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Vorwort zur
amerikanischen Ausgabe
Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich
John Reeds Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten", und ich
möchte es den Arbeitern in aller Welt von ganzem Herzen empfehlen.
Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet
und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte. Es gibt eine
wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse,
die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der
Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind. Diese
Probleme werden gegenwärtig weit und breit diskutiert, aber bevor
man diese Ideen annimmt oder verwirft, muß man die ganze Bedeutung
einer solchen Entscheidung begriffen haben. Ohne Zweifel wird John
Reeds Buch zur Klärung dieser Frage beitragen, die das
Grundproblem der internationalen Arbeiterbewegung ist.
Geschrieben 1919.
N.
Lenin
  
Vorwort zur russischen Ausgabe
"Zehn Tage, die die Welt erschütterten" hat John Reed sein
ausgezeichnetes Buch benannt. Hier sind die ersten Tage der
Oktoberrevolution ungewöhnlich eindrucksvoll und stark
beschrieben. Es ist keine einfache Aufzählung von Tatsachen, keine
Sammlung von Dokumenten, es ist eine Reihe lebendiger, derart
typischer Szenen, daß jedem Teilnehmer der Revolution die analogen
Szenen, deren Zeuge er war, in Erinnerung kommen müssen. All diese
aus dem Leben gegriffenen Bilder können die Stimmung der Massen
gar nicht besser wiedergeben - eine Stimmung ,auf deren
Hintergrund jeder Akt der großen Revolution besonders klar
verständlich wird.
Auf den ersten Blick erscheint es seltsam, wie ein Ausländer, ein
Amerikaner, der die Sprache und den Alltag des Volkes nicht
kannte, dieses Buch schreiben konnte. Ausländer schreiben über
Sowjetrußland anders. Sie verstehen die sich vollziehenden
Ereignisse entweder überhaupt nicht oder greifen einzelne
Tatsachen heraus, die nicht immer typisch sind und verallgemeinern
diese.
Es
hat freilich sehr wenige Augenzeugen der Revolution gegeben.
John Reed war kein gleichgültiger Beobachter, er war ein
leidenschaftlicher Revolutionär, ein Kommunist, der den Sinn der
Ereignisse, den Sinn des großen Kampfes erfaßt hat.
Dieses Verstehen gab ihm jenen scharfen Blick, ohne den er ein
solches Buch niemals hätte schreiben können .Die Russen schreiben
auch anders über die Oktoberrevolution: sie geben entweder eine
Einschätzung der Revolution oder schildern jene Episoden, die sie
selbst miterlebt haben. Das Buch John Reeds vermittelt das
allgemeine Bild einer echten Volksrevolution, und daher wird es
eine besonders große Bedeutung für die Jugend haben, für die
künftigen Generationen, für diejenigen, für die die
Oktoberrevolution bereits Geschichte sein wird. Das Buch John
Reeds ist ein Epos eigener Art. John Reed hat sich mit der
russischen Revolution ganz verbunden. Sowjetrußland wurde ihm
vertraut und nahe. Er starb hier am Typhus und wurde unter der
Roten Mauer bestattet. Derjenige, der die Bestattung der Opfer der
Revolution so geschildert hat wie John Reed, ist dieser Ehre
würdig.
N.
Krupskaja
  
Vorwort des Autors
Dieses Buch ist ein Stück geballte Geschichte - Geschichte wie ich
sie selbst erlebt habe. Es will nichts anderes sein als ein
eingehender Tatsachenbericht der Novemberrevolution, in der die
Bolschewiki an der Spitze der Arbeiter und Soldaten die
Staatsmacht in Rußland ergriffen und in die Hände der Sowjets
legten.
Natürlich beschäftigt es sich zum größten Teil mit dem "Roten
Petrograd",der Hauptstadt und dem Herzen des Aufstandes. Aber der
Leser muß verstehen, daß alles, was in Petrograd geschah, früher
oder später, mehr oder weniger machtvoll, überall in Rußland seine
Wiederholung fand.
In
diesem Buch, dem ersten einer Serie, an der ich arbeite, muß ich
mich auf eine Chronik jener Ereignisse beschränken, die ich selbst
gesehen und erlebt habe oder von denen ich zuverlässige Berichte
erhielt. An den Anfang stelle ich zwei Kapitel, die in großen
Zügen den Hintergrund und die Ursachen der Novemberrevolution
umreißen. Ich bin mir darüber klar, daß diese beiden Kapitel
schwer zu lesen sind, aber sie sind notwendig, um die späteren
Ereignisse zu verstehen.
Beim Leser werden eine ganze Reihe Fragen auftauchen. Was ist
Bolschewismus? Wie sah die von den Bolschewiki aufgestellte
Regierung aus? Wenn die Bolschewiki vor der Novemberevolution die
Konstituierende Versammlung forderten, warum lösten sie sie
nachher mit Waffengewalt auf? Und wenn die Bourgeoisie gegen die
Konstituierende Versammlung war, bevor die Gefahr des
Bolschewismus für sie offensichtlich wurde, warum setzte sie sich
nachher so energisch dafür ein?
Diese und viele andere Fragen können in diesem Buch nicht
beantwortet werden. In einem weiteren Band, "Von Kornilow bis
Brest - Litowsk" (dieses Buch konnte J. R. nicht beenden. Es ist
nie erschienen. Anm. d. Red.), verfolge ich den Lauf der
Revolution bis zum Friedensschluß mit Deutschland. Dort erkläre
ich auch den Ursprung und die Tätigkeit der revolutionären
Organisationen, die Entwicklung im Denken und Fühlen der Massen,
die Auflösung der Konstituierenden Versammlung, die Struktur des
Sowjetstaates, den Verlauf und das Ergebnis der Verhandlungen von
Brest-Litowsk...
Wenn wir den Aufstieg der Bolschewiki betrachten, müssen wir
verstehen, daß das Wirtschaftsleben Rußlands und die russische
Armee nicht am 7. November1917desorganisiert wurden, sondern schon
Monate früher, als logisches Ergebnis eines Prozesses der
schon1915 einsetzte. Die korrupten Reaktionäre, die am Zarenhof
das Regiment führten, untergruben Rußland ganz systematisch, um
einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland herbeizuführen.
Der Waffenmangel an der Front, der im Sommer1915 zum großen
Rückzug führte, der Lebensmittelmangel an der Front und in den
Großstädten, der Zusammenbruch der Industrie und des
Verkehrswesens 1916 - all das waren, wie wir heute wissen,
einzelne Phasen einer gewaltigen Sabotageaktion. Allein die
Märzrevolution schob ihr in letzter Minute einen Riegel vor. Bei
einer grossen Revolution, in der hundertsechzig Millionen der am
schwersten unterdrückten Menschen in der Welt plötzlich ihre
Freiheit errangen, konnte es begreiflicherweise nicht ohne
Verwirrung abgehen. Und dennoch besserte sich in den ersten
Monaten des neuen Regimes die innere Lage und erhöhte sich auch
die Kampfkraft der Truppen. Aber die "Flitterwochen" waren kurz.
Die besitzenden Klassen wollten eine ausschließlich politische
Revolution, die dem Zaren die Macht nähme und sie ihnen gäbe. Sie
wollten aus Rußland eine konstitutionelle Republik machen wie
Frankreich oder die Vereinigten Staaten; oder eine
konstitutionelle Monarchie wie England. Die Massen des Volkes
dagegen wollten eine wirkliche Revolution in Industrie und
Landwirtschaft. William English Walling beschreibt in seinem
Buch"Rußlands Botschaft" die Stimmung der russischen Arbeiter, die
später fast ausnahmslos den Bolschewismus unterstützten.
"Sie (die Arbeiter) sahen, daß sie selbst unter einer freien
Regierung, wenn sie in die Hand anderer Gesellschaftsklassen fiel,
unter Umständen weiter Hunger leiden würden...
Der russische Arbeiter ist revolutionär, aber er ist weder
gewalttätig noch dogmatisch, noch unintelligent.
Er
ist bereit, auf die Barrikaden zu gehen, aber er hat die
Barrikaden auch studiert, und er als einziger unter den Arbeitern
der ganzen Welt hat sie aus eigener Erfahrung kennen gelernt. Er
ist bereit und gewillt, seinen Unterdrücker, die
Kapitalistenklasse, bis zum Ende zu bekämpfen. Aber er übersieht
nicht das Bestehen anderer Klassen ,nur verlangt er, daß die
anderen Klassen sich in dem herannahenden erbitterten Kampf klar
auf die eine oder andere Seite stellen. Sie (die Arbeiter) waren
sich darüber einig, daß unsere (die amerikanischen) politischen
Institutionen besser sind als ihre eigenen, aber sie hatten keine
Lust, einen Despoten gegen einen anderen (d.h. die
Kapitalistenklasse) auszutauschen....
Die Arbeiter Rußlands ließen sich nicht dafür zu Hunderten
erschießen und hinrichten, in Moskau, in Riga, in Odessa, ließen
sich nicht zu Tausenden in jedes russische Gefängnis sperren, in
die schlimmsten Einöden und arktischen Gebiete verbannen, um dafür
das zweifelhafte Glück eines Arbeiters in Goldfields oder Cripple
Creek einzutauschen..."
Und so entwickelte sich in Rußland, inmitten eines Weltkrieges,
aus der politischen Revolution heraus die soziale Revolution, die
mit dem Sieg der Bolschewiki ihren Höhepunkt erreichte.
Mr. A. J. Sack, der Direktor des russischen Informationsbüros in
den Vereinigten Staaten und ein Gegner der Sowjetregierung, hat in
seinem Buch "Die Geburt der russischen Demokratie" folgendes zu
sagen:
"Die Bolschewiki bildeten ihr eigenes Kabinett mit Nikolaj Lenin
als Premier und Leo Trotzki als Außenminister: Schon bald nach der
Märzrevolution war es klar, daß es so kommen mußte. Die Geschichte
der Bolschewiki nach der Revolution ist eine Geschichte ihres
ständigen Wachstums..."
Ausländer, ganz besonders die Amerikaner, sprechen gern von der
"Unwissenheit" der russischen Arbeiter. Es ist wahr, sie hatten
nicht die politischen Erfahrungen der Völker des Westens, aber sie
waren Meister im freiwilligen Zusammenschluß.1917 gab es mehr als
zwölf Millionen Mitglieder der russischen Konsumgenossenschaften;
und die Sowjets selbst sind ein hervorragender Beweis für ihr
Organisationstalent. Außerdem gibt es wahrscheinlich in der ganzen
Welt kein anderes Volk, das so gut in der sozialistischen Theorie
und ihrer praktischen Anwendung geschult ist. William English
Walling charakterisierte es folgendermaßen: "Die russischen
Werktätigen können meist lesen und schreiben. Seit langem herrscht
im Land eine so große Unzufriedenheit, daß die Arbeiter ihre
Führer nicht nur unter den intelligentesten aus ihrer eigenen
Mitte suchen müssen ,sondern auch auf einen großen Teil der nicht
minder revolutionären gebildeten Klasse rechnen können, die sich
mit ihren Gedanken über die politische und soziale Umgestaltung
Rußlands den Arbeitern zugewandt hat..."
Viele Schriftsteller und Journalisten behaupten, um ihre
Gegnerschaft zur Sowjetregierung zu begründen ,die letzte Phase
der Revolution sei nichts anderes gewesen als ein Kampf der
"anständigen" Elemente gegen die brutalen Angriffe der
Bolschewiki. Tatsächlich war es aber so, daß die besitzenden
Klassen, als sie die ständig steigende Macht der revolutionären
Organisationen des Volkes erkannten, alles versuchten, um sie zu
vernichten und der Revolution Einhalt zu gebieten. Dazu war ihnen
jedes, auch das verzweifeltste Mittel recht. Um die
Kerenskiregierung und die Sowjets zugrunde zu richten, wurde das
Verkehrswesen desorganisiert, wurden innere Unruhen
heraufbeschworen. Um die Fabrikkomitees zu vernichten, wurden
Fabriken geschlossen, Brennstoff und Rohmaterial beiseite
geschafft. Um die Armeekomitees an der Front zu sprengen, wurde
die Todesstrafe wieder eingeführt und alles getan, um eine
militärische Niederlage heraufzubeschwören .Das alles war ein
guter Nährboden für die Bolschewiki. Sie riefen zum Klassenkampf
auf und verkündeten die Überlegenheit der Sowjets. Zwischen diesen
beiden Extremen standen die sogenannten gemäßigten Sozialisten,
die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, und einige kleinere
Parteien und Splittergruppen, die sie aus ganzem oder halbem
Herzen unterstützten. Auch diese Gruppen wurden von den
besitzenden Klassen angegriffen, aber durch ihre Theorien hatten
sie selbst ihre Widerstandskraft gelähmt.
Allgemein kann man sagen, daß die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre die Meinung vertraten, Rußland sei für eine
soziale Revolution wirtschaftlich noch nicht reif - Nur eine
politische Revolution sei möglich. Ihrer Meinung nach waren die
russischen Massen noch zu ungebildet , um die Macht zu übernehmen;
jeder Versuch in diese Richtung müsse unvermeidlich eine Reaktion
hervorrufen, die von skrupellosen Opportunisten dazu ausgenutzt
werden könnte, das alte Regime wieder herzustellen. Als nun die
"gemäßigten" Sozialisten zwangsläufig die Macht übernehmen mußten,
konnte es unter diesen Umständen nicht ausbleiben, daß sie sich
fürchteten, sie auszuüben.
Sie glaubte, Rußland müsse alle Phasen der politischen und
wirtschaftlichen Entwicklung durchlaufen, die auch Westeuropa
durchgemacht hatte, um schließlich zusammen mit der ganzen Welt in
den fertigen Sozialismus einzutreten. So stimmten sie natürlich
mit den besitzenden Klassen darin überein, daß Rußland zunächst
einmal ein parlamentarischer Staat werden müsse - allerdings mit
gewissen Fortschritten gegenüber den westlichen Demokratien.
Deshalb bestanden sie auch auf Teilnahme der besitzenden Klassen
an der Regierung. Von einer solchen Position zur eindeutigen
Unterstützung der Besitzenden war nur noch ein Schritt. Die
"gemäßigten" Sozialisten brauchten die Bourgeoisie. Die
Bourgeoisie dagegen brauchte die "gemäßigten" Sozialisten nicht.
So mußten also die sozialistischen Minister nach und nach ihr
gesamtes Programm preisgeben, während die besitzenden Klassen
immer mehr verlangten. Und schließlich, als die Bolschewiki diesem
ganzen faulen Kompromiß den Todesstoß versetzten, standen die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Kampf auf der Seite der
besitzenden Klassen...In fast jedem Land der Welt erleben wir
heute das gleiche. Statt, wie so oft behauptet wird, eine
zerstörende Kraft zu sein, waren die Bolschewiki meines Erachtens
die einzigen in Rußland, die ein konstruktives Programm
aufzuweisen hatten und auch über die Macht verfügten, um es
durchzusetzen. Hätten sie nicht in dem Augenblick die
Regierungsgewalt ergriffen, zweifle ich nicht im mindesten daran,
daß die Truppen des deutschen Kaiserreiches noch im Dezember in
Petrograd und Moskau einmarschiert wären und Rußland wieder den
Zaren auf dem Nacken gehabt hätte....
Noch heute, ein Jahr nach der Konstituierung der Sowjetregierung,
gehört es zum sogenannten guten Ton, den bolschewistischen
Aufstand ein "Abenteuer" zu nennen. Ein Abenteuer war es, und
eines der herrlichsten, das die Menschheit aufzuweisen hat. Die
arbeitenden Massen haben die Geschichte in die Hand genommen und
alles ihren gewaltigen und doch leichtverständlichen Wünschen
untergeordnet. Der Apparat war vorhanden, mit dessen Hilfe der
Großgrundbesitz unter die Bauern aufgeteilt werden konnte. Es gab
die Fabrikkomitees und Gewerkschaften, um die Kontrolle der
Arbeiter über die Industrie in Gang zu bringen. In jedem Dorf, in
jeder Stadt, in jedem Bezirk, in jedem Gouvernement gab es Sowjets
der Arbeiter- , Soldaten- und Bauerndeputierten, bereit, die
örtliche Verwaltung in die Hand zu nehmen. Was man auch vom
Bolschewismus denken mag, unbestreitbar ist, daß die russische
Revolution eine der größten Taten in der Geschichte der Menschheit
ist und der Aufstieg der Bolschewiki ein Ereignis von weltweiter
Bedeutung. Ebenso wie die Historiker jeder Einzelheit aus der
Pariser Kommune nachspüren, werden sie auch wissen wollen, was
sich im November 1917 in Petrograd zutrug, welcher Geist die
Menschen beseelte, wie ihre Führer aussahen, wie sie sprachen und
wie sie handelten. Das hat mich bewogen, dieses Buch zu schreiben.
Im
Kampf waren meine Sympathien nicht neutral. Aber in meiner
Schilderung der Geschichte dieser großen Tage habe ich versucht,
die Ereignisse mit den Augen eines gewissenhaften Reporters zu
sehen, der nichts anderes will als die Wahrheit schreiben.
New York, 1. Januar 1919
J.
R.
  
Einführende Bemerkungen und Erklärungen
Dem Durchschnittsleser wird es schwer fallen, sich durch die
Vielfalt der russischen Organisationen - politische Gruppen,
Komitees, Zentralkomitees, Sowjets, Dumas und Verbände
durchzufinden. Deshalb möchte ich hier einige kurze Definitionen
und Erklärungen dazu geben.
Politische Parteien
Bei den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung gab es in
Petrograd siebzehn Listen und in einigen Provinzstädten bis zu
vierzig; die folgende Übersicht über die Ziele und die
Zusammensetzung einiger politischer Parteien und Gruppen
beschränkt sich jedoch auf die in diesem Buch erwähnten. Ich kann
hier über ihr Programm und den allgemeinen Charakter ihrer
Anhänger nur das Wesentlichste sagen...
1.
Monarchisten verschiedener Schattierungen, Oktobristen usw. Diese
ehemals so mächtigen Gruppen bestanden als legale Parteien nicht
mehr; sie arbeiteten entweder illegal, oder ihre Mitglieder
schlossen sich den Kadetten an, die dem politischen Programm der
Monarchisten immer näher kamen. Ihre in diesem Buch genannten
Vertreter sind Rodsjanko und Schulgin.
2.
Kadetten. Diese Bezeichnung leitet sich von den Anfangsbuchstaben
des Namens "Konstitutionelle Demokraten" ab. Ihr offizieller Name
lautet "Partei der Volksfreiheit". Unter dem Zaren eine Partei der
Liberalen aus den Reihen der besitzenden Klassen, traten die
Kadetten damals als die große Partei der politischen Reformen auf
und entsprachen damit mehr oder weniger der Fortschrittspartei in
Amerika. Als im März 1917 die Revolution ausbrach, bildeten die
Kadetten die erste Provisorische Regierung. Das Kabinett der
Kadetten wurde im April gestürzt, weil es sich für die
imperialistischen Ziele der Alliierten aussprach, einschließlich
der imperialistischen Ziele der Zarenregierung. Je mehr die
Revolution einen sozialen und ökonomischen Charakter annahm, desto
konservativer wurden die Kadetten. Ihre Vertreter in diesem Buch
sind Miljukow, Winawer, Schazki.
2a. Bund von Männern der Öffentlichkeit. Nachdem die Kadetten
durch ihre Verbindung zur Konterrevolution Kornilows jede
Popularität verloren hatten, wurde in Moskau der "Bund von Männern
der Öffentlichkeit gebildet. Delegierte dieser Gruppe erhielten
Ministerposten im letzten Kabinett Kerenskis. Die Gruppe gab sich
als überparteilich aus, aber ihre intellektuellen Führer waren
Männer wie Rodsjanko und Schulgin. Dieser Gruppe gehörten die
"modernen" Bankiers, Kaufleute und Fabrikanten an, die klug genug
waren, um einzusehen, daß man die Sowjets mit ihren eigenen Waffen
bekämpfen mußte - mit der wirtschaftlichen Organisation. Typisch
für diese Gruppe sind Lianosow und Konowalow.
3.
Volkssozialisten oder Trudowiki (Gruppe der Arbeit). Zahlenmäßig
eine kleine Partei. Zu ihren Mitgliedern gehörten gemäßigte
Intellektuelle, die Führer der Genossenschaften und konservativen
Bauern. Obwohl sie vorgaben, Sozialisten zu sein, unterstützten
die Volkssozialisten in Wirklichkeit die Interessen des
Kleinbürgertums - der Beamten, Gewerbetreibenden usw. Sie
übernahmen als direktes Erbe die kompromißlerischen Traditionen
der "Gruppe der Arbeit" in der zaristischen Duma, der vor allem
Bauernvertreter angehört hatten. Kerenski war der Führer der
Trudowiki in der zaristischen Duma, als die Märzrevolution 1917
ausbrach. Die Volkssozialisten sind eine Nationalistische Partei.
Ihre Vertreter in diesem Buch sind Pschechonow und Tschaikowski.
4.
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands. Ursprünglich eine
marxistische Partei. Auf ihrem Parteitag von 1903 spaltete sie
sich über Fragen der Taktik in zwei Gruppen - die Mehrheit (Bolschinstwo)
und die Minderheit (Menschinstwo). Daraus ergaben sich die
Bezeichnungen "Bolschewiki" und "Menschewiki" - "Angehörige der
Mehrheit" und "Angehörige der Minderheit". Diese beiden Flügel
entwickelten sich zu voneinander unabhängigen Parteien, die sich
aber beide "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands" nannten
und beide für sich in Anspruch nahmen, marxistisch zu sein. Seit
der Revolution waren die Bolschewiki zahlenmäßig in der Minderheit
und wurden erst im September 1917 wieder die Mehrheit.
a)
Menschewiki. Dieser Partei gehören Sozialisten aller
Schattierungen an, die der Meinung sind, die Gesellschaft müsse
durch eine natürliche Evolution zum Sozialismus gelangen und die
Arbeiterklasse müsse zunächst die politische Macht erobern. Auch
sie ist eine nationalistische Partei. Von jeher war sie die Partei
der sozialistischen Intellektuellen, die sich, unter dem
Bildungsmonopol der besitzenden Klassen erzogen, diesem Einfluß
nicht entziehen konnten und sich letzten Endes auf ihre Seite
stellten. Zu ihren Vertretern in diesem Buch gehören Dan, Liber,
Zereteli.
b)
Menschewiki - Internationalisten. Der radikale Flügel der
Menschewiki, Internationalisten und Gegner jeder Koalition mit den
besitzenden Klassen. Trotzdem waren sie nicht bereit, sich völlig
von den konservativen Menschewiki zu lösen. Sie sind Gegner der
von den Bolschewiki vertretenen Diktatur des Proletariats. Trotzki
war lange Mitglied dieser Gruppe. Zu ihren Führern gehören Martow
und Martynow.
c)
Bolschewiki. Heute nennen sie sich "Kommunistische Partei", um
ihre völlige Loslösung von der Tradition des "gemäßigten" oder
"parlamentarischen" Sozialismus zu dokumentieren, der bei den
Menschewiki und den sogenannten Mehrheitssozialisten aller Länder
vorherrscht. Die Bolschewiki forderten den sofortigen
proletarischen Aufstand, die Machtergreifung, um durch die
gewaltsame Übernahme der Industrie, des Bodens, der Naturschätze
und Finanzinstitutionen die Herbeiführung des Sozialismus zu
beschleunigen. Diese Partei vertritt in der Hauptsache den Willen
der Industriearbeiter, aber auch großer Teile der armen Bauern.
Der Name "Bolschewiki" darf keinesfalls mit "Maximalisten"
übersetzt werden. Die Maximalisten sin eine besondere Gruppe
(Siehe Absatz 5b).Zu den Führern der Bolschewiki gehören Lenin,
Trotzki, Lunatscharski.
d)
Vereinigte Sozialdemokraten - Internationalisten, auch als Gruppe
"Nowaja Shisn" (Neues Leben) nach ihrer sehr einflußreichen
Zeitung bekannt. Eine kleine Gruppe von Intellektuellen. Außer den
persönlichen Anhängern Gorkis, des Führers dieser Gruppe, gehören
ihr kaum Arbeiter an. Die Gruppe vertritt fast das gleiche
Programm wie die Menschewiki - Internationalisten, unterscheidet
sich aber von ihnen dadurch, daß sie sich weder den Bolschewiki
noch den Menschewiki anschlossen.
e)
Jedinstwo. Eine sehr kleine, im Verschwinden begriffene Gruppe,
der fast nur die persönlichen Anhänger Plechanows angehören
Plechanow war einer der Pioniere der russischen
sozialdemokratischen Bewegung in den achtziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts und ihr größter Theoretiker. Als alter Mann nahm
Plechanow eine extrem patriotische Haltung ein und war sogar den
Menschewiki zu konservativ. Nach dem bolschewistischen Aufstand
löste sich die Gruppe Jedinstwo auf.
6.
Sozialrevolutionäre Partei. Ihren Anfangsbuchstaben nach nannte
man sie "SR". Ursprünglich war sie die revolutionäre Partei der
Bauern, die Partei der "Kampforganisationen" - der Terroristen.
Nach der Märzrevolution strömten ihr viele Mitglieder zu, die
niemals Sozialisten waren. Nunmehr traten sie dafür ein, daß
lediglich das Privateigentum an Grund und Boden abgeschafft werden
solle. Die Eigentümer sollten irgendwie entschädigt werden.
Schließlich zwang die immer revolutionärer werdende Stimmung unter
den Bauern die Sozialrevolutionäre, ihre "Entschädigungsklausel"
fallenzulassen. Daraufhin verliessen im Herbst 1917 die jüngeren
und stürmischeren Intellektuellen die Partei und schlossen sich
zur "linken sozialrevolutionären Partei" zusammen. Die alte
Partei, die später von den radikalen Gruppen immer die "rechte
sozialrevolutionäre Partei" genannt wurde, verfolgte die gleiche
Politik wie die Menschewiki und arbeitete mit ihnen zusammen.
Schließlich wurden die rechten Sozialrevolutionäre zu Vertretern
der wohlhabenden Bauern, der Intellektuellen und der politisch
ungeschulten Bevölkerung entlegener ländlicher Gebiete. Es gab
unter ihnen jedoch eine größere Vielfalt politischer und
ökonomische Schattierungen als unter den Menschewiki. Zu ihren in
diesem Buch erwähnten Führern zählten: Awxentjew, Goz, Kerenski,
Tschernow, "Babuschka" Breschowskaja.
g)
Linke Sozialrevolutionäre. Obwohl sie theoretisch dem
bolschewistischen Programm der Diktatur des Proletariats
zustimmten, zögerten sie anfangs, sich der rücksichtslosen Taktik
der Bolschewiki anzuschließen. Die linken Sozialrevolutionäre
blieben jedoch in der Sowjetregierung und übernahmen Posten im
Kabinett, insbesondere das Volkskomissariat für Landwirtschaft.
Sie verließen die Regierung mehrere Male, kehrten aber immer
wieder zurück. Die Bauern, die in immer größerer Zahl die rechten
Sozialrevolutionäre verließen, schlossen sich den linken
Sozialrevolutionären an, die somit zur großen Bauernpartei wurden.
Sie unterstützten die Sowjetregierung und traten für die
entschädigungslose Enteignung des Großgrundbesitzes und seine
Übergabe an die Bauern ein. Zu ihren Führern gehören Spiridonowa,
Karelin, Kamkow, Kalagajew.
h)
Maximalisten . Eine Splittergruppe der Sozialrevolutionären Partei
in der Revolution von 1905. Damals führten sie eine machtvolle
Bauernbewegung, die für die sofortige Durchführung eines
sozialistischen Maximalprogramms eintrat. Jetzt eine unbedeutende
Gruppe bäuerlicher Anarchisten.
Parlamentarische Gepflogenheiten
Die Verfahrensregeln bei russischen Versammlungen und Kongressen
sind den kontinentalen Gepflogenheiten ähnlicher als den unseren.
Die erste Handlung ist im allgemeinen die Wahl eines Präsidiums.
Das Präsidium ist ein Komitee, das den Vorsitz über die
Versammlung innehat. Ihm gehören Vertreter der an der Versammlung
teilnehmenden Gruppen und politischen Parteien im Verhältnis zu
ihrer Mitgliederzahl an. Das Präsidium stellt die Geschäftsordnung
auf, und jedes seiner Mitglieder kann vom Vorsitzenden
aufgefordert werden, zeitweise die Versammlung zu leiten. Jede
Frage wird erst allgemein aufgeworfen und dann diskutiert. Zum
Abschluß der Debatte bringen die verschiedenen Parteien
Resolutionen ein, über die einzeln abgestimmt wird. Es kann
geschehen, und geschieht auch meistens, daß die Geschäftsordnung
schon in der ersten halben Stunde über den Haufen geworfen wird.
Unter Berufung auf besondere "Dringlichkeit", die von der
Versammlung fast immer anerkannt wird, kann jeder aufstehen und
sich zu jedem beliebigen Thema äußern. Die Versammlung wird von
den Massen der Teilnehmer beherrscht. Dem Versammlungsleiter
bleibt weiter nichts zu tun, als mit einer Glocke Ordnung zu
schaffen und die Redner anzusagen. Die Hauptarbeit der Tagungen
wird in den Fraktionssitzungen der verschiedenen Gruppen und
Parteien geleistet, die fast immer geschlossen abstimmen und von
Fraktionsführern vertreten werden. Das führt jedoch dazu, daß bei
jeder neuen wichtigen Frage, bei jeder Abstimmung, die Tagung
unterbrochen werden muß, damit sich die verschiedenen Gruppen und
Parteien zu einer Fraktionsbesprechung zusammenfinden können. Die
Versammlungsteilnehmer sind sehr laut, bekunden den Rednern ihren
Beifall oder ihr Mißfallen und machen jede vom Präsidium
festgelegte Ordnung zunichte. Zu den üblichen Zurufen gehören "Prossim!"
(Bitte! Weitermachen!),"Prawilno!" "Eto werno!" (Sehr richtig!
Sehr wahr!), "Dowolno!" (Genug!), "Doloi!" (Abtreten!) , "Posor!"
(Schande!) und "Ticho!" (Ruhe!).
Massenorganisationen
1.
Sowjets. Das Wort Sowjet bedeutet "Rat". Unter dem Zaren wurde der
Reichsrat "Gossudarstwenny Sowjet" genannt. Seit der Revolution
versteht man aber unter Sowjet immer mehr ein von den Mitgliedern
der wirtschaftlichen Organisationen der Werktätigen gewähltes
Parlament den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und
Bauerndeputierten. Ich habe also nur diese spezifischen
Organisationen mit dem Wort Sowjet bezeichnet und an allen anderen
Stellen das Wort mit "Rat" übersetzt. Neben den örtlichen Sowjets,
die in jeder Stadt und jedem Dorf Rußlands gewählt werden - in den
Großstädten außerdem Sowjets der Stadtbezirke (Rayons) - , gibt es
auch Bezirks- und Gouvernementssowjets (oblastnyje oder
gubernskije) und das Zentralexekutivkomitee der Gesamtrussischen
Sowjets in der Hauptstadt, nach den Anfangsbuchstaben ZEK genannt
(siehe auch weiter unten "Zentralkomitees").Fast überall vereinten
sich nach der Märzrevolution die Sowjets der Arbeiterdeputierten
und die der Soldatendeputierten. In besonderen Fragen, die sich
auf ihre spezifischen Interessen bezogen, traten die Sektionen der
Arbeiter und Soldaten auch weiterhin gesondert zusammen. Die
Sowjets der Bauerndeputierten schlossen sich den anderen erst nach
der Machtergreifung durch die Bolschewiki an. Auch sie waren wie
die Arbeiter und Soldaten organisiert, mit einem Gesamtrussischen
Exekutivkomitee der Bauernsowjets in der Hauptstadt.
2.
Gewerkschaften. Obwohl meist in Form von Industriegewerkschaften
organisiert, nannten sich die russischen Gewerkschaften noch immer
Fachverbände. Zur Zeit der bolschewistischen Revolution hatten sie
vier Millionen Mitglieder. Auch die Gewerkschaften waren in einem
gesamtrussischen Verband zusammengeschlossen, einer Art Russischer
Arbeiterföderation, mit einem Zentralexekutivkomitee in der
Hauptstadt.
3.
Fabrikkomitees. Diese waren spontan entstandene Organisationen,
von den Arbeitern in den Fabriken gebildet, um die Kontrolle über
die Industrie auszuüben. Sie nutzten das administrative Chaos, das
die Revolution mit sich gebracht hatte, um sich eine feste
Position zu schaffen. Ihre Funktion bestand darin, durch
revolutionäre Aktionen die Fabriken in die eigenen Hände zu nehmen
und zu leiten. Die Fabrikkomitees hatten auch ihre gesamtrussische
Organisation mit einem Zentralkomitee in Petrograd, das mit den
Gewerkschaften zusammenarbeitete.
4.
Dumas. Das Wort Duma bedeutet mehr oder weniger "beratende
Körperschaft". Die alte zaristische Duma, die in etwas
demokratisierter Form noch sechs Monate nach der Revolution
bestand, starb im September 1917 eines natürlichen Todes. Die
Stadtduma, die in diesem Buch eine Rolle spielt, war der
reorganisierte Stadtrat, häufig auch "städtische Selbstverwaltung"
genannt. Sie wurde in direkter und geheimer Wahl gewählt, und wenn
sie während der bolschewistischen Revolution die Unterstützung der
Massen verlor, dann liegt das hauptsächlich daran, daß mit der
aufsteigenden Macht der Organisationen, die sich auf ökonomische
Gruppen stützten, alle rein politischen Vertretungen an Einfluß
verloren.
5.
Semstwos. Dieser Name läßt sich mehr oder weniger mit "Landräte"
übersetzen. Unter dem Zaren waren die Semstwos halb politische,
halb soziale Körperschaften, mit verschwindend kleinen
administrativen Funktionen. Sie wurden zum größten Teil von
intellektuellen Liberalen aus der Grundbesitzerklasse beherrscht.
Ihre wichtigste Funktion war die Schaffung von Schulen und
sozialen Einrichtungen für Bauern. Während des Krieges nahmen die
Semstwos allmählich die gesamte Versorgung der Armee mit
Lebensmitteln und Kleidung sowie die Käufe aus dem Ausland in die
Hand. Sie leisteten unter den Soldaten eine Arbeit, die mehr oder
weniger der Tätigkeit des Christlichen Vereins junger Männer an
der Front entspricht. Nach der Märzrevolution wurden die Semstwos
demokratisiert, weil man beabsichtigte, ihnen die örtlichen
Regierungsorgane in den ländlichen Gebieten zu übertragen. Sie
konnten aber ebensowenig wie die Stadtdumas gegen die Sowjets
aufkommen.
6.
Genossenschaften. Darunter sind die Konsumgenossenschaften der
Arbeiter und Bauern zu verstehen, die vor der Revolution in
Rußland mehrere Millionen Mitglieder hatten. Von Liberalen und
"gemäßigten" Sozialisten gegründet, wurden die Genossenschaften
nicht von den revolutionären sozialistischen Gruppen unterstützt,
da sie eine Ersatzlösung gegen über der völligen Übernahme und der
Verteilung in die Hände der Werktätigen darstellten. Nach der
Märzrevolution vergrößerten sich die Genossenschaften rasch. Sie
wurden von den Volkssozialisten, Menschewiki und
Sozialrevolutionären beherrscht und spielten bis zur
bolschewistischen Revolution die Rolle einer konservativen
politischen Kraft. Trotzdem darf man nicht übersehen, daß die
Genossenschaften Rußland mit Lebensmitteln versorgten, als der
alte Handels- und Verkehrsapparat zusammengebrochen war.
7.
Armeekomitees. Die Armeekomitees wurden von den Soldaten an der
Front gebildet, um den reaktionären Einfluß der Offiziere des
alten Regimes zu bekämpfen. Jede Kompanie, jedes Regiment, Jede
Brigade und Division, jedes Korps hatte ein eigenes Komitee. Als
Dachorganisation wurde ein Armeekomitee gewählt. Das Zentrale
Armeekomitee arbeitete mit dem Generalstab zusammen. Der durch die
Revolution verursachte administrative Zusammenbruch in der Armee
lud fast die gesamte Arbeit der Quartiermeister und in einigen
Fällen sogar den Befehl der Truppen auf die Schultern des
Armeekomitees.
8.
Flottenkomitees. Die entsprechende Organisation in der Flotte.
Zentralkomitees
Im
Frühjahr und Sommer 1917 wurden in Petrograd gesamtrussische
Kongresse der verschiedenartigsten Organisationen abgehalten. Es
gab Nationalkongresse der Arbeiter-, der Soldaten- und der
Bauernsowjets, der Gewerkschaften, der Fabrikkomitees, der Armee-
und Flottenkomitees - außerdem Kongresse jedes Zweiges innerhalb
der Armee und Flotte, Kongresse der Genossenschaften, der
Nationalitäten usw. Jeder dieser Kongresse wählte ein
Zentralkomitee oder ein Zentralexekutivkomitee, um die besonderen
Interessen seiner Organisationen am Sitz der Regierung zu wahren.
Als dann die Provisorische Regierung von Tag zu Tag schwächer
wurde, mußten die Zentralkomitees eine immer größere
administrative Macht in ihre eigenen Hände nehmen.
Die wichtigsten in diesem Buch erwähnten Zentralkomitees sind:
Der Verband der Verbände. Während der Revolution von 1905 bildeten
Professor Miljukow und andere Liberale Verbände freiberuflicher
Intellektueller - Ärzte, Juristen usw. Diese vereinigten sich zu
einer zentralen Organisation, dem Verband der Verbände. 1905
kämpfte der Verband der Verbände auf der Seite der revolutionären
Demokratie; 1917 dagegen wandte er sich gegen den
bolschewistischen Aufstand und stellte sich an die Spitze der
Regierungsangestellten, die gegen die Autorität der Sowjets
streikten.
Zentralexekutivkomitee. Gesamtrussisches Zentralexekutivkomitee
der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.
Zentroflot. "Zentralflotte" - das zentrale Flottenkomitee.
Wikshel. Gesamtrussisches Exekutivkomitee des
Eisenbahnerverbandes. Genannt nach seinen Anfangsbuchstaben.
Andere Organisationen
Rote Garden. Die bewaffneten Fabrikarbeiter Rußlands. Die Roten
Garden entstanden zum erstenmal in der Revolution von 1905 und
erschienen erneut in den Märztagen 1917 auf dem Schauplatz, als
eine Kraft gebraucht wurde, um Ruhe und Ordnung in den Städten zu
wahren. Sie waren bewaffnet, und jeder Versuch der Provisorischen
Regierung , sie zu entwaffnen, blieb mehr oder weniger erfolglos.
In jeder großen Krise der Revolution erschienen die Roten Garden
auf der Straße, ungeschult und undiszipliniert, aber von
revolutionärem Elan erfüllt.
Weiße Garden. Freiwillige aus den Kreisen der Bourgeoisie, die in
den letzten Etappen der Revolution in Erscheinung traten, um das
Privateigentum, das die Bolschewiki abschaffen wollten, zu
verteidigen. Sehr viele von ihnen waren Studenten.
Jekinzy. Die sogenannte Wilde Division in der Armee Sie bestand
aus Angehörigen mohammedanischer Stämme aus Mittelasien, die
Kornilow persönlich zugetan waren. Sie waren wegen ihres blinden
Gehorsams und ihrer grausamen Kriegsführung bekannt.
"Todesbataillone" oder "Stoßbataillone". Im allgemeinen ist das
Frauenbataillon in der Welt als Todesbataillon bekannt, aber es
gab auch Männerbataillone dieser Art. Sie wurden im Sommer1917 von
Kerenski gebildet, um durch Beispiele von Heldentum die Disziplin
und Kampfkraft in der Armee zu erhöhen. Die Todesbataillone wurden
zumeist aus fanatisch patriotischen jungen Menschen gebildet. Zum
größten Teil waren es Söhne aus den besitzenden Klassen.
Offiziersverband. Eine Organisation der reaktionären Offiziere in
der Armee, dazu bestimmt, die wachsende Macht der Armeekomitees
politisch zu bekämpfen.
Ritter des heiligen Georg. Das Georgskreuz wurde für hervorragende
Verdienste in der Schlacht verliehen. Die Träger dieses Ordens
waren automatisch Georgsritter. Diese Organisation spielte
hauptsächlich als Vorkämpfer militärischer Ideale eine Rolle.
Bauernverband. 1905 war der Bauernverband eine revolutionäre
Bauernorganisation.. 1917 war er jedoch zum politischen
Interessenvertreter der wohlhabenden Bauern geworden und bekämpfte
die wachsende Macht und die revolutionären Ziele der Sowjets der
Bauerndeputierten.
Zeitrechnung und Schreibweise
Ich habe in diesem Buch überall unseren Kalender benutzt und nicht
den russischen, der dreizehn Tage zurückliegt. In der Schreibweise
der russischen Wörter und Namen habe ich nicht versucht, mich an
wissenschaftliche Transkriptionsregeln zu halten, sondern habe
eine Schreibweise gewählt, die dem englischen Leser die Aussprache
am leichtesten klarmachen kann.
Quellen
Das Material in diesem Buch stammt zu einem großen Teil aus meinen
eigenen Notizen. Darüber hinaus habe ich mich aber auch auf ein
wahllos zusammengetragenes Archiv mehrerer Hundert russischer
Zeitungen gestützt, die über fast jeden Tag der geschilderten
Zeitspanne Meldungen enthalten. Außerdem benutzte ich eine
Sammlung der englischen Zeitung "Russian Daily News" und der
beiden französischen Zeitungen "Journal de Russie" und "Entente".
Viel wertvoller als diese Zeitungen ist allerdings das "Bulletin
de la Presse", täglich vom französischen Informationsbüro in
Petrograd herausgegeben, das über alle wichtigen Ereignisse, Reden
und Kommentare der russischen Presse berichtet. Von diesem
Bulletin habe ich eine nahezu vollständige Sammlung vom Frühjahr
1917 bis Ende Januar 1918.Daneben habe ich fast jede Proklamation,
jedes Dekret und jede Ankündigung , die von Mitte September 1917
bis Januar1918 in den Straßen Petrograds angeschlagen wurden,
gesammelt; ebenso die offiziellen Veröffentlichungen aller Dekrete
und Befehle der Regierung sowie die offizielle Veröffentlichung
der Geheimabkommen und anderer Dokumente, die im Außenministerium
gefunden wurden, als es die Bolschewiki übernahmen.
  
I. Hintergrund
Gegen Ende September 1917 besuchte mich ein ausländischer
Professor der Soziologie in Petrograd. Ihm war von Männern der
Wirtschaft und von Intellektuellen erzählt worden, daß die
Revolution im Abebben sei. Der Herr Professor schrieb darüber
einen Artikel und durchreiste dann das Land; er besuchte
Fabrikstädte und Dorfgemeinden, wo zu seinem großen Erstaunen die
Revolution ihren Schritt eher zu beschleunigen schien. Unter den
Lohnarbeitern und der werktätigen Landbevölkerung ertönte immer
öfter der Ruf: "Alles Land den Bauern!" "Alle Fabriken den
Arbeitern!" Wenn der Herr Professor die Front besucht hätte, so
hätte erhören können, wie in der ganzen Armee von nichts als dem
Frieden die Rede war... Der Herr Professor war verwirrt; ohne
Grund; beide Beobachtungen waren richtig. Die besitzenden Klassen
wurden konservativer, die Volksmassen radikaler.
In
den Reihen der Geschäftswelt und in der Intelligenz herrschte
allgemein das Gefühl, daß die Revolution weit genug gegangen sei
und schon zu lange währe; daß es an der Zeit sei, Ruhe zu
schaffen. Dieser Auffassung waren auch die herrschenden
"gemäßigten" sozialistischen Gruppen, die Menschewiki- "Oboronzy"
und Sozialrevolutionäre, die die Provisorische Kerenskiregierung
unterstützten. Am14. Oktober erklärte das offizielle Organ der
"gemäßigten" Sozialisten:
"Das Drama der Revolution hat zwei Akte: Die Zerstörung der alten
Ordnung und die Schaffung der neuen. Der erste Akt hat lange genug
gedauert. Jetzt ist es an der Zeit, den zweiten zu beginnen und
ihn so schnell als möglich zu Ende zu führen. Von einem großen
Revolutionär stammt das Wort: "Eilen wir uns Freunde, die
Revolution zu beenden. Wer sie zu lange währen läßt, läuft Gefahr,
um ihre Früchte zu kommen"...."
Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernmassen waren dagegen der festen
Überzeugung, Daß der "erste Akt" noch lange nicht zu Ende gespielt
war. An der Front stießen überall Armeekomitees mit den Offizieren
zusammen, die sich noch immer nicht gewöhnen konnten, die Soldaten
als Menschen zu behandeln; im Hinterland wurden die von den Bauern
gewählten Bodenkomitees eingesperrt, wo sie sich unterfingen, die
von der Regierung angeordneten Bestimmungen über den Grund und
Boden durchzuführen; und die Arbeiter in der Fabriken mußten einen
schweren Kampf gegen schwarze Listen und Aussperrungen führen. Die
zurückkehrenden politischen Verbannten wurden als "unerwünschte
Bürger" nicht ins Land hineingelassen, und in manchen Fällen
wurden Menschen, die aus dem Auslande in ihre Dörfer
zurückkehrten, wegen der im Jahre1905 begangenen politischen
Handlungen verfolgt und eingekerkert. Auf die mannigfaltige
Unzufriedenheit des Volkes hatten die "gemäßigten" Sozialisten nur
eine Antwort: Die Konstituierende Versammlung abzuwarten, die im
Dezember zusammentreten sollte. Aber die Massen waren damit nicht
zufrieden. Die Konstituierende Versammlung war gut und schön, doch
es gab gewisse klar umrissene Dinge, um derentwillen die russische
Revolution gemacht worden war, für die die revolutionären
Märtyrer, die in den Massengräbern des Marsfeldes lagen, ihr Blut
vergossen hatten; diese galt es zu verwirklichen, mit oder ohne
Konstituierende Versammlung: Frieden, Land, Kontrolle der Arbeiter
über die Industrie. Die Konstituierende Versammlung war bisher
immer wieder vertagt worden - und würde wahrscheinlich noch einmal
vertagt werden, so lange vielleicht, bis das Volk ruhig genug
geworden war, um auf einen Teil seiner Forderungen zu verzichten.
Acht Monate Revolution waren bereits ins Land gegangen, und wenig
genug zu sehen.....Inzwischen begannen die Soldaten, die
Friedensfrage auf eigene Faust zu lösen, indem sie einfach
desertierten; die Bauern brannten die Gutshäuser nieder und
setzten sich in den Besitz der großen Güter; die Arbeiter
streikten....Die Fabrikanten, Gutsbesitzer und Offiziere der Armee
setzten ihren ganzen Einfluß ein, um jedes demokratische
Zugeständnis zu verhindern.... Die Politik der Provisorischen
Regierung schwankte zwischen wertlosen Reformen und brutaler
Unterdrückung. Ein Befehl des sozialistischen Arbeitsministers
ordnete an, daß die Arbeiterkomitees fortan nur nach Feierabend
zusammentreten dürften. Bei den Truppen an der Front wurden die
"Agitatoren" der oppositionellen politischen Parteien verhaftet,
die radikalen Zeitungen verboten und die Todesstrafe gegen
revolutionäre Propagandisten angewandt. Versuche wurden
unternommen, die Roten Garden zu entwaffnen. Kosaken wurden in die
Provinzen geschickt, damit sie dort die Ordnung
wiederherstellten.....
Diese Maßnahmen wurden von den "gemäßigten" Sozialisten und ihren
Führern im Ministerium, die die Zusammenarbeit mit den besitzenden
Klassen für notwendig hielten, gutgeheißen. Die Volksmassen
wandten sich in schnellem Tempo von ihnen ab und gingen zu den
Bolschewiki über, die für Frieden, Land für die Kontrolle der
Arbeiter über die Industrie und für eine Regierung der
Arbeiterklasse waren. Im September 1917 spitzten sich die Dinge
zur Krise zu. Gegen den überwältigenden Willen des Landes gelang
es Kernski und den "gemäßigten" Sozialisten, eine
Koalitionsregierung mit den besitzenden Klassen zu errichten; das
Resultat war, daß die Menschewiki und Sozialrevolutionäre das
Vertrauen des Volkes endgültig verloren. Ein Artikel im "Rabotschi
Put" (Der Arbeiterweg) um die Mitte des Oktobers unter dem Titel
"Die sozialistischen Minister" brachte die Meinung der Volksmassen
wie folgt zum Ausdruck:
"Hier eine Liste ihrer Leistungen:
Zereteli: entwaffnete die Arbeiter mit Hilfe des Generals Polowzew,
brachte den revolutionären Soldaten eine Niederlage bei und
stimmte der Todesstrafe in der Armee zu.
Skobelew: begann mit dem Versprechen, eine hundertprozentige
Steuer auf die Profite der Kapitalisten zu legen, und endete - und
endete mit dem Versuch, die Arbeiterkomitees in den Werkstätten
und Fabriken aufzulösen.
Awxentjew: warf einige Hundert Bauern ins Gefängnis, die
Mitglieder der Bodenkomitees, und unterdrückte Dutzende von
Arbeiter- und Soldatenzeitungen.
Tschernow: unterzeichnete das Kaiserliche Manifest, das die
Auflösung des finnischen Landtages anordnete.
Sawinkow: schloß ein offenes Bündnis mit dem General Kornilow.
Wenn es diesem Retter des Landes nicht gelang, Petrograd zu
verraten, so ist das auf Gründe zurückzuführen, die seinem Einfluß
nicht unterlagen.
Sarudny: kerkerte mit Zustimmung Alexinskis und Kerenskis Tausende
revolutionäre Arbeiter, Soldaten und Matrosen ein.
Nikitin: handelte als ordinärer Polizist gegen die Eisenbahner.
Kerenski: über den sagt man am besten gar nichts. Die Liste seiner
Leistungen würde zu lang werden....."
Ein Delegiertenkongress der Baltischen Flotte in Helsingfors
beschloß eine Resolution, die wie folgt begann:
"Wir fordern die sofortige Entfernung des ,Sozialisten` und
politischen Abenteurers Kerenski aus der Provisorischen Regierung,
der die große Revolution und mit ihr die revolutionären Massen
durch seine schamlosen politischen Erpressungen im Interesse der
Bourgeoisie zugrunde richtet..."
Das unmittelbare Ergebnis alles dessen war der Aufstieg der
Bolschewiki.....
Seit dem März 1917, als der Ansturm der Arbeiter und Soldaten auf
den Taurischen Palast die widerstrebende Reichsduma zwang, die
Macht in Rußland zu übernehmen, waren es die Massen des Volkes,
die Arbeiter, Soldaten und Bauern, die jeden Wechsel im Fortgang
der Revolution erzwangen. Sie stürzten das Ministerium Miljukows;
ihr Sowjet war es, der der Welt die russischen Friedensvorschläge
verkündete: "Keine Annexionen, keine Entschädigungen,
Selbstbestimmungsrecht der Völker!" und wieder, im Juli, war es
die spontane Erhebung des unorganisierten Proletariats, das zum
zweiten Male den Taurischen Palast stürmte und die Forderung
erhob: Übernahme der Regierungsgewalt in Rußland durch die
Sowjets. Die Bolschewiki, zu der Zeit eine kleine politische
Sekte, stellten sich an die Spitze der Bewegung. Das Ergebnis des
völligen Mißerfolgs der Erhebung war, daß sich die öffentliche
Meinung gegen sie kehrte. Ihre führerlosen Massen fluteten in das
Wiborgviertel zurück, das Saint Antoine von Petrograd. Dann folgte
eine wilde Bolschewistenhetze: Hunderte wurden eingekerkert,
darunter Trotzki, Frau Kollontai und Kamenew; Lenin und Sinojew
mußten sich verbergen, gehetzt von der Justiz; die
bolschewistischen Zeitungen wurden unterdrückt. Provokateure und
Reaktionäre wurden nicht müde, die Bolschewiki als deutsche
Agenten zu bezeichnen, bis sich in der ganzen Welt Leute fanden,
die das glaubten. Aber die Provisorische Regierung konnte ihre
Anklagen nicht beweisen; die Dokumente, die die prodeutsche
Verschwörertätigkeit der Bolschewiki beweisen sollten, wurden als
Fälschungen enthüllt. Und die Bolschewiki wurden, einer nach dem
anderen, aus den Gefängnissen entlassen, ohne jeden Prozeß, gegen
nominelle oder ohne jede Bürgschaft, bis nur sechs Verhaftete
übrigblieben. Die Machtlosigkeit und Unentschlossenheit der
ständig wechselnden Provisorischen Regierung war allein schon ein
unwiderlegbares Argument. Die Bolschewiki stellten erneut die den
Massen so wertvolle Losung auf: "Alle Macht den Sowjets!", und sie
taten das nicht aus Selbstsucht; zu der Zeit gehörte die Mehrheit
in den Sowjets den "gemäßigten" Sozialisten, ihren wütendsten
Gegnern. Doch mehr noch; sie übernahmen die elementaren, einfachen
wünsche der Arbeiter, Soldaten und Bauern und schufen daraus ihr
Aktionsprogramm. Und während die sozialpatriotischen Menschewiki
und Sozialrevolutionäre sich in der Politik des Kompromisses mit
der Bourgeoisie verwirrten, eroberten die Bolschewiki schnell die
russischen Massen. Im Juli waren sie noch gehetzt und verachtet,
im September waren die Arbeiter der Hauptstadt, die Matrosen der
Baltischen Flotte und die Soldaten bereits fast ganz auf ihrer
Seite. Die Kommunalwahlen, die im September in den großen Städten
stattfanden, waren dafür bezeichnend; nur acht Prozent der
Gewählten waren Menschewiki und Sozialrevolutionäre gegenüber mehr
als siebzig Prozent im Juni... Es bleibt ein Umstand, der geeignet
ist, den nichtrussischen Beobachter zu verwirren: das
Zentralexekutivkomitee der Sowjets, die zentralen Armee- und
Flottenkomitees und die Zentralkomitees einiger Gewerkschaften,
vor allem die der Post - und Telegrafenarbeiter und der
Eisenbahner, waren den Bolschewiki entschieden feindlich. Alle
diese Zentralkomitees waren in der Mitte des Sommers oder sogar
vorher gewählt worden, als die Menschewiki und Sozialrevolutionäre
noch eine ungeheure Anhängerschaft hatten; jetzt schoben sie
Neuwahlen immer wieder hinaus oder verhinderten sie sogar. So
hätte beispielsweise den Bestimmungen der Sowjets der Arbeiter-
und Soldatendeputierten gemäß der Gesamtrussische Sowjetkongreß
zum September einberufen werden müssen; doch das
Zentralexekutivkomitee wollte ihn nicht zusammentreten lassen
unter dem Vorwand, daß die Konstituierende Versammlung in
spätestens zwei Monaten tagen würde, womit, so deuteten sie an,
die Aufgabe der Sowjets erledigt wäre und sie abzutreten hätten.
