Leo Trotzki und der Trotzkismus


von Tibor Zenker


Ein kleiner, aber mitunter durchaus lautstarker und vorlauter Teil der Sozialistischen Jugend versteht sich als "trotzkistisch". Auch abseits der SJ treten in Österreich bisweilen Klein- und Kleinstgruppen auf, die sich - obwohl untereinander zumeist zerstritten - allesamt als legitime Erben und Erbinnen Leo Trotzkis sowie darüber hinaus als die wahren "VerteidigerInnen des Marxismus" sehen. Betrachten wir näher, für welche theoretischen und praktischen politischen Ansätze Trotzki stand und wofür der gegenwärtige "Trotzkismus" steht oder stehen möchte.

 

Trotzkis Wirken bis 1905

 

Leo Trotzki (1879-1940) war bereits in jungen Jahren in der russischen ArbeiterInnenbewegung aktiv, um die Jahrhundertwende saß er dafür erstmals im Gefängnis. Der erste politische Auftritt Trotzkis, der uns zu interessieren hat, datiert auf das Jahr 1903. Als sich die Sozialdemokratische Partei Russlands damals in die linken und marxistisch-revolutionären Bolschewiki unter Führung W. I. Lenins einerseits und die rechten, reformistischen Menschewiki andererseits spaltete, schloss sich Trotzki letzteren an. Dennoch kann festgehalten werden, dass Trotzki relativ betrachtet ein linker Kritiker der Menschewiki war und sich schlussendlich auch von ihnen abwandte - er verstand sich sodann als "fraktionslos". Gleichzeitig griff er in dieser Zeit Lenin aufs Schärfste an, obwohl er Lenins Analyse inhaltlich im Wesentlichen zustimmen musste - umso demagogischer, irrationaler und persönlich diffamierender Art waren daher Trotzkis Angriffe gegen Lenin, der Trotzki zuvor noch gegen Georgi Plechanow und rechte Menschewiki verteidigt hatte. Lenin legte Trotzkis unbegründete Kritik, seine untauglichen Profilierungsversuche um jeden Preis und sein schwankendes Sympathisieren mit den Menschewiki logischerweise als Prinzipienlosigkeit aus und charakterisierte ihn seinerseits schlussendlich als einen Verräter des Marxismus. "Trotzki ... vertritt ausschließlich seine eigenen persönlichen Schwankungen und sonst nichts. 1903 war er Menschewik. 1904 gab er den Menschewismus auf. 1905 kehrte er zu den Menschewiki zurück und drosch bloß ultrarevolutionäre Phrasen. (...) Bald schreibt er aus dem Repertoire der einen Fraktion ab, bald aus dem einer anderen, und dann behauptet er, er stünde über den Fraktionen." (LW 16, S. 389) - Trotz der in Summe eher diffusen Vorwürfe Trotzkis gegen Lenin können für diese Zeit doch auch konkrete inhaltliche Differenzen zwischen diesen beiden herausgearbeitet werden. Trotzki stieß sich vor allem an Lenins Parteiverständnis, wie es von diesem etwa in "Was tun?" dargelegt wurde. Wesentlich zu wissen, ist, dass die SDAPR in dieser Zeit in der Illegalität wirkte, weshalb Lenin für klare und straffe Strukturen eintrat. Trotzki verstand diese aufgrund der politischen Situation vorübergehend notwendigen Konzeptionen nicht, verurteilte sie als "Ultrazentralismus" und trat für offenere Strukturen ein. Es versteht sich von selbst, dass Trotzkis "Konzept" eine illegale und der schärfsten und brutalsten zaristischen Repression und Verfolgung ausgesetzte Partei während dieser Zeit in größte Gefahr gebracht hätte und dass sie der autoritären Staatsmacht ein allzu einfaches Ziel geboten hätte. Indem Trotzki darüber hinaus Lenins Verständnis der Sozialdemokratischen Partei, wonach diese die Aufgabe hätte, den Marxismus in das russische Proletariat hineinzutragen, widersprach, stellte er sich - wenngleich vermutlich unbeabsichtigt - auf die Seite des reinen Ökonomismus und reduzierte die Aufgabe der Partei unweigerlich auf eine sozialreformistische. Die Idee, dass durch rein ökonomische Auseinandersetzungen sodann selbstgebärend ein sozialistisches Bewusstsein der Arbeiterschaft begründet werden könnte, würde konsequent gedacht ironischerweise Karl Marx höchstpersönlich seiner historischen Bedeutung entheben. Dem gegenüber stand und steht Lenins Verständnis eines umfassenden Klassenkampfes, der seitens der marxistischen Bewegung sowohl ökonomisch wie ideologisch und politisch als untrennbare Einheit zu führen ist, wobei die höchste Stufe des politischen Klassenkampfes die soziale Revolution des Proletariats darstellt.


