Vorwort zur ersten
Auflage
|186| Die
nachfolgende Schrift ist entstanden aus drei Kapiteln meiner
Arbeit: "Herrn E. Dührings Umwälzung der Wissenschaft", Leipzig
1878. Ich stellte sie für meinen Freund Paul Lafargue zusammen zur
Übersetzung ins Französische und fügte einige weitre Ausführungen
hinzu. Die von mir durchgesehene französische Übersetzung erschien
zuerst in der "Revue socialiste" und sodann selbständig unter dem
Titel: "Socialisme utopique et socialisme scientifique", Paris
1880, Eine nach der französischen Übersetzung ausgeführte
Übertragung ins Polnische ist soeben in Genf erschienen und führt
den Titel: "Socyjalizm utopijny a naukowy". Imprimerie de l'Aurore,
Genève 1882.
Der überraschende Erfolg der Lafargueschen Übersetzung in den
Ländern französischer Zunge und namentlich in Frankreich selbst
mußte mir die Frage aufdrängen, ob nicht eine deutsche
Separatausgabe dieser drei Kapitel ebenfalls von Nutzen sein
werde. Da teilte mir die Redaktion des Züricher "Sozialdemokrat"
mit, daß innerhalb der deutschen sozialdemokratischen Partei
allgemein das Verlangen nach Herausgabe neuer Propagandabroschüren
erhoben werde, und frug mich, ob ich nicht jene drei Kapitel dazu
bestimmen wolle. Ich war damit selbstredend einverstanden und
stellte meine Arbeit zur Verfügung.
Aber sie war ursprünglich gar nicht für die unmittelbare
Volkspropaganda geschrieben. Wie sollte eine zunächst rein
wissenschaftliche Arbeit sich dazu eignen? Welche Änderungen in
Form und Inhalt waren nötig?
Was die Form angeht, so konnten nur die vielen Fremdwörter
Bedenken erregen. Aber schon Lassalle war in seinen Reden und
Propagandaschriften durchaus nicht sparsam mit Fremdwörtern, und
man hat sich meines Wissens nicht darüber beklagt. Seit jener Zeit
haben unsre Arbeiter weit mehr und weit regelmäßiger Zeitungen
gelesen und sind dadurch im selben Grad mehr mit Fremdwörtern
vertraut worden. Ich habe mich darauf beschränkt,
|187| alle unnötigen Fremdwörter zu
entfernen. Bei den unvermeidlichen habe ich auf Beifügung
sogenannter erklärender Übersetzungen verzichtet. Die
unvermeidlichen Fremdwörter, meist allgemein angenommene
wissenschaftlich-technische Ausdrücke, wären eben nicht
unvermeidlich, wenn sie übersetzbar wären. Die Übersetzung
verfälscht also den Sinn; statt zu erklären, verwirrt sie.
Mündliche Auskunft hilft da weit mehr.
Der Inhalt dagegen, glaube ich behaupten zu können, wird den
deutschen Arbeitern wenig Schwierigkeiten machen. Schwierig ist
überhaupt nur der dritte Abschnitt, aber den Arbeitern, deren
allgemeine Lebensbedingungen er zusammenfaßt, weit weniger als den
"gebildeten" Bourgeois. Bei den zahlreichen erläuternden Zusätzen,
die ich hier gemacht, habe ich in der Tat weniger an die Arbeiter
gedacht als an "gebildete" Leser; Leute etwa, wie der Herr
Abgeordnete von Eynern, der Herr Geheimrat Heinrich von Sybel und
andere Treitschkes, beherrscht von dem unwiderstehlichen Drang,
ihre grauenhafte Unkenntnis und ihren daraus begreiflichen
kolossalen Mißverstand des Sozialismus immer aufs neue schwarz auf
weiß zum besten zu geben. Wenn Don Quijote seine Lanze gegen
Windmühlen einlegt, so ist das seines Amtes und in seiner Rolle;
dem Sancho Pansa aber können wir so etwas unmöglich erlauben.
Solche Leser werden sich auch wundern, in einer skizzierten
Entwicklungsgeschichte des Sozialismus auf die Kant-Laplacesche
Kosmogonie, auf die moderne Naturwissenschaft und Darwin, auf die
klassische deutsche Philosophie und Hegel zu stoßen. Aber der
wissenschaftliche Sozialismus ist nun einmal ein wesentlich
deutsches Produkt und konnte nur bei der Nation entstehn, deren
klassische Philosophie die Tradition der bewußten Dialektik
lebendig erhalten hatte: in Deutschland (1).
Die materialistische |188|
Geschichtsanschauung und ihre spezielle Anwendung auf den modernen
Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie war nur möglich
vermittelst der Dialektik. Und wenn die Schulmeister der deutschen
Bourgeoisie die Erinnerung an die großen deutschen Philosophen und
die von ihnen getragne Dialektik ertränkt haben im Sumpf eines
öden Eklektizismus, so sehr, daß wir die moderne Naturwissenschaft
anzurufen genötigt sind als Zeugin für die Bewährung der Dialektik
in der Wirklichkeit - wir deutschen Sozialisten sind stolz darauf,
daß wir abstammen nicht nur von Saint-Simon, Fourier und Owen,
sondern auch von Kant, Fichte und Hegel.
London, 21 .September 1882
Fußnoten von Friedrich Engels
(1)
"In Deutschland" ist ein Schreibfehler. Es muß heißen: "bei
Deutschen". Denn so unumgänglich einerseits die deutsche Dialektik
war bei der Genesis des wissenschaftlichen Sozialismus, ebenso
unumgänglich dabei waren die entwickelten ökonomischen und
politischen Verhältnisse Englands und Frankreichs. Die, anfangs
der vierziger Jahre noch weit mehr als heute, zurückgebliebne
ökonomische und politische Entwicklungsstufe Deutschlands konnte
höchstens sozialistische Karikaturen erzeugen (vgl. "Kommun.
Manifest", III, l.c: "Der deutsche oder 'wahre' Sozialismus").
Erst indem die in England und Frankreich erzeugten ökonomischen
und politischen Zustände der deutsch-dialektischen Kritik
unterworfen wurden, erst da konnte ein wirkliches Resultat
gewonnen werden. Nach dieser Seite hin ist also der
wissenschaftliche Sozialismus kein ausschließlich deutsches,
sondern ebensosehr ein internationales Produkt. [Diese Fußnote
wurde von Engels in der dritten deutschen Auflage von 1883
eingefügt.]
1
I
|189| Der moderne Sozialismus ist
seinem Inhalte nach zunächst das Erzeugnis der Anschauung,
einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden
Klassengegensätze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten
und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden
Anarchie. Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er
anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere
Fortführung der von den großen französischen Aufklärern des 18.
Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. Wie jede neue Theorie,
mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial,
sosehr auch seine Wurzel in den materiellen ökonomischen Tatsachen
lag.
Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die kommende
Revolution klärten, traten selbst äußerst revolutionär auf. Sie
erkannten keine äußere Autorität an, welcher Art sie auch sei.
Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles
wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte sein
Dasein vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder aufs
Dasein verzichten. Der denkende Verstand wurde als alleiniger
Maßstab an alles angelegt. Es war die Zeit, wo, wie Hegel sagt,
die Welt auf den Kopf gestellt wurde (2),
zuerst in dem Sinn, |190| daß der
menschliche Kopf und die durch sein Denken gefundnen Sätze den
Anspruch machten, als Grundlage aller menschlichen Handlung und
Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später auch in dem weitern
Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen widersprach, in der
Tat von oben bis unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen
Gesellschafts- und Staatsformen, alle altüberlieferten
Vorstellungen wurden als unvernünftig in die Rumpelkammer
geworfen; die Welt hatte sich bisher lediglich von Vorurteilen
leiten lassen; alles Vergangne verdiente nur Mitleid und
Verachtung. Jetzt erst brach das Tageslicht, das Reich der
Vernunft an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht, das
Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden durch die ewige
Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begründete
Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte.
Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war
als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige
Gerechtigkeit ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß
die Gleichheit hinauslief auf die bürgerliche Gleichheit vor dem
Gesetz; daß als eines der wesentlichsten Menschenrechte
proklamiert wurde - das bürgerliche Eigentum; und daß der
Vernunftstaat, der Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben
trat und nur ins Leben treten konnte als bürgerliche,
demokratische Republik. So wenig wie alle ihre Vorgänger konnten
die großen Denker des 18. Jahrhunderts hinaus über die Schranken,
die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte.
Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und dem als Vertreterin
der gesamten übrigen Gesellschaft auftretenden Bürgertum bestand
der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von
reichen Müßiggängern und arbeitenden Armen. War es doch gerade
dieser Umstand, der es den Vertretern der Bourgeoisie möglich
machte, sich als Vertreter nicht einer besondern Klasse, sondern
der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch mehr. Von
seinem Ursprung an war das Bürgertum behaftet mit seinem
Gegensatz: Kapitalisten können nicht bestehn ohne Lohnarbeiter,
und im selben Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich
|191| zum modernen Bourgeois, im selben
Verhältnis entwickelte sich auch der Zunftgeselle und
nichtzünftige Taglöhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen
und großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit dem
Adel gleichzeitig die Interessen der verschiednen arbeitenden
Klassen jener Zeit mit zu vertreten, so brachen doch, bei jeder
großen bürgerlichen Bewegung, selbständige Regungen derjenigen
Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgängerin
des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations-
und der Bauernkriegszeit die Wiedertäufer und Thomas Münzer; in
der großen englischen Revolution die Levellers; in der Großen
Französischen Revolution Babeuf. Neben diesen revolutionären
Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gingen entsprechende
theoretische Kundgebungen; im 16. und 17. Jahrhundert utopische
Schilderungen idealer Gesellschaftszustände; im 18. schon direkt
kommunistische Theorien (Morelly und Mably).
Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die politischen
Rechte beschränkt, sie sollte sich auch auf die gesellschaftliche
Lage der einzelnen erstrecken; nicht bloß die Klassenvorrechte
sollten aufgehoben werden, sondern die Klassenunterschiede selbst.
Ein asketischer, allen Lebensgenuß verpönender, an Sparta
anknüpfender Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der
neuen Lehre. Dann folgten die drei großen Utopisten: Saint-Simon,
bei dem die bürgerliche Richtung noch neben der proletarischen
eine gewisse Geltung behielt; Fourier und Owen, der, im Lande der
entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck
der durch diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge zur
Beseitigung der Klassenunterschiede in direkter Anknüpfung an den
französischen Materialismus systematisch entwickelte.
Allen dreien ist gemeinsam, daß sie nicht als Vertreter der
Interessen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats
auftreten. Wie die Aufklärer wollen sie nicht zunächst eine
bestimmte Klasse, sondern sogleich die ganze Menschheit befreien.