Mittlerweile eroberten die Bolschewiki im ganzen Lande einen nach
dem anderen die örtlichen Sowjets, die lokalen
Gewerkschaftsorganisationen und die unteren Soldaten- und
Matrosenmassen. Die Bauernsowjets blieben noch konservativ, weil
in den rückständigen ländlichen Gebieten das politische Bewußtsein
sich nur langsam entwickelte; außerdem hatte seit einer ganzen
Generation die Agitation in den Händen der Sozialrevolutionäre
gelegen......Doch selbst unter den Bauern begann sich ein
revolutionärer Flügel zu bilden. Das zeigte sich klar im Oktober,
als sich der linke Flügel der Sozialrevolutionäre abspaltete und
eine neue politische Partei bildete, die Partei der linken
Sozialrevolutionäre. Gleichzeitig waren allenthalben Anzeichen
vorhanden, daß die Reaktion wieder Selbstvertrauen gewann. In der
Troizki- Komödie in Petrograd wurde beispielsweise eine Burleske
mit dem Titel "Die Sünden des Zaren" von einer Monarchistengruppe
gestört, die die Schauspieler zu lynchen drohte, weil sie "den
Zaren beleidigt" hatten. Gewisse Zeitungen begannen nach einem
"russischen Napoleon" zu rufen. Es war damals bei der bürgerlichen
Intelligenz üblich, die Arbeiterdeputierten als "Hundedeputierte"
zu bezeichnen. Am 15. Oktober hatte ich eine Unterhaltung mit
einem russischen Großkapitalisten, Stepan Georgijewitsch Lianosow,
bekannt als der "russische Rockefeller", seiner politischen
Parteizugehörigkeit nach ein Kadett. "Die Revolution", sagte
dieser, "ist eine Krankheit. Früher oder später werden die fremden
Mächte eingreifen müssen, gerade so, wie man eingreifen muß, um
ein krankes Kind zu heilen oder es laufen zu lehren. Natürlich
wird das mehr oder weniger unangenehm sein, aber die Nationen
müssen sich klar werden über die Gefahr des Bolschewismus in ihren
eigenen Ländern, über die Gefährlichkeit so ansteckender Ideen wie
die der proletarischen Diktatur und der sozialen Weltrevolution...
es besteht eine Möglichkeit daß das Eingreifen nicht notwendig
ist: das Transportwesen ist zerstört, die Fabriken schließen ihre
Tore, die Deutschen sind im Vormarsch. Der Hunger und die
Niederlage möchten vielleicht das russische Volk zur Vernunft
bringe..."
Herr Lianosow erklärte entschieden, daß sich die Kaufleute und
Fabrikanten unter keinen Umständen mit der Existenz der
Fabrikkomitees abfinden oder zugeben könnten, daß die Arbeiter
irgendeinen Einfluß auf die Leitung der Industrie gewinnen. "Was
die Bolschewiki anbelangt, so könnte man mit ihnen auf zweierlei
Art fertig werden: die Regierung kann Petrograd räumen, dann den
Belagerungszustand erklären, womit der Militärkommandant des
Gebietes die Möglichkeit erhalten würde, mit diesen Herrschaften,
ungehindert durch gesetzliche Formalitäten, abzurechnen.....Oder
aber, falls die Konstituierende Versammlung irgendwelche
utopischen Neigungen zeigen sollte, kann sie mit Waffengewalt
auseinandergetrieben werden..."
Der Winter rückte heran - der schreckliche russische Winter. Ich
hörte Kapitalisten über ihn wie folgt sprechen: "Der Winter war
immer Rußlands bester Freund. Vielleicht wird er uns jetzt von der
Revolution befreien." An der frierenden Front fuhren die Armeen
fort, zu hungern und zu sterben, ohne Begeisterung. Der
Eisenbahnverkehr brach zusammen, die Lebensmittel wurden knapp,
die Fabriken schlossen die Tore. Die verzweifelten Massen
beschuldigten die Bourgeoisie, das Leben des Volkes zu sabotieren
und die Niederlage an der Front herbeizuführen. Riga war
preisgegeben worden, unmittelbar nachdem der General Kornilow in
aller Öffentlichkeit erklärt hatte: "Vielleicht ist Riga der
Preis, den wir zahlen müssen, um das Land zum Bewußtsein seiner
Pflicht zu bringen." Für Amerikaner mag es unglaublich klingen,
daß der Klassenkampf sich dermaßen zuspitzen kann. Aber ich habe
persönlich an der Nordfront mit Offizieren gesprochen, die offen
den militärischen Zusammenbruch der Zusammenarbeit mit den
Soldatenkomitees vorzogen. Der Sekretär der Petrograder
Organisation der Kadettenpartei erzählte mir, daß der
Zusammenbruch des ökonomischen Lebens des Landes ein Teil der
Kampagne war, die die Revolution diskreditieren sollte. Ein
Ententediplomat, dessen Namen ich zu verschweigen versprochen
habe, bestätigte mir dies aus eigener Kenntnis. Ich weiß von
gewissen Kohlenbergwerken in der Nähe von Charkow, die von ihren
Besitzern in Brand gesteckt und unter Wasser gesetzt wurden, von
Textilfabriken in Moskau, deren Ingenieure die Maschinen vor ihrer
Flucht zerstört hatten, von hohen Eisenbahnbeamten, die von den
Arbeitern dabei ertappt wurden, als sie die Lokomotiven zu
zerstören im Begriff waren.....Ein großer Teil der besitzenden
Klasse zog die Deutschen der Revolution vor - selbst der
Provisorischen Regierung - und zögerte nicht, dies auszusprechen.
In der russischen Familie, bei der ich wohnte, war der Gegenstand
der Unterhaltung bei Tisch fast immer das Kommen der Deutschen,
die "Ruhe und Ordnung" bringen würden... Ich verlebte einmal einen
Abend im Hause eines Moskauer Kaufmanns; beim Tee fragten wir die
elf Personen am Tisch, wen sie vorzögen, "Wilhelm oder die
Bolschewiki". Zehn stimmten für Wilhelm... Die Spekulanten nützten
die allgemeine Desorganisierung aus, um Reichtümer anzuhäufen, die
sie in phantastischen Schwelgereien vergeudeten oder dazu
verwendeten, die Staatsbeamten zu bestechen. Lebensmittel und
Brennmaterial wurden versteckt oder im geheimen nach Schweden
verkauft. In den ersten vier Monaten der Revolution beispielsweise
wurden die Lebensmittelreserven fast in voller Öffentlichkeit aus
den großen städtischen Speichern Petrograds geplündert, bis von
den Getreidevorräten, die für zwei Jahre bestimmt waren, kaum
genug übrig war, um die Stadt einen Monat lang zu versorgen...
Nach dem offiziellen Bericht des letzten Ernährungsministers in
der Provisorischen Regierung wurde der Kaffee in Wladiwostok im
Großeinkauf für zwei Rubel das Pfund gekauft, während die
Konsumenten in Petrograd dreizehn Rubel zahlen mußten. In den
Geschäften der großen Städte waren große Mengen an Lebensmitteln
und Kleidung; aber nur die Reichen konnten sie kaufen. Ich kannte
in einer Provinzstadt eine Kaufmannsfamilie, die sich der
Spekulation zugewandt hatte. Marodeure werden solche von den
Russen genannt. Die drei Söhne hatten sich vom Militärdienst
gedrückt. Der eine spekulierte in Lebensmitteln. Der zweite
verkaufte im geheimen Gold aus den Lena- Gruben an geheimnisvolle
Interessenten in Finnland. Der dritte besaß die Aktienmehrheit in
einer Schokoladenfabrik, die die örtliche Genossenschaften
versorgte - unter der Bedingung, daß die Genossenschaften ihm
lieferten, was er brauchte . Während die Volksmassen auf ihre
Brotkarten ein Viertelpfund Schwarzbrot erhielten, hatte er im
Überfluß Weißbrot, Zucker, Tee, Kuchen und Butter....Das hinderte
diese saubere Familie nicht, die erschöpften Soldaten, die an der
Front infolge der Kälte und des Hungers nicht mehr kämpfen konnten
, als "Feiglinge" zu beschimpfen, und daß sie sich "schämten"
"Russen" zu sein.....Und als die Bolschewiki große Mengen
versteckter Vorräte entdeckten und beschlagnahmten, bezeichneten
sie diese als "Räuber". Unter all dieser äußeren Korruptheit
arbeiteten die alten reaktionären Kräfte, die sich seit dem Sturz
Nikolaus II. Nicht geändert hatten, im geheimen still und sehr
aktiv. Die Agenten der berüchtigten Ochrana waren noch immer in
Funktion, für und gegen den Zaren, für und gegen Kerenski - je
nachdem, von wem sie bezahlt wurden......Geheime Organisationen
aller Art, wie die Schwarzhunderter, waren eifrig bemüht, in der
einen oder anderen Weise die Reaktion wiederherzustellen. In
dieser Atmosphäre der Fäulnis, der halben Wahrheiten ließ sich,
tagaus, tagein, nur ein klarer Ton vernehmen, der Ruf der
Bolschewiki: "Alle Macht den Sowjets!", "Alle Macht den Vertretern
der Millionen und aber Millionen Arbeiter, Soldaten und Bauern!",
"Land, Brot!", "Schluß mit dem sinnlosen Krieg!", "Schluß mit der
Geheimdiplomatie!", "Schluß mit der Spekulation und dem
Verrat!"... "Die Revolution ist in Gefahr und mit ihr die Sache
des Volkes in der ganzen Welt!"
Der Kampf zwischen dem Proletariat und dem Bürgertum, zwischen den
Sowjets und der Regierung, der in den ersten Märztagen begonnen
hatte, war seinem Gipfel nahe. Rußland, das mit einem Satze aus
dem tiefsten Mittelalter ins zwanzigste Jahrhundert gesprungen
war, bot der erstaunten Welt das Schauspiel des tödlichen Kampfes
zweier Systeme der Revolution - der formal politischen und der
sozialen. Was für eine unglaubliche Lebenskraft offenbarte diese
russische Revolution, nach all den Monaten des Hungers und der
Enttäuschung! Die Bourgeoisie hätte ihr Rußland besser kennen
sollen. Lange noch wird es dauern, bis die "Krankheit" der
Revolution in Rußland ihren Lauf genommen hat...
Blickt man zurück, so scheint Rußland vor dem Novemberaufstand
einem anderen Zeitalter anzugehören, fast unglaublich konservativ.
So schnell haben wir uns dem neuen, schnelleren Leben angepaßt. In
dem Maße, wie das russische politische Leben sich radikalisierte,
bis die Kadetten als Volksfeinde geächtet wurden, wurde Kerenski
"ein Konterrevolutionär"; die "gemäßigten" sozialistischen Führer,
Zereteli, Dan, Liber, Goz und Awxentjew, waren zu reaktionär für
ihre Gefolgschaft, und Männer wie Wiktor Tschernow, ja sogar Maxim
Gorki gehörten zum rechten Flügel... Gegen Mitte Dezember 1917
besuchte eine Gruppe sozialrevolutionäre Führer Sir George
Buchanan, den britischen Gesandten, und sie baten ihn inständig,
nichts davon zu erwähnen, daß sie bei ihm gewesen waren, weil sie
als "zu weit rechts stehend" betrachtet wurden. "Man bedenke",
sagte Buchanan, "daß noch vor einem Jahr die englische Regierung
mir Anweisung gab, Miljukow nicht zu empfangen, weil er so ein
gefährlicher Linker war."
Der September und der Oktober sind die schlimmsten Monate im
russischen Jahr, besonders in Petrograd. Aus einem trostlos grauen
Himmel, der die kürzer werdenden Tage noch dunkler machte, strömte
unaufhörlicher Regen. Der Schmutz in den Straßen lag tief,
schlüpfrig, von schweren Stiefeln zerfurcht, schlimmer als
gewöhnlich, weil die Stadtverwaltung völlig zusammengebrochen war.
Vom finnischen Meerbusen her fegte ein feuchter wind, die Straßen
waren in kalten Nebel gehüllt. Des Nachts waren aus Gründen der
Sparsamkeit und aus Furcht vor Zeppelinen die Straßen nur ganz
unzureichend beleuchtet; in den Privatwohnungen und Mietshäusern
brannte das elektrische Licht von sechs Uhr bis Mitternacht.
Wollte man außer dieser Zeit Licht haben, so war man auf Kerzen
angewiesen, die fast zwei Rubel das Stück kosteten. Petroleum war
kaum zu haben. Dabei war es von drei Uhr nachmittags bis zehn Uhr
vormittags finster. Überfälle und Einbrüche nahmen zu. In den
Mietshäusern mußten die Männer jede Nacht mit geladenen Gewehren
Wachdienst verrichten. Dies alles schon unter der Provisorischen
Regierung. Mit jeder Woche wurden die Lebensmittel knapper. Die
tägliche Brotration fiel von anderthalb russischen Pfund auf ein
Pfund, dann auf drei viertel, auf ein halbes und auf ein viertel.
Gegen Ende gab es eine Woche, wo Brot überhaupt nicht ausgegeben
wurde. Auf Zucker hatte man Anrecht von zwei Pfund im Monat,
vorausgesetzt, daß man überhaupt welchen erhielt, was selten der
fall war. Eine Schokoladentafel oder ein Pfund Bonbons, ohne jeden
Geschmack, kostete allenthalben sieben bis zehn Rubel, das
entspricht mindestens einem Dollar. Milch gab es für die Hälfte
der Säuglinge in der Stadt; die Mehrzahl der Hotels und
Privathaushaltungen bekam sie monatelang nicht zu Gesicht. In der
Obstsaison wurden Äpfel und Birnen für etwas weniger als einen
Rubel das Stück an den Straßenecken verkauft....Um Milch, Brot,
Zucker und Tabak mußte man stundenlang im kalten Regen anstehen.
Als ich einmal aus einer die ganze Nacht währenden Versammlung
nach Hause kam, sah ich, wie die Menschen, meist Frauen mit
kleinen Kindern auf dem Arm, sich bereits vor Morgengrauen
anzustellen begannen... Carlyle hat in seiner Geschichte der
Französischen Revolution das französische Volk als das Volk
bezeichnet, das in der Kunst des Anstehens alle anderen Völker
übertreffe. Rußland hatte schon im Jahre 1915, unter der
gesegneten Regierung Nikolaus`, Gelegenheit, sich in dieser Kunst
zu üben, und dann, ohne Unterbrechung, bis zum Sommer 1917, wo das
Anstehen um alle Dinge der gewöhnliche Zustand wurde. Man muß sich
die ärmlich gekleideten Menschen vorstellen, wie sie mitten im
russischen Winter oft den ganzen Tag in den froststarren Straßen
Petrograds standen! Ich habe in den Schlangen zugehört und den
bitteren Unterton der Unzufriedenheit vernommen, wenn er sich hier
und da sogar durch die wie ein Wunder anmutende Gutmütigkeit des
russischen Volkes Bahn brach. Dabei hatten alle Theater Abend für
Abend, auch des Sonntags, Hochbetrieb. Die Karsawina zeigte sich
in einem neuen Ballett im Marientheater, und alle tanzbegeisterten
Russen gingen hin, sie zu sehen. Schaljapin sang. Im
Alexandratheater wurde Meyerholds Inszenierung von Tolstois "Der
Tod Iwans des Schrecklichen" gegeben. Und bei dieser Vorstellung
erinnere ich mich, einen Zögling der Kaiserlichen Pagenschule in
Galauniform beobachtet zu haben, der in den Pausen jedesmal
aufstand und vor der leere, ihrer Adler beraubten kaiserlichen
Loge seine Ehrenbezeugungen machte.... Das Kriwoje-Serkalo -
Theater brachte eine prunkvolle Aufführung von Schnitzlers
"Reigen".
Obgleich die Eremitage und andere Gemäldegalerien nach Moskau
übergeführt worden waren, gab es wöchentlich Gemäldeausstellungen
Scharen von Studentinnen liefen zu den Vorlesungen über Kunst,
Literatur und Philosophie. Es war eine ausnehmend günstige Zeit
für Theosophen. Und die Heilsarmee, die zum erstenmal in Rußland
zugelassen war, bedeckte die Mauern mit Einladungen zu ihren
Versammlungen, die die russischen Hörer amüsierten und in
Erstaunen versetzten....Wie immer in solchen Zeiten, ging das
tägliche Leben in der Stadt seinen gewohnten Trott und ignorierte
die Revolution soweit wie möglich. Die Poeten machten Verse - doch
nicht über die Revolution. Die realistische Maler malten Szenen
aus der mittelalterlichen Geschichte Rußlands - alles mögliche,
nur nicht die Revolution. Die jungen Damen aus der Provinz kamen
in die Hauptstadt um Französisch zu lernen und ihre Stimme zu
kultivieren, und die lustigen, jungen Offiziere trugen ihre
goldverbrämten Uniformen und ihre kostbar ziselierten kaukasischen
Säbel in den Salons der Hotels spazieren. Die Damen der
Beamtenschaft trafen sich an den Nachmittagen zum Tee, wobei jede
ihr goldenes oder silbernes, mit Edelsteinen besetztes
Zuckerdöschen und einen halben Laib Brot in ihrem Muff mit sich
brachte - und wünschten sich den Zaren zurück, oder das die
Deutschen kommen sollten, oder irgend etwas, was das schwierige
Dienstbotenproblem zu lösen geeignet wäre.....Die Tochter eines
meiner Bekannten bekam eines Nachmittags einen hysterischen
Anfall, weil die Straßenbahnschaffnerin sie "Genossin" genannt
hatte. Um sie herum war das ganze große Rußland in Bewegung,
schwanger mit einer neuen sozialen Ordnung. Die Dienstboten, die
man gewohnt war, wie Tiere zu behandeln und mit einem
Bettelpfennig zu entlohnen, begannen aufsässig zu werden. Ein Paar
Schuhe kostete über hundert Rubel, und da die Löhne in der Regel
nicht mehr als fünfunddreißig Rubel im Monat betrugen, weigerten
sich die Dienstboten, um Lebensmittel anzustehen und dabei ihr
Schuhzeug zu verderben. Aber - was weitaus schlimmer war - in dem
neuen Rußland durfte jeder Mann und jede Frau wählen; es gab
Arbeiterzeitungen, die ganz neue und erstaunliche Dinge schrieben;
es gab Sowjets, und es gab Gewerkschaften. Die Droschkenkutscher
Hatten einen Verband; sie waren auch im Petrograder Sowjet
vertreten. Und die Kellner und Hotelbediensteten waren organisiert
und weigerten sich, Trinkgelder zu nehmen. An den Wänden der
Restaurants klebten sie Zettel an, auf denen zu lesen stand:
"Keine Trinkgelder!" oder auch: "Die Tatsache, daß ein Mann seinen
Lebensunterhalt verdient, indem er bei Tisch aufwartet, gibt
niemandem das Recht, ihn durch Trinkgeldgeben zu beleidigen."
An
der Front setzten sich die Soldaten mit den Offizieren auseinander
und lernten es, sich mit Hilfe ihrer Komitees selbst zu regieren.
In den Fabriken erlangten die Fabrikkomitees, diese einzigartigen
russischen Organisationen, Erfahrung und Stärke und kamen zum
Bewußtsein ihrer historischen Mission durch den Kampf mit der
alten Ordnung. Ganz Rußland lernte lesen. Und es las - Politik,
Ökonomie, Geschichte. Das Volk wollte Wissen....In jeder
Großstadt, fast in jeder Stadt, an der ganzen Front hatte jede
politische Partei ihre Zeitung, manchmal mehrere. Hunderttausende
von Flugblättern wurden von Tausenden Organisationen verteilt,
überschwemmten die Armee, die Dörfer, die Fabriken, die Straßen.
Der Drang nach Wissen, so lange unterdrückt, brach sich in der
Revolution mit Ungestüm Bahn. Allein aus dem Smolny-Institut
gingen in den ersten sechs Monaten täglich Tonnen, Wagenladungen
Literatur ins Land. Rußland saugte den Lesestoff auf,
unersättlich, wie heißer Sand das Wasser. Und es waren nicht
Fabeln, die verschlungen wurden, keine Geschichtslügen, keine
verwässerte Religion oder der billige Roman, der demoralisiert -
es waren soziale und ökonomische Theorien, philosophische
Schriften, die Werke Tolstois, Gogols und Gorkis... Und dann das
gesprochene Wort, neben dem Carlyles "Flut der französischen Rede"
wie ein armseliges Rinnsal anmutet: Vorlesungen, Debatten, Reden;
in Theatern, Zirkussen, Schulen, Klubs, in den Sitzungen der
Sowjets, der Gewerkschaften, in den Kasernen.... Versammlungen in
den Schützengräben an der Front, auf den Dorfplätzen, in den
Fabriken... Was für ein Anblick, die Arbeiter der Putilow- Werke,
vierzigtausend Mann stark, herausströmen zu sehen, um die
Sozialdemokraten zu hören, die Sozialrevolutionäre, die
Anarchisten - wer immer etwas zu sagen hatte, solange er reden
wollte. Monatelang war in Petrograd, in ganz Rußland jede
Straßenecke eine öffentliche Tribüne. In den Eisenbahnen, in den
Straßenbahnwagen, überall improvisierte Debatten, überall... Und
die Gesamtrussischen Konferenzen und Kongresse, die die Menschen
zweier Kontinente in Verbindung brachten - Kongresse der Sowjets,
der Genossenschaften, der Semstwos, der Nationalitäten, der
Priester, der Bauern, der politischen Parteien; die Demokratische
Beratung, die Moskauer Beratung, der Rat der Russischen Republik.
In Petrograd tagten ständig drei oder vier Kongresse. In den
Versammlungen wurde jeder Versuch, die Redezeit einzuschränken,
abgelehnt. Jedermann hatte vollkommene Freiheit, auszusprechen,
was er auf dem Herzen hatte...Wir waren bei der Zwölften Armee an
der Front, die eben von Riga gekommen war, wo hungernde und
barfüßige Soldaten in dem Moder der Schützengräben dahinkrankten;
kaum sahen sie uns, als sie auch schon aufsprangen, mit ihren
mageren Gesichtern und ihren blaugefrorenen Gliedern, die durch
ihre zerrissenen Kleider schimmerten. Und das erste, was sie
fragten, war: "Habt ihr was zu lesen?"
Wenn aber auch an äußeren und sichtbaren Zeichen der Wandlung kein
Mangel war: zum Beispiel die Statue der "Großen Katharina" vor dem
Alexandratheater eine kleine rote Fahne in der Hand hielt und
andere - etwas verblichen - von allen öffentlichen Gebäuden
herabwehten; die kaiserlichen Insignien und Adler teils
heruntergerissen, teils verdeckt waren; an der Stelle der brutalen
zaristischen Polizisten in den Straßen eine sanfte unbewaffnete
Bürgermiliz patroullierte - so gab es dennoch zahllose wunderliche
Anachronismen. Beispielsweise existierte noch immer die
Rangordnung, die Peter der Große Rußland mit eiserner Hand
aufgezwungen hatte. Fast jedermann, vom Schulbuben angefangen,
hatte seine vorgeschriebene Uniform, mit den Abzeichen des Kaisers
auf den Knöpfen und Achselstücken. Von fünf Uhr nachmittags an
waren die Straßen gefüllt mit alten Herren in Uniform, die
Aktenmappen trugen und von der Arbeit in den riesengroßen
kasernengleichen Ministerien oder Regierungsinstitutionen kamen,
wo ihre Tätigkeit darin bestehen mochte, auszurechnen, wie lange
es währen würde, bis der Tod eines ihrer Vorgesetzten sie zum Rang
eines Assessors oder Geheimrats aufsteigen lassen würde mit der
Aussicht auf Pensionierung, mit einem einträglichen Ruhegehalt und
womöglich mit dem St. Annenkreuz..... Dem Senator Sokolow ist es
passiert, in einem Moment, als die Revolution ihre höchste Welle
erreicht hatte, daß er eines Tages zu einer Senatssitzung in
Zivilkleidung erschien und nicht zugelassen wurde, weil er nicht
die vorgeschriebene Livree des Zarendienstes trug! Gegen diesen
Hintergrund einer ganzen Nation in Gärung und Auflösung rollte die
Erhebung der russischen Massen heran...
  
II. Der heraufziehende Sturm
Im
September 1917 marschierte der General Kornilow auf Petrograd, um
sich zum militärischen Diktator über Rußland aufzuschwingen.
Hinter ihm wurde plötzlich die Eisenfaust der Bourgeoisie
sichtbar, die sich anschickte, mit verwegenem Schlag die
Revolution niederzuschmettern. In die Verschwörung waren auch
einige sozialistische Minister verwickelt. Selbst Kerenski war
verdächtig. Sawkinow, von dem Zentralkomitee seiner Partei, den
Sozialrevolutionären, aufgefordert, Aufklärung zu geben, weigerte
sich dessen und wurde ausgeschlossen. Soldatenkomitees verhafteten
Kornilow, Generale wurden entlassen, Minister ihrer Ämter
enthoben, und das Kabinett wurde gestürzt. Kerenski machte den
Versuch, eine neue Regierung zu bilden mit Einschluß der Kadetten,
der Partei der Bourgeoisie. Seine eigene Partei, die
Sozialrevolutionäre, befahlen ihm den Ausschluß der Kadetten.
Kerenski weigerte sich zu gehorchen und drohte mit seinem eigenen
Rücktritt aus dem Kabinett, wenn die Sozialisten auf ihrer
Forderung beständen. Indessen war die Aufregung der Volksmassen so
groß, daß er sich - wenigstens für den Moment - nicht zu
widersetzen wagte, und ein provisorisches Direktorium von fünf der
bisherigen Minister, mit Kerenski an der Spitze übernahm die Macht
bis zur endgültigen Regelung der Frage. Die Kornilow - Affäre
hatte alle sozialistischen Gruppen, von den Gemäßigten bis zu den
Revolutionären, in einem leidenschaftlichen Impuls der
Selbstverteidigung zusammengeführt. Es galt, das Auftauchen neuer
Kornilows zu verhindern. Eine neue Regierung mußte gebildet
werden, die den der Revolution ergebenen Elementen verantwortlich
war. So forderte denn das Zentralexekutivkomitee der Sowjets die
Organisationen auf, Delegierte zu einer "Demokratischen Beratung"
zu entsenden, die im September in Petrograd zusammentreten sollte.
Im Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatten sich von vornherein
drei Richtungen bemerkbar gemacht. Die Bolschewiki forderten die
Einberufung eines neuen (zweiten) Gesamtrussischen
Sowjetkongresses und die Übernahme der Macht durch die Sowjets.
Das von Tschernow geführte Zentrum der Sozialrevolutionäre, die
linken Sozialrevolutionäre unter Führung von Kamkow und Spiridowna,
die Menschewiki - Internationalisten unter Martow und das Zentrum
der Menschewiki, dessen Sprecher Bogdanow und Skobelew waren,
traten für eine "rein sozialistische" Regierung ein. Zereteli, Dan
und Liber, die Führer der rechten Menschewiki, und die rechten
Sozialrevolutionäre unter Awxentjew und Goz bestanden auf der
Hinzuziehung der besitzenden Klassen bei der Bildung der neuen
Regierung. Im Petrograder Sowjet gelang es den Bolschewiki fast
sofort, die Mehrheit zu gewinnen. Dem Beispiel Petrograds folgten
schnell die Sowjets in Moskau, Kiew, Odessa und anderen Städten.
Aufs höchste bestürzt, kamen die das Zentralexekutivkomitee der
Sowjets beherrschenden Menschewiki zu der Schlußfolgerung, daß die
Gefahr Lenin mehr zu fürchten sei als die Gefahr Kornilow. Sie
revidierten den für die Demokratische Beratung aufgestellten
Vertretungsmodus, indem sie den Genossenschaften und ähnlichen
konservativen Organisationen eine größere Anzahl von Delegierten
zusprachen. Selbst diese gesiebte Versammlung stimmte zuerst für
eine Koalitionsregierung ohne die Kadetten. Nur Kerenskis offen
Drohung mit dem Rücktritt und das Alarmgeschrei der "gemäßigten"
Sozialisten, daß "die Republik in Gefahr sei" , erreichten, daß
die Beratung mit einer geringen Mehrheit sich zugunsten der
Koalition mit der Bourgeoisie aussprach und der Errichtung einer
Art beratenden Parlaments, ohne gesetzgebende Gewalt, zustimmte,
das den Namen "Provisorische Rat der Russischen Republik" erhielt.
Die neue Regierung wurde praktisch von den besitzenden Klassen
beherrscht, und auch in dem neugeschaffenen Rat der Russischen
Republik hatten diese eine verhältnismäßig große Zahl von Sitzen
inne. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte faktisch
aufgehört, die einfachen Menschen in den Sowjets zu vertreten. Es
weigerte sich, den im September fälligen neuen Gesamtrussischen
Sowjetkongreß einzuberufen, und war auch nicht gewillt, seine
Einberufung durch andere zu dulden. Das offizielle Organ des
Komitees. "Iswestija", begann sogar anzudeuten, daß die Funktion
der Sowjets beendet und ihre baldige Auflösung zu erwarten sei.
Zur selben Zeit bezeichnete die neue Regierung als einen
wesentlichen Teil ihrer Politik die Liquidierung aller
"unverantwortlichen Organisationen", womit die Sowjets gemeint
waren. Die Bolschewiki antworteten hierauf mit der Aufforderung an
die Gesamtrussischen Sowjets, sich am 2. November in Petrograd zu
versammeln und die Regierungsgewalt zu übernehmen. Gleichzeitig
zogen sie ihre Vertreter aus dem Provisorischen Rat der Russischen
Republik zurück mit der Erklärung, daß sie es ablehnten, an einer
"Regierung des Volksverrats" teilzunehmen. Der Rücktritt der
Bolschewiki ließ den unglückseligen Rat jedoch keineswegs zur Ruhe
kommen. Die besitzenden Klassen, wider im Besitz einer
Machtposition, wurden arrogant. Die Kadetten erklärten, daß die
Regierung nicht berechtigt gewesen sei, Rußland zu einer Republik
zu proklamieren. Sie forderten strenge Maßnahmen in Armee und
Flotte zur Unterdrückung der Soldaten- und Matrosenkomitees und
griffen die Sowjets heftig an. Auf der anderen Seite traten die
Menschewiki - Internationalisten und die linken
Sozialrevolutionäre für den sofortigen Friedensschluß ein, für die
Übergabe des Landes an die Bauern und für die Durchführung der
Arbeiterkontrolle über die Industrie, was praktisch auf das
Programm der Bolschewiki hinauslief. Ich habe Martows Antwortrede
an die Kadetten gehört. Todkrank, wie er war, hielt er sich mit
Mühe am Rednerpult aufrecht, und mit einer Stimme, so heiser, daß
man ihn kaum zu hören vermochte, drohte er nach den rechten Bänken
hinüber: "Ihr schimpft uns Defätisten; aber die wahren Defätisten
sind jene, die um ihrer egoistischen Interessen willen den
Friedensschluß so lange hinauszögern möchten, bis von der
russischen Armee nichts mehr übriggeblieben sein wird und Rußland
nur noch ein Schacherobjekt der verschiedenen imperialistischen
Gruppen ist...... Ihr versucht, dem russischen Volk eine von den
Interessen der Bourgeoisie diktierte Politik aufzuzwingen. Die
Frage des Friedens sollte unverzüglich entschieden werden.... Ihr
werdet dann sehen, daß sie nicht umsonst gearbeitet haben, jene,
die ihr deutsche Agenten nennt, jene Zimmerwalder, die in allen
Ländern dafür gewirkt haben, daß das Bewußtsein der demokratischen
Massen erwacht...."
Zwischen diesen beiden Gruppen schwankten die Menschewiki und
Sozialrevolutionäre - mit unwiderstehlicher Gewalt nach links
getrieben durch den Druck der steigenden Unzufriedenheit der
Massen. Eine tiefgehende Feindschaft teilte so den Rat in Gruppen,
die miteinander auszusöhnen unmöglich war. So war die Lage, als
die lang erwartete Ankündigung der Pariser Alliiertenkonferenz die
brennende Frage der Außenpolitik auf die Tagesordnung setzte. In
der Theorie waren alle sozialistischen Parteien für den
schnellstmöglichen Friedensschluß auf demokratischer Grundlage.
Schon im Mai 1917 hatte der Petrograder Sowjet, damals noch unter
menschewistischer und sozialrevolutionärer Führung, die berühmten
russischen Friedensbedingungen proklamiert und die Alliierten
aufgefordert, eine Konferenz zur Besprechung der Kriegsziele
einzuberufen. Diese Konferenz, für den August versprochen, wurde
ein erstes Mal bis zum September, dann bis zum Oktober vertagt und
sollte jetzt endgültig am 10. November stattfinden. Die
Provisorische Regierung hatte zwei Vertreter vorgeschlagen, den
General Alexejew, einen reaktionären Militär, und Tereschtschenko,
den Minister des Auswärtigen. Die Sowjets erwählten Skobelew zu
ihrem Sprecher und entwarfen ein Manifest, den berühmten "Nakas"
(Direktiven). Die Provisorische Regierung lehnte Skobelew und
seinen "Nakas" ab. Die Gesandten der Alliierten protestierten, und
zu guter Letzt erklärte Bonar Law im englischen Unterhaus in
Beantwortung einer an die Regierung gerichteten Anfrage kühl:
"Soweit mir bekannt, wird die Pariser Konferenz die Kriegsziele
überhaupt nicht diskutieren, sondern nur die >Methoden der
Kriegsführung....." Die konservative russische Presse jubelte,
wohingegen die Bolschewiki riefen: "Da seht ihr, wohin die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit ihrer Kompromißtaktik
gelangt sind!"
Mittlerweile waren an der Tausende Kilometer weiten Front die
Millionen Soldaten der russischen Armee in Bewegung geraten. Höher
und höher gingen die Wogen der Erregung, immer neue Delegationen
fluteten in die Hauptstadt mit dem Ruf. Friede, Friede! Ich ging
eines Abends nach dem jenseits des Flusses gelegenen Zirkus
"Modern" in eine der großen Volksversammlungen, die, jeden Abend
zahlreicher, in der ganzen Stadt veranstaltet wurden. In dem
schmucklosen Amphitheater, von fünf winzigen, an einem dünnen
Draht hängenden Glühlampen unzureichend erleuchtet, drängten sich
von der Arena bis hoch unterm Dach unübersehbare Massen von
Soldaten, Matrosen, Arbeitern und Frauen, alle mit gespanntester
Aufmerksamkeit lauschend, als ob es um ihr Leben ginge. Ein Soldat
redete von der 548. Division: "Genossen" rief er, und tiefe Sorge
sprach aus seinem eingefallenen Gesicht und seinen verzweifelten
Gesten. "Die an der Spitze verlangen von uns immer neue Opfer und
Opfer, aber wir müssen sehen, daß die, die im Besitze sind, völlig
ungeschoren bleiben. Wir führen Krieg gegen die Deutschen. Würde
es uns einfallen, die Arbeiten unseres Stabes deutschen Generalen
anzuvertrauen? Wir stehen auch mit den Kapitalisten im Kriege, und
doch laden wir diese ein, an unserer Regierung teilzunehmen. Der
Soldat sagt: ;Zeigt mir, wofür ich kämpfen soll. Für
Konstantinopel oder für ein freies Rußland? Für die Demokratie
oder für die kapitalistischen Räuber? Wenn man mir beweisen kann,
daß ich die Revolution verteidige, dann werde ich hingehen und
kämpfen, auch ohne die Todesstrafe, mit der man mich zwingen
will.' Wenn das Land den Bauern gehören wird, die Fabriken den
Arbeitern, wenn die Sowjets die Macht ausüben werden, dann haben
wir etwas zu verteidigen und dann werden wir auch kämpfen!"
Überall in den Kasernen, in den Fabriken, an jeder Straßenecke
reden Soldaten zu den Massen. Alle fordern die Beendigung des
Krieges und erklären, daß die Truppen die Schützengräben zu
verlassen und nach Hause zu gehen entschlossen seien, wenn die
Regierung keine ernstlichen Anstrengungen machen würde, zum
Frieden zu gelangen.
Ein Vertreter der Achten Armee: "Wir sind schwach, unsere
Kompanien zählen nur noch wenige Mann. Wir brauchen Lebensmittel
und Stiefel und Verstärkung, oder die Schützengräben werden bald
verlassen sein. Frieden oder Verstärkung... Die Regierung muß den
Krieg beendigen oder der Armee zur Hilfe kommen..."
Dann ein Redner, der für die Sechsundvierzigste Sibirische
Artillerie sprach: "Die Offiziere lehnten es ab, mit unsern
Komitees zu arbeiten, sie verraten uns an den Feind, sie verhängen
über unsere Agitatoren die Todesstrafe; die konterrevolutionäre
Regierung unterstützt sie Wir glauben, daß die Revolution den
Frieden bringen wird. Jetzt aber verbietet die Regierung, von
solchen Dingen auch nur zu reden, während sie uns gleichzeitig
hungern läßt und die Munition nicht liefert, die wir brauchen,
wenn wir kämpfen sollen...." Dazu kamen aus Europa Gerüchte über
einen Friedensschluß auf Kosten Rußlands. Die allgemeine
Unzufriedenheit wurde noch gesteigert durch die Nachrichten über
die Behandlung der russischen Truppen in Frankreich. Die 1.
Brigade hatte dort versucht, ihre Offiziere durch Soldatenkomitees
zu ersetzen, wie das ihre Kameraden zu Hause getan hatten, und
sich geweigert, einem Befehl Folge zu leisten, der sie nach
Saloniki beorderte. Sie verlangte, nach Rußland geschickt zu
werden. Man hatte die Brigade daraufhin eingeschlossen und
ausgehungert, dann unter Artilleriefeuer genommen, wobei viele
Soldaten getötet wurden. Am 29. Oktober hörte ich in dem
weißmarmornen, rotdekorierten Saal des Marienpalastes die von dem
erschöpften und nach Frieden lechzenden Lande mit Ungeduld
erwartete Erklärung Tereschtschenkos über die Außenpolitik der
Regierung. Diese äußerst sorgfältig vorbereitete, ganz
unverbindliche Rede brachte indessen nichts als die sattsam
bekannten Phrasen über die Zerschmetterung des deutschen
Militarismus mit Hilfe der Alliierten, über das Staatsinteresse
Rußlands, über die durch Skobelews "Nakas" verursachten
Verlegenheiten. Der Schluß war bezeichnend: "Rußland ist mächtig ,
es wird mächtig bleiben, was auch geschehen mag. Wir müssen
Rußland verteidigen. Wir müssen zeigen, daß wir die Vorkämpfer
eines großen Ideals sind und Kinder einer großen Nation."
Befriedigt war niemand. Den Reaktionären war es um eine starke
imperialistische Politik zu tun, und die demokratischen Parteien
wollten die Garantie haben, daß die Regierung nichts unversucht
lassen würde, um zum Frieden zu gelangen. Hier ein Artikel aus "Rabotschi
i Soldat" (Arbeiter und Soldat), dem Organ des bolschewistischen
Petrograder Sowjets:
"Was die Regierung den Schützengräben zu sagen hat!
Der schweigsamste unserer Minister, Herr Tereschtschenko, hat
endlich die Sprache gefunden, um den Schützengräben das Folgende
mitzuteilen:
1.
Wir sind auf das engste verbündet mut unseren Alliierten (nicht
mit den Völkern, sondern mit den Regierungen).
2.
Es ist zwecklos für die Demokratie, die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit eines Winterfeldzuges zu diskutieren. Darüber
entscheiden die Regierungen unserer Verbündeten.
3.
Die Julioffensive war nützlich, und sie war eine sehr glückliche
Sache. (Kein Wort über die Folgen!)
4.
Es ist nicht wahr, daß sich unsere Verbündeten nicht um uns
sorgen. Der Minister ist im Besitz sehr wichtiger Erklärungen.
(Erklärungen? Wie ist's mit den Taten? Das Verhalten der
britischen Flotte? Die Unterredung des englischen Königs mit dem
landesflüchtigen konterrevolutionären General Gurko? Alles dies
ließ der Minister unerwähnt.)
5.
Der Nakas Skobelews taugt nichts; unsere Verbündeten wollen davon
nichts wissen, auch die russischen Diplomaten wollen ihn nicht. In
der Alliiertenkonferenz müssen alle eine Sprache sprechen.
6.
Und das ist alles? - Das ist alles. Wo ist der Ausweg? - Vertrauen
zu den Alliierten und zu Tereschtschenko! Wann wird der Friede
kommen? - Wenn die Alliierten es erlauben! Das ist die Antwort der
Regierung auf die Frage der Schützengräben nach dem Frieden."
Da
tauchte - vorläufig noch in unklaren umrissen - im Hintergrunde
der russischen Politik eine gefährliche Macht auf: die Kosaken. "Nowaja
Shisn" (Neues Leben), die Zeitung Gorkis, machte auf ihre
Tätigkeit aufmerksam: "Zu Beginn der Revolution weigerten sich die
Kosaken, auf das Volk zu schießen. Als Kornilow auf Petrograd
marschierte, folgten sie ihm nicht. In der letzten Zeit hat sich
ihre Rolle etwas geändert. Von der passiven Loyalität zur
Revolution sind sie zu einer aktiven politische Offensive (gegen
sie ) übergegangen..." Kaledin, der Ataman der Donkosaken, von der
Provisorischen Regierung wegen seiner Beteiligung an dem
Kornilowabenteuer seines Postens enthoben, weigerte sich zu gehen,
und von drei riesigen Armeen umgeben, lagerte er intrigierend und
drohend bei Nowotscherkassk. So groß war seine Macht, daß die
Regierung seiner Gehorsamsverweigerung gegenüber die Augen
verschließen mußte. Ja, mehr als das, sie sah sich gezwungen, den
Rat des Verbandes der Kosakenarmee anzuerkennen und die
neugebildeten Kosakensektionen der Sowjets für ungesetzlich zu
erklären. In der ersten Oktoberhälfte erschien eine
Kosakendelegation bei Kerenski, die in arrogantem Ton die
Niederschlagung der gegen Kaledin gerichteten Anklagen forderte
und dem Ministerpräsidenten den Vorwurf machte, zu nachgiebig
gegenüber den Sowjets gewesen zu sein. Kerenski erklärte sich
bereit, Kaledin ungeschoren zu lassen. Außerdem soll er sich wie
folgt geäußert haben : "In den Augen der Sowjetführer bin ich ein
Despot und Tyrann....Die Provisorische Regierung hängt nicht nur
nicht von den Sowjets ab, sie bedauert im Gegenteil, daß diese
überhaupt existieren." Gleichzeitig erschien eine andere
Kosakenabordnung bei dem englischen Gesandten und hatte die
Kühnheit, mit ihm als Vertreter des "freien Kosakenvolkes" zu
verhandeln. Im Dongebiet war eine Art Kosakenrepublik gebildet
worden. Das Kubangebiet proklamierte sich als unabhängiger
Kosakenstaat. Die Sowjets von Rostow am Don und Jekaterinenburg
waren von bewaffneten Kosaken auseinandergejagt und der Hauptsitz
des Bergarbeiterverbandes in Charkow überfallen worden. In allen
diesen Manifestationen zeigte die Kosakenbewegung ihren
antisozialistischen und militaristischen Charakter. Ihre Führer
waren Adlige und große Grundbesitzer von der Art Kaledins,
Kornilows, des Generals Dutow, Karaulows und Bardishis, sie hatten
die Unterstützung der mächtigen Kaufleute und Bankiers Moskaus...
Das alte Rußland begann mit großer Schnelligkeit
auseinanderzufallen. In Finnland, in Polen, in der Ukraine und
Weißrußland wuchsen die nationalistischen Bewegungen und wurden
kühner. Die unter dem Einfluß der besitzenden Klassen stehenden
lokalen Regierungen forderten Autonomie und weigerten sich, den
Anordnungen Petrograds Folge zu leisten. In Helsingfors lehnte das
finnische Parlament es ab, der Provisorischen Regierung Geld zu
leihen, proklamierte die Selbstständigkeit Finnlands und verlangte
die Zurückziehung der russischen Truppen. Die bürgerliche Rada in
Kiew zog die Grenzen der Ukraine so weit, daß sie die reichsten
Agrargebiete Südrußlands, östlich bis zum Ural hin, umfaßten, und
begann mit der Aufstellung einer eigenen Armee. Ihr
Ministerpräsident Winnitschenko arbeitete auf einen Sonderfrieden
Mit Deutschland hin, und die Provisorische Regierung war hilflos.
Sibirien und der Kaukasus forderten ihre besonderen
konstituierenden Versammlungen, und in allen diesen Ländern begann
ein verzweifelter Kampf zwischen den Regierungen und den Lokalen
Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Verwirrung
wurde mit jedem Tag größer. Die Soldaten desertierten zu
Hunderttausenden und begannen in ungeheuren Wellen plan- und
ziellos über das Land zu fluten. Die Bauern der Gouvernements
Tambow und Twer, des langen Wartens auf das ihnen versprochene
Land müde und durch die Gewaltmaßregeln der Regierung in
Verzweiflung gebracht, brannten die Gutshäuser nieder und
massakrierten die Gutsbesitzer. In Moskau, Odessa und in den
Kohlebergwerken des Donezbeckens mächtige Streiks und
Aussperrungen. Der Transport war lahmgelegt, die Armee hungerte,
und in den großen Städten gab es kein Brot. Die Regierung, hin-
und hergerissen zwischen den reaktionären und demokratischen
Parteien, konnte nichts tun, und wo sie gezwungenermaßen eingriff,
geschah es stets im Interesse der besitzenden Klassen. Sie bot die
Kosaken auf, um die Bauern zur Räson zu bringen und die Streiks
niederzuschlagen. In Taschkent unterdrückten die Behörden den
Sowjet. In Petrograd hatte sich der Wirtschaftsrat, dessen Aufgabe
es sein sollte, das Wirtschaftsleben des Landes
wiederherzustellen, zwischen den feindlichen Kräften von Kapital
und Arbeit festgefahren und wurde von Kerenski aufgelöst. Die
Militärs des alten Regimes, die von den Kadetten gestürzt wurden,
forderten strenge Maßnahmen, um die Disziplin in Armee und Flotte
wiederherzustellen. Umsonst wiesen der Marineminister, Admiral
Werderewski, und der Kriegsminister, General Werchowski, darauf
hin, daß nur neue, freiwillige, auf der Zusammenarbeit mit den
Soldaten- und Matrosenkomitees basierende demokratische Disziplin
die Armee und die Flotte retten könnte. Ihre Vorschläge wurden
nicht beachtet. Die Reaktion war offenbar darauf aus, die
Volksmassen zu provozieren. Der Kornilow-Prozeß rückte näher und
näher; immer unverhüllter nahm die bürgerliche Presse für den
General Partei. Sie sprach von ihm als von dem "großen russischen
Patrioten". Burzews Zeitung "Obschtscheje Delo" (Die gemeinsame
Sache) erhob offen den Ruf nach einer Diktatur "Kornilow - Kaledin
- Kerenski". Mit Burzew, einem kleinen, gebückt gehenden Mann mit
einem Gesicht voller Runzeln und kurzsichtigen Augen hinter dicken
Brillengläsern, struppigem Haar und ergrautem Bart, hatte ich
eines Tages eine Unterredung in der Pressegalerie des Rates der
Republik. "Hören Sie mir zu, junger Mann! Was Rußland braucht ist
ein starker Mann. Wir sollten unser Denken endlich von der
Revolution frei machen und auf die Deutschen konzentrieren.
Politische Pfuscher haben Kornilow gestürzt; aber hinter diesen
Pfuschern stehen deutsche Agenten. Ah! Kornilow hätte gewinnen
sollen..."
Auf der äußersten Rechten traten die Organe der kaum verhüllten
Monarchisten, Purischkewitschs "Narodny Tribun" (Der Volkstribun)
, "Nowaja Rus" (Das neue Rußland), "Shiwoje Slowo" (Lebendiges
Wort), offen für die Ausrottung der revolutionären Demokratie ein.
Am 23. Oktober fand im Golf von Riga eine Seeschlacht mit einem
deutschen Geschwader statt. Unter dem Vorwand, daß Petrograd in
Gefahr sei, bereitete die Regierung die Räumung Petrograds vor.
Zuerst sollten die großen Munitionswerke verlegt und über das
ganze Rußland verteilt werden; dann wollte die Regierung selbst
nach Moskau gehen. Die Bolschewiki wiesen sofort darauf hin, daß
die Regierung die rote Hauptstadt nur preisgebe, um die Revolution
zu schwächen. Man hatte Riga an die Deutschen verkauft; jetzt
sollte Petrograd verraten werden! Die bürgerliche Presse jubelte.
"In Moskau", so erklärte das Kadettenblatt "Retsch" (Die Rede),
"wird die Regierung in einer ruhigeren Atmosphäre arbeiten können,
ohne fortwährend von Anarchisten gestört zu werden." Rodsjanko,
der Führer des rechten Flügels der Kadetten, erklärte in "Utro
Rossii" (Rußlands Morgen), daß die Einnahme Petrograds durch die
Deutschen ein Segen Wäre, da diese die Sowjets zerstören und die
revolutionäre Baltische Flotte erledigen würden. "Petrograd ist in
Gefahr", schrieb er. "Ich sage mir, ´überlassen wir Petrograd
unserem Herrgott`. Sie fürchten, wenn Petrograd verloren ist, dann
werden auch die zentralen revolutionären Organisationen vernichtet
werden. Dazu sage ich, daß ich überglücklich sein werde, wenn all
diese Organisationen vernichtet sind; denn sie werden nichts als
Unglück über Rußland bringen....Mit dem Fall Petrograds wird auch
die Baltische Flotte vernichtet werden......Aber das braucht uns
nicht leid zu tun; die meisten Kriegsschiffe sind ohnehin völlig
demoralisiert..."
Angesichts des Protestes der Volksmassen mußte die Regierung ihren
Plan, Petrograd zu verlassen, jedoch aufgeben. Währenddem hing,
einer von Blitzen durchzuckten Gewitterwolke gleich, drohend über
Rußland der Kongreß der Sowjets, bekämpft nicht nur von der
Regierung, sondern auch von allen "gemäßigten" Sozialisten. Die
zentralen Armee- und Flottenkomitees, die Zentralkomitees einiger
Gewerkschaften, die Bauernsowjets, vor allem aber das
Zentralexekutivkomitee der Sowjets selbst sparten keine Mühe, um
das Zustandekommen des Kongresses zu verhindern. Die Zeitungen
"Iswestija" und "Golos Soldata" ( Die Stimme des Soldaten),
ursprünglich von dem Petrograder Sowjet gegründet, aber jetzt im
Besitz des Zentralexekutivkomitees der Sowjets, griffen ihn heftig
an; die gesamte sozialrevolutionäre Presse, "Delo Naroda" (Die
Sache des Volkes) und "Wolja Naroda" (Volkswille, entfesselten ein
wahres Trommelfeuer gegen ihn. Der Telegraf arbeitete, Delegierte
wurden im Land umhergeschickt, mit Anweisungen für die Komitees
der lokalen Sowjets, für die Armeekomitees, die Wahlen für den
Kongreß einzustellen oder zu verzögern. Feierliche öffentliche
Resolutionen gegen den Kongreß wurden gefaßt, Erklärungen, daß die
demokratischen Elemente sich der Abhaltung des Kongresses so
unmittelbar vor dem Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung
widersetzten; Vertreter der Frontsoldaten, der Semstwoverbände,
der Bauern, des Verbandes der Kosakenarmeen, des Offiziersbundes,
der "Ritter des heiligen Georg", der "Todesbataillone" - alle
waren sie vereinigt in einem einzigen großen Protest.......Im Rat
der Russischen Republik gab es nicht eine Stimme, die sich für den
Kongreß einsetzte. Der ganze, von der russischen Märzrevolution
geschaffene Apparat funktionierte, um die Abhaltung des
Sowjetkongresses zu verhindern. Demgegenüber stand der vorläufig
noch formlose Wille des Proletariats - der Arbeiter, einfachen
Soldaten und armen Bauern. Viele der lokalen Sowjets waren bereits
bolschewistisch; daneben bestanden die Organisationen der
Industriearbeiter, die Fabrikkomitees, und die revolutionären
Organisationen der Armee und Flotte. In einigen Orten hielten die
Massen, an der regulären Wahl ihrer Sowjetdelegierten verhindert,
Rumpfversammlungen ab, in denen sie aus ihrer Mitte heraus einen
bestimmten, der nach Petrograd zu gehen hatte. In anderen jagten
sie die alten, Obstruktion treibenden Komitees auseinander und
bildeten neue. Die Kruste, die sich an der Oberfläche der seit
Monaten schlummernden revolutionären Glut gebildet hatte, kam in
Bewegung und begann bedenklich zu krachen. Nur eine solche
spontane Massenbewegung konnte den Gesamtrussischen Sowjetkongreß
bringen. Und die bolschewistischen Redner schleuderten Tag für Tag
in allen Kasernen und Fabriken die heftigsten anklagen gegen die
"Regierung des Bürgerkrieges". Eines Sonntags fuhren wir auf einem
über Ozeane von Schmutz rumpelnden ungefügen Straßenbahnwagen, an
steif dastehenden Fabriken und riesigen Kirchen vorbei, zum
Obuchow-Werk, einer staatlichen Munitionsfabrik jenseits des
Schlüsselburg - Prospekts. Die Versammlung fand zwischen den
ungeputzten Mauern eines mächtigen, im Bau unterbrochenen Hauses
statt. Wohl an die Zehntausend dunkelgekleidete Männer und Frauen
drängten sich um eine rotdrapierte Tribüne, saßen auf Balken oder
Steinhaufen oder thronten auf hohen Gerüsten, voll grimmiger
Entschlossenheit und ihren Willen mit Donnerstimme
hinausschreiend. Durch den trüben, wolkenschweren Himmel brach
dann und wann die Sonne und goß durch die leeren Fensteröffnungen
einen rötlichen Schimmer über die zu uns aufgekehrten einfachen
Gesichter. Lunatscharski, eine schmächtige, studentenhafte
Erscheinung mit einem sensitiven Künstlerantlitz, setzte
auseinander, warum die Sowjets unter allen Umständen die Macht
übernehmen müßten. Niemand anders könnte die Revolution gegen ihre
Feinden schützen, die mit Vorbedacht das Land und die Armee
zugrunde richteten und einem neuen Kornilow das Feld bereiteten.