Trotzkis "Theorie der permanenten Revolution"

 

Wie Trotzki selbst sagte, hatte er aufgrund der Erfahrungen aus dem Jahr 1905 und der ersten russischen Revolution "Ansichten über den Charakter der revolutionären Entwicklung Russlands gebildet, die die Bezeichnung Theorie der permanenten Revolution erhielten. Diese gelehrte Bezeichnung drückte den Gedanken aus, dass die russische Revolution, vor der unmittelbar bürgerliche Ziele stehen, in keinem Falle bei ihnen stehen bleiben kann. Die Revolution kann ihre nächsten, bürgerlichen Aufgaben nicht anders lösen, als durch die Besitzergreifung der Macht durch das Proletariat. Hat es aber die Macht in seine Hand genommen, so kann es sich nicht auf den bürgerlichen Rahmen der Revolution beschränken. Im Gegenteil, gerade zur Sicherung ihres Sieges muss die proletarische Avantgarde schon in der ersten Zeit ihrer Herrschaft die tiefsten Eingriffe nicht nur in das feudale, sondern auch in das bürgerliche Eigentum machen. Hierbei wird das Proletariat zusammenstoßen nicht nur mit allen Gruppierungen der Bourgeoisie, die es am Anfang seines revolutionären Kampfes unterstützt hatte, sondern auch mit den breiten Massen des Bauerntums, mit dessen Hilfe es zur Macht gekommen war. Die Widersprüche in der Stellung der Arbeiterregierung in einem rückständigen Land mit einer erdrückenden Mehrheit bäuerlicher Bevölkerung können nur im internationalen Maßstab gelöst werden, in der Arena der proletarischen Weltrevolution. Hat das siegreiche Proletariat kraft der historischen Notwendigkeit den engen bürgerlich-demokratischen Rahmen der russischen Revolution gesprengt, so wird es gezwungen sein, ihren national-staatlichen Rahmen zu durchbrechen, d. h. es muss bewusst danach streben, die russische Revolution zum Vorspiel der Weltrevolution zu machen." (Leo Trotzki, Die russische Revolution 1905, Berlin 1923, S. 6). - Drei wesentliche Punkte sind aus diesen Ausführungen herauszustreichen. Trotzki war der Ansicht, dass, sobald bürgerlich-demokratische Verhältnisse erreicht wären, die Revolution in Permanenz zur sozialistischen fortschreiten müsse. Trotzki meinte weiters, es spiele keine Rolle, ob die Bedingungen in einem Land, hier konkret in Russland, für den Sozialismus objektiv reif seien, da es in jedem Fall das Gesamtsystem, d.h. der Kapitalismus im Weltmaßstab, sei. Daraus leitete sich aber zwingend der oft gehörte Gedanke der Weltrevolution als absolute Notwendigkeit ab, der besagt, wenn die sozialistische Revolution in einem (rückständigen) Land ausbricht, diese das Gesamtsystem ergreifen müsse, um sie zu sichern. In letzter Konsequenz leitet sich davon auch der Gedanke des gewaltsamen "Exports" der Revolution ab. Der dritte entscheidende Punkt bei Trotzkis Überlegungen ist, dass keine Möglichkeit besteht, nicht-proletarische Schichten oder Klassen in den sozialistischen Kampf zu integrieren, v.a. betrachtet er konkret die russische Bauernschaft als a priori konterrevolutionär.


Wie steht Lenin zu Trotzkis Einschätzungen?

 

