zerstört hatten, von hohen Eisenbahnbeamten, die von den
Arbeitern dabei ertappt wurden, als sie die Lokomotiven zu
zerstören im Begriff waren.....Ein großer Teil der besitzenden
Klasse zog die Deutschen der Revolution vor - selbst der
Provisorischen Regierung - und zögerte nicht, dies auszusprechen.
In der russischen Familie, bei der ich wohnte, war der Gegenstand
der Unterhaltung bei Tisch fast immer das Kommen der Deutschen,
die "Ruhe und Ordnung" bringen würden... Ich verlebte einmal einen
Abend im Hause eines Moskauer Kaufmanns; beim Tee fragten wir die
elf Personen am Tisch, wen sie vorzögen, "Wilhelm oder die
Bolschewiki". Zehn stimmten für Wilhelm... Die Spekulanten nützten
die allgemeine Desorganisierung aus, um Reichtümer anzuhäufen, die
sie in phantastischen Schwelgereien vergeudeten oder dazu
verwendeten, die Staatsbeamten zu bestechen. Lebensmittel und
Brennmaterial wurden versteckt oder im geheimen nach Schweden
verkauft. In den ersten vier Monaten der Revolution beispielsweise
wurden die Lebensmittelreserven fast in voller Öffentlichkeit aus
den großen städtischen Speichern Petrograds geplündert, bis von
den Getreidevorräten, die für zwei Jahre bestimmt waren, kaum
genug übrig war, um die Stadt einen Monat lang zu versorgen...
Nach dem offiziellen Bericht des letzten Ernährungsministers in
der Provisorischen Regierung wurde der Kaffee in Wladiwostok im
Großeinkauf für zwei Rubel das Pfund gekauft, während die
Konsumenten in Petrograd dreizehn Rubel zahlen mußten. In den
Geschäften der großen Städte waren große Mengen an Lebensmitteln
und Kleidung; aber nur die Reichen konnten sie kaufen. Ich kannte
in einer Provinzstadt eine Kaufmannsfamilie, die sich der
Spekulation zugewandt hatte. Marodeure werden solche von den
Russen genannt. Die drei Söhne hatten sich vom Militärdienst
gedrückt. Der eine spekulierte in Lebensmitteln. Der zweite
verkaufte im geheimen Gold aus den Lena- Gruben an geheimnisvolle
Interessenten in Finnland. Der dritte besaß die Aktienmehrheit in
einer Schokoladenfabrik, die die örtliche Genossenschaften
versorgte - unter der Bedingung, daß die Genossenschaften ihm
lieferten, was er brauchte . Während die Volksmassen auf ihre
Brotkarten ein Viertelpfund Schwarzbrot erhielten, hatte er im
Überfluß Weißbrot, Zucker, Tee, Kuchen und Butter....Das hinderte
diese saubere Familie nicht, die erschöpften Soldaten, die an der
Front infolge der Kälte und des Hungers nicht mehr kämpfen konnten
, als "Feiglinge" zu beschimpfen, und daß sie sich "schämten"
"Russen" zu sein.....Und als die Bolschewiki große Mengen
versteckter Vorräte entdeckten und beschlagnahmten, bezeichneten
sie diese als "Räuber". Unter all dieser äußeren Korruptheit
arbeiteten die alten reaktionären Kräfte, die sich seit dem Sturz
Nikolaus II. Nicht geändert hatten, im geheimen still und sehr
aktiv. Die Agenten der berüchtigten Ochrana waren noch immer in
Funktion, für und gegen den Zaren, für und gegen Kerenski - je
nachdem, von wem sie bezahlt wurden......Geheime Organisationen
aller Art, wie die Schwarzhunderter, waren eifrig bemüht, in der
einen oder anderen Weise die Reaktion wiederherzustellen. In
dieser Atmosphäre der Fäulnis, der halben Wahrheiten ließ sich,
tagaus, tagein, nur ein klarer Ton vernehmen, der Ruf der
Bolschewiki: "Alle Macht den Sowjets!", "Alle Macht den Vertretern
der Millionen und aber Millionen Arbeiter, Soldaten und Bauern!",
"Land, Brot!", "Schluß mit dem sinnlosen Krieg!", "Schluß mit der
Geheimdiplomatie!", "Schluß mit der Spekulation und dem
Verrat!"... "Die Revolution ist in Gefahr und mit ihr die Sache
des Volkes in der ganzen Welt!"