Ein Soldat sprach, von der rumänischen Front, abgemagert, voll
bebender Leidenschaft: "Genossen, wir hungern an der Front, wir
frieren, wir sterben und wissen nicht wofür. Ich bitte die
amerikanischen Genossen, es in Amerika zu sagen, daß wir Russen
unsere Revolution bis zum Tode verteidigen werden. Wir werden
alles daran halten, unsere Feste zu halten, bis die Massen der
ganzen Welt sich erheben werden, um uns zu Hilfe zu eilen. Sagt
den amerikanischen Arbeitern, daß sie aufstehen mögen zum Kampf
für die soziale Revolution!"
Petrowski redete, hart, unerbittlich:
"Jetzt ist keine Zeit für Worte, jetzt muß gehandelt werden. Die
ökonomische Situation ist schlecht, aber wir müssen uns daran
gewöhnen. Sie versuchen uns auszuhungern, im Frost umkommen zu
lassen. Sie wollen uns provozieren. Aber sie sollen wissen, daß
sie darin zu weit gehen können - daß, wenn sie es wagen sollte, an
die Organisationen des Proletariats zu rühren, wir sie vom Antlitz
der Erde wegfegen werden!"
Die bolschewistische Presse wuchs plötzlich an. Neben den zwei
Parteizeitungen "Rabotschi Put" und "Soldat" erschien eine neue
Zeitung für die Bauern, "Derewenskaja Bednota" (Die Dorfarmut),
die in eine Auflage von einer halben Million herauskam, und am 17.
Oktober "Rabotschi i Soldat". Dessen Leitartikel faßte den
bolschewistischen Standpunkt wie folgt zusammen:
"Ein viertes Kriegsjahr wird die Vernichtung der Armee und des
Landes bedeuten... Petrograd ist bedroht... Die Konterrevolution
freut sich über das Unglück des Volkes... Die zur Verzweiflung
gebrachten Bauern gehen zum offenen Aufstand über; die
Großgrundbesitzer und die Regierungsbehörden schicken blutige
Strafexpeditionen gegen sie aus; Betriebe werden geschlossen, den
Arbeiter droht der Hungertod... Die Bourgeoisie und ihre Generale
wollen eine blinde Disziplin in der Armee wiederherstellen.....Von
der Bourgeoisie unterstützt, bereiten sich die Kornilowleute offen
darauf vor, den Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung zu
verhindern... Die Kerenskiregierung ist gegen das Volk. Sie wird
das Land zugrunde richten... Wir stehen auf Seiten des Volkes und
bei dem Volk - bei den besitzlosen Klassen, den Arbeitern,
Soldaten und Bauern. Das Volk kann nur durch die Vollendung der
Revolution gerettet werden... Und zu diesem Zweck muß die gesamte
Macht in die Hände der Sowjets übergehen... Wir treten für
folgende Forderungen ein:
Alle Macht den Sowjets, in der Hauptstadt sowohl wie in der
Provinz.
Sofortiger Waffenstillstand an allen Fronten. Ein ehrlicher Friede
zwischen den Völkern.
Die großen Güter - ohne Entschädigung - in die Hände der Bauern.
Kontrolle der Arbeiter über die industrielle Produktion.
Eine auf ehrliche Weise gewählte Konstituierende Versammlung.
Hier noch eine interessante Stelle aus demselben Organ der
Bolschewiki, die in der ganzen Welt als deutsche Agenten
bezeichnet wurden:
"Der deutsche Kaiser, an dessen Händen das Blut von Millionen
Gefallener klebt, will seine Armee gegen Petrograd schicken. Man
muß an die deutschen Arbeiter appellieren, an die Soldaten und
Bauern, die den Frieden nicht weniger wünschen als wir, daß sie
aufstehen mögen gegen diesen verdammten Krieg! Das kann jedoch nur
eine revolutionäre Regierung tun, die wirklich im Namen der
Arbeiter, Soldaten und Bauern Rußlands spricht, die über die Köpfe
der Diplomaten hinweg sich direkt an die deutschen Truppen wendet,
die die deutschen Schützengräben mit Proklamationen in deutscher
Sprache überschwemmen würde....Unsere Flieger würden diese
Proklamationen in ganz Deutschland abwerfen..."
Im
Rat der Russischen Republik vertiefte sich der Riß mit jedem Tage
mehr. "Die besitzenden Klassen", erklärte Karelin für die linken
Sozialrevolutionäre, "sind bestrebt, den revolutionären
Staatsapparat auszunützen, um Rußland an den Kriegswagen der
Alliierten zu binden. Die revolutionären Parteien sind
entschiedene Gegner dieser Politik..." Der alte Nikolai
Tschaikowski, der Vertreter der Volkssozialisten, sprach gegen die
Übergabe des Landes an die Bauern und stellte sich auf die Seite
der Kadetten:
"In der Armee muß sofort die straffeste Disziplin hergestellt
werden... Ich habe seit dem Beginn des Krieges nicht aufgehört zu
erklären, daß ich es als ein Verbrechen betrachte, soziale und
wirtschaftliche Reformen durchzuführen, solange der Krieg währt.
Wir begehen jetzt dieses Verbrechen. Trotzdem bin ich kein Gegner
dieser Reformen; denn ich bin Sozialist."
Von links antworten ihm heftige Zurufe: "Wir glauben Ihnen nicht."
Rechts findet er mächtigen Beifall. Für die Kadetten erklärte
Adshemow, daß es nicht notwendig sei, den Soldaten zu sagen, wofür
sie kämpften, da jeder Soldat wissen müsse, daß es vor allem
darauf ankomme, die Feinde Rußlands aus dem Land zu jagen.
Kerenski selber erschien zweimal, um einen leidenschaftlichen
Appell für die nationale Einheit an die Kammer zu richten, einmal
sogar am Schlusse seiner Rede in Tränen ausbrechend. Er wurde mit
Eiseskälte angehört und oft durch ironische Zwischenrufe
unterbrochen.
Das Smolny-Institut, der Hauptsitz des Zentralexekutivkomitees der
Sowjets und des Petrograder Sowjets, lag einige Kilometer
außerhalb der Stadt, am Ufer der mächtigen Newa. Ich fuhr dorthin
in einer Art Omnibus, der in schneckengleichem Tempo und knarrend
über das miserable und schmutzige Pflaster der kolossal belebten
Straße holperte. Am Ende des Weges erhob sich in wunderbarer
Grazie die rauchblaue, mit mattem Gold verzierte Kuppel des
Smolny-Klosters; daneben die an eine Kaserne erinnernde Fassade
des Smolny-Instituts, sechshundert Fuß lang und drei mächtige
Stockwerk hoch, über dem Eingang immer noch riesengroß das in
Stein gehauene kaiserliche Wappen. Unter dem alten Regime eine
berühmte Klosterschule für die Töchter des russischen Adels und
unter dem Patronat der Zarin selber stehend, wurde das Institut
nach der Umwälzung von den revolutionären Organisationen der
Arbeiter und Soldaten übernommen. In seinem Innern befinden sich
über hundert große Zimmer, weiß und schmucklos. Kleine weiße
Emailleschildchen weisen den Vorübergehenden darauf hin, welcher
Bestimmung einst die einzelnen Zimmer dienten. "Damenklassenzimmer
Nr. 4", lese ich, oder "Büro für das Lehrpersonal" usw. Darüber
aber hängen mit ungeschickten Schriftzeichen Tafeln, die Merkmale
der neuen Ordnung: "Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets",
"Zentralexekutivkomitee der Sowjets" und "Büro des Auswärtigen",
"Verband sozialistischer Soldaten", "Zentralrat der
Gesamtrussischen Gewerkschaften", "Fabrikkomitees", "Zentrales
Armeekomitee" und das Zentralbüro und Fraktionszimmer der
politischen Parteien. In den langen, gewölbten, von wenigen
elektrischen Birnen erhellten Korridoren geschäftig hin- und
hereilende Soldaten und Arbeiter, einige tief gebeugt unter der
Last riesiger Bündel Zeitungen, Proklamationen,
Propagandaschriften aller Art; mit dem Aufklappen ihrer schweren
Stiefel verursachten sie ein tiefes, unaufhörliches Getöse auf dem
hölzernen Fußboden. Überall waren Plakate: "Genossen! Im Interesse
eurer Gesundheit, achtet auf Reinlichkeit!" In jeder Etage, auf
allen Treppenabsätzen standen lange Tische, bedeckt mit
Flugschriften und Literatur der verschiedenen politischen
Parteien, die zum Verkauf auslagen. Der im Erdgeschoß gelegene,
sehr geräumige, aber niedrige Speisesaal des einstigen Klosters
diente auch jetzt seinem alten Zweck. Für zwei Rubel kaufte ich
einen Bon, der mir Anrecht auf ein Mittagessen gab, und schloß
mich einer wohl tausend Personen langen Reihe an, um Schritt für
Schritt den großen Serviertischen näher zu kommen, wo zwanzig
Männer und Frauen aus mächtigen Kesseln Kohlsuppe, Fleisch, ganze
Berge Kascha (Brei) und Stücke schwarzen Brotes verteilten. Für
fünf Kopeken gab es einen Zinnbecher Tee. Einem zur Hand stehenden
Korb entnahm man einen fettigen Holzlöffel.... An den hölzernen
Tischen drängten sich auf den Bänken hungrige Proletarier, die ihr
Brot verzehrten, diskutierten und den weiten Raum mit ihren derben
Späßen erfüllten. In der oberen Etage war ein weiterer Eßraum für
das Zentralexekutivkomitee der Sowjets reserviert, wenngleich
hinging, wer wollte. Hier gab es dick mit Butter belegtes Brot und
Tee in unbeschränkten Mengen. Im Südflügel befand sich in der
zweiten Etage der große Sitzungssaal, der ehemalige Ballsaal des
Instituts. Ein prächtiger, ganz in weiß gehaltener Raum, von
weißglasierten Leuchtern mit Hunderten elektrischer Lampen erhellt
und durch zwei Reihen massiver Säulen geteilt; an dem einen Ende
eine Balustrade, von zwei hohen, vielverzweigten Leuchtern
flankiert, dahinter ein goldener Rahmen, aus dem man das Porträt
des Zaren herausgeschnitten hatte. Hier hatten bei festliche
Anlässen in fürstlicher Umgebung die Galauniformen und geistliche
Gewänder geprangt. Auf der anderen Seite des Saals befand sich das
Büro der Mandatsprüfungskommission für den Sowjetkongreß. Hier
stand ich und musterte die neuangekommenen Delegierten: bärtige
Soldaten, Arbeiter in schwarzen Blusen, einige wenige langhaarige
Bauern. Das den Dienst versehende Mädchen, ein Mitglied der
Plechanowgruppe, lächelte verächtlich. "Wie verschieden sind diese
Leute von den Delegierten des ersten Kongresses", bemerkte sie.
"Sehen Sie nur, wie roh und unwissend sie aussehen. Das sind die
dunkelsten Schichten des russischen Volkes..." Sie hatte recht.
Rußland war bis zum Grunde aufgewühlt, und das unterste war
zuoberst gekehrt. Die Mandatsprüfungskommission, noch von dem
alten Zentralexekutivkomitee der Sowjets eingesetzt, wies einen
nach dem anderen die Delegierten als nicht ordnungsgemäß gewählt
zurück. Aber Karachin vom Zentralkomitee der Bolschewiki lächelte
nur: "Unbesorgt, wenn die Zeit herankommt, werden wir schon sehen,
daß ihr eure Sitze bekommt."
"Rabotschi
i Soldat" schrieb: "Die Aufmerksamkeit der Delegierten zum
Gesamtrussischen Kongreß sei auf die Versuche gewisser Mitglieder
des Organisationskomitees gelenkt, das Stattfinden des Kongresses
zu hintertreiben, indem sie behaupten, daß er nicht stattfinden
werde und daß die Delegierten gut daran tun würden, Petrograd zu
verlassen... Schenkt diesen Lügen keinen Glauben... Große Tage
nahen heran..."
Da
es mittlerweile zweifellos war, daß der Kongreß bis zum 2.
November nicht vollständig beisammen sein würde, vertagte man
seine Eröffnung auf den 7. November. Das ganze Land war jetzt aber
in Bewegung, und die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, als sie
ihre Niederlage erkannten, änderten plötzlich ihre Taktik und
gaben ihren Provinzialorganisationen telegrafische Anweisungen,
soviel gemäßigte sozialistische Delegierte zum Kongreß zu wählen,
wie ihnen noch möglich wäre. Gleichzeitig berief das
Exekutivkomitee der Bauernsowjets einen außerordentlichen
Bauernkongreß für den 13. Dezember ein, der alle eventuellen
Aktionen der Arbeiter und Soldaten wieder abbiegen sollte. Die
Frage war: Was werden die Bolschewiki tun? Gerüchte liefen um, daß
sie eine bewaffnete Demonstration der Arbeiter und Soldaten
planten. Die bürgerliche und reaktionäre Presse sagte einen
Aufstand voraus und forderte von der Regierung die Verhaftung des
Petrograder Sowjets oder zum mindesten die Verhinderung des
Kongreßzusammentritts. Blätter wie "Nowaja Rus" gingen bis zur
Aufforderung zu einem Bolschewistengemetzel. Gorkis Blatt "Nowaja
Shisn" war ebenso wie die Bolschewiki der Meinung, daß die
Reaktionäre die Revolution zunichte machen wollten und daß man
ihnen, falls notwendig, bewaffneten Widerstand entgegensetzen
müsse; alle revolutionären demokratische Parteien müßten jedoch
als eine geeinte Front auftreten. "Solange die Demokratie ihre
Hauptkräfte noch nicht mobilisiert hat, solange der Widerstand
gegen ihren Einfluß noch stark ist, sollte man nicht zum Angriff
übergehen. Wenn aber die gegnerischen Kräfte zur Gewalt greifen,
dann sollte die revolutionäre Demokratie den Kampf um die Macht
aufnehmen, dann wird sie von den breitesten Schichten des Volkes
unterstützt werden." Gorki stellte fest, daß sowohl die
reaktionäre als auch die Regierungspresse die Bolschewiki zur
Gewalt provozierten. Indessen konnte seiner Meinung nach der
Aufstand nur einem neuen Kornilow nützlich sein, und er forderte
die Bolschewiki auf, die umlaufenden Gerüchte zu dementieren. Im
menschwistischen "Den" (Der Tag) veröffentlichte Potressow einen
sensationell aufgemachten Bericht mit einer Karte, der angeblich
den geheimen bolschewistischen Kriegsplan enthüllen sollte. Wie
durch Zauberei waren alle Straßenzüge mit Warnungen,
Proklamationen, Aufrufen der Zentralkomitees der "gemäßigten" und
konservativen Parteien und des Zentralexekutivkomitees der Sowjets
bedeckt, die die Demonstration verurteilten und die Arbeiter und
Soldaten dringend aufforderten, den Hetzern keine Folge zu
leisten. Hier ein solcher Aufruf der Militärabteilung der
Sozialrevolutionären Partei:
"Wieder gehen in der Stadt Gerüchte um über eine beabsichtigte
bewaffnete Demonstration. Wo ist die Quelle dieser Gerüchte?
Welche Organisation ermächtigt diese Agitatoren, den Aufstand zu
predigen? Die Bolschewiki leugneten auf eine im
Zentralexekutivkomitee an sie gerichtete Frage, daß sie irgend
etwas damit zu tun hätten... Doch diese Gerüchte bergen eine große
Gefahr in sich. Es kann leicht geschehen, daß einzelne
unverantwortliche Hitzköpfe, die keine rechte Vorstellung von der
geistigen Verfassung der Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und
Bauern haben, die Arbeiter und Soldaten auf die Straße rufen und
sie zu einer Erhebung aufhetzen... In dieser fürchterlichen Zeit,
die das revolutionäre Rußland durchlebt, kann jede Erhebung leicht
zum Bürgerkrieg führen und das Ergebnis die Zerstörung aller mit
so viel Arbeit aufgebauten Organisationen des Proletariats sein...
Die konterrevolutionären Verschwörer wollen die Erhebung
ausnutzen, um die Revolution zu zerstören, im Interesse Wilhelms
die Front zu öffnen und die Konstituierende Versammlung zu
verhindern.....Bleibt auf euren Posten! Geht nicht auf die
Straße!"
Am
28. Oktober sprach ich in dem Korridor des Smolny Kamenew, einen
kleinen Mann mit rötlichem Spitzbart und gallischer Beweglichkeit.
Er war noch keineswegs sicher, ob genug Delegierte zum Kongreß
erscheinen würden: "Sollte der Kongreß zustande kommen, dann wird
er auch die überwältigende Mehrheit des Volkes repräsentieren. Und
ist die Mehrheit eine bolschewistische, wie ich überzeugt bin, daß
sie es sein wird, dann werden wir die Übernahme der Macht durch
die Sowjets fordern, und die Provisorische Regierung wird
zurücktreten müssen." Wolodarski, ein hochgewachsener blasser
Jüngling mit einer Brille und ungesunder Gesichtsfarbe, war in
seinen Äußerungen bestimmter: "Liber, Dan und die anderen
Kompromißler sabotieren den Kongreß. Sollte es ihnen gelingen,
sein Zusammentreten zu verhindern, nun - dann werden wir real
genug sein, nicht von ihm abzuhängen."
In
meinen Papieren finde ich unter dem 24. Oktober folgende, den
Zeitungen vom gleichen Tage entnommene Notizen: "Mogiljow
(Generalstabsquartier). Konzentrierung treuer Garderegimenter, der
,Wilden Division', der Kosaken und der Todesbataillone. Die
Offiziersschüler von Pawlowsk, Zarskoje Selo und Peterhof von der
Regierung nach Petrograd beordert. Ankunft der Schüler von
Oranienbaum in der Stadt. Teilweise Stationierung der
Panzerwagendivision der Petrograder Garnison im Winterpalast. Auf
Befehl Trotzkis Auslieferung einiger Tausend Gewehre an die
Delegierten der Petrograder Arbeiter durch die staatliche
Waffenfabrik in Sestrorezk. Annahme einer Resolution in einer
Versammlung der Stadtmiliz des unteren Litejnyviertels, die die
Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets fordert."
Das sind nur einige Proben von den verwirrenden Ereignissen jener
fiebrigen Tage, da jeder ahnte, daß sich etwas vorbereitete, aber
niemand wußte, was. In einer Sitzung des Petrograder Sowjets im
Smolny, in der Nacht des 30. Oktober, brandmarkte Trotzki die
Behauptungen der bürgerlichen Presse, daß der Sowjet den
bewaffneten Aufstand plane, als "einen Versuch der Reaktion, den
Sowjetkongreß zu diskreditieren und zu verhindern... Der
Petrograder Sowjet", erklärte er, "hat keine Aktion angeordnet.
Sollte dies notwendig werden, werden wir es tun, und wir werden
die Unterstützung der Petrograder Garnison haben... Sie (die
Regierung) bereitet die Konterrevolution vor; wir werden darauf
mit einer Offensive antworten, die erbarmungslos und entscheidend
sein wird." Es ist richtig, daß der Petrograder Sowjet keine
bewaffnete Demonstration angeordnet hatte, aber das Zentralkomitee
der bolschewistischen Partei diskutierte die Frage des Aufstandes.
Am 23. Oktober tagte das Zentralkomitee die ganze Nacht. Anwesend
waren alle Intellektuellen der Partei, die Führer, und die
Delegierten der Petrograder Arbeiter und der Garnison. Von den
Intellektuellen waren nur Lenin und Trotzki für den Aufstand.
Selbst die Militärfachleute lehnten ihn ab. Es wurde eine
Abstimmung vorgenommen und der Aufstand verworfen. Da aber erhob
sich mit wutverzerrten Zügen ein Arbeiter: "Ich spreche für das
Petrograder Proletariat", stieß er rauh hervor. "Wir sind für den
Aufstand, macht, was ihr wollt. Aber das eine sage ich euch, wenn
ihr gestattet, daß die Sowjets auseinandergejagt werden, dann sind
wir mit euch fertig." Einige Soldaten schlossen sich dieser
Erklärung an... Eine zweite Abstimmung wurde vorgenommen und - der
Aufstand beschlossen. Der rechte Flügel der Bolschewiki unter
Rjasanow, Kamenew und Sinowjew fuhr trotzdem fort, gegen die
bewaffnete Erhebung zu polemisieren. Am Morgen des 31. Oktober
erschien im "Rabotschi Put" der erste Teil von Lenins "Brief an
die Genossen", eine der kühnsten politischen Propagandaschriften,
die die Welt je gesehen. Als Text die Einwendungen Kamenews und
Rjasanows nehmend, trug Lenin hier alle Argumente zusammen, die
zugunsten des Aufstandes sprachen. "Entweder", schrieb er,
"offener Verzicht auf die Losung ,Alle Macht den Sowjets' oder
Aufstand. Einen Mittelweg gibt es nicht." Am selben Nachmittag
hielt in dem Rat der Russischen Republik der Kadettenführer
Miljukow eine scharfe Rede, in der er den "Nakas" Skobelews als "prodeutsch"
bezeichnete und erklärte, daß die "revolutionäre Demokratie" im
Begriff sei, Rußland zugrunde zu richten. Er machte sich über
Tereschtschenko lustig und sprach es offen aus, daß er die
deutsche Diplomatie der russischen vorziehe. Während seiner ganzen
Rede herrschte auf den linken Bänken wilder Tumult. Die Regierung
ihrerseits konnte sich der Bedeutung des Erfolges der
bolschewistischen Propaganda nicht verschließen. Am 29. Entwarf
eine gemeinsame Komission der Regierung und des Rates der
Russischen Republik in aller Hast zwei neue Gesetze, deren eines
die vorübergehende Übergabe des Landes an die Bauern bestimmte,
während das andere die Einleitung einer energischen auswärtigen
Friedenspolitik bedeuten sollte. Einen Tag darauf beseitigte
Kerenski die Todesstrafe in der Armee. Am selben Nachmittag
erfolgte die feierliche Eröffnung der ersten Sitzung der "Komission
zur Festigung des republikanischen Regimes und Bekämpfung der
Anarchie und Konterrevolution", die allerdings in der ferneren
Entwicklung nicht die geringsten Spuren hinterlassen hat.... Am
folgenden Morgen interviewte ich, zusammen mit zwei anderen
Journalisten, Kerenski - das letztemal, daß dieser Journalisten
empfing. "Das russische Volk", meinte er bitter, "leidet unter
seiner ökonomische Ermattung und den Enttäuschungen, die die
Alliierten ihm bereiteten! Die Welt gibt sich dem Wahn hin, daß
die russische Revolution zu Ende sei. Irre man sich nicht. Die
russische Revolution steht erst an ihrem Beginn." Worte,
prophetischer, als er es selbst geahnt haben mochte. Am 30.
Oktober fand eine die ganze Nacht währende ungemein stürmische
Sitzung des Petrograder Sowjets statt, auf der ich zugegen war.
Die "gemäßigten" sozialistischen Intellektuellen, Offiziere,
Armeekomitees, das Zentralexekutivkomitee der Sowjets waren
zahlreich erschienen. Gegen sie erhoben sich, leidenschaftlich und
einfach, Arbeiter, Bauern und niedere Soldaten. Ein Bauer
berichtete von den Unruhen in Twer, die, wie er sagte, durch die
Verhaftung des Bodenkomitees verursacht waren. "Dieser Kerenski",
rief er, "ist nichts anderes als ein Schild für die Grundbesitzer,
die wissen, daß auf der Konstituierenden Versammlung wir uns das
Land irgendwie nehmen werden, und die diese darum unmöglich machen
wollen." Ein Maschinist aus den Putilow - Werken schilderte, wie
die Direktion die Abteilungen, eine nach der anderen, schließe,
unter dem Vorwande, daß man weder Feuerung noch Rohmaterialien
habe, währenddessen die Fabrikkomitees riesige Mengen an
Materialien entdeckt hätten, die versteckt worden waren. "Das ist
Provokation", sagte er, "Man will uns aushungern oder zur Gewalt
treiben!" Ein Soldat begann mit den Worten: "Genossen! Ich
überbringe euch Grüße von dorther, wo Männer ihre eigenen Gräber
schaufeln und diese Schützengräben nennen." Dann erhob sich, von
mächtigem Beifallssturm begrüßt, ein langer, hagerer, noch junger
Soldat. Es war Tschudnowski, als in den Julikämpfen gefallen
gemeldet und jetzt mit einem Male von den Toten auferstanden: "Die
Soldatenmassen trauen ihren Offizieren nicht mehr. Sogar die
Armeekomitees, die es ablehnten, unsern Sowjet einzuberufen, haben
uns verraten. Die Massen der Soldaten bestehen auf dem
Zusammentritt der Konstituierenden Versammlung genau an dem Tag,
für den sie einberufen war. Die es wagen sollten, sie
hinauszuschieben, werden ihre Strafe finden, und nicht nur
platonisch - die Armee hat auch Kanonen." Er berichtete von der im
Augenblick in der Fünften Armee geführten Wahlkampagne für die
Konstituierende Versammlung. "Die Offiziere, und besonders die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre, tun alles, um die
Wahltätigkeit der Bolschewiki unmöglich zu machen. Man verbietet
die Verbreitung unserer Zeitungen in den Schützengräben und
verhaftet unsere Redner."
"Warum sprichst du nicht davon, daß wir kein Brot haben?" rief ein
anderer Soldat dazwischen. "Der Mensch lebt nicht vom Brot
allein", antwortete Tschudnowski streng. Ihm folgte ein Offizier
und menschewistische Sozialpatriot des Witebsker Sowjets. "Es
handelt sich nicht darum, in wessen Händen die Macht liegt. Nicht
die Regierung ist das Problem, sondern der Krieg..., und der muß
gewonnen werden, bevor an irgendeine Änderung zu denken ist."
(Lärm und ironische Beifall.) "Die bolschewistischen Agitatoren
sind Demagogen." (Allgemeines Gelächter.) "Laßt uns nur einen
Augenblick den Klassenkampf vergessen." Weiter kam er jedoch
nicht. Laut rief eine Stimme: "Das könnte dir wohl so passen!"
Petrograd bot in jenen Tagen ein eigenartiges Schauspiel, die
Komiteeräume in den Fabriken starrten vor Waffen, Kuriere kamen
und gingen, die Roten Garden exerzierten.... In den Kasernen Abend
für Abend Versammlungen und tagsüber heiße Diskussionen. In den
Straßen drängten sich gegen Abend riesige Menschenmassen, den
Newski auf- und niederflutend und sich um die herauskommenden
Zeitungen reißend..... Raubüberfälle mehrten sich in einem Maße,
daß es gefährlich war, sich in die Nebenstraßen zu wagen. Auf der
Sadowaja sah ich eines Nachmittags, wie eine Volksmenge von
einigen hundert Menschen einen beim stehlen erwischten Soldaten
niederschlug und zu Tode trampelte. Geheimnisvolle Individuen
strichen um die in der Kälte stundenlang nach Brot und Milch
anstehenden, vor Frost zitternden Frauen herum, tuschelnd, daß die
Juden die Lebensmittel auf die Seite brächten und daß, während das
Volk hungere, die Sowjetmitglieder im Luxus schwelgten. Der Smolny
wurde aufs schärfst bewacht. Niemand kam hinein und heraus, der
keinen Passierschein hatte. In allen Komiteeräumen herrschte
geschäftiges Leben den ganzen Tag hindurch, und auch des Nachts
waren dort Hunderte von Arbeitern und Soldaten, die auf dem
nackten Boden schliefen, wo immer sich ein Plätzchen bot. Oben, in
dem großen Saal, strömten die Menschen zu den lärmerfüllten
Sitzungen des Petrograder Sowjets. In der Stadt taten sich
zahllose Spielklubs auf, die bis zum Morgengrauen in Betrieb
waren, wo der Champagner in Strömen floß und Einsätze von
zwanzigtausend Rubeln keine Seltenheit waren. Im Zentrum der Stadt
promenierten Dirnen, juwelen- und pelzgeschmückt, und drängten
sich in die Cafes. Monarchistenverschwörungen, Schmuggler,
deutsche Spione, die ihre Unternehmungen vorbereiteten. Und in dem
kalten Regen, unter einem unfreundlichen grauen Himmel, die große
pulsierende Stadt, die rascher und rascher dahinstürmt - wohin?
  
III. Am Vorabend
Wo
immer ein revolutionäres Volk einer schwachen Regierung
gegenübersteht, kommt unausbleiblich früher oder später der
Moment, da jede Handlung der Regierung die Massen erbittert und
jede Unterlassung ihre Verachtung weckt. Der Plan, Petrograd
preiszugeben, beschwor einen Sturm herauf; Kerenskis öffentliche
Erklärung, daß die Regierung eine derartige Absicht nie gehabt
hätte, wurde mit einem Hohngelächter beantwortet. "Durch den
Vorstoß der Revolution an die Wand gedrückt", so rief die Zeitung
"Rabotschi Put" aus, "versucht sich die Regierung der bürgerlichen
Favoriten mit Lügen und Ausflüchten aus der Affäre zu ziehen. Nie
habe sie daran gedacht, aus Petrograd zu flüchten; niemals sei es
ihr in den Sinn gekommen, die Hauptstadt preiszugeben." In Charkow
akzeptierte eine Versammlung von dreißigtausend organisierten
Bergarbeitern den Grundsatz der IWW.
"Die arbeitenden und die besitzenden Klassen haben nichts
miteinander gemein." Kosaken jagten die Bergarbeiter auseinander;
einige wurden von den Bergwerksbesitzern ausgesperrt, der Rest
rief den Generalstreik aus. Der Minister für Handel und Industrie,
Konowalow, gab seinem Vertreter Orlow unbeschränkte Vollmacht, der
Schwierigkeiten mit allen ihm gutdünkenden Mitteln Herr zu werden.
Die Bergarbeiter haßten Orlow. Aber das Zentralexekutivkomitee der
Sowjets bestätigte nicht nur seine Ernennung, sonder lehnte auch
die Forderung ab, die Kosaken aus dem Donezbecken zurückzurufen.
Dazu kam die Sprengung des Sowjets in Kaluga. Die Bolschewiki
hatten dort die Mehrheit erlangt und einige politische Gefangene
freigesetzt. Die Stadtduma rief mit Zustimmung des
Regierungskomissars Truppen aus Minsk herbei, die das Gebäude des
Sowjets mit Artillerie beschossen. Die Bolschewiki kapitulierten.
Während sie das Gebäude verließen, wurden sie plötzlich von
Kosaken mit dem Ruf überfallen: "So werden wir es mit allen
bolschewistischen Sowjets machen, die von Petrograd und Moskau
nicht ausgenommen!" Der Zwischenfall hatte eine durch ganz Rußland
wogende zornige Erregung zur Folge. In Petrograd ging gerade ein
Bezirkssowjetkongreß für Nordrußland zu Ende, dem der Bolschewik
Krylenko präsidierte. Der Kongreß sprach sich mit überwältigender
Mehrheit für die Übernahme der Macht durch den Gesamtrussischen
Sowjetkongreß aus. Er grüßte die in den Kerkern schmachtenden
Bolschewiki, ihnen Mut zurufend, da die Stunde der Befreiung nahe
sei. Zur selben Zeit erklärte sich der Erste Gesamtrussische
Kongreß der Fabrik- und Werkstättenkomitees mit Entschiedenheit
für die Sowjets. Ein Beschluß dieses Kongresses erklärte:
"..Nachdem die Selbstherrschaft auf politischen Gebiet gestürzt
worden ist, strebt die Arbeiterklasse danach, auch auf dem Gebiet
ihrer Produktionstätigkeit der demokratischen Ordnung zum Siege zu
verhelfen. Ausdruck dieses Bestrebens ist die Idee der
Arbeiterkontrolle, die in der bestehenden Situation der
wirtschaftlichen Zerrüttung durch die verbrecherische Politik der
herrschenden Klasse heraufbeschworen wurde..." Der Verband der
Eisenbahner forderte den Rücktritt Liwerowskis, des
Verkehrsministers... Im Namen des Zentralexekutivkomitees bestand
Skobelew darauf, daß der "Nakas" der Konferenz der Alliierten
vorgelegt werden müsse, und protestierte formell gegen die
Entsendung Tereschtschenkos nach Paris. Tereschtschenko bot seinen
Rücktritt an... General Werchowski, außerstande, seine
Reorganisation der Armee durchzuführen, kam nur in langen
Zwischenräumen in die Kabinettssitzungen... Am 3. November kam
Burzews "Obschtscheje Delo" mit großen Schlagzeilen heraus:
"Bürger! Rettet das Vaterland!
Ich erfahre eben, daß gestern in einer Sitzung der Komission für
Verteidigung im Rat der Russischen Republik der Kriegsminister,
General Werchowski, einer der Hauptschuldigen für den Sturz
Kornilows, den Vorschlag der Unterzeichnung eines Sonderfriedens,
unabhängig von den Alliierten gemacht hat. Das ist der Verrat
Rußlands! Tereschtschenko erklärte, daß die Provisorische
Regierung es abgelehnt habe, den Vorschlag Werchowskis auch nur zu
prüfen. ,Man könnte meinen', erklärte Tereschtschenko, ,wir wären
in einem Irrenhause.' Die Mitglieder der Komission waren über die
Worte des Generals erstaunt. General Alexejew weinte. Nein! Das
ist nicht Wahnsinn! Das ist Schlimmeres. Das ist der direkte
Verrat Rußlands! Kerenski, Tereschtschenko und Nekrassow müssen
unverzüglich auf die Worte Werchowskis antworten. Bürger, wacht
auf. Rußland soll verkauft werden! Rettet es!"
In
Wirklichkeit hatte Werchowski darauf hingewiesen, daß man die
Alliierten zwingen müsse, einen Friedensvorschlag zu machen, weil
die russische Armee nicht länger kämpfen könne... Sowohl in
Rußland wie im Auslande war die Sensation ungeheuer. Werchowski
erhielt "unbeschränkten Krankenurlaub" und trat aus der Regierung
aus. "Obschtscheje Delo" wurde verboten. Zum Sonntag, dem 4.
November, war eine riesige Veranstaltung geplant, ein sogenannter
Tag des Petrograder Sowjets, mit Massenversammlungen in der ganzen
Stadt, nach außen hin zum Zwecke der Sammlung von Geld für die
Organisation und die Presse, in Wahrheit eine Demonstration,
bestimmt, die Macht der revolutionären Massen zu zeigen. Plötzlich
wurde bekannt, daß am gleichen Tag auch die Kosaken einen "Krestni
Chod" (Kreuzprozession) zu veranstalten beabsichtigten, zu Ehren
des Heiligen von 1912, dessen wunderbares Eingreifen die
Vertreibung Napoleons aus Moskau ermöglicht haben soll. Eine
ungeheure Spannung lag in der Luft. Ein Funke konnte den
Bürgerkrieg entfachen. Der Petrograder Sowjet veröffentlichte ein
Manifest, betitelt:
An
unsere Brüder, die Kosaken!
"Man will euch, Kosaken, gegen uns Arbeiter und Soldaten
aufhetzen. Diese Kainsarbeit stammt von unseren gemeinsamen
Feinden: von den Gewalttätern - den Adligen, Bankiers,
Gutsbesitzern, alten Beamten und ehemaligen Lakaien des Zaren ...
Sie hassen uns bitter, die Spekulanten, Kapitalisten, Fürsten, der
Adel, die Generale, mit Einschluß eurer Kosakengenerale. Sie sind
jeden Moment bereit, den Petrograder Sowjet auseinanderzujagen und
die Revolution niederzuschlagen. Irgend jemand hat zum 4. November
eine Kirchenprozession für die Kosaken organisiert. Es ist eine
persönliche Angelegenheit jedes einzelnen, ob er dorthin gehen
will oder nicht. Wir werden uns da nicht einmischen oder jemanden
hindern. Wir warnen euch aber, Kosaken! Seid achtsam, daß unter
dem Vorwand einer Kreuzesprozession eure Kaledins euch nicht gegen
die Arbeiter und Soldaten hetzen!"
Die Prozession wurde eiligst abgesagt. In den Fabriken, in den
Arbeitervierteln propagierten die Bolschewiki ihre Parole: "Alle
Macht den Sowjets", während die Agenten der Schwarzhunderter
unaufhörlich zur Abschlachtung der Juden, Geschäftsinhaber und der
sozialistische Führer hetzten. Auf der einen Seite die
monarchistische Presse, blutige Unterdrückungsmaßregeln fordernd,
auf der anderen Lenins mächtige Stimme: "Aufstand!....Man darf
nicht länger warten!" Auch der bürgerlichen Presse war nicht wohl.
Die "Birshewyje Wedomosti" (Börsennachrichten) nannten die
bolschewistische Propaganda einen Angriff auf die elementarsten
Grundlagen der Gesellschaft: die persönliche Sicherheit und die
Achtung vor dem Privateigentum. Am wütendsten gebärdeten sich
jedoch die "gemäßigten" sozialistischen Blätter. "Die Bolschewiki
sind die gefährlichsten Feinde der Revolution", schimpften "Delo
Naroda" und der menschewistische "Den", "die Regierung muß sich
und uns schützen." Das Blatt Plechanows, "Jedinstwo", wies die
Regierung auf die Tatsache hin, daß die Petrograder Arbeiter
bewaffnet wurden, und forderte die allerstrengsten Maßnahmen gegen
die Bolschewiki. Die Regierung wurde von Tag zu Tag hilfloser.
Selbst die Stadtverwaltung hörte auf zu funktionieren. Die Spalten
der Morgenzeitungen waren voll von Nachrichten über verwegene
Raubüberfälle und Morde. Den Banditen geschah absolut nichts.
Andrerseits begannen die Arbeiter einen Sicherheitsdienst zu
organisieren. Bewaffnete Patrouillen durchstreiften die Stadt, die
den Kampf mit dem Verbrechertum aufnahmen und Waffen
beschlagnahmten, wo sie welche fanden. Am 1. November erließ der
General Polkownikow, der Petrograder Stadtkommandant, folgenden
Befehl:
"Ungeachtet der für das Vaterland angebrochenen schweren Tage
hören die unverantwortlichen Aufrufe zu bewaffneten
Demonstrationen nicht auf, in Petrograd zu zirkulieren, und
Räuberei und Anarchie nehmen täglich zu. Dieser Zustand der Dinge
desorganisiert das Leben der Bürger und hindert die Arbeit der
Regierung und der Stadtverwaltung. Im vollen Bewußtsein meiner
Verantwortung und Pflicht gegenüber dem Vaterlande befehle ich:
1.
Jede militärische Einheit hat, ihren besonderen Instruktionen
gemäß, in ihrem Gebiet die Stadtverwaltung, die Kommissare und die
Miliz kräftig zu unterstützen und die Regierungsinstitutionen zu
verteidigen.
2.
Zusammen mit den Bezirkskommandanten und Vertretern der Stadtmiliz
sind Patrouillen zu organisieren und Maßnahmen zur Verhaftung der
Verbrecher und Deserteure zu treffen.
3.
Alle Personen, die in den Kasernen zu bewaffneten Demonstrationen
und Metzeleien aufrufen, sind zu verhaften und an das
Hauptquartier des Zweiten Stadtkommandanten auszuliefern.
4.
Straßendemonstrationen, Versammlungen und Prozessionen sind nicht
zugelassen.
5.
Bewaffnete Demonstrationen und Pogrome sind mit allen zur
Verfügung stehenden bewaffneten Kräften sofort im Keime zu
ersticken.
6.
Den Kommissaren ist jede erdenkliche Hilfe zum Zwecke der
Verhinderung unbefugter Haussuchungen und Verhaftungen zu leisten.
7.
Dem Stab des Militärbezirks ist über alle sich im Bezirk
abspielenden Vorkommnisse Bericht zu erstatten.
An
alle Armeekomitees und Organisationen richte ich die Aufforderung,
die Kommandeure bei der Ausführung der ihnen aufgetragenen
Aufgaben zu unterstützen."
Im
Rat der Russischen Republik gab Kerenski die Erklärung ab, daß die
Regierung die bolschewistischen Vorbereitungen mit Aufmerksamkeit
verfolge, daß sie aber stark genug sei, um keinerlei
Demonstrationen fürchten zu müssen. Er klagte "Nowaja Rus" und "Rabotschi
Put" an, die gleiche Wühlarbeit zu leisten. "Sie sind", sagte er,
"nur die zwei Seiten derselben Propaganda, deren Endzweck die von
den reaktionären Mächten so heiß ersehnte Konterrevolution ist.
Aber", fügte er hinzu, "die Regierung ist durch die bestehende
Freiheit der Presse gehindert, gegen die gedruckten Lügen ihrer
Feinde vorzugehen."
Am
2. November waren erst fünfzehn Kongreßdelegierte angekommen. Am
nächsten Tag waren es hundert und am übernächsten
hundertfünfundsiebzig, davon hundertdrei Bolschewiki. Vierhundert
Delegierte mußten mindestens zusammenkommen, und bis zum
Eröffnungstermin waren es nur noch drei Tage. Ich habe einen
großen Teil dieser Zeit im Smolny zugebracht. Dort
hineinzugelangen war nicht mehr leicht. Die Tore waren von
doppelten Postenketten bewacht, und auch, wenn man das Hauptportal
hinter sich hatte, war man noch nicht drinnen, sondern mußte sich
einer langen Reihe schon wartender Leute anschließen, die, nachdem
sie einem peinlich genauen Verhör über ihre Identität und ihre
Geschäfte unterzogen worden waren, immer vier auf einmal,
eingelassen wurden. Ausweise wurden ausgestellt und das
Ausweissystem alle paar Stunden geändert, um den zahllosen Spionen
das Durchschlüpfen unmöglich zu machen. Eines Tages kam ich gerade
dazu, als Trotzki und seine Frau von einem Soldaten angehalten
wurden. Trotzki suchte in allen seinen Taschen, fand aber seinen
Ausweis nicht. "Macht nichts", sagte er endlich, "Sie kennen mich
ja. Mein Name ist Trotzki." "Wenn Sie keinen Ausweis haben, kommen
Sie nicht hinein", versetzte hartnäckig der Soldat. "Namen
bedeuten mir gar nichts." "Aber ich bin der Vorsitzende des
Petrograder Sowjets." "Wenn Sie eine so wichtige Persönlichkeit
sind, dann müssen Sie doch auch irgendein Papier bei sich haben."
Trotzki verlor die Ruhe nicht. "Lassen Sie mich den Kommandanten
sehen", sagte er. Der Soldat zögerte und brummte, er könne nicht
wegen jedes x-beliebigen den Kommandanten behelligen. Schließlich
rief er den Wachhabenden herbei. Dem setzte Trotzki seinen Fall
auseinander und wiederholte, daß er Trotzki sei. "Trotzki?" Der
Soldat kratzte sich am Kopf. "Den Namen habe ich schon einmal
gehört", meinte er endlich. "Ich denke, es wird seine Richtigkeit
haben, Sie können hineingehen, Genosse."
Im
Korridor traf ich Karachan vom bolschewistischen Zentralkomitee,
der mir erklärte, was die neue Regierung sein wird: "Eine lockere
Organisation, die in vollem Einklang mit dem Willen des Volkes
handelt, wie er in den Sowjets seinen Ausdruck findet, und den
lokalen Kräften volle Aktionsfreiheit läßt. Zur Zeit sind die
lokalen Kräfte in der Betätigung ihres demokratischen Willens
durch die Provisorische Regierung genauso behindert wie früher
durch die Zarenregierung. Die Initiative der neuen Gesellschaft
muß von unten kommen. Die Form der Regierung wird dem Statut der
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands entsprechen. Das neue
Zentralexekutivkomitee der Sowjets wird das Parlament sein und den
häufig zusammentretenden Gesamtrussischen Sowjetkongressen
Rechenschaft abzulegen haben, An der Spitze der verschiedenen
Ministerien werden nicht, wie bisher, einzelne Minister, sondern
Kollegien stehen. Die Ministerien sollen den Sowjets direkt
verantwortlich sein." Am 30. Oktober hatte ich eine Unterredung
mit Trotzki. Ich traf ihn in einem im Dachgeschoß des Smolny
gelegenen kleinen, völlig kahlen Zimmer, in dem sich nur ein
einfacher Tisch und ein paar Stühle befanden. Ich stellte einige
wenige Fragen, und Trotzki sprach schnell und ununterbrochen
länger als eine Stunde. Den wesentlichen Inhalt dessen, was er
sagte, führe ich hier mit seinen eigenen Worten an: "Die
Provisorische Regierung ist absolut machtlos. Es herrscht die
Bourgeoisie; nur wird diese Herrschaft von einer Scheinkoalition
mit den Sozialpatrioten verdeckt. Jetzt, während der Revolution,
häufen sich die Aufstände der Bauern, die es müde sind, auf das
ihnen versprochene Land zu warten, und auch bei den übrigen
werktätigen Klassen des ganzen Landes zeigt sich die gleiche tiefe
Unzufriedenheit. Die Bourgeoisie kann ihre Herrschaft nur mittels
des Bürgerkrieges aufrechterhalten. Die Kornilowmethode ist die
einzige, deren sie sich bedienen kann. Aber ihr geht die Kraft
aus. Die Armee ist mit uns. Die Kompromißler und Pazifisten,
Sozialrevolutionäre und Menschewiki, haben allen Kredit bei den
Volksmassen verloren; denn der Kampf zwischen Bauern und
Gutsbesitzern, Arbeitern und Kapitalisten, Soldaten und Offizieren
ist heute schärfer und unversöhnlicher denn je. Nur die vereinte
Aktion der Volksmassen, der Sieg der proletarischen Diktatur, kann
die Revolution vollenden und das Volk retten. Die Sowjets sind die
denkbar vollkommenste Vertretung des Volkes, vollkommen in ihrer
revolutionären Erfahrung wie in ihren Ideen und Zielen. Direkt
basierend auf der Armee in den Schützengräben, den Arbeitern in
den Fabriken, den Bauern auf ihren Feldern , sind sie das Rückgrat
der Revolution. Das Resultat des Versuchs, eine Macht im Lande
ohne die Sowjets zu schaffen, war nur die absolute Machtlosigkeit.
In den Korridoren des Rates der Russischen Republik werden zur
Zeit alle möglichen konterrevolutionären Pläne ausgeheckt. Der
Vorkämpfer der Konterrevolution ist die Kadettenpartei, während
die Sache des Volkes von den Sowjets vertreten wird. Zwischen
diesen beiden Gruppen gibt es ernstzunehmende politische Gruppen
nicht. Es ist der Endkampf. Die bürgerliche Konterrevolution
sammelt alle ihre Kräfte und wartet auf den Moment, um gegen uns
loszuschlagen. Unsere Antwort wird entscheidend sein. Wir werden
das im März begonnene und während der Kornilow -Affäre
fortgesetzte Werk vollenden." Über die auswärtige Politik der
neuen Regierung sagte er: "Unsere erste Handlung wird ein Aufruf
zum sofortigen Abschluß eines Waffenstillstandes an allen Fronten
sein. Wir werden sofort eine Völkerkonferenz vorschlagen, deren
Aufgabe es sein wird, über einen Friedensschluß auf demokratische
Grundlage zu diskutieren. Wie demokratisch dieser Friedensschluß
sein wird, hängt von der Stärke des revolutionären Widerhalls in
Europa ab. Die Errichtung einer Sowjetregierung hier in Rußland
wird ein mächtiger Faktor für die Beschleunigung des
Friedensschlusses in Europa sein; denn diese Regierung wird sich
mit ihrem Waffenstillstandsvorschlag an die Völker unmittelbar und
direkt, über die Köpfe ihrer Regierungen hinweg, wenden. Im Moment
des Friedensschlusses wird der Druck der russischen Revolution
sich gegen Annexionen und Kriegsentschädigungen, für die
Selbstbestimmung der Völker und für die Errichtung einer
föderativen Republik von Europa auswirken. Ich sehe Europa am Ende
dieses Krieges neugeschaffen, nicht von Diplomaten, sondern vom
Proletariat. Eine föderative Republik von Europa, die Vereinigten
Staaten von Europa - das ist es, was es werden muß. Nationale
Autonomie genügt nicht mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung
erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen. Bleibt Europa
auch weiterhin in nationale Gruppen zersplittert, dann beginnt der
Imperialismus sein Werk von neuem. Nur eine föderative Republik
von Europa kann der Welt den Frieden geben. Im Augenblick jedoch,
ohne das aktive Eingreifen der Massen in Europa, sind diese Ziele
nicht zu verwirklichen."
Während alle Welt erwartete, die Bolschewiki eines Morgens auf der
Straße erscheinen zu sehen, um jeden niederzuschießen, der einen
weißen Kragen umhatte, ging der Aufstand in Wirklichkeit ganz
anders, sehr natürlich und in aller Öffentlichkeit vor sich. Die
Provisorische Regierung plante die Entsendung der Petrograder
Garnison an die Front. Derselben Petrograder Garnison von zirka
sechzigtausend Mann, die einen so großen Anteil an dem Siege der
Revolution gehabt hatte. Die Petrograder Truppen waren es gewesen,
die die Kämpfe der Märztage entschieden, die die Sowjets der
Soldatendeputierten geschaffen und Kornilow von den Toren der
Stadt verjagt hatten. Jetzt waren sie zum großen Teil Bolschewiki.
Als die Provisorische Regierung sich mit dem Gedanken trug,
Petrograd preiszugeben, war es die Petrograder Garnison, die
erklärte: "Wenn ihr unfähig seid, die Hauptstadt zu verteidigen,
so schließt Frieden. Könnt ihr den Frieden nicht schließen, dann
tretet zurück und macht einer Volksregierung Platz, die beides
vermag." Es lag auf der Hand, daß das Schicksal jedes
Aufstandsversuchs von der Haltung der Petrograder Truppen abhing.
Der Plan der Regierung war, die bisherigen Garnisonregimenter
durch ihr ergebene Truppen, Kosaken, Todesbataillone usw., zu
ersetzen. Die Armeekomitees, die "gemäßigten" Sozialisten, das
Zentralexekutivkomitee der Sowjets unterstützten dieses Vorhaben
der Regierung. Eine ausgedehnte Agitation wurde an der Front und
in Petrograd in Szene gesetzt, die vor allem mit der Behauptung
arbeitete, daß die Petrograder Truppen seit nun schon acht Monaten
in den Kasernen der Hauptstadt ein gemächliches Leben führten,
während ihre Kameraden in den Schützengräben starben und
hungerten. Bis zu einem gewissen Grade traf es sicher zu, daß die
Garnisonregimenter nur geringe Lust verspürten, ihr
verhältnismäßig angenehmes Leben gegen die Mühsalen eines
Winterfeldzuges zu vertauschen. Aber es waren andere Gefühle,
weshalb sie sich weigerten zu gehen. Der Petrograder Sowjet
mißtraute der Regierung, und von der Front kamen hunderte
Delegierte der breiten Soldatenmassen, die erklärten: "Es ist
wahr, wir brauchen Verstärkung; wichtiger aber ist uns, Petrograd
und die Revolution in guten Händen zu wissen. Hütet ihr die
Heimat, Genossen! Wir werden die Front halten."
Am
25. Oktober diskutierte das Exekutivkomitee des Petrograder
Sowjets in geschlossener Sitzung die Errichtung eines besonderen
Militärkomitees, um die ganze Frage zur Entscheidung zu bringen.