Wie jene wollen sie das Reich der Vernunft und der ewigen
Gerechtigkeit einführen; aber ihr Reich ist himmelweit verschieden
von dem der Aufklärer. Auch die nach den Grundsätzen dieser
Aufklärer eingerichtete bürgerliche Welt ist unvernünftig und
ungerecht und wandert daher ebensogut in den Topf des
Verwerflichen wie der Feudalismus und alle früheren
Gesellschaftszustände. Daß die wirkliche Vernunft und
Gerechtigkeit bisher nicht in der Welt geherrscht haben, kommt nur
daher, daß man sie nicht richtig erkannt hatte. Es fehlte eben der
geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten und der die Wahrheit
erkannt hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die Wahrheit grade
jetzt erkannt worden ist, ist nicht ein aus dem Zusammenhang der
geschichtlichen Entwicklung mit |192|
Notwendigkeit folgendes, unvermeidliches Ereignis, sondern ein
reiner Glücksfall. Er hätte ebensogut 500 Jahre früher geboren
werden können und hätte dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum,
Kämpfe und Leiden erspart.
Wir sahen, wie die französischen Philosophen des achtzehnten
Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft
appellierten als einzige Richterin über alles, was bestand. Ein
vernünftiger Staat, eine vernünftige Gesellschaft sollten
hergestellt, alles, was der ewigen Vernunft widersprach, sollte
ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls, daß
diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres war als der
idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich
fortentwickelnden Mittelbürgers. Als nun die Französische
Revolution diese Vernunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat
verwirklicht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen,
so rationell sie auch waren gegenüber den früheren Zuständen,
keineswegs als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war
vollständig in die Brüche gegangen. Der Rousseausche
Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung gefunden in der
Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen
Befähigung irre gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in
die Korruption des Direktoriums und schließlich unter den Schutz
des napoleonischen Despotismus. Der verheißne ewige Friede war
umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die
Vernunftgesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von
reich und arm, statt sich aufzulösen in allgemeinen Wohlergehn,
war verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden
zünftigen und andren Privilegien und der ihn mildernden
kirchlichen Wohltätigkeitsanstalten; die jetzt zur Wahrheit
gewordne "Freiheit des Eigentums" von feudalen Fesseln stellte
sich heraus, für den Kleinbürger und Kleinbauern, als die
Freiheit, dies von der übermächtigen Konkurrenz des Großkapitals
und des Großgrundbesitzes erdrückte kleine Eigentum an eben diese
großen Herren zu verkaufen und so für den Kleinbürger und
Kleinbauern sich zu verwandeln in die Freiheit vom
Eigentum; der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer
Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer
Lebensbedingung der Gesellschaft. Die bare Zahlung wurde mehr und
mehr, nach Carlyles Ausdruck, das einzige Bindeglied der
Gesellschaft. Die Zahl der Verbrechen nahm zu von Jahr zu Jahr.
Waren die früher am hellen Tage sich ungescheut ergehenden
feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch vorläufig in den
Hintergrund gedrängt, so schossen dafür die, bisher nur in der
Stille gehegten, bürgerlichen Laster um so üppiger in die Blüte.
Der Handel entwickelte sich mehr und mehr |193|
zur Prellerei. Die "Brüderlichkeit" der revolutionären Devise
verwirklichte sich in den Schikanen und dem Neid des
Konkurrenzkampfs. An die Stelle der gewaltsamen Unterdrückung trat
die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten
gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten
Nacht ging über von den Feudalherren auf die bürgerlichen
Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich aus in bisher
unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb nach wie vor gesetzlich
anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitution, und
ergänzte sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum, verglichen
mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwiesen sich die
durch den "Sieg der Vernunft" hergestellten gesellschaftlichen und
politischen Einrichtungen als bitter enttäuschende Zerrbilder. Es
fehlten nur noch die Leute, die diese Enttäuschung konstatierten,
und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802 erschienen
Saint-Simons Genfer Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk,
obwohl die Grundlage seiner Theorie schon von 1799 datierte; am 1.
Januar 1800 übernahm Robert Owen die Leitung von New Lanark.
Um
diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise, und mit
ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, noch sehr
unentwickelt. Die große Industrie, in England eben erst
entstanden, war in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die große
Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung
der Produktionsweise, eine Beseitigung ihres kapitalistischen
Charakters, zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte nicht
nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr
geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie
entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkräften
auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. Waren also um 1800 die
der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden Konflikte erst im
Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln
ihrer Lösung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der
Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern und dadurch
die bürgerliche Revolution, selbst gegen das Bürgertum, zum Siege
führen können, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich
ihre Herrschaft unter den damaligen Verhältnissen auf die Dauer
war. Das sich aus diesen besitzlosen Massen eben erst als Stamm
einer neuen Klasse absondernde Proletariat, noch ganz unfähig zu
selbständiger politischer Aktion, stellte sich dar als
unterdrückter, leidender Stand, dem in seiner Unfähigkeit, sich
selbst zu helfen, höchstens von außen her, von oben herab Hülfe zu
bringen war.
Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des
Sozialismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion,
der unreifen Klassen- |194| lage,
entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der gesellschaftlichen
Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen
noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die
Gesellschaft bot nur Mißstände; diese zu beseitigen war Aufgabe
der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues,
vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden
und dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda,
womöglich durch das Beispiel von Musterexperimenten
aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von
vornherein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren
Einzelheiten ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine
Phantasterei verlaufen.
Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz
der Vergangenheit angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf.
Wir können es literarischen Kleinkrämern überlassen, an diesen,
heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich
herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen
Denkungsart geltend zu machen gegenüber solchem "Wahnwitz". Wir
freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die
unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen und für die
jene Philister blind sind.
Saint-Simon war ein Sohn der großen ranzösischen Revolution, bei
deren Ausbruch er noch nicht dreißig Jahre alt war. Die Revolution
war der Sieg des dritten Standes, d.h. der großen, in der
Produktion und im Handel tätigen Masse der Nation, über die
bis dahin bevorrechteten müßigen Stände, Adel und
Geistlichkeit. Aber der Sieg des dritten Standes hatte sich bald
enthüllt als der ausschließliche Sieg eines kleinen Teils dieses
Standes, als die Eroberung der politischen Macht durch die
gesellschaftlich bevorrechtete Schicht desselben, die, besitzende
Bourgeoisie. Und zwar hatte sich diese Bourgeoisie noch während
der Revolution rasch entwickelt vermittelst der Spekulation in dem
konfiszierten und dann verkauften Grundbesitz des Adels und
der Kirche sowie vermittelst des Betrugs an der Nation durch die
Armeelieferanten. Es war gerade die Herrschaft dieser Schwindler,
die unter dem Direktorium Frankreich und die Revolution an den
Rand des Untergangs brachte und damit Napoleon den Vorwand gab zu
seinem Staatsstreich. So nahm im Kopf Saint-Simons der Gegensatz
von drittem Stand und bevorrechteten Ständen die Form an des
Gegensatzes von "Arbeitern" und "Müßigen". Die Müßigen, das waren
nicht nur die alten Bevorrechteten, sondern auch alle, die ohne
Beteiligung an Produktion und Handel von Renten lebten. Und die
"Arbeiter", das waren nicht nur die Lohnarbeiter, sondern auch die
Fabrikanten, die Kaufleute, die Bankiers. Daß die Müßigen die
Fähigkeit zur geistigen Leitung und politischen Herr-
|195| schaft verloren, stand fest und war
durch die Revolution endgültig besiegelt. Daß die Besitzlosen
diese Fähigkeit nicht besaßen, das schien Saint-Simon bewiesen
durch die Erfahrungen der Schreckenszeit. Wer aber sollte leiten
und herrschen? Nach Saint-Simon die Wissenschaft und die
Industrie, beide zusammengehalten durch ein neues religiöses Band,
bestimmt, die seit der Reformation gesprengte Einheit der
religiösen Anschauungen wiederherzustellen, ein notwendig
mystisches und streng hierarchisches "neues Christentum". Aber die
Wissenschaft, das waren die Schulgelehrten, und die Industrie, das
waren in erster Linie die aktiven Bourgeois, Fabrikanten,
Kaufleute, Bankiers. Diese Bourgeois sollten sich zwar in eine Art
öffentlicher Beamten, gesellschaftlicher Vertrauensleute,
verwandeln, aber doch gegenüber den Arbeitern eine gebietende und
auch ökonomisch bevorzugte Stellung behalten. Namentlich sollten
die Bankiers durch Regulierung des Kredits die gesamte
gesellschaftliche Produktion zu regeln berufen sein. Diese
Auffassung entsprach ganz einer Zeit, wo in Frankreich die große
Industrie und mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und
Proletariat eben erst im Entstehn war. Aber was Saint-Simon
besonders betont, ist dies: Es sei ihm überall und immer zuerst zu
tun um das Geschick "der zahlreichsten und ärmsten Klasse" (la
classe la plus nombreuse et la plus pauvre).
Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf,
daß
"alle Menschen
arbeiten sollen".
In
derselben Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft die
Herrschaft der besitzlosen Massen war.
"Seht an", ruft er
ihnen zu, "was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit, als
eure Kameraden dort geherrscht, sie haben die Hungersnot erzeugt."
Die Französische Revolution aber als einen Klassenkampf, und zwar
nicht bloß zwischen Adel und Bürgertum, sondern zwischen Adel,
Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802
eine höchst geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für
die Wissenschaft von der Produktion und sagt voraus das gänzliche
Aufgehn der Politik in der Ökonomie. Wenn hierin die Erkenntnis,
daß die ökonomische Lage die Basis der politischen Einrichtungen
ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die Überführung der
politischen Regierung über Menschen in eine Verwaltung von Dingen
und eine Leitung von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit
so viel Lärm breitgetretne "Abschaffung des Staates" hier schon
klar ausgesprochen. Mit gleicher Überlegenheit über seine
Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar nach dem Einzug der
Verbündeten in |196| Paris, und noch
1815, während des Kriegs der hundert Tage, die Allianz Frankreichs
mit England und in zweiter Linie beider Länder mit Deutschland als
einzige Gewähr für die gedeihliche Entwicklung und den Frieden
Europas. Allianz den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern
von Waterloo, dazu gehörte in der Tat ebensoviel Mut wie
geschichtlicher Fernblick.
Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken,
vermöge deren fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der
späteren Sozialisten bei ihm im Keime enthalten sind, so finden
wir bei Fourier eine echt französisch-geistreiche, aber darum
nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden
Gesellschaftszustände. Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre
begeisterten Propheten von vor und ihre interessierten Lobhudler
von nach der Revolution beim Wort. Er deckt die materielle und
moralische Misere der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf; er hält
daneben sowohl die gleißenden Versprechungen der frühern Aufklärer
von der Gesellschaft, in der nur die Vernunft herrschen werde, von
der alles beglückenden Zivilisation, von der grenzenlosen
menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, wie auch die
schönfärbenden Redensarten der gleichzeitigen Bourgeois-Ideologen;
er weist nach, wie der hochtönendsten Phrase überall die
erbärmlichste Wirklichkeit entspricht, und überschüttet dies
rettungslose Fiasko der Phrase mit beißendem Spott. Fourier ist
nicht nur Kritiker, seine ewig heitre Natur macht ihn zum
Satiriker, und zwar zu einem der größten Satiriker aller Zeiten.