Bisweilen wird von "TrotzkistInnen" behauptet, Lenins Revolutionstheorie würde in der Frage der Permanenz der Revolution eine zeitliche Unterbrechung zwischen der bürgerlichen und sozialistischen Revolution festschreiben bzw. Lenin hätte erst im Rahmen der "Aprilthesen" von 1917 Trotzkis Konzeption "übernommen". Das ist nicht richtig, denn bereits vor Trotzki schrieb Lenin 1905 folgende Worte: "von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Wenn wir nicht sofort und unverzüglich alle möglichen Sozialisierungen versprechen, so eben deshalb, weil wir die wirklichen Bedingungen dieser Aufgabe kennen und den im Schoße der Bauernschaft heranreifenden neuen Klassenkampf nicht vertuschen, sondern aufdecken." (W. I. Lenin, Werke, Band 9, S. 232.) - Einerseits spricht Lenin hier klar und deutlich die Notwendigkeit des Fortlaufens der Revolution an, andererseits finden wir hier auch einen äußerst krassen Gegensatz zu Trotzkis Vorstellungen. Lenin betrachtet die Bauernschaft als wichtigen Bündnispartner des russischen Proletariats, was aber nicht heißt, dass es für Lenin eine starre Bündnispolitik gibt: wird mit der gesamten Bauernschaft für den Sieg der demokratischen Revolution gekämpft, so sind es die ärmeren Bauern, die Interesse am Sieg der sozialistischen Revolution und einer wirklich konsequenten Bodenreform haben werden. Gleichzeitig ist dieses Bündnis - was einen ebenso klaren Gegensatz zu Trotzki aufwirft - auch die Möglichkeit, die sozialistische Revolution in Russland zu verteidigen, auch wenn v.a die Revolution in Deutschland, auf die sowohl Lenin als auch Trotzki Hoffnungen setzten, ausblieb, was ja auch der Fall war. Bis heute kann die Frage der Bündnispolitik als eine zentrale Meinungsverschiedenheit zwischen revolutionären MarxistInnen in der Tradition Lenins einerseits und "TrotzkistInnen" andererseits gesehen werden, denn es gilt für den Erfolg der revolutionären Bewegung nach wie vor, was Lenin festgehalten hat: "Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs sorgfältigste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, auch den kleinsten ‚Riss’ zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie der einzelnen Länder, als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten zu gewinnen, hinter dem Massen stehen, mag das auch ein zeitweiliger schwankender, unsicherer, unzuverlässiger bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen Sozialismus überhaupt begriffen." (Der "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kommunismus. Ausgewählte Werke, Moskau 1946, Bd. II, S. 716). Das bedeutet - um einer Formulierung von Antonio Gramsci zu folgen -, dass das Proletariat eben nur dann zur führenden und herrschenden Klasse werden kann, insoweit es ihm gelingt, ein System von Klassenbündnissen zu schaffen, das es ihm erlaubt, die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung gegen den Kapitalismus und den bürgerlichen Staat zu mobilisieren. - Nun, dass es Lenin und die Bolschewiki, denen sich Trotzki 1917 dann freilich nichtsdestotrotz anschloss, waren, die mit ihrem Konzept in der Sozialistischen Oktoberrevolution erfolgreich waren, möchte vermutlich niemand bestreiten. Doch auch nach dem Erfolg der Revolution gab es weitere politische Differenzen zwischen der marxistischen Herangehensweise Lenins und den Vorstellungen Trotzkis, der sich weiterhin unbeirrt an die Implikationen seiner "Theorie der permanenten Revolution", die Lenin als nur "angeblich linke Theorie der ‚permanenten Revolution’" (LW 20, S. 345) bezeichnete, klammerte. Zu dieser Theorie Trotzkis können wir zusammenfassend bemerken, dass sie also schwere analytische wie strategische Fehler beinhaltet. Gibt es einzelne richtige Gedanken, so sind diese unreif, eindimensional und undialektisch konzipiert - z.B. zum internationalen Charakter der sozialistischen Bewegung. Lenin schreibt: "Das Kapital ist eine internationale Kraft. Um sie zu besiegen, bedarf es des internationalen Bündnisses der Arbeiter, ihres internationalen brüderlichen Zusammenschlusses." (LW 30, S. 282 f.) - Das wird niemand bestreiten wollen. Der internationale und nationale Kampf stehen aber freilich in einem entsprechenden dialektischen Kontext, wie ihn z.B. Luis Corvalan erklärt, denn "der Hauptbeitrag der Revolutionäre zur weltweiten Befreiung der Völker und zum Sieg der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab besteht vor allem darin, für diese Sache im eigenen Lande zu kämpfen und auf dieser Grundlage maximale moralische und materielle Solidarität mit dem revolutionären Kampf der anderen Länder zu üben." Aber in "Fällen, wie z.B. in der Periode des antifaschistischen Krieges des spanischen Volkes, kann die Teilnahme von Revolutionären verschiedener Nationalitäten am Kampf eines bestimmten Landes Massencharakter, außerordentliche politische und historische Bedeutung erlangen." (Corvalan, Freiheit für Chile, Frankfurt/M. 1973, S. 11). Oder, wie Karl Liebknecht während des Ersten Weltkrieges auf einem bekannten Flugblatt erklärte: "Der Hauptfeind jedes Volkes steht in seinem eigenen Land! (...) Diesen Feind im eigenen Lande gilt's ... zu bekämpfen, zu bekämpfen im politischen Kampf, zusammenwirkend mit dem Proletariat der anderen Länder, dessen Kampf gegen seine heimischen Imperialisten geht." (Liebknecht, Reden und Aufsätze in zwei Bänden, Frankfurt/M. 1972, Bd. 2, S. 25) - Das ist das Wesen des proletarischen Internationalismus - und nichts anderes. Wenn man das mit diversen "trotzkistischen" Weltrevolutionsschemata vergleicht, wünscht man sich, manche "TrotzkistInnen" mögen doch wenigstens jene Klassiker-Texte, die sie in ihren eigenen Medien wieder veröffentlichen, doch auch bitte selbst lesen und verstehen… - Der einzige tatsächlich richtige Ansatz, den Trotzkis Theorie enthält, wurde wie bereits gezeigt von Lenin schon zuvor im Konkreten (zur Situation in Russland 1905) festgehalten, darüber hinaus aber von Marx und Engels im Allgemeinen ohnedies schon viel früher formuliert. Engels etwa schreibt über das Fortlaufen der Revolution: "Sie wird vor allen Dingen eine demokratische Staatsverfassung und damit direkt oder indirekt die politische Herrschaft des Proletariats herstellen. (…) Indirekt …, wo die Majorität des Volkes nicht nur aus Proletariern, sondern auch aus kleinen Bauern und Bürgern besteht, welche eben erst im Übergang ins Proletariat begriffen sind und in allen ihren politischen Interessen mehr und mehr vom Proletariat abhängig werden und sich daher bald den Forderungen des Proletariats fügen müssen. Dies wird vielleicht einen zweiten Kampf kosten, der aber nur mit dem Siege des Proletariats endigen kann. Die Demokratie würde dem Proletariat ganz nutzlos sein, wenn sie nicht sofort als Mittel zur Durchsetzung weiterer, direkt das Privateigentum angreifender und die Existenz des Proletariats sicherstellender Maßregeln benutzt würde." (Grundsätze des Kommunismus, MEW 4, S. 361 ff.) - Aber wir wollen Trotzkis Potenzial als marxistischer Theoretiker nicht klein reden, denn wer wei߅? Hätte Trotzki einige Jahre länger gelebt, dann hätte er zu guter letzt vielleicht sogar noch den dialektischen Materialismus entdeckt.