Am nächsten tag nahm die Soldatensektion des Petrograder Sowjets
die Wahl des Komitees vor, das sofort den Boykott der
Bourgeoisiezeitungen aussprach und das Zentralexekutivkomitee der
Sowjets aufs schärfste verurteilte, weil es sich dem Sowjetkongreß
widersetzte. Am 29. Schlug in öffentlicher Sitzung des Petrograder
Sowjets Trotzki die formelle Anerkennung des Revolutionären
Militärkomitees durch den Sowjet vor. "Wir müssen", sagte er,
"unsere besondere Organisation schaffen, um weiterzukämpfen und,
wenn notwendig, zu sterben." Es wurde ein Beschluß gefaßt, zwei
Delegationen an die Front zu entsenden, und zwar eine vom Sowjet
und eine von der Garnison, die mit den Soldatenkomitees und dem
Generalstab unterhandeln sollten. In Psowk wurde die
Sowjetdelegation von dem Kommandeur der Nordfront, General
Tscheremissow, empfangen, der kurz und bündig erklärte, daß er die
Petrograder Garnison an die Front kommandiert und dem nichts
hinzuzufügen habe. Das Garnisonkomitee durfte Petrograd nicht
verlassen. Eine Delegation der Soldatensektion des Petrograder
Sowjets forderte die Zulassung eines Vertreters der Sektion in den
Petrograder Bezirksstab. Das wurde abgelehnt. Das gleiche
Schicksal hatte ein antrag des Petrograder Sowjets, der verlangte,
daß alle herausgehenden Befehle die Gegenzeichnung der
Soldatensektion zu tragen hätten. Man erklärte den Delegierten
schroff: "Für uns existiert nur das Zentralexekutivkomitee der
Sowjets. Euch erkennen wir nicht an. Wir werden euch einsperren,
sobald ihr euch gegen die Gesetze vergeht." Am 30. Beschloß eine
Delegiertenversammlung sämtlicher Petrograder Regimenter folgende
Resolution: "Die Petrograder Garnison erkennt die Provisorische
Regierung nicht mehr an. Unsere Regierung ist der Petrograder
Sowjet. Wir folgen nur den Befehlen des im Auftrage des
Petrograder Sowjets handelnden Revolutionären Militärkomitees."
Den lokalen Truppeneinheiten wurde befohlen, auf Instruktionen der
Soldatensektion des Petrograder Sowjets zu warten. Am nächsten Tag
berief das Zentralexekutivkomitee eine eigene Versammlung ein, die
hauptsächlich von Offizieren besucht war. Ein Komitee wurde
gewählt, zur Zusammenarbeit mit dem Stab, und für sämtliche
Quartiere der Stadt wurden besondere Kommissare ernannt. Ein am 3.
Im Smolny abgehaltenes großes Soldatenmeeting erklärte: "Die
Petrograder Garnison begrüßt die Errichtung des Revolutionären
Militärkomitees und ist gewillt, dasselbe in allen seinen Aktionen
rückhaltlos zu unterstützen und nichts zu unterlassen, um Front
und Heimat im Interesse der Revolution aufs engste
zusammenzuschließen. Die Garnison erklärt weiter, daß sie zusammen
mit dem Petrograder Proletariat die revolutionäre Ordnung in
Petrograd aufrechterhalten wird. Jeder Versuch einer Provokation
seitens der Kornilowleute oder der Bourgeoisie wird erbarmungslos
niedergeschlagen werden." Seiner Macht bewußt, richtete jetzt das
Revolutionäre Militärkomitee an den Petrograder Stab die schroffe
Aufforderung, sich seinem Befehl zu unterstellen. Sämtlichen
Druckereien wurde verboten, Aufrufe und Proklamationen
irgendwelcher Art zu drucken, die nicht die Autorisation des
Komitees hätten. Bewaffnete Kommissare beschlagnahmten im Kronberg
- Arsenal große Mengen Waffen und Munition und hielten einen
Schiffstransport von zehntausend Bajonetten an, die für
Nowotscherkassk, das Hauptquartier Kaledins, bestimmt waren. Die
Regierung, ihre gefährliche Lage endlich erkennend, versprach
Straflosigkeit, wenn das Komitee sich auflösen würde. Es war zu
spät. Am 5. November erschien Malewski, von Kerenski selbst
geschickt, um dem Petrograder Sowjet eine Vertretung im Stab
anzubieten. Das Revolutionäre Militärkomitee nahm an. Eine Stunde
später wurde das Angebot von dem amtierenden Kriegsminister,
General Manikowski, widerrufen. Am Dienstagmorgen wurde die Stadt
durch das Erscheinen eines Plakates in Aufregung versetzt, das die
Unterschrift trug: "Revolutionäres Militärkomitee beim Petrograder
Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten."
"
An die Bevölkerung Petrograds!
Bürger! Die Konterrevolution hat ihr verbrecherisches Haupt
erhoben. Die Kornilowleute mobilisieren ihre Kräfte, um den
Gesamtrussischen Sowjetkongreß zu sprengen und die Konstituierende
Versammlung zum Scheitern zu bringen. Es ist nicht ausgeschlossen,
daß die Pogromhelden gleichzeitig versuchen werden, in den Straßen
Petrograds Wirren und ein Gemetzel hervorzurufen. Der Petrograder
Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten übernimmt den Schutz
der revolutionären Ordnung gegen konterrevolutionäre Anschläge und
Pogrome. Die Garnison Petrograds wird keine Gewalttaten und
Ausschreitungen dulden. Die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, die
Gewalttäter und die Agitatoren der Schwarzhunderter festzunehmen
und sie den Kommissaren des Sowjets bei der nächsten Heereseinheit
vorzuführen. Beim ersten Versuch dunkler Elemente, auf den Straßen
Petrograds Unruhen, Plünderungen, Messerstechereien und
Schießereien hervorzurufen, werden die Verbrecher vom Antlitz der
Erde getilgt. Bürger! Wir rufen euch auf, völlige Ruhe und
Selbstbeherrschung zu wahren. Die Sache der Ordnung und der
Revolution ist in festen Händen."
Das Plakat enthielt außerdem eine Liste der Regimenter, bei denen
sich Kommissare des Revolutionären Militärkomitees befanden. Am 3.
Fand, ebenfalls hinter verschlossenen Türen, eine weitere,
historisch bedeutungsvolle Sitzung der bolschewistischen Führer
statt. Von Salkind in Kenntnis gesetzt, wartete ich im Korridor an
der Tür, und als Wolodarski kam, hörte ich von ihm, was vorging.
Lenin sprach: "Der 6. November ist zu zeitig. Wir benötigen für
die Erhebung eine Gesamtrussische Basis, und am 6. November werden
noch nicht alle Delegierten auf dem Kongreß erschienen sein. Der
8. November wäre dagegen zu spät. Bis dahin wird sich der Kongreß
konstituiert haben, und für eine umfangreich Körperschaft ist es
schwer, schnell und entscheidend zu handeln. Wir müssen am 7. In
Aktion treten, wenn der Kongreß zusammentritt, damit wir sagen
können: ,Hier ist die Macht. Was denkt ihr damit zu tun?`"
Währenddem saß in einem der oberen Zimmer ein Mensch mit langem
Haar und hagerem Gesicht, ein ehemaliger Zarenoffizier und
späterer Revolutionär, der lange in der Verbannung gelebt hatte:
ein gewisser Owsejenko, allgemein Antonow gerufen, Mathematiker
und Schachkünstler, damit beschäftigt, sorgfältig ausgearbeitete
Pläne für die Einnahme der Hauptstadt zu entwerfen. Aber auch die
Regierung traf ihre Vorbereitungen. In aller Stille beorderte sie
aus den allerverschiedensten Divisionen die ihr am meisten
ergebenen Regimenter nach Petrograd. Der Winterpalast wurde von
der Artillerie der Offiziersschüler besetzt, und in den Straßen
Petrograds zeigten sich - zum ersten Male seit den Julitagen -
Kosakenpatrouillen. Polkownikow erließ einen Befehl nach dem
anderen, die unbarmherzigste Ahndung jeder Widersetzlichkeit
androhend. Der Minister für Volksbildung Kischkin, das
meistgehaßte Mitglied der Regierung, wurde zum Außerordentlichen
Kommissar ernannt, um in Petrograd die Ordnung aufrechtzuerhalten;
er nahm sich zwei nicht weniger unbeliebte Männer, Rutenberg und
Paltschinski, zu Hilfe. Über Petrograd, Kronstadt und Finnland
wurde der Belagerungszustand verhängt. Die bürgerliche Zeitung "Nowoje
Wremja" (Neue Zeit) bemerkte dazu ironisch: "warum
Belagerungszustand? Die Regierung hat aufgehört, eine Macht zu
sein. Sie hat weder moralische Autorität noch den erforderlichen
Apparat, um Gewalt anzuwenden..Im besten Fall kann sie verhandeln,
wenn sich jemand findet, der mit ihr verhandeln will. Eine andere
Macht hat sie nicht...."Am Montagmorgen - es war der 5. November -
ging ich zum Marienpalast, um zu sehen, was im Rat der Russischen
Republik vor sich gehe. Hitzige Debatten über Tereschtschenkos
Außenpolitik. Diskussionen über die Affäre Burzew - Werchowski.
Sämtliche Diplomaten waren anwesend mit Ausnahme des italienischen
Gesandten, der, wie allgemein gesagt wurde, durch die Katastrophe
im Karst völlig niedergeschlagen war. Als ich eintrat, verlas
gerade der linke Sozialrevolutionär Karelin einen Leitartikel aus
der Londoner "Times", in dem es hieß, daß es gegen den
Bolschewismus nur ein Mittel gebe: die Kugel. Zu den Kadetten
gewandt, rief er: "Genauso denken auch Sie." "Sehr richtig, sehr
richtig!" schallte es ihm von rechts entgegen. "Ich kenne ihre
Meinung", replizierte Karelin hitzig, "nur fehlt ihnen der Mut, es
zu versuchen." Dann sprach Skobelew, der mit seinem gepflegten
Bart und dem welligen blonden Haar wie der Liebhaber in einem
Bühnenstück aussah, und verteidigte den Sowjet -"Nakas" mit halbem
Herzen. Ihm folgte Tereschtschenko, von der Linken mit dem
heftigen Ruf "Abdanken, abdanken!" empfangen. Er meinte, daß die
Delegierten der Regierung und des Zentralexekutivkomitees der
Sowjets in Paris einen gemeinsamen Standpunkt vertreten müßten -
der natürlich sein eigener sein sollte. Zum Schluß einige wenige
Worte über die Wiederherstellung der Disziplin in der Armee, über
die Weiterführung des Krieges bis zum Siege. Allgemeiner
Tumult...und dann, gegen den Widerspruch der lärmenden Linken,
Übergang zur Tagesordnung. Leer gähnten die Bänke der Bolschewiki,
die mit ihrem Austritt aus dem Rat der Russischen Republik soviel
Leben mit sich genommen hatten. Und während ich die Stufen des
Palastes hinunterschritt, konnte ich mich trotz des mitangehörten
hitzigen Streitens des Eindrucks nicht erwehren, daß keine
wirkliche Stimme aus der Außenwelt diese hohen und kalten Mauern
zu durchdringen vermochte, daß die Provisorische Regierung an
derselben Klippe "Krieg oder Friede" zu scheitern verurteilt war,
die schon dem Kabinett Miljukow den Untergang gebracht hatte.
Während mir der Pförtner meinen Mantel umhing, brummte er vor sich
hin: "Ich möchte wissen, was aus dem armen Rußland noch werden
soll - Menschewiki, Bolschewiki, Trudowiki, Ukraine, Finnland,
deutsche Imperialisten, englische Imperialisten! In meinem ganzen
fünfundvierzigjährigen Leben habe ich nicht soviel Worte gehört
wie hier an diesem Ort." Im Korridor traf ich Professor Schazki,
einen Menschen mit rattenähnlichem Gesicht, in elegantem Überrock,
sehr einflußreich in den Beratungen der Kadettenpartei. Ich
befragte ihn um seine Meinung über die vielbesprochenen
Demonstrationen der Bolschewiki. Geringschätzig lächelnd zuckte er
die Achseln: "Das ist ja Rindvieh - Kanaille. Sie werden es nicht
wagen, und - wenn sie es sollten, werden wir sie schnell
heimschicken. Von unserem Standpunkt aus wäre dies gar nicht
ungünstig; denn sie würden sich dabei zugrunde richten und in der
Konstituierenden Versammlung machtlos sein. Wenn es Sie übrigens
interessiert, will ich ihnen den Plan einer Regierungsform
schildern, den wir in der Konstituierenden Versammlung vorzulegen
gedenken. Ich bin, wie Sie ja wissen, der Vorsitzende eine
Kommission, die, in Gemeinschaft mit der Provisorischen Regierung,
ein Verfassungsprojekt ausarbeiten soll. Wir werden, wie Sie in
den Vereinigten Staaten, eine aus zwei Kammern bestehende
gesetzgebende Versammlung haben. Die untere Kammer wird nach dem
Grundsatz der Territorialvertretung zusammengesetzt sein, während
sich das Oberhaus aus den Vertretern der freien Berufe, der
Semstwos, der Genossenschaften und Gewerkschaften zusammensetzen
wird." Draußen war es kalt, ein feuchter Westwind wehte, und der
kalte Straßenschmutz durchnässte meine Schuhe. Langbemäntelt und
steif zogen zwei Kompanien Offiziersschüler vorüber und schwenkten
in die Morskaja ein, in rauhem Chor eines der alten Soldatenlieder
singend, wie sie unter dem Zaren üblich waren. An der nächsten
Straßenkreuzung fiel mir auf, daß die Leute der Stadtmiliz
beritten waren. Um sie herum standen Gruppen von Passanten, sie
stumm anstarrend. An der Ecke des Newski kaufte ich eine
Flugschrift von Lenin: "Werden die Bolschewiki die Staatsmacht
behaupten?" und zahlte mit einer der Briefmarken, deren man sich
zu der Zeit zum Wechseln bediente. Schwerfällig krochen die
gewohnten Straßenbahnwagen vorbei, brechend voll, sogar an den
Außenseiten an den unmöglichsten Stellen klammerten sich Bürger
und Soldaten fest. Längs des Bürgersteiges verkauften uniformierte
Deserteure Zigaretten und Sonnenblumenkerne. Auf dem Newski
rauften sich die Menschen in dem trüben Zwielicht um die neuesten
Zeitungen, und ganze Menschenknäuel waren bemüht, die zahllosen
Aufrufe und Proklamationen zu entziffern, mit denen jedes
irgendwie geeignete Plätzchen beklebt war: vom
Zentralexekutivkomitee der Sowjets, vom Bauernsowjet, von den
"gemäßigten" sozialistischen Parteien, den Armeekomitees - alle
baten, drohten, und beschworen die Arbeiter und Bauern, zu Hause
zu bleiben und die Regierung zu unterstützen. Ein Panzerauto fuhr
langsam auf und nieder, unaufhörlich hupend. An jeder Straßenecke,
auf jedem Platz waren undurchdringliche Menschenmassen versammelt,
diskutierende Soldaten und Studenten. Die Dunkelheit senkte sich
mit großer Schnelligkeit herab, in weiten Zwischenräumen flammten
Straßenlaternen auf, und immer noch fluteten in endlosen Wogen die
Menschenmassen. So ist es immer in Petrograd, wenn etwas in der
Luft liegt. Die Stadt war in höchster nervöser Spannung. Jeder
scharfe Laut ließ sie auffahren. Aber noch immer kein Zeichen von
den Bolschewiki; die Soldaten blieben in ihren Kasernen, die
Arbeiter in ihren Fabriken. Wir gingen in ein Kino in der Nähe der
Kasaner Kathedrale, wo ein blutrünstiger italienischer Film von
Leidenschaft und Intrige gezeigt wurde. In den vorderen Reihen
saßen einige Soldaten und Matrosen, die in kindlicher Verwunderung
auf die Leinwand starrten, unfähig, den Sinn und die Notwendigkeit
von soviel Aufregung und Blutvergießen zu begreifen. Von hier aus
eilte ich zum Smolny. Im Zimmer Nr. 10 tagte in Permanenz das
Revolutionäre Militärkomitee, unter dem Vorsitz eines
achtzehnjährigen jungen Menschen, Lasimir mit Namen. Er drückte
mir im Vorbeigehen, fast schüchtern, die Hand. "Eben ist die
Besatzung der Peter- Pauls- Festung zu uns übergegangen", erzählte
er mit einem vergnügten Grinsen, "und vor kaum einer Minute
erhielten wir von einem Regiment, das von der Regierung nach
Petrograd beordert war, die Nachricht, daß es zu uns stehe. Die
Soldaten hatten Verdacht geschöpft. Sie hielten ihren Zug in
Gattschina an und Sandten eine Delegation aus, um zu hören, was
los sei. ,Was habt ihr uns zu sagen`, fragten sie, ,wir haben
soeben eine Resolution beschlossen, die sich für die Übergabe der
ganzen Macht an die Sowjets erklärt. Die Antwort des
Revolutionären Militärkomitees lautete: ,Brüder! Wir grüßen euch
im Namen der Revolution. Bleibt, wo ihr seid, bis ihr weitere
Instruktionen erhaltet!'". Sämtliche Telefonleitungen waren, wie
er mir sagte, zerschnitten. Aber mit den Kasernen und Fabriken war
vermittels Feldtelefonen eine provisorische Verbindung hergestellt
worden. Ununterbrochen kamen und gingen Kuriere und Kommissare.
Vor der Tür warteten wohl ein Dutzend Freiwillige, bereit, die
Anordnungen des Komitees sofort in die entferntesten Stadtviertel
zu tragen. Einer von ihnen, in der Uniform eines Leutnants,
sagte zu mir auf französisch: "Alles ist bereit. Ein Druck auf den
Knopf und wir marschieren." Ich sah Podwoiski, einen mageren,
bärtigen Zivilisten, den Strategen des Aufstandes, dann Antonow,
unrasiert, mit schmierigem Kragen und wie betrunken von
allzulangem Wachen, den untersetzten Soldaten Krylenko mit seinem
stets lächelnden, breiten Gesicht, heftig gestikulierend und
ununterbrochen redend, und endlich die Riesengestalt des Matrosen
Dybenko, bärtig und gelassen. Das waren die Männer jener Stunden
und der, die noch in der Zukunft lagen. Unten, in dem Büro der
Fabrikkomitees, unterzeichnete Seratow unermüdlich Anweisungen für
das Staatsarsenal auf Lieferung von Waffen an die Arbeiter - je
Fabrik hundertfünfzig Gewehre. In einer Reihe warteten etwa
vierzig Delegierte, um die Anweisungen sofort in Empfang zu
nehmen. Im Saal stieß ich auf einige der unteren Führer der
Bolschewiki. Einer wies auf seinen Revolver. "das Spiel beginnt",
sagte er bleichen Antlitzes, "ob wir wollen oder nicht. Die andere
Seite weiß, daß sie mit uns Schluß machen muß oder selber
unterzugehen hat." Der Petrograder Sowjet tagte ununterbrochen Tag
und Nacht. Als ich in den großen Saal eintrat, hörte ich noch den
Schluß einer Rede Trotzkis. "Man stellt uns die Frage", sagte er,
"ob wir eine Demonstration beabsichtigen. Ich kann auf diese Frage
eine klare Antwort geben.
Der Petrograder Sowjet fühlt, daß die Stunde gekommen ist, wo die
Macht in die Hände der Sowjets überzugehen hat. Die Übergabe der
Regierungsgewalt wird der Gesamtrussische Sowjetkongreß besorgen.
Ob eine bewaffnete Demonstration notwendig sein wird, hängt
....von denen ab, die sich dem Willen des Gesamtrussischen
Kongresses widersetzen wollen. Wir wissen, daß unsere den Leuten
des Provisorischen Kabinetts anvertraute Regierung eine
erbärmliche und hilflose Regierung ist, die es so schnell wie
möglich hinwegzufegen gilt, um Platz zu machen für eine wirkliche
Volksregierung. Aber wir sind bemüht - auch jetzt noch, heute
noch, Gewalt zu vermeiden. Wir hoffen, daß der Gesamtrussische
Sowjetkongreß die Macht und Autorität, die auf der organisierten
Freiheit des Volkes beruht, in seine Hände nehmen wird, Sollte
indes die Regierung die kurze Zeit - die vierundzwanzig,
achtundvierzig oder zweiundsiebzig Stunden - , die sie noch zu
leben hat, zu einem Angriff gegen uns verwenden, dann werden wir
mit dem Gegenangriff antworten, und dann gilt für uns: Hieb für
Hieb und Stahl für Eisen." Unter lebhaftem Beifall teilte er dann
mit, daß sich die linken Sozialrevolutionäre beriet erklärt hätte,
eine Vertretung in das Revolutionäre Militärkomitee zu entsenden.
Als ich um drei Uhr morgens den Smolny verließ, bemerkte ich, daß
das Haupttor von zwei Schnellfeuergeschützen flankiert war. Die
Eingänge und die nächsten Straßenecken wurden von starken
Soldatenpatrouillen bewacht. Bill Schatow kam die Stufen
heraufgestürmt: "Es geht los. Kerenski hat Offiziersschüler
geschickt, um unsere Zeitungen ,Soldat' und ,Rabotschi Put' zu
schließen. Aber unsere Truppen sind bereits hinunter, um die
Regierungssiegel abzureißen, und jetzt sind wir dabei, Abteilungen
loszuschicken, die die Büros der bürgerlichen Zeitungen besetzen
sollen." Er klopfte mir vergnügt auf die Schulter und rannte ins
Haus.
Am
6. Morgens hatte ich mit dem Zensor zu tun, der sein Büro im
Ministerium des Auswärtigen hatte. Überall, an allen Wänden,
hysterische Aufrufe an das Volk, "ruhig" zu bleiben. Polkownikow
erließ Befehl um Befehl: "Ich befehle allen Einheiten und
Mannschaften, bis zum Erhalt eines Befehls des Bezirksstabes in
ihren Kasernen zu bleiben ... Alle Offiziere, die dem Befehl ihres
Vorgesetzten zuwiderhandeln, werden wegen bewaffneten Aufruhrs vor
Gericht gestellt. Kategorisch verbiete ich, daß Truppen
irgendwelchen ,Befehlen`, die von verschiedenen Organisationen
ausgehen, Folge leisten ...." Am Morgen berichteten die Blätter,
daß die Regierung die Zeitungen "Nowaja Rus", "Shiwoje Slowo", "Rabotschi
Put" und "Soldat" verboten und die Verhaftung der Führer des
Petrograder Sowjets und des Revolutionären Militärkomitees
angeordnet habe.
Als ich den Schloßplatz überquerte, kamen in scharfem Trab mehrere
Batterien der Offiziersschüler durch das Rote Tor gezogen und
nahmen vor dem Palast Aufstellung. Das mächtige rote Gebäude des
Generalstabs war ungewöhnlich belebt. Vor dem Tor hielten
Panzerautos, und Automobile mit Offizieren fuhren an und ab. Der
Zensor war aufgeregt wie ein kleiner Junge in einer
Zirkusvorstellung. Wie er mir sagte, war Kerenski zum Rat der
Russischen Republik gegangen, um seinen Rücktritt anzubieten. Ich
stürmte nach dem Marienpalast und kam noch gerade zurecht, um den
Schluß der leidenschaftlichen und ziemlich konfusen Rede Kerenskis
zu hören, mit der er seine eigene Politik zu verteidigen suchte
und die heftigsten Anklagen gegen seine Gegner schleuderte: "Ich
zitiere hier die charakteristischsten Stellen aus einer ganzen
Reihe von Artikeln, die im "Rabotschi Put" Uljanow - Lenin
veröffentlicht hat, ein Hochverräter, der sich gegenwärtig
verborgen hält und den aufzufinden wir uns bemühen ... Dieser
Hochverräter hört nicht auf, das Proletariat und die Petrograder
Garnison zur Wiederholung der Versuche vom 16. Bis 18. Juli
aufzuhetzen, und ist der hartnäckigste Befürworter eines
sofortigen bewaffneten Aufstandes ... Neben ihm haben andere
bolschewistische Führer in zahlreichen Versammlungen zur
sofortigen bewaffneten Erhebung aufgefordert. Insbesondere ist der
Tätigkeit des derzeitigen Vorsitzenden des Petrograder Sowjets,
Bronstein - Trotzki, Beachtung zu schenken. Ich muß
feststellen...., daß die Schreibweise einer ganzen Reihe von
Artikeln im "Rabotschi Put" und "Soldat sich absolut nicht
unterscheidet von der der "Nowaja Rus" ... Wir haben es hier nicht
mit der Bewegung einer politischen Partei zu tun, sondern mit der
Ausbeutung der politischen Unwissenheit und verbrecherischen
Instinkte eines Teiles der Bevölkerung, mit einer Organisation,
deren Ziel es ist, in Rußland um jeden Preis Zerstörung und
Plünderung zu provozieren; denn angesichts des gegebenen geistigen
Zustandes der Massen wird jede Aktion in Petrograd die
schrecklichsten Metzeleien auslösen, die den Namen des freien
Rußlands mit ewiger Schande bedecken werden... ...Nach dem
Eingeständnis Uljanow - Lenins selbst befindet sich der
extrem-linke Flügel der Sozialdemokraten in Rußland in einer sehr
günstigen Lage." (Kerenski zitiert hier den folgenden Auszug aus
einem Leninschen Artikel): ",Man bedenke nur: die Deutschen haben
... mit nur einem Liebknecht ... ohne Presse, ohne
Versammlungsfreiheit, ohne Sowjets, trotz der ungeheuren
Feindseligkeit aller Bevölkerungsklassen ...einen Aufstand ...
begonnen. Wir aber, die wir Dutzende von Zeitungen, die wir
Versammlungsfreiheit haben, über die Mehrheit in den Sowjets
verfügen, wir, die bestgestellten proletarischen
Internationalisten in der ganzen Welt, wir sollen darauf
verzichten, die deutschen Revolutionäre durch unseren Aufstand zu
unterstützen.'". Kerenski fuhr fort: "Die Organisatoren des
Aufstandes erkennen also ausdrücklich an, daß wir jetzt die
vollkommensten Bedingungen für die Freiheit des Handelns für jede
politische Partei haben, in diesem Rußland, das von einer
Provisorischen Regierung regiert wird, an deren Spitze nach der
Meinung dieser Partei ,ein Usurpator steht, ein Mann der sich an
die Bourgeoisie verkauft hat', mit einem Wort - der
Ministerpräsident Kerenski ... ...Die Organisatoren des Aufstandes
kommen nicht dem deutschen Proletariat zu Hilfe, sondern den
deutschen herrschenden Klassen, und sie öffnen die russische Front
den Eisenfäusten Wilhelms und seiner Freunde ... Für die
Provisorische Regierung ist es gleichgültig, was für Motive diese
Leute leiten, ob sie bewußt handeln oder unbewußt. In vollem
Bewußtsein nenne ich dieses Vorgehen einer russischen politischen
Partei den Verrat an Rußland! Ich stelle mich entschieden auf den
Rechtsstandpunkt und fordere die sofortige Einleitung einer
Untersuchung und die Vornahme der notwendigen Verhaftungen"
(Stürmische Unterbrechungen auf der Linken.) "Hören Sie mir zu" -
rief er mit mächtiger Stimme - "in dem Moment, da bewußter oder
unbewußter Verrat die Sicherheit des Staates gefährdet, sind die
Mitglieder der Provisorischen Regierung -und ich mit ihnen -
entschlossen, eher zu sterben, als das Leben, die Ehre und
Unabhängigkeit Rußlands zu verraten."
In
diesem Augenblick wurde Kerenski ein Flugblatt gereicht. "soeben
erhalte ich den Befehl, den sie an die Regimenter verteilen. Hören
Sie den Inhalt." Er liest: ",Der Petrograder Sowjet ist bedroht.
Wir befehlen die sofortige kriegsmäßige Mobilisierung der
Regimenter. Sie haben sich bereit zu halten und neue Befehle
abzuwarten. Jede Verzögerung oder Verweigerung dieses Befehls wird
als Verrat an der russischen Revolution gewertet. Das
Revolutionäre Militärkomitee. Für den Vorsitzenden, Podwoiski. Der
Sekretär, Antonow.'
Das ist wahrlich ein Versuch, den Pöbel gegen die bestehende
Ordnung aufzuwiegeln, die Konstituierende Versammlung zu vereiteln
und den mit der eisernen Faust Wilhelms zusammengeschweißten
Regimentern die russische Front zu öffnen. Ich sage absichtlich
,Pöbel', weil die bewußte Demokratie und ihr
Zentralexekutivkomitee der Sowjets, weil alle Armeeorganisationen,
alles, worauf das freie Rußland stolz ist und stolz sein darf, die
Vernunft, die Ehre und das Gewissen der großen russischen
Demokratie, gegen dergleichen protestieren. Ich bin nicht
hierhergekommen, um zu bitten, sondern um meiner festen
Überzeugung Ausdruck zu geben, daß die unsere junge Freiheit
verteidigende Provisorische Regierung - daß der neue, einer
herrlichen Zukunft entgegengehende russische Staat die einmütige
Unterstützung aller finden wird, mit Ausnahme höchstens jener, die
nie gewagt haben, der Wahrheit ins Antlitz zu schauen ...
...Die Provisorische Regierung hat niemals die Freiheit der
Staatsbürger, von ihren politischen Rechten Gebrauch zu machen,
angetastet ... Jetzt aber, in dieser Stunde, erklärt die
Provisorische Regierung: Jene Gruppen und Parteien, die es gewagt
haben, ihre Hand gegen den freien Willen des russischen Volkes zu
erheben, und die damit drohen, die Front den Deutschen zu öffnen,
müssen mit Entschlossenheit liquidiert werden. Möge Petrograds
Bevölkerung wissen, daß sie eine feste Gewalt finden wird.
Vielleicht werden noch in letzter Stunde Vernunft, Bewußtsein und
Ehre in dem Herzen derer den Sieg davontragen, die sie noch nicht
völlig verloren haben...."
Während dieser ganzen Rede herrschte in dem Saal ohrenbetäubender
Lärm. Nachdem der Ministerpräsident geendet und blassen Gesichts
und von Schweiß durchnässt mit seinem Offiziersgefolge den Saal
verlassen hatte, traten die Redner der Linken und des Zentrums
auf, einer nach dem andern heftige Angriffe gegen die vor Wut
schäumende Rechte schleudernd. Sogar die Sozialrevolutionäre,
durch den Mund von Goz: "Die Politik der Bolschewiki ist gewiß
demagogisch und verbrecherisch, sie beutet die Unzufriedenheit der
Volksmassen aus. Aber es gibt eine ganze Reihe Forderungen der
Volksmassen, die bis heute noch nicht erfüllt sind ... die Frage
des Friedens, die Landfrage und die Frage der Demokratisierung der
Armee sollten in einer Wiese gestellt werden, daß kein Soldat,
Bauer oder Arbeiter den geringsten Zweifel hätte, daß die
Regierung fest und unerschütterlich daran arbeitet, alle diese
Fragen zu lösen ... Wir und die Menschewiki denken nicht daran,
eine Regierungskrise herbeizuführen, und wir sind bereit, die
Provisorische Regierung mit unserer ganzen Energie zu verteidigen,
bis zu unserm letzten Blutstropfen - wenn nur die Provisorische
Regierung auf alle diese brennenden Fragen die klaren und präzisen
Worte finden wird, die das Volk mit Ungeduld erwartet..."
Dann Martow, empört: "Die Worte des Ministerpräsidenten, der sich
erlaubte, vom Pöbel zu sprechen gegenüber einer Bewegung von, wenn
auch irregeleiteten Teilen des Proletariats und der Armee, sind
eine einzige Aufforderung zum Bürgerkrieg." Die Abstimmung ergab
die Annahme der von der Linken vorgeschlagenen Tagesordnung. Das
bedeutete praktisch ein Mißtrauensvotum.
"1. Die seit einigen Tagen vorbereitete bewaffnete Demonstration
hat den Staatsstreich zum Ziel, sie droht den Bürgerkrieg zu
provozieren, sie schafft Bedingungen, die Pogrome und die
Konterrevolution sowie die Mobilisierung konterrevolutionärer
Kräfte, wie der Schwarzhunderter, begünstigen; sie wird die
Einberufung der Konstituierenden Versammlung unmöglich machen,
wird eine militärische Katastrophe, den Untergang der Revolution
herbeiführen, sie wird das ökonomische Leben des Landes lähmen und
Rußland zugrunde richten.
2.
Die Bedingungen, die diese Agitation begünstigen, wurden durch die
Verzögerung dringender Maßnahmen wie durch objektive Bedingungen
geschaffen, die der Krieg und die allgemeine Unordnung
verursachten. Es ist daher vor allem notwendig, sofort ein Dekret
zu erlassen, das das Land den bäuerlichen Bodenkomitees übergibt;
in den Fragen der Außenpolitik ist ein energisches Vorgehen
vonnöten, indem den Alliierten der Vorschlag gemacht wird, ihre
Friedensbedingungen bekannt zu geben und Friedensverhandlungen zu
beginnen.
3.
Zum Kampf gegen die anarchistischen Manifestationen und Pogrome
ist es unerläßlich, sofort Maßnahmen zu ergreifen, um diese
Bestrebungen zu unterdrücken, und zu diesem Zwecke in Petrograd
ein Komitee für öffentliche Sicherheit zu schaffen, das aus
Vertretern der Stadtverwaltung und den Organen der revolutionären
Demokratie zusammengesetzt ist und im Einvernehmen mit der
Provisorischen Regierung handelt..."
Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre stimmten dieser Resolution
zu. Kerenski ließ Awxentjew zum Winterpalast kommen, um von ihm zu
hören, wie die Abstimmung gemeint war. Für den Fall, daß es ein
Mißtrauensvotum sein sollte, bat er Awxentjew, die Bildung eines
neuen Kabinetts in die Hand zu nehmen. Dan, Goz und Awxentjew
spielten hier ihre Kompromißlerrolle zum letzten Male. Sie
erklärten Kerenski, daß die Abstimmung nicht als eine Kritik der
Regierung gedacht war.
An
der Ecke der Morskaja und des Newski hielten Trupps von Soldaten
mit aufgepflanztem Bajonett sämtliche passierenden
Privatautomobile an, setzten die Insassen auf die Straße und
dirigierten die Wagen nach dem Winterpalast. Eine große
Menschenmenge hatte sich angesammelt und sah dabei zu. Niemand
wußte, zu wem die Soldaten gehörten, ob es Regierungstruppen waren
oder Truppen des Revolutionären Militärkomitees. Die gleichen
Vorgänge spielten sich vor der Kasaner Kathedrale ab. Hier wurden
die Wagen den Newski hinaufdirigiert. Fünf oder sechs Matrosen
kamen daher, mit Gewehren bewaffnet, Übermütig lachend, und
begannen eine Unterhaltung mit zwei von den Soldaten. An den
Mützen hatten sie Bänder mit den Namen der Zwei führenden
bolschewistischen Kreuzer "Aurora" und "Sarja Swobody" (Morgenröte
der Freiheit.) Ich hörte, wie einer von ihnen sagte: "Die
Kronstädter kommen." Das war dasselbe, als wenn 1792 in den
Straßen von Paris jemand gesagt hätte: "Die Marseiller kommen." In
Kronstadt befanden sich fünfundzwanzigtausend Matrosen, alles
überzeugte Bolschewiki, die den Tod nicht scheuten. "Rabotschi i
Soldat" war eben heraus, die ganze Vorderseite füllte eine
Proklamation:
"
Soldaten! Arbeiter! Bürger!
Die Volksfeinde sind in der Acht zum Angriff übergegangen. Die zum
Stab gehörenden Kornilowanhänger versuchen, aus der Umgebung
Offiziersschüler und Stoßbataillone zusammenzuziehen. Die
Offiziersschüler von Oranienbaum und die Angehörigen des
Stoßbataillons in Zarskoje Selo haben sich geweigert auszurücken.
Man plant einen verräterischen Anschlag gegen den Petrograder
Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ...Das Vorgehen der
konterrevolutionären Verschwörer richtet sich gegen den
Gesamtrussischen Sowjetkongreß am Vorabend seiner Eröffnung, gegen
die Konstituierende Versammlung, gegen das Volk. Der Petrograder
Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten steht für die
Revolution auf der Wacht. Das Revolutionäre Militärkomitee leitet
den Widerstand gegen den Ansturm der Verschwörer. Die gesamte
Garnison und das gesamte Proletariat von Petrograd sind bereit,
Den Volksfeinden einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Das
Revolutionäre Militärkomitee ordnet an:
1.
Alle Regiments-, Kompanie- und Mannschaftskomitees mit den
Kommissaren des Sowjets und alle revolutionären Organisationen
müssen in Permanenz tagen und alle Nachrichten über die Pläne und
Aktionen der Verschwörer in ihren Händen konzentrieren.
2.
Kein Soldat darf ohne Genehmigung des Komitees seine Einheit
verlassen.
3.
Es sind unverzüglich zwei Vertreter Einheit und je fünf Vertreter
aller Bezirkssowjets in das Smolny-Institut zu entsenden.
4.
Alle Aktionen der Verschwörer sind unverzüglich dem Smolny-Institut
zu melden.
5.
Alle Mitglieder des Petrograder Sowjets und alle Delegierten des
Gesamtrussischen Sowjetkongresses werden aufgefordert, sofort zu
einer außerordentlichen Sitzung im Smolny zu erscheinen.
Die Konterrevolution hat ihr verbrecherisches Haupt erhoben. Allen
Errungenschaften und Hoffnungen der Soldaten, Arbeiter und Bauern
droht große Gefahr. Aber die Kräfte der Revolution sind den
Kräften ihrer Gegner unermeßlich überlegen. Die Sache des Volkes
ist in festen Händen Die Verschwörer werden vernichtet. Keine
Schwankungen, keine Zweifel! Festigkeit, Standhaftigkeit, Ausdauer
und Entschlossenheit sind vonnöten. Es lebe die Revolution!
Das Revolutionäre Militärkomitee
Im
Smolny tagte ununterbrochen der Petrograder Sowjet. Die
Delegierten waren zum Umfallen müde, sie schliefen während der
Tagung ein, um sich dann plötzlich wieder aufzuraffen und erneut
an der Debatte teilzunehmen. Trotzki, Kamenew, Wolodarski sprachen
sechs, acht und zwölf Stunden am Tag. In dem im ersten Stock
gelegenen Zimmer Nr. 18 hielten die bolschewistischen Delegierten
ihre Besprechungen. Eine rauh Stimme - den Redner selbst konnte
ich in der Menge nicht sehen - sagte: "Die Kompromißler meinen,
wir seien isoliert. Laßt euch nichts einreden. Wenn es losgehen
wird, werden wir sie mit uns mitreißen, und wenn sie nicht wollen,
dann werden sie selber ihre Anhänger verlieren und isoliert
dastehen." Ein Blatt Papier in die Höhe haltend, rief er: "Da
seht, sie kommen schon. Soeben ist ein schreiben der Menschewiki
und Sozialrevolutionäre eingelaufen, in dem diese erklären, daß
sie unsere Aktion zwar verurteilen, daß sie sich aber der Sache
des Proletariats nicht widersetzen wollen, falls die Regierung uns
angreift." (Jubelnder Beifall.)
Als der Abend kam, füllte sich der große Saal mit Soldaten und
Arbeitern. Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets hatte sich
endlich entschlossen, die Delegierten des neuen Sowjetkongresses
offiziell zu empfangen, obwohl dieser Kongreß seinen Sturz und
möglicherweise den Zusammenbruch der von ihm errichteten Ordnung
bedeutete. Indessen hatten in dieser Versammlung nur die
Mitglieder des Zentralexekutivkomitees Stimmrecht. Es war schon
Mitternacht, als Goz die Versammlung eröffnete und Dan unter
allgemeiner Spannung und bedrohlicher Stille das Wort ergriff:
"Tragische Stunden sind es, die wir durchleben. Vor den Toren
Petrograds steht der Feind, und während die demokratischen Mächte
bemüht sind, die Verteidigung zu organisieren, erwarten uns
blutige Kämpfe in den Straßen Petrograds selbst, droht der Hunger
nicht nur unsere einheitliche Regierung, sondern die Revolution zu
vernichten. Die Massen sind krank und erschöpft. Die Revolution
interessiert sie nicht. Schlagen die Bolschewiki los, so wird dies
das Ende der Revolution sein....(Zurufe: "Das ist eine Lüge.")
"die Konterrevolution wartet nur darauf, um gleichzeitig mit den
Bolschewiki den Aufruhr ins Land zu tragen und ein großes Blutbad
anzurichten. Kommt es zu bewaffneten Demonstrationen, dann ade,
Konstituierende Versammlung!" (Zurufe: "Lügner! Schämen Sie
sich!")
"Es ist unerträglich, daß die Petrograder Garnison sich den
Befehlen des Stabes nicht unterordnet ... Ihr müßt den Befehlen
des Stabes und des von euch gewählten Zentralexekutivkomitees
gehorchen. Alle Macht den Sowjets - das würde den Tod bedeuten!
Räuber und Diebe warten nur auf den Augenblick, wo sie ungehindert
plündern und mordbrennen können ... Die Parole ,Hinein in die
Häuser, nehmt euch die Stiefel und Kleider der Bourgeoisie' ..."
(Tumult. Rufe: "Niemals wurde eine solche Parole ausgegeben. Lüge!
Lüge!) "Nun, es mag in anderer Weise beginnen, das Ende würde aber
bestimmt so sein! Das Zentralexekutivkomitee hat absolute
Vollmacht, zu handeln ... Wir fürchtenden Kampf nicht ... Das
Zentralexekutivkomitee wird die Revolution bis zum letzten
Blutstropfen verteidigen..." (Rufe: "Es ist ja selbst schon lange
tot!") Wilder, anhaltender Tumult, den Dan, mit der Faust aufs
Pult schlagend, mit aller Kraft zu überschreien versucht: "Die
dazu auffordern, begehen ein Verbrechen!" Eine Stimme: "Das
Verbrechen begingt ihr, als ihr die Macht nahmt und sie an die
Bourgeoisie ausliefertet!" Goz, heftig die Präsidentenglocke
schwingend: "Ruhe, oder ich lasse Sie hinaussetzen!" Die Stimme:
"Das versuchen Sie nur!" (Beifall und Zischen.)
"Nun zu unserer Politik in der Frage des Friedens." (Gelächter.)
"Leider kann Rußland die Fortsetzung des Krieges nicht
unterstützen. Der Friede wird geschlossen werden, aber nicht ein
dauernder Friede - nicht ein demokratischer Friede ... Wir haben
heute im Rate der Russischen Republik, um Blutvergießen zu
vermeiden, eine Tagesordnung angenommen, die die Übergabe des
Bodens an die Bodenkomitees und sofortige Friedensverhandlungen
fordert...." (Gelächter und Rufe: "Zu spät!")
Dann bestieg, von minutenlangem tosendem Beifallssturm begrüßt,
für die Bolschewiki Trotzki die Tribüne. Mit boshafter Ironie:
"Dans Taktik zeigt in der Tat, daß die Massen - die großen,
stumpfen, indifferenten Massen - mit ihm sind." (Große
Heiterkeit.) Zum Präsidenten gewendet, dramatisch: "Als wir
erklärten, daß das Land den Bauern gegeben werden müsse, da waren
Sie dagegen. Wir sagten den Bauern: ,Wenn sie euch das Land nicht
geben wollen, nehmt es euch selbst.' Die Bauern sind unserm Rat
gefolgt, und jetzt wollen Sie sich einsetzen für Dinge, die wir
vor sechs Monaten schon taten. Kerenskis neuer Befehl über die
Aufhebung der Todesstrafe in der Armee ist ihm nicht von seinen
eigenen Idealen diktiert worden. Es war die Petrograder Garnison,
die ihn überzeugte, indem sie sich weigerte, ihm weiter zu
gehorchen. Heute beschuldigt man Dan, er habe im Rat der
Russischen Republik eine Rede gehalten, die ihn als heimlichen
Bolschewiken entlarvt ...
Es
wird de Tag kommen, wo Dan selbst sagen wird, daß am Aufstand vom
16. bis 18. Juli die Elite der Revolution teilgenommen habe ... In
Dans heutiger Resolution im Rat der Russischen Republik war nicht
mehr die Rede davon, daß die Disziplin in der Armee erhöht werden
muß, obwohl die Propaganda seiner Partei dies mit Nachdruck
fordert. Die Geschichte der letzten sieben Monate zeigt, daß die
Massen den Menschewiki nicht mehr folgen. Die Menschewiki und die
Sozialrevolutionäre besiegten die Kadetten; aber als sie die Macht
erobert hatten, haben sie sie an die Kadetten ausgeliefert. Dan
meint, ihr hättet kein Recht, einen Aufstand zu machen. Nun, ich
sage euch: Die Revolte ist das Recht aller Revolutionäre. Wenn
sich die niedergedrückten Massen erheben, so ist das ihr Recht."
Auf Trotzki folgte Liber, mit Ach-Rufen und ironischem Lachen
empfangen: "Marx und Engels haben gesagt, daß das Proletariat kein
Recht habe, die Macht zu ergreifen, solange es nicht reif ist. In
einer bürgerlichen Revolution, wie die jetzige eine ist, bedeutet
die Machtergreifung durch das Proletariat das tragische Ende der
Revolution. Trotzki muß als sozialdemokratischer Theoretiker
selbst bekämpfen, was er hier verteidigt."
(Rufe: "Schluß! Herunter mit ihm!") Der nächste war Martow, durch
fortgesetzte Zwischenrufe unterbrochen: "Die Internationalisten
sind nicht gegen die Übergabe der Macht an die Demokratie; aber
sie verwerfen die Methoden der Bolschewiki. Der jetzige Moment ist
für die Machtergreifung nicht geeignet."
Wieder ergriff Dan das Wort, heftig protestierend gegen das
Vorgehen des Revolutionären Militärkomitees, das einen Kommissar
in die Redaktion der "Iswestija" entsandt hatte, der die Zeitung
zensieren sollte. Allgemeine wilde Erregung, in der Martow
vergebens versuchte, sich Gehör zu verschaffen. Im ganzen Saal
hatten sich die Delegierten der Armee und der Baltischen Flotte
von ihren Sitzen erhoben und schrieen, daß ihre Regierung der
Sowjet sei. Inmitten dieser Konfusion wurde von Erlich
(Sozialrevolutionär) [hier irrte John Reed: Erlich war ein Führer
der Menschewiki; Anm.] eine Resolution eingebracht, die 1. Die
Arbeiter und Soldaten beschwor, die Ruhe zu bewahren und den
Aufforderungen zu Demonstrationen keine Folge zu leisten, 2. Die
sofortige Bildung eines Sicherheitsausschusses für notwendig
erklärte und 3. Die sofortige Einbringung eines Gesetzes für die
Übergabe des Landes an die Bauern und die unverzügliche Einleitung
von Friedensverhandlungen verlangte. Da aber sprang Wolodarski von
seinem Platz auf und erklärte schroff, daß am Vorabend des
Sowjetkongresses das Zentralexekutivkomitee nicht befugt sei, sich
die Funktionen dieses Kongresses anzumaßen. Das Komitee sei in
Wirklichkeit erledigt und die Resolution nur ein Trick, ihm die
entglittene Macht wieder in die Hände zu spielen. "Wir werden",
sagte er, "uns an dieser Abstimmung nicht beteiligen." Die
Bolschewiki verließen hierauf den Saal, und die Resolution wurde
angenommen. Gegen vier Uhr früh traf ich in der Vorhalle Sorin mit
einem Gewehr. "Wir marschieren", sagte er ernst, aber
augenscheinlich befriedigt. "Wir haben den Vizejustizminister und
den Kulturminister festgesetzt; sie sind unten im Keller. Ein
Regiment ist weg, um die Telefonzentrale zu besetzen, ein anderes
ist zur Telegrafenagentur und ein drittes zur Staatsbank. Auch die
Rote Garde ist unterwegs." Als wir auf die Treppe hinaustraten,
sahen wir die Rote Garde vorbeiziehen: junge Burschen in
Arbeitskleidung, mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten,
aufgeregt miteinander sprechend. Plötzlich, die Stille
unterbrechend, ertönte westwärts fernes Gewehrfeuer. Das waren die
Offiziersschüler, die die Zugbrücken der Newa zu öffnen
versuchten, um den Arbeitern und Soldaten des Wiborgviertels die
Vereinigung mit den Sowjetkräften im Zentrum der Stadt unmöglich
zu machen. Die Kronstädter Matrosen waren jetzt dabei, sie wieder
zu schließen. Hinter uns lag der Smolny, hell erleuchtet und
summend wie ein riesiger Bienenkorb.
  
IV. Der Sturz der provisorischen
Regierung
Mittwoch, 7. November. Ich hatte mich sehr spät erhoben. Vom Peter
- Paul schlug bereits die Mittagsglocke, als ich den Newski
hinunterschritt. Der Tag war kalt und ungemütlich. Vor den
geschlossenen Türen der Staatsbank standen Soldaten mit
aufgepflanztem Bajonett. "Wozu gehört ihr?" fragte ich, "zur
Regierung?" "Die Regierung ist futsch. Slawa Bogu" (Gott sei
Dank). Das war alles was ich herausbekam. Die Straßenbahnen fuhren
wie gewöhnlich, nicht nur innen überfüllt, sondern auch außen
behangen mit Männern, Frauen und kleinen Jungen, die sich
anklammerten, wo nur ein Plätzchen sich fand. Die Läden waren
geöffnet, und die Straßen schienen sogar weniger unruhig als am
Abend vorher. Die Mauern der Häuser waren in der Nacht mit
unzähligen gegen den Aufstand gerichteten Appellen beklebt - an
die Bauern, an die Frontsoldaten, an die Petrograder Arbeiter.
Einer lautete wie folgt:
"
V o n d e r P e t r o g r a d e r S t a d t d u m a !
Die Stadtduma bringt den Bürgern zur Kenntnis, daß sie in einer
außerordentlichen Sitzung vom 6. November ein Komitee für die
öffentliche Sicherheit gebildet hat, das sich zusammensetzt aus
Mitgliedern der Zentralduma und den Stadtbezirksdumas sowie aus
Vertretern der folgenden revolutionären demokratischen
Organisationen: Zentralexekutivkomitee der Sowjets,
Gesamtrussisches Exekutivkomitee der Bauerndeputierten, die
Armeeorganisationen, Zentroflot, Petrograder Sowjet der Arbeiter-
und Soldatendeputierten (!), Gewerkschaftsrat u. a. Zu erreichen
sind die Mitglieder des Komitees für öffentliche Sicherheit im
Haus der Stadtduma. Telefon Nr.15-40, 223-77, 138-36. 7.
November1917"
Dies war (mir wurde das erst später klar) die Kriegserklärung der
Duma an die Bolschewiki. Ich kaufte eine Nummer des "Rabotschi Put",
wie es schien die einzige Zeitung, die zu haben war, und etwas
später, aus zweiter Hand, von einem Soldaten, für fünfzig Kopeken
ein Exemplar des "Den". Das in Großformat in der beschlagnahmten
Druckerei der "Russkaja Wolja" hergestellte Blatt der Bolschewiki
enthielt auf der Vorderseite in großen Lettern die Parolen: "Alle
Macht den Sowjets der Arbeiter, Soldaten und Bauern! Friede, Land,
Brot!" Der Leitartikel war von Sinowjew gezeichnet, der sich, wie
Lenin, verborgen halten mußte. Er begann: "Jeder Soldat und jeder
Arbeiter, jeder wahre Sozialist und jeder ehrliche Demokrat
begreift, daß es heute nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder - die
Macht verbleibt in den Händen der Bourgeoisie und der
Gutsbesitzer, das hieße: Unterdrückung der revolutionären
Arbeiter, Soldaten und Bauern, Fortsetzung des Krieges,
unvermeidliche Hunger und Tod ...,oder die revolutionären
Arbeiter, Soldaten und Bauern übernehmen die Macht, das wäre die
völlige Zerschmetterung der Gutsbesitzertyrannei, die Niederlage
der Kapitalisten, sofortiger Vorschlag eines gerechten Friedens.
Die Bauern würden das Land erhalten, die Arbeiter die Kontrolle
über die Industrie, die Hungernden Brot, der wahnsinnige Krieg
ginge zu Ende!"
Der "Den" enthielt - allerdings sehr unvollständige - Nachrichten
über die Ereignisse der letzten bewegten Nacht: Besetzung der
Telefonzentrale, der Telegrafenagentur und des Baltischen Bahnhofs
durch die Bolschewiki; die Offiziersschüler von Peterhof
außerstande, nach Petrograd zu kommen; die Kosaken unentschlossen;
Verhaftung einiger Minister; Erschießung Mejers, des Chefs der
Stadtmiliz. Verhaftungen, Gegenverhaftungen; Handgemenge zwischen
Soldaten, Offiziersschülern und Rotgardisten! An der Ecke der
Morskaja traf ich den Hauptmann Gomberg, Sekretär der
Militärsektion der menschewistischen Sozialpatrioten. Auf meine
Frage, ob der Aufstand wirklich stattgefunden habe, zuckte ermüde
die Achseln. "Tschort snajet" (Weiß der Teufel.) "Vielleicht
gelingt es den Bolschewiki in der Tat die Macht an sich zu reißen;
aber sie werden sie keine drei Tage halten können. Es fehlen ihnen
die Männer, die fähig wären, die Regierungsgeschäfte zu führen.