Die mit dem Niedergang der Revolution emporblühende
Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krämerhaftigkeit
des damaligen französischen Handels schildert er ebenso
meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik
der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse und der
Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er spricht
es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der
weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemeinen
Emanzipation ist. Am großartigsten aber erscheint Fourier in
seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er teilt ihren
ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit,
Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt
sogenannten bürgerlichen Gesellschaft, also mit der seit dem 16.
Jahrhundert eingeführten Gesellschaftsordnung zusammenfällt, und
weist nach,
"daß die zivilisierte
Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise
ausübt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen,
heuchlerischen Daseinsweise erhebt"
daß die Zivilisation sich in einem "fehlerhaften Kreislauf"
bewegt, in |197| Widersprüchen, die sie
stets neu erzeugt, ohne sie überwinden zu können, so daß sie stets
das Gegenteil erreicht von dem, was sie erreichen will oder
erlangen zu wollen vorgibt. So daß z.B.
"in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst
entspringt".
Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben
Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik
hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten
menschlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche
Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat,
und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der
gesamten Menschheit an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde
in die Naturwissenschaft, führt Fourier den künftigen Untergang
der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein.
Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte,
ging in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige
Umwälzung vor sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
verwandelten die Manufaktur in die moderne große Industrie und
revolutionierten damit die ganze Grundlage der bürgerlichen
Gesellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit
verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der
Produktion. Mit stets wachsender Schnelligkeit vollzog sich die
Scheidung der Gesellschaft in große Kapitalisten und besitzlose
Proletarier, zwischen denen, statt des frühern stabilen
Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und
Kleinhändlern eine schwankende Existenz führte, der
fluktuierendste Teil der Bevölkerung. Noch war die neue
Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch war
sie die normale, regelrechte, die unter den Umständen einzig
mögliche Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie
schreiende soziale Mißstände: Zusammendrängung einer heimatlosen
Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstätten großer Städte -
Lösung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der
patriarchalischen Unterordnung, der Familie - Überarbeit besonders
der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß - massenhafte
Entsittlichung der plötzlich in ganz neue Verhältnisse, vom Land
in die Stadt, vom Ackerbau in die Industrie, aus stabilen in
täglich wechselnde unsichere Lebensbedingungen geworfnen
arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzigjähriger Fabrikant
als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erhabenheit kindlicher
Einfachheit des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von
Menschen wie wenige. Robert Owen hatte sich die Lehre der
materialistischen Aufklärer angeeignet, daß der Charakter des
Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen
|198| Organisation und andrerseits der den
Menschen während seiner Lebenszeit, besonders aber während der
Entwicklungsperiode umgebenden Umstände. In der industriellen
Revolution sahen die meisten seiner Standesgenossen nur Verwirrung
und Chaos, gut im trüben zu fischen und sich rasch zu bereichern.
Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz in Anwendung
und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in
Manchester als Dirigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik
erfolgreich versucht, von 1800 bis 1829 leitete er die große
Baumwollspinnerei von New Lanark in Schottland als dirigierender
Associé in demselben Sinn, nur mit größrer Freiheit des Handelns
und mit einem Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug. Eine
allmählich auf 2.500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den
gemischtesten und größtenteils stark demoralisierten Elementen
sich zusammensetzende Bevölkerung wandelte er um in eine
vollständige Musterkolonie, in der Trunkenheit, Polizei,
Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohltätigkeitsbedürfnis
unbekannte Dinge waren. Und zwar einfach dadurch, daß er die Leute
in menschenwürdigere Umstände versetzte und namentlich die
heranwachsende Generation sorgfältig erziehen ließ. Er war der
Erfinder der Kleinkinderschulen und führte sie hier zuerst ein.
Vom zweiten Lebensjahr an kamen die Kinder in die Schule, wo sie
sich so gut unterhielten, daß sie kaum wieder heimzubringen waren.
Während seine Konkurrenten 13-14 Stunden täglich arbeiten ließen,
wurde in New Lanark nur 101/2
Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollkrisis zu viermonatlichem
Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn
fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen Wert mehr
als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentümern reichlichen Gewinn
abgeworfen.
Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen
Arbeitern geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine
menschenwürdige;
"die Leute waren
meine Sklaven";
die verhältnismäßig günstigen Umstände, in die er sie versetzt,
waren noch weit entfernt davon, eine allseitige rationelle
Entwicklung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine
freie Lebenstätigkeit zu gestatten.
"Und doch produzierte
der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel wirklichen
Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert
vorher eine Bevölkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug
mich: Was wird aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen
verzehrten Reichtum und demjenigen, den die 600.000 hätten
verzehren müssen?"
Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des
|199| Etablissements 5% Zinsen vom
Anlagekapital und außerdem noch mehr als 300.000 Pfd.St.
(6.000.000 M.) Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt in
noch höherem Maß von allen Fabriken Englands.
"Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum
hätten die Kriege zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung
der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien nicht durchgeführt
werden können. Und doch war diese neue Macht die Schöpfung der
arbeitenden Klasse."
(3)
Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen gewaltigen
Produktivkräfte, bisher nur der Bereicherung einzelner und der
Knechtung der Massen dienend, boten für Owen die Grundlage zu
einer gesellschaftlichen Neubildung und waren dazu bestimmt, als
gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller
zu arbeiten.
Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen der
kaufmännischen Berechnung, entstand der Owensche Kommunismus.
Denselben auf das Praktische gerichteten Charakter behält er
durchweg. So schlug Owen 1823 Hebung des irischen Elends durch
kommunistische Kolonien vor und legte vollständige Berechnungen,
über Anlagekosten, jährliche Auslagen und voraussichtliche Erträge
bei. So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische
Ausarbeitung der Einzelheiten, einschließlich Grundriß, Aufriß und
Ansicht aus der Vogelperspektive, mit solcher Sachkenntnis
durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform
einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom
fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.
Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben.
Solange er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts
geerntet als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der
populärste Mann in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen, auch
Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu. Als er aber mit
seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das
Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg
zur gesellschaftlichen Reform zu versperren schienen: das
Privateigentum, die Religion und die gegenwärtige Form der Ehe. Er
wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine
Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner
ganzen sozialen Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie
rücksichtslos anzugreifen, |200| und es
geschah, wie er vorhergesehn. Verbannt aus der offiziellen
Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch
fehlgeschlagne kommunistische Versuche in Amerika, in denen er
sein ganzes Vermögen geopfert, wandte er sich direkt an die
Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch dreißig Jahre tätig.
Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte,
die in England im Interesse der Arbeiter zustande gekommen,
knüpfen sich an den Namen Owen. So setzte er 1819, nach
fünfjähriger Anstrengung, das erste Gesetz zur Beschränkung der
Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So präsidierte er
dem ersten Kongreß, auf dem die Trades Unions von ganz England
sich in eine einzige große Gewerksgenossenschaft vereinigten. So
führte er als Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen
Einrichtung der Gesellschaft einerseits die
Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und
Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen
Beweis geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant
sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars,
Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines
Arbeitspapiergelds, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete;
Anstalten, die notwendig scheitern mußten, die aber die weit
spätere Proudhonsche Tauschbank vollständig antizipierten, sich
indes grade dadurch von dieser unterschieden, daß sie nicht das
Universalheilmittel aller gesellschaftlichen Übel, sondern nur
einen ersten Schritt zu einer weit radikalern Umgestaltung der
Gesellschaft darstellten.
Die Anschauungsweise der Utopisten hat die sozialistischen
Vorstellungen des 19. Jahrhunderts lange beherrscht und beherrscht
sie zum Teil noch. Ihr huldigten noch bis vor ganz kurzer Zeit
alle französischen und englischen Sozialisten, ihr gehört auch der
frühere deutsche Kommunismus mit Einschluß Weitlings an. Der
Sozialismus ist ihnen allen der Ausdruck der absoluten Wahrheit,
Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um
durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit
unabhängig ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher
Entwicklung, so ist es bloßer Zufall, wann und wo sie entdeckt
wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und
Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da
bei jedem die besondre Art der absoluten Wahrheit, Vernunft und
Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch seinen subjektiven
Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß von Kenntnissen und
Denkschulung, so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine
andre Lösung möglich, als daß sie sich aneinander abschleißen.
Dabei konnte dann nichts andres herauskommen als eine Art von
eklektischem Durchschnitts-Sozialismus, wie er in der Tat bis
heute in den Köpfen |201| der meisten
sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine
äußerst mannigfaltige Schattierungen zulassende Mischung aus den
weniger Anstoß erregenden kritischen Auslassungen, ökonomischen
Lehrsätzen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen der
verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so leichter
bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der
Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie
runden Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft
zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden.
zum Inhaltsverzeichnis
Fußnoten von Friedrich Engels:
(2)
Folgendes ist die Stelle über die Französische Revolution: "Der
Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich mit einem Male
geltend, und dagegen konnte das alte Gerüst des Unrechts keinen
Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine
Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr
alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die
Planeten um sie kreisen, war das noch nicht gesehen worden, daß
der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und
die Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst
gesagt, daß der Nûs, die Vernunft, die Welt regiert; nun aber erst
ist der Mensch dazugekommen, zu erkennen, daß der Gedanke die
geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dieses somit ein
herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche
mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht,
ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei
es zur Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen..
(Hegel, "Philosophie der Geschichte", 1840, S. 535.) - Sollte es
nicht hohe Zeit sein, gegen solche gemeingefährliche Umsturzlehren
des weiland Professor Hegel das Sozialistengesetz in Bewegung zu
setzen?
(3)
Aus: "The Revolution in Mind and Practice", einer an alle "roten
Republikaner, Kommunisten und Sozialisten Europas" gerichteten und
der französischen provisorischen Regierung 1848, aber auch "der
Königin Viktoria und ihren verantwortlichen Ratgebern" zugesandten
Denkschrift.
2
II
|202| Inzwischen
war neben und nach der französischen Philosophie des 18.
Jahrhunderts die neuere deutsche Philosophie entstanden und hatte
in Hegel ihren Abschluß gefunden. Ihr größtes Verdienst war die
Wiederaufnahme der Dialektik als der höchsten Form des Denkens.
Die alten griechischen Philosophen waren alle geborne,
naturwüchsige Dialektiker, und der universellste Kopf unter ihnen,
Aristoteles, hat auch bereits die wesentlichsten Formen des
dialektischen Denkens untersucht. Die neuere Philosophie dagegen,
obwohl auch in ihr die Dialektik glänzende Vertreter hatte (z. B.
Descartes und Spinoza), war besonders durch englischen Einfluß
mehr und mehr in der sog. metaphysischen Denkweise festgefahren,
von der auch die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenigstens in
ihren speziell philosophischen Arbeiten, fast ausschließlich
beherrscht wurden. Außerhalb der eigentlichen Philosophie waren
sie ebenfalls imstande, Meisterwerke der Dialektik zu liefern; wir
erinnern nur an "Rameaus Neffen" von Diderot und die "Abhandlung
über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" von
Rousseau. Wir geben hier kurz das Wesentliche beider Denkmethoden
an.
Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre geistige
Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bietet sich
uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlingung von
Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts bleibt, was, wo
und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich verändert, wird
und vergeht. Wir sehen zunächst also das Gesamtbild, in dem die
Einzelheiten noch mehr oder weniger zurücktreten, wir achten mehr
auf die Bewegung, die Übergänge, die Zusammenhänge, als auf das,
was sich bewegt, übergeht und zusammenhängt. Diese ursprüngliche,
naive, aber der Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist
die der alten griechischen Philosophie und ist zuerst klar
ausgesprochen von Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn
alles |203| fließt, ist in steter
Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen. Aber diese
Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen Charakter des
Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch nicht, die
Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamtbild
zusammensetzt; und solange wir diese nicht kennen, sind wir auch
über das Gesamtbild nicht klar. Um diese Einzelheiten zu erkennen,
müssen wir sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen
Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für sich, nach ihrer
Beschaffenheit, ihren besondren Ursachen und Wirkungen etc.
untersuchen. Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft
und Geschichtsforschung; Untersuchungszweige, die aus sehr guten
Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur
untergeordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das
Material dafür zusammenschleppen mußten. Erst nachdem der
natürliche und geschichtliche Stoff bis auf einen gewissen Grad
angesammelt ist, kann die kritische Sichtung, die Vergleichung
beziehungsweise die Einteilung in Klassen, Ordnungen und Arten in
Angriff genommen werden. Die Anfänge der exakten Naturforschung
werden daher erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode
und später, im Mittelalter, von den Arabern weiterentwickelt; eine
wirkliche Naturwissenschaft datiert indes erst von der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts, und von da an hat sie mit stets
wachsender Geschwindigkeit Fortschritte gemacht. Die Zerlegung der
Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen
Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die
Untersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren
mannigfachen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der
Riesenfortschritte, die die letzten vierhundert Jahre uns in der
Erkenntnis der Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die
Gewohnheit hinterlassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer
Vereinzelung, außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs
aufzufassen; daher nicht in ihrer Bewegung, sondern in ihrem
Stillstand; nicht als wesentlich veränderliche, sondern als feste
Bestände; nicht in ihrem Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem,
wie dies durch Bacon und Locke geschah, diese Anschauungsweise aus
der Naturwissenschaft sich in die Philosophie übertrug, schuf sie
die spezifische Borniertheit der letzten Jahrhunderte, die
metaphysische Denkweise.
Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die
Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu
betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände
der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen;
seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, das ist vom
Übel. Für ihn existiert ein Ding ent- |204|
weder, oder es existiert nicht: Ein Ding kann ebensowenig zugleich
es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen
einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehn ebenso in starrem
Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten
Blick deswegen äußerst einleuchtend, weil sie diejenige des
sogenannten gesunden Menschenverstands ist. Allein der gesunde
Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem
hausbacknen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare
Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt;
und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der
Natur des Gegenstands ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt
und sogar notwendig ist, stößt doch jedesmal früher oder später
auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert,
abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil
sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein
ihr Werden und Vergehn, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt,
weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Für alltägliche
Fälle wissen wir z.B. und können mit Bestimmtheit sagen, ob ein
Tier existiert oder nicht; bei genauerer Untersuchung finden wir
aber, daß dies manchmal eine höchst verwickelte Sache ist, wie das
die Juristen sehr gut wissen, die sich umsonst abgeplagt haben,
eine rationelle Grenze zu entdecken, von der an die Tötung des
Kindes im Mutterleibe Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den
Moment des Todes festzustellen, indem die Physiologie nachweist,
daß der Tod nicht ein einmaliges, augenblickliches Ereignis,
sondern ein sehr langwieriger Vorgang ist. Ebenso ist jedes
organische Wesen in jedem Augenblick dasselbe und nicht dasselbe;
in jedem Augenblick verarbeitet es von außen zugeführte Stoffe und
scheidet andre aus, in jedem Augenblick sterben Zellen seines
Körpers ab und bilden sich neue; je nach einer längern oder
kürzern Zeit ist der Stoff dieses Körpers vollständig erneuert,
durch andre Stoffatome ersetzt worden, so daß jedes organisierte
(4) Wesen stets
dasselbe und doch ein andres ist. Auch finden wir bei genaurer
Betrachtung, daß die beiden Pole eines Gegensatzes, wie positiv
und negativ, ebenso untrennbar voneinander wie entgegengesetzt
sind und daß sie trotz aller Gegensätzlichkeit sich
gegenseitig durchdringen; ebenso, daß Ursache und Wirkung
Vorstellungen sind, die nur in der Anwendung auf den einzelnen
Fall als solche Gültigkeit haben, daß sie aber, sowie wir den
einzelnen Fall in seinem allgemeinen Zusammenhang mit dem
Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der
Anschauung der universellen Wechselwirkung, wo Ursachen und
Wirkungen |205| fortwährend ihre Stelle
wechseln, das, was jetzt oder hier Wirkung, dort oder dann Ursache
wird und umgekehrt.
Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen
des metaphysischen Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die
die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem
Zusammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und
Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen ebensoviel
Bestätigungen ihrer eignen Verfahrungsweise. Die Natur ist die
Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen
Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst
reichliches, sich täglich häufendes Material, geliefert und damit
bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch
und nicht metaphysisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen
Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine
wirkliche Geschichte durchmacht. Hier ist vor allen Darwin zu
nennen, der der metaphysischen Naturauffassung den gewaltigsten
Stoß versetzt hat durch seinen Nachweis, daß die ganze heutige
organische Natur, Pflanzen und Tiere und damit auch der Mensch,
das Produkt eines durch Millionen Jahre fortgesetzten
Entwicklungsprozesses ist. Da aber die Naturforscher bis jetzt zu
zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt
sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der
hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in
der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie
Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.
Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und der
der Menschheit sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in den
Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege, mit
steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens und
Vergehens, der fort- oder rückschreitenden Änderungen zustande
kommen. Und in diesem Sinne trat die neuere deutsche Philosophie
auch sofort auf. Kant eröffnete seine Laufbahn damit, daß er das
stabile Newtonsche Sonnensystem und seine - nachdem der famose
erste Anstoß einmal gegeben - ewige Dauer auflöste in einen
geschichtlichen Vorgang: in die Entstehung der Sonne und aller
Planeten aus einer rotierenden Nebelmasse. Dabei zog er bereits
die Folgerung, daß mit dieser Entstehung ebenfalls der künftige
Untergang des Sonnensystems notwendig gegeben sei. Seine Ansicht
wurde ein halbes Jahrhundert später durch Laplace mathematisch
begründet, und noch ein halbes Jahr hundert später wies das
Spektroskop die Existenz solcher glühenden Gasmassen, in
verschiednen Stufen der Verdichtung, im Weltraum nach.
|206| Ihren
Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegelschen
System, worin zum erstenmal - und das ist sein großes Verdienst -
die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt als ein
Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbildung und
Entwicklung begriffen, dargestellt und der Versuch gemacht wurde,
den innern Zusammenhang in dieser Bewegung und Entwicklung
nachzuweisen. Von diesem Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte
der Menschheit nicht mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser
Gewalttätigkeiten, die vor dem Richterstuhl der jetzt gereiften
Philosophenvernunft alle gleich verwerflich sind und die man am
besten so rasch wie möglich vergißt, sondern als der
Entwicklungsprozeß der Menschheit selbst, dessen allmählichen
Stufengang durch alle Irrwege zu verfolgen und dessen innere
Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch
nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Denkens wurde.
Daß das Hegelsche System die Aufgabe nicht löste, die es sich
gestellt, ist hier gleichgültig. Sein epochemachendes Verdienst
war, sie gestellt zu haben. Es ist eben eine Aufgabe, die kein
einzelner je wird lösen können. Obwohl Hegel - neben Saint-Simon -
der universellste Kopf seiner Zeit war, so war er doch beschränkt
erstens durch den notwendig begrenzten Umfang seiner eignen
Kenntnisse und zweitens durch die ebenfalls nach Umfang und Tiefe
begrenzten Kenntnisse und Anschauungen seiner Epoche. Dazu aber
kam noch ein Drittes. Hegel war Idealist, d.h., ihm galten die
Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr oder weniger abstrakten
Abbilder der wirklichen Dinge und Vorgänge, sondern umgekehrt
galten ihm die Dinge und ihre Entwicklung nur als die
verwirklichten Abbilder der irgendwie schon vor der Welt
existierenden "Idee". Damit war alles auf den Kopf gestellt und
der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umgekehrt. Und so
richtig und genial daher auch manche Einzelzusammenhänge von Hegel
aufgefaßt wurden, so mußte doch aus den angegebnen Gründen auch im
Detail vieles geflickt, gekünstelt, konstruiert, kurz, verkehrt
ausfallen. Das Hegelsche System als solches war eine kolossale
Fehlgeburt - aber auch die letzte ihrer Art. Es litt nämlich noch
an einem innern unheilbaren Widerspruch: einerseits hatte es zur
wesentlichen Voraussetzung die historische Anschauung, wonach die
menschliche Geschichte ein Entwicklungsprozeß ist, der seiner
Natur nach nicht durch die Entdeckung einer sogenannten absoluten
Wahrheit seinen intellektuellen Abschluß finden kann; andrerseits
aber behauptet es, der Inbegriff eben dieser absoluten Wahrheit zu
sein. Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System
der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit
den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was
|207| indes keineswegs ausschließt, sondern
im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der
gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht
Riesenfortschritte machen kann.
Die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen
Idealismus führte notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt,
nicht zum bloß metaphysischen, ausschließlich mechanischen
Materialismus des 18. Jahrhunderts. Gegenüber der
naiv-revolutionären, einfachen Verwerfung aller frühern Geschichte
sieht der moderne Materialismus in der Geschichte den
Entwicklungsprozeß der Menschheit, dessen Bewegungsgesetze zu
entdecken seine Aufgabe ist. Gegenüber der sowohl bei den
Franzosen des 18. Jahrhunderts wie noch bei Hegel herrschenden
Vorstellung von der Natur als eines sich in engen Kreisläufen
bewegenden, sich stets gleichbleibenden Ganzen mit ewigen
Weltkörpern, wie sie Newton, und unveränderlichen Arten von
organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt hatte, faßt er die
neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zusammen, wonach die
Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit hat, die Weltkörper
wie die Artungen der Organismen, von denen sie unter günstigen
Umständen bewohnt werden, entstehn und vergehn, und die
Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig bleiben, unendlich
großartigere Dimensionen annehmen. In beiden Fällen ist er
wesentlich dialektisch und braucht keine über den andern
Wissenschaften stehende Philosophie mehr. Sobald an jede einzelne
Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im
Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich
klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom
Gesamtzusammenhang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen
Philosophie dann noch selbständig bestehenbleibt, ist die Lehre
vom Denken und seinen Gesetzen - die formelle Logik und die
Dialektik. Alles andre geht auf in die positive Wissenschaft von
Natur und Geschichte.