Politische Auseinandersetzungen während des "Kriegskommunismus"

 

Eine erste praktisch-politische Meinungsverschiedenheit nach dem Sieg der Oktoberrevolution ergab sich sogleich bezüglich der Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk mit dem Deutschen Reich. Während Trotzki aufgrund seiner geradezu deterministischen Weltrevolutionstheorie davon ausgehen musste, dass es die nun unaufhaltsame (und notwendige) deutsche Revolution sein würde, die ohnedies den Frieden brächte und die sowjetische Arbeitermacht daher nicht vor dem deutschen Imperialismus kapitulieren sollte, war Lenins Einschätzung die realistischere und, wie die Geschichte beweisen sollte, auch die richtige.

 

Am 15. Dezember 1917 unterzeichnete die neue revolutionäre Regierung Sowjetrusslands mit Deutschland ein Waffenstillstandsabkommen, am 22. Dezember desselben Jahres begannen in Brest-Litowsk die Verhandlungen über einen Friedensvertrag. Trotzki, der die sowjetische Delegation leitete, hatte den Plan, zwar den Krieg zu unterbrechen (und Zeit zu gewinnen), jedoch eben keinen Friedensvertrag zu unterschreiben, dafür aber an der Front zu demobilisieren - eine Vorgehensweise, von der Lenin nicht so recht überzeugt war. Lenin war der Ansicht, dass die Bolschewiki ihren zentralen Programmpunkt, der der russischen Bevölkerung den Frieden versprach, ihrerseits einhalten sollten. Zudem wollte sich Lenin nicht auf die trotzki'sche Gewissheit des Sieges der Revolution in Deutschland verlassen. In einer (trotzkistischen) Trotzki-Biografie heißt es über die Situation rund um die Friedensverhandlungen: "Trotzki ... traf mit Lenin eine private Vereinbarung. (...) Was würde passieren, fragte Lenin besorgt, wenn sie [die Deutschen; Anm.] beschließen, die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen? Lenin war zu Recht davon überzeugt, dass das eintreten würde. Trotzki nahm dieses Risiko auf die leichte Schulter, aber erklärte sich bereit, den Friedensvertrag zu unterschreiben, falls sich Lenins Befürchtungen als berechtigt erweisen sollten." (Isaac Deutscher, Der bewaffnete Prophet - Trotzki 1879-1921, Oxford 1989, S. 375) - Die russische Delegation verließ sodann die Konferenz, ohne einen Friedensvertrag zu unterschreiben. Wie Lenin es geahnt hatte, nahm Deutschland am 15. Februar 1918 die militärischen Operationen gegen Sowjetrussland freilich wieder auf. Drei Tage später wies des ZK der Bolschewiki Trotzkis Delegation an, sofort einen Friedensvertrag zu unterzeichnen. Als Deutschland am 23. Februar ihre neuen Friedensbedingungen vorlegten, waren diese freilich härter als die alten, dennoch wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk am 23. März 1918 notgedrungen unterzeichnet. Lenin lastete dies dem uneinsichtigen Trotzki am VII. Parteitag der KPR zurecht an: "Was ich vorausgesagt habe, ist jetzt eingetroffen: Statt des Brester Friedens haben wir jetzt einen sehr viel demütigenderen Frieden, und die Schuld dafür liegt bei denjenigen, die sich geweigert haben, den vorherigen Friedensvertrag zu unterschreiben." (LW 27, S. 102)

 

Trotzkis Wunschvorstellungen von der Weltrevolution konnten sich zudem nicht nur bezüglich der Entwicklung in Deutschland nicht bewahrheiten, sondern verkehrten sich sodann geradewegs in ihr Gegenteil - dies dafür dann im internationalen Maßstab. Im Sommer holte nicht nur die russische Konterrevolution zum Schlag gegen die Sowjetmacht aus, sondern gleich 14 imperialistische Staaten starteten eine Intervention gegen Russland. Während der folgenden Jahre des "Kriegskommunismus" wurden Trotzkis Vorstellungen erneut von der Realität widerlegt. Denn es war nicht zuletzt der laut Trotzki angeblich konterrevolutionären Bauernschaft zu verdanken, dass der Interventionsversuch schussendlich abgewehrt werden konnte. Trotz harter Bedingungen und der Ablieferungspflicht ihrer Produkte an den Staat unterstützten die Bauern nicht nur keineswegs die Konterrevolution, sondern verteidigten im Bündnis mit dem Proletariat sogar die Sowjetmacht erfolgreich.