Vielleicht ist es ganz gut, sie den Versuch machen zu lassen. Sie
werden um so schneller abwirtschaften..." Das Militärhotel an der
Ecke des St. Isaak - Platzes war von bewaffneten Matrosen
umstellt. In der Hotelhalle waren viele elegante junge Offiziere,
aufgeregt auf und ab gehend oder miteinander flüsternd. Die
Matrosen ließen niemand heraus. Plötzlich ein Gewehrschuß, darauf
das Geknatter einer ganzen Salve. Ich rannte hinaus. Am
Marienpalast, dem Sitz des Rates der Russischen Republik, schien
sich etwas ereignet zu haben. Quer über den weiten Platz waren in
langen Reihen Soldaten mit schußbereiten Gewehren aufmarschiert
und starrten zu Dach des Gebäudes empor. "Provokazia! Auf uns
wurde geschossen!" schrie einer, während ein anderer zur Tür lief.
An der Westecke des Palastes stand ein Panzerauto, rotbeflaggt und
mit roten, noch frischen Schriftzeichen: "SRSD" (Sowjet der
Arbeiter- und Soldatendeputierten). Seine Geschütze waren auf den
St.-Isaaks-Platz gerichtet. Am Ausgang der Nowaja Uliza erhob
sich, die Passage versperrend, eine Barrikade aus Kisten, Fässern,
einer alten Matratze, einem umgestürzten Wagen. Am Ende des Moika-Ufers
lag, denn Zugang hindernd, ein großer Haufen geschnittenen Holzes.
Auch entlang der ganzen Häuserfront waren Holzklötze, die von
einem in der Nachbarschaft lagernden Stapel stammten, zu einer
Brustwehr aufgeschichtet. "Erwarten Sie denn hier Kämpfe?" fragte
ich. "Das wird bald losgehen", antwortete aufgeregt ein Soldat.
"Gehen Sie weg, Genosse, sonst werden Sie zu Schaden kommen. Sie
müssen von dort drüben kommen." Dabei zeigte er in Richtung der
Admiralität. "Wer muß kommen?" "Das kann ich nicht sagen,
Brüderchen", antwortete er und spuckte aus.
Vor dem Tore des Palastes eine Ansammlung von Matrosen und
Soldaten, denen ein Matrose von dem Ende des Rates der Russischen
Republik erzählte: "Wir gingen hinein, postierten an allen
Ausgängen unsere Genossen, und dann ging ich zu dem den Vorsitz
führenden Konterrevolutionär hin und sagte einfach: ,Schluß mit
dem Rat. Geht schnell nach Hause.'" Die Umstehenden lachten. Alle
möglichen Ausweispapiere schwingend, gelang es mir, bis zur Tür
der Pressegalerie vorzudringen. Dort aber hielt mich ein riesiger
Matrose an, der, als ich ihm meinen Ausweis zeigte, lächelnd
sagte: "Lieber Genosse, wenn Sie St. Michael selber wären, könnten
Sie doch nicht passieren." Durch die Scheiben der Tür bemerkte ich
das wutverzerrte Gesicht und die gestikulierenden Arme eines dort
eingeschlossenen französischen Korrespondenten .....
Nicht weit entfernt stand, von einem Haufen Soldaten umringt, ein
kleiner graubärtiger Mann in der Uniform eines Generals, mit vor
Erregung hochrotem Gesicht. "Ich bin General Alexejew", schrie er,
"als Ihr vorgesetzter Offizier und Mitglied des Rates der
Russischen Republik fordere ich Sie auf, mich passieren zu
lassen." Der Posten kratzte sich den Kopf, im unklaren, was er
machen sollte. Er rief einen sich nähernden Offizier heran, der
sehr aufgeregt wurde, als er sah, wen er vor sich hatte, und
stramm militärisch grüßte, noch ehe er begriff, was er tat.
"Exzellenz", stammelte er in der unter dem alten Regime üblichen
Manier, "der Zutritt zum Palast ist strikt untersagt, und ich habe
keine Befugnis-." Ein Automobil kam vorüber. Ich erkannte den im
Wagen sitzenden Goz, der die Situation anscheinend sehr
belustigend fand und laut lachte. Dann ein zweites Auto, auf dem
Vordersitz bewaffnete Soldaten, im Wageninnern verhaftete
Mitglieder der Provisorischen Regierung. Plötzlich sah ich Peters,
ein lettisches Mitglied des Revolutionären Militärkomitees, über
den Platz gelaufen kommen. "Ich denke, Sie hatten alle diese
Herrschaften schon gestern abend festgesetzt", sagte ich, auf das
Auto weisend. "Ach", antwortete er mit einer unzufriedenen
Grimasse, "diese Dummköpfe haben die meisten wieder laufen lassen,
noch ehe wir uns klargeworden waren, was wir eigentlich
wollten...." Den Woskressenski- Prospekt hinunter waren gewaltige
Scharen Matrosen aufmarschiert, dahinter, soweit das Auge reichte,
Soldaten. Wir gingen durch den Admiraltejski- Prospekt zum
Winterpalast. Sämtliche Zugänge zum Schloßplatz waren von Wachen
besetzt, die niemand passieren ließen, und quer über den ganzen
westlichen Teil des Platzes zog sich ein Truppenkordon, von einem
Haufen aufgeregter Bürger umlagert. Mit Ausnahme einiger weiter
entfernter Soldaten, die aus dem Schloßhof Holz zu holen schienen,
um es an der Vorderseite zu einer Art Brustwehr aufzustapeln, war
alles ruhig. Es war nicht möglich, herauszubekommen, ob die Wachen
zur Regierung gehörten oder zu den Sowjets. Unsere im Smolny
ausgestellten Passierscheine nützten uns indessen nichts, und so
näherten wir uns der Linie von einer anderen Seite, zeigten mit
wichtiger Miene unsere amerikanischen Pässe vor, erklärten, daß
wir in "amtlichen Geschäften!" kämen und - schlüpften durch. An
der Tür nahmen uns die gleichen alten Palastdiener in ihren mit
gelben Messingknöpfen besetzten Uniformen mit rot- und
goldverziertem Kragen höflich unsere Hüte und Mäntel ab, und wir
gingen nach oben. In den dunklen, trüben, ihrer Wandverkleidung
beraubten Korridoren lungerten einige alte Diener herum, und vor
Kerenskis Tür schritt ein junger Offizier auf und nieder, seinen
Schnurrbart kauend. Wir fragten, ob wir den Ministerpräsidenten
sprechen könnten. Er verbeugte sich höflich und schlug die Hacken
zusammen.
"Nein, ich bedauere", sagte er auf französisch. "Alexander
Fjodorowitsch ist sehr beschäftigt..." Er musterte uns einen
Moment und fügte hinzu: "Er ist gar nicht hier..." "Wo ist er
denn?" "Er ist zur Front gefahren. Wissen Sie, er hatte nicht
einmal genügend Brennstoff für sein Auto, wir waren daher
gezwungen, die Hilfe des englischen Hospitals in Anspruch zu
nehmen." "Sind die Minister hier?" "Die tagen hier in irgendeinem
Raum. Wo, weiß ich nicht." "Was meinen Sie, werden die Bolschewiki
kommen?" "Gewiß, die kommen sicher, Ich erwarte jede Minute die
telefonische Meldung, daß sie anrücken. Wir sind jedoch bereit.
Wir haben die Offiziersschüler hier. In der Vorderseite des
Palastes. Dort, durch diese Tür." "Können wir dort hinein?" "Nein,
gewiß nicht. Das ist nicht gestattet." Hastig schüttelte er uns
allen die Hand und ging davon. Wir wandten uns der verbotenen Tür
zu, die durch eine den Saal teilende provisorische Wand führte und
von außen verschlossen war. Von der anderen Seite hörten wir
Stimmen. Irgendwer lachte. Sonst Grabesstille in den weiten Räumen
des alten Palastes. Ein alter Diener kam herbeigelaufen. "Aber
nicht doch, Barin, da können Sie nicht hinein." "Warum ist die Tür
verschlossen?" "Um die Soldaten festzuhalten", versetzte er, und
einige Minuten später etwas von "Tee holen wollen" murmelnd, ging
er nach dem hinteren Teil des Saals davon. Wir öffneten die Tür.
Unmittelbar vor uns standen ein paar Wachen, die indes nichts
sagten. Am Ende des Korridors war ein großer geschmückter Raum mit
vergoldeter Deckenverzierung und riesigen Kristallkronleuchtern
und dahinter mehrere kleine Zimmer mit dunkler Holztäfelung. Auf
dem Parkettboden lagen zu beiden Seiten lange Reihen schmutziger
Matratzen und Decken, auf denen sich faul Soldaten rekelten.
Überall war ein wüstes Durcheinander von Zigarettenenden,
Brotresten, Kleidungsstücken und leeren Weinflaschen. In der
schier unerträglichen Atmosphäre von Tabaksqualm und ungewaschenen
Menschenmassen kamen immer mehr Soldaten zum Vorschein, mit den
roten Achselstücken der Offiziersschulen. Einer hatte eine Flasche
weißen Burgunders, die offenbar aus den Kellereien des Palastes
stammte. Sie sahen uns verwundert nach, als wir so von Raum zu
Raum wanderten, bis wir zu einer Reihe mächtiger Staatssalons
kamen, deren lange schmutzige Fensterreihen nach dem Schloßplatz
blickten. Die Wände bedeckten riesige Gemälde in massiven
Goldrahmen, Schlachtenszenen aus der russischen Geschichte: "12.
Oktober 1812" und "6. November 1812" und "16.-28. August 1813".
Eines der Bilder war an der rechten oberen Ecke beschädigt. Das
ganze war - nach dem Zustand der Wände und des Fußbodens zu
urteilen - offenbar schon seit Wochen eine einzige große Kaserne.
Auf den Fensterbänken sah ich schußfertige Maschinengewehre,
zwischen den Lagerstätten Gewehrpyramiden. In die Betrachtung der
Bilder versunken, fühlte ich plötzlich zu meiner Linken einen
intensiven Alkoholdunst. Dann eine Stimme in hartem, aber
fließendem Französisch: "Ah, die Herrschaften sind Ausländer. Ihre
Art, die Bilder zu bewundern, sagt mir das." Ein kleiner,
gedunsener Mensch, der, als er die Mütze lüftete, einen kahlen
Kopf zeigte. "Amerikaner? Sehr erfreut. Ich bin Stabshauptmann
Wladimir Arzybaschew. Ganz zu ihren Diensten." Er schien absolut
nicht verwundert, daß vier Ausländer, darunter eine Frau, die
Kampfstellungen einer Armee durchwandern, die jeden Augenblick den
Angriff erwartet. Er beklagte den Zustand Rußlands. "Wenn es nur
die Bolschewiki wären". Sagte er. "aber die ganze glänzende
Tradition der russischen Armee ist niedergebrochen. Blicken Sie um
sich. Die Leute, die Sie hier sehen, sind alles Offiziersschüler,
Anwärter für die Offizierslaufbahn. Aber haben sie das Aussehen
von Gentlemen? Kerenski hat die Offiziersschulen allen geöffnet,
auch dem einfachen Soldaten, sofern er nur ein Examen zu machen in
der Lage war. Natürlich sind nun sehr, sehr viele von der
Revolution angesteckt..." Ohne Umstände wechselte er das Thema.
"Ich möchte lieber heute als morgen Rußland verlassen. Ich habe
mich entschlossen, zur amerikanischen Armee zu gehen. Wollen Sie
das bitte bei ihrem Konsul in die Wege leiten? Ich gebe ihnen
meine Adresse." Da half kein Protest; er schrieb sie auf ein stück
Papier, und gleich schien ihm leichter ums Herz zu sein. Ich habe
sie heute noch: "2. Offiziersschule Oranienbaum, Alter Petershof".
"Wir hatten heute morgen Parade", fuhr er fort, während er uns
durch die Zimmer führte. "Das Frauenbataillon hat beschlossen, zur
Regierung zu halten." "Ist das Frauenbataillon im Palast?" "Ja, in
den hinteren Räumen. Dort ist es in Sicherheit, wenn es zu Kämpfen
kommen sollte." Seufzend: "Die Verantwortung ist groß." Wir
standen einen Augenblick am Fenster und blickten auf den Platz vor
dem Palast hinunter, wo drei Kompanien Offiziersschüler in langen
Mänteln und bewaffnet aufmarschiert waren. Ein hochgewachsener,
energisch blickender Offizier, in dem ich Stankewitsch, den Chef
des Militärkommissariats der Provisorischen Regierung erkannte,
sprach zu ihnen. Nach einigen Minuten schulterten zwei der
Kompanien ihre Gewehre, stießen drei scharfe Hurras aus und
marschierten über den Platz durchs Rote Tor der Stadt zu. "Sie
wollen die Telefonzentrale besetzen", sagte irgendjemand. Drei
Kadetten standen neben uns, und wir kamen ins Gespräch. Sie
erzählten, sie seien aus den Reihen der einfachen Soldaten in die
Schule gekommen, und nannten uns ihre Namen: Robert Olew, Alexej
Wassilenko und Erni Sachs, ein Este. Aber jetzt wollten sie nicht
mehr Offizier werden, weil die Offiziere sehr unbeliebt seien. Sie
wußten anscheinend nicht recht, was sie tun sollten. Fest stand
jedenfalls, daß sie nicht sehr glücklich waren.
Bald aber fingen sie an, große Reden zu führen. "Wenn die
Bolschewiki kommen, werden wir ihnen zeigen, was kämpfen heißt.
Die wagen es ja nicht. Das sind doch alles Feiglinge. Wenn wir
aber doch überwältigt werden sollten, nun ja, dann behält jeder
eine Patrone für sich selbst..." Da plötzlich in nicht allzu
weiter Entfernung Gewehrfeuer. Draußen auf dem Platze begannen die
Leute zu rennen und warfen sich flach auf den Boden. Die an den
Ecken haltenden Droschken rasten davon. Auch im Palast war
allgemeine Aufregung, Soldaten liefen wild durcheinander, ihre
Gewehre und Patronengürtel greifend und schreiend: "Sie kommen,
sie kommen!"... Nach einigen Minuten war alles wieder ruhig. Die
Droschken kamen zurück, und die am Boden liegenden Leute erhoben
sich. Durchs Rote Tor kamen die Offiziersschüler gezogen, nicht
mehr ganz im Schritt marschierend, einer von ihnen auf zwei
Kameraden gestützt. Wir verließen den Palast ziemlich spät. Am
Platze waren die Wachen verschwunden. Das weite Halbrund der
Regierungsgebäude lag wie ausgestorben. Wir gingen in das Hotel
France, um zu essen. Wir waren noch bei der Suppe, als der Kellner
mit todblassem Gesicht hereinkam und uns aufforderte, für den Rest
des Essens in den Hauptspeisesaal im hinteren teil des Hauses zu
kommen, weil die Lichter ausgemacht werden sollten. "Es wird eine
große Schießerei geben", sagte er. Als wir wieder an der Morskaja
anlangten, herrschte tiefe Dunkelheit. Nur an der Ecke des Newski
flackerten ein paar Straßenlaternen. Darunter stand ein großer
Panzerwagen mit laufendem Motor, der schwarze Rauchwolken
ausstieß. Ein kleiner Junge war daran hochgeklettert und starrte
in den Lauf eines Maschinengewehrs. Überall standen Matrosen und
Soldaten, offenbar auf irgend etwas wartend. Wir gingen zum Roten
Tor zurück. Auch dort war ein Haufe von Soldaten versammelt, zu
den hellerleuchteten Fenstern des Winterpalastes hinaufstarrend
und laut miteinander redend.
"Aber nein, Genossen!" hörte ich einen sagen. "Wir können
unmöglich schießen. Das Frauenbataillon ist drinnen. Man würde
sagen, wir schössen auf russische Frauen." Am Newski kam wieder
ein Panzerauto um die Ecke gebogen, und ein Mann schrie, seinen
Kopf aus dem Türmchen heraussteckend: "Los, hinüber und
angegriffen!" Der Führer eines anderen Autos kam heran und schrie,
den Lärm des arbeitenden Motor übertönend: "Das Komitee sagt, wir
sollen warten. Die haben da Artillerie hinter ihren
Holzstapeln..." Straßenbahnen fuhren hier nicht, man sah kaum
einen Fußgänger, die Laternen waren gelöscht. Ein paar Straßen
weiter jedoch ging das Leben seinen gewohnten Gang: überfüllte
Straßenbahnen, auf und nieder wogende Menschenmassen, erleuchtete
Schaufenster, die Reklamezeichen der Lichtspieltheater. Wir hatten
Einlaßkarten für das Ballett des Marientheaters - alle Theater
waren geöffnet -; wir fanden es jedoch draußen interessanter....
In der Dunkelheit bahnten wir uns mühsam unseren Weg über Haufen
geschnittenen Holzes, die den Zugang zur Polizeibrücke versperrte,
und sahen vor dem Stroganowpalast einige Soldaten, beschäftigt,
ein Dreizollfeldgeschütz in Stellung zu bringen. Soldaten in den
allerverschiedensten Uniformen liefen ziellos hin und her,
unablässig redend... Den Newski hinab promenierten unübersehbare
Menschenmassen. Die ganze Stadt war offenbar unterwegs. An jeder
Straßenecke Ansammlungen und hitzige Debatten. Wachposten standen
an den Kreuzungen, jeweils ein Dutzend Soldaten mit aufgepflanztem
Bajonett.; rotgesichtige alte Männer in kostbaren Pelzmänteln
drohten ihnen mit der Faust, elegant gekleidete Frauen kreischten
Verwünschungen. Die Soldaten lächelten verlegen, gaben
ausweichende Antworten... Panzerwagen fuhren die Straße auf und
ab. Sie trugen die Namen der alten Zaren - Oleg, Rurik, Swjatoslaw
- und in riesengroßen Buchstaben aufgemalt die Aufschrift "RSDRP"
(Rossiskaja Sozial-Demokratitscheskaja Rabotschaja Partija -
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands). Am Michailowski
erschien ein Mann, den Arm voller Zeitungen, und war sofort
umringt von einer wütenden Menge, die, einen Rubel, fünf und zehn
Rubel bietend, sich um die Zeitungen raufte. Es war "Rabotschi i
Soldat", ein vierseitiges Blättchen in kleinem Format und
Riesenlettern, das den Sieg der proletarischen Revolution und die
Befreiung der noch immer in den Kerkern schmachtenden Bolschewiki
ankündigte und die Truppen der Front zur Verteidigung der
Revolution aufforderte. Im übrigen enthielt das Blatt nichts
wesentlich Neues... An der Ecke der Sadowaja waren über
zweitausend Menschen versammelt und starrten zum Dach eines hohen
Gebäudes empor, wo ab und zu ein kleiner roter Funke aufglühte.
"Seht!" sagte ein hochgewachsener Bauer hinaufzeigend. "Ein
Provokateur. Gleich wird er auf die Leute schießen..." Anscheinend
dachte niemand daran, den Vorgang zu untersuchen.
Wir waren am Smolny, dessen massige Fassade ganz in Licht getaucht
war. Aus dem Dämmer der angrenzenden Straßen ergossen sich endlose
Scharen dunkler Gestalten. Ein unaufhörliches An- und Abfahren von
Automobilen und Motorrädern. Aus dem Torweg ratterte ein riesiges
elefantenfarbenes Panzerauto mit zwei vom Turm flatternden roten
Fahnen. Es war kalt, und die am äußeren Tor postierten
Rotgardisten hatten ein Feuer angezündet. Auch am Innentor war ein
Feuer, bei dessen flackerndem Schein die Wachen schwerfällig
unsere Ausweise durchbuchstabierten und uns von oben bis unten
musterten. Von den zu beiden Seiten des Torweges aufgestellten
vier Maschinengewehren waren die Segeltuchdecken abgenommen, und
von den Bodenstücken hingen die Patronengurte herab. Unter den
Bäumen im Hofe stand eine dunkle Herde Panzerautos mit ratterndem
Motor. Die endlos langen, kahlen, fast dunklen Korridore hallten
wider von dem dumpfen Getöse marschierender Füße, von Rufen und
Schreien. Aus dem Treppenhaus wälzte sich eine dunkle Menge:
Arbeiter in Blusen und runden schwarzen Pelzmützen, die meisten
mit Gewehren bewaffnet; Soldaten in rauhen, erdfarbenen Mänteln
und grauen, flachgedrückten Pelzmützen; dann und wann ein Führer -
Lunatscharski, Kamenew - inmitten dahineilender, aufgeregt
redender Gruppen, mit abgespannten besorgten Gesichtern, riesige
Aktenbündel unter dem Arm. Die außerordentliche Sitzung des
Petrograder Sowjets war eben vorüber. Ich hielt Kamenew an, einen
beweglichen Mann mit breitem, lebhaften Gesicht und kurzem
gedrungenem Hals. Ohne Umstände zu machen , las er mir in
fließendem Französisch die eben angenommene Resolution vor: "Der
Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten begrüßt
die siegreiche Revolution des Proletariats und der Garnison
Petrograds. Der Sowjet hebt insbesondere die Geschlossenheit,
Organisiertheit und Disziplin sowie die völlige Einmütigkeit
hervor, die die Massen bei diesem außergewöhnlich unblutigen und
außergewöhnlich erfolgreichen Aufstand an den Tag gelegt haben.
Der Sowjet bringt seine unerschütterliche Überzeugung zum
Ausdruck, daß die Arbeiter-und-Bauern-Regierung, die von der
Revolution als Sowjetregierung geschaffen wird und die dem
städtischen Proletariat die Unterstützung seitens der ganzen Masse
der armen Bauernschaft sichert, unbeirrt zum Sozialismus schreiten
wird, dem einzigen Mittel zur Rettung des Landes vor den
unsagbaren Leiden und Schrecken des Krieges. Die neue
Arbeiter-und-Bauern-Regierung wird sofort allen kriegführenden
Völkern einen gerechten demokratischen Frieden anbieten. Sie wird
sofort das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden aufheben
und den Boden den Bauern übergeben. Sie wird die Arbeiterkontrolle
über die Produktion und Verteilung der Produkte sowie die
allgemeine Kontrolle des Volkes über die Banken einführen und
diese gleichzeitig in ein einziges Staatsunternehmen verwandeln.
Der Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten
fordert alle Arbeiter und die gesamte Bauernschaft auf, die
Arbeiter- und Bauernrevolution mit aller Energie und Hingabe zu
unterstützen. Der Sowjet bringt seine Überzeugung zum Ausdruck,
daß die städtischen Arbeiter im Bunde mit der armen Bauernschaft
eine unbeugsame kameradschaftliche Disziplin an den Tag legen und
die straffste revolutionäre Ordnung schaffen werden, die für den
Sieg des Sozialismus notwendig ist. Der Sowjet ist überzeugt, daß
das Proletariat der westeuropäischen Länder uns helfen wird, die
Sache des Sozialismus zum vollen und dauernden Siege zu führen."
"Dann meinen Sie also gesiegt zu haben?" Er zuckte die Schultern.
"Vorläufig haben wir noch schrecklich viel zu tun. Wir stehen erst
am Anfang." Auf der Treppe traf ich Rjasanow, den
stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaften, der finster
blickend an seinem grauen Bart kaute. "Verrückt! Total verrückt!"
schrie er. "Die europäischen Arbeiter denken gar nicht daran, zu
marschieren. Das ganze Rußland..." Er hob den Arm zu einer
zerstreuten Geste und rannte davon. Rjasanow und Kamenew hatten
beide gegen den Aufstand gesprochen und waren von Lenin scharf
zurechtgewiesen worden. Es war eine bedeutsame Sitzung gewesen. Im
Namen des Revolutionären Militärkomitees hatte Trotzki das Ende
der Provisorischen Regierung verkündet. "Die Eigentümlichkeit
bürgerlicher Regierungen ist, daß sie das Volk betrügen. Wir, die
Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerdeputierten, sind im
Begriff, ein Experiment zu machen, das in der Geschichte nicht
seinesgleichen hat. Wir gehen daran, eine Regierung zu bilden, die
kein anderes Ziel kennen wird als das Wohlergehen der Arbeiter-,
Soldaten- und Bauernmassen."
Lenin war erschienen. Von ungeheurem Beifallssturm begrüßt, sagte
er die siegreiche Erhebung des Proletariats in der ganzen Welt
voraus.
Sinowjew: "Das russische Proletariat hat mit dem heutigen Tage
seine Schuld gegenüber dem internationalen Proletariat beglichen.
Wir haben einen fürchterlichen Schlag gegen den Krieg geführt,
einen tödlichen Schlag gegen alle Imperialisten und gegen den
Henker Wilhelm im besonderen."
Dann hatte Trotzki mitgeteilt, daß man die Front von dem Sieg der
Revolution in Kenntnis gesetzt habe, daß aber bisher keine Antwort
eingetroffen sei. Gegen Petrograd seien vielmehr Truppen in
Anmarsch, und man müsse an diese eine Delegation entsenden, um
ihnen die Wahrheit mitzuteilen. Rufe. "Ihr greift dem Willen des
Gesamtrussischen Sowjetkongresses vor!" Was Trotzki zu der kühlen
Bemerkung veranlaßte: "Es ist der Aufstand der Petrograder
Arbeiter und Soldaten, der dem Sowjetkongreß vorgegriffen hat."
Wir hatten Mühe, uns durch die lärmenden Massen hindurchzuzwängen,
die den Eingang des großen Sitzungssaales belagerten. In
qualvoller Enge saßen hier auf ihren Sitzen, auf allen
Fensterbänken, auf dem Rand der Tribüne die Vertreter der Arbeiter
und Soldaten ganz Rußlands. Die einen in betretenem Schweigen, die
anderen wild erregt, erwarteten sie das Glockenzeichen des
Präsidenten. Der Saal war nicht geheizt, aber die ungewaschenen
Menschenleiber verbreiteten eine stickige Hitze. Über der Masse
hing, schwer und atembeklemmend, stinkiger Zigarettenqualm. Dann
und wann stieg jemand auf die Tribüne und forderte die Versammlung
auf, das Rauchen einzustellen, worauf alle - die Raucher nicht
ausgenommen - in den Ruf einstimmten: "Nicht rauchen, nicht
rauchen!" und unentwegt weiterqualmten. Ich fand einen Platz neben
Petrowski, einem anarchistischen Delegierten aus dem Obuchow-Werk,
der, unrasiert und schmutzig, sich vor Müdigkeit kaum aufrecht
halten konnte. Er hatte drei Nächte hindurch, ohne zu schlafen, im
Revolutionären Militärkomitee gearbeitet. Auf der Tribüne die
Führer des alten Zentralexekutivkomitees - zum letztenmal saßen
sie über den Sowjets, die sie vom ersten Tag an beherrscht und die
sich nun gegen sie erhoben hatten. Die erste Etappe der russischen
Revolution, die in ruhige Bahnen zu lenken sie sich so große Mühe
gegeben hatten, war zu Ende. Ihre drei bedeutendsten Vertreter
fehlten in der Versammlung. Kerenski auf der Flucht zur Front
durch ein in Aufruhr geratenes Land. Der alte Adler Tscheidse, der
sich in grimmiger Verachtung in seine georgischen Berge
zurückgezogen hatte und dort an Schwindsucht darniederlag. Völlig
geknickt sogar der immer optimistische Zereteli, aber doch
entschlossen, zu erscheinen, um mit seiner glühenden Beredsamkeit
für die verlorene Sache zu streiten. Goz war da. Neben ihm Dan,
Liber, Bogdanow, Broido, Filippowski, bleich, hohläugig, schäumend
vor Wut. Ihnen zu füßen kocht und brodelt die Masse der
Delegierten des Zweiten Gesamtrussischen Sowjetkongresses, über
ihren Häuptern arbeitete das Revolutionäre Militärkomitee bis zur
Weißglut. Hier laufen alle Fäden des Aufstandes zusammen, hier ist
der starke Arm der überall zupackt. Es war 10:40 abends.
Dan - ein magerer Mann mit sanftem Gesicht, in schlechtsitzender
Uniform eines Militärarztes - gab das Glockenzeichen. Plötzlich
gespannte Stille, die nur durch das Zanken und Streiten der Leute
an der Tür unterbrochen wurde. "Die Macht ist in unseren Händen",
begann er, hielt einen Moment inne und fuhr mit leiser Stimme
fort: "Genossen! Der Kongreß tritt unter so ungewöhnlichen
Umständen und in einem so außerordentlichen Moment zusammen, daß
Sie es verstehen werden, warum das Zentralexekutivkomitee es für
unnötig erachtet, sich mit einer politischen Rede an Sie zu
wenden. Das wird ihnen umso klarer werden, wenn Sie daran denken,
daß ich ein Mitglied des Zentralexekutivkomitees bin und daß in
diesem Moment im Winterpalast unsere Parteigenossen beschossen
werden, die pflichttreu nur die Aufgaben erfüllen, die das
Zentralexekutivkomitee ihnen aufgetragen hat," (Bewegung). "Ich
erkläre die erste Sitzung des Zweiten Gesamtrussischen
Sowjetkongresses der Arbeiter- und Soldatendeputierten für
eröffnet!"
Die Wahl des Präsidiums erfolgte unter allgemeiner Unruhe.
Awanessow gab bekannt, daß die Bolschewiki, die linken
Sozialrevolutionäre und die Menschewiki - Internationalisten sich
auf eine proportionelle Besetzung des Präsidiums geeinigt hätten.
Einige Menschewiki protestierten. Ein bärtiger Soldat rief ihnen
zu: "Denkt daran, wie ihr mit uns Bolschewiki verfuhrt, als wir in
der Minderheit waren!" Resultat: 14 Bolschewiki, 7
Sozialrevolutionäre, 3 Menschewiki und 1 Internationalist
(Gorki-Gruppe). Gendelman erklärte für den rechten Flügel und das
Zentrum der Sozialrevolutionäre, daß sie es ablehnten, in das
Präsidium einzutreten; dieselbe Erklärung gab Chintschuk im Namen
der Menschewiki ab; die Menschewiki -Internationalisten erklärten,
daß sie bis zur Prüfung gewisser Umstände am Präsidium nicht
teilnehmen könnten. Vereinzelter Beifall und Zischen. Eine Stimme:
"Renegaten, und ihr nennt euch Sozialisten!" Ein Vertreter der
ukrainischen Delegation verlangte einen Sitz, der ihm zugebilligt
wurde. Die Männer des alten Zentralexekutivkomitees verließen die
Tribüne. An ihre Stelle traten Trotzki, Kamenew, Lunatscharski,
Frau Kollontai, Nogin. Im ganzen Saal stürmischer Beifall. Der
Aufstieg der Bolschewiki war ungeheuer. Von der verachteten und
gehetzten Sekte noch vor kaum vier Monaten, bis zu ihrer jetzigen
Stellung als Führer des großen, in vollem Aufstand begriffenen
Rußlands. Kamenew machte die Tagesordnung bekannt: 1. Übernahme
der Macht, 2. Krieg und Friede, 3. Konstituierende Versammlung.
Losowski erhob sich und teilte der Versammlung mit, daß sämtliche
Fraktionen des Büros sich einig geworden waren, dem Kongreß
vorzuschlagen, den Bericht des Petrograder Sowjets
entgegenzunehmen und zu diskutieren, darauf den Mitgliedern des
Zentralexekutivkomitees der Sowjets sowie den Vertretern der
verschiedenen politischen Parteien das Wort zu geben und dann erst
zur Tagesordnung überzugehen. Da plötzlich ein ganz neuer Ton,
tiefer als der Tumult der Menge, andauernd, beunruhigend - die
scharfen Einschläge von Kanonen. Alles blickte ängstlich nach den
Fenstern, fieberhaft erregt. Martow, sich zu Wort meldend, schrie
heiser: "Das ist der beginnende Bürgerkrieg, Genosse! Die
allererste Frage muß sein: Wie können wir diese Krise friedlich
überwinden? Wir müssen sofort prinzipiell und von einem
politischen Standpunkt aus die Mittel und Wege diskutieren, durch
die der Bürgerkrieg vermieden werden kann. In den Straßen
erschießt man unsere Brüder. In diesem Moment, da noch vor der
Eröffnung des Sowjetkongresses eine der revolutionären Parteien
den Versuch macht, die Frage der macht durch eine militärische
Verschwörung zu entscheiden..." (hier wurde seine Stimme einen
Moment lang von rasenden Tumulten übertönt). "Es ist die Pflicht
aller revolutionären Parteien, sich die Tatsachen vor Augen zu
führen. Die erste dem Kongreß vorliegende Frage ist die Frage der
Macht, und diese Frage wird eben in den Straßen mittels der Gewalt
der Waffen entschieden.... Wir müssen eine Macht schaffen, die von
der gesamten Demokratie anerkannt wird. Wenn der Kongreß die
Stimme der revolutionären Demokratie sein will, so darf er nicht
mit gefalteten Händen dasitzen angesichts des sich entwickelnden
Bürgerkrieges, den wir mit dem gefährliche Ausbruch der
Konterrevolution bezahlen werden... Die Möglichkeit einer
friedlichen Lösung liegt allein in der Errichtung einer
gemeinsamen demokratischen Gewalt... Wir müssen eine Delegation
wählen, um mit den andern sozialistischen Parteien und
Organisationen zu verhandeln..." Und währenddem unaufhörlich das
taktfeste dumpfe Dröhnen der Kanonen. Die Delegierten aufeinander
einschreiend... So, unter dem Krachen der Geschütze, in dunkler
Nacht, mit Haß, Furcht und sorglosem Wagen, kam das neue Rußland
zur Welt. Martows Vorschlag fand die Zustimmung der linken
Sozialrevolutionäre und der vereinigten Sozialdemokraten und wurde
angenommen. Ein Soldat teilte mit, daß der Gesamtrussische
Bauernsowjet es abgelehnt habe, Delegierte zum Kongreß zu
entsenden; er schlug vor, ein Komitee zu ihnen zu senden, das sie
formell einladen sollte. "Einige Delegierte sind hier anwesend",
sagte er. "Ich stelle den Antrag, daß man ihnen Stimmrecht gibt."
Das wurde angenommen.
Charrasch, in der Uniform eines Hauptmanns, ergriff hitzig das
Wort: "Die politischen Heuchler, die diesen Kongreß beherrschen,
erzählen uns, wir seien hier, um die Frage der Macht zu
entscheiden. Dabei wird diese Frage hinter unserm Rücken, noch ehe
der Kongreß seine Arbeiten begonnen hat, erledigt. Die Schläge,
die in diesem Moment auf den Winterpalast niederfallen, nageln den
Sarg einer der politischen Partei, die diese Abenteuer gewagt
hat!" (Toben.) Ihm folgte Garra: Während wir hier
Friedensvorschläge diskutieren, schlägt man sich in den Straßen.
Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki lehnen jede Verantwortung
für die jetzigen Vorgänge ab, und sie fordern alle öffentlichen
Gewalten zum entschiedenen Widerstand gegen jeden auf die
gewaltsame Eroberung der Macht gerichteten Versuch auf." Kutschin,
Delegierter der Zwölften Armee und Vertreter der Trudowiki: " Ich
bin hier nur zur Information. Ich kehre jetzt zur Front zurück,
deren sämtliche Armeekomitees die Übernahme der Macht durch die
Sowjets, knapp drei Wochen vor dem Zusammentritt der
Konstituierenden Versammlung, als einen Dolchstoß in den Rücken
der Armee und als ein Verbrechen gegen das Volk betrachten." Lärm
und Rufe: "Lügner!" Als man ihn wieder hört: "Laßt uns Schluß
machen mit diesem Petrograder Abenteuer! Ich fordere alle
Delegierten auf, den Saal zu verlassen, um das Land und die
Revolution zu retten." Ohrenbetäubender Lärm. Einige der
Delegierten dringen drohend auf den die Tribüne verlassenden
Redner ein. Dann sprach Chintschuk, ein Offizier mit langem
braunen Knebelbart, verbindlich und überzeugend: "Ich rede im
Namen der Delegierten von der Front. Die Armee ist auf diesem
Kongreß unvollkommen vertreten, die Armee erachtet den
Sowjetkongreß in diesem Moment für überflüssig angesichts der
Tatsache, daß es nur noch drei Wochen bis zur Eröffnung der
Konstituierenden Versammlung sind" -Zurufe und Lärm, der immer
heftiger anwuchs. "Die Armee bestreitet dem Sowjetkongreß jede
Autorität!" - Die Soldaten begannen sich im ganzen Saal zu
erheben. "Für wen sprechen Sie? Wen vertreten Sie?" riefen sie.
"Das Zentralexekutivkomitee der Sowjets der Fünften Armee, das
Zweite F-Regiment, das Erste N-Regiment, die Dritten
S-Schützen..." "Wann sind Sie gewählt worden? Sie vertreten die
Offiziere, nicht die Soldaten! Was sagen die Soldaten darüber?"
Beifall und toben. "Wir Frontsoldaten lehnen jede Verantwortung ab
für alles, was geschehen ist und was noch geschieht, und wir
halten es für notwendig, alle selbstbewußten revolutionären Kräfte
für die Rettung der Revolution zu mobilisieren! Die Frontsoldaten
werden den Kongreß verlassen....Kämpfen muß man draußen auf der
Straße!" Wilder Lärm. "Sie reden für den Stab - nicht für die
Armee!" "Ich fordere alle pflichtbewußten Soldaten auf, diesen
Kongreß zu verlassen!"
"Kornilowbandit!
Konterrevolutionär! Provokateur!" wurde ihm zugerufen. Für die
Menschewiki erklärte Chintschuk, daß sie die einzige Möglichkeit
für eine friedliche Lösung in der Einleitung von Verhandlungen mit
der Provisorischen Regierung über die Bildung eines neuen
Kabinetts sähen, das sich auf alle Klassen der Gesellschaft zu
stützen hätte. Minutenlang war er außerstande, weiterzusprechen.
Mit fast zum Schreien gesteigerter Stimme verlas er dann die
menschewistische Erklärung: "Die von den Bolschewiki mit Hilfe des
Petrograder Sowjets ohne Konsultation der übrigen Fraktionen und
Parteien angezettelte militärische Verschwörung macht es uns
unmöglich, an dem Kongreß teilzunehmen. Wir ziehen unsere
Delegationen darum zurück. Die anderen Gruppen fordern wir auf,
unserem Beispiel zu folgen und in einer Besprechung zur Lage
Stellung zu nehmen." "Deserteur!" schallte es zu ihm hinauf.
Wildes, fast ununterbrochenes toben, in dem der Sozialrevolutionär
Gendelman nur zeitweilig zu hören war, als er gegen die
Beschießung des Winterpalastes protestierte. "Wir sind entschieden
gegen diese Art Anarchie." Er hatte kaum geendet, da schwang sich
blitzenden Auges ein junger Soldat mit magerem Gesicht auf die
Tribüne, mit einer Handbewegung Ruhe heischend. "Genossen!" rief
er, und der Lärm legte sich: "Ich heiße Peterson. Ich spreche für
die Zweiten Lettischen Schützen. Ihr habt die Ausführungen der
Vertreter der Armeekomitees gehört. Diese Ausführungen würden
einen Wert haben, wenn die Männer, die sie machten, berechtigt
wären, sich die Vertreter der Armee zu nennen." (Stürmischer
Beifall.) "Aber sie sind nicht die Vertreter der Soldaten." Mit
erhobener Faust: "Seit langem schon fordert die Zwölfte Armee die
Neuwahl des Sowjets und des Armeekomitees. Aber wie euer
Zentralexekutivkomitee hat auch unser Komitee es abgelehnt, die
Vertreter der Massen bis Ende September zusammenzuberufen, sodaß
die Reaktionäre die Möglichkeit hatten, ihre eigenen falschen
Delegierten zu diesem Kongreß zu entsenden. Laßt euch sagen, was
die Meinung der lettischen Soldaten schon seit langem ist: Keine
papiernen Resolutionen, keine Reden mehr, sondern taten! Wir
müssen die Macht in unsere Hände nehmen! Mögen die falschen
Delegierten nur den Kongreß verlassen. Die Armee ist nicht mit
ihnen." Beifallssturm durchraste den Saal. In den ersten
Augenblicken der Tagung, durch die sich überstürzenden Ereignisse
betäubt und geängstigt durch den Kanonendonner, hatten die
Delegierten geschwankt. Wohl eine Stunde lang waren Hammerschlag
auf Hammerschlag von der Rednertribüne herniedergesaust, sie zwar
zusammenschweißend, aber auch niederdrückend. Standen sie wirklich
allein? Erhob sich Rußland gegen sie? War es wahr, daß die Armee
gegen Petrograd marschierte? Dann war dieser hellhäutige junge
Soldat gekommen und hatte gesprochen, und mit einemmal war ihnen
die Wahrheit offenbar. Das war die Stimme der Soldaten. Die
Millionen der Arbeiter und Bauern im Soldatenrock waren Männer wie
sie, die fühlten und dachten wie sie. Weitere Soldaten...
Gsheltschak, für die Frontdelegierten, teilte mit, daß nur eine
kleine Mehrheit von ihnen den Beschluß gefaßt habe, den Kongreß zu
verlassen, und daß die bolschewistischen Mitglieder an der
Abstimmung nicht einmal teilgenommen hätten. "Hunderte von
Frontdelegierten", erklärte er, "wurden ohne Teilnahme der
Soldaten gewählt, weil die Armeekomitees aufgehört haben, die
wirklichen Vertreter der Soldatenmassen zu sein..." Ein anderer,
Lukjanow, rief, daß Offiziere, wie Charrasch und Chintschuk, nicht
berechtigt seien, die Armee auf diesem Kongreß zu vertreten - sie
vertreten allein das Oberkommando. "Die wirklichen Bewohner der
Schützengräben wünschen aufrichtig den Übergang der Macht in die
Hände der Sowjets, und sie erhoffen sich davon sehr viel!" Das
Blatt wendete sich. Dann sprach Abramowitsch für den "Bund", das
Organ der jüdischen Sozialdemokraten - mit funkelnden Augen hinter
dicken Brillengläsern, schäumend vor Wut: "Was hier in Petrograd
vor sich geht, ist schändlich! Die Vertreter des Bundes schließen
sich der Erklärung der Menschewiki und Sozialrevolutionäre an und
werden den Kongreß verlassen." Mit lauter Stimme und erhobener
Faust: "Unsere Pflicht gegenüber dem russischen Proletariat
gestattet es uns nicht, hier zu bleiben und die Verantwortung für
diese verbrechen zu übernehmen. Da die Beschießung des
Winterpalastes nicht aufhört, hat die Stadtduma zusammen mit den
Menschewiki und Sozialrevolutionären und dem Exekutivkomitee des
Bauernsowjets den Beschluß gefaßt, mit der Provisorischen
Regierung unterzugehen, und wir werden uns jetzt zu ihnen begeben!
Unbewaffnet werden wir unsere Brust den Maschinengewehren der
Terroristen darbieten....Wir fordern alle Delegierten dieses
Kongresses auf..." (der Rest ging in einem Sturm von zurufen und
Drohungen unter, die sich zu einem Höllenlärm steigerten, als
fünfzig Delegierte aufstanden und den Kongreßsaal verließen...).
Kamenew schwang die Glocke: "Sitzen bleiben! Wir fahren in unseren
Geschäften fort!" Und dann Trotzki, mit blassem, hartem Gesicht,
voller Verachtung, mit schneidender Stimme: "Mögen sie gehen, die
Sozialkompromißler, diese Menschewiki, Sozialrevolutionäre, diese
Herrschaften vom ,Bund'. Was sind sie anderes wert, als auf den
Kehrichthaufen der Geschichte gefegt zu werden!" Rjasanow stellte
im Namen der Bolschewiki fest, daß auf Ersuchen der Stadtduma das
Revolutionäre Militärkomitee eine Delegation nach dem Winterpalast
geschickt habe, um Verhandlungen anzubieten. "Wir haben alles
getan, was in unseren Kräften stand, um Blutvergießen zu
verhindern..." Wir eilten hinweg, blieben aber doch eine Moment
lang vor dem Zimmer stehen, in dem in fieberhafter Eile das
Revolutionäre Militärkomitee arbeitete. Keuchend kamen und gingen
Kuriere. Nach allen Richtungen der Stadt eilten Kommissare davon,
ausgerüstet mit Vollmacht über Leben und Tod der Bürger. Die Tür
öffnete sich. Eine Wolke verbrauchter Luft und Zigarettenqualms
drang heraus. Drinnen, beim Schein einer abgeblendeten
elektrischen Lampe, beugten sich aufgelöste Gesichter über eine
große Karte. Genosse Josefow-Duchwinski, ein lächelnder junger
Bursche mit hellblondem Haarschopf, stellte uns Passierscheine
aus. Als wir in die kalte Nacht hinaustraten, fanden wir die
Frontseite des Smolny in einen riesigen Park ankommender und
abfahrender Automobile verwandelt, deren Lärm von dumpfen
Kanonenschüssen übertönt wurde, die in gemessenen abständen
aufeinander folgten. Vom Dröhnen seines Motors geschüttelt, stand
dort ein großes Lastauto. Männer mit Gewehren verstauten mächtige
Bündel, die ihnen von unten zugeworfen wurden. "Wohin fahren Sie?"
schrie ich hinauf. "Überall hin! Durch die ganze Stadt!"
antwortete frohlockend ein kleiner Arbeiter. Wir zeigten unsere
Passierscheine. "Fahren Sie mit uns!" luden Sie uns ein. "Aber es
wird vielleicht geschossen werden!" Wir kletterten hinauf.
Knarrend ging der Hebel herum. Der Wagen ruckte vorwärts, und wir
fielen nach hinten auf die noch während des Fahrens
Nachkletternden. Vorbei ging es an dem inneren, dann an dem
äußeren Tor des Smolny, mit den riesigen Feuern, die einen roten
Schein über die Gesichter der herumstehenden bewaffneten Arbeiter
gossen, in immer schnellerem Tempo den Suworowski-Prospekt
entlang. Ein Genosse riß von einem Bündel die Umhüllung ab und
begann Händevoll Zeitungen aus dem Wagen hinauszuwerfen. Wir taten
es ihm nach, auf diese Weise einen dicken Schweif flatternder
weißer Blätter hinter uns herziehend, während wir durch die
dunklen Straßen ratterten. Verspätete Passanten bückten sich nach
den Blättern, um sie aufzuheben, und von den Wachtfeuern an den
Straßenecken liefen die Wachen herbei, bemüht, die in der Luft
herumflatternden Blätter mit ihren Bajonetten aufzufangen. Dann
und wann tauchten aus dem Dunkel Bewaffnete auf, hoben das Gewehr
und riefen "Stoi". Aber unser Fahrer rief ihnen etwas
Unverständliches zu und wir rasten weiter. Bei dem Scheine der
vorbeihuschenden Straßenlaternen las ich eines der Blätter:
"
An die Bürger Rußlands!
Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die Staatsmacht ist in
die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und
Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees,
übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und
der Petrograder Garnison steht. Die Sache, für die das Volk
gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens,
die Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden,
die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer
Sowjetregierung - diese Sache ist gesichert.
Es
lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern!
Das Revolutionäre Militärkomitee des Petrograder Sowjets der
Arbeiter- und Soldatendeputierten"
Ein neben mir sitzender schlitzäugiger Mann mit einem
Mongolengesicht, in einen kaukasischen Mantel aus Ziegenfell
gehüllt, warnte: "Vorsicht! Hier sind die Fenster aus denen die
Provokateure geschossen haben." Wir bogen an dem dunkel und fast
menschenleer daliegenden Snamenskiplatz ein, und dann ging es den
breiten Newski hinunter, während drei unserer Genossen mit
schußbereitem Gewehr die Fenster im Auge behielten. Hinter uns
eilten Menschen, sich nach unseren Blättern bückend. Kanonendonner
war nicht mehr zu hören, und je mehr wir uns dem Viertel des
Winterpalastes näherten, um so stiller und menschenleerer wurden
die Straßen. Die Stadtduma war hell erleuchtet. Weiter hinten
sahen wir eine dunkle Volksmasse. Matrosen, die eine Kette
bildeten, schrieen uns ein wütendes Halt zu. Unser Motor stoppte,
und wir kletterten hinunter. Eine erstaunliche Szene bot sich uns
dar. An der Ecke des Jekaterina- Kanals, unter einer Bogenlampe,
zog sich ein Kordon bewaffneter Matrosen quer über den Newski und
versperrte einem in Viererreihen marschierenden Zug den Weg. Es
mochten drei- oder vierhundert Menschen sein, Männer in Fräcken,
elegant gekleidete Frauen, Offiziere. Unter ihnen erkannten wir
viele Delegierte vom Kongreß, Führer der Menschewiki und
Sozialrevolutionäre: Awxentjew, der rotbärtige Vorsitzende des
Bauernsowjets, Sorokin, Kerenskis Sprecher, Chintschuk,
Abramowitsch. An der Spitze marschierte weißbärtig der alte
Schrejder, der Bürgermeister von Petrograd, und Prokopowitsch, der
Ernährungsminister in der Provisorischen Regierung, den man am
Morgen verhaftet, aber wieder freigelassen hatte. Ich sah Malkin,
den Berichterstatter der "Russian Daily News". " Wir gehen zum
Winterpalast, um zu sterben", rief er, anscheinend ganz vergnügt.
Der Zug stockte, aber von der Spitze kam lautes Streiten.
Schrejder und Prokopowitsch redeten auf den langen Matrosen ein,
der das Kommando zu haben schien. "Wir verlangen, durchgelassen zu
werden!" schrieen sie. "Diese Genossen kommen aus dem
Sowjetkongreß! Schaut ihre Mandate an! Wir wollen zum
Winterpalast!" Der Matrose schien im unklaren zu sein, was er tun
sollte. Er kratzte sich den Kopf: "ich habe ausdrücklich Befehl
vom Komitee, niemand zum Winterpalast zu lassen", brummte er. "Ich
will aber einen Kameraden schicken, damit er beim Smolny
antelefoniert..." "Wir bestehen darauf, durchgelassen zu werden!
Wir sind ohne Waffen! Wir werden gehen, ob Sie es erlauben oder
nicht!" schrie der alte Schrejder, der sehr aufgeregt war. "Ich
habe Befehl...", wiederholte der Matrose verdrießlich. "Schießt
auf uns, wenn ihr wollt! Wir werden trotzdem gehen! Vorwärts!" -
kam es von allen Seiten. "Wir sind bereit zu sterben, wenn ihr den
Mut habt, auf Russen und auf Genossen zu schießen! Wir bieten
unsere Brust euren Gewehren dar!" "Nein", sagte der Matrose
mürrisch, "ich kann nicht gestatten, daß Sie weitergehen." "Was
werden sie tun, wenn wir doch gehen? Werden Sie schießen?" "Nein,
ich schieße nicht auf Menschen, die keine Gewehre haben. Wir
werden unbewaffnete Russen nicht niederschießen..."
"Wir gehen weiter. Wie wollen Sie uns aufhalten?" "Wir werden Sie
schon irgendwie aufhalten", antwortete der Matrose, der
anscheinend nicht mehr weiter wußte. "Wir dürfen Sie nicht
durchlassen. Etwas werden wir schon tun." "Was werden Sie tun,
was?" Ein anderer Matrose kam jetzt heran, aufs höchste
aufgebracht.
"Wir werden euch das Fell versohlen!" schrie er grob. "Und wenn
nötig, werden wir euch zusammenschießen. Jetzt marsch nach Hause
und laßt uns in Frieden!" Wütender Lärm und Schimpfen war die
Antwort. Prokopowitsch war auf eine Art Kiste gestiegen, und
seinen Regenschirm schwingend, hielt er eine Rede. "Genossen und
Bürger!" - sagte er. "Gegen uns wird grobe Gewalt angewandt!...
Wir können unser unschuldiges Blut nicht der Gewalt dieser dummen
Menschen ausliefern... Es ist unter unserer Würde, uns hier auf
der Straße von Weichenstellern niederschießen zu lassen..." (Was
er mit "Weichenstellern" meinte, ist mir ein Rätsel geblieben.) "Laßt
uns zur Duma zurückkehren und beraten, wie man das Land und die
Revolution am Besten retten kann!" Worauf der Zug in würdevollem
Schweigen umschwenkte und zum Newski zurückmarschierte, immer in
Viererreihen . Wir nützten die allgemeine Verwirrung aus, um an
dem Posten vorbeizuschlüpfen und in der Richtung des
Winterpalastes weiterzugehen. Hier war alles dunkel, nichts regte
sich außer den Posten der Soldaten und Rotgardisten. Der Kasaner
Kathedrale gegenüber lag ein dreizölliges Feldgeschütz in der
Mitte der Straße, vom Rückschlag des letzten Schusses
herumgeschleudert. In jedem Torweg standen Soldaten, die sich
leise unterhielten und zur Polizeibrücke hinunterlugten. Jemand
sagte: "Vielleicht haben wir Unrecht getan..." An den Ecken
hielten Patrouillen alle Vorübergehenden an. Die Zusammensetzung
dieser Patrouillen war interessant. Das Kommando über die
regulären Truppen hatte immer ein Rotgardist....Das Schießen hatte
aufgehört. Gerade als wir die Morskaja erreichten, hörten wir
jemand schreien: "Die Offiziersschüler lassen sagen, wir möchten
nur kommen und sie herausholen." Kommandorufe wurden laut, und in
der Dämmerung sahen wir, wie die Masse sich vorwärts schob. Man
hörte nichts als Schritte und das Klirren der Waffen. Wir
schlossen uns den ersten Reihen an. Einem schwarzen Strome gleich
die ganze Breite der Straße füllend, ohne Gesang, ohne Rufen,
fluteten wir durch das Rote Tor, wo mein Vordermann uns leise
zurief: "Achtung , Genossen, traut ihnen nicht, sie werden sicher
schießen." Im Freien begannen wir zu rennen, uns tief
hinunterbückend und zusammendrängend. Hinter dem Fuße der
Alexandersäule stockten wir plötzlich. "Wie viele von euch sind
gefallen?" fragte ich. "Ich weiß nicht. Vielleicht zehn..." Nach
einigen Minuten der Verwirrung hatten die Massen ihre Sicherheit
wiedererlangt, und ohne Befehl ging es weiter. In dem Lichtschein,
der aus den Fenstern des Winterpalastes fiel, konnte ich sehen,
daß die ersten zwei- bis dreihundert Mann Rotgardisten waren,
zwischen ihnen nur einige wenige Soldaten. Wir erkletterten die
aus Brennholz errichtete Barrikade, und auf der Innenseite
herunterspringend, brachen wir in Siegesjubel aus, als wir auf
einen Haufen Gewehre stießen, die die Offiziersschüler im Stich
gelassen hatten. Die Türen zu beiden Seiten des Hauptportals
standen offen, hellen Lichtschein auf die Straße werfend. Kein
Laut drang aus dem riesigen Gebäude. Von der Masse geschoben,
kamen wir zu dem rechten Eingang, der in einen großen, nackten,
gewölbten Raum mündete, den Keller des Ostflügels, von dem ein
Irrgarten von Korridoren und Treppen ausging. Große Kisten standen
dort, auf die sich die Rotgardisten und Soldaten gierig stürzten,
sie mit ihren Gewehren aufbrachen und den Inhalt: Teppiche,
Vorhänge, Leinenzeug, Porzellanteller, Glassachen usw.
herausrissen. Einer stolzierte mit einer Bronzeuhr auf der
Schulter davon, ein anderer griff sich eine Straußenfeder und
steckte sie an seinen Hut, Doch kaum hatte das Plündern begonnen,
als auch schon der Ruf ertönte: "Genossen! Nichts anrühren, nichts
nehmen, Eigentum des Volkes!" Und zwanzig Kehlen griffen den Ruf
auf: "Halt! Alles zurücklegen, nichts nehmen, Volkseigentum!" Die
Plünderer wurden gepackt, Damast und Teppiche wurden ihnen
abgenommen, und zwei Männer trugen die Bronzeuhr wieder zurück.