Während jedoch der Umschwung in der Naturanschauung nur in dem Maß
sich vollziehn konnte, als die Forschung den entsprechenden
positiven Erkenntnisstoff lieferte, hatten sich schon viel früher
historische Tatsachen geltend gemacht, die für die
Geschichtsauffassung eine entscheidende Wendung herbeiführten.
1831 hatte in Lyon der erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838
bis 1842 erreichte die erste nationale Arbeiterbewegung, die der
englischen Chartisten, ihren Höhepunkt. Der Klassenkampf zwischen
Proletariat und Bourgeoisie trat in den Vordergrund der Geschichte
der fortgeschrittensten Länder Europas, in demselben Maß, wie sich
dort einerseits die große Industrie, andrerseits die neueroberte
politische Herrschaft der Bourgeoisie entwickelte. Die Lehren der
bürgerlichen Ökonomie |208| von der
Identität der Interessen von Kapital und Arbeit, von der
allgemeinen Harmonie und dem allgemeinen Volkswohlstand als Folge
der freien Konkurrenz wurden immer schlagender von den Tatsachen
Lügen gestraft. Alle diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen,
ebensowenig wie der französische und englische Sozialismus, der
ihr theoretischer, wenn auch höchst unvollkommner Ausdruck war.
Aber die alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht
verdrängt war, kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden
Massenkämpfe, überhaupt keine materiellen Interessen; die
Produktion wie alle ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr nur so
nebenbei, als untergeordnete Elemente der "Kulturgeschichte" vor.
Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte
einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß
alle bisherige Geschichte, mit Ausnahme der Urzustände, die
Geschichte von Klassenkämpfen war, daß diese einander bekämpfenden
Klassen der Gesellschaft jedesmal Erzeugnisse sind der
Produktions- und Verkehrsverhältnisse, mit einem Wort, der
ökonomischen Verhältnisse ihrer Epoche; daß also die
jedesmalige ökonomische Struktur der Gesellschaft die reale
Grundlage bildet, aus der der gesamte Überbau der rechtlichen und
politischen Einrichtungen sowie der religiösen, philosophischen
und sonstigen Vorstellungsweise eines jeden geschichtlichen
Zeitabschnitts in letzter Instanz zu erklären sind. Hegel hatte
die Geschichtsauffassung von der Metaphysik befreit, er hatte sie
dialektisch gemacht - aber seine Auffassung der Geschichte war
wesentlich idealistisch. Jetzt war der Idealismus aus seinem
letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben,
eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg
gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt wie
bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.
Hiernach erschien jetzt der Sozialismus nicht mehr als zufällige
Entdeckung dieses oder jenes genialen Kopfs, sondern als das
notwendige Erzeugnis des Kampfes zweier geschichtlich entstandner
Klassen, des Proletariats und der Bourgeoisie. Seine Aufgabe war
nicht mehr, ein möglichst vollkommnes System der Gesellschaft zu
verfertigen, sondern den geschichtlichen ökonomischen Verlauf zu
untersuchen, dem diese Klassen und ihr Widerstreit mit
Notwendigkeit entsprungen, und in der dadurch geschaffnen
ökonomischen Lage die Mittel zur Lösung des Konflikts zu
entdecken. Mit dieser materialistischen Auffassung war aber der
bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die Naturauffassung
des französischen Materialismus mit der Dialektik und der neueren
Naturwissenschaft. Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die
bestehende kapitalistische Produktions- |209|
weise und ihre Folgen, konnte sie aber nicht erklären, also auch
nicht mit ihr fertig werden; er konnte sie nur einfach als
schlecht verwerfen. Je heftiger er gegen die von ihr
unzertrennliche Ausbeutung der Arbeiterklasse eiferte, desto
weniger war er imstand, deutlich anzugeben, worin diese Ausbeutung
bestehe und wie sie entstehe. Es handelte sich aber darum, die
kapitalistische Produktionsweise einerseits in ihrem
geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen
bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die
Notwendigkeit ihres Untergangs, darzustellen, andrerseits aber
auch ihren innern Charakter bloßzulegen, der noch immer verborgen
war. Dies geschah durch die Enthüllung des Mehrwerts. Es
wurde bewiesen, daß die Aneignung unbezahlter Arbeit die Grundform
der kapitalistischen Produktionsweise und der durch sie vollzognen
Ausbeutung des Arbeiters ist; daß der Kapitalist, selbst wenn er
die Arbeitskraft seines Arbeiters zum vollen Wert kauft, den sie
als Ware auf dem Warenmarkt hat, dennoch mehr Wert aus ihr
herausschlägt, als er für sie bezahlt hat; und daß dieser Mehrwert
in letzter Instanz die Wertsumme bildet, aus der sich die stets
wachsende Kapitalmasse in den Händen der besitzenden Klassen
anhäuft. Der Hergang sowohl der kapitalistischen Produktion wie
der Produktion von Kapital war erklärt.
Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische
Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der
kapitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts verdanken
wir Marx. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine
Wissenschaft, die es sich nun zunächst darum handelt, in allen
ihren Einzelnheiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.
zum Inhaltsverzeichnis
Textvarianten
(4)
In der französischen Ausgabe: organische
3
III
|210| Die
materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus,
daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer
Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in
jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der
Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder
Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das
Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen
aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen
zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden
Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in,
Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu
suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie
der betreffenden Epoche. Die erwachende Einsicht, daß die
bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen unvernünftig und
ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn, Wohltat Plage geworden, ist
nur ein Anzeichen davon, daß in den Produktionsmethoden und
Austauschformen in aller Stille Veränderungen vor sich gegangen
sind, zu denen die auf frühere ökonomische Bedingungen,
zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung nicht mehr stimmt. Damit
ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur Beseitigung der entdeckten
Mißstände ebenfalls in den veränderten Produktionsverhältnissen
selbst - mehr oder minder entwickelt - vorhanden sein müssen.
Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopfe zu erfinden,
sondern vermittelst des Kopfes in den vorliegenden materiellen
Tatsachen der Produktion zu entdecken.
Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?
Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich
allgemein zugegeben - ist geschaffen worden von der jetzt
herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Die der Bourgeoisie
eigentümliche Produktionsweise, seit |211|
Marx mit dem Namen kapitalistische Produktionsweise bezeichnet,
war unverträglich mit den lokalen und ständischen Privilegien wie
mit den gegenseitigen persönlichen Banden der feudalen Ordnung;
die Bourgeoisie zerschlug die feudale Ordnung und stellte auf
ihren Trümmern die bürgerliche Gesellschaftsverfassung her, das
Reich der freien Konkurrenz, der Freizügigkeit, der
Gleichberechtigung der Warenbesitzer und wie die bürgerlichen
Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische Produktionsweise
konnte sich jetzt frei entfalten. Die unter der Leitung der
Bourgeoisie herausgearbeiteten Produktionsverhältnisse (5)
entwickelten sich, seit der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bisher
unerhörter Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maße. Aber wie
ihrerzeit die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung
weiterentwickelte Handwerk mit den feudalen Fesseln der Zünfte in
Konflikt kam, so kommt die große Industrie in ihrer volleren
Ausbildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die
kapitalistische Produktionsweise sie eingeengt hält. Die neuen
Produktionskräfte sind der bürgerlichen Form ihrer Ausnutzung
bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt zwischen
Produktivkräften und Produktionsweise ist nicht ein in den Köpfen
der Menschen entstandner Konflikt, wie etwa der der menschlichen
Erbsünde mit der göttlichen Gerechtigkeit, sondern er besteht in
den Tatsachen, objektiv, außer uns, unabhängig vom Wollen oder
Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeigeführt. Der
moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedankenreflex
dieses tatsächlichen Konflikts, seine ideelle Rückspiegelung in
den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter ihm leidet, der
Arbeiterklasse.
Worin besteht nun dieser Konflikt?
Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand
allgemeiner Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der
Arbeiter an ihren Produktionsmitteln: der Ackerbau der kleinen,
freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte. Die
Arbeitsmittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren
Arbeitsmittel des einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet,
also notwendig kleinlich, zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehörten
eben deshalb auch in der Regel dem Produzenten selbst. Diese
zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren,
auszuweiten, sie in die mächtig wirkenden Produktionshebel der
Gegenwart umzuwandeln, war gerade die historische Rolle der
kapitalistischen Produktionsweise und ihrer Trägerin, der
Bourgeoisie. Wie sie dies seit dem 15. Jahr-
|212| hundert auf den drei Stufen: der einfachen
Kooperation, der Manufaktur und der großen Industrie,
geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten Abschnitt des
"Kapital" ausführlich geschildert. Aber die Bourgeoisie, wie dort
ebenfalls nachgewiesen, konnte jene beschränkten Produktionsmittel
nicht in gewaltige Produktionskräfte verwandeln, ohne sie aus
Produktionsmitteln des einzelnen in gesellschaftliche, nur
von einer Gesamtheit von Menschen anwendbare
Produktionsmittel zu verwandeln. An die Stelle des Spinnrads, des
Handwebestuhls, des Schmiedehammers trat die Spinnmaschine, der
mechanische Webstuhl, der Dampfhammer; an die Stelle der
Einzelwerkstatt die das Zusammenwirken von Hunderten und Tausenden
gebietende Fabrik. Und wie die Produktionsmittel, so verwandelte
sich die Produktion selbst aus einer Reihe von Einzelhandlungen in
eine Reihe gesellschaftlicher Akte und die Produkte aus Produkten
einzelner in gesellschaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die
Metallwaren, die jetzt aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame
Produkt vieler Arbeiter, durch deren Hände sie der Reihe nach gehn
mußten, ehe sie fertig wurden. Kein einzelner konnte von ihnen
sagen: Das habe ich gemacht, das ist mein Produkt.
Wo
aber die naturwüchsige, planlos allmählich entstandne Teilung der
Arbeit innerhalb der Gesellschaft Grundform der Produktion ist, da
drückt sie den Produkten die Form von Waren auf, deren
gegenseitiger Austausch, Kauf und Verkauf, die einzelnen
Produzenten in den Stand setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu
befriedigen. Und dies war im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B.
verkaufte Ackerbauprodukte an den Handwerker und kaufte dafür von
diesem Handwerkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von
Einzelproduzenten, Warenproduzenten, schob sich nun die neue
Produktionsweise ein. Mitten in die naturwüchsige, planlose
Teilung der Arbeit, wie sie in der ganzen Gesellschaft herrschte,
stellte sie die planmäßige Teilung der Arbeit, wie sie in
der einzelnen Fabrik organisiert war; neben die Einzelproduktion
trat die gesellschaftliche Produktion. Die Produkte beider
wurden auf demselben Markt verkauft, also zu wenigstens annähernd
gleichen Preisen. Aber die planmäßige Organisation war mächtiger
als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die gesellschaftlich
arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse wohlfeiler her als
die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion erlag auf
einem Gebiet nach dem andern, die gesellschaftliche Produktion
revolutionierte die ganze alte Produktionsweise. Aber dieser ihr
revolutionärer Charakter wurde so wenig erkannt, daß sie im
Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung und Förde-
|213| rung der Warenproduktion. Sie
entstand in direkter Anknüpfung an bestimmte, bereits vorgefundne
Hebel der Warenproduktion und des Warenaustausches:
Kaufmannskapital, Handwerk, Lohnarbeit. Indem sie selbst auftrat
als eine neue Form der Warenproduktion, blieben die
Aneignungsformen der Warenproduktion auch für sie in voller
Geltung.