Der Kampf zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum, zwischen den
Sowjets und der Regierung, der in den ersten Märztagen begonnen
hatte, war seinem Gipfel nahe. Rußland, das mit einem Satze aus
dem tiefsten Mittelalter ins zwanzigste Jahrhundert gesprungen
war, bot der erstaunten Welt das Schauspiel des tödlichen Kampfes
zweier Systeme der Revolution - der formal politischen und der
sozialen. Was für eine unglaubliche Lebenskraft offenbarte diese
russische Revolution, nach all den Monaten des Hungers und der
Enttäuschung! Die Bourgeoisie hätte ihr Rußland besser kennen
sollen. Lange noch wird es dauern, bis die "Krankheit" der
Revolution in Rußland ihren Lauf genommen hat...
Blickt man zurück, so scheint Rußland vor dem Novemberaufstand
einem anderen Zeitalter anzugehören, fast unglaublich konservativ.
So schnell haben wir uns dem neuen, schnelleren Leben angepaßt. In
dem Maße, wie das russische politische Leben sich radikalisierte,
bis die Kadetten als Volksfeinde geächtet wurden, wurde Kerenski
"ein Konterrevolutionär"; die "gemäßigten" sozialistischen Führer,
Zereteli, Dan, Liber, Goz und Awxentjew, waren zu reaktionär für
ihre Gefolgschaft, und Männer wie Wiktor Tschernow, ja sogar Maxim
Gorki gehörten zum rechten Flügel... Gegen Mitte Dezember 1917
besuchte eine Gruppe sozialrevolutionäre Führer Sir George
Buchanan, den britischen Gesandten, und sie baten ihn inständig,
nichts davon zu erwähnen, daß sie bei ihm gewesen waren, weil sie
als "zu weit rechts stehend" betrachtet wurden. "Man bedenke",
sagte Buchanan, "daß noch vor einem Jahr die englische Regierung
mir Anweisung gab, Miljukow nicht zu empfangen, weil er so ein
gefährlicher Linker war."
Der September und der Oktober sind die schlimmsten Monate im
russischen Jahr, besonders in Petrograd. Aus einem trostlos grauen
Himmel, der die kürzer werdenden Tage noch dunkler machte, strömte
unaufhörlicher Regen. Der Schmutz in den Straßen lag tief,
schlüpfrig, von schweren Stiefeln zerfurcht, schlimmer als
gewöhnlich, weil die Stadtverwaltung völlig zusammengebrochen war.
Vom finnischen Meerbusen her fegte ein feuchter wind, die Straßen
waren in kalten Nebel gehüllt. Des Nachts waren aus Gründen der
Sparsamkeit und aus Furcht vor Zeppelinen die Straßen nur ganz
unzureichend beleuchtet; in den Privatwohnungen und Mietshäusern
brannte das elektrische Licht von sechs Uhr bis Mitternacht.
Wollte man außer dieser Zeit Licht haben, so war man auf Kerzen
angewiesen, die fast zwei Rubel das Stück kosteten. Petroleum war
kaum zu haben. Dabei war es von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr
vormittags finster. Überfälle und Einbrüche nahmen zu. In den
Mietshäusern mußten die Männer jede Nacht mit geladenen Gewehren
Wachdienst verrichten. Dies alles schon unter der Provisorischen
Regierung. Mit jeder Woche wurden die Lebensmittel knapper. Die
tägliche Brotration fiel von anderthalb russischen Pfund auf ein
Pfund, dann auf drei viertel, auf ein halbes und auf ein viertel.