Ungestüm und hastig wurde alles wieder in die Kisten gepackt und
durch freiwillige Posten bewacht. Das alles spielte sich völlig
spontan ab. Durch die Korridore, die Treppen hinauf, immer leiser,
tönte der Ruf: "Revolutionäre Disziplin! Eigentum des Volkes..."
Wir gingen zum linken Eingang im Westflügel. Auch dort war man
dabei, wieder Ordnung zu schaffen. "Räumt den Palast!" schrie ein
Rotgardist aus einer der inneren Türen heraus. "Kommt, Genossen,
wir wollen zeigen, daß wir keine Diebe und Räuber sind. Alles
verläßt den Palast außer den Kommissaren, bis wir Posten
aufgestellt haben." Zwei Rotgardisten, ein Soldat und ein
Offizier, standen dort mit Revolvern in den Händen; ein anderer
Soldat saß hinter ihnen am Tisch, mit Feder und Papier. Überall
waren Rufe: "Alles heraus, alles heraus!" von nah und fern zu
hören, und schreiend, schimpfend und sich stoßend begannen die
Massen durch die Tür zu drängen. Jeder einzelne wurde, als er
herauskam, festgehalten und von einem Komitee, das sich rasch
gebildet hatte, peinlich genau durchsucht. Was er nicht ganz
einwandfrei als sein Eigentum nachweisen konnte, wurde ihm
erbarmungslos abgenommen. Der Mann am Tisch schrieb alles auf, und
die Sachen wurden in einen kleinen Raum gebracht. Die
wunderlichsten Dinge wurden Da zusammengetragen: Bronzen,
Tintenflaschen, Bettdecken mit dem kaiserlichen Monogramm, Kerzen,
kleine Ölgemälde, Schreibunterlagen, Säbel mit goldenem Griff,
Seife, die verschiedenartigsten Kleidungsstücke, Decken. Ein
Rotgardist trug drei Gewehre, zwei davon hatte er den
Offiziersschülern abgenommen; ein anderer vier mit Dokumenten
vollgestopfte Aktentaschen. Die Sünder gaben entweder ihre Beute
mürrisch preis, oder sie baten wie Kinder. Die Mitglieder des
Komitees, alle gleichzeitig redend, erklärten immer wieder,
stehlen sei eines Vorkämpfers des Volkes unwürdig. Solche, die
erwischt worden waren, blieben oft zurück und halfen, ihre
Kameraden zu durchsuchen. Auch die Offiziersschüler kamen heraus,
in Gruppen zu dreien und vieren. Die Komiteemitglieder packten mit
einigem Übermaß an Eifer die sowieso schon verängstigten Menschen
und durchsuchten sie ebenfalls, wobei sie sie mit Bemerkungen wie:
Provokateure, Kornilowleute, Konterrevolutionäre, Volksmörder usw.
überschütteten, sie im übrigen aber ungeschoren ließen. Auch die
Offiziersschüler hatten die Taschen mit allem möglichen
unbedeutenden Plunder gefüllt. Der Schreiber nahm ein Protokoll
auf, und die gefundenen Sachen wurden in dem kleinen Zimmer
angehäuft. Die Offiziersschüler wurden entwaffnet. Man fragte sie,
ob sie je wieder die Waffen gegen das Volk erheben würden. Einer
nach dem anderen antwortete: "Nein." Dann ließ man sie laufen. Wir
fragten, ob wir hinein könnten. Das Komitee war sich darüber nicht
klar, aber der Rotgardist erklärte entschieden, daß es verboten
sei. "Wer sind Sie überhaupt? Wie kann ich wissen, ob Sie nicht
alle miteinander Kerenskileute sind?" (Wir waren fünf Personen,
darunter zwei Frauen.)
"Platz, Genosse!" Ein Soldat und ein Rotgardist erschienen in der
Tür, die Menge zur Seite drängend, und andere Rotgardisten folgten
mit aufgepflanzten Bajonetten. Hinter ihnen kamen einer nach dem
anderen ein halbes Dutzend Zivilisten - die Mitglieder der
Provisorischen Regierung. Zuerst Kischkin, das Gesicht müde und
blaß. Dann Rutenberg, der finster zu Boden starrte; der nächste
war Tereschtschenko, der scharf um sich blickte; er sah uns kalt
an.... Sie gingen schweigend vorüber; die siegreichen
Aufständischen drängten heran, um zu sehen, man hörte jedoch nur
wenige wütende Zurufe. Erst später erfuhren wir, daß die Massen
auf der Straße sie lynchen wollten; Schüsse waren abgefeuert
worden - die Matrosen hatten sie jedoch heil nach der
Peter-Pauls-Festung gebracht... Inzwischen waren wir ungehindert
in den Palast gegangen. Dort war ein fortwährendes Kommen und
Gehen, ein Bestaunen der neuentdeckten Zimmer in dem riesigen
Gebäude, ein Suchen nach verborgenen Offiziersschülern, die indes
nicht existierten. Wir gingen nach oben und durchwanderten Zimmer
nach Zimmer. Dieser Teil des Palastes war auch von andern
Abteilungen betreten worden, die von der anderen Seite der Newa
kamen. Die Gemälde, Statuen, die Wandbehänge und Teppiche der
großen Staatssäle waren unversehrt; in den Büros aber waren Pulte
und Schränke durchwühlt, die Papiere auf dem Boden verstreut, und
in den Wohnräumen die Bezüge von den Betten gerissen; die
Kleiderschränke standen weit offen. Die am meisten geschätzte
Beute waren Kleider, die das arbeitende Volk vor allem benötigte.
In einem Zimmer, in dem Möbel aufgespeichert waren, kamen wir
dazu, als zwei Soldaten die kostbare spanische Lederpolsterung von
den Stühlen abschnitten. Sie erklärten uns, daß sie sich davon
Stiefel machen wollten... Die alten Palastdiener in ihren blauen
und roten, goldgestickten Uniformen standen nervös herum,
gewohnheitsmäßig immer und immer wiederholend: "Sie können da
nicht hineingehen, Herr! Es ist verboten...." Wir gelangten
endlich zu dem Saal, in dem die Minister vor kurzem noch den
ganzen Tag und die ganze Nacht getagt und die Diener sie an die
Rotgardisten verraten hatten. Die lange, mit grünem Tuch
überzogene Tafel war noch so, wie sie sie verlassen hatten, als
man sie verhaftete. Vor jedem jetzt leeren Sitz Feder, Tinte und
Papier; die Blätter bekritzelt mit den Anfängen von Aktionsplänen,
flüchtigen Skizzen von Proklamationen und Manifesten, die meisten
davon wieder ausgestrichen, nachdem ihre Zwecklosigkeit sich
herausgestellt hatte, der Rest des Blattes mit verstreuten
geometrischen Zeichnungen bedeckt, von den Schreibern hingemalt,
während sie verzweifelt zuhörten, wie Minister nach Minister ihre
zwecklosen Pläne entwickelten. Ich nahm eines dieser bekritzelten
Blätter, auf dem ich die Handschrift Konowalows erkannte, das
folgendermaßen begann: "Die Provisorische Regierung fordert alle
Klassen auf, die Provisorische Regierung zu unterstützen..."
Während dieser ganzen Zeit, das darf nicht vergessen werden, war
die Regierung, obgleich der Palast umzingelt war, in ständiger
Verbindung mit de Front und dem übrigen Rußland. Die Bolschewiki
hatten am frühen Morgen das Kriegsministerium eingenommen, aber
sie wußten weder etwas von der Telegrafenstation in den
Bodenräumen, noch wußten sie etwas von der geheimen
Telefonverbindung, die es mit dem Winterpalast verband. In diesen
Bodenräumen hatte ein junger Offizier den ganzen Tag gesessen und
eine Flut von Aufrufen und Proklamationen ins Land hinausgesandt;
als er hörte, daß der Palast gefallen war, hatte er einfach die
Mütze aufgesetzt und war seelenruhig hinausspaziert...
In
interessiertes Schauen versunken, hatten wir geraume Zeit nicht
bemerkt, daß sich die Haltung der Soldaten und Rotgardisten um uns
herum uns gegenüber verändert hatte. Als wir so von Zimmer zu
Zimmer wanderten, blieb uns eine kleine Gruppe ständig auf den
Fersen; als wir die große Gemäldegalerie erreichten, in der wir am
Nachmittag mit den Offiziersschülern zusammengewesen waren, war
diese Gruppe auf etwa hundert Mann angewachsen. Ein Riese von
Soldat trat uns entgegen, mit finsterem Argwohn: "Wer sind Sie?"
brummte er. "Was tun sie hier?" Die anderen drängten heran,
starrten uns an und fingen an zu murren. "Provokateure!" hörte ich
jemand sagen. "Plünderer!" Ich zeigte unsere Ausweise vom
Revolutionären Militärkomitee. Der Soldat nahm sie behutsam,
drehte sie hin und her, verständnislos. Augenscheinlich konnte er
nicht lesen. Sie zurückgebend, spie er auf den Fußboden.
"Papiere", sagte er verächtlich. Der Haufe begann näher zu rücken.
Ich erkannte plötzlich einen Offizier, der hilflos dreinschaute,
ich rief ihn an. Er drängte sich durch die Menge zu uns heran.
"Ich bin der Kommissar", sagte er mir. "Wer sind Sie? Was ist
los?" Ich zeigte unsere Papiere. "Sie sind Ausländer?" fragte er
in fließendem Französisch. "Es ist hier sehr gefährlich..." Dann
wandte er sich zu der Menge, unsere Papiere emporhaltend.
"Genossen", rief er, "diese Leute hier sind ausländische Genossen
- von Amerika. Sie sind hierhergekommen, um ihren Landsleuten von
dem Mut und der revolutionären Disziplin der proletarischen Armee
zu berichten!" "Woher wissen Sie das?" erwiderte der riesenhafte
Soldat. "Ich sage ihnen, es sind Provokateure! Sie erzählen uns,
daß sie hergekommen sind, um die revolutionäre Disziplin der
proletarischen Armee zu sehen. Aber sie sind durch den ganzen
Palast gewandert, woher wissen wir, ob sie nicht ihre Taschen voll
haben?" "Richtig!" brüllten die anderen, vorwärtsdrängend.
"Genossen! Genossen!" mahnte der Offizier, dem der Schweiß auf der
Stirn stand. "Ich bin der Kommissar des Revolutionären
Militärkomitees. Vertraut ihr mir? Nun gut, ich sage euch, daß
diese Ausweise mit denselben Namen gezeichnet sind wie mein
eigener Ausweis!" Er führte uns durch den Palast und durch eine
Tür hinaus zum Newa-Ufer. Beim Ausgang wurden uns vom Komitee die
Taschen durchsucht...
"Sie sind mit knapper Not davongekommen", sagte er, indem er sich
das Gesicht abwischte. "Was ist mit dem Frauenbataillon
geschehen?" fragten wir. "Oh - die Frauen!" er lachte. "die hatten
sich alle in einem der hinteren Räume zusammengedrängt. Wir wußten
nicht, was mit ihnen anfangen. Viele hatten hysterische Anfälle,
es war furchtbar. Wir haben sie schließlich zum Finnischen Bahnhof
gebracht und in einen Zug nach Lewaschowo gesetzt, dort haben sie
ein Lager..." Wir kamen hinaus in die kalte Nacht voller
verhaltener Erregung, in der sich schattenhaft die Truppen
bewegten und Wachposten laut die Passanten anriefen. Vom
gegenüberliegenden Ufer, wo sich die dunkle Masse der
Peter-Pauls-Festung erhob, kam heiseres Rufen... Zu unseren Füßen
war der Bürgersteig mit herabgefallenem Stuck vom Gesims des
Winterpalastes übersät. Dort waren zwei Geschosse vom Kreuzer
"Aurora" eingeschlagen. Weiteren Schaden hatte das Artilleriefeuer
nicht verursacht... Es war mittlerweile drei Uhr morgens vorbei.
Auf dem Newski brannten wieder alle Straßenlaternen. Der
Kanonendonner war verstummt. Nur die um die Feuer hockenden
Soldaten und Rotgardisten erinnerten an den Krieg. Sonst war die
Stadt ruhig, so ruhig wie vielleicht nie in ihrer ganzen
Geschichte. In dieser Nacht gab es keinen einzigen Überfall oder
Diebstahl.
Das Gebäude der Stadtduma war vollständig erleuchtet. Wir stiegen
zu dem mit einer Galerie versehenen Alexandersaal hinauf, wo
rotverhüllt die großen goldumrahmten Kaiserbilder hingen. Etwa
hundert Menschen waren um die Rednertribüne versammelt. Skobelew
sprach gerade. Er forderte die Erweiterung des Komitees für die
öffentliche Sicherheit, die Zusammenfassung aller
antibolschewistischen Elemente in einer großen Organisation, die
den Namen "Komitee zu Rettung des Vaterlandes und der Revolution"
tragen sollte. Die Bildung dieses Komitees - das zu einem der
gefährlichsten Gegner der Bolschewiki werden sollte und in der
folgenden Woche an die Öffentlichkeit trat, zeitweise unter seinem
eigenen Parteinamen, dann wider als das absolut unparteiische
Komitee für die öffentliche Sicherheit - erfolgte in unserem
Beisein. Dan, Goz, Awxentjew waren da, einige der rebellierenden
Sowjetdelegierten, Mitglieder des Exekutivkomitees der
Bauernsowjets, der alte Prokopowitsch und sogar Mitglieder des
Rates der Russischen Republik, unter ihnen Winawer und andere
Angehörige der Kadettenpartei. Liber erklärte, daß die Einberufung
der Sowjets unrechtmäßig sei und daß das alte
Zentralexekutivkomitee der Sowjets seine Funktion immer noch
ausübe. Ein Aufruf an das Land wurde beraten. Wir bemühten uns um
eine Droschke. "Wohin?" Als der Kutscher hörte, daß wir zum Smolny
wollten, schüttelte er den Kopf. "Nein", sagte er, "da ist der
Teufel los!" Erst nach vielem Umhersuchen fanden wir einen
Kutscher, der bereit war, uns zu fahren. Er verlangte dreißig
Rubel und hielt zwei Straßen vom Smolny entfernt. Die Fenster des
Smolny waren noch erleuchtet. Autos fuhren an und ab. Um die
Wachfeuer drängten sich Posten, jeden Ankommenden gierig nach den
letzten Neuigkeiten ausfragend. In den Korridoren war ein Gewimmel
eilender, hohläugiger und schmutziger Männer. In einigen Räumen
lagen Menschen schlafend auf dem Fußboden, ihre Gewehre neben
sich. Trotz de ausgeschiedenen Delegierten war der Sitzungssaal
gedrängt voll. Als wir hereinkamen, verlas Kamenew gerade die
Liste der verhafteten Minister. Als der Name Tereschtschenko
genannt wurde, erfolgte donnernder Applaus, Ausrufe der
Zufriedenheit, Gelächter; Rutenberg wurde weniger beachtet; und
bei der Nennung Paltschinskis brach ein wilder Sturm los, wütende
Rufe.... Es wurde mitgeteilt, daß Tschudnowski zum Kommissar des
Winterpalastes ernannt worden war. Eine dramatische Unterbrechung
folgte jetzt. Ein riesenhafter Bauer, das bärtige Gesicht vor Wut
verzerrt, stieg auf die Bühne und schlug mit der Faust auf den
Tisch des Präsidiums: "Wir Sozialrevolutionäre verlangen die
sofortige Freilassung der im Winterpalast verhafteten
sozialistischen Minister! Genossen! Wißt ihr, daß unsere vier
Genossen, die ihr Leben und ihre Freiheit im Kampfe gegen die
Tyrannei des Zaren aufs Spiel gesetzt haben, in die
Peter-Pauls-Festung geworfen wurden, das historische Grab der
Freiheit?" Seine weiteren Ausführungen gingen im Lärm unter. Ein
anderer Delegierter kletterte neben ihn auf die Bühne, zum
Präsidium gewendet: "Werden die Vertreter der revolutionären
Massen hier ruhig tagen, während die Ochrana der Bolschewiki ihre
Führer foltert?" Trotzki bot mit einer Geste Ruhe: "Sollen wir
diese sogenannten Genossen, die wir dabei erwischt haben, als sie
mit dem Abenteurer Kerenski die Vernichtung der Sowjets
vorbereiteten - sollen wir sie vielleicht mit Glacéhandschuhen
anfassen? Sie waren nach dem 16. Und 18. Juli uns gegenüber auch
nicht sehr höflich! In diesem Moment, wo die Sozialpatrioten und
die Schwachherzigen uns verlassen haben, wo die ganze Aufgabe der
Verteidigung und der Rettung der Revolution auf unsern schultern
ruht, heißt es vor allem: arbeiten, arbeiten, arbeiten! Wir sind
entschlossen, lieber zu sterben als nachzugeben." Von Zarskoje
Selo kam ein Kommissar, keuchen und kotbedeckt vom schnellen Ritt:
"Die Garnison von Zarskoje Selo wacht an den Toren Petrograds,
bereit, die Sowjets und das Revolutionäre Militärkomitee zu
verteidigen." Wilder Jubel. "Das von der Front abgesandte
Radfahrerkorps ist in Zarskoje angekommen. Die Soldaten sind mit
uns. Sie erkennen die Macht der Sowjets an, die Notwendigkeit der
Sofortigen Übergabe des Landes an die Bauern und die Durchführung
der Arbeiterkontrolle über die Industrie. Das in Zarskoje
stationierte 5. Radfahrerbataillon steht zu uns." Danach sprach
der Delegierte des 3. Radfahrerbataillons. Inmitten tobender
Begeisterung erzählte er, wie vor drei Tagen das Radfahrerkorps
von der Südwestfront zur "Verteidigung Petrograds" abkommandiert
worden war. Die Soldaten ahnten aber, was dieser Befehl bedeutete.
Auf der Station Peredolsk trafen sie mit Vertretern des in
Zarskoje stationierten 5. Bataillons zusammen. Eine gemeinsame
Versammlung fand statt, und es zeigte sich, daß "unter den
Radfahrern nicht einer gewillt war, das Blut seiner Brüder zu
vergießen oder eine Regierung der Kapitalisten und Gutsbesitzer zu
verteidigen"! Im Namen der Menschewiki-Internationalisten schlug
Kapelinski die Wahl eines Komitees vor, das eine friedliche Lösung
des Bürgerkrieges finden sollte. "Es gibt keine friedliche
Lösung!" schrie die Menge. "Sieg ist die einzige Lösung." Der
Vorschlag wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt, und die
Menschewiki-Internationalisten verließen unter einem Hagel
ironischer Zurufe den Kongreß. Die Delegierten hatten ihre
anfängliche Ängstlichkeit endgültig überwunden. Kamenew rief von
der Tribüne herab hinter ihnen her: "Die
Menschewiki-Internationalisten behaupten, für eine ,friedliche
Lösung' zu sein, aber sie haben immer gegen die Tagesordnung und
für die Erklärung jener Gruppen gestimmt, die den Kongreß
verlassen wollten. Es ist offensichtlich, daß sich all diese
Renegaten schon vorher geeinigt hatten, den Kongreß zu verlassen."
Die Versammlung beschloß, das Ausscheiden der Parteien unbeachtet
zu lassen, und wandte sich der Ausarbeitung des Aufrufes an die
Arbeiter, Soldaten und Bauern Rußlands zu.
"An die Arbeiter, Soldaten und Bauern!
Der Zweite Gesamtrussische Kongreß der Sowjets der Arbeiter- und
Soldatendeputierten ist eröffnet. Auf diesem Kongreß ist die
gewaltige Mehrheit der Sowjets vertreten. Auf dem Kongreß ist auch
eine Reihe von Delegierten der Bauernsowjets anwesend. Die
Vollmachten des paktiererischen Zentralexekutivkomitees sind
abgelaufen. Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der
Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd
vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison,
nimmt der Kongreß die Macht in seine Hände. Die Provisorische
Regierung ist gestürzt. Die meisten Mitglieder der Provisorischen
Regierung sind bereits verhaftet. Die Sowjetmacht wird sofort
allen Völkern einen demokratischen Frieden und den sofortigen
Waffenstillstand an allen Fronten anbieten. Sie wird die
entschädigungslose Übergabe der Gutsbesitzer-, Kron- und
Klosterländereien in die Verfügungsgewalt des Bauernkomitees
sichern, sie wird die Rechte der Soldaten schützen, indem sie die
volle Demokratisierung der Armee durchführt, sie wird die
Arbeiterkontrolle über die Produktion einführen und die
rechtzeitige Einberufung der Konstituierenden Versammlung
gewährleisten, sie wird dafür sorgen, daß die Städte und Dörfer
mit Gegenständen des dringendsten Bedarfs beliefert werden, sie
wird allen in Rußland lebenden Völkern das wirkliche recht auf
Selbstbestimmung sichern. Der Kongreß beschließt: Die ganze Macht
geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und
Bauerndeputierten über, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung
zu gewährleisten haben. Der Kongreß ruft die Soldaten in den
Schützengräben zur Wachsamkeit und Standhaftigkeit auf. Der
Sowjetkongreß ist überzeugt, daß die revolutionäre Armee es
verstehen wird, die Revolution gegen jegliche Anschläge des
Imperialismus zu verteidigen, bis die neue Regierung den Abschluß
eines demokratischen Friedens erzielt hat, den sie unmittelbar
allen Völkern anbieten wird. Die neue Regierung wird alle
Maßnahmen treffen, um durch eine entschlossene Politik von
Requisitionen und Besteuerungen der besitzenden Klassen die
revolutionäre Armee mit allem Nötigen zu versorgen, und wird auch
die Lage der Soldatenfamilien verbessern. Die Kornilowleute -
Kerenski, Kaledin u. a. - versuchen, Truppen gegen Petrograd zu
führen. Einige Truppenteile, die Kerenski auf betrügerische Weise
in Bewegung gesetzt hatte, sind auf die Seite des aufständischen
Volkes übergegangen.
Soldaten, setzt dem Kornilowmann Kerenski aktiven Widerstand
entgegen! Seid auf der Hut!
Eisenbahner, haltet die Truppentransporte an, die Kerenski gegen
Petrograd schickt!
Soldaten, Arbeiter, Angestellte! Das Schicksal der Revolution und
das Schicksal des demokratischen Friedens liegt in euren Händen!
Es
lebe die Revolution!
Der Gesamtrussische Kongreß der Sowjets
der Arbeiter- und Soldatendeputierten
Die Delegierten der Bauernsowjets."
Es
war genau 5 Uhr 17 morgens, als, vor Müdigkeit schwankend,
Krylenko auf die Bühne trat, ein Telegramm in der Hand: "Genossen!
Ein Telegramm der Nordfront. Die Zwölfte Armee entbietet dem
Sowjetkongreß ihre Grüße und meldet die Bildung eines
Revolutionären Militärkomitees, das das Kommando über die
Nordfront übernommen hat." Stürmischer Jubel. Weinende Männer,
einander umarmend. "General Tscheremissow erkennt das Komitee an.
Der Kommissar der Provisorischen Regierung , Woitinski, ist
zurückgetreten." So hatten sich Lenin und die Petrograder Arbeiter
für den Aufstand entschieden. Der Petrograder Sowjet hatte die
Provisorische Regierung niedergezwungen und dem Sowjetkongreß den
Staatsstreich aufgedrängt. Nun hieß es: Rußland gewinnen und dann
- die Welt! Würde Rußland folgen und sich erheben? Und die übrige
Welt, was würde sie tun? Würden die Völker dem Rufe folgen und
aufstehen zu einem roten Weltsturm?
Obgleich schon sechs Uhr früh, war es noch ganz dunkel und
ziemlich kalt. Nur ein schwaches, kaum merkliches Dämmern stahl
sich über die stillen Straßen, ließ die Wachtfeuer matter
erscheinen. Der Vorbote eines drohenden, sich grau über Rußland
erhebenden Tages.
  
V. Im Sturmschritt voran
Donnerstag, 8. November. Der hereinbrechende Tag fand die Stadt in
wildester Aufregung und Verwirrung, die ganze Nation gepeitscht
von dem sich zu immer wilderen Stößen erhebenden Sturm. Äußerlich
war alles ruhig. Hunderttausende waren zeitig zu Bett gegangen,
standen früh auf und gingen ihrer Arbeit nach. In Petrograd fuhren
die Straßenbahnen, die Warenhäuser und Restaurants waren geöffnet,
die Theater in vollem Betrieb. Sogar eine Gemäldeausstellung war
angezeigt. Der Alltag - langweilig selbst in Kriegszeiten - ging
seinen gewohnte Trott. Nichts ist erstaunlicher als die
Lebenskraft des sozialen Organismus - wie er beharrt, sich
nährend, sich kleidend, sich amüsierend, dem allerschrecklichsten
Elend zum Trotz...
Die Luft schwirrte von Gerüchten über Kerenski, der, wie es hieß,
die Front aufgewiegelt habe und eine große Armee gegen die
Hauptstadt führe. " Wolja Naroda" veröffentlichte einen von ihm in
Pskow erlassenen Befehl:
"Die Unordnung, verursacht durch den wahnsinnigen Versuch der
Bolschewiki, treibt das Land dem Abgrund entgegen. Das erheischt
die Anstrengung unseres ganzen Willens, unseres ganzen Mutes und
die Hingabe jedes einzelnen von uns, damit wir die schreckliche
Prüfung überstehen, die das Vaterland durchmacht...... Bis zur
Bekanntgabe der Zusammensetzung der neuen Regierung - wenn eine
solche gebildet sein wird - hat jeder auf seinem Poste zu bleiben
und seine Pflicht dem blutenden Rußland gegenüber zu erfüllen.
Niemand darf vergessen, daß der geringste Konflikt mit den
bestehenden Armeeorganisationen nicht wiedergutzumachendes Unglück
über das Land bringen kann, indem die Front dem Feinde geöffnet
wird. Darum ist vor allem und unter jeder Bedingung dafür Sorge zu
tragen, daß die Moral der Truppen erhalten bleibt durch
Aufrechterhaltung völliger Ordnung und Bewahrung der Armee vor
neuen Zusammenstößen sowie durch Aufrechterhaltung des absoluten
Vertrauens zwischen Offizieren und Untergebenen. Ich befehle allen
Chefs und Kommissaren, um der Sicherheit des Landes willen auf
ihren Posten zu bleiben, so wie ich selbst den Posten des Obersten
Befehlshabers behalten werde, bis die Provisorische Regierung der
Republik ihren Willen zum Ausdruck gebracht hat." All dem zu
begegnen, das nachfolgende Plakat an allen Mauern:
"Vom Gesamtrussischen Sowjetkongreß
Die Exminister Konowalow, Kischkin, Tereschtschenko,
Maljantowitsch Nikitin und andere befinden sich in der Gewalt des
Revolutionären Militärkomitees. Kerenski ist geflohen. Alle
Armeeorganisationen haben Anweisungen, die notwendigen Maßnahmen
für die sofortige Verhaftung Kerenskis und seine Überführung nach
Petrograd zu treffen. Jede Kerenski erwiesene Unterstützung wird
als schweres Staatsverbrechen bestraft werden."
Aller Hindernisse ledig, war das Revolutionäre Militärkomitee
jetzt fieberhaft tätig, zahllose Befehle, aufrufe und Gesetze ins
Land zu schleudern. Ein Befehl ordnete die Überführung Kornilows
nach Petrograd an. Die von der Provisorischen Regierung
eingekerkerten Bodenkomitees wurden für frei erklärt, die
Todesstrafe in der Armee wurde abgeschafft. Die Beamten wurden
aufgefordert, auf ihren Posten zu bleiben, und schwere Strafen
waren ihnen angedroht für den fall, daß sie sich dessen weigerten.
Plünderung, Unruhen und Spekulation waren bei Todesstrafe
verboten. In die verschiedenen Ministerien wurden provisorische
Kommissare entsandt: Auswärtiges: Urizki und Trotzki, Inneres und
Justiz: Rykow, Arbeit: Schljapnikow, Finanzen: Menshinski,
Öffentliche Wohlfahrt: Frau Kollontai, Handel und Verkehr:
Rjasanow, Flotte: der Matrose Korbir, Post und Telegraf: Spiro,
Theater: Murawjow, Staatsdruckerei: Derbyschew, für die Stadt
Petrograd: Leutnant Nesterow, für die Nordfront: Posern. Die Armee
wurde aufgefordert, Revolutionäre Militärkomitees einzusetzen; die
Eisenbahnarbeiter, die Ordnung aufrechtzuerhalten und vor allem
den Lebensmitteltransport in die Städte und an die Front nicht zu
hindern. Dafür waren ihnen besondere Vertreter im
Verkehrsministerium zugesagt.
In
einer Proklamation an die Kosaken hieß es:
"Brüder Kosaken! Man will euch gegen Petrograd führen. Man will
euch in einen Kampf mit den revolutionären Arbeitern und Soldaten
der Hauptstadt zwingen. Ihr dürft unseren gemeinsamen Feinden, den
Großgrundbesitzern und Kapitalisten, kein Wort glauben. Auf
unserem Kongreß sind alle organisierten Arbeiter, Soldaten und die
bewußten Bauern Rußlands vertreten. Der Kongreß ist bereit, auch
die werktätigen Kosaken in seiner Mitte willkommen zu heißen. Die
Generale der Schwarzhundertschaften, die Lakaien der
Großgrundbesitzer und Nikolaus´ des Grausamen, sind unsere Feinde.
Sie sagen euch, daß die Sowjets das Land der Kosaken konfiszieren
wollen. Das ist eine Lüge. Die Revolution will nur das Land der
kosakischen Großgrundbesitzer konfiszieren, um es dem Volke zu
geben. Organisiert Sowjets der Kosakendeputierten! Schließt euch
den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten an! Zeigt den
Schwarzhundertleuten, daß ihr keine Verräter am Volke seid und daß
ihr nicht gewillt seid, die Verachtung des gesamten revolutionäre
Rußlands auf euch zu laden!... Brüder Kosaken, weigert euch, die
Befehle der Feinde des Volkes auszuführen. Sendet eure Delegierten
nach Petrograd, damit sie die Dinge mit uns besprechen... Die
Kosaken der Petrograder Garnison haben, zu ihrer Ehre sei es
gesagt, die Hoffnungen der Volksfeinde nicht gerechtfertigt...
Brüder Kosaken! Der Gesamtrussische Sowjetkongreß streckt euch
seine brüderliche Hand entgegen. Es lebe der Bruderbund der
Kosaken mit den Soldaten, Arbeitern und Bauern des ganzen Rußlands!"
Demgegenüber, welche Fülle angeschlagener Proklamationen,
herumflatternder Handzettel, geifernder, schimpfender, dem Ganzen
ein böses Ende verheißender Zeitungen! Die Schlacht der
Druckerpresse tobte jetzt - alle anderen Waffen waren in den
Händen der Sowjets. An der Spitze der Aufruf des Komitees zur
Rettung des Vaterlandes und der Revolution.
"
Ab die Bürger der Russischen Republik!
Entgegen dem Willen der revolutionären Massen haben die
Bolschewiki Petrograds am 7. November einen teil der
Provisorischen Regierung verhaftet, den rat der russischen
Republik auseinandergejagt und eine ungesetzliche Macht
proklamiert. Diese gegen die Regierung des revolutionären Rußlands
im Moment der größten äußeren Gefahr begangene Vergewaltigung ist
ein unbeschreibliches Verbrechen gegen das Vaterland. Der Aufstand
der Bolschewiki versetzt der Sache der nationalen Verteidigung
einen tödlichen Schlag und verzögert unübersehbar den so
sehnlichst herbeigewünschten Augenblick des Friedensschlusses. Der
Bürgerkrieg, von den Bolschewiki begonnen, bedroht das Land mit
den Schrecken der Anarchie und Konterrevolution. Er macht die
Konstituierende Versammlung unmöglich, deren Aufgabe es sein
sollte, die republikanische Ordnung zu bestätigen und dem Volke
auf ewige Zeiten sein Recht auf das Land zu sichern. Das Komitee
zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution, in der Nacht des
7. November gegründet, übernimmt die Initiative zur Bildung einer
neuen Provisorischen Regierung, die, sich auf die Demokratie
stützend, das Land zur Konstituierenden Versammlung hinführen und
es vor der Anarchie und der Konterrevolution retten wird. Das
Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution ruft euch,
Bürger, auf, der Macht der Gewalt die Anerkennung zu versagen.
Gehorcht ihren Anordnungen nicht. Erhebt euch für die Verteidigung
des Landes und Der Revolution! Unterstützt das Komitee zur
Verteidigung des Vaterlandes und der Revolution!
Gezeichnet: Rat der Russischen Republik, Petrograder
Stadtduma,Zentralexekutivkomitee (I. Kongreß), Exekutivkomitee der
Bauernsowjets und vom II. Sowjetkongreß die Gruppe der
Frontsoldaten, die Sozialrevolutionäre, Menschewiki,
Volkssozialisten, Vereinigte Sozialdemokraten und die Gruppe ,Jedinstwo'."
Weitere Plakate von der sozialrevolutionären Partei, den
menschewistischen Sozialpatrioten, den Bauernsowjets, dem
Zentralen Armeekomitee, dem Zentroflot...
".....Der Hunger wird Petrograd zerschmettern! Die deutschen
Armeen werden unsere Freiheit niedertrampeln. Die Schwarzhunderter
werden Rußland mit Pogromen überziehen, wenn nicht alle bewußten
Arbeiter, Soldaten und Bürger sich vereinigen.....Glaubt nicht den
Versprechungen der Bolschewiki. Das Versprechen des sofortigen
Friedens ist eine Lüge! Das Versprechen von Brot ist ein Betrug!
Das Versprechen von Land ein Märchen!...." Immer wieder die
gleiche Tonart, bei allen Plakaten. "Genossen! Man hat euch in
niederträchtiger und grausamer Weise betrogen! Die Übernahme der
Macht geschah durch die Bolschewiki allein... Sie hielten ihre
Verschwörung gegenüber den anderen sozialistischen Parteien im
Sowjet geheim... Sie haben euch Land und Freiheit versprochen,
aber die Konterrevolution wird die von den Bolschewiki
hervorgerufene Anarchie ausnutzen, und sie wird euch um Land und
Freiheit betrügen...." Nicht weniger wild waren die Zeitungen.
"Unsere Pflicht", erklärte "Delo Naroda", "ist es, diese Verräter
an der Arbeiterklasse zu demaskieren. Unsere Pflicht ist es, alle
unsere Kräfte zu mobilisieren und die Sache der Revolution zu
verteidigen!..." "Iswestija", zum letztenmal im Namen des alten
Zentralexekutivkomitees sprechend, drohte mit furchtbarer Rache.
"Was den Sowjetkongreß anbelangt, erklären wir, daß es keinen
Sowjetkongreß gegeben hat! Wir erklären, daß er nichts anderes war
als eine private Konferenz der bolschewistischen Fraktion! Und in
dieser Eigenschaft hat er nicht das Recht, die Machtbefugnisse des
Zentralexekutivkomitees aufzuheben..."
"Nowaja
Shisn" trat für eine neue Regierung ein, die alle sozialistischen
Parteien umfassen sollte; sie kritisierte scharf die Haltung der
Sozialrevolutionäre und der Menschewiki, die den Kongreß verlassen
hatten, und wies darauf hin, daß die bolschewistische Erhebung
eines klarmache: daß alle Illusionen über eine Koalition mit der
Bourgeoisie in Zukunft sinnlos seien... "Rabotschi Put", der jetzt
als "Prawda" herauskam, Lenins im Juli unterdrücktes Blatt,
schrieb: "Arbeiter, Soldaten, Bauern! Im März zerschlugt ihr die
Tyrannei der Adelsclique. Gestern warft ihr die Tyrannei der
Bourgeoisie nieder... Die erste Aufgabe ist jetzt, die Tore
Petrograds zu bewachen. Die zweite, die konterrevolutionären
Elemente Petrograds endgültig zu entwaffnen. Die dritte, die
endgültige Organisierung der revolutionären Macht und die
Realisierung des Volksprogramms...."
Die wenigen noch erscheinenden Kadettenorgane und die Bourgeoisie
im allgemeinen nahmen zu den Vorgängen eine besondere,
ironisierende Haltung, eine Art "ich hab's euch ja gleich gesagt"
gegenüber den anderen Parteien ein. Man konnte wohl einflußreiche
Angehörige der Kadettenpartei um die Stadtduma streifen sehen und
in den Vorzimmern des Komitees zur Rettung des Vaterlandes
antreffen. Sonst aber hielt sich die Bourgeoisie zurück, sich auf
ihre Stunde vorbereitend, die unmöglich lange auf sich warten
lassen konnte. Daß die Bolschewiki sich länger als drei Tage an
der Macht halten sollten, hielt niemand für möglich, ausgenommen
vielleicht Lenin, Trotzki, die Petrograder Arbeiter und die
einfachen Soldaten.
In
dem hohen amphitheatermäßig gebauten Nikolaussaal sah ich an
diesem Nachmittag die in Permanenz tagende Duma, stürmisch, alle
Kräfte der Opposition um sich gruppierend. Der alte, in seinem
weißen Haar und Bart würdevoll dreinschauende Bürgermeister
Schrejder gab eine Schilderung seines Besuches im Smolny in der
vergangenen Nacht, wo er im Namen der städtischen Selbstverwaltung
Protest eingelegt hatte. "Die Duma als die einzige rechtmäßig
existierende Regierung in der Stadt, hervorgegangen aus gleicher,
direkter und geheimer Wahl, würde die neue Gewalt nicht
anerkennen", hatte er Trotzki mitgeteilt, worauf ihm Trotzki zur
Antwort gegeben hatte, "daß es in diesem Falle ein
kostitutionelles Mittel gebe: Die Auflösung und Neuwahl der Duma".
Der Bericht löste bei der Versammlung zornige Entrüstung aus.
"Wollte man eine sich auf Bajonette stützende Regierung
anerkennen", fuhr der alte Mann in seiner Rede an die Duma fort,
"dann haben wir allerdings eine Regierung; aber für rechtmäßig
erachte ich nur eine vom Volk, und zwar eine von seiner Mehrheit
anerkannte Regierung, nicht aber eine durch die gewaltsame
Besitzergreifung einer Minderheit geschaffene." Darauf wilder
Beifall auf allen Bänken, die der Bolschewiki ausgenommen.
Inmitten erneuten Tumultes teilte der Bürgermeister mit, daß die
Bolschewiki durch die Entsendung von Kommissaren in zahlreich
Stadtbezirke mit der Vergewaltigung der städtischen
Selbstverwaltung bereits begonnen hätten. Dann schrie der
bolschewistische Redner, sich mit aller Kraft Gehör verschaffend:
"Der Beschluß des Sowjetkongresses beweist, daß das ganze Rußland
hinter der Aktion der Bolschewiki steht. Ihr seid nicht die wahren
Vertreter des Petrograder Volkes." Rufe: "Das ist eine
Beschimpfung!" Würdevoll erinnerte der Bürgermeister daran, daß
die Duma aus der denkbar freiesten Volkswahl hervorgegangen sei.
"Jawohl", antwortete der Bolschewik, "aber das ist schon lange
her. Genau wie beim Zentralexekutivkomitee und beim Armeekomitee."
"Es hat keinen neuen Sowjetkongreß gegeben", schrieen sie auf ihn
ein. "Die bolschewistische Partei lehnt es ab, noch weiter in
diesem Nest der Konterrevolution zu bleiben" (Tumult), "und wir
verlangen die Neuwahl der Duma". Die Bolschewiki verließen den
Saal, und "Deutsche Agenten!" und "Nieder mit den Verrätern!"
schallte es ihnen nach. Schingarjow stellte für die Kadetten den
Antrag, alle städtischen Beamten, die sich dem Revolutionären
Militärkomitee zur Verfügung gestellt hatten, von ihrem Posten zu
entheben und unter Anklage zu stellen. Schrejder brachte eine
Resolution ein des Inhalts, daß die Duma gegen die Androhung der
Bolschewiki, sie aufzulösen, protestiere und daß sie sich als die
gesetzmäßige Volksvertretung weigere, ihren Posten zu verlassen.
Draußen, im Alexandersaal, tagte eine überfüllte Sitzung des
Komitees zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution. Skobelew
hatte wieder das Wort. "Noch niemals", sagte er, "war das
Schicksal der Revolution so auf des Messers Schneide, noch niemals
verursachte die Frage der Existenz des russischen Staates so viel
Besorgnis, noch niemals hat die Geschichte die Frage, ob Rußland
leben oder untergehen wird, so scharf und kategorisch gestellt!
Die große Stunde der Rettung der Revolution ist da, und im
Bewußtsein dessen blicken wir auf das enge Bündnis der
Lebenskräfte der Revolutionären Demokratie, deren organisierter
Wille ein Zentrum für die Rettung der Revolution und des
Vaterlandes bereits geschaffen hat..." Und noch vieles in dieser
Art. "Wir werden eher sterben als unsere Stellung preisgeben!"
Unter stürmischem Beifall nahm die Versammlung von dem Beitritt
des Eisenbahnverbandes zum Komitee Kenntnis. Wenige Minuten später
trafen die Post- und Telegrafenangestellten ein, dann einige
Menschewiki-Internationalisten. Die Eisenbahner erklärten, daß sie
die Bolschewiki nicht anerkennen würden, daß sie den ganzen
Eisenbahnapparat in eigene Hände genommen hätten und es
entschieden ablehnten, ihn irgendeiner usurpatorischen Gewalt
anzuvertrauen. Der Delegierte der Telegrafenbeamten schilderte,
wie seine Kollegen sich geweigert hatten, in Anwesenheit des
bolschewistischen Kommissares ihre Apparate zu bedienen. Die
Postangestellten würden von dem Smolny weder Postsachen
entgegennehmen noch solche an ihn ausliefern....Alle
Telefonapparate des Smolny seien aus dem allgemeinen Netz
ausgeschaltet. Unter großer Belustigung wurde berichtet, wie
Urizki ins Ministerium des Auswärtigen gekommen sei und die
Geheimverträge verlangt habe und wie er von Neratow an die frische
Luft gesetzt worden sei. Sämtliche Regierungsangestellten hätten
die Arbeit eingestellt. Dies war der Krieg - ein Krieg nach
vorbedachtem Plan, in russischer Manier. Die Waffen waren Streik
und Sabotage. Wir hörten, wie der Vorsitzende eine Liste von Namen
mit den jedem einzelnen zugewiesenen Aufgaben verlas. Der hatte
eine Runde durch die Ministerien zu machen. Ein anderer sollte die
Banken besuchen. Etwa zehn oder zwölf sollten in die Kasernen
gehen, um die Soldaten zur Neutralität zu überreden - "Russische
Soldaten, vergießt nicht das Blut eurer Brüder!"
Ein Komitee wurde eingesetzt zu Verhandlungen mit Kerenski. Andere
wurden in die Provinzstädte entsandt, damit sie dort
Zweigorganisationen des Komitees zur Rettung des Vaterlandes
gründeten und den Zusammenschluß der antibolschewistischen
Elemente betrieben. Die Versammlung war aufs zuversichtlichste
gestimmt. "Diese Bolschewiki wollen der Intelligenz Vorschriften
machen. Wir werden es ihnen zeigen!" Kein größerer Kontrast war
denkbar als der zwischen dieser Versammlung und dem Kongreß der
Sowjets. Dort große Massen armseligster Soldaten, schmutziger
Arbeiter, Bauern - arme Menschen, gebeugt und zernarbt im brutalen
Ringen um die Existenz; hier die Führer der Menschewiki und der
Sozialrevolutionäre - die Awxentjew, Dan, Liber, die ehemaligen
sozialistischen Minister Skobelew, Tschernow, Schulter an Schulter
mit Kadetten, wie dem öligen Schazki, dem glatten Winawer, mit
Journalisten, Studenten, Intellektuellen aus fast allen Lagern.
Alle gut genährt, gut gekleidet; ich habe unter ihnen kaum drei
Proletarier gesehen.
Nachrichten begannen einzulaufen. Kornilows getreue Tekinzy
schlugen in Bychow die Wachen nieder, und Kornilow, der dort
gefangengehalten wurde, konnte entkommen. Von dem Moskauer Sowjet
war ein Revolutionäres Militärkomitee eingesetzt worden, das mit
dem Stadtkommandanten wegen Übergabe des Arsenals verhandelte, so
daß die Möglichkeit bestand, die Arbeiter zu bewaffnen.
Mit diesen Tatsachen war ein erstaunliches Durcheinander von
Gerüchten, Übertreibungen und offenbaren Lügen vermengt. So nahm
uns ein sonst intelligenter Kadett, der nacheinander der
Privatsekretär erst Miljukows und dann Tereschtschenkos gewesen
war, beiseite, um uns die Einnahme des Winterpalastes zu
schildern. "Die Bolschewiki standen unter Führung deutscher und
österreichischer Offiziere", behauptete er allen Ernstes. "So?"
erwiderten wir höflich. "Woher wissen Sie das?" "Einer meiner
Freunde war dort und hat sie gesehen." "Woher wußte er, daß es
deutsche Offiziere waren?" "Oh, weil sie deutsche Uniformen
trugen." Solcher ganz unsinniger Geschichten waren Hunderte im
Umlauf, und sie wurden nicht nur in der feierlichsten Aufmachung
in der antibolschewistischen Presse veröffentlicht, sondern auch
geglaubt - und von Leuten, denen man ein derartiges Maß von
Leichtgläubigkeit nie zugetraut hätte, darunter solche Menschewiki
und Sozialrevolutionäre, deren nüchterne Sachlichkeit notorisch
war.
Ernster aber war, was über die angeblichen Gräueltaten und den
Terror der Bolschewiki im Umlauf war. So wurde erzählt, und man
las es auch gedruckt, daß die Rotgardisten nicht nur den
Winterpalast völlig ausgeplündert und die Offiziersschüler nach
ihrer Entwaffnung niedergemacht, sondern daß sie auch einige der
Minister kalten Blutes ermordet hätten. Was die Frauenbataillone
betraf, so waren die meisten dieser Frauen angeblich vergewaltigt
worden, während viele infolge der erlittenen Mißhandlungen
Selbstmord verübt haben sollten. Und die Dumaleute nahmen all
diese Geschichten für bare Münze. Was Wunder, wenn auch die Mütter
und Väter der Offiziersschüler und Frauen, die die oft von
namentlicher Aufführung der angeblichen Opfer begleiteten Details
lasen, ihnen Glauben schenkten. Als die Nacht hereinbrach, war die
Duma von einer Menge wütender Bürger umlagert. Ein typischer Fall
ist der des Fürsten Tumanow, dessen Leichnam nach den Meldungen
zahlreicher Zeitungen im Moika-Kanal treibend aufgefunden worden
war. Als wenige Stunden später die Familie des Fürsten diese
Nachricht dementierte und hinzufügte, daß der Fürst
gefangengehalten werde, identifizierte die Presse den Leichnam als
den des Generals Denissow. Als aber auch dieser wieder zum Leben
kam, stellte wir Nachforschungen an und konnten überhaupt keine
Spur von irgendeinem unter den bezeichneten Umständen
aufgefundenen Leichnam entdecken. Als wir die Duma verließen,
sahen wir zwei Pfadfinder, die Handzettel an die riesige
Volksmenge verteilten, die sich auf dem Newski gegenüber dem Tor
angesammelt hatte, fast durchweg Unternehmer, Kaufleute, Beamte
und Angestellte. Auf einem der Handzettel las ich: " Von der
Stadtduma!" Angesichts der Ereignisse des heutigen Tages
proklamiert die Stadtduma in ihrer Sitzung vom 26. Oktober (8.
November, Anm. d. Red.) die Unverletzlichkeit der Privatwohnungen.
Durch die Hauskomitees fordert sie die Bevölkerung der Stadt
Petrograd auf, alle Versuche, in Privatwohnungen mit Gewalt
einzudringen, mit Entschiedenheit zurückzuweisen und im Interesse
der Selbstverteidigung der Bürger evtl. auch von der Waffe
Gebrauch zu machen."
An
der Ecke des Litejny- Prospekts hatten fünf oder sechs
Rotgardisten und ein paar Matrosen einen Zeitungsverkäufer umringt
und forderten von ihm die Aushändigung der menschewistischen "Rabotschaja
Gaseta". Der Zeitungsverkäufer überhäufte sie mit wütenden
Schimpfworten, die Faust erhebend, als einer der Matrosen die
Zeitungen von seinem Stand riß. Eine drohende Volksmenge hatte
sich angesammelt, die die Patrouille wütend beschimpfte. Ein
kleiner Arbeiter gab sich Mühe, der Volksmenge und dem
Zeitungsverkäufer die Notwendigkeit dieser Maßnahme immer wieder
zu erklären. "Die Zeitung bringt die Proklamation Kerenskis, die
behauptet, daß wir Russen ermordet hätten. Das würde zu
Blutvergießen führen..." Im Smolny schien die Spannung größer denn
je. Die gleichen im Dämmer der Korridore hin und her eilenden
Männer. Trupps von Arbeitern mit Gewehren. Führer mit mächtigen
Aktenbündeln, diskutierend, erklärend, Befehle erteilend, während
sie mit besorgten Mienen vorübereilten, umgeben von Freunden und
Mitarbeitern, Männer, buchstäblich außer sich; lebende Wunder von
Schlaflosigkeit und Arbeit, unrasiert und schmutzig, mit
brennenden Augen. So viel hatten sie zu tun, so unendlich viel.
Die Regierung mußte übernommen, das Leben der Stadt organisiert,
die Loyalität der Garnison gesichert werden. Es galt, den Kampf
gegen die Duma und das Komitee zur Rettung des Vaterlandes zu
führen, die Deutschen fernzuhalten, den Kampf gegen Kerenski
vorzubereiten, die Provinzen zu unterrichten, eine von Archangelsk
bis Wladiwostok reichende Propaganda zu betreiben. Und all dies
angesichts der Weigerung der Regierungs- und städtischen
angestellten, sich den Anordnungen der Kommissare zu fügen,
angesichts der den Dienst verweigernden Post- und
Telegrafenbeamten, der allen Anforderungen von Zügen gegenüber
taub bleibenden Eisenbahner. Kerenski im Anmarsch, die Garnison
teilweise eine zweifelhafte Haltung einnehmend, die Kosaken auf
das Signal zum Losschlagen wartend. Gegen sich nicht nur die
organisierte Bourgeoisie, sondern auch alle anderen
sozialistischen Parteien mit Ausnahme der linken
Sozialrevolutionäre, einiger Menschewiki-Internationalisten und
der Sozialdemokraten-Internationalisten. Und selbst diese
unentschlossen, ob sie neutral bleiben sollten oder nicht. Mit
ihnen, es ist richtig, die Arbeiter- und Soldatenmassen - die
Bauern noch eine unbekannte Größe-; aber alles in allem genommen
waren sie, die Bolschewiki, eine noch junge Partei, arm an
erfahrenen und durchgebildeten Kräften. Auf der Vordertreppe traf
ich Rjasanow, der mir halb belustigt, halb entsetzt erklärte, daß
er, der Kommissar für Handel, nicht das geringste von Geschäften
verstehe. In dem in der oberen Etage gelegenen Cafe saß in eine
Ecke für sich ein Mann in einem Umhang aus Ziegenfell und Kleidern
- in denen er geschlafen hatte, hätte ich fast gesagt, aber
natürlich hatte er nicht geschlafen - und mit drei Tage alten
Bartstoppeln im Gesicht. Mit eifriger Geschäftigkeit kritzelte er
auf einen schmutzigen Briefumschlag, kaute hin und wieder an
seinem Bleistift. Dies war Menshinski, der Kommissar für das
Finanzwesen, dessen Qualifikation für sein Amt darin bestand, daß
er einmal Buchhalter in einer französischen Bank gewesen
war....Und diese vier, die aus dem Büro des Revolutionären
Militärkomitees herauskamen, den Korridor fast im Laufschritt
durcheilten und noch im Laufen auf kleine Stücke Papier
kritzelten, das waren Kommissare, in alle vier Himmelsrichtungen
Rußlands entsandt, das Land zu unterrichten, die Gegner zu
überzeugen oder sie zu zwingen, mit Argumenten oder Waffen, wie
sie ihnen immer zur Hand kämen...