Die NÖP und die Entwicklung nach Lenins Tod

 

Nach dem Ende des Krieges begann in Russland die Periode der "Neuen ökonomischen Politik" (NÖP), die von Lenin konzipiert wurde. Sie sah im Wesentlichen vor, durch den Rückgriff auf Marktelemente die ökonomische Entwicklung voranzutreiben, dabei aber eben die sozialistische Struktur ("Kommandohöhen") beizubehalten. Lenin verstand dies als notwendige ökonomische Übergangsperiode, die zwar das Zulassen kapitalistischer Elemente bedeutete, aber eben gerade die ausbleibende Revolution in Westeuropa machte diese Politik für das Überleben der russischen Revolution sowohl sozial-gesellschaftlich wie politisch und ökonomisch erforderlich. Einerseits war es Lenins Ansinnen, hierdurch das Fundament für eine tatsächlich sozialistische Ökonomik zu begründen - dies schien ihm unter den gegebenen Bedingungen im rückständigen Russland eine notwendige Etappe zu sein, um die schleppende Industrialisierung daneben und dadurch begünstigt voranzutreiben. Andererseits gründete sich die NÖP auf eine klare, umfassende und konkrete Analyse der Situation Sowjetrusslands: hier stellten die Bauern die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, daher mussten auch ihre Interessen berücksichtigt werden, um die soziale Basis der Revolution, die nichtsdestotrotz unter Führung des Proletariats stattfinden sollte, nicht zu untergraben: "In Zeiten der Volksrevolution, d.h. einer Revolution, die die Massen, die Mehrheit der Arbeiter und Bauern, zum Leben erweckt hat, kann nur eine Macht fest und beständig sein, die sich offenkundig und unbedingt auf die Mehrheit der Bevölkerung stützt." (LW 25, S. 378) - Trotzkis Gegenkonzept wäre das der Unterdrückung und weiterer Zwangsmaßnahmen gegen die Bauernschaft und damit jene Gruppe, die im kapitalistisch wenig fortgeschrittenen Russland die klare Bevölkerungsmehrheit darstellte, gewesen ("Erziehung der Massen mit dem Stock" warf ihm daher Alexandra Kollontai von der "Arbeiteropposition" vor, obwohl sie selbst eine NÖP-Kritikerin war). Derartiges wäre nicht konsequent revolutionär gewesen, wie Trotzki sich das etwas naiv-mechanistisch vorstellte, sondern nur Ausdruck der völligen Misere seiner Analysefähigkeit. Aus Sicht des Marxismus muss klar sein, dass keine revolutionäre Macht sich gegen die Volksmassen stellen kann, keine revolutionäre Macht kann sich auf Methoden der Gewalt und Repression gegen die Mehrheit des eigenen Volkes reduzieren - dies wäre der Untergang jeder sozialistischen Volksrevolution, im Falle Russlands erstrecht, nachdem Trotzkis Konzept der Weltrevolution nicht aufgegangen war und Sowjetrussland daher umso mehr auf die Einheit seines revolutionären Bündnisses aus Proletariat und Bauernschaft angewiesen war.

Nach Lenins Tod trat Trotzki vehement gegen die von Lenin initiierten Maßnahmen der NÖP auf. Er lehnte den Rückgriff auf Marktelemente ab, da dies seiner Ansicht nach dazu führte, dass sich die Bauern unrechtmäßig privat bereichern würden. Es stimmte wohl, dass sich vorübergehend eine entsprechende kleine Schicht herausbilden musste (was auch Lenin klar war), an den realen Lebensbedingungen der Masse der Bauern ging diese "Einschätzung" Trotzkis freilich weiträumig vorbei. Sein Gegenkonzept basierte auf abstrakten Industrialisierungsmaßnahmen (nicht zusammenhängende Planung, sondern Dekretierung) und Zwangskollektivismus, d.h. auch auf der sofortigen Liquidierung jeglicher für die ökonomische Entwicklung jedoch gerade wesentlicher marktwirtschaftlicher Elemente in der Landwirtschaft - genau das, was Lenin als gegenwärtig unmöglich angesehen und daher die NÖP als notwendige Entwicklungsetappe begründet hatte. Nikolai Bucharin und Josef Stalin verteidigten damals Lenins Politik gegen die gewissermaßen plump-"linken" unrealistischen Wünsche Trotzkis, die auf die wirklichen Bedingungen keinerlei Rücksicht nahmen und deren Umsetzung unweigerlich die soziale Basis und auch die hinkünftige Verteidigungsmöglichkeit der Sowjetunion untergraben, womöglich sogar zerstört hätte. Unglücklicherweise macht Stalin jedoch nur fünf Jahre später ganz genau das, was Trotzki schon früher gefordert hatte: er wandte sich der Methodik der gewaltsamen Kollektivierungen der Bauernmassen zu und gab die Losung der Liquidierung der Klasse der Kulaken (der größeren Bauern) aus. Diese verzögerte Übernahme und Umsetzung der Vorstellungen Trotzkis durch Stalin steht zweifellos für einen bedeutsamen negativen Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion, die damit den von Lenin vorgegebenen Weg, den nun nur noch Bucharin (erfolglos) verteidigte, methodisch und ökonomisch verließ.