Gegen Ende gab es eine Woche, wo Brot überhaupt nicht ausgegeben
wurde. Auf Zucker hatte man Anrecht von zwei Pfund im Monat,
vorausgesetzt, daß man überhaupt welchen erhielt, was selten der
fall war. Eine Schokoladentafel oder ein Pfund Bonbons, ohne jeden
Geschmack, kostete allenthalben sieben bis zehn Rubel, das
entspricht mindestens einem Dollar. Milch gab es für die Hälfte
der Säuglinge in der Stadt; die Mehrzahl der Hotels und
Privathaushaltungen bekam sie monatelang nicht zu Gesicht. In der
Obstsaison wurden Äpfel und Birnen für etwas weniger als einen
Rubel das Stück an den Straßenecken verkauft....Um Milch, Brot,
Zucker und Tabak mußte man stundenlang im kalten Regen anstehen.
Als ich einmal aus einer die ganze Nacht währenden Versammlung
nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit
kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen
anzustellen begannen... Carlyle hat in seiner Geschichte der
Französischen Revolution das französische Volk als das Volk
bezeichnet, das in der Kunst des Anstehens alle anderen Völker
übertreffe. Rußland hatte schon im Jahre 1915, unter der
gesegneten Regierung Nikolaus`, Gelegenheit, sich in dieser Kunst
zu üben, und dann, ohne Unterbrechung, bis zum Sommer 1917, wo das
Anstehen um alle Dinge der gewöhnliche Zustand wurde. Man muß sich
die ärmlich gekleideten Menschen vorstellen, wie sie mitten im
russischen Winter oft den ganzen Tag in den froststarren Straßen
Petrograds standen! Ich habe in den Schlangen zugehört und den
bitteren Unterton der Unzufriedenheit vernommen, wenn er sich hier
und da sogar durch die wie ein Wunder anmutende Gutmütigkeit des
russischen Volkes Bahn brach. Dabei hatten alle Theater Abend für
Abend, auch des Sonntags, Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich
in einem neuen Ballett im Marientheater, und alle tanzbegeisterten
Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im
Alexandratheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois "Der
Tod Iwans des Schrecklichen" gegeben. Und bei dieser Vorstellung
erinnere ich mich, einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule in
Galauniform beobachtet zu haben, der in den Pausen jedesmal
aufstand und vor der leere, ihrer Adler beraubten kaiserlichen
Loge seine Ehrenbezeugungen machte.... Das Kriwoje-Serkalo -
Theater brachte eine prunkvolle Aufführung von Schnitzlers
"Reigen".
Obgleich die Eremitage und andere Gemäldegalerien nach Moskau
übergeführt worden waren, gab es wöchentlich Gemäldeausstellungen
Scharen von Studentinnen liefen zu den Vorlesungen über Kunst,
Literatur und Philosophie. Es war eine ausnehmend günstige Zeit
für Theosophen. Und die Heilsarmee, die zum erstenmal in Rußland
zugelassen war, bedeckte die Mauern mit Einladungen zu ihren
Versammlungen, die die russischen Hörer amüsierten und in
Erstaunen versetzten....Wie immer in solchen Zeiten, ging das
tägliche Leben in der Stadt seinen gewohnten Trott und ignorierte
die Revolution soweit wie möglich. Die Poeten machten Verse - doch
nicht über die Revolution. Die realistische Maler malten Szenen
aus der mittelalterlichen Geschichte Rußlands - alles mögliche,
nur nicht die Revolution. Die jungen Damen aus der Provinz kamen
in die Hauptstadt um Französisch zu lernen und ihre Stimme zu
kultivieren, und die lustigen, jungen Offiziere trugen ihre
goldverbrämten Uniformen und ihre kostbar ziselierten kaukasischen
Säbel in den Salons der Hotels spazieren. Die Damen der
Beamtenschaft trafen sich an den Nachmittagen zum Tee, wobei jede
ihr goldenes oder silbernes, mit Edelsteinen besetztes
Zuckerdöschen und einen halben Laib Brot in ihrem Muff mit sich
brachte - und wünschten sich den Zaren zurück, oder das die
Deutschen kommen sollten, oder irgend etwas, was das schwierige
Dienstbotenproblem zu lösen geeignet wäre.....Die Tochter eines
meiner Bekannten bekam eines Nachmittags einen hysterischen
Anfall, weil die Straßenbahnschaffnerin sie "Genossin" genannt
hatte. Um sie herum war das ganze große Rußland in Bewegung,
schwanger mit einer neuen sozialen Ordnung. Die Dienstboten, die
man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem
Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar
Schuhe kostete über hundert Rubel, und da die Löhne in der Regel
nicht mehr als fünfunddreißig Rubel im Monat betrugen, weigerten
sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr
Schuhzeug zu verderben. Aber - was weitaus schlimmer war - in dem
neuen Rußland durfte jeder Mann und jede Frau wählen; es gab
Arbeiterzeitungen, die ganz neue und erstaunliche Dinge schrieben;
es gab Sowjets, und es gab Gewerkschaften. Die Droschkenkutscher
Hatten einen Verband; sie waren auch im Petrograder Sowjet
vertreten. Und die Kellner und Hotelbediensteten waren organisiert
und weigerten sich, Trinkgelder zu nehmen. An den Wänden der
Restaurants klebten sie Zettel an, auf denen zu lesen stand:
"Keine Trinkgelder!" oder auch: "Die Tatsache, daß ein Mann seinen
Lebensunterhalt verdient, indem er bei Tisch aufwartet, gibt
niemandem das Recht, ihn durch Trinkgeldgeben zu beleidigen."