In
der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt hatte,
konnte die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der Arbeit
gehören solle. Der einzelne Produzent hatte es, in der Regel, aus
ihm gehörendem, oft selbsterzeugtem Rohstoff, mit eignen
Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der seiner Familie
hergestellt. Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet zu
werden, es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum am Produkte
beruhte also auf eigner Arbeit. Selbst wo fremde Hülfe
gebraucht ward, blieb diese in der Regel Nebensache und erhielt
häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung: Der zünftige Lehrling
und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und des Lohns als
wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft. Da kam die
Konzentration der Produktionsmittel in großen Werkstätten und
Manufakturen, ihre Verwandlung in tatsächlich gesellschaftliche
Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen Produktionsmittel
und Produkte wurden behandelt, als wären sie nach wie vor die
Produktionsmittel und Produkte einzelner. Hatte bisher der
Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt angeeignet, weil es in
der Regel sein eignes Produkt und fremde Hülfsarbeit die Ausnahme
war, so fuhr jetzt der Besitzer der Arbeitsmittel fort, sich das
Produkt anzueignen, obwohl es nicht mehr sein Produkt war,
sondern ausschließlich Produkt fremder Arbeit. So wurden
also die nunmehr gesellschaftlich erzeugten Produkte angeeignet
nicht von denen, die die Produktionsmittel wirklich in Bewegung
gesetzt und die Produkte wirklich erzeugt hatten, sondern vom
Kapitalisten. Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich
gesellschaftlich geworden. Aber sie werden unterworfen einer
Aneignungsform, die die Privatproduktion einzelner zur
Voraussetzung hat, wobei also jeder sein eignes Produkt besitzt
und zu Markte bringt. Die Produktionsweise wird dieser
Aneignungsform unterworfen, obwohl sie deren Voraussetzung
aufhebt.(1) In diesem
Widerspruch, der der neuen Produktionsweise ihren
|214| kapitalistischen Charakter verleiht,
liegt die ganze Kollision der Gegenwart bereits im Keim. Je
mehr die neue Produktionsweise auf allen entscheidenden
Produktionsfeldern und in allen ökonomisch entscheidenden Ländern
zur Herrschaft kam und damit die Einzelproduktion bis auf
unbedeutende Reste verdrängte, desto greller mußte auch an den
Tag treten die Unverträglichkeit von gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung.
Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der
Lohnarbeit bereits vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als
Nebenbeschäftigung, als Aushülfe, als Durchgangspunkt. Der
Landarbeiter, der zeitweise taglöhnern ging, hatte seine paar
Morgen eignes Land, von denen allein er zur Not leben konnte. Die
Zunftordnungen sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den
Meister von morgen überging. Sobald aber die Produktionsmittel in
gesellschaftliche verwandelt und in den Händen von Kapitalisten
konzentriert wurden, änderte sich dies. Das Produktionsmittel wie
das Produkt des kleinen Einzelproduzenten wurde mehr und mehr
wertlos; es blieb ihm nichts übrig, als zum Kapitalisten auf Lohn
zu gehn. Die Lohnarbeit, früher Ausnahme und Aushülfe, wurde Regel
und Grundform der ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung,
wurde sie jetzt ausschließliche Tätigkeit des Arbeiters. Der
zeitweilige Lohnarbeiter verwandelte sich in den lebenslänglichen.
Die Menge der lebenslänglichen Lohnarbeiter wurde zudem kolossal
vermehrt durch den gleichzeitigen Zusammenbruch der feudalen
Ordnung, Auflösung der Gefolgschaften der Feudalherren,
Vertreibung von Bauern aus ihren Hofstellen etc. Die Scheidung war
vollzogen zwischen den in den Händen der Kapitalisten
konzentrierten Produktionsmitteln hier und den auf den Besitz von
nichts als ihrer Arbeitskraft reduzierten Produzenten dort.
Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung tritt an den Tag als
Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.
Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob
in eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten,
deren gesellschaftlicher Zusammenhang vermittelt wurde durch den
Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf Warenproduktion beruhende
Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die
Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen
verloren haben. Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen
Produktionsmitteln und für sein besondres Austauschbedürfnis.
Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt kommt,
|215| wieviel davon überhaupt gebraucht
wird, keiner weiß, ob sein Einzelprodukt einen wirklichen Bedarf
vorfindet, ob er seine Kosten herausschlagen oder überhaupt wird
verkaufen können. Es herrscht Anarchie der gesellschaftlichen
Produktion. Aber die Warenproduktion, wie jede andere
Produktionsform, hat ihre eigentümlichen, inhärenten, von ihr
untrennbaren Gesetze; und diese Gesetze setzen sich durch, trotz
der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen zum Vorschein in der
einzigen, fortbestehenden Form des gesellschaftlichen
Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend gegenüber den
einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkurrenz. Sie sind
diesen Produzenten also anfangs selbst unbekannt und müssen erst
durch lange Erfahrung nach und nach von ihnen entdeckt werden. Sie
setzen sich also durch, ohne die Produzenten und gegen die
Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer Produktionsform.
Das Produkt beherrscht die Produzenten.
In
der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten
Jahrhunderten, war die Produktion wesentlich auf den
Selbstgebrauch gerichtet. Sie befriedigte vorwiegend nur die
Bedürfnisse des Produzenten und seiner Familie. Wo, wie auf dem
Lande, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse bestanden, trug sie
auch bei zur Befriedigung der Bedürfnisse des Feudalherrn. Hierbei
fand also kein Austausch statt, die Produkte nahmen daher auch
nicht den Charakter von Waren an. Die Familie des Bauern
produzierte fast alles, was sie brauchte, Geräte und Kleider nicht
minder als Lebensmittel. Erst als sie dahin kam, einen Überschuß
über ihren eignen Bedarf und über die dem Feudalherrn geschuldeten
Naturalabgaben zu produzieren, erst da produzierte sie auch Waren;
dieser Überschuß, in den gesellschaftlichen Austausch geworfen,
zum Verkauf ausgeboten, wurde Ware. Die städtischen Handwerker
mußten allerdings schon gleich anfangs für den Austausch
produzieren. Aber auch sie erarbeiteten den größten Teil ihres
Eigenbedarfs selbst; sie hatten Gärten und kleine Felder; sie
schickten ihr Vieh in den Gemeindewald, der ihnen zudem Nutzholz
und Feuerung lieferte, die Frauen spannen Flachs, Wolle usw. Die
Produktion zum Zweck des Austausches, die Warenproduktion, war
erst im Entstehn. Daher beschränkter Austausch, beschränkter
Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Abschluß nach außen,
lokale Vereinigung nach innen; die Mark (6) auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.
Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit
|216| dem Auftreten der kapitalistischen
Produktionsweise, traten auch die bisher schlummernden Gesetze der
Warenproduktion offner und mächtiger in Wirksamkeit. Die alten
Verbände wurden gelockert, die alten Abschließungsschranken
durchbrochen, die Produzenten mehr und mehr in unabhängige,
vereinzelte Warenproduzenten verwandelt. Die Anarchie der
gesellschaftlichen Produktion trat an den Tag und wurde mehr und
mehr auf die Spitze getrieben. Das Hauptwerkzeug aber, womit die
kapitalistische Produktionsweise diese Anarchie in der
gesellschaftlichen Produktion steigerte, war das gerade Gegenteil
der Anarchie: die steigende Organisation der Produktion, als
gesellschaftlicher, in jedem einzelnen Produktionsetablissement.
Mit diesem Hebel machte sie der alten friedlichen Stabilität ein
Ende. Wo sie in einem Industriezweig eingeführt wurde, litt sie
keine ältre Methode des Betriebs neben sich. Wo sie sich des
Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das alte Handwerk. Das
Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen geographischen
Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierungen
vervielfältigten das Absatzgebiet und beschleunigten die
Verwandlung des Handwerks in die Manufaktur. Nicht nur brach der
Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen
Kämpfe wuchsen ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen des
17. und 18. Jahrhunderts. Die große Industrie endlich und die
Herstellung des Weltmarkts haben den Kampf universell gemacht und
gleichzeitig ihm eine unerhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen
einzelnen Kapitalisten wie zwischen ganzen Industrien und ganzen
Ländern entscheidet die Gunst der natürlichen oder geschaffnen
Produktionsbedingungen über die Existenz. Der Unterliegende wird
schonungslos beseitigt. Es ist der Darwinsche Kampf ums
Einzeldasein, aus der Natur mit potenzierter Wut übertragen in die
Gesellschaft. Der Naturstandpunkt des Tiers erscheint als
Gipfelpunkt der menschlichen Entwicklung. Der Widerspruch zwischen
gesellschaftlicher Produktion und kapitalistischer Aneignung
stellt sich nun dar als Gegensatz zwischen der Organisation der
Produktion in der einzelnen Fabrik und der Anarchie der Produktion
in der ganzen Gesellschaft.
In
diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung
immanenten Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische
Produktionsweise, beschreibt sie auswegslos jenen "fehlerhaften
Kreislauf", den schon Fourier an ihr entdeckte. Was Fourier
allerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich
dieser Kreislauf allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr
eine Spirale darstellt und ihr Ende erreichen muß, wie die der
Planeten, durch Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die treibende
Kraft der gesellschaftlichen Anarchie der Produktion, die die
große Mehr- |217| zahl der Menschen mehr
und mehr in Proletarier verwandelt, und es sind wieder die
Proletariermassen, die schließlich der Produktionsanarchie ein
Ende machen werden. Es ist die treibende Kraft der sozialen
Produktionsanarchie, die die unendliche Vervollkommnungsfähigkeit
der Maschinen der großen Industrie in ein Zwangsgebot verwandelt
für jeden einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie
mehr und mehr zu vervollkommnen, bei Strafe des Untergangs.