Der Kampf um Lenins Erbe und der Faschismus

 

Es ist für revolutionäre MarxistInnen, die sich auf Marx, Engels und Lenin stützen, wenig gewinnbringend, sich einer Auseinandersetzung zwischen Stalin und Trotzki zu widmen. Wir haben oben schon gesehen, dass beide untaugliche Gewaltmaßnahmen gegenüber der Bauernschaft befürworteten (wenngleich Stalin erst später), was Lenin als abenteuerliche und unverantwortliche Gefährdung des eingeschlagenen revolutionären Weges klar abgelehnt hatte. Beide waren in der politischen Auseinandersetzung wenig zimperlich und nicht allzu demokratisch, hatten ein leicht vulgäres Verständnis des Marxismus und präsentierten politische Ansätze, die - da sie fernab jeder marxistischen Analyse "entwickelt" wurden - mit realen Anforderungen wenig bis nichts zu tun haben konnten. Ist es bei Stalin v.a. der generelle Stillstand der marxistischen Theorie, eine gewisse "Versteinerung", was hierzu führte, so war es bei Trotzki sein dogmatisches Beharren auf seine "Theorie der permanenten Revolution", obwohl diese - wie oben schon gezeigt - ein ums andere Mal von der Geschichte und der Wirklichkeit bereits zur Genüge widerlegt worden war. Genau diese zutiefst unmarxistische Realitätsresistenz Trotzkis hatte zuvor bereits Lenin angesprochen: "Trotzki ... wiederholt seine ‚originelle’ Theorie aus dem Jahre 1905 und weigert sich, sich ein paar Gedanken dazu zu machen, weshalb das Leben im Laufe der letzten … Jahre diese großartige Theorie überholt hat." (LW 21, S. 419) Es ist nur logisch, dass sich Trotzkis theoretische Misere nun auch in der Auseinandersetzung mit Stalin manifestieren musste. Er konnte der Realpolitik unter Stalin nichts entgegensetzen, da er die einzig richtige Politik, die Lenin vorgegeben hatte, ja bereits abgelehnt hatte und selbst eine ähnliche Linie wie nun auch vermehrt Stalin vertrat. Was Trotzkis von diversen "TrotzkistInnen" immer wieder so gelobte Forderung nach mehr "innerparteilicher Demokratie" betrifft, so sollte dies in Wahrheit v.a. Vehikel für seine eigene (und natürlich nur seine…) Meinung sein, um dieser eine hegemoniale Stellung zuzuschreiben. Das ging - bei aller Kritik an Stalins Stil - aber an der Realität vorbei, es war ja Trotzkis eigenes Verdienst, sich mit seinen repressiv-dogmatischen, bauernfeindlichen und absolutistischen Positionen parteiintern und gesellschaftlich isoliert zu haben. Trotzkis "Kritik" an Stalin ist folgerichtig wieder eine untaugliche: Trotzki muss sich geradezu zwingend auf eine Personalisierung der Situation der sowjetischen Gesellschaft zurückziehen, was zweifelsfrei eine zutiefst unmarxistische Analyse ist. Trotzki hatte keine andere Antwort, als dem Stalin-Personenkult einen ebenso falschen negativen Stalin-Personenkult entgegenzustellen. Trotzkis Analyse konnte in dieser Form freilich nicht die geringsten Erklärungsansätze, geschweige denn Lösungsansätze oder Perspektiven liefern. Das bis heute von "TrotzkistInnen" verwendete Konstrukt des "Stalinismus" liefert sogar - auch wenn dies mit Sicherheit nicht intendiert war, sondern Trotzkis klassenfremden "Analysen" zuzuschreiben ist - einen willkommenen Ansatzpunkt für die bürgerliche "Wissenschaft" und die ApologetInnen des Kapitalismus und des Imperialismus, ihre falsche "Totalitarismustheorie" anzubringen, die den Klassencharakter des Faschismus zu leugnen und den Sozialismus in seiner Gesamtheit zu diskreditieren versucht. Überhaupt ist Trotzkis Faschismus- und Antifaschismus-"Konzept" objektiv falsch und sogar