Der Kongreß sollte um vier Uhr wieder zusammentreten, und der
große Saal hatte sich lange vordem gefüllt. Aber noch gegen sieben
Uhr war niemand von der Kongreßleitung zu sehen. Die Bolschewiki
und Sozialrevolutionäre tagten in ihren Fraktionszimmern. Den
ganzen Nachmittag hatten Lenin und Trotzki gegen die Kompromißler
zu kämpfen gehabt. Ein großer Teil der Bolschewiki war zu einer
Einigung mit allen sozialistischen Parteien auf der Grundlage der
Bildung einer rein sozialistischen Regierung bereit. "Wir können
es nicht schaffen; zu viele sind gegen uns. Es fehlen uns die
Männer. Wir werden isoliert sein, und alles wird verloren sein."
So Kamenew, Rjasanow und andere. Aber Lenin und ihm zur Seite
Trotzki standen wie ein Fels. "Die Kompromißler sollen unser
Programm akzeptieren, dann werden wir sie hereinkommen lassen.
Nicht einen Zoll breit werden wir nachgeben. Wenn unter uns
Genossen sind, die nicht den Mut und den Willen haben zu wagen,
was wir wagen, so mögen sie mit dem Rest der Feiglinge und
Kompromißler gehen! Wir aber werden, gestützt auf Arbeiter und
Soldaten, vorwärtsgehen!" Fünf Minuten nach sieben traf die
Mitteilung der linken Sozialrevolutionäre ein, daß sie im
Revolutionären Militärkomitee verbleiben werden. "Da seht ihr, sie
kommen schon", sagte Lenin. Ein wenig später, als wir in dem
großen Saal am Pressetisch saßen, machte mir ein Anarchist,
Berichterstatter bürgerlicher Blätter, den Vorschlag, zu sehen,
was aus dem Präsidium geworden war. Im Büro des
Zentralexekutivkomitees war kein Mensch, leer war auch das Büro
des Petrograder Sowjets. Wir wanderten von Zimmer zu Zimmer, durch
den ganzen Smolny. Kein Mensch schien auch nur die leiseste Idee
zu haben, wo man das Präsidium des Kongresses finden könne. Im
Gehen schilderte mir mein Begleiter seine frühere revolutionäre
Tätigkeit, sein langes und angenehmes Exil in Frankreich... Die
Bolschewiki, so vertraute er mir an, seien gewöhnliche, rohe,
unwissende Leute ohne ästhetisches Empfinden. Er war ein echter
Vertreter der russischen Intelligenz... So kamen wir schließlich
nach dem Zimmer Nr.17, dem Büro des Revolutionären
Militärkomitees, und standen dort inmitten des ungestümen Kommens
und Gehens. Die Tür wurde aufgerissen, und ein untersetzter Mann
in einer Uniform ohne Abzeichen stürzte heraus. Er schien zu
lächeln - bald sah man jedoch, daß dieses scheinbare Lächeln in
Wirklichkeit das gespannte Grinsen äußerster Ermüdung war. Dieser
Mann war Krylenko. Mein Bekannter, ein flotter, zivilisiert
aussehender junger Mann, stieß einen Freudenruf aus und stürzte
vorwärts. "Nikolai Wassiljewitsch!" rief er, seine Hand
ausstreckend. "Erinnern Sie sich nicht meiner, Genosse? Wir waren
miteinander im Gefängnis." Krylenko machte eine Anstrengung,
dachte nach und musterte ihn. "Richtig", sagte er endlich, den
anderen mit einem Ausdruck großer Freundlichkeit ansehend. "Sie
sind S.... Guten tag!" Sie umarmten einander. "Was tun Sie hier?"
"Oh, ich schaue nur so herum... Sie scheinen sehr erfolgreich zu
sein." "Ja!" erwiderte Krylenko. "Die proletarische Revolution ist
ein großer Erfolg." Er lachte. "Vielleicht - vielleicht werde wir
uns wieder im Gefängnis treffen!" Als wir in den Korridor
hinaustraten, fuhr mein Bekannter in seinen Erklärungen fort. "Ich
bin nämlich ein Anhänger Kropotkins. In unseren Augen ist die
Revolution ein großer Mißerfolg; sie hat nicht vermocht, den
Patriotismus der Massen zu erwecken. Das allein beweist, daß das
Volk für die Revolution nicht reif ist..."
Es
war genau 8 Uhr 40, als ein Ausbruch jubelnder Begeisterung den
Eintritt des Präsidiums, mit Lenin - dem großen Lenin - in seiner
Mitte ankündigte. Eine untersetzte Gestalt, mit großem, auf
stämmigem Hals sitzenden Kopf, ziemlich kahl. Kleine bewegliche
Augen, großer sympathischer Mund und kräftiges Kinn; jetzt
rasiert, der bekannte Bart jedoch, den er fortan wieder tragen
würde, schon wieder sprossend. In abgetragenem Anzug, mit Hosen,
viel zu lang für ihn. Zu unauffällig, um das Idol eines Mobs zu
sein, aber doch geliebt und verehrt wie selten ein Führer in der
Geschichte. Ein Volksführer eigner Art - Führer nur dank der
Überlegenheit seines Intellekts; nüchtern, kompromißlos und über
den Dingen stehend, ohne Effekthascherei - aber mit der Fähigkeit,
tiefe Gedanken in einfachste Worte zu kleiden und konkrete
Situationen zu analysieren. Sein Scharfsinn ist verbunden mit der
größten Kühnheit des Denkens.
Kamenew gab den Bericht über die Aktionen des Revolutionären
Militärkomitees: Abschaffung der Todesstrafe in der Armee,
Wiederherstellung der Propagandafreiheit, Freilassung der wegen
politischer Vergehen verhaftet gewesenen Offiziere und Soldaten,
Erlaß eines Haftbefehls gegen Kerenski, Beschlagnahme der
Lebensmittelvorräte in den privaten Warenhäusern... Ungeheurer
Beifall. Noch einmal ein Vertreter vom "Bund": "Die unnachgiebige
Haltung der Bolschewiki wird den Zusammenbruch der Revolution zur
Folge haben. Die Delegierten des Bundes sehen sich daher
gezwungen, aus dem Kongreß auszuscheiden" Zurufe aus der
Versammlung: "Wir meinten, ihr seiet schon gestern gegangen. Wie
oft gedenkt ihr uns noch zu verlassen?" Darauf der Vertreter der
Menschewiki-Internationalisten, von erstaunten zurufen empfangen:
"Auch ihr noch hier?" Der Redner erklärte, daß nur ein Teil der
Menschewiki-Internationalisten den Kongreß verlassen habe, der
Rest würde bleiben. "Wir erachten die Übernahme der Macht durch
die Sowjets für gefährlich, ja sogar für tödlich für die
Revolution." (Lebhafte Zurufe.) "Aber wir bleiben im Kongreß, um
hier gegen diese Übernahme zu stimmen." Andere Redner folgten,
offenbar ohne bestimmte Anweisungen, welche Stellung sie einnehmen
sollten. Ein Delegierter der Kohlenbergwerke des Donezbeckens
forderte von dem Kongreß Maßnahmen gegen Kaledin, der
möglicherweise versuchen würde, die Hauptstadt von der Kohle- und
Lebensmittelversorgung abzuschneiden. Einige von der Front
angekommene Soldaten überbrachten begeisterte Grüße ihrer
Regimenter. Und nun stand Lenin vorn, die Hände fest an den Rand
des Rednerpultes gekrampft, seine kleinen blinzelnden Augen über
die Menge schweifen lassend, wartend, bis der minutenlange, ihm
offensichtlich gleichgültige Beifallssturm sich gelegt haben
würde. Als er endlich beginnen konnte, sagte er einfach: "Wir
werden jetzt mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung beginnen."
Und wieder raste wilder Begeisterungssturm durch den Saal. "Das
erste ist die Durchführung praktischer Maßregeln zur
Verwirklichung des Friedens. Wir werden den Völkern aller
kriegführenden Länder den Frieden auf der Grundlage der
Sowjetbedingungen anbieten: Keine Annexionen, keine
Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Gleichzeitig werden wir unserm Versprechen gemäß die
Geheimverträge veröffentlichen und für ungültig erklären. Die
Frage ,Krieg und Frieden' ist so einfach, daß ich glaube, die
beabsichtigte Formulierung eines Aufrufes an die Völker aller
kriegführenden Staaten hier ohne Vorrede vorlesen zu können: ,
Aufruf an die Völker und Regierungen aller kriegführenden Länder !
Die Arbeiter- und Bauernregierung, die durch die Revolution vom 6.
Und 7. November (24. Und 25. Oktober) geschaffen wurde und sich
auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten
stützt, schlägt allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen
vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen
Frieden zu beginnen. Ein gerechter oder demokratischer Friede, den
die überwältigende Mehrheit der durch den Krieg erschöpften,
gepeinigten und gemarterten Klassen der Arbeiter und der
Werktätigen aller kriegführenden Länder ersehnt und den die
russischen Arbeiter und Bauern nach dem Sturz der Zarenmonarchie
auf das entschiedenste und beharrlichste forderten - ein solcher
Friede ist nach der Auffassung der Regierung ein sofortiger Friede
ohne Annexionen (Das heißt ohne Aneignung fremder Territorien,
ohne gewaltsame Angliederung fremder Völkerschaften) und ohne
Kontributionen. Die Regierung Rußlands schlägt allen
kriegführenden Völkern vor, unverzüglich einen solchen Frieden zu
schließen, wobei sie sich bereit erklärt, sofort, ohne die
geringste Verzögerung, alle entscheidenden Schritte zu unternehmen
- bis zur endgültigen Bestätigung aller Bedingungen eines solchen
Friedens durch die bevollmächtigten Versammlungen der
Volksvertreter aller Länder und aller Nationen. Unter Annexion und
Aneignung fremder Territorien versteht die Regierung, im Einklang
mit dem Rechtsbewußtsein der Demokratie im allgemeinen und der
werktätigen Klassen im besonderen, jede Angliederung einer kleinen
und schwachen Völkerschaft an einen großen und mächtigen Staat,
ohne daß diese Völkerschaft ihr Einverständnis und ihren Wunsch
genau, klar und freiwillig zum Ausdruck gebracht hat, unabhängig
davon, wann diese gewaltsame Angliederung erfolgt ist, sowie
unabhängig davon, wie entwickelt oder rückständig eine solche mit
Gewalt angegliederte oder mit Gewalt innerhalb der Grenzen eines
gegebenen Staates festgehaltene Nation ist, und schließlich
unabhängig davon, ob diese Nation in Europa oder in fernen,
überseeischen Ländern lebt. Wenn irgendeine Nation mit Gewalt in
den Grenzen eines gegebenen Staates festgehalten wird, wenn dieser
Nation entgegen ihrem zum Ausdruck gebrachten Wunsche -
gleichviel, ob dieser Wunsch in der Presse oder in
Volksversammlungen, in Beschlüssen der Parteien oder in Empörungen
und Aufständen gegen die nationale Unterdrückung geäußert wurde -
das Recht vorenthalten wird, nach vollständiger Zurückziehung der
Truppen der die Angliederung vornehmenden oder überhaupt der
stärkeren Nation, in freier Abstimmung über die Formen ihrer
staatliche Existenz, ohne den mindesten Zwang selbst zu
entscheiden, so ist eine solche Angliederung eine Annexion, das
heißt eine Eroberung und Vergewaltigung. Diesen Krieg
fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und
reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen
Völkerschaften unter sich aufteilen sollen, hält die Regierung für
das größte Verbrechen an der Menschheit, und sie verkündet
feierlich ihre Entschlossenheit, unverzüglich die Bedingungen
eines Friedens zu unterzeichnen, der diesem Krieg unter den
obengenannten, für ausnahmslos alle Völkerschaften gleich
gerechten Bedingungen ein Ende macht...
Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab, sie erklärt, daß
sie ihrerseits fest entschlossen ist, alle Verhandlungen völlig
offen vor dem ganzen Volke zu führen, und geht unverzüglich dazu
über, alle Geheimverträge zu veröffentlichen, die von der
Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten in der Zeit vom
Februar bis zum 7. November (25.Oktober) 1917 bestätigt oder
abgeschlossen wurden. Der ganze Inhalt dieser Geheimverträge,
soweit er, wie es zumeist der Fall war, den Zweck hatte, den
russischen Gutsbesitzern und Kapitalisten Vorteile und Privilegien
zu verschaffen, die Annexionen der Großrussen aufrechtzuerhalten
oder zu erweitern, wird von der Regierung bedingungslos und sofort
für ungültig erklärt. Indem sich die Regierung an die Regierungen
und Völker aller Länder mit dem Vorschlag wendet, sofort offene
Verhandlungen über den Friedensschluß aufzunehmen, gibt sie
ihrerseits ihrer Bereitschaft Ausdruck, diese Verhandlungen sowohl
schriftlich, telegrafisch als auch durch mündliche Unterhandlungen
mit Vertretern der verschiedenen Länder oder auf Konferenzen
dieser Vertreter zu führen. Um solche Unterhandlungen zu
erleichtern, entsendet die Regierung ihren bevollmächtigten
Vertretern in die neutralen Länder. Die Regierung schlägt allen
Regierungen und Völkern aller kriegführenden Länder vor, sofort
eine Waffenstillstand abzuschließen, wobei sie es ihrerseits für
wünschenswert hält, daß dieser Waffenstillstand auf mindestens
drei Monate abgeschlossen werde, das heißt auf eine Frist, die
völlig ausreicht sowohl für den Abschluß von Friedensverhandlungen
, an denen Vertreter ausnahmslos aller Völkerschaften oder
Nationen teilnehmen sollen, die in den Krieg hineingezogen oder
hineingezwungen wurden, als auch für die Einberufung
bevollmächtigter Versammlungen der Volksvertreter aller Länder zur
endgültigen Bestätigung der Friedensbedingungen. Die Provisorische
Arbeiter- und Bauernregierung Rußlands, die dieses Friedensangebot
an die Regierungen und an die Völker aller kriegführenden Länder
richtet, wendet sich gleichzeitig insbesondere an die
klassenbewußten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der
Menschheit und der größten am gegenwärtigen Kriege beteiligten
Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands. Die Arbeiter
dieser Länder haben der Sache des Fortschritts und des Sozialismus
die größten Dienste erwiesen - in den großen Vorbildern der
Chartistenbewegung in England, in der Reihe der Revolutionen von
weltgeschichtlicher Bedeutung, die das französische Proletariat
vollbracht hat, und schließlich im heroischen Kampf gegen das
Sozialistengesetz sowie in der für die Arbeiter der ganzen Welt
mustergültigen, langwierigen und beharrlichen disziplinierten
Arbeit an der Schaffung von proletarischen Massenorganisationen in
Deutschland. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldentums und
geschichtlicher Schöpferkraft sind für uns eine Bürgschaft, daß
die Arbeiter der genannten Länder die ihnen jetzt gestellte
Aufgabe der Befreiung der Menschheit von den Schrecken des Krieges
und seinen Folgen begreifen werden, daß diese Arbeiter uns durch
ihre allseitige, entschiedene , rückhaltlos energische Tätigkeit
helfen werden, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache
der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von
jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu
führen"
Nachdem der Beifallssturm verrauscht war, fuhr Lenin fort: "Wir
schlagen dem Kongreß die Ratifikation unserer Erklärung vor. Wir
wenden uns sowohl an die Regierungen als auch an die Völker der
kriegführenden Staaten, weil eine nur an die Völker gerichtete
Erklärung den Abschluß des Friedens hinauszuzögern geeignet sein
könnte. Die im Verlauf des Waffenstillstandes ausgearbeiteten
Friedensbedingungen werden durch die Konstituierende Versammlung
ratifiziert werden. Mit der Festsetzung eines dreimonatigen
Waffenstillstandes wünschen wir den Völkern nach dieser blutigen
Menschenvernichtung eine so lange wie möglich währende Ruhepause
zu geben und genügend Zeit, ihre Vertreter zu wählen. Der
Friedensvorschlag wird auf den Widerstand der imperialistischen
Regierungen stoßen. Wir machen uns darüber keine Illusionen; Aber
wir hoffen auf den baldigen Ausbruch der Revolution in allen
kriegführenden Ländern. Das ist der Grund, weswegen wir uns an die
Arbeiter Frankreichs, Englands und Deutschlands im besonderen
wenden...
Die Revolution vom 6. Und 7. November hat die Ära der
sozialistischen Revolution eröffnet... Die Arbeiterbewegung wird,
im Namen des Friedens und des Sozialismus, den Sieg davontragen
und ihre Mission vollenden..." Damit endete er. In seiner Art zu
sprechen lag etwas Ruhiges und Machtvolles, das die Seelen der
Männer aufwühlte. Man begriff, warum die Menschen felsenfest
glaubten, wenn Lenin sprach.
Durch Handaufheben wurde schnell beschlossen, daß nur Vertreter
der politischen Parteien zur Resolution sprechen sollten und daß
die Redezeit nicht länger als fünfzehn Minuten dauern dürfe. Als
erstes sprach Karelin für die linken Sozialrevolutionäre: "Unsere
Partei hatte keine Gelegenheit, Abänderungen zum Text des Aufrufes
vorzuschlagen; es ist ein privates Dokument der Bolschewiki. Wir
werden jedoch dafür stimmen, weil wir mit dem Geist einverstanden
sind..." Für die Sozialdemokraten-Internationalisten sprach Kmarow,
lang aufgeschossen, mit hängenden Schultern und kurzsichtig -
ausersehen, die traurige Rolle des Clowns in der Opposition zu
spielen. Nur eine Regierung, gebildet aus allen sozialistischen
Parteien, sagte er, wäre autorisiert, eine derart wichtige Aktion
zu unternehmen. Wenn eine sozialistische Koalition gebildet würde,
so würde seine Partei das gesamte Programm unterstützen; wenn
nicht, dann nur Teile davon. Was die Proklamation anbelange, so
seien die Internationalisten mit ihren Hauptpunkten durchaus
einverstanden...
Ein Redner folgte dem anderen, unter steigender Begeisterung; für
die ukrainische Sozialdemokratie - Zustimmung; für die litauische
Sozialdemokratie - Zustimmung; für die Volkssozialisten -
Zustimmung; für die polnische Sozialdemokratie - Zustimmung; für
die polnischen Sozialisten - Zustimmung, obwohl sie eine
sozialistische Koalition vorziehen würden; für die lettische
Sozialdemokratie - Zustimmung... Etwas war in allen diesen Männern
entzündet worden. Einer sprach von der "kommenden Weltrevolution,
deren Avantgarde wir sind"; ein anderer von dem "neuen Zeitalter
der Brüderlichkeit, wo alle Völker eine einzige große Familie sein
werden..." Jemand verlangte das Wort: "Ich sehe hier einen
Widerspruch. Erst sprechen sie von einem Frieden ohne Annexionen
und Kriegsentschädigungen, und dann erklären sie sich bereit, alle
Friedensbedingungen zu prüfen. Prüfen heißt annehmen..." Sofort
erhob sich Lenin: "Wir wünschen einen gerechten Frieden. Aber wir
fürchten nicht den revolutionären Krieg. Es ist möglich, daß die
imperialistischen Regierungen unsern Appell unbeantwortet lassen.
Wir werden ihnen kein Ultimatum stellen, das abzulehnen ihnen
leichtfallen sollte. Wenn das deutsche Proletariat hören wird, daß
wir bereit sind, alle Friedensbedingungen zu prüfen, dann wird das
vielleicht der letzte Tropfen sein, der den Krug zum Überlaufen
bringt, und in Deutschland wird die Revolution ausbrechen. Wir
sind bereit, alle Friedensbedingungen zu prüfen. Das heißt nicht,
daß wir sie unbedingt annehmen werden. Für einige unserer
Bedingungen werden wir bis zum Ende kämpfen; aber für andere wird
es vielleicht unmöglich sein, den Krieg fortzusetzen. Vor allem
aber: Wir wünschen, den Krieg zu beenden..." Um zehn Uhr
fünfunddreißig Minuten forderte Kamenew alle, die mit der
Proklamation einverstanden waren, auf, ihre Karten in die Höhe zu
heben. Ein Delegierter wagte es, dagegen zu stimmen; aber der
plötzliche Ausbruch des Zornes um ihn herum ließ ihn die Hand
schnell wieder herunternehmen. Und plötzlich, einem gemeinsamen
Impuls folgend, hatten wir uns erhoben und sangen die
Internationale. Ein alter graubärtiger Soldat schluchzte wie ein
Kind. Alexandra Kollontai unterdrückte rasch die Tränen. Mächtig
brauste der Gesang durch den Saal, durch Fenster und Türen zum
stillen Nachthimmel empor. "Der Krieg ist zu Ende, der Krieg ist
zu Ende", jubelte leuchtenden Antlitzes ein junger Arbeiter neben
mir. Der Gesang war vorüber, und wir standen da in einer Art
linkischen Schweigens. Plötzlich ertönte im Hintergrund des Saales
der Ruf: "Genossen! Gedenken wir derer, die für die Freiheit
gestorben sind!" Und so sangen wir den Trauermarsch, jene echt
russische, schwermütige und doch so siegesgewisse Weise. Die
Internationale ist schließlich trotz allem eine ausländische
Melodie. Der Trauermarsch aber kam offenbar aus der Seele jener
dunklen Massen, deren Vertreter hier im Saale saßen, in deren
Vision ein neues Rußland, ja vielleicht mehr als das entstand.
"Unsterbliche Opfer, ihr sanket dahin;
Wir stehen und weinen, voll Schmerz Herz und Sinn.
Ihr kämpftet und starbet für kommendes Recht;
Wir aber, wir trauern, der Zukunft Geschlecht.
Einst aber, wenn Freiheit den Menschen erstand,
Und all euer Sehnen Erfüllung fand:
Dann werden wir künden, wie ihr einst gelebt,
Zum Höchsten der Menschheit empor nur gestrebt!"
Das war es, wofür sie dort lagen, in ihrem kalten Massengrab auf
dem Marsfeld, die Märtyrer der Märzrevolution. Das war es, wofür
Tausende und Zehntausende in finstern Kerkern, in der Verbannung,
in den sibirischen Bergwerken starben. Es ist nicht gekommen, wie
sie es sich vielleicht gedacht hatten noch wie es sich die
Intelligenz gewünscht haben mag. Aber es ist gekommen, rauh und
mächtig, aller Formeln spottend, jede Art Empfindsamkeit
mißachtend: wirklich....Lenin verlas das Dekret über Grund und
Boden:
"1. Das Eigentum der Grundbesitzer an Grund und Boden wird
unverzüglich ohne jede Entschädigung aufgehoben.
2.
Die Güter der Gutsbesitzer sowie alle Kron-, Kloster- und
Kirchenländereien mit ihrem gesamten lebenden und toten Inventar,
ihren Wirtschaftsgebäuden und allem Zubehör gehen bis zur
Konstituierenden Versammlung in die Verfügungsgewalt der
Bezirksbodenkomitees und der Kreissowjets der Bauerndeputierten
über
3.
Jegliche Beschädigung des beschlagnahmten Besitzes, der von nun an
dem ganzen Volke gehört, wird als schweres Verbrechen erachtet,
das vom Revolutionsgericht zu ahnden ist. Die Kreissowjets der
Bauerndeputierten ergreifen alle erforderlichen Maßnahmen zur
Wahrung der strengsten Ordnung bei der Beschlagnahme der Güter der
Gutsbesitzer, zur Feststellung, welche Grundstücke und Grundstücke
welchen Umfangs der Beschlagnahme unterliegen, zur Aufstellung
eines genauen Verzeichnisses des gesamten der Beschlagnahme
unterliegenden Besitzes und zur strengsten revolutionären
Bewachung der ganzen ins Eigentum des Volkes übergehenden
Wirtschaft mit allen Baulichkeiten, Geräten, Vieh,
Lebensmittelvorräten und so weiter.
4.
Als Richtschnur für die Durchführung der großen
Agrarumgestaltungen muß überall bis zur endgültigen Entscheidung
dieser Frage durch die Konstituierende Versammlung der bäuerliche
Wählerauftrag dienen, der unter Zugrundelegung von 242 Aufträgen
der örtlichen bäuerlichen Wähler von der Redaktion der ,Iswestija
Wserossiskowo Sowjeta Krestjanskich Deputatow' zusammengestellt
und in der Nr.88 dieser ,Iswestija' (Petrograd, Nr.88 vom
1.September [19.August]1917) veröffentlicht wurde.
5.
Der Boden der einfachen Bauern und einfachen Kosaken unterliegt
nicht der Beschlagnahme."
"Das ist nicht", erklärte Lenin, "das Projekt des ehemaligen
Ministers Tschernow, der sich auf Reformen von oben beschränkte.
Die Fragen der Aufteilung des Landes werden vielmehr von unten, an
Ort und Stelle entschieden werden. Die Menge von Land, die jeder
Bauer erhält, wird entsprechend den örtlichen Bedingungen
verschieden sein...Unter der Provisorischen Regierung weigerten
sich die Großgrundbesitzer entschieden, den Anordnungen der
Bodenkomitees Folge zu leisten, jener Bodenkomitees, die Lwow
geplant hatte, die unter Schingarjow ins Leben getreten waren und
die von Kerenski dirigiert wurden!" Die Debatten hatten noch nicht
begonnen, als sich ein Mann nach vorn drängte und auf die Bühne
kletterte. Es war Pjanych, ein Mitglied des Exekutivkomitees der
Bauernsowjets, und er schäumte vor Wut. "Das Exekutivkomitee des
Gesamtrussischen Sowjets der Bauerndeputierten protestiert gegen
die Verhaftung unserer Genossen, der Minister Salaskin und Maslow!
Wir verlangen ihre sofortige Freilassung! Sie sind zur Zeit in der
Peter-Pauls-Festung. Wir müssen eine unverzügliche Aktion
unternehmen! Keine Sekunde ist zu verlieren!" Ihm folgte ein
anderer, ein Soldat mit struppigem Bart und flammenden Augen. "Ihr
sitzt hier und redet von der Übergabe des Landes an die Bauern,
während ihr gleichzeitig einen Akt der Tyrannei und Usurpation
gegen die gewählten Vertreter der Bauern verübt!" Mit erhobener
Faust: "Ich erkläre euch, wenn ihnen auch nur ein Haar gekrümmt
wird, so werden wir einen Aufstand machen!" Trotzki erhob sich.
Ruhig, sarkastisch, im Bewußtsein seiner Macht, von Beifallssturm
begrüßt. "Das Revolutionäre Militärkomitee hat gestern
beschlossen, die sozialrevolutionären und menschewistischen
Minister Maslow, Salaskin, Gwosdew und Maljantowitsch
freizulassen. Daß sie noch immer in der Peter-Pauls-Festung sind,
hat seinen Grund darin, daß wir zuviel zu tun haben....Sie werden
jedoch in ihren Wohnungen bleiben müssen und überwacht werden, bis
die Untersuchung über ihre Teilnahme an den verräterischen
Handlungen Kerenskis während der Kornilow-Affäre abgeschlossen
ist!" "Niemals", schrie Pjanych, "in keiner Revolution hatte man
derartiges gesehen!" "Sie irren", antwortete Trotzki. "Wir haben
solche Dinge sogar in dieser Revolution gesehen. Hunderte unserer
Genossen sind in den Julitagen verhaftet worden... Als unsere
Genossin Kollontai auf Anordnung des Arztes aus dem Gefängnis
entlassen wurde, stellte Awxentjew vor ihre Tür zwei ehemalige
Agenten der zaristischen Geheimpolizei!" Die Bauern traten ab, von
höhnischen Zurufen begleitet. Der Vertreter der linken
Sozialrevolutionäre sprach über das Landdekret. Obgleich im
Prinzip einverstanden, könne seine Partei ihre Zustimmung nicht
geben, ohne vorher die Frage diskutiert zu haben. Die
Bauernsowjets müßten gehört werden. Auch die
Menschewiki-Internationalisten bestanden darauf, erst eine
Parteibesprechung abzuhalten. Dann sprach der Führer der
Maximalisten, des anarchistischen Flügels der Bauern: "Wir können
einer politischen Partei, die ein solches Gesetz, am ersten Tag
und ohne langes Schwätzen durchführt, die Anerkennung nicht
versagen!" Ein typisch russischer Bauer war auf der Tribüne,
langhaarig, mit Stiefeln, im Schaffellmantel: "Ich habe nichts
gegen euch, Genossen und Bürger", sagte er. "Überall treiben sich
Kadetten herum. Ihr habt unsere sozialistischen Bauern verhaftet.
Warum verhaftet man sie nicht auch?" Dies war das Signal zu einer
erhitzten Debatte unter den Bauern. Es war genau wie bei den
Auseinandersetzungen zwischen den Soldaten am Abend vorher. Die
wirklichen Landproletarier gaben hier ihrem Fühlen Ausdruck.
"Diese Mitglieder unseres Exekutivkomitees, die Awxentjew und all
die anderen, die wir als Beschützer der Bauern angesehen haben -
was sind die anders als Kadetten! Verhaften! Verhaften!" Ein
anderer: "Was sind diese Pjanychs, diese Awxentjews? Das sind gar
keine Bauern! Sie wedeln nur mit dem Schwanz!" Die linken
Sozialrevolutionäre schlugen vor, die Verhandlungen auf eine halbe
Stunde zu unterbrechen. Als die Delegierten hinausströmten, erhob
sich Lenin: "Wir dürfen keine Zeit verlieren, Genossen!
Nachrichten, von höchster Wichtigkeit für Rußland, müssen morgen
früh noch in die Presse. Keine Verzögerung!" Und die hitzigen
Debatten übertönend, hörte man die Stimme eines Vertreters des
Revolutionären Militärkomitees: "Sofort fünfzehn Agitatoren nach
Zimmer 17 für die Front!" Es dauerte fast zweieinhalb Stunden, bis
die Delegierten wieder nach und nach in den Saal zurückkehrten,
das Präsidium seine Plätze einnahm und die Sitzung mit der
Verlesung der Telegramme fortgesetzt wurde, in denen ein Regiment
nach dem anderen erklärte, zum Revolutionären Militärkomitee zu
stehen. Ein Delegierter der russischen Truppen an der
mazedonischen Front schilderte in bitteren Worten die Lage der
Soldaten. "Wir leiden mehr unter der Freundschaft unserer
Verbündeten als durch den Feind." In Hast angekommene Vertreter
der Zehnten und Zwölften Armee berichteten:" Wir stehen zu euch
mit unserer ganzen Kraft." Ein Bauernsoldat protestierte gegen die
Freilassung der Sozialverräter Maslow und Salaskin. Die Verhaftung
des gesamten Exekutivkomitees der Bauernsowjets wurde verlangt.
Das war die wirkliche Sprache der Revolution. Ein delegierter der
russischen Armee in Persien erklärte, daß er beauftragt sei, die
Übernahme der ganzen Macht durch die Sowjets zu verlangen. Ein
ukrainischer Offizier sprach in seiner Muttersprache: "In dieser
Krise kann es keinen Nationalismus geben. Es lebe die Diktatur des
Proletariats in allen Ländern." Nie wieder, davon war ich
angesichts dieser machtvollen Flut himmelanstürmender und
glühender Gedanken überzeugt, würde Rußland in seine alte
Stummheit zurücksinken. Kamenew teilte mit, daß die Gegner der
Bolschewiki überall Unruhen zu stiften bemüht seien. ER verlas
einen Appell des Kongresses an alle Sowjets Rußlands: "Der
Gesamtrussische Sowjetkongreß der Arbeiter- und
Soldatendeputierten mit Einschluß einiger Bauerndeputierten
richtet an alle lokalen Sowjets die Aufforderung zur sofortigen
Durchführung energischer Maßnahmen im Interesse der Verhinderung
aller konterrevolutionären und antijüdischen Aktionen und aller
Arten Pogrome. Die Ehre der Arbeiter-, Bauern- und
Soldatenrevolution erheischt, daß keinerlei Pogrome geduldet
werden. Die Petrograder Rote Garde, die revolutionäre Garnison und
die Matrosen sorgen für absolute Aufrechterhaltung der Ordnung in
der Hauptstadt. Arbeiter, Soldaten und Bauern! Folgt überall dem
Beispiel der Arbeiter und Soldaten Petrograds. Genossen, Soldaten
und Kosaken! Auf uns entfällt die Pflicht der Sicherung einer
wirklichen revolutionären Ordnung. Das revolutionäre Rußland und
die ganze Welt blicken auf uns..." Punkt zwei erfolgte die
Abstimmung über das Landdekret. Nur eine Stimme war
dagegen.....Die Bauerndelegierten waren außer sich vor Freude. So
stürmten die Bolschewiki vorwärts, unwiderstehlich, ohne Zögern,
alle Oppositionen niederwerfend; die einzigen in Rußland, die ein
klar umrissenes Aktionsprogramm besaßen, während die anderen
Parteien acht Monate nur geredet hatten. Jetzt erhob sich ein
Soldat, mager, zerlumpt, leidenschaftlich gegen eine Klausel in
den Instruktionen protestierend, die die Deserteure von der
Landverteilung in den Dörfern ausschloß. Anfangs versucht man ihn
niederzuschreien, aber seine einfache, zu Herzen dringende Sprache
verschaffte ihm schließlich Gehör. "Gegen seinen Willen in die
Metzelei der Schützengräben gezwungen", rief er, "die ihr selber
in dem Friedensdekret als schrecklich bezeichnet habt, grüßte er
die Revolution mit der Hoffnung auf Friede und Freiheit. Friede?
Die Kerenskiregierung zwang ihn erneut, nach Galizien zu gehen, um
zu morden und gemordet zu werden; auf seine Wünsche nach Frieden
hatte Kerenski nur ein Lachen... Freiheit? Unter Kerenski wurden
seine Komitees unterdrückt, seine Zeitungen verboten, die Redner
seiner Partei eingekerkert... Zu Hause in seinem Dorf führten die
Großgrundbesitzer den Kampf gegen seine Bodenkomitees und warfen
seine Genossen ins Gefängnis. In Petrograd sabotierte die
Bourgeoisie, im Bündnis mit den Deutschen, die Versorgung der
Armee mit Lebensmitteln und Munition... Er hatte keine Kleider,
keine Stiefel... Wer zwang ihn zu desertieren? Die
Kerenskiregierung, die ihr gestürzt habt!" Am Ende seiner Rede
erntete er Beifall. Doch ein anderer Soldat erhob sich: "Die
Kerenskiregierung ist kein Schirm, hinter dem sich die Deserteure
verstecken können! Die Deserteure sind Schufte, die nach Hause
gelaufen sind und ihre Kameraden in den Schützengräben im Stich
gelassen haben! Jeder Deserteur ist ein Verräter, der Strafe
verdient..." Heftige Bewegung. Rufe: "Dowolno! Tiesche!" Kamenew
schlug vor, die Beschlußfassung über die Frage der Regierung zu
überlassen. Um halb drei Uhr verlas Kamenew unter gespannter
Aufmerksamkeit des ganzen Kongresses das Dekret über die
Konstituierung der Regierung.
"Zur Verwaltung des Landes wird bis zur Einberufung der
Konstituierenden Versammlung eine provisorische
Arbeiter-und-Bauern-Regierung gebildet, die den Namen Rat der
Volkskommissare führt. Die Leitung der einzelnen Zweige des
staatlichen Lebens wird Kommissionen übertragen, deren
Zusammensetzung die Durchführung des vom Kongreß verkündeten
Programms ermöglichen muß, in engster Zusammenarbeit mit den
Massenorganisationen der Arbeiter, Arbeiterinnen, Matrosen,
Soldaten, Bauern und Angestellten. Die Regierungsgewalt wird von
dem Kollegium der Vorsitzenden dieser Kommissionen ausgeübt, das
heißt von dem Rat der Volkskommissare. Die Kontrolle über die
Tätigkeit der Volkskommissare sowie das Recht der Absetzung der
Volkskommissare steht dem Gesamtrussischen Kongreß der Sowjets der
Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten und seinem
Zentralexekutivkomitee zu." Noch immer tiefe Stille. Und dann, als
Kamenew die Liste der Kommissare verlas, stürmischer Jubel nach
jedem Namen, vor allem nach Lenins und Trotzkis.
Vorsitzender des Rats der Volkskommissare: Wladimir Iljitsch
Uljanow (Lenin)
Volkskommissar für Innere Angelegenheiten: Rykow
Landwirtschaft: Miljutin
Arbeit: Schljapnikow
Heeres- und Marinewesen: Ein Komitee, zusammengesetzt aus
Owsejenko (Antonow), Krylenko und Dybenko
Handel und Industrie: Nogin
Bildungswesen: Lunatscharski
Finanzen: Skworzow (Stepanow)
für Auswärtige Angelegenheiten: Bronstein (Trotzki)
Justiz: Oppokow (Lomow)
Ernährung: Teodorowitsch
Post und Telegraf: Awilow (Glebow)
für die Angelegenheiten der Nationalitäten: Dshugaschwili (Stalin)
Eisenbahnen: Besetzung wird auf später verschoben.
Überall Bajonette, an den Eingängen des Saales und zwischen den
Delegierten. Das Revolutionäre Militärkomitee gab jedem eine
Waffe, der sie zu tragen vermochte. Die Bolschewiki rüsteten zur
Entscheidungsschlacht gegen Kerenski, dessen Trompetensignale der
Südwestwind herübertrug. Niemand dachte daran, nach Hause zu
gehen. Im Gegenteil; Hinderte Neuankommende fluteten herein, den
riesigen Saal bis zum letzten Platz füllend, entschlossen
blickende Arbeiter und Soldaten, die ausharrten, stundenlang,
unermüdlich und eifrig. Die Luft war dick von Zigarettenqualm und
menschlichen Ausdünstungen. Awilow, von der Redaktion der "Nowaja
Shisn", sprach im Namen der Sozialdemokraten-Internationalisten
und der im Kongreß verbliebenen Menschewiki-Internationalisten.
Mit seinem jungen Intellektuellengesicht und dem eleganten Gehrock
paßte er nicht zu seiner Umgebung. "Wir müssen uns unbedingt
darüber klarwerden, wohin die Reise geht. Die Leichtigkeit, mit
der die Koalitionsregierung gestürzt wurde, erklärt sich nicht aus
der Kraft der linken Demokratie, sondern aus der bewiesenen
Unfähigkeit jener Regierung, dem Volke Brot und Frieden zu geben.
Auch der linke Flügel wird sich nicht an der Macht halten können,
wenn er diese Fragen nicht zu lösen vermag. Werdet ihr dem Volk
Brot geben können? Getreide ist knapp. Die Mehrheit der Bauern
wird nicht mit euch sein; denn ihr könntet ihnen nicht die
Maschinen geben, die sie brauchen. Brennmaterial und sonstige
Rohstoffe herbeizuschaffen ist nahezu unmöglich. Was den Frieden
anbetrifft, so ist die Lösung dieser Frage sogar noch schwieriger
als die der anderen. Die Alliierten haben es abgelehnt, mit
Skobelew auch nur ein Wort zu reden. Sie werde niemals eine von
euch vorgeschlagene Friedenskonferenz akzeptieren. Man wird euch
weder in Paris und London noch in Berlin anerkennen. Ihr könnt
auch nicht auf die wirksame Unterstützung des Proletariats der
alliierten Länder rechnen, denn in den meisten dieser Länder sind
die Arbeiter weit entfernt von jeder Art revolutionärem Kampf.
Denkt doch nur daran, daß die Demokratie der alliierten Länder
nicht einmal imstande war, den Zusammentritt der Stockholmer
Konferenz zu ermöglichen. Und die Deutschen? Ich habe soeben mit
dem Genossen Goldenberg gesprochen, einem unserer Delegierten auf
der Stockholmer Konferenz. Dem ist von Vertretern der äußersten
Linken der deutschen sozialdemokratischen Bewegung gesagt worden,
daß, solange der krieg währe, in Deutschland eine Revolution
unmöglich sei." Ein wahrer Hagel von Zwischenrufen setzte hier
ein, aber Awilow redete unbeirrt weiter. "Das unabwendbare
Resultat der Isolierung Rußlands wird sein: entweder der
Zusammenbruch der russischen Armee unter den Schlägen der
Deutschen und das Zustandekommen eines Friedens zwischen der
österreichisch-deutschen und der französisch-britischen Koalition
auf Kosten Rußlands oder ein Sonderfrieden mit Deutschland. Wie
ich eben höre, bereiten die diplomatischen Vertreter der
Alliierten ihre Abreise vor und in allen Städten Rußlands ist die
Bildung von Komitees zur Rettung des Vaterlandes im Gange. Es gibt
keine Partei, die allein dieser enormen Schwierigkeiten Herr
werden könnte. Die Revolution kann nur von einer sozialistischen
Koalitionsregierung zu Ende geführt werden." Er verlas die
Resolution der zwei Parteien: "In der Erwägung, daß zur Sicherung
der Errungenschaften der Revolution sofort eine Regierung gebildet
werden muß, die auf der in den Sowjets der Arbeiter-, Soldaten-
und Bauerndeputierten organisierten revolutionäre Demokratie
basiert; in der weiteren Erwägung, daß die Aufgabe dieser
Regierung die schnellstmögliche Verwirklichung des Friedens ist,
die Übergabe des Landes an die Agrarkomitees, die Organisierung
der Kontrolle über die industrielle Produktion sowie die
Einberufung der Konstituierenden Versammlung an dem festgesetzten
Datum - ernennt der Kongreß ein Exekutivkomitee, dessen Aufgabe es
ist, eine solche Regierung nach Verständigung mit den Gruppen der
Demokratie zu bilden, die an dem Kongreß teilnehmen."
Awilows kühle und konziliante Art zu argumentieren hatte die
Versammlung trotz des Überschwanges ihrer revolutionären
Begeisterung nicht unberührt gelassen. Gegen den Schluß seiner
Rede waren die Zwischenrufe allmählich verstummt, und als er
schloß hatte er sogar einigen Beifall. Nach ihm sprach Karelin,
gleichfalls jung, furchtlos, von unzweifelhafter Aufrichtigkeit,
im Namen der linken Sozialrevolutionäre, der Partei Maria
Spiridonowas, die fast als einzige Partei den Bolschewiki gefolgt
war und die revolutionären Bauern repräsentierte. "Unsere Partei
hat den Eintritt in den Rat der Volkskommissare abgelehnt, weil
wir nicht wünschen, uns von dem Teil der revolutionären Armee zu
trennen, der den Kongreß verlassen hat. Es wäre uns sonst
unmöglich, unsere Vermittlertätigkeit zwischen den Bolschewiki und
den anderen demokratischen Parteien auszuüben, die uns im
gegenwärtigen Moment unsere wichtigste Aufgabe zu sein scheint.
Wir können keine Regierung unterstützen, die nicht eine Regierung
der sozialistischen Koalition ist. Weiter protestieren wir gegen
die von den Bolschewiki geübte Despotie. Man hat unsere Kommissare
von ihren Posten verjagt, und gestern ist unser einziges Organ, ,Snamja
Truda' (Das Banner der Arbeit), verboten worden. Die Stadtduma ist
im begriff, ein machtvolles Komitee zur Rettung des Vaterlandes zu
bilden, dessen Aufgabe der Kampf gegen euch sein wird. Schon jetzt
seid ihr isoliert, und nicht eine der anderen Parteien wird euch
zu Hilfe kommen." Und dann stand Trotzki auf der Tribüne,
selbstsicher, faszinierend, das ihm eigene sarkastische Lächeln um
den Mund. Er sprach mit weithin schallender Stimme, die Masse zu
sich emporreißend: "Die Hinweise auf die Gefahren der Isolierung
unserer Partei sind nicht neu. Schon am Vorabend des Aufstandes
hat man die unvermeidbare Niederlage unserer Partei vorausgesagt.
Alle waren sie gegen uns. Im Revolutionären Militärkomitee stand
nur ein kleiner Teil der linken Sozialrevolutionäre zu uns. Wie
konnten wir es da fertigbringen, die Regierung fast ohne
Blutvergießen zu stürzen? Die Tatsache unseres Sieges ist der
sicherste Beweis dafür, daß wir nicht isoliert waren. Isoliert war
vielmehr die Provisorische Regierung, waren die demokratischen
Parteien, die gegen uns marschierten. Und die sind es noch und
werden für immer losgelöst sein vom Proletariat! Sie reden von der
Notwendigkeit einer Koalition. Die einzig mögliche Koalition, das
ist die Koalition der Arbeiter, Soldaten und armen Bauern. Und die
Ehre unserer Partei ist, diese Koalition verwirklicht zu haben.
Was für eine Koalition aber meinte Awilow? Eine Koalition mit
jenen, die die Regierung des Volksverrates unterstützen? Nicht
immer ist die Koalition gleichbedeutend mit Kräftesteigerung.
Hätten wir vielleicht den Aufstand organisieren können mit Dan und
Awxentjew in unsern Reihen? Lachende Zustimmung. "Awxentjew gab
euch wenig Brot. Wird eine Koalition mit den Sozialpatrioten mehr
liefern? Zwischen den Bauern und Awxentjew, der die Verhaftung der
Bodenkomitees anordnete, haben wir die Bauern gewählt! Unsere
Revolution wird die klassische Revolution der Geschichte
bleiben... Sie erheben gegen uns den Vorwurf, die Verständigung
mit den anderen demokratischen Parteien zurückgewiesen zu haben.
Aber liegt die Schuld wirklich bei uns oder müssen wir, wie
Karelin es tat, alles auf ein Mißverständnis zurückführen? Ach
nein, Genossen! Wenn eine Partei noch im schwersten revolutionären
Kampfe, geblendet vom Pulverdampf, daherkommt und erklärt: ,Da ist
die politische Macht, nehmt sie', und die, denen sie angeboten
wird, gehen zum Feinde über, so ist das kein Mißverständnis mehr,
sondern es ist die offene brutale Kriegserklärung. Nicht wir waren
es, die den Krieg erklärt haben. Awilow glaubt uns schrecken zu
können, wenn er das Scheitern unserer Friedensbemühungen
voraussagt für den Fall, daß wir weiter isoliert bleiben. Ich muß
hier wiederholen, daß ich nicht einzusehen vermag, inwieweit eine
Koalition mit Skobelew oder selbst mit Tereschtschenko uns
irgendwie dem Frieden näherbringen könnte. Awilow droht uns mit
einem Frieden auf Rußlands Kosten. Darauf habe ich zu antworten,
daß wir wohl wissen, daß , wenn auch weiterhin in Europa die
imperialistische Bourgeoisie herrschen wird, das revolutionäre
Rußland sich allein nicht zu halten vermag. Es gibt nur die
Alternative: Entweder die russische Revolution wird eine
revolutionäre Bewegung in Europa auslösen, oder die reaktionären
Mächte Europas werden das revolutionäre Rußland zerstören!" Und
die Massen jubelten ihm zu, zu kühnem Wagen entflammt bei dem
Gedanken, daß sie berufen sein sollten, die Vorkämpfer der
Menschheit zu sein. Und von dem Augenblick an lebte in den
aufständischen Massen, in all ihren Aktionen, etwas Bewußtes und
Entschlossenes, was sie nie wieder verließ. Andererseits begann
aber auch der Kampf bestimmte Formen anzunehmen. Kamenew gab einem
Delegierten vom Eisenbahnerverband das Wort, einem stämmigen
Menschen mit dem Ausdruck unversöhnlicher Feindschaft in seinen
grobknochigen Zügen. Was er sagte, wirkte wie eine Bombe: "Ich
spreche hier im Namen der stärksten Organisation Rußlands und habe
den Auftrag, euch die Beschlüsse des Wikshel (Gesamtrussisches
Exekutivkomitee des Eisenbahnerverbandes) zur Frage der
Konstituierung der Macht bekanntzugeben. Wir lehnen es ab, die
Bolschewiki zu unterstützen, solange sie fortfahren, sich von der
gesamten Demokratie Rußlands zu isolieren!" Ungeheurer Tumult im
ganzen Saal. "1905 und in den Kornilowtagen waren die Eisenbahner
die energischsten Verteidiger der Revolution. Aber ihr habt uns zu
eurem Kongreß nicht eingeladen." Zurufe: "Das alte
Zentralexekutivkomitee war es, das euch nicht eingeladen hat." Der
Redner schenkte den Zurufen keine Beachtung. "Wir erkennen die
Rechtmäßigkeit dieses Kongresses nicht an. Seit dem Ausscheiden
der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre bestehen die
Voraussetzungen für die Legalität der hier gefaßten Beschlüsse
nicht mehr. Der Verband unterstützt das alte
Zentralexekutivkomitee und erklärt, daß der Kongreß kein Recht
hat, ein neues Komitee zu wählen. Die Staatsmacht muß eine
sozialistische und revolutionäre Macht sein, verantwortlich den
autorisierten Organen der gesamten revolutionären Demokratie. Bis
zur Bildung einer solchen Macht verbietet der Verband der
Eisenbahner, der den Transport konterrevolutionärer Truppen nach
Petrograd verweigert, gleichzeitig die Ausführung jeglicher
Befehle, die, von wem auch immer, ohne Zustimmung des Wikshel
erlassen werden. Der Wikshel nimmt die Verwaltung der gesamten
Eisenbahnen Rußlands in eigene Hände." Ein wilder Entrüstungssturm
setzte ein, in dem die Schlußbemerkungen des Redners fast gänzlich
untergingen. Aber die Rede war ein schwerer Schlag. Das zeigten
die besorgten Mienen im Präsidium. Kamenew antwortete kurz, daß
die Rechtmäßigkeit des Kongresses nicht bezweifelt werden könne,
da sogar nach Ausscheiden der Menschewiki und Sozialrevolutionäre
die Zahl der anwesenden Delegierten die vom alten
Zentralexekutivkomitee vorgesehene Mindestzahl überschreite.
Darauf erfolgte die Abstimmung über die Konstituierung der
Regierung, die mit ungeheurer Mehrheit den Rat der Volkskommissare
bestätigte. Die Wahl des neuen Zentralexekutivkomitees, des neuen
russischen Parlaments, nahm kaum fünfzehn Minuten in Anspruch.
Trotzki teilte seine Zusammensetzung mit: Hundert Mitglieder,
davon siebzig Bolschewiki. Die Sitze der Bauern und der
ausgeschiedenen Parteien sollten diesen reserviert bleiben. "Der
Regierung sind alle Parteien und Gruppen angenehm, die bereit
sind, unser Programm zu akzeptieren." Mit diesen Worten schloß
Trotzki. Der Zweite Gesamtrussische Sowjetkongreß wurde
geschlossen. Die Delegierten eilten nach Hause, in alle
Windrichtungen Rußlands, um zu berichten, was sich Gewaltiges
abgespielt hatte.
Es
war fast sieben Uhr, als wir die Schaffner und Wagenführer vom
Verbande der Straßenbahner weckten, von denen während der ganzen
Dauer des Kongresses immer einige mit ihren Wagen am Smolny
warteten, um die Delegierten in ihre Wohnungen zu bringen. Die
Stimmung in dem überfüllten Wagen schien mir etwas weniger sorglos
und heiter als am Abend vorher. Viele sahen besorgt aus, als
sagten sie sich: "Nun sind wir die Herren. Wie können wir
durchführen, was wir uns vorgenommen haben?"
Vor unserem Hause wurden wir in der Dunkelheit von einer
Patrouille bewaffneter Bürger angehalten und sorgfältig
durchsucht. Es war die Proklamation der Duma, die zu wirken
begann. Unsere Wirtin hörte uns kommen und stolperte heraus, in
einen rosaseidenen Schal gehüllt. "Das Hauskomitee ist noch einmal
hier gewesen und läßt Ihnen sagen, daß auch Sie ihrer Wachpflicht
nachkommen müssen, wie die übrigen Männer im Hause." "Warum
wachen?" "Um das Haus und die Frauen und Kinder zu schützen."
"Gegen wen?" "Gegen Räuber und Mörder." "Wenn nun aber ein
Kommissar vom Revolutionären Militärkomitee kommt, um nach Waffen
zu suchen?" "Oh, alle werden behaupten, daß sie vom Revolutionären
Militärkomitee kommen. Und dann, was ist eigentlich der
Unterschied?" Ich versicherte feierlich, daß der Konsul allen
amerikanischen Bürgern das Waffentragen verboten habe, im
besonderen in der Nachbarschaft der russischen Intelligenz.
  
VI. Das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und
der Revolution
Freitag, 9. November
"Nowotscherkassk,
8. November. Der Aufstand der Bolschewiki und ihr Versuch, die
Provisorische Regierung zu stürzen und in Petrograd die Macht an
sich zu reißen, veranlaßt die Kosakenregierung zu der Erklärung,
daß sie diese Handlungen für verbrecherisch und absolut unzulässig
erachtet. Die Kosaken werden darum die Provisorische Regierung,
die eine Koalitionsregierung ist, mit ihrer ganzen Macht
unterstützen. Unter diesen Umständen werde ich selbst mit dem
Beginn des 7.November im Dongebiet die gesamte Macht übernehmen
bis zur Rückkehr der Provisorischen Regierung und der
Wiederherstellung der Ordnung in Rußland.
Gezeichnet: Ataman Kaledin, Präsident der Regierung der
Kosakentruppen."