An
der Front setzten sich die Soldaten mit den Offizieren auseinander
und lernten es, sich mit Hilfe ihrer Komitees selbst zu regieren.
In den Fabriken erlangten die Fabrikkomitees, diese einzigartigen
russischen Organisationen, Erfahrung und Stärke und kamen zum
Bewußtsein ihrer historischen Mission durch den Kampf mit der
alten Ordnung. Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik,
Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte Wissen....In jeder
Großstadt, fast in jeder Stadt, an der ganzen Front hatte jede
politische Partei ihre Zeitung, manchmal mehrere. Hunderttausende
von Flugblättern wurden von Tausenden Organisationen verteilt,
überschwemmten die Armee, die Dörfer, die Fabriken, die Straßen.
Der Drang nach Wissen, so lange unterdrückt, brach sich in der
Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut
gingen in den ersten sechs Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen
Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf,
unersättlich, wie heißer Sand das Wasser. Und es waren nicht
Fabeln, die verschlungen wurden, keine Geschichtslügen, keine
verwässerte Religion oder der billige Roman, der demoralisiert -
es waren soziale und ökonomische Theorien, philosophische
Schriften, die Werke Tolstois, Gogols und Gorkis... Und dann das
gesprochene Wort, neben dem Carlyles "Flut der französischen Rede"
wie ein armseliges Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden;
in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der
Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen.... Versammlungen in
den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den
Fabriken... Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow- Werke,
vierzigtausend Mann stark, herausströmen zu sehen, um die
Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die
Anarchisten - wer immer etwas zu sagen hatte, solange er reden
wollte. Monatelang war in Petrograd, in ganz Rußland jede
Straßenecke eine öffentliche Tribüne. In den Eisenbahnen, in den
Straßenbahnwagen, überall improvisierte Debatten, überall... Und
die Gesamtrussischen Konferenzen und Kongresse, die die Menschen
zweier Kontinente in Verbindung brachten - Kongresse der Sowjets,
der Genossenschaften, der Semstwos, der Nationalitäten, der
Priester, der Bauern, der politischen Parteien; die Demokratische
Beratung, die Moskauer Beratung, der Rat der Russischen Republik.
In Petrograd tagten ständig drei oder vier Kongresse. In den
Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken,
abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen,
was er auf dem Herzen hatte...Wir waren bei der Zwölften Armee an
der Front, die eben von Riga gekommen war, wo hungernde und
barfüßige Soldaten in dem Moder der Schützengräben dahinkrankten;
kaum sahen sie uns, als sie auch schon aufsprangen, mit ihren
mageren Gesichtern und ihren blaugefrorenen Gliedern, die durch
ihre zerrissenen Kleider schimmerten. Und das erste, was sie
fragten, war: "Habt ihr was zu lesen?"