schädlich für demokratisch-antifaschistische und sozialistische Bewegungen. Trotzki lehnte auch in der Frage des Antifaschismus wieder die Leninsche Bündnispolitik ab (das musste Trotzki auch tun, solange er in seiner eigenen falschen "Theorie der permanenten Revolution" gefangen war) und er wandte sich daher gegen das auf Lenins Erkenntnissen basierende Konzept der antifaschistischen Volksfront, wie es v.a. Georgi Dimitroff entwickelte. Trotzki war nicht fähig oder willens, den Charakter des Faschismus als Diktatur der reaktionärsten Teile des Finanzkapitals zu verstehen (logisch, Trotzki hatte selbst im Gegensatz zu Lenin, Bucharin oder Rosa Luxemburg ja keinen Beitrag zur Imperialismusanalyse vorzuweisen) und reduzierte sich daher auf die proletarische Einheitsfront, die jedoch nur in einem dialektischen Zusammenhang mit der Volksfront hier zentral und erfolgreich wirken kann. Die erfolgreiche Niederschlagung des Faschismus bestätigte wiederum die Konzepte Lenins und Dimitroffs, Trotzkis Vorstellungen wurden ein weiteres Mal von der Geschichte widerlegt, was Trotzki jedoch nicht mehr erleben konnte. Trotzkis Konzept des "linken" und "radikalistischen" Sektierertums trug leider auch das seinige zur Niederlage der republikanischen Kräfte (SozialistInnen und KommunistInnen) im Spanischen Bürgerkrieg bei, als "TrotzkistInnen" und AnarchistInnen die antifaschistische Bewegung gezielt zu spalten versuchten und dadurch deren Verteidigungsmöglichkeiten gegen den Franco-Faschismus, der zudem durch Hitler-Deutschland und Mussolinis Italien unterstützt wurde, untergruben (und der Zynismus am Rande dieses konkreten historischen Beispieles ist, dass ausgerechnet die "weltrevolutionären TrotzkistInnen" hier auch den wahren proletarischen Internationalismus der Tat - und nicht nur in Worten, wie bei Trotzki - torpedierten). Auch bezüglich der antifaschistischen Orientierung der Sowjetunion selbst sind Trotzki berechtigt schwerste Vorwürfe zu machen - er schrieb im Jahre 1936 über die Entwicklung in der UdSSR: "Alles deutet darauf hin, dass es im weiteren Verlauf der Entwicklung unvermeidlich zum Zusammenstoß der kulturell gewachsenen Kräfte des Volkes mit der bürokratischen Oligarchie kommen muss. Einen friedlichen Ausweg aus der Krise gibt es nicht. Kein Teufel hat jemals freiwillig seine Krallen beschnitten. Die Sowjetbürokratie wird ihre Position nicht kampflos aufgeben. Die Entwicklung führt eindeutig auf den Weg der Revolution." (Trotzki, Die verratene Revolution, Frankfurt/M. 1968, S. 279.) - Nun ist es zweifellos richtig und wichtig, Fehlentwicklungen unter Stalin aufzuzeigen. Aber gerade in einer Zeit, als sich der Faschismus in Europa ausbreitete und die Organisationen der Arbeiterbewegung zerschlug und während Nazi-Deutschland bereits zum imperialistischen Angriffskrieg nicht zuletzt gegen die Sowjetunion, die trotz aller Mängel die einzige Bastion des sozialistischen Weltproletariats darstellte, rüstete, zur Konterrevolution in der UdSSR aufzurufen, kommt schon einem ziemlich beispiellosen Verrat eines angeblichen "Kommunisten" an der internationalen revolutionär-marxistischen Bewegung wie jedes konsequent-demokratischen Antifaschismus gleich. Wir können nicht zuletzt hier in Österreich von Glück reden, dass Trotzkis Stimme auch in diesem Fall ungehört verhallte und das sowjetische Volk bedingungslos im antifaschistischen Widerstand aktiv blieb und gerade die Rote Armee schlussendlich den Großteil Europas vom Nationalsozialismus befreien konnte.