Befehl des Ministerpräsidenten Kerenski, datiert in Gatschina:
"Ich, der Ministerpräsident der Provisorischen Regierung und
Oberster Befehlshaber aller bewaffneten Kräfte der Russischen
Republik, erkläre, daß ich persönlich die Führung der
Frontregimenter übernommen habe, die dem Vaterlande treu geblieben
sind. Ich befehle allen Truppen des Petrograder Militärbezirks,
die durch Mißverständnis oder aus Torheit dem Ruf der Verräter am
Vaterland und an der Revolution gefolgt sind, die unverzügliche
Rückkehr zu ihrer Pflicht. Dieser Befehl ist allen Regimentern,
Bataillonen und Kompanien vorzulesen.
Gezeichnet: A. F. Kerenski, Ministerpräsident der Provisorischen
Regierung und Oberster Befehlshaber."
Telegramm Kerenskis an den Kommandierenden General der Nordfront:
"Die Stadt Gattschina wurde von regierungstreuen Truppen genommen
und ohne Blutvergießen besetzt. Kompanien von Kronstädter Matrosen
und Soldaten des Semjonowski- und des Ismailowski-Regiments haben
bedingungslos die Waffen gestreckt und sich den Regierungstruppen
angeschlossen. Ich befehle allen für den Vormarsch bestimmten
Transporten, schnell vorzurücken. Vom Revolutionären
Militärkomitee haben die Truppen den Befehl erhalten,
zurückzugehen."
Das etwa dreißig Kilometer südwestlich gelegene Gattschina war im
Verlaufe der Nacht gefallen. In der Umgebung führerlos
umherirrende Abteilungen der in dem Telegramm genannten Regimenter
waren in der Tat von Kosaken umzingelt und entwaffnet worden. Es
traf aber nicht zu, daß sie sich den Regierungstruppen
angeschlossen hatten. Gerade jetzt befanden sich Trupps von ihnen
verwirrt und beschämt im Smolny, bemüht zu erklären, wie sich die
Sache abgespielt hatte. Sie hätten die Kosaken nicht so nahe
vermutet und dann versucht, sie zu überreden. An der
revolutionären Front herrschte offensichtlich die größte
Verwirrung. Die Garnisonen der südlich gelegenen kleinen Städte
hatten sich in zwei, manchmal in drei einander bekämpfende
Parteien gespalten. Die Offiziere hielten in Ermangelung einer
stärkeren Autorität zu Kerenski, die Mehrheit der Soldaten zu den
Sowjets. Der Rest schwankte unschlüssig hin und her. Schnell
entschlossen betraute das Revolutionäre Militärkomitee mit der
Verteidigung Petrograds einen ehrgeizigen ehemaligen Hauptmann der
regulären Armee namens Murawjow, der während des Sommers die
Todesbataillone organisiert und sich der Regierung gegenüber
einmal geäußert hatte, daß sie zu sanft mit den Bolschewiki
verfahre. Diese müßten vom Erdboden vertilgt werden. Ein Mann von
ausgesprochen militärischem Denken und vielleicht aufrichtiger
Bewunderung für Macht und Kühnheit. Als ich am Morgen mein Haus
verließ, waren neben meiner Tür zwei neue Befehle des
Revolutionären Militärkomitees angeschlagen, in denen angeordnet
wurde, daß die Läden und Magazine wie gewöhnlich offenzuhalten und
alle leerstehenden Räume und Wohnungen zur Verfügung des Komitees
zu halten seien. Seit sechsunddreißig Stunden waren nun die
Bolschewiki von dem übrigen Rußland abgeschnitten. Die Eisenbahner
und die Telegrafenarbeiter weigerten sich, ihre Anordnungen
weiterzugeben, und die Postbeamten, ihre Post zu befördern. Nur
die Regierungsstation für drahtlose Telegrafie in Zarskoje Selo
schleuderte halbstündlich Bulletins und Manifeste in alle
Himmelsrichtungen, und mit den Kommissaren der Stadtduma zugleich
fuhren auf schnellen Zügen die Kommissare des Smolny durch das
ganze Land. Hoch in der Luft zogen zwei Flugzeuge mit
Propagandamaterial beladen der Front zu. Aber die Ausbreitung des
Aufstandes ging mit märchenhafter Schnelligkeit vor sich. In
Helsingfors erklärte sich der Sowjet für die Revolution. In Kiew
hatten sich die Bolschewiki des Arsenals und der Telegrafenstation
bemächtigt und wurden nur von den Delegierten des
Kosakenkongresses vertrieben, die dort zusammengekommen waren. In
Kasan hatte das Revolutionäre Militärkomitee den lokalen
Garnisonstab und den Kommissar der Provisorischen Regierung
verhaftet. Aus dem fernen Krasnojarsk in Sibirien kamen
Nachrichten, daß die Sowjets die Kontrolle der städtischen
Einrichtungen in die Hände genommen hätten. In Moskau, wo sich die
Situation infolge eines umfangreichen Streiks der Lederarbeiter
und der Androhung einer allgemeinen Aussperrung durch die
Unternehmer besonders zugespitzt hatte, beschlossen die Sowjets
mit überwältigender Mehrheit die Unterstützung der Petrograder
Bolschewiki. Ein Revolutionäres Militärkomitee war bereits
gebildet worden und in Funktion. Die Entwicklung war überall die
gleiche. Die große Mehrheit der gemeinen Soldaten und die
Industriearbeiter unterstützten die Sowjets, während die
Offiziere, die Offiziersschüler und die Mittelklasse im
allgemeinen, ebenso wie die bürgerlichen Kadetten und die
"gemäßigten" Sozialisten, sich auf die Seite der Regierung
stellten. In allen diesen Städten bildeten sich Komitees zur
Rettung des Vaterlandes, die sich für den Bürgerkrieg rüsteten.
Das große Rußland befand sich in einem Zustande der Auflösung.
Schon 1905 begann dieser Prozeß. Die Märzrevolution hatte ihn nur
beschleunigt, und alle Anstrengungen der in dieser Revolution zur
Macht gelangten Kompromißler hatten nichts als eine vorläufige
Konservierung des innerlich hohlen alten Regimes gezeitigt. All
dies hatte sich nun unter dem Ansturm der Bolschewiki in einer
einzigen Nacht in ein Nichts aufgelöst, so wie man eine Rauchwolke
auseinanderbläst. Das alte Rußland war nicht mehr. Die alte
Gesellschaft schmolz in der Gluthitze der Revolution, und aus dem
brodelnden Flammenmeer stiegen der Klassenkampf, gewaltig und
mitleidslos, und die noch zerbrechliche, langsam erkaltende Kruste
einer neuen Welt.
In
Petrograd streikten sechzehn Ministerien unter der Führung des
Ministeriums für Arbeit und des Ministeriums für Ernährung - die
beiden einzigen, die von der sozialistischen Regierung im August
gebildet worden waren. Wenn jemals Männer alleingestanden haben,
so war es die "Handvoll Bolschewiki" an jenem trüben, kalten
Morgen in den von allen Seiten wild über sie hinbrausenden
Stürmen. Mit dem Rücken gegen die Wand kämpfte das Revolutionäre
Militärkomitee um sein Leben. "De l'audace, encore de l'audace, et
toujours de l'audace!" ("Kühnheit, Kühnheit und abermals
Kühnheit!") ... Um fünf Uhr morgens besetzten die Rotgardisten die
Räume der Staatsdruckerei, beschlagnahmten Tausende von Exemplaren
des Protestaufrufes der Duma und verboten das offizielle
städtische Organ. Alle bürgerlichen Zeitungen waren verboten,
sogar "Golos Soldata", das Organ des alten Zentralexekutivkomitees
- das indessen unter einem andern Namen, "Soldatski Golos", in
einer Auflage von hunderttausend Exemplaren herauskam: "Die
Männer, die in der Nacht ihren verräterischen Streich begannen,
die die Zeitung verbieten, werden das Land nicht lange in
Unwissenheit halten können. Das Land wird die Wahrheit erfahren!
Es wird euch, ihr Herren Bolschewiki, durchschauen! Wir werden
sehen!...." Als wir kurz nach zwölf Uhr den Newski hinunterkamen,
hatte sich vor dem Dumagebäude eine die ganze Straße füllende
Menschenmenge angesammelt. Hin und wieder sah man Rotgardisten und
Matrosen mit aufgepflanzten Bajonetten, jeder umringt von zirka
hundert Männern und Frauen - Büroangestellten, Studenten,
Ladeninhabern -, mit erhobenen Fäusten, Beschimpfungen und
Drohungen über sie ausschüttend. Auf den Stufen Pfadfinder und
Offiziere, die Nummern des "Soldatski Golos" verteilten. Ein
Arbeiter mit einer roten Armbinde und einem Revolver in der Hand
stand, zitternd vor Wut und Nervosität, inmitten einer feindlichen
Menge am Fuße der Treppe und verlangte die Herausgabe der
Zeitungen.... Nie in der Geschichte hat sich ähnliches zugetragen.
Auf der einen Seite eine Handvoll Arbeiter und gewöhnliche
Soldaten im Besitz der Waffen, die siegreiche Revolution
repräsentierend - und dabei in vollster Armseligkeit; auf der
anderen Seite ein wütender Haufen von Leuten, wie sie um die
Mittagszeit die Bürgersteige der fünften Avenue zu bevölkern
pflegen, spöttelnd, schimpfend, schreiend: "Verräter,
Provokateure!" Die Tore wurden von Studenten und Offizieren
bewacht, die weiße Armbinden mit der Aufschrift: "Miliz des
Komitees für die öffentliche Sicherheit" trugen, und ein halbes
Dutzend Pfadfinder kamen und gingen. Oben helle Aufregung.
Hauptmann Gomberg kam die Treppe herunter. "Sie wollen die Duma
auflösen", sagte er. "Der bolschewistische Kommissar ist gerade
beim Bürgermeister." Als wir nach oben kamen, stürzte Rjasanow aus
dem Zimmer heraus. Er war gekommen, um von der Duma die
Anerkennung des Rates der Volkskommissare zu fordern, und der
Bürgermeister hatte ihm eine glatte Absage gegeben. In den Büros
fand ich eine große, schwatzende Menge, hin- und hereilend,
schreiend, gestikulierend - Beamte, Intellektuelle, Journalisten,
ausländische Korrespondenten, französische und englische
Offiziere....Der Stadtbaumeister wies triumphierend auf sie. "Die
Gesandtschaften erkennen als einzige Macht nur die Duma an",
erklärte er. "Für diese bolschewistischen Mörder und Räuber ist es
nur noch eine Frage von Stunden. Das ganze Rußland schart sich um
uns." Im Alexandersaal eine riesige Versammlung des Komitees zur
Rettung des Vaterlandes und der Revolution. Filippowski hatte den
Vorsitz, und Skobelew berichtete unter ungeheurem Beifall über
neue Beitritte zum Komitee: Exekutivkomitee der Bauernsowjets,
altes Zentralexekutivkomitee, zentrales Armeekomitee, Zentroflot,
Menschewiki-Internationalisten, Sozialrevolutionäre und
Frontgruppendelegierte zum Kongreß der Sowjets, Zentralkomitees
der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre, der Volkssozialisten die
Gruppe "Jedinstwo", Bauernverband, Genossenschaften, Semstwos,
Stadtverwaltungen, Post- und Telegrafenverbände, der Wikshel, Rat
der Russischen Republik, Verband der Verbände, Kaufmanns- und
Fabrikantenvereinigung... "......Die Macht der Sowjets ist nicht
eine demokratische macht, sondern eine Diktatur - und nicht eine
Diktatur des Proletariats, sondern gegen das Proletariat. All
jene, die wissen, was revolutionäre Begeisterung ist, müssen sich
für die Verteidigung der Revolution verbünden.... Die Aufgabe des
Tages ist nicht nur, unverantwortliche Demagogen unschädlich zu
machen, sondern den Kampf gegen die Konterrevolution
aufzunehmen.... Wenn die Gerüchte wahr sind, daß gewisse Generale
in den Provinzen aus den Geschehnissen Vorteil ziehen wollen, um
gegen Petrograd zu marschieren, so ist das nur ein weiterer
Beweis, daß wir die solide Basis einer demokratischen Organisation
schaffen müssen. Andernfalls werden aus den Schwierigkeiten, die
wir mit den Linken haben, Schwierigkeiten mit den Rechten
erwachsen. Die Garnison von Petrograd kann nicht gleichgültig
bleiben, wenn Bürger, die den ,Golos Soldata' kaufen, und
Zeitungsjungen, die die ,Rabotschaja Gaseta' verkaufen, in den
Straßen verhaftet werden. Die Stunde der Resolutionen ist
vorüber... Laßt jene, die den Glauben an die Revolution verloren
haben, sich zurückziehen... um eine vereinigte Macht aufzurichten,
müssen wir von neuem das Prestige der Revolution herstellen...
Laßt uns schwören, daß wir entweder die Revolution retten oder
untergehen werden!" Der ganze Saal erhob sich, Beifall klatschend,
mit blitzenden Augen. Aber nicht ein einziger Proletarier war zu
sehen.... Dann Weinstein: "Wir müssen ruhig bleiben und nicht eher
zur Aktion schreiten, bevor die öffentliche Meinung sich fest um
das Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution
geschart hat - erst dann können wir von der Verteidigung zum
Angriff übergehen!" Der Vertreter des Wikshel teilte mit, daß
seine Organisation die Initiative zur Bildung einer neuen
Regierung übernommen habe und daß seine Delegierten im Augenblick
die Frage mit dem Smolny diskutierten... Eine heiße Debatte
entbrannte: Sollte man die Bolschewiki in die neue Regierung
aufnehmen? Martow plädierte für ihre Zulassung. "Sie sind
schließlich", sagte er, "eine bedeutende politische Partei." Die
Meinungen darüber gingen auseinander. Die rechten Menschewiki und
die Sozialrevolutionäre wie auch die Volkssozialisten, die
Genossenschaften und die bürgerlichen Elemente waren entschieden
dagegen.... "Sie haben Rußland verraten", erklärte ein Redner.
"Sie haben den Bürgerkrieg begonnen und die Front den Deutschen
geöffnet. Die Bolschewiki müssen erbarmungslos zusammengehauen
werden..." Skobelew war für den Ausschluß sowohl der Bolschewiki
wie der Kadetten. Wir begannen eine Unterhaltung mit einem jungen
Sozialrevolutionär, der seinerzeit zusammen mit den Bolschewiki
die Demokratische Konferenz verlassen hatte, als Zereteli und die
"Kompromißler" der Demokratie Rußlands die Koalitionsregierung
aufgezwungen hatten. "Sie hier?" fragte ich ihn. Seine Augen
schossen Blitze. "Ja!" schrie er. "Ich verließ den Kongreß
zusammen mit meiner Partei Mittwoch Nacht. Ich habe nicht mein
Leben zwanzig Jahre und mehr aufs Spiel gesetzt, um mich jetzt der
Tyrannei des unwissenden Pöbels zu unterwerfen. Ihre Methoden sind
unerträglich. Aber sie haben nicht mit den Bauern gerechnet...
Wenn die Bauern in Aktion treten werden, dann dürften sie in
Minuten erledigt sein." "Aber die Bauern - werden sie handeln?
Befriedigt das Landdekret nicht die Bauern? Was wünschen diese
mehr?" "Ah, das Landdekret!" sagte er wütend. "Wissen Sie, was das
Landdekret ist? Es ist unser Dekret - es ist das
sozialrevolutionäre Programm, vollkommen! Meine Partei hat diese
Politik formuliert, auf Grund der sorgfältigsten Prüfung der
Wünsche der Bauern selbst. Es ist ein Diebstahl..." "Aber wenn es
ihre eigene Politik ist, warum sind Sie dagegen? Wenn sie den
Wünschen der Bauern entspricht, warum sollen diese dagegen sein?"
"Sie verstehen nicht! Sehen Sie nicht, daß die Bauern sofort
begreifen werden, daß das Ganze ein Betrug ist - daß diese
Usurpatoren das Programm der Sozialrevolutionäre gestohlen haben?"
Ich fragte, ob es wahr sei, daß Kaledin gegen Norden marschiere.
Er nickte und rieb sich die Hände, voll bitterer Befriedigung.
"Ja. Sehen Sie jetzt, was diese Bolschewiki angerichtet haben. Sie
haben die Konterrevolution gegen uns in Bewegung gebracht. Die
Revolution ist verloren. Die Revolution ist verloren." "Aber
werden Sie die Revolution nicht verteidigen?" "Natürlich werden
wir sie verteidigen, bis zu unserem letzten Blutstropfen. Jedoch
werden wir unter keinen Umständen mit den Bolschewiki
zusammengehen..." "Aber wenn Kaledin nach Petrograd kommt und die
Bolschewiki die Stadt verteidigen. Werden Sie sich ihnen nicht
anschließen?" "Natürlich nicht. Wir werden die Stadt auch
verteidigen, aber wir werden die Bolschewiki nicht unterstützen.
Kaledin ist der Feind der Revolution, aber auch die Bolschewiki
sind Feinde der Revolution." "Wen ziehen Sie vor: Kaledin oder die
Bolschewiki?" "Darum handelt es sich jetzt nicht", sagte er
ungeduldig. "Ich sage Ihnen, die Revolution ist verloren. Und es
sind die Bolschewiki, die schuld daran sind. Doch was sollen wir
von solchen Dingen reden? Kerenski kommt....Übermorgen werden wir
zur Offensive übergehen....Schon hat der Smolny Delegierte
gesandt, die uns auffordern, an einer neuen Regierungsbildung
teilzunehmen. Wir haben sie jetzt - sie sind absolut
ohnmächtig..., wir werden mit ihnen nicht zusammenarbeiten..."
Draußen fiel ein Schuß. Wir liefen zu den Fenstern. Ein
Rotgardist, durch die Sticheleien der Menge zur Verzweiflung
gebracht, hatte einen Schuß abgegeben und ein junges Mädchen am
Arm verwundet. Wir konnten sehen, wie sie in einen Wagen gehoben
wurde, umringt von einer erregten Menge, deren Stimmen bis zu uns
empordrangen. Im nächsten Augenblick erschien ein Panzerwagen an
der Ecke des Michailowski, dessen Maschinengewehre hin- und
herfuhren. Die Menge begann sofort zu laufen, wie das in Petrograd
üblich ist, sie warf sich auf den Boden nieder, versteckte sich in
den Straßenrinnen und hinter den Telefonmasten. Der Panzerwagen
hielt vor der Treppe der Duma, und ein Mann steckte seinen Kopf
aus dem Turm heraus, die Herausgabe des "Soldatski Golos"
verlangend. Die Pfadfinder liefen ins Gebäude. Einen Augenblick
lang fuhr der Panzerwagen unentschieden hin und her und verschwand
dann den Newski hinauf, während einige hundert Männer und Frauen
sich wieder erhoben und ihre Kleider abzustauben begannen... Im
Innern des Gebäudes hin und her rennende Menschen, den Arm voller
Exemplare des "Soldatski Golos", nach einem Platz suchend, um sie
zu verstecken....Ein Journalist kam in das Zimmer gelaufen, er
schwenkte ein Blatt Papier. "Hier ist eine Proklamation von
Krasnow!" schrie er. Er war sofort umringt. "Drucken lassen,
schnell drucken lassen, und dann in die Kasernen damit!"
"Auf den Befehl des Obersten Befehlshabers bin ich zum
Befehlshaber der um Petrograd konzentrierten Truppen ernannt.
Bürger, Soldaten, tapfere Kosaken des Don, des Kuban, des
Transbaikal, des Amur, des Jenissej, ihr alle, die ihr euerm Eid
treu geblieben seid, die ihr geschworen habt, euern Kosakeneid
treu zu halten - ich rufe euch auf, Petrograd zu retten vor der
Anarchie, vor dem Hunger, vor der Tyrannei, Rußland zu erretten
vor der unerträglichen Schande, die eine Handvoll mit dem Golde
Wilhelms gekaufter, unwissender Männer über Rußland zu bringen
versuchen. Die Provisorische Regierung, der ihr in den großen
Märztagen die Treue geschworen habt, ist nicht gestürzt, sie wurde
nur mit Gewalt aus dem Gebäude getrieben, in dem sie ihre
Sitzungen abhielt. Die Regierung jedoch, mit Hilfe der
Fronttruppen, die treu ihre Pflicht erfüllen, mit Hilfe des
Kosakenrates, der unter seinem Kommando alle Kosaken vereinigt, im
Bewußtsein ihrer Stärke und in völliger Übereinstimmung mit dem
Willen des russischen Volkes, hat geschworen, dem Lande zu dienen,
ihren Vorfahren in den stürmischen Zeiten von 1612 gleich, da die
Kosaken des Don das von den Schweden, den Polen und den Litauern
bedrohte Moskau befreiten. Eure Regierung besteht noch immer....
Die aktive Armee blickt auf diese Verbrecher mit Empörung und
Verachtung. Ihre Akte der Zerstörung und der Plünderungen, ihre
Verbrechen, ihre deutsche Manier, mit der sie auf das -
niedergeworfene, aber noch nicht besiegte - Rußland schauen, hat
sie dem ganzen Volke entfremdet. Bürger, Soldaten, tapfere Kosaken
der Petrograder Garnison! Schickt mir eure Delegierten, damit ich
weiß, wer Verräter an seinem Lande ist und wer nicht, damit
unnützes Blutvergießen vermieden wird."
Fast im selben Moment hieß es, daß Rotgardisten im Begriff seien,
das Gebäude zu umzingeln. Ein Offizier trat herein, mit einer
roten Armbinde, und verlangte den Bürgermeister. Wenige Minuten
später ging er, und der alte Schrejder kam aus seinem Büro,
abwechselnd rot und blaß im Gesicht. "Eine außerordentliche
Sitzung der Duma!" schrie er. "Sofort!" In dem großen Saal wurden
die Geschäfte unterbrochen. "Alle Mitglieder der Duma zu einer
außerordentlichen Sitzung!"
"Was ist los?" "Ich weiß nicht - man will uns verhaften - man will
die Duma auflösen - man verhaftet Mitglieder vor dem Tor !" So
liefen die Gerüchte. Im Nikolaisaal war kaum Platz zum Stehen. Der
Bürgermeister gab bekannt, daß an allen Eingängen Truppen
stationiert seien, die niemand herein und heraus ließen, und daß
ein Kommissar gedroht habe, die Stadtduma aufzulösen und ihre
Mitglieder zu verhaften. Eine Flut leidenschaftlicher Reden von
Mitgliedern und sogar von den Galerien war die Antwort. Die frei
gewählte Stadtverwaltung könne von keiner Macht aufgelöst werden;
die Person des Bürgermeisters und aller anderen Mitglieder sei
unverletzlich; die Tyrannen, die Provokateure, die deutschen
Agenten könnten niemals anerkannt werden; was die Drohung mit der
Auflösung anbelange, so sollten sie nur versuchen - "nur über
unsere Leichname werden sie in diesen Saal eindringen, wir werden,
den römischen Senatoren der Antike gleich, mit Würde das Kommen
der Barbaren erwarten..." Entschließung, die Dumas und Semstwos
von ganz Rußland telegrafisch zu benachrichtigen. Entschließung,
daß es für den Bürgermeister oder den Präsidenten der Duma
unmöglich sei, in irgendwelche Beziehungen zu den Vertretern des
Revolutionären Militärkomitees oder zu dem sogenannten Rat der
Volkskommissare zu treten. Resolution, einen neuen Appell an die
Bevölkerung Petrograds zu richten, sich für die Verteidigung ihrer
erwählten Stadtregierung zu erheben. Resolution, in permanenter
Tagung zusammenzubleiben... Inzwischen kam ein Mitglied mit der
Nachricht, daß er mit dem Smolny telefoniert und daß das
Revolutionäre Militärkomitee ihm erklärt habe, daß keinerlei
Befehle gegeben worden seien, die Duma zu umzingeln, und daß die
Truppen zurückgezogen würden. Als wir die Treppen hinunterkamen,
stürmte, in höchster Aufregung, Rjasanow durch das Haupttor.
"Werden Sie die Duma auflösen?" fragte ich. "Mein Gott, nein!"
antwortete er. "Es ist alles ein Irrtum. Ich habe dem
Bürgermeister heute morgen mitgeteilt, daß wir die Duma in Ruhe
lassen würden..." Aus dem Newski, in der sinkenden Dämmerung, kam
eine lange doppelte Reihe Radfahrer mit Gewehren über ihren
Schultern. Sie hielten. Die Menge drängte auf sie ein, sie mit
Fragen überhäufend. "Wer seid ihr? Woher kommt ihr?" fragte ein
ältlicher dicker Mann mit einer Zigarre im Munde. "Zwölfte Armee,
von der Front. Wir kommen, um die Sowjets gegen die verdammten
Bourgeois zu verteidigen." Wütende Schreie. "Ah! Bolschewistische
Gendarmen! Bolschewistische Kosaken!" Ein kleiner Offizier in
einem Ledermantel kam die Stufen heruntergeeilt. "Die Garnison
schwankt!" rief er mir zu. "Das ist der Anfang vom Ende der
Bolschewiki. Wollen Sie sehen, wie die Zeiten sich ändern? Kommen
Sie mit!" Und fast laufend, eilte er den Michailowski hinauf. Wir
hinter ihm her. "Welches Regiment ist es?" "Die Bronewiki." Und in
der Tat war hier die Lage ernst. Die Bronewiki waren die
Panzerwagentruppen, gewissermaßen der Schlüssel der ganzen
Situation. Wer die Bronewiki hatte, der hatte sie Stadt. "Die
Kommissare des Komitees zur Rettung des Vaterlandes und die
Vertreter der Duma haben zu ihnen gesprochen.Jetzt haben sie eine
Versammlung, wo sie entscheiden werden." "Was entscheiden? Auf
wessen Seite sie kämpfen sollen?" "O nein, so darf man ihnen nicht
kommen. Sie werden niemals gegen die Bolschewiki kämpfen, sondern
höchstens beschließen, neutral zu bleiben - dann aber werden die
Offiziersschüler und Kosaken...."
Das Tor der großen Michailowski - Reitschule gähnte schwarz. Zwei
Posten versuchten uns anzuhalten. Aber wir huschten vorüber, ohne
auf ihre wütenden Zurufe zu achten. Im Innern eine einzige, matt
brennende Bogenlampe, hoch unter dem Dach der mächtigen Halle,
deren luftige Pfeiler und Fensterbögen in der Dämmerung fast
verschwanden. An den Seiten die dunklen Silhouetten riesiger
Panzerwagen. Einer stand in der Mitte der Halle, direkt unter der
Lampe, und um ihn herum waren an die zweitausend wettergebräunte
Soldaten versammelt, fast verschwindend in der Riesenhaften
Ausdehnung des Gebäudes. Ein Dutzend Leute, Offiziere und der
Vorsitzende des Soldatenkomitees, waren auf dem Dach des Wagens
postiert, und vom Turm aus sprach ein Soldat. Die war Chanshonow,
der schon den im vergangenen Sommer abgehaltenen Gesamtrussischen
Kongreß der Panzereinheiten geleitet hatte. Ein geschmeidiger
hübscher Mensch in einem Lederrock mit Offiziersachselstücken, der
mit lebhafter Beredsamkeit für die Neutralität der Truppen
eintrat. "Es ist entsetzlich, zu denken, daß Russen einander
morden sollen. Es darf keinen Bürgerkrieg geben zwischen Soldaten,
die Schulter an Schulter den Zaren und den äußeren Feind in
Schlachten bezwungen haben, die noch lange in der Geschichte
fortleben werden. Was kümmert uns Soldaten das Gezänk der
politischen Parteien? Es fällt mir nicht ein, zu behaupten, daß
die Provisorische Regierung eine demokratische Regierung war. Wir
wollen keine Koalition mit der Bourgeoisie! Aber was wir haben
müssen, ist eine Regierung der vereinten Demokratie, sonst ist
Rußland verloren. Bekommen wir eine solche Regierung, dann ist der
Bürgerkrieg unnötig und der Brudermord bleibt uns erspart." Das
klang einleuchtend, und der weite Raum hallte vom Beifall wider.
Ein Soldat kletterte hinauf, blaß und übermüdet. "Genossen! Ich
komme von der rumänischen Front, und ich sage euch, daß wir
Frieden haben müssen, sofortigen Frieden. Wer immer uns den
Frieden geben kann, seien es nun die Bolschewiki oder diese neue
Regierung, dem werden wir folgen. Friede. Friede! Wir an der Front
können nicht mehr kämpfen, weder gegen die Deutschen noch gegen
die Russen", und damit schloß er. Aus den wogenden Massen stieg
ein Durcheinander streitender Stimmen, das sich zu zornigen Rufen
steigerte, als der nächste Redner, ein Menschewik, sie zu
überzeugen suchte, daß der Krieg weitergeführt werden müsse bis
zum Siege der Alliierten. "Du sprichst wie Kerenski!" rief eine
rauhe Stimme dem Redner zu. Ein Dumadelegierter plädierte für
Neutralität. Sie hörten ihm zu, aber voller Mißtrauen, fühlten,
daß er nicht zu ihnen gehörte. Niemals wieder sah ich Männer so
ängstlich bemüht, zu begreifen und richtig zu entscheiden,
unbeweglich, in fast bedrohlicher Spannung auf die Redner
starrend, die Augenbrauen zusammengezogen in der Anspannung des
Nachdenkens, die Stirnen schweißbedeckt; Riesen an Gestalt, mit
den klaren, unschuldigen Augen von Kindern und den Gesichtern von
Helden. Jetzt sprach ein Bolschewik, einer von ihren eigenen
Leuten, heftig, haßerfüllt. Sie hörten ihm nicht mit mehr
Sympathie zu als den anderen. Seine Art entsprach nicht ihrer
Stimmung. Aber er riß sie einen Moment lang aus dem Trott
alltäglichen kleinlichen Denkens empor zum Bewußtsein ihrer
Verantwortung gegenüber dem Schicksal Rußlands, des Sozialismus,
der Welt, der Revolution. Redner folgte auf Redner, unter
gespanntem, nur dann und wann von Beifalls- oder Zornesrufen
unterbrochenem Schweigen abwechselnd für und gegen die Neutralität
sprechend. Chanshonow redete noch einmal, hinreißend, sympathisch.
Aber war er nicht ein Offizier, wieviel er immer vom Frieden
sprach? Dann ein Arbeiter aus dem Stadtteil Wassili-Ostrow. Ihn
empfingen sie mit den Worten: "Nun, Arbeiter, wirst du uns den
Frieden bringen?" Ganz in unserer Nähe hatten einige Leute, in der
Mehrzahl waren es Offiziere, eine Art Claque gebildet, die
systematisch für die Verteidiger der Neutralität Stimmung machte.
"Chanshonow, Chanshonow!" riefen sie fortgesetzt und zischten und
pfiffen, wenn ein Bolschewik zu sprechen versuchte. Plötzlich
begannen auf dem Dach des Wagens die Komiteemitglieder und die
Offiziere, die sich offenbar über irgend etwas uneinig geworden
waren, aufgeregt und heftig gestikulierend aufeinander einzureden.
Die Versammlung wurde aufmerksam und verlangte zu wissen, um was
es sich handle. Ein Soldat, von einem Offizier zurückgehalten, riß
sich los und hob seine Hand empor. "Genossen", schrie er, "der
Genosse Krylenko ist hier und wünscht uns zu sprechen." Ein Sturm
wilden Beifalls brach los, dann Pfeifen und Rufe: "Prossim!
Prossim! - Doloi!" (Hinauf! Hinauf! - Nieder mit ihm!).
Währenddessen kletterte, von hilfsbereiten Händen gezogen und
geschoben, der Volkskommissar für das Heer an der Seite des Wagens
empor. Sich aufrichtend, stand er einen Moment, ging dann nach
vorn, die Hände auf die Hüften gestützt, und blickte lächelnd um
sich, eine kleine Gestalt, kurzbeinig, ohne Kopfbedeckung und ohne
Rangabzeichen auf der Uniform. Die Claque in meiner Nähe hörte
nicht auf zu schreien: "Chanshonow, Chanshonow! Wir wollen
Chanshonow hören! Hinunter mit ihm! Schluß, Schluß! Nieder mit dem
Verräter!" Die Aufregung begann allgemein zu werden. Da plötzlich
eine Bewegung gleich einer auf uns niederrollenden Lawine:
riesenhafte, zornigblickende Gestalten bahnten sich einen Weg
durch das Gedränge. "Wer stört hier unsere Versammlung? Woher das
Pfeifen?" Die Claque verstummte, drückte sich schleunigst und
unterließ jede weitere Störung.
"Genossen Soldaten!" begann Krylenko mit vor Müdigkeit heiserer
Stimme. "Ich kann leider nur sehr schlecht zu euch sprechen, denn
ich habe seit vier Tagen nicht mehr geschlafen. Ich brauche euch
nicht erst zu sagen, daß ich ein Soldat bin wie ihr und daß ich
den Frieden wünsche. Was ich aber hier sagen muß, ist, daß die
bolschewistische Partei, die mit eurer Hilfe und mit Hilfe vieler
anderer braver Genossen in der siegreichen Arbeiter- und
Soldatenrevolution die Macht der blutdürstigen Bourgeoisie
stürzte, das von ihr gegebene Versprechen, ein Friedensangebot an
alle kriegführenden Völker zu richten, bereits, und zwar am
heutigen Tag, eingelöst hat." (Stürmischer Beifall.) "Man fordert
euch hier zur Neutralität auf, während die Offiziersschüler und
die Todesbataillone, die niemals neutral sind, uns in den Straßen
niederschießen und Kerenski oder irgendeinen andern von dieser
Bande nach Petrograd zurückbringen wollen. Vom Don aus marschiert
Kaledin; Kerenski kommt von der Front, und Kornilow hetzt die
Tekinzy auf und will sein Augustabenteuer wiederholen. Die
Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die euch hier so ängstlich
beschwören, doch um alles in der Welt den Bürgerkrieg zu
verhindern, haben sie sich anders an der Macht halten können als
vermittels des Bürgerkrieges, der seit dem letzten Juli nicht
aufgehört hat zu wüten und in dem sie immer - genau wie heute -
auf der Seite der Bourgeoisie zu finden waren? Wie kann ich euch
überzeugen, wenn ihr euch bereits festgelegt habt? Die Frage ist
ganz klar. Auf der einen Seite die Kerenski, Kaledin, Kornilow,
die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre, die Kadetten, die Duma
und die Offiziere. Auf der anderen Seite stehen die Arbeiter, die
Soldaten und Matrosen, die armen Bauern. Die Regierung ist in
euren Händen. Ihr seid die Herren. Ganz Rußland gehört euch. Wollt
ihr es wieder zurückgeben?" Nur mit der größten Willensanstrengung
hielt er sich, während er redete, aufrecht; aber die ihn
beseelende tiefe und ehrliche Begeisterung begann allmählich trotz
seiner Ermüdung ihre Wirkung auf die Versammlung auszuüben. Als er
geendet hatte, wäre er fast gefallen. Hundert Hände streckten sich
ihm entgegen, ihm beim Herabsteigen behilflich zu sein.
Chanshonow versuchte erneut zu sprechen. Aber "abstimmen,
abstimmen!" schallte es ihm entgegen. Er gab schließlich nach und
verlas die Resolution, die besagte, daß die Panzereinheit ihren
Vertreter aus dem Revolutionären Militärkomitee zurückziehen und
in dem gegenwärtigen Bürgerkrieg neutral bleiben würde. Wer für
die Resolution war, sollte nach rechts, wer dagegen war, nach
links treten. Es gab einen Moment des Schwankens. Dann aber begann
die Menge, in immer schnellerem Tempo, einer über den anderen
stolpernd, nach links zu fluten. Nicht weit von uns entfernt
fanden sich gegen fünfzig Mann zusammen, die für die Resolution
gestimmt hatten; das war alles. Während noch die Halle von dem
Siegesjubel der anderen widertönte , verließ das Häuflein eiligst
das Gebäude - und einige von ihnen auch für immer die Revolution.
Derselbe Kampf spielte sich in allen Kasernen der Stadt ab, in
allen Bezirken, an der ganzen Front, in ganz Rußland. Solcher
Krylenkos gab es viele; nie zum Schlafen kommend, von Ort zu Ort
eilend, die Regimenter überwachend, überredend, drohend,
beschwörend. Dasselbe in sämtlichen Ortsorganisationen jeder
einzelnen Gewerkschaft, in den Fabriken, in den Dörfern, auf den
Kriegsschiffen der weitverstreuten russischen Flotte. In dem
weiten Land Hunderttausende russischer Männer, Arbeiter, Bauern,
Soldaten, Matrosen, um die Redner geschart, mit ungeheurem
Willensaufwand zu begreifen, zu wählen bemüht, angespannt
nachdenkend - und zu guter Letzt so einmütig entscheidend. So war
die russische Revolution...
Der neue Rat der Volkskommissare im Smolny war inzwischen nicht
müßig gewesen. Das erste Dekret war bereits im Druck und wurde in
Tausenden von Exemplaren noch in derselben Nacht in den Straßen
der Stadt verbreitet und in mächtigen Ballen mit den süd- und
ostwärts fahrenden Zügen ins Land befördert:
"Im Namen der von dem Gesamtrussischen Sowjetkongreß der Arbeiter-
und Soldatendeputierten unter Mitwirkung von Bauerndeputierten
gewählten Regierung der Republik ordnet der Rat der
Volkskommissare an:
1.
Die Wahlen zur Konstituierenden Versammlung werden auf den 12.
November angesetzt.
2.
Alle Wahlkommissionen, die Organe der lokalen Selbstverwaltung,
die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten und die
Soldatenorganisationen an der Front werden aufgefordert, die
Durchführung freier und ordnungsmäßiger Wahlen an dem
festgesetzten Datum sicherzustellen.
Im
Namen der Regierung der Russischen Republik
Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare
Wladimir Uljanow - Lenin."
Die im Stadthaus tagende Duma war in voller Aufregung. Als wir
ankamen, hatte gerade ein Mitglied des Rates der Russischen
Republik das Wort. Der Rat, erklärte er, betrachte sich keineswegs
als aufgelöst, er sei nur außerstande, seine Arbeiten
fortzusetzen, solange er nicht einen neuen Sitzungsraum zur
Verfügung habe. In der Zwischenzeit habe das Ältestenkollegium des
Rates beschlossen, in corpore dem Komitee zur Rettung des
Vaterlandes beizutreten. Dies war die letzte Lebensäußerung des
Rates der Russischen Republik. Dann kam das gewohnte Nacheinander
von Delegierten aus den Ministerien, dem Wikshel, dem Verband der
Post- und Telegrafenbeamten, die zum hundertsten Male ihren festen
Willen bekundeten, unter keinen Umständen für die
bolschewistischen Usurpatoren zu arbeiten. Ein Offiziersschüler,
der mit im Winterpalast gewesen war, schilderte in stark
aufgetragenen Farben seine und seiner Kameraden angebliche
Heldentaten und das schmähliche Verhalten der Rotgardisten. Alles
wurde kritiklos geglaubt. Irgend jemand las laut einen Bericht aus
der sozialrevolutionären Zeitung "Narod" vor, der den im
Winterpalast angerichteten Schaden auf fünfhundert Millionen Rubel
veranschlagte und die angeblichen Plünderungen und Zerstörungen in
allen Einzelheiten beschrieb. Von Zeit zu Zeit kamen Kuriere mit
neuen Telefonmeldungen: Die vier sozialistischen Minister seien
aus dem Gefängnis entlassen worden. Krylenko sei in die
Peter-Pauls-Festung gegangen, um an den Admiral Werderewski die
Aufforderung zu richten, das noch unbesetzte Marineministerium zu
übernehmen. Der alte Seemann habe akzeptiert. Kerenski habe von
Gattschina aus den Vormarsch angetreten. Die bolschewistischen
Garnisonen zogen sich vor ihm zurück. Im Smolny hätten sie ein
neues Dekret herausgegeben, bestimmt, die Vollmachten der
Stadtduma hinsichtlich der Lebensmittelversorgung zu umgrenzen.
Diese letzte "Unverschämtheit" hatte einen Wutausbruch zur Folge.
Lenin, der Usurpator und Tyrann, dessen Kommissare sich der
städtischen Garagen und Vorratshäuser bemächtigt hatten, sich in
die Tätigkeit der Ernährungsämter einmischten, dieser Lenin maßte
sich an, die Grenzen der Macht der freien, unabhängigen, autonomen
Stadtverwaltung bestimmen zu wollen. Ein Mitglied schlug
zornentbrannt vor, der Stadt die Lebensmittelzufuhr zu sperren,
wenn die Bolschewiki es wagen sollten, sich in die Geschäfte der
Ernährungsämter einzumischen....Ein anderer, Vertreter des
Ernährungsamtes, schilderte die Situation als sehr ernst und
forderte Maßnahmen zur beschleunigten Heranführung der
Lebensmittelzüge. Dedonenko teilte begeistert mit, daß die
Garnison schwanke. Das Semjonowski-Regiment habe schon den
Beschluß gefaßt, sich den Befehlen der sozialrevolutionären Partei
zu unterstellen; Die Besatzungen der Torpedoboote auf der Newa
seien unschlüssig. Es wurden sofort sieben Mitglieder bestimmt,
die die Propaganda fortsetzen sollten......Dann betrat der alte
Bürgermeister die Tribüne: "Genossen und Bürger! Ich erfahre
soeben, daß das Leben der Gefangenen in der Peter-Pauls-Festung in
Gefahr ist. Vierzehn Offiziersschüler von der Pawlowsker Schule
sind von den bolschewistischen Wächtern geprügelt und gemartert
worden. Einer hat den Verstand verloren. Jetzt drohen sie, die
Minister zu lynchen!" Ein Sturm der Entrüstung und des Schreckens
brach los, der sich nur noch steigerte, als eine in Grau
gekleidete, untersetzte kleine Frau das Wort verlangte. Dies was
Wera Sluzkaja, eine alte Revolutionärin und ein bolschewistisches
Mitglied der Duma. "Das ist eine Lüge und Provokation", erklärte
sie, ungeachtet der gegen sie geschleuderten Schmähungen. "Die
Arbeiter-und-Bauern-Regierung, die die Todesstrafe abgeschafft
hat, kann solche Handlungen gar nicht dulden. Wir verlangen die
unverzügliche Vornahme einer Untersuchung, und wenn an solchen
Erzählungen auch nur ein Körnchen Wahrheit sein sollte, wird die
Regierung nicht verfehlen, sofort die energischsten Maßnahmen zu
treffen."
Es
wurde eine Kommission aus Mitgliedern aller Parteien ernannt und ,
zusammen mit dem Bürgermeister, in die Peter-Pauls-Festung
entsandt, um Erkundigungen einzuziehen. Als wir ihnen folgten, war
die Duma dabei, eine weitere Kommission zu wählen, die mit
Kerenski konferieren und auf ihn einwirken sollte, damit er
Blutvergießen möglichst vermeide, wenn er in die Hauptstadt
einzöge.
Es
war Mitternacht, als wir die Wachen am Festungstor passierten und
in dem schwachen Schimmer vereinzelter elektrischer Lampen
dahinschritten, an der Kirche, wo die Zarengräber liegen, und dem
schlanken goldenen Turm mit seinem Glockenspiel vorbei, das noch
Monate nach der Märzrevolution nicht aufgehört hatte, jeden Mittag
das "Gott erhalte den Zaren" zu spielen. Der Platz lag wie
ausgestorben; die meisten Fenster blickten dunkel auf uns herab.
Gelegentlich stießen wir auf Gestalten, die in der Dunkelheit
ungeschickt dahinstolperten und unsere Fragen gewöhnlich mit "Ja
ne snaju" (Ich weiß nicht.) beantworteten. Zu unserer Linken ragte
drohend die Silhouette der Trubezkoi-Bastion empor, wo in den
Tagen des Zaren so viele Märtyrer lebendig begraben wurden und
ihren Verstand und ihr Leben verloren, wo die Provisorische
Regierung dann die Minister des Zaren gefangenhielt und wo nun die
neue Regierung die Minister der Provisorischen Regierung
eingekerkert hatte. Ein freundlicher Matrose führte uns in ein
kleines Haus, zum Büro des Kommandanten. Dort saßen in
überheiztem, von Tabaksrauch erfülltem Raum, um einen lustig
dampfenden Samowar, ein halbes Dutzend Rotgardisten, Matrosen und
Soldaten. Sie begrüßten uns mit großer Herzlichkeit und boten uns
Tee an. Der Kommandant sei nicht da. Er begleite eine Kommission
von "Sabotashniki" (Saboteuren) aus der Stadtduma, die sich nicht
ausreden lassen wollten, daß hier alle gefangenen Offiziersschüler
gemordet würden. Die revolutionären Soldaten fanden dies zu
drollig. In einer Ecke saß ein kahlköpfiger, aufgeregter kleiner
Herr in Gehrock und kostbarem Pelzmantel, der an seinem
Schnurrbart kaute und wie eine gefangene Ratte um sich blickte. Er
war eben verhaftet worden. Irgend jemand meinte nachlässig, daß er
ein Minister oder dergleichen sei. Obwohl keinerlei Feindseligkeit
ausgesetzt, war das Männchen augenscheinlich furchtbar ängstlich.
Ich ging zu ihm hinüber und sprach ihn auf Französisch an. "Graf
Tolstoi", antwortete er, sich steif verbeugend. "ich verstehe
nicht, warum man mich verhaftet hat. Ich kam über die
Troizki-Brücke, um nach Hause zu gehen, als zwei dieser - dieser
Personen - mich anhielten. Ich war Kommissar der Provisorischen
Regierung beim Generalstab, aber in keiner Weise Mitglied der
Regierung..." "Laßt ihn gehen", meinte ein Matrose. "Er ist
ungefährlich.." "Nein", antwortete der Soldat, der den Gefangenen
gebracht hatte. "Wir müssen den Kommandanten fragen." "Oh, der
Kommandant!" sagte der Matrose. "Wozu habt ihr eigentlich die
Revolution gemacht? Um nach wie vor den Befehlen von Offizieren zu
gehorchen?" Ein Fähnrich des Pawlowski-Regiments erzählte, wie der
Aufstand begonnen hatte. "Das Regiment hatte in der Nacht zum
Sechsten Wachdienst beim Generalstab. Einige meiner Kameraden und
ich standen Wache; Iwan Pawlowitsch und ein anderer - ich weiß im
Moment seinen Namen nicht - saßen hinter den Fenstervorhängen in
dem Zimmer, wo der Stab eine Sitzung abhielt, und sie hörten
allerlei. Unter anderem auch Befehle an die Offiziersschüler von
Gattschina, in der Nacht nach Petrograd zu kommen, und eine Befehl
für die Kosaken, sich für den anderen Morgen marschfertig zu
halten....Die wichtigsten Stellen der Stadt sollten vor
Tagesgrauen besetzt, dann die Brücken geöffnet werden. Als sie
jedoch davon zu sprechen begannen, daß der Smolny umzingelt werden
sollte, hielt Iwan Pawlowitsch es nicht länger aus. Es war in
diesem Moment gerade ein großes Kommen und Gehen; so schlüpfte er
hinaus und kam zur Wachstube herunter, der andere Genosse blieb
oben, um aufzuschnappen, was er konnte. Ich dachte mir schon, daß
irgend etwas im Gange war. Automobile voller Offiziere kamen an,
sämtliche Minister waren anwesend. Iwan Pawlowitsch teilte mir
mit, was er gehört hatte. Es war halbdrei Uhr morgens. Der
Schriftführer des Regimentskomitees war da, und wir machten ihm
Mitteilung und fragten, was wir tun sollten. ,Alles verhaften, was
kommt und was geht!' sagte er. Das machten wir. Im Verlauf einer
Stunde hatten wir einige Offiziere und ein paar Minister, die wir
direkt nach dem Smolny bringen ließen. Das Revolutionäre
Militärkomitee war jedoch nicht bereit; sie wußten nicht, was mit
ihnen anfangen; und bald kam der Befehl, alle laufen zu lassen und
niemand mehr zu verhaften. Wir stürmten natürlich gleich nach dem
Smolny und haben etwa eine Stunde lang geredet, bis sie endlich
kapierten, daß Krieg war. Es war genau fünf Uhr, als wir zum Stab
zurückkamen, die meisten waren mittlerweile weg. Wir faßten aber
doch einige, und die ganze Garnison war in Bewegung..."
Ein Rotgardist von Wassili-Ostrow beschrieb in allen Einzelheiten,
was sich in seinem Bezirk an dem großen Tag des Aufstandes
abgespielt hatte. "Wir hatten nicht ein Maschinengewehr dort",
sagte er lachend, "und der Smolny konnte uns keine geben. Genosse
Salkind, ein Mitglied des Zentralbüros der Bezirksduma, erinnerte
sich plötzlich, daß in dem Sitzungssaal der Bezirksduma ein
Maschinengewehr lagerte, das von den Deutschen erobert worden war.
Er und ich und dann noch ein anderer Genosse gingen hin, um es zu
holen. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre hatten gerade eine
Sitzung. Wir machten die Tür auf und gingen einfach hinein. Zwölf
oder fünfzehn Personen saßen um einen Tisch herum, gegen uns drei.
Als sie uns sahen, hörten sie auf zu sprechen und starrten uns an.
Wir gingen, ohne uns umzusehen, durch das Zimmer, nahmen das
Maschinengewehr auseinander, Genosse Salkind packte den einen
Teil, ich den anderen; wir nahmen sie auf unsere Schulter und
zogen ab - nicht einer sagte ein Wort!" "Wissen Sie eigentlich,
wie wir den Winterpalast nahmen?" fragte ein dritter, ein Matrose.
"So um elf Uhr herum hatten wir heraus, daß an der Seite der Newa
keine Offiziersschüler mehr waren. Wir brachen die Tore ein und
schlichen, teils einzeln, teils in Gruppen, die verschiedenen
Treppen hinauf. Oben angekommen, wurden wir von den
Offiziersschülern festgehalten, und sie nahmen uns unsere Gewehre
ab. Von unseren Genossen kamen aber immer mehr, und schließlich
hatten wir die Mehrheit. Jetzt drehten wir den Spieß um und nahmen
den Offiziersschülern die Gewehre weg..."
In
diesem Moment trat der Kommandant herein, ein fröhlich
dreinschauender junger Unteroffizier, seinen Arm in einer Binde
und tiefe Ränder von Schlaflosigkeit unter den Augen. Sein erster
Blick fiel auf den Gefangenen, der ihn sofort mit Erklärungen
bestürmte. "Ach, ich weiß", unterbrach der andere. "Sie gehören
mit zu dem Komitee, das am Mittwoch nachmittag die Kapitulation
des Stabes verweigerte. Wir haben indes kein Interesse an Ihnen,
Bürger. Entschuldigung-." Er öffnete die Tür und gab dem Grafen
Tolstoi mit einer Handbewegung zu verstehen, daß er gehen könne.
Verschiedene andere, besonders die Rotgardisten, wollten
protestieren, und der Matrose bemerkte triumphierend: "Da habt
ihr's! Sagte ich's nicht?" Zwei Soldaten verlangten jetzt den
Kommandanten zu sprechen. Sie waren ein von der Festungsgarnison
gewähltes Protestkomitee. Die Soldaten beklagten sich darüber, daß
die Gefangenen genauso verpflegt würden wie die Wachen, wo doch
die vorhandenen Lebensmittel nicht einmal ausreichten, die
Mannschaften satt zu machen. "Warum sollen wir die
Konterrevolutionäre so gut behandeln?" "Wir sind Revolutionäre,
Genossen, und keine Banditen", antwortete ihnen der Kommandant. Er
wandte sich zu uns. Wir sprachen mit ihm über die Gerüchte, denen
zufolge die Offiziersschüler gemartert würden und das Leben der
Minister bedroht sei. "Könnten wir die Gefangenen wohl sehen, um
in der Lage zu sein, diesen Erzählungen entgegenzutreten?"
"Nein!" versetzte der junge Soldat. "ich will die Gefangenen nicht
noch einmal stören. Ich habe sie eben erst wecken müssen - sie
glaubten, wir kämen, sie umzubringen. Die meisten Offiziersschüler
haben wir schon freigelassen, der Rest wird morgen gehen." "Dürfen
wir mit der Dumakommission sprechen?" Der Kommandant, der sich ein
Glas Tee einschenkte, nickte. "Sie sind noch draußen im Saal." So
war es in der Tat. Die Kommissionsmitglieder standen draußen vor
der Tür, im schwachen Licht einer Öllampe um den Bürgermeister
geschart, aufgeregt miteinander redend. "Herr Bürgermeister",
begann ich, "wir sind amerikanische Korrespondenten. Wollen Sie
uns bitte offiziell das Resultat ihrer Nachforschungen mitteilen?"
Darauf der Bürgermeister: "Die Berichte entsprachen nicht der
Wahrheit. Von den Zwischenfällen abgesehen, die sich abspielten,
als die Minister hier eingeliefert wurden, hat man sie durchaus
rücksichtsvoll behandelt. Den Offiziersschülern ist kein Leid
geschehen." Den Newski hinauf marschierte in tiefem Schweigen eine
endlose Kolonne Soldaten - Kerenski entgegen.....In den
Nebenstraßen sausten unbeleuchtete Automobile hin und her, und
verstohlenes emsiges Treiben herrschte in der Fontanka Nr.6, dem
Hauptquartier des Bauernsowjets, in einigen Wohnungen eines hohen
Gebäudes am Newski und in der Ingenieurschule. Die Duma war hell
erleuchtet... Im Revolutionären Militärkomitee wetterleuchtete es
wie vor einem drohenden Gewitter.
  
VII. Die revolutionäre Front
Sonnabend, 10. November.
"
Bürger!
Das Revolutionäre Militärkomitee erklärt, keinerlei Störung der
revolutionären Ordnung duld |