Wenn aber auch an äußeren und sichtbaren Zeichen der Wandlung kein
Mangel war: zum Beispiel die Statue der "Großen Katharina" vor dem
Alexandratheater eine kleine rote Fahne in der Hand hielt und
andere - etwas verblichen - von allen öffentlichen Gebäuden
herabwehten; die kaiserlichen Insignien und Adler teils
heruntergerissen, teils verdeckt waren; an der Stelle der brutalen
zaristischen Polizisten in den Straßen eine sanfte unbewaffnete
Bürgermiliz patroullierte - so gab es dennoch zahllose wunderliche
Anachronismen. Beispielsweise existierte noch immer die
Rangordnung, die Peter der Große Rußland mit eiserner Hand
aufgezwungen hatte. Fast jedermann, vom Schulbuben angefangen,
hatte seine vorgeschriebene Uniform, mit den Abzeichen des Kaisers
auf den Knöpfen und Achselstücken. Von fünf Uhr nachmittags an
waren die Straßen gefüllt mit alten Herren in Uniform, die
Aktenmappen trugen und von der Arbeit in den riesengroßen
kasernengleichen Ministerien oder Regierungsinstitutionen kamen,
wo ihre Tätigkeit darin bestehen mochte, auszurechnen, wie lange
es währen würde, bis der Tod eines ihrer Vorgesetzten sie zum Rang
eines Assessors oder Geheimrats aufsteigen lassen würde mit der
Aussicht auf Pensionierung, mit einem einträglichen Ruhegehalt und
womöglich mit dem St. Annenkreuz..... Dem Senator Sokolow ist es
passiert, in einem Moment, als die Revolution ihre höchste Welle
erreicht hatte, daß er eines Tages zu einer Senatssitzung in
Zivilkleidung erschien und nicht zugelassen wurde, weil er nicht
die vorgeschriebene Livree des Zarendienstes trug! Gegen diesen
Hintergrund einer ganzen Nation in Gärung und Auflösung rollte die
Erhebung der russischen Massen heran...
  
II. Der heraufziehende Sturm
Im
September 1917 marschierte der General Kornilow auf Petrograd, um
sich zum militärischen Diktator über Rußland aufzuschwingen.
Hinter ihm wurde plötzlich die Eisenfaust der Bourgeoisie
sichtbar, die sich anschickte, mit verwegenem Schlag die
Revolution niederzuschmettern. In die Verschwörung waren auch
einige sozialistische Minister verwickelt. Selbst Kerenski war
verdächtig. Sawkinow, von dem Zentralkomitee seiner Partei, den
Sozialrevolutionären, aufgefordert, Aufklärung zu geben, weigerte
sich dessen und wurde ausgeschlossen. Soldatenkomitees verhafteten
Kornilow, Generale wurden entlassen, Minister ihrer Ämter
enthoben, und das Kabinett wurde gestürzt. Kerenski machte den
Versuch, eine neue Regierung zu bilden mit Einschluß der Kadetten,
der Partei der Bourgeoisie. Seine eigene Partei, die
Sozialrevolutionäre, befahlen ihm den Ausschluß der Kadetten.
Kerenski weigerte sich zu gehorchen und drohte mit seinem eigenen
Rücktritt aus dem Kabinett, wenn die Sozialisten auf ihrer
Forderung beständen. Indessen war die Aufregung der Volksmassen so
groß, daß er sich - wenigstens für den Moment - nicht zu
widersetzen wagte, und ein provisorisches Direktorium von fünf der
bisherigen Minister, mit Kerenski an der Spitze übernahm die Macht
bis zur endgültigen Regelung der Frage. Die Kornilow - Affäre
hatte alle sozialistischen Gruppen, von den Gemäßigten bis zu den
Revolutionären, in einem leidenschaftlichen Impuls der
Selbstverteidigung zusammengeführt. Es galt, das Auftauchen neuer
Kornilows zu verhindern. Eine neue Regierung mußte gebildet
werden, die den der Revolution ergebenen Elementen verantwortlich
war. So forderte denn das Zentralexekutivkomitee der Sowjets die
Organisationen auf, Delegierte zu einer "Demokratischen Beratung"
zu entsenden, die im September in Petrograd zusammentreten sollte.
Im Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatten sich von vornherein
drei Richtungen bemerkbar gemacht. Die Bolschewiki forderten die
Einberufung eines neuen (zweiten) Gesamtrussischen
Sowjetkongresses und die Übernahme der Macht durch die Sowjets.