Aber Vervollkommnung der Maschinerie, das heißt Überflüssigmachung
von Menschenarbeit. Wenn die Einführung und Vermehrung der
Maschinerie Verdrängung von Millionen von Handarbeitern durch
wenige Maschinenarbeiter bedeutet, so bedeutet Verbesserung der
Maschinerie Verdrängung von mehr und mehr Maschinenarbeitern
selbst und in letzter Instanz Erzeugung einer das
durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des Kapitals
überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer
vollständigen industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845
(7)
nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hochdruck
arbeitet, aufs Pflaster geworfen durch den notwendig folgenden
Krach, zu allen Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen der
Arbeiterklasse in ihrem Existenzkampf mit dem Kapital, ein
Regulator zur Niederhaltung des Arbeitslohns auf dem dem
kapitalistischen Bedürfnis angemeßnen niedrigen Niveau. So geht es
zu, daß die Maschinerie, um mit Marx zu reden, das machtvollste
Kriegsmittel des Kapitals gegen die Arbeiterklasse wird, daß das
Arbeitsmittel dem Arbeiter fortwährend das Lebensmittel aus der
Hand schlägt, daß das eigne Produkt des Arbeiters sich verwandelt
in ein Werkzeug zur Knechtung des Arbeiters. So kommt es, daß die
Ökonomisierung der Arbeitsmittel von vornherein zugleich
rücksichtsloseste Verschwendung der Arbeitskraft und Raub an den
normalen Voraussetzungen der Arbeitsfunktion wird; daß die
Maschinerie, das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der
Arbeitszeit, umschlägt in das unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit
des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die
Verwertung des Kapitals zu verwandeln; so kommt es, daß die
Überarbeitung der einen die Voraussetzung wird für die
Beschäftigungslosigkeit der andern und daß die große Industrie,
die den ganzen Erdkreis nach neuen Konsumenten abjagt, zu Hause
die Konsumtion der Massen auf ein Hungerminimum beschränkt und
sich damit den eignen innern Markt untergräbt. "Das Gesetz,
welches die relative Surpluspopu- |218|
lation oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie
der Kapitalakkumulation in Gleichgewicht hält, schmiedet den
Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des
Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von
Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von
Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von
Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und
moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der
Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert."
Und von der kapitalistischen Produktionsweise eine andre
Verteilung der Produkte erwarten hieße verlangen, die Elektroden
einer Batterie sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie
mit der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol
Sauerstoff entwickeln und am negativen Wasserstoff.
Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähigkeit
der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Produktion
in der Gesellschaft, sich verwandelt in ein Zwangsgebot für den
einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie stets zu
verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhn. In ein
ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn die bloße
faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu erweitern. Die
enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen die diejenige
der Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns jetzt vor die Augen
als ein qualitatives und quantitatives Ausdehnungsbedürfnis,
das jedes Gegendrucks spottet. Der Gegendruck wird gebildet durch
die Konsumtion, den Absatz, die Märkte für die Produkte der großen
Industrie. Aber die Ausdehnungsfähigkeit der Märkte, extensive wie
intensive, wird beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger
energisch wirkende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte kann nicht
Schritt halten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision
wird unvermeidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange
sie nicht die kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt,
wird sie periodisch. Die kapitalistische Produktion erzeugt einen
neuen "fehlerhaften Kreislauf".
In
der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht
die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und
der Austausch sämtlicher zivilisierten Völker und ihrer mehr oder
weniger barbarischen Anhängsel, so ziemlich alle zehn Jahre einmal
aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die
Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare
Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet,
|219| die Fabriken stehn still, die arbeitenden Massen
ermangeln der Lebensmittel, weil sie zuviel Lebensmittel
produziert haben. Bankerott folgt auf Bankerott, Zwangsverkauf auf
Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie
Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die
aufgehäuften Warenmassen unter größrer oder geringrer Entwertung
endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder
in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt
in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser
steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer
vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und
spekulativen Steeple-chase, um endlich nach den halsbrechendsten
Sprüngen wieder anzulangen im Graben des Krachs. Und so immer von
neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und
erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechsten Mal. Und der
Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie
alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise pléthorique,
Krisis aus Überfluß.
In
den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen
Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan vernichtet: das
Zirkulationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis; alle
Gesetze der Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den
Kopf gestellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt
erreicht: Die Produktionsweise rebelliert gegen die
Austauschweise.
Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der
Produktion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat,
wo sie unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr
bestehenden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft- diese
Tatsache wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch
die gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der
Krisen vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr
kleiner Kapitalisten. Der gesamte Mechanismus der kapitalistischen
Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst
erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse von
Produktionsmitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie
liegen brach, und ebendeshalb muß auch die industrielle
Reservearmee brachliegen. Produktionsmittel, Lebensmittel,
disponible Arbeiter, alle Elemente der Produktion und des
allgemeinen Reichtums sind im Überfluß vorhanden. Aber "der
Oberfluß wird Quelle der Not und des Mangels" (Fourier), weil er
es gerade ist, der die Verwandlung der Produktions- und
Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in der kapitalistischen
Gesellschaft können die Produktionsmittel |220|
nicht in Tätigkeit treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in
Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft
verwandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der
Kapitaleigenschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen
ihnen und den Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten
der sachlichen und der persönlichen Hebel der Produktion; sie
allein verbietet den Produktionsmitteln, zu fungieren, den
Arbeitern, zu arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die
kapitalistische Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur
ferneren Verwaltung dieser Produktivkräfte überführt. Andrerseits
drängen diese Produktivkräfte selbst mit steigender Macht nach
Aufhebung des Widerspruchs, nach ihrer Erlösung von ihrer
Eigenschaft als Kapital, nach tatsächlicher Anerkennung ihres
Charakters als gesellschaftlicher Produktivkräfte.
Es
ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktivkräfte
gegen ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur
Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur, der die
Kapitalistenklasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies
innerhalb des Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als
gesellschaftliche Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die
industrielle Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen
Kreditaufblähung, wie der Krach selbst durch den Zusammenbruch
großer kapitalistischer Etablissements, treiben zu derjenigen Form
der Vergesellschaftung größter Massen von Produktionsmitteln, die
uns in den verschiednen Arten von Aktiengesellschaften
gegenübertritt. Manche dieser Produktions- und Verkehrsmittel sind
von vornherein so kolossal, daß sie, wie die Eisenbahnen, jede
andere Form kapitalistischer Ausbeutung ausschließen. Auf einer
gewissen Entwicklungsstufe genügt auch diese Form nicht mehr; die
inländischen Großproduzenten eines und desselben Industriezweigs
vereinigen sich zu einem "Trust", einer Vereinigung zum Zweck der
Regulierung der Produktion; sie bestimmen das zu produzierende
Gesamtquantum, verteilen es unter sich und erzwingen so den im
voraus festgesetzten Verkaufspreis. Da solche Trusts aber bei der
ersten schlechten Geschäftszeit meist aus dem Leim gehn, treiben
sie eben dadurch zu einer noch konzentrierteren
Vergesellschaftung: Der ganze Industriezweig verwandelt sich in
eine einzige große Aktiengesellschaft, die inländische Konkurrenz
macht dem inländischen Monopol dieser einen Gesellschaft Platz;
wie dies noch 1890 mit der englischen Alkaliproduktion geschehen,
die jetzt, nach Verschmelzung sämtlicher 48 großen Fabriken, in
der Hand einer einzigen, einheitlich geleiteten Gesellschaft mit
einem Kapital von 120 Millionen Mark betrieben wird.
In
den Trusts schlägt die freie Konkurrenz um ins Monopol,
kapituliert |221| die planlose
Produktion der kapitalistischen Gesellschaft vor der planmäßigen
Produktion der hereinbrechenden sozialistischen Gesellschaft.
Allerdings zunächst noch zu Nutz und Frommen der Kapitalisten.
Hier aber wird die Ausbeutung so handgreiflich, daß sie
zusammenbrechen muß. Kein Volk würde eine durch Trusts geleitete
Produktion, eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch
eine kleine Bande von Kuponabschneidern sich gefallen lassen.
So
oder so, mit oder ohne Trusts, muß schließlich der offizielle
Repräsentant der kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, die
Leitung der Produktion übernehmen. (8)
Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum tritt zuerst
hervor bei den großen Verkehrsanstalten: Post, Telegraphen,
Eisenbahnen.
Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernern
Verwaltung der modernen Produktivkräfte aufdeckten, so zeigt die
Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanstalten in
Aktiengesellschaften, Trusts und Staatseigentum die
Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck. Alle
gesellschaftlichen Funktionen des Kapitalisten werden jetzt von
besoldeten Angestellten versehn. Der Kapitalist hat keine
gesellschaftliche Tätigkeit mehr, außer Revenueneinstreichen,
Kuponsabschneiden und |222| Spielen an
der Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr
Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst
Arbeiter verdrängt, so verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und
verweist sie, ganz wie die Arbeiter, in die überflüssige
Bevölkerung, wenn auch zunächst noch nicht in die industrielle
Reservearmee.
Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften und Trusts noch
die in Staatseigentum hebt die Kapitaleigenschaft der
Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften und Trusts liegt
dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die
Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um
die allgemeinen äußern Bedingungen der kapitalistischen
Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe sowohl der
Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was
auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine,
Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr
Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er
wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er
aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das
Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die
Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um. Das
Staatseigentum an den Produktivkräften ist nicht Lösung des
Konflikts, aber es birgt in sich das formelle Mittel, die Handhabe
der Lösung.
Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche
Natur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also
die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang
gesetzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der
Produktionsmittel. Und dies kann nur dadurch geschehn, daß die
Gesellschaft offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder
andren Leitung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften.
Damit wird der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel
und Produkte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt,
der die Produktions- und Austauschweise periodisch durchbricht und
sich nur als blind wirkendes Naturgesetz gewalttätig und
zerstörend durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein
zur Geltung gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der
Störung und des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten
Hebel der Produktion selbst.
Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die
Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie
nicht erkennen und nicht mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber
einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen
begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm
Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu
erreichen. Und ganz besonders gilt dies von den heutigen
gewaltigen |223| Produktivkräften.
Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter
zu verstehn - und gegen dies Verständnis sträubt sich die
kapitalistische Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange
wirken diese Kräfte sich aus, trotz uns, gegen uns, solange
beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich dargestellt haben.
Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der
assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige
Diener verwandelt werden. Es ist der Unterschied zwischen der
zerstörenden Gewalt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und
der gebändigten Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens;
der Unterschied der Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen
wirkenden Feuers. Mit dieser Behandlung der heutigen
Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die
Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine
gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den
Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen. Damit wird die
kapitalistische Aneignungsweise, in der das Produkt zuerst den
Produzenten, dann aber auch den Aneigner knechtet, ersetzt durch
die in der Natur der modernen Produktionsmittel selbst begründete
Aneignungsweise der Produkte: einerseits direkt gesellschaftliche
Aneignung als Mittel zur Erhaltung und Erweiterung der Produktion,
andrerseits direkt individuelle Aneignung als Lebens- und
Genußmittel.
Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große
Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie
die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu
vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung
der großen vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum
drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung der Umwälzung.
Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die
Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt
es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle
Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf und damit auch den
Staat als Staat. Die bisherige, sich in Klassengegensätzen
bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, d.h. eine
Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur
Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also
namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse
in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen
der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit,
Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen
Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren
Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat
derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze
Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden
Staatsbürger, im Mittelalter |224| des
Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich
tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er
sich selbst überflüssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr
in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der
Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der
Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus
entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es
nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt,
einen Staat, nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich
als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt - die
Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft,
ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das
Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse
wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft
dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen
tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von
Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht "abgeschafft", er
stirbt ab. Hieran ist die Phrase vom "freien Volksstaat" zu
messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatorischen
Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen
Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten
Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft
werden.
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die
Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der
kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten
öfters mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt.
Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit
werden, als die tatsächlichen Bedingungen ihrer Durchführung
vorhanden waren. Sie, wie jeder andre gesellschaftliche
Fortschritt, wird ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht,
daß das Dasein der Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc.
widerspricht, nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen
abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen.
Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine
ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war
die notwendige Folge der früheren geringen Entwicklung der
Produktion. Solange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen
Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller
Erforderliche nur um wenig übersteigt, solange also die Arbeit
alle oder fast alle Zeit der großen Mehrzahl der
Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, solange teilt sich diese
Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben der ausschließlich der
Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von
direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen
Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung,
Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaften, Künste usw.
|225| Es ist also das Gesetz der
Arbeitstellung, das der Klassenteilung zugrunde liegt. Aber das
hindert nicht, daß diese Einteilung in Klassen nicht durch Gewalt
und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die
herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre
Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und die
gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in gesteigerte Ausbeutung
der Massen.
Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse
geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur
für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche
Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der
Produktion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung
der modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung
der gesellschaftlichen Klassen zur Voraussetzung einen
geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß
dieser oder jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern einer
herrschenden Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds
selbst, ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur
Voraussetzung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf
dem Aneignung der Produktionsmittel und Produkte und damit der
politischen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geistigen
Leitung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur
überflüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell
ein Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt
erreicht. Ist der politische und intellektuelle Bankerott der
Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt sich
ihr ökonomischer Bankerott regelmäßig alle zehn Jahre. In jeder
Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen, für
sie unverwendbaren Produktivkräfte und Produkte und steht hülflos
vor dem absurden Widerspruch, daß die Produzenten nichts zu
konsumieren haben, weil es an Konsumenten fehlt. Die
Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die die
kapitalistische Produktionsweise ihr angelegt. Ihre Befreiung aus
diesen Banden ist die einzige Vorbedingung einer ununterbrochnen,
stets rascher fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte und
damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produktion
selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung der
Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende
künstliche Hemmung der Produktion, sondern auch die positive
Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die
gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und
ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt ferner eine
Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit frei
durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der jetzt
herrschenden Klassen und ihrer politischen |226|
Repräsentanten. Die Möglichkeit, vermittelst der
gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine
Existenz zu sichern, die nicht nur materiell vollkommen
ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen
auch die vollständige freie Ausbildung und Betätigung ihrer
körperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit
ist jetzt zum ersten Male da, aber sie ist da. (9)
Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die
Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die
Herrschaft des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie
innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch
planmäßige bewußte Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört
auf. Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig
aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in
wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden
Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt
jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum
ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem
sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze
ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde,
sie beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von
den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit
beherrscht. Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen
bisher als von Natur und Geschichte aufgenötigt gegenüberstand,
wird jetzt ihre freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die
bisher die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der
Menschen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre
Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an
werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen
Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maß auch die von ihnen
gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus
dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
|227| Fassen wir
zum Schluß unsern Entwicklungsgang kurz zusammen:
I.
Mittelalterliche Gesellschaft: Kleine Einzelproduktion.
Produktionsmittel für den Einzelgebrauch zugeschnitten, daher
urwüchsig-unbehülflich, kleinlich, von zwerghafter Wirkung.
Produktion für den unmittelbaren Verbrauch, sei es des Produzenten
selbst, sei es seines Feudalherrn. Nur da, wo ein Überschuß der
Produktion über diesen Verbrauch stattfindet, wird dieser
Überschuß zum Verkauf ausgeboten und verfällt dem Austausch:
Warenproduktion also erst im Entstehn; aber schon jetzt enthält
sie in sich, im Keim, die Anarchie in der gesellschaftlichen
Produktion.
II. Kapitalistische Revolution: Umwandlung der Industrie
zuerst vermittelst der einfachen Kooperation und der Manufaktur,
Konzentration der bisher zerstreuten Produktionsmittel in großen
Werkstätten, damit ihre Verwandlung aus Produktionsmittel des
einzelnen in gesellschaftliche - eine Verwandlung, die die Form
des Austausches im ganzen und großen nicht berührt. Die alten
Aneignungsformen bleiben in Kraft. Der Kapitalist tritt
auf: In seiner Eigenschaft als Eigentümer der Produktionsmittel
eignet er sich auch die Produkte an und macht sie zu Waren. Die
Produktion ist ein gesellschaftlicher Akt geworden; der Austausch
und mit ihm die Aneignung bleiben individuelle Akte, Akte des
einzelnen: Das gesellschaftliche Produkt wird angeeignet vom
Einzelkapitalisten. Grundwiderspruch, aus dem alle
Widersprüche entspringen, in denen die heutige Gesellschaft sich
bewegt und die die große Industrie offen an den Tag bringt.
-
A. Scheidung des Produzenten von den Produktionsmitteln.
Verurteilung des Arbeiters zu lebenslänglicher Lohnarbeit.
Gegensatz von Proletariat und Bourgeoisie.
-
B. Wachsendes Hervortreten und steigende Wirksamkeit der
Gesetze, die die Warenproduktion beherrschen. Zügelloser
Konkurrenzkampf. Widerspruch der gesellschaftlichen
Organisation in der einzelnen Fabrik und der gesellschaftlichen
Anarchie in der Gesamtproduktion.
-
C. Einerseits Vervollkommnung der Maschinerie, durch die
Konkurrenz zum Zwangsgebot für jeden einzelnen Fabrikanten
gemacht und gleichbedeutend mit stets steigender
Außerdienstsetzung von Arbeitern: industrielle Reservearmee.
Andrerseits schrankenlose Ausdehnung der Produktion, ebenfalls
Zwangsgesetz der Konkurrenz für jeden Fabrikanten. Von beiden
Seiten unerhörte Entwicklung der Produktivkräfte, Überschuß des
Angebots über die Nachfrage, Überproduktion, Überfüllung der
Märkte, zehnjährige Krisen, fehlerhafter Kreislauf: Überfluß
hier, von Produktionsmitteln und Produkten - Überfluß dort, von
|228| Arbeitern ohne
Beschäftigung und ohne Existenzmittel; aber diese beiden Hebel
der Produktion und gesellschaftlichen Wohlstands können nicht
zusammentreten, weil die kapitalistische Form der Produktion den
Produktivkräften verbietet, zu wirken, den Produkten, zu
zirkulieren, es sei denn, sie hätten sich zuvor in Kapital
verwandelt: was gerade ihr eigner Überfluß verhindert. Der
Widerspruch hat sich gesteigert zum Widersinn: Die
Produktionsweise rebelliert gegen die Austauschform. Die
Bourgeoisie ist überführt der Unfähigkeit, ihre eignen
gesellschaftlichen Produktivkräfte fernerhin zu leiten.
-
D. Teilweise Anerkennung des gesellschaftlichen Charakters der
Produktivkräfte, den Kapitalisten selbst aufgenötigt. Aneignung
der großen Produktions- und Verkehrsorganismen, erst durch
Aktiengesellschaften, später durch Trusts, sodann durch den
Staat. Die Bourgeoisie erweist sich als überflüssige
Klasse; alle ihre gesellschaftlichen Funktionen werden jetzt
erfüllt durch besoldete Angestellte.
III. Proletarische Revolution, Auflösung der Widersprüche:
Das Proletariat ergreift die öffentliche Gewalt und verwandelt
kraft dieser Gewalt, die den Händen der Bourgeoisie entgleitenden
gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum.
Durch diesen Akt befreit es die Produktionsmittel von ihrer
bisherigen Kapitaleigenschaft und gibt ihrem gesellschaftlichen
Charakter volle Freiheit, sich durchzusetzen. Eine
gesellschaftliche Produktion nach vorherbestimmtem Plan wird
nunmehr möglich. Die Entwicklung der Produktion macht die fernere
Existenz verschiedner Gesellschaftsklassen zu einem Anachronismus.
In dem Maß, wie die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion
schwindet, schläft auch die politische Autorität des Staats ein.
Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der
Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren
ihrer selbst - frei.
Diese weltbefreiende Tat durchzuführen ist der geschichtliche
Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen,
und damit ihre Natur selbst, zu ergründen und so der zur Aktion
berufnen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Natur
ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen ist die Aufgabe des
theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des
wissenschaftlichen Sozialismus.
zum Inhaltsverzeichnis
Fußnoten von Friedrich Engels:
(5)
Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden, daß, wenn auch
die Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter der Aneignung
durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutioniert
wird als die Produktion. Ob ich mir mein eignes Produkt aneigne
oder das Produkt andrer, das sind natürlich zwei sehr verschiedne
Arten von Aneignung. Nebenbei: die Lohnarbeit, in der die ganze
kapitalistische Produktionsweise bereits im Keime steckt, ist sehr
alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhundertelang her neben
der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen Produktionsweise
entfalten konnte sich der Keim erst, als die geschichtlichen
Vorbedingungen hergestellt waren.
(6)
Siehe Anhang am Schluß.
(7) "Lage der arbeitenden Klasse in England", S. 109
(8)
Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle, daß die Produktions- oder
Verkehrsmittel der Leitung durch Aktiengesellschaften wirklich
entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung ökonomisch
unabweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn
der heutige Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt,
die Erreichung einer neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller
Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst. Es ist aber
neuerdings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen, ein
gewisser falscher Sozialismus aufgetreten und hie und da sogar in
einige Wohldienerei ausgeartet, der jede Verstaatlichung, selbst
die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt.
Allerdings, wäre die Verstaatlichung des Tabaks sozialistisch, so
zählten Napoleon und Metternich mit unter den Gründern des
Sozialismus. Wenn der belgische Staat aus ganz alltäglichen
politischen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahnen selbst
baute, wenn Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die
Hauptbahnlinien Preußens verstaatlichte, einfach, um sie für den
Kriegsfall besser einrichten und ausnützen zu können, um die
Eisenbahnbeamten zu Regierungsstimmvieh zu erziehn und
hauptsächlich, um sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen
unabhängige Einkommensquelle zu verschaffen - so waren das
keineswegs sozialistische Schritte, direkt oder indirekt, bewußt
oder unbewußt. Sonst wären auch die königliche Seehandlung, die
königliche Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider
beim Militär sozialistische Einrichtungen oder gar die unter
Friedrich Wilhelm III. in den dreißiger Jahren alles Ernstes von
einem Schlaumeier vorgeschlagene Verstaatlichung der - Bordelle.
(9) Ein paar Zahlen mögen eine annähernde Vorstellung geben von der
enormen Expansionskraft der modernen Produktionsmittel, selbst
unter dem kapitalistischen Druck. Nach der Berechnung von Giffen
betrug der Gesamtreichtum von Großbritannien und Irland in runder
Zahl:
|
1814 |
2200 Millionen Pfd. St. |
= |
44 Milliarden Mark |
|
1865 |
6100 Millionen Pfd. St. |
= |
122 Milliarden Mark |
|
1875 |
8500 Millionen Pfd. St. |
= |
170 Milliarden Mark |
Was die Verheerung von
Produktionsmitteln und Produkten in den Krisen betrifft, so wurde
auf dem 2. Kongreß deutscher Industrieller, Berlin, 21. Februar
1878, der Gesamtverlust allein der deutschen Eisenindustrie im
letzten Krach auf 455 Millionen Mark berechnet.
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