Trotzkismus heute

 

Es ist nicht leicht, einen gegenwärtigen "Trotzkismus" zu fassen, wir haben ja eingangs schon erwähnt, dass er sich in diverse Kleingruppen zersplittert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Trotzki selbst eben nur auf einen recht minimalen politischen Nenner zu bringen ist, auf den sich alle berufen, darüber hinaus aber jeder politischen Beliebigkeit Tür und Tor öffnet, zumal Trotzki sich persönlich zunächst in der Sozialdemokratie bei den rechten Menschewiki zu Hause fühlte, sich später dann aber als angebliche "linke Opposition" in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion verstehen wollte, um zu guter letzt dann wiederum von außen die Komintern-Parteien (u.a. explizit die KPÖ) für ihren "Linksradikalismus" zu tadeln. Daraus erklärt sich die quantitative (und bedingt auch qualitative) Bandbreite "trotzkistischer" Organisationen, die heute in der einen oder anderen Form bestehen. Allen gemeinsam ist ein gewisses Sektierertum geblieben, das muss auch so sein, solange die trotzkistische Ablehnung der Bündnispolitik nicht von diesen Gruppierungen selbst überwunden wird. Es ist nicht frei von Ironie, sich selbst in ein dogmatisches Eck zu stellen, aber immer eine "organisatorische Demokratie" einzufordern. Über Jahrzehnte wurden Sozialdemokratie und die Komintern-Parteien sowie deren Nachfolgerinnen als durchsetzt mit "Agenten der Bourgeoisie" oder auch "stalinistisch" diffamiert, während der "Trotzkismus" für sich selbst in diesen Fraktionsrecht verlangt - das ist ein logischer Widerspruch, der "Trotzkismus" selbst ist anti-pluralistisch und kann Fraktionismus und Pluralismus auch nicht zueinander in Bezug bringen. Mit seiner Bündnisfeindschaft hat sich der "Trotzkismus" selbst durch Abschottung und einen immanenten Absolutheitsanspruch in eine isolierte Lage gebracht und wurde weniger seitens anderer Organisationen, Strukturen oder Strömungen ausgegrenzt. Daher hemmt der "Trotzkismus" die organisatorische Entfaltung sozialistischer Bewegungen, wirkt objektiv gegen die Verbreitung eines marxistischen Bewusstseins unter den Massen und trachtet danach, sinnvolle Schritte in Richtung einer antiimperialistischen, antimonopolistischen und sodann konsequent antikapitalistischen und revolutionären Bewegung zu verhindern. Das gründet sich auch wiederum auf die - wie schon bei Trotzki selbst - weitgehend fehlende Analyse der konkreten Situation, wodurch sodann das als falsch erwiesene Konzept der "permanenten Revolution" mit ihren bereits falsifizierten Implikationen sozusagen per Dekret verordnet werden soll. Das Fehlen einer Kapitalismus- und Imperialismusanalyse versuchen verschiedene "TrotzkistInnen" durch die formale Anerkennung der Imperialismustheorie Lenins zu kaschieren - das ist aber entweder ein reiner Vorwand oder aber eine besonders dreiste und bizarre Art des Eklektizismus. Denn wer die Analyse Lenins übernimmt und sich auf sie beruft, muss auch den gleichzeitig und darin als untrennbaren Bestandteil von Lenin analysierten staatsmonopolistischen Kapitalismus als gegeben und daher die geforderte antimonopolistische Strategie und Taktik der revolutionär-marxistischen Teile der modernen ArbeiterInnenbewegung anerkennen. Was tut aber der "Trotzkismus"? Er präsentiert die "Theorie der permanenten Revolution" als angebliche Schlussfolgerung der Imperialismusanalyse Lenins - das ist gewissermaßen die Lebenslüge des heutigen "Trotzkismus", der erkannt hat, dass er bezüglich der Theoriebildung Trotzkis ansonsten völlig in der Luft hängt und leicht als unmarxistisch entlarvt werden kann. Also gibt sich der "Trotzkismus" halt "ein bisschen schwanger" mit dem kleinen Wolodja Uljanow… - Aber auch diese ziemlich plumpen "Zaubertricks", die einer regelrechten Vergewaltigung Lenins nahe kommen, sind für jeden halbwegs gebildeten Menschen natürlich ohne größere Schwierigkeiten zu durchschauen. Und es ist nur logisch, dass bei fast jeder konkreten Fragestellung das krampfhafte und dogmatische Überstülpen der falschen Theorie Trotzkis über die realen Begebenheiten zu falschen Positionen und Ansätzen der heutigen "TrotzkistInnen" führen muss, diese "Methode" führte zu Fehleinschätzungen und falschen Revolutionserwartungen, sie hat keinen Sinn für notwendigerweise zu durchlaufende Etappen der marxistischen ArbeiterInnenbewegung auf ihrem Weg zum Sozialismus. Für den "Radikalismus in Worten" (und Nihilismus in der Tat), den die meisten "TrotzkistInnen" vorbringen, gilt nicht zuletzt, dass er die dialektische Beziehung zwischen Reform und Revolution nicht erfasst, wie sie etwa Rosa Luxemburg und Lenin zur Genüge dargelegt haben, der revolutionäre Marxismus benötigt "Stützpunkte der auf dem Wege zur vollen Emanzipation des Proletariats voranschreitenden Arbeiterbewegung" (LW 15, S. 444) - das konnten und können "TrotzkistInnen" nicht verstehen und sie wollen es auch nicht verstehen - denn es muss ja Trotzkis falsche Theorie verteidigt werden, koste es, was es wolle: etwas anderes wäre die logische Selbstnegation. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als das komplette Unverständnis der dialektisch-materialistischen Erkenntnis- und Entwicklungstheorie von Marx und Engels, die Trotzki weder auf sich selbst, geschweige denn auf die Geschichte und die Gesellschaft anzuwenden fähig war. Friedrich Engels bringt auf den Punkt, was auch hier zu konstatieren ist: "Alle diese großartigen ultra-radikalen und revolutionären Phrasen verbergen nur die völlige geistige Misere und die absolute Unkenntnis der Bedingungen, unter welchen sich das tägliche Dasein der Gesellschaft vollzieht." (MEW 33, S. 366). Und Engels gibt auch vor, wie eine seriöse sozialistische Bewegung, die wirklich revolutionär orientiert ist, auszusehen hat. MarxistInnen sind dann seriös, wenn "sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehen: die Abschaffung der Klassen, die Errichtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert." In Illusionen gefangene PseudorevolutionärInnen sind hingegen diejenigen, die "sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja feststeht, dieser Tage ‚losgeht’ und sie nur ans Ruder kommen, so sei übermorgen ‚der Kommunismus eingeführt’. (...). Kindliche Naivität, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund anzuführen." (MEW 18, S. 533 f.)