Das von Tschernow geführte Zentrum der Sozialrevolutionäre, die
linken Sozialrevolutionäre unter Führung von Kamkow und Spiridowna,
die Menschewiki - Internationalisten unter Martow und das Zentrum
der Menschewiki, dessen Sprecher Bogdanow und Skobelew waren,
traten für eine "rein sozialistische" Regierung ein. Zereteli, Dan
und Liber, die Führer der rechten Menschewiki, und die rechten
Sozialrevolutionäre unter Awxentjew und Goz bestanden auf der
Hinzuziehung der besitzenden Klassen bei der Bildung der neuen
Regierung. Im Petrograder Sowjet gelang es den Bolschewiki fast
sofort, die Mehrheit zu gewinnen. Dem Beispiel Petrograds folgten
schnell die Sowjets in Moskau, Kiew, Odessa und anderen Städten.
Aufs höchste bestürzt, kamen die das Zentralexekutivkomitee der
Sowjets beherrschenden Menschewiki zu der Schlußfolgerung, daß die
Gefahr Lenin mehr zu fürchten sei als die Gefahr Kornilow. Sie
revidierten den für die Demokratische Beratung aufgestellten
Vertretungsmodus, indem sie den Genossenschaften und ähnlichen
konservativen Organisationen eine größere Anzahl von Delegierten
zusprachen. Selbst diese gesiebte Versammlung stimmte zuerst für
eine Koalitionsregierung ohne die Kadetten. Nur Kerenskis offen
Drohung mit dem Rücktritt und das Alarmgeschrei der "gemäßigten"
Sozialisten, daß "die Republik in Gefahr sei" , erreichten, daß
die Beratung mit einer geringen Mehrheit sich zugunsten der
Koalition mit der Bourgeoisie aussprach und der Errichtung einer
Art beratenden Parlaments, ohne gesetzgebende Gewalt, zustimmte,
das den Namen "Provisorische Rat der Russischen Republik" erhielt.
Die neue Regierung wurde praktisch von den besitzenden Klassen
beherrscht, und auch in dem neugeschaffenen Rat der Russischen
Republik hatten diese eine verhältnismäßig große Zahl von Sitzen
inne. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte faktisch
aufgehört, die einfachen Menschen in den Sowjets zu vertreten. Es
weigerte sich, den im September fälligen neuen Gesamtrussischen
Sowjetkongreß einzuberufen, und war auch nicht gewillt, seine
Einberufung durch andere zu dulden. Das offizielle Organ des
Komitees. "Iswestija", begann sogar anzudeuten, daß die Funktion
der Sowjets beendet und ihre baldige Auflösung zu erwarten sei.
Zur selben Zeit bezeichnete die neue Regierung als einen
wesentlichen Teil ihrer Politik die Liquidierung aller
"unverantwortlichen Organisationen", womit die Sowjets gemeint
waren. Die Bolschewiki antworteten hierauf mit der Aufforderung an
die Gesamtrussischen Sowjets, sich am 2. November in Petrograd zu
versammeln und die Regierungsgewalt zu übernehmen. Gleichzeitig
zogen sie ihre Vertreter aus dem Provisorischen Rat der Russischen
Republik zurück mit der Erklärung, daß sie es ablehnten, an einer
"Regierung des Volksverrats" teilzunehmen. Der Rücktritt der
Bolschewiki ließ den unglückseligen Rat jedoch keineswegs zur Ruhe
kommen. Die besitzenden Klassen, wider im Besitz einer
Machtposition, wurden arrogant. Die Kadetten erklärten, daß die
Regierung nicht berechtigt gewesen sei, Rußland zu einer Republik
zu proklamieren. Sie forderten strenge Maßnahmen in Armee und
Flotte zur Unterdrückung der Soldaten- und Matrosenkomitees und
griffen die Sowjets heftig an. Auf der anderen Seite traten die
Menschewiki - Internationalisten und die linken
Sozialrevolutionäre für den sofortigen Friedensschluß ein, für die
Übergabe des Landes an die Bauern und für die Durchführung der
Arbeiterkontrolle über die Industrie, was praktisch auf das
Programm der Bolschewiki hinauslief. Ich habe Martows Antwortrede
an die Kadetten gehört. Todkrank, wie er war, hielt er sich mit
Mühe am Rednerpult aufrecht, und mit einer Stimme, so heiser, daß
man ihn kaum zu hören vermochte, drohte er nach den rechten Bänken
hinüber: "Ihr schimpft uns Defätisten; aber die wahren Defätisten
sind jene, die um ihrer egoistischen Interessen willen den
Friedensschluß so lange hinauszögern möchten, bis von der
russischen Armee nichts mehr übriggeblieben sein wird und Rußland
nur noch ein Schacherobjekt der verschiedenen imperialistischen
Gruppen ist...... Ihr versucht, dem russischen Volk eine von den
Interessen der Bourgeoisie diktierte Politik aufzuzwingen. Die
Frage des Friedens sollte unverzüglich entschieden werden.... Ihr
werdet dann sehen, daß sie nicht umsonst gearbeitet haben, jene,
die ihr deutsche Agenten nennt, jene Zimmerwalder, die in allen
Ländern dafür gewirkt haben, daß das Bewußtsein der demokratischen
Massen erwacht...."
Zwischen diesen beiden Gruppen schwankten die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre - mit unwiderstehlicher Gewalt nach links
getrieben durch den Druck der steigenden Unzufriedenheit der
Massen. Eine tiefgehende Feindschaft teilte so den Rat in Gruppen,
die miteinander auszusöhnen unmöglich war. So war die Lage, als
die lang erwartete Ankündigung der Pariser Alliiertenkonferenz die
brennende Frage der Außenpolitik auf die Tagesordnung setzte. In
der Theorie waren alle sozialistischen Parteien für den
schnellstmöglichen Friedensschluß auf demokratischer Grundlage.
Schon im Mai 1917 hatte der Petrograder Sowjet, damals noch unter
menschewistischer und sozialrevolutionärer Führung, die berühmten
russischen Friedensbedingungen proklamiert und die Alliierten
aufgefordert, eine Konferenz zur Besprechung der Kriegsziele
einzuberufen. Diese Konferenz, für den August versprochen, wurde
ein erstes Mal bis zum September, dann bis zum Oktober vertagt und
sollte jetzt endgültig am 10. November stattfinden. Die
Provisorische Regierung hatte zwei Vertreter vorgeschlagen, den
General Alexejew, einen reaktionären Militär, und Tereschtschenko,
den Minister des Auswärtigen. Die Sowjets erwählten Skobelew zu
ihrem Sprecher und entwarfen ein Manifest, den berühmten "Nakas"
(Direktiven). Die Provisorische Regierung lehnte Skobelew und
seinen "Nakas" ab. Die Gesandten der Alliierten protestierten, und
zu guter Letzt erklärte Bonar Law im englischen Unterhaus in
Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Anfrage kühl:
"Soweit mir bekannt, wird die Pariser Konferenz die Kriegsziele
überhaupt nicht diskutieren, sondern nur die >Methoden der
Kriegsführung....." Die konservative russische Presse jubelte,
wohingegen die Bolschewiki riefen: "Da seht ihr, wohin die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit ihrer Kompromißtaktik
gelangt sind!"
Mittlerweile waren an der Tausende Kilometer weiten Front die
Millionen Soldaten der russischen Armee in Bewegung geraten. Höher
und höher gingen die Wogen der Erregung, immer neue Delegationen
fluteten in die Hauptstadt mit dem Ruf. Friede, Friede! Ich ging
eines Abends nach dem jenseits des Flusses gelegenen Zirkus
"Modern" in eine der großen Volksversammlungen, die, jeden Abend
zahlreicher, in der ganzen Stadt veranstaltet wurden. In dem
schmucklosen Amphitheater, von fünf winzigen, an einem dünnen
Draht hängenden Glühlampen unzureichend erleuchtet, drängten sich
von der Arena bis hoch unterm Dach unübersehbare Massen von
Soldaten, Matrosen, Arbeitern und Frauen, alle mit gespanntester
Aufmerksamkeit lauschend, als ob es um ihr Leben ginge. Ein Soldat
redete von der 548. Division: "Genossen" rief er, und tiefe Sorge
sprach aus seinem eingefallenen Gesicht und seinen verzweifelten
Gesten. "Die an der Spitze verlangen von uns immer neue Opfer und
Opfer, aber wir müssen sehen, daß die, die im Besitze sind, völlig
ungeschoren bleiben. Wir führen Krieg gegen die Deutschen. Würde
es uns einfallen, die Arbeiten unseres Stabes deutschen Generalen
anzuvertrauen? Wir stehen auch mit den Kapitalisten im Kriege, und
doch laden wir diese ein, an unserer Regierung teilzunehmen. Der
Soldat sagt: ;Zeigt mir, wofür ich kämpfen soll. Für
Konstantinopel oder für ein freies Rußland? Für die Demokratie
oder für die kapitalistischen Räuber? Wenn man mir beweisen kann,
daß ich die Revolution verteidige, dann werde ich hingehen und
kämpfen, auch ohne die Todesstrafe, mit der man mich zwingen
will.' Wenn das Land den Bauern gehören wird, die Fabriken den
Arbeitern, wenn die Sowjets die Macht ausüben werden, dann haben
wir etwas zu verteidigen und dann werden wir auch kämpfen!"
Überall in den Kasernen, in den Fabriken, an jeder Straßenecke
reden Soldaten zu den Massen. Alle fordern die Beendigung des
Krieges und erklären, daß die Truppen die Schützengräben zu
verlassen und nach Hause zu gehen entschlossen seien, wenn die
Regierung keine ernstlichen Anstrengungen machen würde, zum
Frieden zu gelangen.
Ein Vertreter der Achten Armee: "Wir sind schwach, unsere
Kompanien zählen nur noch wenige Mann. Wir brauchen Lebensmittel
und Stiefel und Verstärkung, oder die Schützengräben werden bald
verlassen sein. Frieden oder Verstärkung... Die Regierung muß den
Krieg beendigen oder der Armee zur Hilfe kommen..."
Dann ein Redner, der für die Sechsundvierzigste Sibirische
Artillerie sprach: "Die Offiziere lehnten es ab, mit unsern
Komitees zu arbeiten, sie verraten uns an den Feind, sie verhängen
über unsere Agitatoren die Todesstrafe; die konterrevolutionäre
Regierung unterstützt sie Wir glauben, daß die Revolution den
Frieden bringen wird. Jetzt aber verbietet die Regierung, von
solchen Dingen auch nur zu reden, während sie uns gleichzeitig
hungern läßt und die Munition nicht liefert, die wir brauchen,
wenn wir kämpfen sollen...." Dazu kamen aus Europa Gerüchte über
einen Friedensschluß auf Kosten Rußlands. Die allgemeine
Unzufriedenheit wurde noch gesteigert durch die Nachrichten über
die Behandlung der russischen Truppen in Frankreich. Die 1.
Brigade hatte dort versucht, ihre Offiziere durch Soldatenkomitees
zu ersetzen, wie das ihre Kameraden zu Hause getan hatten, und
sich geweigert, einem Befehl Folge zu leisten, der sie nach
Saloniki beorderte. Sie verlangte, nach Rußland geschickt zu
werden. Man hatte die Brigade daraufhin eingeschlossen und
ausgehungert, dann unter Artilleriefeuer genommen, wobei viele
Soldaten getötet wurden. Am 29. Oktober hörte ich in dem
weißmarmornen, rotdekorierten Saal des Marienpalastes die von dem
erschöpften und nach Frieden lechzenden Lande mit Ungeduld
erwartete Erklärung Tereschtschenkos über die Außenpolitik der
Regierung. Diese äußerst sorgfältig vorbereitete, ganz
unverbindliche Rede brachte indessen nichts als die sattsam
bekannten Phrasen über die Zerschmetterung des deutschen
Militarismus mit Hilfe der Alliierten, über das Staatsinteresse
Rußlands, über die durch Skobelews "Nakas" verursachten
Verlegenheiten. Der Schluß war bezeichnend: "Rußland ist mächtig ,
es wird mächtig ble |